Band 4 - Der Krieg von Harmagedon


Inhalt:


SCHRIFTSTUDIEN

"Der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht,
das stets heller leuchtet bis zur Tageshöhe." (Spr. 4:18)




BAND 4




DER KRIEG VON HARMAGEDON

"Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr."
"Und er zog Gerechtigkeit an wie einen Panzer
und Rachegewänder als Kleidung und hüllte sich in Eifer.
Nach den Taten, darnach wird er vergelten:
Grimm seinen Widersachern Vergeltung seinen Feinden."

"Saget zu denen, welche zaghaften Herzens sind:
Seid stark, fürchtet euch nicht! Siehe, euer Gott kommt,
Rache kommt, die Vergeltung Gottes!
Er selbst kommt und wird euch retten."
- Röm. 12:19; Jes. 59:17-20; 35:3-5 -

INTERNATIONALE VEREINIGUNG ERNSTER BIBELFORSCHER

Dem König
aller Könige und Herrn aller Herren

zum Besten
seiner ihm geweihten "Heiligen",
die da warten auf die Kindschaft,
und
"aller, die an allen Orten den Namen unseres Herrn
Jesus Christus anrufen",
"der Hausgenossen des Glaubens"
und
"der harrenden Kreatur, die zusammenseufzt
und in Geburtswehen liegt, wartend
auf die Offenbarung der Söhne Gottes",

ist dieses Werk gewidmet.




"Alle zu erleuchten, welches die Verwaltung des Geheimnisses sei,
das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott." "Nach dem
Reichtum seiner Gnade, welche er gegen uns hat überströ-
men lassen in aller Weisheit und Einsicht, indem er
uns kundgetan hat das Geheimnis seines Willens
nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorge-
setzt hat in sich selbst, für die Verwaltung
der Fülle der Zeiten: alles unter ein
Haupt zusammenzubringen
in dem Christus."

(Epheser 3:4, 5, 9; 1:8-10)




Original: THE BATTLE OF ARMAGEDDON

Erfasst von Charles Taze Russell im Jahr 1897




Neu bearbeitete Auflage, Dortmund, Juni 2002




DAWN BIBLE STUDENTS ASSOCIATION

Band IV - "Der Krieg von Harmagedon"

Letztes Vorwort des Verfassers

Die erste Auflage dieses Bandes wurde im Jahre 1897 veröffentlicht. Das Werk bezieht sich auf die Schlussepoche des Evangeliums-Zeitalters, das Übereinandergreifen der einen Zeitordnung in die andere - eine Zeitperiode, welche der Welt wunderbare Segnungen bringt, die jedoch wegen des Unvorbereitetseins der Herzen mehr und mehr Ursachen zu Reibereien, zu Unzufriedenheiten und zu Verdruss werden. Wenn die Segnungen der letzten dreiundvierzig Jahre weiter im gleichen Verhältnis zunehmen würden wie in der Jetztzeit, so würde die Unzufriedenheit der Menschen im gleichen Masse wachsen, und die Absicht Gottes, das messianische Friedensreich mit den für die Menschheit damit verbundenen Segnungen aufzurichten, würde gänzlich vereitelt werden.

Aus diesem Grund lässt Gott das Dämmern des Millenniums allmählich über die Erde kommen. So wie die Menschen von der Betäubung der Vergangenheit erwachen, blicken sie doch nicht auf den Herrn, und schätzen seine Gnade, die er ihnen durch Segnungen in der gegenwärtigen und der vergangenen Zeit erwiesen hat, nicht wert. Wir haben veranschlagt, dass die letzten dreiundvierzig Jahre der Menschheit tausendmal soviel Wohlstand gebracht haben, als die sechstausend Jahre, die ihnen voraufgingen, es getan haben. Die verbesserten Verhältnisse, in welchen sich das ganze in zivilisierten Ländern wohnende Menschengeschlecht jetzt befindet, die Kürzung der Arbeitszeit, sind durch größere Erkenntnis und durch ständig wachsende Unzufriedenheit bewirkt worden. Das steht in Harmonie mit dem, was der Herr in Bezug auf diese Zeit sagt. Indem er die gegenwärtige Zeit durch die Prophezeiung Daniels beschreibt, sagt er: "Die Verständigen werden es verstehen", und "es wird eine Zeit großer Drangsal sein, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht." - Daniel 12:4, 10

Mit anderen Worten, die Vermehrung der Erkenntnis ist verantwortlich für die Vermehrung der Unzufriedenheit und des Neides, welche Harmagedon oder den Tag der Rache Gottes, über die ganze Welt bringen. In dem gegenwärtigen großen Krieg sehen wir, dass die großen Nationen in Angst gewesen sind wegen des Gedeihens der anderen. Obgleich sie alle fabelhaft reich wurden, sind sie doch alle unzufriedener denn jemals und besorgter, dass sich etwas ereignen könnte, was ihre Bereicherung beeinträchtigen und die Ströme des Reichtums in die Tore des Mitbewerbers lenken würde. Der Neid, den sie gegeneinander hegten, hatte den Krieg zur notwendigen Folge, und der gegenwärtige Krieg wurde als die günstigste Gelegenheit erwählt, ehe der Schwächere zu stark werden würde. Derselbe Geist offenbart sich überall, Undankbarkeit für Gegenwärtiges und Vergangenes, Besorgnis für das Zukünftige und eine Selbstsucht, die die goldene Regel wenig beachtet. Der Streit zwischen Kapital und Arbeit geht nach dieser Richtung hin, und wir sollten erwarten, dass sich dies bald vom Schlimmen zum Schlimmsten entwickeln wird.

Die Schulden der kriegführenden Staaten werden amtlich (1916) mit zweihundertzwanzig Milliarden Mark eingesetzt, eine Summe, welche natürlich niemals in Gold bezahlt werden kann, und jedermann weiß, dass es nicht genug Gold gibt, um auch nur die Zinsen der Schulden zu bezahlen. Das bedeutet Bankrott, sobald der Krieg zu Ende gehen und die Aufnahme neuer Anleihen nicht mehr für das Bezahlen der Zinsen anderer Anleihen sorgen wird. So fallen die Nationen in den Abgrund des Bankrotts, aber es geht ihnen so wie einem fallenden Menschen, sie empfinden das nicht so schlimm, bis das Fallen in einer demoralisierenden Erschütterung endigt. Augenscheinlich wird der Krieg nicht dadurch beendigt werden, dass man aufhört zu schießen, sondern durch Mangel an Nahrung und durch finanzielle Schwächung. Der Verfasser ist der Ansicht, dass letzteres der Fall sein wird.

Die politischen und finanziellen Fürsten mit ihren Räten sind in großer Ratlosigkeit in Bezug auf das, was sie nach Beendigung des Krieges tun sollen, um eine weltweite Revolution der Unzufriedenheit zu verhindern. Zwanzig Millionen Menschen, die jetzt unter den Waffen stehen, werden der Beschäftigung bedürfen. Nimm an, dass ein Viertel im Heeresdienst zurückbehalten wird, was wird dann mit den übrigen drei Vierteln geschehen? Das ist eine Frage, die viele der weltlich Weisen in Verlegenheit setzt. Die Welt wird ohne diese Männer fertig, und dabei fertigt sie noch eine Menge von Militärsachen und Munition an. Augenscheinlich könnte sie ganz ohne diese zwanzig Millionen fertig werden. Daran gewöhnt, was Menschenleben anbetrifft, nicht sehr sorgsam zu sein, werden sie in jedem Lande ein Schrecken sein. Die Briten treffen Vorbereitung, um den Überfluss ihrer Männer zu bewegen, in Kanada und Australien Farmer zu werden. Andere Staaten schlagen zweifellos einen ähnlichen in ihrer Macht stehenden Weg ein. Alle erkennen aber, dass sie alle Hände voll zu tun haben werden, um sich als Herr der Lage zu erweisen.

Die Bibel weist darauf hin, dass das nominelle Kirchensystem in Verbindung mit den Zivilbehörden der Welt wieder zu einer hervorragenden Stellung gelangen wird. Wir können bereits sehen, wie dies vor sich gehen wird. Alle Königreiche, die finanziell geschwächt sind, werden erkennen, wie notwendig es sein wird, eine Herrschaft über die Öffentlichkeit auszuüben, und alles zu verhindern, was dem Sozialismus und der Anarchie ähneln würde. Natürlich werden sie nach den großen religiösen Systemen, Kirchen genannt, um Unterstützung ausschauen, um die Menschheit mit einer zukünftigen Qual zu schrecken, und um im allgemeinen das Staatsschiff vor dem Umschlagen zu bewahren. Die Kirchen werden desgleichen über eine solche Gelegenheit erfreut sein, und sie werden bereit sein, sie wahrzunehmen. Schon rollen sie zusammen wie ein Buch, Katholizismus auf der einen und Protestantismus auf der anderen Seite, einander entgegengesetzt und dennoch verbunden - die beiden Seiten vereint und verbündet nach bestem Vermögen.

Die Bibel erklärt jedoch, dass diese Regierung als "Königin" nur kurze Zeit währen, und dass der Fall Babylons schwer sein wird. Während der Regierungszeit dieser sogenannten Königin wird die Darlegung der Wahrheit sehr gehindert sein, und diejenigen, die Gott und seinem Grundsatz treu sind, werden zweifellos deshalb zu leiden haben.

Zur Zeit des Falles Babylons werden die Mächtigen dieser Erde, die finanziellen und die politischen Kön., abseits stehen, indem sie sich von einer zu engen Vereinigung fern halten werden, obgleich sie den Sturz Babylons sehr beklagen werden, indem sie wissen, dass es ihren eigenen vorherverkündigt. Kurz danach wird der völlige Umsturz der gegenwärtigen heidnischen Regierungen erfolgen, der in der Bibel symbolisch als das große Feuer dargestellt wird, welches die ganze Erde - alle Einrichtungen, die religiösen, sozialen, politischen und finanziellen - verzehren wird.

In Anbetracht dessen, dass dieser Band vor zwanzig Jahren geschrieben worden ist, braucht niemand darüber überrascht zu sein, dass er findet, dass einige der Aussagen desselben, obgleich sie sehr aufsehenerregend sind, jetzt hinter der vollen Wahrheit zurückbleiben. Die Reichtümer der Welt zum Beispiel sind während dieser zwanzig Jahre sehr vergrößert worden. Die Vereinigungen des Kapitals haben in der Kapitalisierung an Macht und Einfluss zugenommen. Es wird geschätzt, dass das Kapital der Vereinigten Staaten während der letzten vier Jahre jährlich um zehn Milliarden Dollars vergrößert worden ist.

In diesem Band wurde darauf hingewiesen, dass die Trusts, obgleich sie zur Zeit des Schreibens dieses Werkes eher segensreich als schädlich waren, schließlich eine Drohung, eine Gefahr für das Volk und dessen Interessen bilden würden, da diese Riesen in Habsucht geboren und auf Eigennützigkeit aufgebaut sind. Wir haben diese Zeit erreicht, und viele erkennen, dass die Gefahr über uns gekommen ist. Wohl mag nichts Böses getan werden, solange die Maschinerie gut geht und unter Aufsicht arbeitet, wenn aber der Augenblick kommen wird, da die Interessen der Unternehmer und Kapitalisten im Gegensatz stehen werden zu denen ihrer Angestellten und des Publikums, dann gib acht! Erinnere dich des inspirierten Wortes: "Eine Zeit der Drangsal, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht."

Wie freuen wir uns dessen, dass die Verlegenheit, die äußerste Not des Menschen in dieser Zeit der Drangsal, Gottes Gelegenheit sein wird! Er wartet, um Gnade zu erweisen. Er will während eines Zeitraumes von tausend Jahren die Segnungen des Millenniums-Königreiches über die Menschheit ausgießen, damit dieselbe aus den Zuständen der Sünde und des Todes zur Ebenbildlichkeit Gottes aufgerichtet werde. Er weiß im voraus, dass die Menschen Lektionen empfangen müssen. Er hat dieses schon denen, die Augen haben zu sehen, gezeigt, indem er eine Zeitperiode von mehr denn vierzig Jahren des Dämmerns hereinbrechen ließ, welche jedoch, anstatt der Welt Segen und Glück zu bringen, mehr und mehr Unzufriedenheit gebracht hat. Der Herr lässt jetzt die Menschheit ihre eigenen Wege gehen und ihre eigenen Pläne und Vorsätze ausführen. Er zeigt ihr jetzt, wie nichtig ihre eigenen Pläne sind, und dass außer dem göttlichen Eingreifen sie nichts vor dem gänzlichen Zusammenbruch bewahrt. Freilich, er wird den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung zulassen, um dann die Menschheit unter dem Messias neu zu organisieren, denn er verheißt, dass sein Königreich "das Ersehnte aller Nationen" sein wird. - Haggai 2:7

Euer Diener im Herrn
Charles T. Russell
Brooklyn, N. Y., den 1. Oktober 1916

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Einleitung

Der Krieg von Harmagedon

"Der sechste Engel goss seine Schale aus auf den großen Strom Euphrat; und seine Wasser vertrockneten, auf dass der Weg der Kön. bereitet würde, die von Sonnenaufgang herkommen. Und ich sah aus dem Mund des Drachen und aus dem Mund des Tieres und aus dem Mund des falschen Propheten drei unreine Geister kommen, wie Frösche; denn es sind Geister von Dämonen, die Zeichen tun, welche zu den Königen des ganzen Erdkreises ausgehen, sie zu versammeln zu dem Krieg jenes großen Tages Gottes, des Allmächtigen. Siehe, ich komme wie ein Dieb. Glückselig, der da wacht und seine Kleider bewahrt, auf dass er nicht nackt wandle und man seine Schande sehe! Und er versammelte sie an dem Ort, der auf hebräisch Harmagedon heißt." - Offb. 16:12-16

Harmagedon ist ein hebräisches Wort, welches soviel bedeutet wie Hügel von Megiddo oder Berg der Zerstörung. Megiddo nahm eine sehr auffallende Lage an dem Südrand der Esdraelon-Ebene ein und beherrschte einen wichtigen Pass, der in das Hügelgelände hinein führte. Diese Gegend war das Schlachtfeld Palästinas, auf welchem viele der berühmten Schlachten der Geschichte des Alten Testamentes ausgefochten wurden. Hier war es, wo Gideon und seine kleine Schar den Midianitern Angst einjagten und sie in die Flucht schlugen, wobei letztere sich gegenseitig töteten. (Richter 7:19-23) Hier wurde der König Saul durch die Philister geschlagen. (1. Sam. 31:1-6) Hier wurde der König Josia in einer der unglücklichsten Schlachten der Geschichte Israels durch den Pharao Neko getötet. (2. Chron. 35:22-25) Hier lebten auch der König Ahab und sein Weib Jsebel in der Stadt Jisreel, wo Jsebel später eines schrecklichen Todes starb. - 2. Kön. 9:30-37

Diese Schlachten waren in einem Sinne vorbildlich. Die Niederlage der Midianiter erlöste das Volk Israel von der Knechtschaft Midians. So stellten Gideon und seine Schar unseren Herrn Jesus und die Kirche dar, welche die Menschheit von der Knechtschaft der Sünde und des Todes befreien werden. Der Tod des Königs Saul und der Umsturz seines Königreiches durch die Philister öffnete der Herrschaft Davids, der den Messias darstellte, den Weg. Der König Ahab stellte die Zivilregierung dar, die in der Offenbarung. symbolisch als Drachen bezeichnet wird. Die Königin Jsebel schattete die große Hure, Babylon, vor, und als solche wird sie mit Namen genannt. "Du duldest das Weib Jsebel, welche sich eine Prophetin nennt, und sie lehrt und verführt meine Knechte." - Offb. 2:20

In der Heiligen Schrift hat es der Herr augenscheinlich als passend angesehen, den Namen dieses großen Schlachtfeldes, Harmagedon, als Bezeichnung für den großen Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum zu wählen, zwischen Recht und Unrecht, Gott und dem Mammon, mit dem das Evangeliums-Zeitalter zu Ende und das messianische Zeitalter eingeführt werden wird. Er hat im letzten Buch der Bibel mit Absicht hochsymbolische Sprache gewählt, augenscheinlich, um gewisse wichtige Wahrheiten bis zu der für sie fälligen Zeit der Enthüllung zu verbergen. Aber selbst zu seiner Zeit "sollen es keine der Gesetzlosen verstehen, aber die Verständigen werden es verstehen." Niemand, dessen Herz außer Harmonie mit Gott ist, soll es verstehen, sondern nur die Verständigen unter dem Volk, die Klasse der klugen Jungfrauen in dem Gleichnis unseres Herrn.

Wenn wir unseren Text betrachten, so sollten wir daher nicht ein buchstäbliches Versammeln des Volkes zum Berg Megiddo erwarten. Wir sollten vielmehr danach ausschauen, was der Berg symbolisch darstellte. Vieles wird "der Krieg von Harmagedon" genannt, diese Bezeichnung wird in verschiedener Weise und von verschiedenen Standpunkten aus angewendet. Die Christen erkennen aber, dass dieses Wort Harmagedon ganz besonders der Bibel eigen ist, wo es in einem geistigen Sinn gebraucht wird. Wenn die gegenwärtige Zeit daher gelegen ist, um die Schlacht von Harmagedon von einem politischen Standpunkt aus zu betrachten, so ist sie sicher dazu geeignet, um diesen Ausdruck von dem wahren religiösen Standpunkt aus zu betrachten.

Wir alle wissen, dass das Buch der Offb. voller Symbole ist. Gott scheint dieses letzte Buch der Bibel gegeben zu haben, um große und wichtige Wahrheiten zu verdecken. Der Herr hat diese Wahrheiten so geschickt verborgen, dass sein Volk in vergangenen Zeiten nicht imstande gewesen ist, sie völlig und klar zu erkennen. Bibelforscher glauben, dass dies die Absicht Gottes gewesen ist, nicht nur, weil diese Wahrheiten früher nicht verstanden werden sollten, sondern auch, weil Gott gewisse Züge seiner Wahrheit vor der Welt verborgen halten will. Die Menschheit hat den göttlichen Plan immer missverstanden, denn Gott will in seiner Weisheit, dass sie ihn nicht versteht. Die Wahrheiten, welche in der Offb. berichtet werden, sind nicht für die Welt, noch auch für die Namenchristen, sondern für die Kirche, den Leib Christi, die Heiligen, "die Kirche der Erstgeborenen, deren Namen im Himmel angeschrieben sind." Für diese wird die Erkenntnis "Speise zur rechten Zeit" werden. "Die Verständigen werden es verstehen."

Die Heilige Schrift ist voller Anspielungen auf Harmagedon. Unser Herr Jesus nennt es eine "große Drangsal, dergleichen von Anbeginn der Welt bis jetzt nicht gewesen ist, noch je sein wird." (Matth. 24:21) Der Prophet Daniel beschreibt es als "eine Zeit der Drangsal, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht, bis zu jener Zeit." (Dan. 12:1) In enger Verbindung mit diesem Ausspruch erklärt Daniel, dass der Stellvertreter Gottes, Michael, der große Fürst, der für die Kinder des Volkes Israel eintritt, aufstehen wird. Das Wort "Michael" bedeutet: "Einer wie Gott" - der Gottähnliche. Er wird aufstehen zum Heil des Volkes Gottes, zur Beseitigung von Irrtum und Unrecht, zur Aufrichtung von Recht und Wahrheit, um der Menschheit das große Königreich Gottes zu bringen, welches seit den Tagen Abrahams gepredigt worden ist.

Die Zeit für die Aufrichtung des Königreiches des Messias

Da die Offenbarung des Apostels Johannes ein Buch in symbolischer Sprache ist, wird es nicht von der Welt verstanden werden. Gott sagte, dass selbst die Kirche nur zu einer bestimmten Zeit das Verständnis erwarten sollte. Als sich der Prophet Daniel über die Bedeutung seiner Vision erkundigte, antwortete ihm der Engel: "Gehe hin, Daniel, denn diese Worte sollen verschlossen und versiegelt sein bis zur Zeit des Endes", nicht des Endes der Welt, sondern des Endes des Zeitalters, des Endes dieser Zeitverwaltung. "Die Erde besteht ewiglich." - Prediger 1:4

Der Apostel Petrus erzählt uns, dass dieses Zeitalter in einem großen Feuer zu Ende gehen soll - ein Symbol der Zeit der Drangsal, in welcher die gegenwärtigen Einrichtungen verschlungen werden. (2. Petr. 3:8-13) An anderer Stelle stellt die Heilige Schrift diese schreckliche Zeit der Drangsal als einen Sturm, als einen Wirbelwind, als ein alles verzehrendes Feuer dar. Nachdem die gegenwärtige Ordnung der Dinge in der Zeit der großen Drangsal vergangen sein wird, wird Gott selbst sein Königreich aufrichten, das Reich, für welches wir beten: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden, wie er im Himmel geschieht."

Wenn es daher irgendetwas gibt, was andeutet, dass wir am Ende des Evangeliums-Zeitalters leben, so können wir versichert sein, dass die Zeit, da die klugen Jungfrauen in die Herrlichkeit eingehen sollen, herbeigekommen ist. Welche gesegnete Botschaft ist dies "für alle, welche seine Erscheinung lieb haben."

In derselben Prophezeiung, welche uns sagt, dass die Zeit des Endes die Zeit ist, in der diejenigen, die in den Augen Gottes weise sind, sie verstehen sollen, wird uns gesagt, dass diese Zeit besonders durch zwei Züge bezeichnet werden wird: erstens: "Viele werden hin und her laufen"; zweitens: "Die Erkenntnis wird sich mehren." (Dan. 12:4) Wir sehen heute diese Prophezeiung erfüllt. In der ganzen Welt laufen die Menschen hin und her, wie nie zuvor. Eisenbahnen, Dampfschiffe, Automobile, elektrische Wagen - auf, unter und über der Erde - usw., bringen die Menschen überall hin. Allgemeine Erkenntnis kennzeichnen unsere wunderbare Zeit. Jedes zehn Jahre alte Kind kann lesen. In der ganzen Welt sind Bücher, Zeitungen und Bibeln in jedem Haus - Gelegenheiten zur Erlangung von Erkenntnis, wie diese niemals bekannt waren, seitdem es Menschen auf der Erde gibt.

Die wunderbare Erfüllung dieser Prophezeiung kennzeichnet unsere Zeit als die Zeit des Endes, in welcher die gegenwärtige Zeitverwaltung beschlossen und die neue eingeführt werden soll - die Zeit, da das Volk Gottes imstande sein wird, die Lage zu erkennen und sich bereit zu machen für seine Verwandlung.

Um Grundsätze, nicht um Personen handelt es sich.

Wie der Apostel Johannes, so schreiben alle Christen die Offenbarung. dem Herrn Jesus zu. (Offb. 1:1) Aus diesem Grund sind wir nicht verantwortlich für die Symbole, welche in diesem Buch angewendet werden. Man kann in so vieler Hinsicht missverstanden werden, selbst von guten Christen, dass es uns nicht ganz leicht wird, unsere Gedanken auszudrücken. Indem wir unsere Auffassung der Symbole der Offenbarung darlegen, möchten wir mit Nachdruck betonen, dass wir durchaus nichts gegen fromme Christen sagen, wo und zu welcher Zeit diese auch lebten, ob sie sich in einer Kirchengemeinschaft oder außerhalb jeder Kirche befanden. Was Menschen anbetrifft, so haben wir nichts zu sagen. Wir sprechen immer über Grundsätze und Lehren, niemals über Personen. Gott hat uns nicht aufgetragen, über Menschen zu reden, an uns ist es, sein Wort zu besprechen.

Beim Darlegen unserer Auslegungen der Symbole der Offenbarung erkennen wir, dass das Wort Gottes eine sehr schreckliche Anklage über einige der großen Systeme unserer Tage führt, die wir früher geehrt und geachtet, von denen wir früher gedacht haben, dass sich viele in ihnen befinden, welche in Wort und Tat fromm sind. Lasst uns daher klar unterscheiden zwischen Personen und Systemen. Wir sagen nichts gegen fromme Personen, was wir aber bei der Auslegung des Wortes Gottes zu sagen haben, richtet sich nur gegen diese Systeme. Wir glauben in der Tat, dass das heilige Volk Gottes bei diesen Symbolen ausgelassen worden ist, wahrscheinlich, weil die Heiligen Gottes im Vergleich zu den Hunderten von Millionen der Menschheit nur eine geringe Schar ausmachen, wie der Herr sagte: "Fürchte dich nicht, kleine Herde."

Zu der Auslegung der Symbole der Offenbarung kommend finden wir, dass mit dem Sammeln der Heerscharen zum Krieg von Harmagedon dreierlei in Verbindung steht. Wir lesen, dass aus dem Mund des Tieres, aus dem Mund des falschen Propheten und aus dem Mund des Drachen drei unreine Geister gleich Fröschen hervorkamen, und dass diese unreinen Geister wie Frösche zu dem ganzen Erdkreis ausgehen, um die ganze Welt zu versammeln zu dem Krieg von Harmagedon.

Es geziemt sich uns daher zu fragen, welche Systeme mit diesen symbolischen Worten - Drachen, Tier und falscher Prophet - gemeint sind. Nachdem wir gefunden haben, was mit diesen Bezeichnungen gemeint ist, werden wir fragen, was die Frösche darstellen, die aus ihrem Mund hervorkommen.

In der ganzen Bibel wird ein Tier als symbolische Darstellung einer Regierung gebraucht. In der Prophezeiung Daniels werden die großen Universalreiche der Erde so dargestellt. Babylon war der Löwe, Medopersien der Bär, Griechenland der Leopard und Rom der Drache. (Dan. 7:1-8) Das Römische Reich besteht noch immer. Die Christenheit bildet einen Teil des großen römischen Kaiserreiches, welches mit Cäsar begann und, wie die Heilige Schrift sagt, noch in der Welt besteht.

Tatsächlich stimmen alle Bibelausleger darin überein, dass der Drache in der Offenbarung die reine Zivilgewalt darstellt, wo diese auch immer sich befinden mag. Wir verstehen dies nicht so, als bedeute das, dass alle Gewalten der Welt böse oder vom Teufel seien, sondern vielmehr, dass der Drache das Symbol ist, welches dem Herrn gefällt zu gebrauchen, um die Zivilgewalt darzustellen.

Das Tier in Offb. 16:13 ist dasselbe, welches in Offb. 13:2 erwähnt wird, wo es als einem gefleckten Pardel ähnlich dargestellt wird. Protestantische Ausleger der Offenbarung stimmen dem zu, dass dieses Symbol sich auf das päpstliche System bezieht - nicht auf den Papst, nicht auf katholische Gemeinden, nicht auf einzelne Katholiken, sondern auf das System als Ganzes, welches seit Jahrhunderten besteht.

Es hat Gott gefallen, in seinem Wort das Papsttum als ein System, als eine Regierung zu betrachten. Das Papsttum behauptet, dass das Königreich Gottes, das Königreich des Messias, im Jahre 799 n.Chr. aufgerichtet wurde, dass es tausend Jahre dauerte, gerade so lange, wie es die Bibel vom Königreich Gottes erklärt. Sie behauptet auch, dass diesem Königreich Christi (das ist das päpstliche System, welches in der Offenbarung als Tier dargestellt wird) seit 1799 Gewalt angetan und der Teufel in Erfüllung von Offb. 20:7 losgelassen worden ist.

Wir können der Auslegung der Prophezeiung durch unsere katholischen Freunde nicht zustimmen. Sicherlich hatte unser Herr recht, als er erklärte, dass der "Fürst dieser Welt Satan" ist, und dass die jetzige die "gegenwärtige böse Welt" oder das gegenwärtige böse Zeitalter ist. Der Grund dafür, warum es soviel Betrug, soviel falsche Lehren, Täuschungen, soviel Unwissenheit und Aberglauben überall gibt, ist darin zu finden, dass Satan das große Wesen ist, das die Welt täuscht. Nach der Heiligen Schrift soll Satan die tausend Jahre gebunden werden, damit er die Nationen nicht mehr verführe. (Offb. 20:3) Nachdem die tausend Jahre zu Ende gegangen sein werden, wird Satan für eine kleine Zeit losgelassen werden, um die Menschheit zu versuchen. Dann wird er im zweiten Tod vernichtet werden, zusammen mit allen denen, welche in Harmonie mit ihm sind.

Erst jetzt werden den Bibelforschern die Augen geöffnet, so dass sie die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe des göttlichen Liebesratschlusses erkennen können - seine wunderbare Vorkehrung, die er getroffen hat - zuerst für die Kirche, welche an der Herrlichkeit des Königreiches teilhaben soll, und zweitens für die ganze Menschheit, die den Segen einer Aufrichtung zu menschlicher Vollkommenheit während dieser tausend Jahre empfangen wird. Dieser herrliche Zeitabschnitt liegt nicht in der Vergangenheit, sondern ist vielmehr gerade jetzt im Begriff hereinzubrechen. So herrlich wird der Zustand der Menschheit am Schlusse des messianischen Königreiches sein, dass nichts, was je erträumt worden ist, damit verglichen werden kann. Das große Werk Gottes wird aber erst vollkommen sein, wenn jedes menschliche Wesen die Vollkommenheit erreicht haben wird, oder, wenn es sich geweigert hat, in Übereinstimmung mit den Gesetzen der Gerechtigkeit zu kommen, im zweiten Tod vernichtet sein wird. Dann wird man jedes Geschöpf im Himmel und auf Erden sagen hören: "Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm die Segnung und die Ehre und die Macht und die Herrlichkeit in die Zeitalter der Zeitalter!" - Offb. 5:13

Der Drache symbolisiert die römische Staatsgewalt, die durch die Zivilgewalt in der Welt dargestellt wurde. Das Tier ist das päpstliche Regierungssystem. (Offb. 13:14) Gemäß der Heiligen Schrift ist dieses Bild eine sehr genaue Darstellung des Tieres. Den falschen Propheten oder das Bild des Tieres verstehen wir als die protestantische Kirchenvereinigung.

