Band 2 - Die Zeit ist herbeigekommen


Inhalt:


SCHRIFTSTUDIEN

"Der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht,
das stets heller leuchtet bis zur Tageshöhe." (Spr. 4:18)




BAND 2




DIE ZEIT IST HERBEIGEKOMMEN

"Damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn,
und er Jesus Christus sende, welchen der Himmel aufnehmen
- muss bis zu den -
Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge,
- von welchen -
Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher
geredet hat."
- Apg. 3:19-21 -
"Ihr aber, Brüder, seid nicht in Finsternis, dass
euch der Tag wie ein Dieb ergreife."
- 1. Thess. 5:4 -

INTERNATIONALE VEREINIGUNG ERNSTER BIBELFORSCHER

Dem König aller Könige und Herrn aller Herren
zum Besten
seiner ihm geweihten "Heiligen",
die da warten auf die Kindschaft, und
"aller, die an allen Orten den Namen unseres Herrn
Jesus Christus anrufen",
"der Hausgenossen des Glaubens" und
"der harrenden Kreatur, die zusammenseufzt
und in Geburtswehen liegt, wartend
auf die Offenbarung der Söhne Gottes",

ist dieses Werk gewidmet.




"Alle zu erleuchten, welches die Verwaltung des Geheimnisses sei,
das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott." "Nach dem
Reichtum seiner Gnade, welche er gegen uns hat überströ-
men lassen in aller Weisheit und Einsicht, indem er
uns kundgetan hat das Geheimnis seines Willens
nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorge-
setzt hat in sich selbst, für die Verwaltung
der Fülle der Zeiten: alles unter ein
Haupt zusammenzubringen
in dem Christus."
(Epheser 3:4, 5, 9; 1:8-10)




Original: "THE TIME IS AT HAND"

Erfasst von Charles Taze Russell im Jahr 1889

DAWN BIBLE STUDENTS ASSOCIATION

Neu bearbeitete Auflage

Mit des Herrn Hilfe wurde dieser 2. Band der Schriftstudien, "Die Zeit ist herbeigekommen", nach der neuen deutschen Rechtschreibung neu bearbeitet.
Damit steht dieser Band auch den Computer- und Internet-Benutzern zur Verfügung.
Es möge der heilige Name des Ewigen verherrlicht werden.

Dortmund, März 2002

Vorwort des Verfassers

Band II "Die Zeit ist herbeigekommen"

Neues und letztes Vorwort des Verfassers

Die erste Ausgabe dieses Bandes wurde im Jahre 1889 veröffentlicht. Seitdem ist eine Ausgabe nach der anderen in verschiedenen Sprachen erschienen, so dass sich jetzt mehr denn eineinhalb Millionen Exemplare im Besitz des Publikums befinden. Die Zahlen rufen Erstaunen hervor, wenn wir bedenken, wie wenige an die Bibel als an die göttliche Offenbarung glauben, und wie wenige von denen, die noch an die Bibel glauben, eine Wertschätzung haben für Prophezeiungen, biblische Chronologie und für die biblische Geschichte.

Der Verfasser und die Herausgeber haben Grund, sich zu freuen, dass sie fortwährend Zeugnisse erhalten von dem Volke Gottes aus jedem Land, die aussagen, dass der Band ihnen sehr hilfreich beim Studium der Bibel gewesen ist, durch Vergleichen der Botschaft des Wortes Gottes unter verschiedenen Überschriften und von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Besonders haben wir davon gehört, wie viele durch das Studium des Kapitels über die Art des zweiten Advents, welche in diesem Band auf Grund der Schrift dargelegt wird, gesegnet worden sind, nämlich bei der Betrachtung dessen, dass unser Herr Jesus niemals auf die Erde als Mensch wiederkommen wird, da er den Auftrag als menschliches Wesen voll und ganz ausgeführt hatte, als er durch Gottes Gnade den Tod auf Golgatha schmeckte für jedermann. Die Tatsache, dass wir unsere Leser auf die Textstellen aufmerksam machten, dass unser Herr verherrlicht zur Rechten unseres Vaters ist, und bald König der Welt werden wird, ist vielen hilfreich gewesen, wie Briefe uns bezeugen.

Bei der Behandlung von Gegenständen, die so schwierig sind, dass sie selten von anderen berührt werden, sollte es uns nicht befremden, dass einige der Annahmen, die wir in diesem Band dargelegt haben, sich nicht ganz buchstäblich erfüllt haben, doch der Verfasser, die Herausgeber und Tausende unserer Leser sind nicht beschämt darüber. Sie geben diesen Band noch immer an alle ab, die ein Interesse für Bibelstudium haben, da er äußerst interessant ist und hilfreich für das Verständnis des Wortes Gottes.

Die Chronologie der Bibel, die hier dargelegt ist, zeigt, dass die sechs großen Tausendjahrtage, die mit der Erschaffung Adams begannen, zu Ende gegangen sind, und dass der siebente Tag, die tausend Jahre der Herrschaft Christi, welche im Jahre 1873 begann, ihnen gefolgt sind. Die Ereignisse, die während dieser 43 Jahre vor sich gegangen sind, die, wie wir in diesem Band behaupten, den Anfang des Millenniums darstellen, finden wir noch immer so in Übereinstimmung mit den Prophezeiungen der Bibel, wie wir es hier gezeigt haben. Während dieser 43 Jahre sind nahezu alle Erfindungen unserer Tage gemacht worden. Die Nähmaschine, eine der ersten Maschinen, begann vor 43 Jahren ihre Vollkommenheit zu erreichen. Seitdem haben wir alle Arten von landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten, sowie von Werkstätten und Fabriken und heimische Bequemlichkeiten im Überfluss, und alles das durch menschliche Erfindungen. Diese verkürzen die Arbeitsstunden und beenden das Arbeiten im Schweiße des Angesichts, das die Bibel als mit dem Fluch identisch bezeichnet.

Man kann mit Bestimmtheit sagen, dass die Welt innerhalb dieser 43 Jahre ihren Wohlstand vertausendfacht hat, und wenn wir bedenken, dass vor diesen dreiundvierzig Jahren volle 6000 Jahre liegen, so erscheint uns dies fast als ein Wunder, dass die Menschheit innerhalb dieser 43 Jahre tausendmal soviel vollbracht haben soll, als es in den vorhergegangenen 6000 Jahren der Fall war. Sicherlich bestätigt dies die in diesem Buch gestellte Behauptung, dass wir in den siebenten großen Tausendjahrtag eingetreten sind, und dass das, was unsere Generation schon genießt, nur ein Vorgeschmack der Segnungen ist, die nun kommen sollen, wenn die Sonne der Gerechtigkeit aufgegangen ist mit Heilung in ihren Strahlen und allen Aberglauben, alle Finsternis der Welt zerstreuen wird.

Dieser Band legt das dar, was der Autor seit mehr denn vierzig Jahren gepredigt hat, dass die Zeiten der Nationen gemäß der Chronologie der Bibel im Verlauf des Jahres 1914 endigten. Die Bezeichnung "Zeiten der Nationen" bedeutet im Gebrauch der Bibel die Anzahl der Jahre oder die Zeitperiode, während welcher den heidnischen Nationen der Welt die Herrschaft überlassen war, und welche der Hinwegnahme des vorbildlichen Königreiches vom natürlichen Israel folgte und die Zeit ausfüllte, die zwischen diesem Ereignis und der Aufrichtung des Königreiches Gottes, das dem Messias gegeben wird, "welchem das Recht gehört", liegt - Hesekiel 21:32

Natürlich konnten wir im Jahre 1889 nicht wissen, ob das Datum 1914 in der Bibel so genau als das Ende der Macht oder des Herrscherrechtes bestimmt war, dass es bedeutete, dass ihre Macht zu jener Zeit völlig gebrochen sein, oder ob mit Ablauf ihrer Frist ihre Absetzung beginnen würde. Wir sehen, dass das Letztere die Verfahrensweise Gottes ist, und zur festgesetzten Zeit, im August 1914, begannen die Nationen, auf die in der Prophetie Bezug genommen wird, den gegenwärtigen gewaltigen Krieg, welcher der Bibel gemäß in einem vollständigen Umsturz der menschlichen Regierungen gipfeln und so die Aufrichtung des Königreiches des geliebten Sohnes Gottes vorbereiten wird.

Wir können nicht hinter den Vorhang schauen; wir können nicht wissen, wie sich die Dinge unter der Führung unseres herrlichen Herrn Jesu und der bereits verherrlichten Glieder seiner Kirche gestalten werden. Wir glauben, dass der Herr in irgendeiner Weise die Angelegenheiten der Welt überwaltet, wie er es ehedem nicht getan hat. Wir wissen, dass die Zeit der großen Drangsal, welche bereits begonnen hat, der Erklärung Gottes über die Verhältnisse und die Zeit der Aufrichtung des messianischen Königreiches genau entspricht. Der Herr selbst sagt uns, dass er zu der Zeit seine große Macht und Herrlichkeit an sich nehmen wird, die Nationen werden rasend sein, und der Zorn Gottes wird über sie kommen. Ein wenig später wird die Zeit für das Gericht der Toten kommen und die Belohnung der großen oder kleinen Knechte Gottes; schließlich wird es zur Vernichtung der Unverbesserlichen führen, die einen verderbten Einfluss auf der Erde ausüben würden.

In der ganzen Welt wusste man von den Erwartungen der Bibelforscher bezüglich des Jahres 1914; und als dieser gewaltige Krieg losbrach, und die Stürme des Krieges mit einer solchen Wut einsetzten, mit einer solchen Vernichtung, da erinnerten sich Tausende dessen, was sie über das Ende der Zeiten der Nationen gehört und gelesen hatten. Tausende sind heute zu einer vollen Erkenntnis der Bedeutung unserer Zeit gelangt. Der Einfluss ist sehr hilfreich und anspornend gewesen. Der Gedanke, dass wir am Tag des Herrn leben, und dass bald alle Heiligen um ihn versammelt sein werden, durch die Verwandlung, die sie in der Auferstehung erfahren werden, übt auf Bibelforscher einen anfeuernden und ermutigenden Einfluss aus, der sie von der Welt mit ihrer Furcht und ihren Zielen absondert und ihre Augen auf die Krone des Lebens richtet, die der Herr in Bereitschaft hält für diejenigen, welche ihn über alles lieben.

Der Autor gibt zu, dass er in diesem Buch den Gedanken nahe legt, dass des Herrn Heilige erwarten dürfen, am Ende der Zeiten der Nationen bei ihm zu sein in Herrlichkeit. Dies war ein Fehler, den zu machen sehr natürlich war, doch der Herr überwaltete ihn zum Segen seines Volkes. Der Gedanke, dass die Kirche vor Oktober 1914 in Herrlichkeit vereint sein würde, übte zweifellos einen anspornenden und heiligenden Einfluss auf Tausende aus, von denen demgemäss alle den Herrn preisen können selbst um des Fehlers willen. Viele können allerdings ihrer Dankbarkeit gegenüber dem Herrn auch deshalb Ausdruck verleihen, dass die Hoffnungen der Kirche nicht in der von uns erwarteten Zeit erfüllt wurden, und dass wir, des Herrn Volk, weiterhin Gelegenheit haben, unsere Heiligung zu vollenden und mit unserem Herrn seinem Volk seine Botschaft zu bringen.

Offenbar betraf unser Fehler nicht die Zeiten der Nationen, wir zogen jedoch einen falschen Schluss, einen Schluss, zu dem wir durch die Bibel nicht berechtigt waren. Wir erkannten in der Heiligen Schrift gewisse Parallelen zwischen dem Jüdischen und dem Evangeliums-Zeitalter. Wir hätten beachten sollen, dass diese den nominellen Systemen bis zu deren Vernichtung in beiden Fällen folgen, dass sie aber nicht die Zeit der Verherrlichung der Neuen Schöpfung angaben. Diese Erklärung wird dem Leser beim Studium dieses Bandes ,,Die Zeit ist herbeigekommen" von Nutzen sein. Wir bezweifeln nicht, dass die großen Segnungen, die vielen von uns in der Vergangenheit zuteil geworden sind, weiterhin durch diesen Band auf Tausende anderer übergehen werden. So begleitet ihn das Gebet des Verfassers.

Euer Diener im Herrn
Charles T. Russell
Brooklyn, N. Y., den 1. Oktober 1916

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DIE ZEIT IST HERBEIGEKOMMEN

Studie 1

Besondere von Gott verordnete Zeiten und Zeitläufe

Zeiten und Zeitläufe göttlich verordnet. - Warum nicht deutlicher angegeben. - Zur bestimmten Zeit geoffenbart. - Das sehnliche Verlangen, die Zeiten und Zeitläufe zu erkennen, lobenswert. - Fehlgriffe der Adventisten. - Der eigentliche Zweck der Zeitweissagungen. - Unsere gegenwärtige Stellung. - Der Zweck der folgenden Kapitel

Wie es der Zweck des "Planes der Zeitalter" war, die wichtigsten Umrisse von Gottes Bestimmungen über die Errettung der Menschheit von rein biblischem Standpunkt aus aufzuzeigen, so ist es der Zweck dieses Bandes, auf Grund der Schrift erstens zu zeigen, dass all die verschiedenen Züge jenes Planes in genau festgesetzten Zeiten und Zeitumständen ihrer Vollendung entgegenreifen; zweitens, dass soweit dieser Plan bis jetzt vorgeschritten, jeder einzelne Zug genau zur bestimmten Zeit vollbracht worden ist; und drittens, dass jetzt die Zeit herbeigekommen, da dieser Plan sich in der Segnung aller Geschlechter der Erde gipfeln soll. - 1. Mose 28:14; Gal.3:16

"Dein Reich komme; dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel" - so betete die Kirche, oder Herauswahl Gottes aus der Welt, nach der Unterweisung ihres Herrn, während der langen Jahrhunderte des Evangeliumszeitalters. Doch, weil die Zeit so lang war, haben viele, schläfrigen Kindern gleich, die Bedeutung dieser Worte, die jetzt gleichsam auf ihren Lippen ersterben, schier vergessen. Allen solchen, deren Herzen ihrem Herrn noch ergeben sind, rufen wir in den Worten des Apostels Paulus zu: Es ist hohe Zeit, die Stunde ist schon da, dass wir aus dem Schlaf aufwachen sollen; denn jetzt ist unsere Errettung näher, als da wir geglaubt haben (gläubig wurden): die Nacht ist weit vorgerückt, und der (Tausendjahr) Tag ist nahe" Ja, er steht sogar vor der Tür. Beim ersten Kommen unseres Herrn war das Königreich Gottes nur in einem Embryo-Zustand oder in einem unentwickelten Zustand nahe oder herbeigekommen (Matth. 3:2), jetzt ist es in dem Sinne vorhanden, in dem er sagte, dass es noch kommen solle, (Joh. 18:36, 37) - "in großer Macht und Herrlichkeit".

Jedoch nur, wer dem Plan der Zeitalter ein sorgfältiges Studium unterzogen hat, wird die notwendige Vorbereitung besitzen, um die Lehren dieses Bandes hinsichtlich der göttlich verordneten Zeiten und Zeitumstände zur Entwicklung der verschiedenen Züge jenes Planes und seiner schließlichen Vollendung, wertzuschätzen. Es ist daher zu hoffen, dass niemand dieses Studium unternehmen möchte, wenn er nicht zuvor die Lektionen des vorhergehenden Bandes durch und durch erfasst und an der Schrift erprobt hat. Sonst wird es für ihn nicht "Speise zur rechten Zeit" sein. Wahrheit ist nur dann Speise zur rechten Zeit, wenn wir zu ihrem Empfang zubereitet sind. Ein Kind vermag ein mathematisches Problem nicht zu lösen, es habe denn zuerst über den Gebrauch von Zahl und Sprache Unterricht empfangen. Ebenso ist es mit der göttlichen Wahrheit: Stufe auf Stufe ist sie aufgebaut; und um ihr Verständnis zu gewinnen, müssen wir die vorhandenen Stufen voranschreiten - natürlich sehr sorgfältig jeden weiter zunehmenden Schritt untersuchen, aber nicht zu furchtsam sein, den Schritt zu tun, wenn wir sicheren Boden gefunden haben. Nur wer unbedingten Glauben an Gott besitzt, und wem ein "So spricht der Herr" das Ende alles Zweifels ist, kann vom Geist Gottes in die voranschreitende Wahrheit, sobald sie fällig ist, geleitet werden. Er wird in "Neues" hinein geleitet, als auch im "Alten", das sich ihm an derselben Richtschnur als wahr erprobt, mehr und mehr befestigt.

Nur solche hat Gott im Sinn, so zu leiten. In der Erntezeit, dem Ende des Zeitalters, ist es an der Zeit, dass viel Wahrheit aufgedeckt wird, die Gott in vergangenen Zeiten nicht kundgetan hat, nicht einmal seinen treuesten und ergebensten Kindern. In der Zeit des Endes, so erklärt der Prophet Habakuk (2:3) wird hinsichtlich der herrlichen Hinausführung des Planes Gottes das Gesicht nicht lügen oder täuschen; und zu einigen der Kinder Gottes würde es so deutlich reden, dass sie dadurch befähigt wurden, es, wie befohlen, auf Tafeln deutlich zu machen, damit auch andere durch ihre Vermittlung es deutlich lesen können; und auch Daniel (12:4, 9, 10) sagt, dass dann die Erkenntnis sich mehren und die in der Schrift Verständigen (durch Glauben) das Gesicht verstehen werden.

Unser Zweck ist es hier nicht, aus dem Überfluss menschlicher Einbildung zu prophezeien, noch irgendwie mehr zu wissen, als was in der Heiligen Schrift geschrieben steht. Wir halten uns deshalb genau an die Quelle göttlicher Wahrheit und lassen alle menschlichen Klügeleien beiseite und versuchen, die Weissagung im Licht der Weissagung und ihrer offenkundigen Erfüllung zu lesen. Wir suchen auch weiterhin, dies auf Tafeln deutlich zu machen, worüber Gott wohl gesagt hat, dass es versiegelt bleiben und folglich nicht vor der Zeit des Endes verstanden werden würde, worüber er aber gleichfalls die Zusicherung gab, dass es dann verstanden solle.

In diesem Band bieten wir eine Kette von Zeugnissen über Gottes verordnete Zeiten und Zeitläufe. Jedes Glied derselben ist für uns schrifterprobt; während alle zusammen, als eine Kette in ihrem gegenseitigen Verhältnis zu einander betrachtet, Beweis eines so breiten und umfassenden Planes, eines so tiefen Entwurfes, und eine so vollkommene Harmonie liefert, dass es dem eifrigen und ehrerbietigen Forscher klar wird: Dies geht über die Breite und Tiefe menschlicher Gedanken hinaus und kann daher nicht menschlichen Ursprungs sein.

Wir finden, dass das Ende des Evangeliumszeitalters, ebenso wie das Ende des jüdischen oder des Gesetzeszeitalters, eine Ernte genannt wird (Matth. 9:37; 13:24, 30, 39), und dass es, wie jenes, eine Periode von vierzig Jahren ist; ferner, dass die Strahlen des prophetischen Zeugnisses sich ganz besonders auf die beiden Ernten der Zeitalter konzentrieren oder zusammendrängen; besonders auf die Ernte dieses Zeitalters, wohin, um des vorbildlichen Charakters des jüdischen Zeitalters willen, auch noch all dessen Licht, wie in einem herrlichen Brennpunkt zusammenströmt. Vermöge dieses Lichtes können wir nun die majestätischen Schritte unseres Gottes deutlich unterscheiden, und zwar nicht nur beim Rückblick auf die vergangenen Zeitalter, sondern auch bei der gegenwärtigen Hinausführung seines Planes. Und nicht nur das, sondern, gemäß seiner Verheißung, "was zukünftig ist", uns zu verkünden (Joh. 16:13), erkennen wir nun auch mit wunderbarer Genauigkeit, wie er in seiner weisen Vorsehung für die Segnungen aller Menschen im hereinbrechenden Millenniums- oder Tausendjahrzeitalter, selbst bis zur herrlichen Vollendung und "Wiederherstellung aller Dinge", Sorge getragen hat. Viele große und wunderbare Ereignisse, finden wir, drängen sich in diese Erntezeit zusammen. In sie fällt die Zeit der großen Trübsal, der Tag Jehovas, der schließliche und vollständige Sturz des Antichristen und der Fall des großen Babylon, der Anfang der zu den Juden zurückkehrenden Gnade, der zweite Advent unseres Herrn und die Aufrichtung seines Reiches, und die Auferstehung und die Belohnung der Heiligen.

Der Anfang und das Ende dieser Ernteperiode, sowie die in sie fallenden Ereignisse, finden wir deutlich in der Prophezeiung angemerkt; und der Zweck dieses Bandes ist im wesentlichen der, die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen prophetischen Zeitlinien hinzulenken und bis zu den Ereignissen, in denen sie gipfeln, zu verfolgen. Um die Aussagen und Lehren dieses Bandes anzunehmen, muss der Leser ein Ohr haben zu hören (Offb. 2:7; Matth. 11:15) und muss sich gefasst machen, demütig manche vorgefasste Meinungen beiseite zu legen, sobald er sieht, dass sie nicht in Einklang mit dem Wort Gottes stehen. Wer so gesinnt ist, und die Aufgaben dieses Bandes geduldig und sorgfältig und in der vorhandenen Reihenfolge durchnimmt, der wird, wir zweifeln nicht, einen großen Segen davon haben. Wir sind gewiss, dass die darin enthaltenen Lehren, wenn sie in gute und aufrichtige Herzen aufgenommen werden, sich an den Lesern als eine Kraft erweisen werden, sie von der Welt zu trennen und als Weizen für die Scheuer reif zu machen. Diese jetzt sich entfaltenden Prophezeiungen sind nach unserer Meinung von unserem Herrn ausdrücklich dazu bestimmt worden, die Heiligen zu beleben, reif zu machen und als Weizen vom Unkraut (Scheinweizen) zu trennen.

Wem vergönnt ist, den großartigen Abriss der Zeitalter zu erkennen, der so deutlich die genaue Anordnung, den erhabenen Zweck und die wunderbare Tragweite des göttlichen Planes darlegt, wie es im vorangegangenen Band ausgeführt wurde, der sollte gewiss auch das Verlangen haben, zu erfahren, was Gott etwa über die Zeiten und Zeitläufe desselben zu offenbaren gefallen haben möchte. Ihr Interesse daran sollte um so viel größer sein, als das derjenigen, die in den vergangenen Jahrhunderten gelebt haben und nichts von den Segnungen wussten, die jetzt für alle in Bereitschaft stehen. Treue Kinder Gottes verlangt es zu wissen, wann der König der Herrlichkeit herbeikommen, und der Fürst der Finsternis gebunden werden wird; wann die Kinder des Lichtes wie die Sonne hervorleuchten sollen und die Finsternis zerstreut werden, wann die Heiligen in die volle Gotteskindschaft eintreten und die seufzende Kreatur von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden, und wann das wahre Wesen unseres herrlichen, himmlischen Vaters einer erstaunten Welt völlig geoffenbart werden wird, und sie ihre Herzen in anbetender Bewunderung, Liebe und Gehorsam vor ihm beugen wird.

Wer eines solchen Verlangens entbehrt, zeigt damit einen Mangel an Interesse und an Verständnis des Planes Gottes. Die Apostel, die Propheten und die Engel begehrten es, und sie forschten deshalb ernstlich, zu erfahren, was die Zeit sei, die der Geist Gottes durch die Propheten anzeigte. Und dieses Interesse auf Seiten einer Kinder ist jederzeit Gott wohlgefällig; und wenn er auch seither solch Verlangen niemals in irgendeiner beträchtlichen Weise zufriedengestellt hat, weil die rechte Zeit dazu noch nicht gekommen war, so hat er doch nie solch ein Interesse von sich gewiesen. Im Gegenteil, den nachforschenden Daniel nannte er "lieb und wert" und beantwortete seine Fragen, soweit es mit seinem Plan vereinbar war.

Solches Nachfragen sollte man daher nicht als ein ungehöriges Eindringenswollen in Gottes Geheimnisse betrachten. Es ist Gottes Wille, dass wir ein solches Interesse an seinen Plänen zeigen und in der Schrift "suchen" und "auf das prophetische Wort" "achten"; damit wir in der rechten Verfassung sind, die Wahrheit, sobald sie fällig wird, schnell zu erfassen. "Das Verborgene ist Jehovas, unseres Gottes, aber das Geoffenbarte ist unser und unser Kinder ewiglich." (5. Mose 29:29) Wenn wir uns daher gänzlich an das Wort Gottes halten und alle nutzlose Spekulation vermeiden, dann sind wir auf sicherem Boden. Wenn Gottes Plan und seine Zeiten und Zeitläufe in der Schrift nicht verzeichnet stehen, so kann sie niemand darin finden; und Gott hat sicherlich nichts durch seine Propheten und Apostel aufzeichnen lassen, was er für immer geheim halten wollte. Zu seiner Zeit und in seiner Ordnung wird jeglicher Zug des göttlichen Planes und dessen Zeit und Zeitlauf den Wachsamen kundgemacht. Der ganze Umriss des Planes, zusammen mit den dazugehörigen Zeitverhältnissen, sollte jedoch nicht vor der Zeitperiode verstanden werden, die als "die Zeit des Endes" bezeichnet wird. (Dan. 12:9,10) Und, lasst uns das wohl im Auge behalten, dass weder Gelehrsamkeit noch Frömmigkeit irgendetwas erfahren kann, es sei denn Gottes Zeit gekommen, seine Geheimnisse zu offenbaren. Obgleich die Weissagungen jahrhundertlang vor aller Augen lagen, konnten sie jedoch nicht erschlossen und ihre Geheimnisse entziffert werden, bis die rechte Zeit gekommen war.

Als einige der Jünger mit der Frage nach der Zeit der Aufrichtung von Gottes Reich zu unserem Herrn traten, ehe die Zeit zu solcher Offenbarung gekommen war, da antwortete er: "Es ist nicht eure Sache, Zeit oder Zeiten zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat". (Apg. 1:7) Und ein anderes Mal sagte er über dieselbe Sache: "Von jenem Tag aber oder der Stunde weiß niemand, weder die Engel, die im Himmel sind, noch der Sohn, sondern nur der Vater. Sehet zu, wachet und betet; denn ihr wisset nicht, wann die Zeit ist ... Was ich euch aber sage, sage ich allen: Wachet!" - Mark. 13:32, 33, 37

Die Worte unseres Herrn können nicht so verstanden werden, so meinten sie, dass, der Vater ausgenommen, niemand je über seine Zeiten und Stunden Kenntnis erhalten werden. Folglich beweisen sie ebenso wenig dass wir diese Zeiten und Zeitläufe jetzt nicht wissen könnten, als dass unser Herr sie jetzt nicht wissen könnte. Die Tatsache hingegen, dass der ganze Umriss des Planes unseres Vaters und seine Zeiten und Zeitabschnitte jetzt so deutlich erkennbar sind, ist starker Beweis dafür, dass wir jetzt in der Zeit des Endes der gegenwärtigen Herrschaft des Bösen und im Anbruch des Millenniums leben, da Erkenntnis zunehmen und die Verständigen darauf achten und große Erkenntnis finden sollen. (Dan. 12:4, 10) Wenn die Prophezeiung nie verstanden werden sollte, so wäre kein Grund vorhanden gewesen, eine solche zu geben.

Diese Aussprüche des Meisters zeigen aber an, dass Gott die verschiedenen Teile seines Planes nicht in einer oberflächlichen, dem Zufall überlassenen Weise ausführt, sondern dass er feste und bestimmte Zeiten und Zeitumstände für jeden Teil seines großen Werkes hat; und seine unendliche Macht und Weisheit verbürgt, dass dabei kein Fehlgriff oder Verzug vorkommen kann.

Die Worte legen auch darauf Nachdruck, dass der Vater bis zu jener Stunde niemandem, nicht einmal unserem Herrn Jesus, die Zeiten und deren Verhältnisse, die mit seinem Plan zusammenhängen, mitgeteilt hatte. Soweit entfernt davon, dass diese Worte die gewöhnliche Annahme unterstützen, als ob unser Herr Erforschung der Zeit und Umstände tadelte und hierdurch solche Prüfung untersagte, ist vielmehr das gerade Gegenteil der Fall. Seine Worte zeigen deutlich an, dass die Zeiten und deren Umstände, obwohl, sie zu wissen, den Jüngern damals noch nicht verliehen war, dennoch einmal von großer Bedeutung sein und dann den Wachsamen geoffenbart werden würden. Angesichts der Tatsache, dass sie einmal entsiegelt und dann von großer Wichtigkeit sein würden, dringt er in seine Jünger und sagt: "Sehet zu", und lasset nicht Gleichgültigkeit bei euch einreißen, sondern "wachet" beständig, dass ihr es wisset, wann die rechte Zeit herbeigekommen ist.

Alle, die während des ganzen Zeitalters gewacht haben, sind trotzdem, dass sie nicht all das sahen, worauf sie gewarteten, reichlich gesegnet worden und haben sich dadurch von der Welt getrennt erhalten. Wer aber in der dazu bestimmten Zeit lebt, und, wie es sich gehört, "wacht", der wird es wissen, wird es sehen, wird es verstehen und inmitten der wunderbaren Ereignisse der "Ernte" dieses Zeitalters nicht in Unwissenheit bleiben. Wer zu irgendeiner Zeit zu wachen versäumt, geht eines Segens, auf den der Meister großen Nachdruck legte, verlustig und beweist, dass er entweder durch den Gott dieses Zeitalters mit Vorurteil verblendet oder mit den Dingen dieses Lebens und mit gegenwärtigen Interessen überbürdet ist, unter Hintenansetzen seines Gelöbnisses, sich ganz dem Herrn zu weihen, und am ersten nach dem Reich Gottes und dem ewigen Leben zu trachten.

Die Apostel Petrus und Paulus lenken die Aufmerksamkeit auch auf diese Sache - die Zeiten und Zeitverhältnisse. Petrus erklärt (2. Petr. 1:16), dass wir nicht künstlich erdichteten Fabeln folgen; dass er vielmehr auf dem Berg der Verwandlung, da sie die herrliche "Vision" des Mose und Elia und Jesu in glitzernden Gewändern vor sich sahen, wie in einem Bild die Herrlichkeit des kommenden Königreiches Christi schauten. Mose vertritt da die Heiligen, die bis dahin im Tode "schlafen", und Elias ist das Vorbild derer, die nicht "schlafen", sondern in der Zeit der zweiten Gegenwart des Herrn in einem Augenblick verwandelt werden. Die hellglitzernden Gewänder deuten "die Herrlichkeit danach" an, nachdem alles Leiden, das "noch mangelt", erstattet ist.) Doch trotzdem, dass Petrus uns seine Vision erzählt, als Beweis dafür dass er nicht künstlich erdichteten Fabeln folge, weist er uns dennoch auf das prophetische Zeugnis hin und sagt: "Wir haben das prophetische Wort befestigter, auf welches zu achten ihr wohl tut, als auf eine Lampe, welche an einem dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbreche." (2. Petr. 1:19) Er wusste wohl, dass, damals noch von keinem alle Prophezeiungen völlig verstanden werden konnten und drang deshalb auf eine wachsame Haltung auf Seiten der Heiligen nicht ein Bewachen des Sternenhimmels, sondern ein Warten auf die Erfüllung alles dessen, das Gott durch seine heiligen Propheten hinsichtlich der Wiederherstellung und der "Zeiten der Wiederherstellung" geredet, was einen so großen und wichtigen Teil ihres Zeugnisses bildet. Er versichert uns, dass die Weissagung fort und fort bis zum Tagesanbruch neue und wichtige Wahrheiten für uns enthält.

Der Apostel Paulus erklärt: "Was aber die Zeiten und Zeitpunkte betrifft, Brüder, so habt ihr nicht nötig, dass euch geschrieben werde, denn ihr selbst wisset genau, dass der Tag des Herr also kommt, wie ein Dieb in der Nacht. (Unbemerkt, ohne Aufsehen zu machen, wird dieser Tag kommen, und nachdem er gekommen ist, werden viele noch für einige Zeit nicht wissen, dass sie in demselben leben). Wenn sie sagen: Friede und Sicherheit! Dann kommt plötzliches Verderben über sie (plötzlich im Vergleich mit den langsam schreitenden Ereignissen der vergangenen Jahrtausende - wie denn unsere Tage, die Tage des Dampfes und der Elektrizität genannt werden - jedoch nicht plötzlich wie der Blitz, sondern) gleich wie die Geburtswehen über die Schwangere. Ihr aber, Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb ergreife."- 1. Thess. 5:1-4

Sie alle, die "Brüder", haben die Lampe oder Leuchte, das feste Wort der Weissagung, als ein Licht in einem düsteren Ort (in dieser Welt, da Sünde und Unwissenheit herrscht), wie Petrus sagt; und solange sie die richtige Haltung als Brüder beobachten; treue, demütige und lernbegierige Schüler des Wortes bleiben, solange werden sie nie in Finsternis sein. Ihnen wird jederzeit die Wahrheit als Speise zur rechten Zeit dargereicht werden. Niemals sind die in Einklang mit Gott Lebenden über notwendige Wahrheiten in Unwissenheit gelassen worden, so dass sie mit der Welt im Finstern tappen mussten. Abraham und Lot wussten schon vorher um die Zerstörung Sodoms, wobei Gott sagte: "Soll ich vor Abraham verbergen, was ich tun will?" (1. Mose 18:17) Noah wusste zeitig genug um die Flut, so dass er die Arche bauen konnte, und sogar der Tag, an dem er hineingehen sollte, wurde ihm angezeigt. Beim ersten Advent wussten Simeon und Hannah und die Weisen aus dem Morgenland ebenfalls, dass der Messias zu erwarten sei. In der Tat, die Erwartung war damals eine allgemeine. (Luk. 2:25-38; Matth. 2:2; Luk. 3:15) Und wenn nun Gott so mit dem Haus der Knechte verfuhr, sollte er für das Haus der Söhne weniger tun? Unser Herr und Haupt sagte: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; aber ich habe euch Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe." (Joh. 15:15) Sicherlich wird unser Herr zur rechten Zeit um die Zeiten und Zeitpunkte wissen, da er es ja ist, der den Plan ausführen soll; und, es sei denn, er sei ein anderer geworden, so wird er auch denen, die ihm nahe stehen und mit ihm in seinem Werk verbunden sind - seinen Freunden, seinen Heiligen - seine Pläne kundtun.

So gewiss als nun geschrieben steht: "Der Herr, Jehova, tut nichts, es sei denn, dass er sein Geheimnis seinen Knechten, den Propheten, geoffenbart habe" (Amos 3:7), und so gewiss, als das meiste, was er ihnen offenbarte, nicht für sie selbst war, sondern für die christliche Kirche (1. Petr. 1:12), ebenso gewiss, so lehrt einfache Überlegung, werden die Glaubenstreuen nicht in Finsternis gelassen werden, noch unfähig sein, den Tag des Herrn zu unterscheiden, nachdem er herbeigekommen ist. Über sie wird er nicht wie ein Dieb und ein Fallstrick - plötzlich und unerwartet - kommen; denn sie wachen und werden das dann fällige und verheißene Licht darüber besitzen.

Der Apostel gibt auch an, warum er die Behauptung so positiv hinstellt, dass die "Brüder" die Zeiten und deren Umstände, wenn an der Zeit, wissen und nicht in Finsternis sein werden. Er sagt (1. Thess. 5:5): "Denn ihr alle seid Söhne des Lichtes und Söhne des Tages." Es sind die von der Wahrheit Gezeugten, die durch dieselbe mehr und mehr, bis zum vollen Tag, dem sie zugehören, entwickelt werden. - Jak. 1:18; Joh. 17:17, 19

Beachte, wie sorgfältig die Fürwörter ihr und sie, in dieser wie anderen Schriftstellen, die beiden erwähnten Klassen auseinanderhalten - die Heiligen und die Welt. Die Erkenntnis, welche die Heiligen am Tag des Herrn haben werden, wird der Unwissenheit der Welt (über die Bedeutung und Richtung der sich abspielenden, großen Ereignisse) gegenüber gestellt: "Ihr habt nicht nötig, dass euch geschrieben werde." "Wenn sie sagen: Friede und Sicherheit! Dann kommt ein plötzliches Verderben über sie und sie werden nicht entfliehen. Ihr aber, Brüder, seid nicht in Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb ergreife, denn ihr seid alle Söhne des Lichtes." "Hütet euch aber", sagt unser Herr, "dass eure Herzen nicht etwa beschwert werden durch Völlerei und jener Tag plötzlich über euch hereinbreche; denn wie ein Fallstrick wird er kommen über alle, die auf dem ganzen Erdboden ansässig sind. Wachet nun (sowohl über euch selbst als auch in Bezug auf das Wort der Weissagung), zu aller Zeit betend, dass ihr würdig geachtet werdet, diesem allem zu entfliehen, was geschehen soll, und vor dem Sohn des Menschen zu stehen." - Luk. 21:34-36

Hieraus folgt, wenn ein am Tag des Herrn lebendes Kind Gottes in Bezug auf die Tatsache, dass der Tag vorhanden ist, in Finsternis oder Unwissenheit bleibt, dass es entweder von den Dingen dieser Welt berauscht oder vom Geist dieser Welt trunken gemacht oder von den Sorgen dieses Lebens überbürdet worden ist, und auf jeden Fall gleichgültig gewesen ist und seine Lampe nicht gereinigt und angezündet hat, sein Gefäß nicht mit Öl versehen, und so zu wachen versäumt hat. Das heißt: er hat das Wort Gottes nicht in Herz und Sinn, und den Geist, die Triebkraft oder die Gesinnung der Wahrheit, nicht in sich.

Viel von dem, was die Propheten voraussagten, hängt mit den Zeiten und Zeitläufen, wie auch mit den Einzelheiten des Planes Gottes zusammen, und doch bekennen sie ihr Unvermögen, die Prophezeiungen, die sie selbst aussprachen, zu verstehen. (siehe Dan. 12:8; Hes. 21:5; Matth. 13:17; 1. Petr. 1:10-12) In dunkler und sinnbildlicher Sprache gegeben, und mit noch zukünftigen Ereignissen verknüpft, war es ihnen damals unmöglich, sie zu versehen. Ihre im voraus aufgezeichneten Weissagungen legten damals für das göttliche Vorherwissen und Anordnen ein Zeugnis nieder, das aber nur zur Unterweisung derjenigen bestimmt war, die in der zu ihrer Erfüllung festgesetzten Zeit leben würden und nicht für die, welche sie aussprachen. (Röm. 15:4) Ihr Verstandenwerden ist bedingt durch das Zustandekommen damit verbundener Teile des göttlichen Planes und menschlicher Geschichte. Dies sollte nach Gottes Anordnung jenes erschließen. Dann, an dem "bösen Tag", dem Tag der Drangsal, mit dem dieses Zeitalter schließt, und in dem die Ära oder Heilsepoche heraufdämmert, sollen die geduldig forschenden Kinder für die Stunde der Prüfung und Not reichlich mit der "Speise zur rechter Zeit" versehen werden.

Eine wundervolle, moderne (neuere) Erfindung dient prächtig, die göttliche Einrichtung der Zeitweissagung zu veranschaulichen. Diese ist, was man ein Kombinations-Zeit-Schloss nennt, und in einigen der größten Banken gebraucht wird. Wie in anderen Kombinations- (künstlich zusammengesetzten) Schlössern, bleibt der Schlüssel oder Griff beständig im Schloss. Gewisse, besondere Drehungen des Griffes, die nur der weiß, der mit der Einrichtung bekannt ist, sind erforderlich, um es zu öffnen. Hingegen die geringste Abweichung von den richtigen Bewegungen verwirrt nur die Sache und macht die Eröffnung um so schwieriger. Das Kombinations-Zeit-Schloss fügt noch das Besondere hinzu, dass ein innerhalb der Bankgewölbe befindliches Uhrwerk das Eröffnen der Türen, nachdem sie am Abend geschlossen wurden, bis zu einer bestimmten Stunde am Morgen unmöglich macht; und auch dann nur nach Anwendung der richtigen Kombination oder Regel, nach der das Schloss arbeitet.

Geradeso hat unser himmlischer Vater während der Nacht viele Züge seines Planes mit seinem großen Zeitschloss verschlossen und versiegelt. Er hat es so angeordnet, dass es nicht vor der "verordneten Zeit" - am Morgen des großen Tages der Wiederherstellung - geöffnet werden kann. Und dann wird Jehovas Gesalbter, er, "der den Schlüssel hat", und die Kombination (die besondere Einrichtung) des Schlosses und deren Stellung versteht, "auftun, und niemand zuschließen." (Offb. 3:7) Er öffnet es uns, indem er uns die notwendige Information darüber gibt, wie der Schlüssel der Prophetie von denen, die begierig sind, die Schätze unendlicher Weisheit zu finden, gehandhabt werden muss. Und gerade jetzt vermögen wir die Schätze göttlicher Weisheit zu erschließen, weil die Morgenstunde gekommen ist - obgleich es noch früh ist und noch nicht hell für die Welt. Jedoch nur durch genaues Befolgen der Anweisungen und durch Verwenden des Schlüssels zu der vom großen Meisterbildner gestellten Kombination werden ihre Schätze sich auftun.

Diese Veranschaulichung passt trefflich zum Plan Gottes, bis in das einzelnste. Jeder Wahrheitszug und jede Prophezeiung ist nur ein Teil der einen großen Kombination (des Planes), die jetzt geöffnet werden kann, weil es Morgen ist - weil die Riegel des großen Zeitschlosses zurückgezogen sind. Und ist diese große Kombination einmal geöffnet (der Plan geoffenbart), so erschließt sie völlig auf das prächtigste die unermesslichen Schätze der göttlichen Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe und Macht. Wer da aufmacht, der wird wahrlich Gott besser kennen und schätzen, als je zuvor.

So lasst uns denn die Schrift mit ehrfürchtigem Geist durchforschen, damit wir lernen, was Gott gefällt, uns in Bezug auf seine Zeiten und Zeitläufe zu zeigen. Da er so kürzlich die großartigen Umrisse seines Planes so deutlich gemacht hat, so mag es wohl begründet sein, zu erwarten, dass seine Zeit gekommen ist, da er uns in die Erkenntnis der Zeitverhältnisse hineinleitet. Wohlweislich wurden die Zeiten und deren Umstände in der Vergangenheit verborgen gehalten, und so die Heiligen vor Entmutigung bewahrt, denn die Zeit war (für sie) lang. Doch da der Plan sich nun seiner herrlichen Vollendung nähert, ist es das Recht der Heiligen, darum zu wissen, damit sie sich aufrichten und froh das Haupt erheben können, weil sich ihre Erlösung naht. (Luk. 21:28) Das Kundgeben der Zeit wird sich in der "Zeit des Endes" für die Geweihten in demselben Grad nützlich und anspornend erweisen, als ein früheres Offenbaren derselben schädlich und entmutigend gewesen wäre.

Unser Gott ist ganz gewiss ein Gott der Ordnung. Alles, was Gott tut, steht im Einklang mit einem genau zuvor geordneten Plan; und die von ihm festgesetzten Zeiten und Zeitumstände bilden keinen geringen und bedeutungslosen Teil dieses Planes. Beachte: Jesus wurde zur bestimmten Zeit geboren. "Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn." (Gal. 4:4) Nicht vorher, nicht nachher, sondern gerade als die Zeit erfüllt war. Die erste Predigt unseres Herrn war über das Thema der Zeit. Er kam, "predigte das Evangelium des Reiches Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt...Tut Buße und glaubt dem Evangelium." (Mark. 1:15) "Christus ist zur bestimmten Zeit gestorben." (Röm. 5:6) Er ist "auferweckt worden am dritten Tag (zur bestimmten Zeit) den Schriften gemäß." (1. Kor. 15:4) Während seines Lehramtes versuchte man verschiedene Male, ihn zu ergreifen, doch stets heißt es, sie konnten nicht, "weil seine Stunde noch nicht gekommen war." - Joh. 7:30

Die Zeitweissagungen sind nicht gegeben worden, um bloße Neugier zu befriedigen, sondern um dem Schüler des Wortes zu ermöglichen, die vorhergesagten Ereignisse, wenn sie fällig sind, zu erkennen. Die Weissagung zum Beispiel beschreibt die Zeit und die Umstände des ersten Advents; und doch wurde sie nicht eher verstanden, als bis Christus gekommen war; und dann war es für die, welche die Prophezeiungen sorgfältig durchforschten, ein Hilfsmittel in dem Menschen Jesus Christus den Gesalbten zu erkennen, welcher der Verheißung und Vorherbestimmung gemäß von Gott gesandt war. Und gerade so sollen die Prophezeiungen, welche Zeit, Art und Weise und Verhältnisse des zweiten Advents aufzeichnen, etwa um die Zeit dieses Ereignisses verstanden werden, um uns beizustehen, seinen Tag zu erkennen, wenn er herbeigekommen ist, sowie den Verlauf der Ereignisse in demselben und die Pflichten dieser Stunde. Man kann das Alte Testament nicht aufmerksam durchlesen, ohne das Gewicht zu gewahren, das auf Daten gelegt wird, und mit welch besonderer Genauigkeit, selbst bis auf den Tag, einige bezeichnet werden, obwohl sie sehr häufig mit Ereignissen verknüpft sind, die auf den ersten Blick sehr unbedeutend erscheinen. Wer aber genau "sucht" und zusieht, der wird finden, dass diese verschiedenen Daten und chronologischen (zeitbezüglichen) Angaben Glieder einer wunderbaren Beweiskette sind, die mit großer Genauigkeit besonders auf zwei der hervorragendsten und wichtigsten Ereignisse der Weltgeschichte hinweist, nämlich auf den ersten und zweiten Advent des Erlösers und Herrn der Welt, und die bedeutsamen Angelegenheiten, die damit zusammenhängen.

Die Tatsache, dass die Mehrzahl der Christen gegen diese Dinge gleichgültig sind, ist kein Grund, warum die, welche seine Erscheinung lieb haben, und welche verlangen, von ihm als würdig anerkannt zu werden, auch in einen ähnlichen Zustand der Lauwarmheit versinken sollten.

Man sollte wohl vor Augen behalten, dass das fleischliche Israel, mit Ausnahme der "Freunde" Gottes, strauchelte und die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannte (Luk. 19:44), und dass der Prophet vorhergesagt hat, dass beide Häuser Israels - das jüdische und das christliche Haus (dies es natürlich nur dem Namen nach waren) - fallen würden (Jes. 8:14). Nur ein "Rest" oder Überrest war und ist je am Ende oder in der Ernte der beiden Heilszeiten bereit, die dann fälligen Wahrheiten zu empfangen und sich anzueignen, und folglich in die besonderen Vorrechte und Segnungen der heraufdämmernden neuen Heilszeitordnung einzutreten. Es liegt also in der Schlussperiode dieses Zeitalters bei jedem einzelnen Christen, zuzusehen, dass er einer dieses "Restes" und nicht einer der lauwarmen, unachtsamen, gleichgültigen Masse der namenchristlichen Kirche ist, die da sicherlich straucheln wird, wie der Prophet, der Herr und die Apostel vorhergesagt haben, und wie es in der Geschichte des fleischlichen Israel vorgeschattet ist; denn Israel nach dem Fleisch wird als der Schatten oder das Vorbild des geistlichen Israel bezeichnet.

Während jedoch die Zeitweissagung zu seiner Zeit von großem Nutzen sein soll, indem er verschiedenartige Züge des Planes Gottes als zur Erntezeit gehörig aufzeigt usw., so ist es ebenfalls wahr, dass die rechte Erkenntnis über die Art und Weise des Kommens und Erscheinens unseres Herrn sehr notwendig ist. Hierzu ist am geeigneten Platz sehr sorgfältige Aufmerksamkeit erforderlich; und hinter all dem Wissen muss Heiligkeit und Demut liegen, die den Weg zu seiner Annahme bereiten müssen. Sie ermöglichen dem Kind Gottes von seinem Herzen Vorurteil zu entfernen und fleißig zu erforschen, was geoffenbart worden ist. So war es am ersten Advent: Die Eifrigen, die Geweihten, die demütig oder niedrig Gesinnten waren es allein, welche Zeit und Weise erkannten. Die weltlich Gesinnten und Überbürdeten, die Satten, werden weder die Prophezeiung noch die sie erfüllenden Zeichen der Zeit erkennen, bis die Ernte vorbei und der Sommer besonderer Gnadenerweisungen zu Ende ist.

Am Ende oder "in der Ernte" des jüdischen Heilszeitalters waren die wahrhaft demütigen und eifrigen "rechten Israeliten" in einem Zustand der Erwartung, der weit von dem der stolzen, weltlich Gesinnten und selbstgerechten um sie her abstach, so dass sie nicht nur besser bereit waren, Gottes Plan, wie er ihn angeordnet, anzunehmen, sondern auch die Wahrheit nach der Mahnung der Schrift (1. Thess. 5:21) zu hören und zu untersuchen, als sie mit ihr in Berührung kamen. Und während unser Herr die selbstsatten und von der Sucht, nach Fehlern zu haschen, strotzenden, spitzfindigen Pharisäer mit dunklen oder ausweichenden Antworten abfertigte, nahm er sich Zeit und Mühe, den demütigen und ernstlichen Suchern die Wahrheit klar und deutlich zu machen. (Matth. 13:10-17;16:1-4; Mark. 7:1-23; Luk. 18:18-30; Joh. 1:45-51; Luk. 24:13-32 und 33-39; Joh. 20:24-28; 21:1-2) Die Stolzen und Selbstsatten und alle, die ihnen nachfolgten, strauchelten (Matth. 15:14), während die Demütigen und Wahrheitshungrigen ernstlich nach der Wahrheit fragten. (Matth. 13:36; Mark. 4:10) Solchen erklärte der Herr die dunklen Aussprüche und sage dabei: "Euch ist es gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu wissen; jenen aber, die draußen sind, geschieht alles in Gleichnissen, auf dass sie sehend sehen und nicht wahrnehmen und hörend hören und nicht verstehen."

So ist es auch am Ende dieser Heilszeit. Hier wie dort trennt die Wahrheit die Ernsten und Demütigen und führt sie voran in die für solche jetzt mögliche Erkenntnis und stärkt und erleuchtet sie, so dass sie nicht mit der Masse der Namenchristen straucheln, während die Lauwarmen und Selbstsatten die hier an der Zeit seienden Wahrheiten verwerfen, weil sie durch ihre eigene, unrichtige Herzensstellung geblendet sind. Folglich werden sie auch als unwürdig, zu seiner Braut zu gehören, vom Herrn verworfen werden. - Eph. 4:1; 1. Kor. 9:27

Es ist ein verhängnisvoller Fehler, in den viele gefallen sind, anzunehmen, dass eine Kenntnis des Tuns und Planes Gottes von wenig Bedeutung sei, dass die christlichen Tugenden alles sei, was Gott fordere, und dass diese besser durch Unwissenheit bewahrt würden. Wie verschieden stellt die Schrift die Sache dar! Sie berät uns, nicht nur die christlichen Charakterzüge zu pflegen, sondern auch beständig den Herzenszustand zu bewahren, der es uns ermöglicht, die Wahrheit zu erkennen, und insbesondere die große Wahrheit der Gegenwart des Herrn, wann sie an der Zeit ist - und wann die Wechsel der Heilszeiten stattfinden. Ein erkennen der heilszeitlichen Wahrheiten ist am Ende dieses Zeitalters ebenso wichtig wie am Ende der jüdischen Heilszeit. Diejenigen, welche die damals fällige Wahrheit nicht erkannten, empfingen auch nicht die damals fälligen Gnadenerweisungen; und gerade so am Ende dieser Heilszeit. Wer die jetzt an der Zeit seiende Wahrheit nicht erkennt, weil er durch Unglauben oder Verweltlichung verblendet ist, kann auch die jetzt zu gewährenden, besonderen Gnaden nicht empfangen. Ein solcher ist kein Überwinder und daher untauglich zur Braut Christi zu gehören und mit ihm als sein Miterbe das herrliche Erbteil der Geweihten im Licht anzutreten. Unter den für die Annahme der Wahrheit widrigen Umständen dieses Zeitalters wird sie zu einem Prüfstein unserer Glaubenstreue gegen Gott und trennt, damals wie heute, wie eine Sichel, die Tauglichen von den Untauglichen - den Weizen vom Scheinweizen.

Weil früher von den "Adventisten" oder an das zweite Kommen Jesu Glaubenden, und von anderen die Zeitprophezeiungen der Schrift falsch angewandt wurden, und infolgedessen die erwarteten Ereignisse zu genannten Zeiten nicht eintrafen, so hat sich dem Forschen nach der Zeit ein schlimmer Beigeschmack zugesellt. Wir sehen jedoch, dass selbst dies ein Teil des Planes Gottes war, um die Sache der Zeit für alle als nur die Klasse, für die es bestimmt war, zu verdunkeln. Dies geschah eben dadurch, dass sich Verachtung und Lächerlichkeit damit verknüpfte, und so die weltlich Klugen und Weisen von der Untersuchung des Gegenstandes abgehalten wurden (Matth. 11:25). Wir sind gewiss, dies war ebenso sehr ein Teil des göttlichen Planes als die Sendung Jesus nach Nazareth, einem gering geachteten Flecken, damit er Nazarener "genannt" wurde (Matth. 2:23), obgleich er in Wirklichkeit in der achtbaren Stadt Bethlehem geboren war. Damals sagten die Weltklugen und Weisen, was Nathanael in seiner Einfalt in die Worte fasste: "Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen"? Und was andere aus Opposition so ausdrückten: "Der Christus kommt doch nicht aus Galiläa"? (Joh. 1:46; 7:41) So heute, sobald von prophetischer Zeit, oder von irgendetwas die Rede ist, das sich auf den zweiten Advent des Herrn bezieht, da rufen viele aus, "Adventist", als ob sie sagen wollten: "Kann aus Adventismus etwas Gutes kommen?" Und dies tut man, obwohl man zugibt, dass viele von der Zeit handelnde Weissagungen noch nicht erfüllt sind, und dass das zweite Kommen des Herrn die hervorragendste Lehre der Schrift ist.

Wir haben tiefes Mitgefühl für beide, die ersten Adventisten (die Juden) und für die "Zweiten Adventisten". Beide waren der Wahrheit so nahe, und doch nur eine Anzahl beider erkannten sie, die übrigen waren durch falsche Erwartungen geblendet. Unsere adventistischen Freunde verfehlten sowohl die Art und Weise als auch den Zweck von der Rückkehr des Herrn zu erkennen, wie die Schrift lehrt; folglich haben sie nicht erwartet, ihn zu "sehen, wie er ist", sondern wie er war. Sie denken sich den Zweck seines Kommens so, dass die Herzen aller, mit Ausnahme der Heiligen, mit Furcht und Schrecken erfüllt werden müssten. Sie meinen, seine Absicht sei es, die Auserwählten zu sammeln, alle übrigen Menschenkinder aber zu vernichten und diese Welt zu verbrennen. Da sie solche Ideen hatten, so benutzten sie die Zeitprophezeiungen als eine Peitsche, um damit zu geißeln und die Welt so zu Gott zu treiben. Allein die Welt schaute ruhig darein und sagte: Das sind unverständige Schwärmer und, wenn es einen Gott gibt, so ist er jedenfalls viel vernünftiger und gerechter als das. Der Spott der Welt steigerte sich mehr und mehr, als sie immer und immer wieder einen Zusammenbruch der Materie und eine Zertrümmerung der Welt vorhersagten, und ihre Vorhersagungen wieder und wieder im Sande verliefen - bis endlich die bloße Erwähnung von Zeitweissagungen ganz allgemein mit einem ungläubigen Lächeln oder mit offener Verachtung entgegen genommen wurde, und das selbst von Christen, die wohl gut genug wissen, dass Weissagungen und Zeitrechnung einen großen Teil der Offenbarung Gottes ausmachen.

Doch zu keinem solchen Zweck hat Gott Zeitweissagung gegeben, noch will er in solcher Weise die Bekehrung der Welt versuchen; denn er sucht solche, die ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten, und nicht solche, die in seinen Dienst hinein geschreckt werden. (Joh. 4:23) Wenn er beabsichtigt hätte, die Menschen durch Furcht zum Gehorsam zu jagen, so hätte er eine viel erfolgreichere Weise ausgedacht als etwa Zeit auszurufen - wie unsere adventistischen Freunde bewiesen haben. Nicht um die Welt aufzuregen, ist prophetische Zeit gegeben worden, noch überhaupt für die Welt in irgendwelchem Sinn, sondern um in den Zeiten der Drangsal am Ende dieses Zeitalters die Kirche (die Herauswahl) zu erleuchten und zu leiten. Dazu ist sie gegeben. Daher steht geschrieben: Die Gottlosen werden es nicht achten und nicht verstehen, sondern nur die Verständigen. Für sie wird es Speise zur rechter Zeit sein, und zusammen mit anderer Speise wird es diejenigen stärken, die Gebrauch davon machen, so dass sie "am bösen Tag" - an dem Tag der Drangsal, mit dem dieses Zeitalter schließt - "imstande sind zu widerstehen." Es hilft ihnen, die wunderbaren um sie herum sich abspielenden Ereignisse zu verstehen, so dass sie weder durch Furcht und Schrecken verzehrt noch durch allerhand Anschläge und falsche Theorien - durch die fälschlich sogenannte Wissenschaft - welche in dieser Zeit so zahlreich sind, verschlungen werden. Und so mögen sie wohl mitten in dem verzehrenden Feuer (Drangsal) als Zeugen für Gott und seinen Plan stehen, und als Lehrer des Volkes, hinweisend auf das herrliche Endziel des Planes Gottes, ein Panier, ein Signal, erheben für die Völker! - Jes. 62:10

Das ist der Zweck der Zeitprophezeiung: und wie wichtig, wie unentbehrlich ist sie - auf dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk ganz zubereitet. Ohne die prophetischen Zeitbeweise möchten wir die Ereignisse dieses Tages vor uns sehen und nichts davon verstehen, noch von unseren Pflichten und Vorrechten in denselben. Möchte daher keiner der wahrhaft Geweihten diese prophetischen Zeitbeweise unterschätzen. Sie sollen dazu dienen, in der Frühe, beim Anbruch des Tausendjahrtages, vor dem Sonnenaufgang, unsere Reden und Taten zu leiten, während die Welt und die Namenkirche noch fest schlafen, unwissend und unachtsam den jetzt stattfindenden, heilsgeschichtlichen Wechseln gegenüber. Diese prophetischen - Zeitbeweise waren zum großen Teil das Mittel in Gottes Hand, die Aufmerksamkeit des Schreibers völliger und sorgfältiger auf andere Züge des göttlichen Planes zu lenken. Die denselben gewidmete Aufmerksamkeit muss dem Schüler des Wortes dauernden Nutzen bringen; nicht nur indem sie ihn über die "gegenwärtige Wahrheit" in Kenntnis setzt, sondern auch indem sie allen Schriftwahrheiten Kraft und lebendige Wirklichkeit verleiht, durch Herbeibringung des Beweises, dass alle Pläne Gottes sowohl der Zeit als auch der Art nach zur Hinausführung seines herrlichen Vorsatzes zusammenwirken.

Das Fehlgreifen der Vorhersagung der Adventisten, die eine Zeit für das Verbrennen der Welt usw. festzusetzen suchten, war mehr ein solches in betreff der Art der erwarteten Ereignisse als in betreff der Zeit. Wie einst die Juden irrten, so irrten sie, indem sie wohl zur rechten Zeit, aber nicht nach der rechten Sache ausschauten. Dies war die schließliche Ursache ihres Fehlgriffes, die Wahrheit recht zu erkennen; die erste Ursache hingegen war der Umstand, dass die Zeit zu einem deutlicheren Entfalten noch nicht gekommen war. Und doch war es Zeit, dass eine Bewegung entstand, so dass die Heiligen nach des Herrn Erscheinung ausschauten - dass sie ausgingen, dem Bräutigam entgegen, und dass sie eine Enttäuschung erlebten - vor seinem eigentlichen Kommen. Alles dieses ist in dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen dargestellt, von welchem später noch ausführlicher gehandelt werden wird. Wie wir in dem vorhergehenden Band gezeigt haben, ist das Feuer, das am Tag des Herrn die Erde verzehren wird, symbolisch oder bildlich, nicht buchstäblich zu nehmen; und in den folgenden Kapiteln wird dargelegt werden, dass die Anwendung der Zeitweissagungen, welche die Adventisten als Fehlgriffe beiseite geworfen haben, kein Fehlgriff, sondern richtig war, und dass diese deutlich das symbolische Feuer dieser Zeit, das schon im Brennen begriffen ist, anzeigen.

Die Adventleute versuchen alle prophetischen Zeitabschnitte auf einen gemeinsamen Schlusstag zusammen zu zwängen - und noch dazu auf einen Tag von vier und zwanzig Stunden - weil sie unter der Schwierigkeit arbeiten, dass sie ein buchstäbliches Verbrennen der Erde erwarten. Auf diese Weise tun sie einigen Prophezeiungen Gewalt an, um sie mit den anderen zusammen zu passen und zusammen enden zu lassen. Die jetzt vorhandene genauere Ansicht über den Plan Gottes offenbart aber die vollständige Harmonie der verschiedenen Zeitprophezeiungen, und dabei ist kein Verdrehen und Gewalt antun nötig, um sie mit einander passend zu machen. Wenn wir in den nun folgenden Kapiteln an eine Untersuchung der hauptsächlichsten Weissagungen gehen, so bilden wir uns nicht im voraus eine Theorie oder Erklärungsart und versuchen, danach alle prophetischen Perioden nach ihr zu biegen, sondern wir verfolgen jede Periode bis an ihr Ende, und dann weben wir die Theorie oder den Plan zusammen, wie es im großen Offenbarer der Geheimnisse angezeigt wurde. Man wird finden, dass die Ordnung und Harmonie des Planes Gottes in seinen Zeiten und Zeitläufen ebenso leicht erkennbar ist, wie in den herrlichen Zügen, denen wir im vorangegangenen Band nachgespürt und auf der Karte der Zeitalter oder der Heilszeiten aufgezeichnet haben. Und wenn die große Uhr der Zeitalter die Stunden schlägt, die auf dem prophetischen Zifferblatt verzeichnet sind, dann erfolgen die vorausgesagten Ereignisse so gewiss, als Gott sie vorher verkündigt hat.

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Studie 2

Biblische Chronologie

Chronologie zum Verständnis der Weissagung notwendig . - Unentbehrliche Daten in der Bibel gegeben. - Von der Erschaffung Adams bis zum Jahre 1873 nach Christo sind sechstausend Jahre. - Eine Tabelle der Chronologie in großen Perioden. - Dieselben im einzelnen untersucht: - Von der Schöpfung bis zum Trocknen der Erde nach der Sintflut; - bis zum Bund mit Abraham; - bis zur Gesetzgebung; - bis zur Teilung Kanaans unter die zwölf Stämme; - die Periode der Richter; - die Periode der Könige; - die Periode der Verödung; - bis zum Jahre 1873 nach Christo. - Der eigentliche Tag der Geburt unseres Herrn.

In diesem Kapitel bringen wir den Schriftbeweis für die Tatsache, dass mit dem Jahr 1872 sechstausend Jahre seit der Erschaffung Adams verflossen sind - und dass wir daher, seit dem Jahr 1872, der Chronologie oder Zeitrechnung gemäß, in das siebte Jahrtausend oder ins Millennium eingetreten sind. Der Anfang desselben ist "der Tag des Herrn", "der Tag der Drangsal", welcher den Zusammenbruch der Reiche dieser Welt und die Aufrichtung des Königreiches Gottes unter dem ganzen Himmel in sich fasst.

Chronologie ist zur Untersuchung der in der Schrift gegebenen prophetischen Zeitperioden notwendig. Wir müssen uns vor allen Dingen Gewissheit verschafft haben, wo wir uns auf dem Strom der Zeit befinden; und um dies zu können, müssen wir zuverlässige Daten zur Berechnung vor uns haben. Wir nehmen daher die Chronologie zuerst zur Hand. Eine vollständige Chronologie der menschlichen Geschichte muss natürlich mit der Erschaffung des Menschen beginnen.

Die Länge der Zeit seit der Erschaffung des Menschen wird verschiedentlich veranschlagt. Unter denen, die den Bericht der Bibel annehmen, kann nur wenig Meinungsunterschied bestehen. Unter denen aber, die ihn verwerfen, ist der Unterschied ungeheuer. Er erstreckt sich von zehntausend bis zu Hunderttausenden von Jahren. Diese Annahmen stützt man auf Tatsachen, die nur schwachen Grund für solche übertriebene und willkürliche Schlüsse bieten. Zum Beispiel, das Auffinden von steinernen Pfeilspitzen in den Torfmooren der Schweiz und Irlands in beträchtlicher Tiefe wird als ein Beweis angenommen, dass die Fläche, da sie liegen, einst die Oberfläche der Erde war, und dass die Torfmoore allmählich um und über sie heranwuchsen; und die zu solchem Wachstum nötige Zeit misst man nach dem geringen Maß, in dem das Wachstum in unserer Zeit vor sich geht. Wenn ihre Voraussetzungen richtig wären, so würde das allerdings beweisen, dass der Mensch schon vor Hunderttausenden von Jahren lebte. Jedoch andere Erderforscher wollen wahr haben, und mit gutem Recht, dass diese Torfmoore einst so weich und breiartig waren, dass eine steinerne Pfeilspitze allmählich während einiger Jahrhunderte leicht in große Tiefe sinken konnte.

Ein anderes Beispiel führen wir an: "Beim Sondieren in dem schlammigen Boden des Niltales wurden zwei gebrannte Ziegelsteine entdeckt, der eine in einer Tiefe von sechzig, der andere von zwei und siebzig Fuß. Wenn wir die dicke der jährlichen, vom Fluss bewirkten Ablagerung auf acht Zoll per Jahrhundert veranschlagen, so müssen wir dem ersten der genannten Ziegelsteine ein Alter von 12.000 Jahren zuschreiben und dem zweiten ein solches von 14.000. Dementsprechend nimmt Burmeister (ein berühmter Geologe) an, dass zwei und siebzig tausend Jahre seit dem ersten Auftreten des Menschen auf dem Boden Ägyptens verflossen sind; und Draper (ein anderer bekannter Geologe) schreibt dem Europäer, der die letzte "Glacial"- (Eis-) Periode erlebte, ein Alter von mehr als 250.000 Jahren zu." (Anmerkung: Prof. N. Joly in "Der Mensch vor den Metallen", Seite 183)

Natürlich, wenn wir ebenso "rechnen", wie es diese großenMänner taten, so würden wir zu denselben großenSchlüssen gelangen. Doch einige unter uns sind unwissenschaftlich genug zu fragen, ob es nicht mehr wie wahrscheinlich sei, dass die Schlammniederschläge des Nils sehr unregelmäßig gewesen sind, wie auch die anderer Flüsse; dass er oftmals sein Bett veränderte und seine Ufer durch einen einzigen Wasserschwall auffallend weg wusch. Ferner, denken wir an die Flut zu Noahs Zeit, die nicht nur ganz ausdrücklich in der Bibel erwähnt wird, sondern sich auch in den ältesten Überlieferungen der heidnischen Völker aufbewahrt hat. Wir wundern uns, wie viel Schlamm und Absatz das zu den und über die acht Zoll per Jahrhundert erzeugt haben mag. Wir wundern uns auch, warum es diesen großenGeistern nicht eingefallen ist (wie es naturgemäß mit einigen, die nicht zu groß sind, der Fall ist), dass die beiden Ziegelsteine zu einer Zeit in den "Schlammigen Boden" geworfen wurden, da er von Wasser bedeckt und sehr weich war, und dass sie, die so viel dichter als der schlammige Boden waren, ein ganzes Stück durch ihr eigenes Gewicht hinabsanken. Was den Unterschied der Tiefe betrifft, in welche die beiden Ziegelsteine hinabsanken, so möchte es einem unwissenschaftlichen Geist viel vernünftiger erscheinen anzunehmen, dass der eine mit der schmalen Kante nach vorne oder mit dem Ende nach vorne in den Schlamm fiel, während der andere mit der breiten Seite hinein fiel und daher langsamer einsank, als anzunehmen, dass Menschen, die zweitausend Jahre nach einander lebten, zwei ganz gleiche Ziegelsteine verfertigten.

Vor einigen Jahren fand man in einem früheren Bett des Mississippi das Skelett eines Mannes; und einige Geologen begannen auszutüfteln, wie viele Jahrtausende wohl etwa durch die tiefe Schlammmasse, die das Skelett bedeckte, angezeigt sein könnten. Sie bildeten sich ein, hier ein sehr wertvolles Muster vorhistorischer Menschen vor sich zu haben. Später jedoch wurden einige Fuß unter dem Skelett Teile eines sogenannten "Flat"- (Flach-) Bootes aufgefunden, wie solche vor nicht weniger als fünfzig Jahren auf dem Mississippi im Gebrauch waren. Dies stürzte die ganze Berechnung über den Haufen und befreite die Menschheit von einem "weiteren Beweis", dass die Welt Hunderttausende von Jahren älter sei, als die Bibel lehrt.

Die Uneinigkeit und das gänzlich unzuverlässige Mutmaßen einiger Geologen betreffs der Chronologie beiseite lassend, wenden wir uns nun zur Weltgeschichte, ob wir da Auskunft erhalten. Doch was finden wir? Nur weniger als dreitausend Jahre zurück kann die Geschichte der ältesten heidnischen Nationen klar und deutlich verfolgt werden. Weiter zurück ist alles dunkel, ungewiss, mythisch, voller Fabeln und unzuverlässiger Tradition. Römische Geschichte erstreckt sich nicht soweit zurück. Nur zweitausend siebenhundert Jahre sind seit der Gründung Roms verflossen, und seine ersten Jahrhunderte sind noch dazu in ungewisse Tradition gehüllt. In der babylonischen, syrischen und ägyptischen Geschichte bringen uns dreitausend Jahre in eine Periode zurück, da ihre Berichte sehr fragmentarisch (zerstückelt) und von großem Dunkel umgeben sind. In der Geschichte Chinas bringen sie uns zu der Tschau Dynastie, wo die Angaben chinesischer Geschichte "anfangenzuverlässiger zu werden." Im Griechischen, das in den vergangenen dreitausend Jahren um seiner Gelehrsamkeit willen berühmt war, und wo wir allen Nationen voraus eine genaue Geschichte erwarten sollten; was finden wir? Ihre Daten der letzten zweitausend sechshundert Jahre finden wir genau, aber nicht weiter zurück. Weiter zurück kommen wir zu dem, was als das "fabelhafte, mythische, oder vorhistorische Zeitalter" Griechenlands bekannt ist. Der einzig vernünftige und zusammenhängende Bericht über die ersten drei tausend Jahre des Menschen auf der Erde ist in der Bibel zu finden; und diese Tatsache ist sicherlich im Einklang mit ihrem Anspruch auf göttlichen Ursprung, göttliche Leitung und Erhaltung.

Wie mit der Geschichte, so verhält es sich mit den Daten: Außer der Bibel hat die Welt kein Mittel, ihre Chronologie weiter zurück, als 776 v.Chr., zu verfolgen. Hierüber führen wir an, was Prof. Fischer von Yale College (Hochschule zu Yale, Ct.) sagt: "Langsam kam man zu einer genauen Methode, Daten festzustellen. Die Annahme von Zeitabschnitten (Ära) war hierzu unumgänglich. Die früheste bestimmte Zeit zur Datierung von Ereignissen wurde in Babylon festgesetzt. Es ist die Ära von Nabonassar, 747 v.Chr. Seit etwa 300 v.Chr. datieren die Griechen die Ereignisse von dem ersten verzeichneten Sieg bei den olympischen Spielen, 776 v.Chr., an. Diese Spiele fanden alle vier Jahre statt. Jede Olympiade war daher eine Periode von vier Jahren. Die Römer fingen erst mehrere Jahrhunderte nach der Gründung Roms an, von diesemEreignis aus, das heißt vom Jahr 753 v.Chr., zu datieren."

Als einen weiteren Beweis dafür, dass die vielen sogenannten Geschichten der fernen Vergangenheit mit Einbildungen und mythischen Traditionen so sehr angefüllt sind, dass dies dieselben in Bezug auf chronologische Daten wertlos und der Berücksichtigung gänzlich unwürdig macht, führen wir Folgendes aus dem Artikel Chronologie in der Amerikanischen Enzyklopädie (allgemein wissenschaftliches Wörterbuch) an:

"Die Geschichte der alten Völker (es sei denn die Hebräer ausgenommen) läuft zurück in mythische Perioden von Tausenden oder Millionen von Jahren; und selbst nachdem die Berichte einen historischen Anstrich gewinnen, sind die Ungenauigkeiten noch sehr groß. Die assyrischen, babylonischen und ägyptischen Inschriften sind in toten Sprachen und in längst veralteten Schriftzeichen gegeben. Griechische und römische Daten sind im allgemeinen wohl nachweisbar bis zur ersten Olympiade, 776 v.Chr., und bis zur Herstellung des Konsulates, 510 v.Chr. Was vorhergeht, ist meist traditionell und legendenartig. Herodots Angaben sind nur für Ereignisse seiner Zeit von Wert, um das Jahr 450 v.Chr., und etwa ein oder zwei Jahrhunderte früher."

Clinton sagt in seinem Werk über griechische Chronologie (Seite 283): "Die Geschichte, die in den hebräischen Schriften enthalten ist, liefert einen bemerkenswerten und erfreulichen Unterschied den älteren Aufzeichnungen der Griechen gegenüber. Mit Mühe spüren wir in den letzteren einigen wenigen dunklen Tatsachen nach, die uns durch Dichter aufbewahrt wurden. Diese übermittelten uns mit all den Ausschmückungen der Poesie und Fabel, was sie durch mündliche Tradition empfangen hatten. In den Annalen (Jahrbüchern) der hebräischen Nation haben wir glaubwürdige Erzählungen, von Zeitgenossen geschrieben, die durch Inspiration (göttliche Eingebung) geleitet waren. Was sie uns überliefert haben, kommt daher mit einer doppelten Sanktion oder Glaubwürdigkeit zu uns. Obgleich ihr Bericht als ein auf bloß menschlichem Zeugnis beruhender schon beweiskräftig sein würde, so wurden sie daneben noch durch göttliche Inspiration unterstützt."

Die Bibel, unsere von Gott vorgesehene Geschichte der ersten dreitausend Jahre ist das einzige Werk in der Welt, das mit Adam beginnt. Er ist der erste Mensch, den Geschichte, Denkmal, oder Inschrift erwähnt. Sein Name, die Zeit seiner Erschaffung und sein Tod sind verzeichnet; und seine Nachkommen können, Namen und Alter nach, in fortschreitenden Gliedern fast viertausend Jahre lang verfolgt werden. So bietet uns die Bibel eine klare und zusammenhängende Geschichte, bis herab zu einer Periode, wo die Weltgeschichte wohlbegründet ist. Der biblische Bericht reicht, wie wir sehen werden, bis zu dem ersten Jahre des Cyrus, 536 v.Chr., welches ein wohl bestätigtes und allgemein angenommenes Datum ist. Hier wird der Faden biblischer Chronologie fallen gelassen. Es ist an einem Punkt, da die Weltgeschichte zuverlässig wird. Gott hat somit für seine Kinder einen deutlichen und zusammenhängenden und bis auf die gegenwärtige Zeit reichenden Bericht bereitet. Durch ihre Prophezeiungen ergänzt die Bibel sogar die Geschichte bis hinaus zu der "Wiederherstellung aller Dinge" am Ende des siebenten Millenniums, von wo an die neue Ära ewiger Glückseligkeit datieren wird. Die Bibel ist also die einzige Urkunde in der Welt, die einen Überblick der menschlichen Geschichte als Ganzes liefert. Sie trägt uns vom verlorenen Paradies des ersten Buches zu dem wiederhergestellten Paradies der Offenbarung, den Pfad der Menschheit bis in die Ewigkeit verfolgend. Zusammengenommen bietet uns die Geschichte und die Weissagung der Bibel einen panoramischen Anblick des ganzen Laufes der Ereignisse, von der Erschaffung und dem Fall des Menschen bis zu seiner Wiederaussöhnung und Wiederherstellung. Die Bibel ist daher der Wegweiser aller Geschichte. Treffend hat jemand gesagt: "Wie Flüsse, die von unbekannten Quellen nach unbekannten Seen fließen", ist die Geschichte ohne die Bibel. Aber mit ihr mögen wir diese Flüsse bis an ihren Ursprung verfolgen, ja ihr glorreiches Ergießen in den Ozean der Ewigkeit schauen.

In der Bibel allein können wir daher eine Urkunde zu finden erwarten, welche die unharmonischen Perioden und chronologischen Unregelmäßigkeiten, welche menschliche Geschichtsannalen beim ersten Blick darbieten, in Ordnung bringt - sie miteinander und mit den Perioden der Natur in Einklang setzt.

Wenn wir nun mit der Frage: Wie lange ist es her seit der Erschaffung der Menschen? den Anfang machen, sollten wir zuversichtlich sein und sind es, dass der, welcher die Prophezeiungen gab und sagte, dass sie in der Zeit des Endes verstanden werden sollten, auch in seinem Worte die nötigen Daten vorgesehen habe, die es uns ermöglichen, diesen Prophezeiungen ihren richtigen Platz anzuweisen. Jedoch, wer diese Dinge so deutlich zu finden erwartet, dass sie den nur oberflächlichen Leser oder den unaufrichtigen Skeptiker (Zweifler) überzeugen, der wird sich getäuscht finden. Gottes Zeiten und Zeitläufe sind gegeben, dass sie zu dieser unserer Zeit nur für die überzeugend sind, die Gottes eigentümliche Verfahrensweise durch ihr Vertrautsein mit ihm erkennen können. Dazu wurde diese Auskunft erteilt, "dass der Mensch Gottes vollkommen sei, völlig geschickt (ausgerüstet)" (2. Tim. 3:17). Solche wissen gar wohl, dass sie auf allen Wegen, da sie ihr Vater hinführt, im Glauben und nicht im Schauen wandeln müssen. Allen denen aber, die so zu wandeln bereit sind, hoffen wir bei jedem Schritt gewisse Aussprüche des Wortes Gottes - eine sichere Grundlage für vernünftigen Glauben - bieten zu können.

Wir wollen hier den Wert der Septuaginta (Griechische Handschrift des Alten Testamentes) im Vergleich mit dem hebräischen Text der alttestamentlichen Schriften, die Abweichungen beider von einander in chronologischen Daten, usw., nicht besprechen. Wir, und wir denken wohl auch der Leser, wollen uns mit der Bemerkung begnügen dass die erstere eine in Ägypten angefertigte Übersetzung ist, während der letztere die ursprüngliche hebräische Urkunde ist. Diese Tatsachen im Zusammenhang mit der fast abergläubischen Verehrung, mit der die Hebräer jedes Jota und Strichlein der heiligen Schrift bewachten, bieten starken Beweis für die Zuverlässigkeit des hebräischen Grundtextes. Seine Annahme von Seiten Sachverständiger ist ganz allgemein, und wir folgen bei unserem Vorhaben seinen Daten.

Hier nun erbringen wir den Nachweis, dass von der Schöpfung Adams bis zum Jahre 1873 n.Chr., sechstausend Jahre verflossen sind. Und obwohl die Bibel keine direkte Aussage enthält, dass das siebente Tausend die Epoche der Herrschaft Christi sein wird, der große Sabbattag der Wiederherstellung der Welt, dennoch diese ehrwürdige Tradition dennoch nicht ohne vernünftige Grundlage. Das Israel, dem vorbildlichen Volk, gegebene Gesetz bestimmte, dass auf sechs Tage der Arbeit und Mühsal einer der Erfrischung und Ruhe von ihren eigenen Werken folgen sollte. Dies scheint einerseits die sechstausend Jahre trefflich zu veranschaulichen, da die gesamte Schöpfung unter der Knechtschaft der Sünde und des Todes (Röm. 8:22) in Wehen lag und zusammen seufzte und vergeblich versuchte, sich daraus zu befreien, und andererseits den großen Millenniums - Tag abzubilden, an dem die Mühseligen und Beladenen zu Jesus Christus, dem Hirten und Bischof ihrer Seelen, kommen und durch ihn Ruhe, Erfrischung und Wiederherstellung finden mögen - den Tag, an dem sie durch das Verdienst seines kostbaren Blutes Buße (oder Umkehr) und Vergebung der Sünden erlangen werden. An dem vorbildlichen siebenten Tag fragte Jesus den hilflosen Menschen: "Willst du gesund werden?" und als Lohn seines Glaubens und Gehorsams gab er ihm die Kraft, sein Bett aufzuheben und zu wandeln. (siehe Joh. 5:6-9; ebenso Matth. 12:10, 13; Joh. 7:23; Luk. 13:11-16; 14:1-5). So wird während des gegenbildlichen Sabbats, im Millennium, aller Welt verkündet werden, dass "wer da will", ewiges Leben und ewige Gesundheit haben könne, wenn er die erforderlichen Schritte - Glauben und Gehorsam - tun wird.

Wir müssen den schon (Band 1, Studie 8.) angemerkten Umstand nicht übersehen, dass der Ausdruck Tagunbestimmt ist und nur einen Zeitabschnitt, sei es von kürzerer oder längerer Dauer, bezeichnet. Der Apostel Petrus gibt zu verstehen, dass die siebente Tausendjahr Periode der Geschichte der Welt nach Gottes Rechnung der siebente Tag sein würde. Er sagt: "Dies eine aber sei euch nicht verborgen, Geliebte, dass ein Tag bei dem Herrn ist wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag.... Es wird aber der Tag des Herrn kommen," usw. - 2. Petr. 3:8; 10

Wenn also die siebente Tausendjahr Periode der Geschichte der Erde eine Epoche ist, die speziell als die Periode der Herrschaft Christi bezeichnet wird, und wir zeigen, dass dieselbe im Jahre 1873 n.Chr. begann, so beweisen wir damit, dass wir uns nunmehr schon in derselben befinden. Dies ruft uns ins Gedächtnis, was wir schon in dem vorhergehenden Band gezeigt haben, dass die Heilige Schrift lehrt, der Anbruch des Millenniums oder des Tages des Herrn werde für die Welt und Namenkirche dunkel und stürmisch und voller Trübsal sein; sein allererstes Dämmerungslicht hingegen werde voller Trost und Aufmunterung für die Heiligen sein, die ihren Tost und Frieden aus der ihnen im Evangelium vorgehaltenen Hoffnung schöpfen. Wie ein Anker greift diese ihre Hoffnung hinüber über die Zeit der Drangsal und setzt sich in den köstlichen Verheißungen des tausendjährigen Sonnenaufganges und der tausendjährigen Herrlichkeit fest. Sie schauen jenseits der Zeit der Trübsal die verheißene, herrliche Segensherrschaft.

Der allgemeine Zustand der Welt heutigen Tages und die schnelle Entwicklung von Sozialismus, Nihilismus und Kommunismus seit 1873, deren rückhaltloses Ziel der Umsturz der gegenwärtigen Gewalten und die Neuverteilung der Reichtümer der Welt ist, stimmt jedenfalls mit dem, was zu erwarten ist, wenn diese Dinge in gewisser Beziehung auch noch so sehr von denen abgeschwächt werden, die Gesetz, Ordnung und Friede lieb haben. Nur die, die da sehen, dass die hereinbrechende Anarchie und Trübsal Gottes Mittel sind, ein noch vollkommeneres Gesetz, eine noch bessere Ordnung und dauerhaften Frieden herzustellen als bisher, werden vor überwältigender Furcht bewahrt werden, wenn dies nun eintritt.

Aber die siebente Epoche oder das Millennium nachzuweisen, ist es nicht allein, was die Chronologie wertvoll macht; denn wenn wir auch verschiedene prophetische Ketten nachweisen werden, die gänzlich unabhängig von der Chronologie sind, so ist dieselbe doch das Maß, mit dem andere prophetische Ketten hergestellt werden. Die vollständige Übereinstimmung zwischen diesen zweierlei Zeitprophezeiungen, die einen von der Chronologie abhängig, die andern unabhängig von derselben, ist ein sehr starker Beweis, nicht nur, dass es richtig ist, die Chronologie so anzuwenden, sondern auch, dass die Chronologie selbst, die diese Harmonie zeigt, richtig ist. Es ist hier wie mit einem Schlüssel. Ein Schlüssel, der ein schwierig zu öffnendes Schatzkästlein aufschließt, wird sicherlich der rechte Schlüssel sein. Durch die nun folgende Chronologie werden die verschiedenen prophetischen Aussagen über das Königreich Christi und seine Aufrichtung in Einklang gebracht, indem sie ihre verhältnismäßige Reihen- und Zeitfolge nachweist. Die Chronologie ist der Stamm oder Griff, durch welchen all die prophetischen Zeitbeweise wie die Erhöhungen oder Vertiefungen am Schlüssel zusammengehalten und gehandhabt werden.

Kurzgefasste Berechnung der Chronologie bis zum Jahre 6000 der Welt

Die hier folgende kurzgefasste chronologische Berechnung mag schicklich Bibelchronologie genannt werden, weil hierin nur der biblische Bericht bis herab zum ersten Jahre des Cyrus, 536 v.Chr., verfolgt wird. Dies ist ein wohlbegründetes und von Sachverständigen allgemein angenommenes Datum. Hier endet der Faden biblischer Chronologie - ein wenig diesseits des Zeitpunktes, da die Weltgeschichte zuverlässig zu werden anfängt. Dies ist schon an und für sich ein bezeichnendes Merkmal göttlicher Leitung und Vorsehung. Er hilft uns nur, wo wir uns selbst nicht zu halfen vermöchten.

Von der Erschaffung Adams
Bis zum Ende der Sintflut 1656 Jahre
Von da bis zum Bund mit Abraham 427 Jahre
Von da bis zum Auszug Israels und zur Gesetzgebung 430 Jahre
Von da bis zur Teilung Kanaans 46 Jahre
Die Periode der Richter 450 Jahre
Die Periode der Könige 513 Jahre
Periode der Verödung Palästinas 70 Jahre
Von da bis zum Jahre 1 536 Jahre
Von da bis zum Jahre 1873 n.Chr. 1872 Jahre

Summe 6000 Jahre

Möge nun der Leser es für sich selbst ausrechnen, wenn wir jede dieser Perioden für sich betrachten, und sehen, welch fester Grund für unseren Glauben in Gottes Wort gelegt ist. Wir werden zwar Unterbrechungen in der historischen Erzählung des Alten Testamentes vorfinden; doch, wenn wir entdecken, dass Gott im Neuen Testamente Brücken bereitet, diese Klüfte zu überspannen, so sollte das unsere Zuversicht erhöhen, dass Gott den Bericht grade so eingerichtet hat, um seine Zeit und Zeitläufe zu verbergen, bis seine bestimmte Zeit zur Kundmachung derselben gekommen sei - gerade so wie er es, wie schon bemerkt, mit anderen Wahrheiten getan hat.

Wir wollen nun die vorher genannten Perioden einzeln und in der oben angegebenen Reihenfolge bis herab zur Regierung des Cyrus untersuchen. Nehmt eure Bibeln zur Hand und versichert euch, dass die Anführungen alle richtig sind, damit ihr dies aufnehmen möge "nicht als Menschenwort, sondern, wie es denn wahrhaftig ist, als Gotteswort."

Chronologie der Periode von der Schöpfung Adams bis zum Tage, da die Erde wieder trocken war.
"Adam war 130 Jahre alt und zeugte einen Sohn ... und hieß ihn Seth." - 1. Mose 5:3 130 Jahre
"Seth war 105 Jahre alt und zeugte Enos." - 1. Mose 5:6 105 Jahre
"Enos war 90 Jahre alt und zeugte Kenan." - 1. Mose 5:9 90 Jahre
"Kenan war 70 Jahre alt und zeugte Mahalaleel." - 1. Mose 5:12 70 Jahre
"Mahalaleel war 65 Jahre alt und zeugte Jared." - 1. Mose 5:15 65 Jahre
"Jared war 162 Jahre alt und zeugte Henoch." - 1. Mose 5:18 162 Jahre
"Henoch war 65 Jahre alt und zeugte Methusalah." - 1. Mose 5:21 65 Jahre
"Methusalah war 187 Jahre alt und zeugte Lamech." - 1. Mose 5:25 187 Jahre
"Lamech war 182 Jahre alt und zeugte einen Sohn und nannte seinen Namen Noah." - 1. Mose 5:28 182 Jahre
"Noah war 600 Jahre alt, als die Flut kam, Wasser über die Erde." - 1. Mose 7:6 600 Jahre

Im Ganzen, von der Erschaffung Adams bis zu dem Tag, da der Erdboden trocken war. - 1. Mose 8:13 1656 Jahre

Nichts Einfacheres und auf den Tag Genaueres als dies, könnte man erwarten. Lasst uns nun die nächste Periode untersuchen.

Die Periode von der Sintflut bis zum Bund mit Abraham beim Tod seines Vaters Tarah
"Sem zeugte Arphaksad, 2 Jahre nach der Sintflut." - 1. Mose 11:10 2 Jahre
"Arphaksad war 35 Jahre alt und zeugte Salah." - 1. Mose 11:12 35 Jahre
"Salah war 30 Jahre alt und zeugte Eber." - 1. Mose 11:14 30 Jahre
"Eber war 34 Jahre alt und zeugte Peleg." - 1. Mose 11:16 34 Jahre
"Peleg war 30 Jahre alt und zeugte Regu." - 1. Mose 11:18 30 Jahre
"Regu war 32 Jahre alt und zeugte Serug." - 1. Mose 11:20 32 Jahre
"Serug war 30 Jahre alt und zeugte Nahor." - 1. Mose 11:22 30 Jahre
"Nahor lebte 29 Jahre und zeugte Tarah." - 1. Mose 11:24 29 Jahre
"Und Tarah war 205 Jahre alt und starb." - 1. Mose 11:32 205 Jahre

Summe: 427 Jahre

Dies ist ebenfalls sehr einfach und genau. Aber die nächste Periode ist nicht so leicht zu verfolgen; denn die direkte Linie der Chronologie ist unterbrochen, und zwar bis nach dem Auszug Israels aus Ägypten. Wir würden daher ganz unfähig sein, weiter voranzuschreiten, wäre es nicht, dass Paulus und Stephanus, als Mundstücke des Geistes, das fehlende Glied lieferten.

Die Periode von dem Bund mit Abraham bis zur Gesetzgebung

Paulus erwähnt, dass die Länge dieser Periode vier hundert und dreißig Jahre war. (Gal. 3:17.) Der Bund mit Abraham schloss die Verheißung des Landes Kanaan zum ewigen Besitztum ein, und obwohl es dem Abraham, Isaak und Jakob mehrere Male aufs neue zugesichert wurde, so war es doch immer ein und derselbe Bund. (siehe 1. Mose 12:7, 8; 13:14-18; 26:3, 4; 35:9-12; 46:2-4; 50:24) Aus der Vergleichung von 1. Mose 12:1-5, 7 und Apg. 7:2-5 geht hervor, dass der Bund (gemäß vorangegangener Verheißung) gemacht wurde, sobald als Abraham die Bedingungen vollständig erfüllt hatte, auf welche hin er ihn erhalten sollte. Dies war der Fall, sobald er Kanaan betreten hatte; und dieses geschah sogleich nach seines Vaters Ableben. Derselbe starb auf dem Weg nach Kanaan in Haran. Indem so durch des Stephanus Aussage das Datum des Bundes festgestellt ist - gleich nach Tarahs Tod - wird zusammen mit der Aussage des Apostel Paulus, dass das Gesetz vierhundert und dreißig Jahre nach dem Bund gegeben wurde, die Kluft in der alttestamentlichen Chronologie durch das Neue Testament überbrückt. Doch lasst uns den Bericht sorgfältig lesen und die Eigentümlichkeit hervorheben, mit der diese Brücke aufgebaut ist:

"Und Jehova hatte (vordem, ehe er Mesopotamien oder Ur der Chaldäer verließ) zu Abram gesprochen: Gehe aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters (deiner Brüder, usw.) Haus, in das Land, das ich dir zeigen werde. Und ich (wenn du dies tust) will dich zu einer großen Nation machen", usw. (1. Mose 12:1, 2; vergl. Apg. 7:2) Dies deutet an, dass Gott dem Abraham den Bund in Aussicht gestellt hat, ehe sein Vater Tarah starb, und ehe er nach Haran oder Charran übersiedelte. Doch Bedingungen, die von seiten Abrahams Glauben und Gehorsam forderten, waren gemacht worden, bevor der Bund tatsächlich geschlossen werden sollte. Diese Bedingungen waren, dass er seinen Glauben an die Verheißung, dass solch ein Bund mit ihm gemacht würde wird, dadurch bestätigen sollte, dass er sein Vaterland und seine Freundschaft verließ und in das Land ging, das ihm erst als das von Gott bestimmte bezeichnet werden sollte, nachdem er in demselben angelangt war. Dies tat Abraham, und da sein Weib, sein Neffe Lot und sein alter Vater seinen Glauben teilten und auch ihr Glück mit ihm teilen wollten, so wurde ihnen dies gestattet; und so machten sich diese vier nach dem verheißenen Land auf den Weg. Sein Vater Tarah starb auf dem Weg in Haran, worauf Abraham nach Kanaan weiter zog, damit er daselbst den Bund sicher und fest mache. Wie Stephanus den Israeliten erklärte: "Und von da übersiedelte er ihn, nachdem sein Vater gestorben war, in dieses Land, in welchem ihr jetzt wohnt." "Und Abram ging (hin aus Haran), wie Jehova zu ihm geredet hatte." (Apg. 7:4; 1. Mose 12:4) Und sogleich, nachdem er das Land betrat, wurde der Bund geschlossen. (siehe 1. Mose 12:5-7) Damit also haben wir den Zeitpunkt des Bundeschlusses und den Anfang der vierhundert dreißig Jahre genau festgestellt. Derselbe erfolgte sofort nach Tarahs Tod; und die Kette der Chronologie ist somit bis zur Gesetzgebung vollständig. Die erste Einrichtung des Gesetzes war das Passah, das am selben Tag, da Israel Ägypten verließ, gefeiert wurde. - 2. Mose 12:41-43; 47; 50; 51

Im Einklang damit lesen wir: "Das Wohnen der Kinder Israel, welche in Ägypten gewohnt hatten, war 430 Jahre, es geschah an diesem selbigen Tag, da zogen alle Heere Jehovas aus dem Land Ägypten." - 2. Mose 12:40-41; 51 - Dekan Schmollers Parallelbibel.

Man möchte meinen, dass die Aussage von Mose nicht mit der des Paulus übereinstimme. (2. Mose 12:40-42; und Gal. 3:17) Der eine sage, dass die Zeit, welche die Kinder Israel in Ägypten zugebracht haben, vierhundert und dreißig Jahre betrage, und der andere, dass vom Bund mit Abraham bis zur Gesetzgebung vierhundert und dreißig Jahre verflossen seien. Man schließt: Wenn von Abrahams Betreten Kanaans bis zur Gesetzgebung nur vierhundert und dreißig Jahre verflossen sind, da muss der Aufenthalt der Kinder Israel in Ägypten ein viel kürzerer gewesen sein. Man sollte aber beachten, dass es nicht heißt, Israel habe vierhundert und dreißig Jahre in Ägypten gewohnt, sondern dass die ganze Dauer des Wohnens jenes Volkes, das eine Zeitlang in Ägypten wohnte, vierhundert und dreißig Jahre währte: - "Das Wohnen der Kinder Israel, die in Ägypten wohnten, war vierhundert und dreißig Jahre." (Anmerkung: Andere übersetzen: Die Wohnzeit der Kinder Israel, die sie in Ägypten wohnten, usw. Damit aber bringen sie diese Stelle mit des Apostels Aussage in Widerspruch. Der Stellung der Worte nach bezieht sich das die auf die Kinder Israel und nicht auf die Wohnzeit der Kinder Israel.) Das Wohnen der Kinder Israel, von dem hier die Rede, begann schon, als Abraham nach Kanaan kam. (Hebr. 11:8,9) Israel wohnte in Abraham, Isaak und Jakob geradeso wie Levi dem Mechisedeck den Zehnten gab, als er noch in den Lenden seines Vaters war. - Hebr. 7:9, 10

Der Bund mit Abraham trat in Kraft, als er nach dem Verlassen von Haran oder Charran seinen Fuß auf Kanaan, das Land der Verheißung, setzte. Von da an wurde er und in ihm das ganze, obwohl noch ungeborene Israel, Erben der verheißenen Güter und sie waren Wanderer oder Pilgrimme, die auf Gottes Erfüllung der Verheißung warteten. Dieses Wohnen dauerte vierhundert und dreißig Jahre, bis auf den Tag, als Israel Ägypten verließ und jene erste Gesetzeseinrichtung - das Passah - empfing. Die Aussagen von Mose, wie von dem Apostel Paulus, beziehen sich demnach auf genau denselben Zeitabschnitt und geben somit die bestimmte Gewissheit, dass von dem Bund mit Abraham bis zum Geben des Gesetzes vierhundert und dreißig Jahre verflossen sind. Paulus legte besonderen Nachdruck darauf, dass das Passah als der Anfang des Gesetzes angesehen werden muss (was Mose auch zeigt, 2. Mose 12:42, 47, 50), und Mose lege besonderen Nachdruck auf die Genauigkeit der Periode - bis auf einen Tag.

Somit haben wir unsern dritten Abschnitt deutlich festgestellt. Und wenn wir die Genauigkeit sehen, mit welcher der Herr bis auf einen Tag die Zeit angibt, um dieses Glied in der Kette der Chronologie darzureichen, so gibt das feste Zuversicht, besonders wenn wir überlegen, dass wahrscheinlich solche Genauigkeit früher für die Kirche gar keine Bedeutung hatte und nur gegeben ist, um jetzt verwandt zu werden.

Die Periode vom Auszug bis zur Teilung Kanaans unter die zwölf Stämme

Auf Israels vierzig Jahre oder den "Tag der Versuchung in der Wüste" (5. Mose 8:2; Ps. 95:8-10; Hebr. 3:8, 9), folgten sechs Jahre des Krieges in Kanaan und die Einteilung des Landes unter die Stämme. Ein Jahr, ein Monat und fünf Tage verflossen seit ihrem Fortgang aus Ägypten bis zu ihrem Aufbruch vom Sinai nach Paran. (4. Mose 33:3; 10:11-13) Und von hier aus, von Kadesch-Barnea in der Wüste Paran, wurden die Kundschafter ausgesandt. (4. Mose 13:3-26; 32:8-13.) Als einer derselben, Kaleb, bei der Teilung des Landes (Josua 11:23; 10:42) um seinen Anteil nachsuchte, sagte er: "Vierzig Jahre war ich alt, als Mose, der Knecht Jehovas, mich aussandte, von Kadesch-Barnea, das Land auszukundschaften, und ich brachte ihm Antwort. ... Und nun siehe, Jehova hat mich leben lassen, so wie er geredet, diese fünfundvierzig Jahre, seitdem Jehova dieses Wort zu Mose geredet, als Israel in der Wüste umherwanderte; und nun siehe, ich bin heutefünf und achtzig Jahre alt." (Josua 14:7, 10, 13) Hieraus wird man ersehen, dass es von der Erkundung des Landes bis zur Austeilung desselben unter die Stämme, wie von Josua bestätigt wird, fünf und vierzig Jahre war, und ein wenig über ein Jahr vom Auszug bis zur Aussendung der Kundschafter, was zusammen vom Auszug bis zur Teilung des Landes volle sechs und vierzig Jahre und ein wenig darüber macht. (Anmerkung: Wir berechnen nur die vollen Jahre, da eine genauere Berechnung unmöglich ist. Manchmal, wie oben, sind die Jahre um einen Bruchteil länger; manchmal sind sie kürzer, wie im Fall der Regierung des Zedekia. Von Zedekia heißt es, dass er elf Jahre regiert habe (2. Chron. 36:11; Jer. 52:1); aus dem vierten bis siebenten Vers des letzteren Kapitels geht jedoch hervor, dass seine tatsächliche Regierung zehn Jahre, vier Monate und neuen Tage war. Wir glauben, dass diese Jahresbruchteile sich gegenseitig aufheben; und wir sind gewiss, dass der Herr die Sache so überwaltet und geordnet hat; wobei uns der Ausgang der Berechnung und die davon abzuleitenden Resultate und die Genauigkeit sogar in einigen großen schon betrachteten Perioden unterstützt: Als Beispiel für die Sorgfalt und Genauigkeit Gottes in dieser Sache siehe 1. Mose 7:11; 8:13; 2. Mose 12:40, 41) Da die ersten vierzig Jahre dieses Abschnittes, wie von vielen Schriftstellen nachgewiesen wird, besonders von Apg. 7:36 und Hebr. 3:9, in der Wüste zugebracht wurden, so fallen die bis zur Teilung des Landes übriggebliebenen sechs dem Aufenthalt in Kanaan zu, während welcher die Eroberung und Besitznahme des Landes der Verheißung vor sich ging.

Die Periode der Richter

Wir kommen nun zu dem schwierigsten Teil der Chronologie, zur Periode von der Teilung des Landes bis zur Salbung Saulus zum König. Man nennt sie gewöhnlich die Periode der Richter, obgleich nicht in einem fort Richter im Amt waren. Der im Buch der Richter und im ersten Buch Samuel gegebene Bericht gibt neunzehn Zeitabschnitte an, die im ganzen annähernd vierhundert und fünfzig Jahre ausmachen. Aber sie sind ohne Zusammenhang, unterbrochen, übereinander greifend und so verwickelt, dass wir von ihnen zu keinem bestimmten Schluss gelangen können. Wir würden also genötigt sein, wie andere getan haben, uns zu sagen, dass man über diesen Gegenstand nichts Bestimmtes wissen könne, wäre es nicht, dass das Neue Testament uns diesen Mangel ersetzt. Paulus sagt von der Zeit, nachdem Gott das Land unter sie durchs Los verteilt hatte: "Und nach diesem, bei (während) 450 Jahren, gab er Richter bis auf Samuel, den Propheten. Und von da an begehrten sie einen König, und Gott gab ihnen Saulus." - Apg. 13:20-21

In der uralten syrischen Übersetzung des Neuen Testamentes, die fast älter ist als alle griechischen Manuskripte, lautet es so: "Und für 450 Jahre gab er ihnen Richter bis zu Samuel, den Propheten" - dem letzten der "Richter".

Diese Aussage des Apostel Paulus über die Länge der Richterperiode nehmen wir als ausdrücklich beabsichtigte Lösung der Schwierigkeiten an. Nur in zwei Fällen - in Betreff der vierhundert und dreißig Jahre vom Bundesschluss bis zum Gesetz und dieser Richterperiode - ist irgendwelche gegründete Ungewissheit in der alttestamentlichen Chronologie, und beide sind so deutlich im Neuen angegeben. Können wir annehmen, dass dies bloß vom Zufall kam? Viel vernünftiger ist es, dass Gott diese Sache zuerst verbarg, indem er den alttestamentlichen Bericht unvollständig ließ, und dass er den Mangel im Neuen Testament ersetzte, so dass, wenn seiner Zeit die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden würde, diejenigen, die zur Vergleichung der Berichte genügendes Interesse besitzen, die fehlenden Glieder finden; und wie vernünftig erscheint es auch, dass Gott dies ausdrücklich tat, damit man seine Abhängigkeit von ihm, dem großen Zeitenlenker, lernen sollte.

Die Periode der Könige

Die Regierung Saulus war in oder während dem vierzigjährigen Abschnitt, der auf den letzten Richter folgte, bis David zum König gesalbt wurde, wie wir oben gezeigt haben; und die folgenden Abschnitte der davidischen Könige sind leicht in den Büchern der Chronika zu finden:

Saulus "Abschnitt" Apg. 13:21 40 Jahre
David regierte 1. Chron. 29:27 40 Jahre
Salomo " 2. " 9:30 40 Jahre
Rehabeam " " " " 12:13 17 Jahre
Abija " " " " 13:2 3 Jahre
Asa " " " " 16:13 41 Jahre
Josaphat " " " " 20:31 25 Jahre
Joram " " " " 21:20 8 Jahre
Ahasja " " " " 22:2 1 Jahre
Athalja " " " " 22:12 6 Jahre
Joas " " " " 24:1 40 Jahre
Amazja " " " " 25:1 29 Jahre
Ussija " " " " 26:3 52 Jahre
Jotham " " " " 27:1 16 Jahre
Ahas " " " " 28:1 16 Jahre
Hiskia " " " " 29:1 29 Jahre
Manasse " " " " 33:1 55 Jahre
Amon " " " " 33:21 2 Jahre
Josiah " " " " 34:1 31 Jahre
Jojakim " " " " 36:5 11 Jahre
Zedekia " " " " 36:11 11 Jahre

Summe: 513 Jahre
Die siebzig Jahre der Verödung

Das bringt uns zur Periode der Verödung des Landes, die siebzig Jahre dauerte und mit der Rückkehr des Volkes von Babylon, im ersten Jahr des Cyrus, 536 Jahre vor Christus, endete. (siehe 2. Chron. 36:20, 23) Dieses letztere Datum ist von der Weltgeschichte wohl verbürgt, und über dasselbe reicht die biblische Chronologie nicht hinaus.

Periode von der Rückkehr Israels aus Babylon bis 1873 nach Christo

Die Periode von der Zeit der Rückkehr der Juden aus Babylon, am Ende der siebzigjährigen Verödung ihres Landes, im ersten Jahre des Cyrus, bis herab zu dem Datum, das als das Jahr 1 n.Chr. bekannt ist, wird nicht durch biblische Geschichte umfasst. Jedoch, wie schon gesagt, sie ist von der Weltgeschichtsforschung mit Sicherheit als eine Periode von 536 Jahren festgestellt. Ptolemäus, ein griechisch - ägyptischer Gelehrter, ein Geometer und Astronom, hat diese Zahlen wohl verbürgt. Sie sind von den Gelehrten allgemein angenommen und als der ptolemäische Kanon bekannt.