Das Bild des Tieres

Um zu sehen, weshalb die protestantische Kirchenvereinigung als das Bild des Tieres oder als der falsche Prophet dargestellt wird, müssen wir andere symbolische Teile der Heiligen Schrift prüfen. In Offb. 17:5 wird unsere Aufmerksamkeit auf ein großes Geheimnis gelenkt. In der symbolischen Sprache der Heiligen Schrift bedeutet das Wort "Hure" nicht eine unmoralische Person. Es bezieht sich auf die Kirche, welche das Königreich Gottes sein sollte, welche aber ihre Jungfräulichkeit verlor und sich anstatt mit ihrem himmlischen Gatten mit einem irdischen verband. Mit welchem irdischen Gatten verband sich die Kirche? Mit dem römischen Kaiserreich. Bei Luther und anderen Reformatoren gab es keinen Zweifel darüber, dass zwischen der Kirche und der Welt eine enge Verbindung bestand. Die Kirche behauptete eine Zeitlang, darauf zu warten, dass Christus sein Königreich aufrichte. Schließlich sagte sie: "Ich will nicht bis zum zweiten Kommen Christi warten, ich will mich mit dem römischen Kaiserreich verbinden."

Wir alle kennen das Resultat. Die römische Kirche wurde erhöht und herrschte jahrhundertlang als Königin. Diese Vereinigung zwischen Kirche und Staat wird in einem berühmten Bild dargestellt, welches sich in Italien befindet. Auf einem Thron sitzen der Kaiser und der Papst nebeneinander. Auf der einen Seite befinden sich Kardinäle, Bischöfe, die niedrigere Geistlichkeit und die Laien, der Reihe nach. Auf der anderen Seite sind Generäle, niedrigere Offiziere, Soldaten usw., bis herab zum gemeinen Volk.

Auf der Grundlage dieser Vereinigung werden alle Regierungen christlich genannt, denn sie behaupten, als Teile mit der Kirche vereinigt zu sein. Die Geschichte berichtet uns, dass die Kirche jahrhundertlang die irdischen Kön. bestimmte. Der, von welchem der Papst es wünschte, wurde gekrönt. Zum Beweis der Obergewalt der Kirche wird eine Geschichte über den Kaiser Heinrich IV. von Deutschland erzählt. Er hatte das päpstliche Missfallen auf sich gezogen und wurde als Strafe dafür gezwungen, drei Tage barfüßig und nur in das Sacktuchhemd eines Bußetuenden gekleidet, der Härte des strengen Winters ausgesetzt, vor dem Schlosstor von Canossa zu stehen. Dann wurde er gezwungen, auf Händen und Knien in die Gegenwart des Papstes zu kriechen, welchem der seidene Strumpf ausgezogen wurde, damit der Kaiser die große Zehe des Papstes küsse, in Erfüllung von Psalm 2:12: Küsset den Sohn, ihr Könige der Erde!

Nach unserem Verständnis ist dies eine irrige Anwendung der Heiligen Schrift. "Der Sohn" ist nicht der Papst. Der "heilige Berg" ist das Königreich Gottes. Das Mittel, durch welches Gott wirkt, wird symbolisch als der Berg Zion dargestellt. Der große Messias wird alle Dinge der gegenwärtigen Zeit vollständig umstoßen und sein Königreich der Gerechtigkeit und Wahrheit aufrichten, welches die ganze Menschheit aus Sünde und Gesunkenheit emporheben wird.

Die römischen Katholiken glauben, der Papst sei der Statthalter Christi, der an dessen Stelle regiert. Sie glauben, dass die gegenwärtige Zeit diejenige ist, in welcher Satan losgelassen ist, um die Nationen zu verführen, dass die Kirche nach sehr kurzer Zeit wieder die völlige Macht in der Welt erlangen wird, und dass als Folge davon jeder, der ihr nicht Gehorsam leistet, vernichtet werden wird. Diese Auslegung verweist uns auf das 13. und 20. Kapitel der Offenbarung. Die Protestanten erkennen die Lage nicht. Sicherlich haben alle denkenden Leute bemerkt, dass die Vorschläge zur Kirchenvereinigung vom Protestantismus, aber niemals vom Katholizismus gemacht wurden.

Nun erhebt sich die Frage: Warum sollte die Heilige Schrift den Protestantismus als das Bild des Tieres darstellen? Wann und wie geschah dies? Seit der Zeit der Reformation haben sich die Protestanten im einzelnen bemüht, aus der früheren Finsternis herauszukommen, und so hatten sie viele Glaubenssätze formuliert und viele Gemeinschaften gegründet. Um die Mitte des letzten Jahrhunderts begannen die Führer zu sehen, dass, wenn jeder fortfahren würde, die Bibel persönlich zu studieren, die Zeit kommen würde, in welcher jedermann sein eigenes Glaubensbekenntnis haben würde. Um dieses zu verhindern, was ein Verlust an Macht zu sein schien, planten sie eine Vereinigung der Protestanten in einem System, die Evangelische Allianz genannt.

Die Evangelische Allianz ist eine Organisation der verschiedenen protestantischen Konfessionen, die im Jahr 1846 gebildet wurde, um auf ihre Weise dasselbe zu tun, was der Katholizismus auf die seinige tat. Da sie die große Macht sahen, welche die Katholiken ausüben, sagten sich die Protestanten: Wir sind getrennt. Wir haben keine Macht. Wir wollen uns organisieren. So bildeten sie, der Heiligen Schrift gemäß, ein Bild des Tieres.

Die Bibel sagt jedoch, dass das Bild, bevor es einen besonderen Schaden anrichten kann, Leben von dem Tier mit den zwei Hörnern empfangen muss. (Offb. 13:15) Das Tier mit den beiden Hörnern, welche denen eines Lammes gleichen, welches aber eine Stimme hatte wie ein Drache, stellt, glauben wir, die Kirche von England dar, die nicht zur Evangelischen Allianz gehört. Die Kirche von England erhebt denselben Anspruch, den die Kirche von Rom erhebt - dass sie die wahre Kirche ist und dass alle anderen Unrecht haben, dass sie die ursprüngliche apostolische Nachfolge habe, und dass niemand berechtigt ist zu predigen, wenn nicht göttliche, apostolische Hände auf ihn gelegt wurden. Dies ist der Streit, den die englische Kirche seit Jahrhunderten geführt hat, und hierin liegt der Gegensatz zwischen dieser Kirche und allen anderen protestantischen Konfessionen.

Obgleich die Evangelische Allianz im Jahre 1846 organisiert wurde, war sie nicht imstande, ihre Absicht auszuführen, weil sie nicht wusste, wie sie vorgehen sollte. Die Konfessionen der Allianz waren nur dem Namen nach vereinigt, und deshalb haben sie gegeneinander gearbeitet. Konfessionen, die außerhalb der Allianz standen, wurden als nicht autorisiert erklärt, und sie wiederum forderten die evangelischen Kirchen heraus zu zeigen, woher sie die Befugnis zum Predigen erlangten. Als Folge davon hatte das Bild keine Macht zu handeln; es wurde niedergetreten, und um Lebenskraft - Leben - zu erlangen, müsste es die apostolische Nachfolge haben: es müsste etwas als Grundlage für seine Wirksamkeit haben.

Die Heilige Schrift deutet an, dass die Kirche von England mit der Evangelischen Allianz befreundet werden und dass sie ihr die Autorität des Predigens verleihen wird. Wegen dieser Vereinigung wird die Allianz sagen können: "Wir haben apostolische Autorität zu predigen. Niemand soll sprechen, wenn er nicht unsere Weihung empfangen hat." Diese Handlungsweise ihrerseits wird in Offb. 13:17 beschrieben. Es wird niemand gestattet sein, geistliche Dinge auf dem geistlichen Markt zu kaufen und zu verkaufen, der nicht entweder das Malzeichen des Tieres oder des Bildes hat.

In Offb. 16:13 wird der falsche Prophet erwähnt - das belebte Produkt der Evangelischen Allianz, welche die Form der Kirchenvereinigung angenommen hat und heute viel Lebenskraft besitzt. Ob wir erwarten können, dass sie noch mehr erlangen wird, müssen wir abwarten. Die Heilige Schrift deutet uns an, dass das Bild des Tieres soviel Macht erlangen soll, dass sie dasselbe tun wird, was die katholische Kirche in der Vergangenheit getan hat; und dass die beiden Systeme, Katholizismus und Protestantismus, durch die Zivilgewalt - den Drachen - die zivilisierte Welt mit starker Hand beherrschen werden.

"Drei unreine Geister gleich Fröschen"

Die Heilige Schrift sagt uns, dass dies durch das Zusammengehen von Kirche und Staat bewirkt werden soll. "Drei unreine Geister, gleich Fröschen, kamen aus dem Mund des Drachen und aus dem Mund des Tieres und aus dem Mund des falschen Propheten." In dieser Stelle ist der Geist eine Lehre, eine unreine Lehre, eine falsche Lehre. Ein jedes von diesen drei wird dasselbe hervorbringen, und dies wird zur Folge haben, dass die Könige der Erde zu dem großen Krieg von Harmagedon versammelt werden.

Die Symbolik der Heiligen Schrift ist, wenn recht verstanden, wirkungsvoll, und es besteht immer eine scharfe Übereinstimmung zwischen dem Symbol selbst und dem, was symbolisch dargestellt wird. Wenn die Heilige Schrift einen Frosch gebraucht, um gewisse Lehren darzustellen, so können wir sicher sein, dass die Anwendung sehr gut passen wird. Während ein Frosch ein kleines Tier ist, bläht er sich doch auf, bis er bei dem Bemühen, etwas darzustellen, fast platzt. Ein Frosch hat ein sehr kluges Aussehen, obgleich er nicht viel weiß. Sodann quakt der Frosch, sooft er einen Laut ausstößt.

Die drei hervortretendsten Eigenschaften eines Frosches sind also: Gewichtigkeit, ein Aussehen von größerer Weisheit und Kenntnis und ein fortwährendes Quaken. Indem wir diese charakteristischen Eigenschaften auf das Bild anwenden, welches in der Heiligen Schrift gegeben ist, lernen wir, dass von der Zivilgewalt, von der katholischen Kirche und von der Vereinigung der protestantischen Kirchen, dieselben Lehren hervorgehen werden. Der Geist aller derer wird brüstend sein, sie werden das Aussehen höherer Weisheit und Erkenntnis annehmen, alle werden voraussagen, dass grässliche Folgen auf ein Nichtbeachten ihrer Ratschläge kommen würden. So sehr sich die Glaubensbekenntnisse auch immer widersprechen mögen, so werden diese Gegensätze doch durch die allgemeine Behauptung, dass nichts Altes gestört, erforscht oder verworfen werden dürfe, ignoriert werden.

Die göttliche Autorität der Kirche und das göttliche Recht der Kön. werden sich nicht widerstreiten dürfen, denn sie werden beide anerkannt sein. Jedermann, der, oder jede Lehre, die im Gegensatz zu diesen prahlerischen, unbiblischen Behauptungen steht, wird durch die Frösche, die von Kanzeln und Rednerpulten und durch die weltliche Presse quaken, als gemein gebrandmarkt werden. Die edleren Empfindungen einiger werden durch die Lehre desselben bösen Geistes, der durch den Hohenpriester Kaiphas bezüglich Jesu sprach, unterdrückt werden. So wie es Kaiphas als ratsam ansah, durch Missbrauch des göttlichen wie des menschlichen Gesetzes ein Verbrechen zu begehen, um von Jesus und seinen Lehren frei zu werden, so wird dieser froschähnliche Geist jede zur Selbstverteidigung notwendige Vergewaltigung von Grundsätzen gutheißen.

Jeder wahre Christ schämt sich, wenn er zurückblickt auf die Blätter der Geschichte und die schrecklichen Taten sieht, die im Namen Gottes und der Gerechtigkeit und im Namen unseres Herrn Jesus vollführt wurden. Wir sollten nicht einen Augenblick denken, dass diese froschähnlichen Geister alle schlecht wären, sondern vielmehr, dass es schwulstige und prahlerische Lehren sind, die sich selbst den Anschein geben, dass sie sehr weise und groß seien und den Rückhalt der Jahrhunderte haben. Aus dem Mund des Drachen kommt die Lehre von dem göttlichen Recht der Kön.: "Blicke nicht durch den Vorhang der Geschichte, um zu sehen, wo die Könige das Recht erlangten. Nimm die Lehre an, denn wenn du dies nicht tust, und wenn die Menschen die Sache durchschauen, so wird eine schreckliche Revolution stattfinden und alles wird untergehen."

Das Tier und der falsche Prophet quaken etwas ähnliches. Die katholische Kirche sagt: "Blicke nicht in die Vergangenheit. Stelle nichts in Frage, was die Kirche betrifft!" Der Protestantismus sagt: "Wir sind groß, wir sind klug, wir wissen viel. Sei ruhig, dann wird niemand wissen, dass du nichts weißt." Alle sagen sie quakend: "Wir sagen euch, dass schreckliche Dinge sich ereignen werden, wenn ihr etwas gegen die gegenwärtigen Einrichtungen sagt."

Politische Parteien werden diese Vorstellungen machen. Alle erklären: "Wenn irgendein Wechsel kommen sollte, so würde dies schreckliches Unheil bedeuten." Manche haben Rückgrat, und manche haben die Zivilgewalt hinter sich, sie quaken aber vereint, dass ein Wechsel die gegenwärtige Ordnung zugrunde richten würde. In der heutigen Sprache ist: "Wagt nicht zu mucken" die Losung in Kirche und Staat, das Volk wird aber von Furcht bewegt. Dieses Quaken des Tieres, des Drachens und des falschen Propheten wird die Könige der Erde aufwecken und sie versammeln zum Krieg von Harmagedon und zur Zerstörung.

Die geistlichen Kön. und Fürsten werden mit ihrem Gefolge von Geistlichen und gläubigen Anhängern in dichten Scharen versammelt werden, Katholiken und Protestanten. Die politischen Kön. und Fürsten, die Senatoren und alle, die sich in hohen Stellungen befinden, werden mit ihren Anhängern und Gefolgen der Reihe nach auf derselben Seite folgen. Die finanziellen Kön. und die Handelsfürsten und alle, die sie durch die größte Macht, die je in der Welt ausgeübt worden ist, beeinflussen können, werden dieser Prophezeiung gemäß auf derselben Seite folgen. Sie erkennen jedoch nicht, dass sie nach Harmagedon kommen, ja, so seltsam es auch klingen mag, dies macht einen Teil eben dieses Rufes aus: "Versammelt euch gen Harmagedon!"

Indem unser Herr von der heutigen Zeit sprach, erklärte er: "Die Herzen der Menschen verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, welche über den Erdkreis kommen sollen, denn die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden." (Luk. 21:26) Die Kön. von Europa wissen nicht, was sie tun. Alles Sektenwesen wird erschüttert. Viele Menschen sind in Ratlosigkeit.

Das Quaken der Frosch-Geister oder Lehren wird die finanziellen, politischen, religiösen und industriellen Kön. und Fürsten zu einem großen Heer versammeln. Der Geist der Furcht, der durch das Quaken eingeflößt worden ist, wird den Zorn sonst guter und verständiger Menschen zur Wut peitschen, zur Verzweiflung. Indem sie diesen bösen Geistern, bösen Lehren usw. folgen, werden sie bereit sein, ihr Leben und alles, auf dem, was sie irrigerweise als den Altar der Gerechtigkeit, der Wahrheit und des Rechts unter göttlicher Anordnung betrachten, zu opfern.

Viele edle Menschen werden in diesem großen Heer eine Haltung annehmen, die gerade das Gegenteil von ihrem Besten bewirken wird. Eine Zeitlang werden die Räder der Freiheit und des Fortschritts zurückgedreht, und die mittelalterlichen Fesseln werden als für die Selbsterhaltung notwendig betrachtet werden - für die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Ordnung der Dinge und für die Verhinderung der neuen Ordnung der Dinge, welche Gott beschlossen hat, und welche jetzt fällig ist. Selbst diejenigen, welche das Volk Gottes sein mögen, halten nicht inne, um zu überlegen, ob es sein Wille ist, dass die Dinge so weiter gehen, wie sie während der vergangenen sechstausend Jahre gegangen sind. Die Bibel sagt uns, dass dies nicht der Wille Gottes ist, sondern dass vielmehr ein großer Umsturz erfolgen soll, damit die neue Ordnung der Dinge aufgerichtet werde.

Nach unserem Verständnis der Heiligen Schrift werden diese vereinigten Mächte von Harmagedon für eine kurze Zeit triumphieren. Redefreiheit, Pressefreiheit und andere Freiheiten, die heute das Eigentum der Massen geworden sind, werden unter dem Vorwand, dass es notwendig sei wegen der Ehre Gottes und der Anordnungen der Kirche, unbarmherzig abgeschafft. Dieses Sicherheitsventil wird aufgesetzt werden, so dass die Beunruhigung der Kön. auf diese Weise aufhören wird, und alles wird ruhig scheinen, bis die große soziale Revolution, die in der Offenbarung als Erdbeben beschrieben wird, stattfinden wird. In der symbolischen Sprache bedeutet ein Erdbeben soziale Revolution, und die Erklärung der Heiligen Schrift ist, dass derartiges niemals vorher geschah. (Offb. 16:18,19) - siehe unseres Herrn Bezugnahme darauf in Matth. 24:21

Das große Heer des Herrn

Zu diesem Zeitpunkt wird die Macht Gottes hervortreten, wie uns die Heilige Schrift zeigt, und Gott wird die geordneten Heerscharen nach Harmagedon, zum Berg der Zerstörung, versammeln. (Offb. 16:16) Das, was sie durch ihre Vereinigung zu hindern suchten, wird genau das sein, worauf sie zueilen. Andere Schriftstellen sagen uns, dass Gott durch den Messias vertreten sein, und dass er auf der Seite der Massen stehen wird. "Zu jener Zeit wird Michael (der Gottähnliche, der Messias) aufstehen." (Dan. 12:1) Er wird die Macht an sich nehmen. Er wird von seinem Königreich Besitz ergreifen, in einer Weise, in welcher es wenige erwarten, die fälschlicherweise behauptet haben, sein Königreich darzustellen und bevollmächtigt zu sein, in seinem Namen und an seiner Statt zu herrschen.

Unser Herr erklärte: "Wem ihr gehorcht, dessen Sklaven seid ihr." Manche mögen Satan und dem Irrtum gehorchen, wenn sie auch behaupten, dass sie Gott und der Gerechtigkeit gehorchen, und manche mögen unwissentlich gehorchen, wie Saulus von Tarsus, der durch die Verfolgung der Kirche glaubte, "Gott wahrhaft einen Dienst zu tun." Derselbe Grundsatz ist in umgekehrter Weise wahr. Wie sich ein irdischer König nicht verantwortlich hält für den moralischen Charakter eines jeden seiner Soldaten, der seine Schlachten kämpft, so verbürgt sich der Herr nicht für alle diejenigen, welche sich auf seine Seite stellen und auf derselben kämpfen bei irgendeiner Streitfrage. Sie sind Sklaven dessen, dem sie gehorchen, welcher Beweggrund oder welcher Zweck sie auch immer dazu beeinflusst haben mag.

Derselbe Grundsatz wird in der zukünftigen Schlacht von Harmagedon anwendbar sein. Die Seite Gottes in der Schlacht wird die Seite des Volkes sein, und dieselben noch unbeschriebenen Heerscharen, das Volk, werden zu Beginn des Krieges feindlich gegenübergestellt. Wer Kenntnis über das Leben im Heer hat, weiß, dass ein großes Heer aus allen Klassen zusammengesetzt ist.

Die Massen werden unter ihren Fesseln ruhelos werden, sie werden sich jedoch dessen bewusst sein, dass sie im Vergleich zu den finanziellen, sozialen, religiösen und politischen Kön.n, die dann herrschen werden, schwach sind. Die Mehrzahl der armen und mittleren Klassen zieht den Frieden fast um jeden Preis vor. Die Massen sympathisieren nicht mit der Anarchie. Sie erkennen, dass die schlechteste Regierungsform besser ist als gar keine. Die Massen werden Befreiung durch Wahlzettel und durch friedliche Ordnung der Angelegenheiten der Erde zur Abschaffung des Bösen suchen, um die Monopole und die Bedürfnisse des Lebens zum allgemeinen Besten in die Hände des Volkes zu geben. Die Krisis wird erreicht werden, wenn die, welche bis dahin das Gesetz aufrecht erhalten haben, anfangen, das Gesetz zu vergewaltigen und dem Willen der Mehrheit zu widerstehen, wie dieser durch die Wahlzettel ausgedrückt wurde. Die Angst um die Zukunft wird die Massen mit guten Absichten zur Verzweiflung bringen, und wenn der Sozialismus fällt, so wird die Folge die Anarchie sein.

Die Heiligen des Herrn werden an dieser Schlacht überhaupt nicht teilnehmen. Die geweihten Kinder Gottes, welche sich von Herzen nach dem messianischen Königreich sehnen und nach dem glorreichen Jubeljahr und der Wiederherstellung, welche es bringen wird, werden geduldig und ohne zu murren auf die Zeit des Herrn warten. Da ihre Lampen geschmückt sind und brennen, werden sie bezüglich der gewaltigen Ereignisse der hereinbrechenden Schlachten nicht in Finsternis sein; sie werden jedoch guten Mutes sein, da sie den Ausgang kennen, welcher in dem befestigten prophetischen Wort geschildert ist, "auf welches zu achten sie wohl tun, als auf eine Lampe, die da leuchtet an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche." - 2. Petr. 1:19

Nun erhebt sich die Frage: Warum richtete Gott sein Königreich nicht früher auf? Warum ist Harmagedon notwendig? Wir antworten, dass Gott seine eigenen Zeiten und Zeitläufe hat, und dass er den großen siebenten Tausendjahrtag für die Herrschaft Christi bestimmt hat. Die göttliche Weisheit hat bis auf den heutigen Tag die große Erkenntnis zurückgehalten, die zu gleicher Zeit Millionäre wie Unzufriedene hervorbringt. Wenn Gott den Schleier der Unwissenheit tausend Jahre früher gelüftet hätte, so würde die Welt tausend Jahre früher die Reihen zum Kriege von Harmagedon geschlossen haben. Gott ließ dies nicht vor der gegenwärtigen Zeit zu, da sein Plan verschiedene Teile hat, welche alle zur gleichen Zeit zusammenlaufen.

In seiner Güte hielt Gott die Augen der Menschheit, bis das Versammeln zum Krieg von Harmagedon unmittelbar dem vorausgehen würde, dass der Messias seine große Macht an sich nimmt und seine Herrschaft beginnt. - Offb. 11:17, 18

Das Verhalten des Volkes Gottes sollte das großer Dankbarkeit dem Geber aller guten Gaben gegenüber sein. Es sollte Vorkehrung für den großen kommenden Sturm treffen und ganz ruhig bleiben, nicht ungebührlich für die Reichen oder die Armen interessiert. Wir wissen im voraus, dass der Herr auf der Seite des Volkes steht. Er ist es, der den Krieg von Harmagedon auskämpft durch jenes besondere Heer - alle Klassen. Wenn dieses große "Erdbeben" sozialer Revolution kommt, so wird es sich nicht nur um eine Handvoll Anarchisten handeln, sondern um eine Emporhebung des Volkes zum Zwecke des Abwerfens der großen Macht, welche es unterdrückt hat. Die Selbstsucht liegt dem Ganzen zugrunde.

Noch nicht, aber bald

Seit vierzig Jahren sind die Streitkräfte von Harmagedon auf beiden Seiten des Streites aufgebracht worden. Streiks, Aussperrung und Tumulte in größerem und kleinerem Maßstab waren nur vorübergehende Scharmützel, wie die Kriegführenden sich auf dem Wege kreuzten. Gerichts- und Heeresskandale in Europa, Versicherungs-, Trust- und Gerichtsskandale in Amerika haben das öffentliche Vertrauen erschüttert.

Dynamit-Anschläge, die abwechselnd von Angestellten und Unternehmern gemacht worden waren, haben dazu gedient, den einen misstrauisch zu machen auf den anderen. Bittere und zornige Gefühle haben sich auf beiden Seiten mehr und mehr offenbart. Die Schlachtlinien werden täglich genauer bezeichnet. Dennoch kann Harmagedon noch nicht ausgefochten werden.

Das Bild des Tieres muss noch Leben - Macht - erlangen. Es muss von einem Mechanismus zu einer lebendigen Kraft umgestaltet werden. Die protestantische Kirchenvereinigung erkennt, dass ihre Organisation weiter wirkungslos sein wird, wenn sie keine Belebung empfängt, wenn ihre Geistlichen nicht direkt oder indirekt als der apostolischen Ordination und der Autorität des Predigens teilhaftig anerkannt werden. Dies wird, wie die Prophezeiung andeutet, von dem Tiere mit den zwei Hörnern kommen, welches, wie wir glauben, symbolischerweise die Kirche von England darstellt. Mit starker Hand durchgeführte Handlungen des Katholizismus und Protestantismus, welche zusammen die Unterdrückung der menschlichen Freiheit bewirken werden, erwarten dieses Beleben des Bildes. Dies mag bald kommen, doch kann der Krieg von Harmagedon nicht vorher kommen, sondern er muss folgen, unserer Ansicht über das prophetische Wort gemäß vielleicht ein Jahr später.

Noch etwas kommt dazwischen. Obgleich die Juden allmählich nach Palästina auswandern, indem sie allmählich die Herrschaft über das Land Kanaan gewinnen, und obgleich die Berichte sagen, dass bereits neunzehn Millionäre sich dort befinden, so verlangt die Prophezeiung dennoch, dass eine auffällig größere Zahl wohlhabender Hebräer dort ist, bevor die Harmagedon-Krisis einsetzt. Nach unserem Verständnis wird die "Drangsal Jakobs" in der Tat genau am Schlusse von Harmagedon kommen. Dann wird das Königreich des Messias anfangen, offenbar zu werden. Von dann ab wird Israel im Land der Verheißung allmählich aus der Asche der Vergangenheit zu der prophezeiten Größe erstehen. Das allmächtige, aber unsichtbare messianische Königreich wird durch die von Gott ernannten Fürsten den Fluch hinwegtun und die Menschheit aufrichten und ihr Schönheit geben statt Asche.

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Studie 1

Der Tag der Rache

Prophetische Erwähnung desselben. - Die Zeit ist herbei­gekommen. - Zweck dieses Bandes. - Allgemeine Beobachtungen.

"Denn der Tag der Rache war in meinem Herzen, und das Jahr meiner Erlösung war gekommen." "Denn Jehova hat einen Tag der Rache, das Jahr der Vergeltung für die Rechtssache Zions." - Jes. 63:4; 34:8

In diesen Worten spricht Jes. von jener Periode, die Daniel (Kapitel 12:1) als eine "Zeit der Drangsal" beschreibt, wie sie nicht gewesen ist, seitdem es Menschen gibt; - von der Maleachi (Kap. 4:1) sagt: "Denn siehe, der Tag kommt, brennend wie ein Ofen, und es werden alle Übermütigen und jeder Täter der Gesetzlosigkeit zu Stoppeln werden", von der es im Briefe des Jak. (Kapitel 5:1-6) heißt, dass darin die Reichen weinen und heulen sollen über das Elend, das über sie kommt; - von jener Zeitperiode, welche der Prophet Joel (Kap. 2:2) beschreibt als einen Tag der Wolken und dicken Finsternis; - von der Amos (Kap. 5:20) sagt, sie sei "Finsternis und nicht Licht, Dunkelheit und nicht Glanz"; - und von welcher der Herr selbst als von der "Zeit der großen Drangsal" (Matth. 24:21, 22) spricht, so schrecklich in ihrer Art, dass kein Fleisch sie überstehen würde, wenn sie nicht abgekürzt würde.

Dieser dunkle Tag ist ein Tag des Gerichts und der Vergeltung über das Menschengeschlecht, seine Völker, seine Gesellschaftsklassen, nicht über einzelne Personen. Diese werden wohl unter den Gerichten, welche über die Völker und Klassen kommen, schwer zu leiden haben, aber ihr Gericht wird sich von dem der Völker und Klassen unterscheiden.

Das Gericht über den einzelnen wird, wie in Band 1, Kapitel 8 nachgewiesen worden ist, im tausendjährigen Reich vor sich gehen. In dieser Zeit, unter den günstigen Verhältnissen des Neuen Bundes, wenn eine deutliche Erkenntnis der Wahrheit möglich sein wird, wenn jedem zum Rechttun die nötige Ermutigung und Hilfe zuteil wird, werden alle Menschen einzeln, nicht mehr als Angehörige eines Volkes, einer Klasse, einer Prüfung unterworfen sein, und wer sie besteht, dem wird das ewige Leben zuteil werden. Das jetzt ergehende Gericht der Völker betrifft das gemeinsame Können der Menschen, ihre Ordnung der religiösen und bürgerlichen Verhältnisse. Die Menschen haben mancherlei bürgerliche Einrichtungen treffen dürfen, die lange Zeit gedauert und bestanden haben. Jetzt aber, da die "Zeiten der Nationen" abgelaufen sind, müssen sie Rechenschaft ablegen. Und des Herrn Urteil, von seinen Propheten zuvor verkündet, geht dahin, dass keine dieser Einrichtungen eine weitere Frist zum Fortbestehen verdient, dass ihre Herrschaft von ihnen genommen wird, und dass der, dessen Recht es ist, das Reich einzunehmen, alle Völker als sein Erbe zugeteilt erhalten wird. (Hes. 21:27; Dan. 7:27; Psalm 2:8; Offb. 2:26, 27) So spricht der Herr zu den vor ihm zum Gericht versammelten Völkern: "Tretet herzu, ihr Nationen, um zu hören, und ihr Völkerschaften, merket auf! Es höre die Erde und ihre Fülle, der Erdkreis und alles, was ihm entsprosst! Denn der Zorn Jehovas ergeht wider alle Nationen, und sein Grimm wider all ihr Heer." "Jehova, Gott ist ... ein ewiger König. Vor seinem Grimm erbebt die Erde, und seinen Zorn können die Nationen nicht ertragen." "Ein Getöse dringt bis an das Ende der Erde, denn Jehova rechtet mit den Nationen ... So spricht Jehova der Heerscharen: Siehe, Unglück geht aus von Nation zu Nation, und ein gewaltiger Sturm (intensive und komplizierte Drangsal und Erschütterung) macht sich auf von dem äußersten Ende der Erde. Und die Erschlagenen Jehovas werden an jenem Tage liegen von einem Ende der Erde bis zum anderen Ende der Erde." "Darum harret auf mich, spricht Jehova, auf den Tag, da ich mich aufmache zur Beute! Denn mein Rechtsspruch ist, die Nationen zu versammeln, die Königreiche zusammenzubringen, um meinen Grimm über sie auszugießen, die ganze Glut meines Zornes; denn durch das Feuer meines Eifers wird die ganze Erde (die gegenwärtige soziale Ordnung) verzehrt werden. Und alsdann (nachher) werde ich die Lippen der Völker in reine Lippen umwandeln, damit sie alle den Namen Jehovas anrufen und ihm einmütig dienen." - Jes. 34:1, 2; Jer. 10:10; 25:31-33; Zeph. 3:8, 9; Luk. 21:25

Wir haben schon im zweiten Band gezeigt, dass die Zeit herbeigekommen ist, und dass die Ereignisse des Tages des Herrn sich über uns vorbereiten. Einige weitere Jahre müssen notwendigerweise jene Kräfte zur Reife bringen, welche jetzt auf die Herbeiführung der großen Drangsal hinarbeiten, und die gegenwärtige Generation wird - so bezeugt es die Weissagung - Zeuge sein der schrecklichen Krise, und sie wird den Entscheidungskampf durchzumachen haben.