Somit haben wir eine deutliche und zusammenhängende, chronologische Linie von der Schöpfung bis zum Anfang der christlichen Zeitrechnung oder bis zur Geburt Jesu Christi. Alles in allem ist es ein Zeitabschnitt von viertausend einhundert und acht und zwanzig (4128) Jahren, die zusammen mit achtzehn hundert und zwei und siebzig Jahren der christlichen Zeitrechnung von der Schöpfungbis zum Jahre 1873 n.Chr. sechstausend Jahre ausmachen.

Es wird für einige interessant sein zu wissen, worin sich die obige Chronologie von der in den Randbemerkungen der gewöhnlichen (englischen) Bibelversionen unterscheidet, welche als Ushers Chronologie bekannt ist. Der Unterschied zwischen den beiden bis zur Zeit der siebzig Jahre der Verödung beträgt einhundertvierundzwanzig (124) Jahre. Diese Differenz entsteht aus vier Perioden von 18, 4, 2 und 100 Jahren, wie folgt:

Usher datiert die siebzig Jahre der Verödung achtzehn Jahre früher, als oben gezeigt, das heißt vor der Entthronung Zedekias, des letzten Königs von Juda, weil er sich gedacht hatte, dass in jener Zeit der König von Babylon viele Leute gefangennahm. (Man bemerke dennoch, dass diese Teilgefangenschaft elf und nicht achtzehn Jahre vor der Entthronung Zedekias geschah.) 2. Chron. 36:9, 10, 17; 2. Könige 24:8-16

Er macht offensichtlich den nicht ungewöhnlichen Fehler, jene siebzig Jahre als eine Zeit der Gefangenschaft zu betrachten, wohingegen der Herr sie ausdrücklich als siebzig Jahre der Verödung des Landes erklärt, wo das Land "verödet und ohne einen Bewohner" brachliegen sollte. Dies war vor Zedekias Entthronung nicht der Fall (2. Könige 24:14). Aber die Verödung, welche Zedekias Sturz folgte, war gänzlich, obwohl einige Arme des Landes als Weingärtner und Ackersleute zurückgelassen wurden. (2. Könige 25:12) Kurz darauf flohen auch diese - "alle Leute, vom Kleinsten bis zum Größten" - wegen der Furcht vor den Chaldäern nach Ägypten (Vers 26). Es kann hier keinen Zweifel geben: und deshalb sollten in der Berechnung der Zeit der Verödung alle Perioden bis zum Ende der Herrschaft Zedekias einbezogen werden, wie wir es getan haben.

Die vier Jahre Unterschied sind in der Herrschaft Jorams zu finden. Usher gibt sie als ein Herrschen von vier Jahren an, während die Bibel sagt, dass es acht Jahre waren. (2. Chron. 21:5; 2. Könige 8:17)

Von den zwei Jahren Unterschied ist ein Jahr in der Bezeichnung der Herrschaft des Ahas zu finden, welche Usher als 15 Jahre angibt, während die Bibel sagt, dass es sechzehn Jahre waren. (2. Chron. 28:1; 2. Könige 16:2). Ein anderes ist in der Regierungszeit des Joash, dem Usher neununddreißig Jahre berechnet, während die Bibel sie als vierzig Jahre angibt. (2. Könige 12:1; 2. Chron. 24:1)

Diese Unterschiede können nur erklärt werden, wenn man annimmt, dass Usher versuchte, Josephus, einem jüdischen Geschichtsschreiber, zu folgen. Seine chronologischen Daten sind nun allgemein als unbedacht und fehlerhaft erkannt worden. Wir beziehen uns auf die Bibel allein, denn wir glauben, dass Gott ihr einziger Ausleger ist.

Neben diesen vierundzwanzig Jahren Unterschied in der Periode der Könige gibt es eine andere Abweichung zwischen der obigen Bibelchronologie und der von Usher, nämlich einhundert Jahre in der Periode der Richter. Hier ist Usher durch den offensichtlichen Irrtum von 1. Könige 6:1 fehlgeleitet, welcher sagt, dass das vierte Jahr der Herrschaft Salomo das vierhundertachtzigste Jahr nach dem Auszug aus Ägypten sei. Es sollte offensichtlich das fünfhundertachtzigste Jahr gelesen werden, was möglicherweise ein Abschreibfehler war; denn wenn wir zu Salomo viertem Jahr Davids vierzig und Saulus Zeitraum von vierzig hinzurechnen und die sechsundvierzig vom Auszug aus Ägypten bis zur Aufteilung des Landes, dann haben wir einhundertdreißig Jahre. Diese von vierhundertachtzig abgezogen, würden nur dreihundertfünfzig Jahre für die Periode der Richter übriglassen anstatt vierhundertfünfzig Jahre, die im Buch der Richter erwähnt sind und bei Paulus, wie gezeigt. Der hebräische Buchstabe "daleth" 4. ähnelt sehr stark dem Buchstaben "hay" 5., und es wird angenommen, dass auf diese Art der Fehler entstand, vielleicht durch einen Abschreiber. 1. Könige 6:1 sollte dann mit fünfhundertachtzig gelesen werden und damit in vollkommener Harmonie mit den anderen Äußerungen sein.

So korrigiert das Wort Gottes die wenigen leichten Fehler, welche sich auf irgendeine Weise eingeschlichen haben. (Anmerkung: Eine ähnliche Diskrepanz wird beim Vergleich von 2. Chron. 36:9 mit 2. Könige 24:8 bemerkt. Eine Stelle gibt achtzehn Jahre und die andere, offensichtlich fehlerhaft, gibt acht Jahre als das Alter des Jojachin, welcher drei Jahre regierte und in den Augen des Herrn übel tat und durch Gefangenschaft bestraft wurde. Solch ein Fehler könnte ganz einfach erscheinen, aber Gott hat sein Wort so beschützt, dass die paar belanglosen Fehler von Abschreibern sehr offenkundig wurden und die volle Harmonie seines Wortes gibt reichlich Grundlage zum Glauben.)

Wir sollten uns daran erinnern, dass solche Lücken in der Periode, die wirksam im inspirierten Zeugnis des Neuen Testaments überbrückt werden, vorkommen.

Wenn auch Uscher das Jahr 1 n.Chr. Als das Jahr 4005 von der Erschaffung Adams an rechnet, war es doch wirklich, wie wir es gezeigt haben, das Jahr 4129 gemäß dem Bibelbericht. Deshalb wird gezeigt, dass das Jahr 1872 n.Chr. das Jahr 6000 der Welt ist und 1873 n.Chr. der Anfang der siebten Jahrtausend - Periode, des siebten Millenniums oder Tausendjahrtages der Geschichte der Erde ist.

So ist also die aus der Bibel entnommene Chronologie, von der Schöpfung bis herab zur wohl bezeugten Weltgeschichte, klar und stark. Dazu trägt sie in ihren Verzeichnissen in ganz besonderer Art und Weise das Merkmal göttlicher Vorsehung, ebenso wie in dem Verbergen und in dem zur rechten Zeit allmählichen Entfalten derselben. Hierdurch, zusammen mit den vorhandenen, zuverlässigen Daten der christlichen Zeitrechnung und der einige Jahrhunderte vorher, sind wir in den Stand gesetzt, unseren Standpunkt im Strom der Zeit zu bezeichnen. Hoffnungsvoll heben wir daher unsere Häupter empor und freuen uns, da wir bemerken, dass wir tatsächlich in das glorreiche Zeitalter des siebten Jahrtausends hinüber gleiten - selbst wenn wir erkennen, dass sein Anfang dunkel und voller Drangsal ist, wie es von den Propheten vorhergesagt wurde, und dass die Sturmwolken sich schon zusammenziehen und finsterer werden.

Das Datum der Geburt unseres Herrn

Im sechsten Jahrhundert begann man, die Zeit von der Geburt unseres Herrn an zu rechnen und stellte die Geburt des Herrn fest, so wie wir es jetzt noch haben, 536 Jahre vom ersten Jahre des Cyrus, Königs von Persien, dieses eingerechnet. (Anmerkung: Das Datum derselben wurde schon vorher, im vierten Jahrhundert, von Dionysius Exiguus und anderen Gelehrten seiner Zeit festgestellt. Doch kam es nicht vor dem sechsten Jahrhundert in allgemeinen Gebrauch.) Ob man sie richtig festsetzte oder nicht, macht für die so eben gegebene Chronologie keinen Unterschied, welche zeigt, dass die sechstausend Jahre von der Erschaffung Adams mit dem Jahre 1872 n.Chr. endeten. Denn seit dem Zeitpunkt, an dem die Geburt des Herrn als geschehen angenommen wurde, sind achtzehnhundert und zwei und siebzig Jahre verflossen, und das erst Jahr des Cyrus begann fünfhundert sechs und dreißig Jahre vor jenem Zeitpunkt, ob er der Geburt unseres Herrn war oder nicht.

Wir können es wohl nicht besser erklären als durch die althergebrachte Erläuterung mit einer Linie und einem darüber befindlichen Stern; so: vor Chr.___________*______n.Chr. Die Linie soll die sechstausend Jahre der Geschichte der Welt von Adams Erschaffung bis 1873 n.Chr. darstellen. Der Stern vertritt die Geburt Christi. Wenn man diesen Stern nach rechts oder nach links verrückt, so ändert dies nichts an der Länge der ganzen Linie, wenn es auch die Anzahl der Teile, sage 1/8, auf beiden Seiten des Sterns verändert. So, wenn man den Zeitpunkt der Geburt des Herrn um ein Jahr vorwärts oder rückwärts rechnet, so verändert das wohl die Zahl der Jahre auf beiden Seiten von diesem Zeitpunkt, aber die Summe derselben bleibt immer dieselbe; denn was man von der einen Seite nimmt, fügt man zur andern hinzu. Doch lasst uns trotzdem das Datum der Geburt unseres Herrn untersuchen, da es bei unserem weiteren Studium von Nutzen sein wird.

Es ist unter Gelehrten gebräuchlich geworden, zuzugeben, dass der gewöhnlich angenommene Zeitpunkt der Geburt Christi um vier Jahre unrichtig sei, dass unser Herr vier Jahre früher, am Anfang des Jahres 4 v.Chr., geboren sei. Dieser Annahme sind die Herausgeber der gewöhnlichen englischen Bibel gefolgt. Wir können dem nicht beistimmen, dass das wahre Datum der Geburt Christi auf 4 v.Chr. falle. Im Gegenteil finden wir, dass er nur ein Jahr und drei Monate vor unserer gewöhnlichen Zeitrechnung, im Oktober des Jahres 2 v.Chr., geboren wurde.

Der Hauptgrund, warum die meisten behaupten, dass die Geburt unseres Heilandes vier Jahre zurück zu verlegen sei, ist das Bestreben, diesen Zeitpunkt mit gewissen Aussagen des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus die Dauer der Regierung Herodes des Großen betreffend in Einklang zu bringen. Nach einer seiner Aussagen sollte es scheinen, als ob Herodes drei Jahre vor dem angenommenen Zeitpunkt der Geburt Jesu gestorben wäre. Wäre das wahr, so würde das gewiss beweisen, dass unser Herr im Jahre 4 v.Chr. geboren wäre; denn dieser Herodes war es, der den Befehl zur Tötung der Kinder Bethlehems gab, wovor das Kind Jesus gerettet wurde. (Matth. 2:14-16) Doch ist diese Aussage des Josephus zuverlässig? Ist es wahr, dass Herodes vier Jahre vor Christi Geburt starb? Wir antworten: Nein! Josephus allein ist, um so etwas zu entscheiden, keine hinreichende Autorität, da er zugestandenermaßen in seinen Angaben von Daten als ungenau bekannt ist.

Doch diese Meinung hat die Oberhand gewonnen; das Datum 4 v.Chr. ist allgemein angenommen, und historische Ereignisse und Daten in etwas verschoben worden, um mit dieser Theorie zu stimmen und sie zu unterstützen. Unter anderen sogenannten Beweisen, dass 4 Jahre v.Chr. das eigentliche Datum sei, befindet sich eine Mondfinsternis, von der Josephus sagt, dass sie kurz vor Herodes Tod stattgefunden habe. Was von dieser Mondfinsternis bekannt ist, ist Folgendes: Herodes hatte über den Eingang zum Tempel einen großen goldenen Adler befestigen lassen. Zwei hervorragende Juden, namens Matthias und Judas, überredeten einige junge Männer, ihn herunterzureißen. Sie taten es, wurden verhaftet und hingerichtet. Um die Sache deutlicher zu machen, erzählt Josephus, dass es zu jener Zeit noch einen anderen Matthias gab, der ein Hohepriester und nicht in jenem Aufruhr verwickelt war. Dann fügt er hinzu: "Aber Herodes entsetzte diesen Matthias von seinem Hohenpriesteramt und verbrannte den andern Matthias, der den Aufruhr erregt hatte, mitsamt seinen Gefährten bei lebendigem Leib, und in derselben Nacht war eine Mondfinsternis." Dies war als eine der letzten hervorragenden Handlungen des Herodes berichtet und auf eine Zeit datiert, die der von Josephus angegebenen (4 n.Chr.) entsprechen möchte, der dieselbe eben durch die erwähnte Finsternis bezeichnet.

Jedoch, da zuweilen bis zu vier Mondfinsternisse in einem Jahr vorkommen, so ist klar, dass, außer unter ganz besonderen Umständen, der Bericht von einem solchen Vorkommnis nichts beweist. Wenn die Zeit der Nacht, die Zeit des Jahres und die Größe der Verfinsterung zusammen angegeben wäre, wie es in einigen Fällen geschehen ist, dann würde der Bericht zur Feststellung von Daten von großem Wert sein. Aber im vorliegenden Fall ist nichts davon da. Folglich wird durch den Bericht in betreff der Chronologie absolut nichts bewiesen. Josephus erwähnt ein Fasten, das vor dem Ereignis gehalten worden sei; jedoch, was für ein Fasten, oder wie lange vorher, wird nicht gesagt.

Zufällig war nur eine Mondfinsternis im Jahre 4 v.Chr., während im Jahre 1 v.Chr. drei stattfanden. Die Finsternis von 4 v.Chr. war nur eine teilweise (sechs Zwölftel, also der halbe Mond war verfinstert), während alle drei im Jahre 1 v.Chr. totale Finsternisse waren. Der ganze Mond wurde da verfinstert und natürlich um so länger, so dass das Ereignis viel bemerkbarer war. Wenn daher die Finsternis Theorie ins Gewicht fällt, so geschieht es sicherlich nicht zu Gunsten des älteren Datums, 4 v.Chr.

Unglücklicherweise ist die Zeit des Todes Herodes von keinem zuverlässigen Historiker gegeben worden. Josephus gibt einige Abschnitte seiner Geschichte und die Daten einiger Ereignisse an; aber diese Daten sind nicht zuverlässig. Etliche würden lehren, dass Herodes 4 v.Chr. starb, aber andere können damit nicht in Einklang gebracht werden; zum Beispiel, es heißt, sein Tod sei im siebzigsten Jahre erfolgt. Er wurde 47 v.Chr. Herrscher in Galiläa, zu welcher Zeit, wie Josephus sagt, er fünf und zwanzig Jahre alt war. (Altert. 149:2) Dies würde seine Geburt ins Jahr 72 v.Chr. verlegen (47-25). Sein Tod im siebzigsten Jahre würde dann auf 2 v.Chr. statt auf 4 v.Chr. fallen.

In dieser Verbindung mag es gut sein, den Meinungsstreit unter den Gelehrten betreffs des genauen Datums des Todes Herodes anzumerken, damit es jedermann einleuchten möge, dass kein genügender Grund vorhanden ist, das Jahr 4 v.Chr. als das einzige Datum anzunehmen, das mit Matth. 2:14-16 übereinstimme. Fausets Bibelenzyklopädie gibt das Alter des Herodes, da er Herrscher wurde, auf ungefähr zwanzig Jahre an. Dies verlegt seinen Tod mit 70 Jahren auf 2 v.Chr. Chambers Enzyklopädie und Smiths Bibellexikon bestimmen sein Alter zu der Zeit auf fünfzehn Jahre; das würde seinen Tod ins Jahr 7 v.Chr. bringen. Appletons Enzyklopädie, Artikel Chronologie, sagt: "Josephus gibt auch Daten, aber er ist viel zu nachlässig, um in Betracht gezogen zu werden."

Wir schreiten nun weiter und bieten den Schriftbeweis in Bezug auf diese Sache. Dieser stimmt mehr mit der gewöhnlichen Zeitrechnung und zeigt, dass die Geburt unseres Herrn nur ein Jahr und drei Monate vor dem Januar des Jahres 1 n.Chr. stattfand.

Die Amtsverwaltung unseres Herrn dauerte drei und ein halbes Jahr. Die neun und sechzig Jahrwochen (Dan. 9:24-27) reichten bis zu seiner Taufe und Salbung als der Messias, und da begann die letzte oder siebzigste Woche (sieben Jahre) der Begünstigung Israels. Er wurde ausgerottet (getötet) in der Mitte jener siebzigsten Woche - drei und ein halb Jahre seit dem Anfang seines Amtes. Er wurde, wie wir wissen, zur Zeit des Passah, ungefähr am ersten April, gekreuzigt, einerlei, was das Jahr gewesen ist. Die drei und ein halb Jahre seines Amtes, die im April endeten, müssen folglich im Oktober, gleichviel welchen Jahres, begonnen haben. Der Oktober irgendeines Jahres muss sodann der eigentliche Monat seiner Geburt gewesen sein; denn erverzog nicht, sein Amt anzutreten, sobald er dreißig Jahre war; und, ehe er dreißig Jahre war, konnte er es nach dem Gesetz (unter dem er geboren und dem er gehorsam war) nicht antreten. So lesen wir: "Jesus begann ungefähr dreißig Jahre alt zu werden, als er zu Johannes an den Jordan kam."

Johannes, der Täufer, war sechs Monate älter als unser Herr (Luk. 1:26, 36), folglich erreichte er sechs Monate früher als der Herr das rechte Alter (dreißig Jahre nach dem Gesetz - 4. Mose 4:3; Luk. 3:23 usw.) und fing an zu predigen. Das Datum, da Johannes sein Amt antrat, ist deutlich als das "fünfzehnte Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius", des dritten römischen Kaisers, angegeben. Das ist ein deutlich festgestelltes Datum, über welches kein gegründeter Zweifel obwalten kann. Tiberius wurde beim Tode des Kaisers Augustus Kaiser, im 767. Jahre Roms. Dies ist das Jahr 14 n.Chr.

Diejenigen aber, die sich durch die ungenauen Angaben des Josephus haben verleiten lassen und die Geburt Jesu ins Jahr 4 v.Chr. verlegen, stoßen, um mit ihm stimmen zu können, auf eine neue Schwierigkeit. Um das von Lukas so deutlich angegebene Datum mit ihrer 4 v.Chr. Annahme übereinstimmend zu machen, müssen sie die Behauptung aufstellen, dass Tiberius schon drei oder vier Jahre, ehe Augustus starb, und ehe er selbst eigentlicher Kaiser wurde, zu herrschen begann. Sie behaupten, dass seine Herrschaft möglicherweise von jenem Datum an gerechnet worden sein möchte.

Doch solche Annahmen erweisen sich als grundlos. Wer die Sache auf den Blättern der Geschichte untersucht, findet dies heraus. Es ist wohl wahr, dass Tiberius von Augustus zu einer sehr wichtigen Stellung erhoben wurde, doch das geschah nicht wie jene Annahme fordert, vier, sondern zehnJahre vor dem Tode des Augustus, im Jahre 4 n.Chr. Aber die ihm damals übertragene Gewalt war eine solche, wie sie auch andere in jener Zeit genossen hatten. Es war in keinem Sinne des Wortes kaiserliche Gewalt, und in keinem Sinne kann man sagen, seine "Herrschaft" habe damals begonnen. Er war nur der Thronerbe. Selbst beim übertriebensten Gebrauch der Sprache, könnte man nicht sagen, dass seine "Herrschaft" vor dem Tode des Augustus und vor seiner eigenen Einsetzung ins Amt durch den römischen Senat angefangen habe.

Die Geschichte berichtet: "Der Kaiser, dessen abnehmendes Alter einen Gehilfen erheischte, adoptierte Tiberius im Jahre 4 n.Chr., indem er seinen Rang als Tribun erneuerte." - Artikel Tiberius, Rees Enzyklopädie.

"Er (Augustus) beschloss daher, ihm (Tiberius) einen Teil der Regierung zu übertragen. Diese formelle Investitur versetzte ihn auf denselben Standpunkt, den der Veteran Agrippa in seinen letzten Jahren eingenommen hatte, und darüber kann kein Zweifel sein, dass es allgemein als ein einleitender Schritt zur Ersteigung des ersten Platzes im Kaiserreiche angesehen wurde. Das Programm für die Nachfolge war dadurch deutlich angedeutet: Tiberius wurde beordert, seine Stellung an der Spitze des Senates, des Volkes und des Heeres einzunehmen. Die Adoption, die zur gleichen Zeit stattfand, datiert vom 27. Juni des 757. Jahres seit der Erbauung Roms - 4 n.Chr." (Merivales Geschichte der Römer (Appletions) Band 4, Seiten 220, 221)

Es gibt also hinreichenden Beweis dafür, dass das erste Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius nicht drei oder vier Jahre vor Augustus Tod fiel; und was die Ehren betrifft, die ihm während der Herrschaft des Augustus übertragen wurden, so wurden sie ihm zehn und nicht vier Jahre vor Augustus Tod übertragen, und sodann waren es auch keine kaiserlichen Ehren.

Wir können daher das in Lukas 3:1 gegebene Datum nicht nur als das einzige im Neuen Testament gegebene betrachten, sondern auch als ein unbestreitbares. Wer die Sache untersucht hat, bei dem kann kein Zweifel zurück bleiben. Tiberius fing im Jahre 14 n.Chr. an zu regieren. Das 15. Jahr seiner Regierung ist demnach das Jahr 29 n.Chr., in welchem Jahr, wie Lukas (3:1-3) bezeugt, Johannes sein Amt antrat. Da der dreißigste Geburtstag des Herrn und der Anfang seines Amtes auf Oktober fiel, und da der Geburtstag des Johannes und der Anfang seines Amtes gerade sechs Monate früher war, so folgt, dass Johannes sein Amt in Frühjahr, ungefähr am ersten April antrat - gerade als er das rechte Alter erreicht hatte; denn Gottes Pläne werden stets aufs pünktlichste ausgeführt. Im Jahre 29 n.Chr., etwa am 1. April, war Johannes dreißig Jahre alt, folglich war er 2 v.Chr., etwa am 1. April geboren. Und Jesu Geburt, sechs Monate später, muss etwa am 1. Oktober im Jahre 2 v.Chr. geschehen sein. (Anmerkung: Um solcher Leser willen, die mit dem Rechnen nach Daten nicht vertraut sind, machen wir darauf aufmerksam, dass am Anfang des Jahres 29 n.Chr. nur volle 28 Jahre verflossen waren, und das neun und zwanzigste erst anfing).

Ferner, wir haben deutlichen und starken Beweis, dass Jesus am Freitag, den 3. April 33 n.Chr. gekreuzigt wurde. Der Umstand, dass seine Kreuzigung am Schluss des vierzehnten Tages des Monats Nisan stattfand, und dass dieses Datum selten auf Freitag fällt, in dem Jahre 33 aber tat, stellt das Datum so gründlich fest, dass selbst Uscher, der 4 Jahre v.Chr. als das Datum der Geburt Jesu annahm, sich genötigt sah, zuzugeben, dass seine Kreuzigung 33 Jahre n.Chr. stattfand. Vergleiche Uschers Daten am Rand der gewöhnlichen (englischen) Bibel bei Lukas 2:22 und Matth. 2:1, mit denen bei Matth. 27 und Lukas 23. Wenn das Datum der Kreuzigung 33 n.Chr. ist, und Jesus 4 v.Chr. geboren wurde, so folgt, dass er 36 Jahre alt war, als er starb, und dass seine Amtszeit, vom dreißigsten bis sechsunddreißigsten Jahr, sechs Jahre betragen haben würde. Doch es ist klar, dass unseres Herrn Amtszeit nur drei und ein halb Jahr dauerte, und diese allgemein zugegebene Tatsache wird durch Daniels Prophezeiung über die Ausrottung des Messias in der Mitte der siebzigsten Woche der Begünstigung Israels bewiesen.

So ist es abermals bewiesen, dass Jesus Geburt ungefähr ein Jahr und drei Monate vor der gewöhnlichen Zeitrechnung stattfand; denn wenn sein Amt zu Ende lief, als er dreiunddreißig und ein halb Jahre alt war, am 3. April. 33 n.Chr., so kann man das Datum seiner Geburt leicht nachrechnen, wenn man vom 3. April 33 dreiunddreißig und ein halb Jahr zurück zählt. Zweiunddreißig Jahre und drei Monate vor April 33 führt bis zum 2. Januar des Jahres 1; und ein Jahr und drei Monate weiter zurück, bringt uns zum 2. Oktober des Jahres 2 v.Chr., als das Datum der Geburt unseres Herrn in Bethlehem. Der Unterschied zwischen der Berechnung nach Mondjahren, wie sie bei den Juden gebräuchlich war, und der nach Sonnenjahren, wie sie jetzt gebräuchlich ist, würden einige wenige Tage ausmachen, so dass wir nicht gewiss sind, ob der genaue Tag nicht etwa in den September, ungefähr auf den 27. fiel. Jedoch der 1. Oktober des Jahres 2 vor Christo ist ungefähr richtig. Neun Monate weiter zurück bringt uns etwa in die Weihnachtszeit des Jahres 3 v.Chr., als das Datum, da unser Herr die Herrlichkeit niederlegte, die er bei dem Vater hatte, ehe die Welt war, und da die Annahme der menschlichen Natur oder die Verwandlung in dieselbe vor sich ging. Es ist wahrscheinlich, dass dies der Ursprung der Feier des 25. Dezembers als des Christfesttages war. Etliche Kirchengeschichtschreiber behaupten sogar, dass das Christfest ursprünglich als der Tag der Ankündigung Gabriels bei der Jungfrau Maria gefeiert wurde. (Lukas 1:26) Gewiss ist, dass ein Datum mitten im Winter nicht wohl mit der Aussage der Schrift stimmt, dass zur Zeit der Geburt unseres Herrn Hirten mit ihren Herden auf dem Felde waren.

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Studie 3

Die am ersten Advent Christi erfüllte Zeitprophezeiung
- Daniel 9:23-27 -

Die siebzig Wochen der Weissagung Daniels. - Während dieser Zeit, der Vorhersagung gemäß, sich abspielende Ereignisse. - Die Zeit des Advents des Messias angezeigt, und dadurch, wie es angezeigt ist, eine Richtschnur gegeben. - Ein Schlüssel zu anderer Zeitprophezeiung. - Die Zeit der Kreuzigung des Messias. - Die Verkürzung der ausschließlichen Begünstigung des Volkes Israel als solches in Gerechtigkeit, einzelnen gegenüber aber fortgesetzt. - Salbung des Allerheiligsten. - Drangsal auf das wüste gelassene Volk ergossen.

"So merke auf das Wort und gib acht auf das Gesicht: Siebzig Wochen sind bestimmt über dein Volk und über deine heilige Stadt, um die Übertretung zu beenden und zu Ende zu bringen die Sünden und um für die Missetat eine Versöhnung zu schaffen, und herbeizuführen eine ewige Gerechtigkeit und um das Gesicht und den Propheten zu versiegeln und ein Allerheiligstes zu salben. Wisse also und verstehe: Vom Ausgang des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu erbauen, bis auf Messias, (den Gesalbten), den Fürsten sind sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen (7+62 = 69 Wochen): Die Straße und die Mauer wird wieder aufgebaut werden, und (zwar) in Zeiten der Drangsal."

"Und nach den zweiundsechzig Wochen wird der Messias abgeschnitten, aber nicht für sich selbst. Und die Stadt und das Heiligtum wird durch das Volk eines kommenden Fürsten (die Armee des römischen Fürsten Titus) zerstört werden, und das Ende von diesem wird eine überströmende Flut sein; und bis zum Ende des Krieges sind Verwüstungen fest bestimmt. Und er (der Messias) wird mit vielen den Bund in Kraft lassen eine Woche lang (die siebzigste oder letzte Woche des Bundes der Gnade); und in der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen, und wegen der weiten Verbreitung der Greuel wird er (der Messias) es verwüstet machen - und zwar bis zur Vollendung und bis das (in Gottes Plan) Bestimmte über das verlassene (Volk - durch Jerusalem repräsentiert) ausgegossen worden ist." - Dan. 9:23-27

Während diese Prophezeiung den Anfang der "Ernte" des jüdischen Zeitalters und der damaligen Gegenwart unseres Herrn als des Hauptschnitters bezeichnet, so gibt es verschiedene andere Prophezeiungen, die den Anfang der "Ernte" des Evangeliumzeitalters, in welcher unser Herr bei seinem zweiten Advent ebenfalls der Hauptschnitter sein wird, noch viel deutlicher markieren. Die Erfüllung dieser Prophezeiung veranschaulicht nicht nur prophetische Erfüllungen überhaupt, sondern gibt auch einen in einer anderen Prophezeiung anzumerkenden Punkt an, worauf wir später zu sprechen kommen.

Während viele Prophezeiungen sich vereinigen, das Datum des zweiten Kommens Christi festzustellen und gewiss zu machen, markiert nur diese allein das Datum des ersten Advents. Wenn ihre Erfüllung klar festgestellt ist, so hilft uns das bei der Berechnung und Beurteilung derjenigen, die auf den zweiten Advent Bezug haben. Aus diesem Grund geben wir dieser erfüllten Prophezeiung hier ihre Stelle und auch, weil es nötig ist, dass einige der hierin festgestellten Daten im Zusammenhang mit den Prophezeiungen verstanden werden, welche den zweiten Advent betreffen, wovon weiterhin gehandelt wird.

Wie in Kapital 2, 4, 7 und 8 der Prophezeiung Daniels berichtet ist, wurden ihm manche Visionen zu teil. All diese zeigten großes Gedeihen und Erhebung heidnischer Reiche. Aber Daniels besonderes Interesse lag in Israel, und über Israels Zukunft hatte er noch keine Unterweisung erhalten. Er wusste jedoch von Jeremias Weissagung (Jer. 29:10; 2 Chron. 36:20-23), dass die Verödung Judäas siebzig Jahre dauern sollte; und da er wusste, dieser Zeitraum sei nahezu abgelaufen (Dan. 9:2), so betete er ernstlich für die Wiederkehr der Gnade Gottes zu Israel (Vers 17-19), und das Obenanstehende war die ihm durch einen Engel übermittelte Antwort Gottes.

Die hier gezeigte "bestimmte" oder abgegrenzte Periode der Geschichte Israels ist "siebzig Wochen" von einem angegebenen Ausgangspunkt aus - nämlich "vom Ausgang des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu erbauen." (Merke! nicht dem Tempel!) Während dieser Periode sollten große Dinge vollbracht werden: - Die Stadt sollte unter ungünstigen Verhältnissen (Neh. 4), in Drangsalhaften Zeiten, wieder erbaut werden. Die Sünde sollte durch Sühnung der Verschuldung zu Ende gebracht werden; und Gerechtigkeit (Rechtfertigung) sollte herbeigeführt werden - nicht wie die Jahr für Jahr durch das Blut der Stiere und Böcke vollbrachte, sondern die wahre, "dauernde Gerechtigkeit", die durch das Opfer Christi zustande gebrachte. Daniel wurde auch gesagt, dass der Darbringer des besseren Opfers durch dasselbe die vorbildlichen Opfer und Darbringungen des Gesetzes aufhörenlassen wird.

In diesem Zeitabschnitt wird der Messias, der lang ersehnte Erretter Israels, kommen und sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen sind als das Zeitmaß bis zur Zeit der Gegenwart des Messias angegeben. Und nach demselben würde er ausgerottet werden, jedoch nicht für sich selbst. Somit würde nach des Messias Kommen noch eine Woche, die letzte, die siebzigste dieser verheißenen Gnadenzeit übrig bleiben; und inmitten oder in der Hälfte dieser Woche war vorausgesagt, sollte er die vorbildlichen Opfer aufhören lassen, indem er "seine Seele zum Schuldopfer" gab. - Jes. 53:10-12

Diese siebzig Wochen oder vierhundert und neunzig Tage stehen für vierhundert und neunzig Jahre; jeder symbolische Tag für ein Jahr. Und da es hier in der einzigen Zeitprophezeiung, die sich direkt auf den ersten Advent bezieht, so erfüllt wurde, so liefert uns das einen Schlüssel für andere Prophezeiungen, die, wie nachher gezeigt werden wird, auf solche Weise in symbolischen Zahlen - ein Tag für ein Jahr - verborgen waren, bis die rechte Zeit zur Auflösung herbei gekommen ist. Diese Prophezeiung war in solche Worte gefasst, dass Daniel und andere Juden, wenn sie so wollten, dieselbe für unglaublich hielten und nach und nach vergessen würden; oder dass sie sich ihrer erinnern würden, die "auf den Trost Israels warteten," und dann auf den Gedanken kommen möchten, dass die Zeit symbolisch sei, wie in dem Falle des Hesekiel. (Kap. 4:4-7) Gewiss ist, dass die im Glauben Treuen wussten, wann der Messias zu erwarten war; und es steht sogar geschrieben, dass alle ihn erwarteten (Luk. 3:15), wenn sie auch nicht alle bereit und fähig waren, ihn in der Weise anzunehmen, wie er kam.

Es muss ins Auge gefasst werden, dass die neunundsechzig symbolischen Wochen oder vierhundert und dreiundachtzig Jahre bis zum Messias - Fürsten nicht bis zur Geburt Jesu in Bethlehem reichen. Das hebräische Wort Messias, das dem griechischen Wort Christusentspricht, bedeutet der Gesalbte und ist eigentlich ein Titel und kein Name. Jesus war erst seit seiner Taufe der Gesalbte, der Messias, der Christus. Vergleiche Apg. 10:37, 38 und Matth. 3:16. Er wurde mit dem heiligen Geist gesalbt, sobald er aus dem Wasser kam. Dies geschah, als er das volle Mannesalter erreicht hatte. Dies war dreißig Jahre nach dem Gesetz, unter dem er geboren war und dem er und jeder Jude unterstellt war, bis er durch die Erfüllung der Bedingungen desselben seine Herrschaft beendete - "es ans Kreuz nagelte". Die neunundsechzig Wochen dieser Weissagung reichen daher bis zu seiner Taufe und Salbung. Von da an und nicht früher war er der Messias, der Christus, der Gesalbte. Folglich endeten die neunundsechzig Wochen oder vierhundert dreiundachtzig Jahre im Herbst des Jahres 29 n.Chr. Und da wurde der Teil der Prophezeiung erfüllt, der da lautet: "Vom Ausgang des Wortes (oder Befehles), Jerusalem wiederherzustellen und zu erbauen, bis auf den Messias - Fürsten sind sieben Wochen und zweiundsechzig (neunundsechzig) Wochen" Von da an finden wir die siebzigste Woche geradeso erfüllt wie die übrigen - nämlich ein Jahr für einen Tag.

Die meisten Schreiber haben diese Periode vom siebten Jahr des Artaxerxes zu zählen angefangen. Da wurde dem Esra (Esra 7:7-14) ein Auftrag gegeben, den man für die Ausführung des Dekretes des Cyrus hielt. (Esra 1:3; 5:13; 6:1-12.) Man sollte jedoch beachten, dass der Befehl des Cyrus der war, das Haus des Herrn zu bauen - den Tempel und die Mauern seines Vorhofes. Doch noch ein anderer Auftrag findet sich vor. Es ist der dem Nehemias im zwanzigsten Jahre des Artaxerxes gegebene, die Mauern Jerusalems wieder zu bauen, die damals noch unausgebessert waren. (Neh. 2:3-8; 6:15; 7:1) Und von diesem Befehl an, "Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen", muss diese Prophezeiung Daniels datiert werden. Der gesamte Bericht stimmt damit. Nur einen scheinbaren Einwurf dagegen bietet Jesajas Weissagung darüber. In derselben heißt es von Cyrus, er solle nicht nur "meine Gefangenen los lassen", sondern auch "meine Stadt erbauen." (Jes. 45:13) Diesem scheinbaren Einwurf begegnen wir so: Das hier durch Stadt übersetzte Wort ist "ir", und bedeutet einen verschanzten oder ummauerten Ort. Wir halten dafür, dass damit die Mauern des Tempels gemeint sind; und damit stimmen die oben angeführten Tatsachen. Dasselbe Wort, "ir", bezieht sich in 2. Kön. 20:4 auf den Hof des Palastes.

Das Datum der Beauftragung Nehemias ist gewöhnlich auf 445 v.Chr. angegeben. Doch Dr. Hales chronologisches Werk (Seite 449 und 531) und Dr. Priestlies Abhandlung über "die Harmonie der Evangelisten" (Seite 24-38) weisen nach, dass diese gewöhnliche Annahme neun Jahre zu kurz ist. Dies würde 454 v.Chr. als das richtige Datum der Beauftragung des Nehemias ergeben; und mit diesem Datum stimmt die Vorhersagung Daniels betreffs des Gebotes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen. - Dan. 9:25.

Da neunundsechzig (7 und 62) Wochen, oder vierhundert dreiundachtzig Jahre bis zum Messias - (den Gesalbten -) Fürsten reichen, so ziehen wir von dieser Periode von neunundsechzig symbolischen Wochen oder vierhundert dreiundachtzig (483) Jahren die vierhundert vierundfünfzig (454) vor Christus ab als das richtige Datum des Gebotes, Jerusalem wieder herzustellen; und der Rest - 29 n.Chr. - muss das Jahr sein, in dem der Gesalbte (Messias) geoffenbart wurde. Das ist in genauer Übereinstimmung mit dem, was wir schon gezeigt haben, dass nämlich Jesus im Jahre 29 n.Chr. ungefähr am 2. Oktober von Johannes getauft wurde und die Salbung des Geistes empfing. Zu jener Zeit war er, dem rechten Datum seiner Geburt gemäß, wie solches im vorhergehenden Kapitel nachgewiesen wurde, dreißig Jahre alt.

Die Amtsverwaltung unseres Herrn erstreckte sich über drei und ein halbes Jahr und endete mit seiner Kreuzigung zur Zeit des Passah im Frühjahr 33 n.Chr. Hierin erfüllte er genau die Prophezeiung, welche die verheißene Gunst der übrig bleibenden oder letzte Wochen (sieben Jahre) betrifft, die da sagt: "Nach den (7 und 62) neunundsechzig Wochen wird Messias ausgerottet werden, doch nicht für sich selbst" - "inmitten der Woche (der übrigbleibenden siebzigsten) wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen." (Anmerkung: Der Ausdruck, "Doch nicht für sich selbst", wird in anderen Übersetzungen unterschiedlich wiedergegeben. In unserer Meinung ist dies jedoch die deutlichste und beste.)

Die dem Gesetz nach dargebrachten Opfer hörten da auf; nicht, dass dann keine Tiere, Weihrauch usw. mehr von den Priestern geopfert wurden; denn diese wurden Jahr für Jahr weiter geopfert, aber sie wurden von Jehova nicht mehr angenommen und waren in keinem Sinn mehr Opfer für Sünden. Nachdem das wahre Opfer gekommen war, nachdem unser Herr "erschienen war, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben" (Hebr. 9:26), konnte Jehova nicht länger irgendetwas anderes als Opfer anerkennen, noch irgend welche Notwendigkeit zu solchem.

Da, am Kreuz, vollendete der Messias, der sich selbst drei und ein halb Jahre lang aufgeopfert hatte, das Werk (Joh. 19:30) und machte der Sünde ein Ende, bewerkstelligte volle Versöhnung für die Sünden der Menschen Gott gegenüber und brachte so eine dauernde Rechtfertigung von der Sünde für die ganze Menschheit zustande, statt der vorbildlichen, alljährlichen Rechtfertigung, die durch Vorbilder für das vorbildliche Volk, für Israel, geschah. Der Tod des Messias war also das "Besiegeln" - die Sicherstellung der Erfüllung - aller Visionen und Prophezeiungen von zukünftigen Segnungen und von "den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von welchen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat." (Apg. 3:21.) Diese Verheißungen, sowohl der abrahamitische als auch der Neue Bund, wurden gesichert oder fest gemacht durch "sein eigenes, teures Blut" (Luk. 22:20; 1 Kor. 11:25), das da besser für uns redet, als das Blut von Stieren und Böcken - das da von dauernder Gerechtigkeit redet und vom Aufheben der Sünde für alle, die ihn annehmen. Und in der übrigen oder zweiten Hälfte dieser siebzigsten Woche der Begünstigung der Juden - in den drei und ein halb Jahren, die mit Pfingsten begannen, wurden die Nachfolger des Messias, das Allerheiligste jenes Volkes, von Gott mit dem heiligen Geist gesalbt, gerade wie es mit Jesus am Ende der neunundsechzig Wochen geschah.

So wurden die Aussagen von Vers 24 dieser Prophezeiung erfüllt: "Siebzig Wochen sind bestimmt (abgesondert) über dein Volk und über die Stadt deines Heiligtums - (a) zu beenden die Übertretung und zu Ende bringen die Sünden, und zu sühnen die Verschuldung und zu herbeizuführen dauernde Gerechtigkeit - (b) und zu besiegeln Gesicht und Prophet - (c) und zu salben ein Allerheiligstes." Die Prophezeiung zeigte nicht, dass dies ganze Werk bis auf die letzte "Woche", da der Messias gegenwärtig sein sollte, verschoben werden würde; und zweifelsohne verstand man, dass es große moralische Reform auf ihrer Seite bedeute, wodurch sie für den Messias zubereitet würden, und dass unter ihm die Salbung ihrer Nation als das "Allerheiligste" der Völker stattfinden werde, um die Welt im großen und ganzen zu segnen. Durch jahrhundertlange Erfahrung hatten sie noch nicht gelernt, dass sie ohnmächtig seien, die Sünde abzutun und Versöhnung für ihre Schuld zu bewirken, und dass es eines vollkommenen Lösegeld - Opfers bedürfe, um dieses große Werk der Auslöschung der Sünde und der Rechtfertigung der Verurteilten zu vollbringen.

Zum andern, während Daniels Prophezeiung zeigte, dass der Messias inmitten der letzten Woche ausgerottet werden (sterben) würde, zeigte sie jedoch nicht, dass die große Masse seines Volkesunheilig sein und daher, wie es der Fall war, in der Mitte dieser Woche verworfen werden würde. (Matth. 23:38.) Ein anderer Prophet sagt: Er wird das Wort erfüllen und (es) in Gerechtigkeit (gerechterweise) kurz machen; und so wurde auch in der halben Woche (der drei und einhalb Jahre) der Wirksamkeit Jesu alles getan und vollendet, mit Ausnahme der Salbung des Allerheiligsten.

Doch was ist es mit dem Rest der siebzigsten Woche, den drei und ein halb Jahren derselben, die über das Kreuz hinaus reichten? Hat Jehova verheißen, siebzig Wochen der Gnadenbezeigung festzusetzen und gab ihnen in der Tat nur neunundsechzig und eine halbe? Beim ersten Blick hat es diesen Schein, besonders wenn wir uns ins Gedächtnis rufen, dass es gerade fünf Tage vor seinem Tod, "in der Mitte der Woche" war, dass Jesus über ihre Stadt weinte und sie aufgab und sagte: "Euer Haus wird euch wüste gelassen." Doch Nein! Jehova kannte das Ende vom Anfang an; und da er siebzig Wochen verhieß, so meinte er es auch. Folglich müssen wir noch nach der Kreuzigung drei und ein halb Jahr jenem Volk erwiesene Gunst erwarten, trotzdem dass sie als Volk damals verlassen wurden.

Dass Israel als Volk nicht geeignet war, der Empfänger der Haupt- oder geistlichen Gnadenerweisung (noch auch der irdischen Segnungen) zu sein, wurde klar durch ihre Verwerfung des Messias erwiesen, wie es Gott vorhergesehen und vorhergesagt hatte. Folglich war es für sie nutzlos, ihre nationale Prüfung über die Mitte ihrer siebzigsten Woche hinaus zu verlängern, und so wurde sie kurz geschnitten, als sie "wüste gelassen", von der Gnade verworfen wurden. Während des übrigen Teiles ihrer Zeitperiode (drei und ein halb Jahre) wurde die Gnade vermehrt, aber nur auf den "Rest", auf "das Allerheiligste", auf die Reinsten und Brauchbarsten beschränkt, denen es auch allein nur von nutzen sein konnte. (Jes. 10:22,23. Vergleiche Röm. 9:28) Die Vermehrung der Gnade bestand in dem Umstand, dass dem Rest drei und ein halb Jahre ausschließlicher Aufmerksamkeit und Diensterweisung zugewendet wurde, und zwar unter den größeren Vorteilen der Heilszeitordnung des Geistes. Am Pfingstfest begann dieselbe und wahrscheinlich wurde damals aller reife Weizen durch Gottes Gnade erreicht. - siehe Apg. 2:41 und 4:4 in Betreff des Erfolges der ersten Tage.

Aus diesem Grund unterwies Jesus seine Jünger, sie sollten "anheben zu Jerusalem", obwohl er für alle den Tod geschmeckt und das Evangelium allen verkündigt werden sollte. Noch sollten sie dieses besondere Werk verlassen und den Heiden die Gnade der neuen Heilszeitordnung anbieten, bis die drei und ein halb Jahre der Israel verheißenen Gnade erfüllt waren - bis Gott es ausdrücklich zu den Heiden sende, wie zu den Juden. - Apg. 10

Über das genaue Datum der Bekehrung des Kornelius können Chronologien nur Mutmaßungen anstellen; und daher hat man es verschiedentlich berechnet; zwischen den Jahren 37 bis 40 schwankend; jedoch im Hinblick auf diese deutliche Prophezeiung, die wir jetzt betrachten, haben wir keinen Zweifel, dass sie im Herbst des Jahres 36 stattfand; denn da endeten die siebzig Wochen oder vierhundert und neunzig Jahre der Gnadenerweisung für Israel. Da ihre ausschließliche Gnadenzeit dort endete, so war es wohl am Platz, dass dieses durch die Sendung des Evangeliums zu den Heiden markiert wurde. Die Israeliten wurden seitdem des Evangeliums nicht beraubt, sondern wurden geradeso wie die Heiden behandelt, obwohl sie sich durch ihr Vorurteil in eine weniger günstige Lage versetzten. Da das "Allerheiligste" schon heraus gewählt war, so war das Evangelium nicht mehr auf sie allein beschränkt, sondern stand aller Kreatur, die ein Ohr hatte zu hören, offen.

Nach den siebzig Wochen kamen die in Vers 26 und 27 erwähnten Trübsal herbei. Der römische Fürst kam und zerstörte die Stadt und den Tempel, und wie eine Flut ließ er hinter sich schreckliche Wüstenei und Zerstörung zurück. Und der von ihnen verworfene Messias hat seitdem verschiedentliches Unglück über dieses Volk kommen lassen und wird damit fortfahren "bis zur Vollendung", bis sie genug davon haben, bis er sagen wird: "Redet zum Herzen Jerusalems, und rufet ihr zu, dass ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist." (Jes. 40:2) Mittlerweile wird das, was beschlossen ist, auf das Verlassene (oder verworfene Volk) sich ergießen, bis ihr Becher des Kummers voll ist, bis zu dem Tag, da sie sagen werden, "gesegnet sei, der da kommt in dem Namen des Herrn." Dieser Tag der Erlösung Israels ist jetzt im Anbrechen - Gott sei Dank! Und obwohl ihr Ungemach und Verlassensein noch nicht zu Ende ist, so eilt doch stündlich die Zeit herbei, da ihr von Vorurteil verblendeter Sinn aus der Dunkelheit heraus ihn sehen wird, den sie durchbohrt haben, und sie werden wehklagen um ihn gleich der Wehklage um den einzigen Sohn. - Sach. 12:10

Da Manche beim Lesen der hier untersuchten Schriftstelle, weil sie den Zusammenhang der Worte des Propheten richtig zu erfassen verfehlten und den Messias - Fürsten mit dem römischen Fürsten verwechselten usw., in große Verwirrung und Irrtum gerieten, so raten wir zum sorgfältigen Studium der Stelle, wie dieselbe am Anfang dieses Kapitels zusammengestellt ist, und dass man die in Klammern stehenden Erklärungen recht beachte.

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Studie 4

Die Zeiten der Heiden oder Nationen

Was sind die Zeiten der Heiden? - Ihr Anfang; deren Dauer; deren Ende im Jahre 1914. - Begleitende Ereignisse. - Darauffolgende Ereignisse. - Eigentliche und symbolische Zeit. - Ein bemerkenswertes Vorbild. - Gegenwärtige Anzeichen. - Gottes Königreich soll die Reiche der Nationen stürzen. - Jenes daher vor diesem Ende, vor 1914 n.Chr., organisiert. - Warum die Reiche der Nationen sich ihm widersetzen? - Wie und warum schließlich alle es freudig begrüßen werden? - Das Ersehnte aller Nationen wird kommen.

(Da der in dieser Studie betrachtete Gegenstand dem der 13. Studie des ersten Bandes sehr nahe verwandt ist, so würde es für den Leser eine große Hilfe sein, wenn er jene Studie noch einmal durchginge, ehe er diese anfängt.)

"Jerusalem wird zertreten werden von den Nationen, bis dass die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden." - Lukas. 21:24

Der Ausdruck "Zeiten der Nationen" wurde von unserem Herrn zur Bezeichnung jenes Zwischenraumes der Weltgeschichte gebraucht, der zwischen der Hinwegnahme des vorbildlichen Königreiches Gottes, des Reiches Israels (Hes. 21:30-32), und der Einführung und Herstellung seines Gegenbildes, des wahren Königreiches Gottes, liegt, alsdann Christus kommen sollte, um "verherrlicht zu werden in seinen Heiligen, und bewundert zu werden in allen Gläubiggewordenen an jenem Tag."

Während dieses Zwischenraumes sollte die Herrschaft über die Welt durch nationales Regiment ausgeübt werden; und sowohl das fleischliche wie das geistliche Israel sollte diesen Gewalten untertan sein und bleiben, bis deren Zeit abgelaufen wäre. Während Gott diese Regierungen weder gut heißt noch empfiehlt, so erkennt er ihre Herrschaft doch an. In anderen Worten, er hat aus weisen Gründen ihre Herrschaft für eine bestimmte Zeit zugelassen.

Die Herrschaft über die Erde, sie zu unterwerfen, zu besitzen und in Gerechtigkeit zu regieren, war ursprünglich Adam übergeben worden. (1. Mose 1:28) Als Adam fiel, wurde die durch seine Sünde eingebüßte Herrschaft von ihm genommen. Hierauf wurde den Engeln erlaubt, die Oberaufsicht zu führen. Statt aber das gefallene Geschlecht emporzuheben, begab es sich, dass einige von ihnen "ihren ersten Zustand nicht bewahrten" und in Sünde fielen. Nach der Sintflut erklärte Gott Abraham seinen Vorsatz, durch seine Nachkommenschaft die für das sündige, dahinsterbende Geschlecht notwendige Hilfe zu bringen, indem er aus seinem Samen einen großen Befreier, Herrscher und Lehrer erwecken wolle, und sagte: "In deinem Samen sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden."

Dies ist das erste mal, dass von einer nationalen Universalherrschaft die Rede ist; und da diese Aussage von Gott kommt, so bekundet das, dass dieser Herrscher vor allen andern besonders geeignet und hoch über sie erhaben ist, und dass das Wohlergehen der ganzen Menschheit davon abhängt, einem solchen Herrscher unterstellt zu werden. Dass diese dem Abraham gewordene Verheißung die Herzen und Sinne seiner Nachkommenschaft, Israels, erfüllte, und ihren Verwandten, den Moabitern und Edomitern, wohl bekannt war, darüber kann kein Zweifel bestehen; und dass diese Nationalhoffnung Israels den andern Nationen kund werden würde, ist sehr wahrscheinlich; und wenn das der Fall ist, so können wir nicht zweifeln, dass ihr Stolz in ihnen das Verlangen erzeugte, selbst die erste Nation zu werden, und die Universalherrschaft zu erringen, weil sie sich ja in jeder Hinsicht für gerade so fähig und zum Herrschen und Belehren und so die Völker zu segnen geeignet hielten, als irgend ein Nachkomme Abrahams sein könne.

Die Hoffnung Israels, die Universalherrschaft, nicht durch eine Wahl der Völker, sondern nach Gottes Wahl und seiner zu ihren Gunsten kundgetanen Macht zu erlangen, scheint sich ebenso auf andere Nationen ausgebreitet zu haben. Wie dem auch sei, wir finden, dass diese heidnischen Könige und Völker auch ihre Herrschaft als Gunstbezeugung von Seiten der Götter, denen sie dienten, ansahen, und derselbe Gedanke hängt noch jetzt jedem Herrscher und Fürsten an, gerade wie den mächtigeren Königen und Kaisern. Kein Unterschied, wie elend und schwach, geistig wie körperlich, kein Unterschied, wie lasterhaft und unfähig, sich selbst oder andere zu regieren, fast bis zum Grad der Irrsinnigkeit hegen sie den Wahn, dass Gott sie und ihre Familien ganz besonders ausersah, um über die ganze Erde zu herrschen und sie zu "segnen"(?). Diese von der Mehrheit der Völker als richtig angenommene Theorie wird auf Medaillen, Münzen und Staatspapieren in den Worten ausposaunt: "König von Gottes Gnaden."

Während also Israel auf die verheißene Herrschaft der Erde wartete und hoffte und oft meinte, es stünde schon im Bereich der Verwirklichung, besonders unter den Königen David und Salomon, erwachte auch unter anderen Nationen das Gelüste nach Universalherrschaft mehr und mehr; und als Gott daran war, Israel die Krone zu entreißen, bis der wahre Same der Verheißung käme und die Herrschaft übernehme, beschloss er zuzulassen, dass die heidnischen Reiche die Herrschaft an sich rissen und den Versuch, die Welt zu beherrschen, machten; damit so auch die Welt die Vergeblichkeit ihrer eigenen Bemühungen, in ihrem gegenwärtigen sündigen Zustand sich selbst zu regieren, einsehen möchte. Wie er einst die von Adam eingebüßte Herrschaft den Engeln gab, um ihre Unfähigkeit, die Welt zu regieren und zu segnen, darzutun, so überlieferte er nun diese Herrschaft den Heiden und ließ sie ohne seinen Beistand ihre verschiedenen Methoden versuchen. Diese verschiedenen Versuche lässt Gott als wertvolle und notwendige Lektionen zu und füllt damit die Zeit aus bis der Gesalbte des Herrn, dem die Herrschaft gebührt, kommt, dieselbe an sich nimmt und alle seine gnadenreichen Absichten hinaus führt.

Da Israel nach dem Fleisch das Vorbild des geistlichen Israels, der christlichen Kirche, war, die auch im höheren Sinn ein "königliches Priestertum" und ein "heiliges Volk" (1. Petr. 2:9) genannt wird und die zu seiner Zeit alle Völker beherrschen und segnen soll, so war auch ihr Königreich in mancher Hinsicht ein Vorbild vom Königreich Christi. Als daher Gottes Zeit vorhanden war, die Herrschaft der Welt heidnischer Gewalt zuzuwenden, da war es auch am Platz, die vorbildliche Krone Israel zu entwenden und das vorbildliche Königreich nicht länger mehr anzuerkennen. Dies tat Gott und erklärte, dass sie sich unfähig erwiesen hätten, zur Universalherrschaft erhöht zu werden. Je mehr sie an nationaler Bedeutung zunahmen, desto verderbter, eitler und götzendienerischer waren sie geworden. So war es in den Tagen des Königs Zedekia; und darum erfolgte das göttliche Dekret (Beschluss) "So spricht der Herr Jehova: Hinweg mit dem Kopfbund und fort mit der Krone! Dies wird nicht mehr sein. Das Niedrige werde erhöht und das Hohe erniedrigt! Umgestürzt, umgestürzt, umgestürzt will ich sie machen; auch dies wird nicht mehr sein - bis der kommt, welchem das Recht gehört: dem werde ich's geben." - Hesek. 21:31,32.

Diese Zertrümmerung der Krone oder Herrschaft Israels fand statt. Zunächst wurde sie Babylon zugewandt, dann Medo-Persien, dann Griechenland und dann Rom. Die Eigenart dieser Reiche, wie sie auf den Blättern der Geschichte verzeichnet steht, fanden wir in vollem Einklang mit der prophetischen Beschreibung, wie sie in Nebukadnezars Traumvision von dem großen Standbild und in Daniels Geschichte von den vier Tieren gegeben ist. Dieser zertrümmerte Zustand der Herrschaft Israels sollte fortdauern, bis Christus, der rechtmäßige Erbe des Thrones Israels und der ganzen Welt, der ihn mit seinem eigenen teuren Blut erkaufte, kommen und die Zügel der Regierung ergreifen würde. Sein Reich wird, wie wir gesehen haben, das fünfte Universalreich der Welt, das Königreich Gottes unter dem ganzen Himmel, sein. Aber ungleich den vier vorangegangenen Herrschaften, die nur für eine bestimmte Zeit zugelassen und insofern (jedoch nicht im Sinne der Gutheißung) anerkannt waren, wird dieses von Gott durch seinen Stellvertreter auf Erden bestätigt und eingesetzt werden. Es wird Gottes Reich, das Königreich des Gesalbten, sein. Es wird allmählich aufgerichtet werden, und zwar während einer großen Drangsalszeit, mit der das christliche Zeitalter schließt, und in welcher die gegenwärtigen Herrschaften verzehrt und unter großer Konfusion oder Verwirrung dahin fallen werden.

In diesem Kapitel liefern wir den biblischen Nachweis, dass das völlige Ende der Zeiten der Heiden (Nationen), das bedeutet das volle Ende ihrer Herrschaft, mit dem Jahre 1914 erreicht sein wird; und dass dieses Datum die äußerste Grenze der Herrschaft unvollkommener Menschen sein wird. Und wem dies als eine in der Schrift fest begründete Tatsache nachgewiesen ist, der wird auch erkennen, dass dadurch Folgendes bewiesen ist: -

Erstens, dass dann das Königreich Gottes, für welches unser Herr uns beten lehrte: "Dein Reich komme", volle und universelle, weltweite Herrschaft erreicht haben und "aufgerichtet" oder auf Erden fest gegründet sein wird.

Zweitens beweist es, dass er, dem das Recht, diese Herrschaft an sich zu nehmen, gebührt, dann als der neue Herrscher der Erde gegenwärtig sein wird; und nicht nur dies, sondern auch, dass er einen beträchtlichen Zeitraum vor jenem Datum gegenwärtig sein wird, weil der Umsturz dieser nationalen Obrigkeiten direkt darauf zurückzuführen ist, dass er "wie Töpfergefäße sie zerschmettern" (Ps. 2:9; Offb. 2:27) und an ihrer Statt sein eigenes, gerechtes Regiment aufrichten wird.

Drittens beweist es, dass einige Zeit vor dem Ablauf von 1914 n.Chr. das letzte Glied der göttlich anerkannten Kirche (Herauswahl) Christi, das "königliche Priestertum", "der Leib Christi", mit dem Haupt verherrlicht sein wird: denn jedes Glied soll mit Christus herrschen als Miterbe des Königreiches mit ihm; und dieses kann nicht ohne die völlig aufgerichtete Vollzahl seiner Glieder stattfinden.

Viertens beweist es, dass von jener Zeit an Jerusalem nicht länger von den Nationen zertreten sein, sondern sich aus dem Staub der göttlichen Ungnade zur Ehre erheben wird; denn "die Zeiten der Nationen" sind dann erfüllt oder vollendet.

Fünftens beweist es, dass mit jenem Datum oder auch früher Israels Blindheit anfangen wird, sich wegzuwenden; denn ihre "Blindheit zum Teil" sollte so lange dauern, "bis dass die Vollzahl der Nationen eingegangen sein würde" (Röm. 11:25), oder in anderen Worten bis die volle Zahl derer aus den Nationen heraus gewählt wäre, die Glieder des Leibes oder der Braut Christi sein sollen.

Sechstens beweist es, dass die große "Zeit der Drangsal", "dergleichen nicht gewesen, seitdem ein Volk ist", ihren schließlichen Höhepunkt erreichen und an jenem Zeitpunkt enden wird; und dann werden die Menschen gelernt haben, stille zu sein und zu erkennen, dass Jehova Gott ist und dass er auf Erden hoch erhöht werden wird. (Ps. 46:11) Der Zustand der Dinge, von dem in symbolischer Sprache als von brausenden Wogen des Meeres, schmelzender Erde, fallenden Bergen und brennenden Himmeln geredet wird, wird dann vergangen sein, und "die neuen Himmel und eine neue Erde" mit ihrem Friedenssegen werden dann von der durch Trübsal zerschlagenen Menschheit erkannt werden; und der Gesalbte des Herrn und seine rechtmäßige und gerechte Oberhoheit wird dann allmählich anerkannt werden; zuerst von einer Schar von Kindern Gottes, die aus großer Trübsal gekommen sind - die Klasse, die auf der Karte der Zeitalter in Band 1 von den Schriftstudien mit m und t bezeichnet sind; darauf von Israel nach dem Fleisch und dann von der ganzen Menschheit.

Siebentens beweist es, dass das in Macht ein - und aufgerichtete Reich Gottes vor jenem Datum in der Welt sein und das heidnische Standbild (Dan. 2:34) geschlagen und zermalmt, die Macht dieser Könige verzehrt haben wird. In demselben Maße wird seine Macht und Herrschaft aufgerichtet als durch seine verschiedentlichen Einflüsse und Werkzeuge die gegenwärtigen Gewalten - die bürgerlichen und kirchlichen, das Eisen und der Ton - zermalmt und zerstreut werden.

Der Anfang der Zeiten der Nationen 606 v.Chr.

Die Worte unseres Herrn: "Bis dass die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden" lassen schließen, dass die Zeiten der Heiden (Nationen) einen bestimmt abgemessenen Endpunkt haben, weil man von einer unbegrenzten, unbestimmten Periode nicht sagen könnte, sie sei erfüllt. Demnach hat die Herrschaft der Heiden einen Anfang, wird eine bestimmte Zeit dauern und zur festgesetzten Zeit zu Ende gehen.

Der Anfang dieser Zeiten der Nationen ist in der Schrift deutlich angedeutet. Wenn sie uns daher auch noch bestimmt die Länge dieser Periode heidnischer Herrschaft darbietet, so können wir für gewiss und genau wissen, wann sie zum Schluss kommen muss. Und die Bibel gibt diese fest bestimmte Periode, die erfüllt werden muss; aber sie tut es solcherweise, dass es, als es geschrieben wurde, nicht verstanden werden konnte, noch auch vor dem Ablauf der Zeit und ehe die Ereignisse der Geschichte ihr Licht darauf geworfen hatten; und selbst dann nur von denen, die da wachen und nicht von den Sorgen der Welt überbürdet sind.

Der biblische Nachweis ist klar und stark, dass die "Zeiten der Nationen" eine Periode von 2520 Jahren sind, vom Jahr 606 v.Chr. bis (einschließlich das Jahr) 1914 n.Chr. Dieses Lehn der Universalherrschaft an weltliche Obrigkeiten begann, wie wir schon sahen, mit Nebukadnezar; nicht als seine Regierung anfing, sondern als das vorbildliche Königreich des Herrn aufhörte und die Herrschaft der ganzen Welt den Nationen überlassen wurde. Das Datum für den Anfang der Heidenzeit ist daher bestimmt auf die Zeit der Entwendung der Krone des typischen Königreiches Gottes von Zedekia, dem letzten König desselben, angemerkt.

Nach den Worten des Propheten (Hes. 21:31-32) wurde die Krone von Zedekia genommen und Jerusalem von Nebukadnezars Heer belagert und in Trümmer gelegt und verblieb so siebzig Jahre lang - bis zur Wiederherstellung im ersten Jahr des Cyrus. (2. Chron. 36:21-23) Obwohl Jerusalem damals wieder gebaut wurde, und die Gefangenen zurückkehrten, so hat doch von damals bis heute Israel nie wieder einen König gehabt. Obwohl von Cyrus wieder in ihr Land und zu persönlicher Freiheit eingesetzt, waren sie doch als Volk der Reihe nach den Persern, Griechen und Römern unterworfen. Unter dem Joch der letzteren lebten sie, als unseres Herrn erster Advent stattfand, da Pilatus und Herodes des Kaisers Abgeordnete waren.

Mit diesen Tatsachen vor uns können wir leicht das Datum des Anfangs der Heidenzeit finden; denn das erste Jahr des Cyrus ist ein sehr deutlich festgesetztes Datum. Sowohl Welt- wie Kirchengeschichte stimmt mit merkwürdiger Einmütigkeit mit dem Ptolomäischen Kanon, der dasselbe auf das Jahr 536 v.Chr. verlegt. Und wenn 536 v.Chr. das Jahr war, in dem die siebzig Jahre der Verödung Jerusalems endeten und die Wiederherstellung der Juden begann, dann folgt, dass ihr Königreich gerade siebzig Jahre vor 536, das ist 536+70 oder 606 v.Chr., gestürzt wurde. Dies ergibt als Datum des Anfangs der Heidenzeiten - 606 v.Chr.

Wenn wir aber sehen, dass Gott es ist, der dies Lehn der Macht diesen weltlichen oder nationalen Obrigkeiten übertrug, so wissen wir auch, dass dieselben nicht nur fallen und gestürzt werden, und, wenn ihre "Zeiten" abgelaufen sind, dem Königreich Christi Platz machen werden, sondern wir wissen auch, dass Gott die Herrschaft nicht eher von ihnen nehmen und sie seinem Gesalbten geben wird bis ihr Lehn verfallen - "bis die Zeiten der Heiden (Nationen) erfüllt sind." Infolge hiervon und gerade hierdurch werden wir vor der falschen Meinung bewahrt, in welche das Papsttum die Welt verführt hat, dass nämlich das Reich Gottes am Pfingstfest aufgerichtet wurde, und dass es, wie man behauptet, noch völliger hergestellt wurde, als das römische Reich zum Christentum (zum Papsttum) bekehrt wurde und letzteres sowohl die weltliche als auch die geistliche Herrschaft in der Welt erlangte. Wir erkennen aus dieser Prophezeiung über die Zeiten der Nationen, dass diese von der Kirche Roms gemachte und von Protestanten mehr oder weniger unterstützte Behauptung falsch ist. Wir sehen, dass diese Völker, die sowohl das Papsttum als auch den Protestantismus als christliche Nationen bezeichnen und deren Herrschaftsgebiet sie Christentum (das bedeutet Christi Königtum) nennen, solches nicht sind. Sie sind "Reiche dieser Welt", und bis ihre "Zeiten" erfüllt sind, kann Christi Königreich das Regiment nicht ergreifen, obwohl es sich in den letzten Jahren am Schluss der Heidenzeiten, während diese Reiche wanken, sich auflösen und in Anarchie zerfallen, dazu auf - und einrichtet und vorbereitet. Während des christlichen Zeitalters bestand das Reich Christi in seinem Anfangsstadium, in seiner Erniedrigung, ohne Macht oder Recht zum Herrschen zu haben - ohne die Krone, nur allein das Zepter der Verheißung besitzend: unerkannt von der Welt, den gegenwärtigen Gewalten unterworfen. Und die Erben des himmlischen Königreiches müssen darin verharren bis die für sie bestimmte Zeit, mit Christus zu herrschen, herbeikommt. Während der Zeit der Trübsal am Schluss dieses Zeitalters werden sie zur Macht erhoben werden, doch ihre Herrschaft der Gerechtigkeit über die Welt kann erst vom Jahre 1914 an gerechnet werden, wenn die Heidenzeiten abgelaufen sind.

Noch kann das fleischliche Israel vor jener Zeit das langverheißene Erbteil erlangen, wenn auch vorher vorbereitende Schritte getan werden; denn Gott wird weder die geistige noch die irdische Phase (Abteilung) seines Königreiches völlig einsetzen, bis sein Lehn an die Nationen abgelaufen ist.

Es ist daher die Pflicht der Kirche (Herauswahl), geduldig die für ihren Triumph und ihre glorreiche Herrschaft bestimmte Zeit abzuwarten, sich als Fremdlinge und Pilgrimme von den Reichen dieser Welt getrennt zu halten und als Erben des zukünftigen Königreiches ihre Hoffnung und Ziele auf dasselbe zu richten. Christen sollten das eigentliche Wesen dieser Reiche erkennen, und während sie sich von ihnen getrennt halten, ihnen doch gebührende Achtung und schuldigen Gehorsam leisten, weil Gott ihnen zu herrschen erlaubt hat; wie Paulus lehrt: "Jede Seele unterwerfe sich den obrigkeitlichen Gewalten; denn es ist keine Obrigkeit, außer von Gott, und diese, welche sind, sind von Gott verordnet." - Röm. 13:1

Die Krone (Herrschaft) wurde dem Volke Gottes (dem geistlichen wie dem fleischlichen Samen) genommen bis die Heidenzeiten mit der glorreichen Gegenwart des Messias enden würden, der "an jenem Tag" nicht nur "König der Juden", sondern auch "König über die ganze Erde" sein wird. Man möchte meinen, diese Entfernung der Krone von Israel sei ein Bruch der Verheißung: "Nicht weichen wird das Zepter von Juda, noch der Herrscherstab zwischen seinen Füßen hinweg, bis dass Siloh (der Friedebringer) kommt." (1. Mose 49:10) Man achte jedoch auf den Unterschied zwischen der Krone und dem Zepter; denn wenn auch die Krone in den Tagen Zedekias dahin fiel, so wich doch das Zepter, wie wir sehen werden, erst sechshundertneununddreißig Jahre danach - damals nämlich, als unser Herr Jesus aus dem Stamme Juda und dem Samen Davids nach dem Fleisch von Gott für würdig erfunden wurde, der rechtmäßige und einzige Erbe des lang verheißenen Zepters der Erde zu werden.

Die dem Abraham gegebene, dem Isaak und Jakob erneuerte Verheißung war, dass aus ihrer Nachkommenschaft der große Befreier kommen sollte, der nicht nur ihre Familie in der Welt segnen und erhöhen, sondern auch "alleGeschlechter der Erde segnen" sollte. Es sah eine Zeitlang so aus, als ob Moses, der große Gesetzgeber und Befreier, der Verheißene sei; doch prophetisch verkündete er seinem Volk: "Einen Propheten wird euch der Herr, euer Gott, aus euren Brüdern erwecken gleich mir", damit andeutend, dass er nur ein Vorbild dessen war, der da kommen sollte; und Mose starb. Weiter, die Verheißung: "Nicht weichen wird das Zepter von Juda" schränkte die Erwartung auf jenen Stamm ein; und all die übrigen Stämme schlossen sich in dem Maße Jude an, als sie der Verheißung Gottes Glauben schenkten und zu seiner Zeit im Verein mit Juda einen Segen erwarteten.

Als der König David aus dem verheißenen Stamm aufstand, erweckten seine Siege große Erwartungen auf ein sich weit ausdehnendes Königreich, dessen Einfluss die Welt erfüllen und umfassen und alle Nationen dem Gesetz unterwerfen würde. Und als Salomon weltberühmte Weisheit und Größe auf ihren Höhepunkt gestiegen war, da sah es wirklich so aus, als ob die Krone der Universal - (Welt-) Herrschaft beinahe in ihrem Bereich wäre. Die dem David gewordene Verheißung des Herrn: "Von der Frucht seiner Lenden Einen zu setzen auf seinen Thron", hatte die dem Stamm Juda geltende Verheißung auf eine Familie beschränkt; und schon war diese Familie auf dem Thron Israels. Und als der großartige Tempel Salomon errichtet war, und seine Hunderte von Sängern und Priestern solch gewaltiges Schauspiel darboten, als Salomon Ruhm um seiner Weisheit und seines Reichtums willen in weite Ferne reichte, als Könige ihm Geschenke sandten und seine Gunst begehrten, als die Königin von Seba mit Geschenken kam, um diesen hoch berühmten und wunderbarsten König, den je die Welt gehabt, zu sehen - kein Wunder, dass da die jüdische Brust von Hoffnung und Stolz anschwoll, als ob der lang erwartete Augenblick für die Erhöhung des Samens Abrahams und die Segnung aller Nationen durch ihn vorhanden sei.

Groß war ihre Enttäuschung, als nach Salomon Tod das Königreich zerrissen und schließlich gänzlich zerstreut wurde, und das Volk, das als Gottes heilige Nation zu herrschen und alle Nationen zu segnen erwartet hatte, gefangen nach Babylon geführt wurde. "An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten." - Psalm 137

Doch wenn auch die Krone entfernt war, das bedeutet die Macht, sogar sich selbst zu regieren, von ihnen genommen war, das Rechtzu regieren (das Zepter), das ursprünglich in Gottes Verheißung übertragen war, war nicht genommen worden. Obwohl dem Nebukadnezar und seinen Nachfolgern Universalherrschaft verliehen war, wie es in dem großen Standbild und durch die vier großen Tiere dargestellt ist, so sollte dieselbe doch nur eine begrenzte Dauer haben. Die ursprünglich Israel gegebene Verheißung musste erfüllt werden - die Krone war genommen, aber das Zepter blieb, bis Siloh kam. Dies war auch in dem Dekret gegen Zedekia ausgesprochen: Hinweg die Krone - ich will sie zertrümmern,bis der kommt, dem das Recht gebührt und dem ich es gebe.

Während der mit Abraham gemachte Bund das Beherrschen und Segnen der Welt durch seinen Samen verhieß, begrenzte und beschränkte der mit Israel, den Kindern Abrahams, geschlossene Gesetzesbund jenen abrahamitischen Bund so, dass nur diejenigen irgendwelchen Anspruch machen konnten oder ein Recht hätten zu hoffen, an dem im abrahamitischen Bund verheißenen Herrschen und Segnen teilzunehmen, die da dem Gesetz ganz und vollkommen gehorchten. Die Erkenntnis dieser Tatsache führte zu der Bildung der Sekte der Pharisäer, die da behaupteten, das Gesetz bis ins einzelnste und aufs genaueste zu erfüllen und "auf sich selbst vertrauten, dass sie gerechtwären, und die übrigen für nichts achteten"; diese nannten sie Zöllner und Sünder, sich selbst aber "Kinder Abrahams", Erben der verheißenen und die Welt zu segnenden Herrschaft.

Die klare und kräftige Lehrweise unseres Herrn Jesus war zum Teil gegen die Irrtümer der Pharisäer gerichtet, gegen die Meinung, dass ihre genaue Verrichtung einiger äußerlicher Gesetzeszeremonien dem Buchstaben wie Geist desselben völlig gerecht werde. Unser Herr lehrte, was jeder Christ jetzt lernt, dass nämlich das Gesetz, wenn man es in seiner Fülle erkennt, so voller Majestät ist und dass der Mensch so gefallen und unvollkommen und von Versuchungen von außen wie auch von Schwächen von innen bedrängt ist, dass es nicht möglich ist, dass einer von ihnen dieses Gesetz vollkommen zu halten fähig wäre und den abrahamitischen Segen beanspruchen könne. Wenn unser Herr daher den Pharisäismus tadelt, so darf das nicht so verstanden werden, als ob er gegen ihr Bestreben, das Gesetz tadellos zu halten, Einspruch erhebe; noch auch, dass er sie darüber tadelte, dass sie das Gesetz nicht vollkommen hielten, was kein unvollkommener Mensch vermag. Aber er tadelte sie über die Heuchelei, dass sie sich und andern einredeten und so sich selbst betrogen, als ob sie vollkommen und heilig wären. Sie sowohl wie andere konnten sehen, dass das eine bloß äußerliche Reinigung war, während ihre Herzen unrein blieben und nicht dem Herrn geweiht waren. Er tadelte sie darüber, dass sie eine bloße Form der Gottseligkeit hatten und Gott mit den Lippen dienten, während ihre Herzen fern von ihm waren. Es hat also keiner, wie unser Herr und Paulus erklären, das Gesetz vollständig gehalten, noch konnte es irgend jemand (Joh. 7:19; Röm. 3:20), wenn sie auch zu einem viel vollkommeneren Halten des Gesetzes hätten kommen können, als sie es taten.

Nicht nur in Worten erklärte unser Herr, dass die volle Bedeutung des Gesetzes die sei: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzenHerzen, und mit deiner ganzenSeele und mit deiner ganzenKraft und mit deinem ganzenVerstand, und deinen Nächsten wie dich selbst" (Luk. 10:27), sondern er bestätigtedies auch in seiner vollen Selbstübergabe in den Willen und Plan Gottes, in seiner Vermeidung irgendwelchen eigenen Planes oder Zieles und aller Eigensucht - in einem aus vollem Herzen quellenden Tun des Willens Gottes mit ganzemHerzen, ganzerSeele, ganzemVerstand und ganzer Kraft und seinen Nächsten liebend wie sich selbst; und all dies bis zum Tod.

Durch solche Erfüllung der Bedingungen des Gesetzes - durch vollkommenen Gehorsam gegen dasselbe, wie es keiner aus der unvollkommenen Menschenfamilie tun konnte - wurde unser Herr der Erbe aller jener Segnungen, die in dem am Berg Sinai mit Israel geschlossenen Gesetzesbund verheißen waren; und damit erwies er sich gleichfalls als "der Same Abrahams", dem nun die ganze abrahamitische Verheißung gehörte. So erwarb sich unser Herr das Zepter(das verheißene Recht oder den Anspruch auf die Herrschaft der Erde), welches jahrhundertlanger Verheißung nach von einem aus dem Stamm Juda und dem Geschlecht Davids erworben und erlangt werden sollte. Der große Lohn, auf den Israel jahrhundertlang gehofft und wonach es sich gesehnt und gestrebt hatte, war endlich von dem Löwen (dem Starken) aus dem Stamme Juda gewonnen. Siloh, der große Friedensstifter, war gekommen: Er, der nicht allein durch das Blut seines Kreuzes zwischen Gott und dem Menschen Frieden machte, als er die Menschheit von der auf allen gerechterweise lastenden Verdammnis erlöste, sondern der auch, wenn er als König der Könige und Herr der Herren seine große Gewalt an sich nimmt und herrscht, alles Unrecht und Böse, alle Sünde entfernen und auf der sicheren Grundlage der Heiligkeit Frieden stiften wird. Er ist der Friedefürst.

Als das Zepter (das Recht) dem Bund gemäß auf unseren Herrn Jesus überging, da hörteder Gesetzesbund auf. Denn wie konnte Gott auch weiterhin noch, unter irgendwelchen Bedingungen, einem andern den Lohn anbieten, der schon von Siloh errungen war? Daher erklärte der Apostel, Christus habe dem Gesetz (Gesetzesbund) ein Ende gemacht, es "an das Kreuz" genagelt. - Röm. 10:4; Kol. 2:14

So erwarb der "Fürst des Friedens" für seine Untertanen sowohl Vergebung der Sünden als auch Wiederherstellung und gründete ein ewig dauerndes Königreich, das auf der Grundlage der Gerechtigkeit, wie es auf keine andere Weise hätte zu Stande gebracht werden können, errichtet werden wird. So wurde die Vorhersagung erfüllt: "Nicht weichen wird das Zepter von Juda, noch der Herrscherstab zwischen seinen Füßen (Lenden) hinweg, bisdas Siloh kommt." Da wich es von Juda und wurde "dem Löwen (dem Starken, dem hoch erhöhten, geistigen Wesen, dem Herrn der Herrlichkeit) aus dem Stamm Juda" gegeben, der nun das Zepter (oder das Anrecht, den Besitztitel) als König der Könige und Herr der Herren inne hat.

Auch nach den siebzig Jahren der Gefangenschaft in Babylon, als etliche zurückkehrten und den Tempel und die Mauer der Stadt wieder aufbauten, waren es solche, welche die Verheißung Gottes in Ehren hielten, und die "auf den Trost Israels warteten." Sie sammelten sich um den Stamm Juda und gedachten an Gottes Verheißung, dass der Herrscher, der Befreier, der große Siloh oder Friedensstifter, aus jenem Stamm kommen solle. Doch ach! als der Friedevolle, der Frieden machte und die Versöhnung für die Sünden durch das Blut seines Kreuzes bewerkstelligte, kam, da verachteten und verwarfen sie ihn. Sie erwarteten keinen großen Hohenpriester, sondern einen großen General, einen Feldherrn.

Siloh, der um seines Gehorsams bis zum Tode willen bei seiner Auferstehung das Zepter und "alle Gewalt" erhielt, wird in der Tat zuerst Israel segnen; jedoch nicht das fleischliche Israel, denn das sind nicht alle wahre Israeliten, die dem Fleische nach so genannt werden. (Röm. 9:6) Siloh, der Erbe, sucht und findet Kinder Abrahams nach dem Geist, die da Abrahams Art, Glauben und Gehorsam an sich tragen - sowohl aus seiner natürlichen Nachkommenschaft als auch aus den Heiden (Nationen) - als "ein Volk zu seinem Namen." (Apg. 15:14) Und nach diesem (nachdem das Sammeln seiner auserwählten Kirche vollendet ist - in der Ernte oder am Ende des christlichen Zeitalters, am Schluss der Heidenzeiten) wird seine Gnade zurückkehren, und die Ruinen (Trümmer) Israels und schließlich die aller Geschlechter der Erde wieder bauen auf einer besseren Grundlage als es je ein Menschenherz erdacht hat. Er, der jetzt das Zepter hält - "dem das Recht gebührt" zur Herrschaft - wird beim Ablauf der Heidenzeiten auch die Krone empfangen; "und ihm werden die Völker gehorchen." (1. Mose 49:10) Das Zepter oder Anrecht auf "alle Gewalt im Himmel und auf Erden" wurde ihm bei seiner Auferstehung gegeben, doch er erwartet des Vaters bestimmte Zeit - bis zum Ende der Heidenzeit - ehe er seine große Gewalt an sich nimmt und seine glorreiche Herrschaft beginnt. - Offb. 11:17, 18

Nun behalte das für den Anfang dieser Zeiten der Nationen gefundene Datum - nämlich 606 v.Chr. - im Sinn, während wir darangehen, den Beweis dafür zu erbringen und zu untersuchen, dass ihre Länge 2520 Jahre beträgt und mit dem Jahre 1914 zu Ende geht.

Wir dürfen nicht erwarten, dies in so und so vielen Worten zu finden. Wäre es so ausgesagt, so würde es früher, als es sollte, bekannt geworden sein. Es ist solcherweise gegeben worden, dass es bis zu "der Zeit des Endes" verborgen blieb. - Dan. 12:4, 9

Aus den Worten unseres Herrn: "Jerusalem wird zertreten werden von den Nationen, bis dass die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden", geht nicht nur hervor, dass die Herrschaft der Nationen eine begrenzte und bestimmte ist, sondern sie geben auch zu verstehen, dass diese "Zeiten" mit der irdischen Stadt Jerusalem und mit dem fleischlichen Haus Israel zusammenhängen und danach bemessen werden. Und der Gedanke kommt: Mag es sein, dass Gott betreffs der Geschichte Israels etwas vorhergesagt hat, das uns das genaue Maß jener "Zeiten," von denen unser Herr redet, angibt? Und so ist es.

Schlagen wir das dritte Buch Moses auf, so finden wir irdische und geistliche Segnungen wie Drohungen verzeichnet. Wenn Israel Gott treu bleiben würde, so würden sie vor anderen Völkern gesegnet werden; wenn nicht, so würde sie sicheres Unglück ereilen. Schließlich lesen wir: "Und ich werde wandeln in eurer Mitte und werde euch zum Gott sein und ihr werdet mir zum Volk sein....Wenn ihr mir aber nicht gehorcht und nicht tut alle diese Gebote ... so richte ich mein Angesicht wider euch, dass ihr geschlagen werdet von euren Feinden, und eure Hasser werden über euch herrschen." "Und ihr werdet vergeblich euren Samen säen, denn eure Feinde werden ihn essen." "Und wenn ihr auf dies hin (trotz alledem) mir nicht gehorcht, so werde ich euch siebenmal (sieben Zeiten) mehr züchtigen wegen eurer Sünden." - 3. Mose 26:17, 18, 24, 28

Diese Drohung von "siebenmal" (sieben Zeiten) mehr wird viermal genannt. Die verschiedenen vor diesen "siebenZeiten" erwähnten Strafen beziehen sich auf die verschiedenen Gefangenschaften unter den Assyrern, Moabitern, Midianitern, Philistern, usw., usw., während welchen Gottes Sorge stets über ihnen waltete. Seine Verfahrungsweise mit ihnen war "Gebot an Gebot, Regel an Regel, hier ein wenig, dort ein wenig"; doch hielt er sie fest, und wenn sie umkehrten und zu ihm schrieen, so erhörte er sie und rettete sie vor ihren Feinden. (Richter 3:9,15) Doch als diese Züchtigungen fruchtlos blieben, wandte er die angedrohte siebenmalige an. Die Krone (Herrschaft) wurde für immer hinweggenommen und Israel wie auch die ganze Welt wurde für siebenZeiten den tierischen Mächten unterworfen. Es widerfuhr ihnen gemäß der göttlichen Warnung: "Und wenn ihr auf dieses (die vorigen Züchtigungen) hin mir nicht gehorcht, so werde ich euch siebenmal("siebenZeiten") mehr züchtigen."

Der Zusammenhang, in dem diese Drohung, "siebenZeiten" hinzuzufügen, sich vorfindet, zeigt an, dass dieselbe ein letztes und schließliches Strafmittel sein sollte, nachdem die anderen Züchtigungen wiederholentlich ihren Zweck, sie dauernd zu bessern, verfehlt hatten. Die Strafen dieser "sieben Zeiten" wird das beabsichtigte Ziel, sie gründlich vor dem Herrn zu demütigen, erreichen und sie so zubereiten, seine Segnungen zu empfangen. Diese siebenZeiten beziehen sich also auf die Länge der Zeit, während welcher die Heiden über sie herrschen sollten. Und auf diese Periode von "sieben Zeiten" nimmt unser Herr ohne Zweifel Bezug, wenn er von "den Zeitender Heiden" redet, während welcher Jerusalem zertreten sein soll.

Den Zeitpunkt, an dem diese geringeren Gefangenschaften und Züchtigungen dieser letzten, großen Nationalzüchtigung von "sieben Zeiten" Platz machen sollten, haben wir schon gezeigt. Es war damals, als ihr letzter König, Zedekia, hinweg geführt wurde; von diesem Zeitpunkte an datiert eine lange Periode der Züchtigung, die vorhergesagten "sieben Zeiten" oder 2520 Jahre.

Eine "Zeit" wird in der Bibel im Sinn von einem Jahr gebraucht, sei es nun ein buchstäbliches oder symbolisches (bildli­ches); aber zur Zeit des Ausspruches der Prophezeiung konnte man nicht wissen, ob die angegebene Zeit buchstäblich oder symbolisch zu verstehen sei. Die Propheten forschten fleißig, doch vergeblich, um zu erfahren, welcheoder welcherleiZeit (ob buchstäbliche oder symbolische) vom Geist angedeutet sei. (1. Petr. 1:11) Ein symbolisches Jahr wird biblischem Gebrauch gemäß nach dem Mondjahr berechnet: zwölf Monate von je dreißig Tagen oder dreihundertsechzig Tage, jeder Tag ein Jahr vertretend. Folglich vertritt eine "Zeit" oder ein Jahr, wenn es symbolisch ist, dreihundert und sechzig (360) symbolische Tage, und "sieben Zeiten" würden zweitausend fünfhundert zwanzig (360 mal 7 = 2520) symbolische Tage ausmachen, welche die gleiche Zahl buchstäblicher Jahre vertreten.

Die Frage, die sich erhebt, ist: Waren diese "sieben Zeiten" buchstäblich oder symbolisch? Nehmen sie Bezug auf sieben Jahre oder auf zweitausend fünfhundert zwanzig Jahre? Wir antworten, es waren symbolische Zeiten, 2520 Jahre. Sie können nicht als sieben buchstäbliche Jahre verstanden werden; denn Israel hatte manche Gefangenschaften von längerer Dauer durchgemacht. Sie haben z.B. dem König von Mesopotamien acht Jahre gedient, dem König von Moab achtzehn Jahre, dem König Jabin zwanzig Jahre, den Philistern eine Periode von achtzehn Jahren und eine andere von vierzig Jahren. (Richter 3:8,14; 4:1,2; 10:7; 13:1), außer ihrer siebzigjährigen in Babylon. Alle diese Perioden waren viel länger als "sieben Zeiten" buchstäblicher Jahre. Da diese aber als letzte, größte und schließliche Strafe genannt werden, so beweist dies, dass symbolische und nicht buchstäbliche Zeit gemeint ist, obschon das hebräische Wort für siebenmal(sieben Zeiten) in 3. Mose 26:18, 21, 24, 28 dasselbe ist, wie in Dan. 4:13, 20, 22, 29 (Elberf.-Übers. - Vers 16, 23, 25, 32). Und eigentümlich, es wird noch dazu in beiden Fällen viermal wiederholt. In Nebukadnezars Fall waren es buchstäbliche Jahre, doch wie wir noch sehen werden, sowohl Nebukadnezar als auch seine "sieben Zeiten" waren vorbildlich.

Die "sieben Zeiten" der Erniedrigung Nebukadnezars (Dan. 4:16, 23-26) erwiesensich als sieben eigentliche Jahre, indem sie tatsächlich so erfüllt wurden. Aber ebenso hat sich die Unterwerfung Israels und der Welt unter die "obrigkeitlichen Gewalten" (Röm. 13:1) als eine von sieben symbolischen Zeiten - als zweitausend fünfhundert zwanzig buchstäbliche Jahre - bestätigt. An dieser Periode fehlen jetzt nur noch sechsundzwanzig Jahre, um erfüllt zu sein, und auf allen Seiten sind Bewegungen im Gange, die auf das Ende der Heiden - oder Nationenherrschaft und auf das Herbeikommen dauernder Gerechtigkeit und all der Segnungen des Neuen Bundes für Israel und die ganze seufzende Kreatur hindeuten.

Das Ende von Israels sieben Zeiten

Diese lange Periode ("sieben Zeiten" oder 2520 Jahre) der Züchtigung Israels ist die Periode der Nationenherrschaft - der "Zeiten der Nationen." Da, wie wir schon gezeigt haben, die "Zeiten der Nationen" mit dem Jahr 606 v.Chr. begannen und zweitausend fünfhundert zwanzig Jahre dauern sollten, so enden sie mit dem Jahr 1914. (2520 - 606 = 1914.) Dann werden die im letzten Teil desselben Kapitels (3. Mose 26:44, 45) verzeichneten Segnungen in Erfüllung gehen. Gott wird des Bundes, den er mit Israels Vätern gemacht hat, gedenken und ihn in Erfüllung gehen lassen. - siehe Röm. 11:25-27

Manchem möchte dies folgenderweise noch klarer werden:

Israels "sieben Zeiten" der Züchtigung 2520 Jahre
Sie begannen, als der Besitz der Gewalt den Nationen überliefert wurde,
was, wie wir gezeigt haben, 606 v.Chr. stattfand. Folglich verflossen bis zum Jahre 1
606 Jahre
von dieser Periode, und der Rest zeigt das Datum nach Christo an, nämlich 1914 Jahre

Zum Beweis, dass nachbiblischem Sprachgebrauch in symbolischer Prophezeiung ein Tag für ein Jahr steht, führen wir die folgenden Fälle an, die so erfüllt worden sind: - 1. Die Kundschafter mussten bei ihrer Erforschung Kanaans vierzig Tage auf der Wanderschaft sein. Dies war typisch von den vierzig Jahren der Wanderung Israels in der Wüste. (4. Mose 14:33, 34) 2. Als Gott Israel durch den Hesekiel eine Zeit der Drangsal ankündigen wollte, ließ er dieselbe von dem Propheten symbolisieren und erklärte: "Je einen Tag für ein Jahr habe ich dir auferlegt." (Hes. 4:1-8) 3. In jener bedeutsamen und schon erfüllten Prophezeiung Daniels (9:24-27), die wir im vorigen Kapitel untersuchten, ist symbolische Zeit gebraucht. In derselben wird die Zeit bis zur Salbung unseres Herrn angegeben und ebenfalls die sieben Jahre der darauffolgenden Begünstigung Israels, in deren Mitte der Messias weggerafft oder ausgerottet werden sollte. Jeder Tag der siebzig symbolischen Wochen repräsentierte (vertrat) ein Jahr und ist so erfüllt worden. 4. Wiederum in Dan. 7:25 und 12:7 wird die Periode des Triumphes des Papsttums als drei und eine halbe Zeit angegeben, und dies wurde, wie wir wissen und es nachweisen werden, in eintausend zweihundert sechzig Jahren (360 mal 3 ½ = 1260) erfüllt. Dieselbe Periode wird in der Offenbarung erwähnt. In Kapitel 12:14 wird sie drei und eine halbe Zeit genannt (360 mal 3 ½ = 1260); in Kapitel 13:5 wird sie als zweiundvierzig Monate (30 x 42 = 1260) bezeichnet; und in Kapitel 12:6 heißt es, sie sei eintausend zweihundert sechzig Tage lang. Die Erfüllung dieser Prophezeiungen wird später ganz besonders untersucht werden. Für jetzt genüge es zu sagen, dass das Wort "Zeit", wie es sonst wo vom Geist gebraucht wird, heutzutage noch genauso gebraucht wird; - ferner, dass in symbolischer Weissagung eine Zeit ein symbolisches Jahr von dreihundert und sechzig Jahren ist; und die Tatsache, dass drei und eine halbe Zeit, womit der Sieg der abtrünnigen Kirche gemessen ist, in zwölfhundert sechzig Jahren erfüllt wurde, stellt die Regel fest, nach welcher die siebenZeiten der Nationenherrschaft berechnet sind (360 x 7 = 2520) und beweist, dass deren Ende auf das Jahr 1914 n.Chr. fällt; denn wenn drei und eine halbe Zeit 1260 Tage (Jahre) ist, so müssen sieben Zeiten gerade zweimal so lang sein, nämlich 2520 Jahre.

Wären Israels "sieben Zeiten" in buchstäblicher Zeit (in sieben Jahren) erfüllt worden, so würden die Segnungen, die durch Gottes bedingungslosen Bund mit ihren Vätern verbürgt waren, eingetroffen sein. (siehe 3. Mose 26:45 und Röm. 11:28) Aber dies war nicht der Fall. Noch nie haben sie diese Segnungen genossen; und Paulus sagt (Röm. 11:25, 26), dieser Bund werde nicht erfüllt, bis die christliche Kirche, Herauswahl, der Leib Christi, wie ihr Erlöser, vollkommen gemacht ist. Durch Christus und seine Braut soll der Bund in Wirksamkeit treten. "Dies ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel machen werde nach jenen Tagen (das bedeutet nach den sieben Zeiten der Züchtigung), spricht Jehova: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es in ihr Herz schreiben; und ich werde ihnen zum Gott, und sie werden mir zum Volk sein. Und sie werden nicht mehr ein jeder seinen Nächsten und ein jeder seinen Bruder lehren und sprechen: Erkennt Jehova! Dann sie alle werden mich erkennen von ihren Kleinsten bis zu ihren Größten, spricht Jehova. Denn ich werde ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken." (Jer. 31:33, 34; Hebr. 10:16, 17) "In jenem Tagen (den Tagen der Gnade, die auf die sieben Zeiten der Züchtigung folgen) wird man nicht mehr sagen: Die Väter haben Herlinge gegessen, und die Zähne der Söhne sind stumpf geworden; sondern ein jeder, (der da stirbt) wird für seine Missetat sterben; jeder Mensch, der Herlinge isst, dessen Zähne sollen stumpf werden." - Jer. 31:29, 30

Die Wiederherstellung aus Babylon am Ende der siebzig Jahre war keine Freilassung von der Nationenherrschaft; denn seitdem sind sie stets ein tributpflichtiges Volk gewesen. Jene Wiederherstellung diente nur dazu, ein Volk zu erhalten, dem der Messias dargeboten werden sollte. Während und weil Israel schon unter der Botmäßigkeit der Nationenherrschaft stand, erklärte unser Herr, dass sie in dieser unterdrückten Lage verbleiben würden, bis die Zeiten der Nationen abgelaufen oder erfüllt seien. Die Welt ist Zeuge davon, dass Israels Strafe unter der Nationenherrschaft ununterbrochen seit 606 v.Chr. angedauert hat und noch fortdauert; und kein Grund ist vorhanden, ihre nationale Reorganisation früher als 1914 - am Endpunkt ihrer "sieben Zeiten", der 2520 Jahre - zu erwarten. Doch da diese lange Periode ihrer nationalen Züchtigung sich ihrem Ende nähert, so können wir deutliche Anzeichen sehen, dass der unfruchtbare Feigenbaum im Begriffe ist, auszuschlagen - ein Zeichen, dass die Winterszeit des Bösen zu Ende läuft und der Millenniumssommer herbeikommt, der sie völlig zu ihrem verheißenen Erbe und zu nationaler Unabhängigkeit wiederherstellen wird. Der Umstand, dass jetzt große Vorbereitungen im Gange sind und große Erwartungen in Bezug auf Israels Rückkehr ins eigene Land gehegt werden, ist schon an und für sich ein starker Tatsachenbeweis, der diese Lehre der Schrift bestätigt. Über die Bedeutung solch eines Ereignisses siehe Band 1.

Noch ein anderweitiges Zeugnis

Eine andere Ansicht der Heidenzeiten ist durch Daniel, Kapitel 4, dargeboten. Hier wird die ursprüngliche Herrschaft des Menschen über die ganze Erde, ihre Hinwegnahme und die Gewissheit, dass ihre Wiederherstellung am Ende der Nationenzeit beginnt, aufs kräftigste in einem Nebukadnezar gewordenen, von Daniel ausgelegten und an Nebukadnezar erfüllten Traum veranschaulicht.

In seinem Traum schaute Nebukadnezar, "und siehe, ein Baum stand mitten auf der Erde, und seine Höhe war gewaltig. Der Baum wurde groß und stark, und seine Höhe reichte bis an den Himmel, und er wurde gesehen bis an das Ende der ganzen Erde; sein Laub war schön und seine Frucht zahlreich, und es war Nahrung an ihm für alle; die Tiere des Feldes fanden Schatten unter ihm, und die Vögel des Himmels wohnten in seinen Zweigen; und alles Fleisch nährte sich von ihm....Und siehe, ein Wächter und Heiliger stieg vom Himmel nieder. Er rief mit Macht und sprach also: Haut den Baum um und schneidet seine Zweige weg; streift sein Laub ab und streut seine Frucht umher! Die Tiere unter ihm sollen wegfliehen und die Vögel aus seinen Zweigen! Doch seinen Wurzelstock lasset in der Erde, und zwar in Fesseln von Eisen und Erz, im Gras des Feldes; und von dem Tau des Himmels werde er benetzt, und mit den Tieren habe er Teil an dem Kraut der Erde. Sein menschliches Herz werde verwandelt, und das eines Tieres ihm gegeben; und sieben Zeiten sollen über ihm vergehen. Durch Beschluss der Wächter ist dieser Ausspruch, und ein Befehl der Heiligen ist diese Sache: auf dass die Lebenden erkennen, dass der Höchste über das Königtum der Menschen herrscht, und es verleiht, wem er will, und den Niedrigsten der Menschen darüber bestellt."

Dieser merkwürdige Baum stellte in seiner Herrlichkeit und Schönheit die ursprüngliche Herrschaft über die Erde dar, wie sie dem menschlichen Geschlecht in ihrem Vertreter und Haupt, Adam, gegeben war. Zu ihm hatte Gott gesagt: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan, und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alles Getier, das sich regt auf der Erde!" (1. Mose 1:28) Die ursprüngliche Herrlichkeit des Menschen und die in ihn gelegte Macht war in der Tat groß und schön. Sie erstreckte sich über die ganze Erde, um alle lebendigen Wesen zu beglücken, zu nähren, zu schützen und zu beschirmen. Doch als die Sünde kam, da kam der Befehl, den Baum umzuhauen, und die Herrlichkeit, Schönheit und Macht der Menschheit schwand dahin; und die niedere Kreatur fand unter ihr keinen Schirm, Schutz und Segen mehr. Der Tod fällte den großen Baum, zerstreute seine Früchte und Blätter und ließ die niedere Kreatur ohne ihren Herrn und Beschützer.

So weit es den Menschen betraf, war alle Möglichkeit, die verlorene Herrschaft wieder zu gewinnen, hoffnungslos dahin. Aber nicht so war es von Gottes Standpunkt aus. Die Herrschaft rührte ursprünglich von seinem Plan her und war eine Gabe seiner Gnade; und obwohl er befohlen hat, sie niederzureißen, so blieb doch die Wurzel - Gottes Vorsatz und Plan einer Wiederherstellung - wenn auch mit starken Ketten gebunden, so dass sie nicht eher wieder ausschlage, bis die von Gott bestimmte Zeit gekommen sei.

Wie das Bild im Traum von dem Stumpf eines Baumes sich in einen Menschen umwandelte, der in die Gesellschaft und Ähnlichkeit mit den Tieren erniedrigt wurde und dessen Vernunft entwich und dessen ganze Herrlichkeit entschwand; so sehen wir es am Menschen, dem gefallenen, herabgesetzten Herrn der Erde: Seine Herrlichkeit und Herrschaft ist dahin. Von dem Augenblick an, da der Urteilsspruch erging, hat das Geschlecht sein Teil mit den Tieren gehabt, und das menschliche Herz ist tierisch und verderbt geworden. Wie getreu ist das Bild, wenn wir den gegenwärtigen und vergangenen, halb zivilisierten und wilden Zustand der großen Masse des Menschengeschlechtes betrachten, und dass selbst die kleine Minderheit, welche die abwärts führende Richtung aufzuhalten trachtet, nur in einem beschränkten Grade Erfolg hat, und das unter großer Mühe und beständiger Anstrengung. Das Geschlecht muss in seiner Erniedrigung unter der Herrschaft des Bösen verbleiben, bis die Lektion gelernt ist, "dass der Höchste über das Königtum der Menschen herrscht und es verleiht, wem er will." Und während die Menschen in diesem gefallenen Zustand sind, erlaubt es Gott vielen der niedrigsten Charaktere unter ihnen, über sie zu herrschen, auf dass ihre bittere Erfahrung sich in der Zukunft als von dauerndem Nutzen erweise.

Allerdings gemäß der Auslegung Daniels "widerfuhr all dies Nebukadnezar, dem König", und in seinem vernunftlosen, gefallenen, tierischen Zustand wandelte er unter den Tieren, bis sieben Zeiten (sieben eigentliche Jahre in seinem Fall) über ihn hingingen. Daniels Auslegung des Traumes nimmt nur Bezug auf seine Erfüllung an Nebukadnezar. Aber der Umstand, dass der Traum und die Auslegung hier so sorgfältig erzählt werden, ist Beweis, dass dies zu einem Zweck geschah; und der Umstand, dass er als Darstellung des göttlichen Planes so genau zutrifft und passt, wonach dies ganze Geschlecht zu seiner Züchtigung und Besserung der Herrschaft des Bösen unterworfen wurde, damit Gott dasselbe zu seiner Zeit wiederherstelle und in Gerechtigkeit und dauerndes Leben wiedereinsetze, berechtigt uns, ihn als beabsichtigtes Vorbild anzunehmen.

In seiner Erfüllung an Nebukadnezar ist der Traum besonders beachtenswert, wenn wir bedenken, dass er zum vertretenden Herrscher-Haupt der menschlichen Herrschaft gemacht worden war (Dan. 2:38), und dass er durch den Propheten in fast eben denselben Worten als Herr der Erde angeredet wurde, in denen Gott im Anfang zu Adam redete - "Du, o König, du König der Könige, dem der Gott des Himmels das Königtum, die Macht und die Gewalt und die Ehre gegeben hat; und überall, wo Menschenkinder, Tiere des Feldes und Vögel des Himmels wohnen, hat er sie in deine Hand gegeben und dich zum Herrscher über sie alle gesetzt." (Dan. 2:37, 38; vergleiche 1. Mose 1:28) Später empfing Nebukadnezar um seiner Sünde willen die "sieben Zeiten" Züchtigung, nach welcher seine Vernunft zurückzukehren begann und seine Wiedereinsetzung in die Herrschaft vollzogen wurde. Er wurde in sein Königreich wiedereingesetzt und erhielt noch größere Macht, nachdem er die nötige Lektion gelernt hatte. Hierauf beziehen sich die folgenden Worte:

"Am Ende der Tage erhob ich, Nebukadnezar, meine Augen zum Himmel, und mein Verstand kam mir wieder; und ich pries den Höchsten, und rühmte und verherrlichte den ewig Lebenden, dessen Herrschaft eine ewige Herrschaft ist, und dessen Reich von Geschlecht zu Geschlecht währt. Und alle Bewohner der Erde werden wie nichts geachtet, und nach seinem Willen tut er mit den Bewohnern der Erde; und da ist niemand, der seiner Hand wehren und zu ihm sagen könnte: Was tust du? Zur selben Zeit kam mir mein Verstand wieder, und zur Ehre meines Königtums kamen meine Herrlichkeit und mein Glanz mir wieder, ...und ich wurde wieder in mein Königtum eingesetzt und ausnehmende Größe wurde mir zugefügt. Nun rühme ich, Nebukadnezar, und erhebe und verherrliche den König des Himmels, dessen Werke allesamt Wahrheit und dessen Wege Recht sind, und der zu erniedrigen vermag, die in Hoffart wandeln."

Die Erniedrigung des Nebukadnezar war vorbildlich von der Erniedrigung der Menschheit unter tierische Obrigkeiten während sieben symbolischer Zeiten - das ist ein Jahr für einen Tag gerechnet 2520 Jahre - von seiner Zeit an gezählt. Und beachte, dies entspricht genau den über Israel vorhergesagten sieben Zeiten, die, wie wir soeben gesehen haben, mit 1914 zu Ende gehen. Denn unter diesem Nebukadnezar war es, dass Israel gefangen nach Babylon geschleppt wurde, als die Krone des Königreiches Gottes von ihnen genommen worden war und ihre sieben Zeiten ihren Anfang nahmen.