Unsere Absicht ist nicht, indem wir darauf aufmerksam machen, Sensation zu erregen und müßige Neugier zu befriedigen. Auch können wir uns nicht der Hoffnung hingeben, in den Herzen jene Reue zu erzeugen, welche eine Abänderung der gegenwärtigen bürgerlichen, sozialen und religiösen Verhältnisse herbeiführen und so das drohende Unheil abwenden könnte. Die nahende Drangsal ist vielmehr unabwendbar; ihre mächtigen Ursachen sind alle an der Arbeit, und keine menschliche Macht ist imstande, ihre fortschreitende Wirksamkeit zu hemmen. Die Wirkungen müssen vielmehr eintreffen, wie der Herr sie vorausgesehen und vorausgesagt. Nur Gott kann der gegenwärtigen Bewegung Halt gebieten; er wird es aber nicht tun, bevor die bitteren Erfahrungen in diesem Streit ihre Lehren in die Herzen der Menschen werden eingegraben haben.

Der wahre Zweck dieses Bandes ist also nicht, die Welt zu erleuchten; denn die Welt versteht nur die Logik der Tatsachen, die ihr dann auch in vollem Maße zuteil werden wird. Er ist vielmehr den Gläubigen zur Warnung, Stärkung, Wappnung, Ermutigung und zum Trost geschrieben, damit ihnen nicht bange werde, sondern damit sie auch die schwersten Züchtigungen, die Gott über die Welt verhängt, verstehen und sich darüber freuen lernen, indem ihr Glaubensauge den glorreichen Ausgang dieser Züchtigungen, die herrlichen Früchte der Gerechtigkeit, den ewigen Frieden zum voraus erschaut. Denn der Tag der Vergeltung steht in natürlicher Verbindung mit der Erlösung der Gläubigen, das heißt mit der Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden unter Christus, dem Fürsten des Friedens, zu welcher Aufrichtung die Wegräumung der gesamten heutigen Ordnung der Dinge die notwendige Voraussetzung ist.

Der Prophet Jesaja., seinen Standpunkt am Schlusse der Ernte des Evangeliums-Zeitalters einnehmend, beschreibt uns in seinem 63. Kapitel (Verse 1-6) einen machtvollen Eroberer, gekleidet in Gewalt und Macht, der siegreich über alle seine Feinde hinwegreitet, von deren Blut bespritzt. Nun fragt er, wer der wunderbare Fremdling sei: "Wer ist dieser, der von Edom kommt, von Bozra in hochroten Kleidern, dieser, prächtig in seinem Gewand, der einherzieht in der Größe seiner Kraft?" Nun ist Edom bekanntlich der Name, der Esau gegeben ward, nachdem er Jakob sein Erstgeburtsrecht verkauft hatte. Der Name war später sowohl von den Nachkommen Esaus als auch von dem Land, das sie bewohnten, gebraucht. (1. Mose 25:30; 36:1; 4. Mose 20:18, 20, 21; Jeremia 49:17) Demnach wird der Name "Edom" symbolisch gebraucht von denen, welche in der Zeit, von der der Prophet spricht, ihr Erstgeburtsrecht verkauft haben und zwar um einen Preis, der dem Wert der Speise, nach welchem Esau gelüstete, entspricht. Der Name wird oft von den Propheten gebraucht, wenn sie von der großen Masse der Christusbekenner sprechen, welche zuweilen als "christliche Welt" bezeichnet wird, als "Christenheit", das heißt als Reich Christi, welcher Name von jedem Denkenden sofort als unberechtigt erkannt wird, denn dieser Bezeichnung liegt eine total falsche Auffassung der wahren Natur des Reiches Christi und der Zeit und Art seiner Aufrichtung zugrunde. Die Bezeichnung ist eine prahlerische Verzerrung der Wahrheit. Ist die Welt denn wirklich jetzt christlich? Oder ist es auch nur derjenige Teil von ihr, der jetzt diese Bezeichnung beansprucht, die Völker Europas und Amerikas? Man höre doch den Donner der Kanonen, den Schritt der Bataillone, das Platzen der Schrapnells, das Seufzen der Unterdrückten, das Murren der Erbitterten, den betäubenden Lärm ihrer Klagen und Proteste! Ist das Christi Reich, ein wahres Christenreich? Wer will die Aufgabe unternehmen, eine so ungeheuerliche Behauptung auch zu beweisen? Die Unrichtigkeit der prahlerischen Bezeichnung der gegenwärtigen Welt als Christenheit ist so greifbar, dass jeder Versuch, ihre Berechtigung nachzuweisen, so sicher die Illusionen zerstören würde, dass niemand, der ihren Fortbestand wünscht, diesen Beweis zu erbringen versuchen wird.

Ferner ist ersichtlich, dass der Name "Edom" das passendste Symbol für die gegenwärtige "Christenheit" ist. Ihre Völker hatten Vorzüge vor allen anderen Nationen, indem ihnen, wie den Israeliten in dem vorhergehenden Zeitalter, die Offb. Gottes anvertraut war. Dem Licht, das diese verbreitete, verdanken diese Völker alle Segnungen der Zivilisation. Das kleine Häuflein Heiliger unter ihnen hat sie als das "Salz der Erde" bis zu einem gewissen Grad vor der äußersten Verderbnis bewahrt und ihnen als das "Licht der Welt", durch ihr Beispiel, ihre Treue im Festhalten am Wort des Lebens, den Weg zu Gott und seiner Gerechtigkeit zurückgewiesen. Aber nur wenige unter allen diesen bevorzugten Nationen haben den wahren Gebrauch gemacht von ihren Vorrechten, die ihnen der Umstand verschaffte, dass sie in Ländern geboren wurden, in denen das Wort Gottes direkt oder indirekt von Einfluss war. Wie Esau haben die "christlichen" Massen ihre Erstgeburt mit allen ihren Vorteilen und Rechten verkauft, und zwar nicht nur jene Tausende, welchen die Erkenntnis fehlt, sondern auch die große Mehrheit der Bekenner Christi, welche sich wohl Christen nennen, aber Christi Leben nicht in sich haben. Sie haben sich mit dem elenden "Linsengericht", welches die gegenwärtige Welt bietet, begnügt und dasselbe den Segnungen, welche die Gemeinschaft und Nachfolge Christi nach sich zieht, dem glorreichen Erbe mit Christo vorgezogen, welches allen denen verheißen ist, die treu in seinen Fußstapfen wandeln und opferbereit sind. Sie sind freilich dem Namen nach das Volk Gottes, von dem "Israel nach dem Fleisch" im vorhergegangenen Zeitalter ein Vorbild war; sie schenkten daher wie jenes den Verheißungen Gottes wenig Beachtung. Sie sind ein mächtiger Widersacher, um so mächtiger, als sie den Christennamen tragen, sich vor der Welt als die Kirche Christi aufspielen und große Organisationen aufgebaut haben, die verschiedene Richtungen des angeblichen Leibes Christi darstellen, sowie dicke Bände über "systematische" Gotteserkenntnis geschrieben und zahlreiche Hochschulen und Seminare gegründet haben, in denen ihre Lehren gepredigt werden, und im Namen Christi haben sie viele "Wunderwerke" getan (Matth. 7:22), welche dennoch oft den Lehren des Wortes Gottes zuwiderliefen. Das stempelt sie gerade zur Edom-Klasse, welche ihr Erstgeburtsrecht verkauft hat. Die Klasse umschließt fast die ganze "Christenheit", alle, die in den sogenannten christlichen Ländern aufgewachsen sind, die Vorrechte und Segnungen des Evangeliums hingegen sich nicht zunutze gemacht und ihr Leben nicht danach eingerichtet haben. Ausgenommen von der Edom-Klasse bleiben nur die wenigen Gerechtfertigten, Geheiligten und Treuen, welche durch einen lebendigen Glauben mit Christus verbunden sind. Sie bleiben als "Reben" in Christus, dem wahren Weinstock. Diese sind das wahre geistige Israel, wahre Israeliten, in denen kein Falsch ist.

Das symbolische Edom in Jesajas Weissagung entspricht dem symbolischen Babylon in der Offenbarung. Johannes und in anderen Stellen Jesajas, sowie in den Büchern Jeremias und Hesekiels. So bezeichnet und beschreibt der Herr das große System, dem die Menschen den irreleitenden Namen "Christenheit", "Christi Reich", gegeben haben. Alles, was sich im Land Edom befand, schattet alles das vor, was sich in der Christenheit befindet. Die Hauptstadt desselben, Bozra, entspricht den kirchlichen Einrichtungen, dem mächtigsten Bollwerk des "Christentums". Der Prophet stellt den Herrn dar als einen siegreichen Krieger, der in Edom und besonders in Bozra ein Blutbad anrichtet. Der Name "Bozra" bedeutet "Schafhürde", und noch heute ist Bozra wegen seiner Ziegenzucht berühmt. Nun spricht Jesaja. (34:6) gerade von einem großen Blutbad unter "Lämmern und Ziegen". Die letzteren würden den "Scheinweizen" repräsentieren, indem die Lämmer jene Heiligen darstellen, die, weil sie die ihnen dargebotenen Gelegenheiten vergessen und nicht so laufen, dass sie den Preis ihrer hohen Berufung erringen, die Zeit der großen Drangsal durchzumachen haben, wiewohl sie vom Herrn nicht verworfen sind. Die "Schafe" aber sind reif; sie entgehen der großen Drangsal, weil sie berufen, erwählt und treu waren.

Die Antwort, die dem Propheten auf seine Frage: "Wer ist dieser, der von Edom kommt, von Bozra in hochroten Kleidern?" zuteil wird, ist: "Ich bin es, der in Gerechtigkeit redet, der mächtig ist zu retten!" Es ist derselbe, den Johannes in Offb. 19:11-16 beschreibt, der König der Kön. und Herr der Herren, Jehovas Gesalbter, unser gepriesener Erlöser und Herr Jesus. Zu unserer Belehrung fragt der Prophet weiter (Jes. 63:2): "Warum ist Rot an deinem Gewand und sind deine Kleider wie die eines Keltertreters?" und erhält den Bescheid (Vers 3-6):

"Ich habe die Kelter allein getreten, und von den Völkern war niemand bei mir; und ich zertrat sie in meinem Zorn und zerstampfte sie in meinem Grimm; und ihr Saft spritzte auf meine Kleider, und ich besudelte mein ganzes Gewand. Denn der Tag der Rache war in meinem Herzen, und das Jahr meiner Erlösten war gekommen. Und ich blickte umher, und da war kein Helfer; und ich staunte, und da war kein Unterstützer. Da hat mein Arm (Macht) mir geholfen, und mein Grimm, er hat mich unterstützt. Und ich trat die Völker nieder in meinem Zorn." Und Johannes fügt bei: "Er tritt die Kelter des Weines des Grimmes des Zornes Gottes, des Allmächtigen." - Offb. 19:15

Das Treten der Kelter ist die letzte Verrichtung im Erntewerk. Das Schneiden und Einsammeln wird zuerst besorgt. In gleicher Weise findet das Treten der Kelter des Zornes Gottes, in welche der Wein der Erde (der falsche Wein, der sich mit Unrecht die Bezeichnung "christlich" beigelegt hat) geworfen wird, wenn seine fälschlich sogenannten Trauben ausgereift sind (Offenbarung 14:18-20), erst als letzte Verrichtung der ereignisvollen Erntezeit statt. Es führt uns die letzten Züge der großen Drangsalszeit vor Augen, welche über alle Völker kommen wird, und über die wir durch die Heilige Schrift in so reichem Maße unterrichtet werden.

Die Tatsache, dass der König der Könige die Kelter "allein" tritt, zeigt, dass die Gewalt, welche alles Menschliche beseitigen wird, eine göttliche ist, und nicht nur menschliche Macht. Gottes Macht wird die Nationen züchtigen, und das wird gerade der Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und Wahrheit zum Siege verhelfen. "Er wird die Erde schlagen mit der Rute seines Mundes, und mit dem Hauch seiner Lippen (dem Geist und der Kraft seiner Wahrheit) den Gesetzlosen töten." (Jes. 11:4 - siehe dazu Offb. 19:15; Psalm 98:1) Keiner menschlichen Führung wird die Ehre des kommenden Sieges der Wahrheit und Aufrichtigkeit zuerkannt werden können. Schrecklich wird der Streit der zürnenden Völker sein, und das Schlachtfeld und sein Elend werden die ganze Welt umspannen; kein Alexander, Cäsar oder Napoleon wird sich finden, der nach der allgemeinen schrecklichen Verwirrung wieder Ordnung herbeiführen könnte. Aber am Ende wird man erkennen, dass der große Sieg der Gerechtigkeit und Wahrheit, die Bestrafung der Ungerechtigkeit mit dem, was sie verdient, ein Werk des allmächtigen Königs der Könige und Herrn aller Herren war.

Alles dieses wird sich in den letzten Tagen des Evangeliums-Zeitalters ereignen, wie es der Herr durch seinen Propheten Jesaja. bezeugt, der da spricht (63:4): "Das Jahr meiner Erlösung war gekommen", und (34:8): "Denn Jehova hat einen Tag der Rache, ein Jahr der Vergeltungen für die Rechtssache Zions." Während des ganzen Evangeliums-Zeitalters hat der Herr dem Zank und Streit in der Namenkirche zugesehen. Er hat bemerkt, wie seine Heiligen, die am Glauben festhielten, für Wahrheit und Recht kämpften, Verfolgung zu leiden hatten von denen, die sich ihnen unter Berufung auf Gottes Namen entgegenstellten. Allein seine Weisheit hat ihn bis jetzt davon abgehalten einzuschreiten. Nun aber ist der Tag der Vergeltung gekommen, und der Herr rechnet ab mit jenen, wie geschrieben steht (Hosea 4:1-3): "Der Herr hat Ursache zu schelten die im Land wohnen, denn es ist keine Treue, keine Liebe, keine Erkenntnis Gottes im Land, sondern Gotteslästern, Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen hat überhand genommen, und es kommt eine Blutschuld nach der anderen. Darum wird das Land jämmerlich stehen, und allen Einwohnern wird es übel gehen." Diese Weissagung ist am fleischlichen Israel in Erfüllung gegangen und geht jetzt in noch reichlicherem Maße an der Namenchristenheit in Erfüllung.

"Ein Getöse dringt bis an das Ende der Erde, denn Jehova rechtet mit den Nationen, er hält Gericht mit allem Fleisch; die Gesetzlosen gibt er dem Schwerte hin, spricht Jehova." "Höret doch, was Jehova sagt: ... Höret, ihr Berge (Königreiche), den Rechtsstreit Jehovas, und ihr (bisher) Unwandelbaren, ihr Grundfesten der Erde (Gesellschaft)! Denn Jehova hat einen Rechtsstreit mit seinem (angeblichen) Volk." "Die Gesetzlosen gibt er dem Schwerte hin."

"Tretet herzu, ihr Nationen, um zu hören; und ihr Völkerschaften, merket auf! Es höre die Erde und ihre Fülle, der Erdkreis und alles, was ihm entsprosst (alle die selbstsüchtigen und bösen Dinge, die aus dem Geist dieser Welt kommen)! Denn der Zorn Jehovas ergeht wider alle Nationen und sein Grimm wider all ihr Heer. Er hat (sich auf den Standpunkt der Zukunft stellend) sie der Vertilgung geweiht, zur Schlachtung hingegeben; ... und ihr Land wird trunken von Blut und ihr Staub von Fett getränkt. Denn Jehova hat einen Tag der Rache, ein Jahr der Vergeltungen für die Rechtssache Zions." - Jer. 25:31; Micha 6:1, 2; Jes. 34:1, 2, 7, 8

So wird der Herr die Völker schlagen und sie zwingen, seine Macht anzuerkennen, und sein Volk, das Glauben hat und nicht mit der Menge auf bösem Wege wandelt, sondern gänzlich dem Herrn, seinem Gott, inmitten eines abtrünnigen und verkehrten Geschlechtes anhing, erlösen und befreien. Gerade dieses schreckliche Gericht über die Welt, in welchem die Völker zerschlagen werden wie irdene Gefäße wird sich als eine wertvolle Lehre für die Menschen erweisen, wenn sie dann unter Christi tausendjähriger Herrschaft einzeln ins Gericht kommen. So gedenkt Gott auch noch in seinem Zorn seiner Gnade und Güte.

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Studie 2

"Mene, mene, tekel, upharsin." - Der Fall Babylons

Babylon. - Die "Christenheit." - Die Stadt. - Das Reich. - Die Mutter. - Die Töchter. - Babylons Fall. - Dessen furchtbare Bedeutung.

"Ausspruch über Babel, welchen Jesaja, der Sohn Amoz, geschaut hat: Erhebet ein Panier auf kahlem Berge, ruft ihnen zu mit lauter Stimme, schwinget die Hand, dass sie einziehen in die Tore der Edlen!

"Ich habe meine Geheiligten entboten, auch meine Helden gerufen zu meinem Zorn, meine stolz Frohlockenden; ... aus fernem Lande Gekommenen, vom Ende des Himmels - Jehova und die Werkzeuge seines Grimmes, um das ganze Land zu verderben.

"Horch! Ein Getümmel auf den Bergen, wie von einem großen Volk; horch! ein Getöse von Königreichen versammelter Nationen: - Jehova der Heerscharen mustert ein Kriegsheer."

"Heulet, denn nahe ist der Tag Jehovas; er kommt wie eine Verwüstung vom Allmächtigen. Darum werden alle Hände erschlaffen, und jedes Menschenherz wird zerschmelzen. Und sie werden bestürzt sein, Wehen und Schmerzen werden sie ergreifen, sie werden sich winden gleich einer Gebärenden; einer starrt den anderen an, ihre Angesichter glühen.

"Siehe, der Tag Jehovas kommt, grausam mit Grimm und Zornglut, um die Erde zur Wüste zu machen; und ihre Sünder wird er von derselben vertilgen. Denn die Sterne des Himmels und seine Gestirne werden ihr Licht nicht leuchten lassen; und die Sonne wird finster sein bei ihrem Aufgang, und der Mond wird sein Licht nicht scheinen lassen.

"Und ich werde an dem Erdkreis heimsuchen die Bosheit, und an den Gesetzlosen ihre Missetat; und ich werde ein Ende machen dem Hochmut der Stolzen und die Hoffart der Gewalttätigen erniedrigen. Ich will den Sterblichen kostbarer machen als gediegenes Gold, und den Menschen als Gold von Ophir. Darum werde ich die Himmel erzittern machen, und die Erde wird aufbeben von ihrer Stelle: beim Grimm Jehovas der Heerscharen und am Tag seiner Zornglut." - Jes. 13:1-13. vergleiche Offb. 16:14; Hebr. 12:26-29

"Und ich werde das Recht zur Richtschnur machen und die Gerechtigkeit zum Senkblei; und der Hagel wird hinwegraffen die Zuflucht der Lüge, die Wasser werden den Bergungsort wegschwemmen." - Jes. 28:17

Die verschiedenen Weissagungen Jesajas, Jeremias, Daniels und der Offenbarung. Johannes über Babylon stehen alle vollkommen im Einklang und beziehen sich augenscheinlich alle auf dieselbe große Stadt. Da sich nun dieselben an der wirklichen Stadt Babylon nur in sehr begrenztem Maße erfüllt haben, und diejenigen der Offenbarung zudem mehrere Jahrhunderte nach der Zerstörung Babylons geschrieben wurden, so ist klar, dass das Gemeinsame in allen diesen Weissagungen sich auf etwas bezieht, von dem die Stadt Babylon nur ein Vorbild war. Ebenso klar ist, dass, da die Weissagungen Jesajas und Jeremias über ihren Sturz an der wirklichen Stadt in Erfüllung gegangen sind, dieselbe auch in ihrem Sturz, nicht nur in ihren Eigenschaften, ein Vorbild jener großen Stadt ist, von welcher Offenbarung Kapitel 17 und 18 in symbolischer Sprache handelt, und welche auch die übrigen Propheten in erster Linie meinen.

Wie schon angedeutet wurde, ist die heutige Namenchristenheit das Gegenbild des alten Babylon. Demnach sind die feierlichen Warnungen und Weissagungen, welche die Propheten an das alte Babylon richteten, von großem Belang für die gegenwärtige Generation. Möchte sie nur weise genug sein, dieselben zu beachten!

Wenn auch andere Namen, wie Edom, Ephraim, Ariel usw. in der Heiligen Schrift symbolisch von der Namenchristenheit gebraucht werden, so ist doch "Babylon" der am meisten angewendete Name, und seine Bedeutung "Verwirrung" passt in sehr bemerkenswerter Weise. Auch der Apostel Paulus spricht von einem geistlichen Israel dem Namen nach im Gegensatz zu dem Namen-Israel nach dem Fleisch. (Röm. 9:8; 1. Kor. 10:18; Gal. 6:16) In gleicher Weise gibt es ein geistliches Namen-Zion und ein Namen-Zion nach dem Fleisch. (Jes. 33:14; Amos 6:1) Doch abgesehen hiervon wollen wir einige auffallende Übereinstimmungen zwischen der Namen-Christenheit und ihrem Vorbild, Babylon, und das ausdrückliche Zeugnis des Wortes Gottes in einigen Punkten anführen. Alsdann werden wir auf die dermalige Haltung der Namen-Christenheit und die Anzeichen ihres geweissagten Falles hinweisen.

Die Offenbarung Johannes setzt voraus, dass es nicht schwierig sein wird, diese große symbolische Stadt zu entdecken, weil sie ihren Namen auf der Stirn trägt, das heißt sie ist so deutlich gekennzeichnet, dass wir sie sehen müssen, selbst wenn wir unsere Augen schließen und uns weigern, hinzusehen. "An ihrer Stirn (hat sie) einen Namen geschrieben: Geheimnis, Babylon, die große, die Mutter der Huren und der Greuel der Erde." (Offb. 17:5) Doch bevor wir das symbolische Babylon behandeln, wollen wir uns das wirkliche, jenes vorbildliche Babylon ansehen, uns seiner hervorstechendsten Züge merken und alsdann das Gegenbild zum Vergleich heranziehen.

Babylon bezeichnete nicht nur die Hauptstadt des babylonischen Reiches, sondern auch dieses Reich selbst. Babylon war die prunkvollste und wahrscheinlich auch die größte Stadt der alten Welt. Sie war im Quadrat gebaut, und mitten hindurch floss der Euphrat. Gegen feindliche Angriffe war sie durch einen tiefen mit Wasser gefüllten Graben und eine zweifache Mauer geschützt, welche 32 bis 85 Fuß dick und 75 bis 300 Fuß hoch war. Oben auf der Mauer waren (angeblich 250) niedrige Türme, und in der Mauer waren hundert eherne Tore, 25 auf jeder Seite des Quadrats, und je zwei gegenüberliegende Tore waren durch eine gerade Straße verbunden, so dass sich die Straßen immer im rechten Winkel kreuzten. Herrliche Paläste, Tempel und die Beute aus siegreichen Kriegen schmückten die Stadt. Ihr größter König, dem sie in erster Linie ihre Großartigkeit und ihren Kriegsruhm verdankte, war Nebukadnezar. Aber aus ihrem Reichtum, ihrer Prunksucht, entwickelte sich sittliche Verkommenheit, die dem Verfall und Sturz voranging. Das Volk verehrte den Götzen Baal und brachte ihm Menschenopfer dar. Wie tief es infolgedessen sank, kann man an dem ermessen, was Gott durch den Mund seines Propheten (Jeremia 7:9; 19:5) dem Volk Israel vorhält, dass letzteres alle diese Greuel den Babyloniern nachgeahmt habe.

Bemerkenswert ist, dass der Name Babel, der bekanntlich an die Verwirrung erinnert, die beim Turmbau Platz griff, "Verwirrung" bedeutet, während in der Sprache der Babylonier selbst der Name "Gottes Tor" heißt. Dementsprechend wird Babylon auch die "goldene Stadt", "die schönste unter den Königreichen, die herrliche Pracht der Chaldäer" (Jes. 13:19) genannt. Aber schon unter Nebukadnezars Enkel, Belsazar, kam der Fall, zu dem Hochmut, Fülle und Müßiggang unvermeidlich und schnell führen. Während die Einwohner, die nahende Gefahr nicht ahnend, dem Beispiel ihres Königs folgten und sich erniedrigenden Exzessen hingaben, drangen die Perser unter Cyrus durch das Bett des Euphrat, dessen Wasser sie abgeleitet hatten, in die Stadt und bemächtigten sich derselben nach einem großen Blutbad. So ging die Weissagung der seltsamen Mauerinschrift: "Mene, mene, tekel, upharsin" in Erfüllung, nur wenige Stunden nachdem Daniel sie dahin erklärte, dass sie bedeute: "Gott hat dein Königreich gezählt und macht ihm ein Ende. Du bist auf der Waage gewogen und zu leicht erfunden worden. Dein Königreich wird zerteilt und den Medern und Persern gegeben." So vollständig war später die Zerstörung der Stadt, dass selbst ihr Standort in Vergessenheit geriet und lange Zeit ungewiss war. Gleich einem Mühlstein, versenkt mitten im Meer, ist Babylon seit Jahrhunderten versunken, um sich nimmer zu erheben; selbst sein Gedächtnis ist zum Spott geworden.

Nun kommen wir zum Gegenbild, und zwar werden wir zunächst zeigen, dass die Heilige Schrift dasselbe deutlich erkennbar macht, und sodann, dass das Vorbild vortrefflich mit dem Gegenbild stimmt. In der symbolischen Redeweise der Weissagung bedeutet "Stadt" eine kirchliche Herrschaft, die sich auf große Macht und großen Einfluss stützt. So ist die "heilige Stadt, das neue Jerusalem" die treffliche Darstellung für das aufgerichtete Reich Gottes, die Überwinder des Evangeliums-Zeitalters, die dann erhöht und herrlich gemacht sind und herrschen. Die Kirche ist im gleichen Zusammenhang als ein Weib dargestellt, als "die Braut, des Lammes Weib", voll Macht und Herrlichkeit und sich stützend auf die Macht und Autorität Christi, ihres Gemahls. "Und es kam zu mir einer von den sieben Engeln ... und sprach: Komm, ich will dir das Weib zeigen, die Braut des Lammes ... Und zeigte mir die große Stadt, das heilige Jerusalem." (Offb. 21:9,10) Dementsprechend wird dieses symbolische "Babylon, die große (Stadt)", das große Reich der Namenkirche (Offb. 17:1-6), als Hure bezeichnet, als ein gefallenes Weib (eine abgefallene Kirche im Gegensatz zur wahren Kirche, die eine Jungfrau ist), erhoben zu Macht und Gewaltherrschaft und in weitgehendem Maße unterstützt durch die Könige der Erde, die bürgerliche Gewalt, die überall mehr oder weniger von ihrem Geist und ihrer Lehre durchdrungen ist. Die abgefallene Kirche hat ihre Jungfräulichkeit verloren. Statt als treue Braut und keusche Jungfrau ihrer Erhöhung durch den himmlischen Bräutigam zu harren, verband sie sich mit den Kön.n der Erde und gab ihre Jungfräulichkeit preis, sowohl in bezug auf ihre Lehre als auch auf ihren Charakter, um sich den Anschauungen der Welt anzupassen. Zum Lohn empfing sie, und jetzt in ausgedehntem Maße, von ihr eine Art Herrschaft in der Gegenwart. Dass sie nicht an den Herrn, nach dessen Namen sie sich nennt, und ihre hohe Berufung, die Braut Christi zu sein, glaubt, rechtfertigt wohl ihre symbolische Bezeichnung als "Hure", während ihr Einfluss voll Unbeständigkeit und Verwirrung durch den Namen "Babylon" versinnbildlicht wird. Babylon, in seiner weiteren Bedeutung als Reich, stellt die Namenchristenheit, Babylon als Stadt hingegen nur die Namenkirche dar.

Die Namenchristenheit nennt sich selbst nicht das symbolische Babylon der Bibel, aber das beweist nichts. Auch das alte Babylon nannte sich nicht "Verwirrung", sondern "Tor Gottes." Aber Gott nannte es "Verwirrung" (1. Mose 11:9), und dasselbe tut er nun mit seinem heutigen Gegenbild. Auch dieses nennt sich "Christenheit" und betrachtet sich als den Weg zu Gott und zum ewigen Leben, während Gott es als Verwirrung bezeichnet.

Ziemlich allgemein und gewiss mit Recht haben lange Zeit die Protestanten, was die Prophezeiung von Babylon sagt, auf das Papsttum bezogen; neuerdings aber ist die Neigung hierzu weniger vorhanden. Im Gegenteil machen jetzt verschiedene Richtungen des Protestantismus alle Anstrengungen, sich der römischen Kirche gleichzustellen und sich mit ihr zu versöhnen und im Verein mit ihr zu wirken. Indem sie dieses tun, werden sie selbst ein Bruchstück der römischen Kirche und machen deren Maß der Ungerechtigkeit voll, indem sie ihr Vorgehen gutheißen, gerade wie die Pharisäer und Schriftgelehrten zu Jesu Zeiten das Maß ihrer Väter voll machten, welche die Propheten getötet hatten. (Matth. 23:31, 32) Das werden freilich weder Protestanten noch Katholiken zugeben, weil sie damit ihr eigenes Urteil fällen würden. Aber auch dies ist von der Offenbarung vorausgesehen. Sie zeigt nämlich, dass, wer ein richtiges Bild von Babylon erhalten wolle, seinen Standpunkt beim wahren Volk Gottes in der Wüste einnehmen müsse, fern von der Welt und ihren Anschauungen und der landläufigen Frömmigkeit, allein auf Gott vertrauend, sich ihm weihend und nur ihm gehorchend. So ist die Stelle Offb. 17:1-5 zu verstehen, wo es heißt: "Und er führte mich im Geist hinweg in eine Wüste; und ich sah ein Weib ... Babylon."

Gleicherweise verknüpfen die Reiche dieser Welt ihr Schicksal mit der großen Babylon, indem sie den kirchlichen Systemen, namentlich der römischen Kirche, einen großen Einfluss zugestanden, sich von diesen den Namen "christliche Völker", "Christenheit", beilegen ließen, die Lehre vom Gottesgnadentum ihrer Monarchen von der Kirche annahmen usw. Die Völker sind dann das Gegenbild zu Babylon im weitesten Sinne, dem babylonischen Reich.

Darum wird auch der Tag des Gerichts über das symbolische Babylon der Tag des Gerichts über alle Nationen der Namenchristenheit sein. Die Katastrophen, die er herbeiführt, werden alle bürgerlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Organisationen treffen, und die einzelnen werden in dem Maße von den Katastrophen mitbetroffen werden, als sie sich auf den Schutz derselben verlassen haben.

Aber auch die Nationen, welche nicht zur Namenchristenheit gehörten, werden die schwere Vergeltung übende Hand empfinden, indem auch sie durch verschiedene Interessen, solche des Handels und andere, mit den "christlichen Nationen" verbunden sind. Die Berechtigung dieser Strafe liegt darin, dass sie das Licht, das sie gesehen, nicht gewürdigt und der Finsternis vorgezogen haben, eben weil ihre Taten schlecht waren. So wird denn, wie der Prophet (Zeph. 3:8) erklärt, die ganze Erde (Gesellschaft) vom Feuereifer Gottes verzehrt werden, aber Babylon, die Namenchristenheit, wird wegen ihrer größeren Verantwortlichkeit, des Missbrauchs, den sie mit der ihr zuteil gewordenen Bevorzugung getrieben hat, den Zorn und die Entrüstung Gottes in ihrer vollen Wucht über sich ergehen lassen müssen. "Von dem Ruf: Babel ist erobert! erzittert die Erde und wird ein Geschrei unter den Nationen vernommen." - Jeremia 50:46; 51:49

Babylon - Mutter und Töchter

Nun aber werden einige aufrichtige Christen, welche den Niedergang des Protestantismus noch nicht gewahren und die Beziehungen der verschiedenen protestantischen Richtungen zur römischen Kirche nicht bemerken, wohl aber die Unbeständigkeit und die Umwälzungen in den Lehren aller religiösen Systeme wahrnehmen, die ängstliche Frage aufwerfen: "Was wird denn aus der großen Frucht der Reformation, dem Protestantismus, wenn die ganze Namenchristenheit vom Fall Babylons ereilt wird?" Diese Frage hat ihre Berechtigung; man bedenke jedoch, dass der Protestantismus unserer Tage nicht die Frucht der Reformation, sondern des Niederganges derselben ist. Er teilt jetzt in hohem Grade die Gesinnung und den Charakter der römischen Kirche, in welcher seine verschiedenen Verzweigungen ihren Ursprung haben. Dieselben sind - wir sagen dies, ohne zu vergessen, dass sie eine relativ kleine Anzahl gläubiger Seelen umschließen, welche der Herr als Weizen im Gegensatz zum überwuchernden Scheinweizen bezeichnet - die Töchter jenes verkommenen Systems innerhalb der Namenchristenheit, des Papsttums, welches die Offb. unter der Bezeichnung "Mutter der Huren" versteht. (Offb. 17:5) Bekennen sich doch jetzt Katholiken und Protestanten freimütig dazu, dass sie wie Mutter und Töchter zueinander stehen, die ersteren, indem sie ihre Kirche stets als die heilige Mutterkirche bezeichnen, die letzteren, indem sie sich diese Anschauung gefallen lassen, wie viele öffentliche Äußerungen von Protestanten, Laien und Geistlichen, bezeugen. So rühmen sie sich ihrer Schande, offenbar ohne dass ihnen dabei zum Bewusstsein kommt, welches Brandmal sie dafür vom Wort Gottes, welches das Papsttum als "Mutter der Huren" bezeichnet, empfangen. Eben sowenig scheint dieses letztere, indem es seine Mutterschaft geltend macht, je überlegt zu haben, ob es denn auch einen Anspruch darauf habe, oder ob dieselbe vereinbar sei mit seinem anderen Anspruch, auch jetzt noch die einzige wahre Kirche zu sein, die in der Heiligen Schrift als Jungfrau, als Braut Christi, bezeichnet wird; dass das Papsttum auf seine Mutterschaft pocht, geschieht also zu seiner und seiner Nachkommenschaft ewiger Schande. Die wahre Kirche, welche Gott kennt, aber nicht die Welt, ist noch jetzt eine "Jungfrau", die Reinheit und Heiligkeit bewahrt und daher keinen Tochtersystemen das Leben geschenkt hat. Sie ist stetsfort eine keusche Jungfrau, Christus treu und lieb wie sein Augapfel. (Sach. 2:8; Psalm 17:6, 8) Die wahre Kirche kann nicht als eine Gemeinschaft nachgewiesen werden, aus welcher aller Scheinweizen ausgeschieden ist; sie besteht aber trotzdem, gleich dem Weizen unter dem Scheinweizen verborgen, aber Gott bekannt, ob die Welt sie erkenne oder nicht.

Wie begründen wir nun die Abstammung der protestantischen Systeme von der römischen Kirche? Wie die Mutter nicht eine einzelne Person, sondern ein großes religiöses System ist, so dürfen wir in den Töchtern auch religiöse Systeme zu sehen erwarten. Sie brauchen natürlich nicht so alt und nicht so verkommen zu sein, wie die katholische Kirche, aber gleichwohl "Huren" in dem Sinne, dass sie behaupten, die jungfräuliche Braut Christi zu sein, und nichtsdestoweniger um die Gunst und Unterstützung der Welt buhlen als Belohnung dafür, dass sie Christus untreu geworden sind. Dieser Beschreibung entsprechen die protestantischen Kirchen durchaus. Sie sind demnach die großen Tochtersysteme.

Wie schon in Band 3 gezeigt ist, sind die Tochtersysteme aus der Reformationsbewegung hervorgegangen, zu welcher die Verdorbenheit der Mutterkirche geführt hat. Sie wurden gleichsam mit Schmerzen geboren und waren ursprünglich jungfräulich. Allein sie umschlossen nicht nur aufrichtige Christen, sondern auch solche in großer Zahl, welche den Sinn der Mutter geerbt hatten. So erbten die protestantischen Kirchen Irrlehren und falsche Theorien, und binnen kurzer Zeit gerieten sie auf bedenkliche Abwege und erwiesen sich als das, was von ihnen geweissagt ist, als "Huren." Man darf eben nicht vergessen, dass, wenn auch die verschiedenen reformatorischen Bewegungen ihr Teil in nicht zu verachtendem Maße beigetragen haben zur "Reinigung des Heiligtums", doch nur die Heiligtumsklasse nach Gottes Wort die wahre Kirche war. Die großen menschlichen Systeme sind nie mehr gewesen als Namenkirchen. Sie sind alle Teile eines falschen Systems, welches die wahre Kirche vor den Augen der Welt verbirgt und in ihr Gegenteil verkehrt. Die wahre Kirche besteht nur aus den ganz geheiligten, treuen Gläubigen, welche an das große Erlösungswerk glauben. Diese findet man hier und dort, bald innerhalb, bald außerhalb der menschlichen Kirchen, doch frei von deren weltlichem Sinn. Sie sind der wahre Weizen im Gleichnis des Herrn, der sie klar von dem Scheinweizen unterscheidet. Sie haben den wahren Charakter dieser Systeme zwar nicht erkannt, aber sie sind, jeder für sich, treulich vor Gott gewandelt, suchten sich Rat in seinem Wort und vertrauten sich der Führung seines Geistes an. Doch es ist ihnen in dem Namen-Zion nie wohl gewesen, denn sie sahen mit Schmerz, dass der Weltgeist in demselben, durch den nicht anerkannten Scheinweizen wirkend, das geistige Wohlergehen gefährdete. Sie sind die gesegneten Trauernden in Zion, denen Gott Schönheit für Asche und Freudenöl für Trauer bestimmt hat. (Matth. 5:4; Jes. 61:3) Aber erst in der Erntezeit ist ihre Ausscheidung von dem Scheinweizen fällig; denn nach Matth. 13:30 war es Gottes Wille, dass beides zusammen aufwachsen sollte bis zur Ernte - zur Zeit, in der wir jetzt leben.

Daher kommt es, dass jetzt dieser Weizenklasse die Augen geöffnet werden, dass sie die wahre Natur dieser verworfenen Systeme erkennt. Wie schon im 4. Kapitel des 3. Bandes gezeigt ist, haben sich die verschiedenen reformatorischen Bewegungen nach der Weissagung des Propheten (Daniel 11:32-35) durch gute Worte herumbringen lassen; jede kam, nachdem sie ihr Teil zur Reinigung beigetragen hatte, zu einem Stillstand, und soweit sie es tunlich fanden, buhlten sie wie die römische Kirche um die Gunst der Welt, dabei ihre Reinheit, ihre Treue gegenüber Christus, dem wahren Haupt der Kirche, preisgebend. So machten Kirche und Staat gemeinsame Sache, in gewissem Grad aus Interessengemeinschaft, und dabei gab erstere ihre wahren geistigen Interessen preis, und Fortschritt und weitere Verbesserung im Schoße der Kirche kamen aber zum Stillstand, aus dem sich dann eine rückläufige Bewegung entwickelte, so dass heute viele kirchliche Gemeinschaften sich weiter von ihrem Ziel weg befinden als zur Zeit ihrer Gründer.

Einige reformierte Kirchen haben sogar Anteil an der Regierungsgewalt irdischer Regenten erhalten, so zum Beispiel die Hochkirche in England, die lutherische Kirche in Deutschland; und die, welche es nicht so weit gebracht haben (wie zum Beispiel die amerikanischen), haben um geringerer Vorteile willen der Welt viele Konzessionen gemacht. Aber ebenso sicher ist, dass, während die weltliche Macht den weltlichen Ehrgeiz der abgefallenen Kirche zu befriedigen bestrebt war, diese ihrerseits auch ohne Widerstand die Welt in ihren Schoß aufnahm, so dass heutzutage Weltkinder, die nur getauft sind, den größten Teil ihrer Glieder ausmachen, jede maßgebende Stelle, die sie vergeben kann, einnehmen und sie so beherrschen.

Dies war gerade der Weg, auf dem die Kirche im Anfang des Evangeliums-Zeitalters sich herabwürdigte, bis der große Abfall kam (2. Thess. 2:3, 7-10), der Stufe für Stufe, aber schnell, sich zum Papsttum auswuchs. Die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen haben aber auch ihrerseits Haltlosigkeit gezeigt, was die Bildung von Sekten hervorrief, und diese Haltlosigkeit besteht heute noch fort, ja, sie teilte sich den Sekten mit, die je zahlreicher, reicher und einflussreicher sie wurden, um so schneller vom wahren Christentum abfielen und die Anmaßung der Kirche, aus der sie hervorgingen, weiter entwickelten. Einige ernste Christen in allen diesen Kirchen und Sekten sehen das wohl bis zu einem gewissen Grad ein und bekennen und beklagen es mit Beschämung und Besorgnis. Sie sehen, dass alle Kirchen und Sekten sich möglichst anstrengen, der Welt zu gefallen, um ihrer Gunst und ihres Schutzes teilhaftig zu werden. Herrliche, kostspielige Gotteshäuser, schlanke gen Himmel ragende Türme, weithin schallendes Glockengeläute, große Orgeln, schöne Ausstattungen jeder Art, künstlerisch ausgebildete Gesangchöre, als Redner ausgezeichnete Prediger, Feste, Konzerte, Spiele, ja, Lotterien und andere recht fragwürdige Vergnügungen und Zeitvertreibe sollen dazu dienen, der Kirche die Billigung und die Unterstützung der Welt zu sichern. Die großen und heilsamen Lehren Christi werden in den Hintergrund gedrängt, während Irrlehren und auf den Sinn berechnete Mittel von der Kanzel verkündet und in Anwendung gebracht werden. Die Wahrheit bleibt verdeckt und vergessen und ihr Geist geht verloren. Wie gleichen nicht in allen diesen Dingen die Tochtersysteme ihrer Mutter!

Als einen der zahlreichen Beweise dafür, wie unverhohlen und mit wie viel Stolz sogar die protestantischen Kirchen ihre enge Verbindung mit dem Papsttum proklamieren, geben wir folgende Stelle aus einer in der Tagespresse veröffentlichten Predigt eines Presbyterianer Pfarrers:

"Man mag sich noch so sehr dagegen sträuben und wehren, so muss man doch schließlich zur Erkenntnis gelangen, dass die römische Kirche die Mutterkirche ist. Sie hat eine bis in die Zeit der Apostel zurückgehende fortlaufende Geschichte. (Gewiss, denn schon damals begann der Abfall - 2. Thess. 2:7, 8) Für jeden Teil des Glaubens, dessen wir uns rühmen, sind wir ihr zu Dank verpflichtet, indem sie es gewesen ist, die ihn sorgfältig aufbewahrt hat. Wenn wir ihr nicht das Recht zuerkennen, sich als die wahre Kirche zu betrachten, dann sind wir Bastarde und nicht legitime Kinder. Darum mag ich nicht davon hören, dass ein Missionswerk zur Bekehrung der Katholiken betrieben werde. Mit demselben Recht könnten Missionare zu den Methodisten, Hochkirchlichen, unierten Presbyterianern und Lutheranern gesandt werden, um sie für die Presbyterianerkirche zu gewinnen!"

Ja, wahrlich, fast alle Irrlehren, an denen die Protestanten so hartnäckig festgehalten, haben sie von der römischen Kirche mit herübergenommen, wiewohl sie von den gröbsten Irrtümern, wie Messopfer, die Verehrung der Heiligen, der Jungfrau Maria, der Heiligenbilder, Ohrenbeichte, dem Ablass usw. zurückgekommen sind. Aber leider sind heutzutage die Protestanten nicht nur willig, sondern sogar eifrig bestrebt, der katholischen Kirche, deren Gewaltherrschaft und Niederträchtigkeit ihre Väter vor 300 Jahren zur Flucht bewog, neuerdings Konzessionen zu machen, um sich der Gunst und der Unterstützung derselben zu versichern. Sogar diejenigen Glaubensartikel, welche zuerst den Grund zu dem erhobenen Protest bildeten, werden allmählich vergessen oder offenkundig verworfen. Die eigentliche Grundlehre von der "Rechtfertigung durch den Glauben" an das "beständige Opfer" macht mehr und mehr dem alten päpstlichen Dogma von der Rechtfertigung durch die Werke und das gotteslästerliche Messopfer Platz. (Anmerkung: Letzteres in der Hochkirche Englands und der Vereinigten Staaten). Viele erklären heute offen von der Kanzel oder dem Lehrstuhl herab, dass sie das kostbare Blut Christi nicht als genügendes Lösegeld für die Sünder betrachten, welchem viele Laien beistimmen.

Der Ausspruch, Nachfolger der Apostel zu sein und als solche Autorität in Glaubenssachen zu haben, wird von einigen protestantischen Geistlichen mit ebensoviel Vermessenheit erhoben wie von den katholischen Priestern, und das Recht der individuellen, persönlichen Überzeugung, welches doch die Grundlage zum Protest gegen das Papsttum gebildet und die große Reformationsbewegung hervorgerufen hat, wird jetzt von Protestanten ebenso bestritten wie von Katholiken; doch wissen die Protestanten sehr wohl, dass gerade mit der Ausübung dieses Rechtes des einzelnen die Reformation begann und eine Zeitlang fortgeführt wurde, bis eine selbstangemaßte Herrschaft der anerkannten Leiter das Tempo des Fortschritts verlangsamte und diesen seither in die überlieferten Schranken hineinzwang, wobei jeder als Ketzer erschien, der sie furchtlos überschritt.

So betrachtet, ist der Protestantismus nicht mehr ein Protest gegen die Mutterkirche, wie er es erst war, wie denn auch ein Tagesschriftsteller bemerkte: "Der -ismus ist noch da, was ist aber aus dem Protest geworden?" Die Protestanten scheinen ganz vergessen zu haben - denn sie wissen es wahrlich nicht - auf was sich der ursprüngliche Protest gründete; und ihre Kirchen treiben unaufhaltsam in die offenen Arme der "heiligen (?) Mutterkirche" zurück, wo ihnen ein herzlicher Empfang sicher ist. Sagte doch Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika 1894 an die Fürsten und Völker der Erde zu den Protestanten:

"Wir strecken euch in Liebe unsere Hand entgegen und laden euch ein zur Einheit, welche der katholischen Kirche nie gefehlt hat und nie fehlen kann. Schon lange ruft euch unsere gemeinsame Mutter in ihren Schoss zurück, schon lange erwarten euch alle Katholiken der Welt voll Kummer in brüderlicher Liebe. Unser Herz noch mehr als unser Mund ruft euch, liebe Brüder, die ihr vor drei Jahrhunderten denselben Glauben hattet wie wir."

Papst Leo XIII. sagt in seiner Enzyklika 1895 an die katholische Kirche in Amerika wiederum:

"Unsere Gedanken gehen nun hinüber zu jenen, die anderen christlichen Glaubens sind als wir. Wie schwer bekümmert uns ihr ewiges Heil, wie inbrünstig wünschen wir, dass sie zuletzt in den Schoß der Kirche, unser aller gemeinsamen Mutter, zurückkehren möchten! Sicherlich dürfen wir sie nicht sich selbst überlassen, wir müssen sie vielmehr mit Milde und heiliger Liebe hinüberziehen und zu dem Zweck alle Kunst der Überredung aufwenden, damit sie jeden Teil der katholischen Lehre einer genauen Prüfung unterwerfen und sich von Vorurteilen losmachen."

Der Papst verflocht in seinen Hirtenbrief 1895 an das englische Volk folgendes Gebet:

"O heilige Jungfrau Maria, Mutter Gottes und unsere allgütige Königin und Mutter! Blick in Gnaden herab auf England! O Mutter, der das Schicksal der Menschen so sehr am Herzen liegt, bitte für unsere abgefallenen Brüder, damit sie mit der einen wahren Herde vereinigt werden möchten unter dem Oberhirten, dem Stellvertreter deines Sohnes" - dem Papst.

Zur Förderung dieser Absichten sind Missionen unter den Protestanten gegründet worden, zum Beispiel die "Paulinischen Brüder." Diese veranstalten in den großen Städten Versammlungen, in welchen von Versöhnung und Erläuterung die Rede ist; man bittet um schriftliche Anfragen von Protestanten und beantwortet dieselben öffentlich, ja, man verteilt offen und ungescheut für die Protestanten beziehungsweise deren Gewinnung berechnete Traktate. Die Protestanten räumen den Katholiken einfach das Feld; antworten können sie nicht, und wenn einer es kann und es wagt und Tatsachen hervorbringt, so wird er von Protestanten und Katholiken als Friedensstörer bezeichnet.

Jeder Denkende sieht ein, wie leicht der Protestantismus durch dieses listige und durchtriebene Verfahren zu bestricken ist und wie sich eine deutliche Strömung bildet in der Richtung nach der katholischen Kirche, welche zwar in anderer Weise predigt und der äußerlichen Gewalt entbehrt, allein in ihrem Herzen stetsfort die Inquisition und andere Zwangsmittel dunkler Jahrhunderte gutheißt und es heute noch als ihr Recht beansprucht, als Beherrscherin der Welt die Ketzer zu bestrafen, wenn sie es wollte.

Es ist daher klar, dass, wenn auch selbst im Schoße dieser babylonischen Systeme manche treuen Seelen, den wahren Stand der Dinge nicht erkennend, Gott in Demut und Aufrichtigkeit gedient haben, diese Systeme dennoch, eines wie das andere, "Huren" sind. "Verwirrung" herrscht in ihnen allen, so dass der Name "Babylon" trefflich auf die ganze Familie, Mutter, Töchter und Mitschuldige, die "Christenheit" genannten Nationen, passt. - Offb. 18:7; 17:2-6, 18

So wollen wir denn festhalten, dass wir in den politisch-kirchlichen Systemen, welche die Menschen "Christentum" nennen, während Gott sie als Babylon bezeichnet, nicht nur die Grundlage, sondern den ganzen Aufbau und die Krone unserer gegenwärtigen sozialen Ordnung vor uns haben. Dies liegt in der allgemeinen Anwendung der Bezeichnung "Christenheit", unter der nicht nur solche Staaten verstanden werden, die christliche Kirchen gesetzlich anerkennen und ausstatten, sondern auch solche, die das Christentum dulden, es aber in keiner Weise fördern oder unterstützen, wie zum Beispiel die Vereinigten Staaten.

Die Lehre vom "Gottesgnadentum" der Monarchen, an welcher fast jede Kirche festhält, ist die Grundlage der alten bürgerlichen Ordnung und hat den Königreichen Europas jahrhundertlang Autorität, Ansehen und Dauerhaftigkeit verliehen, und die Lehre von der göttlichen Berufung und Autorität der Geistlichkeit hat die Kinder Gottes gehindert, in der Erkenntnis der göttlichen Dinge Fortschritte zu machen, und hat sie durch die Fesseln des Aberglaubens und der Unwissenheit zu der Verehrung und Anbetung fehlbarer Mitmenschen geführt und sie auf deren Lehren, Überlieferungen und Erklärungen zum Wort Gottes verpflichtet. Diese ganze Ordnung der Dinge eben ist es, welche in dem Kampf jenes großen Tages zu Fall kommen und weggeräumt werden wird, die Ordnung der Dinge, die jahrhundertlang die Leute völlig unter das Joch bürgerlicher, gesellschaftlicher und kirchlicher Machthaber beugte. Diese Unterjochung hat Gott freilich zugelassen, niemals aber gewollt oder gebilligt, wie sie behaupten. Dennoch hat es, wiewohl an sich vom Übel, auf eine bestimmte Zeit Gutes gewirkt, indem es der Anarchie vorbeugte, die noch weit schlimmer sein wird. Es war notwendig, weil die Menschen selbst es nicht besser machen konnten, und weil die Zeit zur Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches Christi noch nicht gekommen war. Daher gestattete Gott, dass die verschiedenen Täuschungen Glauben fanden, wodurch die Menschheit bis zur Zeit des Endes, bis zum Ende der Zeiten der Nationen in Schranken gehalten wurde.

Babylons Fall

Nicht nur die Weissagung, sondern ebenso deutlich weisen die Zeichen der Zeit auf den Fall Babylons, der Namenchristenheit, hin. Dass ihre Vernichtung plötzlich und vollständig sein und unter schweren Kämpfen vor sich gehen wird, ersehen wir aus folgender Stelle (Offb. 18:21): "Und ein starker Engel erhob einen großen Stein auf als einen Mühlstein, warf ihn ins Meer und sprach: Also wird Babylon, die große Stadt, mit Gewalt niedergeworfen und nicht mehr gefunden werden." (vergleiche Offb. 18:8; Jer. 51:63, 64, 42, 24-26) Doch andererseits wird ein allmähliches Verzehrt werden von Daniel geweissagt (7:26), welcher schreibt: "Danach wird das Gericht gehalten werden; da wird dann seine Gewalt weggenommen werden, dass er zugrunde vertilgt und umgebracht (vernichtet) werde." Die "päpstliche Herrschaft" (und damit viel von der verwerflichen, abergläubischen Verehrung der Menschen für die Geistlichkeit im allgemeinen) ist, wie im 2. Band gezeigt wurde, beim Beginn der Zeit des Endes, im Jahre 1799, gebrochen worden, und wiewohl seither der Vernichtungsprozess ein langsamer gewesen ist und gelegentlich durch scheinbares Wiederaufleben der päpstlichen Macht unterbrochen war (und gerade gegenwärtig erweckt dieses Wiederaufleben die kühnsten Hoffnungen seiner Anhänger), so ist doch die schließliche Vernichtung des Papsttums und die Heftigkeit seines Todeskampfes unzweideutig prophezeit. Vorerst muss es freilich einen großen Teil seines vormaligen Ansehens wieder erlangen, was durch seinen Bund mit den Tochterkirchen erstrebt werden wird. Sie werden zusammen erhoben werden, um auch gleichzeitig mit Gewalt gestürzt werden zu können.

"Die große Babylon kam ins Gedächtnis vor Gott, ihr den Kelch des Weines des Grimmes seines Zornes zu geben"; "und hat das Blut seiner Knechte gerächt an ihrer Hand." (Offb. 16:19; 19:2) "Denn ihre Sünden sind aufgehäuft bis zum Himmel und Gott hat ihrer Ungerechtigkeiten gedacht. Vergeltet ihr, wie auch sie vergolten hat, und verdoppelt (ihr) doppelt nach ihren Werken; in dem Kelch, welchen sie gemischt hat, mischet ihr doppelt. Wie viel sie sich verherrlicht und Üppigkeit getrieben hat, so viel Qual und Trauer gebet ihr. Denn sie spricht in ihrem Herzen: Ich sitze als Königin, und Witwe bin ich nicht, und Traurigkeit werde ich nicht sehen." - Offb. 18:5-7

Das meiste hiervon ist natürlich in bezug auf die katholische Kirche gesagt, doch geht es auch alle die an, welche mit ihr irgendwie in Verbindung stehen und mit ihr sympathisieren. Alle solche werden ihrer Plagen teilhaftig werden. (Offb. 18:4) Wenn auch die Könige der Erde die Hure gehasst und verstoßen haben (Offb. 17:16), so spricht sie doch: "Ich sitze als Königin und Witwe bin ich nicht", sie prahlt laut mit ihrem Anrecht auf die Beherrschung der Nationen und verkündet, dass ihre einstige Macht bald wiedergewonnen sein wird. Von ihrem Prahlen und Drohen gibt folgende Stelle aus einem katholischen Journal Zeugnis:

"Das Papsttum wird seine weltliche Herrschaft wieder erlangen, weil dieselbe für die Kirche passend und nutzbringend ist. Sie gibt dem ausführenden Haupt der Kirche vollere Freiheit und größeren Einfluss. Der Papst kann auf die Dauer keines Königs Untertan sein; das verträgt sich nicht mit seinem göttlichen Amt. Es hemmt und beengt ihn in seiner Wirksamkeit für das Gute. Europa hat den guten Einfluss seiner Wirksamkeit anerkannt und wird in Zeiten größerer Not als jetzt sich vor ihm zu beugen gezwungen sein. Soziale Erhebungen und die blutige Hand der Anarchie werden endlich doch Leo XIII. oder seinen Nachfolger mit der Macht krönen, von welcher die dreifaltige Krone ein Symbol ist, und die einst allgemein anerkannt war."

Jawohl, wenn der Tag der Drangsal anbricht, so wird die Geistlichkeit ihre Macht und ihren Einfluss mehr und mehr zur Sicherung ihrer äußeren Wohlfahrt zu verwenden suchen, indem sie die unruhigen Elemente der Gesellschaft zu lenken trachtet. Aber in der nahe bevorstehenden Krisis wird das gesetzlose Element aller staatserhaltenden Beeinflussung spotten und alle Schranken durchbrechen, und die blutige Hand der Anarchie wird ihr schreckliches Werk vollbringen, und Babylon, die Namenchristenheit, seine gesellschaftlichen, bürgerlichen und kirchlichen Einrichtungen, werden fallen.

"Darum (weil sie sich so heftig um ihre Macht und ihre Existenz wehren wird) werden ihre Plagen auf einen Tag kommen (plötzlich), der Tod, Leid und Hunger; mit Feuer (vernichtenden Katastrophen) wird sie verbrannt werden; denn stark ist Gott, der Herr, der sie richten wird." (Offb. 18:8) "So spricht der Herr: Siehe, ich will einen scharfen Wind erwecken wider Babel und wider ihre Einwohner, die sich wider mich gesetzt haben (alle, die sich mit Babylon verbrüderten). Ich will auch Worfler gen Babel schicken, die sie worfeln sollen und ihr Land ausfegen; denn am Tag der Drangsal werden alle um sie her wider sie sein ... Verbannet all ihr Heer!" (Jer. 51:1-3) "Ich will Babel (dem Papsttum insbesondere) und allen Einwohnern in Chaldäa (der Namenchristenheit) alle ihre Bosheit vergelten, die sie an Zion begangen haben vor euren Augen, spricht der Herr." - Jer. 51:24

Wenn wir uns die lange Reihe von Bosheiten in Erinnerung rufen, durch welche Babylon die Heiligen des Allerhöchsten (das wahre Zion) bedrückt und geplagt hat, wenn wir uns daran erinnern, dass geschrieben steht, Gott werde seine Auserwählten rächen und das in einer Kürze (Luk. 18:7, 8), dass er seinen Widersachern vergelten und seinen Feinden mit Grimm bezahlen will (Jer. 51:6), so fangen wir an zu fühlen, dass eine schreckliche Katastrophe ihrer wartet. Die verabscheuungswürdigen Befehle des Papsttums, deren Lohn auch den Protestantismus treffen wird, da er jetzt mit dem Papsttum gemeinsame Sache macht, jene Befehle, durch welche Verbrennung, Abschlachtung, Verbannung, Einsperrung und Marterung der Heiligen auf alle erdenkliche Weise angeordnet ward, und welche zur Zeit, da das Papsttum mächtig war, von den staatlichen Gewalten mit so großer Grausamkeit ausgeführt wurden, harren eines vollen Maßes gerechter Vergeltung. Denn das Papsttum soll "das Doppelte empfangen für alle seine Bosheit." Die Nationen der Namenchristenheit, welche sich seiner Verbrechen mitschuldig gemacht haben, werden auch den bitteren Kelch mit ihm bis auf die Hefe leeren müssen.