In vollkommener Übereinstimmung hiermit steht es, dass Gott bei der Darstellung dieser Heidenobrigkeiten dieselben dem Daniel als eben so viele wilde Tiere abbildete, während das Königreich Gottes, das nach ihrem Ende aufgerichtet werden soll, als einem wie eines Menschen Sohn gegeben, dargestellt wird.

Wenn es nicht dafür wäre, die Gesunkenheit und die Dauer der Heidenzeiten voraus abzuschatten, so wüssten wir keinen Grund, warum dieses Stück der Geschichte eines heidnischen Königs aufgezeichnet worden ist. Dass seine sieben Jahre der Gesunkenheit die menschliche Erniedrigung treffend veranschaulichen, ist eine Tatsache; dass Gott eine Wiederherstellung der Herrschaft über die Erde verheißen hat, nachdem die Menschheit gewisse, wichtige Lehren gelernt hat, ist ebenfalls eine Tatsache; und dass die siebensymbolischen Punkte zu Ende gehen, da die Menschheit ihre eigene Gesunkenheit und gegenwärtige Unfähigkeit, die Welt zu ihrem Besten zu regieren, erkennt und daher bereit ist für Gottes Königreich und Herrschaft, ist eine dritte Tatsache. Und das Passende der Darstellung nötigt die Überzeugung auf, dass Nebukadnezars sieben Jahre, während sie an ihm buchstäblich erfüllt wurden, die noch größere und breitere Bedeutung besaßen, als Bild die sieben symbolischen Zeiten der Heidenherrschaft darzustellen.

Das genaue Datum der Erniedrigung Nebukadnezars wird nicht angegeben und ist auch nicht nötig, weil die Periode seiner Gesunkenheit den ganzen Zeitraum der Nationen vorbildete. Diese begann als die Krone des vorbildlichen Königreiches Gottes von Zedekia entfernt wurde. Es war tierisch vom ersten Anfang an, und ihre Zeiten sind gezählt; ihre Grenzen sind von Jehova gesetzt und können nicht überschritten werden.

Wie ermunternd ist die Aussicht, die uns am Schluss dieser sieben Zeiten vorgeführt ist! Weder Israel, noch die von jenem Volk bildlich vertretene Welt wird länger durch tierische Heiden- (Nationen-) Mächte niedergetreten, unterdrückt und missregiert werden. Das Königreich Gottes und seines Christus wird auf Erden hergestellt sein, und Israel und die ganze Welt wird unter seiner rechten und gerechten Oberhoheit gesegnet werden. Hier wird die Wurzel der Verheißung und der Hoffnung, die zuerst in Eden gepflanzt (1. Mose 3:15) und über die Flut getragen und in Israel, dem vorbildlichen Volk, eingesenkt worden war (1. Mose 12:1-3), wieder zu sprossen anfangen. Sie fing beim ersten Advent unseres Herrn an zu sprossen, aber die fest bestimmte Zeit für ihr Erblühen und in der Wiederherstellung aller Dinge ihre köstliche Frucht zu tragen, war noch nicht gekommen. Aber am Ende der Zeiten der Nationen werden die sicheren Anzeichen des Frühlings nicht ausbleiben, und reich wird die Sommerfrucht und herrlich die Herbsternte sein, die eingeheimst und in dem ewigen Zeitalter, das dann folgt, genossen werden wird. Dann wird der ursprüngliche Herr der Erde mit wiederhergestellter Vernunft, mit noch höherem Glanz und größerer Herrlichkeit als in dem Vorbild völlig wieder eingesetzt werden, und den König vom Himmel wird er preisen, erheben und ehren.

Schon bemerken wir, wie Vernunft zur Menschheit zurückkehrt. Die Menschen wachen auf, bis zu gewissem Grade ihre Gesunkenheit zu empfinden, und sind darauf aus, ihre Lage zu verbessern. Sie sinnen nach, planen, entwerfen einen besseren Zustand als den, dem sie sich unter den tierischen Mächten unterstellt hatten. Jedoch ehe sie dazu kommen, Gott und seine Herrschaft über alle anzuerkennen, werden sie noch einen weiteren schrecklichen Anfall von Wahnsinn durchmachen, aus welchem Ringen sie schwach, hilflos, erschöpft, aber mit ihrer Vernunft so weit wiederhergestellt erwachen werden, dass sie die Herrschaft dessen anerkennen und vor dem sich beugen werden, der da kommt, die lang verlorene erste Herrschaft auf einer dauerhaften Grundlage der Erfahrung und Erkenntnis von Gutem und Bösem wiederherzustellen.

Es ist wahr, es heißt große Dinge erwarten, wenn man behauptet, wie wir tun, dass in dem kommenden sechs und zwanzig Jahren alle gegenwärtigen Regierungen gestürzt und aufgelöst sein werden; aber wir leben in einer besonderen und sonderbaren Zeit, in dem "Tag Jehovas" in dem sich die Dinge schnell entwickeln; und es steht geschrieben: "Der Herr wird eine abgekürzte Sache tun (kurzen Prozess machen) auf Erden." (Röm. 9:28; siehe Band 1, Studie 15) Seit den letzten elf Jahren wurde dies gepredigt und gedruckt wie oben ausgeführt; und in dieser kurzen Zeit ist das Entstehen von Einflüssen und Veranstaltungen, um auch die stärksten Reiche der Erde zu untergraben und mit dem Einsturz zu bedrohen, wunderbar gewesen. In dieser Zeit sind Kommunismus, Sozialismus und Nihilismus mit Macht ins Dasein gesprungen und verursachen schon jetzt sehr unangenehme Gefühle unter den Herrschern und den Hochgestellten der Erde, indem sie "ver­schmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen" (Luk. 21:26); denn die gegenwärtigen Mächte werden gewaltig erschüttert werden und schließlich mit einem großen Tumult verschwinden.

Im Hinblick auf diesen starken biblischen Beweis in betreff der Zeiten der Nationen betrachten wir es als feststehende Wahrheit, dass das schließliche Ende der Reiche dieser Welt und die volle Herstellung des Königreiches Gottes um 1914 vollzogen sein wird. Dann wird das seit dem Fortgang ihres Herrn bis jetzt fortwährende Gebet der Kirche (Herauswahl), "Dein Reich komme" erhört sein; und unter seiner weisen und gerechten Verwaltung wird die Erde mit der Herrlichkeit des Herrn, mit Erkenntnis, Gerechtigkeit und Friede erfüllt sein (Ps. 72:19; Jes. 6:3; Hab. 2:14); und der Wille Gottes wird dann geschehen "auf Erden wie im Himmel."

Daniels Aussage, dass Gottes Königreich nicht erst aufgerichtet werden wird, wenn diese Reiche der Welt aufgelöst sind, sondern schon in ihrem Tagen, während sie noch bestehen und Gewalt haben, und dass Gottes Königreich es ist, das all diese Reiche zerschlagen und verzehren wird (Dan. 2:44), verdient unsere besondere Beachtung. Ähnlich war es mit jedem dieser tierischen Obrigkeiten. Sie bestanden schon, ehe sie Universal-, Welt-Herrschaft erlangten. Babylon bestand lange, ehe es Jerusalem eroberte und die Herrschaft erlangte (Dan. 2:37, 38); Medo-Persien bestand, ehe es Babylon besiegte; und so mit allen Reichen. Sie mussten zuerst vorhanden sein und größere Macht empfangen, ehe sie andere besiegen konnten. So auch mit Gottes Königreich. Es hat in einer Embryo- (Keim-) Gestalt achtzehn Jahrhunderte lang bestanden, war aber mit der übrigen Menschheit den "von Gott verordneten Gewalten" unterstellt. Bis deren "sieben Zeiten" ablaufen, kann das Königreich Gottes nicht zur Universalherrschaft gelangen. Ehe es jedoch jene Reiche in Stücke zerschlagen kann, muss es gleich ihnen die für den Umsturz derselben nötige Macht erhalten.

So nimmt unser Herr an diesem "Tag Jehovas", dem "Tag der Drangsal", seine (bis dahin schlummernde) große Gewalt an sich und herrscht, und dies ist es, was die Trübsal verursacht, wenn die Welt es auch eine Zeitlang noch nicht merken wird. Dass die Heiligen an diesem Werk, die gegenwärtigen Reiche in Stücke zu schlagen, beteiligt sein werden, darüber kann kein Zweifel bestehen. Es steht geschrieben: "Ihre Könige zu binden mit Ketten und ihre Edlen mit eisernen Fesseln; an ihnen auszuüben das geschriebene Gericht! Das ist die Ehre aller seiner Heiligen." (Ps. 149:8, 9) "Und wer überwindet und meine Werke bewahrt bis ans Ende, dem werde ich Gewalt über die Nationen geben; und er wird sie weiden mit eiserner Rute, wie Töpfergefäße (werden die Reiche) zerschmettert werden." - Offb. 2:26, 27; Ps. 2:8, 9

Der große Unterschied aber, der, wie wir schon ausgeführt haben, zwischen dem Königreich Gottes und den tierischen Reichen dieser Welt besteht, lässt auch auf einen großen Unterschied in der Kampfesweise schließen. Die Art des Kampfes und des Zerschlagens auf Seiten der Heiligen wird von der Weise verschieden sein, wie je zuvor Nationen gestürzt worden sind. Er, der jetzt seine große Macht an sich nimmt, um zu herrschen, wird bildlich (Offb. 19:15) als einer dargestellt, dessen Schwert aus seinem Mundging, "dass er damit die Nationen schlage; und er wird sie weiden mit eiserner Rute." Dieses Schwert ist die Wahrheit (Eph. 6:17); und die jetzt lebenden Heiligen wie auch manche aus der Welt werden jetzt als Streiter des Herrn verwandt, um Irrtümer und Böses zu stürzen. Doch niemand schließe daraus voreilig, dass eine friedliche Bekehrung der Nationen hier abgebildet sei, denn viele Schriftstellen, wie Offb. 11:17, 18; Dan. 12:1; 2. Thess. 2:8; Psalm 149 und 47, lehren das gerade Gegenteil.

Man verwundere sich daher nicht, wenn wir in den nachfolgenden Kapiteln Beweise beibringen, dass das Aufrichten des Königreiches Gottes schon angefangen habe, dass in der Prophezeiung aufgezeichnet steht, dass das Jahr 1878 die Zeit sei, da die Ausübung seiner Macht beginnen sollte, und dass die "Schlacht des großen Tages Gottes des Allmächtigen" (Offb. 16:14), die im Jahre 1914 zu Ende gehen soll, bereits angefangen hat.

Das schon geschärfte Schwert der Wahrheit soll jedes schlechte System und alle üble Einrichtung - bürgerliche, gesellschaftliche wie kirchliche - schlagen. Nein mehr, wir sehen sogar, dass das Schlagen schon begonnen hat. Freiheit des Denkens, bürgerliche und religiöse Freiheit und Menschenrechte, lange Zeit unter Königen und Kaisern, Päpsten, Synoden, Konzilien, Traditionen und Glaubenssatzungen aus dem Auge verloren, werden gewürdigt und hervorgezogen, wie nie zuvor. Der innere Kampf ist schon in der Gärung begriffen. Es wird nicht lange dauern, da bricht es wie ein verzehrendes Feuer hervor, und menschliche Systeme und Irrtümer, die jahrhundertlang die Wahrheit in Fesseln schlugen und die seufzende Kreatur unterdrückten, müssen vor ihm schmelzen. Ja, Wahrheit - und weitverbreitete und wachsende Erkenntnis derselben - ist das Schwert, das die Häupter über viele Lande beunruhigt und verwundet. (Ps. 110:6) Und doch, was für ein Segen ist in diesem Trubel verborgen: Er wird die Menschheit zu einer volleren Würdigung von Gerechtigkeit und Wahrheit unter der Herrschaft des Königs der Gerechtigkeit zubereiten.

Wenn die Menschen schließlich dahin kommen zu sehen, dass "Recht zur Richtschnur und Gerechtigkeit zum Senkblei" gemacht wird (Jes. 28:17), dann werden sie auch lernen, dass nur allein die genauesten und strengsten Regeln der Gerechtigkeit die von allen herbeigewünschten Segnungen sichern können. Durch und durch von ihren eigenen Wegen und der elenden Frucht der Selbstsucht unbefriedigt, werden sie die gerechte Herrschaft, die dann die Zügel ergreift, mit Freuden willkommen heißen und sich ihr willig unterwerfen. Und so steht geschrieben: - "Das Ersehnte aller Nationen wird kommen" (Hag. 2:8), nämlich das Königreich Gottes unter der absoluten, unbeschränkten Herrschaft des Gesalbten Jehovas.

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Studie 5

Die Art und Weise des zweiten Adventes, der Wiederkunft und Erscheinung unseres Herrn

Der Einklang zwischen der Wiederkunft unseres Herrn mit anderen Zügen des göttlichen Planes. - Wie und wann die Kirche ihn sehen wird. - Wie und wann die Herrlichkeit des Herrn so offenbart wird, dass alles Fleisch miteinander sie schauen wird. - Scheinbar sich widersprechende Aussagen als übereinstimmend nachgewiesen. - Er kommt "wie ein Dieb", "nicht mit äußerlichen Gebärden", und doch "mit einem Feldgeschrei", mit "Stimmen" und mit dem Schall der "letzten Posaune". - "Er wird offenbart mit Feuerflammen, um Rache zu geben", und doch wird er "kommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen in den Himmel." - Der Nachweis, wie wichtig im Zusammenhang hiermit prophetische Zeitrechnung ist. - Wie die gegenwärtigen Anzeichen damit stimmen.

Die rasch zu ihrem Ende eilenden Zeiten der Nationen, wovon wir soeben handelten, sowie die Gewissheit, dass die Erfüllung der Hoffnung der Kirche diesem Schluss vorangehenmuss, dient nur dazu, den Appetit derer zu schärfen, die auf den Trost Israels warten. Heißhungrig nach irgendwelcher Belehrung, die der Vater durch die Propheten gegeben haben mag, werden sie gerne wissen mögen, was die "Ernte", das Ende oder die Schlussperiode dieses Zeitalters auf sich habe; wie die Trennung des Weizens vom Scheinweizen unter den noch lebenden Gliedern der Kirche vor sich gehen werde; und wann der Zeitpunkt der Verwandlung der Überwinder, um bei ihrem Herrn und Haupt und "wie er ist" zu sein, eintreten mag.

Um jedoch die Vernünftigkeit der prophetischen Lehre über diese tief interessanten Gegenstände recht würdigen zu können, ist es unbedingt notwendig, dass wir betreffs des Zweckes der Wiederkunft unseres Herrn, sowie auch über die Artund Weise, in welcher er offenbart werden wird, klare Anschauungen haben; dass der Zweck seiner Wiederkunft der ist, jeden, der "da will", zu Gott zurückzubringen, indem er ihn seiner Herrschaft, seiner Lehre und seiner Zucht unterwirft (was die Schrift Richten und Segnen nennt), davon, hoffen wir, sind alle Leser dieses Bandes durch das Lesen des ersten Bandes völlig überzeugt worden. Die Artund Weise des zweiten Adventes des Herrn ist daher an dieser Stelle von alles überragender Wichtigkeit, ehe wir in unsrem Studium über die Zeit der Ernte usw. fortfahren. Beim Studium der Art und Weise der Wiederkunft unseres Herrn muss der Zweck derselben klar im Auge behalten werden; und diese beiden, wenn man ans Erforschen der Zeit geht. Das ist nötig, um irrige Ansichten aus dem Wege zu halten, welche die Gedanken mancher schon im voraus eingenommen haben und sich auf falsche Ansichten sowohl betreffs des Zweckes als auch betreffs der Art der Wiederkunft unseres Herrn gründen.

Erfasse und halte die schon nachgewiesene Tatsache so fest als möglich im Sinn: Gottes durch Christum hinauszuführender Plan ist ein harmonisches Ganzes; und das Werk des zweiten Adventes verhält sich zu dem Werke des ersten wie Wirkung zur Ursache. Das ist: Das große Wiederherstellungswerk beim zweiten Advent folgt dem am ersten Advent vollbrachten Erlösungswerk dem göttlichen Plan gemäß als logische Folge. Die Wiederkunft des Herrn ist daher der Millennium-Tages Anbruch der Hoffnung für die Welt, die Zeit der Austeilung der durch die Erlösung gesicherten Gnaden. Das christliche Zeitalter ist bloß eine dazwischen eingeschobene Einschaltung, während welcher die Braut Christi ausgesucht wird, um mit ihrem Herrn an dem großen Werk der Restitution (Wiederherstellung), das er auszuführen kommt, teilzunehmen.

Da nun die während des christlichen Zeitalters sich entwickelnde Herauswahl (Kirche oder Gemeinde) mit ihrem Herrn in dem großen Wiederherstellungswerk des Tausendjahrzeitalters oder Millenniums vereint sein soll, so muss Christi erstes Werk bei seinem zweiten Advent das der Sammlung seiner Herauswahl (Kirche) sein. Darauf nimmt der Prophet Bezug, wenn er sagt: "Versammelt mir meine Frommen, die meinen Bund geschlossen haben beim Opfer." (Ps. 50:5) Diese Sammel- oder Einerntezeit ist die Übergreifperiode zweier Zeitalter. Das eine beginnt, wie gezeigt werden wird, vierzig Jahre, ehe das andere ausläuft. Mit dieser Periode endet das christliche Zeitalter und wird das Millennium eingeführt. (siehe Band 1 und die Karte der Zeitalter.) Diese Ernteperiode vollführt nicht nur die Trennung der Weizenklasse, sondern sie bringt auch das Verbrennen (Vernichten) des Scheinweizens zuwege. (Nicht die Vernichtung der Personen als solche, sondern als Schein- oder nachgeahmten Weizen. Das Feuer der Vernichtung ist eben sowohl symbolisch wie der Scheinweizen.) Ebenso findet in dieser Endperiode das Sammeln und die Vernichtung der verderbten Frucht des "Weines der Erde" -menschlicher Ehrsucht, Habsucht und Selbstsucht - statt, die jahrhundertlang in den Reichen dieser Welt und in den verschiedenen bürgerlichen und sozialen Organisationen unter den Menschen wuchsen und reiften.

Obwohl wir zeigten, als wir über den Zweck der Wiederkunft unseres Herrn handelten, dass es eine persönliche Wiederkunft sein würde, so möchten wir doch noch einmal den Leser warnen, vor Gedankenverwirrung auf seiner Hut zu sein, wenn er die beiden scheinbar sich widerstreitenden Aussprüche unseres Herrn betrachtet: - "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis zur Vollendung des Zeitalters", und: "Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen." (Matth. 28:20; Joh. 14:2, 3) Das Folgende mag als eine Verdeutlichung der Harmonie beider Verheißungen dienen: - Ein Freund sagte zu einem anderen, als sie sich trennen wollten: Wisse, ich werde auf deiner ganzen Reise bei dir sein. Wie? Sicherlich nicht in Person; denn gerade jetzt nahmen sie nach entgegengesetzter Richtung gehende Züge. Die Meinung war, dass sie in gegenseitiger Liebe, im Angedenken, im Anteilnehmen nicht getrennt sein würden. In ähnlichem, jedoch viel völligem Sinn ist der Herr stets mit seiner Herauswahl gewesen. Seine göttliche Macht befähigte ihn, sie vom Anfang bis zum Ende zu überwachen, zu leiten und ihr beizustehen. Wir handeln aber jetzt nicht von der Gegenwart unseres Herrn in einem bildlichen Sinn, sondern von der Art und Weise seiner persönlichen Gegenwart und Erscheinung, "wenn er kommen wird an jenem Tag, um verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und bewundert in allen denen, die geglaubt haben."

Die Schrift lehrt, dass Christus wiederkommt, um zu herrschen, dass er herrschen muss, bis er alle Feinde unterworfen hat - bis er alle Hindernisse, alles, was der großen Wiederherstellung, die er zu vollbringen kommt, im Wege steht, beseitigt hat - bis der letzte Feind, der Tod, gestürzt ist (1 Kor. 15:25, 26); und dass er tausend Jahre herrschen wird. Es ist darum auch nur, wie man es erwarten sollte, dass wir dem zweiten Advent und seinen tausend Jahren triumphierender Herrschaft und der Beseitigung des Bösen in den Prophezeiungen viel mehr Raum gewidmet finden als den vierunddreißig Jahren des ersten Adventes, der Erlösung. Und wie wir gesehen haben, dass die Prophezeiungen die verschiedenen wichtigen Punkte jener vierunddreißig Jahre von Bethlehem und Nazareth bis zu der Galle und dem Essig, dem Teilen der Kleider, dem Kreuz, dem Grab und der Auferstehung berührten, so finden wir, dass die Prophezeiung gleichfalls die verschiedenen Punkte der tausend Jahre der zweiten Gegenwart, besonders ihren Anfang und Schluss, schildert.

Die zweite Gegenwart unseres Herrn wird einen viel längeren Zeitraum umschließen als die erste. Die Mission seines ersten Adventes war in weniger als vierunddreißig Jahren beendet, während es tausend Jahre erfordern wird, das für seinen zweiten Advent bestimmte Werk zu vollführen. Und so kann leicht erkannt werden, dass, während das Werk des ersten Adventes nicht minder wichtig war, ja, obgleich es so wichtig war, dass ohne dasselbe das Werk des zweiten Adventes nie möglich geworden wäre, es doch nicht so mannigfaltig war und folglich weniger Beschreibung erforderte als das Werk des zweiten Adventes.

Beim Betrachten des zweiten Adventes müssen wir ebenso wenig wie beim ersten Advent erwarten, dass alle Prophezeiungen einen besonders bedeutungsreichen Moment der Ankunft unseres Herrn bezeichnen und die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Tatsache seiner Gegenwart lenken. Das ist nicht, wie Gott gewöhnlich verfährt. Das war beim ersten Advent nicht der Fall. Derselbe war durch kein plötzliches oder überraschendes, Aufsehen erregendes Ereignis angezeigt, sondern er wurde durch eine allmähliche Erfüllung der Weissagung kundgemacht und erwiesen, die nachsinnenden Beobachtern zeigte, dass die Ereignisse, die zu erwarten waren, zur richtigen Zeit geschahen. Und so wird es bei seinem zweiten Advent auch sein. Es ist von geringerer Wichtigkeit, dass wir genau den Augenblick seiner Ankunft entdecken, als dass wir die Tatsache seiner Gegenwart, wann er angekommen ist, erkennen; ebenso wie es beim ersten Advent wichtig war, dass man seine Gegenwart zu erkennen vermochte, und je eher desto besser, aber viel weniger wichtig, dass man genau das Datum seiner Geburt wusste. Beim Betrachten des zweiten Adventes ist meistenteils der Akt des Kommens und der Moment der Ankunft der Gedanke, der vorschwebt, während es der Gedanke an eine Periode der Gegenwart sein sollte, wie der erste Advent eine solche war. Der genaue Augenblick, mit dem diese Gegenwart anhebt, würde dann weniger wichtig erscheinen und sein Zweck und Werk während der Zeit seiner Gegenwart größere Beachtung erfahren.

Wir müssen auch im Sinn behalten, dass unser Herr kein menschliches Wesen mehr ist, dass er sich selbst als menschliches Wesen zum Lösegeld oder Kaufpreis für den Menschen gab, zu welchem Zweck er eben Mensch wurde. (1. Tim. 2:6; Hebr. 10:4, 5; 1. Kor. 15:21, 22) Er ist jetzt hoch erhöht zur göttlichen Natur. Daher sagt auch Paulus: "Wenn wir auch Christum nach dem Fleisch erkannt haben, so erkennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so." (2. Kor. 5:16) Er wurde "als lebendigmachender Geist" vom Tode erweckt (1. Kor. 15:45) und nicht als ein Mensch, von der Erde und irdisch. Er ist in keinem Sinn oder Grad mehr menschlich, denn wir müssen nicht vergessen, was wir gelernt haben (siehe Band 1, Studie 10), dass Naturen verschieden und getrennt sind. Da er nun in keinem Sinn oder Grad mehr ein menschliches Wesen ist, so dürfen wir nicht erwarten, dass er als menschliches Wesen kommt wie am ersten Advent. Sein zweites Kommen wird in ganz anderer Weise geschehen, sowie auch zu einem ganz anderen Zweck.

Wenn wir den Umstand uns anmerken, dass der Wechsel unseres Herrn bei seiner Auferstehung von der menschlichen Natur zur göttlichen Natur sogar ein größerer Wechsel war, als der, welcher vierunddreißig Jahre vorher stattfand, als er die Herrlichkeit eines Geistwesens niederlegte und "Fleisch ward", dann können wir auch mit großem Nutzen jede seiner Handlungen während der vierzig Tage nach seiner Auferstehung, ehe er "zum Vater" ging, auf das Genaueste betrachten; denn der auferstandene Jesus jener vierzig Tage ist es, der wiederkommen soll, und nicht der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als unser Lösegeld in den Tod gab. Er, der "getötet im Fleisch" wurde "aber lebendig gemacht im Geist." (Anmerkung: Da die Herauswahl (Kirche) "verwandelt" werden soll, damit sie wie Christus werde, so ist klar, dass der Wechsel, der am Haupt eintrat, ähnlicher Art gewesen sein muss als der, welcher als für die Überwinder in Bereitschaft gehalten beschreiben wird. Diese sollen ebenfalls von der menschlichen zur geistigen Natur verwandelt werden und sein, wie er ist - "teilhaftig der göttlichen Natur. "Daher ist die folgende Beschreibung der Verwandlung der Heiligen auch auf ihren Herrn anwendbar, nämlich: - "Es wird gesäet in Unehre, es wird auferweckt in Herrlichkeit; es wird gesäet in Schwachheit, es wird auferweckt in Kraft; es wird gesäet ein natürlicher Leib, es wird auferweckt ein geistiger Leib." - 1. Kor. 15:43-44)

Bei seinem zweiten Advent kommt er nicht, um den "vorhandenen Gewalten" untertan zu sein, um dem Cäsar Steuern oder Tribut zu zahlen, und um Erniedrigung, Ungerechtigkeit und Gewalttat zu ertragen; sondern er kommt, um zu herrschen und alle Gewalt im Himmel und auf Erden auszuüben. Er kommt nicht mit dem Leib seiner Erniedrigung, mit einem menschlichen Leib, geringer als sein vormaliger herrlicher Leib (Hebr. 2:9), sondern mit seinem herrlichen geistigen Leib, welcher "der Abglanz der Herrlichkeit und der Abdruck des Wesens" des Vaters ist. (Hebr. 1:3) Denn um seines Gehorsams willen bis zum Tod ist er nun hoch zur göttlichen Natur und zum göttlichen Ebenbild erhöht und ihm ist ein Name gegeben, der über alle Namen ist - der Name des Vaters allein ausgenommen. (Phil. 2:9; 1. Kor. 15:27) Der Apostel zeigt, dass es "noch nicht erschienen" oder unserem menschlichen Verstand offenbart ist, was er jetzt ist; folglich wissen wir auch nicht, was wir sein werden, wenn wir werden, wie er ist. Aber wir (die Herauswahl) können in der Gewissheit frohlocken, dass wir eines Tages bei ihm und wie er ist, sein und ihn sehen werden, wie er ist (1. Joh. 3:2); nicht wie er in der Erniedrigung bei seinem ersten Advent war, als er sich seiner früheren Herrlichkeit entäußert und um unsertwillen arm geworden war, damit wir durch seine Armut reich würden.

Wenn wir die Weisheit und Klugheit der Verfahrungsweise unseres Herrn in der Kundmachung seiner Gegenwart nach seiner Auferstehung, wie auch vordem seinen Jüngern gegenüber, betrachten, so mag uns das zu dem Gedanken verhelfen, dass dieselbe Weisheit sich in seiner Offenbarungsweise bei seinem zweiten Advent betätigen wird sowohl der Kirche als auch der Welt gegenüber. Natürlich muss die Verfahrungsweise nicht notwendig in jedem einzelnen Fall die gleiche sein, sondern der Sache angemessen. Diese ist niemals, die Menschen in Beunruhigung und Aufregung zu versetzen, sondern ihr kühles, ruhiges Urteil für die großen, ihnen eindrücklich gewordenen Wahrheiten überzeugend zu gewinnen. Unseres Herrn erster Advent war kein überraschendes, aufregendes oder gar in Aufruhr versetzendes Ereignis. Wie ruhig und ohne sich aufzudrängen kam er! So sehr war dies der Fall, dass nur solche, die Glauben und Demut besaßen, fähig waren, in dem niedrig geborenen Kind, in dem Mann der Schmerzen, in dem Freund der Niedrigen und Armen und in dem schließlich Gekreuzigten den lang ersehnten Messias zu erkennen.

Nach seiner Auferstehung musste der Natur der Sache nach die Kundmachung seiner Gegenwart eine viel erstaunlichere Sache sein, besonders wenn seine veränderte Natur in Betracht gezogen wird. Doch die Tatsache seiner Auferstehung mitsamt der Tatsache seiner Naturveränderung musste völlig kund und offenbar gemacht werden; damals zwar noch nicht aller Welt, wohl aber den auserwählten Zeugen, die den kommenden Geschlechtern ein glaubwürdiges Zeugnis über diese Tatsachen geben sollten. Wäre damals alle Welt mit der Tatsache bekannt gemacht worden, so würde das bis auf uns gekommene Zeugnis aller Wahrscheinlichkeit nach viel weniger glaubwürdig sein. Es wäre durch menschliche Meinungen gefärbt und verdreht und mit ihren Traditionen vermischt worden, so dass die Wahrheit beinahe oder ganz und gar unglaubhaft erscheinen möchte. Gott vertraute es nur auserwählten, treuen und würdigen Zeugen an; und wenn der Leser die Erzählung recht ins Auge fasst, so wird er bemerken, wie vollständig der Zweck erreicht wurde und wie klar, wie gewiss und wie überzeugend der ihnen dargebotene Beweis für die Auferstehung und Verwandlung Christi war. Beachte auch die Sorgfalt, die er anwandte, um sie nicht zu beunruhigen oder unnötig aufzuregen, als er ihnen diese großen Wahrheiten kundtat und bewies. Und sei gewiss, dass dieselbe Weisheit, Klugheit und Fähigkeit in seiner Verfahrungsweise gehandhabt werden wird, die Tatsache seiner glorreichen Gegenwart bei seinem zweiten Advent kund zu machen. Hier wie dort wird kühles, ruhiges Urteil überführt werden, wenn auch die Welt im allgemeinen erst durch schwere Züchtigungen zu der rechten Stellung, das Zeugnis empfangen zu können, gebracht werden muss, während die, deren Herzen rechter Art sind, die glückselige Kunde früher erhalten. Die Beweise für seine Auferstehung und Verwandlung zur geistigen Natur wurden seinen Jüngern nicht alle auf einmal gegeben, sondern nach und nach, wie sie fähig waren, es zu tragen, und in einer Weise, darauf berechnet, den tiefsten Eindruck zu machen.

Während der drei und ein halb Jahre der Amtsverwaltung unseres Herrn hatten seine Jünger Freunde, Ruf, Geschäft usw. geopfert, um ihre Zeit und Kraft der Verkündigung der Gegenwart des Messias zu widmen. Begreiflicherweise aber hatten sie sehr unrichtige Ideen betreffs der Art und Weise und der Zeit der Erhöhung ihres Meisters und ihrer ihnen verheißenen Erhöhung mit ihm. Volle Erkenntnis war damals auch nicht notwendig. Es war vollständig genügend, dass sie getreulich jeden Schritt taten, als es an der Zeit war; daher lehrte sie ihr Meister ganz nach und nach, wie sie fähig waren, es aufzunehmen. Und nahe am Ende seiner irdischen Laufbahn, sagte er: "Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten.... Das Kommende wird er euch verkündigen und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe." - Joh. 16:12, 13; 14:26

Wer mag ihre Enttäuschung beschreiben, wenn sie auch so weit als möglich dagegen bewaffnet worden waren, als sie ihn, dessen Königreich und Herrlichkeit sie erwartet und verkündet hatten (und was nur fünf Tage vor seiner Kreuzigung der Verwirklichung so nahe erschienen war - Joh. 12:1, 12-19), plötzlich von ihnen gerissen und als einen Verachteten schmachvoll gekreuzigt sahen? Obwohl sie wussten, dass er fälschlich angeklagt und ungerechterweise gekreuzigt worden war, so änderte das die Tatsache nicht, dass ihre langgehegte nationale Lieblingshoffnung auf einen jüdischen König, der ihre Nation zu Einfluss und Macht wiederherstellen würde, zusammen mit ihren eigenen, persönlichen Hoffnungen, Zielen und Luftschlössern einflussreicher Stellungen und hoher Ehren in dem Königreich, alles urplötzlich durch die unglückliche Wendung, welche die Verhältnisse in der Kreuzigung ihres Königs genommen hatten, in Stücke zerschlagen worden waren.

Gar wohl wusste der Meister, wie verlassen und ziellos und ratlos sie sich fühlen würden; denn so steht vom Propheten geschrieben: "Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden zerstreut werden." (Sach. 13:7; Mark. 14:27) Und während der vierzig Tage zwischen seiner Auferstehung und Auffahrt war es seine Hauptbemühung, sie wieder zu sammeln und ihren Glauben an ihn als den lang ersehnten Messias wiederherzustellen, indem er ihnen die Tatsache seiner Auferstehung nachwies, und dass er seit seiner Auferstehung, obgleich er noch dieselbe Persönlichkeit war, doch kein menschliches Wesen mehr, sondern ein erhöhtes Geistwesen sei, das "alle Gewalt im Himmel und auf Erden" besitze. - Matth. 28:18

Er brachte ihnen die Botschaft seiner Auferstehung nach und nach bei; zuerst durch die Weiber (Maria Magdalena und Johanna, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome, und andere bei ihnen - Mark. 16:1; Luk. 24:1, 10), die frühe mit wohlriechenden Spezereien zum Grab kamen, um seinen toten Leib zu salben. Während sie sich besorgten, wen sie holen sollten, um den Stein von der Tür des Grabes zu wälzen, siehe, da geschah ein Erdbeben, und als sie hinkamen, fanden sie den Stein weggewälzt und einen Engel des Herrn darauf sitzen, der sie folgendermaßen anredete: "Fürchtet ihr euch nicht, denn ich weiß, dass ihr Jesum, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier, denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her, sehet die Stätte, wo der Herr gelegen hat, und geht eilends hin und saget seinen Jüngern, dass er von den Toten auferstanden ist; und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa, daselbst werdet ihr ihn sehen." - Matth. 28:5-7

Es scheint, dass Maria Magdalena sich von den andern Weibern trennte und lief, es Petrus und Johannes zu sagen (Joh. 20:1,2), während die andern gingen, es den übrigen Jüngern zu melden, und dass, nachdem sie ihre Gefährtinnen verlassen, Jesus denselben auf ihrem Weg erschien und zu ihnen sagte: (Matth. 28:9, 10) "Seid gegrüßt! Sie aber traten herzu, umfassten seine Füße und huldigten ihm. Da spricht Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht; gehet hin, verkündiget meinen Brüdern, dass sie hingehen nach Galiläa (ihrer Heimat), und daselbst werden sie mich sehen." Und mit Furcht und Freude liefen sie, es den andern Jüngern zu sagen. In ihren gemischten Gefühlen von Überraschung, Bestürztheit, Freude, Furcht und allgemeiner Verwirrung wussten sie kaum, wie sie ihre freudige und wunderbare Erfahrung berichten sollten. Als Maria Petrus und Johannes traf, sagte sie traurig: "Sie haben den Herrn aus der Gruft weggenommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben." (Joh. 20:2) Die andern Weiber erzählten, wie sie beim Grab eine Erscheinung von Engeln gehabt haben, die da sagten, er lebe (Luk. 24:22, 23), und dann, wie sie darauf dem Herrn auf dem Wege begegnet seinen. - Matth. 28:8, 10

Die Mehrzahl der Jünger hielten ihr Gerede augenscheinlich für bloße abergläubige Aufregung, aber Petrus und Johannes sagten: Wir gehen und sehen selbst nach; und Maria kehrte mit ihnen zum Grab zurück. Alles, was Petrus und Johannes sahen, war, dass der Leib fort war, dass die Grabtücher sorgfältig zusammengefaltet beiseite gelegt waren, und dass der Stein von der Tür weggewälzt war. So gingen sie bestürzt von dannen, Maria jedoch verweilte noch und weinte. "Wie sie denn weinte, bückte sie sich ins Grab und schaute zwei Engel, in weißen Kleidern dasitzend." Diese sagten zu ihr: "Weib, was weinst du?" Sie antwortete: "Sie nahmen meinen Herrn weg, und ich weiß nicht, wo sie ihn hinlegten." Und als sie sich umwandte, sah sie Jesum stehen, aber erkannte ihn nicht. Er fragte sie: "Weib, was weinst du? Wen suchst du? Sie, meinend, es sei der Gärtner, sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn wegtrugst, so sage mir, wo du ihn hinlegtest, dass ich ihn fortnehmen kann." Dann sagte der Herr in seinem alten, wohlbekannten Ton, den sie schnell erkannte: "Maria!"

Das genügte, ihren Glauben an die Aussage der Engel, dass er auferstanden sei, was bis dahin ihr als ein Traum oder ein leeres Gerede vorkam, zu begründen; und in ihrer Freude rief sie aus: "Meister!" Ihre erste Anregung war, ihn zu umarmen und in seiner Nähe zu verweilen. Aber Jesus unterwies sie freundlich, dass sie jetzt eine sehr wichtige Aufgabe zu erfüllen habe. Sie sollte von der Tatsache seiner Auferstehung Zeugnis ablegen; sie sollte eilen und die Botschaft überbringen, um den Glauben der anderen Jünger, die noch in Verwirrung und Ungewissheit waren, anzufachen. Deshalb sagte er; "Rühre (Griech. haptomai: umarme) mich nicht an (halte dich jetzt nicht auf, um deine Zuneigung zu bezeigen), denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater (ich werde nur noch eine kurze Zeit bei euch sein). Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott." (Joh. 20:17.) Auch durch die andern Weiber hatte er ihnen Nachricht gesandt, dass er sie in Galiläa treffen werde.

Hierauf holte er zwei der betrübten und verwirrten Jünger ein, als sie von Jerusalem nach Emmaus wanderten, und forschte nach dem Grund ihrer Betrübnis und Niedergeschlagenheit. (Luk. 24:13-35) Und einer von ihnen antwortete: "Bist du der einzige, der in Jerusalem weilt und nicht weiß, was in ihr geschehen ist in diesen Tagen? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das von Jesu, dem Nazarener, der ein Prophet war, mächtig im Werk und Wort vor Gott und dem ganzen Volk; und wie ihn die Hohenpriester und unsere Obersten überlieferten, um zum Tode verurteilt zu werden, und ihn kreuzigten. Wir aber hofften, dass er der sei, der Israel erlösen solle. Doch auch bei alledem ist es heute der dritte Tag, seitdem dieses geschehen ist. (Hier kam ihnen wahrscheinlich Joh. 2:19, 21, 22 in Erinnerung) Aber auch etliche Weiber von uns haben uns außer uns gebracht, die am frühen Morgen bei der Gruft gewesen sind, und, als sie seinen Leib nicht fanden, kamen und sagten, dass sie auch ein Gesicht von Engeln gesehen hätten, welche sagen, dass er lebe. Und etliche von denen, die mit uns sind, gingen nach der Gruft und fanden es so, wie auch die Weiber gesagt hatten; ihn aber sahen sie nicht."

Kein Wunder, dass sie bestürzt waren; wie sonderbar alles schien! Wie eigentümlich und ergreifend waren die Ereignisse der letzten wenigen Tage gewesen.

Dann predigte ihnen der Fremdling eine ergreifende Predigt aus den Propheten und zeigte ihnen, dass gerade das, was sie so niedergeschlagen gemacht hatte, es war, was die Propheten über den wahren Messias vorherverkündet hatten; - dass, ehe er herrschen und Israel erheben und zusammen mit der Welt segnen könne, er sie zuerst mit seinem eigenen Leben vom Fluch des Todes, der über alle durch Adam kam, erkaufen müsste; und dass ihr Meister dann, von Jehova zu Leben und Herrlichkeit auferweckt, alles das erfüllen werde, was die Propheten betreffs seiner zukünftigen Ehre und Herrlichkeit verzeichnet hatten, so gewiss wie er die Prophezeiungen erfüllt hatte, die sein Leiden, seine Erniedrigung und seinen Tod vorhersagten. Ein wunderbarer Prediger und eine wundervolle Predigt war das. Sie gab Anstoß zu neuen Gedanken und eröffnete neue Erwartungen und Hoffnungen. Und als sie sich dem Dorf nahten, nötigten sie ihn, bei ihnen zu bleiben, da es schon gegen Abend war. Und er ging hinein, um bei ihnen zu bleiben; und als er sich mit ihnen zu Tische niederließ, nahm er das Brot und brach es und gab es ihnen. Und ihre Augen wurden geöffnet; und er verschwand aus ihren Augen.

Nicht vor jenem Augenblick hatten sie ihn erkannt, obwohl sie mit einander gegangen, geredet und am Tisch gesessen hatten. Er wurde von ihnen nicht am Angesicht erkannt, wohl aber an der einfachen Handlung des Segnens und Brechens des Brotes in der alten bekannten Weise. So wurde ihr Glaube an das, was sie schon gehört hatten - dass er auferstanden sei und sie wiedersehen werde - befestigt.

Da erhoben sich die beiden überraschten und überglücklichen Jünger sofort und kehrten nach Jerusalem zurück und sagten zu einander: "Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Wege zu uns redete, als er uns die Schriften öffnete?" Als sie nach Jerusalem kamen, fanden sie auch die anderen voll Freude. Sie sagten: "Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen." Und sie erzählten, was auf dem Wege vorgefallen war, und wie er von ihnen erkannt wurde, "an dem, wie er das Brot brach." Sie waren wahrscheinlich alle an diesem Abend bei einander und hatten Zuhause, Geschäft und alles andere vergessen - Maria Magdalena sagte mit Tränen der Freude: Ich erkannte ihn im Augenblick, als er meinen Namen nannte; bis dahin konnte ich der Versicherung der Engel über seine Auferstehung nicht trauen. Und die anderen Weiber erzählten ihre wunderbaren Erlebnisse vom Morgen, und wie sie ihm auf dem Wege begegnet seien. Dann hatte Simon seine Geschichte zu erzählen; und nun waren zwei weitere Zeugen von Emmaus da. Was für ein ereignisreicher Tag! Kein Wunder, dass sie von da an verlangten, an jedem ersten Tag der Woche zusammenzukommen, um über die Sache zu reden und sich all die Umstände, die mit diesem wunderbaren Ereignis der Auferstehung des Herrn zusammenhingen, ins Gedächtnis zurückzurufen, und so ihre Herzen wieder und wieder "brennen" zu haben.

Während die erregte und überglückliche kleine Gesellschaft so beisammen war und sich gegenseitig ihre unterschiedlichen Erfahrungen mitteilte, stand der Herr Jesus selbst plötzlich in ihrer Mitte (Luk. 24:36-49) und sagte: "Friede euch!" Wo kam er her? All solche Versammlungen wurden geheim bei verschlossenen Türen gehalten (Joh. 20:19, 26), doch hier geschah eine plötzliche Erscheinung ohne jegliche sichtbare Annäherung. Sie waren erschrocken und glaubten, einen Geist oder (wie Matthäus sagt) ein Gespenst zu sehen. Dann tröstete er sie und sagte ihnen, sich nicht zu fürchten, und zeigte ihnen seine Hände und Füße und sprach: "Ich bin es selbst; betastet mich und sehet; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, dass ich habe."

Und da sie noch nicht glaubten, vor Freude und Verwunderung, sagte er zu ihnen, habt ihr etwas zu essen hier? Und sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch, und er nahm es und aß es vor ihnen. Dann öffnete er ihr Verständnis, ihre geistlichen Augen, und legte ihnen die Schrift aus und zeigte ihnen vom Gesetz und den Propheten, dass diese Dinge genau geschehen seien, wie es vorhergesagt sei. Aber Thomas war nicht zugegen (Joh. 20:24), und als die anderen Jünger ihm sagten, dass sie den Herrn gesehen hätten, wollte er es nicht glauben und sagte: "Es sei denn, dass ich in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meine Hand in seine Seite lege, so werde ich es nicht glauben."

Acht Tage verflossen ohne weitere Kundgebungen, und sie hatten Zeit, in Ruhe die Erfahrungen jenes wunderbaren Tages zu überdenken und durchzusprechen. Da, als die Jünger wie zuvor beisammen waren, stand Jesus in ihrer Mitte, gerade wie an jenem ersten Abend, und sagte: "Friede euch." (Joh. 20:26) Diesmal war Thomas zugegen, und der Herr redete ihn an und sagte: "Thomas, reiche deinen Finger her und siehe meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig." Damit zeigte er, dass er, ohne dass es ihm gesagt war, wusste, was Thomas gesagt hatte, und gab den Beweis seiner Auferstehung, der den Thomas nach seiner Aussage befriedigen würde; und voll Freude erwiderte Thomas: "Mein Herr und mein Gott."

Hierauf muss eine ziemlich lange Pause eingetreten sein, ehe wiederum eine Kundgebung der Gegenwart des Herrn vorfiel, und die Jünger, die Galiläer waren, dachten an die Heimat und an die Zukunft; und der Botschaft des Herrn durch die Frauen gedenkend, dass er vor ihnen nach Galiläa gehen würde, gingen sie dahin. Vielleicht traf er sie, wie Matthäus berichtet, unterwegs auf einem Berg. Sie waren bestürzt; sie empfanden nicht mehr dieselbe Vertrautheit, die sie vordem gegen ihn hatten; er schien seit seiner Kreuzigung so sehr verändert - er erschien und verschwand in solch eigentümlichen Zeiten und Orten; er schien nicht mehr zu sein wie "der Mensch Christus Jesus", so sagt Matthäus: "Sie warfen sich vor ihm nieder - einige aber zweifelten." Nach einigen gewechselten Worten "verschwand" er aus ihrem Gesicht, sie mit der staunenden Frage zurücklassend: Was wird wohl das Nächste sein. Eine Zeitlang nach ihrer Rückkehr nach Galiläa fiel nichts Ungewöhnliches vor, und keine weiteren Anzeichen der Gegenwart des Herrn fanden statt. Ohne Zweifel kamen sie zusammen und redeten über ihre Lage und wunderten sich, warum er ihnen nicht häufiger erschien.

Bei solchem Warten erschienen die Tage und Wochen gar lang. Längst hatten sie ihren irdischen Beruf aufgegeben, um dem Herrn von Ort zu Ort zu folgen, von ihm zu lernen und anderen zu predigen: "Das Reich der Himmel ist nahe gekommen." (Matth. 10:5-7) Sie verlangten jetzt nicht danach, zu ihrem alten Geschäft zurückzukehren; aber doch, wie sollten sie mit des Herrn Werk fortfahren? Sie begriffen ihre Lage gut genug, dass sie nicht mehr wie früher predigen konnten, dass das Königreich vorhanden sei; denn jedermann wusste, dass ihr Meister und König gekreuzigt worden war, und niemand, als nur sie selbst, wussten um seine Auferstehung. Während so alle Elfe in Ungewissheit und Sorge waren und auf etwas warteten, sie wussten selbst nicht was, da sagte Petrus: Nun, wir können doch nicht müßig bleiben, ich gehe wieder an mein altes Fischergeschäft; und sechs der andern sagten: Wir auch, wir gehen mit. (Joh. 21:3) Und die übrigen kehrten wahrscheinlich auch zu ihren früheren Beschäftigungen zurück.

Wer kann zweifeln, dass der Herr gar manchmal, als sie miteinander redeten, unsichtbar bei ihnen gegenwärtig war und den Lauf ihrer Verhältnisse zu ihrem höheren Wohle überwaltete und lenkte. Wenn sie großen Erfolg haben und von geschäftlichen Interessen verschlungen werden würden, so würden sie gar bald für den höheren Dienst untauglich geworden sein; und doch, wenn sie keinen Erfolg haben würden, so möchte dies wie Zwang aussehen. Daher schlug der Herr einen Weg ein, ihnen eine Lehre zu erteilen, wie er sie oft seinen Nachfolgern gibt, nämlich die, dass er Erfolge wie Misserfolg bei ihren Bemühungen so oder so, nach seinem Wohlgefallen, lenken kann.

Die alte Fischerfirma organisierte sich wiederum, brachte ihre Boote, Netze usw. zusammen und ging hinaus auf ihren ersten Fang. Die ganze Nacht mühten sie sich ab, fingen aber keinen Fisch, und ihr Mut begann zu sinken. Da, am Morgen, ruft ein Fremder vom Ufer aus sie an, um zu hören, was sie vollbracht haben. Schlechte Geschäfte! Nichts gefangen, antworteten sie. Versucht es noch einmal, erwiderte der Unbekannte. Werft euer Netz jetzt auf die andere Seite des Bootes. Wird nichts nützen, Freund, wir haben die ganze Nacht hindurch beide Seiten probiert; und wenn auf der einen Seite Fische wären, so wären auch auf der andern welche. Doch wir versuchen es noch einmal, dass Ihr es seht. So taten sie und taten einen ungeheuren Fang. Wie merkwürdig! sagten etliche; doch der rasche und leicht empfängliche Johannes kam gleich auf den rechten Gedanken und sagte: Brüder, nur der Herr konnte dies tun; erinnert ihr euch nicht, wie er die Menschen speiste usw.? Das muss der Herr sein da am Ufer, und dies ist wieder eine andere Art, wie es ihm gefällt, sich uns zu offenbaren. Wisst ihr nicht, dass es gerade so war, als der Herr uns zuerst berief? Damals hatten wir auch die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen, bis er sagte: "Werfet eure Netze aus, dass ihr einen Zug tut." (Luk. 5:4-11) Ja, gewiss, das ist der Herr, wenn wir ihn auch seit seiner Auferstehung nicht an seiner Erscheinung erkennen können. Er erscheint jetzt in verschiedenen Gestalten, aber wir merken doch jedes mal an irgendeinem besonderen Umstand wie diesem, der irgendeinen bezeichnenden Vorfall unseres früheren Beisammenseins mit ihm ins Gedächtnis ruft, dass er es ist.

Und als sie ans Ufer kamen, fanden sie, dass Jesus sowohl Brot und Fisch bereit hatte, und lernten daraus, dass sie unter seiner Leitung und Vorsorge in seinem Dienst nicht dem Verhungern ausgesetzt sein würden. (Luk. 12:29, 30) Sie fragten ihn nicht, ob er der Herr sei; denn hier wie bei anderer Gelegenheit erkannten sie ihn, nicht an der sichtbaren Erscheinung, sondern an dem Wunder. Die Augen ihres Verständnisses waren geöffnet worden. Darauf folgten die Belehrungen jener köstlichen Stunde, die Petrus seiner fortgesetzten Annahme auf das neue versicherte, trotzdem er den Herrn verleugnet hatte, worüber er Leid getragen und bitterlich geweint hatte. Er erfuhr hier auf's neue seines Meisters Liebe, und dass er auch ferner noch das Vorrecht haben dürfe, die Schafe und Lämmer zu weiden. Es ist, als hörten wir den Herrn sagen: Petrus, du brauchst nicht zu deinem Fischergeschäft zurückzugehen. Ich berief dich einst, ein Menschenfischer zu werden, und da ich weiß, dass dein Herz noch treu und eifrig ist, so erneuere ich deinen Auftrag als Menschenfischer.

"Und als er mit ihnen versammelt war, befahl er ihnen, sich nicht von Jerusalem zu entfernen, sondern auf die Verheißung des Vaters zu warten, die ihr von mir gehört habt; denn Johannes taufte zwar mit Wasser; ihr aber werdet mit heiligem Geist getauft werden nach nunmehr nicht vielen Tagen." (Apg. 1:4, 5) So kamen sie nach Jerusalem, wie ihnen gesagt war, und hier war es, vierzig Tage nach seiner Auferstehung, dass er zum letzten Mal bei ihnen war und mit ihnen redete. Sie fassten diesmal Mut, ihn betreffs des Königreiches, das er ihnen verheißen, zu fragen. Sie fragen: "Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich dem Israel wieder her?" Der Gedanke an dies Königreich war jedem Juden zuoberst. Israel, so verstanden sie, sollte unter dem Messias die erste Nation werden, und sie wussten nichts von den langen Zeiten der Nationen und erkannten auch nicht, dass der Hauptsegen dem fleischlichen Israel genommen war. (Matth. 21:43; Röm. 11:7), und dass sie selbst Glieder des neuen (geistlichen) Israel, des königlichen Priestertums und heiligen Volkes, waren, durch welches, als dem Leib Christi, der Segen für die Welt kommen sollte. So weit verstanden sie noch nichts hiervon. Wie konnten sie? Sie hatten den heiligen Geist der Annahme als Söhne noch nicht empfangen, sondern waren noch unter der Verurteilung. Denn obgleich das Lösegeldopfer vom Erlöser gebracht war, so war es doch noch nicht um unseretwillen in dem Allerheiligsten, das ist im Himmel selbst, förmlich dargebracht worden. (Joh. 7:39) So versuchte auch der Herr nicht, ihnen eine erklärende Antwort auf ihre Frage zu geben, sondern sagte nur: "Es ist nicht eure Sache (jetzt) Zeiten oder bestimmte Zeiten zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde." - Apg. 1:7, 8 (Anmerkung: Die verheißene Kraft oder Fähigkeit, Zeitläufe und Zeitpunkte zu erkennen und zu verstehen, und alles, was zu einem rechten Zeugnisablegen gehört, bezieht sich auf die ganze Herauswahl vom Anfang bis zum Ende; und unter der Führung und Kraft des heiligen Geistes ist betreffs jedes Zuges des Planes Speise zu rechter Zeit vorgesehen worden, damit wir seine Zeugen sein könnten, und zwar bis ans Ende dieses Zeitalters - vergl. Joh. 16:12, 13)

Als der Herr mit ihnen den Ölberg erreicht hatte, hob er seine Hände auf und segnete sie, und dann wurde er von ihnen getrennt und emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, ihnen aus den Augen. (Luk. 24:48-52; Apg. 1:6-15) Jetzt fingen sie an, etwas mehr von Gottes Plan zu sehen. Der Herr, der vom Himmel gekommen war, war zum Vater zurückgekehrt, wie er ihnen vor seinem Tod gesagt hatte. Er war gegangen, ihnen eine Stätte zu bereiten, und würde wiederkommen und sie zu sich nehmen. Er war weit weggezogen, um das verheißene Königreich oder Königtum zu empfangen und dann wieder zu kommen (Luk. 19:12); und mittlerweile sollten sie auf der ganzen Erde seine Zeugen sein, um ein Volk zu rufen und zu bereiten, das ihn empfange, wenn er komme, um "verherrlicht zu werden" in seinen Heiligen und als König der Könige zu herrschen. Sie erkannten, dass ihre neue Mission, aller Kreatur einen vom Himmel kommenden, mit "aller Gewalt im Himmel und auf Erden" ausgerüsteten König zu verkünden, ein viel wichtigeres Werk sei als das früherer Jahre, da sie vom "Menschen Christus Jesus" predigten und dem nachfolgten, "der verachtet und von den Menschen verworfen" war. Ihr auferstandener Herr war in der Tat anders geworden. Nicht nur sein persönliches Aussehen war anders geworden; bald erschien er auf diese bald auf jene Weise, bald an diesem bald an jenem Ort und bewies seine "Allgewalt." Auch sein Wesen, sein Zustand, seine Natur war verändert. Nicht mehr wandte er sich an die Juden, noch zeigte er sich ihnen; denn seit seiner Auferstehung sah ihn niemand mehr, in keiner Weise, ausgenommen seine Freunde und Nachfolger. Seine Worte: "Noch ein Kleines, und die Welt sieht mich nicht mehr", wurden so bewahrheitet. - Joh. 14:19

Auf diese Weise wurde der Glaube der Apostel und ersten Christen an die Tatsache der Auferstehung des Herrn festgegründet. Ihre Zweifel verflogen und ihre Herzen freuten sich. Sie kehrten nach Jerusalem zurück und blieben beständig im Gebet und Flehen und im Erforschen der Schrift und warteten auf die vom Vater verheißene Sohnesannahme und ihr Erfülltwerden mit geistigen Verständnis und mit der besonderen Wundergabe, damit sie zur Überführung der wahren Israeliten befähigt würden und am Pfingsttag die christliche Gemeinschaft gründen möchten. - Apg. 1:14; 2:1

Obwohl unser Herr bei seiner Wiederkunft seine Gegenwart nicht in der gleichen Weise, wie während jener vierzig Tage nach seiner Auferstehung, kundtun wird, so haben wir doch seine Zusicherung, dass "die Brüder nicht in Finsternis" sein sollen. Nein mehr, wir sollen einen Beistand haben, den sie während jener vierzig Tage nicht haben konnten und nicht hatten, nämlich "Kraft aus der Höhe", die uns in das Verständnis aller Wahrheit, so bald sie an der Zeit ist, verstanden zu werden, leiten und, wie verheißen ist, uns sogar Zukünftigeszeigen würde. Folglich sollen wir zur rechten Zeit volles Verständnis über die Art und Weise, die Zeit und die begleitenden Umstände seiner Erscheinung erlangen; und wenn wir treulich darauf aufpassen und achten, so wird dies nicht weniger überzeugend sein, als wie die Beweise der Auferstehung unseres Herrn für die erste Kirche, wenn auch von anderer Art.

Dass unser Herr bei seiner Wiederkunft die menschliche Form annehmen und so den Menschen erscheinen könnte, wie er mit seinen Jüngern nach seiner Auferstehung tat, darüber kann kein Zweifel sein; denn nicht nur während jener vierzig Tage erschien er selbst in menschlicher Form, auch in früherer Zeit bekundeten andere Geistwesen die Macht, als Menschen im Fleisch und in verschiedenen Gestalten zu erscheinen. Aber solche Kundmachung würde mit der ganzen Haltung des Planes Gottes außer Harmonie stehen sowie auch mit den Andeutungen der Schrift, die uns, wie wir noch sehen werden, über die Art und Weise seiner Offenbarung gegeben sind. Statt dessen ist es des Herrn Plan, dass er sein geistiges Königreich, sein Vorhandensein und seine Macht durch menschliche, irdische Werkzeuge mitteilen, auswirken und kund werden lassen will. Gerade wie der Fürst dieser Welt, Satan, einen weitreichenden Einfluss in der Welt durch diejenigen ausübt, die ihm ergeben und von ihm besessen sind und von seinem Geist geleitet werden, so wird der neue Fürst des Friedens, der Herr, hauptsächlich in und durch menschliche Wesen, die ihm untertan sind und ihm gehören und von seinem Geist geführt werden, wirken und seine Gegenwart und Macht kundtun.

Es gibt nicht nur ein Sehen mit dem natürlichen Auge und ein Hören mit dem leiblichen Ohr. "Niemand hat Gott jemals (so) gesehen", doch haben ihn alle Kinder Gottes gesehen und gekannt und haben Gemeinschaft mit ihm. (Joh. 1:18; 5:37;14:7) Wir hörenGottes Ruf, unsere "hohe Berufung", wir hören die Stimme unseres Hirten und sehen beständig auf Jesum und sehen das Kleinod, den Preis, die Krone des Lebens, die er verheißen hat - aber nicht mit natürlichen Gesicht und Gehör, sondern mit unserem Verständnis. Viel köstlicher ist es, dass wir unseren verherrlichten Herrn als den geistigen, hoch erhöhten König der Herrlichkeit, der unser Erlöser und zugleich unser König ist, mit dem Auge des Verständnisses und Glaubens schauen als mit dem natürlichen Auge ihn sehen, wie er vor Pfingsten war.

Es war notwendig, dass unser Herr nach seiner Auferstehung seinen Jüngern so erschien, wie er es tat. Bei seiner Wiederkunft wird das nicht mehr sein. Sein Zweck wird dann besser auf andere Weise erreicht werden. Ja, bei seiner Wiederkunft so zu erscheinen, würde seinem dann zu erreichenden Ziel geradezu verderblich sein. Seine Absicht bei seinem Erscheinen vor seinen Jüngern nach seiner Auferstehung war, sie davon zu überzeugen, dass er, der da tot war, nun lebe in Ewigkeit, dass sie als Zeugen der Tatsache seiner Auferstehung hinausgehen könnten (Luk. 24:48), und dass ihr Zeugnis einen sicheren Grund für den Glauben künftiger Geschlechter darbiete. Da kein Mensch ohne den Glauben an Christum zu Gott kommen und den heiligen Geist der Annahme zur Sohnschaft empfangen kann, so war es nicht nur wegen der damaligen Jünger, sondern auch aller Jünger wegen notwendig, dass die Beweiseseiner Auferstehung und Verwandlung solcher Art waren, dass natürlicheMenschenes verstehen und wert schätzen könnten. Nachdem sie des heiligen Geistes teilhaftig geworden und geistige Sachen verstanden haben(siehe 1. Kor. 2:12-16), hätten sie den Engeln am Grab glauben können, dass er aus dem Todeszustand auferstanden sei, selbst wenn sie den fleischlichen Leib des Menschen Christus Jesus noch im Grab hätten liegen sehen. Doch nicht so vorher. Da musste der Leib fort sein, um ihnen den Glauben an seine Auferstehung möglich zu machen. Nachdem der heilige Geist sie befähigt hatte, geistige Dinge zu erkennen, hätten sie dem Zeugnis der Propheten glauben können, dass er sterben musste und von den Totenauferstehen und als König der Herrlichkeit hoch erhöht werden würde, ohne dass es für sie notwendig war, dass Jesus als Mensch erscheine und verschiedene Fleischesleiber als ein Umhängsel annehme, so dass sie ihn betasten und gen Himmel fahren sehenkonnten. Doch all dies war für sie und für uns alle, als natürliche Menschen, notwendig, damit wir durch den Glauben an ihn und durch ihn zu Gott kämen und Vergebung der Sünden und den Geist der Kindschaft empfingen; auf dass wir dahin kämen, geistige Dinge zu verstehen; wie solches zum Verständnis der Wahrheit erforderlich ist.

Indem der Herr durch Ansichnehmen der menschlichen Form die äußerlichen Hindernisse des Glaubens entfernte, überzeugte er die Jünger und bereitete sie so vor, Zeugen für andere zu werden. Er tat dies aber nicht durch äußerliches Sehen und leibliche Berührung, sondern indem er mit ihnen aus der Schrift handelte. "Dann öffnete er ihnen das Verständnis, um die Schriften zu verstehen, und sprach zu ihnen: Also steht geschrieben und also musste Christus leiden und am dritten Tag auferstehen aus den Toten und in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden allen Nationen, anfangend von Jerusalem. Ihr aber seid Zeugen hiervon." (Luk. 24:45-48) Petrus nennt diesen Zweck gleichfalls deutlich, wenn sagt: "Diesen hat Gott am dritten Tag auferweckt und ihn sichtbar werden lassen, nicht dem ganzen Volk, sondern den von Gott zuvor erwählten Zeugen, uns, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er aus den Toten auferstanden war. Und er hat uns befohlen, dem Volk zu predigen und ernstlich zu bezeugen, dass er der von Gott verordnete Richter der Lebendigen und der Toten ist." - Apg. 10:40-42

Es war für unsern Herrn seit seiner Auferstehung einfach eine Frage der Zweckmäßigkeit, auf welche Weise er seinen Jüngern erscheinen sollte, um seine Absicht, sie mit seiner Auferstehung und Naturverwandlung vertraut zu machen, zu erreichen. Wäre er als Feuerflamme erschienen, wie jener Engel in dem brennenden Busch (2. Mose 3:2), so hätte er wohl auch so mit ihnen verhandeln können, aber der so gegebene Augenschein würde sowohl für die Apostel als auch für die Welt im großen weit weniger überzeugend gewesen sein als die Weise, die er anwandte.

Wenn er in der Herrlichkeit seiner geistigen Gestalt erschienen wäre, wie der Engel dem Daniel (Dan. 10:5-8), so wäre die Herrlichkeit größer gewesen, als die Zeugen hätten ertragen können. Sie würden aller Wahrscheinlichkeit nach so aufgeregt worden sein, dass sie unfähig gewesen wären, seine Anweisungen entgegen zu nehmen. Keinem anderen als Paulus allein hat der Herr sich so gezeigt; und Paulus war von dem Strahl seiner Herrlichkeit so überwältigt, dass er zu Boden fiel und von dem Licht heller als der Sonne Glanz am Mittag geblendet wurde.

Bei unserer Untersuchung, auf welche Weise unser Herr während jener vierzig Tage sich offenbarte, sahen wir, dass er sich vor den auserwählten Zeugen nur einige wenige Male sehen ließ und das nur für kurze Zeit. Wäre die ganze Zeit seines Offenbarseins auf einen Tag zusammengedrängt gewesen statt in Zwischenräumen während der vierzig Tage, so wären es vielleicht kaum zwölf Stunden oder der achtzigste Teil der ganzen Zeit gewesen. Da dies der Fall ist, so ist klar, dass er ungefähr neunundsiebzig Achtzigstel jenes Zeitabschnittes von vierzig Tagen unsichtbar bei ihnen gegenwärtig war. Und selbst wenn sie solche Sichtbarwerdungen erlebten, so geschahen diese (ausgenommen einmal für Thomas) nicht in der Gestalt, die ihnen während dreier Jahre so genau bekannt geworden war und die sie noch wenige Tage vorher gesehen hatten. Es ist nicht einmal angedeutet, dass sie ihn an seinen Gesichtszügen erkannten, noch auch an derselben Gestalt, die er bei anderen Sichtbarwerdungen hatte.

Maria hält ihn für "den Gärtner", den beiden auf ihrem Weg nach Emmaus war er ein "Fremdling". Auch den Fischern auf dem Galiläischen Meer und den Elfen in dem Obersaal war er ein Unbekannter. Jedes Mal wurde er an seinem Tun, an seinen Worten oder an dem bekannten Ton seiner Stimme erkannt. Als Thomas, der zuerst nicht zugegen war, ausrief, dass er nur einen Beweis für sein leibliches Auge und für körperliche Berührung annehmen würde, verwies ihm dies der Herr freundlich, obgleich er die Forderung bewilligte, und sagte: "Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt: glückselig, die nicht gesehen und (doch) geglaubt haben." (Joh. 20:27-29) Der stärkere Beweis war der, der nicht dem leiblichen Sehen geliefert wurde, und glücklicher sind die, die bereit sind, die Wahrheit anzunehmen, welcherlei Beweise Gott auch dafür geben möge.

So zeigte ihnen Jesus, dass er jetzt nicht nur die Macht hatte, in unterschiedlicher Weise und Gestalt zu erscheinen, sondern auch, dass keiner der Leiber, den sie sahen, sein geistiger, herrlicher Leib war, und doch wurde die Tatsache seiner Auferstehung und Gegenwart ihnen hierdurch kund gemacht. Die verschiedenen Gestalten und die langen Zwischenräume unsichtbarer Gegenwart, da keine äußere Kundgebung stattfand, machten es klar und deutlich, dass ihr Herr und Meister nun ein Geistwesen sei, in Wirklichkeit für Menschen unsichtbar, doch mit der Fähigkeit begabt, seine Gegenwart und Macht auf die verschiedenartigste Weise und nach Gefallen kund zu tun. (Anmerkung: Der Vorfall, den Lukas (4:30) berichtet, sollte nicht für dasselbe wie sein Erscheinen und Verschwinden nach seiner Auferstehung gehalten werden. Dort war es kein Verschwinden im Sinne von Unsichtbarwerden. Es war bloß ein rasches und entschiedenes Vorwärtsbewegen, durch welches er die mörderischen Absichten seiner Feinde vereitelte. Ehe sie ihren Plan, ihn zu ermorden, ausgeführt hatten, ging er mitten durch sie hindurch. Niemand hatte den Mut oder die Macht ihn anzutasten, weil seine Stunde noch nicht gekommen war.)

Das Erschaffen des Leibes und der Kleidung, in der er ihnen erschien, in dem Zimmer sogar, in dem sie versammelt waren, war ein unzweifelhafter Beweis dafür, dass Christus kein menschliches Wesen mehr sei, wenn er auch seinen Jünger versichert, dass der Leib, den sie sahen und den Thomas betastete, ein wahrhaftiger Leib von Fleisch und Bein und keine bloße Vision oder Einbildung war. (Niemand nehme voreilig an, dass wir hier dem Spiritismus oder Schwedenborgianismus oder irgendeinem andern Ismus folgen. Wir gehen einfach dem apostolischen Bericht nach und stellen ihn logisch zusammen. wir machen einen großen Unterschied zwischen der Lehre der Bibel und jener Fälschung derselben, die von Satan erfunden und als Spiritismus bekannt ist, und von dem wir in einem späteren Band handeln werden. Hier genüge es, darauf hinzuweisen, dass der Spiritismus vorgibt, zwischen toten Menschen und lebenden Menschen zu vermitteln, während die Bibel dies verurteilt (Jes. 8:19) und lehrt, dass solche echte und rechte Vermittlungen nur von Geistwesen wie den Engeln und von unserem Herrn geschehen; und auch nicht von unserem Herrn, so lange er "der Mensch Christus Jesus" war, noch auch so lange er tot war, sondern erst nach seiner Verwandlung in seiner Auferstehung, da er "ein lebendigmachender Geist" wurde.) Als menschliches Wesen konnte er nicht in ein Zimmer treten, ohne die Tür zu öffnen, aber als Geistwesen konnte er es, und da erschuf und nahm er einen solchen Leib von Fleisch und solche Kleidung an, als sich für den beabsichtigten Zweck eignete.

Noch auch können wir einen Augenblick lang die Meinung billigen, dass unser Herr etwa unbemerkt die Tür geöffnet habe; denn der Bericht ist zu klar und deutlich, dass er kam und in ihre Mitte trat, während die Türen verschlossen waren; wahrscheinlich noch dazu recht sorgfältig verriegelt - "aus Furcht vor den Juden." - Joh. 20:19

Die Deutlichmachung seiner Naturverwandlung wurde noch mehr durch die Art und Weise, wie er ihren Gesichtskreis verließ, verschärft. "Er verschwand vor ihnen." Der menschliche Leib von Fleisch und Bein usw. samt dessen Kleidung, der plötzlich erschien, da die Türen verschlossen waren, ging nicht zur Tür hinaus, sondern verschwandeinfach oder löste sich in dieselben Elemente auf, aus denen er ihn wenige Augenblicke vorher erschaffen hatte. Er verschwand vor ihnen (nicht hinweg von ihnen) und wurde nicht mehr von ihnen gesehen, sobald dies Fleisch und Bein und die Kleidung, in welcher er sich offenbart hatte, aufgelöst waren; obwohl er ohne Zweifel immer noch bei ihnen unsichtbar gegenwärtig blieb und so auch meistens während jener vierzig Tage.

Bei besonderen Gelegenheiten, für besondere Belehrung, verlieh Gott anderen Geistwesen, den Engeln, ähnliche Macht, wodurch es ihnen möglich wurde, als Menschen in Leibern von Fleisch und Bein zu erscheinen. Da aßen und sprachen sie mit denen, die sie belehrten, gerade wie unser Herr es tat. - siehe 1. Mose 18; Richter 6:11-22; 13:20; und die Bemerkungen darüber in Band 1.

Die Macht, die unser Herr und die Engel bekundeten, da sie die Kleidung, in der sie erschienen, erschufen und auflösten, war gerade so übermenschlich wie die Erschaffung und Auflösung ihrer angenommenen menschlichen Leiber; und diese Leiber waren eben sowenig ihre herrlichen, geistigen Leiber als diese Kleider deren Kleidung war. Man wird sich erinnern, dass das ungenähte Kleid und die anderen Kleidungsstücke, die unser Erlöser trug, von den römischen Soldaten geteilt worden waren, und dass die Grabtücher sorgfältig zusammengefaltet und im Grab beiseite gelegt worden waren (Joh. 19:23, 24; 20:5-7), so dass die Kleidung, in der er in den erwähnten Fällen erschien, besonders erschaffen worden sein muss, und wahrscheinlich war es für jeden Fall das allergeeignetste. Als er z.B. der Maria als Gärtner erschien, so geschah es wahrscheinlich in eigentlicher Gärtnerkleidung.

Dass die Leiber, in denen unser Herr erschien, wirkliche, menschliche Leiber waren und nicht bloßer Schein, das gab er ihnen deutlich zu verstehen, als er vor ihnen aß und sie aufforderte, ihn zu befühlen und zuzusehen, dass der Leib wirkliches Fleisch und Gebein war und sprach: "Was seid ihr bestürzt?....Sehet meine Hände und meine Füße, dass ich es bin; betastet mich und sehet, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, dass ich habe."

Manche Christen ziehen sehr abgeschmackte Schlüsse aus diesem Ausspruch unseres Herrn in betreff der Wahrhaftigkeit seines angenommenen Fleisch-und-Bein-Leibes. Sie denken sich die angenommenen Leiber als seinen geistigen Leib und erklären, dass ein Geist Fleisch und Bein ist gerade wie ein menschlicher Leib, ausgenommen, dass ein unbeschreibliches etwas, das sie Geist nennen, statt des Blutes durch seine Adern strömt. Sie scheinen die Aussage unseres Herrn aus dem Auge zu lassen, dass dies kein geistiger Leib war - dass ein Geistwesen kein Fleisch und Bein hat. Sie vergessen auch des Johannes Ausspruch, dass es "noch nicht erschienen ist", was ein geistiger Leib ist, und dass wir es nicht eher wissen werden, als bis wir verwandelt und ihm gleich gemacht worden und ihn sehen werden, nicht wie er war, sondern wie er ist. (1. Joh. 3:2) Sie vergessen ferner, was der Apostel Paulus sagt, dass "Fleisch und Blut" Gottes Königreich nicht ererben kann; und seine weitere Zusicherung, dass darumalle Miterben Christi auch "verwandelt" werden müssen. - 1. Kor. 15:50, 51

Viele Christen haben die Idee, dass der herrliche, geistige Leib unseres Herrn genau derselbe Leib sei, der gekreuzigt und in Josephs Grab gelegt wurde. Sie erwarten, wenn sie den Herrn in seiner Herrlichkeit sehen werden, ihn an den vernarbten Wunden zu erkennen, die er auf Golgatha empfing. Das ist ein großer Irrtum, den ein klein wenig Nachdenken offenbar machen sollte. Zuerst würde es beweisen, dass sein Auferstehungsleib kein herrlicher und vollkommener, sondern ein vernarbter und verunstalteter wäre. Zweitens würde es beweisen, dass wir wissen, was ein geistiger Leib ist, trotzdem der Apostel das Gegenteil sagt. Drittens würde es beweisen, dass der Kaufpreis unserer Erlösung zurückgenommen worden ist, denn Jesus sagte: "Mein Fleisch ist das Brot, welches ich geben werde für das Leben der Welt." Es war sein Fleisch, sein Leben als Mensch, seine menschliche Natur, die er zu unserer Erlösung aufopferte. Und als er durch die Macht des Vaters zu neuem Leben auferweckt wurde, geschah dies nicht zu menschlichem Dasein, weil dieses als unser Kaufpreis geopfert war; und wenn dieser Preis zurückgenommen worden wäre, so wären wir noch unter der Verurteilung zum Tode und ohne Hoffnung in der Welt, ja, die elendesten unter allen Menschen.

Wir haben nicht mehr Grund zu der Annahme, dass unseres Herrn geistiger Leib seit seiner Auferstehung ein menschlicher Leib ist, als zu der, dass sein geistiger Leib vor seinem Ins-Fleisch-Kommen ein menschlicher war, oder dass andere Geistwesen menschliche Leiber haben; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein; und der Apostel Petrus sagt, dass unser Herr "getötet worden ist im Fleisch, aber lebendig gemacht im Geist."

Der menschliche Leib unseres Herrn wurde jedoch übernatürlicherweise aus dem Grab entfernt; denn wäre er dort verblieben, so würde dies ein unübersteigbares Hindernis für den Glauben der Jünger gewesen sein. Sie waren noch nicht in geistlichen Dingen bewandert - denn "der Geist war noch nicht da." (Joh. 7:39) Wir wissen nicht, was daraus wurde, ausgenommen, dass er nicht verwest ist. (Apg. 2:27, 31) Ob er sich in Gas auflöste oder ob er noch irgendwo aufbewahrt wird als großes Erinnerungszeichen der Liebe Gottes, des Gehorsams Christi und unserer Erlösung, weiß niemand; noch ist solches zu wissen nötig. Dass Gott den Leib des Moses wunderbarerweise verbarg, wird uns bezeugt (5. Mose 34:6; Judas 9); und dass zur Erinnerung ein goldenes Gefäß voll Manna (das in die Lade unter den Gnadenthron getan wurde und ein Symbol für des Fleisches unseres Herrn, des Himmelbrotes, war) wunderbar von Gott erhalten wurde, wissen wir auch. (2. Mose 16:20, 33; Hebr. 9:4; Joh. 6:51-58) Es würde uns daher gar nicht wundern, wenn Gott das für die Welt gegebene Lösegeld, den für uns gekreuzigten Fleischesleib, der nicht verderben durfte, als ein ewiges Zeugnis unendlicher Liebe und vollkommenen Gehorsams aufbewahrt hätte und ihn in seinem Königreich der Welt zeigen würde. Es ist wenigstens möglich, dass Joh. 19:37 und Sach. 12:10 solch eine Erfüllung haben mögen. Diejenigen, die schrieen: "Kreuzige ihn!" mögen vielleicht noch als Zeugen denselben Leib identifizieren oder wiedererkennen, der vom Speer durchstochen und von den Nägeln und Dornen zerrissen wurde.

Die Annahme, dass der herrliche Leib unseres Herrn noch ein Leib aus Fleisch sei, würde ein sonderbares und plötzliches Erscheinen und Verschwinden während jener vierzig Tage vor seiner Himmelfahrt nicht im geringsten erklären. Wie konnte er so plötzlich erscheinen und verschwinden? Wie hielt er sich fast beständig unsichtbar während jener vierzig Tage? Und wie kam es, dass seine Erscheinung jedes Mal so anders war, so dass er nicht als derselbe erkannt wurde, der vorher erschienen war, oder als der, welcher vor seiner Kreuzigung, nur ein paar Tage vorher, allen so wohlbekannt und von allen so geliebt war?

Es geht nicht an zu sagen, dass dies Wunder gewesen seien, denn dann sollte doch irgendein Nutzen oder eine Notwendigkeit dafür namhaft gemacht werden. Wenn sein Leib nach seiner Auferstehung Fleisch und Bein war und genau derselbe Leib, der gekreuzigt wurde, mit all den Kennzeichen und Wundmalen, warum verrichtete er Wunder, die diesen Umstand nicht erhärteten, sondern geradezu berechnet waren, das Gegenteil zu lehren: dass er selbst nicht mehr menschlich - Fleisch und Bein - sei, sondern ein Geistwesen, das da gehen und kommen könne wie der Wind, so dass niemand sagen könnte, woher er kam oder wohin er ging? Gerade zu dem Zweck, sie zu unterweisen, dass er selbst nicht mehr Fleisch und Bein sei, erschien er wie ein Mensch in verschiedenen Fleisch-und-Bein-Leibern, die er erschuf und auflöste, je nachdem die Gelegenheit es erforderte.

Vor seiner Kreuzigung hatte unser Herr mit seinen Jüngern auf vertrautem Fuß gestanden, aber nach seiner Auferstehung war sein Verhalten gegen sie mehr zurückhaltend, obgleich er sie nicht weniger liebte. Dies geschah ohne Zweifel darum, den Eindruck von der Würde und Ehre seiner hohen Erhöhung um so nachdrücklicher zu machen und ihnen die rechte Ehrfurcht vor seiner Person und Autorität einzuflößen. Obwohl ihm als Menschen nie jene Würde des Betragens abging, die Respekt forderte, so war doch seit seiner Verwandlung zur göttlichen Natur eine größere Zurückhaltung nötig und angebracht. Solche Zurückhaltung wurde stets von Jehova seinen Geschöpfen gegenüber beobachtet und unter Umständen ist sie ganz am Platz. Diese Zurückhaltung kennzeichnet den ganzen Verkehr des Herrn mit seinen Jüngern seit seiner Auferstehung. Derselbe war jedes Mal sehr kurz, wie er denn gesagt hatte: "Ich werde nicht mehr vieles mit euch reden." - Joh. 14:30

Wer da glaubt, dass unser himmlischer Vater ein Geist und kein Mensch ist, sollte keine Schwierigkeit haben einzusehen, dass unser Herr (der jetzt zur göttlichen Natur erhöht und nicht nur ein moralisches Ebenbild Gottes ist, sondern geradezu "der Abdruck des Wesens - oder der Person - des Vaters") nun nicht mehr ein Mensch, sondern ein Geistwesen ist, das kein Mensch ohne Wunder gesehen hat noch sehen kann. Es ist ebenso unmöglich für einen Menschen, die unverschleierte Herrlichkeit des Herrn Jesus zu sehen, als es unmöglich ist, Jehova zu schauen. Bedenke einen Augenblick, welche Wirkung selbst die wiedergestrahlte geistliche Herrlichkeit auf Mose und Israel am Sinai hatte. (Hebr. 12:21; 2. Mose 19; 20:19-21; 33:20-23; 34:29-35) "Und so furchtbar war die Erscheinung (so überwältigend und Furcht einflößend), dass Mose sagte: Ich bin voll Furcht und Zittern." Und obgleich Mose auf übernatürlicher Weise gestärkt wurde, die Herrlichkeit des Herrn zu schauen, und während vierzig Tagen und Nächten allein bei Gott, überschattet mit seiner Herrlichkeit und ohne Essen und Trinken, das göttliche Gesetz empfing und niederschrieb (2. Mose 34:28), wurde ihm dennoch gesagt, als er begehrte, den Herrn von Angesicht zu Angesicht zu sehen. "Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht." (2. Mose 33:20) Alles, was Mose also sah, war eine Erscheinung, die Gott darstellte, und mehr war nicht möglich. Dies stimmt auch mit der Aussage des Apostels: "Niemand hat Gott je gesehen." Das ist der König, der Unsterbliche, der Unsichtbare, "welchen kein Mensch gesehen hat noch (je) sehen kann." (1. Tim. 6:15-16) Dass aber Geistwesen Gott, der selbst ein Geistwesen ist, sehen können und sehen, wird klar bezeugt. - Matth. 18:10

Wenn unser Herr noch "der Mensch Christus Jesus" ist, "der sich selbst zum Ersatzlösegeld gab" - wenn er, getötet im Fleisch, wieder lebendig gemacht wurde im Fleisch und nicht, wie der Apostel bezeugt, als ein lebendigmachender Geist, dann ist er statt höher als die Engel und über alles, was im Himmel und auf Erden genannt werden mag, erhöht zu sein, nur und allerdings noch ein Mensch. Und wenn er die Knechtsgestalt noch beibehält, die er zum Zweck des Leidens des Todes für jedermann an sich nahm, und wenn er noch immer "ein wenig unter die Engel erniedrigt" ist, dann kann er auch niemals Gott sehen. Doch wie ungereimt solche Ansicht, wenn man sie völlig im Licht des apostolischen Zeugnisses prüft. Bedenke auch, wenn das Fleisch des Herrn, das mit Nägeln und Speer und der Dornenkrone durchstochen und verwundet war und die Schmerzensspuren trug, sein herrlicher, geistiger Leib ist, und wenn die Narben und verstellten menschlichen Züge zu der Erscheinung des erhöhten Herrn gehören, dass er dann weit entfernt von Schönheit wäre, selbst wenn wir die um unser willen erhaltenen Wunden liebten. Wenn er so einen unvollkommenen, vernarbten und verunstalteten Leib trägt, und wenn wir werden sollen, wie er ist, würde es nicht erfordern, dass die Apostel und Heiligen, die gekreuzigt, geköpft, gesteinigt, verbrannt, in Stücke gesägt, von wilden Tieren zerrissen wurden, sowie die, welche Unfälle betrafen, alle ihre einstigen Schäden und Narben trügen? Und würde dann nicht der Himmel für alle Ewigkeit eins der schrecklichsten Schauspiele darbieten? Doch das ist nicht so und niemand könnte lang solch eine unvernünftige und nicht schriftgemäße Ansicht festhalten. Geistwesen sind in jeder Hinsicht vollkommen; und so erinnert der Apostel die Christen, die da Erben himmlischer oder geistiger Ehre und Herrlichkeit sind, dass, obwohl es (im Tode) gesät wird in Schwachheit (mit Wunden und Narben usw.), es (das Wesen) in Kraft auferstehen wird; obwohl es in Unehre (mit den Zügen der Sorge und des Kummers usw.) gesät wird, es in Herrlichkeit auferstehen wird; obwohl es als ein natürlicher Leib (buchstäblich übersetzt: ein tierischer Leib) gesät wird, so wird es als ein geistiger Leib auferweckt; und dass wie wir das Bild oder die Form des irdischen Vaters getragen haben, so sollen wir die Form, das Ebenbild, des himmlischen Herrn tragen. (1. Kor. 15:42-51) Unser Herr nahm eine Zeitlang um unsertwillen das Bild oder die Gestalt des Irdischen an sich, damit er uns erlöse. Bei seiner Auferstehung aber wurde er der himmlische Herr (Röm. 14:9); und wenn wir treu bleiben, sollen auch wir bald das Bild, die Gestalt, des himmlischen Herrn (geistige Leiber) tragen, wie wir jetzt noch die Gestalt des irdischen Herrn (Adams), menschliche Leiber, tragen.

Denket an Paulus - um einer der Apostel, ein Zeuge, sein zu können, musste er den Herrn nach seiner Auferstehung sehen. Er war keiner derer, die die Kundmachung seiner Auferstehung und Gegenwart während der vierzig Tage sahen, daher wurde ihm ein besonderer kurzer Anblick des Herrn gewährt. Aber er sah ihn nicht wie die anderen, nicht verschleiert in Fleisch und Gewänder verschiedener Form. Der bloße Blick auf die unverhüllte Herrlichkeit der Person des Herrn bewirkte, dass er zu Boden fiel, geblendet durch eine die Herrlichkeit der Mittagssonne überstrahlende Herrlichkeit. Von dieser Blindheit ihn wieder zu heilen, erforderte es ein Wunder. (Apg. 9:17, 18) Sah Paulus nicht unsern Herrn wie er ist, als Geistwesen? Und erschien unser Herr während der vierzig Tage nicht wie er war, das bedeutet wie er vordem gewesen war, um der besonderen schon angedeuteten Zwecke und Gründe willen? Darüber ist kein Zweifel möglich. Aber der Herr hatte einen Zweck, Paulus so zu erscheinen, gerade wie er einen anderen Zweck verfolgte, als er den anderen anders erschien. Diesen Zweck erläutert Paulus, wenn er sagt: "Am letzten aber von allen, gleichsam der unzeitigen Geburt, erschien er auch mir." (1. Kor. 15:8) Wie die Auferstehung unseres Herrn seine Geburtvom Tod zur vollen Vollkommenheit geistigen Daseins war (Kol. 1:18; Röm. 8:29), so wird die Auferstehung der Herauswahl, des Leibes Christi, hier und sonst wo als eine Geburt betrachtet. In unserer Geburt oder Auferstehung als Geistwesen werden wir den Herrn sehen, wie erist, gerade wie Paulus ihn sah; aber, da wir dann verwandeltoder als Geistwesen geboren sind, werden wir nicht niedergeschmettert, noch durch den Anblick der herrlichen Person unseres Herrn geblendet werden. Die Worte des Apostel Paulus sagen, dass er ihn sah, wie wir ihn sehen werden - "wie er ist." Er sah ihn, wieder ganze Leib Christi ihn sehen wird, aber unzeitig, vor der rechten Zeit, ehe er vom Tode geboren und fähig war, es zu ertragen; und doch "wie" jeder, der so geboren wird, ihn zu seiner Zeit sehen wird.

Der vom Berg herabsteigende Mose, der Israel den Gesetzesbund übermitteln sollte, war ein Vorbild des größeren Gesetzgebers und Mittlers des Neuen Bundes, der bei seinem zweiten Advent auf den Plan treten wird, um die Welt zu regieren und zu segnen. Mose schattete daher die ganze Herauswahl ab, deren Haupt unser Herr ist. Das Angesicht Mose war von Glanz erfüllt, so dass das Volk ihn nicht ansehen konnte, und er musste seitdem einen Schleier als Vorbild der geistigen Herrlichkeit des Christus tragen. Das ist eine Veranschaulichung des Punktes, den wir jetzt untersuchen. Christus hat die wahre Herrlichkeit und den echten Glanz. Er ist der Abdruck oder das ausdrückliche Ebenbild der Person des Vaters; und wir sollen werden, wie er ist, und kein Mensch kann diese Herrlichkeit schauen. Was für Kundgebungen des Gesetzgebers daher auch vor der Welt stattfinden werden, wenn die Herrlichkeit des Herrn geoffenbart werden wird, die Herrlichkeit der geistigen Personen kann man nicht sehen. Sie werden durch den Schleier - das bedeutet verhüllt - reden. Dies, sowie noch mehr, bedeutet der Schleier Mose. - 2. Mose 34:30-33

Je mehr wir der Sache unsere sorgfältige Aufmerksamkeit schenken, desto mehr erkennen wir die in der Art und Weise der Kundmachung der Auferstehung unseres Herrn den Aposteln gegenüber angewandte göttliche Weisheit. Sie sollten durchaus befriedigte und zuverlässige Zeugen sein, damit die Demütigen der Welt imstande wären, ihr Zeugnis anzunehmen und zu glauben, dass unser Herr von den Toten auferstanden ist, damit sie ihn als den, der da tot war und siehe, er lebt für immer, erkennen und im Glauben durch ihn zu Gott kommen könnten. Wenn wir ihn unter der Leitung des heiligen Geistes der Wahrheit betrachten, so erweitert sich unser Begriff, und wir sehen ihn nicht mehr als den Menschen Jesus Christus, sondern als den Herrn der Herrlichkeit und Kraft, als den Teilhaber der göttlichen Natur. So kennen wir ihn, um dessen Kommen und Königreich die Herauswahl so lange gebetet und wonach sie sich so sehr gesehnt hat. Wer seine große Erhöhung recht erkennt, kann bei seiner Wiederkunft keinen Menschen oder den Fleischesleib, der zum Opfer bereitet und als Lösegeld gegeben wurde, oder gar die Wunden zu sehen erwarten. Noch sollten wir erwarten, dass er bei seiner Wiederkunft in verschiedenen Fleisch-und-Bein-Gestalten der Welt "erscheinen" oder sich kundmachen werde. Das war für die ersten Zeugengeboten. Doch jetzt nicht mehr. Seine zweite Gegenwart wird er, wie wir sehen werden, anders kundtun.

Aus dem, was wir in Bezug auf Geistwesen und deren Kundwerden früher gesehen haben, geht hervor, dass es dem in Gottes Wort geoffenbarten Plan zuwider sein würde, wenn unser Herr bei seiner Wiederkunft entweder durch Auftun der Augen der Menschen (damit sie seine Herrlichkeit schauen könnten, wie er mit Paulus und Daniel tat) oder durch das Ansichnehmen eines menschlichen Leibes offenbaren würde. Ein Erscheinen vor der Welt durch wunderbares Auftun ihrer Augen würde die Wirkung haben, sie durch den überwältigenden Anblick fast zu paralysieren (lähmen). Dagegen alsMensch zu erscheinen hieße, die Würde seiner Stellung herabzusetzen und eine geringere als die rechte Anschauung über die göttliche Natur und Gestalt darzubieten. Da jetzt keines von beiden notwendig oder wünschenswert erscheinen würde, so können wir nicht annehmen, dass dann irgendeine dieser Verfahrungsweisen eingeschlagen werden wird.

Im Gegenteil sollten wir erwarten, dass der Christus in derselben Weise im Fleisch der Menschen geoffenbart werden wird, wie Gott in Jesus Fleisch geoffenbart war, da er "Fleisch wurde" und unter den Menschen wohnte. Wenn die menschliche Natur vollkommen und in Harmonie mit Gott ist, so ist sie eine Abbildung Gottes im Fleisch. So war der ursprünglich vollkommene Adam eine Abbildung Gottes und der vollkommene Mensch Jesus Christus ebenfalls. So konnte Jesus zum Philipper sagen, als dieser den Vater zu sehen verlangte: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen"; er hat die Abbildung Gottes im Fleisch - "Gott geoffenbart im Fleisch" - gesehen.

So werden auch die einzelnen Glieder der Menschheit, wenn sie nach und nach zu dem langverloren gewesenen Bild Gottes zurückkommen, Bilder und Nachbildungen Christi sein. Beim ersten Anfang des Millenniums wird es, wie wir gesehen haben, Proben vollkommener Menschheit vor den Augen der Welt geben. (siehe Band 1) Abraham, Isaak und Jakob und die heiligen, schon geprüften und erprobten Propheten werden "Fürsten" unter den Menschen sein und das geistige, unsichtbare Königreich darstellen und vertreten. In diesen, in deren Fleisch, wird Christus geoffenbart sein, gerade wie der Vater in seinem Fleisch geoffenbart war; und wenn "wer da will" aus der Menschheit Vollkommenheit erreicht und zur vollen Harmonie mit dem Willen Christi kommt, der wird ein Abbild Gottes und Christi sein, und in jedem wird Christus geoffenbart sein.

Der vollkommene Mensch, da er sich ganz Gott geweiht hat, wird imstande sein, den heiligen Geist und das Wort Gottes vollständig zu erfassen; denn er ist in Gottes sichtlichem Bilde erschaffen. Ohne Zweifel werden auch Visionen (Gesichte) und direkte Offenbarungen und gemeinsamer Austausch zwischen dem geistigen Königreich und seinen irdischen Vertretern freier und allgemeiner sein als es mit ähnlichen Mitteilungen je der Fall war - mehr nach der Art und Weise des Verkehrs von Eden, ehe die Sünde Verurteilung und Trennung von der Gnade und Gemeinschaft Gottes verursachte.

Nichts also, weder nach Vernunft noch Schrift, erfordert, dass unser Herr bei seinem zweiten Advent in verschiedenen Fleisch-und-Bein-Leibern erscheine. Dass solch ein Verfahren nicht wesentlich ist, geht aus dem Erfolg hervor, den Satans Reich gehabt hat, der auch durch menschliche Wesen als Werkzeuge wirkte. Wer an dem Geist des Bösen und des Irrtums teilnimmt, ist ganz und gar ein Vertreter des großen unsichtbaren Fürsten, der so in ihrem Fleisch geoffenbaret ist, wenn er auch selbst als Geistwesen vor Menschen unsichtbar ist.

Der "verwandelte" und zu Teilhabern der göttlichen Natur gemachte Christus (Haupt und Leib) wird so gewiss aus Geistwesen bestehen und gleichfalls den Menschen unsichtbar sein, wie Satan ein Geistwesen und unsichtbar ist. Ihre Wirksamkeit wird der Art nach der seinen ähnlich, wenn auch dem Wesen und der Wirkung nach das gerade Gegenteil derselben sein. Als Gottes geehrte Werkzeuge (die durch keine Unwissenheit und Schwäche, wie die meisten Diener Satans, gebunden, sondern vollkommen und "recht frei" gemacht sein werden) werden sie aus freier Wahl und Liebe in verständnisvoller und harmonischer Weise handeln. Das wird der Lohn ihrer Gerechtigkeit sein.

Die Gegenwart unseres Herrn wird der Welt durch Erweisung "seiner großen Macht und Herrlichkeit" offenbar werden; jedoch nicht bloß für das natürliche Auge, sondern hauptsächlich für die Augen ihres Verständnisses. Das Verständnis der großen Umwandlung, die der neue Herrscher dann bewirkt, wird ihnen aufgetan werden. An den Strafen und Segnungen, die durch seine Regierung der Menschheit alsdann zufließen, werden seine Gegenwart und sein Regiment erkannt werden.

Seit lange hat man gemeint, dass Ungemach und Leiden als Strafen für Böses über die Übeltäter kommen. Da dieses ein natürliches und angemessenes Gesetz zu sein schien, hat man es ziemlich allgemein angenommen, meinend, es sollte so sein, selbst wenn es nicht so ist. Doch die unbeugsame Wirklichkeit stimmt mit der Bibel, dass es bisher der Gottesfürchtige war, der am meisten Drangsal und Verfolgung auszustehen hatte. (2. Tim. 3:12) Aber an dem "Tag der Trübsal", der Periode, welche die Herrschaft des Messias einleitet, wird diese Ordnung umgekehrt. An dem Tag werden die bösen Mächte gestürzt und nach und nach hergestellte Gerechtigkeit wird schnellste Vergeltung auf die Übeltäter herabbringen und Segen auf die, die da Gutes tun. "Drangsal und Angst über jede Seele eines Menschen, der das Böse vollbringt, ... Herrlichkeit aber und Ehre und Friede jedem, der das Gute wirkt" - an dem "Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes, welcher einem jeden vergelten wird nach seinen Werken." (Röm. 2:9, 10, 5, 6) Und da jetzt so viel Böses geschieht, wird die Vergeltung zuerst eine sehr schwere sein, eine "große Drangsal, dergleichen von Anfang der Welt bis jetzt hin nicht gewesen ist". In Rache (Vergeltung) und Trübsal und Zorn über die Völker wird der Herr der Welt die Tatsache des Wechsels der Verwaltung und der Herrscher kund tun. "Wenn die Gerichte des Herrn die Erde treffen, lernen die Bewohnern des Erdkreises Gerechtigkeit." (Jes. 26:5-11) Sie werden einsehen, dass unter der neuen Ordnung der Dinge, die da Recht tun erhöht, und die da Übels tun beschränkt und bestraft werden. Lies aufmerksam Psalm 72:1-19 und 37:1-14. In ihnen ist ein klares prophetisches Zeugnis niedergelegt in betreff dieses Königreiches und seiner Wirksamkeit zum Wohle der Demütigen, der Aufrichtigen, der Armen, der Bedürftigen und Unterdrückten und in betreff des Sturzes des Monopols (Groß- und Alleinhandels) und jedes ungerechten und drückenden Systems und der Ausgleichung menschlicher Verhältnisse.

Nach und nach wird sich auf diese Weise unser König offenbaren. Einige werden den neuen Herrscher früher als andere erkennen, aber schließlich "werden ihn sehen (horao - wahrnehmen, erkennen) alle Augen." (Offb. 1:7) Aber "er kommt mit den Wolken"; und während die Wolken der Trübsal dicht und schwer sind, wenn die Berge (Reiche dieser Welt) erschüttern und fallen, und die Erde, (die organisierte Gesellschaft) wankt, sich auflöst, schmilzt, da werden etliche anfangen, das zu erkennen, was wir jetzt als schon begonnen verkündigen. Sie werden erkennen, dass der große Tag Jehovas gekommen ist, dass der vorhergesagte Tag der Trübsal und des Zornes über die Nationen vorhanden ist, und dass Jehovas Gesalbter seine große Gewalt an sich nimmt und sein Werk, das "Recht zur Richtschur (zu legen) und die Gerechtigkeit zum Senkblei" zu machen, beginnt. (Jes. 28:17) "Er muss aber herrschen bis" er alle Gewalten und Gesetze auf Erden, die den himmlischen zuwider sind, niedergeworfen hat.

Wenn die Drangsal wächst, werden die Menschen, freilich vergeblich, in den "Klüften" und Höhlen, den großen Felsen und Bollwerken der Gesellschaft (Oddfellowtum, Freimaurertum und Handwerkervereinigungen, Gilden, Trusts und allen weltlichen und kirchlichen Gesellschaften) und auf den Bergen (Regierungen) der Erde Schutz suchen und ausrufen: "Fallt auf uns (bedeckt, schützt uns) und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt und vor dem Zorn des Lammes; denn gekommen ist der große Tag seines Zornes." - Offb. 6:15-17 (Anmerkung: Das griechische Wort epi, das hier gebraucht wird, wird gewöhnlich mit auf übersetzt. Es hat aber auch die Bedeutung von über oder um herum und wird oft so übersetzt. Der Gedanke ist Schutz und nicht Vernichtung. Die gewöhnliche Ansicht über diese Stelle, dass sie lehre, dass böse Menschen genug Glauben erlangen würden, um für das Fallen wirklicher Berge zu beten, ist absurd, mehr als unvernünftig. Die wirkliche Erfüllung beginnt schon: die Großen, die Reichen und nicht weniger die Armen suchen in den Klüften, Höhlen und Felsen nach Schutz und Bedeckung vor dem finster werdenden Sturm, den alle sich zusammenziehen sehen.)

Der Mammondienst und Geiz, der da ist Abgötterei, in welchen die ganze Welt versunken ist, und der in dem Trubel eine so große Rolle spielen wird und nicht nur für dessen Anhäufung, sondern auch für dessen Bewahrung Sorge und Mühe erheischt, soll vollständig über den Haufen geworfen werden, wie es Jes. 2:8-21 und Hesk. 7:17-19 gezeigt wird.

Der große Tag der Trübsal wird erkannt werden und vor seinem Sturm werden alle Schutz suchen, obwohl nur wenige verstehen werden, dass die dann auf Erden ergehenden Gerichte des Herrn das Resultat (die Folge) seiner Gegenwart, das Aufrichten seiner Autorität und die Erzwingung seiner Gesetze ist. Endlich jedoch sollen alle den König der Herrlichkeit ("sehen") erkennen; und alle, die dann Gerechtigkeit lieben, werden ihm mit Freuden gehorchen und sich gänzlich seinen gerechten Anforderungen fügen.

Das wird für alle die eine Zeit der Vergeltung sein, die durch Betrug und Gewalt, oft auch im Namen des Gesetzes und unter seiner Billigung unrechtmäßigerweise die Rechte (oder das Eigentum) anderer sich angemaßt haben. Die Vergeltung wird, wie wir gesehen, vom Herrn kommen durch das Sicherheben der Völkermassen. In ihrer Angst, unwillig einen Taler oder einen Acker oder ein angemaßtes, langgenossenes und unbestrittenes Recht oder eine Ehre dieser Art herzugeben, werden viele den Schutz der bisher mächtigen - bürgerlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen - Organisationen suchen. Sie empfinden, dass alleinstehend sie fallen müssten. Aber sie werden nicht imstande sein, sich an dem Tag des Zornes des Herrn zu retten. Der nahende Zusammenstoß und die bevorstehende Vergeltung wird alle Geschlechter der Erde heulen machen; denn es wird eine Zeit der Drangsal sein, dergleichen von Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist, noch je sein wird. "Seinetwegen" werden sie heulen, wenn seine Gerichte auf natürlichem Wege den großen Trubel verursachen - weil der Herr sich erhebt zu schrecken und zu erschüttern und die Erde und ihre Verrottung zu beseitigen. (Jes. 2:21) So weitreichend werden der Trubel und die Gerichte sein, dass niemand entrinnen wird. Schließlich wird jedes Auge den Wechsel gewahr werden und erkennen, dass der Herr regiert. Die Trübsal könnte viel gemildert werden, könnten die Menschen die Prinzipien (Gesetze) der Gleichheit erkennen und unverzüglich daraufhin handeln; könnten sie alle ungerechten, wenn auch erlaubten Vorrechte der Vergangenheit übersehen und denselben entsagen. Aber dies wird ihre Selbstsucht nicht zulassen, bis die Trübsal die Stolzen zerbrochen und gestürzt, die Mächtigen gedemütigt und die Niedrigen erhöht haben wird.

Doch nicht eher, als bis sich der große Tag der Trübsal seinem Ende zuneigt; nicht bis die Reiche der Nationen zu Staub zermalmt und gänzlich beseitigt sind, da "keine Stätte für sie gefunden" wird (im Jahre 1914, wie in dem vorhergehenden Kapitel gezeigt wurde), nicht eher bis Groß Babylon vollständig zerstört und ihr Einfluss über die Welt gebrochen ist, wird die große Masse der Menschheit dahin gelangen, die wahre Lage der Sache einzusehen. Dann werden sie verstehen, dass die große Trübsal, durch welche sie dann hindurchgegangen sind, das war, was in symbolischer Sprache: "Der Krieg jenes großen Tages Gottes, des Allmächtigen" (Offb. 16:14) genannt wird; und dass sie in dem Maße, als sie Irrtum und Unrecht unterstützten, gegen die Gesetze und Mächte des neuen Reiches und des neuen Beherrschers der Erde kämpften; und dass sie in dem Maße, als ihre Zungen und Federn und Hände, ihr Einfluss und ihre Mittel zur Aufrechterhaltung des Rechts und der Wahrheit in irgendeiner Sache dienten, auf der Seite des Herrn fochten.

Einige werden die Bedeutung der Trübsal schneller einsehen als andere, weil die leichter zu belehren sind; und durch den ganzen Trubel hindurch werden solche in der Welt vorhanden sein, die über seine Ursache Zeugnis ablegen werden. Sie werden die Gegenwart des Herrn und die Aufrichtung seines Königreiches, das den Mächten der Finsternis entgegensteht, als die wahre Ursache der Trübsal und des Erschütterns und Umsturzes der Gesellschaft verkünden. Sie werden zeigen, dass jeder, welcher der Wahrheit und Gerechtigkeit widersteht, ein Feind des neuen Königreiches ist und gar bald schmähliche Niederlage erleiden muss, es sei denn er ergebe sich schnell. Doch die Massen werden, wie es immer gewesen ist, den guten Rat nicht beachten, bis sie unter der eisernen Herrschaft des neuen Königreiches vollständig niedergebeugt sind. Nur ganz zuletzt werden sie die Torheit ihres Weges einsehen.