"Ich werde den Bel zu Babel heimsuchen (den Gott Babylons, also den Papst) und aus seinem Mund herausnehmen, was er verschlungen hat (er wird in seinem Verzweiflungskampf auf die großen, prahlerischen Worte und gotteslästerlichen Titel, wie "unfehlbarer Stellvertreter Christi", "Statthalter Christi", "ein anderer Gott auf Erden" usw., verzichten); und nicht mehr sollen Nationen zu ihm strömen. Auch Babels Mauer (die Staatsgewalt, welche einst die Namenchristenheit schützte und es zum Teil jetzt noch tut) ist gefallen ... So spricht Jehova der Heerscharen: Die Mauern von Babel, die breiten, sollen gänzlich geschleift und ihre hohen Tore mit Feuer verbrannt (zerstört) werden. Und so mühen sich die Völker vergebens ab, und Völkerschaften fürs Feuer (zu schützen und zu retten die Mauern Babylons), und sie ermatten." - Jer. 51:44, 58

Dies zeigt die Verblendung der Menschen und den Zauber, den Babylon auf sie ausübt, dass sie ihren eigenen Interessen zuwider jene hochzuhalten sich abmühen werden. Aber ungeachtet ihres verzweifelten Ringens um Dasein, Einfluss und Macht wird Babylon untergehen und sich nimmer erheben, denn "stark ist der Herr, Gott, der sie richtet." Erst dann werden die Menschen merken, dass sie nun frei sind, und dass jener Sturz Babylons von Gottes mächtiger Hand herrührte. - Offb. 19:1, 2

So wird es beim Sturz Babylons, der Namenchristenheit, gehen, den Jes. und andere Propheten vorausgesehen und vorausgesagt haben. Gerade mit Rücksicht darauf, dass innerhalb derselben sich viele befinden, die zu dem geliebten Volk Gottes gehören, lässt der Herr den Befehl ergehen an seine Heiligen:

"Auf kahlem Berge (das heißt unter denen, welche das werdende Reich Gottes bilden) erhebet ein Panier (das Panier des segenbringenden Evangeliums der Wahrheit, die nun gereinigt ist von den hergebrachten Irrtümern, welche sie so lange verdunkelten); ruft ihnen zu mit lauter Stimme (verkündet nachdrücklich weit und breit diese Wahrheit den erschreckten Schafen von der Herde des Herrn, die sich noch in Babylon befinden), schwinget die Hand (lasst sie ein Beispiel sehen von der Macht der Wahrheit, nachdem sie ihre Verkündigung vernommen), dass sie (die willigen, gehorsamen, anhänglichen Schafe) einziehen in die Tore der Edlen (dass sie der Segnungen der wahrhaft Geheiligten, Erben des Reiches, teilhaftig werden mögen)." - Jes. 13:2

So ergeht denn auch die Stimme der Warnung an die, die Ohren haben zu hören. Wir leben jetzt in der Zeit des letzten Stadiums (desjenigen von Laodicäa - Offenbarung 3:14-22) der großen aus Weizen und Scheinweizen bestehenden Namenkirche. Sie wird getadelt ob ihrer Lauheit, ihres Hochmutes, ihrer Armut an geistigen Gütern, ihrer Blindheit und Blöße und ermahnt, bald von ihrem bösen Wege abzulassen, bevor es zu spät ist. Aber der Herr wusste, dass nur wenige die Warnung und den Mahnruf hören würden, und diesen wenigen verheißt er den Lohn (nicht der ganzen Menge derer, die er ruft), die noch ein Ohr haben für die Wahrheit, und die die allgemeine Sinnesart und Geistesrichtung Babylons überwinden:

"Wer überwindet, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden und mich mit meinem Vater gesetzt habe auf seinen Thron. Wer ein Ohr hat (bereit ist zu hören, das Wort des Herrn anzunehmen und zu beachten), der höre, was der Geist den Versammlungen sagt." Über die aber, die ihr Ohr nicht leihen, nicht bereit sind zu hören, wird der Herr seinen Zorn ausschütten.

Dass mit wenigen Ausnahmen die Haltung der Namenchristenheit durch Hochmut, Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit bestimmt ist, ist für jeden, der zu sehen und zu beachten weiß, handgreiflich. Noch immer sagt sie in ihrem Herzen: "Ich sitze als Königin und Witwe bin ich nicht und Traurigkeit werde ich nicht sehen." Noch erhebt sie sich selbst und lebt in Üppigkeit. Sie sagt: "Ich bin reich und reich geworden, und bedarf nichts" und bemerkt nicht, dass sie elend und jämmerlich, arm, blind und bloß ist. Auch beachtet sie nicht den Rat des Herrn (um den Preis der Selbstverleugnung) von ihm zu kaufen im Feuer bewährtes Gold (die wahren, himmlischen Güter, die göttliche Natur) und weiße Kleider (das Kleid von Christi zugerechneter Gerechtigkeit, welches heutzutage so viele verwerfen, um dann vor Gott in ihrer eigenen Gerechtigkeit zu erscheinen) und Augensalbe, ihre Augen zu salben, damit sie sehen mögen (volle Heiligung und Unterwerfung unter den göttlichen Willen, wie er in der Heiligen Schrift niedergelegt ist).

Der Geist dieser Welt hat sich so sehr der Herzen der kirchlichen Gewalthaber in der Namenchristenheit bemächtigt, dass eine Reformation der Systeme nicht mehr möglich ist und die einzelnen nur durch schleunige Lostrennung von den kirchlichen Systemen dem Verderben entrinnen können. Die Stunde des Gerichts ist gekommen und eben jetzt schreibt die warnende Hand der göttlichen Vorsehung jene geheimnisvollen Worte an die Wand: "Mene, mene, tekel, upharsin." Gott hat deine Herrschaft gezählt und ihr ein Ende gemacht. Du bist auf der Wage gewogen und zu leicht erfunden. Und der Prophet Jes. (47:1-11) spricht mit Bezug auf die heutige Zeit:

"Steige herunter und setze dich in den Staub, Jungfrau (ironisch), Tochter Babel! Setze dich hin zur Erde, ohne Thron, Tochter der Chaldäer! denn nicht mehr sollst du die Weichliche und Verzärtelte genannt werden ... aufgedeckt werde deine Blöße, ja gesehen deine Schande! Ich werde Rache nehmen und (dich wie) Menschen nicht verschonen ... Sitze stumm und gehe in die Finsternis, Tochter der Chaldäer! Denn nicht mehr sollst du Herrin der Königreiche genannt werden ... Du sprachst: In Ewigkeit werde ich Herrin sein! So dass du dir dieses nicht zu Herzen nahmst, das Ende davon nicht bedachtest.

"Und nun höre dieses, du Üppige, die in Sicherheit wohnt, die in ihrem Herzen spricht: Ich bin es und gar keine sonst! ich werde nicht als Witwe sitzen, noch Kinderlosigkeit kennen. Dieses beides wird über dich kommen in einem Augenblick, an einem Tag: Kinderlosigkeit und Witwentum (vergleiche Offb. 18:8): in vollstem Maße werden sie über dich kommen, trotz der Menge deiner Zaubereien, trotz der gewaltigen Zahl deiner Bannsprüche. Und du vertrautest auf deine Bosheit, du sprachst: Niemand sieht mich. Deine (weltliche) Weisheit und dein Wissen, das hat dich irre geführt; und du sprachst in deinem Herzen: Ich bin es, und gar keine sonst! Aber es kommt über dich ein Unglück, das du nicht wegzuzaubern wissen wirst, und ein Verderben wird über dich herfallen, welches du nicht zu sühnen vermagst; und plötzlich wird eine Verwüstung über dich kommen, die du nicht ahntest." - Vergleiche Offb. 18:7.

Da die Babylon betreffenden Erklärungen so feierlich sind, wird es gut sein, die warnende Stimme und die Anweisung zu beachten, welche der Herr seinem Volk, das noch innerhalb Babylons wohnt, erteilt:

"So spricht Jehova: ... Fliehet aus Babel hinaus und rettet ein jeder sein Leben, werdet nicht vertilgt wegen seiner Ungerechtigkeit! denn es ist die Zeit der Rache Jehovas: was es getan hat, vergilt er ihm ... Plötzlich ist Babel gefallen und zertrümmert ... Wir haben Babel heilen wollen, aber es ist nicht genesen. Verlasset es, ... denn sein Gericht reicht bis an den Himmel und erhebt sich bis zu den Wolken ... Ziehet aus ihm hinaus, mein Volk, und errettet ein jeder sein Leben vor der Glut des Zornes Jehovas!" - Jer. 51:1, 6, 8, 9, 45. -vergl. Offb. 17:3-6; 18:1-5

Für die, welche dem Befehl, von Babylon auszugehen, nachkommen, gibt es nur einen Zufluchtsort; und der ist nicht in einer neuen Sekte, einem neuen Bund, sondern in "dem Verborgenen des Höchsten", wo die volle Weihung stattfindet, von dem das Allerheiligste im Tempel das Vorbild war. "Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich traue." - Psalm 91

Das Herausgehen von Babylon kann natürlich nicht als eine Auswanderung aus dem Gebiet der namenchristlichen Nationen gedeutet werden; denn die ganze Erde, nicht nur die "christliche Welt", wird vom Feuer des Zornes Gottes verzehrt werden. Freilich wird die größte Wucht seines Zornes über die erleuchteten Nationen der "Christenheit" hereinbrechen, welche den Willen Gottes kannten oder sehr wohl kennen konnten.

Die Lostrennung von Babylon ist vielmehr so gemeint, dass man sich von allen Banden in der Namenchristenheit, von jeder Teilnahme an deren bürgerlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Organisationen losmachen soll, und zwar sowohl grundsätzlich als auch aus Gründen der von Gott gegebenen Weisheit. Grundsätzlich, weil, sobald das hellere Licht der zur Erntezeit fälligen Wahrheit unseren Geist erleuchtet und die Irrtümer in ihrer Missgestalt erkennen lässt, wir uns dem Lichte zu und von den Irrtümern abwenden müssen, indem wir diesen alle unsere Unterstützung entziehen. Dies kann nur geschehen, indem wir aus den verschiedenen kirchlichen Organisationen ausscheiden, deren Lehren das Wort Gottes missdeuten und seines Inhaltes berauben. Gleichzeitig müssen wir allen bestehenden bürgerlichen Gewalten fremd gegenüberstehen, nicht um sich ihnen zu widersetzen, sondern in aller Friedfertigkeit und Unterwürfigkeit den Gesetzen gegenüber, dem Kaiser gebend, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist, als Bürger des Himmels, nicht der Erde, deren Einfluss nur auf die Förderung von Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit, Liebe und Frieden gerichtet ist. Von den verschiedenen gesellschaftlichen Organisationen werden uns bald die Grundsätze, bald die Klugheit scheiden. Die Grundsätze können alle frei machen, die jetzt durch Eide oder Verpflichtungen an die verschiedenen geheimen Gesellschaften gebunden sind, denn "ihr, die ihr in Finsternis wart, seid nun erleuchtet in dem Herrn und wandelt als Kinder des Lichtes, keine Gemeinschaft habend mit den nutzlosen Werken der Finsternis, diese vielmehr missbilligend." (Eph. 5:6-17) Je näher aber die Krisis des schrecklichen Tages heranrückt, wird es sicherlich denen, die die Lage vom Standpunkt des bewährten prophetischen Wortes aus betrachten, deutlich werden, dass in vielen Fällen, welche die Grundsätze unberührt lassen, es weise sein wird, sich von den verschiedenen gesellschaftlichen und finanziellen Verbindungen loszumachen, welche in den Stürmen der die Welt umfassenden Umwälzungen und anarchistischen Zustände doch sicher keinen Schutz mehr gewähren können. In dieser Zeit (und man bedenke, dass dies vermutlich innerhalb der nächsten wenigen Jahre sein wird) werden alle Finanzinstitute, die Versicherungs- und wohltätigen Gesellschaften untergehen, und ihre angehäuften Schätze werden sich als wertlos erweisen. Diese Höhlen und Felsvorsprünge der Gebirge werden vor der Wut dieses schrecklichen Tages keinen Schutz gewähren, wenn die Wogen der Unzufriedenheit der Massen gegen die Berge (Königreiche) peitschen und schäumen werden (Offb. 6:15-17; Psalm 46:3), an jenem Tag, da "werden sie ihr Silber hinaus auf die Gassen werfen und ihr Gold als ein Unflat achten, denn ihr Silber und Gold wird sie nicht erretten am Tag des Zornes des Herrn. Sie werden ihre Seele davon nicht sättigen noch ihren Bauch davon füllen, denn es ist ihnen ein Anstoß zu ihrer Missetat gewesen." - Hes. 7:19; vergleiche die Verse 12-18, 21, 25-27

Wer nun seine Zuflucht zum Allerhöchsten genommen hat, braucht sich vor solchen Zeiten nicht zu fürchten. Er wird sie bedecken mit seinen Fittichen, und unter seinen Flügeln werden sie geborgen sein. Zion wird würdig befunden werden, allen diesen Dingen zu entrinnen, die über die Welt kommen. - Psalm 46:3, 4; Luk. 21:36

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Studie 3

Die Notwendigkeit und Gerechtigkeit des Tages der Rache

"Über dieses Geschlecht", Vorbild und Gegenbild. - Die große Drangsal eine rechtmäßige Folge vorhergegangener Ursachen. - Die Verantwortlichkeit der "Christenheit" und ihr Verhalten dazu. - Bürgerliche Mächte; religiöse Führer; die verschiedenen Stände. - Die Beziehung der heidnischen Nationen zur "Christenheit" und zur Drangsal. - Das Gericht Gottes. - "Die Rache ist mein, ich will vergelten."

"Wahrlich, ich sage euch, dies alles wird über dieses Geschlecht kommen." - Matth. 23:34-36; Luk. 11:50, 51

Wer nicht gewohnt ist, Grundsätze vom Standpunkt einer gerechten und sittlichen Philosophie aus zu beurteilen, dem mag es sonderbar erscheinen, dass eine Generation der Menschheit büßen soll für alles, was viele vorangegangene Generationen verschuldet haben. Doch da dies das gefällte Urteil Gottes ist, der nicht irren kann, so müssen wir uns die Sache reiflich überlegen. Die Gerechtigkeit des Urteils wird uns dann klar werden.

In den oben zitierten Bibelstellen erklärt der Herr, dass es der Generation des fleischlichen Israels, zu der er sprach am Ende des jüdischen Zeitalters, gerade so gehen werde. "Über euch wird kommen alles gerechte Blut, das auf Erden vergossen ist, vom Blute des gerechten Abel bis zum Blute des Zacharias, den ihr zwischen Tempel und Altar ermordet habt." (Matth. 23:35)

Das war eine schreckliche Prophezeiung: sie fand aber taube Ohren und ungläubige Herzen, dennoch ist sie wörtlich genau 37 Jahre später in Erfüllung gegangen, als Bürgerkrieg und feindliche Armeen schreckliche Vergeltung übten. In jener Zeit war, wie wir lesen, das jüdische Volk durch Eifersucht in Parteien gespalten, die einander bekriegten, und das gegenseitige Misstrauen war auf das höchste gesteigert. Freundschaften wurden zerstört, Familien lösten sich auf, und jedermann war voller Argwohn gegen seinen Bruder. Diebstahl, Betrug und Mord war sehr verbreitet, und niemandes Leben war sicher, selbst im Tempel nicht. Der Hohepriester wurde in Ausübung seines Amtes erschlagen. Da trieb das Blutbad in Cäsarea das Volk zur Verzweiflung. Es glaubte sich überall zur Abschlachtung bestimmt und einigte sich nun zu gemeinsamer Abwehr durch einen Aufstand. So empörte sich das kleine Judäa offen gegen Rom und forderte damit die ganze zivilisierte Welt von damals in die Schranken. Vespasian und Titus wurden zu ihrer Züchtigung ausgesandt; eine Stadt nach der anderen fiel in ihre Hände, bis zuletzt Jerusalem an die Reihe kam. Eben waren Tausende zum Passahfest in Jerusalem zusammengeströmt, als Titus (im Frühling 70) die Stadt einschloss. In kurzer Zeit fielen da die Einwohner dem Hunger, dem Bürgerkrieg und dem Schwert des Feindes zum Opfer. Wer bei einem Versuch, sich durch die Belagerungslinien durchzuschleichen, erfasst ward, wurde ans Kreuz geschlagen, und die Hungersnot war so schrecklich, dass Eltern ihre eigenen Kinder schlachteten und verzehrten. Josephus gibt die Zahl der Umgekommenen auf eine Million an, und Stadt und Tempel wurden in Asche gelegt.

So erfüllte sich die Prophezeiung an dem widerspenstigen fleischlichen Israel am Ende des Zeitalters, in dem es sich einer besonderen Gunst als Gottes auserwähltes Volk zu erfreuen hatte. Jetzt, am Ende des Evangeliums-Zeitalters, wird das Gegenbild zu jener Drangsal über das dem Namen nach geistliche Israel kommen, in Erfüllung der weiteren Bedeutung der Prophezeiung. Dieses dem Namen nach geistliche Israel ist die Namenchristenheit, über welche eine Drangsal hereinbrechen wird, wie sie nicht gewesen ist, seit es Völker gab auf Erden, eine Drangsal, die also noch schrecklicher sein wird als die, welche über Judäa und Jerusalem hereinbrach. Etwas Schrecklicheres können wir uns nun kaum vorstellen, es sei denn in dem Sinne, dass diese kommende Drangsal allgemeiner und verbreiteter sein und noch mehr zugrunde richten wird, was man sich denken kann, wenn man sich der gegenwärtigen Kriegswaffen erinnert. Statt nur ein Volk oder Land zu treffen, wird das Verderben die ganze Welt treffen, in erster Linie die zivilisierte Welt, die Namenchristenheit, Babylon. Wir dürfen daher das Gericht, das über das fleischliche Israel erging, als das Vorbild jenes viel größeren und schrecklicheren Gerichtes ansehen, das am Ende des Evangeliums-Zeitalters über die Namenchristenheit hereinbrechen wird. Wer voreilig diese Verfügung des Allmächtigen gegenüber dem jetzt lebenden Geschlecht als ungerecht zu betrachten geneigt ist, hat eben das vollkommene Gesetz der Vergeltung nicht begriffen, welches sicher, wenn auch oft langsam, zu seinem Ziele führt. Die Gerechtigkeit und Notwendigkeit dieses Gerichtes ist hingegen allen klar, die nachdenken, sich beugen und, statt Gott eines Unrechtes zu zeihen, in seinem Worte Aufklärung suchen.

Die große Trübsal - eine notwendige Folge vorausgehender Ursachen

Wir stehen gegenwärtig in einer Zeit, welche den Höhepunkt der Entwicklung darstellt und der ganzen Welt zugute kommen sollte und tatsächlich auch in mancher Beziehung zugute kommt, besonders demjenigen Teil der Welt, welcher den Vorteil der Erleuchtung durch die göttliche Wahrheit genoss, also der Namenchristenheit, deren Verantwortung dadurch jedoch nur um so größer wird. Gott macht die Menschen nicht nur für das verantwortlich, was sie wissen, sondern auch für das, was sie wissen könnten, wenn sie ihre Herzen der Belehrung erschließen wollten, der Belehrung, die sie aus ihrer eigenen Erfahrung und der der anderen schöpfen sollten, und wenn die Menschen diese Belehrung nicht beherzigen, sondern wissentlich in den Wind schlagen, so müssen sie auch die Folgen so törichten Handelns auf sich nehmen. Vor der Namenchristenheit liegt die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte wie ein offenes Buch, und ebenso die auf göttlicher Inspiration beruhende Offenbarung. Wie viel Belehrung lässt sich aus beiden schöpfen! Erfahrung, Klugheit, Kenntnisse, Belohnung und Strafe heißen die Lehrmeister! Gestützt auf die Erkenntnis der vorangegangenen Generationen hat die Welt auf industriellem, volkswirtschaftlichem und noch manchem anderen Gebiet in materieller Beziehung sehr ansehnliche Fortschritte gemacht. Viele Annehmlichkeiten, die unsere gegenwärtige Zivilisation in so reichem Maße bietet, schulden wir den aus den Erfahrungen vergangener Geschlechter geschöpften Lehren. Die Buchdruckerkunst hat diese jedermann erreichbar gemacht. Schon in diesem einzigen Punkt hat die heutige Generation einen großen Vorteil vor den anderen nach jeder Richtung; zu ihren eigenen Erfahrungen hat sie die der Vergangenheit. Aber die sittlichen Lehren, welche die Menschheit auch hätte beachten und befolgen sollen, sind fast allgemein übersehen worden, sogar die, welche sich der öffentlichen Aufmerksamkeit förmlich aufdrängten. Die Geschichte birgt deren viel für diejenigen, deren Herzen Rechtschaffenheit suchen, und die heutige Menschheit hat deren Lehren mehr denn alle früheren Generationen. Von Zeit zu Zeit haben denkende Menschen darauf aufmerksam gemacht. So sagt zum Beispiel Prof. Fischer im Vorwort zu seinem Werk "Entstehung, Entwicklung und Auflösung der Reiche", ganz richtig: "Dass die Aufeinanderfolge der die Menschheit betreffenden Ereignisse eine gesetzmäßige ist, wird durch gewissenhafte Beobachtung der Tatsachen bezeugt. Die Ereignisse sind stets das Ergebnis derer die vorangingen; sie sind als natürliche Folge der Vergangenheit deutlich erkennbar. Frühere haben die späteren gleichsam abgeschattet." Das ist durchaus richtig; das Gesetz von Ursache und Wirkung tritt nirgends so sichtlich in Erscheinung wie in der Geschichte. Nach diesem Gesetz, das göttlich ist, muss die Saat der Vergangenheit aufgehen und Frucht tragen, und eine Ernte ist daher unvermeidlich. Im 2. Band ist gezeigt worden, dass die Erntezeit des Evangeliums-Zeitalters bereits da ist, dass sie 1874 begann, als die Gegenwart des Herrn der Ernte fällig war, und dass wir jetzt, nachdem ein großer Teil des Erntewerkes seit jenem Jahr vollbracht wurde, uns mit schnellen Schritten der Zeit nähern, wo die letzte Verrichtung des Erntewerkes, die Verbrennung der Bündel Scheinweizen und die Einsammlung und das Keltern der ausgereiften Trauben am "Weinstock der Erde" (Offb. 14:18), das heißt der reifen Früchte des unrechten Weinstocks (im Gegensatz zu Johannes 15:1) an die Reihe kommen muss.

Babylon, die Christenheit, hat eine lange Gnaden- und Prüfungszeit gehabt und manche Gelegenheit, das Gute zu lernen und in die Tat umzusetzen, sowie manche Warnung vor dem kommenden Gericht. Durch das ganze Evangeliums-Zeitalter hindurch haben die Heiligen Gottes unter ihr gewohnt, hingebende, opferfreudige, christusähnliche Männer und Frauen, das Salz der Erde. Sie hat die Botschaft von der Erlösung aus dem Mund dieser Zeugen vernommen; sie hat gesehen, wie dieselben der Wahrheit und Rechtschaffenheit durch ihren Wandel Ausdruck gaben, und gehört, wie sie die Welt Rechtschaffenheit lehren und vom kommenden Gericht überzeugen wollten. Aber sie hat diese lebendigen Zeugnisse, diese Sendboten Gottes, missachtet. Daran nicht genug, haben die sogenannten christlichen Völker in ihrer Gewinnsucht den Christennamen vor der Heidenwelt in Unehre gebracht, indem sie den Spuren der Missionare mit dem Handel mit berauschenden Getränken und anderen "zivilisierten" Übeln folgten, und die Heiligen Gottes in ihrer Mitte, den Keim des Reiches Gottes, Gewalt leiden ließen. Sie hat diese Heiligen gehasst, verfolgt, getötet; ihrer Tausende haben im Laufe der Jahrhunderte ihr Zeugnis mit ihrem Blut besiegelt, und zwar infolge der Maßregeln der Namenchristenheit. Wie ihr Meister, so sind auch sie ohne Grund verhasst gewesen; um ihrer Rechtschaffenheit willen waren sie als der Auswurf der Menschheit verstoßen; immer und immer wieder wurde ihr Licht gelöscht, damit die Finsternis fortdauere und der Namenchristenheit das Unrechttun erleichtere. So düster sieht es in der Geschichte der Namenchristenheit aus! Das Muttersystem ist trunken vom Blut der Heiligen und Blutzeugen Jesu, und es ist samt den noch verblendeten Tochtersystemen auch heute noch bereit, alle die zu verfolgen und zu enthaupten (Offb. 20:4), wenn auch in feinerer Weise, die Gott und seinem Worte glauben und es wagen, wenn auch mit Güte, ihm aus dem Worte Gottes den Beweis, dass es im Unrecht ist, zu bringen. Die bürgerlichen Gewalten in der Namenchristenheit sind ihrerseits oft gewarnt worden, indem von Zeit zu Zeit Reiche und Königshäuser infolge ihrer Verderbtheit zusammenbrachen. Und heute noch könnten diese Gewalten, wenn sie nur wollten, eine letzte Warnung von Gottes Wort vernehmen:

"Seid verständig, ihr Könige, lasset euch zurechtweisen, ihr Richter der Erde! Dienet Jehova mit Furcht, und freuet euch mit Zittern! Küsset den Sohn, auf dass er nicht zürne, und ihr umkommet auf dem Wege, wenn nur ein wenig entbrennt sein Zorn! ... Warum toben die Nationen und sinnen Eitles die Völkerschaften? Es treten auf die Könige der Erde, und die Fürsten ratschlagen miteinander wider Jehova und wider seinen Gesalbten: Lasset uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Seile! Der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer. Dann wird er zu ihnen reden in seinem Zorn, und in seiner Zornglut wird er sie schrecken." - Psalm 2

Eine andere Warnung ergeht an die Gewalthaber in Psalm 82:

"Gott steht in der Versammlung der Gewaltigen und ist Richter unter den Göttern (den Herrschern - und spricht zu ihnen): Wie lange wollt ihr unrecht richten und die Person der Gottlosen vorziehen? Schaffet Recht dem Armen und der Waise und helfet dem Elenden und Dürftigen zum Recht. Errettet den Geringen und Armen und erlöset ihn aus der Gewalt der Gottlosen."

Dass dieser Rat für die Gegenwart von großer Wichtigkeit und sehr zutreffend ist und sich den Inhabern der Gewalt mit Macht aufdrängt, davon liefert uns die Tagespresse manchen Beweis, und es hat auch unter allen Weltleuten, die der Zukunft nur vom Nützlichkeitsstandpunkt aus Aufmerksamkeit schenken, nicht an solchen gefehlt, welche erkannt haben, dass eine Befolgung der Ratschläge der Propheten nützlich und notwendig wäre. Zu diesen ist der alte Kaiser Wilhelm I. zu zählen, von dem einst (1880) der Berliner Korrespondent des "Osservatore Romano" folgendes schrieb:

"Als der deutsche Kaiser die Nachricht vom Attentat im Speisesaal des Winterpalais zu Petersburg empfing, ward er sehr nachdenklich und bemerkte erst nach Verlauf einiger im tiefsten Schweigen verbrachten Minuten in traurigem Ton, aber mit einer gewissen Entschlossenheit: Wenn wir unserer Politik nicht eine andere Richtung geben, wenn wir nicht ernstlich daran gehen, dem aufwachsenden Geschlecht einen gesunden Unterricht zu geben, wenn wir in demselben nicht der Religion den ersten Platz einräumen, wenn wir nur mit Augenblicksmitteln, deren Wahl sich von Tag zu Tag ändert, zu regieren versuchen - dann werden unsere Throne umgeworfen, und die menschliche Gesellschaft wird die Beute der allerschrecklichsten Heimsuchung werden. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, und es wird von schwerem Nachteil sein, wenn nicht alle Regierungen sich zu gemeinsamer Bekämpfung des Umsturzes entschließen können."

In seinem 1895 unter dem Titel "Reform oder Revolution" in Deutschland erschienenen Buch beschuldigt von Massow, welcher der konservativen Partei angehört und Präsident des Zentralkomitees für Arbeiterkolonien ist, seine Landsleute, sie trieben Vogel-Strauß-Politik, schlössen die Augen vor der nahenden Gefahr und glaubten ihr dadurch zu entrinnen. Er schreibt:

"Wir können Tatsachen ignorieren, aber ändern können wir sie nicht. Es besteht darüber gar kein Zweifel, dass wir am Vorabend einer Revolution stehen. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, muss dies zugeben. Nur eine in Egoismus, Selbstgefälligkeit und Vergnügungssucht versunkene Gesellschaft kann es leugnen; nur eine solche Gesellschaft kann fortfahren, über dem grollenden Krater zu tanzen, kann sich weigern, das "Menetekel" zu sehen, und kann weiter auf die Bajonette vertrauen. Man hat in der großen Menge der Gebildeten und Besitzenden keine Ahnung davon, welcher furchtbare Hass in breiten Schichten des Volkes gärt. Man stellt sich die sozialdemokratische Partei als politische Partei vor wie die übrigen politischen Parteien und vergisst, dass sie eine soziale Partei ist, dass es sich bei ihrer Aktion nicht um politische Bestrebungen, sondern um das brennende Verlangen der unteren Schichten handelt, an dem Glück und Wohlsein der oberen teilzunehmen, einem Glück und Wohlsein, von dem sich die Menschen, die nie einen Hundertmarkschein ihr eigen genannt haben, ein ganz falsches Bild machen ... Die Ordnung wird freilich nach einer gewaltsamen Erhebung bald wiederhergestellt sein. Doch in welchem Zustand wird sich alsdann das Land befinden! Ungeheuer wird die Zahl der Krüppel, Witwen und Waisen sein; öffentliche und private Banken werden geplündert, Eisenbahnen, Telegraphen, Straßen, Brücken, Paläste, Fabriken, Denkmäler werden zerstört sein. Wo sollen dann Reich, Einzelstaaten und Kommunen die zur Wiederherstellung des Zerstörten oder auch nur eines Teiles dessen erforderlichen Milliarden aufbringen?