Der wahre Lehrer und Lichtträger (Matth. 5:14), die wahre Kirche, der Leib Christi, soll aber nicht in Finsternis bleiben und nicht erst durch die Offenbarungen seines Zornes und seiner Macht von der Gegenwart ihres Herrn Einsicht erhalten, wie es mit der Welt sein wird. Besondere Vorkehrung ist für ihre Erleuchtung getroffen worden. Durch das feste prophetische Wort, das da scheint an einem dunklen Ort, ist sie deutlich und bestimmt unterwiesen, was sie zu erwarten hat. (2. Petr. 1:19) Sie soll durch das prophetische Wort nicht nur vor Entmutigung beschirmt und befähigt werden, die Bedrängnisse, Fallstricke und Steine des Anstoßens, die an diesem "bösen Tag" so überhand nehmen, zu überwinden, und so vor Gott "bewährt" zu stehen, sondern sie wird auch der Lichtträger und Unterweiser der Welt sein. So ist die Herauswahl befähigt, der Welt die eigentliche Ursache der Trübsal nachzuweisen, ihr die Gegenwart des neuen Herrschers anzukündigen und die Politik, den Plan und den Zweck der neuen Ordnung zu erklären und die Welt zu belehren, was für sie in Anbetracht dieser Dinge der weiseste Weg zum Einschlagen sei. Wenn die Menschen auch auf die Unterweisung zuerst nicht hören werden, bis die Lektion der Unterwürfigkeit durch die Trübsal ihnen aufgezwungen worden ist, so wird ihr solches Zeugnis doch dann zum Verständnis der Lektion sehr zustatten kommen. Auf diese Aufgabe der "Füße" oder der letzten Glieder der Herauswahl (Kirche), die auf den Bergen (Reichen) die Herrschaft Christi als begonnen verkündigen, nimmt Jes. 52:7 Bezug.

Scheinbar sich widersprechende Schriftstellen

Betreffs der Art und Weise der Wiederkunft und Erscheinung des Herrn gibt es etliche Aussagen der Schrift, die, bis sie genau untersucht sind, mit einander in Widerspruch zu sein scheinen. Jahrhunderte lang haben dieselben ohne Zweifel dem göttlichen Vorsatz gedient, die Wahrheit zu verbergen, bis die rechte Zeit zu ihrem Verständnis herbei käme; und selbst dann noch war es beabsichtigt, sie so vor allen zu verhüllen, die nicht der besondern Klasse, den Geweihten, angehörten.

Zum Beispiel, unser Herr sagt: "Siehe, ich komme wie ein Dieb" und: "Gleichwie es in den Tagen Noah geschah, also wird es auch in den Tagen des Sohnes des Menschen sein (in den Tagen seiner Gegenwart): sie aßen, sie tranken, sie heirateten, sie wurden verheiratet", "und erkannten es nicht, bis die Flut kam." Und als Jesus "von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes? antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht, dass man es beobachten könnte", nicht mit sichtbarem Schaugepränge. - Offb. 16:15; Luk. 17:26, 27, 20; Matth. 24:38, 39

Diese Schriftstellen sagen deutlich, wie die Wiederkunft des Herrn stattfinden wird. Sie zeigen, dass er gegenwärtig sein und ein Werk vollbringen wird, wovon die Welt eine Zeitlang nichts gewahr werden wird. Seine Ankunft muss daher ruhiger, unbemerkbarerweise vor sich gehen, unbeobachtet von der Welt und ihr gänzlich unbekannt, gerade "wie ein Dieb" kommt, ohne Geräusch, ohne irgendwelche Kundgebung zu machen, welche die Aufmerksamkeit erregen würde. Wie die Welt in den Tagen Noah ihre gewohnten Geschäfte weiter verrichtete und nicht im geringsten aus der Fassung gebracht wurde und ohne den geringsten Glauben an die Predigt des Noah über die kommende Flut zu haben, so wird auch in dem ersten Teil des Tages des Herrn die Welt keinen Glauben an die Verkündigung seiner Gegenwart und des hereinbrechenden Trubels haben. Sie wird ruhig ihre Wege weiter gehen wie sonst und auf keine solche Predigt achten, bis die große Flut der Drangsal die alte Welt - die alte Ordnung der Dinge - dahinreißt, bis sie untergeht, um der vollen Aufrichtung der neuen Ordnung des Königreiches Gottes unter dem ganzen Himmel Platz zu machen. "Gleichwie die Tage Noah, also wird auch die Ankunft (die Gegenwart) des Sohnes des Menschen sein." - Matth. 24:37

Aber auf der anderen Seite finden wir auch Schriftstellen, die beim ersten Anblick mit diesen in direktem Widerspruch zu stehen scheinen. Zum Beispiel: "Der Herr wird mit einem Feldgeschrei und mit der Stimme des Erzengels und mit der Posaune Gottes herniederkommen vom Himmel." "Der Herr Jesus wird geoffenbaret werden vom Himmel mit den Engeln seiner Macht in flammendem Feuer, wenn er Vergeltung gibt denen, die Gott nicht kennen, und denen, die dem Evangelium unsers Herrn Jesus Christus nicht gehorchen." "Sie (die Welt) werden den Sohn des Manschen sehen, kommend auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit." "Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wirdihn sehen." - 1. Thess. 4:16; 2. Thess. 1:7, 8; Matth. 24:30; Offb. 1:7

Als Wahrheitssuchern würde es sich für uns nicht schicken, in Anbetracht dieser Stellen zu sagen, dass die Mehrzahl derselben die Ansicht zu unterstützen scheine, die wir gerade vorzuziehen geneigt sind, und dann die anderen zu übersehen. Nein, bis wir eine Anschauung der Sache erreicht haben, bei der jede Bibelaussage ihre vernünftige Verwertung findet, sollten wir uns nicht sicher fühlen, dass wir über den betreffenden Gegenstand die Wahrheit erreicht haben. Eine Aussage Gottes ist so wahr und eine so sichere Grundlage für den Glauben wie Hunderte; und es würde weiser sein, ein harmonisches Verständnis zu suchen, als zu einem Schluss zu gelangen oder eine Theorie anzunehmen, die auf eine einseitige Auslegung gegründet ist, und so uns selbst und andere zu betrügen.

Im allgemeinen nehmen sich Christen nicht die Mühe, diese Aussagen zu harmonieren, und daher sind ihre Ideen so einseitig und unrichtig. Die letzte Gruppe von Sätzen ist gerade so bestimmt wie die erste und lehrt doch scheinbar das gerade Gegenteil von einer stillen, unbemerkten, diebähnlichen Weise bei der Wiederkunft und Gegenwart des Herrn. Hierzu kommen noch zwei weitere Schilderungen über die Art seines Kommens, auf die wir gewiesen sind; nämlich: "Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel genommen worden ist, wird also kommen, wie ihr ihn gen Himmel habt auffahren sehen;" und "Gleichwie der Blitz ausfährt von Osten und scheint bis gen Westen, also wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein." (Apg. 1:11; Matth. 24:27) Um einen richtigen Schluss zu gewinnen, muss man diesen Stellen auch das ihnen gebührende Gewicht geben.

Bei unserer Untersuchung des Gegenstandes sollten wir uns ein Zweifaches anmerken. Erstens, dass unser Herr es als bestimmte Tatsache hinstellt, dass sein Königreich ohne äußeres Zuschautragen hergestellt werden wird, und dass seine Wiederkunft, seine Gegenwart, wiedie eines Diebes sein würde, also genaues und aufmerksames Wachen erfordere, wenn man sie erkennen wolle. Zweitens, dass alle obigen Texte, die üblicherweise als Beweis für eine äußere, sichtbare Kundmachung angeführt werden mit Ausnahme der einen, dass er so kommen werde, wie er hinwegging, in bildlicher Sprache gefasst sind. Die bildlichen müssen sich immer den deutlicheren, mehr buchstäblichen Aussprüchen anbequemen, sobald ihr bildlicher Charakter erkannt wird. Wenn eine buchstäbliche Auslegung je der Vernunft Gewalt antun würde und ebenso die Stellen in direkten Widerspruch zu deutlichen Aussagen der Schrift stellt, so sollten solche Stellen bildlich genommen werden. Die Auslegung solcher bildlichen Stellen sollte dann im Einklang stehen mit den anderen, die offenbar deutlich und buchstäblich sind; auch mit dem allgemeinen Charakter und mit dem Zweck des Planes Gottes muss sie in Harmonie gebracht werden. Wenn wir dies im vorliegenden Fall tun und dementsprechend die Bilder (Symbole) erkennen und auslegen, so tritt die schönste Harmonie aller Aussagen zu Tage. Untersuchen wir nun und sehen, wie vollkommen symbolische und nicht symbolische (bildliche und nicht bildliche) Aussagen miteinander stimmen.

a "Der Herr wird mit einem gebietendem Zuruf und der Stimme eines Erzengels und mit der PosauneGottes herniederkommen vom Himmel." (1. Thess. 4:16) Die hier erwähnte Stimme und Posaune entsprechen in jeder Weise denselben Bildern, die in Offb. 11:15-19 gebraucht werden. "Und der siebte Engel posaunte; und es geschahen laute Stimmen in dem Himmel, welche sprachen: Das Reich der Welt ist unseres Herrn und seines Christus geworden, und er wird herrschen in die Zeitalter der Zeitalter. ... .Und die Nationen sind zornig geworden, und dein Zorn ist gekommen und die Zeit der Toten, um gerichtet zu werden" usw. Die gleichen Ereignisse werden in Daniels Weissagung erwähnt: - "Und in seiner Zeit wird Michael (Christus), der große Fürst, aufstehen (die Herrschaft ergreifen) ... und es wird eine Zeit der Drangsal sein, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht .... Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden erwachen." So fügt auch Paulus seiner Erwähnung der Stimmen und Posaunen die Aussage hinzu: "Und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen." Und in 2. Tim. 4:1 sagt er ferner, dass Christus die Lebendigen und die Toten richten werde zur Zeit seiner Erscheinung und seines Königreiches. Und der Anfang dieses Gerichtes der lebenden Nationen wird überall als die größte Zeit der Drangsal beschrieben, welche die Welt je gesehen. - Dan. 12:1

Somit beziehen sich Paulus, Johannes und Daniel augenscheinlich auf dieselbe Zeit, auf die Zeit der Erscheinung unseres Herrn und auf die Aufrichtung seines Königreiches inmitten einer Zeit großer Trübsal und auf die Ereignisse, die derselben vorhergehen und sie einführen. Alle drei zeigen, dass dem Auftreten Michaels, den Stimmen und der Posaune das gleiche Resultat folgt, nämlich Drangsal und Zorn über die Nationen und die Auferstehung. Beachte nun das Symbol:

"Mit einem Feldgeschrei." - Ein Feldgeschrei ist ein Ausruf, der gehört werden soll, ein Ausruf nicht von einigen bloß, sondern von vielen, von einer gemischten Menge. Er wird gewöhnlich angewandt, um in Aufregung und Schrecken zu versetzen oder um zu ermutigen und beizustehen. Es mag auch je nach Umständen die eine Wirkung auf die eine Klasse und die entgegengesetzte auf die andere Klasse haben.

Der Zustand der Dinge in der Welt während der letzten fünfzehn Jahre entspricht sehr auffällig diesem Bild. Es sind Weckstimmen, die jetzt weltweit und ermutigend an alle Menschen ergehen, um sie zu einem Gefühl für ihre Rechte und Freiheiten als Menschen aufzurütteln, damit sie ihre gegenseitigen Verhältnisse, die Gesetze, auf denen dieselben sich gründen, und die Endzwecke, die sie hervorrufen sollten, betrachten. Wo auf der ganzen Erde ist die zivilisierte Nation, die den Ruf nicht vernommen hat und davon nicht beeinflusst wurde? Die ganze zivilisierte Welt studiert in den letzten paar Jahren die politische Ökonomie, bürgerliche Rechte und soziale Freiheiten, wie noch nie zuvor; und die Menschen rufen sich ermutigend zu und werden ermutigt, wie noch nie, diese Dinge bis auf den letzten Grund zu untersuchen. Der ermutigende Feldgeschrei, das mit der Zunahme der Erkenntnis, des Wissens, unter den Menschen seinen Anfang nahm, hat schon die Erde umzogen, und unter seinem Einfluss verbinden sich die Menschen untereinander, von Denkern und Genies unterstützt und ermutigt, um für ihre wahren und eingebildeten Rechte und Freiheiten einzutreten und zu fechten. Mit dem Wachstum und Vermehrung ihrer Organisationen wird das Feldgeschrei lauter und lauter und wird schließlich, wie vorherverkündet, in die Zeit großer Trübsal und großen Tumultes zürnender Nationen hinüberleiten. Dieses Resultat wird ergreifend vom Propheten geschildert: - "Horch! eine Stimme eines Getümmels auf den Bergen (Königreichen), wie von einem großen Volk; horch! eine Stimme eines Getöses von Königreichen versammelter Nationen: Jehova der Heerscharen mustert ein Kriegsheer." - Jes. 13:4

"Die Stimme des Erzengels" - ist ein weiteres recht bezeichnendes und sinnvolles Symbol von ähnlicher Bedeutung. Der Name Erzengel bedeutet Haupt-Sendbote, und unser Herr selbst ist Jehovas Hauptsendbote - der "Engel des Bundes." (Mal. 3:1) Daniel nimmt auf dieselbe Persönlichkeit Bezug und nennt sie Michael, welcher Name bedeutet: Der wie Gott - ein gar passender Name für ihn, der da ist "der Abglanz" seiner (Gottes) Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens"und der Vertreter seiner Autorität und Macht. Die Stimme des Erzengels stellt also Christi Autorität und Kommando vor. Dieses Symbol versinnbildet Christus, wie er seine Herrschaft an sich nimmt oder seine Regierung antritt und seine Befehle, seine offiziellen Order, ergehen lässt, indem er den Wechsel der Heilszeitordnung durch Erzwingung der Gesetze seines Königreiches ankündigt.

Derselbe Gedanke wird von Daniel etwas anders ausgedrückt, wenn er sagt: Dann wird Michael, der große Fürst, "aufstehen." Aufstehen bedeutet Autorität an sich nehmen, Kommandos erteilen. Siehe "sich aufmachen" in Jes. 2:19, 21. Ein weiteres Beispiel dieses Bildes gibt David, der von Christus prophetisch aussagt: "Er lässt seine Stimme erschallen, die Erde zerschmilzt." Die Erde (organisierte Gesellschaft) wird schmelzen oder sich auflösen, und die Zeit großer Trübsal wird durch den Verwaltungswechsel, der in Kraft tritt, wenn der neue König seine Kommandostimme erheben lässt, beschleunigt. Auf sein Kommando hin müssen die Systeme des Irrtums auf politischem, sozialem und religiösem Gebiet fallen, wie alt und fest gewurzelt und befestigt sie auch seien. Das Schwert aus seinem Mund wird die Zerstörung bewirken: Wahrheit über jeden Gegenstand und in all ihren verschiedenen Seiten wird die Menschen richten, und unter Jesus Macht und Überwaltung wird sie den Umsturz des Bösen und des Irrtums in allen ihren tausenderlei Gestalten herbeiführen.

"Die Posaune Gottes" - Manche scheinen ohne weiteres und tieferes Nachdenken die Meinung zu hegen, dass diese Posaune ein buchstäblicher Schall in der Luft sein werde. Dies aber wird man als unvernünftige Erwartung erkennen, wenn man beachtet, dass Paulus hier auf etwas Bezug nimmt, das Johannes "die siebte Posaune" nennt als die "letzte Posaune" in einer Anzahl symbolischer Posaunen. (Offb. 11:15; 1. Kor. 15:52) Der Beweis, dass diese Stellen von denselben Posaunen reden, liegt darin, dass bei jeder die gleichen Ereignisse berichtet werden. Paulus erwähnt die Auferstehung und die Aufrichtung des Königreiches des Herrn als mit "der Posaune Gottes" verbunden, und Johannes erwähnt dasselbe mit noch größerer Genauigkeit. Wie angemessen ist es auch, sie die "siebte" oder "letzte Posaune", die "Posaune Gottes" zu nennen? Die Ereignisse nämlich, die unter den vorhergehenden Posaunen erwähnt werden, beziehen sich auf das Tun der Menschen, während die siebte es besonders mit dem Werk des Herrn zu tun hat und den "Tag des Herrn" umschließt. Da nun die sechs vorhergehenden Posaunen bildlich waren - und dies wird allgemein von Auslegern und Forschern der Offenbarung zugegeben - so würde es eine Verletzung der Vernunft und des gesunden Sinnes sein, die siebte, die letzte der Reihe, als einen buchstäblichen, hörbaren Schall in der Luft aufzufassen. Und das nicht allein; es würde auch ganz außer Einklang mit der sonstigen Verfahrungsweise des Herrn stehen, wie auch mit den Aussagen der Schrift, die das Geheimnisvolle seiner Wiederkunft andeuten; denn ein Dieb stößt nie in die Posaune, um seine Ankunft anzuzeigen.

Die sieben Posaunen der Offenbarung sind alle symbolisch und stellen sieben große Zeitperioden und ihre Ereignisse dar. Die Untersuchung derselben überlassen wir einem folgenden Band. Hier genüge es zu sagen, dass wir uns heute gerade inmitten der Ereignisse befinden, die das Ertönen der siebten Posaune bezeichnen. Die großen Stimmen, das Zunehmen von Wissen, die zornigen Völker usw. im Zusammenhang genommen mit den Zeitweissagungen erhärten dies als eine Tatsache. Viele Ereignisse müssen noch vor sich gehen, ehe diese siebte oder letzte Posaune zu erschallen aufhört. Zum Beispiel die Belohnung der Heiligen und Propheten, die Auferweckung aller Toten usw. Sie umspannt in der Tat die ganze Periode der tausendjährigen Herrschaft Christi, wie aus den Ereignissen hervorgeht, die unter ihr sich abspielen sollen. - Offb. 10:7; 11:15, 18

So finden wir also, dass das "Feldgeschrei", die "Stimme des Erzengels" und die "Posaune Gottes" Symbole und jetzt im Verlauf der Erfüllung sind. Beachte auch wohl die Tatsache, dass jede der drei genannten Prophezeiungen (Dan. 12:1; Offb. 11:15 und 1. Thess. 4:16) die Gegenwart des Herrn in der Zeit, da die erwähnten Ereignisse vor sich gehen, verkünden. Sie sind gerade zu dem Zweck vorhergesagt worden, um denen, die da Glauben haben an das Wort der Weissagung, die Art und Weise anzuzeigen, in der seine unsichtbare Gegenwart sich kundtun würde. Paulus sagt: Der Herr wird in (begleitet von) einem Feldgeschrei, einer Stimme und Posaune usw. herabkommen. Johannes sagt: Die Königreiche dieser Welt werden sein Eigentum werden während der Zeit dieser Ereignisse, und Daniel sagt: "Und in jener Zeit wird Michael der große Fürst (Christus) aufstehen" - gegenwärtig sein und seine große Gewalt an sich nehmen. Wenn wir daher das Feldgeschrei , die Stimme und den Schall der großen Posaune erkennen, so sollten wir es als Anzeichen annehmen, nicht dass der Herr bald kommen wird, sondern vielmehr, dass er gekommen und nun gegenwärtig ist und dass das Erntewerk des Sammeln des Weizens und des Verbrennens des Scheinweizens (als solchen) schon unterwegs ist. Dies, so werden wir bald sehen, ist überreichlich durch Zeitprophezeiungen erwiesen. Doch es ist nicht das natürliche Auge, sondern nur das Auge des Glaubens, das durch das feste prophetische Wort schaut und seine Gegenwart und sein Werk unterscheiden kann.

Gerade hier sollte ein weiterer Umstand nicht übersehen werden, nämlich der, dass das "Feldgeschrei", die "Stimme des Erzengels" und "die Posaune Gottes", die oben erläutert wurden, alles Mittel und Wege zur Ausführung der Erntearbeit des christlichen Zeitalters sind. Wenn wir daher nicht nur die Bedeutung dieser Symbole (Bilder) erkennen, sondern auch die vorhergesagten Wirkungen eintreten sehen, so haben wir noch einen Beweis mehr dafür, dass wir die Symbole richtig ausgelegt haben und auch, dass wir jetzt in dieser Periode leben, welche die "Ernte" genannt wird, und in der das christliche und tausendjährige Zeitalter übereinander greifen. Das eine geht zu Ende, und das andere fängt an heraufzudämmern, und beide laufen eine Zeitlang miteinander fort. Bei vielen wird es keiner Beihilfe bedürfen, das Scheidungswerk zu erkennen, das jetzt zwischen den wahrhaft Geweihten und den bloßen Namenchristen vor sich geht. Viele können das bildliche Feuer schon flammen sehen und das "Feldgeschrei" der Völker, den Kommandoruf des neuen Königs, Immanuels, wahrnehmen und die Ereignisse, die "siebte Posaune" genannt, und die "Wolken" der Trübsal erkennen, in denen der Herr kommt, und aus und in welchen seine Macht sich erweisen soll, alle Dinge sich unterwerfend, erkennen.

Wir haben schon darauf aufmerksam gemacht (Band 1), dass die Tatsache, dass man das Erntewerk wirklich vor sich gehen sieht, ein Beweis für die Gegenwart des Herrn sei. Er erklärte, dass er der Hauptschnitter und Leiter des ganzen Werkes sein würde. "Siehe, eine weiße Wolke, und auf der Wolke saß einer gleich dem Sohn des Menschen, welcher auf seinem Haupt eine goldene Krone und in seiner Hand eine scharfe Sichel hatte. ... Und der auf der Wolke saß, legte seine Sichel an die Erde und die Erde wurde geerntet." "Zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen, sammelt" usw. (Offb. 14:14, 16; Matth. 13:30) Die Erntearbeit wird zu ihrer Ausführung vierzig Jahre in Anspruch nehmen und mit dem Jahre 1914 enden. Ihre verschiedenen Teile werden nach und nach vollführt werden, aber alle Tage derselben sind "Tage des Sohnes des Menschen" - Tage der Gegenwart und Macht unseres Herrn - die schließlich von allen werden erkannt werden, zuerst jedoch nur von der Klasse, die der Apostel angibt: "Ihr Brüder, seid nicht in Finsternis."

"In flammendem Feuer." - Die nächste dieser symbolischen Aussagen kann leicht verstanden werden, wenn die Bedeutung der Symbole Feuer usw., die wir schon erklärt haben (Band 1), im Sinn behalten wird. Sie lautet: Der Herr Jesus wird geoffenbart werden "vom Himmel mit den Engeln seiner Macht, in flammendem Feuer, wenn er Vergeltung gibt, denen, die Gott nicht kennen, und denen, die dem Evangelium unseres Herrn Jesu nicht gehorchen." - 2. Thess. 1:8

Buchstäblich ausgedrückt verstehen wir, dies bedeute, dass an seinem Tag (dem tausendjährigen Zeitalter) die Gegenwart unseres Herrn der Welt offenbart oder von seiner Stellung geistiger Herrschaft ("Himmel") aus in dem Zorn und den Strafen kundgetan wird, die über alles Böse und alle Übeltäter kommen werden. Es wird verzehrende Rache (Vergeltung) sein, wie das Symbol Feuer anzeigt, und wird den üblen Systemen, dem Irrtum, der Unterdrückung oder den boshaften Sündern weder Wurzel noch Zweig lassen; und alle die Stolzen und alle Übeltäter werden an jenem Millenniumtag wie Stoppeln verbrannt werden. Am Anfang desselben - in der "Ernte"-Periode - wird dieses Feuer schrecklich brennen, und Hochmut und Böses, die jetzt so hoch emporschießen, verzehren. Glücklich die, welche ihren Hochmut und ihr Böses darangeben, um verzehrt zu werden, auf dass sie selbst nicht verzehrt werden ("in dem zweiten Tod"), wie es etlichen Widerwilligen augenscheinlich während des Millenniums ergehen wird. Von dieser Zeit lesen wir: "Siehe, der Tag kommt, brennend wie ein Ofen; und es werden alle Übermütigen und jeder Täter der Gesetzlosigkeit zu Stoppeln werden, und der kommende Tag wird sie verbrennen, spricht Jehova der Heerscharen, so dass er ihnen weder Wurzel noch Zweig lassen wird." - Mal. 4:1

Die "Engel seiner Macht", Boten oder Werkzeuge sind verschiedene und mögen wohl mit Recht als sich auf all die verschiedenen Wirksamkeiten, die unser Herr bei dem Umsturz der üblen Systeme der Gegenwart und zur Züchtigung der Übeltäter verwendet, beziehend und sie einschließend verstanden werden; mögen sie nun belebt oder leblos sein.

Während nun der Zorn und die Vergeltung des Herrn sich so in flammenden Feuer, in verzehrender Trübsal, wie nie zuvor, kund tut, so allgemein und weitverbreitet und dem Bösen so verderblich, da werden Gerechtigkeit und die Gerechten anfangen zur Gunst zu gelangen. Und sobald dies beides mehr und mehr in die Augen fällt, werden die Menschen anfangen, den Schluss zu ziehen, dass eine neue Macht die Zügel der menschlichen Angelegenheiten in die Hand genommen hat; und so wird die Gegenwart unseres Herrn als des Königs aller Könige der Welt offenbart werden. Er wird geoffenbart werden "in flammendem Feuer, Vergeltung übend (sowohl) an denen, die Gott nicht kennen, (die nicht wirklich mit Gott bekannt sind, die aber trotzdem dem Licht des Gewissens zu gehorchen verfehlen, das alle bis zu einem gewissen Grad besitzen) und (eben sowohl) an denen, die (während sie Gott kennen, doch) dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus nicht gehorchen."

Unter den Züchtigungen und bei dem wachsenden Licht und den günstigen Verhältnissen des Millenniums werden alle zu solch klarer Erkenntnis der Wahrheit und des Weges der Gerechtigkeit gebracht werden, dass sie ohne die Entschuldigung der Unwissenheit oder Unfähigkeit, der Wahrheit zu gehorchen, sein werden; und diejenigen, welche fort und fort Feinde Gottes und der Gerechtigkeit bleiben, werden mit dauernder Vertilgung (einer Vertilgung oder Vernichtung, aus der es keine Auferstehung gibt) aus dem Angesicht (der Gegenwart) des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Macht bestraft werden.

"In Macht und großer Herrlichkeit." - Die nächste Aussage geht dahin, dass die Welt den Sohn des Menschen kommen sieht, ehe sein Königreich voll aufgerichtet ist oder seine Miterben alle gesammelt und mit ihm erhöht sind; und wenn sie ihn kommen sehen, sollen alle Stämme der Erde wehklagen - "Sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen mit Macht und großer Herrlichkeit."

Schon jetzt sieht die Welt die Trübsalwolken sich sammeln und dunkler werden. Sie merken, dass in den Angelegenheiten der Menschen jetzt eine Gewalt tätig ist, mit der sie nicht Schritt halten können. Die nahe Zukunft ist für den gegenwärtigen Ausblick dunkel und verhängnisvoll für alle, die genügendes Verständnis besitzen, den Lauf der Ereignisse zu sehen. Man sieht die ruhige Würde und die Beharrlichkeit, mit der Fragen von Recht und Unrecht, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit der Beachtung sich aufzwingen und ein Kundgeben persönlicher Grundsätze fordern. Viele erkennen die Herrlichkeit und Macht des neuen Herrschers der Erde, doch weil Wolken und Dunkel um ihn her sind, so sehen sie den König selbst nicht. Man sieht die Wolken und sieht daher ihn kommen in den Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit, aber ihn erkennen sie nicht. Nicht bis die Wolken sich in Hagel und Feuerkohlen (Psalm 18:13) entladen haben, um den Stolz der Menschen und Selbstsucht und Vorurteile zu brechen und zu verzehren, werden die Wolken verschwinden und die volle Majestät und Herrlichkeit der Gegenwart Christi offenbar werden. Wenn die Menschen acht haben und auf die Stimme des Herrn hören würden, die jetzt den Lauf der Gerechtigkeit lenkt und vor herbeikommender Wiedervergeltung warnt, das große Unheil könnte vermieden werden. "Doch in einer Weise redet Gott und in Zweien, ohne dass man es beachtet: ... dann öffnet er das Ohr der Menschen (im Gewittersturm des "Tages der Trübsal") und besiegelt die Unterweisung, die er ihnen gibt, um den Menschen von seinem (eigenen) Tun abzuwenden, und auf dass er Übermut vor dem Manne verberge." - Hiob 33:14-17

"Siehe, er kommt mit Wolken", und zu seiner Zeit "werden ihn alle Augen sehen". Sie werden seine Gegenwart, Macht und Autorität erkennen, und alle müssen sich ihr unterwerfen, ob willig oder widerwillig, bis Satan am Ende des Millenniums auf eine kleine Weile wieder losgelassen wird. Dann wird nach voller Erfahrung ihre Willigkeit oder Unwilligkeit durch und durch geprüft werden, und die Böswilligen werden vernichtet werden - im zweiten Tod, bildlicherweise der Feuersee genannt. - Offb. 21:8

So sehen wir, dass all diese bildlichen Schilderungen der Art und Weise des zweiten Adventes unseres Herrn vollkommen mit den einfachen Aussagen stimmen, die da erklären, dass seine Gegenwart zuerst ein Geheimnis sein wird, nur denen bekannt, die da wachen.

In gleicher Weise

Was wird nun durch den Ausspruch des Engels zur Zeit der Himmelfahrt unsers Herrn gelehrt: - "Dieser Jesus, der von euch in den Himmel aufgenommen worden ist, wird also (in gleicher Weise) kommen, wie ihr ihn gen Himmel habt auffahren sehen." - Apg. 1:11

Eine sorgfältige Untersuchung dieses Textes wird seine Harmonie mit den vorigen offenbaren. Manche scheinen zu meinen, dass die Stelle laute: Wie ihr den Herrn in den Himmel fahren saht, so, in gleicher Weise, werdet ihr ihn auch wiederkommen sehen. Solche sollten diese Stelle wieder und wieder lesen, bis sie bemerken, dass es nicht heißt, dass die, welche ihn gehen sahen, ihn kommen sehen werden, noch auch, dass irgend jemand ihn kommen sehen wird. Was sie sagt, ist dies, dass die Art und Weise seines Kommens wie die Art und Weise seines Gehens sein wird. Was war aber die Art und Weise seines Gehens? Geschah es mit großer Pracht und mit großem Schaugepränge? Geschah es mit Posaunenschall und Stimmen und einem großen die Luft erschütternden Feldgeschrei, und erschien die Person Jesus in ihrer übernatürlichen Herrlichkeit und in vollem Glanz? Wenn das der Fall war, so müssen wir seine Wiederkunft "in derselben Weise" erwarten. Aber geschah es nicht im Gegenteil so ruhig und geheimnisvoll als nur möglich, in Übereinstimmung mit seinem Zweck, durch und durch überzeugte Zeugen der Tatsache zu haben? Niemand sah ihn oder wusste darum, als nur seine treuen Nachfolger. Sein Ausspruch (Joh. 14:19): "Noch ein Kleines (kurze Zeit) und die Welt sieht mich nicht mehr", ist noch nie umgestoßen worden; denn nur die Brüder sahen seine Kundgebungen nach seiner Auferstehung, und niemand anders war Zeuge seiner Auffahrt. Und in gleicher Weise, wie er hinwegging (ruhig, verborgen, so weit es die Welt betraf und nur seinen Nachfolgern bekannt), so, in dieser Weise, kommt er wieder. Und als er hinwegging, hob er seine Hände auf und segnete sie, und so ist es, wenn er wiederkommt, dass ihre Freude vollkommen sei, wie er sagte: "Ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen." "Ich werde euch wiedersehen und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude nimmt niemand von euch." - Luk. 24:50, 51; Joh. 14:3; 16:22

Der Engel schien auch besonderen Nachdruck auf den Umstand zu legen, dass "dieser Jesus" wiederkommen werde. Derselbe, der die Herrlichkeit verließ, die er bei dem Vater hatte, ehe die Welt war, und Mensch wurde, arm wurde, auf dass wir reich gemacht würden; derselbe, der auf Golgatha starb; derselbe Jesus, der als lebendigmachender Geist am dritten Tage auferstand; derselbe Jesus, der während der vierzig Tage seine Umwandlung kundtat; dieser selbe Jesus fuhr jetzt auf in die Höhe. Ja, es ist derselbe Jesus, der zwei Wechsel der Naturen erlebt hatte - zuerst aus dem Geistigen ins Menschliche und dann aus dem Menschlichen ins Göttliche. Der Naturwechsel hatte seine Persönlichkeit nicht zerstört. Seine Persönlichkeit (Identität) wurde erhalten, wie der Engel uns hier versichert, ob man sich die Sache erklären kann oder nicht; und obwohl wir ihn nicht mehr nach dem Fleisch (als einen Menschen - 2. Kor. 5:16) kennen, sondern uns seiner Erhöhung erinnern sollten, dass er jetzt göttlicher, geistiger Natur ist, dennoch dürfen wir daran denken, dass es derselbe liebreiche Jesus ist, dass er in dieser Beziehung nicht verändert ist. Es ist "dieser Jesus" (der, obwohl vierzig Tage lang nach seiner Auferstehung gegenwärtig, nur von seinen Jüngern gesehen wurde und von ihnen auch nur kurze Zeit), der während seiner zweiten Gegenwart so unsichtbar für die Welt sein wird wie während der vierzig Tage, die seiner Auffahrt vorangingen. Er kommt diesmal nicht, um sich zum Opfer dazugeben, und folglich hat er keinen Gebrauch mehr für einen menschlichen fürs Opfer bereiteten Leib. (Hebr. 10:5) Das ist nun alles vorüber; er stirbt nicht mehr; er kommt jetzt, um das erlöste Geschlecht aufzurichten und zu segnen.

Unser Herr gab uns eine überaus schöne Veranschaulichung der Art und Weise, in der seine Gegenwart offenbart werden würde, wenn er sagt: "Wie der Blitz (die Leuchte, die Sonne) ausfährt von Osten und scheint bis zum Westen, also wird die Ankunft (Gegenwart) des Sohnes des Menschen sein." (Matth. 24:27) Dass die meisten Übersetzungen dieses Verses mit dem Gebrauch des Wortes Blitz unrichtig sind, ist klar; denn die Blitzstrahlen kommen nicht vom Osten und scheinen bis zum Westen. Ebenso oft kommen sie aus anderen Vierteln und selten, wenn je einmal, fahren sie quer über den ganzen Himmel. Der Herr verwendet hier die Sonne als das Bild; und dies allein stimmt mit seinen Worten. Die Sonne ist es, die unabänderlich im Osten aufgeht und bis zum Westen scheint. Hier in diesem Text (ebenso in Luk. 17:24) ist das griechische Wort "Astrapi" offenbar unrichtig wiedergegeben. Ein anderer Fall, bei dem dieses Wort Astrape von unserem Herrn gebraucht wird, ist Luk. 11:36, wo es von der Helligkeit einer Leuchte gebraucht wird. Unrichtige Ideen über die Wiederkunft und Offenbarung unseres Herrn, die sich noch dazu in den Gedanken der Übersetzer fest eingenistet hatten, führten zu dieser falschen Auffassung. Sie meinten, er werde urplötzlich, wie das Zucken eines Blitzes und nicht allmählich wie das aufgehende Sonnenlicht offenbart werden. Aber wie trefflich ist das Bild des Sonnenaufgangs als Sinnbild der allmählichen Dämmerung der Wahrheit und des Segens an dem Tag seiner Gegenwart. Der Herr fasst die Überwinder in diesem Bild mit sich zusammen, wenn er sagt: "Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in dem (König-) Reich ihres Vaters." Und der Prophet gebraucht dasselbe Bild und sagt: "Die Sonne der Gerechtigkeit wird aufgehen mit Heilung in ihren Flügeln." Der Tagesanbruch ist ein allmählicher, aber schließlich wird volle, klare Helligkeit die Finsternis des Bösen, der Unwissenheit, des Aberglaubens und der Sünde gänzlich vertreiben.

Eine unvollkommene Übersetzung des Wortes Parousia hat ebenfalls dazu beigetragen diese Stellen zu verdunkeln. In der Elberfelder Übersetzung ist es durch Ankunft wiedergegeben. Aber Gegenwart ist die rechte Bedeutung des Wortes. Dies erkennt auch die englische revidierte Bibelübersetzung in einer Randglosse an, obgleich die ungenaue Wiedergabe beibehalten wurde. Mit den Gedanken, die man über die Wiederkunft des Herrn hat, und die man in den Text hineinträgt, verträgt sich Gegenwart nicht; und doch bedeutet das griechische Wort Parousia unabänderlich persönliche Gegenwart (wie man aus Stellen wie 2. Kor. 10:10 und Phil. 2:12 erkennen kann) eines, der gekommen ist, und sollte nie als auf dem Wege oder gerade ankommend verstanden werden. Die Stelle, die wir betrachten, lehrt also, dass die Gegenwart des Sohnes des Menschen allmählich kundgemacht oder offenbart werden soll, wie das Sonnenlicht allmählich aufgeht.

Mit dieser Erläuterung verband unser Herr Worte der Warnung vor einem Irrtum, der um die Zeit seiner Wiederkunft vorgetragen werden würde, darauf berechnet, seine Herauswahl (Kirche) irre zu leiten: "Siehe ich habe es euch vorher gesagt. Wenn sie nun zu euch sagen: Siehe, er ist in der Wüste! so gehet nicht hinaus; siehe, in den Gemächern! so glaubet nicht. Denn gleichwie der Blitz (wörtlich: die helle Leuchte, die Sonne) ausgeht von Osten und (allmählich) scheint bis zum Westen, also wird die Ankunft (Gegenwart) des Sohnes des Menschen sein." Hiermit will uns unser Herr gegen zwei in unseren Tagen gewaltig wachsende Irrtümer auf unsere Hut stellen. Der eine ist die Behauptung, dass unser Herr im Fleisch, in der Wildnis oder Wüste Palästina, kommen werde; und in diesem Glauben sind etliche dorthin gegangen und erwarten Jesus im Fleisch zu sehen mit den Narben seiner Kreuzigung. Da sie ihn erwarten, wie er war, und nicht "wie er ist", stecken sie in einem großen Irrtum und verblenden sich gegen die Wahrheit, wie die Juden am ersten Advent es taten. Diese falschen Erwartungen führen diese Leute dahin, die folgende Aussage des Propheten buchstäblich zu nehmen: "Seine Füße werden an jenem Tage auf dem Ölberge stehen." usw. (Sach. 14:4) Durch falsche Erwartungen verblendet, sehen sie nicht, dass die "Füße" in dieser Stelle figürlich gebraucht sind, ebenso wohl wie in Psalm 91:12; Jes. 52:7; Psalm 8:7; 110:1; Eph. 6:15; 5. Mose 33:3 und in vielen anderen Stellen. Wenn sie wüssten, was zu erwarten ist, so würden sie wissen, dass sie nicht nach Jerusalem gehen sollten, um nach dem Menschen Christus Jesus auszuschauen; denn der hoch erhöhte König kommt wie das Sonnenlicht und macht seine Gegenwart und seinen Einfluss über den ganzen Erdkreis fühlbar. Daher - "gehet nicht hinaus."

"Wenn sie sagen werden, siehe, er ist in der Kammer; glaubet nicht." Spiritismus war immer bereit, mit Vortäuschung zu trügen und immer bereit, um fortgeschrittene Wahrheiten als ein Kleid des Lichtes zu benutzen. (2. Kor. 11:13, 14) Deshalb hat er nicht gezögert, zu beanspruchen, dass wir in einer Periode zeitüberwaltender Änderungen sind, nämlich das Ausmalen eines herrlichen Zeitalters. Unter anderen solcher Dinge lehren einige von ihnen sogar, dass Christus gegenwärtig ist und werden sehr bald, wir zweifeln nicht, spiritistische Sitzungen geben, bei welchen sie vorgeben werden, ihn in der verborgenen Kammer zu zeigen. Sollte sich der Irrtum in dieser oder einer anderen Form zeigen, lasst uns dann an die Worte unseres Herrn denken und alle solche Ansprüche als falsch zurückweisen, wissend, dass nicht solches seine Gegenwart offenbart, sondern "wie das Licht der Sonne" voranschreitet, die Sonne der Gerechtigkeit mit Heilung in ihren Strahlen aufgehen wird.

Die Parousia des Herrn in der Ernte

Das Griechische ist eine sehr genaue Sprache, ein Umstand, der ihren Wert, einen genauen Ausdruck der Wahrheit zu geben, sehr erhöht. So wird z.B. das deutsche Wort kommen zur Wiedergabe vieler verschiedener griechischer Wörter gebraucht. Zum Beispiel: "ephistemi" bedeutet über einen kommen, Luk. 21:34; "synerchomai" bedeutet sammeln oder zusammenkommen, wie in 1. Kor. 11:18; "proserchomai" bedeutet sich nähern oder herzukommen wie in Hebr. 4:16; "heko" bedeutet ankommen oder gekommen sein, angekommen, wenn die Handlung des Kommens vollendet ist, wie in Joh. 2:4; "enhistemi" bedeutet gegenwärtig sein und ist so übersetzt worden, außer in zwei Fällen, wo es so übersetzt werden sollte: "Schwere Zeiten werden kommen" - gegenwärtig sein, und: "Dass der Tag Christi vorhanden" - gegenwärtig (Elberf. Übers. - "da") sei. (2. Tim. 3:1; 2. Thess. 2:2) Auch "Parousia" bedeutet Gegenwart und sollte nie mit Kommen oder Zukunft oder Ankunft übersetzt werden. Zweimal ist es auch so übersetzt worden - 2. Kor. 10:10 und Phil. 2:12. (Das Wort Parousia kommt vierundzwanzigmal vor im Neuen Testament, und nur diese zwei Mal ist es mit Gegenwart übersetzt worden. Die andern Stellen, in denen es Zukunft oder Ankunft übersetzt ist, sind folgende: - Matth. 24:3, 27, 37, 39; 1. Kor. 15:23; 16:17; 2. Kor. 7:6, 7; Phil. 1:26; 1. Thess. 2:19; 3:13; 4:15; 5:23; 2. Thess. 2:1, 8, 9; Jak. 5:7, 8; 2. Petr. 1:16; 3:4,12; 1. Joh. 2:28)

Die Emphatic Diaglott Urtextübersetzung, eine sehr hilfreiche Übersetzung des Neuen Testaments, gibt Parousia (Gegenwart) bei fast jedem Vorkommen des Wortes richtig wieder. Zwei griechische Wörter, Heko und Parousia, und ihr Gebrauch im Neuen Testament, wünschen wir nun anzumerken und besonders die letztere, weil eine korrekte Wertschätzung ihrer Bedeutung Licht auf die Art und Weise der Wiederkunft unseres Herrn in den Passagen wirft, in welchen sie vorkommen. Dagegen verdeckt die gewöhnliche, aber falsche Übersetzung den wichtigen Punkt, den sie beleuchten sollte.

Mit dem rechten Gedanken betreffs der Bedeutung von Parousia im Sinn, dass es nicht Kommen als auf dem Wege seiend, sondern Gegenwart nach erfolgter Ankunft bedeutet, lasst uns nun einige Stellen untersuchen, in denen das Wort gebraucht wird; und daraus werden wir lernen, dass Gegenwart nicht notwendigerweise Sichtbarkeit einschließt, sondern dass es auf Dinge angewandt wird, die unsichtbar aber doch gegenwärtig sind. So z.B. Engel, Geistwesen, könnten bei uns, wenn auch unsichtbar, gegenwärtig sein, wie auch unser Herr während der vierzig Tage nach seiner Auferstehung in der Welt gegenwärtig war, ohne von der Welt gesehen zu werden, oder auch von seinen Jüngern, ausgenommen in den wenigen kurzen Fällen. Diese Tage waren ebenso sehr Tage seiner Parousia (Gegenwart) als die vorhergehenden dreiunddreißig und ein halb Jahre.

In der Unterredung, die der Frage von Matth. 24:3 vorherging, hatte unser Herr die Zerstörung des Tempels und die Verwerfung Israels nach dem Fleisch bis auf die Zeit, da sie ihn freudig als Messias anerkennen und sagen würden: "Gesegnet ist er", vorhergesagt. Er hatte seinen Jüngern gesagt, dass er hinweggehen und wiederkommen und sie zu sich nehmen werde. Er nannte ihre Tage die "Ernte" oder das Ende jenes Zeitalters und sagte ihnen von einer zukünftigen "Ernte" zur Zeit seines zweiten Adventes (Matth. 9:37, 38; 13:39, 40). Ohne Zweifel daran gedenkend, dass nur so wenige ihn bei seinem ersten Advent anerkannten, wünschten sie zu wissen, wie er bei seinem zweiten Advent sicher erkannt werden könnte. Wahrscheinlich erwarteten sie, dass sein zweiter Advent noch in ihre Zeit fallen würde. Daher rührt ihre Frage: "Was ist das (Erkennungs-) Zeichen deiner Ankunft (Parousia, Gegenwart) und der Vollendung (des Endes) des Zeitalters?"

Wegen ihrer Neigung, die Endereignisse des jüdischen Zeitalters oder dessen Ernte, in der sie schon waren, mit der noch zukünftigen "Ernte", dem Ende der christlichen Heilszeitordnung zu vermischen, gab unser Herr einen ganz eingehenden Bericht der Ereignisse, die noch dazwischen fallen sollten. Damit zeigte er an, dass noch eine beträchtliche Periode zu durchlaufen sei. Er gab jedoch keine deutliche Idee über ihre Länge; denn selbst er wusste damals noch nicht, wie lang sie sein würde - Mark. 13:32; Matth. 24:36

Die Antwort des Herrn in Vers 1-14 umfasst das ganze christliche Zeitalter, und seine Worte in Vers 15-22 haben eine doppelte Anwendung, - eine buchstäbliche auf des Ende des jüdischen Zeitalters und eine bildliche auf das Ende des christlichen Zeitalters, von dem das jüdische ein Schatten war. Vers 23-26 enthalten Worte der Warnung vor falschen Christussen und in Vers 27 kommt er zu ihrer Frage betreffs seiner Parousia und erklärt (richtig übersetzt): "Wie die helle Leuchte (das Sonnenlicht) aus dem Osten kommt und bis zum Westen scheint, so wird die Parousia (die Gegenwart) des Sohnes des Menschen sein." Das Sonnenlicht ist plötzlich da, jedoch geräuschlos, und wird zuerst von denen gesehen, die zuerst erwachen.

Wir lassen andere zwischeneinkommende Züge der Rede unseres Herrn für eine spätere Prüfung an geeignetem Platz hier beiseite und beachten seine zweite Bezugnahme auf ihre seine Parousia betreffende Frage in Vers 37 und 39. Er sagt: "Gleichwie die Tage Noahs, also wird auch die Ankunft (Parousia, Gegenwart) des Sohnes des Menschen sein." Beachte" dass der Vergleichungspunkt nicht zwischen dem Kommen Noahs und dem Kommen unseres Herrn liegt, noch auch zwischen dem Kommen der Flut und dem Kommen unseres Herrn. Auf das Kommen Noahs ist gar kein Bezug genommen, noch auch auf das Kommen des Herrn; denn, wie wir schon nachgewiesen haben, Parousia heißt nicht Kommen, sondern Gegenwart. Die Vergleichung ist somit zwischen der Zeit der Gegenwart Noahs unter den Leuten "vor der Flut" und der Zeit der Gegenwart Christi in der Welt bei seinem zweiten Advent vor dem Feuer - dem außerordentlichen Trubel des Tages des Herrn, mit dem dieses Zeitalter zu Ende geht.

Obwohl nun die Leute in Noahs Tagen, vor der Flut, gottlos waren, und obwohl sie in der Zeit der Gegenwart unseres Herrn, ehe das heiße Feuer der Trübsal über sie kommt, gottlos sein werden, so ist doch das auch nicht der Vergleichungspunkt oder die Ähnlichkeit, auf welche unser Herr hinzielt. Denn Gottlosigkeit gab es zu jeder Zeit. Der Vergleichungspunkt ist deutlicher angegeben und ist leicht erkennbar, wenn wir achtsam lesen: Die Leute, ausgenommen die Glieder der Familie Noahs, waren über die kommende Flut unwissend und dem Zeugnis Noahs und seiner Familie gegenüber ungläubig, und folglich "erkannten sie es nicht." Dies ist der Vergleichungspunkt: So wird auch die Gegenwart des Sohnes des Menschen sein. Niemand, ausgenommen die Familie Gottes, wird hier glauben; die andern werden "es nicht erkennen", bis die Einrichtungen der Menschheit, wie sie gegenwärtig bestehen, in der Gluthitze der hereinbrechenden Trübsalzeit zu schmelzen anfangen. Dies ist durch die Worte verdeutlicht: "Denn gleichwie sie in den Tagen vor der Flut waren: sie aßen und tranken, sie heirateten (Luk. 17:28 ist hinzugefügt: "sie pflanzten, sie bauten"), bis zu dem Tag, da Nah in die Arche einging und sie es nicht erkannten ... also wird auch die Ankunft (Parousia: Gegenwart) des Sohnes des Menschen sein." Zur Zeit der Gegenwart des Sohnes des Menschen wird daher die Welt fortfahren mit essen, trinken, pflanzen, bauen und heiraten. Dies wird nicht als sündiges Tun erwähnt, sondern als Anzeichen ihrer Unwissenheit über seine Gegenwart und über den Trubel, der in der Welt im Gange ist. Das also ist die Antwort unseres Herrn auf die Frage der Jünger: Was wird das Zeichen (Merkmal) deiner Parousia (Gegenwart) und des Endes oder der Ernte des Zeitalters sein? In Summa sagte er: Für die weltliche Masse gibt es kein Zeichen; sie wird nichts von meiner Gegenwart und von dem Wechsel der Zeitordnung merken. Nur die Wenigen werden (auf eine hier nicht erklärte Weise) von Gott gelehrt sein, ehe irgend ein Zeichen (Merkmal) vorhanden ist, das die Weltleute erkennen könnten.

Der Bericht des Lukas (17:26-30), obwohl nicht in dieselben Worte gefasst, stimmt damit vollständig. Lukas gebraucht das Wort Parousia nicht, aber er drückt genau denselben Gedanken aus, wenn er sagt: Gleichwie es in den Tagen Noahs geschah, also wird es auch sein in den Tagen des Sohnes des Menschen" - in den Tagen seiner Gegenwart. Nicht vor seinen Tagen, noch auch nach seinen Tagen, sondern in (während) seinen Tagen wird die Welt essen, trinken, heiraten, kaufen, verkaufen, pflanzen und bauen. Diese Schriftstellen lehren also deutlich, dass unser Herr der Welt gänzlich unbekannt und ungesehen von ihr am Ende dieses Zeitalters gegenwärtig sein wird.

Obgleich nie wieder eine Flut kommen wird, um die Erde zu zerstören (1. Mose 9:11), so steht doch geschrieben, dass die ganze Erde soll von dem Feuer des Eifers Gottes verzehrt werden wird. (Zeph. 3:8) Nicht die buchstäbliche, physische Erde ist es in beiden Fällen, sondern die bestehende Ordnung der Dinge. Im ersteren wurde dies durch Ertränken aller Menschen mit Ausnahme Noahs bewirkt; im letzteren durch Verbrennen aller ausgenommen die Familie Gottes im symbolischen Feuer - in der großen Trübsal des Tages des Herrn. Die glaubenstreuen Kinder Gottes sollen würdig erachtet werden, alle dem zu entgehen, was über die Erde kommt (Luk. 21:36); nicht, dass sie notwendigerweise von der Erde genommen werden müssten, sondern dass sie feuerfest gemacht werden wie es in der vorbildlichen Vorausdarstellung mit den drei Hebräern geschah, die inmitten des siebenfach geheizten feurigen Schmelzofens wandelten und an deren Kleidern kein Feuergeruch war; weil einer wie ein Sohn Gottes bei ihnen war. - Dan. 3:19-27

Zunächst wollen wir diese Schriftstellen betrachten, welche lehren, dass viele in der Christenheit eine Zeitlang über die Gegenwart des Herrn und über die "Ernte" und das Ende dieses Zeitalters in Unwissenheit sein werden, während er tatsächlich gegenwärtig, und das Erntewerk im Fortschritt begriffen ist.

Die Schlussverse von Matth. 24, vom 42 Vers an, sind sehr bezeichnend. Im 37. Vers hatte unser Herr gezeigt, dass die Welt von der Parousia des Sohnes des Menschen nichts wissen werde, und nun warnt er die, welche ihrem Bekenntnis nach seine Jünger zu sein behaupten, dass sie, wenn sie nicht auf ihrer Hut seien, auf ähnliche Weise im Hinblick auf seine Parousia im Dunkeln sein werden. Er sagt: "Wachet also; denn ihr wisset nicht zu welcher Stunde euer Herr kommt" - das bedeutet ankommt. Wenn Leute einen Dieb zu einer bestimmten Stunde erwarteten, so würden sie wach und auf bleiben, damit sie nicht überrascht würden. So solltet ihr immer wach sein, immer bereit und stets wachsam ausschauen auf die ersten Anzeichen meiner Parousia. Als Antwort auf eure Frage: "Wann wird das sein?" sage ich nur: Wachet und seid bereit, und wenn ich ankomme, wenn ich gegenwärtig bin, werde ich es allen Wachsamen und Treuen mitteilen, und sie allein sollen irgendein Recht haben, es zu wissen; alle andern sollten und müssen in der Finsternis draußen sein und müssen mit und wie die Welt lernen - nämlich durch Trübsal.

"Wer ist nun der getreue und kluge Knecht, den sein Herr über sein Gesinde (Haushalt) gesetzt hat (setzen wird) (Das synaitische und älteste Manuskript hat sowohl "setzen wird" als auch "Haushalt".) "um ihnen die Speise zu geben zur rechten Zeit? Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, also tuend (wachen) finden wird! Wahrlich, ich sage euch: er wird ihn über seine ganze Habe (alle Speisen, Wahrheiten) setzen." Die ungeheure Vorratskammer köstlicher Wahrheiten soll solchen treuen Knechten geöffnet werden, um den ganzen Haushalt des Glaubens zu versorgen, zu nähren und zu bewaffnen.

Aber wenn das Herz des Knechtes nicht recht steht, wird er sagen: "Mein Herr verzieht zu kommen (ist noch nicht angekommen)! und fängt an zu schlagen (widersprechen, unterdrücken) seine Mitknechte (die nicht mit ihm übereinstimmen und daher das Gegenteil erklären: Mein Herr säumt nicht, sondern ist gekommen, ist gegenwärtig) und isst und trinkt mit den Trunkenen (wird weltlich - berauscht von dem Geist der Welt), so wird der Herr jenes Knechtes kommen (griech. "heko", gekommen sein, gegenwärtig sein) an einem Tag, an welchem er es nicht erwartet, und in einer Stunde, die er nicht weiß, und wird ihn entzwei- (ab-) schneiden (von dem Licht und den Lichtgenossen, die bevorzugt sind, dem Haushalt die Speise zur rechten Zeit darzureichen) und ihm seinen Teil setzen mit den Heuchlern. (Obgleich selbst kein Heuchler, sondern eigentlich ein Diener, aber untreu und beschwert, muss er an dem Los der Heuchler, an der Verlegenheit und dem kommenden Trubel Babylons teilnehmen.) Da wird sein das Weinen und das Zähneknirschen."

Bei sorgfältiger Prüfung lehrt uns diese Stelle, dass es am Ende dieses Zeitalters eine Anzahl Leute geben wird, die da leugnen, dass der Herr gegenwärtigist (nicht, dass er irgend einmal kommen werde, sondern, dass er gekommen sei), und die ihre Mitknechte schlagen oder sich ihnen unduldsam widersetzen. Diese müssen also das gerade Gegenteil lehren, nämlich, dass der Herr gekommen ist. Wer der treue, wahre Knecht und wer der im Irrtum steckende ist, wird deutlich vom Herrn ausgesagt. Den Treuen, den er wachsam findet, und der nach bestem Vermögen seinen Mitknechten rechte Speise vorträgt, wird er erhöhen und vollere Anwartschaft über die Vorratskammer der Wahrheit geben und vermehrte Fähigkeit, sie dem Haushalt vorzutragen. Der Untreue dagegen wird nach und nach von ihm getrennt werden und mehr und mehr zur Gleichgesinntheit mit den bloßen Bekennern oder Heuchlern gezogen werden. Und beachte den Umstand, dass der Untreue auf solche Weise zu einer Zeit abgeschnitten oder getrennt wird, da er es nicht gewahr wird, nicht weiß - zur Zeit der Ernte, da unser Herr wirklich, ihm unbewusst, gegenwärtig ist und seine Juwelen sucht und sammelt - Matth. 13:30; Psalm 50:5; Mal. 3:17; Matth. 24:31.

Wir gehen hier so ins einzelne ein, bloß um zu zeigen, dass der Herr als Antwort auf die Frage der Jünger wegen Zeichen und Beweisen seiner zweiten Gegenwart lehrte, dass weder die Welt noch die untreuen Diener etwas davon gewahr werden würden, bis das mit innerer Kraft brennende Feuer der Trübsal zum wenigsten begonnen hat; und dass die treuen augenfällig ihn durch das Auge des Glaubens als gegenwärtig erkennen würden. Durch die für ihre Unterweisung zuvor geschriebene und zur rechten Zeit von ihnen zu verstehende Schrift erkennen sie solches. "Gegenwärtige Wahrheiten" (2. Petr. 1:12) über jeden Gegenstand sind Teile seiner "Habe" und der alten und neuen Schätze, die unser Herr vor uns ausbreitet und uns reichlich zuteilt - Matth. 24:45-47

Während der Herr auf solche Weise durch vorhergesagte Anzeichen reichliche Vorsorge traf, damit seine Herauswahl, wenn es Zeit ist, seine Gegenwart erkennen könne, obwohl sie ihn nicht mit dem natürlichen Auge sehen sollte, hat er uns auch treulich vor Verführungen gewarnt, die aufkommen würden - Verführungen, die so einleuchtend erscheinen würden, dass, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten betrogen würden. Aber dies ist nicht möglich, weil alle Auserwählten die Warnung ernstlich beachten und durch eifriges Studium sich mit den vorhergesagten Anzeichen seiner Gegenwart vertraut machen und auf ihre Erfüllung aufpassen. Wer anders gesinnt ist, gehört nicht zu der auserwählten Klasse. Nur die Überwinder sollen mit dem Herrn regieren. Diese Verführungen, wie wir später zeigen werden, sind bereits vorhanden und verführen viele. Aber Gottlob, die Auserwählten sind bereits im voraus gewarnt und gerüstet und sollen weder verführt noch entmutigt werden. Obwohl Wolken und Dunkelheit um ihn her sind, sie erkennen seine Gegenwart und frohlocken, dass ihre Befreiung sich nahet. Wenn jemand zu euch sagen wird: Siehe hier ist Christus oder da (an irgend einem besonderen Ort), glaubt es nicht. Und wenn sie zu euch sagen: Siehe, er ist in der Wüste; gehet nicht hinaus. Siehe, er ist in der Kammer, glaubt es nicht; denn wie das hellleuchtende Sonnenlicht, das allmählich heraufdämmert und die Erde erfüllt, sowird seine Gegenwart sein (Matth. 24:23, 26, 27). Er wird, wie vorausgesagt, durch das dämmernde Licht der Wahrheit kund und offenbar werden - Wahrheit auf jedem Gebiet, wie wir sie jetzt so rasch und glorreich sich entfalten sehen. Noch einige Jahre und die Sonne der Gerechtigkeit wird voll aufgegangen sein mit Heil in ihren Stahlen, um die vom Tode geschlagene Welt zu segnen und aufzurichten.

Im Hinblick auf die in diesem und den vor- und nachfolgenden Kapiteln dargelegten Beweise nehmen wir keinen Anstand, die Herz erfreuende Nachricht zu verkünden, dass die Ernte des christlichen Zeitalters über uns gekommen ist und dass der Meister wieder als Hauptschnitter gegenwärtig ist - nicht im Fleisch, wie in der jüdischen Ernte - sondern in großer Kraft und Herrlichkeit als der "hoch erhöhte" göttliche Christus, dessen herrlicher Leib jetzt "der Abglanz der Herrlichkeit und der Abdruck des Wesens" des Vaters ist, wenn seine herrliche Person auch vor dem menschlichen Auge verschleiert ist. Er führt jetzt sein gerechtes Regiment ein. Seine Sichel der Wahrheit scheidet; und er sammelt in Einheit des Herzens und Sinnes die reifen Früchte des geistlichen Israels, und bald wird der vollendete "Leib" die Welt beherrschen und segnen.

Diese Ankündigung machen wir hier, damit der Leser, wenn wir voranschreiten, desto deutlicher erkenne, was die Zeitprophezeiungen ganz besonders anzeigen, wenn wir nun nachweisen, dass die Ernte und alle mit ihr zusammenhängenden Ereignisse jetzt chronologisch an der Zeit sind und, wie vorhergesagt, zur Erfüllung gelangen.

So sehen wir also, dass all diese Zeitprophezeiungen und all die eingehenden Belehrungen in Bezug auf die Art und Weise der Erscheinung des Herrn und deren begleitende Umstände nicht gegeben worden sind, um die Welt in Aufregung zu versetzen, noch um die Neugier zu befriedigen, noch um die schlafende Namenchristenheit aufzuwecken. Sie sind aber gegeben worden, damit die, welche nicht schlafen und nicht von der Welt sind, sondern die wach, dem Herrn geweiht und treu und ernstliche Forscher nach dem Plan ihres Vaters sind - damit sie über die Bedeutung der sich abspielenden Ereignisse Kenntnis hätten und über eine Sache und in Bezug auf Ereignisse, die auf keinem anderen Weg mit Gewissheit erkennbar sind, nicht in Finsternis wären - nämlich über die Ernte, die Gegenwart des Hauptschnitters, das Dreschen und Reinigen des wahren Weizens, das Binden und Verbrennen des Scheinweizens in der Zeit der Trübsal usw.

Das vorhergesagte Spotten

Der Apostel Petrus beschreibt, wie etliche der untreuen Knechte und Heuchler während der Gegenwart des Herrn spotten werden, gerade wie sie auch in den Tagen Noahs spotteten (2. Petr. 3:3, 4, 10, 12). Beachte, dass der Apostel an Christen schrieb und dass die Spötter, die er beschreibt, in der Namenchristenheit sind und an des Herrn Werk und Plan ihrem Bekenntnis nach ein Interesse haben und daher glauben, dass er einmal kommen werde. Das hier beschriebene Spotten bezieht sich gerade auf den vorliegenden Gegenstand, und wir hören es daher und werden es noch von solchen hören, die ihrem Bekenntnis nach Christen sind, wenn immer die Lehre der Gegenwart des Herrn und des Erntewerkes vorgetragen wird. Christen haben, bis sie die Sache untersuchen, gewöhnlich die Idee, dass buchstäbliche Kundgebung durch Feuer, Posaunen, Stimmen usw. und ein sichtbares Herabkommen des Herrn als ein durch die Luft fahrender glänzender Leib von Fleisch zu erwarten sei. Wenn sie daher von seiner unsichtbaren Gegenwart hören, nehmen sie sich nicht die Zeit, den Gegenstand zu besehen, darüber sie sich so sicher fühlen und mit irdischen Plänen beschäftigt und vom Geist der Welt berauscht werfen sie die Sache schnell als jeder Untersuchung unwürdig beiseite.

Auf diese Klasse bekennender Christen nimmt der Apostel Bezug und sagt: "In den letzten Tagen (am Schluss des christlichen Zeitalters - in der "Ernte") werden Spötter mit Spötterei kommen, die nach ihren eigenen Lüsten (Plänen, Theorien, usw.) wandeln und (wozu eben gehört, dass sie) sagen: Wo ist die Verheißung seiner Ankunft (Gegenwart, Parousia)? Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so wie vom Anfang der Schöpfung an." Wenn sie auf unsers Herrn Aussage (Matth. 24:37-39; Luk. 17:26) hingewiesen werden, dass in seinen Tagen, in den Tagen seiner Gegenwart die Dinge ihren gewöhnlichen Verlauf nehmen würden und dass die Menschen, wie in Noahs Tag, essen, trinken, heiraten, pflanzen und bauen würden und dass die Welt wie damals nichts von seiner Gegenwart wissen und die Zeichen des nahen, raschen und großen Umschwunges nicht entziffern würden, so sind sie zu beschäftigt, dies sorgfältig zu prüfen und fahren nur fort zu spotten.

Ach! sagt Petrus, sie vergessen, dass auch in Noahs Tagen ein großer Umschwung stattfand; und dann beschreibt er unter dem Sinnbild des Feuers die alles überflutenden Wogen der Trübsal, die bald die ganze Welt ereilen und alle bürgerliche und kirchliche Herrschaft (die Himmel) umstürzen und die gesamte gesellschaftliche Einrichtung (die Erde) schmelzen werden, und wie dies Anarchie und soziales Chaos (Wirrwarr) erzeugen werde, bis die neuen Himmel (herrschende Mächte - das Reich Gottes) völlig hergestellt seien, sowie auch eine neue Erde (eine menschliche Gesellschaft auf einer neuen und besseren Grundlage der Liebe, Gleichheit und Gerechtigkeit). Dann erinnert uns der Apostel (Vers 8) daran, dass dieser Tag der Gegenwart des Herrn, auf welchen die Herauswahl so lange gehofft und nach ihm sich gesehnt hat, ein Tausendjahrtag, das Millennium der Herrschaft Christi sei.

In Vers 10 versichert er uns, dass "der Tag des Herrn ankommen (griech. heko - angekommen sein) werde wie ein Dieb", (Alte Manuskripte (Handschriften) lassen hier die Worte in der Nacht aus.) unbeachtet, heimlich. Er wird hier sein, während sie spotten und die Mitknechte schlagen, welche die Wahrheit erklären. Dann ermahnt der Apostel die Heiligen, sich von der Welt getrennt zu halten, damit sie nicht durch Politik, Geldmacherei usw. verschlungen werden und ihr Streben auf höhere Dinge zu richten. Er sagt: In Anbetracht, dass in Gottes Plan gegenwärtige irdische Zustände nur zeitweilige sind und bald der besseren Ordnung Platz machen müssen, wie beschaffen müssen wir sein in betreff heiligen Wandels und Frömmigkeit - (nämlich) erwartend die Gegenwart (Parousia) des Tages Gottes - auf die Zeichen achtgebend, die da beweisen, dass er gekommen ist.

Und Dank sei Gott, seine Vorsorge ist so reichlich, dass all die Frommen, die nach dem Tag ausschauen, es wissen werden, ehe das Feuer des Zornes voll ausbricht. Durch Paulus versichert er uns, dass keines der Kinder des Lichts in Finsternis gelassen werden, noch jener Tag sie überraschen wird (1. Thess. 5:4). Folglich sehen wir, obgleich wir schon in dem Tag der Gegenwart des Herrn sind und im Anfang des großen Feuers der Trübsal, dass es gerade so ist, wie es uns auch im Bild (Offb. 7:1-3) gezeigt wird: - Der Sturm wird in Schach (im Zaum) gehalten, bis die treuen Knechte Gottes "an ihren Stirnen versiegelt" worden sind, das bedeutet, bis ihnen ein Verständnis über die Zeit, die Gegenwart, geworden ist. Dies wird sie nicht nur trösten und schützen, sondern wird auch ein Merkmal oder Siegel oder Beweis ihrer Sohnschaft sein, wie es von unserem Herrn angedeutet ist, wenn er verhieß, dass der heilige Geist den Glaubenstreuen "Zukünftiges" zeigen werde - Joh. 16:13

Etliche fassen die Aussage des Apostel Petrus buchstäblich auf, dass "die Himmel vergehen werden mit gewaltigem Geräusch und die Elemente im Brand aufgelöst werden" und ebenso die Beschreibung, welche die Offenbarung von denselben Ereignissen durch ein ähnliches Bild gibt: "Der Himmel entwich wie ein Buch, das aufgerollt wird". Man sollte jedoch meinen, dass ein einziger Blick aufwärts nach den Myriaden Sternen, deren Strahlen (wie man uns lehrt) Millionen Meilen Raums durchmessen, dazwischen nichts liegt, das wegrollen oder Feuer fangen könnte, ein genügendes Argument abgeben sollte, um solche in einem Augenblick zu überzeugen, dass sie im Irrtum waren, diese Aussagen buchstäblich aufzufassen - sie überführen sollte, dass ihre Erwartung einer buchstäblichen Erfüllung auf das äußerste absurd und mehr als ungereimt ist.

So also hat Gott unter den Bildern (Symbolen) von Posaunen, Stimmen, Feuer usw. vor der Menschheit das verborgen, was die Welt nicht wissen sollte, sondern nur für die "kleine Herde" geweihter Heiligen bestimmt war. Es ist die Belehrung betreffs der Ernte, der Gegenwart des Herrn, seines geistigen Königreichs usw. Und doch hat er es so eingerichtet, dass dieselbe zur rechten Zeit klar, deutlich und nachdrücklich zu denen rede, für die solcher Bescheid bestimmt war. Wie am ersten Advent, so kann es zu derselben geweihten Klasse heute zur Zeit des zweiten Advents wieder gesagt werden: "Euch ist es gegeben das Geheimnis des (König-) Reiches Gottes (zu wissen); jenen aber, die draußen sind, geschieht alles in Gleichnissen" - in Bildern und dunklen Aussprüchen, damit, wenn sie auch die Bibel vor sich haben, es doch keine anderen, als nur die Geweihten, wirklich sehen und verstehen können. - Mark. 4:11, 12

Die Welt ist nicht in Unwissenheit über die noch nie dagewesenen Vorkommnisse und Verhältnisse der gegenwärtigen Zeit und über ihre mit jedem Jahr wachsende Bedeutung; aber da sie das große Ziel nicht sieht, so erfüllt dies alles die Gemüter mit dunklen Vorahnungen von Bösem. Wie vorhergesagt, sie sind in Furcht vor Erwartung der Dinge, die da kommen sollen auf Erden; denn schon werden die Mächte des Himmels (die gegenwärtigen Herrschermächte) erschüttert.

Die Verbindung der prophetischen Kette hergestellt

Im vorhergehenden Kapitel wiesen wir nach, dass die "Zeiten der Nationen" oder ihr Herrschaftslehn mit dem Jahre 1914 gänzlich ausgelaufen sein wird und dass alles um diese Zeit über den Haufen geworfen und Christi Königreich völlig hergestellt sein werde. Dass der Herr gegenwärtig sein und sein Königreich aufrichten und seine große Macht gebrauchen muss, um die Nationen wie eines Töpfers Gefäß vor 1914 zu zerschlagen, ist also deutlich festgestellt; denn es ist "in den Tagen dieser Könige" - vor ihrem Sturz - das bedeutet vor 1914 - dass der König vom Himmel sein Königreich aufrichten wird. "Es wird alle jene Königreiche zermalmen und vernichten" (Dan. 2:44). Hiermit im Einklang sehen wir überall um uns herum deutliche Anzeichen des Anfangs des Schlagens, Erschütterns und Umstürzens der gegenwärtigen Gewalten als Vorbereitung von der Aufrichtung des Königreiches, "welches ewiglich nicht zerstört werden wird" - des starken Regimentes.

Das nächste Kapitel wird den biblischen Nachweis liefern, dass 1874 das genaue Datum des Anfangs der "Zeiten der Wiederherstellung" ist und folglich der Wiederkunft unseres Herrn. Seit jenem Datum hat er seine Verheißung wahr gemacht, die er denen gab, die in der rechten Stellung der Wachsamkeit sein würden: - "Glückselig jene Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend finden wird! Wahrlich ich sage euch: er wird sich umgürten und sie sich zu Tische legen lassen und wird hinzutreten und sie bedienen" (Luk. 12:37). Ja, so ist es. Er hat uns die Schrift geöffnet. Er hat uns die Wahrheit über seine nunmehrige herrliche Natur gezeigt, über den Zweck, die Art und Weise und die Zeit seiner Wiederkunft und die Art seiner Offenbarung dem Haushalt des Glaubens und der Welt gegenüber. Er hat unsere Aufmerksamkeit auf die Prophezeiungen gelenkt, die uns ganz bestimmt den Punkt bezeichnen, wo wir uns auf dem Strom der Zeit befinden, und hat uns die Ordnung gezeigt, nach der er in dieser Erntezeit verfahren will. Er hat uns vor allem gezeigt, dass es die Ernte der Heiligen ist, eine Zeit für ihr volles Ausreifen und ihre Trennung von dem Scheinweizen; und zweitens, dass es die Zeit ist, da die Welt ihre Wirbelwindernte hält, da das Ernten der Trauben des Weinstocks der Erde und das Treten derselben in der großen Kelter des Grimmes Gottes stattfinden soll. Er hat uns gezeigt, dass diese beiden Ernten (Offb. 14:1-4, 18-20) in einer Periode von vierzig Jahren, die mit dem Jahre 1914 zu Ende geht, vollendet werden sollen.

Aber wenn dem Leser solches hier gesagt wird, was in den folgenden Kapiteln nachgewiesen werden wird, so darf er nicht erwarten, dass er auf Schriftstellen hingewiesen wird, da er diese Dinge und diese Daten deutlich geschrieben findet. Im Gegenteil, er muss im Auge behalten, dass all diese Dinge vom Herrn in solcher Weise verborgen wurden, dass sie nicht verstanden oder erfasst werden konnten, bis die rechte Zeit gekommen war, und selbst dann nur von seinen ernsten, treuen Kindern, welche die Wahrheit höher schätzen als Edelsteine und willens sind, danach zu suchen, wie man nach Silber sucht. Wahrheit muss nicht nur wie Silber aus dem Schacht der Erde geholt werden, sie muss auch geläutert und von den Schlacken befreit werden, ehe ihr Werk erkannt werden kann. Was hier ausgesagt wurde, wird Punkt für Punkt bewiesen werden; und während manche vorziehen möchten, eine Aussage hinzunehmen ohne die Mühe, sie erst an der Schrift zu bewahrheiten, so ist doch dies nicht mit den wirklichen Wahrheitssuchern der Fall. Sie müssen durch Nachspüren aller Verbindungen so weit als möglich und direkt aus Gottes Wort jeden Punkt, jedes Argument, jeden Beweis zu ihrem Eigentum machen, und so sich selbst von der Zuverlässigkeit und Wahrheit des vorgetragenen Berichtes überzeugen.

Obwohl es der Herr ist, der für "die Speise zur rechten Zeit für den Haushalt" sorgt, und die Diener es den Gläubigen vortragen, so muss doch jeder, um dadurch gestärkt zu werden, für sich selber essen.

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Studie 6

Das große Jubeljahr der Erde

Die von Moses prophezeiten "Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge". - Das Datum ihres Anfangs. - Ihr Anfang nicht vor der Wiederkunft des großen Wiederherstellers möglich. - Beweis dafür aus dem Gesetz. - Bestätigende Zeugnisse aus den Propheten. - Logische Schlussfolgerungen daraus, einzeln und zusammen betrachtet. - Wie damit gegenwärtige Anzeichen stimmen.

"Denn wahrlich, ich sage euch: bis dass der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist." - Matth. 5:18

Nur wenn wir den vorbildlichen Charakter der Verfahrensweise Gottes mit Israel erkennen, können wir die wunderbare Geschichte jenes Volkes recht würdigen und verstehen, warum ihre Geschichte, vor der aller anderen Nationen, von den Propheten und neutestamentlichen Schreibern so ausführlich niedergeschrieben worden ist. Diesem Volk gab Gott, wie die Schreiber des Neuen Testamentes zeigen, treffliche Vorausdarstellungen seiner Pläne, die er sowohl mit der Herauswahl als auch mit der Welt im Sinn hatte. Der Dienst an der Stiftshütte, mitsamt den blutenden Tieren und den so mannigfachen, eigentümlichen Bestimmungen, was alles so genau im göttlichen Gesetz vorgeschrieben steht, die Feste und heiligen Tage, die Sabbate, und alle Zeremonien (religiöse Handlungen) deuteten vorbildlich auf die viel größeren, höheren und bei weitem großartigeren Gegenbilder dieser Schatten hin. Der Apostel Paulus versichert uns, dass diese Gegenbilder voller Segnungen für die Menschheit seien, wenn er sagt, dass das Gesetz "zukünftige Güter" abschatte (Hebr. 10:1; 8:5; Kol. 2:17); und obiger Ausspruch unseres Herrn gibt uns die Versicherung, dass all diese abgeschatteten Güter gewiss in Erfüllung gehen sollen.

Bei der Betrachtung von Vorbildern sollten wir jedoch den Irrtum so mancher es gutmeinender Leute sorgfältig vermeiden. Diese gehen, sobald sie bemerken, dass in der Schrift bedeutsame Vorbilder vorkommen, zu der entgegengesetzten Übertreibung und behandeln nun jede Person und jeden Vorfall der Bibel als vorbildlich und werden so durch bloße Neugierde und Scharfsinn in Irrtum geleitet. Auf keinen solch unsicheren Grund bauen wir, wenn wir die Zeremonien des jüdischen Gesetzes betrachten, die ausdrücklich von den Aposteln als Vorbilder angegeben und bestimmt als solche bezeichnet werden. Aber wir können uns auch nicht erlauben, diese Vorbilder ohne gebührende Beachtung und sorgfältiges Studium der darin enthaltenen Lehren links liegen zu lassen, ebenso wenig wie wir mit Spekulationen Zeit vergeuden und unseren Glauben auf bloße Mutmaßungen bauen können.

Als unser Herr sagte, dass kein Jota oder Strichlein des Gesetzes vergehen werde, ehe es erfüllt sei, da bezog er sich nicht nur auf die Erfüllung der Bundesverpflichtungen aller derer, die unter jenem Gesetzesbund standen, welche Erfüllung er selbst vollbrachte, da er die Forderung des Gesetzes gegen sie durch sein eigenes Leben völlig befriedigte und dessen Anrecht über sie aufhob; sondern er meinte mehr als dies. Er meinte ferner, dass auch alle die vorbildlich darin ausgedrückten Segnungen eben sowohl der gewissen Erfüllung auf einer gegenbildlichen Stufe harren. Gott hat in all den jüdischen Zeremonien kein Vorbild machen lassen, das sich als bedeutungslos ausweisen oder unerfüllt vorübergehen wird; und die Beobachtung aller Vorbilder wurde aufrecht erhalten, bis ihre Erfüllung zum wenigsten begann. Alle Vorbilder mussten beständig wiederholt werden, bis ihr Gegenbild erschien; denn das Halten eines Vorbildes war nicht dessen Erfüllung. Die Erfüllung ist erreicht, wo das Vorbild aufhört. Es wird durch die eigentliche Sache, das Gegenbild, das Wesen, ersetzt.

So wurde zum Beispiel das Schlachten des Passah-Lammes in dem Tode Christi, des "Lammes Gottes" erfüllt, und da begann der besondere Segen, der über die gegenbildlichen Erstgeborenen, die Gläubigen des christlichen Zeitalters, kam. Der in jenem Vorbild vorgeschattete Segen ist noch nicht ganz erfüllt, wenn die Erfüllung auch mit dem Tode Christi, unseres Passah-Lammes, begann. Ebenso erweist sich jede in dem Gesetz vorgeschriebene Zeremonie als voller vorbildlicher Bedeutung; und die Genauigkeit, mit der die Beobachtung jeder Kleinigkeit der Vorbilder durch das jüdische Zeitalter hindurch erzwungen wurde, verleiht den oben angeführten Worten unseres Herrn vollen Nachdruck. Der geringste Teil, jedes Jota und Strichlein, muss ebenso genau erfüllt werden als es in den Gesetzeszeremonien auf das sorgfältigste in Kraft erhalten wurde.

In diesem Kapitel haben wir vor, jenen vorbildlichen Zug des mosaischen Gesetzes zu untersuchen, der als das Jubeljahr, oder Halljahr (nach Luther), bekannt ist. Wir wollen nachweisen, dass es bestimmt war, die große Restitution, die Wiederherstellung der Menschheit vom Fall, die im Millennium vor sich gehen soll, vorzuschatten. Wir wollen zeigen, dass es eine Vorausdarstellung der kommenden Restitution war, und dass die Art ihrer Berechnung Zeitregeln liefert, die, wenn sie verstanden und angewandt werden, deutlich die Zeit für den Anfang des Gegenbildes, der "Wieder­herstellung aller Dinge", angeben - Apg. 3:19-21.

Da das Jubeljahr ein Teil des Gesetzes war, und da Wiederholung dasselbe nicht erfüllt, und da unser Herr erklärte, dass das Vorbild nicht ohne Erfüllung vergehen könne; und noch mehr, da wir wissen, dass keine solche Wiederherstellung aller Dinge, wovon "Gott durch den Mund seiner Propheten von jeher geredet hat", und die in diesem Vorbild vorgebildet ist, je stattgefunden hat, so wissen wir, dass sie noch in der Zukunft erfüllt werden muss.

Israels Jubeljahr

Das Jubeljahr war ein Sabbat der Ruhe und Erfrischung sowohl für das Volk als auch für das Land, das Gott ihnen gegeben hatte. Es war der hauptsächlichste einer Reihe von Sabbaten oder Ruhen. (Anmerkung: Das Wort Sabbat bedeutet Ruhe) Sie hatten einen Sabbat-Tag für jeden siebten Tag; und einmal in jedem Jahr erfuhren diese Sabbattage eine Steigerung (Klimax) - das bedeutet auf einen Zyklus (Kreis) von sieben Sabbaten, der eine Periode von neun und vierzig Tagen (7x7 = 49) begrenzte, folgte ein Jubel-Tag, der fünfzigste Tag (3. Mose. 23:15, 16), welcher unter den Juden als Pfingsten bekannt war. Es war ein Tag der Freude und des Dankes.

Das Sabbat-Jahr fiel auf jedes siebte Jahr. In diesem Jahre sollte das Land ruhen, und es durfte keine Aussaat gemacht werden. Eine Steigerung dieser Sabbat- (Ruhe-) Jahre wurde in derselben Weise erreicht wie der Pfingst- oder fünfzigste Sabbat-Tag. Sieben dieser Sabbat - (Ruhe) Tage umfassten eine Periode von siebenmal sieben Jahren oder neunundvierzig Jahren (7x7 = 49) und bildeten einen Zyklus (Kreis) von Sabbat-Jahren; und das darauf folgende, das fünfzigste Jahr, war das Jubel-Jahr.

Lasst uns den Bericht untersuchen und beachten, wie passend er das große Millennium der Wiederherstellung veranschaulicht.

Als Israel nach Kanaan kam, wurde das Land unter sie nach ihren Stämmen und Geschlechtern durch das Los verteilt. Erfolg mochte dann je nachdem ihr persönliches Besitztum vermehren, oder Widerwärtigkeit dasselbe vermindern. Wenn ein Mann in Schulden kam, konnte er genötigt sein, einen Teil oder gar sein ganzes Eigentum zu verkaufen und mit seiner Familie dienstbar zu werden. Aber Gott traf reichliche Vorkehrung für den Unglücklichen. Er sorgte dafür, dass solch widrige Umstände nicht für immer dauern möchten, sondern, dass alle ihre Rechnungen - Guthaben und Schulden - nur bis zum Jubeljahr gerechnet werden durften, wenn alle von ihren alten Verwickelungen befreit werden mussten usw., um einen neuen Anfang für die nächsten fünfzig Jahre zu machen.

Eine etwas ähnliche Einrichtung unter einem Konkursgesetz wurde in unseren Tagen und in unserem Land als hilfreich befunden, welches das dann ausgesprochene Prinzip billigt. Doch dies bedeutet nicht, dass die Erlassung der Schulden alle fünfzig Jahre oder dass die jüdische Form uns besser als die Methoden von heute dienen würde. In ihrem Fall waren die Zeiten, Umstände, etc. nicht speziell für sie selbst und ihr Bequemlichkeit bestimmt, sondern sie dienten besonders als prophetische Vorbilder und Lektionen, welche mit der zukünftigen Entwicklung des Planes Gottes verbunden sind.

So war jedes fünfzigste Jahr, von der Zeit ihres Eintrittes in Kanaan an rechnend, ein Jubeljahr für Israel, eine Zeit des Frohlocken und der Wiederherstellung, in welcher zerrissene Familien wieder vereinigt und die heimatlichen Herde wiederhergestellt wurden. Kein Wunder, dass es ein Jubeljahr genannt wurde. Wenn ein Eigentum Schulden halber verkauft worden war, so durfte es nur als eine Verleihung solchen Eigentums bis zum Jubeljahr betrachtet werden; und der Preis, den ein zu verkaufendes Eigentum bringen würde, hing davon ab, wie nah oder fern das nächste Jubeljahr war.

Der Bericht über diese Gesetzesvorschrift findet sich in 3. Mose 25:10-15: "Ihr sollt das Jahr des fünfzigsten Jahres heiligen und sollt Freiheit ausrufen im Land allen seinen Bewohnern; ein Jubeljahr soll dasselbe euch sein, und ihr werdet zurückkehren, ein Jeder zu seinem Eigentum, und zurückkehren ein jeder zu seinem Geschlecht. Und wenn du eine Ware verkauft deinem Nächsten, oder kaufst von der Hand deines Nächsten, so soll keiner seinen Bruder bedrücken. Nach der Zahl der Jahre seit dem Jubeljahr sollst du kaufen von deinem Nächsten, nach der Zahl der Erntejahre soll er die verkaufen. Nach Verhältnis der größeren Zahl von Jahren sollst du ihm den Kaufpreis mehren und nach Verhältnis der geringeren Zahl von Jahren sollst du ihm den Kaufpreis mindern."

Diese Einrichtung, die von Gott durch ihren Führer und vorbildlichen Mittler, Mose, vorgesehen war, obgleich in sich selbst eine große Wohltat, schattete einen noch viel größeren Segen, den Gott im Sinn hatte, im voraus ab, nämlich die Freilassung der ganzen Menschheit von der Schuld der Sünde und ihren Banden und ihrer Knechtschaft durch Christus, unseren Herrn, den großen Mittler und Befreier, den Moses vorbildete (5. Mose 18:15). So, in Vorbildern, geschah es, dass Moses von Christus schrieb und von den durch ihn kommenden Segnungen (Joh. 5:46 und 1:45) - von der großen Wiederherstellung und dem Jubeljahr, das auf das ganze, jetzt unter der Knechtschaft der Vergänglichkeit und dem Verderben und der Sklaverei der Sünde seufzende Geschlecht kommen soll.

Wenn der Schatten dem vorbildlichen Volk Glück und Freude brachte, so wird das Wesen, die wirkliche Wiederherstellung, endlose Freude verursachen und in der Tat ein großartiges Jubeljahr sein für alles Volk - die ganze Welt, die, Israel miteingeschlossen, durch jenes Volk vorgebildet war; wie auch ihre Priesterschaft die Herauswahl, das "königliche Priestertum" darstellte. Selbst wenn wir nicht bestimmt unterrichtet wären, was wäre vernünftiger, als zu vermuten, dass die gleiche unendliche Liebe, die für die zeitliche Wohlfahrt Israels, jenes "halsstarrigen Volkes", sorgte, noch vielmehr für das dauernde Wohl der ganzen Welt Vorsorge treffen werde, die Gott so sehr geliebt, dass er sie erkaufen ließ, da sie noch Sünder waren? Und hier ist es angebracht, anzumerken, was später mehr ausführlich gezeigt werden wird, dass Israel, das in einer Hinsicht alle Gläubigen des christlichen Zeitalters vorbildete, in einer anderen alle die darstellte, die zu irgend einer Zeit an Gott glauben und seiner Leitung sich anvertrauen würden. In diesem Sinn betrachten wir sie jetzt. Ihr Bund, der durch das Blut der Stiere und Böcke besiegelt wurde, war ein Vorbild des Neuen Bundes, der durch das teure Blut Christi besiegelt wurde, und unter dem die Wiederaussöhnung der Welt im nächsten Zeitalter bewerkstelligt werden soll, eben sowohl wie die Versöhnung der Herauswahl in der gegenwärtigen Zeit. Ihr Tag der Versöhnung und seine Sündopfer, zwar im Vorbild nur für jenes Volk und für dessen Sünden allein, bildeten die "besseren Opfer" und die tatsächliche Versöhnung, Einsmachung, "für die Sünden der ganzen Welt" ab. So mit dem Jubeljahr. Es bezog sich nicht auf Israels Priesterschaft (die ein Vorbild der christlichen Kirche war), sondern auf die andern allein; denn der Priesterschaft war kein Besitztum gegeben, und folglich konnte sie es weder verlieren noch wiederhergestellt erhalten. Das Jubeljahr war für das ganze Volk mit Ausnahme des Priesterstammes und bildete somit nicht die Segnungen vor, die der Herauswahl, dem "königlichen Priestertum", zu teil werden sollten, sondern die Restitutionssegnungen, die zu seiner Zeit über alle anderen kommen sollen, die an Gott glauben und ihm gehorchen werden.

Die Lehren dieses Vorbildes sind in vollem Einklang mit dem, was wir in unserer Untersuchung des göttlichen Planes der Zeitalter gelernt haben. Es weist deutlich hin auf die "Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von welchen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat." Mose war einer der Propheten; und hier redet er ganz besonders zu uns von der kommenden Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes und der Freiheit des Menschen, die so lange verloren und unter die Sünde verkauft waren. Durch den Fehltritt unserer Eltern wurde alles verloren. Alle Rechte wurden eingebüßt; und alle wurden Sklaven des Tyrannen, Sünde, und unfähig, sich selbst zu befreien. Der Familienkreis ist durch die Knechtschaft der Vergänglichkeit - den Tod - arg zerrissen worden. Gott sei Dank für die verheißene Erlösung. Das Jubeljahr ist vorhanden, und bald sollen die Gefangenen des Todes, die Sklaven der Sünde, ihren ersten Zustand, vollkommene Menschheit, und ihr ursprüngliches Erbteil, die Erde - als Gabe Gottes durch Jesus Christus, den Mittler des Neuen Bundes, wieder erhalten.

Obwohl in dem vorbildlichen Jubeljahr viele der wiedergebrachten Freiheiten und Güter sofort angetreten wurden, so bedurfte es doch wahrscheinlich den größten Teil des Jahres, die Angelegenheiten zu ordnen und jedweden völlig in sein voriges Besitztum einzuführen. So wird es auch mit dem Gegenbild, dem Millennium der Wiederherstellung, sein. Es wird mit durchgreifenden Reformen eröffnet werden, mit der Anerkennung von Rechten und Freiheiten, die seit langer Zeit aus dem Auge verloren waren. Aber das Werk völliger Wiederherstellung (an die Gehorsam) von allem, das ursprünglich verloren war, wird das ganze Zeitalter der Restitution - tausend Jahre - erfordern.

Es ist sicher, dass nie ein Gegenbild vorgekommen ist, das den Zügen dieses Vorbildes entspräche; und auf Grund der Aussage des Herrn: "Es ist aber leichter, dass die Himmel und die Erde vergehen, als dass ein Strichlein des Gesetzes wegfalle", sind wir ebenfalls gewiss, dass es nicht unerfüllt bleiben kann (Luk. 16:17). Scheinbar ist jedoch dieser Zug des Gesetzes unerfüllt geblieben. Der Tatsache nach ist dies Vorbild, das, solange die Israeliten in ihrem eigenen Land waren, beobachtet worden war, seit ihrer Gefangenschaft in Babylon nicht beobachtet worden. Scheinbar verging daher dieser Zug des Gesetzes, ohne auch nur einen Anfang von Erfüllung zu haben. Was sollen wir angesichts dieses auffallenden Widerspruches mit der Aussage unseres Herrn sagen? Doch ist es wirklich so? Oder kann ein Gegenbild des Jubeljahres gefunden werden, das da anfing, wo die letzte Beobachtung des vorbildlichen Jubeljahres aufhörte? Ja, antworten wir: Ein deutlich angegebenes Gegenbild hatte seinen Anfang gerade an jenem Punkt und auf einer größeren und breiteren Stufe, wie es mit Gegenbildern immer der Fall ist. An der tatsächlichen Erfüllung sehen wir, dass die Zyklen (Kreise) sowohl wie die Jubeljahre, in denen sie kulminierten (ausliefen), in dem Vorbild eingeschlossen waren; und dass die gleiche Methode, durch welche das vorbildliche Jubeljahr ausgerechnet wurde (durch Multiplikation), auch zur Ausrechnung der Zeit für das Gegenbild - das große Jubeljahr der Erde - anzuwenden ist. Wir sehen jetzt, dass der große gegenbildliche Zyklus zu zählen anfing, als das letzte vorbildliche Jubeljahr gehalten wurde. Sobald nun der gegenbildliche Zyklus voll ist, wird das gegenbildliche Jubeljahr oder Zeitalter der Wiederherstellung hereinbrechen.

Wir haben schon auf die Methode, die Sabbate zu zählen, Bezug genommen. Das Multiplizieren des Sabbates oder siebten Tages mit sieben (7x7 = 49) bezeichnete den Pfingsttag, das bedeutet den folgenden Jubel-Tag; und die Multiplikation des siebten Jahres mit sieben (7x7 = 49) machte den Zyklus, der das fünfzigste oder Jubeljahr bezeichnete und zu ihm führte. Und dieselbe Methode weiter anwendend, würde anzeigen, dass wir in derselben Weise das fünfzigste Jahr mit sich selbst (mit fünfzig) multiplizieren müssen, um das große, von uns gesuchte Gegenbild, zu erreichen. Das heißt: Der gegenbildliche Zyklus sollte (gemäß der hier uns gelehrten Multiplikationsmethode) ausgerechnet werden, indem man das vorbildliche Jubeljahr oder das fünfzigste Sabbatjahr mit fünfzig multipliziert, gerade wie wir das fünfzigste Sabbatjahr erreichten, indem wir den siebten Jahr-Sabbat mit sich selbst (mit sieben) multiplizierten - 3. Mose 25:2-13.

Wunderbare Resultate eröffnen sich vor uns, wenn wir dieser göttlich angezeigten Rechnungsmethode folgen; und dies macht uns gewiss, dass wir den rechten Schlüssel haben und ihn gebrauchen, wie der es beabsichtigt hat, der diesen Schatzkasten herstellte. Fünfzig mal fünfzig Jahre gibt den langen Zeitraum von zweitausendfundhundert (50x50 = 2500) Jahren für die Länge des großen gegenbildlichen Zyklus an, der zu rechnen anfing, als Israels letztes vorbildliches Jubeljahre endete; und an seinem Schluss muss das große gegenbildliche Jubeljahr folgen. Wir wissen, dass solch ein Zyklus zu rechnen angefangen haben muss, wo das Vorbild aufhörte, weil nicht ein Jota oder Strichlein des Gesetzes ohne Erfüllung vergehen kann, und weil damals nicht zugelassen worden wäre, dass das Jubeljahrvorbild, das weit mehr als ein Jota oder Strichlein, ja ein großer und wichtiger Teil des Gesetzes war, verging, ehe die rechte Zeit für den Anfang seines Gegenbildes da war. Dass das Gegenbild des Jubeljahres in keinem Sinn anfing, als Israel aufhörte, die Jubeljahre zu feiern, ist offenbar, folglich sind wir gewiss, dass ein großartiger Zyklus da zu zählen anfing. Der neue, lange Zyklus begann da, wenn auch Israel und die ganze Welt nicht wusste, dass ein großer Zyklus gezählt wurde, noch dass ein gegenbildliches Jubeljahr darauf folgen würde. Das große Jubeljahr der Jubeljahre dürfen wir nicht erst nach dem Zyklus anzufangen erwarten, sondern, wie im Vorbild, dass es die Stelle des fünfzigsten oder letzten Jubeljahres im Zyklus vertrete. Ein Gegenbild folgt niemals dem Vorbild, sondern beginnt an demselben Datum. Daher muss das 2.500. Jahr, welches das größte 50. Jubeljahr sein würde, das Gegenbild sein - die eigentliche Jubelzeit oder Restitution. Anstatt aber ein Jahr zu sein, wie im Vorbild, wird sie länger währen; es wird der Anfang der großen tausendjährigen Jubelzeit sein - des Millenniums. Genauso ist es in der Erfüllung jeden Vorbildes gewesen, in dem Zeit in Betracht kam. So kam die Pfingstausgießung des heiligen Geistes an den vorbildlichen Pfingsten, am fünfzigsten Tag. Christus, unser Passahopfer, starb an demselben Tag, an welchem das vorbildliche Lamm geschlachtet werden musste - ein Tag vor oder ein Tag nachdem würde den Zweck nicht erfüllen. So auch hier; nicht ein Jahr vor noch ein Jahr nach dem 2500. oder dem Schussjahr im vorbildlichen Fünfzigjahr Zyklus würde richtig sein; sondern das nämliche Jahr, anfangend mit Oktober 1874, muss der Anfang des Gegenbildes oder der Zeiten der Wiederherstellung sein.

Die Beobachtung des Vorbildes konnte nicht aufhören bis zur Zeit, da der große Zyklus (50x50) zu zählen anfing. Der wichtige und gewiss zu machende Punkt ist daher das genaue Datum, wann das letzte vorbildliche Jubeljahr von Israel gehalten wurde. Wenn dieses Datum endgültig festgestellt ist, ist es eine sehr einfache Sache, den großen Zyklus von fünfzig mal fünfzig oder zweitausendfünfhundert Jahren zu zählen und so das Datum des Anfangs des großen Jubeljahres der Erde, der Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, genau festzustellen.

Aber wir dürfen nur auf Anfänge dieses ungeheueren Werkes der Wiederherstellung aller Dinge rechnen. Die ersten paar Tage im vorbildlichen Jubeljahr sahen verhältnismäßig wenig zustande kommen; und so dürfen wir auch in den ersten paar Jahren des Anbruchs des großen Jubeljahrtausends nur wenig vollbracht zu sehen erwarten. Das erste Werk im vorbildlichen Jubeljahr musste naturgemäß das sein, dass man früheren Rechten und Besitztümern nachforschte und sich vergewisserte, was gegenwärtig fehlte. Der Parallele hiervon nachspürend, sollten wir im Gegenteil gerade das erwarten, was wir jetzt um uns her vor sich gehen sehen. Denn wir sind, wie bald nachgewiesen werden wird, in die große gegenbildliche Jubeljahrperiode eingetreten und seit 1874 darin gewesen. Was sehen wir um uns her? Wir sehen, dass von Seiten des Volkes Nachforschungen angestellt werden über ihr ursprüngliches, von Gott verliehenes Erbteil und was ihnen jetzt abgeht an Rechten usw., wobei viele in Unwissenheit und Selbstsucht beanspruchen, was anderen gehört. Gleichfalls aber sehen wir, wie die, welche etwas besitzen, dasselbe so fest als möglich zu halten suchen. Dadurch entstehen Streitigkeiten, Kontroversen, Streiks und Geschäftssperre mit mehr oder minder Recht oder Unrecht auf beiden Seiten. Schließlich muss dies alles Christus zur Ausgleichung überlassen werden, wie es unter dem Gesetz durch Mose geschah und nach dem Tode von Mose durch die, welche "sich auf Moses Stuhl gesetzt" hatten (Matth. 23:2). Mit diesen Schlussfolgerungen und Erwartungen vor uns, lasst uns den Zeitpunkt suchen, den Gott augenscheinlich für uns in diesem Vorbild verbarg, "auf dass wir die Dinge wissen, die uns von Gott geschenkt sind" und jetzt an der Zeit sind, verstanden zu werden.

Wir haben keinen direkten Bericht in der Bibel über die Beobachtung ihres vorbildlichen Jubeljahres, der uns zeigen würde, wann sie das letzte gehalten haben. Wir halten uns an das Datum des Jubeljahres, das der babylonischen Gefangenschaft und siebzigjährigen Verödung ihres Landes als das letzte voranging, aus zwei Gründen: Erstens, es könnte nicht diesseits jener Verödung fallen, denn da hörte das Vorbild sicherlich auf, "verging", denn da das Land siebzig Jahre und das Volk in einem fremden Land in Gefangenschaft war, so muss irgendwo inmitten dieser siebzig Jahre ein Jubeljahr an der Zeit gewesen und unbeachtet vorübergegangen sein. Ein Blick genügt, um zu zeigen, dass das Gebot und die Bestimmungen betreffs des Jubeljahres nicht ausgeführt werden konnten, während sie in Gefangenschaft waren, und das Land verlassen war. Folglich sagen wir: Das Vorbild verging entweder damals oder vor jener Unterbrechung. Diesseits derselben konnte es nicht sein. Und wenn je das Vorbild aufhörte, muss der Zyklus des großen Gegenbildes zu zählen angefangen haben. Wenn das Vorbild einmal unbeachtet blieb, so war das ein Anzeichen, dass das Vorbild aufhörte, und dass das Gegenbild begonnen hatte. Zudem hat Israel seit der babylonischen Gefangenschaft nie wieder volle Kontrolle über das Land gehabt. Sie und ihr Land sind seitdem stets heidnischer Herrschaft unterworfen gewesen.

Zweitens, aus jeder Gefangenschaft vor dieser befreite sie Gott aus der Hand ihrer Feinde augenscheinlich zur rechten Zeit, damit sie in ihr eigenes Land zurückkämen und das Jubeljahr feierten, und es so als Vorbild fortsetzten, bis die Zeit käme, da der große gegenbildliche Zyklus zu zählen anfangen sollte. Ihre früheren, wenn auch häufigen Gefangenschaften dauerten, so scheint es, nie länger als vierzig Jahre. So konnten sie, gemäß der Jubeljahrverordnung, frei aufgehen, und jedermann jedes Jubeljahr sein Erbteil zurückerhalten. Außerdem werden wir bald zeigen, dass vom Anfang der siebzig Jahre der Verödung unter Babylon an gerechnet, der gegenbildliche Zyklus mit dem Jahre 1874 endete. So wird es allen klar sein, dass derselbe an keinem früheren Datum vor der babylonischen Gefangenschaft angefangen haben kann. Denn wenn wir ihn auch nur ein Jubeljahr früher verlegen, so würde dies den Schluss des Zyklus fünfzig Jahre früher als 1874, nämlich 1824, verlegen; und damals hat gewiss kein Jubel-Wiederher­stellungszeitalter begonnen.

Da wir also darüber gewiss sind, dass das letzte vorbildliche Jubeljahr, von dem an der gegenbildliche (50x50) Zyklus zählt, nicht früher fiel und nicht seit der Gefangenschaft in Babylon sein konnte, und dass folglich das Jubeljahr, welches jener Gefangenschaft gerade vorherging, das letzte vorbildliche Jubeljahr war, und dass an seinem Schluss der große gegenbildliche Zyklus zu zählen anfing, schreiten wir nun dazu, die Zeit dieses letzten Jubeljahres genau festzusetzen; und zwar so:

Das Sabbatjahr-System hing zusammen mit ihrem Land, mit Kanaan und ihrem Erbteil drinnen. Der erste neun und vierzigjährige Zyklus, der zum ersten Jubeljahr führte, sollte von der Zeit ihres Eintritts in Kanaan an zu zählen beginnen. Dieser vernünftige Schluss wird durch folgende Worte des Herrn zur Gewissheit erhoben: - "Wenn ihr in das Land kommt, welches ich euch gebe, so soll das Land Jehova einen Sabbat feiern (ein Sabbatsystem beobachten). Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und sechs Jahre deinen Weinberg beschneiden und seine Früchte einsammeln; aber im siebten Jahre (vom Eintritt ins Land an) soll ein Sabbat der Ruhefeier für das Land sein". Demnach fing der Zyklus von sieben mal sieben oder neunundvierzig Jahren (7x7 = 49) sofort zu zählen an, und das fünfzigste Jahr nach ihrem Eintritt in Kanaan war das erste vorbildliche Jubeljahr.

Einige haben angedeutet, dass, weil sechs Jahre Krieg vor dem Abschluss der Aufteilung des Landes herrschten, das Zählen der Jubeljahr-Zyklen bis dahin nicht begann. Aber nein, das Land wurde betreten, als sie den Jordan durchzogen und das Gebot schreibt, wenn ihr in das Land kommt und nicht wenn ihr das Land aufteilt, aber sie erhielten davon während jener Jahre nicht den ganzen Besitz, noch für eine unbestimmte Zeit danach, bis sie ihre Feinde vertrieben hätten, was in einigen Fällen nie getan wurde (siehe Josua 18:2,3; 17:12, 13; 23:4, 7, 13, 15). Hätten sie daher auf die volle Besitznahme gewartet, bevor sie die Jubeljahr-Zyklen zählten, dann würden sie niemals begonnen haben.

Aus Vergleichung mit der Tafel der Chronologie geht hervor, dass zwischen dem Betreten Kanaans und der siebzigjährigen Verödung 969 Jahre verflossen.

Bis zur Teilung des Landes 6 Jahre
Periode der Richter 450 Jahre
Periode der Könige 513 Jahre

Summe: 969 Jahre

Durch Dividieren der 969 Jahre mit 50 können wir herausfinden, wie viele Jubeljahre sie bis zu dieser Zeit beobachtet hatten. Es sind 19 Fünfziger in 969; und der Rest von 19 Jahren zeigte, dass ihr neunzehntes Jubeljahr, welches das letzte der vorbildlichen war, gerade 19 Jahre vor dem Anfang der siebzig Jahre der Verödung des Landes (da sie in Gefangenschaft waren) stattfand; und 950 Jahre seit dem Betreten Kanaans. Da also, gerade 19 Jahre vor den "siebzig Jahren der Verödung" ihres Landes, am Schluss ihres letzten Jubeljahres - des 19. - fing der große Zyklus von 2500 Jahren (50x50 = 2500) zu zählen an; und so ist es eine sehr einfache Sache, auszurechnen, wo diese 2500 Jahre auslaufen, und wo folglich das große gegenbildliche Jubeljahr anfangen muss.

Vom letzten oder 19. Jubeljahr bis zum Anfang der Verödung des Landes 19 Jahre
Periode der Verödung 70 Jahre
Von der Wiederherstellung Israels durch Cyrus
bis zu dem Datum als Anno Domini - das erste Jahr unsers Herrn - bekannt.
536 Jahre
Folglich verflossen von ihrem letzten Jubeljahr bis zum Jahre 1 625 Jahre
Die Zahl der Jahre, die bis zur Vollendung des 2500-jährigen Zyklus benötigt sind 1875 Jahre

Vom letzten Jubeljahr an - Summe: 2500 Jahre

So sehen wir, dass das 2.500. Jahr mit dem Anfang des Jahres 1875 anhob, welches nach jüdisch-bürgerlicher Zeit, nach welcher dies berechnet wurde (3. Mose 25:9), ungefähr Oktober 1874 begann. Somit, wenn das große Jubeljahr nur ein Jahr wäre, wie sein Vorbild, so würde es mit Oktober 1874, am Schluss von 2499 Jahren angefangen und mit Oktober 1875 geendet haben. Aber dies ist nicht das Vorbild, sondern die Wirklichkeit ("das Wahrhaftige"). Es war kein Jubeljahr, sondern das gegenbildliche Jubeljahrtausend der Wiederherstellung aller Dinge, das mit Oktober 1874 anfing.

So sehen wir, nicht nur bildete Israels Jubeljahr deutlich und bestimmt die großen "Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, davon Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat", im voraus ab, sondern die Art und Weise seiner Berechnung zeigt auch ebenso klar das Datum an, da das große Jubeljahr der Erde seinen Anfang nimmt. Wenn wir diese Schlussfolgerungen nicht annehmen, so gibt es keine Alternative (Wahl), als anzunehmen, dass dieses Vorbild ohne Erfüllung vorbei ging, trotz der bestimmtesten Zusicherung unseres Herrn, dass es nicht möglich ist; dass es leichter wäre, dass Himmel und Erde vergehe, denn dass ein Jota oder Strichlein des Gesetzes, ohne eine Erfüllung gehabt zu haben, vergehe (Matth. 5:18). Wir nehmen diese göttlich beglaubigten Tatsachen an, wie wunderbar auch die Schlussfolgerungen sein mögen, die wir vernünftigerweise daraus ziehen müssen.

Was aber sind diese vernünftigen Schlussfolgerungen aus diesen biblischen Lehren? Zunächst lasst uns sehen, was vom Standpunkt der Vernunft folgen muss, und dann sehen, ob irgendwelche andere Schriftstellen diesen Schlussfolgerungen beistimmen oder ihnen widersprechen. Erstens schließen wir, dass die Gegenwart des großen Wiederherstellers an der Zeit sein muss, wenn "die Zeiten der Wiederherstellung" anfangen sollen. Dies scheint ein sehr einleuchtender Schluss zu sein. Aber es ist vielmehr als ein bloßer Schluss, da die folgende bestimmte inspirierte Aussage denselben bestätigt: "Damit kommen (die festgesetzten) Zeiten der Erquickung vom Angesicht des Herrn (Jehova), und er den euch zuvor verordneten Jesus Christus sende, welchen freilich der Himmel aufnehmen muss, bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von welchen (Zeiten) Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat." - Apg. 3:19-21

Das Jubeljahr als Vorbild im Gesetz
Chronologische Tabelle
(siehe vorherige Seiten)
Das Jubeljahr Vorbild datiert vom Betreten Kanaans:
Bis zur Teilung des Landes 6 Jahre
Periode der Richter 450 Jahre
Periode der Könige 513 Jahre

Bis zur Verödung 969 Jahre
19 Jubeljahr-Zyklen 950 Jahre

Rest: 19 Jahre

Vom letzten Jubeljahr bis zur Verödung 19 Jahre
Periode der Verödung und der Gefangenschaft aller in Babylon 70 Jahre
Von der Wiederherstellung in ihr Land durch Cyrus bis zum Jahr 1 536 Jahre
Vom Jahr 1 bis zum Jahr 1875 (nach jüdischer Zeit, beginnend mit Okt.), 1874 1874 Jahre

2499 Jahre

Das Jahr, das mit Oktober 1874 begann, war demnach das 2500. Jahr. Da jedoch das Gegenbild größer ist als das Vorbild - 1000 Jahre anstatt 1 Jahr - so war das mit Oktober 1874 beginnende Jubiläum kein Jubeljahr, sondern ein Jubeljahrtausend.


Ein großer Zyklus hinzielend auf das große Gegenbild, das Jubiläum der Erde
19 x 50 = 950 Jahre 50 x 50 = 2500 Jahre Jubeljahrtausend

Neunzehn vorbildliche Zyklen und Jubeljahre, fortgeführt bis der gegenbildliche Zyklus zu zählen anfangen musst.

Wo das Vorbildliche aufhörte, begann der große Zyklus stillschweigend seine 50 mal 50 Jahre zu zählen, bis zum großen Gegenbild, dem Jubeljahrtausend der Erde - den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge.

Schon auf Grund dieser inspirierten Aussage allein haben wir einen deutlichen Beweis dafür, dass der zweite Advent unseres Herrn an der Zeit war, als die Zeiten der Restitution anzufangen hatten, nämlich im Oktober des Jahres 1874, wie es auch durch die Jubeljahr-Einrichtung angezeigt ist. Es scheint überhaupt klar zu sein, dass das Jubeljahr, wie alle anderen Dinge jener Heilszeitordnung, eingerichtet war "zu unserer Ermahnung (Belehrung) auf welche die Enden der Zeitalter gekommen sind" (1. Kor. 10:11). Wenn es nichts nützt, so ist es bis jetzt überhaupt ohne Nutzen gewesen; denn die Schrift belehrt uns, dass die Juden jenes Vorbild nie ganz und recht beobachtet haben, nicht einmal während jener neunzehn Jubeljahrperioden (3. Mose 26:35). Sie fanden es ohne Zweifel unmöglich, ihre Liebe zum Reichtum zu zügeln. Wie alle Prophezeiungen und Vorbilder war es zweifelsohne eingerichtet, wann und wo es erforderlich war, auf den Pfad des Gerechten Licht zu werfen - die "Füße" des Leibes Christi zu lenken.

Man rufe sich nun das über die Art und Weise der Wiederkunft und Erscheinung unseres Herrn im vorherigen Kapitel Gezeigte ins Gedächtnis, damit man hier nicht etwa wegen verkehrter Meinungen über diesen Gegenstand irre werde. Man bedenke: "Gleichwie die Tage Noahs (nicht die Tage der Flut), also wird auch die Ankunft (Parousia, Gegenwart) des Sohnes des Menschen sein. Denn gleichwie sie in den Tagen vor der Flut .... nichts erkannten ... also wird auch die Ankunft (Gegenwart) des Sohnes des Menschen sein" (Matth. 24:37-39). Man bedenke auch (was wir schon aus dem Wort der Wahrheit erkannt haben), dass nur die, welche gläubig auf das feste prophetische Wort achten und Jesus Erscheinung lieb haben und herbeisehnen, seine Gegenwart erkennen können, bis er sie der Welt "in Feuerflammen, Vergeltung übend" - in der großen Drangsalszeit - kundmachen wird. Der Umstand also, dass seine Gegenwart der Welt im allgemeinen und selbst unter Christen unbekannt ist, ist kein Argument gegen diese Wahrheit. Die Welt hat keinen Glauben an Prophezeiungen und kann natürlich nichts in ihrem Licht sehen. Laue Christen (und das sind die meisten) zollen dem "festen prophetischen Wort" keine Beachtung, und viele, die zu wachen behaupten, lesen die Prophezeiungen durch die gefärbten Gläser alter und langgehegter Irrtümer und mit von Vorurteil elendiglich gehinderten Augen. Sie sollten zu dem großen Ärzte gehen und sich "Augensalbe" der Demut (Offb. 3:18) holen, und die gefärbten Brillen der Menschentraditionen und alle Theorien, die eigenen und die anderer, die nicht mit allen Zeugnissen des Wortes Gottes harmonieren wollen, für immer beiseite legen.

Doch weder die Unwissenheit und der Unglaube der Welt, noch die laue Gleichgültigkeit und das Vorurteil der großen Mehrzahl derer, die Christus bekennen, werden Gottes Auserwählte, die das Zeugnis seines Wortes mit einfältigem, kindlichem Glauben annehmen, zu Fall bringen. Sie können nicht fallen, noch ist es möglich, dass sie verführt werden; vermöge ihres Glaubens und unter Gottes Leitung werden sie alles überwinden. Fürchtet nichts, teure vom Herrn selbst erwählte Edelsteine; hebet eure Häupter auf und frohlocket; wisset, dass eure Befreiung nahet - Luk. 21:28; 12:32.

Eine weitere vernünftige Erwartung, wenn die Zeiten der Wiederherstellung tatsächlich mit dem Oktober 1874 begannen, und wenn die Gegenwart unseres Herrn damals an der Zeit war, wäre die, dass die Wachsamen etliche unterscheidbare Anzeichen davon gewahren müssten, was die Schrift als das erste Werk seiner Gegenwart erklärt, nämlich das Einernten der Frucht des christlichen Zeitalters, das Sammeln seiner Auserwählten (zu geistiger Verbindung und Gemeinschaft) und zum wenigsten einige vorbereitende Schritte zur Herstellung des Königreiches Christi. Einige dieser Anzeichen haben wir bereits kurz angedeutet. Doch hierüber ist so viel zu sagen, dass wir es für ein folgendes Kapitel aufsparen müssen. Die Ernte der Kirche (der Herauswahl) ist in der Tat vorhanden. Der Weizen wird vom Scheinweizen (Lolch) getrennt, und die Angelegenheiten in der Welt spitzen sich mit Riesenschritten zu und setzen alles für die dauernde Einrichtung des Königreiches des Erlösers in Bereitschaft. Die vorhergesagten Zeichen werden den Wachsamen deutlich und genau nach der Weise und Ordnung ihrer Vorhersagung kundgemacht. Doch wir lassen dies für jetzt, weil wir erst andere prophetische Zeugnisse vorlegen wollen. Hier genüge zu sagen, dass die Wahrheit die "Sichel" ist, sowohl in diesem wie im jüdischen Zeitalter; und dass die "Boten", welche die Sichel jetzt gebrauchen, Jünger oder Nachfolger des Herrn sind, wenn auch wie damals vielen von ihnen die umfassende Größe des Werkes, in dem sie begriffen sind, nur schwach bewusst ist.

Bestätigende prophetische Beweise

Während der vorstehende Beweis, so wie er dasteht, stark und klar ist, so bringen wir doch jetzt noch ein prophetisches Zeugnis herbei, welches beweist, dass wir den großen Zyklus (50x50) am rechten Punkt zu zählen begannen. Unser himmlischer Vater wusste, wie unser Glaube diese über alle Maßen großen und köstlichen Verheißungen mit Furcht und Zittern ergreifen würde, und darum hat er die schon starke Beweiskette, die das Gesetz darbietet, noch durch ein weiteres prophetisches Zeugnis verdoppelt. Und unser teurer Erlöser und Herr, der uns diese Kette darreicht und dessen Gegenwart dies Zeugnis uns nachweist, scheint, wie er im frühen Anbruch des Tausendjahrtages zu uns kommt, um zu uns zu sagen: "O, du Kleingläubiger, warum zweifelst du?" (Matth. 14:25-32) Lerne, dass ich ein Geistwesen bin, nicht länger dem menschlichen Auge sichtbar. So offenbare ich mich durch die Leuchte des Wortes dem Auge deines Verstandes, damit du dich nicht zu fürchten brauchst, wenn ich in kommenden Tagen auf der stürmischen See der unvergleichlichen Trübsal der Welt wandeln werde, sondern getrost sein magst. "Seid getrost, ich bin es, fürchtet euch nicht."

Diese wahrhaft wunderbare prophetische Bestätigung, die wir jetzt betrachten wollen, lag unter ihrer eigenen Einfachheit verborgen, bis dies Verständnis und die Anwendung des obigen Jubeljahr-Vorbildes ihm Bedeutung verlieh.

Die siebzig Jahre, die man gewöhnlich als die siebzigjährige Gefangenschaft erwähnt findet, werden in der Schrift als die siebzigjährige Verwüstung oder Verödung des Landes, Verlassensein von Einwohnern, bezeichnet. Diese Verödung hatte Gott so durch den Propheten Jeremias vorhergesagt: "Dieses ganze Land wird zur Einöde, zur Wüste werden; und diese Nationen werden dem König von Babel dienen siebzig Jahre" (Jer. 25:11). "So spricht Jehova: Sobald siebzig Jahre für Babel voll sind, werde ich mich euer annehmen und mein gutes Wort an euch erfüllen, euch an diesen Ort zurückzubringen" (Jer. 29:10). Und in 2. Chron. 36:17-21 ist die Erfüllung dieser Prophezeiung verzeichnet und der Grund, warum es gerade siebzig Jahre waren und warum das Land vollständig zur Öde gemacht wurde: "Und er ließ wider sie heraufkommen den König der Chaldäer (Nebukadnezar), .... und er führte die vom Schwert Übriggebliebenen nach Babel hinweg, und sie wurden ihm und seinen Söhnen zu Knechten, bis das Königreich der Perser zu Herrschaft kam, damit erfüllt würde das Wort Jehovas durch den Mund Jeremias: bis das Land seine Sabbate genossen hätte. Alle die Tage seiner Verwüstung ruhte es (hatte es Sabbat), bis dass siebzig Jahre voll waren."

Hieraus sehen wir, dass Israel verfehlt hatte, ihre Sabbatjahre, deren hauptsächlichste die Jubeljahre waren, recht zu beobachten. Es war gewiss für ein so besonders zum Geiz geneigtes Volk eine schwere Probe des Gehorsams gegen den himmlischen König, dass ihnen befohlen wurde, das Land ruhen zu lassen, an frühere Besitzer Land zurückzuerstatten, das sie seit Jahren erworben und in Besitz gehabt, und den Knechten ihre Freiheit wiederzugeben; besonders wenn der Gehorsam nur befohlen und nicht kurz und bündig mit Gewalt erzwungen wurde. Gott hatte sie durch Mose vorher gewarnt, dass, wenn sie den Gesetzen, zu denen sie sich als Volk verpflichtet hatten, ungehorsam wären, er sie dafür strafen würde. In demselben Kapitel, in dem er ihnen von den sieben Zeiten der Strafe unter heidnischer Herrschaft redete, sagt er ihnen auch, dass, wenn sie die Jahr-Sabbate vernachlässigen würden, er sie dafür durch Verödung ihres Landes bestrafen würde. (Und es ist eine Tatsache: Die siebzig Jahre der Verödung waren zugleich der Anfang der sieben Zeiten der Nationen, wie schon gezeigt wurde.) Des Herrn Drohung lautet: "Euer Land wird eine Wüste sein und eure Städte eine Öde. Alsdann wird das Land seine Sabbate genießen, alle die Tage der Verwüstung und da ihr im Lande eurer Feinde seid, ... was es nicht geruht hat in euren Sabbaten, als ihr darin wohntet." - 3. Mose 26:34, 35, 43

Gott gestattete eine Zeitlang ihren oberflächlichen und halben Gehorsam, doch endlich entfernte er sie gänzlich aus dem Land, machte es öde, ohne irgendeinen Einwohner, und gab ihm die volle Zahl seiner Jubeljahre; nicht allein nur für die, die sie unvollkommen beachtet hatten, sondern auch für die ganze zukünftige Zahl, die nach seiner Anordnung noch kommen sollten, ehe das gegenbildliche Jubeljahr, das Wiederherstellungs- oder Tausendjahr-Zeitalter an der Zeit sein würde.

Da nun hierdurch die ganze Anzahl der vorbildlichen Jubeljahre, die dem Gegenbild vorangehen sollten, als siebzig angegeben sind, so haben wir damit noch ein weiteres Mittel, um auszurechnen, wann das Gegenbild beginnen muss. Die Berechnung dieser prophetischen Aussage über die ganze Anzahl der Jubeljahre ist einfach und leicht; und wie wir erwarten sollten, das Resultat stimmt genau mit dem, was die vom Gesetz dargereichte Berechnungsmethode ergab.

Die Gesamtzahl ist siebzig, und da neunzehn derselben, wenn auch nur mit halbem Herzen, von Israel vor der Verödung gefeiert worden waren, so folgt, dass die übrigen ein und fünfzig (70-19 = 51) den Zeitabschnitt vom letzten unvollkommen gehaltenen Jubeljahr bis herab zum großen Gegenbild bezeichnen. Doch hier achte auf einen Unterschied in der Berechnungsweise. Der Gesetzesberechnung nach zählten wir die zukünftigen Zyklen gerade wie die vergangenen mitsamt dem fünfzigsten oder Jubeljahr; denn das Gesetz zeigt die Dinge, wie sie hätten sein sollen, hätte Israel sie richtig ausgeführt. Die Prophetie jedoch berichtet, wie die Sachen tatsächlich vor sich gehen. Bedenke, wir untersuchen jetzt die prophetische Aussage und müssen also jetzt diese Zyklen zählen, wie sie stattgefunden haben - als Zyklen von neunundvierzig Jahren, ohne Jubeljahre; denn Israel feierte seit seinem neunzehnten kein Jubeljahr mehr. Die ersten neunzehn Zyklen hatten Jubeljahre, die seitherigen ein und fünfzig aber hatten keine; folglich müssen wir ein und fünfzig Zyklen mit neun und vierzig Jahren oder 2499 Jahre (49 x 51 = 2499) seit Israels letztem, vorbildlichem Jubeljahr bis zum Gegenbild zählen. Diese Berechnung, obwohl sie von der anderen unabhängig ist, endet genau da, wo die schon betrachtete Zählungsmethode des Gesetzes hinführt, nämlich Anfang Oktober 1874 n.Chr.

Um etlicher Leser willen lasst uns diesen Beweis in anderer Weise feststellen: - Die volle Zahl der von Gott angeordneten Jubeljahr-Zyklen war siebzig, wie es durch die deutlichen Aussagen in betreff des Grundes, warum ihr Land siebzig Jahre verödet sein sollte, gezeigt ist. Hierzu gehören sowohl die neunzehn, welche Israel in unbefriedigender Weise gehalten hatte, als auch die bis zum Gegenbild noch zu erfolgenden Zyklen. Wir berechnen nun all diese von ihrem Anfang beim Einzug in Kanaan an und wollen sehen, wo sie enden.

19 Zyklen mit hinzugefügtem Jubeljahr (jeder 50 Jahre) = 950 Jahre
51 Zyklen (je 49 Jahre) ohne Jubeljahre 2499 Jahre

70 Zyklen umspannen also eine Periode von 3499 Jahre

Diese Periode von 3449 Jahren, vom Betreten Kanaans an gerechnet, endet, wie die oben dargelegt, Oktober 1874, folgendermaßen:

Vom Betreten Kanaans bis zur Teilung des Landes 6 Jahre
Periode der Richter bis zum König Saul 450 Jahre
Periode der Könige 513 Jahre
Periode der Verödung 70 Jahre
Von der Wiedereinsetzung bis zum Jahre 1 536 Jahre

Ganze Zahl der Jahre vor Christi Geburt 1575 Jahre
Die Jahre seit Christi Geburt, erforderlich um die Periode von 3499 Jahren auszumachen,
sind 1874 volle Jahre, die (nach jüdischer Rechnung) enden würden, Oktober
1874 Jahre

Die Periode der 70 Zyklen, wie oben gezeigt, vom Anfang des Jubeljahr-Systems beim Betreten Kanaans
bis das Gegenbild, das große Jubeljahr oder die Zeiten der Wiederherstellung, Oktober 1874, begann
3449 Jahre

Das Jubeljahr als Vorbild im Gesetz
Chronologische Tabelle
(siehe vorherige Seiten)
Das Jubeljahr Vorbild datiert vom Betreten Kanaans:
Bis zur Teilung des Landes 6 Jahre
Periode der Richter 450 Jahre
Periode der Könige 513 Jahre

Bis zur Verödung 969 Jahre
19 Jubeljahr-Zyklen 950 Jahre

Rest: 19 Jahre

Vom letzten Jubeljahr bis zur Verödung 19 Jahre
Periode der Verödung und der Gefangenschaft aller in Babylon 70 Jahre
Von der Wiederherstellung in ihr Land durch Cyrus bis zum Jahr 1 536 Jahre
Vom Jahr 1 bis zum Jahr 1875 (nach jüdischer Zeit, beginnend mit Okt.), 1874 1874 Jahre

2499 Jahre
Das Jubeljahr prophetisch geschaut
(Jer. 25:9-12 und 2. Chron. 36:21)
Ganze Anzahl der Jubeljahr - siebzig
Neunzehn Einundfünfzig
Zyklen mit Jubeljahren, nur unbefriedigend beobachtet. Zyklen, jeder 7 x 7 = 49 Jahre, nach der Verödung des Landes, da keine Jubeljahre stattfanden.
19 x 50 = 950 Jahre 51 x 49 Jahre = 2499 Jahre
Zu 950 Jahren der Jubeljahrbeobachtung rechne seitdem 2499 Jahre - macht zusammen 3499 Jahre. Der ganze Zeitabschnitt vom Anfang dieses vorbildlichen Jubeljahr Systems bis zum Gegenbild - dem großen Jubeljahrtausend der Erde, den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge - im Oktober des Jahres 1874.

51 Zyklen (ohne Jubeljahre), wie sie tatsächlich verliefen und in der Prophezeiung erwähnt sind, jedes 49 Jahre, macht: 2499 Jahre. - Oder: Gesamtzahl der Jahre vom Betreten Kanaans bis Oktober 1874 beträgt: 2449 Jahre.

Der Abschnitt von 19 Zyklen mit Jubeljahren (950 Jahre) und 51 Zyklen allein (2499 Jahre) macht: 3499 Jahre.

Der logische Schluss ist leicht gemacht, wenn man diese Sachen als von göttlicher Anordnung annimmt. Wenn sie aber nicht göttlicher Anordnung sind, woher kommen sie? Wir legen sie nicht in das inspirierte Wort hinein, wir finden sie einfach in all ihrer Einfachheit und Schönheit darinnen; und wie all die andere köstliche und reiche Nahrung aus der Vorratskammer, die uns unser Herr jetzt auftischt (Luk. 12:37), ist dies wahrhafte "feste Speise" - nicht gerade für "Unmündige in Christo", sondern für die mehr entwickelten, "die geübte Sinne haben" (Hebr. 5:14), um diese jetzt "an der Zeit" seiende Speise zu unterscheiden und zu würdigen. Wenn sie nicht von göttlicher Anordnung und zu unserer Belehrung bestimmt sind, wie und woher kommen die beiden Beweise, die so genau mit einander stimmen und sich gegenseitig die Hand reichen? Um dich von ihrer göttlichen Anordnung zu überzeugen, beachte, dass diese siebzig Sabbatjahre in der Verödung auf keiner andern Stelle und in keiner andern Weise mit dem (50 x 50) Zyklus des Großen Jubeljahres in Harmonie gebracht werden können. Versuche es. Prüfe es. Nimm entweder einen Fehler an oder einen Ausfall auch nur eins der neunzehn von Israel gehaltenen Jubeljahre: Nimm an, dass achtzehn (also eins weniger) oder zwanzig (eins mehr) vor der Siebzigjahr-Verödung stattfanden. Rechne es aus, und du wirst sehen, dass diese beiden Beweislinien auf keine andere Weise, ohne ihnen selbst oder der Chronologie und anderen noch zu betrachtenden Weissagungen Gewalt anzutun, vereinbart werden können. Sie stimmen in dem Zeugnis überein, dass 1875 (anfangend mit Oktober 1874) das Datum des Anfangs der Zeiten der Wiederherstellung ist, und daher der Zeitpunkt, von dem an wir wissen können, dass die Himmel unseren Herrn, den großen Wiederhersteller, nicht mehr behalten haben.

Wenn diese Zeitweissagungen irgend etwas lehren, so lehren sie, dass das große Jubeljahrtausend, die Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, begonnen haben, und dass wir schon im Anbruch des Millenniums stehen, sowie auch in der "Ernte" des christlichen Zeitalters - welche beiden Zeitalter vierzig Jahre lang übereinander greifen - auch "der Tag des Zornes" genannt. Wir sind schon vierzehn Jahre in diesem Vierzig-Jahr-Tag des Zornes; und die Vorbereitungen zum Kampfe häufen sich rasch. Die vor uns liegenden sechs und zwanzig Jahre werden vollständig hinreichen, "alles was geschrieben steht", hinauszuführen.

Kein Leser schließe voreilig, dass um uns her keine Anzeichen der Wiederherstellung vorhanden seien, noch auch, dass die Sonne der Gerechtigkeit die Wachttürme Zions noch nicht vergoldet und die Welt erleuchtet. Er denke vielmehr darüber nach, dass wir nunmehr in dem Tage sind, da die verborgenen Dinge offenbar gemacht werden; und bedenke, dass das erste Wiederherstellungswerk naturgemäß ein Niederreißen alter und verfallender Gebäude sein muss, die an der Stelle stehen, da die neuen errichtet werden sollen. Bedenke, dass das erste Werk eines Arztes oft das ist, die Wunde zu öffnen und zu reinigen und zu beschneiden, je nachdem es der Patient bedarf, damit das Heilungswerk ein durchgreifendes sein kann. Dass solches Verfahren Schmerz verursacht und vom Kranken selten zur Zeit gewürdigt wird, braucht man niemandem zu sagen; und so ist es mit dem Werk des großen Arztes, des Wiederherstellers, des Lebensspenders: Er verwundet, um zu heilen, und die Trübsal und das Sichten, das über Kirche und Welt kommt, ist nur das nötige Lanzieren und Reinigen, und ein sehr wichtiger Teil des Wiederherstellungswerkes.

In dem Vorbild musste die Jubeljahr-Posaune geblasen werden, als das Jubeljahr anfing, durch das ganze Land und allen Einwohnern desselben Freiheit anzukündigen (3. Mose 25:10). Das Gegenbild wird mit dem Ertönen der (symbolischen) "siebten Posaune", "der Posaune Gottes", der "letzten Posaune" eingeleitet. Es ist in der Tat die große Posaune. Sie kündet jedem Gefangenen Freiheit an: und wenn es auch zuerst die Darangabe mancher abgelaufener Ansprüche und Vorrechte bedeutet und eine Zeit der Störung und des Umsturzes alter Gebräuche, Gewohnheiten usw. ist, ihre volle Bedeutung, wenn recht erkannt, ist "Frohe Botschaft großer Freude, die allem Volk widerfahren soll."

In dem ersten Aufruhr wird gewöhnlich jeder, der die Jubeljahr-Posaune der neuen Heilszeitordnung vernimmt, von irgendeinem ihrer vielen Züge besonders stark erfasst und beachtet die anderen nicht. Der eine sieht die Angemessenheit obrigkeitlicher Reform, die Beseitigung stehender Heere und ihrer lastenden Steuern, und fordert sie. Ein anderer fordert das Abtun betitelter Aristokratie und die Anerkennung jedermanns nach seinen mannhaften Eigenschaften. Andere sind für Abschaffung des Grundeigentums und begehren, Landeigentum sollte wie im Anfang, je nach der Notwendigkeit, Fähigkeit und Willigkeit es auszunützen, jedem berechtigt sein. Wieder andere rufen nach Temperanz-Reformen, und durch Zwangs- und allerlei Gesetze, durch Gesetz- und Ordnungs-Gesellschaften suchen sie das große Übel der Trunksucht in Ketten zu schlagen, und fangen an, die zu hindern, die aus Geldliebe ihren Mitmenschen Schlingen legen, sie zu Knechten machen und verderben, und die ihre Klauen in ihre Schwachheiten schlagen und von ihrem Blut sich mästen und wohl leben. Andere bilden Humanitäts- und Anti-Grausamkeits-Gesellschaften, um solchen Einhalt zu gebieten, die Fähigkeit und Lust haben, Schwache und Abhängige zu schädigen. Andere bilden Vereine zur Unterdrückung von Laster und unsittlicher Literatur. Andere bilden Anti-Fälscherei-Gesellschaften, um Nahrungsverfälschungen nachzuspüren, und die an den Pranger zu stellen, gerichtlich zu verfolgen und zu strafen, die um Gewinnsucht willen Lebensmittel fälschen und sie wohl gar gesundheitsschädlich machen. Gesetze werden gemacht, um Leben und Gesundheit des Volkes zu schützen. Minenarbeiter müssen reine Luft haben, was auch die Kosten seien. Sie müssen für Feuersgefahr zwei Auswege haben. Für Arbeiter, die machtlos sind, sich selbst zu helfen oder ihre Arbeitsplätze zu wählen, wird durch öffentliche Gesetze gesorgt. Sie dürfen nicht nur dann bezahlt werden, wenn es gerade den Arbeitgebern gefällt noch in Geschäftsanweisungen; das Gesetz fordert, dass wenigstens alle zwei Wochen und in bar Zahltag sein muss. Sie dürfen nicht mehr in Häuser zusammengepfercht werden, wo sie im Falle von Feuer in Gefahr wären, entweder verbrannt zu werden oder sich durch Springen zeitlebens zu verkrüppeln; Feuerleitern müssen angelegt werden; und für jeden Todesfall oder Schaden, der auf Nachlässigkeit von Seiten des Arbeitgebers zurückzuführen ist, ist dieser verantwortlich, und entweder mit Geldstrafen, Schadenersatz oder Gefängnis strafbar. Reiche Korporationen, wie Eisenbahnen und Dampfschifffahrts-Gesellschaften sind gezwungen, für Leben und Wohl der Leute, der armen wie der reichen, zu sorgen. Diese Reformen sind Ergebnisse des Erwachens des Volkes durch die Jubeljahr-Posaune der Erkenntnis und Freiheit, und sind nicht auf bloße Wohltätigkeit auf Seiten der mehr begünstigten Klasse zurückzuführen: Denn obwohl alle wohltätig Gesinnten in der begünstigten oder wohlhabenden Klasse und solche, die Gerechtigkeit lieben, über diese Anfänge von Reform froh sind und sein können, so geben doch andere, und zwar die Mehrzahl, nur ungern und gezwungen nach. Wohl wahr, solche Gesetze und Anordnungen sind noch nicht vollkommen, noch auch allgemein, aber solche Anfänge zu bemerken, erfreut unsere Herzen und gibt Aussicht auf das, was erwartet werden mag, wenn die Demütigen und Geringen erhöht und die Stolzen erniedrigt und die Jubeljahr-Anordnungen in voller Wirksamkeit sind. All dies sind Teile der Reform-Bewegung, die das große Jubeljahr der Welt einleiten; und obwohl schon viel verlangt worden ist und viel nach und nach bewilligt wurde, doch werden politische, soziale, kirchliche und finanzielle Könige, Kaiser und Königinnen dem großen Gleichmachungsprozess dieses Jubel- oder Restitutionszeitalters nicht ohne großen und ernsten Kampf sich unterwerfen. Das ist es, was die Schrift als gerade vor uns aufweist. Es ist unausbleiblich, und obwohl schwer, so wird es doch schließlich zum besten dienen.

Der Geist der "Freiheit durch das ganze Land" wird in der Tat von den Unwissenden und Heißköpfigen manchmal bis zu einem unvernünftigen Grad getrieben; und doch ist es alles ein Teil der unausbleiblichen Jubeljahr-Aufregung, die durch Unwissenheit und Unterdrückung der Vergangenheit hervorgerufen wurde. Niemand als nur die "kleine Herde" des Herrn ist völlig und richtig darüber belehrt, was der großartige Umfang der Wiederherstellung sein soll. Sie sehen die geringeren Wechsel, das Ausgleichen der unbedeutenderen Angelegenheiten der Menschen, aber sie sehen auch, was von keinem anderen Standpunkt aus, als dem von Gottes Wort, gesehen werden kann - dass der große Sklaventreiber, Sünde, seiner Macht beraubt, dass das große Gefängnis des Todes geöffnet und jedem Gefangenen Freiheit dargeboten werde. Sie sehen dies verbürgt und unterzeichnet mit dem teuren Blut des Lammes Gottes, das hinwegträgt die Sünden der Welt - des großen Erkaufers und Wiederbringers. Wahrlich, frohe Botschaft wird es allem Volke sein, nicht nur den Lebenden, sondern auch allen, die in den Gräbern sind. Vor dem Ende dieses großen Jubeljahrtausends mag jedes menschliche Wesen frei ausgehen - mag es zurückkehren zum ursprünglichen Zustand der Menschheit, "sehr gut" werden, und durch Christus alles zurückerhalten, was durch Adam verloren ging.

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Studie 7

Parallele Heilszeitordnungen

Das jüdische Zeitalter ein Vorbild des christlichen Zeitalters. - Bemerkenswerter Parallelismus oder entsprechende Ähnlichkeit der beiden Heilszeitordnungen. - Doch sind sie verschieden. - Höherer Vorzug des christlichen Zeitalters, des Gegenbildes. - Fleischliches und geistliches Israel gegenseitig verglichen. - Bedeutsame Parallelen betrachtet. - Zeitparallelen besonders betrachtet. - Periode der Gunst für das fleischliche Israel. - Zeitpunkt, da sie von der Gnade abgeschnitten wurden. - Die Periode der Ungunst von der Prophetie als der Periode der Gunst gleich lang dargetan. - Das Zeugnis der Apostel, dass ihre Periode der Ungunst die Periode für die hohe Berufung des geistlichen Israel ist. - Die Länge des christlichen Zeitalters hierdurch indirekt, aber deutlich angegeben. - Die Harmonie der biblischen Chronologie, des Jubeljahrzeugnisses, der Heidenzeiten und anderer Prophezeiungen mit dem, was diese Parallelen unwidersprechlich und überzeugend lehren.

In vorhergehenden Kapiteln ist auf den Umstand Bezug genommen worden, dass Gottes Verfahrensweise mit dem Volk Israel einen vorbildlichen Charakter hatte. Doch wenige nur haben einen Begriff, wie sehr dies der Fall war. Von manchen wird ohne Zweifel beobachtet worden sein, dass die Apostel, besonders Paulus, bei ihrer Unterweisung der christlichen Kirche häufig auf einige auffallende Züge von Vor- und Gegenbild in der jüdischen und christlichen Heilszeitordnung Bezug nahmen. Doch eine genauere Betrachtung der Lehren des Apostel Paulus wird uns zeigen, dass er nicht nur auf ein paar Illustrationen hinweist, die er dem jüdischen Heilshaushalt entnommen, sondern dass er bei seiner scharfen Dialektik das ganze jüdische System als göttlich veranstaltet ins Feld führt. Ganz und gar die "Aufsätze (Traditionen) der Ältesten" ignorierend, zeigt er, dass es in all seinen Einzelheiten von der eben anbrechenden christlichen Heilszeitordnung vorbildlich war. Auf das deutlichste legte er den Lauf der christlichen Kirche (griech.: Ekklesia: Herauswahl) in dem christlichen Zeitalter dar, sowie auch ihr glorreiches Werk im Tausendjahrzeitalter.

Viele meinen, dass das jüdische und christliche Zeitalter eigentlich eins sei, und dass Gott die christliche Herauswahl vom ersten Anfang menschlichen Daseins an ausgewählt habe. Dies ist ein schwerer Missgriff, der das rechte Verständnis vieler Wahrheiten verdunkelt und verhindert. Jesus war das Haupt und der Vorläufer der christlichen Ekklesia (Herauswahl), die da ist sein Leib (Eph. 5:23; Kol. 1:24); folglich ging ihm niemand als Glied der Herauswahl voraus. Wäre ihm jemand vorangegangen, so könnte er nicht mit Recht der Vorläufer genannt werden. Die "hohe Berufung", Mitopferer mit ihm und schließlich Miterben mit ihm zu werden, war in früheren Zeitaltern nicht kund gemacht worden (Eph. 3:2, 5, 6). Brave Leute, die da lebten und starben, ehe die tatsächliche Bezahlung unseres Lösegeldes mit dem teuren Blut geschah, wussten nichts von dieser "hohe Berufung". Und da die Gaben und Berufungen Gottes unverdiente Gnadengaben sind, so geschah denen in anderen Zeitaltern kein Unrecht dadurch, dass ihnen nicht die gleiche Gnade angeboten wurde. Der Gnadenruf, denen vergangener Zeitalter angeboten, wie es auch mit denen des zukünftigen Zeitalters sein wird, war eine Ruf zu irdischen Ehren und irdischer Herrlichkeit und zu ewigem Leben als irdische (menschliche) Wesen, während der Gnadenruf des christlichen Zeitalters ein solcher zu himmlischer Ehre und Herrlichkeit ist, zu einem Wechsel der Natur, von der menschlichen zur göttlichen, und zur Macht, Ehre und Herrlichkeit im Himmel und auf Erden, als Miterben und Mitarbeiter mit Christus. Und da die so aus der Welt gerufene und von ihr getrennte und während dieses Zeitalters entwickelte Herauswahl in dem kommenden Zeitalter das Werkzeug Jehovas sein soll bei der vollen Hinausführung seines großen Planes der Zeitalter - eines Planes, der nicht nur das Wohl der Menschheit, sondern aller Kreaturen im Himmel und auf Erden umfasst - so sind in den vergangenen Zeitaltern für ihre Erziehung und Unterweisung wunderbare Vorbereitungen getroffen worden. Und nicht weniger wunderbar war die Sorgfalt, mit der diese zu Erben göttlicher Herrlichkeit Berufenen während dieses Zeitalters den langen, schwierigen, schmalen Weg entlang erzogen, geschult, geleitet und beschützt wurden - auf dem Wege, den ihr Herr und Vorläufer, in dessen Fußstapfen, wie er uns ein Vorbild gelassen, sie zu wandeln angewiesen, zuerst eröffnet hat- 1. Petr. 2:21.

Unser Herr brachte die drei und ein halb Jahre seiner Amtstätigkeit damit zu, die wenigen Jünger, die den Kern der Herauswahl bilden sollten, aus Israel zu sammeln, sie zu erziehen und zu unterweisen. Als er im Begriffe war, sie in der Welt allein zu lassen, gab er ihnen die Verheißung des heiligen Geistes, der das ganze Zeitalter hindurch die Herauswahl in alle Wahrheit leiten und ihnen Zukünftiges zeigen, und, was er gelehrt, frisch ins Gedächtnis rufen sollte; welche Verheißung sich am Pfingstfest bewahrheitete. Ebenso steht geschrieben, dass alle Engel dienende Geister seien, die denen zu dienen ausgesandt werden, die dieses große Heil ererben sollen (Hebr. 1:14), und dass bis zum Ende des Zeitalters unseres Herrn besondere Sorge über sie waltet (Matth. 28:20). Alle Schriften der Apostel sind an die Herauswahl und nicht an die Welt gerichtet, wie manche zu meinen scheinen; und sie sind voller besonderer Belehrungen, Ermunterungen und Ermahnungen, nur den Heiligen nötig, die während dieses Zeitalters in dem schmalen Weg wandeln. Und die Offenbarung, die unser Herr von Gott empfing, nachdem er in die Herrlichkeit aufgenommen worden war, sandte er und deutete sie (zeigte sie in Zeichen, Sinnbildern usw.) seiner Herauswahl durch seinen Diener Johannes (Offb. 1:1). Es wird uns auch gesagt, dass die Prophezeiungen, die von jeher durch die heiligen Männer gegeben wurden, nicht für sie selbst, noch auch für andere ihres Zeitalters gegeben worden sind, sondern ausschließlich zur Unterweisung der Herauswahl. - 1. Petr. 1:12

In diesem Kapitel wollen wir zeigen, dass das ganze jüdische Volk während ihres ganzen Zeitalters unter Gottes Führung unbewusst beschäftige war, uns ein lehrreiches Vorbild über den ganzen Heilsplan in all seiner Wirksamkeit zu geben, gerade wie wir soeben sahen, dass ihre Jubeljahre die schließliche Hinausführung des Planes in der Segnung aller Geschlechter der Erde vorstellen. Durch Hervorholen aus dieser so reichlich und ganz besonders für die Herauswahl gefüllten Vorratskammer der Wahrheit geschieht es, dass der Geist Gottes uns nährt und uns nach und nach in ein mehr und mehr völliges Verständnis seines Planes leitet, so schnell als diese Erkenntnis für uns möglich ist. Und aus dieser großen Vorratskammer reicht uns Gott viel von dem jetzt uns nötigen Licht, der "Speise zur rechten Zeit" in dieser "Ernte"- Zeit am Schluss des Zeitalters, dar. Da Gottes Sorgfalt und reiche Vorkehrung so viel größer für die Herauswahl als für andere Leute in Vergangenheit und Zukunft gewesen ist, wie wichtig muss in seinen Augen diese Erkenntnis für uns sein, und wie eifrig sollten wir uns dieselbe zu nutzen machen.

In diesem Kapitel oder Band wollen wir in keine eingehende Untersuchung der vorbildlichen Züge der Verfahrensweise Gottes mit Israel eingehen, wie dieselbe in der Stiftshütte, dem Tempel, den Zeremonien und Opfern usw. dargestellt ist. Wir wollen nur auf einige der hervorstechendsten und hauptsächlichsten Merkmale entsprechenderÄhnlichkeit zwischen der jüdischen und christlichen Heilszeitordnung als Vor- und Gegenbild recht die Aufmerksamkeit lenken. Denn alles, was die christliche Herauswahl tatsächlich ausführt und vollbringt, hat die jüdische Herauswahl (aus den übrigen Völkern) voraus abgebildet. Und viele dieser Züge entsprechender Ähnlichkeit sind nicht nur, was ihre Eigentümlichkeit betrifft, parallel, sondern auch deren betreffende Zeit des Geschehens. Selbst in ihrer Geschichte als Volk und in der Geschichte vieler einzelner Persönlichkeiten desselben finden sich durch die Schrift entsprechende Ähnlichkeiten angedeutet. Etliche derselben haben christliche Denker längst bemerkt, andere aber sind gänzlich übersehen worden. Hier eröffnet sich uns ein schönes und fruchtbares Feld des Denkens und Forschens.

Paulus bezeichnet die Herauswahl "Israel nach dem Fleisch" und die christliche Herauswahl "dasIsrael Gottes" (1. Kor. 10:18; Gal. 6:16). So mögen wir sie mit Recht als fleischliches und geistliches Israel benennen. Die höhere Stellung des geistlichen Hauses ist ebenfalls vom Apostel angezeigt, wenn er das fleischliche Israel als ein Haus (eine Familie) von Knechten und das geistliche Israel als ein Haus von Söhnen bezeichnet (Hebr. 3:5,6; Röm. 8:14). Das fleischliche Haus war in verschiedener Weise der geehrte Diener des geistlichen Hauses, aber besonders darin, dass es lebende Bilder zur Veranschaulichung geistiger Dinge lieferte, die, wenn studiert und beobachtet, das Haus der Söhne reichlich segnen und ihm Licht verleihen würden.

In beiden gab es in Gottes Augen ein Israel dem bloßen Namen nach und ein eigentliches Israel, obgleich beide vor Menschen als eins erschienen. Denn das sogenannte Israel und das wirkliche Israel waren bis zu den Enden oder den Erntezeiten ihrer sie betreffenden Zeitalter nicht deutlich unterscheidbar. Erst dann bewirkt die dann fällige und ans Licht gebrachte Wahrheit die Scheidung und macht offenbar, wer zum wirklichen oder wer nur zum sogenannten Israel gehört. Von dem fleischlichen Haus sagt Paulus: "Nicht alle sind Israel, die (dem Namen nach) aus Israel sind" (Röm. 9:6); und unser Herr machte denselben Unterschied, wenn er von Nathanael sagte: "Siehe in Wahrheit ein Israelit, in welchem kein Falsch ist." Auch nannte er, als er in der Erntezeit den wahren Weizen vom Scheinweizen trennte, den ersteren guten Weizen und das andere bloße Spreu, obwohl der Weizen verhältnismäßig nur eine Handvoll war, und die Spreu nahezu das ganze Volk einschloss. Auf ähnliche Weise und unter einem ähnlichen Bild werden die sogenannten und die wirklichen Glieder des geistlichen Israel des christlichen Zeitalters angezeigt; und ihre Trennung findet ebenfalls in der Erntezeit - am Ende des christlichen Zeitalters - statt. Nur der Weizen, eine verhältnismäßig kleine Zahl, eine "kleine Herde", wird dann von der sogenannten Masse des geistlichen Israel getrennt werden, während die große Masse, die nur Lolch und nicht eigentlicher Weizen sind, als der Hauptgnade, zu der sie berufen waren, unwürdig verworfen und nicht zu den Edelsteinen des Herrn gerechnet werden - Röm. 9:27; 11:5; Luk. 12:32; Matth. 3:12; 13:24-40

Das Haupt des fleischlichen Hauses war Jakob mit dem Beinamen Israel (ein Fürst); und durch seine zwölf Söhne gründete er das Haus, das seinen Namen trug, das Haus Jakob, das Haus Israel. So mit dem geistlichen Haus: Sein Gründer, Christus, stellte es her durch die zwölf Apostel; und auch dies Haus trägt den Namen seines Gründers - die Herauswahl Christi. Was die Zeit anbetrifft, so berief Gott das fleischliche Israel zuerst; aber in betreff Gnadenerweisung und der Zeit der Verwirklichung kommt das geistliche Israel zuerst. So wird das erste das letzte und das letzte das erste sein (Luk. 13:30). Die Schrift bezeichnet diese beiden Häuser deutlich als den fleischlichen Samen Abrahams und den geistigen Samen Jehovas - des himmlischen Vaters, den Abraham im Vorbild darstellte.

Einige sind wichtigen Wahrheiten gegenüber verblendet, weil sie meinen, dass der Ausdruck die "beiden Häuser Israel" sich auf die beiden Teile des fleischlichen Israel nach ihrer Trennung zur Zeit Rehabeams, des Sohnes Salomos, beziehe. Solche brauchen nur darauf hingewiesen zu werden, dass nach der Gefangenschaft in Babylon, nach ihrer Wiederkehr nach Palästina, allen Israeliten aller Stämme, die ja allesamt in dem Weltreich Medo-Persien gefangen waren, die Freiheit geschenkt wurde, wenn sie wollten, in ihr Land zurückzukehren (Esra 1:1-4). Viele der glaubenstreuen Israeliten aller Stämme, welche die Verheißungen Gottes bezüglich des heiligen Landes und der heiligen Stadt hochhielten, kehrten da zu den verschiedenen Städten Palästinas zurück. Der Stamm Juda, der Hauptstamm, dem das Königtum zuerteilt war, und in dessen Gebiet Jerusalem, die Hauptstadt, lag, nahm natürlich einen Hauptanteil bei seinem Wiederaufbau; aber seit jener Rückkehr aus Babylon war Israel kein geteiltes Volk mehr, sondern wohnte beisammen wie zuerst als ein Volk, unter dem einen ursprünglichen Namen, Israel, bekannt. - Neh. 11:1, 20: Esra 1:70

Dies ist weiter im Neuen Testament hervorgehoben. Der Herr und die Apostel sprechen vom fleischlichen Israel als von einem. Paulus sagt: Was Israel erstrebt, das erlangte es nicht; die "Auswahl" aber wurde würdig erfunden (Röm. 10:1-3; 9:27; 11:5-12, 20-25; Apg. 26:7). Unser Herr sagt: Ich bin gesandt zu (all) "den verlorenen Schafen vom (einen) Haus Israel." Da er aber seinen Jüngern nicht gestattete, sie außerhalb Palästinas zu suchen (Matth. 10:5, 6; 15:24), so ist klar, dass die in Palästina Lebenden ganz Israel vertraten. Petrus spricht auch vom fleischlichen Israel als einem Haus; und als er das Volk zu Jerusalem anredete, sagte er: "So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss usw. Jakobus redet auch von den zwölf Stämmen aus einem Volk (Apg. 2:36; Jak. 1:1). Aus allen Stämmen wohnten viele in Palästina, und aus allen Stämmen wohnten viele unter den umgebenden Völkern. So traf Paulus in fast jeder Stadt, die er in Klein-Asien und Italien besuchte, Israeliten an und predigte ihnen, aber sie waren stets nur ein Volk. Das geistliche Israel ist das einzige andere Israel.

Gott gab jedem dieser beiden Häuser Israel einen besonderen Bund oder Verheißungen. Die dem fleischlichen Haus zugeteilten Verheißungen sind alle irdisch, während die für das geistliche alle himmlisch sind. Obwohl die dem fleischlichen Haus geltenden Verheißungen groß und köstlich waren (und noch sind), so werden doch die für das geistliche Haus als "bessere Verheißungen" und "über die Maßen große und köstliche Verheißungen" gekennzeichnet (Hebr. 8:6; 2. Petr. 1:4). Dem fleischlichen Haus wurde gesagt: "Wenn ihr fleißig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern, denn die ganze Erde ist mein, und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein". Und wenn auch ganz Israel sprach: "Alles, was Jehova geredet, wollen wir tun" (2. Mose 19:5-9), und dann ihren Bund zu halten verfehlten, so werden dennoch die Treuen unter ihnen, die ernstlich in ihrer Schwachheit es zu tun strebten, im Millennium zu "Fürsten gesetzt werden in aller Welt". - siehe Band 1, Studie 14 -

Dem geistlichen Haus dagegen wird gesagt: "Ihr selbst werdet als lebendige Steine aufgebaut, ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum, um darzubringen Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich durch Jesum Christum. .... Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündiget, der euch berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht, die ihr einst nicht ein Volk waret, jetzt aber ein Volk Gottes seid." - 1. Petr. 2:5, 9, 10 (Anmerkung: Das Wort geistlich vor Opfer (Vers 5) fehlt in dem ältesten griechischen Manuskript - dem sinaitischen. Die Richtigkeit und Angemessenheit dieser Auslassung leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass nicht geistliche Dinge, sondern irdische oder menschliche Rechte, Privilegien usw. geopfert werden.)

Das fleischliche Israel hatte nach Gottes Anordnung eine Stiftshütte mit Händen gemacht, die sowohl in sich selbst als auch in all ihren Verrichtungen vorbildlich war (Hebr. 9:1, 2, 9, 10). Das geistliche Israel aber hat "die wahrhaftige (die gegenbildliche) Hütte, welche der Herr errichtet hat, und nicht der Mensch" (Hebr. 8:2). Für den Dienst der vorbildlichen Hütte war eine vorbildliche Priesterschaft verordnet, deren Haupt Aaron war, die für die Sünden des vorbildlichen Volkes vorbildliche Opfer darbrachte und jedes Jahr eine vorbildliche Reinigung oder Rechtfertigung vollbrachte; und die gegenbildliche Hütte hat ihre Priesterschaft, welche bessere Opfer (Hebr. 9:23) darbringt, die wirklich und für immer die Sünden der ganzen Welt abtun. Und von dieser Priesterschaft ist unser Herr Jesus der Hauptpriester - der Hohepriester unseres Bekenntnisses (oder unserer Ordnung), und die Herauswahl, die da ist sein Leib, sind die Unterpriester. Die ganze sogenannte Kirche ist nicht diese Priesterschaft, sondern die wahre Herauswahl, die Gläubigen in Christus Jesus, die den Fußstapfen ihres großen Hohenpriesters im Opfern nachfolgen, die sind es.

Ein anderer hervortretender Zug dieser entsprechenden Ähnlichkeit als Vorbild und Gegenbild, der in der Schrift angemerkt ist, ist der, dass beide Häuser (das fleischliche wie geistliche) nach Babylon in die Gefangenschaft geführt wurden. Dies wird klarer werden, wenn wir später zur Betrachtung von "Babylon, der Großen, der Mutter der Huren", kommen (Offb. 17:5-6). Wir bemerken hier nur die entsprechende Ähnlichkeit. Das fleischliche Israel wurde in das buchstäbliche Babylon, das am buchstäblichen Euphrat erbaut war, gefangen geführt, während das mystisch oder bildliche Babylon, welches das geistliche Israel gefangen führte, als an dem mystischen Euphrat liegend, dargestellt ist. Im Vorbild wurden die goldenen Gefäße des Tempels nach dem buchstäblichen Babylon gebracht und dort entweiht, im Gegenbild wurden die köstlichen göttlichen (goldenen) Wahrheiten, die zum Dienst des wahren Tempels, der Herauswahl, gehörten (1 Kor. 3:16,17; Offb. 3:12), weit von ihrem rechten Platz entfernt, verderbt und vom mystischen Babylon missbraucht. Das buchstäbliche Babylon war an dem Fluss Euphrat gebaut, der bedeutend zu seinem Reichtum und seinen Einkünften beitrug, und der Sturz Babylons wurde durch das Abgraben seiner Wasser bewerkstelligt. So sitzt das mystische Babylon auf oder wird gestützt von vielen Wassern (Völkern, Nationen), und sein Fall wird, wie vorhergesagt, durch das Abwenden seiner Unterstützer und Erhalter, des Volkes, bewirkt - Offb. 16:12

Zeit-Parallelen, die da messen Schatten und Wesen - Vorbild und Gegenbild

Wir kommen nun zur Betrachtung des wunderbaren Zuges dieser vorbildlichen entsprechenden Ähnlichkeit, nämlich zu der Zeitfrage, die in jedem Fall die Daten unterstützt und bestätigt, die durch die Jubeljahre, die Chronologie und den vorhergesagten Schluss der Zeiten der Nationen angezeigt wurde. Und zu diesem Zweck handeln wir hier besonders von dieser Sache - damit die Kraft dieses wunderbaren Parallelismus den Glauben der Kinder Gottes an das Zeit-Element seines Planes vermehren und bekräftigen möchte, wozu es offenbar beabsichtigt war. - Hebr. 9:9, 23; 10:1

Von allen Prophezeiungen und Zeitbeweisen ist keine so schlagend und überzeugend als diese. Ihre Lehre setzt, um ihrer eigenen Einfachheit willen in Erstaunen und überführt die Herzen der Demütigen. Nicht nur das fleischliche Israel und seine Zeremonien war vorbildlich, sondern auch das jüdische Zeitalter war es vom christlichen Zeitalter. Sie sind genau von derselben Länge und entsprechen auch hierin einander; so dass, wenn wir das jüdische Zeitalter, seine Länge und die Eigentümlichkeiten seiner Ernte oder seines Endes sehen und verstehen, wir auch genau die Länge des christlichen Zeitalters, seines Gegen- oder Nachbildes wissen und verstehen können, wann wir die Ernte des christlichen Zeitalters und was wir in betreff derselben zu erwarten haben. Doch lasst uns nun darangehen, dies zu zeigen; denn wenn wir es auch im allgemeinen zugeben wollen und sagen, dass, da die verschiedenen Züge des jüdischen Systems denen des christlichen Zeitalters entsprechen, so muss auch die Zeit entsprechen, so hat uns doch Gott dies nicht bloß zu schließen überlassen, sondern hat es uns deutlich, wenn auch indirekt, gesagt.

Paulus sagt uns, Gott habe das fleischliche Haus während der Zeit der Auswahl des geistlichen Hauses von der Gnade verworfen; und wenn das geistliche Haus ausgewählt ist, dass dann Gottes Gunst zum fleischlichen Haus zurückkehren werde. Er sagt: "Ich will nicht, Brüder (Brüder der Herauswahl oder des geistlichen Israel), dass euch dies Geheimnis unbekannt sei, auf dass ihr nicht euch selbst klug dünket: dass (nämlich) Verstockung Israel (dem natürlichen oder fleischlichen) zum Teil widerfahren ist, bis dass die Vollzahl der Nationen. (Man sollte die "Vollzahl der Nationen" ja nicht mit den schon erwähnten "Zeiten der Nationen" verwechseln. Die "Zeiten der Nationen" ist, wie schon gezeigt, die Zeitperiode, während welcher den Nationen zugelassen war, die Welt zu beherrschen, während die "Vollzahl der Nationen" sich auf die volle Zahl derjenigen bezieht, die aus den Heiden herausgewählt werden sollten, um die christliche Herauswahl voll zu machen, die zusammen mit dem "Überrest" (Luther das Übrige), der aus den Israeliten ausgewählt wurde (wozu die Apostel gehören) die Herauswahl Christi, das heilige Volk, die königliche Priesterschaft, das Königreich Gottes bilden sollen, um das Reich und die Herrschaft über die Erde zu empfangen" (Luther das Übrige), der aus den Israeliten ausgewählt wurde (wozu die Apostel gehören) die Herauswahl Christi, das heilige Volk, die königliche Priesterschaft, das Königreich Gottes bilden sollen, um das Reich und die Herrschaft über die Erde zu empfangen.) eingegangen sein wird, und so wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: "Es wird aus Zion der (verheißene) Erretter (der Christus - unser Herr als dessen Haupt und der Überrest oder die wenigen Getreuen beider sogenannten Häuser Israels, die seinen Leib, die Herauswahl, ausmachen sollen) kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden; und dies (das vorhergehende) ist für sie der Bund von mir (der in Kraft tritt), wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde. Hinsichtlich des Evangeliums (der hohen Berufung dieses Zeitalters) sind sie zwar Feinde (Verworfene) um euretwillen (dass ihr den Vorzug haben und den auserlesensten, den geistlichen Teil der Verheißung ererben möchtet), hinsichtlich der Auswahl aber (wonach sie zum Empfang besonderer irdischer Gunsterweisungen von Seiten Gottes erwählt sind, die ihrem Vater Abraham und seinem natürlichen Samen verheißen waren, sind sie) Geliebte um der Väter willen. Denn die Gnadengaben und die Berufungen Gottes sind unbereubar." Was Gott verheißen, ist der Erfüllung gewiss. Das Ende vor dem Anfang kennend, machte Jehova niemals einen Bund, den er zu brechen nötig hätte oder zu brechen wünschen müsste.

In dieser Weissagung gibt der Apostel eine Andeutung über die Länge des christlichen Zeitalters, indem er zeigt, dass es mit ihrer Verwerfung begann und mit ihrer Wiedereinsetzung in die Gunst enden wird. Wenn wir die beiden Aussagen, die des Paulus und Petrus (Röm. 11:27 und Apg. 3:19, 20), zusammen nehmen, so lernen wir, dass die Zeit für die Rückkehr der Gunst zu Israel am Anfang der Zeiten der Wiederherstellung beim zweiten Advent unseres Herrn sein wird. Paulus sagt, die Rückkehr der Gunst zu jenem Volk wird eintreten, wenn Gott ihre Sünden weggenommen haben wird, was er, wie Petrus sagt, in den Zeiten der Erquickung oder der Restitution tun wird, die da kommen sollen, wenn unser Herr zum zweitenmal kommt, wenn die Himmel ihn nicht mehr behalten.

Das Datum der Wiederkunft unseres Herrn und der Anbruch der Zeiten der Wiederherstellung wird, wie wir schon zeigten, das Jahr 1874 sein. Wir sollten also erwarten, kurz nach 1874 etliche Anzeichen zu Israel zurückkehrender göttlicher Gunst zu gewahren, als einer der ersten Züge des Restitutionswerkes. Und so ist es auch. Wir sehen, dass Vergünstigung zum fleischlichen Israel zurückkehrt. Und jeder neue Beweis der Entfernung der Blindheit Israels und der Zuwendung der göttlichen Gnade zu ihnen ist durch die Worte des Apostels bemessen ein neuer Beweis, dass das christliche Zeitalter zu Ende geht, und dass die "kleine Herde" ungefähr vollzählig ist. Doch wir haben noch weiteren Beweis, der uns das genaue Datum angibt, wann die Gnade zu Israel zurückzukehren beginnen soll. Soweit haben wir bloß gesehen, dass das Maß für Israels Zustand des Verworfenseins das Maß für die Zeit besonderer Gunst für andere, für die Berufung anderer Leute (Heiden oder Nationen), Miterben Christi zu werden, sei. Diese Ruf endet im Anfang der Zeiten der Wiederherstellung, doch nicht (so zeigen andere Prophezeiungen) gleich am Anfang derselben.

Doch halte hier einen Augenblick - damit sich kein Missverständnis einschleiche. Wenn die Ruf zu dem hohen Vorrecht, Glieder der Herauswahl, der Braut und Miterben Christi zu werden, aufhört, so heißt das durchaus noch nicht, dass alle schon Berufenen auch sicher sind, dass sie werden würdig erachtet und daher erwählt werden, denn "viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt", weil nur wenige der Berufenen die Bedingungen der Berufung erfüllen. Noch auch heißt es, dass denen, die von da ab nicht mehr zu der "hohen Berufung" gerufen werden, keine anderen Gnaden mehr angeboten werden. Die Sache ist die, wenn diese "hohe Berufung" aufhört, geschieht es darum, dass der große Entwerfer des Planes der Zeitalter den Teil seines Planes, den er im christlichen Zeitalter auszuführen beabsichtigt, beinahe vollendet hat - nämlich die Wahl der Kirche (Herauswahl), der Braut Christi. Alle Menschen sind nicht zu dieser hohen Ehre berufen worden. Uns ist ganz besonders gesagt worden, dass es Gottes Absicht war, zu diesem Zweck nur eine beschränkte Zahl, "eine kleine Herde" im Vergleich zu der Masse der Menschheit, auszusuchen. Nachdem nun genug gerufen worden sind, und die Zeit für den Ruf vorbei ist, und es nicht mehr am Platze ist, diesen Ruf noch an andere ergehen zu lassen, so ist es doch immer noch möglich, dass die, die schon gerufen sind und den Ruf angenommen haben, ihre Berufung und Erwählung durch Treue gegen ihren Bund gänzlicher Gottgeweihtheit oder Heiligung, bis zum Tod selbst, festzumachen; und es wird noch möglich sein, das nicht zu tun. Dieser Ruf muss aufhören, wenn genug eingeladen sind, um die begnadigte "kleine Herde", den Leib Christi, auszumachen. Aber so weit davon entfernt, die Grenze der Liebe, der Gnade und der Berufung Gottes zu sein, so ist es nur das Ende dieser himmlischen oder "hohen Berufung". Denn wo die Berufung endet, wo diese Tür der Gnade schließt, da fängt eine andere Tür an aufzugehen - die Tür der Möglichkeit, den Hochweg der Heiligung zu betreten und darauf hinan zu gehen - nicht zur göttlichen Natur, zu welcher die christliche Kirche berufen war, sondern zu ewigem Leben und zur Vollkommenheit als menschliche Wesen. - siehe Band 1, Studie 10 und 11

Was aber nun das genaue Datum der Rückkehr der Gunst zu Israel betrifft, welches Datum das genaue Ende der himmlischen Berufung bezeichnet - von welchem Datum an Israel allmählich zu sehen anfangen und zunehmende Beweise zurückkehrender göttlicher Gunst haben wird; und von welchem Datum an auch Gottes Ruf zu himmlischen Ehren aufhören wird, und nur die schon Berufenen berechtigt sein werden, durch Treue bis ans Lebensende den Preis zu erringen - sagen wir dies:

Das fleischliche wie das geistliche Israel war von Gott berufen, sein eigentümliches Volk, ihm ein besonderer Schatz vor allen andern Völkern (das eine ein irdischer Schatz und ein Vorbild von dem andern, das ein himmlischer Schatz ist) zu sein. Geschieden von der Welt waren sie 1845 Jahre lang die Empfänger besonderer Begünstigung von Seiten Gottes. Dieser Zeitraum begann mit dem Anfang ihres nationalen Lebens beim Tode Jakobs, des letzten Patriarchen, zu welcher Zeit sie zum erstenmal als Nation anerkannt und mit dem Nationalnamen: "Die zwölf Stämme Israels" bezeichnet wurden (1. Mose 49:28; 46:3; 5. Mose 26:5). Diese 1845 Jahre nationalen Lebens und nationaler Begünstigung endeten mit ihrer Verwerfung des Messias - im Jahr 33 n.Chr. - als er, fünf Tage vor seiner Kreuzigung, sich ihnen als ihren König darstellte und, da er nicht als solcher empfangen wurde, erklärte: "Euer Haus wird euch wüste gelassen" (Matth. 23:38). Dies, das Ende ihrer Gnade, war der Zeitpunkt ihres Falles, der sich 37 Jahre lang fortsetzte und mit dem Jahre 70 in gänzlicher Zerstörung ihres nationalen Gemeinwesens wie auch ihrer Stadt, ihres Tempels usw. endete. Man darf aber nicht vergessen, dass Gott den Einzelnen jenes Volkes seine Gnade noch weiter erzeigte, auch nachdem das Volk als solches von ihr abgeschnitten worden war. Denn der Ruf des Evangeliums war auf die einzelnen Glieder jenes Volkes noch drei und ein halb Jahre nach Pfingsten oder nach dem Tod Christi beschränkt und erreichte den Kornelius, den ersten so begnadigten Heiden (Apg. 10), nicht vordem. Das war das volle Ende ihrer siebzig Wochen der Gnade, die durch Daniel verheißen waren, wie geschrieben steht: "Er wird aber einen starken Bund machen mit vielen eine Woche lang". Diese siebzigste Woche begann mit der Taufe unseres Herrn. Sein Kreuz bezeichnete, wie vorhergesagt, den Mittelpunkt; und die größere Gnade (der starke Bund der Verheißung himmlischer Ehren statt irdischer, wie bisher) wurde bis zum Schluss dieser Woche auf Israel allein beschränkt.

Während dieser langen Periode (von 1845 Jahren) nationaler Begünstigung, während welcher andere Völker links liegen gelassen wurden, wurden Israel Züchtigungen und Segnungen gleichermaßen zuteil. Aber selbst ihre Züchtigungen für Sünden waren Anzeichen der Gnade und väterlichen Liebe Gottes. Er sandte Trübsal über sie und ließ sie in Gefangenschaft geschleppt werden, wenn sie ihn vergaßen und ihm ungehorsam wurden; doch wenn sie es bereuten und zum Herrn riefen, erhörte er sie stets und befreite sie. Die ganze Geschichte dieses Volkes, wie es in 2. Mose, in den Büchern Josua, der Richter, der Chronika und Samuel berichtet steht, bezeugt den Umstand, dass Gott sein Antlitz nicht lange vor ihnen verbarg, und dass sein Ohr stets für ihr bußfertiges Gebet offen war - bis herab zu dem Tag, an dem ihr Haus wüste gelassen wurde. Damals hatte Gott sie sogar mehr als je begnadigt und ihnen den lang verheißenen Messias, den Befreier, in der Person seines Sohnes, unseres Herrn, gesandt. Die Untüchtigkeit dieses Volkes, noch länger sein besonderer Schatz zu sein, oder in irgendeinem Sinn Gottes Reich auf Erden zu vertreten, war in ihrer Verwerfung des Heiligen, Unschuldigen und Unbefleckten und ihrem Begehren eines Mörders an seiner Stelle offenbar geworden.

So wurde um ihrer Untüchtigkeit willen aus dem Tag ihrer größten Gnade der Tag ihrer Verwerfung und ihres Falles von der Gnade. Und die große Gnade, Miterben mit dem Messias zu werden, welche Israel, mit Ausnahme des glaubenstreuen "Überrestes" (siehe Jes. 1:9; 10:22, 23; Röm. 9:28, 29; 11:5) durch seine Blindheit und Herzenshärtigkeit vermisste, wurde Gläubigen aus den Nationen zuteil - nicht (heidnischen) Nationen, sondern gerechtfertigten Gläubigen aus jedem Volk, wenn die Gnade auch zuerst drei und ein halb Jahre lang ausschließlich auf Gläubige des Volkes Israel beschränkt blieb. Da sie als Volk durch nationale Vorurteile verblendet waren, so ging der große Preis, der ihnen zuerst angeboten worden war, dessen sie aber unwürdig waren, auf ein heiliges Volk, ein eigentümliches Volk über, das aus einem "Rest" ihrer Nation zusammen mit anderen aus heidnischen Völkern Berufenen bestand, die sie in ihrem anmaßenden Stolz einst als "Hunde" verachtet hatten. Und die verheißene Gnade Gottes wird zu ihnen als Volk nicht eher zurückkehren und ihre Blindheit wegnehmen und sie als eine Erstlingsfrucht der Nationen in irdischen Segnungen einführen, bis die volle Zahl des "eigentümlichen Volkes" aus den Nationen hervorgerufen ist - bis die Fülle oder Vollzahl der Nationen in diese höhere Gnade eingegangen sein wird.

Es war so, wie Paulus es sagt: Was das fleischliche Israel erstrebte (die höchste Gnade), das erlangte es nicht. Sie meinten, die höchste Gnade seien die irdischen Segnungen, und da sie in ihrem Herzenshochmut dieselbe als ihr natürliches Geburtsrecht beanspruchten und als auch noch durch ihre Werke verdient, so kamen sie darüber blindlings zum Fall und verwarfen sie, da sie dieselbe als eine durch Christus zu erlangende Gnade annehmen sollten. Wie David vorhergesagt: Ihr damals durch Christus so reichlich gedeckter Tisch, beladen mit all den reichen Verheißungen und Segnungen, wurde für sie zur Schlinge, zum Jagdnetz, zum Fallstrick und zur Vergeltung, um ihrer Herzenshärtigkeit willen (Röm. 11:9, 10; Ps. 69:22-28). Christus, der sie zu erlösen kam und sie zu einer alle ihre Begriffe und Wünsche übersteigenden Herrlichkeit erhöht haben würde, war ihrem Hochmut "ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses". - Röm. 9:32, 33; Jes. 8:14

Doch die Blindheit Israels war nur eine "Verblendung zum Teil" und kein totaler Verlust des Augenlichtes; denn das Zeugnis des Gesetzes, der Propheten und Apostel stand allen offen, ob Jude oder Heide; und während des christlichen Zeitalters konnte irgendein Jude, der willens war, den Vorurteil und Stolzes energisch ab zu wischen und demütig und dankbar die Gnade Gottes mit seinem heidnischen Bruder anzunehmen, solches tun. Doch nur einige haben es je vermocht, und keine Gunst oder besondere Veranstaltung wird ihnen zuteil werden, um sie als Volk von der Wahrheit zu überzeugen oder ihr Vorurteil zu überwinden, bis die Vollzahl des eigentümlichen Volkes aus den Nationen eingegangen ist, oder in andern Worten, bis das geistliche Israel fertig ist.

Seit ihrer Verwerfung des Messias - seitdem ihr Haus öde gelassen wurde, hat Israel kein Zeichen göttlicher Gnade erfahren. Die Juden selbst müssen zugeben, dass ihre Tränen, Seufzer und Gebete unbeantwortet geblieben sind; und wie es von ihren Propheten vorhergesagt war, sie sind allen Völkern "zum Spott und zum Fluch" geworden. Obwohl Gott ehedem ihre Gebete erhörte und auf ihre Tränen achtete und sie wieder in ihr eigenes Land brachte und ihnen beständig seine Gnade erwies, seitdem beachtete er sie nicht und erwies ihnen keine Gunst. Seitdem sie sagten: "Sein Blut komme auf uns und unsere Kinder", wurde ihnen fortwährende Züchtigung zuteil. Sie wurden unter alle Nationen zerstreut und verfolgt. Das sind Tatsachen, wie jeder sie auf den Blättern der Geschichte lesen kann. Wenden wir uns nun zu den Propheten, um zu sehen, wie genau alle diese Dinge vorhergesagt waren, und was dieselben über Israels Zukunft sagen.

Durch den Propheten Jeremia spricht der Herr zu Israel, nachdem er ihnen gesagt hat, wie sie ihn verlassen hätten: "Darum so werde ich euch aus diesem Land wegschleudern in ein Land, welches ihr nicht gekannt habt, weder ihr, noch eure Väter; und daselbst werdet ihr anderen Göttern (Herrschern) dienen Tag und Nacht, weil ich euch keine Gnade schenken werde" (Jer. 16:13).

Diese Tage kamen, als sie den Messias verwarfen. Wie buchstäblich diese Drohung sich erfüllte, kann jeder beurteilen; und sie selbst müssen es zugeben. Diese Weissagung kann sich nicht auf irgendeine der früheren Gefangenschaften unter den benachbarten Völkern - Syrien, Babylon usw. beziehen. Solch einem Schluss wird durch die Bemerkung vorgebeugt: "In ein Land, welches weder ihr noch eure Väter gekannt haben." Abraham kam aus Ur in Chaldäa - Babylon - und Jakob von Syrien (5. Mose 26:5). Ihre Zerstreuung unter alle Nationen seit dem Schluss ihrer 1845 Gnadenjahre und keine andere Gefangenschaft passt zu dieser genauen Bezeichnung - ein Land, das weder ihr noch eure Väter gekannt haben. Dies zusammen mit dem Wort: "keine Gnade" bezeichnet diese Prophezeiung deutlich als auf Israels gegenwärtige Zerstreuung unter alle Nationen Bezug nehmend.

Doch obwohl er sie für eine Weile von aller Gnade abschnitt, so hat sie Gott doch nicht für immer verworfen, sondern sagt (Vers 14): "Siehe, Tage kommen, spricht Jehova, da nicht mehr gesagt werden wird: So wahr Jehova lebt, der die Kinder Israel aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat, sondern: So wahr Jehova lebt, der die Kinder Israel heraufgeführt hat aus dem Land des Nordens (aus Russland, wo nahezu die Hälfte des hebräischen Volkes wohnt) und aus all den Ländern, wohin er sie vertrieben hatte! Und ich werde sie in ihr Land zurückbringen, das ich ihren Vätern gegeben habe."

Wir könnten viele Anführungen aus den Propheten und Aposteln über die schließliche Rückkehr der Gnade Gottes zu Jakob oder zum fleischlichen Israel, nachdem die Auswahl der vollen Zahl für "den Leib Christi" aus den Heiden geschehen ist, herbeibringen, doch der Forscher kann dieselben mit Hilfe einer Konkordanz oder Bibel mit Parallelstellen selbst vervielfältigen. Unter den sehr deutlichen Bezugnahmen auf diese Wiedereinsetzung Israels in die Gnade im Neuen Testament ist die des Jakobus, Apg. 15:14-16, und die des Paulus, Röm. 11:26. Doch zuvor müssen sie erst die letzten Hefen ihrer Züchtigung austrinken; und dies ist in obiger merkwürdigen Prophezeiung folgendermaßen ausgedrückt (Vers 18): "Zuvor (ehe die Gnade kommt) will ich zwiefach vergelten ihre Ungerechtigkeiten und ihre Sünde." Das hier durch "zwiefach" übersetzte hebräische Wort ist Mischneh und bedeutet ein zweiter Teil, eine Wiederholung. So verstanden ist die Aussage des Propheten die, dass von der Zeit, da sie verworfen wurden, bis zu ihrer Rückkehr zur Gnade ein zweiter Teil sein würde, eine Wiederholung der Zeit - der Zeit ihrer vormaligen Geschichte, während welcher sie göttliche Gunst genossen hatten.

Wie auf dem nebenstehenden Abriss gezeigt wird, war die Periode ihrer Gnade vom Anfang ihres nationalen Bestehens beim Tod Jakobs bis zum Ende ihrer Gnadenzeit beim Tode Christi, 33 n.Chr., 1845 Jahre; und da begann ihr "Zwiefaches" (Mischneh) - die Wiederholung oder Verdoppelung derselben Zeitlänge ohne Gnade. Von 33 n.Chr. an gerechnet, führen 1845 Jahre bis zu 1878 als Ende ihrer gnadenlosen Zeit.

All diese Punkte der Vergangenheit sind deutlich in der Prophetie angezeigt; und so sollten wir etliche Anzeigen zu sehen erwarten, dass Gottes Gnade zum fleischlichen Israel (zu "Jakob") im Jahre oder um das Jahr 1878 zurückgekehrt ist. Das finden wir auch in dem Umstand, dass den Juden jetzt manche Rechte in Palästina zugestanden werden, deren sie jahrhundertlang beraubt waren. Und es war gerade in jenem Jahr - 1878, da ihr "Zwie­faches" voll war und Gottes Gnade zu jenem Volk zurückzukehren hatte - dass der Berliner National-Kongress stattfand, in welchem Lord Beaconsfield (ein Jude), der damalige Premier Minister Englands, die wichtigste Persönlichkeit war und als Leiter fungierte. Damals übernahm England ein allgemeines Protektorat (Schutz-Amt) über die asiatischen Provinzen der Türkei, in welchen Palästina einbegriffen ist; und die türkische Regierung veränderte ihre Ausländer betreffende Gesetze. Dies verbesserte die Lage der damals in Palästina wohnenden Juden bedeutend und öffnete auch teilweise andern die Tür, sich dort anzusiedeln und Grundeigentum zu erwerben. Vordem war der Jude nur "ein Hund", den seine mohammedanischen Vorgesetzten stießen, traten und misshandelten. In dem Land, das ihm um der Erinnerung aus der Vergangenheit willen und um der die Zukunft berührenden Verheißungen willen heilig war, wurden ihm die allergewöhnlichsten Bestandesrechte vorenthalten.

Zur selben Zeit, da die Tür Palästinas sich vor ihnen auftat, erhob sich in Rumänien und Deutschland und besonders in Russland, wo fast die Hälfte aller Juden wohnen, eine grausame Verfolgung. Durch eine Verordnung nach der andern wurden sie durch diese Regierungen ihrer Rechte und Ansprüche beraubt, sowie auch vom Pöbel misshandelt, bis sie genötigt waren, in großen Scharen auszuwandern. Doch diese Verfolgung ist zweifellos auch eine Gnade, da sie dazu beiträgt, dass die Juden gen Jerusalem blicken und an die Bündnisse Jehovas mit ihnen gedenken, und sie daran erinnert werden, dass sie Erben gewisser irdischer Verheißungen sind.

Die beiden Häuser Israel"
Zeitparallelen
Christliche Gnadenzeit, Warten auf das Königreich Christliche Ernte
Während des jüdischen "Zwiefach" - 1845 + 3 ½ Jahre 3 ½ + 3 ½ + 33 = 40 Jahre.
Periode der christlichen Gnadenzeit und der hohen Berufung für Gläubige,
vom Tode des Messias bis zur Verwerfung und zum Fall Baylons.

Babyon fällt.

Tage der Rache.

Dan. 12:1

"Eine Zeit, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht."


Christliche Gnadenzeit von 33 n.Chr. - 1881 n.Chr. Überlappende Zeit, beginnend mit 1874, als die Ernte begann, bis 1881 n.Chr., dem Fall Babylons. Christliche Ernte von 1874 n.Chr. bis 1914 n.Chr.
Der König kam inmitten dieser Zeit, im Frühjahr 1878 n.Chr., herein

Jüdische Gnadenzeit, Warten auf das Königreich Jüdische Ernte
1845 + 3 ½ Jahre. 3 ½ + 3 ½ + 33 = 40 Jahre
Periode nationaler Existenz der Kinder Israel, anfangend mit dem Tode des Patriarchen Jakob.

Israel fällt.

Tage der Rache.

Luk. 21:22

Eine Zeit der Drangsal und schließlicher Sturz.


Jüdische Gnadenzeit 1845 + 3 ½ Jahre bis 36 n.Chr. Überlappende Zeit von 29 n.Chr., als die Ernte begann, bis 36 n.Chr., dem Ende der jüdischen Gnadenzeit. Jüdische Ernte von 29 n.Chr. bis 70 n.Chr.
Der König ging inmitten dieser Zeit, im Frühjahr 33 n.Chr., herein.

Aber wir müssen im Auge behalten, dass das Jahr 1878 nur der Wendepunkt der Rückkehr der Gnade zum fleischlichen Israel ist. Bei unserer Untersuchung "der Zeiten der Nationen" haben wir bereits gelernt, dass Jerusalem und sein Volk noch zertreten - das bedeutet von den Heiden beherrscht und unterdrückt - bleiben werden, "bis die Zeiten der Nationen erfüllt sind". Wenn daher auch 1878 die Gnade wieder zu beginnen hatte, so wird der Jude doch nicht vor 1914 in die volle Gnadenstellung zurück gelangt sein. So wird ihre Aufrichtung ebenso allmählich vor sich gehen wie ihr "Fall". Es ist ebenfalls bemerkenswert, dass diese beiden Perioden, die ihres Falles und ihrer Aufrichtung, genau von derselben Länge sind. Der Fall geschah nach und nach mit wachsender Geschwindigkeit 37 Jahre lang von 33 n.Chr. an, bis im Jahre 70 ihr nationaler Gnadenstand aufhörte. Ihr nationaler Bestand hörte auf, das Land wurde verwüstet und Jerusalem total zerstört. So bezeichnet die Geschichte Anfang und Ende ihres Falles, während die Prophetie beide Enden ihrer Wiederaufrichtung - 1878 und 1914 - angibt. Dies ergibt eine genaue Parallele von 37 Jahren. Dies ist ein weiterer Teil ihres vom Propheten erwähnten Mischneh - "Zwiefach" oder "Doppelten".

Wenn nun aber auch durch Israels Verwerfung und Wiederannahme die beiden Wendepunkte des jüdischen und des christlichen Zeitalters um das Jahr 33 und 1878, beziehungsweise, genau angegeben sind, so greift doch in jedes derselben das folgende Zeitalter mit seiner Arbeit herüber und herein. Als der Wendepunkt des jüdischen Zeitalters erreicht war, begann das christliche Zeitalter und griff also um 37 Jahre in das jüdische über, gerade wie ihre wiederkehrende Gnade, die eines der Eröffnungswerke des Millenniums ist, über das Ende oder die Ernte des christlichen Zeitalters übergreift. Siebenunddreißig Jahre lang (vom Jahre 33, dem Ende ihrer nationalen Gnadenstellung, bis zum Jahre 70, ihrem vollständigen Sturz) war Israel, ausgenommen der glaubenstreue Überrest, im Fallen und die zum Glauben kommenden Heiden im Emporkommen begriffen. Das jüdische Zeitalter lief aus, und das christliche begann. Und nunmehr läuft - von 1878 an bis 1914 - das christliche Zeitalter aus, und Wehen bereiten sich vor und kommen über das sogenannte Christentum (Reich), der glaubenstreue Überbleibsel ausgenommen, während sich das Restitutionswerk für Israel und alle Welt vorbereitet. Das heißt, die Daten - 33 und 1878 n.Chr. - geben an, wann das Werk der betreffenden neuen Zeitalter anfing, wenn auch in beiden Fällen das Erntewerk des vorhergehenden Zeitalters und die Vernichtung des Abfalls siebenunddreißig Jahre lang in dem neuen sich fortsetzen durfte. So ist sowohl das Übereinandergreifen der Heilszeitordnungen als auch deren Marksteine klar nachgewiesen.

Ein zweifaches Werk gehört diesen beiden Übergriffs-Perioden an: Das Niederreißen der alten und die Herstellung der neuen Ordnung oder Heilszeit. Und da das jüdische Zeitalter und Volk nur Vorbilder und Schatten waren, so müssen wir erwarten, dass die Resultate hier viel umfangreicher sein werden wie sie dort waren. Dieses zwiefache Werk wird in dem Ausspruch des Propheten Jesaja angedeutet: "Denn 1. der Tag der Rache war in meinem Herzen, und 2. das Jahr meiner Erlösung war gekommen." - Jes. 63:4

Dies ist nicht eine klug ersonnene Ähnlichkeit, nachträglich zurecht gedacht und zurechtgemacht, um mit dem zu stimmen, was nun geschehen ist; denn manche dieser Parallelen und auch andere Wahrheiten wurden schon etliche Jahre vor 1878 aus dem prophetischen Wort erkannt, und, wie hier dargestellt, gepredigt. Das genannte Jahr wurde, ehe es da war, und ehe irgendein Ereignis es so bezeichnete, als die Zeit angekündigt, da die Gnade zu Israel zurückkehren werde. Der Verfasser dieses Werkes veröffentlichte diese aus der Schrift entnommenen Schlussfolgerungen in einer Flugschrift im Frühjahr des Jahres 1877.

Das Zeugnis hätte schwerlich stärker sein und doch bis auf die gegenwärtigerechte Zeit, da Erkenntnis zunehmen sollte, und die Weisen (in wahren himmlischen Lehren Verständigen) es verstehen sollten, verborgen bleiben können. Genau das Jahr ihrer Verwerfung - ja selbst den Tag - wissen wir; dass sie ein Mischneh oder Doppeltes haben sollten, erklärt der Apostel ausdrücklich; dass diese Parallelperiode 1845 Jahre lang ist, und dass sie im Jahre 1878 endete, haben wir nach unserer Meinung deutlich bewiesen; und dass letzteres durch Gnade gekennzeichnet war, ist eine unbestreitbare Tatsache. Und beachte auch, dass es seit dem Ende ihres "Zwiefachen" geschah, dass Prof. Delitzsch seine hebräische Übersetzung des Neuen Testamentes veröffentlichte, die schon in den Händen Tausender Hebräer ist und viel Interesse wach ruft. Und beachten wir ferner, dass die größte christliche Bewegung unter den Hebräern seit den Tagen der Apostel unter der Leitung von Rabinowitz und andern jetzt in Russland im Gange ist; und dass sie ihren Anfang ungefähr eben so lang nach 1878 nahm, da Israels "Zwiefaches" endete, als nach Israels Verwerfung, im Jahre 33, bis zur ersten Erweckung unter den Heiden Zeit verfloss.

Nun rufe dir die Worte des Apostels ins Gedächtnis, die deutlich zeigen, dass sie von der göttlichen Gnade und von irdischen, noch immer ihnen gehörigen Bündnissen (Testamenten) abgeschnitten waren, bis die Fülle oder volle Zahl aus den Nationen eingegangen sein würde - bis zum Ende der christlichen Berufung; und dann wirst du sehen, dass 1878 ein bedeutungsvolles Datum tiefen Interesses für das geistliche, und nicht minder für das fleischliche Israel ist.

Wie jedoch niemand als unser Herr die Bedeutung des Endes des Zeitalters des Gesetzes und des Anfangs des Zeitalters des Evangeliums kannte, (selbst die Apostel wussten nur teilweise darum und sahen es nur undeutlich bis nach Pfingsten), so können wir auch jetzt nur erwarten, dass bloß der Leib Christi, der mit demselben Geiste gesalbt ist, das Zu-Ende-Gehen des christlichen Zeitalters und dessen mächtige Bedeutung verstehen wird. Die armen Juden und viele Namenchristen wissen selbst jetzt noch nichts von dem großen Wechsel der Heilszeitordnung, der am ersten Advent stattfand - vom Schluss des jüdischen Zeitalters und dem Eröffnen des christlichen Zeitalters. Und ähnlich jetzt. Nur wenige wissen und werden es wissen, dass wir jetzt im Ende oder in der "Ernte" des christlichen Zeitalters stehen, und dass 1878 einen so wichtigen Zeitpunkt bezeichnete, wie es der Fall ist, bis äußerliche Anzeichen es ihrem natürlichen Auge beweisen werden. Noch war es beabsichtigt, dass andere als die wenigen Glaubenstreuen es sehen und wissen und nicht mit der Welt in Finsternis sein sollten - "Euch ist es gegeben zu wissen", sprach unser Herr.

Doch, man möchte vielleicht sagen: Jeremias war wohl ein Prophet des Herrn, dessen Zeugnis über die "Mischneh" oder Verdoppelung der Zeit, die Israel zu durchlaufen habe, beachtet werden sollte, wir würden aber den Beweis für stärker halten, wenn auch noch ein anderer Prophet das Gleiche erwähnt hätte. Darauf erwidern wir: Die Aussage eines zuverlässigen Propheten ist guter, genügender Grund zum Glauben, und viele wichtige Vorkommnisse des ersten Advents wurden nur von einem einzigen Propheten vorhergesagt; nichtsdestoweniger hat Gott, der da reich ist an Gnade und sehr barmherzig, unsere Glaubensschwachheit angesehen und das Gebet unserer Herzen im voraus erhört und in dem Worte, das gewiss ist und die Demütigen unterweisen kann, mehr als das eine Zeugnis bereitet.

Schlage Sacharjas Weissagung (9:9-12) auf. In prophetischer Vision geht er neben Jesus her, wie derselbe nach Jerusalem reitet - im Jahre 33 - fünf Tage vor seiner Kreuzigung (Joh. 12:1-12), und er (der Prophet) ruft dem Volk zu: "Frohlocke laut, Tochter Zion; jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König wird zu dir kommen: gerecht und ein Retter ist er, demütig und auf einem Esel reitend". Beachte die deutliche Erfüllung dieser Worte - Matth. 21:4-9, 43; Joh. 12:12-15; Luk. 10:40-42. Als das Volk jauchzte, forderten die Pharisäer Jesus auf, es zurechtzuweisen; er aber verweigerte es und sprach: "Wenn diese schweigen, werden die Steine schreien." Warum? Weil es vorausgesagt steht, dass solch ein Jauchzen stattfinden solle und alles und jedes, was geweissagt ist, erfüllt werden muss. Möchte diese Genauigkeit jeglicher Vorhersagung uns zu weiteren Aussagen dieses und anderer Propheten Zutrauen geben.

Nachdem er die weittragenden Folgen einer Verwerfung ihres Königs (Sach. 9:10) geschildert hat, redet sie der Prophet, im Namen Jehovas sprechend, also an: "Kehret zur Festung zurück (zu Christus), ihr Gefangenen der Hoffnung! Schon heute verkündige ich, dass ich dir das Doppelte erstatten werde". Das Wort Doppelte ist dasselbe Wort hier wie bei Jeremias - "Mischneh" - eine Wiederholung oder ein anderer gleicher Teil. Israel war jahrelang unter dem römischen Joch gewesen, oder sie waren "Gefangene der Hoffnung". Als solche Gefangene hofften sie auf einen zukünftigen König, der sie befreien und zur verheißenen Herrschaft der Erde erhöhen werde. Nun, ihr König, ihre feste Burg war gekommen, aber so demütig und niedrig, dass sie in ihrem Herzenshochmut ihn nicht als solchen Befreier erkennen konnten. Und mehr noch, sie waren die Gefangenen der Sünde, und dieser Erlöser hat auch die Befreiung davon vor. Drei und ein halb Jahre war Jesus bei ihnen gewesen und hatte in ihrer Mitte die Schrift erfüllt, und nun kam die letzte Probe, die Entscheidung. Würden sie ihn, den Gesalbten des Herrn, als ihren König annehmen? Was Gott vorhersah, dass sie ihren Messias verwerfen würden, wird durch die Worte des Propheten angezeigt: "Schon heute verkünde ich, dass ich dir das Doppelte erstatten werde."

Diese Prophezeiung lässt nicht nur keinen Zweifel übrig, dass es ein solch Doppeltes - eine Verdoppelung der Zeit zur Züchtigung Israels zu ihrer Erfahrung, um ihrer Verwerfung des Messias willen - gibt, sondern sie bezeichnet auch genau den Tag, da es begann, und macht die Folgerung aus der Weissagung des Jeremias, welche die Worte unseres Herrn: "Euer Haus wird euch wüste gelassen", bestätigte, doppelt stark, gewiss und klar.

Rufe dir die zu der Zeit und bei der Gelegenheit gesprochenen Worte des Herrn ins Gedächtnis: "Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt. Siehe, euer Haus wird euch wüste gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr (von Herzen) sprechet: Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!" (Matth. 23:37-39) Auch lesen wir: "Und als er sich (an ihrem letzten Prüfungstag) näherte und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn auch du erkannt hättest, und selbst an diesem deinem Tag, was zu deinem Frieden dient! Jetzt aber (von nun an) ist es vor deinen Augen verborgen" (Luk. 19:41, 42). Gott sei Dank, nun, da ihr "Doppeltes" voll geworden, können wir sehen, wie ihre Blindheit anfängt, hinweggenommen zu werden. Und dies bereitet auch den Heiligen Freude, denn sie erkennen daraus, wie nahe die Verherrlichung des Leibes Christi ist, da sie werden und ihn sehen sollen, "wie er ist".

Doch unser liebreicher Vater, der augenscheinlich unsere Herzen in Bezug auf den einen Punkt, der doch so viel entscheidet und beweist, über allen Zweifel hinaus feststellen und vergewissern wollte, hat uns noch durch einen andern, durch einen seiner geehrtesten Diener - den Propheten Jesajas - ein Wort betreffs Israels "Doppeltem"gesandt.

Dieser Prophet nimmt seinen Standpunkt an diesem Ende, zur Zeit, da das "Doppelte" (Mischneh) erfüllt ist - im Jahre 1878 - und uns, die jetzt leben, anredend, gibt er die folgende göttliche Botschaft: "Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems und rufet ihr zu, dass ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist; dass sie Zwiefältiges empfangen hat für alle ihre Sünden" - Jes. 40:1, 2. (Anmerkung: Das hier durch "Zwiefältiges" übersetzte hebräische Wort ist kephel. Es bedeutet doppelt in dem Sinn von in der Mitte gefaltet sein.)

Wer Weissagungen betrachtet hat, der sollte bemerkt haben, dass die Propheten sozusagen von verschiedenen Standpunkten aus ihre Aussprüche tun. Manchmal reden sie von zukünftigen Dingen als zukünftig; und manchmal (als ob sie selbst in der Zukunft lebten) reden sie von damals noch zukünftigen Dingen, als ob sie gegenwärtig seien. Zum Beispiel als Jesaja von Jesus Geburt redet, ist es, als stünde er bei der Krippe, da das Knäblein lag, wenn er sagt: "Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben; und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter" usw. (Jes. 9:6). Man kann die Psalmen nicht mit Verstand lesen, ohne diesen Grundsatz zu beachten. Keine bessere Veranschaulichung dieses Grundsatzes verschiedener, prophetischer Standpunkte kann geliefert werden, als die drei schon betrachteten Weissagungen über Israels "Doppeltes". Jeremias sagte voraus, dass die Zeit kommen werde, da Gott sie unter alle Völker zerstreuen werde, und dass er, nachdem sie ihr "Zwiefältiges" empfangen hätten, durch eine weit größere Machtentfaltung sie wieder sammeln werde, als da er sie aus der Knechtschaft Ägyptens erlöste. Sacharja spricht, als ob er zur Zeit lebte, da Christus sich Israel zum König anbot, und sagt uns, dass gerade an jenem Tage ihr "Doppeltes" zu zählen begann. Jesaja aber steht neben uns, im Jahre 1878, und lenkt unsere Aufmerksamkeit darauf, dass Gott eine feste, bestimmte Zeit, Israel zu begnadigen, schon angeordnet habe, und dass diese fest bestimmte Zeit ein Zwiefältiges oder eine Wiederholungshälfte ihrer ehedem genossenen Gnade sei und sagt uns nun, dass wir Israel die trostreiche Botschaft, dass ihr Doppeltes voll geworden - ihre bestimmte Zeit vollendet sei - bringen sollen. Es wäre schwer zu sagen, welche von diesen Prophezeiungen die stärkste oder wichtigste sei. Sie sind alle wichtig, und jede wäre stark für sich allein; aber vereinigt bilden sie für ein demütiges, lernbegieriges, vertrauendes Kind Gottes ein wunderbar starkes, dreifaches Seil.

Die Wucht dieser prophetischen Aussagen wird noch vermehrt, wenn man bedenkt, dass diese Propheten nicht nur Hunderte von Jahren getrennt lebten, sondern, dass sie auch Dinge schrieben, die jüdischer Erwartung ganz zuwider waren. Glaubenslos und trägen Herzens zu glauben alledem, was Gott geredet hat durch die Propheten, sind gewiss die, welche in diesem klaren und harmonischen Zeugnis den Finger und die Leitung Gottes nicht sehen können.

Wenn irgendwer einwenden möchte, der Berliner Kongress und seine Beschlüsse sei kein genügend deutlicher Anfang einer Rückkehr der Gnade Gottes zu Israel gewesen, so antworten wir, dass es ein viel deutlicheres Zeichen der Gnade war, als das Verfahren des Herrn, nachdem er in Jerusalem eingeritten war, ein Zeichen der Ungnade war. Weder das eine noch das andere wurde zur Zeit, da es geschah, als eine Erfüllung der Weissagung erkannt; und heute wissen Tausende mehr um die Erfüllung des Doppelten, als damals bis zum Pfingstfest darum wussten, dass das Doppelte da begann. So sehen wir, dass das Kind, von dem Simeon sagte, dass es zu einem Fall und Aufstehen vieler in Israel gesetzt sei (Luk. 2:34), sich als der Fall oder Stein des Anlaufens für das fleischliche Israel als Volk auswies; und wir haben gesehen, dass er, als Haupt und Herzog des geistlichen Israel, der Befreier sein soll, der das fleischliche Israel wieder aufrichten soll, nachdem ihre "bestimmte Zeit", ihr "Doppeltes", vollbracht ist; und nun sehen wir, dass das Doppelte voll ist und die Gnade über Israel beginnt. Wohl mögen beim Bemerken dieser Erfüllung der Worte unseres Vaters unsere Herzen frohlocken und singen:

"Ihr Heil'gen des Herren, welch sicheren Grund
Sein herrliches Wort eurem Glauben macht kund!"

Während wir aber Israels Fall von der Gnade und darauf folgenden Verlust bemerken und die Ursache von all dem, lasst uns nicht vergessen, dass sie darin zugleich das sogenannte geistliche Israel abschatteten, und dass dieselben Propheten den Fall beider Häuser Israel vorhersagten: - Er wird werden "zum Stein des Anstoßes, und zum Fels des Strauchelns den beiden Häusern Israel" - Jes. 8:14

Gerade so gewiss, wie ein Verwerfen und ein Fallen des sogenannten fleischlichen Israel stattfand, wird ein Verwerfen und Fallen des sogenannten geistlichen Israel, der christlichen Namenkirche, vor sich gehen, und zwar um ähnlicher Gründe willen. Die Verwerfung und der Fall des einen ist ebenso lebendig in der Schrift dargestellt wie die des andern. Und ebenso gewiss, wie ein Überrest des fleischlichen Israel durch Demut und Glauben von seiner Blindheit gerettet wurde, wird auch ein ähnlicher Überrest des sogenannten geistlichen Israel in der "Ernte" oder am Ende dieses Zeitalters von der Blindheit und dem Fall der bloßen Bekennermasse gerettet werden. So sollen die letzten Glieder der wahren Ekklesia (Herauswahl) des Leibes Christi von der Namenkirche getrennt werden, - um mit dem verherrlichten Haupt vereinigt zu werden. Diese (der Rest, der aus Israel bei seinem Fall ausgewählt wurde, und die wenigen Gläubigen des christlichen Zeitalters, einschließlich den an seinem Schluss lebenden Rest) machen das wahre "Israel Gottes" aus. Das sind die Auserwählten - gerechtfertigt durch den Glauben an Christi Versöhnungswerk, berufen, sich mit Christus zu opfern und seine Miterben zu werden, ausgewählt durch den Glauben der Wahrheit und Heiligung durch den Geist der Wahrheit und treu bis in den Tod. Mit der Vollendung der Auswahl dieser kleinen Schar in der Ernte dieses Zeitalters wird eine ganz gehörige Bewegung unter Weizen und Scheinweizen zu erwarten sein; denn viele göttliche Gnaden, die ganz besonders um der wenigen Getreuen willen verliehen waren, werden der sogenannten Masse entzogen werden, wenn die kleine Herde, für deren Entwicklung sie gegeben waren, vollendet ist.

Man sollte erwarten, dass hier wie in der vorbildlichen jüdischen Ernte ein Scheidungswerk in der Ordnung sei, darin das Prophetenwort erfüllt wird: "Versammelt mir meine Frommen, die meinen Bund geschlossen haben beim Opfer" (Psalm 50:5). Und wie das Jahr 33 Zeuge davon war, dass das sogenannte jüdische Haus als Ganzes der Ungnade, der Auflösung und dem Umsturz anheim gegeben wurde, so kennzeichnet das entsprechende Datum, 1878, den Anfang der Ungnade, der Auflösung und des Umsturzes des sogenannten geistlichen Israel, wovon wir später noch mehr zu handeln haben.

Der mathematische Beweis

Mit der Voraussetzung, dass der obige Beweis hinreichend und befriedigend ist, gehen wir nun daran, chronologisch nachzuweisen: Erstens, dass das jüdische Zeitalter vom Tode Jakobs bis zum Tode Jesu, wo ihr Haus öde gelassen wurde und ihr Doppeltes oder ihr zweiter Teil zu zählen anfing, 1845 Jahre lang war; und zweitens, dass das Doppelte im Jahre 1878 zu Ende gehen und die Gnade einzutreten habe - hiermit das Ende der Gnadenzeit des christlichen Zeitalters angebend.

Der zweite Punkt bedarf eigentlich keines Beweises. Denn da es eine Tatsache ist, dass unser Herr Anno 33 starb, so ist es eine leichte Sache 1845 Jahre zu jenen 33 zuzuzählen und zu finden, dass das Jahr, da Israels Gnade beginnen sollte, 1878 ist, vorausgesetzt, dass wir unsere erste Behauptung begründen können, dass die Periode, während welcher Israel auf die Verheißungen Gottes unter seiner Gnade warten musste, eine Periode von 1845 Jahren war.

Mit Ausnahme eines Punktes ist die Dauer dieser Periode in dem Kapitel über Chronologie nachgewiesen worden; nämlich mit Ausnahme des Abschnittes vom Tode Jakobs bis zum Auszug aus Ägypten. Dieser Abschnitt war bis vor kurzem etwas eigentümlich verborgen oder zugedeckt; und bis er erkannt wurde, blieb die Länge des jüdischen Zeitalters unbekannt; und ohne ihn hätte das Doppelte nicht gemessen werden können, selbst wenn die das Doppelte betreffenden Prophezeiungen bemerkt und verstanden worden wären. Bis zu Jakobs Tod verläuft die Chronologie glatt; aber von da an bis zum Auszug aus Ägypten gibt es keinen einheitlichen Bericht. Verschiedene Stücklein gibt es hier und da, aber kein zusammenhängender Faden ist vorhanden, durch welchen wir Bestimmtes wissen könnten. Das war der Grund, warum wir an diesem Punkt der chronologischen Tabelle nach dem Neuen Testament uns umsehen mussten, wo wir von dem inspirierten Apostel Hilfe bekamen, der uns das fehlende Glied darreichte. So erfuhren wir, dass vom Bund mit Abraham beim Tod seines Vaters Tarah bis zu Israels Auszug aus Ägypten 430 Jahre waren.

Wir finden nun die Periode zwischen dem Tode Jakobs und dem Auszuge Israels aus Ägypten genau heraus, indem wir zuerst den Abschnitt vom Tode Tarahs bis zum Tode Jakobs ausrechnen und dann diese Zahl der Jahre von den 430 Jahren, der Periode zwischen Tarahs Tod und Israels Auszug, abziehen; folgendermaßen:

Abraham war 75 Jahre alt, als beim Tode Tarahs (1. Mose 12:4) der Bund mit ihm gemacht worden war; und Isaak wurde 25 Jahre nachher geboren (1. Mose 21:5), folglich:

Vom Bund bis zu Isaaks Geburt 25 Jahre
Von Isaak bis zu Jakobs Geburt (1. Mose 25:26) 60 Jahre
Von Jakobs Geburt bis zu seinem Tod (1. Mose 47:28) 147 Jahre

Zusammen vom Bund bis Jakobs Tod 232 Jahre
Vom Bund bis zu dem Tag, da Israel Ägypten verließ (2. Mose 12:40), bis zum Passah 430 Jahre
Hiervon ist die Periode vom Bund bis zu Jakobs Tod abzuziehen 232 Jahre

Demnach war die Periode vom Tode Jakobs bis zum Auszug: 198 Jahre

So ist alle Schwierigkeit betreffs der Länge des nationalen Bestandes Israels beseitigt. Der verborgene Abschnitt vom Tode Israels bis zum Auszug war ohne Zweifel bis dahin verborgen worden, als er gesehen werden sollte. Hierzu addieren wir nun die in der chronologischen Tabelle dargelegten Perioden, wie folgt:

Periode von Jakobs Tod bis zum Auszug 198 Jahre
Israel in der Wüste 40 Jahre
Bis zur Teilung Kanaans 6 Jahre
Periode der Richter 450 Jahre
Periode der Könige 513 Jahre
Periode der Verödung 70 Jahre
Vom ersten Jahre des Cyrus bis zum Jahre 1 536 Jahre

Ganze Jahreszahl vom Tode Jakobs bis zum Jahre 1: 1813 Jahre
Vom Jahre 1 bis zur Kreuzigung beim Passahfest im Frühjahr des Jahres 33 - volle Jahre nach jüdisch-kirchlicher Rechnung
(Das jüdisch-kirchliche Jahr datierte vom Frühjahr an; und das Passah fiel auf den 15. Tag des ersten Monats jedes neuen (kirchlichen) Jahres.)
32 Jahre

Gesamtperiode, da Israel unter göttlicher Gnade und Anerkennung auf das Königreich wartete 1845 Jahre

Das Maß ihres Doppelten zu finden, da für sie Gnade beginnen und von dem nominellen, geistlichen Hause zu weichen anfangen musste, zählen wir 1845 Jahre vom Frühling des Jahres 33 und erhalten das Datum des Passahs 1878. Ihr Wiederaufstehen von 1878 bis 1915 (dem Ende der Zeiten der Nationen) unter der Gnade des Königs, den sie verwarfen, und den sie mit der Zeit anerkennen werden, ist in Länge ihren 37 Jahren des Fallens gleich; von dem Tage, da ihr Haus wüste gelassen wurde, im Jahre 33, bis zu ihrem gänzlichen Verfall im Jahre 70.

Schon manche schlagende parallele zwischen dem jüdischen oder vorbildlichen Schatten-Zeitalter und dem christlichen oder gegenbildlichen Wesens-Zeitalter haben wir untersucht, und gerade hier haben wir eine weitere Parallele aufgezeigt. Die Länge der beiden Zeitalter entspricht sich aufs Haar. Die christliche Kirche (Herauswahl) wird während Israels "Mischneh", oder Doppeltem der Ungnade auserwählt. Und während andere entsprechende Ähnlichkeiten zutreffend sind, so sind es ganz besonders auch die Verhältnisse der Endperioden der beiden Zeitalter. Ihre "Ernten", ihre Schnitter, das Erntewerk und die dazu bestimmte Zeit, all dies gibt uns deutliche Fingerzeige über das Schlusswerk, das in der Ernte zu vollbringen ist, die das Ende dieses Zeitalters bildet. Beachte sorgfältig die entsprechenden Ähnlichkeiten dieser beiden Ernten, wie wir sie kurz vorführen wollen:

Überblick der Ernte-Parallelen

Das jüdische Zeitalter endete mit einer "Ernte", Jesus und die Apostel verrichteten das Werk des Einerntens der Frucht, deren Same durch Mose und die Propheten gesät worden ist. "Hebet eure Augen auf (sprach Jesus) und schauet die Felder an, denn sie sind schon weiß zur Ernte ... Ich habe euch gesandt, zu ernten, woran ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet und ihr seid nun in ihre Arbeit eingetreten." (Joh. 4:35-38) Das Ende des christlichen Zeitalters wird ebenfalls eine Ernte genannt: - "Die Ernte aber ist die Vollendung (das Ende) des Zeitalters." "Zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Leset zuerst das Unkraut zusammen und bindet es in Bündel. ... den Weizen aber sammelt in meine Scheune." - Matth. 13:39, 30

Johannes verkündete das Werk und die Wirkung der jüdischen Ernte voraus und sagte (Matth. 3:12): "Dessen Worfschaufel in seiner Hand ist, und er wird seine Tenne durch und durch reinigen und seinen Weizen (die wahren Israeliter) in die Scheune (in die christliche Herauswahl) sammeln; die Spreu (das Unbrauchbare des Volkes) aber wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer" (eine Trübsal, die sie als Nation verzehrte). Hier fand die Taufe mit dem heiligen Geist und mit Feuer statt. Der heilige Geist kam am Pfingstfest auf die "wahren Israeliter" und das Feuer der Drangsal während der 37 Jahre ihrer Verwerfung auf alle anderen. (Matth. 3:11) In jener Trübsal ging Israel als Nation unter, aber nicht als einzelne Person. Die Offenbarung berichtet uns von einem Einernten dieses Zeitalters mit einer scharfen Sichel der Wahrheit, weil die Zeit zu ernten gekommen war, und zeigt ein zweifaches Erntewerk. Der eine Teil bezieht sich auf den Wein der Erde, der wohl zu unterscheiden ist von dem wahren Wein, den der Vater gepflanzt hat - Christus Jesus und seine Glieder oder Zweige. (Joh. 15:1-16) Die Ernte dieses Zeitalters, so heißt es, besteht aus Weizen und Unkraut (Lolch oder Scheinweizen) (Matth. 13:24-30, 36-39), die des jüdischen Zeitalters aus Weizen und Spreu. Und da die Spreu so sehr das Übergewicht hat, so deutet der Parallelismus, der in allen anderen Zügen so bemerkbar hervortritt, an, dass in dieser Ernte der Lolch, das Unkraut, viel reicher sein wird, als der Weizen.