Es ist einfach unglaublich, dass nichts geschieht, um der Gefahr vorzubeugen. Nicht der Wohltätigkeit bedarf es, sondern warmer Herzen, die willig sind, auf die unteren Klassen ein wenig Rücksicht zu nehmen. Liebe, allumfassende Liebe allein, wird viel von dem gärenden Hass überwinden. Viele mögen freilich schon so verirrt sein, dass nichts sie zurückzubringen vermag; daneben sind aber Millionen, die man ganz gut für Gesetz und Ordnung wiedergewinnen kann, wenn man ihnen zu menschenwürdigem Dasein verhilft, wenn man ihnen zeigt, dass sie nicht, wie es jetzt tatsächlich der Fall ist, schlechter dran sein müssen als das Vieh, das wenigstens Obdach und Nahrung hat."

Aber wissen die heutigen Machthaber die Warnungen und eindringlichen Lehren der gegenwärtigen Stunde zu schätzen? Gewiss nicht, sondern "sie wissen nichts und verstehen nichts, in Finsternis wandeln sie einher: es wanken alle Grundfesten der Erde" - die Grundlagen der Gesellschaft, die bis jetzt geltenden Grundsätze von Gesetz und Ordnung werden schrecklich erschüttert werden, so erschüttert, dass sie verschwinden. - Psalm 82:5. vergleiche Hebr. 12:26; Jes. 2:19

Der nunmehrige deutsche Kaiser lässt sich durch die Besorgnisse seines Großvaters nicht anfechten. Als er dem Fürsten Bismarck ein prächtiges Schwert in goldener Scheide überreichte, sagte er:

"Vor den Augen dieser Truppen überreiche ich Euer Exzellenz meine Gabe. Ich fand nichts Besseres denn ein Schwert, die edelste Waffe des Deutschen, ein Sinnbild jenes Werkzeugs, das Eure Exzellenz im Dienste meines Großvaters schmieden, schärfen und schwingen half, ein Andenken an jene große Zeit der Aufrichtung des Reiches, da Blut und Eisen als Mörtel dienten, ein Mittel, das nie versagt, und das in der Hand von Kön.n und Fürsten im Notfall die Einheit des Reiches gegen den inneren Feind schützen wird, so gut wie es auf fremder Erde zur Herstellung jener Einheit geführt hat."

Der Londoner "Spectator" fügte dieser Ansprache des Kaisers an seinen einstigen Kanzler folgende inhaltsschwere Bemerkungen bei:

"Das sind Worte, die zu allen Befürchtungen berechtigen. Zwei Erklärungen derselben werden in Deutschland dafür gegeben. Nach der einen richtet sich der Ausspruch gegen jeden Staat, der den Anspruch erheben sollte, aus dem Bund ausscheiden zu können. Nach der anderen liegt in diesen Worten der Entschluss des Kaisers und der mit ihm verbündeten Fürsten, die Sozialdemokraten und Anarchisten nötigenfalls mit Waffengewalt zu bekämpfen. In beiden Fällen wäre die Ankündigung unnötig und voreilig. Niemand zweifelt daran, dass das Reich, zu dem auf den Schlachtfeldern von 1866 und 1870 der Grund gelegt ward, die militärische Besetzung eines Bundesgliedes anordnen würde, das sich selbständig machen wollte. Aber irgendeiner Partei, und wäre es die der Sozialdemokraten, mit der Proklamation des Kriegsrechts zu drohen, während sie nur mit dem Stimmzettel in den Kampf zieht, das heißt die Verfassung zugunsten des Belagerungszustandes aufheben. Wir setzen nicht voraus, dass der Kaiser irgendetwas Derartiges im Ernst beabsichtigt; aber seine Worte bezeugen, dass er über die Lage nachgedacht, dabei den Widerstand der Sozialdemokraten als ein Hindernis auf dem Wege, den er sich vorgezeichnet, empfunden hat und so schließlich zu dem Ergebnis gekommen ist: Noch habe ich mein Schwert, und das ist ein Mittel, das nie versagt. Viele Kön. sind vor ihm zu diesem Ergebnis gekommen; aber wenige sind soweit gegangen, darüber laut zu denken; wenn auch in ihrem Herzen derselbe Gedanke aufstieg und als letzte Zuflucht sich ihnen aufzudrängen suchte, so hielten sie es doch nicht für klug, ihn auszusprechen. Die Worte bedeuten, mag man sie so oder anders auslegen, eine Drohung, und kluge Monarchen drohen nicht, bevor die Stunde auch wirklich gekommen ist, dreinzuschlagen. Noch weniger drohen sie, inneren Schwierigkeiten mit dem Schwert als Heilmittel zu begegnen. "Das Schwert ein Heilmittel" für innere Schwierigkeiten, "ein Mittel, das nie versagt!" Mit demselben Recht könnte der Chirurg sein Messer als ein unfehlbares Mittel gegen Fieber bezeichnen! Fürst Schwarzenberg hat an der Spitze einer mächtigen Armee das Mittel unter viel günstigeren Umständen anzuwenden gesucht, ist aber nach jahrelanger Erfahrung zu der Überzeugung gekommen, dass man mit Bajonetten alles kann, nur nicht darauf sitzen. Kaiser Wilhelm II. täte wohl daran, sich daran zu erinnern. Was könnte ein römischer Imperator Stärkeres gesagt haben als: "Das Schwert ist ein Heilmittel, das nie versagt?" In einem solchen Satz liegt die Quintessenz der Willkürherrschaft. Wenn der Kaiser denselben wohlüberlegt ausgesprochen hat, so hat Deutschland nicht einen Regenten in ihm, sondern einen absoluten Herrscher, wie sie die neuere Geschichte nicht mehr erträgt. Es mag ja sein, dass der Kaiser unbedacht gesprochen hat, unter dem Einfluss seines starken Selbstbewusstseins, seiner Hinneigung zur Bildersprache, die man schon früher an ihm bemerkte. Wenn aber seine Worte als ein Manifest an sein Volk gelten sollten, dann kann man nur sagen: "Wie schade, welch schöne Hoffnungen sind zu Wasser geworden!"

Die Erklärung des jungen Zaren, dass er am Absolutismus ebenso stark festgehalten werde wie sein Vater, ist ein Beweis dafür, dass die Fürsten die dringlichen Warnungen der bedeutungsvollen Gegenwart und des Wortes Gottes nicht beachten. Wie ist diese Erklärung von seinen Untertanen begrüßt worden trotz aller Bemühungen, das freie Wort zu knebeln? Ein Manifest wurde von der russischen "Gesellschaft für Volksrechte" veröffentlicht und im ganzen Reich in Zirkulation gesetzt. Das Manifest war ein offener Brief an den Zaren und zeichnete sich durch deutliche und kräftige Sprache aus. Nachdem es den Ausspruch über den Absolutismus getadelt hatte, fährt es fort:

"Die kühnsten Semstwos haben nur die Redefreiheit und den Schutz der Gesetze gegen die Willkürakte der ausführenden Organe verlangt. Höflinge und Beamte täuschen Sie und erschrecken Sie durch ihre Vorstellungen. Die Gesellschaft merkt sehr wohl, dass das Beamtentum, das eifersüchtig über seine Allmacht wacht, Ihnen diese Worte eingegeben hat. Das Beamtentum, vom Minister abwärts bis zum letzten Gendarm im kleinsten Dorf, hasst jeden Fortschritt, den gesellschaftlichen wie den persönlichen, und verhütet sorgfältig den direkten Verkehr des Monarchen mit Vertretern seines Volkes, es sei denn, dieselben kommen im Galaanzug und bringen Glückwünsche oder Geschenke dar. Ihre Worte beweisen, dass jeder Versuch, selbst in der loyalsten Form, vor dem Thron von den schreienden Notständen zu reden, auf nichts Anderes als eine schroffe Abweisung zu rechnen hat. Die Gesellschaft erhoffte von Ihnen Ermutigung und Unterstützung; stattdessen bekam sie einen Ausspruch zu hören, der Ihre Allmacht ins Gedächtnis rief und dadurch den Schein erweckte, als sei der Zar seinem Volk ganz entfremdet. Damit haben Sie Ihre Popularität verscherzt und sich demjenigen Teil der Gesellschaft entfremdet, der friedlich vorwärts strebt. Es gibt freilich solche, die über Ihre Sprache frohlocken. Sie werden aber deren Machtlosigkeit bald inne werden! In einem anderen Teil der Gesellschaft haben Ihre Worte ein Gefühl des Beleidigt- und Unterdrücktseins geweckt, welches zwar die besten gesellschaftlichen Kräfte bald überwinden werden; dann wird derselbe hartnäckig und planmäßig den friedlichen Kampf für die Freiheit aufnehmen. In einem dritten Teil aber werden Ihre Worte den Entschluss zur Reife bringen, jedes Mittel anzuwenden, das zur Beseitigung des verhassten Zustandes führen kann. Sie haben diesen Kampf heraufbeschworen, Sie werden ihn in kurzem haben!"

So tappen alle Nationen der "Christenheit" sorglos in der seit langem dem Licht vorgezogenen Finsternis umher. Selbst das auf seine Freiheit so stolze Amerika, dessen Volk in mancher Hinsicht in so reichlichem Maße wie kein anderes begünstigt ist, bildet keine Ausnahme und hat auch seine Warner gehabt. Wir denken dabei an die Worte, die Präsident Lincoln kurz vor seiner Ermordung an einen Freund in Illinois richtete:

"Ja, wir mögen uns allen dazu Glück wünschen, dass dieser blutige Krieg zu Ende geht. Er hat einen großen Aufwand an Gut und Blut gekostet. Das beste Blut der Auslese der amerikanischen Jugend ist freiwillig auf dem Altar des Vaterlandes geopfert worden, um den Fortbestand der Nation zu sichern. Es war für die Vereinigten Staaten eine schwere Prüfungszeit. Aber in nicht ferner Zeit sehe ich eine andere Krisis drohen, welche mich mutlos macht und um das Wohl unseres Staates zittern lässt. Infolge des Krieges ist das Korporationswesen zu Macht und Ansehen gelangt. Das wird die Korruption in den obersten Gesellschaftsklassen herbeiführen, und die Geldmächte im Land werden versuchen, ihre Herrschaft auf die Vorurteile des Volkes zu gründen und so lange zu erhalten, bis aller Besitz in wenigen Händen konzentriert sein wird. Dann wird unsere Republik nicht mehr sein! Im Blick auf diese Zukunft bin ich jetzt um das Wohl des Staates in schwererer Sorge als mitten im Krieg."

Diesem Ausspruch lassen wir solche aus näherliegender Vergangenheit folgen. Im Jahre 1896 sagte der Abgeordnete Hatch (Missouri) im Kongress bei einer Besprechung finanzieller und sozialer Fragen:

"Geben Sie acht! Wenn das unerbittliche Gesetz von Ursache und Wirkung nicht aus dem Gesetzbuch des Allmächtigen getilgt worden ist, werden sie binnen kurzem, vor Ablauf von zehn Jahren, wenn nicht schleunigst Gegenmaßregeln getroffen werden, die Greuel der französischen Revolution sich in Amerika wiederholen sehen, schrecklicher gemacht durch alle modernen Erfindungen. Das ist nicht nur meine Meinung. Astor, der vor einiger Zeit nach England auswanderte, sich dort ansiedelte und englischer Bürger ward, sah, was kommen wird, so deutlich als ich. Daher ergriff er eine sich bietende Gelegenheit beim Schopf und entwich, und das zu einer Zeit, als der Wettlauf nach einer Prunkkabine noch lange nicht so lebhaft war, wie er es nach einiger Zeit sein wird. Er wusste sehr wohl, dass, wenn die Dinge so bleiben würden, wie wir, Sie und ich, sie in der jüngsten Vergangenheit gesehen haben, die Zeit nicht mehr fern sein könnte, in welcher solche Scharen von Leuten seinesgleichen jeden zur Abfahrt bereiten Ozeandampfer stürmen werden, dass er Gefahr laufen würde, von der Landungsbrücke herabgestoßen zu werden."

In einer Rede, die er am 30. April 1896 zu Cleveland vor einer Versammlung von Geschäftsleuten hielt, äußerte der Staatssekretär der Unionsmarine, H. R. Herbert, sich wie folgt:

"Wir stehen an der Schwelle einer Zeit, die riesige Unternehmungen hervorbringen wird, Unternehmungen, welche unter Ausschließung aller anderen sämtliche Wege in Beschlag nehmen werden, die zum Fortschritt führen. Der Optimist mag glauben, dass dies zur Hebung der Lebensbedingungen der Menschheit führen wird, dass große Unternehmungen den Preis der Produkte und ihres Verkehrs herabdrücken. Das Riesenmagazin, in welchem Sie alle Bedarfsartikel billig bekommen, taucht überall auf; die mit Millionen-Kapital arbeitende Großindustrie verdrängt den Kleinbetrieb von Gebiet zu Gebiet. Menschlicher Witz scheint nicht imstande zu sein, ohne die Freiheit des einzelnen in bedrohlicher Weise zu beschneiden, diesen Monopolbildungen vorzubeugen, und die unmittelbare Folge davon ist die Anhäufung gewaltigen Reichtums in den Händen weniger, die Erschwerung der Lebensbedingungen der großen Mehrzahl und die Verbreitung der Unzufriedenheit. Daher dürften die Kämpfe zwischen Arbeit und Kapital künftig folgenschwerer sein als bis jetzt. Weitsichtige Männer haben vorausgesagt, dass aus den steten Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit schließlich ein Konflikt hervorgehen werde, welcher die republikanische Staatsform in unserem Land mit dem Untergang bedroht, ein Konflikt, der zunächst zu anarchistischen Zuständen, zu greulichem Blutvergießen, hernach aber zur Monarchie führen werde, indem irgendein energischer Mann an der Spitze der bewaffneten Macht die Ordnung wieder wird herstellen können. Oder wir treiben dem Sozialismus zu, der bisweilen als die logische Folge der gegenwärtigen Lage erscheint. Die ersten Versuche in dieser Richtung werden, so sagt man, in den Städten gemacht werden. Die Arbeitgeber, denen unbegrenzte Hilfsmittel zur Verfügung stehen, und die Arbeitnehmer, die neben dem Stimmzettel sich kaum eines Hilfsmittels erfreuen, um weiter zu kommen, werden als geschlossene Körperschaften um die Lokalregierung ringen. Das ist aber nur eine der kommenden Gefahren. Früher hielt man den Farmer für ein Bollwerk, das den gegenwärtigen Stand der Dinge auf immer schützen werde, aber jetzt ist ein anderer Geist über viele Farmer gekommen."

Auch den kirchlichen Gewalten im Schoße der Christenheit sind Winke und Warnungen zuteil geworden. Sie sind gewarnt worden durch die Heimsuchungen, die Gott seinem Volk in vergangenen Zeiten geschickt hat, und auch von Zeit zu Zeit durch Reformatoren. Doch wenige, sehr wenige nur sind imstande, die Inschrift an der Wand (Daniel 5) zu lesen und die Strömung im Volk zu überwinden oder ihr auch nur standzuhalten. De Witt Talmage scheint das zu sehen und bis zu einem gewissen Grade zu verstehen; denn er sagte kürzlich in einer Rede:

"Es sei denn, dass die Kirche Christi sich aufmache und als Dienerin Gottes sich erweise, als eine, die es mit den Volksmassen gut meint und ihren Verständnis entgegenbringt, jenen Massen, die sich im Kampf um das liebe Brot für sich und die Ihren aufreiben, so wird sie in ihrer gegenwärtigen Gestalt eine nutzlose Einrichtung werden, und Christus wird abermals ans Gestade herabsteigen und einfache, ehrliche Fischer als Apostel, als Verkündiger dessen berufen, was Gott und den Menschen gegenüber recht ist. Die Zeit ist nun da, wo alle Klassen im Volk die gleichen Rechte im Kampf ums Dasein beanspruchen dürfen."

Doch scheint es der Sprecher dieser Worte, der dank seiner Begabung einen Einfluss ausüben könnte wie wenige, nicht eilig zu haben, seiner eigenen Überzeugung von der Art der Pflichten hochstehender Christen in der Stunde der Gefahr nachzuleben.

Die Warnungen ergehen weiter und die richtige Ansicht darüber, was Pflicht und Gunst der Umstände gebieten, drängt sich manchem auf, aber es ist nutzlos und bleibt unbeachtet. Große Macht lag und liegt noch heutzutage zum Teil in den Händen der Diener der Kirche, aber sie wurde und wird in eigennütziger Weise, wiewohl im Namen Christi und seines Evangeliums, ausgenutzt und missbraucht. "Sie nehmen Ehre voneinander, sie sitzen gern oben an in den Schulen, sie wollen Meister genannt werden" (oder Doktor oder Hochehrwürden, wie heute die Titel lauten) und suchen Gewinn, jeder in seinem Gebiet (seiner Kirche). (Joh. 5:44; Matth. 23:6-12; Jes. 56:11) Menschenfurcht wird ihnen zum Fallstrick. Dies alles hindert manche, selbst unter den wahren Dienern Gottes, zur Wahrheit durchzudringen. Von den Unterhirten aber suchen viele bei der Besorgung der Herde des Herrn offenbar vorab das goldene Vlies in Sicherheit zu bringen.

Wir erkennen freilich dankbar an, dass viele gründlich gebildete und fromme Männer sich unter den Geistlichen aller möglichen Namenkirchen befunden haben und noch befinden, da dieselben nach Matth. 13:30 das ganze Evangeliums-Zeitalter Weizen und Scheinweizen umschlossen haben. Doch ist nicht zu bestreiten, dass viele, die zur Scheinweizen-Klasse gerechnet werden müssen, Lehrstühle und Kanzeln inne hatten und noch haben. Damit verbundene angesehene Stellung und in vielen Fällen auch die materiellen Vorteile haben eben auf begabte junge Leute eine mächtige Anziehung ausüben müssen. Von allen Berufen hat wohl der geistliche am schnellsten und bequemsten zu gutem Namen geführt.

So ist es denn gekommen, dass so viele "Mietlinge" (Jes. 56:11; Hes. 34:2-16; Joh. 10:11-14) zu den Lehrstühlen gelangt sind. Ihre Verantwortung aber, wenn sie ihr geistliches Amt im Namen Christi ausüben wollen, ist sehr groß. Sie erscheinen dem Volk als Vertreter Christi, als Ausleger seines Wortes, gleichsam als "Auswäger" seiner Wahrheit. Sie haben mehr Gelegenheit als andere, diese Wahrheit auch kennen zu lernen. Leider hat weitaus die größte Mehrzahl der Geistlichen diese Vergünstigung nicht auszunützen verstanden! Daher sind sie denn auch heute "blinde Blindenleiter" und geraten mit ihren Gemeinden auf die Abwege des Skeptizismus ("fallen in die Grube"). Sie haben die Wahrheit verborgen gehalten, weil sie nicht gern gehört wird; sie haben Irrtümer an ihrer Statt verkündet, weil dieselben den "Gläubigen" passten, und Menschensatzungen gelehrt, weil sie dafür bezahlt waren. Sie haben durch ihr ganzes Gebaren und oft auch durch ihre Predigten dem Volk gesagt: "Glaubet, was wir verkündigen, weil wir es wissen", statt dass sie die ihnen anvertrauten Seelen angeleitet hätten, alles dies an Hand der inspirierten Worte der Apostel und Propheten zu prüfen und das Beste zu behalten. Jahrhunderte lang verbarg die katholische Kirche den Inhalt des Wortes Gottes, indem sie die Übersetzung desselben in die lebendigen Sprachen verhinderte. Was sie dabei leitete, war die Furcht, die Leute möchten in der Schrift forschen und dabei die Unhaltbarkeit der Ansprüche der Geistlichen finden. Allein im Laufe der Zeit erstanden aus ihrer Mitte selbst einige Reformatoren, welche die Bibel der Vergessenheit entrissen und sie den Völkern darboten. Sie gaben damit den Anstoß zu der protestantischen Bewegung, die Protest einlegte gegen die Irrlehren und Missbräuche der Kirche Roms. Aber bald riss die Verderbnis auch im Protestantismus ein, und die Geistlichen, die sich dazu bekannten, stellten Glaubensbekenntnisse auf und lehrten die Völker, an diese zu glauben, als wären sie der Ausfluss der biblischen Lehre und von unumstößlicher Geltung. So lehrten sie, dass die Kinder ganz klein getauft und in einem Alter in der christlichen Lehre unterwiesen werden müssten, wo sie noch nicht denken können; die Erwachsenen aber haben sie eingelullt, indem sie ihnen zu verstehen gaben, dass das Sicherste in Religionssachen sei, alle Fragen der Lehre ihnen, den Geistlichen, zu überlassen und ihrer Anleitung zu folgen, da die Geistlichen allein mit dem Nötigen ausgerüstet seien, um die göttliche Wahrheit zu verstehen, und demnach als Autorität in allen solchen Fragen gelten könnten ohne Zuziehung des Wortes Gottes. Wer die Berechtigung dieses Anspruches in Zweifel zu ziehen und anderer Meinung zu sein sich erdreistete, der wurde als Irrlehrer oder Abtrünniger betrachtet. Die gelehrtesten und hervorragendsten Theologen haben dicke Bände geschrieben über das, was sie systematische Theologie nennen; diese bezwecken ebenso gut wie der Talmud der Juden, das Wort Gottes im Hintergrund verschwinden zu lassen und Menschensatzungen an seine Stelle zu setzen. (Matth. 15:6; Jes. 29:13) Andere haben in der angesehenen und einträglichen Stellung eines Professors der Theologie dem Namen nach junge Leute für den geistlichen Stand, für den Dienst an der christlichen Kirche, herangebildet, in Wahrheit aber denselben nur die Anschauungen der sogenannten systematischen Theologie, noch dazu der verschiedensten Schulen, eingeimpft, dem freien Denken Fesseln angelegt und das aufrichtige, ehrerbietige Forschen in der Schrift, mit der Absicht, an die dort gefundene Wahrheit in Reinheit und ohne Rücksicht auf menschliche Überlieferungen zu glauben, verhindert. So wandelte denn "die Geistlichkeit" von Geschlecht zu Geschlecht die abgetretenen Pfade überlieferter Irrtümer, und nur hier und da war jemand einsichtig, ehrlich und aufrichtig genug, den Irrtum wahrzunehmen und nach Verbesserung zu rufen. Es war ja so viel bequemer, mit dem großen Haufen zu gehen, zumal wenn große Männer denselben Weg gingen.

So sind Macht und Vorzüge der Geistlichkeit für Gottes Sache unbenutzt geblieben, was freilich nicht hinderte, dass sich in ihren Reihen eine Anzahl ernstgesinnter und frommer Seelen fand und noch findet, die fest daran glaubt, sie diene Gott, wenn sie den Irrtum festhält, in dem sie selbst aufgezogen und durch den sie selbst so stark geblendet worden ist.

Die Hochmütigen und Selbstgefälligen unter den Geistlichen werden nun freilich an diesen Ausführungen Anstoß nehmen, die Sanftmütigen aber werden die Offenheit und Aufrichtigkeit, die in diesen Ausführungen liegen, zu schätzen wissen, die Wahrheit erkennen, sie demütig annehmen, im Lichte Gottes, das von seinem Worte ausgeht, zu wandeln entschlossen sein, alle Menschenfurcht fahren lassen und großen Segen davon haben. Es freut uns, bei der Gelegenheit sagen zu können, dass wir solche gerade in der gegenwärtigen Erntezeit getroffen haben, die, als die nun fällige Wahrheit ihnen erschien, den Irrtum fahren ließen und der Wahrheit dienten. Aber leider gehört die Mehrzahl der Geistlichen nicht zu den Sanftmütigen, was ganz jenem Worte des Herrn entspricht: "Wie schwerlich werden die Reichen ins Reich Gottes kommen!" - seien sie reich an Ehre, Ruhm, Gelehrsamkeit oder Geld, oder möge es ihnen nur sonst wohl gehen.

Das gewöhnliche Volk darf sich nicht verwundern, wenn die Geistlichkeit als solche für die in der nunmehrigen Erntezeit fällige Wahrheit blind ist. Gerade so erging es in der Erntezeit des jüdischen Zeitalters den anerkannten Meistern und Lehrern des Glaubens, welche sich der damals fälligen Wahrheit ebenfalls widersetzten. Ihre Blindheit ist eine Strafe dafür, dass sie von den ihnen verliehenen Geistesgaben und sonstigen Vergünstigungen nicht den richtigen Gebrauch gemacht haben. Daraus folgt aber, dass wir Wahrheit und Licht nicht von ihnen erwarten dürfen. In der Erntezeit des jüdischen Zeitalters veranlassten die religiösen Führer die Leute zu der Frage: "Glaubt auch einer der Obersten und Pharisäer an ihn?" (Joh. 7:48) Wer sich daran stieß und blind den Führern folgte, verlor sein Vorrecht und ward der Segnungen der neuen Ordnung nicht teilhaftig. So wird es auch in unseren Tagen des Evangeliums-Zeitalters gehen; wer blindlings der Führung der Geistlichen folgt, wird mit dieser auf Abwege geraten, und nur wer wahrhaft vor Gott wandelt, an seinem Geist Anteil hat und demütig sich auf nichts Anderes stützt als auf alle Zeugnisse seines so unendlich wertvollen Wortes, wird imstande sein, die Spreu des Irrtums, die so lange mit dem Kern der Wahrheit vermengt war, zu erkennen und auszuscheiden und mutig festzustehen im Glauben an das Evangelium und in wahrer Herzenstreue zu Gott, indem die Massen, von der Strömung fortgerissen, in die verschiedensten Irrtümer verfallen, wie die Evolutionslehre, die "höhere" Kritik, die Theosophie, die "christliche" Wissenschaft, den Spiritismus und andere Lehrsysteme, welche die Notwendigkeit und Wirksamkeit des Opfers auf Golgatha leugnen. Wer an diesem bösen Tag (Eph. 6:13) fest zu bleiben vermag, wird dadurch erweisen, von welchem Metall sein Christencharakter ist (1. Kor. 3:11-13), da die feindliche Strömung so stark sein wird, dass nur die wahre christliche Gottergebenheit, Eifer, Mut und Tapferkeit bis zum Ende werden auszuharren vermögen. Die steigende Flut des Unglaubens wird alle anderen hinwegschwemmen. Es steht geschrieben: "Tausend fallen zu deiner Rechten, dich aber wird es nicht treffen; denn der Herr ist deine Zuversicht und der Höchste ist deine Zuflucht. Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt (als sein Jünger sich ihm weiht und mit ihm in Gemeinschaft lebt) und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, den wird er mit seinen Fittichen bedecken, und dessen Zuversicht wird unter seinen Flügeln sein. Seine Wahrheit ist ihm Schirm und Schild." - Psalm 91:7, 9, 1, 4

Der Christ kann seine persönliche Verantwortlichkeit nicht auf Pastoren, Lehrer, Konzile oder Glaubensbekenntnisse abladen. Wir werden nur nach dem Worte Gottes beurteilt werden (Joh. 12:48-50; Offb. 20:12) und nicht nach den Ansichten oder Vorschriften unserer Mitmenschen, mögen dieselben noch so bedeutend sein. Wir müssen es daher machen wie die von Beröa, welche täglich in der Schrift forschten, um zu kontrollieren, ob es auch wahr sei, was ihnen vorgetragen wurde. (Apg. 17:11) Es ist geradezu unsere Christenpflicht, selbst alles zu prüfen, was uns geboten wird, und nur das Gute festzuhalten. (1. Thess. 5:21) "Zum Gesetz und zum Zeugnis! Wenn sie nicht nach diesem Wort sprechen, so gibt es für sie keine Morgenröte (keine Erleuchtung)." - Jes. 8:20

In geistlichen wie in weltlichen Dingen ist oft dasselbe Verfahren von Nutzen. Nun, da die verschiedenen Staatsschiffe ihrem Untergang zueilen, können die, welche die vor ihnen liegenden Klippen zwar sehen, aber den Kurs der Schiffe nicht zu ändern vermögen, wenigstens in gewissem Maße sich auf die unausbleibliche Katastrophe gefasst machen und ihr eigenes Verhalten danach einrichten. Sie können gleichsam Rettungsboote und Rettungsringe klar machen, so dass, wenn die Staaten im Strudel der Anarchie untergehen, sie sich über Wasser halten und noch eine Zuflucht finden können. Mit anderen Worten, es ist weise, um von grundsätzlicher Pflicht nicht zu reden, in unseren Tagen gerecht, großmütig und gütig mit allen unseren Nebenmenschen ohne Rücksicht auf ihre Lebensstellung zu verkehren; denn die große Drangsal wird aus dem grimmigen Zorn der geplagten Völker hervorgehen, aus der Unzufriedenheit und Erbitterung der durch gute Schulen gegangenen breiten Volksschichten über die mehr begüterten, vornehmen, herrschenden Kreise. Die Ursachen der Unzufriedenheit werden gegenwärtig überall besprochen, und jetzt, bevor der Sturm der Leidenschaften ausbricht, ist der Moment für jeden, sich zu seinen Grundanschauungen nicht durch Worte, sondern durch sein ganzes Verhalten zu seinen Mitmenschen zu bekennen. Jetzt ist der Moment, der goldenen Regel nachzuforschen und nachzuleben, unseren Nächsten wie uns selbst zu lieben und mit ihm in Frieden leben zu lernen. Wenn die Menschen weise genug wären, die unmittelbar bevorstehenden unausbleiblichen Folgen der gegenwärtigen Zeitläufe so recht ins Auge zu fassen, so würden sie das schon aus Klugheit und Berechnung, wenn nicht gewissenshalber tun. Denn es ist vernunftgemäß anzunehmen, dass selbst mitten in der wildesten Verwirrung diejenigen weniger zu leiden haben werden, welche gerecht, großmütig und gütig gewesen sind, während die schrecklichste Rache diejenigen treffen wird, welche die Unterdrückung ihrer Mitmenschen praktiziert oder gutgeheißen haben. So war es wenigstens mitten in den Greueln der französischen Revolution, und dass es wieder so sein wird, geht aus dem Rate des Wortes Gottes hervor, nach Gerechtigkeit und Sanftmut zu trachten, auf dass wir am Tage des Zornes des Herrn geborgen sein mögen (Zeph. 2:3), und (Psalm 34:15-17): "Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach; die Augen des Herrn merken auf die Gerechten, und seine Ohren auf ihr Schreien. Das Antlitz des Herrn aber steht wider die, so Böses tun, dass er ihr Gedächtnis ausrotte von der Erde." Diese Worte sind eine Ermahnung zur Klugheit und eine Warnung an alle Welt; den Heiligen aber, der kleinen Herde, den Überwindern, ist hingegen verheißen, dass sie würdig befunden werden, allen diesen schweren Prüfungen zu entgehen, die über die Welt kommen sollen. - Luk. 21:36

Die Beziehung der heidnischen Nationen zur Christenheit und der großen Trübsal

Der schreckliche Grimm des Herrn wird zwar in erster Linie die Nationen der Namenchristenheit treffen, weil diese trotz der ihnen zuteil gewordenen Erleuchtung und Begünstigung gesündigt haben. Doch lehrt die Schrift deutlich, dass auch die Heidenvölker ihre Verantwortung tragen und ihre Strafe erdulden werden. Von Geschlecht zu Geschlecht haben sie jahrhundertlang am Unrecht Gefallen gefunden. Ihre Stammväter in der Urzeit vergaßen Gott, weil es ihnen nicht passte und nicht daran gelegen war, sich seiner gerechten Leitung zu erinnern; sie zogen die Finsternis dem Lichte vor, und wandelten wissentlich und willentlich auf den törichten Wegen ihrer eigenen Wahl, und ihre Nachkommen gingen unentwegt dieselbe abwärts führende Bahn bis auf den heutigen Tag. Der Apostel Paulus sagt uns in Röm. 1:18-32 deutlich, wie Gott diese Verantwortlichkeit der Heidenvölker versteht. Dort lesen wir:

"Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten, weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, denn Gott hat es ihnen geoffenbart, - denn das Unsichtbare von ihm, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, die von der Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen werden, wird geschaut, - damit (da sie dieses von der Natur stammende Licht, dieses Zeugnis, das die Natur von der Existenz der Macht und der Güte Gottes ablegt, besitzen) sie ohne Entschuldigung seien, weil sie, Gott kennend, (wenigstens in gewisser Hinsicht) ihn weder als Gott verherrlichten, noch ihm Dank darbrachten, sondern in ihren Überlegungen in Torheit verfielen, und ihr unverständiges Herz verfinstert wurde (eine natürliche Folge ihres bösen Wandels): indem sie sich für Weise ausgaben, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unverweslichen Gottes verwandelt in die Gleichheit eines Bildes von einem verweslichen Menschen und von Vögeln und von vierfüßigen und kriechenden Tieren. Darum hat Gott sie auch dahingegeben in den Gelüsten ihrer Herzen in Unreinigkeit, ihre Leiber untereinander zu schänden; welche die Wahrheit Gottes in die Lüge verwandelt und dem Geschöpf mehr Verehrung dargebracht haben als dem Schöpfer, welcher gepriesen ist in Ewigkeit. Amen."