Die jüdische Ernte begann mit dem Amtsantritt unseres Herrn und endete mit der Verwerfung und dem Umsturz des bloß so genannten Israel und der Zerstörung ihrer Stadt; was im Jahre 70 durch die Römer geschah. Sie war eine Periode von vierzig Jahren. Die Ernte dieses Zeitalters begann mit der Gegenwart unseres Herrn am Anfang des großen Jubeljahres der Erde, im Jahre 1874, wie in Studie 6 gezeigt wurde; sie endet mit dem Umsturz der heidnischen Mächte im Jahre 1914 und ist gleicherweise eine Periode von 40 Jahren - eine weitere wundervolle Parallele der beiden Zeitalter.

Während die jüdische Ernte mit unseres Herrn Amtsantritt begann und drei und ein halb Jahre später die Gnade von ihrem bloßen Namensystem wich, gefolgt von einer siebenunddreißigjährigen Trübsal über jenes System, so verblieb doch noch für einzelne aus jenem Volk besondere Gnade, und die Berufung der hohen Stellung der Miterbschaft mit Christus wurde ihnen drei und ein halb Jahre, nachdem sie unseren Herrn und er sie verworfen, ausschließlich zuteil. So bewahrheitete sich die dem Daniel (9:27) gewordene Verheißung, dass seinem Volk bis ans volle Ende der siebzigsten Woche Gnade erzeigt werden solle, in deren Mitte der Messias ausgerottet wurde. Diese Verheißung wurde allem wahren Weizen erfüllt, während das System, das diesen Weizen enthielt, verurteilt und in der Mitte der Woche verworfen wurde. Das Einernten des Weizens des jüdischen Zeitalters begann mit dem Amtsantritt unseres Herrn, und währte etliche Zeit, wenn auch die besondere Gnade drei und ein halb Jahre nach dem Tode Christi aufhörte. Die Drangsal (das Feuer) über jenes Volk fing bald zu brennen an, erreichte aber ihren Höhepunkt nicht eher, als bis ungefähr aller Weizen jenes Volkes eingesammelt war.

Ähnliche Zeitabschnitte finden sich in dem jetzt zu Ende gehenden Zeitalter, den Zügen jener Ernte entsprechend. Der Herbst 1874, wo nach den Jubeljahr-Zyklen unser Herr wieder gegenwärtig sein sollte, entspricht der Zeit seiner Taufe und Salbung mit dem heiligen Geist, da er Messias, der Fürst (Dan. 9:25), wurde und sein Einernten der jüdischen Ernte in Angriff nahm. Das Frühjahr 1878 (drei und ein halb Jahr später) entspricht dem Datum, an dem unser Herr die Stellung eines Königs annahm, auf dem Eselsfüllen ritt, den Tempel von den Geldwechslern säuberte, über die Stadt weinte und jene bloße Namenkirche oder jenes Namenreich der Verödung preisgab. Es (1878) ist das Datum, da die bloß sogenannten Kirchensysteme "ausgespieen" wurden (Offb. 3:16), und von wo an sie nicht mehr als Verkünder seiner Wahrheit gebraucht oder irgendwie anerkannt werden. Und die drei und ein halb Jahre, die auf Frühjahr 1878 folgten und mit Oktober 1881 endeten, entsprechen den drei und ein halb Jahren des Verbleibens der Gnade einzelnen Juden gegenüber in der zweiten Hälfte ihrer siebzigsten Jahrwoche. Wie jenes Datum - drei und ein halb Jahre nach dem Tode Christi - im Vorbild das Ende aller besonderen Gnade für die Juden und den Anfang der Begnadigung der Heiden bezeichnet, so betrachten wir 1881 als den Markstein des Schlusses der besonderen Gnade für die Heiden - des Schlusses der "Hohen Berufung" oder der Einladung zu den diesem Zeitalter zugehörigen Segensgütern, Miterben mit Christo und der Göttlichen Natur teilhaftig zu werden. Und wie wir gesehen haben, ist dies Jahr durch eine große Bewegung unter dem jüdischen Volk - der christlichen Lehre zu - ausgezeichnet; bekannt als die "Kischenev Bewegung". Und Trübsal ist nun über das Namenchristentum (Reich) im Hereinbrechen, aber der Sturm wird noch zurückgehalten, bis der Weizen eingesammelt ist, bis Gottes Sendboten seine Knechte an ihren Stirnen (in ihrer Erkenntnis) mit der Wahrheit versiegelt haben. - Offb. 7:3

Die entsprechende Ähnlichkeit dieser und der jüdischen Ernte ist auch betreffs des Predigens, das geschieht, sehr bemerkenswert. In den ersten drei und ein halb Jahren der jüdischen Ernte hatten der Herr und die Jünger die Zeit und die Tatsache der Gegenwart des Messias zu ihrem besonderen Thema. Ihre Verkündigung war: "Die Zeit ist erfüllt", der Befreier ist gekommen. (Mark. 1:15; Matth. 10:7) So war es auch in dieser Ernte. Bis 1878 beschäftigte sich unsere Botschaft im Wesentlichen wie hier in diesem Buch dargetan, wenn auch weniger deutlich, mit den Zeit-Prophe­zeiungen und mit der Tatsache der Gegenwart des Herrn. Seitdem hat sich die Arbeit ausgedehnt und die Erkenntnis anderer Wahrheiten ist heller und deutlicher geworden, aber dieselben Sachen und Schriftstellen, welche dieselbe Zeit und Gegenwart lehren, stehen noch unangetastet und unwiderlegbar da. Die Gnade, die einzelnen Israeliten zu gut verblieb, auch nachdem ihr nominelles Haus von der Gnade abgeschnitten wurde, war nicht darauf berechnet, ihr nominelles Kirchensystem zu bekehren und zu reformieren, noch auch dazu gegeben, ihre Spreu in Weizen zu verwandeln. Sie sollte nur dem Zweck dienen, jegliches reife Weizenkorn zu sichten und einzuernten. So ist es auch in dieser Ernte nicht der Zweck des Verbleibens und Zunehmens der Gnade (des Lichtes der Wahrheit), ganze Sekten zu bekehren oder nationale Reformen zu bewirken, sondern im Gegenteil, die Weizenklasse von der Lolchklasse vollständig zu trennen. Jahrhundertlang sind sie nebeneinander gewachsen; und ein reine, nur Weizen enthaltende Sekte hat man nie gekannt. Doch jetzt in der Ernte muss die Trennung kommen, und die Reibung muss schrecklich sein. Es bedeutet in vielen Fällen eine Trennung irdischer Freundschaften und das Zerreißen zarter Bande, und die Wahrheit wird das Trennungswerk verrichten. Die Vorhersagung des Herrn betreffs der "Ernte" beim ersten Advent wird in der gegenwärtigen Ernte wiederum wahr sein. (siehe Matth. 10:35-38; Luk. 12:51-53) Wie dort die Wahrheit den Vater gegen den Sohn und die Tochter gegen die Mutter und die Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter setzte, so wird es hier wieder sein, eines Menschen Feinde werden am häufigsten seine eigenen Hausgenossen sein. Das kann nicht vermieden werden. Die, welche Frieden mehr als die Wahrheit lieben, werden geprüft werden, und die, welche Wahrheit über alles lieben, werden angenommen und als "Überwinder" würdig erfunden werden - gerade wie in der jüdischen "Ernte".

In der jüdischen Ernte waren die als Verkünder des Königs und des nahe herbeigekommenen Königreiches erwählten und ausgesandten Sendboten demütige, unbetitelte Männer, und die Widersprecher der Botschaft waren die obersten Priester, Schriftgelehrten, Pharisäer und Doktoren der Gottesgelehrtheit; und so sollten wir es hier erwarten. Die Blindesten sind die Führer der Blinden, die, wie ihre jüdischen Vorbilder "die Zeit ihrer Heimsuchung" nicht wissen. - Luk. 19:44

Die Gegenwart war einer der Hauptpunkte der Prüfung damals und das Kreuz war der andere. Johannes der Täufer rief ihnen zu: "Mitten unter euch steht, den ihr nicht kennt"; doch nur die wahren Israeliter waren imstande, die Tatsache der Gegenwart des Messias zu erkennen; und von diesen stießen sich viele am Kreuz; denn wohl waren sie willens, den Messias als Befreier zu erkennen, aber ihr Hochmut machte sie unwillig, ihn auch als Erlöser anzunehmen. So ist es auch hier: Die Gegenwart Christi, die im Begriffe stehende "Ernte" und die Verwerfung der nominellen Masse als bloße Bekenner, bringt viele zu Fall. Den großen Befreier, um dessen Kommen und Königreich so viele gebetet haben, wollen sie (wie auch die Juden taten) nicht anerkennen. Wiederum ist es wahr: "Mitten unter euch steht, den ihr nicht kennt;" und wieder wird das Kreuz Christi ein Prüfstein und ein Stein des Anstoßens, wie niemand es erwartet haben könnte. Und viele, viele fallen nun über ihn und sagen: Wir wollen Christus als unsern Befreier anerkennen, aber wir verwerfen ihn als unseren Erlöser oder Versöhner.

Sicherlich, wer die Sache mit Sorgfalt untersucht, muss zugestehen, dass die Beweise, dass unser Herr jetzt (als ein Geistwesen und daher unsichtbar) gegenwärtig ist, größer und klarer sind, als die Beweise, die der Jude von seiner Gegenwart im Fleische beim ersten Advent hatte. Und jetzt sind nicht nur die prophetischen Beweise der Gegenwart des Herrn völliger, vollständiger und zahlreicher, sondern auch die Zeichen der Zeit überall um uns her, die das Erntewerk im Gange aufweisen, sind so viel augenfälliger und überzeugender für die, deren Augen gesalbt sind (Offb. 3:18), als die Verhältnisse am ersten Advent waren, als unser Herr mit einer Hand voll Nachfolger bei großer Opposition und unter sehr ungünstiger Lage verkündete: "Die Zeit ist erfüllt; tut Buße und glaubet an die frohe Botschaft" - der Messias ist gekommen; der Sendbote des großen Jehova, euch all die den Vätern gemachten Verheißungen zu erfüllen, ist da. Kein Wunder, dass nur die Armen am Geiste den demütigen Nazarener als den großen Befreier annehmen konnten, oder dass sie die demütigen, unbetitelten Männer, die um ihn waren, als solche erkannten, welche mit ihm einst Könige sein sollten. Nur die wenigen konnten in dem, der auf dem Eselsfüllen nach Jerusalem einritt und über dasselbe weinte, den großen König erkennen, von dem Sacharja geweissagt hatte, dass Zion ihn mit Jauchzen als König empfangen solle.

Beim ersten Advent erniedrigte er sich selbst und nahm die Gestalt und Natur eines Menschen an (Hebr. 2:9, 16), um so durch Dahingabe seiner selbst als Lösegeld unsere Freikaufung zu bewirken. Er ist jetzt hoch erhöht und stirbt nicht mehr (Phil. 2:9); und bei seinem zweiten Advent wird er seinen "Leib" erhöhen und dann der Welt den Restitutions-Segen zukommen lassen, den er ihr beim ersten Advent mit seinem eigenen teuren Blut erkauft hat. Bedenke: Er ist nicht mehr Fleisch, sondern ein Geistwesen und wird in der Kürze alle seine Glieder und Miterben verwandeln und verherrlichen.

Dem jüdischen Haus stellte sich Jesus auf dreierlei Weise dar - als Bräutigam (Joh. 3:29), als Schnitter (Joh. 4:35,38) und als König (Matth. 21:5, 9, 4). Dem christlichen Haus stellte er sich in derselben dreifachen Weise dar. (2. Kor. 11:2; Offb. 14:14, 15 und 17:14) Zum jüdischen Haus kam er am Anfang der damaligen Ernte (am Anfang seiner Amtstätigkeit) als Bräutigam und Schnitter; und gerade vor seiner Kreuzigung stellte er sich als ihren König vor, indem er in der Gerichts-Ankündigung gegen sie, da er ihr Haus der Verödung anheim gab, und in dem vorbildlichen Akt der Reinigung ihres Tempels, königliche Autorität ausübte. (Luk. 19:41-46; Mark. 11:13-17) Geradeso war es in dieser Ernte: Die Gegenwart unseres Herrn als Bräutigam und Schnitter wurde während der ersten 3 und 1/2 Jahre von 1874-1878 erkannt. Seit jener Zeit ist es mannigfach offenbar geworden, dass in 1878 die Zeit vorhanden war, da königliches Gericht am Hause Gottes beginnen sollte. Hier findet Offb. 14:14-20 Anwendung, wo unser Herr als der gekrönte Schnitter zu schauen ist. Da das Jahr 1878 die Parallele der Zeit ist, da er im Vorbild seine Macht und Autorität an sich nahm, so bezeichnet es die Zeit für das tatsächliche Ansichnehmen der Gewalt als König der Könige von Seiten unseres gegenwärtigen, unsichtbaren Herrn - die Zeit, da er seine große Gewalt an sich nahm, um zu herrschen, was in der Prophezeiung eng mit der Auferstehung der Getreuen und dem Anfang der Trübsal und des Zornes über die Nationen verbunden ist. (Offb. 11:17,18) Hier, wie im Vorbild, beginnt das Gericht an der nominellen Kirche mit der Verurteilung derselben. Die nominellen Systeme (nicht das Volk), die äußerlich die wahre Herauswahl - "den Leib" oder Körper - darstellen, sind dem Untergang geweiht. Hier geht auch die Reinigung des wahren Tempels, der wahren Ekklesia, des Leibes Christi - der Gottgeweihten Klasse - vor sich. (1. Kor. 3:16; Offb. 3:12) Diese geweihte oder Tempel-Klasse in der nominellen Kirche verhält sich zu der Namenkirche als Ganzes wie der buchstäbliche Tempel sich zu der heiligen Stadt Jerusalem als Ganzes verhielt. Nachdem die Stadt aufgegeben war, wurde der Tempel gereinigt. So muss auch jetzt die Tempel-Klasse gereinigt werden. Jeder selbstsüchtige, fleischliche Gedanke und alle Weltförmigkeit muss ausgefegt werden; damit der Tempel rein sei, die Wohnung des heiligen Geistes - ein Tempel des lebendigen Gottes.

Das besondere Werk seit 1878 ist die Verkündigung des Befehles des Königs gewesen: "Gehet aus ihr hinaus, mein Volk, auf dass ihr nicht ihrer Sünden teilhaftig werdet, und nicht empfanget von ihren Plagen." (Offb. 18:4) "Weichet, weichet, gehet hinaus von dannen, rühret nichts Unreines an! Gehet hinaus aus ihrer Mitte, reiniget euch, (ihr königlichen Priester), die ihr die Geräte Jehovas traget." - Jes. 52:11

Ein anderer bezeichnender Ähnlichkeitspunkt zwischen dem ersten und zweiten Advent ist das allgemeine Gefühl, dass ein Befreier nötig sei, und der weitverbreitete Eindruck unter den Völkern, dass auf irgendeine Weise bald eine Erlösung kommen muss. Die Gedanken einiger kommen sogar der Wahrheit sehr nahe. Doch in jedem Fall vermögen nur wenige den Befreier zu erkennen und unter seinem Banner im Dienst der Wahrheit sich einzureihen. In der jüdischen Ernte fand ein Ausgehen dem Herrn entgegen statt, als das ganze "Volk in Erwartung" des Messias war (Luk. 3:15), zur Zeit seiner Geburt, dreißig Jahre vor seiner Salbung als Messias, am Anfang seiner Amtstätigkeit; und so fand auch jetzt eine entsprechende Erwartung und Bewegung von Seiten vieler statt (die später Adventisten genannt wurden). In diesem Land hatten sie hauptsächlich einen baptistischen Bruder, Namens W. Miller, als Anführer und Herrn Wolff und andere in Europa und Asien. Diese Bewegung gipfelte in dem Jahre 1844, gerade 30 Jahre vor 1874, da Christus als Bräutigam und Schnitter wirklich kam, wie die Jubeljahrlehren zeigen. Hierin erkennen wir eine weitere, zutreffende Zeitparallele zwischen diesen Zeitaltern; denn jene dreißig Jahre entsprechen genau den dreißig Jahren von der Geburt des Kindleins Jesu bis zum Messias, dem Gesalbten - da er im Alter von dreißig Jahren getauft und als Bräutigam und Schnitter eingeführt wurde. - Matth. 3:12; Joh. 3:20

In beiden Fällen fand eine Enttäuschung und eine Wartezeit von 30 Jahren statt, während welcher alle einschliefen, und in beiden Fällen erwachten nur wenige zur rechten Zeit und erkannten die Gegenwart des Messias. Die großen nominellen Massen der beiden Häuser verfehlen ihre Heimsuchung zu erkennen, weil sie überbürdet und lau sind und die Ermahnung missachten, acht zu haben und zu wachen. So wird sich die Vorhersagung des Propheten erfüllen: - Er wird "zum Stein des Anstoßes und zum Fels des Strauchelns den beiden Häusern Israel." (Jes. 8:14) Das fleischliche Haus strauchelte, weil sie das Gesetz durch Beachten der Traditionen aufgehoben (Mark. 7:8, 13) und keinen rechten Begriff von der Art und Weise und dem Zweck des ersten Adventes hatten. Darum waren sie nicht bereit, ihn so zu empfangen, wie er kam, und strauchelten über ihn und sein Opferwerk. Die Masse des geistlichen Israel strauchelt jetzt über denselben Felsen und aus denselben Ursachen: Sie sind verblendet durch Menschentraditionen und Sektenvorurteile, die einer rechten Erleuchtung durch das Wort Gottes im Wege stehen. Folglich haben sie keine richtige Anschauung über die Art und Weise und den Zweck des zweiten Adventes des Herrn. Und hier wird auch das Kreuz Christi, die Lehre von der Versöhnung für alle, ein Probestein. Es ist auch der Beachtung wert, dass keines der Häuser über einen abwesenden Felsen fallen würde. Der Fels ist jetzt hier, und die nominellen Systeme straucheln, fallen und werden in Stücke gehen, während hier wie am ersten Advent die "wahren Israeliter", jeder einzeln für sich, den Felsen erkennen und annehmen; und indem sie auf diesen Wahrheitsfelsen klettern, werden sie geistlich weit über die fallende und die Wahrheit verwerfende Masse emporgehoben und so "vor dem Übel" bewahrt werden, wie ihr Meister für sie bat.

Diejenigen, deren Augen des Verständnisses erleuchtet sind, fallen nicht über den Felsen, sondern steigen auf ihn, und von ihm aus können sie die Vergangenheit und die Zukunft des Planes Gottes so viel deutlicher sehen. Sie sehen "Unaussprechliches" von der zukünftigen Herrlichkeit der Herauswahl und dem Freudentag der Erde. Wer sein Vertrauen auf den Herrn setzt, wird nie zu Schanden werden.

Die volle Kraft des Parallelismus gelangt aber nicht zur Geltung, wenn man nicht bemerkt, dass die Jubeljahr-Zyklen und die Zeiten der Heiden genau den Perioden entsprechen, die von den jüdischen Parallelen an die Hand gegeben werden. Es ist keine Einbildung, dass das jüdische und christliche Zeitalter Vorbild und Gegenbild sind. Die Apostel und Propheten bezeugen ihr entsprechendes Verhältnis deutlich. Noch verlassen wir uns hierbei bloß auf die Parallelen als Beweis für das jetzt im Gange befindliche Erntewerk der christlichen Heilszeitordnung. Wie anderwärts dargetan, ist diese Ernte auch auf andere Weise angezeigt - ihr Anfang sowohl wie ihr Schluss. Die Jubeljahr-Zyklen beweisen, dass unser Herr Jesus im Herbst des Jahres 1874 gegenwärtig sein und das Restitutionswerk beginnen sollte; und der eben behandelte Parallelismus zeigt, dass dieses Datum (1874) genau der Salbung Jesus als Messias am Anfang der jüdischen "Ernte" beim ersten Advent entspricht. Die "Zeiten der Nationen" beweisen, dass die gegenwärtigen Regierungen alle vor dem Schluss des Jahres 1914 gestürzt sein müssen; und der obige Parallelismus zeigt, dass dieser Zeitpunkt genau mit dem Jahre 70 n.Chr. stimmt, welches Jahr Zeuge des vollständigen Zugrundegehens des jüdisch-politischen Gemeinwesens war. Eine wohl berechtigte Frage ist daher im Hinblick auf all dies die folgende: Sind diese Zeitparallelen bloßer Zufall, oder stammen sie von derselben göttlichen Anordnung her, die, wie wir gesehen haben, die anderen Angelegenheiten des fleischlichen Hauses anordnete, um die Realitäten (das Wesen) dieser Heilszeitordnung abzuschatten?

Nein, sie sind nicht zufällig. Der Allwissende hat uns durch die Chronologie gelehrt, dass seit Adams Erschaffung bis zum Jahre 1873 n.Chr. sechstausend Jahre verflossen sind, und dass das siebte Tausend, das Millennium, da begann. Er hat uns durch die Jubeljahr-Zyklen gelehrt, dass der Herr im Herbst 1874 gegenwärtig sein und die Zeiten der Wiederherstellung beginnen würde. Er hat uns durch die Zeiten der Nationen gezeigt, dass diese Dinge nicht hastig, sondern auf natürlichem Weg, eine Periode von vierzig Jahren umspannend, vor sich gehen würden. Derselbe Allweise hat uns nun auch zweifellos in diesen, durch Israels "Doppeltes" bezeichneten Heilszeitordnungsparallelen Beweise gegeben, die nicht nur in sich selbst die Gegenwart des Herrn, die Ernte und die Restitution (anhebend mit der Gnade über das fleischliche Israel) deutlich lehren, sondern die auch zu gleicher Zeit die Richtigkeit anderer prophetischen Beweise und die der Chronologie nachweisen. Denn man beachte das recht bestimmt: Wenn die Chronologie oder irgend eine dieser Zeitperioden nur ein Jahr verschoben wird, so wird die Schönheit und Kraft dieses Parallelismus zerstört. Zum Beispiel, wenn die Chronologie nur um ein Jahr oder mehr oder weniger verändert würde - wenn wir zu der Periode der Könige oder der Richter ein Jahr hinzuzählen, oder wenn wir sie ein Jahr kürzer machen, so würde es den Parallelismus zerstören. Wenn wir ein Jahr hinzufügen, so würde es die erste Periode Israels (die des Wartens auf das Königreich unter reicher göttlicher Gnadenführung) 1846 Jahre lang machen, und das Doppelte oder die andere Hälfte (die des Wartens auf das Königreich ohne göttliche Vergünstigung zur Strafe ihrer Verwerfung des Messias) würde so um ein Jahr weiter hinausgeschoben, während im Gegenteil die Jubeljahr-Zyklen durch solche Veränderung der Chronologie ein Jahr früher fielen, das bedeutet auf 1873; und hierdurch würden die 6000 Jahre 1872 enden, während die Zeiten der Heiden dadurch gar nicht beeinflusst werden würden. Jedermann kann daher ersehen, dass hierdurch die Harmonie des Parallelismus total zerstört werden würde, so würde der Wirrwarr eben so groß sein. Die Veränderungen der verschiedenen Perioden würden nur in entgegengesetzter Richtung liegen. So unterstützen sich diese verschiedentlichen Zeitprophezeiungen gegenseitig, während der Parallelismus der beiden Heilszeitordnungen ihr Zeugnis einheitlich zusammenbindet.

Von denen, die nur irgendwie mit den Berechnungen prophetischer Zeitrechnungen, die gewöhnlich von "Adventisten" und anderen gemacht werden, vertraut sind, wird bemerkt worden sein, dass das hier beobachtete Berechnungsverfahren von dem jener weit verschieden ist. Sie versuchen gewöhnlich, alle Prophezeiungen auf ein Datum zusammentreffen zu machen. Ihre irrigen Erwartungen drängen sie dazu. Sie erwarten, dass einige Augenblicke Zeugen des ganzen Programms sein werden, das in Wirklichkeit tausend Jahre in Anspruch nimmt - das Kommen des Herrn, die Auferstehung und das Gericht der Welt. Und ihre, diese wenige Augenblicke betreffende Erwartung ist, dass sie mit der Verbrennung der Welt schließen. Um die Prophezeiungen, die verschiedene Daten für verschiedene Schritte in Gottes großem Plan bezeichnen, zu verstehen und recht zu würdigen, haben sie zuerst nötig, den "Plan der Zeitalter" und die eigentliche Art und Weise des zweiten Adventes des Herrn zu verstehen. Aber die große Mehrheit ist durch ihre Theorien und Vorurteile zu sehr verblendet, um dies zu tun. Ihre Versuche, Prophezeiungen ihren falschen Erwartungen anzupassen, führen oft, bei ihrem Bestreben, alle Prophezeiungen an einem Datum auslaufen zu lassen, zum Verdrehen, Strecken oder Bemänteln, je nachdem der betreffende Fall es erfordert. Die lieben Freunde sollten aus ihrem Irrtum in dieser Richtung aufwachen; denn eine ihrer Erwartungen nach der anderen ist zu Wasser geworden, während wir und sie wissen, dass etliche der von ihnen angewandten Prophezeiungen nicht in die Zukunft gestreckt werden können, sondern in der Vergangenheit liegen, und von ihnen aufgegeben werden sollten. Sie sind erfüllt, aber anders, als wie sie es erwarteten, und sie wissen es nicht. Möchten sie ihre Leuchte aufs neue putzen, wie einst ihre treuen Väter.

Im Gegenteil, die hier dargelegten Prophezeiungen und die, welche noch zu betrachten sind, werden nicht gepresst, kein Verdrehen oder Bemänteln derselben findet statt. Wir legen sie einfach vor, wie wir sie in Gottes Wort finden, und da wir richtige Erwartungen über Gottes großen "Plan der Zeitalter" hegen, so ist es für die, die ihn deutlich sehen, leicht zu bemerken, wie die verschiedenen prophetischen Ketten damit passen und denselben messen.

Die Aussagen der Zeitperioden des Planes Gottes, wie sie in den Prophezeiungen dargereicht sind, ähneln sehr der Spezifikation (Angabe der Einzelheiten) eines Architekten; und die Parallelen der jüdischen Heilszeitordnung sind mit seinen Bauabrissen zu vergleichen. Angenommen, wir hätten die Spezifikationen eines Architekten für ein Haus ohne irgendwelche Zeichnungen und sollten uns hinsetzen und von den Spezifikationen Zeichnungen entwerfen und sollten dann später vom Architekten seine Entwürfe des zu errichtenden Hauses erhalten - wenn eine Vergleichung mit unserer, nach seinen Einzelangaben hergestellten Zeichnung alle Winkel und Maße genau mit derselben stimmend ausweisen würde, so wären wir doppelt gewiss, dass wir seine Spezifikationen recht verstanden haben. So auch hier. Die Zeichnung, das Vorbild oder der Schatten des christlichen Zeitalters, die uns im jüdischen Zeitalter geliefert wurde, und die entsprechende Ähnlichkeit von Prophezeiungen und Ereignissen mit diesen Vorausabschattungen geben uns solche feste Gewissheit über die Richtigkeit unserer Schlussfolgerungen, als man nur wünschen könnte, während wir freilich noch "wandeln durch Glauben und nicht durch Schauen"

Andere, noch zu untersuchende Prophezeiungen werden ebenfalls in vollständigem Einklang mit diesen Parallelen gefunden werden. Eine derselben, die Tage Daniels, deutet hin auf einen großen Segen, der auf die 1875 n.Chr. lebenden Gottgeweihten kommen sollte - ein Segen, der wahrlich in den großartigen Entfaltungen der Wahrheiten des Wortes Gottes seit jener Zeit erfüllt worden ist. Ihm, der uns aus der Finsternis in sein wunderbares Licht geführt hat, sei der Ruhm.

Die Aufmerksamkeit des Lesers wird auf die hier folgende Tafel entsprechender Ähnlichkeiten gelenkt, deren sorgfältiges Studium sich wohl vergüten wird.

"Die beiden Häuser Israel"
oder das entsprechende Verhältnis
der mosaischen und christlichen Heilszeitordnungen.
Israel nach dem Fleisch Israel nach dem Geist
Ein Haus von Knechten
1. Kor. 10:18; Röm. 9:7, 8; 4:16; Hebr. 3:5
Ein Haus von Söhnen
Gal. 4:5, 6, 7, 30, 31; 6:15, 16; Joh. 1:12; Röm. 8:15
In Jakobs zwölf Söhnen gegründet. 1. Kön. 18:31 In Jesu zwölf Aposteln gegründet. Offb. 21:14
Ein König- und Priestertum, ein heiliges Volk. 2. Mose 19:6 Ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk. 1. Petr. 2:5, 9
Aaron, der fleischliche Hohepriester. Hebr. 9:7 Jesus, der geistliche Hohepriester. Hebr. 9:11
Beschneidung des Fleisches. Röm. 2:28, 29 Die Beschneidung des Herzens. Röm. 2:28,29
Gesetz der Sünde und des Todes. Röm. 8:2 Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu. Röm. 8:2
Irdische Verheißungen. 1. Mose 13:14-17; Apg. 7:2-5 "Bessere Verheißungen." Hebr. 9:23; 11:40
In Gefangenschaft im buchstäblichen Babylon. 2. Chron. 36:20 In Gefangenschaft im gegenbildlichen Babylon. Offb. 17:5; 18:4
Länge der Gnadenzeit 1845 Jahre, von Jakobs Tod bis Israels Verwerfung und Anfang des geistigen Israel im Jahre 33 n.Chr. Länge der Gnadenzeit 1845 Jahre, von Jesu Tod bis zum Anfang der Herrschaft Christi und der Verwerfung Babylons im Jahr 1878.


Das nominelle System im Jahre 33 verworfen. Matth. 23:38 Das nominelle System im Jahre 1878 ausgespieen. Offb. 3:16
37 Jahre des Fallens bis zum Jahre 70. 37 Jahre des Fallens bis zum Jahre 1914.
Ende des Zeitalters eine vierzigjährige Erntezeit. Luk. 10:2, 16 Ende des Zeitalters eine vierzigjährige Erntezeit. Matth. 13:24-30 und 36-43
Gegenwart Christi im Fleische als Schnitter. Joh. 4:35-38 Geistige Gegenwart Christi als Schnitter. Offb. 14:14, 16
Die Gegenwart unseres Herrn und sein Tod als Opfer für die Sünde der Stein des Anstosses. Die Gegenwart unseres Herrn und sein Tod als Opfer für die Sünde der Stein des Anstosses.
"Er wird sein zum Stein des Anstosses und Fels des Strauchelns den beiden (nominellen) Häusern Israels." - Jes. 8:14
Sie wussten nicht die Zeit ihrer Heimsuchung
Luk. 19:44; Matth. 24:38, 39
Unser Herr als drei Persönlichkeiten dargestellt - als Bräutigam, als Schnitter und als König. Joh. 3:29; 4:35, 38; Matth. 21:5, 9, 4; 2. Kor. 11:2; Offb. 14:14, 15 und 17:14
Eine Advent-Bewegung zur Zeit der Geburt Jesu, dreißig Jahre, ehe er kam, um als Messias bei seiner Taufe gesalbt zu werden. Matth. 2:1-16; Apg. 10:37, 38 Eine Advent-Bewegung im Jahre 1844, 30 Jahre vor der eigentlichen Zeit seiner Gegenwart, zur Erweckung und Prüfung seiner Kirche. Matth. 25:1
Tatsächliche Gegenwart des Herrn als Bräutigam und Schnitter, im Oktober des Jahres 29. Tatsächliche Gegenwart des Herrn als Bräutigam und Schnitter, im Oktober 1874.
Drei und ein halb Jahre später, im Jahre 33, nahm er Macht und Titel als König an. Drei und ein halb Jahre später, im Frühjahr 1878, nahm er Macht und Titel als König an.
Gericht - das erste Werk des Königs
Das nominelle jüdische Haus verworfen; der eigentliche Tempel gereinigt. Matth. 20:18; 21:5 ff; 23:27; 24:1 Das nominelle christliche Haus verworfen, der geistliche Tempel gereinigt. 1. Petr. 4:17; Offb. 3:16; Mal. 3:2
Gänzliche Zerstörung des jüdischen Gemeinwesens, in 37 Jahren nach Israels Verwerfung oder in 40 Jahren vom Anfang der Ernte, im Jahr 70. Gänzliche Zerstörung des nominellen Christentums, in 37 Jahren nach seiner Verwerfung oder in 40 Jahren vom Anfang der Ernte, im Jahr 1914.
Vom Tode Jakobs bis zum Kreuz, die Gnadenzeit des nominellen Hauses der Knechte, 1845 Jahre, darauf Erhöhung der wenigen Getreuen und Verwerfung, Drangsal und Gericht über die Übrigen. Vom Tode Jesu bis zum Jahre 1878, die Gnadenzeit des nominellen Hauses der Söhne, 1845 Jahre, darauf Erhöhung der wenigen Getreuen und Verwerfung, Drangsal und Gericht über die Übrigen.

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Studie 8

Elias wird zuvor kommen.

Wie diese wichtige Prophezeiung sich zum zweiten Advent verhält. - Eine teilweise und vorbildliche Erfüllung in Johannes, dem Täufer. - Die wirkliche Erfüllung. - Die Vision auf dem heiligen Berg. -- Bemerkenswerte entsprechende Ähnlichkeiten zwischen Elias, dem Vorbild, und dem gegenbildlichen Elias. - Die Zeit ist herbeigekommen. - Der Ausblick. - Elias Nachfolger, Elisa.

"Siehe, ich sende euch Elia, den Propheten, ehe der Tag Jehovas kommt, der große und furchtbare. Und er wird das Herz der Väter zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern wenden, auf dass ich nicht komme und das Land mit dem Banne schlage." - Maleachi 4:5,6.

Beim Untersuchen der Beweise, dass die Zeit zur Aufrichtung des Königreiches des Messias auf Erden vorhanden sei, dürfen wir diese Prophezeiung, die da zeigt, dass Elias vor dem Tag Jehovas kommen sollte, nicht übersehen.

Obiger Ausspruch ist ein eigentümlicher. Der Gedanke scheint der zu sein: Elias Werk solle sein, Eltern zu einem demütigen, kinderähnlichen Herzenszustand umzuwenden (das bedeutet, zu bekehren), und nachdem sie wie kleine Kinder lehrhaftig geworden sind, ihre Herzen vom Irrtum, Sünde und Unglauben abzulenken und zur Harmonie mit "ihren" Vätern zurückzuwenden. Letzteres ist ein Name, den die Hebräer ihren glaubenstreuen Patriarchen und Propheten beilegten.

Maleachis Weissagung, die letzte Botschaft, die Jehova Israel sandte, scheint auf sie einen tiefen Eindruck gemacht zu haben - besonders die beiden letzten Kapitel, die sich besonders auf das Kommen des Messias und auf die besonderen Prüfungen beziehen, die der Tag der Gegenwart des Herrn mit sich bringen werde. (Siehe Mal. 3:1-3,13-18; 4:1-6) Hieraus entnehmend, dass die Prüfung eine besondere sein werde, getrösteten sie sich der letzten Verse, die da verhießen, dass Elias, der Prophet, der einst das ganze Volk vom Baalsdienst zurück zu Gott bekehrte, wiederkommen und sie auf die schwere Prüfungszeit vorbereiten werde, die das Kommen des Messias bringen werde.

Diese Prophezeiung wurde am ersten Advent unseres Herrn nicht erfüllt - weder der Teil, der sich auf den Messias bezieht, noch auch der, welcher sich auf den Elias bezieht. Diese Prophezeiung handelt augenfällig vom zweiten Advent, vom Kommen des großen "Sendboten des Bundes" in Herrlichkeit und Macht, und von der Läuterungs- und Drangsalszeit des Tages des Herrn zu seiner Zeit. Sein Kommen zum vorbildlichen Israel und die große Drangsal, die über sie als Volk kam, war vielmehr, wie Gott vorhergesehen und beabsichtigt hat, ein weiterer Schatten, der noch weiter in manchen Einzelheiten das erläuterte, was in dieser Prophezeiung dargestellt ist. Johannes, der Täufer, in der Kraft des Elias verrichtete an Israel ein ähnliches Werk, wie das des verheißenen Elias, aber ohne Erfolg; und infolge davon kam Drangsal (der Fluch) über jenes Volk. Der wahre Elias, auf den der Prophet hinzielt, sollte ein großes Werk für die ganze "Erde" tun, sollte die ganze Menschheit auf den zweiten Advent vorbereiten; und er wird eine Zeitlang auch keinen Erfolg haben, und als Folge hiervon wird die Zeit großer Drangsal (der Fluch) die ganze Erde treffen.

Das vom Propheten erwähnte Kommen des Elias fällt "vor" diesen "großen und schrecklichen Tag Jehovas"(siehe Band 1, Kapitel 15); und, wie wir soeben gezeigt haben, da der große Tag Jehovas im Jahre 1874 begann und vierzig Jahre dauern wird und mit dem Auslaufen der Zeiten der Heiden in dem vollständigen Sturz weltlicher und satanischer Herrschaft auf Erden und der vollen Einsetzung Immanuels -- Christus Jesus und seiner Heiligen in ganzer Macht und Herrschaft -- zu Ende gehen wird, so ist es für uns von großer Bedeutung, hier zu zeigen, dass Elias gekommen ist. Er hat die Herzen der Welt nicht zu Kinderähnlichkeit und zur wahren Weisheit der Gerechten bekehrt; und so kommt die Zeit großer Drangsal herbei, wie Gott vorhersah und vorhersagte. In derselben wird Gott der Menschheit durch ernste und bittere Erfahrungen eine Lektion geben, die sie durch und durch lernen müssen, um sie zuzubereiten, den Christus - Jehovas Sendboten des Neuen Bundes - mit allen gerechten Anordnungen, Gesetzen usw. dieses Bundes dankbar anzunehmen.

Am ersten Advent wurden, wie wir eben gesehen haben, viele Verheißungen und Pläne Gottes in einem geringen Grade an einem Volk, an Israel, ausgeführt. Das war eine Vorausdarstellung der größeren und großartigeren Dinge, die bei seinem zweiten Kommen ausgeführt werden sollen; und, wie die Wunder, Heilungen usw. die größeren Werke des Millenniums darstellten, und das Reiten des Herrn auf dem Eselsfüllen als König sein Ansichnehmen der größeren Macht, Majestät und Ehre beim zweiten Advent, als König der Könige und Herr der Herren, vorbildete, so vertrat "der Mensch Christus Jesus" (und seine kleine Jüngerschar) den hoch erhöhten, von seinen Heiligen, seiner Braut, seinen Miterben, umgebenen Herrn der Herrlichkeit beim zweiten Advent. Und geradeso vertrat Johannes, der Täufer (und seine Jünger, die mit ihm und unter ihm in demselben Werke beschäftigt waren), bei seinen Versuchen, Israel zu bekehren und sie zum Empfang des Messias vorzubereiten, den wahren Elias (die wahre christliche Herauswahl), dessen Werk der Versuch, die Welt vor dem Kommen des Messias - des geistlichen Herrn der Herrlichkeit und Königs der Könige - zu bekehren, gewesen war. Johannes, der Täufer, im Geist und in der Kraft des Elias, vermochte nicht, Israel zu reformieren, und als Folge hiervon (Matth. 17:12) verwarf Israel Jesus im Fleische und brachte einen großen "Tag der Vergeltung", der Drangsal und des Zornes auf sich. (Luk. 21:22) So auch, nur auf höherer Stufe, mit dem wirklichen und wahren Elias. Er vermochte nicht, die Welt zu bekehren und zum Empfang des Königs der Herrlichkeit vorzubereiten; und folglich muss nun der große Tag des Zornes über die Welt kommen, um alle zu schmelzen, zu zerschlagen, zu demütigen und bereit zu machen, von Herzen auszurufen: -- Hosianna! Gesegnet sei, der da kommt im Namen Jehovas!

So sieht man, dass die Herauswahl im Fleisch (der Christus, das bedeutet Gesalbte im Fleisch, Haupt und Leib) der Elias oder Vorläufer der Herauswahl in Herrlichkeit, Jehovas Gesalbter, ist. Nicht die bloße Namenkirche, sondern die wirkliche Gott geweihte Kirche, die jenseits des Grabes der große gesalbte Befreier sein wird - die bildet den Elias. Ihre Mission ist, Irrtum und Sünde zu strafen und auf das kommende Königreich der Herrlichkeit hinzuweisen. Unser Herr und die Apostel und alle Glaubenstreuen in Christus Jesus seitdem gehören zu diesem großen gegenbildlichen Elias, dem Propheten oder Lehrer - dieselbe Klasse (Haupt und Leib), die in kurzem den König der Herrlichkeit bilden soll. Das Werk, mit dem die Herauswahl jetzt beschäftigt ist, ist nur ein Vorläufer ihres zukünftigen Werkes, soweit es die Reformierung der Welt betrifft. In ihrem königlichen Amt wird die Herauswahl an der Welt das vollbringen, was sie jetzt als der Elias-Lehrer nicht vermochte.

Möchten wir nicht missverstanden werden: Wir haben bisher gezeigt, dass Gottes Plan die Bekehrung der Welt während des christlichen Zeitalters nicht in sich begreift. Er beabsichtigte nicht, dass solche geschehen sollte, sondern bezweckt jetzt nur die Auswahl und Prüfung der Herauswahl und die Segnung der Welt durch diese Herauswahl im hierauf folgenden Zeitalter. Wir widersprechen dem nicht, wenn wir sagen, dass der Elias (Christus im Fleisch) die Welt zu bekehren versucht und es nicht vermocht hat, außer etwa teilweise Reformen zuwege zu bringen. Gott wusste und sagte im voraus, dass unsere Mission an der Welt zum großen Teil ein Fehlschlag sein würde, ausgenommen die Auswahl einer ausgesuchten kleinen Herde. Aber er wusste auch, dass diese Bemühung wohltätig auf uns zurückwirken würde, darum gab er uns den Auftrag, die Bekehrung der Welt zu versuchen, da unser Herr zu uns sprach: "Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur." Indem wir nun sehen, dass er unseren gegenwärtigen Misserfolg vorhergesagt, sowie auch unseren zukünftigen Erfolg, nachdem er uns verherrlicht und mit göttlicher Macht ausgerüstet haben wird, so können wir selbst beim Rückblick auf den verhältnismäßigen Misserfolg der vergangenen achtzehn Jahrhunderte frohlocken. Wir erkennen, dass die Arbeit des wahren Elias doch nicht vergeblich gewesen ist, sondern im göttlichen Plan zur Entwicklung der wahren Kirche gedient hat, während sie vor der Welt ihr Zeugnis ablegte - welches Zeugnis der Welt zu seiner Zeit nützen wird.

Johannes, der Täufer, war nicht der eigentliche wieder zur Erde zurückkehrende Elias, noch auch ist es die Herauswahl; aber es war von Johannes wahr, dass er ein Elias-Werk an Israel tat (Luk. 1:17), es vorzubereiten, und dass er den Herrn im Fleische eingeführt hat. So ist es auch von der Herauswahl wahr: Sie verrichtet das vorausgesagte Elias-Werk "im Geiste und in der Kraft des Elias" an der Welt und verkündet den zweiten Advent unseres Herrn in fast denselben Worten, die Johannes am ersten Advent gebrauchte: "Mitten unter euch steht, den ihr nicht kennt, der nach mir Kommende. Dieser ist es ... der ... nach mir kommt, der mir vor (überlegen) ist." - Joh. 1:26,30.

Nicht alle konnten das Zeugnis Johannes annehmen, noch auch erkennen, dass er der Vorläufer des Königs im Fleische war. Hätten sie dies erkannt, so wären sie dadurch bereit gewesen, Jesus als Messias zu empfangen. An allen, die Johannes Botschaft annehmen konnten und annahmen und Christus aufnahmen, an denen verrichtete Johannes das Elias-Werk. Wie unser Herr zu ihnen über Johannes sagte (Matth. 11:14): "Wenn ihr es annehmen wollt, er ist Elias, der da zukünftig sein sollte"; obwohl Johannes und sein Werk nicht alles das ausführte, was in Bezug auf Elias geweissagt worden war, so wenig unser Herr im Fleische alles das erfüllte, was vom Messias geweissagt war. Er war allen, die es annehmen konnten, der Gesalbte Jehovas, selbst bevor er sein Versöhnungswerk vollendet hatte oder verherrlicht war oder zur Ausübung seines großen Amtes als Messias oder Befreier wiedergekommen war. Johannes, am ersten Advent, war in Wirklichkeit bis zu einem gewissen Grade eine Vollendung des in der Person und dem Werke des Elias begonnenen Vorbildes; und des Johannes Werk am ersten Advent schattete das Schlusswerk der Herauswahl beim zweiten Advent im Voraus ab. Diese, die Füße des Christus im Fleische - die Füße des Elias - verkünden das Königreich. (Jes. 52:7) Denen, die es annehmen können, verkünden wir, dass die Herrschaft des verherrlichten Christus vorhanden ist; und ebenso weisen wir denen, die es "annehmen wollen" oder können, nach, wer der verheißene gegenbildliche Elias ist. Etliche werde es wahrscheinlich nicht "annehmen", sondern auch ferner noch nach einem einzelnen Manne ausschauen, der Maleachis Weissagung erfüllen soll, und werden "die Zeit ihrer Heimsuchung" nicht erkennen, bis der große Tag der Drangsal wie ein Ofen brennen wird.

So wird man sehen, dass der Misserfolg des Elias (des Christus im Fleische) in der Bekehrung und Vorbereitung der Welt eine ebensowohl vorhergesehene Tatsache war, wie der Misserfolg des Johannes in der Bekehrung Israels. Nichtsdestoweniger wird es dieselbe Eliasklasse sein, (nur verherrlicht und mit Macht ausgerüstet), die während des Millenniums die Welt segnen und lehren und alle Dinge wiederherstellen wird, wie es durch den Mund aller heiligen Propheten verheißen ist; nur dem Namen und dem Bilde nach hört das Eliasvorbild mit unserer irdischen Laufbahn auf. Damit stimmt, was unser Herr den Jüngern erwiderte, als sie ihn fragten: "Was sagen denn die Schriftgelehrten, dass Elias zuerst kommen muss?" Die Antwort des Herrn versucht keine volle Erklärung darüber zu geben, dass Elias ein Vorbild und Johannes eine Fortsetzung desselben sei, während er zu gleicher Zeit eine schattenartige Erfüllung desselben ist usw. Dies waren Dinge, welche die Jünger damals noch nicht fassen konnten, und die dazu auch damals noch nicht an der Zeit waren, verstanden zu werden. Während der Herr daher den Misserfolg des Johannes als teilweise Erfüllung der Weissagung kennzeichnet, fügt er hinzu: "Wohl kommt Elias und wird alles wiederherstellen." (Matth. 17:11) (Anermerkung: Die ältesten Manuskripte lassen zuvor oder erst aus). Er hatte augenscheinlich sein eigenes herrliches Werk des zukünftigen Zeitalters im Auge, da er mit seinem verherrlichten "Leib", den das christliche Zeitalter aussuchen und erproben würde, vereinigt wäre. Er schaute hinüber, jenseits des Vorhanges, in das Tausendjahrzeitalter und sah die Eliasklasse in feurigem Wagen in Macht und großer Herrlichkeit - zur geistigen Erhabenheit - entrückt.

Ein Weib wird als Bild gebraucht, wenn die Herauswahl allein, getrennt von ihrem Herrn und Haupt, in Betracht gezogen wird. Getrennt und im Unterschied von ihrem Herrn, dem Bräutigam, ist sie eine verlobte Jungfrau. Hier aber ist ein Mann, Elias, das Bild, das verwendet wird, weil das vorgeschattete Werk nicht das Werk der Herauswahl, abgesehen von ihrem Herrn, ist, sondern das eine Werk beider. Unser Herr war ebensowohl das Haupt und der Vorläufer der Herauswahl im Fleische (des Elias) als wie er das Haupt der triumphierenden Ekklesia - des Christus - ist. Andere Fälle, da ein Mann als Bild gebraucht wird, wenn ein vereinigtes Werk von Christus Jesus und von seinem Leib, der Herauswahl, vorgebildet ist, sind zahlreich. Aaron zum Beispiel (ebenso alle seine Nachfolger im Hohepriesteramt) war ein Bild des Herrn; die Unterpriester ein Bild der Glieder seines Leibes. Melchisedek stellte auf ähnliche Weise den ganzen Leib in der Herrlichkeit vor. So Mose, David, Salomon. Folglich ist auch die Verwendung des Elias als Bild, um ein vereinigtes Werk Christi und der Herauswahl darzustellen, in Einklang mit dem Schriftgebrauch.

Im Hinblick auf die Klasse, die Elias darstellte, wie überaus beredt war die "Vision", die unser Herr den drei Jüngern auf dem Berge der Verklärung, eigentlich Verwandlung, zeigte. (Matth. 17:1-9) Es war eine Vision, ein Gesicht vom kommenden Königreich, sagt uns Petrus. (2. Petr. 1:16-18) Unser verwandelter Herr erschien vor ihren Augen im höchsten Glanze strahlend, während die Figur oder das Bild Moses die mosaische Heilszeitordnung oder die des Gesetzes darstellte und das Bild des Elias die christliche Heilszeitordnung oder die des Evangeliums. Beide Heilszeitordnungen blicken und weisen hin und reden von dem Opfer und dem Leiden Christi und der Herrlichkeit danach.

Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, wollen wir noch auf einige Züge und Vorfälle in dem Leben des Propheten Elias, des Vorbildes, hinweisen, und sie mit der Geschichte der Ekklesia vergleichen. Alle, die diese zutreffende Ähnlichkeit noch nicht bemerkt haben, werden darüber gewiss erstaunt sein. Damit die Ähnlichkeit um so leichter erkannt werde, stellen wir sie in parallelen Kolumnen nebeneinander.

Diese auffallende Übereinstimmung ist nicht zufällig. Und der Umstand, dass Elias vor dem großen Tag kommen sollte, und dass wir jetzt in der Herauswahl den gegenbildlichen Elias, auf den der Prophet Maleachi Bezug nimmt, und den Johannes der Täufer ferner vorbildete, gefunden haben, sollte als ein weiteres Anzeichen geschätzt werden, dass die Zeit vorhanden - dass der große Tag des Herrn gekommen ist. Aber über das Gesagte hinausgehend sind in diesem Vorbild noch manche Belehrungen enthalten, die, von anderen Schriftstellen unterstützt, den Zweck haben, die Heiligen geschickt und brauchbar zu machen, in dem gerade vor uns liegenden, stürmischen Tag ihre Sache wohl auszurichten und sie darin zu stärken und aufrecht zu erhalten.

Wir haben kein Verlangen, ein dunkles Bild vor unserem Geistesauge zu entwerfen. Wir würden lieber von der Herrlichkeit danach reden, die auf den Tag des Zornes folgt, und von den Freuden des hereinbrechenden Tausendjahrtages als von den Leiden und Entmutigungen der näheren Zukunft, die dem vollen Sonnen-Aufgang vorhergehen. Aber es ist nötig, dass die Heiligen zum wenigsten in etwas vor den wie über uns schwebenden Ereignissen im Voraus gewarnt seien, damit, wenn dieselben eintreten, sie nicht beunruhigt werden möchten, sondern damit sie im Voraus gerüstet sind und wissen, wie ihnen die Stirn zu bieten sei; und gleichfalls, damit sie die Gnaden und Güter der gegenwärtigen Tage desto völliger würdigen, und so fleißig wirken möchten, solange es heute (Tag) heißt, denn "es kommt die Nacht (eine viel dunklere Zeit im Vergleich mit der gegenwärtigen, Tag genannt, da niemand wirken." - Joh. 9:4.

Elias Die Herauswahl
Elias wurde um seiner Treue zur Wahrheit und um Gerechtigkeit willen verfolgt. Die Herauswahl (Kirche) wurde um ihrer Treue zur Wahrheit und um Gerechtigkeit willen verfolgt.
Sein hauptsächlichster Verfolger war Jesabel, die gottlose Königin Israels, die als Vorbild der Feindin der Heiligen beim Namen genannt wird. Offb. 2:20 Ihr hauptsächlichster Verfolger war die abtrünnige Kirche Roms, die da behauptet, eine "Königin" und Beherrscherin des geistlichen Israels zu sein. Offb. 18:7
Jesabels Macht zu verfolgen wurde durch ihren Gemahl, den König Ahab, ausgeübt. Die Macht des Papsttums zu verfolgen wurde durch das römische Reich ausgeübt, mit dem es verbunden war.
Elias floh vor Jesabel und Ahab in die Wüste an einen von Gott bereiteten Ort, wo er wunderbar ernährt wurde. Siehe 1. Kön. 17:5-9 Die wahre Herauswahl floh in die symbolische Wüste - den Zustand der Vereinsamung - an ihren von Gott bereiteten Ort, wo sie erhalten wurde. Offb. 12:6,16
Elias war "drei Jahre und sechs Monate in der Wüste, und während dieser Zeit regnete es nicht und war eine große Hungersnot im Land. Jak. 5:17; 1. Kön. 17:7; 18:2 Die Herauswahl war drei und ein halb Jahre (ein Tag für ein Jahr - 1260 buchstäbliche Jahre) im Wüstenzustand, während wegen Mangels an Wahrheit - dem lebendigen Wasser - eine geistliche Hungersnot eintrat. Off. 12:6; 11:3; Amos 8:11
Nach drei und ein halb Jahren oder 1260 Tagen, als Elias aus der Wüste zurückkehrte, wurden die Irrlehren der Priester Jesabels offenbar gemacht und der wahre Gott geehrt, worauf reichlicher Regefall folgte. 1. Kön. 18:41-45 Nach Verlauf der 1260 Jahre (1799) wurde die Macht der Wahrheit und ihrer Zeugen offenbar, und seitdem floss die Wahrheit im Maße von Millionen Bibeln jedes Jahr, die Welt erfrischend und Frucht bringend.
Zuerst freuten sich der König und das Volk, und Elias und sein Gott wurden geehrt. Der Geist der Jesabel aber war noch unverändert. Noch trachtete sie dem Elias nach dem Leben, und er war wiederum genötigt, in die Wüste zu fliehen. 1. Kön. 18:40-46; 19:1-4<</td> Die Bibel hat solche Segnungen gebracht, dass die Reiche der Erde die Hand des Herrn erkannten. Jedoch die Grundsätze des Papsttums - Jesabel - in den sogenannten protestantischen Sekten zwingt die Heiligen, wiederum in den Wüstenzustand zu fliehen.
Elias Laufbahn endete, indem er von der Erde genommen wurde. Die Heiligen werden aus irdischen in himmlische Wesen verwandelt.

Die gegenwärtige kurze Spanne Zeit, ehe die Sturmwolken über die Welt hereinbrechen, ist eine überaus günstige Zeit für die Arbeit der Eliasklasse und entspricht den erfolgreichen Tagen beider, des Elias und Johannes. Sie ist günstig für ein persönliches Wachstum an Gnade und Erkenntnis und auch für die Verbreitung des Wahrheit - ja, die allergünstigste Zeit, die es je gegeben hat. Wie die ersten Wahrheitsforscher, wie die Beröer, über solche Hilfsmittel, wie wir sie jetzt besitzen, gejauchzt haben würden. Wie froh sie gewesen wären, eine vollständige und gedruckte Bibel mit Angabe von Parallelstellen, eine Konkordanz (alphabetisches Spruchbuch aller Wörter der Bibel), Geschichtsbücher, Enzyklopädien, Wörterbücher und andere wertvolle Werke zum Nachschlagen zu haben, die jetzt durch so geringe Preise in dem Bereich aller sind oder in öffentlichen Bibliotheken selbst mittelmäßiger Städte allen ohne Kosten zugänglich sind. Und zu alle dem kommt noch das zunehmende Licht des Millennium-Tages-Anbruches und die Fähigkeit aller Klassen, für sich selbst zu lesen und vernünftig zu denken. Mit solchen Hilfsmitteln kann über und aus Gottes Wort und Plan in einem Tag mehr gelernt werden als in früheren, weniger begünstigten Zeiten in einem Jahr möglich war. Noch hat es je eine den christlichen Bemühungen so günstige Zeit gegeben, noch je einen solchen Antrieb zu christlichem Eifer und christlicher Tätigkeit, wie die glorreiche Erntebotschaft der Gegenwart des Herrn und die frohe Botschaft des herannahenden Königreiches.

Wenn wir von Ort zu Ort reisen wollen, um die Gläubigen aufzusuchen, so können wir in einer Woche so weit reisen, wie Paulus in einem Monat und mehr und mit viel größerer Bequemlichkeit. Wenn wir mit dem Mund predigen wollen, so können wir es tun, ohne dass uns jemand belästigt oder erschreckt. (Zeph. 3:13) Und wir leben zu einer Zeit, da die große Mehrheit des Volkes lesen und schreiben kann, was in früheren Zeiten nur sehr wenige konnten, und da das gedruckte Evangelium so billig, leicht zu haben und oft so viel wirksamer ist als mündliche Predigt. Das willige Herz kann so viel mehr verrichten, als Aquila und Priscilla in ihrer Weise und in ihrer Zeit mit der gleichen Anstrengung vermochten. Wir können vermittelst des wunderbaren Postsystems unserer Tage sowohl mit bedrucktem wie beschriebenem Blatt Freunden und Fremden über die ganze Welt und ohne Kosten predigen.

Aber der Apostel gibt, auf die Namenkirche der letzten Zeit Bezug nehmend, zu verstehen, dass eine Zeit kommen wird, "wo sie die gesunde Lehre nicht ertragen werden." (2. Tim. 4:3) Während dies jetzt auch wahr ist, in demselben Sinn wie es jahrhundertelang wahr gewesen ist, so soll es doch eine stärkere und deutlichere Erfüllung in der Zukunft erleiden. Es ist jetzt der Fall, dass die Namenkirche keine Prediger duldet, die ihre Glaubenssätze unbeachtet lassen und "das Wort" predigen, "den ganzen Ratschluss (Plan) Gottes" verkünden. Da ihre "Ohren jucken", ziehen sie menschliche Spekulation über Fortentwicklung und falsch berühmte Philosophien dem Worte Gottes vor. Da sie es aber nicht verhindern können, so dulden sie gesunde Lehre bis zu einem gewissen Grade - weit hinaus über das, was Rom in seinen Glanztagen geduldet haben würde.

Gerade vor den eben angeführten Worten nimmt der Apostel auf die "schweren Zeiten" der letzten Tage dieses Zeitalters Bezug. (2. Tim. 3:1-13) Er sagt, dass daselbst so großprahlerische, vergnügungssüchtige, das Gute verachtende Menschen wie noch nie leben würden, voller Schein, Selbstsucht, Hochmut und Undankbarkeit. Er erklärt, dass (in der Kirche) böse Menschen und Verführer (von der Wahrheit) werden schlimmer und schlimmer werden, dass sie andere verführen und durch ihre Sophistereien selbst verführt werden. Da der Apostel aber an die letzten Tage dachte, als er obiges schrieb, und nicht an das Mittelalter, so sind wir sicherlich zu der Frage berechtigt, ob nicht die Zeit in diesen "letzten Tagen" nahe vor uns sein möchte, da gesunde Lehre in keiner Weise ertragen oder zugelassen werden wird.

Es ist jetzt in großem Grade wahr, dass niemand auf den Märkten oder Synagogen kaufen und verkaufen (mit der Wahrheit handeln) darf, er habe denn das Zeichen des Tieres oder die Zahl seines Namens. (Offb. 13:17) Wer ganz Gott gehört, hat aber gelernt, dass prächtige Modetempel, Kirchen genannt, jetzt so wenig für die Predigt des Evangeliums nötig sind, wie in den Tagen der Apostel, und dass großartige Orgeln und geschulte Chöre keine notwendigen Ausschmückungen sind, um die Aufmerksamkeit der Leute auf sie zu lenken; denn das gewöhnliche Volk hört heute wie in früheren Tagen die Botschaft gern, sei es an Straßenecken, auf Märkten, durch die Post und von gedruckten Blättern. Die Frage ist, möchte diese Aussagung der Offenbarung noch mehr bedeuten, als wir bis jetzt erfahren haben? Und möchte es nicht, wie die Aussage des Apostel Paulus, andeuten, dass in den letzten Tagen eine Zeit kommen wird, da gesunde Lehre überhaupt nicht ertragen werden wird? Möchte nicht unsere Erfahrung darin mit der Johannes, des Täufers, (dem Vorbild), der ins Gefängnis geworfen wurde, stimmen? Mit anderen Worten: Was mögen wir zwischen der gegenwärtigen, verhältnismäßig günstigen Zeit - obgleich sie auch nicht ohne Schwierigkeit ist - und der zukünftigen gesegneten Zeit ungehinderter Gerechtigkeit erwarten? Wird es eine so günstige, oder mehr oder weniger günstige Zeit für die Arbeit im Weinberge sein, als die gegenwärtige? Lasst uns darauf achten, was diese Vorbilder andeuten; denn da unser Herr unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt hat, so sind wir berechtigt, alles, was wir in dem Leben des Elias oder Johannes finden, das mit der Erfahrung der Herauswahl und mit dem Zeugnis des Wortes Gottes über ihre zukünftige, irdische Laufbahn stimmt, als vorbildlich anzunehmen, und demgemäss auszulegen und zu unserer Stärkung anzuwenden.

Elias verließ die irdische Umgebung in einem feurigen Wagen. Dies schildert im Bild die geistige Herrlichkeit und Erhöhung, die am Ende der irdischen Laufbahn diejenigen der Herauswahl erwartet, die bis in die letzten Tage leben und überbleiben. Aber wir müssen auch beachten, dass es ein Sturmwind war, in dem er weggenommen wurde; und ein Sturm ist so gut ein Symbol der Drangsal, wie der feurige Wagen ein Bild des Sieges und der Herrlichkeit in jener Drangsal ist.

Die letzten Erlebnisse Johannes, des Täufers, sind noch deutlicher durch Drangsalszüge ausgezeichnet. Obwohl das Volk ihm nicht gehorchte (Matth. 17:12), so erkannten sie in ihm doch für kurze Zeit einen Diener und Propheten Gottes (Joh. 5:35); doch nachdem er die Gegenwart des Messias angekündigt hatte, fing sein Einfluß bald dahinzuschwinden an, wie er es selbst bezeugt hatte, als er von Christus sagte: "Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen." So muss es am Ende dieses Zeitalters sein: Das Werk der Johannesklasse (der Eliasklasse) schliesst mit der Ankündigung: "Das Königreich der Himmel ist herbeigekommen", und der König ist hier. Das ist es, was jetzt geschieht; und genau die Worte des Johannes sind auf diese Zeit des zweiten Advents des Herrn mit gleicher Kraft anwendbar: "Mitten unter euch steht einer (ist gegenwärtig), den ihr nicht kennt", er, dessen Worfschaufel in seiner Hand ist, und er wird seine Tenne reinigen und den Weizen in die Scheune sammeln; die Spreu aber mit unauslöschlichem Feuer - in der Zeit großer Drangsal - verbrennen. - Joh. 1:26; Matth. 3:12.

Wie Johannes abnahm - als sein besonderes Werk mit der Überbringung dieser Botschaft vollbracht war - so muss die Kirche im Fleische abnehmen, wenn ihre letzte Botschaft abgelegt ist, bis das letzte Glied sein Gott geweihtes Leben niedergelegt hat und jenseits des Vorhanges in die "Herrlichkeit" eingegangen ist, um fortan ein Glied des verherrlichten, herrschenden Christus zu sein. Wie Johannes sagte, dass Jesus zunehmen müsse, so können wir jetzt, da das wahre Königreich auf dem Punkte ist, aufgerichtet zu werden, zuversichtlich sagen, dass der König gegenwärtig ist, und dass sein Königreich zunehmen muss, bis es die Erde erfüllt. Und die Ankündigung der "Ernte"-Arbeit von Seiten des Johannes - die Sammlung des Weizens und die Drangsal, die über die Spreu kam - findet ihre Parallele in unserer Zeit ebenfalls.

Die Freiheit des Johannes wurde bald nach Ablegen dieser Botschaft, die den Gegenwärtigen und sein ihm obliegendes Werk ankündigte, beschränkt. Er wurde ins Gefängnis geworfen, weil er den König wegen seiner unstatthaften Vereinigung mit einem Weib (Matth. 14:4) strafte; und obwohl treue Kinder Gottes oft darauf hingewiesen haben, dass die Vereinigung zwischen der Kirche und der staatlichen Gewalt außer Ordnung sei, und in der Schrift als Hurerei bezeichnet wird (Offb. 17:5), und wenn auch die Welt sich in großem Maße von den Kirchen zurückgezogen hat, so besteht die Vereinigung doch noch, und die Schrift scheint anzudeuten, dass die Namenkirchen, die angeblich Jungfrauen Christi sein sollen, in der Zeit der herannahenden Drangsal auf Seiten der Könige (Reiche) der Erde stehen und mit ihnen verbunden sein werden; und die wahre Kirche (Herauswahl) wird, wie ihr Vorbild, Johannes, der Täufer, unpopulär und ihrer Freiheit beraubt sein, weil sie treulich dem Irrtum widersteht und ihn verurteilt.

In dem Fall von Johannes und Elias war es ein Weib, das verfolgte; und ein König handelte als ihr Werkzeug und Vollzieher. Mit der wahren Kirche ist es bisher so gewesen, wie diese es im Bild veranschaulichen, und es wird ohne Zweifel auch in der Zukunft so sein. Die Namenkirche ist durch ein Weib und die bürgerliche Obrigkeit durch einen König dargestellt. Die Prophezeiung weist nicht nur auf eine engere Vereinigung zwischen diesen beiden hin, als es gegenwärtig der Fall ist, sondern jeder genaue Beobachter kann sehen, dass der hauptsächlichste Hebel, durch den die königliche Aristokratie die Massen beherrscht, der Aberglaube ist, dass Gott diese "großen Männer" zur Herrschaft über sie ernannt habe, obwohl sie gar oft sowohl schwach als auch lasterhaft sind; und dass gegen Tyrannei und Ungerechtigkeit sich auflehnen und Gerechtigkeit, Freiheit und gleiche Rechte fordern, dem Willen Gottes sich widersetzen heiße. Daher geht auch die Neigung der Regierungen und der Kirchen auf offene oder geheime Vereinigung, um in dem bevorstehenden Sturm ihr gegenseitiges Wohlergehen zu wahren.

Und nicht nur das, sondern der kommende Kampf zwischen der Aristokratie und den Massen in allen zivilisierten Ländern wird so besonderer Art sein, allen früheren Erfahrungen unähnlich, dass ruhige, konservative und religiös gesinnte Leute, weil sie den gänzlichen Zusammenbruch der Gesellschaft in Chaos und Anarchie befürchten, naturgemäßerweise die Monarchie, Unterdrückung und Zwang irgendeinem Etwas vorziehen, das gewiss schlimmer sein muss. Sie werden sich daher auf die Seite der Kirche und des Staates schlagen, es mit Reichtum und Aristokratie halten, in der gemeinsamen Bemühung, jenes unausbleibliche Zusammentreffen - "den Streit (die Schlacht) jenes großen Tages Gottes des Allmächtigen" - zurückzuhalten und ihm vorzubeugen.

Schließlich werden wohl nur die unter denen, die Frieden und wahre Religion lieben, die einzigen Ausnahmen diesem Verfahren gegenüber sein, die es dem König der Könige gefällt, durch sein Wort über seine Pläne zu unterrichten (Joh. 16:13), und die seiner Weisheit und Liebe, wie auch seiner Macht, alle Dinge seiner Verheißung gemäß auszuführen, völlig vertrauen. Nur der Teil der ordnungsliebenden, konservativen Leute, der da sieht, welche Bedeutung die kommende soziale Revolution in Gottes Plan hat, nämlich die unfruchtbaren Systeme, deren Zeit vorbei ist, zu beseitigen, und die Welt durch einen großen Gleichmachungsprozess für die Tausendjahrherrschaft der Gerechtigkeit vorzubereiten, - wird imstande sein, die Sachlage zu erfassen und danach zu handeln. Sie werden aber missverstanden werden, und ihren Versuchen, die wahre Sachlage und das wirkliche und einzige Heilmittel darzulegen, werden wahrscheinlich von denen Hindernisse in den Weg gelegt werden, die das großartige Ergebnis nicht sehen, und die, weil sie unwillig sind, ihren eigenen Willen, eigene Ideen und Pläne daranzugeben, unfähig sind, Gottes Pläne zu erkennen. Wenn etwa zurückhaltende, einschränkende und zwingende Maßnahmen für nötig erachtet werden, so werden solche Maßnahmen wahrscheinlich nicht nur Arbeiterorganisationen und Veröffentlichungen umfassen, die deren Rechte und Beeinträchtigungen beleuchten, sondern auch die einbegreifen, die auf den Plan Gottes und die wahren Ursachen und das einzige Heilmittel für das große Elend der Völker hinweisen. Ja, die Zeit ist vielleicht nicht sehr ferne, da Zwangsmaßregeln gegen jeglichen Versuch der Heiligen, die frohe Botschaft vom kommenden Königreich zu verkündigen, in Anwendung gebracht werden. Das alles unter dem Vorwand, dass das allgemeine Interesse und die öffentliche Wohlfahrt solches Verfahren fordere.

So würde die Vorhersagung des zweiten Psalms erfüllt, und aller Wahrscheinlichkeit nach gegen das Ende mit größerer Bitterkeit, als man jetzt wohl denken mag, obwohl es sich teilweise schon an dem Haupt des Leibes und an dessen ersten Gliedern erfüllt hat. - Apg. 4:25-29.

Dieselbe Notwendigkeit, die Freiheit über politische und soziale Fragen zu beschränken, wird man wahrscheinlich ebenso auf die Freiheit der Meinungsäußerung über religiöse Fragen, die allerdings aller Freiheit zugrunde liegt, anwenden zu müssen meinen. Es wäre nicht überraschend, wenn eines schönen Tages ein "starkes Regiment", eine Monarchie, an die Stelle dieser gegenwärtigen großen Republik treten würde; und es ist ganz und gar möglich, dass ein gemeinsames Glaubenssymbol für dienlich gehalten und verkündet werden mag. Außer demselben etwas zu lehren, würde dann als ein politisches Verbrechen behandelt und bestraft werden. Solche Verfolgung würde nicht nur eine weitere Parallele an diesem Ende oder in der Ernte dieses Zeitalters zur Ernte des jüdischen Zeitalters liefern (Apg. 4:10-13, 23-30; 5:29-41; 11:19), sondern würde auch in den Worten der Apostel Paulus und Johannes (2. Tim. 4:3; Offb. 13:17) und gleichfalls den vorbildlichen Veranschaulichungen des Endes der irdischen Laufbahn der wahren Kirche, wie es in dem Weggange des Elias im Sturmwind und in der Gefangennahme und Enthauptung Johannes, des Täufers, dargestellt ist, eine breitere und tiefere Bedeutung geben.

Zwei Lehren mögen wir mit Nutzen hieraus ziehen, abgesehen davon, ob künftige Entwicklungen beweisen werden, dass wir das prophetische Zeugnis richtig oder unrichtig gelesen haben, und das sind diese: Erstens, wir sollten mit der unbesiegbaren Wahrheit so vorbereitet, so bewaffnet und so durch und durch ausgerüstet sein, dass etwaige Verfolgungen uns nur zu umso größerem Eifer treiben würden. Sie sollen uns nicht dazu führen, etwa aus Überraschung oder Furcht unser Glaubensbanner niedriger zu halten, noch uns zur Übergabe leiten (wenn nun die Könige der Erde aufstehen und samt den religiösen Herrschern sich gegen uns versammeln) oder die Wahrheit zu verleugnen zwingen, welche als seine Diner und Gesandte zu bezeugen Gott uns so hoch begnadigt hat. (1. Joh. 3:1) Zweitens, solche Betrachtungen über die Zukunft sollten beim Vergleich mit der Gegenwart dazu dienen, jedes geweihte Kind Gottes anzutreiben, von den gegenwärtigen herrlichen Gelegenheiten und Vorrechten der Erntezeit fleißigen Gebrauch zu machen. Möchten sie daran denken, dass, "wer da erntet, empfängt Lohn", geradeso gewiss wie der, welcher da pflanzte und wässerte; und dass es jetzt ganz besonders eine Zeit ist zum Sammeln von Frucht zum ewigen Leben. Die kleine Ruhe der gegenwärtigen günstigen Zeit mit ihren größeren Freiheiten und Vorteilen in jeder Richtung ist göttlich vorgesehen, damit das Versiegeln der wahren Knechte Gottes an ihren Stirnen (in ihrem Verstand mit der Wahrheit) stattfinden könne. - Offb. 7:3.

Unser Meister sagte: "Ich muss wirken, ... so lange es Tag ist (oder heißt); es kommt die Nacht, da niemand wirken kann", welche Worte gleichfalls auf die Glieder seines Leibes anwendbar sind. "Wirket nicht für die Speise, die vergeht, sondern für die Speise, die da bleibt ins ewige Leben." - Joh. 9:4; 6:27.

So sehen wir also zur gegenwärtigen, rechten Zeit, dass der Prophet Elias, wie vorhergesagt, vor dem großen und öffentlichen Tag des Herrn kam. Und wir hören sein Schlusszeugnis (dem des Johannes gleich): "Mitten unter euch steht, den ihr nicht kennt", - dessen Worfschaufel in seiner Hand ist, und der seine Tenne fegen wird. Er wird seinen Weizen in seine Scheune sammeln und den Scheinweizen (als solchen - nicht als Menschen) in der Zeit größter Drangsal (dem Fluch, der kommen muss, um dem großen König der Könige den Weg zu bereiten) mit unauslöschlichem Feuer verbrennen. Er muss wachsen, aber der Elias muss abnehmen und schließlich ganz und gar gehindert werden. Nicht nur hören wir dieses Zeugnis von einigen wenigen der Eliasklasse jetzt, sondern jeder, der zur Eliasklasse gehört, wird in kurzem unter den Verkündern dieser Botschaft und im Betreiben des Eliaswerkes gefunden werden. Nur solche, die darin treu sind, werden zu dem verherrlichten Elias gehören und an dem Werk der Wiederherstellung aller Anteil erhalten, welches Werk während des Millenniums ein großartiger Erfolg sein wird. Eine tiefe Bedeutung findet sich auch in dem Namen Elias. Er bedeutet: Gott (Gewaltiger) Jehovas. Es ist ein passender Name für den Gesalbten des Herrn, dessen herrliches Werk die Wiederherstellung aller Dinge sein soll, von welcher Gott durch den Mund aller seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat.

Zum Schluss bemerken wir noch kurz den Umstand, dass der Prophet Elias am Ende seiner Laufbahn den Elisa berief. Nachdem dieser geopfert und alles verlassen hatte, folgte er Elias und wurde dessen Nachfolger als Prophet, als Elias in dem Wagen der Herrlichkeit und Macht von ihm schied. Er empfing den Mantel der Würde oder Autorität und ein großes Maß seines Geistes und seiner Kraft. (1. Kön. 19:19) Und da Elias den Leib Christi im Fleische - die Überwinder-Herauswahl - darstellte, so ist es nur naturgemäß, dass wir annehmen, dass Elisa ebenfalls eine Klasse vertritt - eine Klasse, die mit der Eliasklasse in enger, innerer Verbindung steht und mit ihr in der Führung des Herrn folgen wird; und doch eine Klasse, die nicht erwarten wird, verherrlicht zu werden. Dieselben werden durch den "Sturmwind" der Drangsal von der Eliasklasse getrennt werden, nichtsdestoweniger aber ein Interesse behalten und einen Segen empfangen. Nachdem Elias hinweg war, wurde Elisa kühn und stark, sodass die Theologen jener Zeit (die Söhne der Propheten) sagten: Der Geist Elias ruht jetzt auf Elisa!

Die Bedeutung des Namens Elisa ist: Mächtiger Befreier; und die Laufbahn des Elisa war, ein Wiederherstellungswerk zu verrichten. Dies schattete zweifellos das Werk einer Klasse ab, die in der Zukunft unter den Menschen wirksame Werkzeuge sein werden und in der Kraft der dann verherrlichten Herauswahl ein Wiederherstellungswerk verrichten werden. Unter anderen wunderbaren Werken heilte Elisa das Wasser, sodass daraus kein Tod noch irgend Unfruchtbarkeit kommen konnte. Er vermehrte das Öl der armen Witwe, damit sie ihre Schulden bezahlen konnte. Er erweckte den Sohn der Sunamitin; und als Hungersnot im Lande war, und der Gemüsetopf (für die Söhne der Propheten) vergiftet war, sodass niemand davon essen konnte, heilte ihn Elisa und machte es genießbar. Auch vermehrte er eine geringe Menge Brot, so dass eine große Anzahl davon gespeist werden konnte, und heilte den Aussatz Naemans. Auch war er Gottes Beauftragter bei der Salbung Jehus, durch dessen Hand, dem Worte Gottes durch Elias gemäß, die königliche Familie Ahabs, wie auch Isebel und alle ihre Priester, gänzlich ausgerottet wurden. - 2. Kön. 2:19-22; 4:1-7,18-44; 5:1-10; 9:1-37; 10:28.

Es ist nicht schwer, in diesen Werken des Elisa das herauszufinden, was dem eigentlichen Wiederherstellungswerk, das bevor lange erwartet werden mag, so ungemein ähnlich ist. Wie da die Wasser der Wahrheit nicht länger vom Irrtum bitter und ungenießbar, sondern an der rechten Quelle durch ein klareres Verständnis des Wortes Gottes gesund gemacht sein werden. Wie da den Armen zu dem Öl der Freude für den Geist der Schwermut verholfen werden soll. Wie da die Toten erweckt, und wie da in der Hungersnot das Brot (die Wahrheit) gesund und reichlich werden soll; und wie da die Mächte und Systeme, die von Ahab und Isebel dargestellt sind, und die alle sich gegen den Herrn vereinigen, völlig und endgültig gestürzt werden sollen.

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Studie 9

Der Mensch der Sünde - der Antichrist

Der Antichrist muss vor dem Tag des Herrn entstehen, offenbart und gestürzt werden. - Eine gegenteilige Ansicht über diesen Gegenstand betrachtet. - Prophetische Schilderung desselben. - Die Geburt des Antichristen. - Seine rasche Entwicklung. - Übereinstimmung des geschichtlichen Bildes und der biblischen Beschreibung desselben. - Sein Reich eine fälschende Nachahmung. - Sein auffälliges Haupt und merkwürdiger Mund. - Seine hochklingenden und schwülstigen Worte der Gotteslästerung. - Seine gotteslästerliche Lehre. - Das Aufreiben der Heiligen des Allerhöchsten durch ihn. - Seine tausendjährige Herrschaft. - Der Antichrist durch das Schwert des Geistes geschlagen. - Sein letzter Kampf und Untergang.

"Lasst euch von niemandem auf irgendeine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall komme und geoffenbart worden sei der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens." - 2. Thess. 2:3

Im Hinblick auf die angeführten Worte des Apostels Paulus, dass ein Charakter, den er als "Mensch der Sünde" bezeichnet, dem zukünftigen Tag des Herrn (welcher, wie wir bewiesen haben, bereits anzubrechen begonnen hat) vorhergehen muss, ist es von Wichtigkeit, dass wir uns umsehen, ob ein solcher je erschienen ist. Denn ist ein derartiger Charakter (eine Persönlichkeit), wie Paulus und die anderen Apostel ihn so sorgfältig beschreiben, noch nicht gekommen, so müssen diese Worte des Apostel Paulus als bestimmtes Nein auf die Frage betrachtet werden, ob der Herr jetzt gegenwärtig sei und sein Reich aufrichte; und bis der "Mensch der Sünde" in jedem Punkt mit der Vorhersagung desselben übereinstimmend erschienen ist, müsste dieses Nein als unwiderlegbares Argument bestehen bleiben.

Deutlich wird uns berichtet, dass dieser Mensch der Sünde nicht nur zuerst entstehen muss, sondern auch, dass er sich entwickeln und gedeihen muss, bevor der Tag des Herrn kommt. Noch vor dem Tag des Herrn würde sein Gedeihen und sein Einfluss den Höhepunkt erreicht haben und beides wieder im Abnehmen begriffen sein; und durch den hellen Schein der Gegenwart des Herrn bei seiner Wiederkunft soll es geschehen, dass dieser Mensch der Sünde gänzlich vernichtet wird. Diese vorherverkündeten Umstände müssen wir beachten, um erkennen zu können, ob die Ermahnung des Apostel Paulus an die damalige Kirche auch noch in unserer Zeit anwendbar ist. Jetzt nach achtzehn Jahrhunderten wird abermals der Anspruch erhoben, dass der Tag Christi gekommen sei, und es entsteht die wichtige Frage: Besteht irgendetwas, das Paulus damals sagte, um den Irrtum der Thessalonicher zu berichtigen, auch jetzt noch als Einwand gegen diese Behauptung zurecht?

Der Apostel ermahnte die Kirche, die Wiederkunft des Herrn sehnsüchtig zu erwarten und auf das "feste prophetische Wort" zu merken. Aus dieser Ermahnung und aus seiner Sorgfalt, die Zeichen der Gegenwart Christi und die Eigenart seines Werkes zu jener Zeit hervorzuheben usw., geht augenscheinlich hervor, dass er ebenso besorgt war, die Kirche möchte die Gegenwart des Herrn, wenn er gekommen sei, nicht erkennen als auch, dass sie vor der Zeit seiner Gegenwart in den Irrtum verführt werden möchte, er wäre schon gekommen. Wer am Anfang dieses Zeitalters dem letzteren Irrtum anheimfiel, wurde damit dem Betrug des schon damals in Wirksamkeit begriffenen antichristlichen Grundsatzes (die Kirche sei die sichtbare Einrichtung des Heils für die Welt in diesem Zeitalter und habe darum ein Anrecht auf die Herrschaft der Welt) ausgesetzt. Wer dagegen jetzt den Tag des Herrn und seine Gegenwart zur rechten Zeit zu erkennen verfehlt, ist damit der sich fortsetzenden Täuschung und falschen Lehre des Antichristen preisgegeben (dass das Reich Gottes in der irdischen Organisation der Sekten schon vorhanden sei) und wird hierdurch gegen die großen Wahrheiten und besonderen Vorrechte dieses Tages verblendet. Daher des Apostels Besorgnis um die Kirche an beiden Enden des Zeitalters und seine Warnung: "Lasst euch von niemandem auf irgendeine Weise verführen!" Daher auch die genaue Beschreibung des Menschen der Sünde, damit er zu seiner Zeit erkannt werden könne.

Während die Kirche an diesem Ende des Zeitalters geneigt ist, selbst die Verheißungen des Herrn von des Herrn Wiederkunft zu vergessen, und, wenn sie sich daran erinnert, derselben mit Schrecken zu gedenken, hat die frühere Kirche begierig und mit freudiger Erwartung danach ausgeschaut. Sie sah in ihr die Frucht all ihrer Hoffnungen, den Lohn all ihrer Treue und das Ende all ihres Kummers. Mithin war die frühere Kirche bereit, willig auf irgendwelche Lehre zu hören, die den Tag des Herrn entweder sehr nahe oder als schon gegenwärtig darstellte, und demgemäss war sie in diesem Punkt in Gefahr, verführt zu werden, es sei denn, dass sie die apostolische Lehre über diesen Gegenstand sorgfältig beherzigte.

Die Kirche zu Thessalonich, beeinflusst durch die irrtümliche Lehre etlicher, der Herr sei wiedergekommen, und sie hätten seinen Tag erlebt, glaubte offenbar, diese Idee harmoniere mit der Lehre des Apostel Paulus in seinem ersten Briefe an sie (1. Thess. 5:1-5), dass des Herrn Tag still und unbemerkt heranschleichen würde, wie ein Dieb in der Nacht, dass aber in betreff desselben die Heiligen nicht im Finstern sein würden, obwohl andere sich unversehens darin befänden. Von diesem schädlichen Irrtum hörend, schrieb Paulus seinen zweiten Brief, dessen Hauptgedanke der war, den Irrtum, in den sie gefallen waren, zu berichtigen. Er sagt: "Wir bitten euch, Brüder, um der Ankunft unseres Herrn Jesu willen (in betreff derselben) und unseres Versammeltwerdens zu ihm, dass ihr nicht schnell erschüttert werdet in der Gesinnung, noch erschreckt, weder durch Geist, noch durch Wort, noch durch Brief als durch uns, als ob der Tag des Herrn (enestemi) da wäre. Lasst euch von niemand auf irgendeine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall komme und geoffenbart worden sei der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, welcher widersteht und sich selbst erhöht über alles, was Gott (mächtiger Herrscher) heißt, oder ein Gegenstand der Verehrung ist, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei. Erinnert ihr euch nicht, dass ich dieses zu euch sagte, als ich noch bei euch war? Und jetzt wisst ihr, was zurückhält, (auf) dass er (Christus) zu seiner (bestimmten) Zeit geoffenbart werde. Denn schon ist das Geheimnis der Gesetzlosigkeit (gegen Christus) wirksam; nur ist jetzt der, welcher zurückhält, bis er aus dem Wege ist, und dann wird der Gesetzlose geoffenbart werden, den der Herr Jesus verzehren wird durch den Hauch seines Mundes und vernichten durch die Erscheinung seiner Ankunft (parusia - Gegenwart)." Paulus konnte mit solcher Gewissheit von dem Offenbarwerden des Menschen der Sünde vor dem Tag des Herrn schreiben, weil er Daniels Weissagung studiert hatte, auf die auch unser Herr Bezug nimmt (Matth. 24:15), und wahrscheinlich auch, weil ihm selber in seinen Gesichten und Offenbarungen der große Schaden gezeigt wurde, den dieser Mensch der Sünde in der Kirche anrichten würde.

Man beachte: Paulus gebraucht keine Argumente, wie man heute anzuwenden geneigt sein würde, gegen die Behauptung, dass der Tag des Herrn begonnen habe. Er sagt nicht: O, ihr törichten Thessalonicher, wisset ihr nicht, dass, wenn Christus kommt, eure Augen ihn sehen und eure Ohren den erschreckenden Schall der Posaune Gottes hören werden, und dass sie ferner an den sich wankenden Grabsteinen und an den hervorgehenden Heiligen handgreiflichen Beweis haben würden. Ist es nicht augenscheinlich, dass, wenn das ein richtiger Schluss gewesen wäre, Paulus ein so einfaches und leicht fassliches Argument gar schnell benutzt haben würde? Noch mehr, ist nicht die Tatsache, dass er dieses Argument nicht gebrauchte, ein Beweis, dass es nicht auf Wahrheit beruht, noch beruhen kann?

Aus der Tatsache, dass Paulus in seiner energischen Weise, den Irrtum zu berichtigen, nur den einen Einwand gegen ihre Behauptung erhob, geht offenbar hervor, dass er ihre Gedanken über den Tag des Herrn im allgemeinen guthieß - dass derselbe nämlich angefangen haben könne, während viele nicht darum wussten; dass er kommen könne, ohne dass man es an äußerlichen Zeichen merke. Der alleinige Grund seines Einwandes war der, dass zuerst der Abfall kommen müsse, und infolge des Abfalls die Entstehung des Menschen der Sünde, welcher, was derselbe auch sein möge (ob eine einzelne Person oder ein großes antichristliches System, das er so personifizierte), vor dem Tag des Herrn erst aufkommen, gedeihen und zu verfallen anfangen müsse. Wenn also dieser einzige Einwand, den Paulus erhob, nicht mehr im Wege steht; wenn wir einen Charakter finden, der in allen Stücken der prophetischen Beschreibung vom Menschen der Sünde entspricht und vom Anfang seines Daseins an bis auf unsere Zeit wirklich bestanden hat, dann des Paulus einziger Einwand - obwohl in seinen Tagen am Platz - nicht länger ein triftiger Grund gegen die jetzt aufgestellte Behauptung, dass wir am Tag des Herrn leben, im Tag seiner Gegenwart. Weiter, wenn der Mensch der Sünde leicht erkannt werden kann; wenn seine Entstehung, Entwicklung und Verfall deutlich zu sehen ist, dann wird diese Tatsache ein neuer bestätigender Beweis für die Lehre des vorstehenden Kapitels, welches zeigt, dass wir jetzt im Tage des Herrn sind.

Prophetische Schilderung desselben

Wer die Prophetie studiert, wird finden, dass der Mensch der Sünde die ganze Heilige Schrift hindurch deutlich bemerkbar gemacht wird, nicht nur durch eine klare Beschreibung seines Wesens, sondern auch dadurch, dass Zeit und Ort seines Entstehens, Gedeihens und Verfalls gezeigt werden.

Dieser Charakter wird in eben den Namen, die ihm von den inspirierten Schreibern beigelegt werden, sehr nachdrücklich geschildert. Paulus nennt ihn den Ruchlosen, den Menschen der Gesetzlosigkeit, das Geheimnis der Bosheit, Antichrist, Sohn des Verderbens. Daniel heißt ihn - verwüstenden Greuel (Dan. 11:31; 12:11), und unser Heiland bezieht sich auf denselben Charakter als - Greuel der Verwüstung, von dem durch den Propheten Daniel gesprochen ist (Matth. 24:15), und abermals als ein Tier. (Offb. 13:1-8) Derselbe Charakter ist durch ein kleines Horn, das bedeutet Macht, versinnbildlicht, aus einem greulichen Tier hervorkommend, welches Daniel in einer prophetischen Vision sah, das Augen hatte und ein Maul, das große Dinge redete, und welches zunahm und mit den Heiligen Krieg führte und sie überwältigte. (Dan. 7:8, 21) Auch Johannes sah diesen Charakter und warnte die Kirche davor, indem er sagte: "Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt." (1. Joh. 2:18-27) Auch das Buch der Offenbarung ist zum größeren Teil eine eingehende diesen Antichristen betreffende symbolische Prophezeiung, auf die wir hier nur einen Blick werfen, da wir die ausführliche Untersuchung derselben für einen späteren Band aufheben. Alle diese verschiedenen Bemerkungen und kurzen Beschreibungen zeigen einen niederen, listigen, heuchlerischen, trügerischen, tyrannischen Charakter an, der sich inmitten der christlichen Kirche entwickelte; ganz allmählich sich einschleichend, dann aber rasch zu Macht und Einfluss sich emporschwingend, bis er den Gipfel irdischer Macht, Reichtums und Ehre erreicht hat - mittlerweile seinen Einfluss gegen die Heiligen und für seine eigene Vergrößerung geltend machend, und bis zuletzt besondere von Gott verliehene Heiligkeit, Autorität und Macht beanspruchend.

In diesem Kapitel beabsichtigen wir zu zeigen, dass dieser Mensch der Sünde ein System und nicht eine Einzelperson ist, wie viele zu folgern scheinen; dass, wie der Christus aus dem wahren Herrn und der wahren Kirche besteht, so der Antichrist als Trugsystem aus dem falschen Herrn und der abtrünnigen Kirche besteht, welchem System eine Zeitlang zugelassen wird, die Wahrheit zu verdrehen und Betrug zu üben, die Autorität und Herrschaft des wahren Herrn und seiner Kirche nachzuäffen und die Nationen mit seinen falschen Ansprüchen und Anmaßungen trunken zu machen.

Wir hoffen zur Zufriedenheit jedes gewissenhaften Lesers beweisen zu können, dass dieser große Abfall, den Paulus erwähnt, gekommen ist, und dass dieser Mensch der Sünde enthüllt worden ist, dass er im Tempel Gottes (dem wirklichen, nicht vorbildlichen) gesessen hat, dass die sein Wesen und Wirken betreffenden Weissagungen der Apostel und Propheten erfüllt worden sind, dass er geoffenbart worden ist und nun seit dem Jahr 1799 durch den Geist des Mundes des Herrn (durch die Wahrheit) verzehrt wird und während des Tages des Zornes und der Offenbarung des Herrn mit Feuerflammen der Vergeltung, die bereits im Anfang begriffen sind, gänzlich vernichtet werden wird.

Ohne den Wunsch zu hegen, die Meinung anderer leichthin zu behandeln, halten wir es dessen ungeachtet für nötig, dem Leser einige Ungereimtheiten aufzuzeigen, die gewöhnlich mit der Ansicht vom Tag des Herrn verbunden sind, damit dadurch die Würde und das Vernunftvolle der Wahrheit über diesen Gegenstand recht hervortrete, im Gegensatz zu der beschränkten Ansicht, dass alles, was die Schrift über diesen Antichristen vorhergesagt habe, durch einen buchstäblichen Menschen vollbracht würde. Dieser Mensch - so wird behauptet - werde die Welt so bezaubern, dass er sich in wenigen kurzen Jahren die Ehrfurcht und die Anbetung aller Menschen sichern werde. So leicht würden dann alle zu täuschen sein, dass sie diesen Menschen für Gott halten und ihn in einem neu erbauten jüdischen Tempel als den allmächtigen Jehova anbeten würden. Und dies alles soll mit Blitzeseile geschehen - in drei und ein halb Jahren, so sagen sie - indem sie symbolische Zeit, wie auch den symbolischen Menschen missdeuten.

Sagenhafte Dichtungen und weitgehendste Einbildung können keine Parallelen liefern zu diesen übertriebenen Ansichten einiger lieber Gotteskinder, die da über eine buchstäbliche Auslegung der Sprache des Paulus straucheln und damit sich selbst und andere gegen viele kostbare Wahrheiten verblenden, welche sie, um des über diesen Gegenstand verbreiteten Irrtums willen, unfähig sind, in vorurteilsfreiem Licht zu betrachten. Wie groß auch unser Mitgefühl für sie ist, ihr "blinder" Glaube nötigt uns ein Lächeln auf, wenn sie uns die verschiedenen, von ihnen unverstandenen Symbole der Offenbarung ganz ernsthaft erzählen und so verkehrt auf ihren wunderbaren Menschen anwenden. In dem ungläubigsten aller Zeitalter, das die Welt je gekannt, behaupten sie, werde dieser Mensch in dem kurzen Zeitraum von drei und ein halb Jahren die ganze Welt zu seinen Füßen sehen, ihn anzubeten als einen Gott; während Cäsar, Alexander, Napoleon, Mohammed und andere durch Meere von Blut segelten und vielemale drei und ein halb Jahre brauchten, ohne den tausendsten Teil davon auszurichten, was sie für ihren "Menschen" beanspruchen.

Und doch hatten jene Welteroberer alle Vorteile einer dichten Unwissenheit und Aberglaubens auf ihrer Seite, während wir heute zur Entwicklung solcher Täuschung und Betrügerei unter höchst ungünstigen Bedingungen leben. In einer Zeit soll alles dies geschehen, da das Verborgene offenbar wird, wie nie zuvor, in einer Zeit, da Betrug, wie der aufgetischte, für irgendwelche Beachtung zu abgeschmackt und lächerlich gehalten wird. Wahrlich, die Neigung unseres Tages geht viel zu sehr auf Mangel an gebührender Achtung vor Menschen, einerlei wie gut, begabt und fähig sie seien, oder welches Vertrauensamt oder welche Vollmacht sie inne haben. In solchem Grade, und wie nie zuvor, ist dies wahr, dass die Welt tausendmal eher leugnen wird, dass es überhaupt einen Gott gibt, als einen Mitmenschen als den allmächtigen Gott anzubeten.

Ein großes Hindernis für viele in dieser Sache ist die beschränkte Idee, die man gewöhnlich von dem Wort "Gott" hegt. Viele beachten nicht, dass das Wort Theos (Gott) sich nicht immer auf Jehova bezieht. Es bezeichnet einen Mächtigen, einen Herrscher, und besonders einen religiösen oder priesterlichen Herrscher. Im Neuen Testament wird Theos selten gebraucht, außer wenn es auf Jehova angewandt wird, weil die Reden der Apostel sich wenig oder selten auf falsche Religionssysteme und daher auch selten auf ihre priesterlichen Herrscher und Götter bezogen. Doch in den folgenden Texten wird das Wort "Theos" (Gott) auch auf andere als das eine höchste Wesen bezogen, nämlich: Joh. 10:34, 35; Apg. 7:40, 43; 17:23; 1. Kor. 8:5

Die Mannigfaltigkeit des griechischen Wortes Theos erkennend, wird man sofort sehen, dass die Aussage des Apostels den Antichristen betreffend - dass er sich in den Tempel Gottes setzen und vorgeben werde, er sei ein Gott - nicht notwendigerweise bedeutet, dass der Antichrist versuchen werde, sich über Jehova zu erheben, noch auch, sich an Jehovas Stelle zu setzen. Es bedeutet einfach, dass dieser eine sich als einen religiösen Herrscher darstellen wird, der Autorität beansprucht und in dem Maße über alle anderen religiösen Herrscher ausübt, dass er sich in der Kirche, welche der wahre Tempel Gottes ist, hoch erhebt und daselbst, als ihr Haupt und berechtigter Herrscher, göttliche Autorität beansprucht und ausübt. Wo immer im Griechischen das Wort Theos in einem Satz so gebraucht wird, dass seine Bedeutung zweifelhaft sein würde, dann steht der griechische Artikel davor, wenn es sich auf Jehova bezieht, wie wenn man im Deutschen der Gott sagen würde. Dagegen, in den eben angeführten Stellen, welche sich auf andere Götter beziehen, und hier in dieser Stelle (2. Thess. 2:4), die sich auf den Antichristen bezieht, liegt kein solcher Nachdruck darauf.

Wird dies klar gesehen, so wird ein großer Stein des Anstoßes aus dem Wege geräumt, und unser Verstand ist in der Lage, nach den rechten Dingen als Erfüllung dieser Weissagung zu suchen. Nicht nach einem Antichristen, der da Jehova zu sein beansprucht, und der als solcher Anbetung verlangt, sondern nach einem solchen, der da der oberste, der höchste Lehrer der Kirche zu sein behauptet und so das Ansehen Christi, des göttlich ernannten Hauptes, Herrn und Lehrers sich anzumaßen versucht.

Und sonderbar genug, dass diejenigen, welche diese buchstäbliche Ansicht vom Menschen der Sünde haben, gewöhnlich an ein Kommen des Herrn vor dem Millennium glauben und erwarten, dass der Herr jetzt jeden Augenblick kommen könne. Warum können nicht alle des Apostels Meinung erkennen, wenn er so bestimmt erklärt, dass der Tag des Herrn (der Tag seiner Gegenwart) nicht kommen könne und nicht erwartet werden sollte, bis der Mensch der Sünde offenbar geworden sei. Es waren über vierzig Jahre nötig, um den früheren jüdischen Tempel zu erbauen, und es würde gewiss wenigstens zehn bis zwanzig Jahre erfordern, den neuen Tempel, in dem sie den buchstäblichen Menschen der Sünde eingesetzt und als Gott verehrt zu sehen erwarten, mit größerer als vormaliger Pracht in Jerusalem zu bauen. Wie können denn diejenigen, die dies glauben, erwarten, dass der Herr jetzt jeden Augenblick kommen könne? Solche Ansicht ist außer Harmonie mit der Vernunft wie mit der Prophezeiung des Apostels. Konsequenz erfordert, dass sie entweder aufhören, den Herrn jeden Augenblick zu erwarten, oder aber einen noch zukünftigen Menschen der Sünde zu erwarten; denn der Tag der Gegenwart des Herrn kann nicht kommen, bis der Abfall stattgefunden und der Mensch der Sünde sich in jenem Abfall entwickelt hat und geoffenbart worden ist.

Wenn wir aber eine richtige Ansicht über die Worte des Apostels erlangen und zugleich richtige Gedanken über die Art des Kommens des Herrn hegen, begegnen wir keinen solchen Ungereimtheiten und Widersprüchen, sondern finden überzeugende Harmonie und Einklang. Und solch eine Ansicht wollen wir nun vorlegen. Die Schriftgemäßheit derselben soll der Leser prüfen.

Die verschiedenen Bezeichnungen, die diesem System beigelegt worden sind, sind offenbar symbolisch, bildlich; sie sind nicht Namen, die sich auf einzelne Personen beziehen, sondern Charakterbezeichnungen einer verderbten, religiös-bürgerlichen Verschmelzung, die sich in der nominell-christlichen Kirche entwickelte und durch ihren listigen Widerstand gegen Christum und seine wahre Kirche (seinen Leib) mit Recht den Namen Antichrist verdient hat. Solch ein System konnte alle den Antichristen oder Menschen der Sünde betreffenden Weissagungen erfüllen, was ein einzelner Mensch nicht konnte. Es ist ferner auch augenscheinlich, dass dieses antichristliche System keines der heidnischen Lehrgebäude ist, wie der Mohammedanismus oder Brahmanismus; denn die christliche Kirche ist nie unter der Gewalt irgendeines solchen Systemes gewesen, noch ist auch irgendeines der sogenannten Systeme in der christlichen Kirche entstanden. Sie sind jetzt unabhängig von der christlichen Kirche, und sind es immer gewesen.

Das System, auf welches die durch Inspiration gegebene Beschreibung völlig passt, muss ein anerkannt christliches sein und muss eine große Mehrzahl solcher enthalten, die behaupten, Christen zu sein. Und es muss ein System sein, das seine Entstehung einer Apostasie oder einem Abfall vom wahren christlichen Glauben verdankt - und dazu einem Abfall, der heimlich und verstohlen war, bis Umstände das Ergreifen der Macht begünstigten. Und dieser verstohlene Anfang trat schon in den Tagen der Apostel ein - in dem Streben einiger, der Größte zu sein.

Wir brauchen nicht lange zu suchen, um einen solchen Charakter zu finden, auf den alle Anforderungen vollkommen passen, einen Charakter, dessen Geschichte, von weltlichen Geschichtsschreibern, wie von seinen eigenen betrogenen Dienern verzeichnet, wie wir sehen werden, ganz genau mit den prophetischen Schilderungen stimmt. Aber wenn wir nun aussprechen, dass dieses eine und einzige System, dessen Geschichte auf die Prophezeiungen passt, das Papsttum ist, so verstehe uns niemand so, als meinten wir, jeder römische Katholik sei ein Mensch der Sünde, oder dass die Priester oder gar die Päpste der römischen Kirche der Antichrist seien oder gewesen sind. Nein, kein Mensch ist "der Antichrist", wie ihn die Prophetie beschreibt. Päpste, Bischöfe und andere sind höchstens nur Glieder des antichristlichen Systems, ebenso wie die einzelnen des königlichen Priestertums nur Glieder des wahren Christus, unter Jesus, ihrem Haupt, sind und auf dieselbe Weise, wie diese in ihrem jetzigen Zustand der gegenbildliche Elias sind, aber keiner derselben einzeln angenommen der verheißene Elias oder der Christus ist. Beachte ferner, dass die römische Kirche nur als kirchliches System nicht der "Mensch der Sünde" ist und niemals unter dem Bild eines Mannes dargestellt wird. Im Gegenteil, für eine von ihrem Herrn und Haupt getrennte Kirche wird stets nur ein Weib als Symbol gebraucht. Die wahre Kirche wird immer durch eine "keusche Jungfrau" symbolisiert, während eine abtrünnige Kirche, die von ihrer ursprünglichen Reinheit und Treue gegen ihren Herrn gefallen ist, sinnbildlich "eine Hure" genannt wird. Wie die wahre Kirche bis ans Ende der Zeitalter "jungfräulich" bleibt, wann sie mit ihrem Herrn vereinigt werden und seinen Namen - Christus - tragen soll; so war auch die abtrünnige Kirche nicht der Antichrist oder der Mensch der Sünde, bis sie sich mit ihrem Haupt und Herrn, dem Papst, vereinigte und ein religiöses Reich wurde - fälschlich das Christentum (Reich) genannt, was Reich Christi bedeutet.

Papsttum ist der Name dieses falschen Reiches und ist auf eine fälschlich angewandte Wahrheit aufgebaut - auf die Wahrheit nämlich, dass die Kirche Gottes berufen ist, Könige und Priester Gottes zu sein, und auf der Erde zu herrschen. Aber die Zeit zum Herrschen war noch nicht gekommen. Das christliche Zeitalter war nicht für diesen Zweck, sondern für die Auswahl, Erziehung, Demütigung und Aufopferung der Kirche bestimmt. In den Fußstapfen ihres Herrn nachfolgend, sollte sie bis zur fest bestimmten Zeit auf die verheißene Erhöhung und herrliche Herrschaft - auf das Zeitalter des tausendjährigen Reiches - geduldig warten und ausharren.