"Deswegen hat sie Gott auch dahingegeben in schändlichen Leidenschaften (das heißt Gott hat sich ihnen nicht widersetzt, noch versucht, sie zurückzuhalten, sondern hat sie in aller Freiheit ihre bösen Wege wandeln lassen, damit sie durch die üblen Folgen bestraft und durch Erfahrung klug würden), denn sowohl ihre Weiber haben den natürlichen Gebrauch in den unnatürlichen verwandelt, als auch gleicherweise die Männer, den natürlichen Gebrauch des Weibes verlassend, in ihrer Wollust zueinander entbrannt sind, indem sie Männer mit Männern Schande getrieben und den gebührenden Lohn ihrer Verirrung (wie es denn auch sein sollte), an sich selbst empfingen. Und gleichwie sie es nicht für gut fanden, Gott in Erkenntnis zu haben, hat Gott sie dahingegeben in einem verworfenen Sinn, zu tun, was sich nicht geziemt, erfüllt mit aller Ungerechtigkeit, Bosheit, Habsucht, Schlechtigkeit, voll von Neid, Mord, Streit, List, Tücke, Ohrenbläser, Verleumder, Gottverhasste, Gewalttäter, Hochmütige, Prahler, Erfinder böser Dinge, Eltern Ungehorsame, Unverständige, Treulose, ohne natürliche Liebe, Unbarmherzige, die, wiewohl sie Gottes gerechtes Urteil erkennen, dass, die solches tun, des Todes würdig sind, es nicht allein ausüben, sondern auch Wohlgefallen haben an denen, die es tun."

In diesen Worten zeigt Paulus, dass vor alters die Heidenvölker unterdrückt haben, was sie zu ihrer Zeit Wahres von Gott und seiner Gerechtigkeit wissen konnten. Sie zogen eben die Finsternis dem Lichte vor, weil ihre Taten böse waren, und durch dieses Unrechttun irregeleitet, ersann ihre Einbildungskraft falsche Religionen, vor welchen sie ihre bösen Wege rechtfertigen konnten. Diese Religionen pflanzten sich fort von Geschlecht zu Geschlecht und mit ihnen der böse Wandel, den jede Generation von der vorhergehenden mit übernahm und guthieß. Indem sie aber in der Weise in die Fußstapfen ihrer Väter traten, luden die Heidenvölker die ganze Schuldenlast der Vergangenheit auf sich und werden demnach auch die Strafe dafür zu tragen haben, ganz entsprechend den gegenwärtigen Nationen der Namenchristenheit, welche die Schuld der vorangegangenen Generationen ebenfalls übernommen haben.

Zu keinen Zeiten war den Heidenvölkern die Möglichkeit genommen, das Licht vorzuziehen. Vor Christi Geburt wussten viele von dem wunderbaren Gott Israels infolge ihres Verkehrs mit diesem Volk, und seit Christi Geburt haben sie nie ganz vergessen, dass durch Jesum Christum ein großes Licht in die Welt gekommen ist, indem zu allen Zeiten des Evangeliums-Zeitalters die Heiligen Gottes die gute Botschaft unter ihnen verkündigt haben. Aber nur hier und da haben einige wenige die Wahrheit beachtet, die Nationen aber als solche haben sie verschmäht und sind in Finsternis weiter gewandelt. Deshalb ist der Herr zornig über alle Nationen. (Jes. 34:2) Die Heidenvölker sind jetzt, abgeschnitten vom Evangelium und den Vorteilen, die es bietet, unwürdig befunden, eine herrschende Rolle zu spielen; die Nationen der Namenchristenheit aber sind dessen unwürdig befunden, weil sie, obwohl sie im Besitz des Lichtes und der damit verbundenen Vorteile waren, desselben unwürdig wandelten.

So ist es recht vor dem Gott der Wahrheit und Gerechtigkeit. Jedermanns Mund ist gestopft, und die ganze Welt steht schuldbeladen vor Gott. Unter allen Nationen gibt es keine, die verständig wäre und nach Gott fragt. Sie sind alle vom Wege abgewichen und allesamt untüchtig. Da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer. - Psalm 14:2, 3

Die Gerechtigkeit Gottes zeigt sich somit auch in der Bestrafung aller Nationen. Auch in der Zuerkennung größerer oder geringerer Verantwortlichkeit wird sie hervortreten. Die Heidenvölker werden empfangen, was ihre Taten wert sind; die Nationen der Namenchristenheit aber werden sich außerdem dafür zu verantworten haben, da sie, wie einst die Juden im Vergleich zu den Gojim, da jenen anvertraut war, was Gott geredet hat (Röm. 3:2), in jeder Beziehung bevorzugt gewesen sind und vor den Juden noch das voraus gehabt haben, dass ihnen nebst dem Gesetz auch das Evangelium zuteil geworden war. Das darf nicht vergessen werden. Dazu kommt noch, was leider heute auch von der Namenchristenheit gilt, wie in Röm. 2:24 unter Bezugnahme auf Jes. 52:5 und Hes. 36:20 von den Juden gesagt ist, dass der Name Gottes ihrethalben gelästert wird unter den Heiden. Man denke nur daran, dass ja "christliche" Nationen um schnöden Gewinnes willen den Heidenvölkern den Handel mit Opium und berauschenden Getränken aufgezwungen haben. Ein bedeutender Zeuge, der es selbst gesehen hat, schrieb vor einiger Zeit in der New Yorker "Stimme":

"Nach meinen Wahrnehmungen am Kongo und an der Westküste von Afrika, sowie nach den Versicherungen vieler Missionare und anderer glaubwürdiger Zeugen, richtet der Trunk unter den dortigen Eingeborenen mehr Schaden an, als es früher der Sklavenhandel tat. Er rafft die Leute hinweg und entvölkert ganze Dorfschaften; Tausende erliegen dem Laster, das ganze Völkerschaften an Leib und Seele entnervt und zugrunde richtet und schon dem Neugeborenen den Stempel der Entnervung aufdrückt. Jeder Arbeiter erhält täglich eine große Quantität Rum zum Mittagsmahl und muss jeden Samstag Abend zwei Flaschen Gin als Zahlung für seine Arbeit annehmen; viele Fabriken zwingen ihre Arbeiter, wenn der auf 1 bis 3 Jahre abgeschlossene Anstellungsvertrag abläuft, ein Fässchen Rum oder Gin mit nach Hause zu nehmen. Eingeborene Kaufleute werden gezwungen, bei Ablieferung ihrer einheimischen Produkte Fässchen gebrannten Wassers an Zahlungs Statt anzunehmen, selbst wenn sie sich dagegen verwahren und schließlich sogar den Inhalt in den Strom laufen lassen. Da heißt es einfach: Der Schwarze muss Rum nehmen; wir können beim Verkauf von Salz und Kleidern nicht Geld genug machen, um das Mutterhaus zufrieden zu stellen. Die Städte erfüllt infolge der Trunksucht jeden Sonntag ein schrecklicher Hexensabbat. Es gibt Dörfer, wo alles, Männer, Weiber und Kinder, blödsinnig geworden ist, und jeder Gottesdienst aufgehört hat. Traurig sagen die Häuptlinge zu den Missionaren: Warum seid ihr Gottesmänner nicht vor der Trunksucht gekommen? Nun sind diese unsere Völker dumm gemacht worden und ihr Herz ist verstockt; sie verstehen nichts, und das Gute ist ihnen gleichgültig."

Es wird sogar behauptet, dass schon Heiden einem Christen die Bibel vorgehalten und dazu gesagt haben: "Dein Verhalten stimmt nicht mit der Lehre deines heiligen Buches." Ein Bramahne soll einmal einem Missionar geschrieben haben: "Wir haben euch durchschaut. Ihr seid nicht so gut wie euer Buch. Wenn eure Volksgenossen nur so gut wären wie euer Buch, würdet ihr ganz Indien in fünf Jahren gewonnen haben." - Hes. 22:4

Ebenso sicher wie die Leute von Ninive und die Königin von Scheba auftreten werden im Gericht über die Generation des Volkes Israel, zu der der Herr sprach (Matth. 12:41,42), werden auch Israel und jede frühere Generation und die Heidenvölker auftreten im Gericht, das über die gegenwärtige Generation der Namenchristenheit ergehen wird. Jedem, dem viel gegeben ist, von dem wird man viel fordern. (Luk. 12:48) Gleichwohl werden die Heidenvölker durch den Untergang der Namenchristenheit (Babylon) in Mitleidenschaft gezogen werden. Dank dem Worte Gottes haben die sogenannten christlichen Nationen auf allen Gebieten große Fortschritte gemacht. Die Zivilisation hat ihnen Reichtum, Annehmlichkeiten, Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten, Schulbildung, freiheitliche Regierung gebracht, Wissenschaft, Kunst und Handwerk, Handel und Industrie empor blühen lassen; Vorteile, welche den heidnischen Nationen, die nicht so mit dem zivilisierenden Einfluss des Wortes Gottes begünstigt wurden, vorenthalten geblieben sind. Ja, gewisse Völker sind eigentlich verkommen, so dass sie heute nur noch die Trümmer ihrer einstigen Blüte aufweisen. Das gilt zum Beispiel von Griechenland, das einst der Brennpunkt der gebildeten Welt war, und von Ägypten, das einst das erste Volk der Erde bildete. Infolge dieses Verkommens heidnischer Völker und Aufblühens der christlichen Nationen sind erstere für manches die Schuldner der letzteren geworden, so für die Wohltaten des Handels, des Weltverkehrs, der Erweiterung des Gedankenkreises usw. Zudem hat der Fortschritt der letzten Jahre alle Völker der Erde durch verschiedene gemeinsame Interessen aneinander gekettet, Interessen, die nicht bei einer oder mehreren Nationen verletzt werden können, ohne dass bald alle davon betroffen werden. Daher wird, wenn Babylon, die Namenchristenheit, plötzlich untergeht, der Rückschlag alle mehr oder weniger von ihr abhängigen Völker sehr schwer treffen, was in der Bildersprache der Offenbarung (18:9-19) als das "Beweinen und Beklagen der großen Stadt" bezeichnet wird. Die tosenden Wogen politischer und sozialer Erschütterungen werden auch diese Völker erreichen, umringen und verschlingen, auf dass die ganze Erde mit dem Besen der Zerstörung gesäubert und der Hochmut der Menschheit gedemütigt werde, denn es steht geschrieben: "Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr." (Röm. 12:19; 5. Mose 23:35) Diese Vergeltung an Heiden- und Christenvölkern wird eine durchaus gerechte in jeder Hinsicht sein.

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Studie 4

Babylon angeklagt vor dem höchsten Gerichtshof

Bürgerliche, soziale und kirchliche Mächte Babylons, der Christenheit, jetzt "auf der Wage gewogen". - Die Anklage gegen die bürgerlichen Mächte; gegen das jetzige soziale System; gegen die kirchlichen Mächte. - Schon jetzt inmitten ihrer Feste erscheint die ihr Gericht kündende Handschrift, leicht zu lesen, obwohl die Prüfung nicht zu Ende ist.

"Der Mächtige, Gott, Jehova, hat geredet und die Erde gerufen vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang ... Er ruft dem Himmel droben (den hohen oder regierenden Mächten), und der Erde (den Massen des Volkes), um sein (ihn bekennendes) Volk (die Christenheit) zu richten."

"Höre, mein Volk, und ich will reden, Israel (das nominelle, geistliche Israel - Babylon, die Christenheit), und ich will wider dich zeugen ... Zu den Gesetzlosen aber spricht Gott: Was hast du meine Satzungen herzusagen und meinen Bund in deinen Mund zu nehmen? Du hast ja die Zucht gehasst und hinter dich geworfen meine Worte. Wenn du einen Dieb sahest, so gingst du gern mit ihm um, und dein Teil war mit Ehebrechern. Deinen Mund ließest du los zu Bösem, und Trug flocht deine Zunge. Du saßest da, redetest wider deinen Bruder (die wahren Heiligen, die Weizenklasse), wider den Sohn deiner Mutter stießest du Schmähung aus. Solches hast du getan, und ich schwieg; du dachtest, ich sei ganz wie du. Ich werde dich strafen und es dir vor Augen stellen!"

"Merket doch dieses, die ihr Gott vergesset, damit ich nicht zerreiße und kein Erretter da sei!" - Psalm 50:1, 4, 7, 16-22

Infolge der Zunahme von Kenntnissen auf allen Gebieten, für welche die göttliche Vorsehung im gegenwärtigen "Tag der Vorbereitung" auf Christi Tausendjähriges Reich gesorgt hat, werden heute die bürgerlichen und kirchlichen Gewalten der Namenchristenheit angesichts der ganzen Welt auf der Wage der Gerechtigkeit gewogen. Der Augenblick der Gerichtsverhandlung ist gekommen, der Richter sitzt auf seinem Stuhl, die Zeugen, die ganze Menschheit, sind zugegen, und die angeklagten "Gewalten" bekommen nun die Anklageakten zu hören und haben sich zu verantworten. Ihr Fall wird in aller Öffentlichkeit verhandelt, und alle Welt sieht und hört mit fieberhaft gespanntem Interesse zu. Der Zweck dieser Gerichtsverhandlung ist freilich nicht, den großen Richter von der Schuld der Gewalten zu überzeugen; denn deren Strafe ist durch die Propheten verbürgt und vorausgesagt, und schon kann man an der Wand ihrer Festsäle die schrecklichen Worte: Mene, mene, tekel, upharsin lesen. Die Verhandlung, in welcher Recht und Unrecht, Lehrsysteme, Autorität usw. besprochen werden, bezweckt vielmehr, allen Menschen den wahren Charakter Babylons klar zu machen, damit die Menschen, nachdem sie lange in ihrem Wahn sich auf eingebildete Rechte gestützt haben, jetzt, beim Sturze Babylons, eine Gelegenheit erhalten, die Gerechtigkeit Gottes zu erkennen. Bei dieser Verhandlung wird der Anspruch, den die Namenkirche auf größere Heiligkeit, göttliche Autorität und den Beruf, über die Welt zu herrschen, erhebt, nicht minder in Frage gezogen als ihre ungeheuerlichen und widerspruchsvollen Lehren. Sichtlich beschämt und verwirrt angesichts einer solchen Menge von Zeugen, bemühen sich die bürgerlichen und kirchlichen Gewalten, vertreten durch die Regenten und Geistlichen, Rechenschaft von ihrem Tun abzulegen. Die Annalen der Geschichte weisen keine Zeit auf, in welcher die Dinge so gestanden hätten. Nie zuvor waren Geistliche, Staatsmänner und überhaupt bürgerliche Regenten der öffentlichen Besprechung, einem wahren Kreuzverhör, dem Tadel ihrer Mitmenschen ausgesetzt wie heute. Das ist die Herzensprüfung, der sie Gott nun zu ihrer Verwirrung unterwirft. Trotz ihrer Entschlossenheit und Bemühung, sich der Prüfung und dem Kreuzverhör durch den Geist unserer Zeit zu entziehen, müssen sie es über sich ergehen lassen, und die Verhandlung dauert fort.

Die Massen fordern heutzutage ganz energisch die bürgerlichen wie die kirchlichen Gewalten in der Namenchristenheit auf, ihren Anspruch auf göttliche Berufung zum Regieren zu beweisen. Dabei übersehen sie aber nicht minder als die Regenten selbst, dass Gott solche Regenten, wie sie die Menschheit im allgemeinen wählen oder erdulden mag, seien sie gut oder schlecht, eine Zeitlang, das heißt bis die Zeiten der Nationen um sind, zugelassen hat (Band 3, Studie 3), dass Gott während dieser Zeit der Welt in weitherzigster Weise gestattete, ihre Angelegenheiten selbst zu besorgen und in ihrer Selbstregierung ihre eigenen Wege zu gehen. Der Zweck dieser der Menschheit gewährten Freiheit war, dass alle Menschen erfahren sollten, dass sie in ihrem gefallenen Zustand nicht fähig sind, sich selbst zu regieren, und dass es nicht gut ist, zu versuchen, von Gott oder voneinander unabhängig zu sein. (Röm. 13:1) Die Regenten und die regierenden Klassen sehen dies zwar nicht. Sie haben die Gelegenheit wahrgenommen, sich an die Spitze zu stellen, und haben dabei die weniger günstige Lage der Mehrzahl ihrer Mitmenschen als Steigbügel benutzt. Diese haben die Macht ihrer Führer, wissentlich oder unwissentlich, lange Zeit zugelassen und gestützt. Die Führer aber missbrauchten dieses Zutrauen dazu, dass sie die ungebildeten Massen mit der Theorie von göttlicher Berufung bürgerlicher und kirchlicher Gewalthaber, vom Gottesgnadentum der Kön., betrogen, und um diese Theorie, die ihren Absichten so trefflich diente, dauerhaft zu machen, haben sie jahrhundertlang Unwissenheit und Aberglauben unter den breiten Massen gehegt und gepflegt. Erst in neuerer Zeit sind Schulbildung und Kenntnisse Gemeingut geworden, allein Kön. und Kirchenfürsten haben daran kein Verdienst; die Vorsehung selbst hat durch zwingende Umstände dazu geführt. Durch die Erfindung der Buchdruckerpresse und Dampfkraft entstanden diese zwingenden Umstände. Vorher war die Mehrzahl der Menschen gar nicht imstande, voneinander zu lernen, miteinander zu verkehren; sie lernten nicht mehr, als sie aus eigener Erfahrung lernten, und konnten dies auch nicht eher, bis Gott eine Zeit größerer Erkenntnis kommen ließ. Diese Mittel haben eine mächtige Zunahme des gesellschaftlichen, des Reise- und Geschäftsverkehrs herbeigeführt, so dass alle, ohne Rücksicht auf ihren Stand oder Wohnort, aus den Erfahrungen der anderen auf der ganzen Welt Vorteil ziehen können.

Jetzt bildet den größten Teil der Menschheit das lesende, reisende und denkende Publikum, und nun ist es auch das unzufriedene und lärmende Publikum geworden, das keinen Respekt mehr hat vor Königen und Gewaltigen, welche sich über Aufrechterhaltung der alten Ordnung untereinander verständigt haben, unter der es jetzt so unausgesetzt zu leiden hat. In Russland merkt man wohl, dass der Zug nach allgemeiner Aufklärung der großen Masse die herrschenden Gewalten bedroht und ihrem Bestand gefährlich ist. Darum hat sich auch der Minister des Inneren vorgenommen, zur Bekämpfung des Nihilismus der höheren Bildung aller derer vorzubeugen, die den ärmeren Klassen angehören, indem er 1887 verfügte, dass Gymnasien und Hochschulen den Kindern von Dienstboten, Bauern, Krämern, Pächtern und dergl. verschlossen bleiben sollten, weil es nicht gut sei, dass diese Kinder aus den Verhältnissen, denen sie angehören, herausgerissen und, wie die Erfahrung lehrt, mit ihrem Lose unzufrieden gemacht und mit Zorn gegen die unvermeidlichen Ungleichheiten in den gesellschaft­lichen Stellungen erfüllt würden.

Aber in unseren Tagen können solche Maßregeln keinen dauernden Erfolg mehr haben, selbst in Russland nicht. Das war die Politik des Papsttums in den Tagen seiner Macht. Aber was jene hinterlistige Gewalt jetzt zu verwirklichen sucht, wird ihr nicht gelingen, und sie wird selbst den Schaden von ihren Versuchen haben. Licht ist in den Köpfen der Menge aufgedämmert, so dass sie sich mit der Finsternis nicht mehr zufrieden gibt. Die Zunahme und Verbreitung der Kenntnisse führte zur Forderung der republikanischen Staatsform, und die noch bestehenden Monarchien haben derselben auf Verlangen der Völker viele Zugeständnisse machen müssen. Im heraufdämmernden Lichte des neuen Tages haben die Menschen erkennen gelernt, dass unter dem Schutze unbegründeter Ansprüche, gegen die die Völker sich früher, im Zustand der Unwissenheit, nicht erhoben, die herrschenden Klassen die natürlichen Rechte und Vorzüge aller übrigen Menschen zu selbstsüchtigen Zwecken verkauft haben. Die Ansprüche der herrschenden Klassen nun einer Untersuchung unterwerfend und ihre Berechtigung abwägend, haben sie, ungeachtet ihrer kläglichen Entschuldigungsversuche, bald ihre eigenen Schlüsse daraus gezogen. Aber da ihre Beweggründe um kein Haar besser, der Wahrheit und Gerechtigkeit näher sind als die der herrschenden Klassen, so ist das Gericht, das sie herbeiführen, eben soweit von Recht und Gerechtigkeit entfernt, als der Zustand, über den das Gericht ergeht. Denn ihre Tendenz geht dahin, jede gesetzliche Ordnung zu verschmähen, statt kühl und leidenschaftslos die Forderungen der Gerechtigkeit auf allen Gebieten im Lichte des Wortes Gottes in Erwägung zu ziehen.

Immerhin hat die Betrachtung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung, vertreten durch bürgerliche und kirchliche Machthaber -das Abwägen Babylons, der Namenchristenheit - im Licht der öffentlichen Meinung, die Grundlosigkeit und Verwerflichkeit ihrer vielfach ungeheuerlichen Ansprüche und die schweren Anklagen, die sich gegen sie erheben, erkennen lassen. Die Selbstsucht und das Nichtübereinstimmen mit der goldenen Regel Christi, auf dessen Namen und Autorität sie sich berufen, haben die Wagschale schon so hoch steigen lassen, dass die Welt kaum mehr aufgelegt ist, auf weitere Beweise des wahrhaft widerchristlichen Charakters der Namenchristenheit zu warten. Dennoch aber muntern deren Repräsentanten die Welt auf, dass sie den Glanz ihrer Reiche, die Triumphe ihrer Waffen, die Pracht ihrer Städte und öffentlichen Gebäude, den hohen Wert und die Festigkeit ihrer Institutionen, der bürgerlichen wie der kirchlichen, bewundern soll. Sie bemühen sich, den Geist vergangener Zeit, den Geist des blinden Patriotismus und Aberglaubens, neu zu erwecken, der sich früher unterwürfig und betend vor denen beugte, die gerade in Amt und Würden standen, der die Leute fröhlich: "Es lebe der König!" rufen und respektvoll zu jenen Personen empor sehen ließ, welche als Statthalter Gottes gelten wollten. Doch umsonst! Jene Zeit ist vorbei. Die Überreste der früheren Unwissenheit, des früheren Aberglaubens sind verschwunden, und mit ihnen auch die Gefühle von blindem Patriotismus und blind religiöser Verehrung, und an deren Stelle sind Unabhängigkeitsdrang, Argwohn und Misstrauen getreten, welche binnen kurzem zu einem die Welt umfassenden Konflikt, zur Anarchie zu führen versprechen. Zornig und drohend sprechen in den verschiedenen Staatsschiffen die Völker zu ihren Kapitänen und Steuerleuten, und bisweilen meutern sie geradezu. Sie behaupten, dass die Politik der gegenwärtigen Machthaber darauf hinausläuft, die Völker auf die Sklavenmärkte der Zukunft zu bringen, der Völker sämtliche natürliche Rechte zu verkaufen und die Völker in die Leibeigenschaft zurückzuzwingen, in der ihre Väter standen. Und viele verlangen immer lauter und lauter die Absetzung der Kapitäne und Steuerleute und wollen, dass man den Schiffen ihren Lauf lasse, bis sie unter sich ausgemacht haben, wer an die Stelle der Abgesetzten zu treten habe. Diesem wilden und gefährlichen Treiben gegenüber klammern sich Kapitäne und Steuerleute, die Kön. und anderen Staatsoberhäupter an ihre machtvolle Stellung und rufen den Völkern zu: "Hände weg, ihr werdet das Schiff auf Klippen auffahren lassen!" Dann kommen die Vertreter der Religion und raten dem Volk zur Unterwürfigkeit; sie berufen sich dabei auf ihre angeblich von Gott verliehene Autorität, um ihrem Rat mehr Gewicht zu verleihen, und unterstützen so die bürgerliche Gewalt in ihrem Bestreben, die Völker niederzuhalten. Doch werden sie dabei gewahr, dass es auch mit ihrer Macht aus ist, und sie sehen sich daher im Geiste nach neuen Stützen um. So reden sie untereinander von Zusammenschluss und Zusammenwirken und suchen die Unterstützung der Staatsgewalt, ihr als Gegendienst die Unterstützung der bürgerlichen Ordnung durch ihren (schwindenden!) Einfluss zusichernd. Doch während der Sturm sich ankündigt, und die Massen, die Gefahr nicht bemerkend, zu murren fortfahren, entfällt denen, die auf den Masten und Rahen stehen und die drohenden Anzeichen sehen, das Herz. Die kirchlichen Gewalten aber fühlen, dass sie nun bald zur Rechenschaft gezogen werden. So sind sie denn bestrebt, sich im günstigsten Lichte darzustellen und dadurch, wenn möglich, die revolutionäre, ihnen feindliche Strömung im Publikum einzudämmen. Wenn sie aber als Milderungsgrund die guten Wirkungen ihres Einflusses in vergangenen Zeiten geltend machen wollen, so machen sie ihre eigene Verwirrung und Verlegenheit nur deutlicher und lenken die Aufmerksamkeit auf den wahren Stand der Dinge. Solche Selbstrechtfertigungen erscheinen fortwährend in weltlichen und religiösen Blättern. Im schneidenden Gegensatz dazu steht dann die schonungslose Kritik, welche die Welt in weitestem Maße an den bürgerlichen und kirchlichen Gewalten in der Namenchristenheit übt. Hievon nur einige Beispiele.

Die New Yorker "Abendpost" schreibt:

"Unter den befremdlichen Glaubensartikeln ist sicher der befremdlichste der, dass Gott, der Allmächtige, mit großer Sorgfalt einige sehr gewöhnliche Glieder der Menschheit, oft gar kranke, dumme oder lasterhafte, auserwählt und ihnen das Regiment großer Völker unter seinem speziellen Schutz anvertraut habe, als wären sie seine Stellvertreter auf Erden. Es besteht kein Thron in Europa, auf dem nicht die Sünden des Vaters am Sohne heimgesucht würden, und eine Generation oder zwei weiter wird es wohl weder Bourbonen noch Habsburger, noch Romanow, noch Welfen mehr geben, die die Welt ärgern und doch regieren. Blaues Blut von der Sorte kann 1900 auf keine Auszeichnung rechnen. Es schafft sich selbst für alle Berechnungen der Zukunft beiseite."