Der Herr sah voraus, dass die nominelle Christenheit sich weit über die Erde ausbreiten, und, nachdem sie volkstümlich geworden, von vielen der Form nach angenommen werden würde, ohne in den Geist derselben einzudringen. Er sah voraus, dass, sobald sich die Massen dieser Art zur Kirche gehörig erachten würden, ein weltlicher Geist - das Gegenteil von dem Geist der Selbstverleugnung und Selbstaufopferung - mit Eingang finden würde. Der Herr sah, dass einreißende Selbstsucht und das Trachten nach Größe und Herrschaft nicht lange auf Gelegenheit zu ihrer Entfaltung zu warten braucht, und dass somit die Kirche vor der Zeit die Welt zu beherrschen suchen würde; oder besser gesagt: Das weltliche in die Kirche einziehende Element werde seinen Einfluss fühlbar machen und im Namen der wahren Kirche die obrigkeitliche Gewalt der Erde an sich reißen, die doch den Nationen übergeben war, und die nicht vor dem Ende der Heidenzeiten, 1914 n.Chr., völlig in die Hände der wahren Kirche übergehen kann.

Und so ist es tatsächlich geschehen: Als die Namenkirche an Zahl zunahm, fing sie an, unter den Lehren und dem Beispiele ehrgeiziger Männer abzufallen. Ihre Ideen begünstigten mehr und mehr die Macht und den weltlichen Einfluss, den Zahl und Reichtum mit sich brachten. Nach und nach wurde der Geist der Kirche ein weltlicher, und man trachtete nach den Dingen dieser Welt. Die Einflüsterung des Ehrgeizes war: Wenn nun die Kirche das große römische Kaisertum mit seiner Macht und seinem Einfluss hinter sich hätte, wie ehrenhaft, wie erhaben wäre es dann, ein Christ zu sein! Wie geschwind würden die heidnischen Verfolgungen aufhören. Dann würde es in unserer Macht stehen, sie nicht nur in Furcht zu jagen, sondern sie sogar zu zwingen, sich zur Kirche, zum Kreuz und zum Namen Christi zu bekennen. Sie dachte wahrscheinlich weiter: Es ist offenbar nicht Gottes Wille, dass die Kirche der Welt immer untertan sein und von ihr verfolgt werden soll. Die Worte des Apostels: "Wisset ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden?", wie auch die Verheißung des Herrn, dass wir mit ihm regieren werden, und die vielen Prophezeiungen, die sich auf das Herrschen beziehen, zeigen deutlich, dass das wirklich der Plan Gottes ist. Wohl war, der Apostel schrieb, der Herr werde erst zurückkehren und dann seine Kirche (seine verachtete, verfolgte Herauswahl) erhöhen, und ermahnte uns, auf den Herrn zu "warten"; aber (so urteilten sie) etliche Jahrhunderte sind bereits vergangen und noch sehen wir kein Anzeichen von dem Kommen des Herrn! Die Apostel werden sich wohl ein wenig geirrt haben. Uns scheint es klar, dass wir jedes Mittel ergreifen können und sollen, um das weltliche Regiment in die Hand zu bekommen und die Welt für den Herrn zu erobern. Die Kirche (urteilten sie dann weiter) muss auch ein Haupt haben, das den abwesenden Herrn und die Kirche der Welt gegenüber vertritt. Dieses Haupt sollte die Huldigungen der Welt empfangen und Christi Autorität ausüben und die Welt mit eiserner Rute weiden, wie der Prophet David zuvor gesagt hat. So ist nach und nach, durch einen langsamen, über Jahrhunderte sich erstreckenden Denkprozess die Hoffnung der Kirche, erhöht zu werden, um zu regieren - und zwar bei der Wiederkunft des Herrn - verloren gegangen. Eine neue Hoffnung trat an ihre Stelle - die Hoffnung, auch ohne den Herrn unter dem Vortritt und der Leitung einer Reihe von Päpsten Erfolg zu haben. Durch allerlei List, Ränke und Schmeicheleien der Welt wurde die Hoffnung der Kirche verfälscht, und so zu einem trügerischen Fallstrick, an welchem sie der Satan in Lehre wie Praxis von einem Übel und Irrtum zum anderen führte.

Der Punkt, bei welchem der "Abfall" sich als "Mensch der Sünde" offenbarte, war da, als die päpstliche Hierarchie unter dem Vortritt einer verordneten Reihe von Päpsten sich selbst erhöhte und unter dem Namen und Vorgeben, das tausendjährige Königreich Christi zu sein, die Herrschaft über die Erde beanspruchte und an sich riss. Es war dies eine falsche, betrügerische Behauptung, gleichviel, wie ernst ihre Unterstützer es glaubten. Es war dies ein täuschendes, nachgefälschtes Reich, einerlei, wie aufrichtig etliche seiner Gründer und Vertreter gewesen sein mögen. Ob einer auch davon behauptete, es sei "das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit" Christi auf Erden, so war es tatsächlich das Reich Satans und des Antichristen. Es ist ein Irrtum zu meinen, gewissenhaft zu sein heiße stets im Rechten zu sein. Jedes auf Irrtum aufgebaute System hat zweifellos ebenso viele gewissenhafte, wenn auch betrogene Befürworter, als es Verächter hat oder gar mehr. Gewissenhaftigkeit ist sittliche Rechtschaffenheit und hängt nicht vom Wissen ab. Die falsch belehrten Heiden verehrten gewissenhaft ihre Götzen und opferten ihnen; Saulus, falsch belehrt, verfolgte gewissenhaft die Heiligen, und so taten auch viele falsch unterrichtete Papisten den Prophezeiungen Gewalt an, verfolgten die Heiligen und errichteten das große System des Antichristen, welches Jahrhunderte lang die Könige der Erde hinsichtlich seiner Macht und angeblich göttlichen Autorität betrog und über sie herrschte. Aber nicht nur dies. In die Kirche, den Tempel Gottes, wo Christus allein als Haupt und Lehrer anerkannt werden sollte, hat sich das Papsttum gesetzt, mit dem Vorgeben, der alleinige Lehrer und Gesetzgeber zu sein, und hat hierdurch, mit Ausnahme der wenigen, alle durch seinen großartigen Erfolg und seine prahlerischen Behauptungen verführt. "Die ganze Welt verwunderte sich"; alle, deren Namen nicht in dem Lebensbuch des Lammes geschrieben standen, waren erstaunt, betrogen und irregeleitet, und auch viele als Heilige Gottes Eingeschriebenen waren bedauerlich im Unklaren. Und dieser Betrug war um so kräftiger, weil diese ehrgeizigen Ziele sich nur allmählich bildeten und noch allmählicher verwirklichten. Er erstreckte sich über Jahrhunderte und war in Form von Ehrgeiz schon heimlich in Paulus Tagen wirksam. Er war ein Vorgang, in dem nach und nach ein Irrtum zum anderen gefügt wurde - des einen Mannes ehrsüchtige Aussagen wurden durch die eines anderen ergänzt, und so ging es weiter dem Strome der Zeit entlang. So pflanzte und begoss Satan heimtückisch den Samen des Irrtums und brachte hierdurch das größte und einflussreichste System, das die Welt je gesehen - den Antichrist - zustande.

Der Name Antichrist hat eine zweifache Bedeutung. Die erste ist: gegen (das bedeutet im Widerspruch mit) Christus; die zweite: anstatt (das heißt ein Scheinbild) Christi. Im ersten Gebrauch ist der Ausdruck allgemein und passt auf jeden Feind und Gegner Christi. In diesem Sinne war Saulus (später Paulus genannt), jeder Jude, jeder Mohammedaner, alle heidnischen Kaiser und Völker Roms Antichristen - Gegner Christi. (Apg. 9:4) Aber nicht in diesem Sinne gebraucht die Heilige Schrift den Namen Antichrist. Sie übergeht alle solche Feinde Christi und wendet das Wort Antichrist in der oben angeführten zweiten Bedeutung an, nämlich: als gegen - im Sinne von missrepräsentierend, falsch darstellen, nachfälschen, des wahren Christus Stelle nehmen. So bemerkt Johannes: "Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen geworden." (1. Joh. 2:18, 19) (Das Griechische unterscheidet zwischen dem Antichristen, das bedeutet dem besonderen und den vielen kleineren Antichristen.) Die nachfolgenden Bemerkungen des Johannes zeigen, dass er sich nicht auf alle Gegner Christi und der Kirche bezieht, sondern auf eine besondere Klasse, welche, während sie bekennt, Christi Leib - die Kirche - zu sein, die Grundsätze der Wahrheit verlässt und demgemäss die Wahrheit nicht nur falsch darstellt, sondern auch in den Augen der Welt den Platz und den Namen der wahren Kirche annimmt und somit in der Tat als die wahre Kirche der Heiligen zu erscheinen strebt. Johannes sagt von ihnen: "Sie sind von uns ausgegangen, denn sie waren nicht von uns"; sie sind unsere Vertreter nicht, wenn sie auch sich selbst und die Welt darüber täuschen mögen. In demselben Brief erklärt Johannes, dass diejenigen, die er als die vielen Antichristen erwähnt, den Geist des Antichristen hätten.

Das also ist es, was man erwarten sollte, und was wir im Papsttum wirklich finden: Kein Sichauflehnen gegen den Namen Christi, sondern einen Feind und Gegner Christi, insofern, als er fälschlich seinen Namen trägt, sein Reich und seine Autorität nachmacht und der Welt das Wesen, den Plan und die Lehre Christi falsch darstellt - ein äußerst gefährlicher Feind und Gegner in der Tat, schlimmer als ein offener Widersacher. Und es sei hier erwähnt, dass dies wahr ist, wenn auch die, welche zu diesem System gehören, in guter Meinung irren: sie "verführen und werden verführt", wie die Schrift sagt.

Nach diesen Andeutungen über das Was und Wie des Menschen der Sünde, und wann und wo und unter welchen Umständen wir nach ihm auszuschauen haben, werden wir nun zur Untersuchung einiger Zeugnisse der Schrift schreiten, die, wie wir glauben, über jede Frage hinaus beweisen, dass jede den Antichrist betreffende Prophezeiung in dem päpstlichen System erfüllt wurde, und zwar in solcher Weise und Ausdehnung, dass es sich angesichts der Aufklärung unserer Zeit unmöglich wiederholen könnte. Der Raum nötigt uns, nur kurze Andeutungen aus der großen Masse Welt - und kirchengeschichtlicher Zeugnisse zu geben. Wir haben uns auch nur auf Geschichtsschreiber von anerkannter Genauigkeit beschränkt, und sind in vielen Fällen zu römisch-katholischen Historikern gegangen, um ihr Zeugnis oder ihre bestätigenden Äußerungen zu haben.

Die Umstände, die den Menschen der Sünde hervorriefen

Der große Abfall. - Wir fragen zuerst, berichtet die Geschichte eine Erfüllung der Weissagungen des Apostel Paulus über einen großen Abfall von der ursprünglichen Einfachheit und Reinheit der christlichen Kirche und über das geheimnisvolle Wirken eines frevelhaften, ehrgeizigen Strebens in der Kirche vor der Entstehung des Papsttums, des Menschen der Sünde, das bedeutet bevor man den Papst als Oberhaupt der Kirche anerkannte?

Jawohl, sehr deutlich. Die päpstliche Hierarchie trat erst einige Jahrhunderte, nachdem der Herr und seine Apostel die Kirche gegründet hatten, ins Leben. Und von der Zwischenzeit lesen wir in Fischers Universalgeschichte, Seite193:

"Als die Kirche an Zahl und Wohlstand wuchs, wurden kostbare Gebäude zur Gottesverehrung errichtet; die Gottesdienste wurden großartiger: Bildschnitzerei und Malerei wurden zur Förderung der Andacht in den Dienst gezogen, Reliquien (Überbleibsel) der Heiligen und Märtyrer wurden als heiligstes Besitztum gehegt und gepflegt; religiöse Vorschriften wurden vervielfältigt, und unter den christlichen Kaisern (im vierten Jahrhundert) eignete sich die Kirche mit ihrer Entfaltung der Geistlichkeit und ihren imposanten Zeremonien viel von dem Prunk und äußeren Glanze der heidnischen Systeme an, die sie verdrängt hatte."

Ein anderer sagt: (Whites Universalgeschichte, Seite 156) "Gleichzeitig mit der festeren Einrichtung (des Christentums als Staatsreligion im vierten Jahrhundert) riss eine schon zwei Jahrhunderte zuvor entstandene, große und allgemeine Verderbnis ein. Aberglaube und Unwissenheit schrieb den Geistlichen eine Macht zu, die sie zur eigenen Erhöhung verwendeten."

Rapin bemerkt, dass "die christliche Religion im fünften Jahrhundert durch eine Unmasse menschlicher Einfälle herabgewürdigt worden war. Die Einfachheit der Leitung und der Zucht der Kirche wurde zu einem System geistlicher Gewalt erniedrigt; und ihr Gottesdienst durch von den Heiden entlehnte Zeremonien verunstaltet."

Mosheim, in seiner "Geschichte des Christentums", verfolgt den Abfall der Kirche von ihrer ursprünglichen Einfachheit und Reinheit Schritt für Schritt, bis zu ihrer tiefen Erniedrigung, welche in der Ausgeburt des "Menschen der Sünde" gipfelte. Ob er darin den Antichrist erkannte oder nicht, ist nicht ersichtlich, aber meisterhaft hat er das Wirken des "Geheimnisses der Bosheit" in der Kirche bis zum Beginn des vierten Jahrhunderts verfolgt, wo seine Arbeit plötzlich durch den Tod unterbrochen wurde. Der Raum gestattet uns nicht, aus seinem ausgezeichneten und umfangreichen Werke Anführungen zu machen, aber wir empfehlen das ganze Werk als über diesen Gegenstand höchst belehrend.

Aus Lords "Die alte römische Welt" führen wir hier eine kurze und treffende Skizze der Kirchengeschichte während der ersten vier Jahrhunderte an, welche klar und bündig ihren Stufenweisen Niedergang, sowie ihren raschen Verfall, zeigt, nachdem das vom Apostel erwähnte Hindernis beseitigt war. Er sagt:

"Im ersten Jahrhundert waren nicht viele Weise und Edle berufen. Keine Namen von Philosophen, Staatsmännern, Edelleuten, Generälen, Herrschern, Richtern oder Magistratspersonen werden uns überliefert. Im ersten Jahrhundert waren die Christen nicht wichtig genug, um allgemeiner durch die Obrigkeit verfolgt zu werden. Sie hatten noch nicht einmal die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Niemand, selbst die griechischen Philosophen nicht, schrieb gegen sie. Wir lesen auch nichts davon, dass Christen protestiert oder sich verteidigt hätten. Sie hatten in ihren Reihen keine großen Gelehrten, keine Männer von Talent, Reichtum oder gesellschaftlicher Stellung. Kein Zeitabschnitt in der Geschichte ist so dürftig, als die Jahrbücher der Kirche im ersten Jahrhundert, was hohe Namen anbetrifft. Dennoch vermehrten sich in diesem Jahrhundert die Bekehrten in jeder Stadt sehr, und die Überlieferung zeugt von dem Märtyrertum der Hervorragenderen unter ihnen, mit Einschluss fast aller Apostel."

"Im zweiten Jahrhundert gibt es keine größeren Namen als Polykarp, Ignatius, Justin der Märtyrer, Klemens, Melito und Apollonius, stille, bescheidene Bischöfe (Älteste), oder unerschrockene Märtyrer, die zu ihren Herden in oberen Gemächern redeten, keinen weltlichen Rang hatten, und die nur der Heiligkeit und der Einfachheit ihres Charakters wegen gerühmt und um ihrer Leiden und ihrer Treue willen genannt wurden. Wir hören von Märtyrern, welche wertvolle Abhandlungen und Verteidigungsschriften geschrieben haben, aber Leute von Rang finden wir keine unter ihnen. Ein Christ sein, war in den Augen der Vornehmen und Mächtigen eine Unehre. Die Literatur der ersten Kirche ist vornehmlich verteidigender Art, und der belehrende Charakter derselben ist einfach und praktisch. Innerhalb der Kirche gab es eifrige Verhandlungen, ein reges, religiöses Leben, Entfaltung großer Tätigkeit, große Tugenden, aber keine äußeren Kämpfe, keine Weltgeschichte. Bis dahin hatten sie noch nicht die Obrigkeit oder die großen sozialen Körperschaften des Reiches angegriffen. Es war eine kleine Schar reiner, tadelloser Leute, welche nicht beanspruchten, die menschliche Gesellschaft zu beherrschen. Aber sie hatten die Aufmerksamkeit der Obrigkeit auf sich gelenkt und waren von hinlänglicher Bedeutung, um verfolgt zu werden. Man sah sie als Fanatiker an, welche die Ehrfurcht vor den bestehenden Einrichtungen zu zerstören suchten."

Organisation, um mächtig zu werden

"In diesem Jahrhundert wurde die Verfassung der Kirche in aller Stille organisiert. Eine organische Verbindung kam unter den Gliedern zustande; die Bischöfe wurden (nicht in der Gesellschaft, sondern unter den Christen) einflussreich; Kirchsprengel und Gemeinden wurden eingerichtet; Unterschiede zwischen Stadt und Landbischöfen gemacht; Gemeinde-Abgeordnete versammelten sich, um Glaubenspunkte zu erörtern oder aufkeimende Irrlehren zu unterdrücken; das Diözesen-System wurde entwickelt und kirchliche Zentralisation (Vereinigung der kirchlichen Gewalt) begonnen; man fing an, die Diakonen unter die höhere Geistlichkeit zu rechnen; die Waffen der Exkommunikation (des Kirchbannes) wurden geschmiedet; Missionsbestrebungen unternommen; die Festzeiten der Kirche ins Leben gerufen; leitende Geister fielen dem Gnostizismus zu (einer übertriebenen Weise, bildliche Sprache der Schrift auszulegen und besondere Offenbarungen beanspruchend); in katechetischen Schulen lehrte man den Glauben systematisch; die Formeln von der Taufe und den Sakramenten wurden von großer Wichtigkeit, und das Mönchstum wurde populär. So legte die Kirche den Grund zu ihrer späteren Verfassung und Macht."

"Das dritte Jahrhundert sah die Kirche als Institution schon mächtiger. Regelmäßige Synoden hatten sich in den großen Städten des Reiches versammelt; das Metropolitansystem reifte aus; die Kirchengesetze wurden genau aufgezählt; große theologische Schulen zogen forschende Geister an; die Lehren wurden in ein System gebracht (das bedeutet in Glaubensbekenntnissen erklärt, abgegrenzt und zusammengestellt). Das Christentum hatte sich so sehr ausgebreitet, dass es notwendigerweise entweder verfolgt oder anerkannt werden musste; berühmte Bischöfe herrschten in der wachsenden Kirche; große Doktoren (der Gottgelehrtheit) erörterten Fragen über fälschlich sogenannte Philosophie und Wissenschaft, welche die griechischen Schulen beschäftigten; Kirchengebäude wurden vergrößert und Gastmähler zu Ehren der Märtyrer angeordnet. Die Kirche näherte sich rasch einer Stellung, in der sie Beachtung von Seiten der Menschen erzwang."

"Nicht vor dem vierten Jahrhundert - erst als die Verfolgungen von Seiten der Kaiser aufhörten, (der römische Kaiser) Konstantin bekehrt wurde, die Kirche sich mit dem Staat verband, der ursprüngliche Glaube selbst verderbt wurde, Aberglaube und eitle Philosophie in die Reihen der Gläubigen Eingang fanden, die Bischöfe Höflinge wurden, Mönche ein falsches Prinzip der Tugend aufstellten, Politik und Dogmatik Hand in Hand gingen und die Kaiser den Dekreten der Kirchen-Konzilien Kraft verliehen - geschah es, dass Leute vom Stand der Kirche beitraten. Als das Christentum die Religion des Hofes und der aristokratischen Klasse geworden war, wurde es zur Unterstützung gerade derselben Übel gebraucht, gegen die es ursprünglich protestiert hatte. Die Kirche wurde nicht nur von Irrtümern heidnischer Philosophie erfüllt, sondern nahm auch vieler der umständlichen und imposanten Zeremonien morgenländischen Gottesdienstes an. Im vierten Jahrhundert wurden die Kirchen so prunkvoll wie die alten Götzentempel. Festlichkeiten wurden häufig und großartig, und das Volk hielt darauf, weil sie ihnen Anregung und Erholung von der Arbeit boten. Die Ehrfurcht vor den Märtyrern reifte heran zur Einführung von Bildern, eine Quelle späterer populärer Abgötterei. Das Christentum ging in pompösen Zeremonien auf. Die Verehrung der Heiligen näherte sich mehr und mehr der Vergötterung derselben; und der Aberglaube erhöhte die Mutter unseres Herrn zu einem Gegenstand absoluter Anbetung. Kommunionstische wurden zu imposanten Altären, dem jüdischen Opferdienst nachgeahmt, und die Reliquien der Märtyrer verwahrte man als heilige Amulette (geheime Schutzmittel). Aus dem Mönchsleben entspross ein großartiges System von Bußübungen, und Scharen von Mönchen zogen sich in traurige, einsame Orte zurück und ergaben sich nutzlosen Verbindungen, eitlem Fasten und leerer Selbstbuße. Sie waren verrannte und fanatische Leute, welche die praktischen Ziele des Lebens aus dem Auge ließen."

"Die ehrsüchtige und weltliche Geistlichkeit trachtete nach Rang und Auszeichnung. Sie drängte sich sogar an die Höfe der Fürsten und erstrebte zeitliche Ehren. Sie wurden nicht mehr durch freiwillige Beiträge der Gläubigen unterhalten, sondern durch Einkünfte, die ihnen die Regierung gewährte, oder die sie aus Eigentum bezogen, das sie von den alten heidnischen Tempeln ererbt hatten. Von den Reichen wurden der Kirche große Legate vermacht, über welche die Geistlichen verfügten. Diese Vermächtnisse wurden die Quelle unerschöpflichen Reichtums. Als der der Geistlichkeit anvertraute Reichtum wuchs, wurden dieselben gegen die Bedürfnisse des Volkes, durch welches sie nicht mehr unterhalten wurden, gleichgültig. Sie wurden träge, anmaßend und unabhängig. Das Volk wurde vom Kirchenregiment ausgeschlossen. Der Bischof wurde eine hohe Persönlichkeit, welche die Geistlichkeit ernannte und beaufsichtigte. Die Kirche war mit dem Staat verbunden, und religiöse Dogmen (Lehrsätze) wurden durch das Schwert der Obrigkeit erzwungen."

"Eine herrschsüchtige Hierarchie, aus verschiedenen Graden bestehend, wurde hergestellt, welche in dem Bischof von Rom gipfelte"

"In Glaubenssachen entschied der Kaiser, und die Geistlichen wurden von Staatslasten entbunden. Ein großer Zudrang zu den priesterlichen Ämtern fand statt, weil die Geistlichkeit so viel Macht handhabte und so reich wurde; und Männer wurden nicht nur ihrer Frömmigkeit oder Talente wegen auf stolze Bischofssitze erhoben, sondern weil sie bei den Großen Einfluss hatten. Die Mission der Kirche wurde in einem erniedrigenden Bündnis mit dem Staat aus den Augen verloren. Das Christentum wurde zum Gepränge, zum Ritualismus (Formelwesen), zum Arm des Staates, zur eitlen Philosophie, zum Aberglauben und zum Schein."

Der große vom Apostel Paulus geweissagte Abfall vom Glauben ist somit eine geschichtlich erwiesene Tatsache. Alle Geschichtsschreiber bezeugen es, sogar diejenigen, welche solch Ansichreißen von Macht billigen und deren Lob singen, die bei diesen Bestrebungen am meisten beteiligt waren. Wir bedauern, dass unser Raum unsere Anführungen auf nur einige der bezeichnendsten beschränkt. Der Abfall, der einen Zeitraum von Jahrhunderten umfasst, war so allmählich, dass er den Zeitgenossen viel weniger bemerkbar war, als uns, die wir ihn als ein Ganzes sehen. Auch war derselbe um so täuschender, als jeder Schritt vorwärts in der Organisation, zu Einfluss und Autorität in der Kirche und über die Welt, im Namen Christi getan wurde und, wie man vorgab, zur Verherrlichung seines Namens und zur Verwirklichung des in der Schrift niedergelegten Planes. So entwickelte sich der große Antichrist - der gefährlichste, listigste und beharrlichste Gegner wahren Christentums und feindseligste Verfolger der wahren Heiligen.

Das Hindernis beseitigt.

Der Apostel Paulus sagte voraus, dass dieser böse Grundsatz eine Zeitlang heimlich wirken werde, weil etwas ihm Widerstrebendes im Wege stände; und erst dann, wenn das Hindernis beseitigt sei, könne es freien Lauf haben und raschen Fortschritt zur Entwicklung des Antichristen machen. Er sagt: "Nur ist jetzt der, welcher zurückhält (hindert), bis er aus dem Wege (getan) ist." (2. Thess. 2:7) Welche Erfüllung dieser Weissagung zeigt uns die Geschichte? Sie zeigt uns, dass das, was die schnelle Entwicklung des Antichristen aufhielt, die Tatsache war, dass bereits ein Anderer den Platz ausfüllte, den er beanspruchte. Das römische Kaisertum hatte nicht nur die Welt besiegt und ihr Verfassung und Gesetze gegeben, sondern erkennend, dass der religiöse Aberglaube die stärkste Kette sei, mit der man ein Volk im Zaume halten könne, nahmen die Römer einen Plan an, der seinen Ursprung in Babylon hatte, zur Zeit seiner Größe als Beherrscherin der Welt. Der Plan war der, dass der Kaiser sowohl in geistlichen als in weltlichen Dingen als Leiter und Herrscher angesehen werden sollte. Um dies zu stützen, behauptete man, der Kaiser sei eine Art Halbgott, der in gewissem Sinne von ihren heidnischen Gottheiten abstamme. Als solcher wurde er verehrt und seine Statue angebetet, und als solcher wurde er betitelt: PONTIFEX MAXIMUS, das bedeutet Oberpriester oder höchster Herrscher in Religionssachen. Und dies ist ganz und gar der Titel, der den Oberpriestern oder Päpsten der römischen Hierarchie gegeben und von ihnen beansprucht wurde, seitdem dieser Antichrist "Macht und Thron und große Gewalt" der vorigen Herrscher Roms erlangt hatte. - Offb. 13:2

Aber das alte heidnische Rom und Babylon hatten nur ein Gerippe priesterlicher Gewalt im Vergleich mit der zusammengesetzten und mit Fleiß ausgearbeiteten Maschinerie und der Erfindungen in Lehre wie Praxis des päpstlichen Roms, dem erfolgreichen Erben ihres Planes. Jetzt noch, nach jahrhundertlanger Anwendung von Verschlagenheit und Geschicklichkeit, hat Rom seine Macht so verschanzt, dass es sogar heutzutage, wo seine Macht nach außen gebrochen und es seiner politischen Herrschaft entkleidet ist, dennoch die Welt regiert und Königreiche heimlich und versteckt, gründlicher als je römische Kaiser die ihnen unterworfenen Könige, beherrscht.

Zu ihren Gunsten sei es gesagt, dass kein römischer Kaiser als Oberpriester oder Religionshaupt je solche Tyrannei ausübte, wie einige ihrer Nachfolger auf dem päpstlichen Thron. Hierüber sagt Gibbon (Band 2, Seite 85): "Man muss zugestehen, dass die Zahl der in einer einzigen Provinz und unter einer einzelnen Regierung hingerichteten Protestanten die Zahl der ersten Märtyrer in dem langen Zeitraum der ersten drei Jahrhunderte und des ganzen römischen Kaisertums weit übersteigt." Nach dem Gebrauch jener Zeit begünstigten die Kaiser die am meisten populären Götter, aber wohin auch immer ihre Heere kamen, die Götter und Gottesdienste der besiegten Völker wurden gewöhnlich mit Achtung verehrt. So war es auch in Palästina. Obgleich es unter römischer Botmäßigkeit stand, die Religions- und Gewissensfreiheit wurde von dem kaiserlichen PONTIFEX MAXIMUS hochgehalten. So bewies er als religiöser Herrscher seine Gnade gegen das Volk und seine Übereinstimmung mit allen Nationalgöttern.

So sehen wir also, dass das, was den Antichristen an einer früheren Entwicklung hinderte, der Umstand war, dass der begehrte Sitz geistlicher Obergewalt von einem Vertreter des mächtigsten Reiches, das die Welt je kannte, besetzt war, und dass, wenn irgend jemand seine Eroberungssucht in dieser Richtung offen an den Tag zu legen versucht hätte, er sich dem Zorn der Herren der Welt ausgesetzt haben würde. Daher wirkte diese schändliche Herrschsucht zuerst insgeheim, irgendwelche Absicht, Gewalt und Autorität zu gewinnen, leugnend, bis eine günstige Gelegenheit sich bot - nachdem nämlich die Namenkirche groß und einflussreich geworden und die kaiserliche Macht durch politische Zwistigkeiten zersplittert und im Verfall begriffen war. Die Macht Roms war in rascher Abnahme begriffen, und seine Stärke und Einheit unter sechs Bewerber um die kaiserlichen Ehren geteilt, als Konstantin Kaiser wurde. Dass er das Christentum annahm, um zum Teil wenigstens sein Reich zu kräftigen und zu einigen, ist eine vernünftige Annahme.

Hierüber sagt die Geschichte: "Ob Konstantin es (das Christentum) aus Überzeugung oder aus Politik annahm, ist die Frage. Gewiss ist, dass diese Religion, obschon sie von der römischen Macht im Stillen verachtet oder tatsächlich verfolgt worden war, sich doch unter dem Volke so sehr verbreitet hatte, dass Konstantin durch die Annahme derselben sich sehr in der Zuneigung seiner Soldaten befestigte. Weltlicher Ehrgeiz wies auf den Weg hin, den der Kaiser einschlug, als er sich als Christ bekannte, und nicht der Geist Christi, der da sagte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Konstantin machte das Christentum zur Staatsreligion, und von da an finden wir des letzteren Einfluss mit weltlichen Dingen besudelt. Kein besonderer Bischof wurde als das Haupt der ganzen Kirche angesehen, aber der Kaiser war es der Tatsache nach. In dieser Eigenschaft berief er das Konzil zu Nicäa, wo er im Streit zwischen Athanasius und Arius gegen letzteren Partei nahm. Das Konzil stimmte mit dem Kaiser." (Willards Universalgeschichte, Seite 163)

"Was für Vorteile aus der Eroberung eines kaiserlichen Proselyten auch abgeleitet werden mochten, so unterschied er sich doch mehr durch den Glanz des Purpurs als durch größere Weisheit oder Tugend von den vielen Tausenden seiner Untertanen, welche die Lehren des Christentums angenommen hatten ... Dasselbe Jahr seiner Regierung, in dem er das Konzil zu Nicäa zusammenberief, wurde durch die Hinrichtung seines ältesten Sohnes befleckt. Die Dankbarkeit der Kirche hob die Tugenden eines so großmütigen Schutzherrn, der das Christentum auf den Thron der römischen Welt erhoben hatte, hervor und entschuldigte seine Fehler." (Gibbon, Band 2, Seite 269)

Damals also, unter Konstantins Regierung, wandelte sich die Opposition des Reiches gegen das Christentum in Gunst um, und der kaiserliche Pontifex Maximus wurde der Schirmherr der sogenannten, aber tatsächlich abgefallenen Kirche Christi. Indem er ihr die Hand reichte, verhalf er ihr zu einer Stelle des Glanzes und der Volksgunst, von der aus sie später, als die kaiserliche Macht hinzuwelken anfing, ihren eigenen Vertreter als höchsten geistlichen Herrscher - als PONTIFEX MAXIMUS - auf den religiösen Thron der Welt stellte.

Es ist aber ein Irrtum anzunehmen, wie es viele tun, dass die Kirche zu jener Zeit eine reine (eine jungfräuliche) Kirche gewesen sei, die plötzlich zu Würde und Macht erhoben wurde, was ihr zum Fallstrick gereichte. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Wie schon gesagt, ein großer Abfall hatte stattgefunden. Aus ihrer ursprünglichen Reinheit, Einfachheit und Freiheit war sie in Bekenntniszwang gefallen und in ehrgeizige Fraktionen zersplittert. Ihre Irrtümer und Gebräuche glichen den heidnischen Philosophien. Ein wenig mit der Wahrheit ausgeschmückt, und durch die Lehre von der ewigen Qual erzwungen, wurde sie das Mittel, ungeheure Scharen in die Kirche herein zuziehen. Zahl und Einfluss war, was Konstantin für seine Zwecke wollte. Kein Weltmann dieser Art hat je ernstlich daran gedacht, die Sache der demütigen, christusähnlichen "kleinen Herde", - der wahrhaft geweihten Ekklesia (Herauswahl), deren Namen im Himmel geschrieben sind - zu der seinigen zu machen. Ganz etwas anderes ist die Beliebtheit bei seinen Soldaten, von der die Historiker reden, als die Beliebtheit bei den wahren Kreuzesstreitern.

Zum Beweis hierfür lassen wir hier die Geschichte über den Stand der religiösen Gesellschaft unter Diokletian, dem Vorgänger Konstantins, berichten. Gegen das Ende seiner Regierung wurde dieser in seiner Meinung, dass die Christen nach seinem Leben getrachtet hätten, gegen dieselben erbittert und verfolgte sie. Er befahl die Bibeln zu verbrennen, die Bischöfe zu verbannen, und ordnete schließlich den Tod derjenigen an, die diesen Gesetzen widerstreben würden. Gibbon (Band 2, Seite 53 und 57) sagt von dieser Zeit:

"Diokletian und seine Gehilfen übertrugen häufig die wichtigsten Ämter solchen Personen, welche ihren Abscheu vor der Verehrung der Götter bekannten, aber geeignete Fähigkeiten für den Staatsdienst an den Tag legten. Die Bischöfe nahmen in ihren betreffenden Provinzen eine geehrte Stellung ein und wurden nicht nur vom Volk, sondern auch selbst von der Obrigkeit mit Auszeichnung und Achtung behandelt. Fast in jeder Stadt reichten die alten Kirchen nicht mehr hin, die zunehmende Zahl der Neubekehrten zu fassen, und an ihre Stelle wurden für die Gläubigen prachtvollere und geräumigere Gebäude aufgerichtet. Die von Eusebius so heftig beklagte Verderbnis der Sitten und Grundsätze kann nicht nur als eine Folge, sondern auch als ein Beweis dafür gelten, welcher Freiheit sich die Christen unter der Regierung Diokletians erfreuten, sie aber missbrauchten. Der Wohlstand ließ die Strenge der Zucht erschlaffen. Betrug, Missgunst und Bosheit gewann in jeder Gemeinde die Oberhand. Die Proselyten bewarben sich um bischöfliche Ämter, welche täglich ein ihres Ehrgeizes würdigerer Gegenstand wurden. Die Bischöfe, welche miteinander um den kirchlichen Vorrang stritten, zeigten durch ihr Betragen, dass sie weltliche und tyrannische Gewalt in der Kirche beanspruchten, und der lebendige Glaube, der immer noch die Christen vor den Heiden auszeichnete, zeigte sich viel weniger in ihrem Leben, als in ihren Streitschriften."

"Die Geschichte des Paulus von Samosata, welcher den Metropolitan-Bischofsitz von Antiochien innehatte, während der Osten in den Händen des Danathus und der Zenobia war, kann zur Beleuchtung der Verhältnisse und Zustände jener Zeit (um 270 n.Chr.) dienen. Paulus sah den Kirchendienst als ein sehr einträgliches Gewerbe an. In seiner kirchlichen Verwaltung war er geldgierig und bestechlich; von den wohlhabendsten Gläubigen erpresste er häufig Abgaben und verwandte einen beträchtlichen Teil der öffentlichen Gelder für seinen eigenen Bedarf. (Es wird von Untersuchern der Sache behauptet, sagt Gibbon, dass Paulus das Amt eines kaiserlichen Duzensarius oder Prokurators innehatte, mit einem jährlichen Gehalt von 200 Sistertien = 77.000 Dollars). Durch seinen Stolz und seine Prachtliebe wurde das Christentum in den Augen der Heiden verhasst gemacht. Sein Ratszimmer, sein Thron, die Pracht, mit der er in der Öffentlichkeit erschien, der kriechende Pöbel, welcher um seine Aufmerksamkeit bettelte, die Menge von Briefen und Petitionen, zu welchen er seine Antworten diktierte, die beständige Geschäftseile, in der er begriffen war, waren Zustände, die sich besser für den Stand einer bürgerlichen Magistratsperson als für die Demut eines Bischofs der ersten Zeit schickten. Wenn Paulus das Volk von der Kanzel anredete, ahmte er den bildlichen Stil und die theatralischen Gesten eines asiatischen Sophisten nach, während die Kathedrale von dem schwärmerischen Beifall zum Preise seiner göttlichen Beredsamkeit widerhallte. Gegen diejenigen, welche seiner Macht widerstanden oder sich weigerten, seiner Eitelkeit zu schmeicheln, war der Prälat von Antiochien anmaßend, unerbittlich und unnachgiebig; dagegen aber milderte er die Zucht bei seiner ihm ergebenen Geistlichkeit, an die er die Schätze der Kirche verschleuderte."

So wurden unter Konstantins Regierung schließlich alle Hindernisse beseitigt, und es gelangte, wie wir finden werden, das Papsttum - das bedeutet die Organisation der Namenkirche unter ihrem Oberhaupt, dem Bischof zu Rom, als Papst - gar schnell zur Verwirklichung.

Die rasche Entwicklung des Antichristen

Die schnelle Entwicklung der päpstlichen Herrschaft seit dem Beitritt Konstantins ist ein bemerkenswerter Zug der Geschichte. "Der Fürst dieser Welt" hielt sein Versprechen. Für ihm geleistete Anbetung und ihm erwiesenen Gehorsam gab er Macht und Gewalt als Lohn. (Matth. 4:8, 9) Durch das Edikt (Verordnung) von Mailand verlieh Konstantin den Besitztümern der Kirche gesetzliche Sicherheit und vormals entrissene Ländereien wurden von den Christen wiedererlangt. Ein zweites Edikt im Jahre 321 gestattete der Kirche, Eigentum zu vermachen, während Konstantin selbst ein Beispiel von Freigebigkeit gab und die christliche Geistlichkeit mit Reichtümern überschüttete. Dieses Exempel des Kaisers wurde von Tausenden seiner Untertanen, deren Beisteuer im Leben und deren Vermächtnisse in der Todesstunde in den Kirchenschatz flossen, nachgeahmt. White sagt: (Whites Universalgeschichte, Seite 155):

"Die Kirche Roms fing früh an, sich um der Zahl und des Reichtums ihrer Glieder willen über andere (über Kirchen anderer Städte und Länder) Autorität anzueignen. Viele Umstände trafen zusammen, den Einfluss ihres Bischofs zu vergrößern, obgleich seiner ungerechtfertigten Anmaßung und seiner Ehrfurcht eine Zeitlang widerstanden wurde. Durch Verlegung der Hauptstadt (von Rom nach Konstantinopel durch Konstantin im Jahre 334) vermehrte sich die Macht der abendländischen Kirche, durch Übertragung der Hauptmagistratswürde auf den Bischof. Hierzu kommt noch, dass Gratian und Valentinian den Gebrauch, nach Rom zu appellieren, sowie die häufigen Pilgerfahrten zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus und anderer Märtyrer guthießen und so beförderten."

Nach dem Tode Konstantins schien das wechselnde Glück des römischen Kaisertums bei dem Emporkommen der abgefallenen Kirche und bei der Entwicklung des Antichristen mitzuwirken; denn bis dahin war die Kirche noch nicht unter ein Haupt vereinigt worden, das man als Stellvertreter oder Statthalter Christi ansah. Die Nachfolger Konstantins bis herab auf Theodosius fuhren fort, sich als Häupter der Kirche zu betrachten, auf denen göttliche Autorität ruhte. Obwohl keiner der achtzehnhundert Bischöfe des Kaisertums damals schon imstande gewesen war, als das Haupt oder der Papst Anerkennung zu fordern, so hatten doch schon Verschiedene ihre Augen auf diesen Preis gerichtet. Die Hohlheit ihrer Ansprüche auf den Titel PONTIFEX MAXIMUS wurde den Kaisern durch das Argument vorgehalten, dass, wenn sie selbst tote Heilige verehrten, sie doch ihren lebenden Vertretern - den Bischöfen - die gleiche Achtung schuldig seien. Dessen ungeachtet bezogen sich die Kaiser in ihren Erlassen wiederholt auf das Kaisertum als auf eine göttliche oder von Gott gutgeheißene Herrschaft und auf sich selbst als auf göttliche Persönlichkeiten. (siehe Gibbon, Band 2, Seite 108)

Die Macht und das Ansehen des Bischofs von Rom mehrte sich nun zusehends. Innerhalb von vielen Jahren von der Zeit an, da das Christentum gesetzlich eingeführt worden war, wurde sein Reichtum und seine Würde als Bischof der Haupt- und Weltstadt sehr groß. Ammian, ein Geschichtsschreiber aus jener Zeit, sagt von seinem Reichtum und seinen Prahlereien: "Er übertraf Könige an Glanz und Pracht, fuhr in den stattlichsten Karossen, war mit den feinsten Gewändern angetan und seines Luxus und Stolzes wegen allbekannt." Die Verlegung des kaiserlichen Regierungssitzes nach Konstantinopel, der Umstand, dass die Stadt Rom dem feindlichen Einfall durch die Barbaren von Norden her ausgesetzt war, der beständige Wechsel der Generäle und Statthalter, ließ in dem nun schnell sinkenden Reiche den Bischof der Kirche Roms als den beständigsten und geehrtesten Beamten daselbst zurück; und sein allmählich zunehmendes Ansehen wurde nur durch die Entfernung des nebenbuhlerischen Glanzes des kaiserlichen Hofes nach Konstantinopel erhöht, sowie auch durch die Ehrfurcht, die bei allen Völkern der Welt mit dem bloßen Namen Roms verknüpft war.

Als Beispiel hierfür führen wir an, dass, als die Stadt Rom im Jahre 455 von den Vandalen überfallen und geplündert wurde, und alles umher voll Elend und Zerstörung war, der Bischof Leo von Rom die Gelegenheit ergriff, sowohl den Barbaren als den Römern sein Anrecht auf geistliche Macht recht einzuprägen. Den rohen und abergläubischen Barbaren, die schon ohnedies von dem, was sie um sich her sahen, einen gewaltigen Eindruck über die Größe Roms bekommen hatten, rief Leo mit seinen priesterlichen Gewändern geschmückt ehrerbietend zu: "Sehet euch wohl vor. Ich bin der Nachfolger des Apostel Petrus, dem Gott selbst die Schlüssel des Himmelreiches gegeben hat, und dessen Kirche selbst die Pforten der Hölle nicht überwältigen können. Ich bin der lebende Stellvertreter göttlicher Macht auf Erden. Ich, ich bin der Kaiser, ein christlicher Kaiser, der in Liebe herrscht, dem alle Christen Treue schulden. In meiner Hand halte ich den Fluch der Hölle und den Segen des Himmels. Ich entbinde alle Untertanen von der Treue gegen Könige. Aus göttlichem Recht verleihe ich alle Throne und Herrschaften der Christenheit und nehme sie wieder hinweg. Hütet euch, dass ihr das Erbe nicht entweiht, das mir euer unsichtbarer König gegeben hat; ja beuget euren Nacken vor mir und bittet, dass Gottes Zorn von euch abgewendet werde."

Die Ehrfurcht vor Ort und Namen beutelte der Bischof von Rom eifrig zu seinem Vorteile aus und beanspruchte gar bald eine Herrschaft über alle anderen Bischöfe, Herrscher und Regenten. Nicht nur die geistliche Herrschaft der Welt beanspruchte er sehr bald, sondern auch die bürgerliche. Das Recht, alle und jeden Herrscher des alten römischen Reiches zu krönen und zu entthronen, zu ernennen und abzusetzen, sei das Recht und Erbteil der Kirche Roms, welche, wie man behauptete, Gott solcher Gestalt mit der Herrschaft über die Erde bekleidet habe. Diese Forderungen wurden wiederholt gemacht und wiederholt von sich widersetzenden Bischöfen verweigert, sodass ein genaues Datum ihres Anfangs festzusetzen unmöglich sein würde. Was es selbst betrifft, so behauptet das Papsttum, in den Tagen der Apostel aufgerichtet worden zu sein, und dass Petrus der erste Papst gewesen sei; aber dies ist nicht nur gänzlich unbewiesen, sondern dem wird auch von der ganzen Geschichte widersprochen. Dieselbe zeigt, dass, obgleich eine Zeitlang ehrsüchtige Bosheit heimlich wirkte, sie doch daran gehindert wurde, sich in den Antichristen zu entwickeln und solche offenen Ansprüche zu erheben, bis das römische Kaisertum sich aufzulösen anfing.

Von nun an haben wir es mit dem Antichristen zu tun. Seine allmähliche Entwicklung und Organisation, aus heimlich wirkendem Ehrgeiz hervor, ist ein passendes Vorspiel zu dem schrecklichen Charakterbild, als das er sich, nachdem er die begehrte Macht ergriffen hatte - von 539 bis 1799 - 1260 Jahre lang auswies. Die ersten drei Jahrhunderte dieses Zeitraums bezeichnen das Steigen seiner weltlichen Macht, die letzten drei die Abnahme derselben unter dem Einfluss der Reformation und Zivilisation. Die dazwischen liegende Periode von sieben Jahrhunderten umfasst die Glanzperiode des Papsttums und die finsteren Jahrhunderte des Mittelalters, voll Trug und Täuschung, die im Namen Christi und wahrer Religion verübt wurden.

Ein römisch-katholischer Schreiber bestätigt vollständig, was wir über diesen Gegenstand finden, und wir führen seine Worte ohne Rücksichtnahme auf ihre Färbung als bekräftigendes Zeugnis an. Mit glühendem Enthusiasmus eine Beschreibung des Steigens des Papsttums gebend, stellt er es als eine Pflanze himmlischen Ursprungs hin, welchem Umstand es zuzuschreiben sei, dass es so reißend schnell wuchs und so hoch in der Welt emporkam. Er sagt:

"Der Aufschwung der weltlichen Macht des Papsttums vergegenwärtigt eine der außergewöhnlichen Erscheinungen, welche zu unserem Staunen und zu unserer Bewunderung die Geschichte des menschlichen Geschlechtes darbietet. Durch eine seltsame Verkettung der Umstände kam leise und verstohlen eine neue Macht, eine neue Herrschaft, aus den Ruinen jenes alten römischen Kaisertums empor, das in seiner Macht und Glanzperiode seine Herrschaft über fast alle damaligen Nationen, Völker und Geschlechter ausgedehnt und bei ihnen sich Achtung verschafft hatte. Und jene neue Macht geringen Ursprunges schlug tiefere Wurzel und übte bald eine weiter reichende Autorität aus als das Reich, dessen gewaltige Ruinen es in Stücke zerbröckeln und in Staub zerfallen sah. In Rom selbst wuchs die Macht des Nachfolgers von Petrus neben und unter dem schützenden Schatten des Kaisers heran. Der Einfluss der Päpste wuchs in solchem Maße, dass aller Wahrscheinlichkeit nach in nicht zu langer Zeit die Majestät des obersten Bischofs den Glanz des Purpurs verdunkelt haben würde."

"Die Verlegung des Herrschersitzes durch Konstantin von Westen nach Osten, von den historischen Ufern des Tiber an die schönen Gestade des Bosporus, legte das breite Fundament zu einer in Wirklichkeit mit jenem folgenschweren Wechsel anfangenden Oberherrschaft. Wesentlich von jenem Tag an wurde Rom - das die Geburt, die Jugend, den Glanz und Verfall jenes mächtigen Geschlechtes gesehen hat, durch welches seinem Namen mitsamt seinen Adlern bis in die entferntesten Länder der damals bekannten Welt getragen worden war - von den Erben seines Ruhmes allmählich aufgegeben, und sein Volk sah, von den Kaisern verlassen und eine leichte Beute der plündernden Barbaren, denen zu widerstehen sie nicht mehr den Mut hatten, in dem Bischof von Rom seinen natürlichen Beschützer, seinen Vater. Jahr für Jahr nahm die weltliche Macht des Papstes bestimmtere Gestalt an und gewann an Festigkeit, ohne Gewalt, ohne Blutvergießen, ohne Betrug, allein durch die Macht überwältigender Umstände, als ob von der Hand Gott sichtbar geordnet."

Während römische Katholiken das Entstehen des Papsttums auf den Trümmern des alten heidnischen Roms als einen Sieg des Christentums darstellen, suchen die, welche mit dem wahren Geist des Christentums bekannt sind, in der Preisgebung der Kirche und in ihrem unheiligen Bündnisse mit der Welt vergeblich nach jenem Geist. Wahre Christen können in den Umständen, die durch Unwissenheit, Aberglauben, Unglücksfälle und verschiedene Zeitverhältnisse hervorgerufen wurden, und welche die Kirche Roms schlau benutzte, keinen Beweis göttlichen Eingreifens zu ihren Gunsten erkennen. Noch auch können sie in der Erhöhung Roms zu irdischer Macht und Herrlichkeit irgendwelche Bewahrheitung der der Kirche vom Herrn gegebenen Verheißung, sie zu seiner Zeit - nachdem der Antichrist gekommen und gegangen sei - zu erhöhen, entdecken. Denn die Erhöhung der wahren Kirche soll nicht auf einen blutbefleckten und durch Verbrechen geschändeten Thron stattfinden, wie es mit dem Papsttum vom ersten Anfang an der Fall gewesen ist; auch wird der wahre Christus nie die irdischen Könige anzugehen nötig haben, damit diese ihn in die Macht einsetzen oder in derselben schützen. Die Zeichen, welche das wahre Königreich Christi von der Nachfälschung unterscheiden, sind denen leicht erkennbar, die durch die Schrift mit dem wahren Christus und seinem Leib, der wahren Kirche, und mit den Grundsätzen, auf denen dieses Königreich, und wozu es errichtet werden soll, bekannt geworden sind.

Aber niemand meine, dass die wahre Kirche, selbst in jener verderbten Zeit nicht, ganz vertilgt oder aus dem Auge gelassen worden sei. "Der Herr kennt die Seinen" in jedem Zeitalter und unter allen Umständen. Sie durften als Weizen mitten in einem von Unkraut (Lolch oder Scheinweizen) überwucherten Feld wachsen; wie Gold wurden sie in den Schmelztiegel geworfen, um geprüft und geläutert, um geschickt gemacht zu werden "zu dem Anteil am Erbe der Heiligen in dem Licht." Wohl wahr, der Lauf der Menge derer, die sich Christen nannten, nimmt den hervorragendsten Platz auf den Blättern der Geschichte ein, aber unzweifelhaft ist, dass durch alle Verfolgungen hindurch und von all den täuschenden Künsten des Geheimnisses der Bosheit umgeben, einige Aufrichtige ihrer hohen Berufung würdig wandelten. Sie wurden zur Ruhe gelegt und von Gott als Erben der unverwelklichen Krone, welche ihnen im Himmel beigelegt ist, angeschrieben.

Also wird auf den Blättern der Geschichte deutlich nachgewiesen, dass dieser Mensch der Sünde, der Antichrist, in Rom geboren wurde; und obwohl ihm anfänglich widerstanden wurde, schwang er sich doch nach und nach zur Macht empor, oder, wie es in Daniels Prophezeiung heißt: Als "ein kleines Horn" kam es aus dem Kopf des alten römischen Tieres hervor, jenes "greulichen und schrecklichen Tieres"" für das Daniel keinen Namen finden konnte, und das solche Gewalt hatte zu beschädigen und zu verderben. Und beim Fortfahren werden wir finden, dass die Geschichte desselben nicht nur genau mit der Prophezeiung Daniels, sondern auch mit allen dasselbe betreffenden Weissagungen übereinstimmt.

Das geschichtliche Charakterbild des Antichristen

Nachdem wir festgestellt haben, was und wer der Antichrist ist, fahren wir zunächst fort, das geschichtliche Charakterbild des Papsttums mit den aufgezeichneten Weissagungen zu vergleichen, die das Wesen und das Tun des Antichristen oder des Menschen der Sünde beschreiben.

Mancher möchte hier fragen, ob es wohl richtig sei, an den römischen Kaisern, welche doch die obersten religiösen Herrscher zu sein beanspruchten, vorbeizugehen und nicht deren System Antichrist zu nennen, sondern diese Bezeichnung ganz und gar auf das organisierte päpstliche System anzuwenden? Wir antworten: Gewiss ist dies recht und verweisen den Leser aufs neue auf die in der Schrift gebrauchte Definition vom Antichristen, wie wir sie bereits angegeben haben, nämlich: An Stelle von oder anstatt, was bedeutet, eine Verfälschung und Nachahmung des wahren Christus. Um dies zu sein, muss es ein geistliches Reich zu sein behaupten; es muss vorgeben, die Königreiche der Erde durch diese geistliche Autorität zu regieren; es kann also nicht nur ein Gegner sein, sondern es muss ein Betrug, eine Fälschung sein; es muss vorgeben, das Königreich Christi zu sein. Es muss dasselbe falsch darstellen und das ausrichten wollen, was zu Gottes rechter Zeit die Aufgabe des wahren Christus sein wird, das bedeutet der verherrlichten und vollendeten Kirche unter ihrem einzigen, wahren Haupt und Herrn - dem echten PONTIFEX MAXIMUS.

Das Papsttum beanspruchte nicht nur, das herrliche Königreich Christi zu sein, das von dem Herrn, den Aposteln und Propheten verheißen ist, sondern es bezieht auch auf sich und auf seine aufeinander folgenden Häupter (die Päpste, die, so behauptet es, an Stelle Christi Hohepriester, Häupter oder Könige dieses Reiches seinen) alle die Stellen der Propheten, welche die tausendjährige Herrlichkeit des Christus beschreiben. Und durch ihre falschen Theorien, die sich langsam, Jahrhunderte hindurch, aus ihrem sündlichen Streben nach Größe entwickelten, andere "verführend und selbst verführt", haben sie nach und nach alle die Titel derer, die zu dieser Hierarchie gehören, erfunden, samt ihren prunkvollen Gewändern, eindrucksvollen Zeremonien und großartigen Kathedralen, mit ihren feierlich, Ehrfurcht einflößenden Gottesdiensten, und das alles auf einem Fuß, der so genau wie möglich ihren Ansprüchen entspräche. Alles, die glänzende Umgebung, die prachtvolle Kleidung und die eindrucksvollen Zeremonien suchte man der Glorie und Erhabenheit, wie sie von den Propheten gezeichnet wurde, so genau wie nur möglich anzupassen.

In Psalm 2:12 heißt es zum Beispiel: "Küsset den Sohn, dass er nicht zürne, und ihr umkommet auf dem Weg", usw. Dies ist kein Gebot, buchstäblich zu küssen, sondern sich dem Herrn mit williger und fröhlicher Unterwerfung zu ergeben, und gilt der gegenwärtigen Stunde, da als Vorbereitung auf die große und eigentliche Tausendjahrherrschaft des wahren Christus die politischen, gesellschaftlichen, finanziellen und kirchlichen Könige und Großen der Erde, ob ihrer Willigkeit oder Unwilligkeit, sich unter die gerechten Verordnungen zu beugen, welche jetzt in Kraft zu treten an der Zeit sind, geprüft werden.

Wer der Gerechtigkeit widerstrebt, widerstrebt dem Zepter dieses Königs der Herrlichkeit, und alle solche werden in der Zeit der großen Drangsal, welche die tausendjährige Herrschaft des neuen Königs einleitet, gestürzt werden. Alle, die nicht wollen, dass er über sie herrsche, werden umgebracht werden. (Lukas 19:27) "Seine Feinde werden Staub lecken" - überwunden werden.

Diese Prophezeiung, fälschlich auf sein nachgeahmtes Reich anwendend, hat der Papst, das stellvertretende Haupt des Antichristen, in den siegreichen Tagen seiner Blütezeit Könige und Kaiser veranlasst, sich vor ihm zu beugen, wie vor Christus selbst, und seine große Fußzehe zu küssen; was man als Erfüllung dieser Prophezeiung ansah.

Schriftsteller und Erforscher der Propheten gehen gewöhnlich leicht über solche Behauptungen weg, und suchen besonders nach Unsittlichkeit als Zeichen und Merkmal des Antichristen. Aber hierin irren sie sich sehr. Schlechte Menschen hat es zu jeder Zeit reichlich gegeben, und dafür wäre solch besondere prophetische Schilderung, wie sie vom Antichristen gegeben wird, nicht nötig gewesen. Könnte man beweisen, dass die dem päpstlichen System Angehörigen wahre Muster von Tugend gewesen wären, so würde nichtsdestoweniger das in der Schrift gegebene Charakterbild des großen Antichristen damit stimmen. Es würde doch die Fälschung sein, welche sich die Titel, Rechte, Gewalten und Verehrung angemaßt hat, die dem Gesalbten des Herrn gebühren. Als solche Fälschung hat es auch den Plan Gottes in Bezug auf die Herauswahl einer "kleinen Herde" gefälscht, und die eigentliche Hoffnung der Kirche und die Verheißung des Herrn, die Welt während der tausendjährigen Regierung Christi zu segnen, ganz beiseite gesetzt. Letztere stellt er als in seinem eigenen Reich erfüllt dar. Die schlimme Wirkung solcher Verdrehung und falscher Darstellung des Planes Gottes kann kaum berechnet werden. Es ist die direkte Quelle gewesen, aus der alle die verderblichen Lehren entsprungen sind, die nacheinander eingeführt wurden, um die Ansprüche des Antichristen zu stützen und seine Würde zu vergrößern. Wohl brach mit der Reformation vor drei Jahrhunderten eine neue Zeit des Bibelstudiums und der Gedankenfreiheit an und führte zur Verwerfung mancher Übel und Irrtümer des Papsttums. Aber die Fälschung, das Trugbild, war auf so vollkommener Stufe angelangt, und in allen seinen Teilen und Einrichtungen so in sich vollendet und hatte die Welt so vollständig irregeleitet, dass, selbst nachdem Luther und viele andere das Papsttum als den Ausfluss des großen Abfalls - als den geweissagten Antichristen - erkannt hatten, sie dennoch, während sie es als ein System verurteilten, an der falschen Theorie festhielten, welche zu den dem Papsttum eigentümlichen Irrtümern in Lehre wie Praxis geführt hatte. Bis auf den heutigen Tag unterstützen die Protestanten aller Konfessionen die Theorie des Antichristen, dass das Reich Christi schon aufgerichtet sei. Einige versuchten wie das Papsttum ihre Kirche unter einer Person, als deren Haupt, zu organisieren, während andere anstelle dieses Hauptes ein Konzil oder eine Synode setzen; alle aber in dem Wahn, der ihnen durch die vom Antichristen begonnene falsche Schriftauslegung beigebracht worden war - dass jetzt, und nicht in der Zukunft, die Zeit der Herrschaft des Reiches Christi sei; und wie der Antichrist, das kommende Zeitalter leugnend, sind sie gegen die Förderung wahrer Heiligkeit unter den Gläubigen gleichgültig und schwärmen vielmehr dafür, das Werk des nächsten Zeitalters (die Bekehrung der Welt) jetzt auszuführen; und das in solchem Maße, dass sie gar oft willens sind, Gottes Plan und Wort zu fälschen und Lehren zu erdichten, um die Welt in ein äußerliches Bekenntnis der Gottseligkeit zu schrecken und zu treiben. Und ebenso sind sie gar willig, ihre Zuflucht zu fraglichen und weltlichen Mitteln zu nehmen, um ihre Anziehungskraft zu erhöhen und die Unbekehrten für ihre mannigfaltigen Abteilungen zu ködern. Wie der Antichrist rechnen sie um des Stolzes willen und, um mit großen Zahlen prangen zu können, alle solche mit ein.

Solchen fällt es schwer, einzusehen, dass das Papsttum der Antichrist ist. Wie können sie, solange ihr Glaube noch nicht frei ist von dem Gift der Irrlehre, und ihre Vernunft noch durch den Erzirrtum des Antichristen verblendet ist? Erst muss man die Größe, die Erhabenheit und die Notwendigkeit des tausendjährigen Königreiches Christi sehen, ehe man die Größe der Fälschung von Seiten des Antichristen erkennen oder die durch ihn angerichtete Verstümmelung der Wahrheit und seinen verderblichen und befleckenden Einfluss in der Namenkirche, die der Tempel Gottes sein soll, recht würdigen und in seiner ganzen Schrecklichkeit begreifen kann.

Niemand braucht sich über die Vollständigkeit dieser Fälschung zu wundern. Man bedenke nur, dass es Satans Werk ist, und dass er dasselbe den in der Schrift dargestellten Vorbildern und Erläuterungen nachgebildet hat. Als der große Widersacher sah, dass die Zeit der Auswahl der Kirche gekommen war, und dass die vom Herrn und seinen Aposteln gepflanzte Wahrheit allen heidnischen Religionen gegenüber an Raum gewann und überall, wo sie hinkamen, die Sanftmütigen aussuchte, versuchte er die Reinheit der Kirche zu zerstören und das in andere Kanäle zu leiten, was er nicht mehr aufhalten konnte. So ist also der Triumph des Antichristen, wie auch seine gegenwärtige Macht, der Erfolg des Satans gewesen. Aber gerade hier sehen wir die Weisheit Gottes; denn während Satans Erfolg scheinbar dem Plan Gottes eine Niederlage zu bereiten schien, wirkte er in der Tat, wenn auch unwissentlich, mit, dass der göttliche Plan hinausgeführt wurde. Denn durch keine anderen Mittel konnten die wahrhaft Geweihten so vollständig geprüft und ihre Treue zu Gottes Wort so durch und durch auf die Probe gestellt werden, als nur durch die Zulassung dieses großen gefälschten Christus.

Die beigefügte Tabelle zeigt, wie vollständig die Fälschung des künftig zu errichtenden Königreiches Christi im Papsttum gewesen ist, und wie es dem jüdischen vorbildlichen Priestertum nachgebildet war.

Die Ekklesia, die Herauswahl Gottes - das königliche Priestertum
Das Vorbild Die Wirklichkeit Das gefälschte
während des Millenniums Gegenbild
Aaron, Christus Jesus, Die Päpste,
und seine Nachfolger - Erster oder Hohenpriester, Haupt, Stellvertreter und Sprecher. unser Herr, Haupt und Stellvertreter; der Hohenpriester unseres Bekenntnisses (unserer Ordnung). der Reihe nach, Hohenpriester der päpstlichen Hierarchie; deren Herr, Haupt und Sprecher.
Unterpriester,die ihre Amtswürde, ihre Rechte und ihre gottesdienstlichen Vorrechte durch Aaron empfingen, dessen Leib sie bildeten, schatteten die Kirche Christi ab. Die verherrlichte Herauswahl, der Leib Christi,Teilhaber seiner Herrlichkeit, seiner Majestät und seines Herrscheramtes. Ihre Stellungen werden sich voneinander unterscheiden wie Stern sich von Stern an Klarheit unterscheidet. Die Kirche Roms besteht aus Bischöfen und Prälaten, welche die Würden der Hierarchie teilen, jedoch nach Ehrengraden - Kardinälen, Erzbischöfen usw. - sich unterscheiden.

Unter diesen Hierarchien stehen folgende Gehilfen:

Die Leviten, die Dienstleistungen für die vorbildliche Stiftshütte - Lehren usw. - verrichteten. Eine geringere Priesterordnung, der nicht gestattet war, das Heiligtum (vor- bildlich von der geistigen Natur) zu betreten. Die irdische Stufe des Königreiches Gottes, durch welche die verherrlichte Kirche direktere Berührung mit der Welt haben, dieselbe unterweisen und regieren; und zwischen ihr und der geistigen Kirche findet die innigste Gemeinschaft statt. Die Unterpriester des Papsttums, die kein Teil, keine Glieder, der Kirche oder Hierarchie sind, aber "Brüder und Schwestern" genannt. Aus diesen bestehen die Lehrer, usw., die in direkter Berührung mit dem Volk wie mit der Hierarchie sind.
Ganz Israel wurde von der oben beschriebenen Hierarchie gelehrt und geleitet. Und in Mose, der ein Vor- bild des ganzen Christus war, hatte es in einem vereinigt, Prophet, Priester und König, die tausendjährige Herrschaft des Christus vorschattend. - Apg. 3:22 Von oben beschriebenem Königreich Gottes und seinen irdischen Vertretern wird die Welt belehrt, geführt, regiert und ihr geholfen werden. Es wird alle Gewalt besitzen, und ihm muss Gehorsam geleistet werden; und alle, die nicht gehorchen, werden "vertilgt". - Apg. 3:23 Das Papsttum fordert seinen Anordnungen und Lehren gegenüber den Gehorsam der Welt, als ob es das Königreich Gottes sei. Die niedere Priesterschaft ist sein Agent. Als es in seiner Macht stand, strebte es, seine Ge- setze zu erzwingen, und Ungehorsame wurden vertilgt.

Mosheim, der das Entstehen des hierarchischen Systems (der Priesterschaft) erklärt, zeigt diese Nachfälschung sehr klar in folgenden Worten, Band 1:

"Solange die geringste Möglichkeit vorhanden war, dass Jerusalem zu irgendeiner Zeit sein Haupt wieder aus dem Staube erheben könne, legten sich die christlichen Lehrer und Ältesten keine Titel und Würden bei, wenigstens keinen anderen als die bescheidensten und demütigsten; aber als das Schicksal jener Stadt durch Hadrian (im Jahre 135) besiegelt worden war und die Juden nicht die entfernteste Hoffnung mehr unterhalten konnten, ihre alte Herrschaft wiederhergestellt zu sehen, da regte sich bei denselben Hirten und Dienern der Wunsch, ihre Herden glauben zu machen, sie seien die rechtmäßigen Nachfolger der jüdischen Priesterschaft. Die Bischöfe waren daher geschäftig, den Glauben zu erzeugen, dass sie mit einer Würde bekleidet seien, die der des jüdischen Hohenpriesters ähnlich sei, und dass sie folglich alle Rechte besäßen, die einst dem jüdischen Hohenpriester eigen waren. Die Funktionen der gewöhnlichen jüdischen Priester wurden gleicherweise, jedoch in einer vollkommeneren Form, als auf die Presbyter (Ältesten) der Kirche übergegangen dargelegt; und die Diakonen endlich wurden mit den Leviten oder untergeordneten Dienern auf eine Linie gestellt."

Das Haupt und der Mund des Antichristen
Seine stolzen, schwülstigen Reden

Wie Christus Jesus das Haupt der wahren Kirche ist, die da ist sein Leib, so ist der Papst (das bedeutet jeder Papst der Reihe nach) das Haupt der falschen Kirche, die da ist sein Leib. Da das Haupt der Vertreter des Leibes ist und der Mund für ihn spricht, so finden wir, wie zu erwarten war, dass die Schrift auf diese Beschaffenheit des Antichristen deutlich Bezug nimmt. In folgenden Stellen, Daniel 7:8, 11, 25 und Offb. 13:5, 6 wird der Mund des Antichristen als vornehmste Charakteristik (Eigentümlichkeit) zu unserer Kenntnis gebracht. Daniel sagt: Dieses Horn hatte "Augen wie Menschenaugen", - symbolisch von Klugheit und politischer Fernsicht; dieses "Horn" werde von allen anderen Mächten verschieden sein; es werde weiser und schlauer sein als andere Reiche, die eine Weltherrschaft erstrebten; seine Macht werde nicht so sehr eine äußerliche Gewalt als eine des Mundes (seiner Aussprüche oder Lehren) sein, der durch die Augen (durch großen Verstand) geleitet werde. Wer mit der Geschichte des Papsttums vertraut ist, wird kaum leugnen, dass diese Bilder ihn und seine Macht treffend schildern.

"Und es wurde ihm ein Mund gegeben, der große Dinge redete. Und es öffnete seinen Mund zu Lästerungen wider Gott, seinen Namen zu lästern und seine Hütte und die, welche ihre Hütte in dem Himmel haben." "Und er wird Worte reden gegen den Höchsten." - Offb. 13:5, 6; Dan. 7:8, 25

Man darf nicht vergessen, dass dies bildliche Ausdrücke sind, die das Wesen und die Ansprüche eines sinnbildlichen Tieres (Regierung) oder Hornes (Macht), das aus dem alten römischen Tier oder Reich hervorgegangen ist, beschreiben sollen. In einer Hinsicht war das Papsttum ein neues Reich ("Tier"), verschieden von dem alten römischen Reich, und in anderer Hinsicht war es ein Horn oder eine Macht neben anderen aus jenem Reich hervorgehenden, das eine Zeitlang die Oberherrschaft über die anderen Hörner oder Mächte führte. Im Symbol wird es von beiden Standpunkten aus dargestellt, um es desto eingehender zu beschreiben und kenntlich zu machen.

Die stolzen, schwülstigen Reden des Antichristen oder seine Gotteslästerungen ziehen sich durch die ganze Periode seiner langen Laufbahn hindurch. Dem Ausdrucke Gotteslästerung (Blasphemie) wird in unserer Zeit gewöhnlich eine rohe Bedeutung beigelegt, als ob es sich nur auf die gemeinste Form des Fluchens und der Entheiligung bezöge. Aber in seiner eigentlichen Bedeutung ist das Wort auf irgendwelche Unehrerbietigkeiten Gott gegenüber anwendbar. Bouvier erklärt es so: "Blasphemie heißt, Gott beilegen, was seiner Natur entgegen ist und ihm nicht zukommt - und leugnen, was er ist, und was ihm zukommt." Und dass dies der Sinn ist, in dem dieses Wort in der Schrift gebraucht wird, beachte man, wie der Herr und die Pharisäer dieses Wort gebrauchen: "Die Juden antworteten: Wegen eines guten Werkes steinigen wir dich nicht, sondern wegen Gotteslästerung, und dass du, der du doch ein Mensch bist, dich selbst zu Gott machst." Jesus antwortete ihnen: "Saget ihr zu dem, welchen der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst Gott? weil ich sagte: Ich bin Gottes Sohn?" - Joh. 10:33, 36; Mark. 14:61, 64

Diese, die eigentliche Erklärung von Lästerung vor uns, wie handgreiflich muss es selbst dem einfachsten Verstand sein, dass die stolzen, schwülstigen Reden und prahlerischen Behauptungen des Papsttums, eine wie die andere, Blasphemien, Gotteslästerungen gewesen sind. Die Aufrichtung eines gefälschten Scheinreiches Gottes ist eine Schmähung des Reiches Gottes, eine grobe Lästerung und eine greuliche Verunglimpfung des göttlichen Wesens, Planes und Wortes. Gottes Wesen, das bedeutet sein "Name", wurde durch die lange Reihe derer, die da behaupten, seinen Sohn als dessen Statthalter zu vertreten, in den Tausenden ungeheuerlichen Erlassen, Bullen und Dekreten, die in seinem Namen ausgingen, gelästert. Gottes Hütte, die wahre Kirche, wurde durch das falsche System gelästert, das an ihre Stelle trat und behauptete, dass seine Getreuen die alleinige Hütte oder wahre Kirche Gottes seien. Aber wir müssen die Geschichte von diesen großmäuligen Reden und gotteslästerlichen Anmaßungen berichten lassen, wie die aufeinanderfolgenden Päpste, als Haupt des Antichristen, dieselben äußerten und guthießen.

In einem Werk, betitelt: "Der Papst, der Vikar (Stellvertreter) Christi, das Haupt der Kirche", von dem berühmten römisch-katholischen Monsignor Capel, findet sich eine Liste von nicht weniger als zweiundsechzig gotteslästerlichen Titeln, die auf den Papst angewandt wurden; und, man beachte, dies sind nicht nur tote Titel, die aus der Vergangenheit stammen, sondern sind von einem ihrer vornehmsten, noch lebenden Schriftsteller zusammengestellt worden. Wir führen aus der Liste folgende 27 an:

"Göttlichstes aller Häupter."

"Heiliger Vater der Väter."

"Erhabener Oberpriester über alle Prälaten."

"Aufseher der christlichen Religion."

"Oberhirte - Hirte der Hirten."

"Christus durch Salbung."

"Abraham durch Patriarchat."

"Melchisedek in Rang."

"Mose in Autorität."

"Samuel gemäß richterlichen Amts."

"Hoher Priester, Allerhöchster Bischof."

"Fürst der Bischöfe."

"Erbe der Apostel; Petrus an Macht."

"Träger der Schlüssel des Himmelreiches."

"Mit Machtfülle ernannter Oberpriester."

"Vikar Christi."

"Unumschränkter Priester."

"Haupt aller heiligen Kirchen."

"Vornehmster der Allgemeinen Kirche."

"Bischof der Bischöfe, das bedeutet souveräner Bischof."

"Beherrscher des Hauses des Herrn."

"Apostolischer Herr und Vater der Väter."

"Erster Pastor und Lehrer."

"Seelenarzt."

"Fels, gegen den die stolzen Pforten der Hölle nichts vermögen."

"Unfehlbarer Papst."

"Haupt aller heiligen Priester Gottes."

In der langen Titelliste, aus welcher obige Beispiele sind, führt der Verfasser Stellen aus einem Brief an, welchen St. Bernhard, Abt von Clairvaux, im Jahre 1150 an Papst Eugenius, den Dritten, schrieb:

"Wer bist du? ... Der Hohepriester, der erhabene Bischof. Du bist der Fürst der Bischöfe, du bist der Erbe der Apostel. Du bist Abel nach dem Primat, Noah nach der Herrschaft, Abraham nach dem patriarchalischen Rang, nach der Ordnung Melchisedek, nach der Würde Aaron, nach der Autorität Mose, Samuel nach richterlichem Amt, Petrus an Macht, Christus nach der Salbung. Du bist es, dem die Schlüssel des Himmels gegeben, dem die Schafe anvertraut sind. Es gibt ja noch andere Türhüter des Himmels und andere Hirten der Herde; aber du bist der Herrlichere, denn du hast auf besondere Weise beide Namen von anderen ererbt ... Die Macht anderer ist durch bestimmte Grenzen beschränkt; die deinige erstreckt sich auch über diejenigen, welche über andere Autorität haben. Kannst du nicht, wenn gerechte Ursache gegeben ist, den Himmel gegen einen Bischof verschließen, ihn aus seinem bischöflichen Amt entfernen und dem Satan überliefern? Dein Recht aber ist ein unabänderliches, sowohl in den dir übergebenen Schlüsseln als auch den deiner Fürsorge anvertrauten Schafen gegenüber."

Alle diese lästerlichen Titel sind auf die römischen Oberpriester angewandt und von ihnen mit Wohlgefallen und sichtbarer Genugtuung, als ihnen rechtmäßig zukommend, entgegengenommen worden. Vom Papst Bonifazius, dem Dritten, haben wir folgendes Dekret, welches sich noch in dem Gesetzbuch findet: "Wir erklären, sagen, bestimmen, verkünden, dass es für jedes menschliche Wesen zur Seligkeit notwendig sei, dem römischen Pontifex untertan zu sein." Gregor, der Siebente, der im Jahre 1063 anordnete, dass der Papst Vater der Väter genannt werde, leitet zur Stütze päpstlicher Anmaßungen folgendes aus 1. Mose 1:16 her: "Gott machte zwei große Lichter am Firmament des Himmels; das größere Licht, den Tag zu regieren, und das kleinere die Nacht; beide groß, doch eins als größeres. "Am Firmament des Himmels", das bedeutet, in der allgemeinen Kirche; "machte Gott zwei große Lichter", das bedeutet, richtete zwei hohe Ämter ein, nämlich die priesterliche und die königliche Macht; aber dasjenige, welches dem Tag, das bedeutet, geistlichen Dingen, vorsteht zum größeren; dagegen dasjenige, welches fleischlichen Dingen vorsteht, zum kleineren: "Denn, wie sich die Sonne vom Mond unterscheidet, so unterscheidet sich der Papst von Königen." Andere Päpste haben sich diese Auslegung angeeignet, was viel dazu beitrug, die Idee der päpstlichen Oberherrlichkeit durchzusetzen.

St. Antonius, Erzbischof von Florenz, nachdem er Psalm 8:4-8: "Du hast ihn ein wenig niedriger gemacht als die Engel" usw. angeführt und auf Christum bezogen hatte, wandte ihn mit folgenden Worten auf den Papst an: "Und weil er uns mit seiner leiblichen Gegenwart verließ, hinterließ er uns seinen Vikar (Stellvertreter) auf Erden, nämlich den Haupt-Oberpriester, welcher Papa genannt wird, welches Vater der Väter bedeutet, so dass diese Worte schicklich vom Papst verstanden werden mögen. Denn der Papst, wie Hostensius sagt, ist größer als ein Mensch, aber kleiner als ein Engel, denn er ist sterblich; dennoch ist er an Ansehen und Macht größer. Denn ein Engel kann den Leib und das Blut unseres Herrn nicht weihen, noch auch absolvieren (freisprechen) oder binden, von welcher Macht dem Papst der höchste Grad gehört; auch kann ein Engel weder ordinieren noch Ablass gewähren. Er ist mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt; mit der Ehre des Lobpreises, weil er nicht nur heilig, sondern der Allerheiligste genannt wird. Wer wird zweifeln, den gesegnet zu nennen, welchen der allerhöchste Grad solch großer Würde erhöht hat? Er ist mit der Ehre der Verehrung gekrönt, so dass der Gläubige seine Füße küssen kann. Eine größere Verehrung kann es nicht geben. "Bete an zum Schemel seiner Füße". (Psalm 9:9) Er ist mit voller Autoritätsfülle gekrönt, denn er kann jedermann richten, aber von niemand gerichtet werden, es sei denn, er weiche vom Glauben (natürlich vom Glauben des Antichristen) ab. Folglich ist er mit dreifach goldener Krone gekrönt und über alle Werke seiner Hände gesetzt, um über alle Untergebenen zu schalten und zu walten. Er öffnet den Himmel, sendet die Schuldigen zur Hölle, bestätigt Herrschaften, regelt die ganze Geistlichkeit."

In seiner ersten Sitzung gab das Konzil im Lateran dem Papst die Titulation: "Fürst des Weltalls". In seiner zweiten Sitzung nannte es ihn: "Priester und König, der von allem Volk anzubeten und sehr gottähnlich ist." In seiner fünften Sitzung bezog es in folgenden Ausdrücken auf Leo, den Zehnten, Weissagungen über Christi herrliche Regierung: "Weine nicht, Tochter Zion, denn siehe, den Löwen aus dem Stamme Juda, die Wurzel Davids: Siehe, Gott hat dir einen Heiland erweckt."

Aus Ferraris kirchlichem Wörterbuch, ein maßgebendes römisch-katholisches Werk, führen wir folgenden gedrängten Umriss der päpstlichen Macht, wie er unter dem Wort Papa, Art. 2, gegeben wird, an:

"Der Papst ist von solcher Würde und Erhabenheit, dass er nicht ein einfacher Mensch, sondern gleichsam Gott ist, und der Vikar (Vertreter) Gottes ... Darum ist der Papst mit einer dreifachen Krone, als König des Himmels, der Erde und der Hölle, gekrönt. Ja, des Papstes Hoheit und Gewalt erstreckt sich nicht nur über himmlische, irdische und höllische Dinge; sondern auch über die Engel, und ist höher als sie, so dass, wenn es möglich wäre, dass Engel vom Glauben irren oder ihm Widersprechendes halten könnten, so könnte der Papst sie richten und in den Bann tun ... Von solcher Würde und Gewalt ist er, dass er ein und denselben Richterstuhl mit Christo einnimmt, so dass, was immer der Papst tut, aus dem Mund Gottes hervorzugehen scheint ... Der Papst ist gleichsam Gott auf Erden, der einzige Fürst der Gläubigen Christi, der größte König aller Könige, die Fülle der Macht besitzend; welchem die Herrschaft des irdischen und himmlischen Königreiches ist." Er fügt weiter hinzu: "Der Papst ist von so großer Autorität und Macht, dass er das göttliche Gesetz abändern, erklären und auslegen kann." "Der Papst kann manchmal das göttliche Gesetz aufheben, indem er dasselbe beschränkt, erläutert" usw.

So versuchte der Antichrist nicht nur die Kirche vor der vom Herrn festgesetzten Zeit zur Macht zu bringen, sondern war auch verwegen genug, göttliche Gesetze "aufzuheben" und "abzuändern", so dass sie zu seinen eigenen Plänen passten. Wie deutlich hat er damit die Prophezeiung erfüllt, die über tausend Jahre früher über ihn aussagte: "Er wird unterstehen, Zeit und Gesetz zu ändern." - Daniel 7:25

In einer Bulle oder einem Edikt macht Sixtus, der Fünfte, bekannt:

"Die Autorität, welche den Apostel Petrus und seinen Nachfolgern durch die unermessliche Kraft des ewigen Königs verliehen ist, übertrifft alle Macht irdischer Könige und Fürsten. Ihr Urteil über alle ist unumschränkt. Und findet sie je welche, die Gottes Ordnung widerstreben, so übt sie strengere Rache an ihnen und stürzt sie von ihren Thronen, wie mächtig sie auch seien, und wirft sie, wie die Diener des sich überhebenden Luzifer, in die untersten Örter der Erde hinab."

Eine Bulle des Papstes Pius, des Neunten, betitelt: "Verdammung und Verbannung von Elisabeth, der Königin von England, und ihren Anhängern - mit Hinzufügung anderer Strafen", lautet folgendermaßen:

"Er, der in der Höhe herrscht, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, übergab die eine heilige, katholische Kirche (außer welcher kein Heil ist) einem allein, nämlich: Petrus, dem Apostelfürsten, dem Nachfolger von Petrus, dem Bischof von Rom, um in der Fülle der Kraft regiert zu werden. Ihn allein machte er zum Fürsten über alle Völker und Königreiche, auszureißen, zu zerstören, zu zerstreuen, zu verzehren, zu pflanzen und zu bauen."

St. Bernhard versichert: "Niemand außer Gott, weder im Himmel noch auf Erden, sei dem Papst gleich."

"Der Kaiser Konstantin", sagt Papst Nikolaus, der Zweite, "verlieh dem Papst die Bezeichnung Gott, der deshalb, weil er Gott ist, von keinem Menschen gerichtet werden kann."

Papst Innozenz, der Dritte, sagt: "Der Papst steht an Stelle des wahren Gottes"; und das kanonische Gesetz in der Randglosse benennt den Papst - "unseren Herr-Gott".

Innozenz und Jakobatus sagten: "Der Papst kann beinahe alles tun, was Gott vermag", während Dezius das Wort beinahe als unnötig zurückweist. Jakobatus und Durandus stellen die Behauptung auf, man dürfe eben sowenig zu ihm wie zu Gott sagen: "Herr, was tust du?"

Und Antonius schrieb: "Ihm (dem Papst) steht es zu, die Dinge anzuordnen, die das öffentliche Wohl betreffen, und das zu beseitigen, was diesen Endzweck hindert, als Laster, Missbräuche, welche die Menschen von Gott entfremden ... Und dieses gemäß Jer. 1:10 (hier wiederum eine Prophezeiung, welche von Christi tausendjährigem Reich handelt, auf den Antichristen anwendend): "Siehe, ich bestelle dich an diesem Tag über die Nationen und über die Königreiche, um auszurotten und niederzureißen und zu zerstören und abzubrechen", das bezieht sich auf Laster; "zu bauen und zu pflanzen", das bezieht sich auf Tugenden. Was die Gewalt des Papstes über die in der Hölle betrifft, welche durch die Fische im Meer bezeichnet werden (Psalm 8) - weil, wie die Fische beständig von den Wellen des Meeres bewegt werden, so die im Fegefeuer Befindlichen fortwährend durch Erleiden von Strafen in Bewegung gehalten werden - so hat Gott auch die Fische im Meer, das bedeutet die im Fegefeuer Befindlichen, dem Papst unterstellt, damit er sie durch Ablass befreie.

Die Heiden sind dem Papst, der an Christi Statt der Welt vorsteht, unterworfen. Der Papst ist Christi Stellvertreter, und niemand kann sich rechtmäßigerweise seinem Gehorsam entziehen, eben sowenig wie jemand sich rechtmäßig dem Gehorsam gegen Gott entziehen kann ... Der Papst kann heidnische und barbarische Völker züchtigen ... Und obschon sie nicht mit geistlichen Strafen, mit Bann und dergleichen gezüchtigt werden können, so können sie doch von der Kirche mit Geldstrafen und von den Fürsten mit körperlichen Züchtigungen gestraft werden. Indirekt kann die Kirche die Juden mit geistlichen Strafen züchtigen, indem sie christliche Fürsten in den Bann tut, zu deren Untertanen Juden gehören, wenn jene sich weigern, diese mit zeitlichen Strafen zu belegen, im Falle sie den Christen irgend etwas zuleide tun ... Wenn jemandes Bekehrung begehrt wird, so mag er mit Schrecken und Streichen dazu gezwungen werden, nicht eigentlich um Glauben zu erlangen, sondern damit er durch seinen Eigenwillen dem Glauben kein Hindernis in den Weg lege. Der Bekehrung Ungläubiger wegen sollte das Gericht Gottes nachgeahmt werden."

Hier ist ein Beispiel davon, wie Irrtum in der Lehre Ungerechtigkeit erzeugt. Gar schnell können Leute zu aller Art von Grausamkeit und Bedrückung verleitet werden, wenn sie sich nur erst davon überzeugt haben, dass sie in der Ausübung solcher Schändlichkeiten Gott ähnlicher - Nachahmer Gottes - werden. Es ist nur ein Wunder, dass die Menschen noch so gütig und milde sind, wie sie sind, bei all den schrecklichen Ideen und den falschen Lehren über den Plan Gottes für die Menschheit, womit Satan sie geblendet und getäuscht und durch die päpstliche Quelle des Irrtums in eine ihrer gefallenen Natur so verwandte Bahn gelenkt hat. Derselbe Schriftsteller fährt fort:

"Die Macht des Papstes erstreckt sich über Häretiker (Ketzer) und Schismatiker (die Spaltungen anstiften), die auch mit Ochsen bezeichnet werden, denn sie widerstreben der Wahrheit mit dem Horn des Stolzes. Gott hat diese ebenfalls dem Papst unterworfen, damit sie Vierfacherweise gezüchtigt werden, nämlich: durch Exkommunikation, Absetzung, Verlust zeitlicher Güter und militärische Verfolgung. Aber nur dann sind sie für Häretiker zu halten, wenn sie sich weigern, ihren verderblichen Lehren abzusagen, und dieselben gar noch halsstarrig vertreten." ... "Der Papst kann den Kaiser erwählen. Der Kaiser ist der Minister (Diener) des Papstes, insofern als er ein Diener Gottes ist, an dessen Stelle der Papst steht; denn Gott hat den Kaiser als Minister des Papstes verordnet Ich setze voraus, dass in Wahrheit gesagt werden muss, dass der Papst, der Vikar Christi, anstatt des lebendigen Gottes, allgemeine Gerichtsbarkeit über geistliche wie weltliche Dinge in der ganzen Welt besitzt."

Die folgenden, von H. G. Guinness, einem angesehen englischen Schriftsteller, aus Foxs: "Acts and Monuments" (Taten und Denkmäler) gesammelten Äußerungen der Päpste verdienen hier eine hervorragende Stelle; und wir können in die Bemerkung dieses Schriftstellers über das System, aus dessen Mund solche Äußerungen fließen, herzlich einstimmen, wenn er sagt: "Wenn - wer sich selbst erhöht, soll erniedrigt werden -, welche Erniedrigung kann sich mit solcher Selbstüberhebung messen?"

"Weil man also sieht, dass dem Petrus solche Macht gegeben und mir in Petrus, als seinem Nachfolger, wer denn in aller Welt ist der, der meinen Dekreten nicht untertan sein sollte, die solche Macht im Himmel, in der Hölle, auf Erden, bei den Lebendigen und auch bei den Toten haben. Vermöge dieses Rechtes des Schlüssels ist die Fülle meiner Macht so groß, dass während alle anderen Untertanen sind, ja selbst Kaiser ihre Befehle und deren Vollstreckung mir unterstellen müssen, bin nur ich keiner Kreatur untertan, nicht einmal mir selber. So bleibt meine päpstliche Majestät allezeit unvermindert; höher denn alle Menschen, dem jedermann gehorchen und folgen muss, den kein Mensch richten oder irgendeines Verbrechens zeihen kann, den kein Mensch absetzen kann, als nur ich selber. Niemand kann mich in den Bann tun, selbst dann nicht, wenn ich mit Gebannten kommunizierte; denn kein Kirchengesetz bindet mich. Niemand darf mir lügen: denn wer mir lügt, ist ein Ketzer und eine gebannte Person. Sonach ist also offenbar, dass die Größe des Priestertums, das in Melchisedek angefangen, in Aaron gefeiert, in Christo vervollkommnet, in Apostel Petrus vertreten, zur Universalherrschaft erhöht wurde, im Papst kund und offenbar ist. So dass durch diesen Vorrang meines Priestertums, da alles mir untertan ist, wohl in mir bewahrheitet scheinen mag, was von Christo vorausgesagt wurde: Du hast alle Dinge unter seine Füße getan."

"Und gleicherweise ist anzunehmen, dass der Bischof solcher Kirche stets gut und heilig ist. Ja, wenn er in Totschlag und Ehebruch fiele, könnte er wohl sündigen, aber angeklagt könnte er nicht werden, vielmehr müsste er durch die Morde des Simson und der Diebstähle der Hebräer usw. entschuldigt werden. Die ganze Erde ist mein Sprengel, und ich bin der geistliche Richter aller Menschen, da ich die Autorität des Königs aller Könige über die Untertanen habe. Ich bin alles in allem und über allen, so dass Gott selbst und ich, der Vikar Gottes, beide ein Konsistorium (Versammlungszimmer) haben, und ich vermag beinahe alles zu tun, was Gott tun kann. In allem, das mich gelüstet, steht mein Wille für Gründe; denn ich vermag durch das Gesetz über Gesetz hinaus zu entbinden und aus Unrecht Recht zu machen, indem ich die Gesetze verändere und umwandele. Wenn daher von den Dingen, die ich tue, gesagt wird, dass ein Mensch sie nicht, sondern nur Gott tun könne - wozu anders kannst du mich machen, als zu Gott? Wiederum, wenn die Prälaten von Konstantin für Götter erklärt und gerechnet wurden, so scheine ich, der ich über den Prälaten stehe, aus diesem Grunde über allen Göttern zu stehen. Darum kein Wunder, dass es in meiner Macht liegt, Feste, Zeiten und Gesetze zu ändern, von allen Dingen, ja sogar von den Vorschriften Christi zu dispensieren (freizusprechen). Denn, wenn Christus dem Petrus gebietet, sein Schwert einzustecken und die Jünger warnt, zur Selbstverteidigung keine äußere Gewalt zu gebrauchen, schreibe nicht ich, Papst Nikolaus, den Bischöfen Frankreichs, und ermahne sie, ihr leibliches Schwert zu ziehen? ... Und ob auch Christus auf der Hochzeit zu Kanaan in Galiläa gegenwärtig war, verbiete nicht ich, Papst Martin, den geistlichen Priestern bei Hochzeitsvermählern anwesend zu sein, und selbst zu heiraten? Ferner, wo Christus ohne Gewinn zu leihen gebietet, entbinde nicht ich, Papst Martin, davon? Was soll ich sagen von Mord, wenn ich bewirke, dass, einen Exkommunizierten (mit dem Kirchbann Bestraften) zu töten, kein Mord oder Totschlag sei? Gleicherweise gegen das Gesetz der Natur, ferner gegen die Apostel, auch gegen den Kanon der Apostel kann und tue ich dispensieren (frei sprechen); denn, wenn sie in ihrem Kanon vorschreiben, dass ein Priester wegen Hurerei abzusetzen sei, so ändere ich, durch die Vollmacht des Sylvesters, die Härte jener Verordnung, indem ich erwäge, dass jetzt der Geist und auch der Leib des Menschen schwächer sind als damals ... Wenn ihr geneigt seid, in der Kürze alle die Fälle zu hören, die meiner päpstlichen Verfügung zustehen, deren Zahl auf einundfünfzig kommt, und mit welchen kein Mensch sich befassen darf, als nur ich selbst allein, so will ich sie aufzählen. (Hier folgt eine lange Liste.)

"Nachdem ich nun meine Gewalt im Himmel, auf Erden und im Fegefeuer dargetan habe, wie groß sie ist, und was die Fülle derselben im Binden, Lösen, Befehlen, Erlauben, Erwählen, Bestätigen, Erlassen, Setzen und Entsetzen usw. ist, will ich ein wenig von meinen Reichtümern und großen Besitzungen reden, woran jedermann meinen Wohlstand und Überfluss an allen Dingen - Renten, Zehnten, Tributen, meiner Seide, meinen purpurnen Bischofsmützen, Kronen, Gold, Silber, Perlen und Edelsteinen, Ländern und Herrschaften - sehen kann. Denn mir gehört zuerst die kaiserliche Stadt Rom, der Palast zu Lateran; das Königreich Sizilien ist mein Eigentum; Apua und Capua sind mein. Auch die Königreiche England und Irland, sind sie nicht, oder müssten sie mir nicht zinspflichtig sein? Hierzu füge ich noch, dass außer anderen Provinzen und Ländern, im Morgen- und Abendland, vom Süden bis zum Norden diese Gebiete mit Namen: (hier folgt eine lange Liste.) Was soll ich hier reden von meinen täglichen Einkünften, meinen Erstlingsfrüchten, Annaten, Bischofsmänteln, Ablässen, Bullen, Beichtstühlen, Vergünstigungen und Verfügungen, Vermächtnissen, Erlassungen, Privilegien, Stiftungen, Wahlen, religiösen Häusern und dergleichen, welches alles auf keine kleine Menge Geldes kommt? ... welcher Gewinn meiner Schatzkammer zufließt, kann zum Teil vermutet werden ... Aber, was soll ich sagen von Deutschland, wenn die ganze Welt mein Kirchsprengel ist, wie meine Kirchenrechtslehrer sagen, und alle Menschen zu glauben verbunden sind? Deshalb, wie ich angefangen, so schließe ich: Ich befehle, tue kund, erkläre, dass jedem menschlichen Wesen zur Seligkeit notwendig sei, mit untertan zu sein."

Manche meinen heutzutage, diese Prahlereien des Papsttums gehörten nur der fernen Vergangenheit an, und dass in späteren Zeiten eine große Veränderung vor sich gegangen sei; aber ein wenig Überlegung und Beobachtung beweist, dass die Gesinnung des Papsttums noch unverändert dieselbe ist. Wir müssen auch nicht vergessen, dass das Papsttum stets behauptet, seine Lehren seien unveränderlich, die Beschlüsse der Päpste und Konzilien seien unfehlbar, und dass jene Lästerung gegen Gott und die von Verfolgungswut gegen die Heiligen schnaubenden Dekrete noch bis auf den heutigen Tag in der römisch-katholischen Kirche heilig gehalten werden. Das, worin das Papsttum jetzt anders ist, ist nur der Verlust der Gewalt, der durch das Erwachen der Reformation bewerkstelligt wurde. Derselbe Wille ist noch vorhanden, aber die Macht ist durch die wachsende Erkenntnis und Freiheit beschnitten, wobei die Bibel der Hauptfaktor gewesen ist. Der Antichrist wird allmählich - durch den rechten Christus - "durch den Geist seines Mundes", sein Wort, - machtlos - gemacht. Bald wird der helle Glanz der Gegenwart Immanuels das ruhmsüchtige Nachbild gänzlich vernichten und die Welt aus den Ketten der betrügerischen Behauptungen und Irrtümer desselben völlig befreien.

Als Illustration, wie anmaßend man selbst noch in neuerer Zeit ist, beachte die Tatsache, dass der gegenwärtige Papst bei der Besteigung des päpstlichen Thrones den Titel Leo, der Dreizehnte, annahm, und kurz danach sich unterzeichnete: "Leo de Tribus Juda", das bedeutet - "Der Löwe aus dem Stamme Juda" - einer der Titel des wahren Hauptes. In anmaßenden Aussprüchen stand er also denen nicht nach, die dasselbe Amt in dem finsteren Zeitalter inne hatten.

Das Folgende: "Die Adoration" (Anbetung) genannt, ist noch jetzt ein Teil der Zeremonien, die mit der Einsetzung eines neuen Papstes verbunden sind. Der neue Papst, in weiß gekleidet, mit funkelnden Diamanten behängt, in roten Schuhen, mit goldenen Kreuzen als Schnallen, wird zum Altar geleitet, wo er niederkniet. Dann - "erhebt sich der Papst, und, die Mitra (Bischofsmütze) auf dem Haupt, wird er von den Kardinälen auf den Altarthron gehoben, um da zu sitzen. Einer der Bischöfe kniet, und der Gesang des "Te Deum" (Großer Gott, wir loben Dich) beginnt. Mittlerweile küssen die Kardinäle Füße, Hände und Gesicht des Papstes." Eine in der päpstlichen Münzstätte geprägte Denkmünze, die diese Zeremonie darstellt, trägt diese Worte: "Den sie erschaffen, den beten sie an."

Kardinal Manning, der Hauptvertreter des Papsttums in England, bestätigt die folgende Klausel des katholischen Glaubens und lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit darauf:

"Wir tun kund, bestätigen, bestimmen und erklären es für jegliche menschliche Kreatur zur Seligkeit notwendig, dem römischen Pontiff untertan zu sein." Und in einer öffentlichen Abhandlung lässt er den Papst folgendes sagen: "Ich behaupte, der oberste Richter und Leiter der Gewissen zu sein; des Bauern, der das Feld baut, und des Fürsten, der auf dem Thron sitzt; der Familie, die im Schatten der Zurückgezogenheit lebt; der Legislatur, welche die Gesetze für Königreiche macht. Ich bin der alleinige, letzte und allerhöchste Richter über das, was Recht und Unrecht ist."

Unter den neuesten Auslassungen solch "großer schwülstiger Reden" von Seiten des Papsttums dürfen wir gewiss auch das denkwürdige Dekret des allgemeinen Konzils zu Rom, im Jahre 1870, welches die Unfehlbarkeit des Papstes verkündet, nicht übersehen. Allerdings ist von anmaßenden Päpsten früher ab und zu behauptet worden, dass sie unfehlbar seien, und um ihrem Stolz zu schmeicheln, haben Fürsten und Bischöfe sie in der Erklärung: "Du bist ein anderer Gott auf Erden", tatsächlich so genannt; aber es blieb einem päpstlichen Konzil in dem aufgeklärten neunzehnten Jahrhundert aufgespart, mit kaltem Blut und mit Überlegung der Welt zu sagen, wie groß dieser andere "Gott auf Erden" sei - dass er fast so vollkommen sei, wie der andere Gott im Himmel, dass er ebenso wenig wie der andere irren könne; dass der Papst in seinen ex Kathedra (aus päpstlicher Vollmacht) Äußerungen unfehlbar, irrtumslos sei.

Die Abstimmung des Konzils erfolgte am 13. Juli 1870, und am 18. wurde das Dekret formell mit gehörigen Zeremonien in der St.-Peters-Kathedrale verkündet. Folgende Beschreibung des Ereignisses von Dr. J. Cummings in London, wird mit Interesse gelesen werden. Er sagt:

"Um eins der imposantesten Schaugepränge zu veranstalten, ließ sich der Papst vor dem östlichen Fenster in der St.-Peters-Kathedrale einen großartigen Thron errichten, hüllte sich in ein vollständiges Lichtmeer köstlicher Edelsteine und war von den Kardinälen, Patriarchen und Bischöfen in pompöser Tracht umgeben. Er hatte die frühe Morgenstunde und das östliche Fenster gewählt - damit die aufgehende Sonne die Fülle ihrer Strahlen auf seine Hoheit ergieße, und sich in seinen Diamanten, Rubinen und Emeralden brechen und widerspiegeln würde, dass es scheine, als ob er nicht ein Mensch, sondern das sei, was das Dekret von ihm verkündete: Einer, der die Herrlichkeit Gottes besitzt ... Der Papst stellte sich frühzeitig am östlichen Fenster auf ... Die Sonne jedoch versagte ihren ... Schein. Der trübe Morgen wurde dunkler und immer dunkler. Die blendende Herrlichkeit konnte nicht erzeugt werden. Die greisen Augen des Gernegott konnten nicht bei Tageslicht zum Lesen sehen. Er musste nach Kerzen schicken. Das Kerzenlicht griff seine Sehnerven zu stark an, und er übertrug das Lesen einem der Kardinäle. Der Kardinal fing unter immer schwärzer werdender Dunkelheit zu lesen an, hatte aber noch nicht weit gelesen, als ein solch blendender Strahl und solch betäubender Krach aus dem tintenähnlichen Himmel fuhr, wie Rom es nie zuvor erlebt hatte. Schrecken fiel auf alle. Das Lesen hörte auf. Ein Kardinal sprang zitternd von seinem Stuhl auf und schrie: "Es ist Gottes Stimme, im Donner Sinais redend."

Unter den gotteslästerlichen Anmaßungen des Antichristen verdienen mehrere seiner Lehren, sonderlich die Lehre von der Messe, welche wir im folgenden Band behandeln, beachtet zu werden. Die Verehrung der Heiligen und der Maria übergehend, beachten wir einige noch traurigere Irrtümer.

Unfehlbarkeit der Kirche war einer der ersten und bahnte den Weg zur anderen. Sie wurde aufgestellt, ehe noch der Papst als solcher anerkannt war. Sie war eine überaus schädliche Irrlehre und versperrte den Weg zur Berichtigung der Irrtümer, als man sie später einsah. Sie entzog die Beschlüsse der Kirchen-Konzilien allem Widerspruch oder der Untersuchung, sei es durch die Vernunft oder durch die Schrift, und machte statt des Wortes Gottes, der Bibel, die Unwissenheit, die Schwächen und falschen Begriffe der Menschen zur Richtschnur des Glaubens. Denn wird einmal zugegeben, dass die Stimme der Kirchen-Konzilien unfehlbar (irrtumslos) sei, so müsste sich alles vor ihr beugen und nach ihr richten; und jedes Konzil hielt sich gebunden, keine Entscheidung im Widerspruch mit früheren Konzilien zu fällen, und die, welche etwa anders handelten, standen in Gefahr, verworfen zu werden. So konnte ein einmal bestätigter Irrtum nicht umgestoßen und nicht einmal fallen gelassen werden, und Bibel und Vernunft mussten so ausgelegt und gedreht werden, dass sie mit den unfehlbaren Beschlüssen fehlbarer Menschen stimmten. Kein Wunder, dass man meinte, es bedürfe eines sehr geschickten Theologen, die Schrift auszulegen, dass sie mit den sogenannten unfehlbaren Dekreten übereinstimmte. Kein Wunder auch, dass der Antichrist es für ratsam hielt, ein Verbot der Bibel zu erlassen. Die Geschichte des Papsttums zeigt deutlich, dass es die Bibel, die es doch als Gottes Wort hochzuhalten versicherte, in den Hintergrund gedrängt, und seine eigenen unfehlbaren Worte in den Vordergrund gestellt hat. Und nicht nur das, sondern es hat Gottes Wort als ganz und gar unpassend zum Lesen und als für das Volk gefährlich verboten, damit seine eigenen unfehlbaren Worte vollen Schwung haben könnten. Es wusste recht wohl, dass die Bibel seiner Macht gefährlich war und seinen gotteslästerlichen Anmaßungen gegenüber eine beständige Anklage sein würde.

In den Tagen der päpstlichen Macht wurde der Besitz oder das Lesen der Bibel als ein Verbrechen behandelt. Die Buchdruckerkunst und daraus hervorgehendes, allgemeineres Aufleben der Gelehrsamkeit, um das sechzehnte Jahrhundert herum, bewirkte das Wiedererstehen der Bibel aus dem Grabe toter Sprachen, worin der Antichrist sie so lange verborgen gehalten hat, indem er das Übersetzen derselben bei schwerer Strafe verboten hatte. Und als ein Erwachen des Geistes der Unabhängigkeit anfing, die Bibel in lebender Sprache unter dem Volk auszubreiten, war Bibelverbrennen keine ungewöhnliche Sache; und lang und laut waren die herzlosen Flüche aus dem Vatikan gegen die verwegenen Sünder, die das Wort Gottes zu übersetzen, zu veröffentlichen oder zu lesen wagten.

Als Wicliff seine Übersetzung herausgab, schickte Papst Gregor eine Bulle an die Oxforder Universität, worin er den Übersetzer als in eine "verabscheuungswürdige Gottlosigkeit verrannt" verdammt. Tyndals Übersetzung wurde ebenfalls verdammt, und als Luther seine deutsche Übersetzung veröffentlichte, erließ Papst Leo, der Zehnte, eine Bulle gegen ihn. Dessen ungeachtet ging das Werk herrlich und stetig weiter. Die Bibel sollte eine völlige Auferstehung erleben, und über alle Völker und Zungen ihr helles Licht ergießen. Langsam begriff die römische Kirche dies und beschloss deshalb, die Übersetzung der Schrift in neuere Sprachen durch katholische Übersetzer und mit katholischen Anmerkungen zu gestatten. Diese sollten jedoch nur dann dem Volk gegeben werden, wenn zu befürchten war, dass es die protestantische Bibelübersetzung in die Hand bekäme. Die Rheimsche Übersetzung erklärt dies.

Folgendes zeigt, von welcher Art einige Anmerkungen der Rheimschen Übersetzung sind. Eine über Matthäus 3 heißt: "Ketzer können gestraft und unterdrückt werden und können und sollen durch die bürgerliche Gewalt, geistlich oder körperlich gestraft oder hingerichtet werden." Eine über Gal. 1:8 lautet: "Katholiken sollten ihre eigenen Eltern, wenn sie Ketzer sind, nicht verschonen." Über Hebr. 5:7 lautet die Anmerkung: "Die Übersetzer der protestantischen Bibeln sollten bis in die Tiefen der Hölle geworfen werden." Und zu Offb. 17:6 heißt es: "Aber das Blut der Protestanten wird nicht das Blut der Heiligen genannt, so wenig wie das der Diebe, Mörder und anderer Übeltäter. Für das Vergießen desselben auf Befehl der Gerechtigkeit ist kein Gemeinwesen zu Verantwortung zu ziehen."

Folgendes sind einige der Beschränkungen, die man machte, wenn man fand, dass das Lesen der Bibel nicht gänzlich verhindert werden konnte. Die vierte Regel des Indes Expurgatoris sagt:

"Wer die Vermessenheit haben sollte, ohne schriftliche Erlaubnis die Bibel zu lesen oder zu besitzen, der soll keine Absolution empfangen, bis er solche Bibel dem Ordinarius (Hauptlehrer) ausgeliefert hat. Buchhändler, welche Bibeln in der Volkssprache an Leute verkaufen oder sonst wie absetzen, die keinen Erlaubnisschein haben, sollen den Wert des Buches verwirken und durch den Bischof solchen Strafen unterworfen werden, als derselbe der Beschaffenheit des Vergehens angemessen findet."

Das Konzil zu Trient in seiner 1546 gehaltenen Sitzung sagt: "Um verwegene Geister abzuhalten, beschließt das Konzil, dass in Sachen des Glaubens und der Sitte, und in allem, was zur Erhaltung christlicher Lehre gehört, niemand es wagen soll, im Vertrauen auf eigenes Urteil nach seinem Verständnis und dem zuwider die Schrift zu verdrehen, was die heilige Mutterkirche, deren Recht es ist, über die wahre Meinung zu entscheiden, bisher gehalten hat und noch hält."

Aus der an das Primat von Polen und gegen die Bibelgesellschaften gerichteten Bulle Pius, des Siebten, vom 29. Juni 1816, führen wir an:

"Wir sind wahrhaft erschüttert worden durch den listigen Anschlag, wodurch selbst das Fundament der Religion untergraben wird, und nachdem wir in Anbetracht der Wichtigkeit des Gegenstandes mit unseren ehrwürdigen Brüdern, den Kardinälen der heiligen römischen Kirche, Rats gepflogen, haben wir mit der äußersten Sorgfalt und Aufmerksamkeit überlegt, was für Maßnahmen von unserer päpstlichen Autorität angenommen werden sollten, um dieser Pestilenz entgegen zu wirken, und sie soweit als möglich zu beseitigen ... Aus eigenem Antrieb habt Ihr bereits das ernste Verlangen gezeigt, die gottlosen Schliche dieser Neuerer zu entdecken und unschädlich zu machen; doch ermahnen wir Euch kraft unseres Amtes wieder und wieder, dass Ihr täglich mit dem äußersten Ernst erstreben wollet, was Ihr durch Gewalt, durch guten Rat oder Ansehen erreichen könnet ... Die von Ketzern gedruckte Bibel ist den Regeln des Index gemäß unter die verbannten Bücher zu zählen."

Derselbe Papst erließ im Jahre 1819 eine Bulle gegen den Gebrauch der Schrift in den Schulen Irlands. Aus derselben führen wir an:

"Es ist der heiligen Kongregation zu Ohren gekommen, dass durch Mittel von Irrgläubigen in allen Teilen Irlands Bibelschulen errichtet worden sind, in denen Unerfahrenen beiderlei Geschlechtes das verderbliche Gift falscher Lehren beigebracht wird ... Alle möglichen Anstrengungen sollten daher gemacht werden, die Jugend von diesen verderblichen Schulen fernzuhalten ... Arbeitet mit aller Macht, dass die rechtgläubige Jugend nicht durch dieselben verdorben werde - ein Ziel, das, wie ich hoffe, durch Errichtung von katholischen Schulen in allen euren Sprengeln leicht zu erreichen sein wird."

Hier wird offen und ehrlich eingeräumt, was der eigentliche Zweck der Errichtung von katholischen Gemeindeschulen in Großbritannien und Nordamerika sei: Nämlich, ihre Grenzlinie zu beschützen. Keinen anderen Zweck kennt der Antichrist, wenn er dem gemeinen Volk Bildung anbietet. Unwissenheit und Aberglauben sind die Bollwerke des Papsttums; und die Jahrhunderte seiner Macht, mit Einschluss derer, die man als "finstere Zeitalter" kennt, bezeugen das. Die Ausbildung der Geistlichkeit unter gewissen "Beschränkungen" wurde zwar nicht versäumt, aber dass keine Vorkehrungen zur Bildung des Volkes getroffen wurden, dafür ist die krasse Unwissenheit in allen römisch-katholischen Ländern ein starker Beweis. Schulen und Bibel sind immer die unleidlichsten Feinde des Antichristen gewesen - auf die, um die Existenz, den Bestand des Antichristen zu sichern, ein falsches Licht geworfen werden musste.

Aus der Bulle Leos, des Zwölften, an die römisch-katholische Geistlichkeit Irlands im Jahre 1825 führen wir an:

"Es ist euch kein Geheimnis, ehrwürdige Brüder, dass eine gewisse Gesellschaft, gemeinhin "Bibelgesellschaft" genannt, sich kühn über die ganze Welt verbreitet. Die Überlieferungen der heiligen Väter verachtend und im Gegensatz zu den wohlbekannten Dekreten des Konzils zu Trient, hat diese Gesellschaft alle ihre Kräfte gesammelt und richtet alle ihre Mittel auf den einzigen Punkt: Auf die Übersetzung oder vielmehr Verdrehung der Bibel in die Landessprachen aller Nationen."

Sogar der verstorbene Papst Pius, der Neunte, äußerte seine Herzensangst über den allseitigen Triumph dieses großen Feindes des Antichristen - der Bibel. Er sagt: "Verflucht seien jene äußerst listigen und betrügerischen Gesellschaften, Bibelgesellschaften genannt, welche der unerfahrenen Jugend die Bibel in die Hand geben."

Allerdings wurde auf dem römisch-katholischen Plenar-Konzil zu Baltimore im Jahre 1886 beschlossen, dass eine kirchlich genehmigte Ausgabe der Bibel in den katholischen Schulen der Vereinigten Staaten zuzulassen sei. Dies deutet aber keine Änderung in der wahren Gesinnung des Antichristen an. Es ist nur ein weiterer Streich seiner fernsichtigen Staatsklugheit, die den Geist der Freiheit dieses Landes, der solche Beschränkungen verabscheut, in Rechnung zieht. Sie wussten gar wohl, dass man Freiheit und nicht die Bibel wollte; und fünf Jahre danach angestellte Nachforschungen ergaben, dass die Bibel in den katholischen Schulen Amerika nicht zu finden ist.

Die Lehre von der dem Menschen innewohnenden Unsterblichkeit (dass ein menschliches Dasein, einmal angefangen, nie aufhöre) war ein anderer, von der griechischen Philosophie entlehnter, fruchtbarer Irrtum. Wenn aber zugegeben wurde, dass ein Dasein ewig fortdauern muss, so führte das zu dem natürlichen Schluss, dass alle die Stellen der Bibel, die eine schließliche Vernichtung, den zweiten Tod usw. aller boshafter Sünder ausdrücken, das Gegenteil von dem meinen, was sie sagen, nämlich: Ewiges Leben in irgendeinem Zustand. Nun war es leicht zu beschließen, dass es für die Gottlosen ein Leben von Leiden sein müsse; und die Qualen derselben wurden häufig in Farbengemälden an den Wänden der Kirchen dargestellt, als auch durch die Worte eifriger Priester und Mönche vor Augen gemalt. Dieser Irrtum machte um so mehr auf die neu zu Bekehrenden Eindruck, weil die griechischen Philosophen (von der Welt damals als die Leiter in Sachen der Wissenschaft, Religion und Philosophie angesehen - deren Ideen, wie Josephus zeigt, den Judaismus eben zu färben begannen) schon längst eine Strafe für die Gottlosen im Tode gelehrt hatten. Zu ihren Gunsten muss jedoch gesagt werden, dass sie sich niemals zu der greulichen Lästerung des Wesens und der Oberhoheit Gottes verstiegen, wie sie der Welt vom Antichristen gelehrt wurde. Zunächst war es nun nötig, für diese Qual den Ort zu bestimmen und ihn Hölle zu nennen und Schriftstellen zu finden, die von Sheol und Hades und Gehenna reden und den eigentlichen Lohn der Sünde - den ersten und zweiten Tod - beschreiben, und sie, wie auch die Gleichnisse unseres Herrn und die Symbole (Bilder) der Offenbarung so fein anzuwenden, dass sie die ganze Welt und sich selbst über diese Sache täuschten, und so Wesen und Plan unseres himmlischen Vaters lästerten und demselben höchst empfindlich schadeten.

Das Fegefeuer wurde dann erfunden, um solch schreckliche Lehre zu mildern und erträglicher zu machen und zugleich, um dem Antichristen einen festeren Halt über das Volk zu geben. Er behauptete, die Schlüssel des Himmels wie der Hölle zu haben, und die Macht, die Schmerzen des Fegefeuers zu lindern; nicht nur die adamitische Strafe und die daher ererbten Gebrechen, sondern auch die Strafen vorsätzlicher und vorbedachter Sünden. Welch gewaltigen Hebel dies gab, um ein unwissendes Volk zu drücken, kann man sich leicht vorstellen - besonders, wenn der Kaiser und die Vornehmen der Welt den Betrüger anerkannten und sich vor ihm beugten.

Totenmessen folgten nun; und Reiche und Arme hielten es gleicherweise für Pflicht, dafür freigebig zu zahlen. Messen, behauptete man, vermöchten alles, um die Leiden im Fegefeuer zu mildern, so dass selbst Jehova oder Christus nichts dagegen tun könnten. Dies wurde eine große Einnahmequelle für den Antichristen, denn die Priester waren bei der Hand, Sterbende, wenn sie vermögend waren, daran zu mahnen und zu erinnern, dass sie freigebige Vermächtnisse für ihre eigenen Messen machen sollten; sonst möchten ihre Erben dies versäumen. Und in der Tat, selbst bis zum heutigen Tage erscheinen Ermahnungen ähnlicher Art in römisch-katholischen Ländern. Man sollte weniger Geld für Begräbnisblumen ausgeben, heißt es da, um mehr auf Messen für die Toten verwenden zu können.

Einige Zeit vor den "Kreuzzügen" kam der Ablass auf. Wir wissen, dass Ablass als Werbegeld angeboten wurde, um Freiwillige für die "Kreuzzüge" oder "heiligen Kriege" zu werben. Jeder, der sich für diese heiligen Kriege anwerben ließe, würde vermöge des päpstlichen Ediktes nicht nur Vergebung erlangen, sondern sich auch Verdienst anhäufen, um künftige Sünden zu decken und so eine Garantie gegen gewisse Leiden des Fegefeuers zu besitzen. Diese Ablässe sind, wie Römisch-Katholiken sagen, nicht darauf berechnet, Freiheit zum Sündigen zu geben, sondern nur eine Anerkennung des Verdienstes, wodurch eine gewisse Anzahl von Tagen oder Jahren der Fegefeuerpein erlassen werden: So dass, wenn die Sünden eines Menschen ihn einer tausendjährigen Pein unterwerfen, und er durch Geld oder dem Papsttum geleistete Dienste oder durch Büßungen zu der einen oder der anderen Zeit sich tausend Jahre sicherte, er frei ausgehen würde. Hätte er durch Ablass neunhundert Jahre zugute, so würde er nur hundert Jahre zu leiden haben, und wenn seine Ablässe zusammengerechnet seine Schuld weit übersteigen würden, so würde er wahrscheinlich für einen Heiligen gehalten werden, der besonderen Einfluss im Himmel habe und verehrt und angebetet werde. Von dieser Klasse ist Ludwig, der Kreuzfahrer, König von Frankreich, ein Beispiel. Er wurde kanonisiert (heilig gesprochen) und wird jetzt als der heilige Ludwig verehrt und angebetet.

Es ist allerdings ein Unterschied zwischen dieser Ansicht vom Ablass und einer Erlaubnis zum Sündigen; aber nur ein sehr geringer. Denn das Papsttum setzte ja auf verschiedene gewöhnliche Sünden ein gewisses Maß von Leiden, und nicht nur vergangene Sünden konnten abgetan und getilgt werden, sondern wer zu glauben Ursache hatte, dass er später gewisse Sünden begehen könnte, konnte sich zum voraus das zu ihrer Tilgung nötige Verdienst beschaffen. Außerdem gibt es sogenannte "Plenar (vollständige, gänzliche) Ablässe", die gewiss so zu verstehen sind, dass sie alle Sünden, vergangene wie zukünftige, decken.

Selbst der Gebrauch der heutigen Zeit scheint kaum glaublich. Die Romanisten haben gewisse Gebete, auf deren Wiederholung Ablass für eine gewisse Zeit steht, und viele zusammen, so meinen sie, schützen auf lange Zeit vor dem Zorn. So zum Beispiel: Denen, die das: "Sei gegrüßt, heilige Königin!" sagen, wird ein Ablass von vierzig Tagen bewilligt, während auf Hersagen der "Litanei der gesegneten Jungfrau" ein Ablass von zweihundert Tagen steht, und für die, welche: "Gesegnet sei die heiligste, reinste Empfängnis der Jungfrau Maria!" sagen, erlangen einen hundertjährigen Ablass usw. Zu welcher Korruption (Verderbnis) diese gotteslästerliche Lehre in den finsteren Zeitaltern geführt haben mag, wo für Geld und für Dienste bei der Verfolgung von Ketzern und Häretikern reichlicher Ablass angeboten wurde, lässt sich leicht denken.

Auf Verbrechen, die gewöhnlich von den Reichen begangen wurden, die gut bezahlen konnten, wurden ungeheure Strafen gesetzt, während die niedrigen Klassen leichter davon kamen. So kostet eine Heirat zwischen Geschwisterkindern 5.000 Dollars, während Frauen- oder Elternmord nur 20 Dollars kostet. Spannheim sagt: "Die Ablasseinrichtung war die Münze, wo das Geld für die römische Kirche geprägt wurde, die Goldmine für die verworfenen Neffen und natürlichen Kinder des Papstes, die Stärke der päpstlichen Kriege, das Mittel, Schulden zu bezahlen und die unerschöpfliche Quelle des päpstlichen Luxus."

Um diesen Handel zu regulieren, wurde eine Strafliste für verschiedene Sünden festgesetzt - so viele Tage oder Jahre im Fegefeuer für jede, und auch eine entsprechende Preisliste wurde angeordnet, so dass, wer für Mord, Diebstahl, Kindermord, Ehebruch, Meineid oder andere Sünden Ablass verlangte, mit verschiedenen festgesetzten Preisen belastet werden konnte. So wurden die Büßungen aufgehoben und die Qual des Fegefeuers gemildert oder beendet, je nach dem Belieben der Agenten des Antichristen. Man darf sich nicht wundern, dass das Volk bald begriff, dass für soviel Sünde soviel Geld bezahlt wurde.

In solchem Grade hatten sich durch diesen Ablasskram die Verbrechen gemehrt, dass die besseren Klassen sich im Unwillen gegen die Kirche erhoben. Die Augen der Leute fingen an, sich aufzutun. Sie sahen die Geistlichkeit, von den höchsten Würdenträgern der Kirche bis herab zu der niedrigsten Beamtenstufe, in Sünde versunken.

Wie die dunkelste Stunde dem Sturm vorhergeht, so war kurz vor der Reformationsbewegung die dunkelste Stunde der finsteren Regierung des Antichristen. Da erzeugte der offene und schamlose Ablasshandel einen Ekel und führte Luther und andere eifrige Papisten dazu, das ganze System in moralischer Hinsicht und später hinsichtlich der Lehre zu untersuchen und zu prüfen. Schließlich verfiel Luther auf die rechte Idee - dass das Papsttum wahrhaftig der Antichrist sei; und nachdem er dieses entdeckt, wies er furchtlos auf etliche Symbole der Offenbarung hin und wies nach, dass dieselben auf die päpstliche Hierarchie anwendbar und in derselben teilweise ihre Erfüllung gefunden hätten.

Über diesen Gegenstand zitieren wir das Folgende aus der Feder des in Amerika wohlbekannten Geistlichen, Lymann Abott. Er sagt:

"Unter anderen Bedingungen, für welche damals mehr als heute Ablass bewilligt wurde, waren Geldbeiträge an die Kirche. Dieser Handel erreichte seine Höhe am Anfang des 16. Jahrhunderts unter Leo, dem Zehnten, welcher allen denen Ablass ankündigte, die zur Errichtung der St.-Peters-Kirche zu Rom Geld beisteuern würden. Sein Hauptwerkzeug für den Ablasskram in Deutschland war Johann Tetzel. Die notorische Lasterhaftigkeit Tetzels verhinderte nicht, dass man ihn gebrauchte, um solche Gnaden anderen, reineren Seelen zu vermitteln, und keine Übertreibung schien ihm zu groß, wenn sie nur Geld in seinen Kasten brachte. Er erklärte, das rote Kreuz, welches ihn überall hin begleitete, habe so große Wirksamkeit wie das Kreuz Christi - keine Sünde sei so groß, die er nicht vergeben könne. Nicht nur die Lebenden allein, sondern auch die Toten rettet der Ablass. "Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt." Solcher Art waren etliche seiner gotteslästerlichen Ankündigungen. Eine regelmäßige Preisliste wurde angefertigt. Polygamie kostete sechs, Kirchenraub und Meineid neun, Mord acht, und Zauberei zwei Dukaten. Dieser offene und schamlose Handel war es, der mehr als alles andere zur Reformation führte. Ablass wird auch heute gewährt, nicht nur für gottesdienstliche Handlungen, sondern auch für Geldbeträge an die Kirche; aber der allgemeine und öffentliche Handel mit demselben ist aus der römischen Kirche größtenteils abgeschafft."

Ein anderer Schriftsteller führt Tetzel noch weiter an:

"Kommt her, ich gebe euch richtig versiegelte Briefe, wodurch euch sogar alle Sünden, die ihr später noch begehen werdet, vergeben werden. Keine Sünde ist so groß, die durch Ablass nicht getilgt werden könnte. Zahlt nur, zahlt nur tüchtig, und es wird euch vergeben werden. Ihr Priester, ihr Edelleute, ihr Kaufleute, ihr Weiber, ihr Jungfrauen, ihr jungen Männer, hört, wie eure abgeschiedenen Eltern und Freunde aus der unergründlichen Tiefe euch zurufen: "Wir leiden entsetzliche Qual, ein kleiner Almosen würde uns befreien! Ihr könnt es geben, wollt ihr nicht?' Mit zehn Groschen könnt ihr euren Vater aus dem Fegefeuer befreien. Unser Herrgott handelt nicht mehr mit uns als Gott - Alle Gewalt hat er dem Papst übergeben."

Nachstehend ist ein überliefertes Formular, wie sie Tetzel gebrauchte, das mit dem Namen des Käufers, seinen Sünden usw. ausgefüllt wurde:

"Unser Herr Jesus Christus sei dir, __________ gnädig und absolviere dich durch das Verdienst seiner allerheiligsten Leiden. Ich, kraft der apostolischen Gewalt, die mir übertragen ist, entbinde ich dich von allen __________, Übertretungen, Sünden und Verbrechen, die du begangen haben magst, wie groß und ungeheuer, und welcher Art sie auch sein mögen ... Ich erlasse dir die Schmerzen, die du im Fegefeuer haben würdest ... stelle dich in der Unschuld und Reinheit deiner Taufe wieder her, so dass im Augenblick deines Todes die Pforten des Ortes der Qual sich schließen, die Tore des Paradieses dagegen dir sich öffnen. Und wenn du lange leben solltest, bleibt diese Gnade doch bis an dein Ende unveränderlich. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen! Der Bruder Johann Tetzel, Kommissarius, hat dies eigenhändig unterschrieben. __________."

Ob es gerade bis heute noch so sei, können wir nicht sagen, aber wir wissen, dass noch vor wenigen Jahren in großen römisch-katholischen Kirchen in Mexiko und auf Kuba gedruckte Ablässe mit beigefügten Preisen zum Verkauf feil lagen.

"Es wurde ihm gegeben, mit den Heiligen Krieg zu führen und sie zu überwinden"
"Die Heiligen des Höchsten aufzureiben"

Hat das Scheinreich des Papstes über die wahrhaft geweihten Kinder Gottes Gewalt gehabt und geübt? Hat es sie durch eine lange Periode der Unterdrückung und Zermalmung, wie es der hebräische Text zeigt, überwunden oder "aufgerieben"? Wir antworten: Ja! Jedes nur erdenkliche Mittel wurde angewandt, um den Geist wahren Christentums zu dämpfen (Joh. 8:36; Gal. 5:1; 2. Kor. 3:17) und an dessen Stelle den Geist, Lehre und Formenwesen des Antichristen zu setzen. Anfangs war es nicht gerade ein offener Angriff auf die Gläubigen, sondern vielmehr ein langsamer, beständiger, zermalmender Druck, der hauptsächlich gegen die Lehrer angewandt wurde, die am wahren Glauben festhielten; und so wurde die Geduld und auch der Glaube vieler zunichte. Dieses beständige Beunruhigen und Aufreiben wurde hauptsächlich durch die Einrichtung des Beichtstuhles zuwege gebracht. Jedem aufkeimenden Gedanken, jeder Kritik und jedem Einwand gegen dieses falsche System wurde darin vom Antichristen nachgespürt; und durch Androhung künftiger Strafe wurden die Beichtenden eingeschüchtert, jeden widersprechenden Gedanken und jede widersetzliche Tat zu bekennen und zu bereuen. Gar bald fand dies solche Unterstützung von Seiten der weltlichen Macht, dass irgendetwas gegen die Kirche zu sagen so angewendet werden konnte, als sei es Verrat gegen die bürgerliche Obrigkeit, die ja durch päpstliche Autorität getragen wurde.

Im ersten Anlauf der Erhöhung des Papsttums galt das Volk als solches entweder als zur Kirche gehörig, oder es waren noch Heiden. Von denen nun, die Christen zu sein bekannten, wurde erwartet, dass sie sich den Gebräuchen und Regeln der allmählich sich selbst erhöhenden Hierarchie anbequemten. Der Irrtum, der stets populärer ist als die Wahrheit, verfolgte und ächtete ihre Anhänger und brachte sie in Verruf. Das war die Zeit, wo das Weib (die wahre Kirche), wie die Offenbarung (12:6) es schildert, in die Wüste floh - in die Einsamkeit, als eine um ihrer Treue gegen das Haupt der Kirche willen Verbannte. In dieser Zeit, da die Abtrünnigen zu Fürsten erhoben waren, da mussten die wahren, demütigen Heiligen erfahren, was der Herr ihnen und allen, die in dieser gegenwärtigen Zeit gottselig leben wollen, vorhersagte, nämlich, Verfolgung leiden. Die Schwiegermutter war gegen die Schwiegertochter, der Vater gegen den Sohn, Bruder gegen Bruder und eines Menschen Feinde oft seine eigenen Hausgenossen. Lässt sich noch etwas Weiteres erdenken, das die Heiligen des Höchsten völliger und schneller aufgerieben oder zermalmt hätte, als ein solches jahrhundertlang betriebenes Verfahren?

Von der Wildheit und Unerbittlichkeit solcher Verfolgungen eine Idee zu bekommen, müssen wir uns wieder an die Geschichte wenden.

Die Verfolgungen der Christen unter dem heidnischen Rom sind nichts im Vergleich zu denen unter dem päpstlichen Rom. Sie waren weniger häufig und nicht so ausgedehnt und viel weniger bitter. Von Seiten der ersten Christen wird uns berichtet, dass die Mehrzahl der Magistratspersonen, die in den Provinzen die Autorität des Kaisers oder Senats besaßen, und in deren Hand die Entscheidung über Leben und Tod lag, sich wie Männer, fein gebildete und wohlerzogene Männer, benahmen. Sie suchten nach Recht und Gerechtigkeit zu urteilen, lehnten häufig die unliebsame Aufgabe der Verfolgung ab und wiesen Klagen gegen Christen mit Entrüstung von sich, wie Pilatus und Herodes im Fall unseres Herrn zu tun versuchten (Luk. 23:14, 15, 20, 22; Matth. 27:24), oder schlugen angeklagten Christen eine gesetzliche Ausflucht vor. Öfter, wenn irgend möglich, gebrauchten sie ihre Gewalt zur Befreiung als zur Unterdrückung der Christen; und die heidnischen Gerichtshöfe waren oft ihre sicherste Zuflucht gegen die jüdischen Ankläger.(Gibbon, Band 2, Seite 31-33) Die grausame Verfolgung unter dem schrecklichen Tyrannen Nero, welcher, um den Argwohn des Publikums von sich abzulenken, etliche Christen verbrannte, bildet eine der dunkelsten Seiten in der Geschichte des heidnischen Roms; aber seine Opfer waren vergleichsweise nur wenige. Die heidnischen Verfolgungen erstreckten sich in der Regel nicht über ganze Gemeinwesen, sondern betrafen meist hervorragende Personen. Und sogar diese Verfolgungen der leitenden Repräsentanten war nicht so wohl eine im voraus beschlossene, beharrlich durchgeführte Handlungsweise von Seiten der Regierung, als vielmehr die Folge eines durch Aberglauben gereizten, nicht in Schranken zu haltenden Wutausbruches des Volkes, dem die Machthaber im Interesse des Friedens und der Ordnung nachzugeben für nötig hielten. Fälle dieser Art findet man in Paulus und der anderen Apostel Lebenslauf. (siehe Apg. 19:35-41; 25:24-27; 26:2, 3, 28) Selbst die mehr allgemeineren Verfolgungen unter den römischen Kaisern währten nur kurze Zeit, mit Ausnahme der unter Diokletian, welche mit wechselnder Heftigkeit zehn Jahre anhielt. Zwischen diesen Verfolgungen gab es oft lange Friedens- und Ruheperioden. Unter den Kaisern wurden die Christen zwar sehr beunruhigt, aber bei weitem nicht aufgerieben, sondern sie gedieh im Gegenteil, wie wir gesehen haben, ungemein.

Wie verschieden dagegen waren die Verfolgungen des Papsttums. Nicht nur an hervorragendere, sondern an alle Gegner legte es die Hand, und seine Verfolgungen dauerten nicht nur monatelang, sondern waren unaufhörlich. Was unter heidnischen Kaisern nur Ausbrüche von Wut oder Raserei gewesen war, wurde unter den Päpsten geradezu ein regelmäßiges, von religiösem Fanatismus und ehrsüchtigen Plänen getragenes System. Von satanischem Eifer, Energie und Grausamkeit beseelt, findet es in den Jahrbüchern der Geschichte nicht seinesgleichen. Die abtrünnige Kirche legte das Schwert des Geistes beiseite und, den Arm der weltlichen Herrschaft ergreifend, kehrte sie deren fleischliche Waffen mit erbarmungsloser Furie gegen jeden schwächeren Gegner, der ihrem Ehrgeiz im Wege stand, während sie den Machthabern schmeichelte und ihnen den Hof machte und sie betrog, bis sie deren Vertrauen gewann und ihre Stellung und Mach an sich riss.

Heidentum und Ketzerei wurden dann gleichermaßen Zielscheibe der Verfolgung - besonders die letztere. Die sogenannte christliche Geistlichkeit, sagt Edgar, "verwandte die Gesetze der jüdischen Theokratie und die Vorgänge der jüdischen Geschichte zu dem unchristlichen und gemeinen Zweck, den Geist der Verfolgungen gegen die dahinfallenden Reste griechischen und römischen Aberglaubens zu erwecken ... Sie lösten das alte Machwerk der Vielgötterei auf und verwandten dessen Einkünfte zum Besten der Kirche, des Staates und der Armee ... Das Heidentum wurde aus dem römischen Gebiet verjagt ... Zwang trat in der Regel an die Stelle der Überzeugung und Schreckensherrschaft an die Stelle des Evangeliums des Friedens. Die Röte der Scham drängt sich einem ins Gesicht beim Lesen von zwei heidnischen Rednern - Symmachus und Libannius - die bei der Verbreitung der Religion auf Walten der Vernunft und der Überzeugung drangen, während Theodosius und Ambrosius, ein christlicher Kaiser und ein Bischof, auf Gewalt und Zwang drangen."

Nachdem Konstantin zur Oberherrschaft Roms gelangt war, war er geneigt, alle Religionen zu dulden, wie das berühmte Edikt von Mailand zeigt, welches jedermann im römischen Reich Religionsfreiheit gewährte. Solch Verfahren hätte von der christlichen Kirche mit Freuden begrüßt werden sollen, da sie ja unter den früheren Verfolgungen sich so sehr nach Freiheit gesehnt hatte; aber dies war nicht der Fall. Der echte Geist des Christentums war geschwunden, und das Streben der Kirche war jetzt, sich so rasch als möglich selbst zu erhöhen, indem sie jeden Freiheitsfunken auslöschte und alles sich unterwarf. Hierüber sagt Gibbon (Band 2, Seite 236):

"Seine (Konstantins) geistlichen Diener versuchten die Unparteilichkeit seiner Majestät zu vermindern und in ihm den Eifer eines Proselyten zu erwecken, ... und von dem Augenblick an, da er dreihundert Bischöfe in den Mauern seines Palastes versammelte, vernichtete er die Hoffnung auf Frieden und Toleranz." Damals war es, dass der Kaiser zu der Erklärung überredet wurde, dass diejenigen, die sich in Glaubenssachen widersetzen würden, sich auf sofortige Verbannung gefasst machen müssten. Dieser Geist der Unduldsamkeit artete bald in bittere und unbarmherzige Verfolgung aus. Konstantin erließ zwei Strafgesetze gegen die Ketzer, die den nachfolgenden Kaisern - Valentinian, Gratian, Theodosius, Arkadius und Honorius - zum Muster dienten. Theodosius veröffentlichte 15, Arkadius 12, und Honorius nicht weniger als 18 dieser Statuten. Diese stehen in den theodosianischen und justinianischen Gesetzbüchern verzeichnet.

Was der Antichrist Ketzerei zu nennen beliebte (wovon vieles Wahrheit und Gerechtigkeit war, die sich aufrecht zu erhalten strebten), wurde als Unglaube gerechnet, und beide wurden von Königen, Kaisern und Theologen bekämpft und besonders erstere durch die Inquisition verfolgt. Als ungefähr am Anfang des dreizehnten Jahrhunderts die Wissenschaft wieder auflebte, und die Menschen aus dem Schlaf und den beunruhigenden Träumen des Finsteren Zeitalters zu erwachen anfingen, wurden diejenigen, aus deren Herzen die Wahrheit nicht gänzlich ausgerottet worden war, angetrieben, die Wahrheit zu erheben und den gröberen Irrtümern des Antichristen Widerstand zu leisten. Da erwachte aber der verfolgungssüchtige Geist des Antichristen erst recht zu voller Furte, um alle Opposition zu zermalmen.

Könige und Fürsten, welche um die Sicherheit ihrer Kronen zitterten, sobald sie irgendwie das Missfallen des Papstes auf sich gezogen hatten, und deren Reiche mit dem gefürchteten Kirchenbann belegt werden konnten, wenn sie oder ihre Untertanen sich weigern sollten, den Befehlen des Papstes absoluten Gehorsam zu leisten, wurden beschworen, die Ketzerei auszurotten, und gewarnt, ihre Gebiete von ketzerischer Widerspenstigkeit zu reinigen; sonst würde ihnen die Herrschaft entzogen. Und diejenigen Edelleute, die es versäumten, am Werk der Verfolgung mitzuhelfen, gingen ihrer Güter verlustig. Könige und Fürsten waren mithin nicht säumig in ihren Anstrengungen, den Befehlen des Papsttums gemäß zu handeln; und die Barone und deren Dienstmannen standen zu Diensten, an dem Werk der Vernichtung zu helfen.

Schon vor diesem Erwachen, bereits im Jahre 630, zwang das Konzil zu Toledo den König von Spanien, vor seiner Thronbesteigung zu schwören, keine ketzerischen Untertanen in den spanischen Besitzungen dulden zu wollen, und erklärte, dass derjenige Herrscher, welcher diesen Eid verletzen würde, "vom Angesicht des ewigen Gottes verflucht sein und zum Brennstoff des ewigen Feuers werden sollte." Aber die Tragweite solcher Forderungen wurde viel vollständiger verwirklicht, als das Erwachen eintrat, und der Antichrist den Höhepunkt seiner Macht erreicht hatte.

Das Konzil zu Oxford im Jahre 1160 überwies eine Gesellschaft von Waldensern, die von Gasconien nach England eingewandert waren, dem weltlichen Arm zur Bestrafung. Demzufolge befahl Heinrich, der Zweite, Männer und Frauen öffentlich auszupeitschen, sie an der Wange mit einem glühenden Eisen zu brandmarken und halbnackt aus der Stadt in den eisigen Winter hinaus stoßen; und niemandem wurde gestattet, sich ihrer zu erbarmen und ihnen die geringste Hilfe zu erweisen. Kaiser Friedrich von Deutschland, 1224, verurteilte Ketzer jeder Art zum Feuertod, ihr Eigentum zur Beschlagnahme und ihre Nachkommen, es sei denn, sie wurden selbst Verfolger, zum Ehrverlust. König Ludwig von Frankreich veröffentlichte im Jahre 1228 Gesetze zur Ausrottung der Ketzerei und erzwang ihre Durchführung. Er zwang den Grafen Raimund von Toulouse, die Ausrottung der Irrlehre in seiner Herrschaft vorzunehmen und dabei weder Lehnsmann noch Freund zu verschonen.

Den ersten Machtübergriffen gegenüber, aus denen sich nach und nach das päpstliche System entwickelte, wurde Widerstand geleistet. Aber dieser Widerstand geschah nur von Seiten einiger Treuer, deren Einfluss der überwältigenden Strömung der Verweltlichung gegenüber, die in der Kirche herein fegte, nur wenig ausrichten konnte. Sobald etliche den Irrtum entdeckten, zogen sie sich nach und nach und still von dem großen Abfall zurück, um Gott nach ihrem Gewissen zu verehren, selbst auf die Gefahr der Verfolgung hin. Bedeutender unter diesen waren die, welche man später Waldenser, Albigenser, Wiklifiten und Hugenotten nannte. Sie alle, obwohl mit verschiedenen Namen bezeichnet, hatten doch, soweit wir urteilen können, denselben Ursprung und denselben Glauben. Der "Waldensianismus", sagt Raimarus (3.4), der berühmte Inquisitor des dreizehnten Jahrhunderts, "ist die älteste Ketzerei und bestand nach Einiger seit der Zeit des Papstes Sylvester, nach Anderen seit der Zeit der Apostel." Sylvester war Papst, als Konstantin Kaiser wurde und sich zum Christentum bekannte. Hieraus ist ersichtlich, dass die Wahrheit nie ohne ihre Vertreter war, die, obgleich gering und unpopulär, dennoch mutig dem Papsttum und den päpstlichen Lehren vom Fegefeuer, der Bilderverehrung, der Anrufung der Heiligen, der Anbetung der Jungfrau Maria, der Gebete für die Toten, der Transsubstantiation (Umwandlung von Brot und Wein in den Leib Christi), der Ehelosigkeit der Geistlichen, dem Ablass, der Messe usw. widerstanden. Sie verwarfen Wallfahrten, Festlichkeiten, das Verbrennen von Weihrauch, geweihte Begräbnisse, den Gebrauch von heiligem Wasser, priesterliche Gewänder, Mönchstum usw. Sie hielten dafür, dass man die Lehren der Heiligen Schrift annehmen sollte und nicht die Traditionen und Behauptungen der Kirche Roms. Sie hielten den Papst für das Haupt aller Irrtümer und lehrten, dass Vergebung der Sünden allein durch das Verdienst Jesu Christi erlangt werden könne.

Mit ihrem Glauben und ihrem Tun traten sie für eine Reformation in die Schranken und waren ein beständiger Protest gegen den Irrtum, lange vor Luthers Zeit. Wie alle Gegner des Romanismus wurden auch sie durch päpstliche Kundschafter aufgespürt und gehasst und mit unbarmherziger Wut verfolgt. Die Waldenser und Albigenser waren die zahlreichsten Gemeinschaften, die gegen das Papsttum protestierten, und als das wissenschaftliche Erwachen des dreizehnten Jahrhunderts kam, waren sie es hauptsächlich, von denen die Wahrheit hinaus leuchtete, die in den kräftigen Worten Wiclifs, Huß, Luthers und anderer widerhallte. Und ihre Lehren, durch ihre Einfachheit und Sittlichkeit getragen, leuchteten mit um so größerem Glanz im Gegensatz zu der offenbaren Unsittlichkeit des damaligen Papsttums.

Um diese Zeit war es, dass Päpste, Konzilien, Theologen, Könige, Kreuzritter und Inquisitoren ihre teuflische Macht verbanden, um jeden Gegner auszurotten, die geringsten Strahlen des dämmernden Lichtes zu löschen. Der Papst Innozenz, der Dritte, sandte zuerst Missionare in die Distrikte, in welchen die Lehren der Albigenser Fuß gefasst hatten, um den Romanismus zu predigen, Wunder zu verrichten usw. Als er aber diese Bemühungen vergeblich fand, schrieb er einen Kreuzzug gegen sie aus und bot allen, die sich daran beteiligen würden, Vergebung der Sünden und einen direkten Pass zum Himmel an, ohne dass sie durchs Fegefeuer zu gehen hätten. Voll Vertrauen auf des Papstes Macht, den verheißenen Lohn geben zu können, scharten sich eine halbe Million Menschen - Franzosen, Deutsche und Italiener - um die Kreuzesfahne zur Verteidigung des Katholizismus und zur Vertilgung der Ketzerei. Nun folgte eine Reihe von Kriegen und Belagerungen, die einen Zeitraum von 20 Jahren decken. Die Stadt Beziers wurde im Jahre 1209 erstürmt und, wie verschiedene Historiker berichten, fielen ihre Bürger, sechzigtausend an der Zahl, ohne Unterschied des Geschlechtes und des Alters, dem Schwerte zum Opfer. Das Blut derer, die in die Kirche flüchteten und dort von den heiligen (?) Kreuzrittern gemordet wurden, floss um die Altäre und durch die Straßen.

Die Stadt Lavour wurde im Jahre 1211 belagert. Der Gouverneur wurde gehängt, seine Frau in einen Brunnen gestürzt und von Steinen zerquetscht. Die Bürger wurden ohne Unterschied getötet; vierhundert lebendig verbrannt. Die blühende Landschaft Languedoc wurde verheert, ihre Städte verbrannt und die Einwohner mit Feuer und Schwert hinweg gefegt. Man nimmt an, dass an einem einzigen Tage hunderttausend Albigenser gefallen und ihre Körper zusammengehäuft und verbrannt worden seien.

All dieses Wälzen im Blut und diese Greuel geschahen im Namen der Religion: angeblich zur Ehre Gottes und der Kirche, aber in Wirklichkeit zur Aufrechterhaltung des Antichristen, der sich in den Tempel Gottes (in die Kirche) gesetzt hat und vorgibt, er sei Gott - ein Mächtiger - der seine Feinde überwinden und zerstreuen kann. Die Geistlichkeit dankte Gott für dieses Werk der Zerstörung; und für den herrlichen Sieg zu Lavour wurde zum Preis Gottes ein Lied komponiert und gesungen. Das schreckliche Blutbad zu Beziers hielt man für das "sichtbare Gericht des Himmels" über die albigensische Ketzerei. Am Morgen wohnten die Kreuzfahrer der Hochmesse bei und den Tag hindurch setzten sie ihr Werk, die Landschaft Languedoc zu verwüsten und die Einwohner umzubringen, fort.

Man beachte jedoch, dass diese offenen Kreuzzüge gegen die Albigenser und Waldenser nur deshalb unternommen wurden, weil die Ketzerei einen zu großen Umfang in diesen Gemeinden erlangt hatte. Es wäre ein großer Irrtum anzunehmen, dass diese Kreuzzüge die einzigen Verfolgungen gewesen seien. Das ruhige, stetige Erdrücken einzelner Persönlichkeiten, das nach Tausenden zählte, ging in dem großen Gebiet des Papsttums stetig vor sich. Wahrlich, die Heiligen des Höchsten wurden aufgerieben.

Karl, der Fünfte, Kaiser von Deutschland und König von Spanien und der Niederlande, verfolgte die Freunde der Reformation in seinem ganzen ausgedehnten Reich. Durch den Reichstag zu Worms unterstützt, tat er Luther und dessen Anhänger und Schriften in die Acht und verurteilte alle, die Luther helfen oder seine Bücher lesen würden, zum Verlust ihrer Güter, zur Reichsacht und zur Strafe des Hochverrats. In den Niederlanden wurden die Männer, welche Luther anhingen, enthauptet und die Frauen lebendig begraben, oder, wenn halsstarrig, den Flammen überliefert. Obgleich dieses ganze Massen dem Tode überliefernde Gesetz nicht ausgeführt wurde, so ging doch das Todeswerk in allen seinen schrecklichen Gestalten immer weiter. Der Herzog von Alba rühmte sich, in sechs Wochen 18.000 Protestanten hingerichtet zu haben. Parlo rechnet die Zahl derer, die ihrer Religion wegen in den Niederlanden hingerichtet wurden, auf 50.000. Grotius gibt die Zahl der belgischen Märtyrer auf 100.000 an. Sterbend ermahnte Karl noch seinen Sohn, Philipp, den Zweiten, das von ihm begonnene Werk der Verfolgung und Ausrottung der Ketzerei zu vollenden, welchen Rat Philipp zu befolgen nicht säumig war. Fürchterlich fachte er den Verfolgungsgeist an und übergab die Protestanten ohne Unterschied und ohne Erbarmen den Flammen.

Franz und Heinrich, die französischen Könige, folgten in ihrem Eifer für den Katholizismus und in der Ausrottung der Ketzerei dem Beispiel Karls und Philipps. Das Gemetzel zu Merindol, Orange und Paris sind gewaltige Beispiele ihres Eifers für die Sache des Antichristen. Das Gemetzel von Merindol, das vom französischen König geplant und vom französischen Senat gutgeheißen worden war, wurde dem Präsidenten Oppeda zur Ausführung übertragen. Der Präsident war angewiesen, die Einwohner zu töten, die Städte zu verbrennen und die Burgen der Waldenser, von denen eine große Anzahl in jener Gegend wohnte, zu zerstören. Römisch-katholische Geschichtsschreiber geben zu, dass infolge dieses Auftrages Tausende von Männern, Weibern und Kindern geschlachtet wurden; vierundzwanzig Städte wurden ruiniert und das Land wüste und öde gemacht. Männer, Weiber und Kinder flohen in die Wälder und auf die Berge, um sich zu retten. Sie wurden verfolgt und vom Schwert ereilt. Viele, die in den Städten geblieben, ereilte dasselbe oder ein noch schlimmeres Schicksal. 500 Frauen wurden in eine Scheune gesperrt, welche sodann angezündet wurde, und die etwa aus den Luken sprangen, wurden mit Speeren aufgefangen. Frauen wurden vergewaltigt und Kinder angesichts ihrer ohnmächtigen Eltern ermordet. Einige wurden über Abhänge gestürzt, andere nackend durch die Straßen geschleift.

Das Blutbad zu Orange im Jahre 1562 war von ähnlicher Art und ist von katholischen Geschichtsschreibern genau beschrieben worden. Die italienische Armee, die Papst Pius, der Vierte, aussandte, hatte Befehl, Männer, Frauen und Kinder zu töten, und der Befehl wurde mit schrecklicher Grausamkeit befolgt. Die verteidigungslosen Ketzer wurden mit dem Schwert erwürgt, von Abhängen gestürzt, auf die Spitzen von Haken und Dolchen geschleudert, gehängt, langsam über Feuer geröstet, der Scham und Folter jeglicher Art preisgegeben.

Die Hinmetzelung in Paris in der St.-Bartholomäus-Nacht am 24. August 1572 glich an Grausamkeit denjenigen von Merindol und Orange, aber übertraf sie beide an Ausdehnung. Auch diese ist von katholischen Historikern umständlich beschrieben worden. Einer derselben, Thuanus, brandmarkt sie als eine "bestialische Grausamkeit, die ohnegleichen in aller Vergangenheit dastehe." Das Läuten der Sturmglocke zur Mitternacht des 23. August gab das Signal der Vernichtung, und die schauerlichen Szenen von Merindol und Orange wiederholten sich an den gehassten Hugenotten. Sieben Tage währte dieser Todeskarneval. Die Stadt schwamm im Blut. Im Schloss lagen die Erschlagenen hoch aufgehäuft, und der König und die Königin schauten mit äußerster Genugtuung darauf herab. Die Leiche des Admirals Coligny wurde durch die Straßen geschleift, und die Seine war mit schwimmenden Leichnamen bedeckt. Die Angaben, wie viele getötet worden seien, schwanken zwischen 5.000 und 10.000. Das Vernichtungswerk war auch nicht auf Paris allein beschränkt, sondern erstreckte sich weit über den französischen Staat hin. Am Tag vorher waren nach allen Richtungen hin Boten ausgesandt worden, um die allgemeine Abschlachtung sämtlicher Hugenotten anzuordnen. Dieselben Szenen wurden so in beinahe allen Provinzen ins Werk gesetzt, und die Zahl der Erschlagenen auf 25.000-70.000 geschätzt.

An dieser schauderhaften Menschenschlächterei hatte der Antichrist seine höchste Befriedigung. Der Papst und sein Hof jubelten ob des Sieges des Katholizismus über den Waldensianismus zu Merindol und der gottlose Oppeda wurde "der Verteidiger des Glaubens und der Held der Christenheit" genannt. Der französische König ging zur Messe und stattete Gott feierlich Dank ab für den Sieg über die Hugenotten in Paris und deren Ermordung. Dieses Blutbad, das vom französischen König, vom Parlament und den römisch-katholischen Untertanen gutgeheißen wurde, geschah wahrscheinlich auf direktes Aufhetzen von Seiten des Papstes und seiner Hierarchie. Dass es von Oben gutgeheißen wurde, erkennt man aus der Tatsache, dass die Nachricht davon am päpstlichen Hof mit großer Freude entgegengenommen wurde. Papst Gregor, der Dreizehnte, ging in großer Prozession zur Kirche des heiligen Ludwig, um Gott für den herrlichen Sieg zu danken. Er verkündigte sofort ein Jubiläum und sandte einen Nuntius (päpstlichen Gesandten) an den französischen Hof, der im Namen des Papstes diese so lang überdachte und so glücklich zum Wohle der Religion ausgeführte Tat pries. Zum Andenken an dieses Blutbad ließ der König eine Denkmünze mit folgender Inschrift prägen: "Pietas excitavit Justitiam" ("Die Frömmigkeit erweckte die Gerechtigkeit").

Auch in der päpstlichen Münze wurden zum Gedächtnis des Ereignisses Denkmünzen geprägt. Eine derselben ist jetzt in der Antiquitäten-Halle zu Philadelphia in Pennsylvanien zur Schau gestellt. Die Vorderseite stellt eine erhabene Figur des Papstes dar und die abgekürzte Inschrift: "Gregorius, der Dreizehnte, Pontifex Maximus, anno 1" - das erste Jahr seines Pontifikates - nämlich 1572. Die Kehrseite der Schaumünze stellt einen Würgeengel dar, mit einem Kreuz in der linken und einem Schwert in der rechten Hand, vor welchem, niedergestreckt und fliehend, ein Häuflein Hugenotten, Männer, Weiber und Kinder dargestellt sind, deren Gesichter und Figuren Schrecken und Verzweiflung ausdrücken. Darunter die Worte, "Ugonottorum Strages 1572", das heißt: "Blutbad der Hugenotten 1572".

Im Vatikan wurde ein Bild von der St.-Bartholomäus-Metzelei aufgehängt, über welchem in lateinischer Sprache angebracht war: "Der Papst billigt den Tod des Coligny." Coligny war einer der angesehensten Führer der Hugenotten und einer der ersten, die fallen mussten. Nachdem er umgebracht war, wurde sein Haupt vom Rumpf getrennt und der Königin gesandt, die dasselbe einbalsamieren und als Trophäe nach Rom schicken ließ, seinen Körper dagegen schleifte der Pöbel durch die Straßen von Paris. Den König erfassten bald darauf die Schrecken der Reue, von denen er sich nie mehr erholte. Man erzählt von ihm, dass er zu seinem Leibarzt gesagt habe: "Ich weiß nicht, was mir ist, aber an Geist und Körper zittere ich wie im Fieber. Jeden Augenblick, ob wachend oder schlafend, scheint es mir, als ob sich mir verstümmelte Körper mit scheußlichen Gesichtern und mit Blut bedeckt, vorstellten." Er starb in großer Todesangst, mit blutigem Schweiße bedeckt.

Im Jahre 1641 verkündete der Antichrist in Irland einen Religionskrieg und stachelte das Volk auf, die Protestanten durch jedes zu Gebote stehende Mittel umzubringen. Das betörte Volk folgte dem Befehl als der Stimme Gottes und säumte nicht, diesen Auftrag auszuführen. Reichlich floss der Protestanten Blut durch die Straßen Irlands. Häuser wurden eingeäschert, und Dörfer und Städte nahezu zerstört. Etliche zwang man, ihre eigenen Angehörigen zu morden und dann sich selbst das Leben zu nehmen. Die letzten Worte, welche an ihre Ohren schlugen, waren Zusicherungen der Priester, ihre Todesschmerzen seien nur der Anfang ewiger Qualen. Tausende starben vor Hunger und Kälte, während sie nach anderen Ländern auszuwandern strebten. In Cavan war die Landstraße zwölf Meilen weit mit Blutspuren der Flüchtlinge befleckt. Sechzig Kinder wurden von ihren wütend verfolgten Eltern auf der Flucht preisgegeben; und man machte bekannt, wer diesen Kleinen irgendwie beistehen würde, solle an ihrer Seite begraben werden. Siebzehn Erwachsene wurden zu Fermaugh lebendig begraben, 72 in Kilkenny. In der Provinz Ulster allein wurden über 154.000 niedergemetzelt oder aus Irland vertrieben.

O'Niel, der Primas von Irland, nannte dies "einen heiligen und gerechten Krieg", und der Papst (Urban, der Siebente) erließ eine Bulle, vom Mai 1643 datiert, wodurch er allen "volle und absolute Vergebung der Sünden" gewährte, die "ritterlich teilgenommen, den ansteckenden Sauerteig der ketzerischen Seuche mit der Wurzel auszurotten."

Die Inquisition oder "der heilige Dienst"

Dem Dominikus, dem leitenden Geist in diesem Kreuzzug, wird die Ehre zugeschrieben, die teuflische (höllische) Inquisition erfunden zu haben. Benedikt jedoch, der die Ehre (?), der erste Inquisitionsgeneral gewesen zu sein, mit Eifer dem St. Dominikus zuschreibt, ist darüber im Zweifel, ob die Idee von Papst Innozenz oder von Dominikus ausging. Sie wurde durch Innozenz, den Dritten, im Jahre 1204 eingeführt.

St. Dominikus war ein Scheusal ohne jedes Mitgefühl, das sein höchstes Vergnügen in Szenen der Qual und des Elends zu finden schien. Während des Kreuzzuges gegen die Albigenser führte und feuerte er das Kreuz in der Hand die heiligen(?) Krieger zum Totschlag und zur Zerstörung an. Die Inquisition oder der heilige Dienst ist heutzutage ein Tribunal in der römischen Kirche zur Entdeckung, Unterdrückung und Bestrafung von Irrlehren und anderen Vergehen gegen die Kirche Roms. (Der Stuhl Petri, Seite 589) Aber zu Dominikus Zeit hatte sie noch keinen gesetzlichen Gerichtshof, auch waren die Marterwerkzeuge noch nicht zu der Vervollkommnung späterer Tage gelangt. Dessen ungeachtet erfand Dominikus auch ohne solche Maschinerie reichliche Peinigungsmittel, Gelenke zu verrenken, Nerven auszurupfen und die Gliedmassen seiner Opfer abzureißen und auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, welche durch kein anderes Mittel von ihrer Überzeugung abzubringen waren, noch ihrem Glauben und ihrer Freiheit entsagen wollten.

Von Papst Innozenz beauftragt, die Ketzer, welche sein Evangelium nicht annehmen wollten, mit Verlust des Eigentums, Konfiskation, Verbannung und Tod zu strafen, stachelte Dominikus die weltliche Obrigkeit und das Volk auf, die ketzerischen Waldenser niederzumetzeln; und hundertachtzig Albigenser überlieferte er auf einmal den Flammen. Für solche Treue im Dienst des Antichristen wurde er heilig gesprochen, und noch heute wird er von römischen Katholiken verehrt und angebetet. Das römische Brevier (eine Art Gebetbuch), auf St. Dominikus Bezug nehmend, preist "seine Verdienste und Lehren, welche die Kirche erleuchteten"; lobt seine Geschicklichkeit und seinen Mut, welche die tolosanischen Ketzer überwand; und rühmt seine vielen Wunder, die sich sogar bis zur Erweckung Toter steigerten. Das römische Messbuch (das ein mit der Austeilung des heiligen Abendmahles verbundenes Formular enthält) hebt seine Verdienste hervor und bittet um seine Vermittlung für irdische Beihilfe. So hält der Antichrist seine getreuen Heroen in Ehren.

Es würde unmöglich sein, in kurzen Zügen eine einigermaßen richtige Vorstellung von den Schrecken der Inquisition oder von der entsetzlichen Furcht, die das Volk vor ihr hatte, zu geben. Wer nicht laut das Lob des Antichristen sang oder etwas an ihm zu tadeln wagte, wurde der Ketzerei verdächtigt. Und ohne vorhergehende Warnung oder gesetzlichen Beistand konnten solche Leute auf unbestimmte Zeit bis zum gelegentlichen Verhör eingekerkert werden. Ankläger und Anklage blieben ihnen oft gleich unbekannt. Das Gerichtsverfahren war geheim, und ein Qualverfahren wurde zur Erpressung von Geständnissen angewandt. Die angewandten Quälereien waren fast zu schrecklich, um von uns in unserer Zeit und in diesem Land der Freiheit für damals möglich gehalten zu werden, und doch wird die Wirklichkeit derselben von Zeugen bestätigt, die selbst römisch-katholische Historiker nicht verwerfen können; und ihre fruchtlosen Versuche, dieselben zu verteidigen, dienen nur zur Bekräftigung dieser Zeugnisse. Noch vorhandene Marterwerkzeuge, Reliquien (Überbleibsel) der Inquisition machen Leugnen nutzlos. Der "heilige Dienst" stellte sogar Ärzte an, um den Fortschritt der Tortur (Qual) zu beobachten und mit derselben einzuhalten, wenn der Tod die Dulder zu erlösen schien. Dann gestattete man dem Opfer, sich teilweise wieder zu erholen, damit die Tortur noch einmal, ja zum drittenmal angewandt werden könnte. Diese Torturen wurden nicht immer als Strafe für das Vergehen der Ketzerei angewandt; für gewöhnlich dienten sie dazu, den Angeschuldigten zum Geständnis, zum Widerruf zu zwingen oder andere zu verwickeln, je nachdem es der Fall war.

Sogar im gegenwärtigen Jahrhundert, nachdem die Inquisition viele ihrer Schrecken verloren hatte, war sie noch entsetzlich genug. Der Geschichtsschreiber der Kriege Napoleons, die Einnahme Toledos durch dessen Armee beschreibend, erwähnt zufällig das Öffnen des Inquisitionskerkers und sagt:

"Es schienen die Gräber sich zu öffnen und bleiche Gestalten, Gespenstern gleich, entstiegen den unterirdischen Kerkern, denen Grabesgeruch entströmte. Über die Brust herabreichende Bärte und Nägel, Vogelkrallen gleich, entstellten die armen Skelette, welche mit keuchender Brust zum erstenmal seit einer langen Reihe von Jahren die frische Luft einatmeten. Ihrer viele waren zu Krüppeln geworden; das Haupt war nach vorn geneigt, die Arme steif und hilflos herabhängend. In so niedrigen Höhlen waren sie eingesperrt gewesen, dass sie darin nicht aufstehen konnten und, trotz aller Vorsicht der (Armee-) Ärzte, verendeten noch viele an demselben Tag. Am folgenden Tag untersuchte General Lasalle, begleitet von verschiedenen Offizieren seines Stabes, jenen Ort ganz genau. Die Anzahl der Martermaschinen machte sogar die an die Schrecken des Schlachtfeldes gewöhnten Männer schaudern.

"In einem an der Untersuchungshalle angrenzenden Seitenwinkel in einem unterirdischen Gewölbe stand eine von Mönchen verfertigte hölzerne Figur, die Jungfrau Maria vorstellend. Ein goldener Heiligenschein umgab ihr Haupt, und in ihrer rechten Hand hielt sie ein Banner. Auf den ersten Blick schöpften alle Verdacht, dass trotz der seidenen Hülle, die in weiten Falten von ihren Schultern hing, sie einen Harnisch anhätte. Bei genauer Untersuchung sah man, dass die Vorderseite der Figur mit äußerst scharfen Nägeln und kleinen, schmalen Messerklingen gespickt war, deren Spitzen dem Beschauer entgegen starrten. Die Arme und Hände waren mit Gelenken versehen, und eine Maschine hinter der Wand setzte die Figur in Bewegung. Einer der Inquisitionsdiener wurde auf Befehl des Generals gezwungen, die Maschinerie, wie er es nannte, arbeiten zu lassen. Als die Figur ihre Arme ausbreitete, wie wenn sie jemand zärtlich ans Herz drücken wollte, ließ man den wohlgefüllten Schnappsack eines polnischen Grenadiers die Stelle eines lebenden Opfers einnehmen. Die Statue umarmte ihn fester und fester, und als der Wärter auf Befehl die Figur ihre Arme öffnen und in ihre vorige Stellung zurückkehren ließ, war der Schnappsack zwei bis drei Zoll tief durchbohrt und blieb an den Spitzen der Nägel und Messerklingen hängen."

"Folterbänke" verschiedener Art wurden ersonnen und als Foltermittel angewandt; eine der einfachsten Methoden wird so erklärt: Dem von allen Kleidern entblößten Opfer wurden die Arme mit einem rauen Seil auf den Rücken gebunden, an welchem man es vermittelst eines Flaschenzuges, die Füße mit Gewichten beschwert, vom Boden hob. Dann wurde der Dulder verschiedene Male fallen gelassen und mit einem Ruck wieder in die Höhe geschnellt, wodurch Arme und Beine aus ihren Gelenken gerissen wurden, während das Seil, an dem er hing, ihm bis auf die Knochen ins Fleisch schnitt.

Eine Erinnerung an solche im Namen Jesu begangene Schändlichkeit kam längst zu öffentlicher Notiz. Da das Drucke­reilokal einer Bibelgesellschaft in Rom nicht mehr geräumig genug war, mietete diese einen großen Raum nahe beim Vatikan. Ein eigentümlicher Ring an der Decke lenkte die Aufmerksamkeit auf sich, und die Nachfrage ergab, dass das Zimmer, in welchem man jetzt beschäftigt ist, die Bibel zu drucken - "das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes", wodurch der Antichrist machtlos wurde, noch ferner die Heiligen zu unterdrücken und auszumerzen - dasselbe Zimmer ist, das früher der Inquisition als Folterkammer diente. Der Ring ist wahrscheinlich gebraucht worden, um manchen geknebelten Dulder zu foltern.

Die der Ketzerei Überführten wurden manchmal zu dem, was man einen "Glaubensakt" nannte, verurteilt. Die kirchliche Autorität überlieferte den Verurteilten der weltlichen Macht, und die Geistlichen, Mitleid vorschützend, ersuchten die Obrigkeit, dem Verurteilten Mitleid zu erweisen, und, das Kreuz erhebend, redeten sie auf das Opfer ein, zu widerrufen und so sein gegenwärtiges wie zukünftiges Leben zu retten. Die Obrigkeit kannte ihre Rolle zu gut und erwies keine Gnade, ausgenommen solchen, die widerriefen, und erlangte dafür den Segen und den Titel "Verteidiger des Glaubens" und "Ausrotter der Ketzerei". Der verurteilte Ketzer wurde in einen gelben Rock gekleidet, der mit Bildern von Hunden, Schlagen, Flammen und Teufeln bemalt war, und auf den Richtplatz geführt, an den Pfahl gebunden und den Flammen überliefert.

Torquemada, ein anderer berühmter Generalinquisitor, zeigte so recht den antichristlichen Geist. Römisch-katholische Schriftsteller räumen ein, dass er 10.220 Personen, Männer, Weiber und Kinder, lebendig verbrennen ließ. Llorente, welcher drei Jahre lang Generalsekretär der Inquisition gewesen war und Zugang zu allen schriftlichen Belegen hatte, zeigt in seinem im Jahre 1817 (4. Bd.) veröffentlichten Bericht, dass in der Zeit von 1481 bis 1808 auf Befehl dieses "heiligen Dienstes allein" nicht weniger als 31.912 Personen verbrannt und nahezu 300.000 gepeinigt und zu schweren Strafen verurteilt worden sind. Jedes römisch-katholische Land in Europa, Asien und Amerika hatte seine Inquisition.

Wir können diesem allem hier nicht nachspüren, wie der Antichrist alles, was an Reform heran reifte oder Gewissens- und politischer Freiheit ähnlich sah, verfolgte. Es genüge zu sagen: Diese Verfolgungen erstreckten sich über jedes Land, wo das Papsttum Fuß gefasst hatte - Deutschland, Holland, Polen, Italien, England, Irland, Schottland, Frankreich, Spanien, Portugal, Abessinien, Indien, Kuba, Mexiko und einige südamerikanische Staaten. Aus demselben Grund können wir auch die einzelnen Fälle nicht aufzählen, die dazu dienen würden, zu zeigen, dass viele der Märtyrer wahre Heilige und Helden waren, die unter den entsetzlichsten Leiden höchst begnadigt und oft auch fähig waren, während sie Zoll für Zoll starben, dem wahren Haupt der wahren Kirche Lob- und Danklieder zu singen und gleich ihm, für ihre Feinde zu beten, die sie um seines Namens willen verfolgten, wie er vorhergesagt hatte. (Anmerkung: Solche, die weitere Berichte über diese schrecklichen Zeiten und Schauspiele begehren, erhalten in allen größeren Bücherverlagen Auskunft.)

Und aus demselben Grund wollen wir auch nicht einzelne Fälle von den entsetzlichen und herzzerreißenden Torturen namhaft machen, die einigen der Juwelen des Herrn, um der Treue ihrer Überzeugung willen, auferlegt wurden. Von solchen, die, wie es scheint, die Sache gründlich untersucht haben, wird angenommen, dass das Papsttum während der vergangenen dreizehn Jahrhunderte direkt oder indirekt, den Tod von fünfzig Millionen Menschen veranlasst hat. Und man kann mit Sicherheit sagen, dass menschliche und satanische Geschicklichkeit aufs äußerste angestrengt wurden, um sowohl für politische als auch für religiöse Gegner des Papsttums neue und schreckliche Qualen zu ersinnen. Letztere - die Ketzer - wurden mit zehnfacher Wut verfolgt. Außer der gewöhnlichen Weise der Verfolgung und der Hinrichtung, wie Foltern, Verbrennen, Ertränken, Erdolchen, Verhungern lassen und Erschießen mit Pfeilen und Flinten, haben teuflische Menschen nachgesonnen, wie die zartesten und empfindlichsten und marterfähigsten Körperteile am besten angegriffen werden könnten. Man goss geschmolzenes Blei in die Ohren, riss Zungen aus und goss Blei in den Mund. Räder mit daran befestigten Messerklingen wurden hergerichtet, und das Opfer damit langsam in Stücke zerschnitten; glühende Scheren und Zangen wurden an empfindlichen Teilen des Körpers angewandt; Augen drückte man mit dem Daumen aus; Fingernägel riss man mit heißen Eisen ab; Löcher bohrte man durch die Ferse der Opfer und hing sie daran auf; etliche zwang man, aus einer Höhe herab auf unten angebrachte spitze, eiserne Stäbe zu springen, wo sie vor Schmerzen erzitternd, langsam dahinstarben. Einigen füllte man den Mund mit Schießpulver, das, entzündet, ihre Köpfe in Stücke riss; andere band man an Blasebälge fest und pumpte sie voll Luft, bis sie zerplatzten; andere hat man mit verstümmelten Stücken ihrer eigenen Körper, andere mit Urin, Kot usw. usw. zu Tode gewürgt. Unglaublich müssten einige dieser teuflischen Abscheulichkeiten erscheinen, wenn sie nicht zu wohl beglaubigt wären. Man sieht daraus, bis zu welcher Verderbnis das menschliche Herz sinken kann, und wie blind gegen Recht und jedes bessere Gefühl die Menschen unter dem Einfluss einer falschen After-Religion werden können. Wie der Geist des wahren Christus und die Macht und der Einfluss des wahren Reiches Gottes die Herzen der Menschen und ihre Handlungen erhöht und veredelt haben würde, und wie er es während des Millenniums tun wird, so entwürdigte und erniedrigte der Antichrist die Welt. Dies zeigt sich schon in geringem Grade an dem Fortschritt der Zivilisation und an der Zunahme von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, seitdem die Gewalt des Papsttums zu sinken begann, und man anfing, das Wort Gottes zu hören und, wenn auch nur oberflächlich, darauf zu achten. Solche unerhörten Greuel von Seiten der Obrigkeit wären heute nicht mehr möglich.

Wahrlich, nichts kann man sich erdenken, das besser geeignet gewesen wäre, die Menschheit zu verführen und zu unterdrücken. Jede verderbliche Neigung und Schwäche der gefallenen Menschen ist benutzt worden. Jede niedrige Leidenschaft wurde verwandt und angestachelt und deren Lüste befriedigt. Lasterhafte wurden angelockt und als ergebene Diener geworben, während solche von edlerem Schlag durch andere Mittel bewogen wurden - durch äußerlichen und heuchlerischen Schein von Frömmigkeit, Selbstverleugnung und Wohltätigkeit, wie es in den mönchischen Einrichtungen geschah; was aber nur dazu diente, viele derselben vom Pfad der Tugend abzulenken. Die Lustigen und Leichtfertigen fanden reichlich Genüge in den Aufzügen und in dem Gepränge, in der Pracht und den Zeremonien. Die Tatkräftigen und Ritterlichen fanden es in Missionen und Kreuzzügen, die Lasterhaften im Ablass, und die Grausamscheinheiligen in den Bewerkstelligungen zur Unterdrückung der Gegner.

Mit Staunen und Entsetzen fragen wir uns: Warum haben Könige und Fürsten, warum Kaiser und das ganze Volk solche Abscheulichkeiten geduldet? Warum haben sie sich nicht längst erhoben und den Antichristen gestürzt? Die Antwort findet sich in der Schrift (Offb. 18:3): Die Völker wurden trunken (abgestumpft), sie verloren ihren Verstand beim Trinken des gemischten Weines (der Mischung von falscher und wahrer Lehre), der ihnen von der abgefallenen Kirche gereicht wurde. Das Papsttum täuschte sie mit seinen anmaßenden Behauptungen und, um die Wahrheit zu sagen, nur teilweise sind sie aus ihrer Benebelung aufgewacht. Denn obschon die Gesandten der Könige nicht mehr vor dem Papst niederfallen und, wie in früheren Zeiten, ihn anreden: "Lamm Gottes, welches hinnimmt die Sünden der Welt", noch auch ihn sich als einen Gott vorstellen, der Macht hat über alles "im Himmel und auf Erden", so ist man doch noch weit davon entfernt, die Wahrheit zu erkennen - dass das Papsttum Satans Nachäffung des wahren Königreiches war und noch ist.

Wenn Könige und Soldaten solch unmenschlichen Werkes überdrüssig wurden, so war dies nicht bei der heiligen(?) Hierarchie der Fall. Das Generalkonzil von Sienna im Jahre 1423 erklärt, dass die Ausbreitung der Ketzerei in verschiedenen Teilen der Welt der Nachlässigkeit der Inquisitoren zuzumessen sei; zur Beleidigung Gottes, zur Schädigung des Katholizismus und zum Verderben der Seelen. Bei Gottes Barmherzigkeit wurden die Fürsten ermahnt, die Ketzerei auszurotten, wenn sie anders der göttlichen Rache entgehen wollten; und vollständiger Ablass wurde allen denen gewährt, die sich an dem Zerstörungswerk beteiligten oder Waffen zu diesem Zweck lieferten. Jeden Sonntag wurden diese Verfügungen in den Kirchen angekündigt; und der römisch-katholischen Theologen und Geschichtsschreiber sind nicht wenige, die ihre Federn zur Rechtfertigung, zur Empfehlung und zum Preisen der Verfolgung der Ketzerei ergriffen. Belarmy zum Beispiel sagt: "Die Apostel enthielten sich nur deshalb, die weltliche Macht anzurufen, weil es zu ihrer Zeit keine christlichen Fürsten gab." Doktor Dens, ein berühmter römisch-katholischer Theologe, veröffentlichte im Jahre 1758 ein Werk über Theologie, das von Papisten als maßgebende Autorität angesehen wird; besonders in ihren Hochschulen, wo es dieselbe Stellung einnimmt wie Blackstone im englischen Zivilgesetz. Durch das ganze Werk weht der Geist der Verfolgung. Es verurteilt die Beschützer der Ketzerei zu Konfiskation ihrer Güter, zur Landesverweisung, zur Einkerkerung, zur Todesstrafe und zum Verlust eines christlichen Begräbnisses.

Eine autorisierte Verfluchung, gegen Protestanten anzuwenden, die im römischen Pontifikat veröffentlicht wurde, lautet:

"Möge Gott und alle seine Heiligen sie mit dem Fluch verfluchen, womit der Teufel und seine Engel verflucht sind. Mögen sie aus dem Land der Lebendigen ausgetilgt werden. Mögen sie des schimpflichsten Todes sterben und hinabfahren in den Abgrund. Möge ihr Same vom Erdboden vertilgt werden. Durch Hunger, Durst und Blöße und alles Elend mögen sie umkommen. Möge sie alles Elend treffen, Pestilenz und Qual sie ereilen. Alles, was sie haben, sei verflucht. Sprechend und schweigend seien sie verflucht. Innen und außen seien sie verflucht. Vom Scheitel bis zur Fußsohle seien sie verflucht. Mögen ihre Augen blind, ihre Ohren taub, ihr Mund stumm werden; mögen ihre Zungen bis zur Kinnlade gespalten werden; mögen ihre Hände nicht hantieren, ihre Füße nicht gehen können. Alle Glieder ihres Leibes seien verflucht. Verflucht seien sie, stehend oder liegend, von nun an bis in Ewigkeit, und ihre Leuchte müsse verlöschen im Angesicht Gottes am Tage des Gerichts. Ihr Begräbnis sei bei den Hunden und Eseln. Hungrige Wölfe mögen ihre Leiber verschlingen; der Teufel und seine Engel immer und ewiglich ihre Gesellschafter sein. Amen, Amen! So sei es, und so möge es sein."

Dies ist der Geist des Papsttums; und alle, die den Geist des wahren Christus besitzen, sollten sofort eine solche elende Nachäffung erkennen.

Da Irrtum in der Lehre diesen Verirrungen im Wandel zugrunde liegt, so kann man nicht zweifeln, dass, solange die Lehre unverändert bleibt, dieselben bösen Früchte und derselbe böse Geist in ähnlichen Werken der Ungerechtigkeit, der Bedrückung, des Aberglaubens, der Unwissenheit und der Verfolgung wieder zum Vorschein kommen würden. Zu allen und jeden nur erdenkbaren Mitteln würde man greifen, um das nachgefälschte Reich Gottes wiederherzustellen, es aufrecht zu erhalten und es auszubreiten. Zum Beweise hierfür führen wir ein Ereignis an, das wir vor einiger Zeit zu beobachten Gelegenheit hatten.

In Ahuehuetitlan, Guerrero, in Mexiko am 7. August 1887 wurde ein eingeborener, protestantischer Missionar, namens Gomer, nebst zwei Gehilfen auf Anstiften eines römisch-katholischen Priesters von den Eingeborenen kaltblütig ermordet. Tags zuvor bei der Messe hatte derselbe, wie man berichtet, das Volk angetrieben, "an den Dienern Satans", die unter sie gekommen seien, "ein Exempel zu statuieren", und fügte hinzu, sie könnten ruhig "töten" und dabei auf den Schutz des Polizeihauptmanns wie des Priesters rechnen. Dem umnachteten Volk, wie der weltlichen Obrigkeit, waren die Worte des Priesters Gesetz. Der verstümmelte, in Stücke zerschossene und zerhackte Leichnam des armen Missionars wurde durch die Straßen geschleift und aller möglichen Beschimpfung ausgesetzt als Warnung für andere. Nichts konnte man dagegen tun.

Dem "New York Independent", der auf dieses blutige Gemetzel die Aufmerksamkeit gelenkt hatte, wurde vom "Freeman", einem einflussreichen römisch-katholischen Blatt, folgende Erwiderung zuteil:

"Sie (die protestantischen Missionare) sehen ehrliche Leute zur Ehre der Verkündigung und Inkarnation (Fleischwerdung) beim Klang des "Angelus" knien. Die Bibel, sagen sie, wird solchen "Aberglauben" bald ausfegen. Vor dem Bild der Mutter Gottes brennt ein Licht. "Ha", schreit der Missionar, "wir werden das verfinsterte Volk bald lehren, dieses Symbol zu brechen!" usw. Wenn das Töten einiger Missionare dieser Sorte bewirken würde, dass andere ihresgleichen zu Hause blieben, wären wir fast geneigt - wir Papisten sind so gottlos - zu sagen: "Vorwärts mit dem Tanz; lasst den Spaß fortgehen!"

Ein Prediger namens C. G. Moule erzählt eine traurige Geschichte, die in der Presse die Runde machte, über die Verfolgung von Robert Kalloy und den durch seine Arbeit Bekehrten in Madeira, welche, zur Strafe dafür, dass sie ein Körnlein Wahrheit empfangen hatten, mitsamt ihren Kindern, im ganzen etwa 1.000 Personen, des Landes verwiesen wurden.

Im sogenannten "protestantischen Preußen" wurde Pastor Thümmel wegen "Beleidigung der römisch-katholischen Kirche" eingesperrt. Er hatte in einem von ihm herausgegebenen Büchlein das Papsttum kritisiert und eine der darin enthaltenen "beleidigenden" Bemerkungen ging dahin, dass das Papsttum "ein auf Aberglauben und Abgötterei erbauter Abfall sei".

Unlängst entstand ein Streit zwischen Preußen und Spanien betreffs der Karolineninseln, und der Papst ließ sich zum Schiedsrichter ernennen, um den Streit zu schlichten. (Hierbei erinnert einen vieles an seine frühere Gewalt und Politik als Schiedsrichter oder Oberster Richter der Völker.) Der Papst entschied zugunsten Spaniens. Sofort wurde ein Kriegsschiff mit fünfzig Soldaten und sechs Priestern von Spanien abgeschickt. Bei ihrer Ankunft wurde Herr Duane, ein amerikanischer Missionar, ins Gefängnis gesteckt und von allem Verkehr mit seinen Neubekehrten abgeschnitten. Es geschah dies ohne alle Ursache, nur weil er sich weigerte, sein Missionswerk und sein Eigentum den Priestern auszuliefern; denn da die Inseln jetzt Spanien gehörten, und Spanien dem Papst gehörte, so könne keine andere Religion als die des Papstes geduldet werden.

Ein Herr, ein vormalig römischer Katholik und ein Freund des Verfassers, berichtet, dass, als er unlängst in Südamerika reiste, er mit Steinen angegriffen wurde und für sein Leben fliehen musste, weil er weder sein Haupt entblößen, noch niederknien wollte, als der römische Priester mit Kreuz und Hostie die Straße entlang ging. Und ein ähnlicher Fall, in dem drei Amerikaner von den Priestern geschlagen, vom Pöbel misshandelt und wegen eines ähnlichen Vergehens von der Polizei in Madrid arretiert wurden, ist ohne Zweifel noch frisch im Gedächtnis vieler, die die Tagesblätter lesen.

"Der bekehrte Katholik" zitierte dem "Watchman", einem römisch-katholischen, in St. Louis, Mo., erscheinenden Blatt:

"Protestantismus! Wir würden ihn ausweiden und vierteilen. Wir würden ihn pfählen und als Krähennest aufhängen. Wir würden ihn mit Zangen zerreißen und ihn mit heißen Eisen brennen. Mit geschmolzenem Blei würden wir ihn füllen und hundert Klafter tief im höllischen Feuer versenken."

Bei solchem Geist wäre es im Licht der Vergangenheit sehr wahrscheinlich, dass der Herausgeber des "Watchman", wenn er die Macht dazu hätte, seine Drohungen gegen den Protestantismus sehr bald auf die Anhänger des Protestantismus ausdehnen würde.

In Barcelona, in Spanien, wurde jüngst auf Befehl der Regierung eine große Anzahl Bibeln verbrannt - natürlich auf Anstiften der Kirche Roms. Das Folgende aus dem katholischen Banner, dem dortigen päpstlichen Organ, übersetzt, zeigt, dass sie diese Tat guthießen und wohl zufrieden damit waren. Es sagt:

"Gott sei Dank, endlich wenden wir uns der Zeit wieder zu, da die, welche ketzerische Lehren verbreiten, mit exemplarischen Strafen gestraft werden. Die Wiedereinsetzung des heiligen Tribunals der Inquisition muss bald wieder stattfinden. Herrlicher wird ihre Herrschaft sein und mehr Resultate erzielen als in der Vergangenheit. Unser katholisches Herz fließt von Glauben und Enthusiasmus über, und die unermessliche Freude, die wir empfinden, wenn wir die Frucht unseres gegenwärtigen Feldzuges zu ernten beginnen, übersteigt alle Vorstellung. Welch Freudentag wird das für uns sein, wenn wir die Antiklerikalen in den Flammen der Inquisition sich krümmen sehen werden!"

Einen neuen Kreuzzug ermutigend, sagt dasselbe Blatt: "Wir halten es für billig, die Namen jener heiligen Männer zu veröffentlichen, unter deren Hände so viele Sünder litten, damit gute Katholiken ihr Andenken ehren können:

Von Torquemado:
Männer und Frauen lebendig verbrannt 10.220
Im Bilde verbrannt 6.840
Zu anderen Strafen verurteilt 97.371
Von Diego Deza:
Männer und Frauen lebendig verbrannt 2.592
Im Bilde verbrannt 829
Zu anderen Strafen verurteilt 32.952
Von Kardinal Jiminez de Cisneros:
Männer und Frauen lebendig verbrannt 3.564
Im Bilde verbrannt 2.232
Zu anderen Strafen verurteilt 48.059
Von Adrian de Florenzia:
Männer und Frauen lebendig verbrannt 1.620
Im Bilde verbrannt 560
Zu anderen Strafen verurteilt 21.835
Gesamtzahl aller Männer und Frauen, die unter der Leitung
45 heiliger Inquisitionsgeneräle lebendig verbrannt wurden
35.534
Gesamtzahl aller im Bilde Verbrannten 18.637
Gesamtzahl derer, die zu anderen Strafen verurteilt wurden 293.533

Die große Summe: 347.704
Das päpstliche Millennium

Wie das wahre Reich des wahren Christus tausend Jahre bestehen soll, so blickt das päpstliche Afterreich als Erfüllung der tausendjährigen Herrschaft, die in Offb. 20 geweissagt ist, auf den Zeitraum zurück, der mit dem Jahr 800 begann, und mit dem Anbruch des jetzigen Jahrhunderts endete - die Periode seines größten Wohlstandes. Die hierauf folgende Periode, in welcher das Papsttum allmählich von Seiten der Völker, die vormals seine besten Stützen waren, alle seine weltliche Macht verlor, manche schimpfliche Behandlung erfuhr und lang beanspruchter und in Besitz gehabter Gebiete, Einkünfte und Freiheiten beraubt wurde, wird von den Römlingen als die "kleine Zeit" (Offb. 20:3, 6, 7) angesehen, in welcher der Satan - am Schluss des Millenniums - losgelassen werden sollte.

Und die Daten, welche den Anfang und das Ende des päpstlichen Tausendjahrreiches der Unwissenheit, des Aberglaubens und des Betruges markierten, sind in der Geschichte angemerkt. Ein römisch-katholischer Verfasser (Der Stuhl des heiligen Petrus) weist folgendermaßen auf seinen Anfang hin: "Die Krönung Karls des Großen als Kaiser des Westens durch Papst Leo im Jahr 800 war tatsächlich der Anfang des Heiligen Römischen Reiches." (Anmerkung: "Das Heilige Römische Reich" war der Titel der großartigen, politischen Anstalt des Mittelalters. Seinen Anfang nahm es mit Karl, dem Großen. Fischers Universalgeschichte beschreibt es auf Seite 262 so: "In der Theorie war es die Vereinigung des Weltstaates mit der Weltkirche - eine ungeteilte Gemeinschaft zwischen Kaiser und Papst, den von oben eingesetzten (?) weltlichen und geistlichen Häuptern." Und da die Päpste die Kaiser salbten, so folgt, dass sie wirklich die eigentlichen Häupter derselben waren.)

Obgleich das Papsttum schon früher organisiert worden war, und obgleich es schon im Jahre 539 in Macht "aufgerichtet" war, so war es doch Karl der Große, der dem Papst in der Tat zuerst weltliche Macht verlieh und dieselbe formell anerkannte. Wie Karl der Große im Jahr 800 der erste Kaiser des "Heiligen Römischen Reiches" gewesen ist, so war Franz, der Zweite, der letzte desselben, und freiwillig gab er im Jahre 1806 seinen Titel auf. (Anmerkung: "Durch die Schlachten von Marengo, 1800, und die bei Austerlitz, 1805, lag Deutschland zweimal zu den Füßen Napoleons. Das Hauptergebnis dieser zweiten Niederlage war die Errichtung des Rheinbundes unter dem Schutz des französischen Herrschers. Dieses Ergebnis machte nach einer Dauer von eintausend Jahren dem alten Deutschland oder (Heiligen) Römischen Reich ein Ende." - Whites Universalgeschichte, Seite 508)

Gleichwie das Papsttum durch das römische "Tier" (Volk) und seine Hörner (Macht) gestützt, vor dem Jahr 800 emporstieg, so ist es seit 1800 aus aller weltlichen Macht über Könige und Völker gestürzt und von denen zerzaust und geplündert worden, die es früher unterstützten. (Offb. 17:16) Und wenn das Papsttum auch heutzutage noch Ehren genießt und einen weitgehenden Einfluss über die Gewissen der Leute besitzt, so beklagt es doch den Verlust von allem dem, was weltlicher Herrschaft ähnlich sieht.

Der aufmerksame Forscher wird vier in der Entwicklung und Erhöhung des Papsttums genau markierte Perioden wahrnehmen; und die gleiche Anzahl ist es, die ebenso genau seinen Fall bezeichnen. In seiner Entwicklung sind diese vier Daten diese:

1. In den Tagen des Apostel Paulus, ungefähr um das Jahr 50, trat der Anfang ein, ein beginnendes, heimliches Regen der schändlichen Herrschsucht.

2. Das Papsttum, "der Mensch der Sünde", wurde als Hierarchie organisiert von ungefähr 300 bis 494. Das heißt, die Kirche wurde in eine Organisation umgewandelt, an deren Spitze als Stellvertreter Christi die Päpste traten, die so in der Kirche und über die Nationen nach und nach zu herrschen begannen. (Anmerkung: Lange dauerte das Ringen des Papsttums um die Oberhand als Haupt der Kirche und allmählich nur erlangte es Anerkennung und Herrschaft. Dass aber diese Herrschaft wenigstens im Jahr 494 allgemein anerkannt wurde, wird von dem römischen Verfasser von "Der Stuhl St. Petri", S. 128, klar nachgewiesen. Nachdem er im einzelnen angegeben hat, wie der römische Bischof von den verschiedenen Konzilien, Bischöfen, Kaisern usw., als Pontifex Maximus anerkannt worden sei, fährt er fort: "Diese Worte sind weit zurück, sogar schon im Jahr 464 geschrieben worden ... So geht also überhaupt aus den vorhergehenden authentischen Zeugnissen klar hervor, dass der Stuhl St. Petri (der Bischofssitz Roms) sich schon im fünften Jahrhundert so weit entwickelt hatte, dass der Papst als das Zentrum christlicher Einheit galt, als der oberste Leiter und Lehrer der Kirche Gottes, als der Fürst der Bischöfe, als der letztentscheidende Schiedsrichter über alle Berufungen in kirchlichen Sachen aus allen Teilen der Welt, und als der Richter und Vermittler der General-Konzilien, über welche er durch seine Abgesandten den Vorsitz führt.")

3. Die Periode, da die Päpste anfingen, weltliche Autorität und Gewalt auszuüben, welches, wie später gezeigt werden wird, im Jahre 539 der Fall war. (Band 3, Studie 3)

4. Die Periode der Erhöhung, im Jahre 800, wo, wie schon angezeigt worden ist, das "Heilige Römische Reich" gebildet, und der Papst, der den Kaiser krönte, selbst als Kaiser der Kaiser, als "ein anderer Gott auf Erden", anerkannt wurde.

Die vier Perioden des Falles des päpstlichen Einflusses sind folgende:

1. Die Periode der Reformation nahm, wie man sagen mag, ihren Anfang ungefähr um das Jahr 1400, mit den Schriften Wiklifs, welchem Huß, Luther und andere folgten.

2. Die Periode der Erfolge Napoleons, der Erniedrigung der Päpste und der schließlichen Beseitigung des Titels: Kaiser des Heiligen Römischen Reiches durch Franz, den Zweiten, im Jahr 1800-1806.

3. Die endliche Verwerfung des Papstes als Herrscher über Rom und die sogenannten Kirchenstaaten Italiens durch die Untertanen des Papstes und den König von Italien, im Jahre 1870, wodurch der Antichrist ohne die geringste weltliche Macht gelassen wurde.

4. Die schließliche Vernichtung dieser nachgefälschten Hierarchie, nahe am Schlusse des "Tages des Zorns" und des Gerichts, der bereits angefangen hat - welcher, wie durch "die Zeiten der Nationen" nachgewiesen wurde, im Jahr des Herrn 1914 zu Ende gehen wird.

Gibt es noch Raum für Zweifel?

Wir haben das Entstehen des Antichristen verfolgt, wie er aus dem "Abfall" in der christlichen Kirche hervorging. Wir haben seine gotteslästerliche Behauptung, dass das Papsttum das Reich Christi, und dass der Papst Christi Statthalter, "ein anderer Gott auf Erden" sei, gehört. Wir vernahmen seine gotteslästerlichen Prahlereien, wie er sich Titel und Gewalt anmaßte, die dem wahren Herrn aller Herren, dem wahren König aller Könige, zukommen. Wir sahen, wie schrecklich er die Weissagung erfüllte: "Er wird die Heiligen aufreiben." Wir sahen, dass die unterdrückte und entstellte Wahrheit noch gänzlich unter Irrtum, Aberglauben und Priestertum begraben worden sein würde, wenn es der Herr nicht im rechten Moment verhindert hätte, indem er Reformatoren erweckte und so den Heiligen half, wie geschrieben steht: "Und die Verständigen des Volkes werden die Vielen unterweisen, aber sie werden fallen durch Schwert und Flammen, durch Gefangenschaft und Raub, eine Zeitlang. Und wenn sie fallen, wird ihnen mit einer kleinen Hilfe geholfen werden." - Dan. 11:33, 34

Kann man angesichts aller dieser Zeugnisse noch zweifeln, dass das, was den Propheten und Aposteln zu schreiben eingegeben war, und was sie so genau und mit seinen hervorstechenden Charakterzügen schilderten, das Papsttum war? Wir meinen, keinem unbefangenen Gemüt könnte noch ein Zweifel übrig bleiben, dass das Papsttum der Antichrist, der Mensch der Sünde, ist, und dass nicht ein einzelner Mensch diese Weissagung erfüllen könnte. Der unvergleichliche Erfolg des Papsttums als nachgeahmter Christus, der die ganze Welt verführte, hat die Weissagung unseres Meisters völlig erfüllt, als er, von seiner Verwerfung redend, sagte: "Wenn aber ein anderer (prahlerisch) in seinem eigenen Namen kommen wird, den werdet ihr annehmen." - Joh. 5:43

Man wird ohne Zweifel mit Verwunderung wahrgenommen haben, dass wir bei der Untersuchung unseres Gegenstandes im ganzen unterlassen haben, auf die Niederträchtigkeit und schändlichen Unsittlichkeiten der Päpste und anderer geistlicher Beamte hinzuweisen, und auf die schwarzen, auf die Theorie hin, dass der Zweck das Mittel heilige, vollbrachten Taten der Jesuiten und anderer geheimer Orden, welche alle Arten von Geheimpolizeidienst für das Papsttum verrichteten. Wir haben dies absichtlich übergangen, nicht weil sie unwahr sind - denn selbst römisch-katholische Schreiber erkennen viele davon an - sondern weil unsere Beweisführung diese Zeugnisse nicht erfordert. Wir haben gezeigt, dass die päpstliche Hierarchie (selbst wenn sie aus den sittlichsten und aufrichtigsten Männern bestanden hätte - was nicht der Fall ist, wie die ganze Geschichte bezeugt) der Mensch der Sünde, der Antichrist, das Gegenreich oder die gefälschte Vorausdarstellung des Tausendjährigen Königreiches Christi ist: so geschickt eingerichtet, dass es täuschen musste.

Die Worte des englischen Geschichtsschreibers Macaulay beweisen, dass einige, selbst ohne besonderes prophetisches Licht, das wunderbare System des Papsttums als das Zerrbild des wundervollsten aller Systeme, des noch zukünftigen Königreiches Gottes, erkennen können. Er sagt:

"Man kann unmöglich leugnen, dass die Verfassung der Kirche Roms ein wahres Meisterstück menschlicher (wir würden sagen: satanischer) Weisheit ist. In Wahrheit, nur eine solche Verfassung konnte solche Lehren gegen solche Angriffe aufrecht erhalten. Die Erfahrung zwölfhundert ereignisreicher Jahre, die Erfindungskraft und geduldige Mühe von vierzig Generationen Staatsmännern haben diese Verfassung zu einer solchen Vollkommenheit gebracht, dass sie unter den Entwürfen, die man zur Täuschung und Bedrückung der Menschheit ersonnen hat, den höchsten Rang einnimmt."

Das schließliche Ende des Antichristen

Wir haben das Papsttum bis in die gegenwärtige Zeit - den Tag des Herrn, die Zeit der Gegenwart Immanuels - verfolgt. Dieser Mensch der Sünde ist offenbart worden, hat sein schreckliches Werk vollbracht, ist von dem Schwert des Geistes - dem Wort Gottes - getroffen worden. Der Hauch des Mundes Christi hat ihn ohnmächtig gemacht, offen und allgemein die Heiligen zu verfolgen, wie groß auch sein Verlangen dazu sein möchte. Und nun, so fragen wir: Was wird folgen? Was sagt der Apostel in Bezug auf das Ende des Antichristen?

In 2. Thess. 2:8-12 erklärt der Apostel hinsichtlich des Antichristen: "Den der Herr verzehren wird durch den Hauch seines Mundes und vernichten durch die Erscheinung seiner Ankunft (Parousia - Gegenwart)." (Das Licht der Wahrheit soll alles durchdringen. Durch die Bloßstellung von Recht und Unrecht entsteht der Kampf zwischen diesen Prinzipien und den Vertretern beider Seiten - wodurch die große Drangsal und der Tag des Zornes herbeigeführt wird. In diesem Kampf werden Unrecht und Übel unterliegen, Recht und Wahrheit dagegen siegen. Unter anderen Übeln, die schließlich und gänzlich beseitigt werden, befindet sich der Antichrist, mit dem beinahe jedes Übel, in Lehre wie Praxis, mehr oder weniger verknüpft ist. Und der helle Glanz des Sonnenlichtes der Gegenwart des Herrn wird es sein, der den "Tag der Drangsal" verursachen wird, weil darin der Antichrist mitsamt jedem bösen System vernichtet werden wird). "Dessen Ankunft (Gegenwart) nach (begleitet von) der Wirksamkeit des Satans ist, in aller Macht (satanischer Kraft und Wirkung) und Zeichen und Wundern der Lüge und in allem Betrug der Ungerechtigkeit denen, die verloren gehen, darum, dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen, damit sie errettet würden. Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft des Irrtums, dass sie der Lüge glauben, auf dass alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen gefunden haben an der Ungerechtigkeit" - sie werden "gerichtet", als unwürdig befunden, als Miterben Christi am tausendjährigen Königreich teilzunehmen.

Wie wir verstehen, bedeuten diese Worte, dass in der Zeit der Gegenwart des Herrn (die jetzige Zeit - seit 1874) durch dieses antichristliche System sowohl (eines der Hauptmittel Satans, um die Welt zu täuschen und unter seiner Botmäßigkeit zu halten), als auch durch alle seine anderen Mittel, der Teufel der neuen Ordnung, die im Begriff ist, eingeführt zu werden, einen äußerst verzweifelten Widerstand entgegenbringen wird. Er wird aus jedem kleinen Umstand, aus allen den angeerbten Schwächen und der Selbstsucht der menschlichen Familie Vorteil ziehen, um ihre Herzen, ihre Hände und ihre Federn in diesem letzten Kampf gegen volles Aufkommen von Freiheit und Wahrheit für seinen Dienst zu gewinnen. Vorurteile werden entzündet, wo, wenn die Wahrheit deutlich gesehen würde, keine sein könnten. Leidenschaften werden hervorgerufen, Parteiungen gebildet, die viele täuschen und irreleiten werden. Und dies wird so sein, nicht weil Gott die Wahrheit nicht klar genug gemacht hätte, um alle seine völlig ihm Geweihten zu leiten, sondern weil diejenigen, die betrogen sein wollten, nicht mit genügendem Ernst die Wahrheit gesucht und benutzt haben, die für sie als "Speise zu rechter Zeit" bereitet war. Und so wird es offenbar werden, dass die verführte Klasse die Wahrheit nicht aus Liebe zu ihr, sondern vielmehr aus Gewohnheit, aus Formalität oder Furcht annahm. Und die Versicherung des Apostels scheint die zu sein, dass in diesem schließlichen Todeskampf des Antichristen, ungeachtet seines scheinbaren Gewinnes an (vermehrter) Macht in der Welt, durch erneute Kriegslist, weitere Täuschungen und Verbindungen, dennoch der wahre Herr zur Zeit seiner Gegenwart obsiegen und während der Zeit dieser großen Drangsal den Antichristen gänzlich vernichten und seine Macht und Täuschereien zerstreuen wird.

Über die Art und Weise, wie dieser Schlusskampf zu erwarten sei, kann man nur Mutmaßungen aufstellen, welche sich großenteils auf die in der Offenbarung gegebenen symbolischen Gesichte gründen. Wir erwarten die Bildung zweier großer Parteien über die ganze Welt hin, von welchen beiden sich die treuen überwindenden Heiligen fern halten werden. Diese beiden großen Parteien werden auf der einen Seite aus Sozialisten, Freidenkern, Ungläubigen, Unzufriedenen und echten Liebhabern der Freiheit zusammengesetzt sein, deren Augen sich in Bezug auf politische und religiöse Missverwaltung und politischen und religiösen Despotismus zu öffnen anfangen; auf der anderen Seite werden sich nach und nach die Gegner der menschlichen Freiheit und Gleichheit verbinden: Kaiser, Könige und Aristokraten; und in enger Sympathie mit diesen wird das Afterbild des Königreiches Gottes, der Antichrist, stehen. Die Herrscher der Erde wird er unterstützen und von ihnen unterstützt werden. Wir erwarten ebenso, dass die Politik des Antichristen einigermaßen gemäßigt und gemildert werden wird, um die Extremisten, die Fernstehendsten, in allen protestantischen Konfessionen, die gerade jetzt eine nominelle Vereinigung untereinander und mit Rom erstreben, zur Sympathie und Mitwirkung (nicht wirklicher Vereinigung) zurück zu gewinnen. Sie vergessen aber, dass die wahre Einigkeit die ist, die durch Wahrheit und nicht durch Glaubenssätze, Konventionen und Gesetze bewirkt und unterhalten wird. So unwahrscheinlich dieses Zusammengehen von Protestanten und Katholiken manchen auch scheinen mag, sehen wir doch schon unverkennbare Anzeichen von der raschen Annäherung derselben. Sie wird durch das geheime Wirken des Papsttums unter seinen Leuten beschleunigt werden, wodurch solchen Politikern, die mit dem Papsttum zusammenzuwirken willens sind, zu hervorragenden Stellungen in Regierungssachen verholfen wird.

Bald wird man Gesetze erwarten dürfen, durch welche die persönliche Freiheit allmählich unter dem Vorwand der Notwendigkeit für die öffentliche Wohlfahrt beschnitten werden wird. Wenn so ein Schritt nach dem anderen getan ist, wird es schließlich nötig sein, ein "einfaches Religionsgesetz" zu machen. Auf diese Weise mögen Kirche und Staat in der Kontrolle der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika einigermaßen vereinigt werden. Diese Gesetze, so einfach wie sie nur gemacht werden können, um allen sogenannten "orthodoxen" (das bedeutet volkstümlichen) Religionsansichten zu passen, werden darauf berechnet sein, ferneres Wachsen in der Gnade und Erkenntnis, die jetzt "Speise zu rechter Zeit" ist, zu verhindern. Die Ausrede wird wahrscheinlich sein, dass man Sozialismus, Unglauben und politische Ausbrüche der niederen und abhängigen Klassen verhindern wolle.

Augenscheinlich wird in naher Zukunft, als Teil dieser Drangsal, und selbst ehe die Heftigkeit der großen Drangsal dieses Tages des Zornes über die Welt hereingebrochen ist und das ganze soziale Gebäude der Erde zertrümmert hat (als Vorbereitung auf die neue und bessere Ordnung, die unter dem wahren Christus verheißen ist) - augenscheinlich wird eine Stunde der Versuchung und Prüfung der wahrhaft Geweihten der Kirche stattfinden, fast wie in den Tagen, da das Papsttum triumphierte; nur dass die Methoden der Verfolgung verfeinerte sein werden; den mehr zivilisierten Methoden der Jetztzeit entsprechend: Die Spieße und Zangen und Folterbänke werden mehr die Form von beißendem Spott, öffentlichen Drohungen, Freiheitsbeschränkungen und gesellschaftlicher und politischer Entrechtung annehmen. Hierüber und über die neuen Verbindungen, die der Antichrist in diesem Schlusskampf gegen die Errichtung des wahren Tausendjährigen Reiches bilden wird, soll weiterhin gehandelt werden.

Indem wir nun dieses Kapitel beschließen, möchten wir unseren Lesern nochmals recht eindrücklich machen, dass das Papsttum nicht wegen seiner moralischen Verirrung der Antichrist ist, sondern wegen seiner Verfälschung und Nachahmung des eigentlichen Christus und des wahren Königreiches Gottes. Weil viele Protestanten diese Tatsache zu erkennen verfehlen, werden sie verführt werden, gegen den Herrn der Herrlichkeit mit dem Papsttum gemeinsame Sache zu machen.

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Studie 10

Die Zeit ist herbeigekommen

Nichts steht mehr im Wege. - Die Errichtung des Reiches Christi das Werk, das jetzt vor sich geht. - Das Zeugnis der Prophetie bestätigt dies. - Die Weltweisen sehen manches. - Die wachsamen Heiligen sehen es viel deutlicher. - Die Bedeutung, die es für alle hat, nach der rechten Richtung zu schauen.

Die Zeit ist herbeigekommen, dass das Königreich Jesu Christi, unseres Erlösers, aufgerichtet werde. Dies ist das einmütige Zeugnis der vorausgehenden Kapitel. Nichts steht mehr im Wege. Seit Oktober 1872 leben wir schon im siebten Jahrtausend. Die den heidnischen Königreichen gewährte Machtfrist muss 1914 zu Ende gehen. Das große, eigentliche Jubeljahr - die Zeit der Wiederherstellung aller Dinge - hat im Jahre 1874 angefangen, als die Gegenwart des großen Wiederherstellers ebenfalls an der Zeit war. Die Weise seiner Wiederkunft, wie die seines Wirkens bis auf die gegenwärtig Zeit, ist so weit in genauer Übereinstimmung mit den einzelnen Angaben der Weissagung. Die Züge des Endes dieses Zeitalters sind mit denen seines jüdischen Vorbildes in vollem Einklang. Elias ist gekommen und so aufgenommen worden, wie vorausgesagt war; und der geweissagte Fluch steht bevor. Der Mensch der Sünde ist in seiner ganzen gehässigen Missgestalt geoffenbart worden und hat seinen geweissagten Lauf nahezu vollendet. Die Aufrichtung des längst verheißenen Königreiches des Messias ist deshalb das große, jetzt bevorstehende Ereignis. Nicht nur das, sondern die Aufrichtung desselben geht jetzt schon vor sich. Das nötige Unterminieren und Umstürzen der Reiche dieser Welt unter dem Fürsten der Finsternis - "dem Fürsten dieser Welt" - ist schon einigermaßen dem natürlichen Auge der Kinder dieser Welt sichtbar, aber weit klarer ist es, und sollte es denjenigen sein, die auf die vorsichgehenden Ereignisse durch das Fernglas des göttlichen Wortes schauen, welches, wenn recht gestellt, fernstehende Dinge in größere Nähe bringt, und so Gottes Kinder befähigt, sowohl Einzelheiten, die vom natürlichen Auge nicht wahrgenommen werden können, als auch die Hauptzüge, die von Staatsmännern und Philosophen nur in matten Umrissen gesehen werden, zu erkennen. Sogar weltlich Kluge können sehen, wie der soziale Trubel in der Gärung begriffen ist, weil die Herrschaft der Unwissenheit einer größeren, allgemeineren Erkenntnis und größerer persönlicher Unabhängigkeit Platz macht. Und obschon sie vergeblich auf unerwartet günstigen Umschwung der Dinge hoffen, werden doch, wie die Schrift sagt, "ihre Herzen verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen sollen auf Erden" - denn sie sehen, dass das Erschüttern der symbolischen Himmel im Gange ist und merken, dass aus solchem Erschüttern der Macht des Irrtums, des Aberglaubens und religiöser Fesseln und aus der Befreiung der Völkermassen hiervon Gewalttätigkeit und Anarchie entstehen muss.

Aber vom Standpunkt Gottes aus, von dem aus die Wachsamen der Hausgenossen des Glaubens das Vorrecht haben zu sehen, ist nicht nur die Heftigkeit der Drangsal zu sehen; sondern auch ihre segensreichen Folgen, die sie unter Gottes Vorsehung in der Einleitung des Tausendjährigen Reiches haben soll, sind deutlicher erkennbar. Dies ist ein reichlicher Trost und mehr als Entschädigung für alle Drangsal, die wir selbst oder unsere Lieben durchmachen sollten.

Dass wir aus dieser Erkenntnis Tost schöpfen und nicht in Zweifel und Ungewissheit sein möchten, ist gerade ein Teil des Zweckes, um dessen willen die Zeitprophezeiungen gegeben wurden. Ein anderer Zweck ist der, dass wir als die Vertreter jenes Königreiches unter den Menschen über die sich jetzt vollziehenden, großen Veränderungen der Zeitverhältnisse unterrichtet und befähigt wären, hinsichtlich des Planes Gottes vor der Welt Zeugnis abzulegen usw., welches, obgleich jetzt unbeachtet, ihnen bald von großem Nutzen sein und helfen wird, die Gegenwart des Herrn in dem herannahenden großen Tag des Zornes zu erkennen. Ein anderer Zweck ist, dass die Gläubigen, auf solche Weise durch das Wort Gottes gestärkt, imstande wären, fest zu stehen, wenn so viele in Unglauben und in täuschende Irrtümer fallen, welche bald die ganze "Christenheit" überschwemmen werden. Ein anderer Zweck ist, dem ganzen Plan der Zeitalter mehr Stärke und Nachdruck zu verleihen. Denn eine allgemeine Erfahrung ist diese: Wenn der erste Lichtstrahl von Gottes gnädigem Plan (die Welt durch die Kirche während des Millenniums zu segnen) die Herzen erfüllt und den Eifer der gläubigen Kinder Gottes auf das äußerste angespornt hat, und sie finden, dass ihre Bemühungen, andere zu erleuchten, kühl aufgenommen werden und verhältnismäßig nur Wenige ein "Ohr haben, zu hören", dass sie dann geneigt sind, sich mit der eigenen Freude an dieser kostbaren Erkenntnis begnügen zu lassen und in ihr auszuruhen und das zu vermeiden, was Schmach und Widerspruch hervorruft, nämlich das tatkräftige Bekenntnisablegen vor den Menschen in der Ausbreitung der Wahrheit.

Diese unsere natürliche Schwachheit kennend, hat uns der Herr mit Zeitprophezeiungen als einem Sporne versehen, um uns völlig zu erwecken, zu beleben und in seinem Dienste tätig zu erhalten. Da wir bereits in der "Erntezeit" sind, sollten Zeit, Dienst und Gedanken der Knechte des Herrn, die jetzt, wie die Jünger beim ersten Advent, das Erntewerk zu verrichten haben, der Erntearbeit gewidmet sein. (Joh. 4:35-38) Möchte ein jeder von uns, den Anweisungen des großen Erntemeisters gehorsam, tun, was seine Hände zu tun finden.

In Bezug auf genauere Angabe der Zeit und Reihenfolge der Ereignisse in dieser Ernte, müssen wir den Leser auf den folgenden Band verweisen, in welchem die Schlüsse des Vorhergehenden und anderer Zeitprophezeiungen unter einen Brennpunkt gebracht werden und die vorher verkündigten Zeichen und übereinstimmenden Zeugnisse für die Gegenwart des Herrn angemerkt sind, welche beweisen, dass die "Zeit des Endes gekommen, dass die Reinigung des Heiligtums vollendet, dass das große Erntewerk im Gange, dass die Wiedereinsammlung Israels offenkundig, dass der Streit, der Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen, über unseren Häuptern schwebt und die völlige Aufrichtung des herrlichen Königreiches Gottes zur bestimmten Zeit, des Endes der Heidenzeit, eine unbestreitbare Gewissheit ist. Es zeigt ferner die Arbeit der Heiligen während der Ernte; es bezeichnet den Schluss der hohen Berufung und die Verwandlung derjenigen Heiligen, welche "leben und übrigbleiben", und zeigt auch, dass die große Pyramide von Ägypten einer der Zeugen Gottes ist (Jes. 19:19, 20), dessen wunderbare Botschaft eine vollkommene und vollständige Bestätigung ist - eine Bestätigung von Gottes Plan der Zeitalter, sowie auch über dessen Zeiten und Zeitbestimmungen.

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