Ein anderer in der Tagespresse tätiger Publizist hat einmal eine Kostenberechnung für das englische Königshaus aufgestellt und fand einen Gesamtaufwand von 29.583.974 Pfd. Sterling oder rund 590.000.000 Mark, für den die britische Nation von 1837-1888 aufzukommen hatte. Dazu bemerkt er:

"Ist die Pfeife nicht zu teuer bezahlt? Es kommt einer Prämie für den Stillstand gleich, denn es bedeutet, dass die Steuerkraft des Volkes in Anspruch genommen wird, um einer Anzahl von Personen ein müßiges Dasein zu ermöglichen, welche dem Lande mehr nützen würden, wenn sie redlich ihren Lebensunterhalt verdienten."

Die Krönungsfeier für den gegenwärtigen Zaren Nikolaus II. war wiederum eine Illustration zu den Extravaganzen, welche die Monarchen für notwendig halten, um den Volksmassen die Idee beizubringen, dass die Regenten so hoch über ihnen stehen, dass ihnen Verehrung als höheren Wesen gebührt und unterwürfigster Gehorsam geschuldet werden müsse. Jene große Schaustellung kaiserlicher Macht soll 100 Millionen Mark gekostet haben. Der Gegensatz, in dem dieser Luxus zu der verzweifelten Lage der Millionen von Bauern steht, über deren Elend die ganze Welt im Hungerjahre 1893 auf dem Laufenden gehalten worden ist, hat dem Londoner "Spectator" folgendes in die Feder diktiert:

"Es ist schwer, die Schlussrechnung über die Krönungsfeier in Moskau, welche sich liest, als wäre sie wert, in goldenen Lettern auf purpurne Seide gedruckt zu werden, zu studieren, ohne dass einem das Gefühl des Ekels aufsteigt, besonders wenn man gleichzeitig die Berichte über die Armenier-Massaker liest, welche die Russen, obwohl sie es vermocht hätten, nicht verhindert haben. Wir können uns, mit einiger Anstrengung unserer Phantasie, die wundervollen Szenen in Moskau vorstellen, die Kunstwerke asiatischer Architektur, die blitzenden Kuppeln, auf den Straßen die prunkvollen europäischen und die noch prunkvolleren asiatischen Uniformen, weiße Fürsten in rot, gelbe Fürsten in blau, braune Fürsten in Gold, die Gewalthaber aus dem fernen Osten, den chinesischen Bismarck und den braunen japanischen General, der jenen gedemütigt, Schulter an Schulter mit Angehörigen aller Fürstenhäuser Europas, Vertreter aller Kirchen, die Mormonen ausgenommen, aller Völker, die dem Zaren untertan sind - es sind deren, glaube ich, achtzig - aller Armeen des Westens; dazu ungezählte Regimenter in den verschiedensten Uniformen und Millionen einfacher Leute, die nur halb Europäer und halb Asiaten, aber von Begeisterung und Ergebung ihrem irdischen Herrn gegenüber erfüllt sind. Wir können uns das Brausen der endlosen Volksmassen vorstellen, die Chorgesänge der Mönchsscharen, die Artilleriesalven, die von Ort zu Ort sich wiederholend im ganzen Norden unserer Hemisphäre, von Riga bis Wladiwostok, es jedermann im gleichen Augenblick verkünden, dass der Zar sich die Krone aufsetzt. Der Engländer liest das alles wie etwa ein Gedicht von Moore und findet es gleichzeitig großartig und krankhaft. Ist das nicht zu großartig für wahre Größe? Gehört das nicht eher auf die Bühne als ins wirkliche Leben? Ist es denn recht, in einem Reiche wie Russland, wo die Unglücklichen nach Millionen zählen, solche riesigen Ausgaben zu machen, nur um den Glanz der Purpurs heller strahlen zu lassen? Fünf Millionen Pfund für ein Fest! Gibt es eine annehmbare Rechtfertigung für eine derartige Verschwendung? Ist das nicht die Vergeudung eines Belsazar, eine Schaustellung wahnsinnigen Hochmuts, ein Hinauswerfen von Schätzen, wie es etwa bei orientalischen Fürsten üblich ist, wenn sie ihrem blasierten Herzen einmal das Gefühl des Ruhmes gönnen wollen? Nichts könnte einen Engländer bestimmen, eine solche Summe für einen derartigen Zweck zu bewilligen, und doch könnte sich England eine solche Ausgabe zehnmal besser leisten als Russland."

Die Tatsache, dass die Regenten in den sogenannten christlichen Reichen aller wahrhaft christlichen Gefühle und sogar des rein menschlichen Erbarmens bar sind, wird durch ihr Verhalten in der armenischen Frage in vollem Umfange bestätigt. Sie, die Geld mit vollen Händen hinauswerfen zum Unterhalt des Königtums, seines eitlen Glanzes und Scheines, die über Millionen von Soldaten zu Land und zu Wasser und eine staunenserregende Ausrüstung zum Krieg verfügen, haben kein Ohr für die verzweifelten Hilferufe der armen armenischen Christen, welche von den Türken zu Zehntausenden gemartert und hingemordet werden. Die prächtigen Armeen sind also nicht für das Wohl der Menschheit bestimmt, sondern für die selbstsüchtigen Zwecke der politischen und finanziellen Machthaber in der Welt, zur Wegnahme von Ländern, zum Schutze der Interessen der Staatsgläubiger. Mit diesen Armeen wollen sich die Machthaber gleichsam bei der Gurgel packen können, wenn sich Gelegenheit bietet, ihr Gebiet zu erweitern oder Reichtümer an sich zu reißen.

In schneidendem Gegensatz zu der Verschwendung in allen monarchisch regierten Ländern zugunsten der Hofhaltung steht die ungeheuere Verschuldung der europäischen Staaten:

"Geldmangel", sagt der "London-Telegraph", "heißt die dunkle Gewitterwolke, welche alle europäischen Staaten bedroht. Die Zeiten sind überhaupt schlecht für die Mächte, am allerschlechtesten aber für die kleinen Staaten. Gründliche Berichte über die Finanzlage zeigen, dass die Mehrzahl der Finanzministerien Mühe haben, die Einnahmen mit den Ausgaben in Einklang zu bringen, eine Erscheinung, die noch nie so allgemein war, jetzt aber auf der ganzen Welt beobachtet wird. Sehen wir über unseren Kontinent hinaus, so bemerken wir, dass die Vereinigten Staaten, Indien, Japan und andere an derselben Misere leiden. Die große Republik der Vereinigten Staaten ist fast zu ausgedehnt und zu reich, um an einer Finanzklemme zugrunde zu gehen; gleichwohl ist sie sehr krank. Auch Großbritannien sieht sich demnächst vor ein Budgetdefizit gestellt, und der wahnsinnige Kohlenstreik hat ihm schweren vielleicht nicht wieder gut zu machenden Schaden zugefügt. Auch Frankreich kann man sich, so wenig als Großbritannien oder die Vereinigten Staaten von Nordamerika, nicht gut zahlungsunfähig denken, weil sein Boden so fruchtbar, seine Bevölkerung so arbeitsam ist; gleichwohl hat seine Staatsschuld eine schreckliche Höhe erreicht - dazu lasten die Ausgaben für Armee und Marine schwer auf dem Gewerbefleiß des Volkes. Deutschland gehört ebenfalls in die Kategorie der Staaten, welche zu fest und stark dastehen, um in mehr als vorübergehende Verlegenheit zu geraten; gleichwohl hat man im vergangenen Jahre einen Verlust von 500 Millionen Mark nachgerechnet, was der Hälfte des Staatsvermögens gleichkommt. Ein großer Teil dieser Verluste ist auf Anlagen in Portugal, Griechenland, den südamerikanischen Republiken, Mexiko, Italien und Serbien erlitten worden. Gleichzeitig hatte Deutschland durch die Schwankungen auf dem Silbermarkt schwer zu leiden. Und dabei wälzt der bewaffnete Friede dem Volk erdrückende Lasten auf die Schultern! Am meisten Sicherheit unter den naturgemäß zahlungsfähigen Staaten weist immer noch Österreich-Ungarn auf.

"Nun kommen die von Insolvenz bedrohten Staaten. Da ist zunächst Italien, das sich an seiner Großmachtstellung beinahe verblutet. Jahr um Jahr gehen seine Einkünfte zurück und nehmen seine Ausgaben zu. Vor 6 Jahren war sein Außenhandel noch 2080 Millionen Mark wert, jetzt ist er auf 1680 Millionen herabgegangen. Zur Verzinsung seiner Staatsschuld bedarf es nicht weniger als 600 Millionen, wobei das Goldagio nicht einmal berechnet ist. Seine Obligationen sind unverkäufliche Ware; seine maßlose Banknotenemission hat das Hartgeldagio auf eine unglaubliche Höhe getrieben. Seine Bevölkerung befindet sich in so großer Armut, so schrecklicher Mittellosigkeit, dass man hier (in England) davon keinen Begriff hat, und wenn eine neue Regierung neue Steuern einführt, so antwortet das Volk mit Aufläufen, die blutig niedergeworfen werden müssen.

"Das Finanzwesen Russlands ist in so undurchdringliches Dunkel gehüllt, dass man nichts Sicheres darüber wissen kann; aber es ist kaum zu bezweifeln, dass einzig die Größe des Zarenreiches es vor dem Bankbruch bewahrt. Aus der Industrie ist auch der letzte Tropfen Lebenssaft herausgepresst worden. Selbst der rücksichts- und erbarmungsloseste Finanzminister wagt es kaum, die Steuerschraube weiter anzuziehen, eine maßvolle und gewissenhafte Autorität schildert die Zustände Russlands wie folgt: "Jede Kopeke, die der Bauer zu verdienen sich abmüht, muss zur Zahlung von Steuerrückständen und kann nicht zum Unterhalt des eigenen Besitzes verwendet werden. Was der Bauer als Steuer zahlt, entspricht zwei Dritteln bis drei Vierteln des Bruttoertrages des Bodens, wobei noch derjenige mitberechnet ist, den er als Tagelöhner auf fremdem Boden fördert." Der Kredit der Regierung wird durch künstliche Mittel aufrecht erhalten. Leute, die die Zustände aus der nächsten Nähe beobachten können, erwarten nicht nur einen sozialen, sondern auch einen finanziellen Krach. Auch die Last des bewaffneten Friedens liegt lähmend auf Handel und Gewerbe.

"Portugal können wir bei dieser Umschau auf der Seite lassen, denn wenn auch das einst berühmte Königreich heute bankbrüchig ist, so ist doch seine missliche Lage nicht die Folge von Sucht nach Kriegsruhm oder von unbedachten Ausgaben. An Griechenland hingegen, das zwar mit seinen zwei Millionen Einwohnern unter den Mächten kaum zählt, haben wir ein frappantes Beispiel dafür, wie schnell unvernünftiger Aufwand und hochfliegende Pläne den Ruin eines Volkes herbeiführen. Die "große Idee" war der Leitstern des kleinen Landes und hat es schließlich genötigt, sich seiner Schuld auf die unehrenhafteste Weise zu entledigen, wobei der Protest Europas nur von beschränkter Wirkung war. Die für Heer und Flotte verwendeten Summen hätten ebenso gut ins Meer geworfen werden können. Die Politik hat sich in Griechenland zu einer Seuche ausgewachsen, von der selbst seine besten und tüchtigsten Elemente ergriffen wurden. Ein gewöhnliches Volk, das sich für die Arbeit zu gebildet vorkommt, mehr Studenten als Bauarbeiter, öffentliche und Privatschulden, an deren Zahlung niemand denkt, Heer und Flotte in einem wahrhaft beschämenden Zustand, trotzdem sie ungezählte Tausende kostete, Unehrenhaftigkeit der Grundzug aller Politik, geheime Absichten, die entweder neue Anleihen oder eine unlautere und gefährliche Geschäftsverbindung mit Russland nötig machen werden - das sind die Charakterzüge des modernen Griechenland.

"Dieser Rundgang durch die Kontinente hat als Resultat unleugbar ergeben, dass die Aussichten für die Wohlfahrt der Völker und die Bilanz der Staatsrechnungen sehr trübe sind. Freilich ist eine der hauptsächlichsten und sichtlichsten Ursachen dafür der bewaffnete Friede, der wie ein Alp auf Europa lastet und den ganzen Kontinent in ein ständiges Feldlager verwandelt hat. Man sehe sich nur das ernste und verständige Deutsche Reich an! Das Kriegsbudget, das 1880 noch 350 Millionen Mark war, ist 1893 auf 570 Millionen gestiegen, und unter dem neuen Reichswehrgesetz sind jährlich weitere 60 Millionen dazugekommen. Und Frankreich hat nichts Eiligeres zu tun, als es seinem mächtigen Rivalen gleichzumachen und war dadurch zu den krampfhaftesten Anstrengungen genötigt.

"Man braucht nicht erst zu betonen, welch wichtigen Anteil diese Rüstungen an der gegenwärtigen verzweifelten Lage der Völker Europas haben. Nicht nur entziehen dieselben dem Erwerb der Nationen die kolossalen Summen, von welchen Munition gekauft und Festungen gebaut werden, sondern sie entziehen auch der Industrie Millionen junger Arbeiter in den besten Jahren, die während der Zeit ihres Dienstes für die Familie und die Verstärkung der Bevölkerung verloren sind. Die Welt hat noch kein besseres Verkaufslokal für Schuldscheine von Volk zu Volk erfunden als den schrecklichen und kostspieligen Janustempel."

Alles in allem beläuft sich der Aufwand, den Europa mit seinen Armeen und Flotten, seinen Garnisonen treibt, wenn man den Entzug von Produktivkräften, den die Industrie erleidet, mitrechnet, auf jährlich sechs Milliarden Mark - für verschuldete und von finanziellen Schwierigkeiten bedrohte Staaten eine schwere Last. Dazu sind noch die 2.188.800 Menschenleben zu rechnen, welche die Kriege in den 25 Jahren von 1855-1880 gekostet haben, und das unter Schrecknissen, die jeder Beschreibung spotten. So schreibt C. Dickens mit vollem Recht:

"Wir sprechen mit Begeisterung, mit einem gewissen Feuer, von einem prächtigen Angriff, von einem glänzenden Angriff, aber die wenigsten denken an die greulichen Dinge, welche sich hinter diesen hohlen Worten verbergen. Der "glänzende Angriff" ist das Durchbrausen einer Kolonie von Reitern auf Pferden, die zu ihrem schnellen Galopp angefeuert sind und alles vor sich nieder reiten sollen. Hier bleibt des Lesers Gedanke stehen; er ist zufrieden, dass die feindliche Linie durchbrochen worden ist. Das ist aber nicht sehr anschaulich. Der Leser möge daher einen Augenblick mit mir bei dem "glänzenden Angriff" verharren. Wenn derselbe seine Wirkung getan hat und glücklich vorbei ist, so bietet sich uns ein Bild ungefähr wie nach einem schrecklichen Eisenbahnunglück: entzwei gebrochene Rümpfe, verrenkte Arme, an ihren eigenen Bajonetten aufgespießte Leute, wie Brennholz zersplitterte Beine, von den Hufeisen der Pferde wie Äpfel entzweigespaltene oder zu Brei zertretene Köpfe, bis zur Unkenntlichkeit zerstampfte Angesichter. Das alles verbirgt sich hinter dem "glänzenden Angriff"; so kommt es heraus, wenn "unsere Leute regelmäßig chargiert" und sich durch Besiegung des Feindes mit Ruhm bedeckt haben." - Ein anderer moderner Schriftsteller schreibt: "Da gehen Millionen Arbeiter in ganz Europa Tag für Tag an die Arbeit und harren vom frühen Morgen bis zum späten Abend dabei aus, sei es dass sie dem Boden seine Erzeugnisse abgewinnen, dass sie die Produkte der Fabrik herstellen, dass sie den Austausch der Bedarfsartikel besorgen, sei es dass sie in Bergwerken, Kaufhäusern, Stahlwerken, Lagerhäusern, Werkstätten, Kaufläden, bei der Eisenbahn, Schifffahrt auf Flüssen, Seen und Meeren beschäftigt sind, dass sie in die Eingeweide der Erde dringen, die rohe Materie brauchbar gestalten, die Naturkräfte bewältigen; sie alle werden damit Diener am Wohl und an der Bequemlichkeit der Menschheit und bringen dabei eine Menge Werte hervor, welche für reichliches Auskommen und Annehmlichkeiten in einem jeden Haushalt genügen würden; und nun greift eine mächtige Hand in dies alles und nimmt etwa 6.000 Millionen jährlich von den meisten erarbeiteten Werten weg und schleudert sie in den nimmersatten Rachen des Militärmolochs." - Im "Harrisburger Telegramm" lesen wir diesbezüglich: "Es kostet die "christlichen" Völker Europas ein hübsches Stück Geld zu zeigen, wie sie das "Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" verstehen; das heißt es kostet sie ein hübsches Stück Geld, jederzeit bereit zu sein, einander zu vernichten."

In einem Brief an den französischen Deputierten F. Passy schrieb das nun verstorbene Parlamentsmitglied John Bright:

"Gegenwärtig werden alle Mittel Europas vom Militärmoloch verschlungen. Die wahren Interessen der Völker werden den elendesten und verbrecherischsten Liebhabereien der auswärtigen Politik geopfert; sie werden mit Füßen getreten, falschen Begriffen von Ruhm und Nationalehre zuliebe. Ich kann mich des Gedankens nicht verwehren, dass Europa einer großen Katastrophe entgegengeht, unter deren Wucht es zusammenbrechen wird. Der Militarismus wird auf die Länge die Geduld der Völker erschöpfen und diese zur Verzweiflung treiben, so dass sie, vielleicht in nicht zu ferner Zeit, Königen und Regenten, die sich den Namen "Staatsmänner" anmaßen, wenn sie im Auftrag der Völker regieren, stürzen."

So ist denn das Gericht über die bürgerlichen Gewalten im Herannahen. Nicht nur die Presse spricht so, sondern die Massen selber protestieren laut gegen die bestehenden Gewalten. Die Unruhe ist allgemein und wird mit jedem Jahre gefährlicher.

Wie die bürgerlichen Gewalten, so ist auch die gesellschaftliche Organisation in der Namenchristenheit nunmehr einer Prüfung unterzogen, ihre ganze Finanzwirtschaft sowie die Frucht derselben, die egoistische Profitpolitik, die Unterscheidung der Klassen nach dem Portemonnaie mit aller Ungerechtigkeit und Härte, die diese Unterscheidung für die Großzahl der Menschen mit sich bringt. Darüber wird die Gegenwart nicht minder energisch zur Rechenschaft gezogen als wegen ihrer Staatsinstitutionen. Man beachte nur die endlosen Streitereien über den Silberwert und die Goldwährung, die stets erneuten Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit. Wie das Brausen erregter Meereswogen tönt das Murren unzählbarer Scharen über das gegenwärtige Gesellschaftssystem, besonders soweit man die Unvereinbarkeit desselben mit den sittlichen Grundsätzen der Bibel erkennt, deren Autorität anzuerkennen und deren Lehren im allgemeinen zu befolgen sich doch die Namenchristenheit rühmt. Es ist eine beachtenswerte Tatsache, dass selbst die Welt bei ihrem Urteil über die Namenchristenheit sich das Wort Gottes als Richtschnur nimmt. Die Heiden heben die Bibel hoch und erklären keck: "Ihr seid nicht so gut wie euer Buch!" Sie deuten auf Christum hin und sagen: "Ihr wandelt nicht in den Wegen dessen, nach dessen Namen ihr euch nennt!" Die Heiden und die Massen in der Namenchristenheit greifen die goldene Regel, das Gebot der Liebe auf, und beurteilen danach die Lehren, Verhältnisse, das Verfahren und Verhalten der Namenchristenheit, und alle bezeugen es, wie die geheimnisvolle Inschrift im Festsaale zu Babylon: Gewogen, gewogen, und zu leicht erfunden.

Das Zeugnis der Welt gegen die dermalige Gesellschaftsordnung wird in jedem Lande vernommen. Jedermann bezeichnet dieselbe als verkehrt, und die Opposition, die sich dagegen erhebt, ist immer tätiger und verbreitet Furcht über die ganze Welt, indem sie das Vertrauen in alles Bestehende erschüttert und die Industrie immer von neuem durch Lohnbewegungen, Börsenpaniken usw. lähmt. Es gibt in der ganzen Namenchristenheit kein Volk, bei dem nicht gegen die Gesellschaftsordnung protestiert wird, das nicht hartnäckig und stets mehr durch diesen Protest geängstigt wird. Man höre Carlyle:

"Die Existenz des englischen Industriearbeiters wird bald derjenigen in einem endlosen Sumpf gleichen, aus dem verpestete Dünste aufsteigen, eine Stätte, da Tausende lebendig begraben werden. Dreißigtausend Näherinnen arbeiten sich schnell zu Tode; drei Millionen Arme, die in gezwungener Muße dahinsiechen, helfen ihnen sterben. Das sind nur Einzelheiten aus dem großen Hauptbuch der Verzweiflung."

Im "Jungen Mann" lesen wir unter dem Titel "Wird die Welt besser?" folgende Stelle:

"Starke Männer, zu jeder ehrbaren Arbeit bereit, leiden Hunger und mancherlei Not, und oft drückt sie noch der Kummer, den ihnen der Mangel in ihrem Haushalt verursacht. Auf der anderen Seite stehen Reichtum und Überfluss, oft im Bunde mit Geiz und Unsittlichkeit, und während der Arme gleichsam Zoll um Zoll dahinstirbt, weiß der Reiche meistenteils nichts von den Leiden seiner Brüder und sorgt nur dafür, dass der arme Lazarus sich nicht gar zu sehr hervorwage und störe. Tausende von jungen Männern führen in vollgepfropften Lokalen und hässlichen Warenhäusern das Dasein von Sklaven; sie arbeiten 70-80 Stunden die Woche, ohne dass körperliche oder geistige Erholung das Einerlei ihrer Existenz unterbräche. Im Ostend nähen Frauen Schürzen oder machen Kartonschachteln um einen Lohn, der nicht hinreicht, um sich ein Bett, geschweige denn ein eigenes Zimmer zu mieten; sie haben die Wahl, Hungers zu sterben oder vom Laster zu leben. Im Westend dagegen sind ganze Straßen im Besitze geschminkter Dirnen, von denen eine jede ein lebender Vorwurf ist für das schwache und schlechte Männergeschlecht. Von den jungen Männern dagegen bringen sich viele selbst ins Gefängnis oder trinken sich frühzeitig zu Tode, und gleichwohl ist jedes "anständige" Blatt voll von Berichten über Wettrennen, und christliche (?) Regierungen lassen den Betrieb öffentlicher Wirtschaften an jeder Straßenecke zu. Ja, es wird jedem das Sündigen leicht gemacht; selbst das Laster sinkt im Preis, Betrug herrscht vor im Verkehr, Härte in der Politik, Gleichgültigkeit in der Religion."

Vor einiger Zeit schrieb die "Philadelphia Presse":

"Gefahr im Anzug! Es besteht kein Zweifel darüber, dass New York in zwei große Klassen gespalten ist, die der sehr Reichen und die der sehr Armen. Der Mittelstand, ehrbare, fleißige, arbeitsstolze Leute umfassend, ist am Verschwinden; die einen erheben sich zur Klasse der Vermögenden, die anderen verfallen der Armut und Not. Zwischen beiden Klassen greift ein deutlich zutage tretender Hass Platz, der, von böswilligen Leuten geschürt, stets und schnell wächst. Es gibt Leute in der Stadt, von denen man es nicht glauben sollte, die 10-20 Millionen Dollar besitzen. Ich kenne eine Frau, die in einem prachtvollen Hause wohnt, und deren Leben so ruhig dahinfließt wie dasjenige eines Pfarrherrn; sie hat in 5 Jahren nicht weniger als 3 Millionen Dollar weggegeben und wird noch zu Lebzeiten weitere Millionen für wohltätige Zwecke opfern. Dabei hat sie zu Hause Gemälde und Statuen, Diamanten und andere Edelsteine, herrliches Gold- und Silbergeschirr, dazu Kunstwerke der verschiedensten Art, kurz ein Inventar, das auf 1 1/2 Millionen geschätzt ist; und doch ist sie noch um mehrere Millionen weniger reich als manche ihrer Nachbarn. Es gibt Leute in unserer Stadt, die vor 20 Jahren noch Kleider verkauften in der Chatham-Straße, und die heute auf einem Fuße leben, der einen Jahresaufwand von 100.000 Dollar kostet, und Kleinodien mit sich herumtragen, die 25.000 Dollar wert sind. Kommen Sie mit mir zu einer Wagenfahrt in der Madison Avenue: da will ich Ihnen jeden Tag, ob Sonnenschein, ob Regen, gegen 10 Uhr vormittags und 5 oder 6 Uhr abends ganze Reihen von Equipagen zeigen, in denen Damen sitzen, deren Ohrringe 500-5.000 Dollar wert sind, an deren roten, aufgedunsenen Händen Ringe blitzen, die einem Vermögen gleichkommen. Machen Sie einen Spaziergang mit mir, zwischen Stewarts altem Warenhaus an der Kreuzung der neunten Straße mit dem Broadway, nicht an einem Sonn- oder Feiertag oder sonst bei besonderer Gelegenheit, sondern zu ganz gewöhnlicher Zeit, und ich will Ihnen zahllose Gruppen von Frauen zeigen, die von Kopf bis zu Fuß in Robbenfelle gehüllt sind, für die sie 500-1.000 Dollar bezahlt haben, von deren Ohren und Fingern Diamantringe oder ähnliche Kleinodien strahlen, und die dann noch dicke Portemonnaies in der Hand tragen. Diese geben ein Bild von den Reichgewordenen, mit denen sich New York immer mehr bevölkert. In derselben Straße aber und zu derselben Zeit kann ich Ihnen Leute zeigen, für die ein Dollar schon ein Vermögen bedeuten würde, deren zerrissene, zerlumpte Beinkleider mit einem Strick, einer Schnur oder mit Stecknadeln an der Taille befestigt sind, die unsicheren Schritts über das Pflaster wanken, deren bloße Füße in so zerrissenen Schuhen stecken, dass sie sie nicht vom Pflaster aufheben dürfen, deren Angesichter voller Flecken, deren Bärte und Haupthaar lang und struppig sind, deren rotangelaufene Hände in magere Klauen auslaufen. Wie lange wird es noch dauern, bis diese Klauen die neugebackenen Reichen ergreifen? Täuschen wir uns nicht. Die Absicht verbreitet sich immer mehr und wird früher oder später ausgeführt werden. In der letzten Nacht noch kam ich durch die 14. Straße, in der nur wenige prunkvolle Privathäuser stehen. Vor einem derselben war von der Haustür bis zum Rande des Fußgängerweges ein Baldachin errichtet, unter dessen Schutz geschmackvoll gekleidete Damen in Begleitung ihrer Kavaliere sich vom Wagen ins Haus begaben, aus dem eine Fülle von Licht strömte und in dem lustige Musik erklang. Ich stand einen Augenblick in der Menge der Neugierigen, eine drohende Menge war es, und da kam mir die Überzeugung, dass es unabweislich zu einem gewaltsamen Ausbruch kommen werde, wenn nicht etwas geschieht, und bald geschieht, um den Hass zu beseitigen, der zwischen Reich und Arm existiert und absichtlich noch geschürt wird. Sie würden schaudern, wollte ich Ihnen erzählen, wie die Weiber redeten. Neid, Eifersucht, zu jedem Greuel fähige Wildheit, alles, was zu einem Ausbruch von Gewalttätigkeit nötig ist, war in diesem Haufen vertreten, alles, mit Ausnahme des Führers."

Ja! Furchtbare Gegensätze weist die Welt auf. Auf der einen Seite essen Millionen ihr Sklavenbrot im Schweiße ihres Angesichtes, während ein ganzes Heer neben ihnen umsonst Verdienst sucht, und ein zweites sich mit ungenügender Löhnung abspeisen lassen muss; auf der anderen gestattet riesiger Reichtum Ausschweifungen jeder Art. Als Beispiel diene, was ein Londoner Journal über Vanderbilts Haushalt schreibt:

"Cornelius Vanderbilt, der bekannte New Yorker Millionär und Eisenbahnkönig, hat, wie man uns aus New York meldet, jüngst sein neues Palais mit einem großen Ball eingeweiht. Dieses bescheidene Heim, welches 10 Personen während 6 Monaten des Jahres Obdach gewährt, die anderen 6 Monate geschlossen bleibt, steht an der Kreuzung der 57. Straße mit der 5. Avenue. Seine Herstellung kostet 5 Millionen Dollar. Es ist in spanischem Stile gebaut, aus grauem Stein mit teilweiser roter Fassade und ebensolchen Türmchen und Zinnen. Es hat drei Stockwerke und ein hohes Dachgeschoss. Der Ballsaal, den es aufweist, ist der größte private Saal in New York; er ist 75 Fuß lang und 50 breit, weiß und golden dekoriert im Stile Ludwigs XIV. Schon das Täfelwerk allein kostet ein ganz ansehnliches Vermögen, sein Motiv ist der Doppelkegel, und die Wandmalerei besteht aus Nymphen und Amoren. Um den Plafond zieht sich eine Girlande hübsch geschnitzter Blumen, in deren Innern je ein elektrisches Lämpchen glüht. In der Mitte des Saales hängt ein prachtvoller kristallener Kronleuchter. In der Nacht des Eröffnungsballes waren die Wände vom Fußboden bis zur Decke mit natürlichen Blumen bedeckt, welche 5.000 Dollar gekostet hatten; für das Ballvergnügen selber soll der Gastgeber 25.000 Dollar ausgegeben haben. Vor dem Hause ist der verhältnismäßig kostspieligste Garten der Welt, denn wiewohl er nicht größer ist als eine übliche städtische Parzelle, kostete er 350.000 Dollar, wozu noch die Abbruchskosten für ein Haus, das um 125.000 Dollar erstellt worden war, kommen, an dessen Stelle nur ein paar Gartenbeete sich ausbreiten!"

Die "Industrie" in San Francisco knüpfte an einen Bericht über die Extravaganzen zweier reicher Amerikaner folgendes:

"Das Diner, das Wanamaker in Paris, und dasjenige, das Vanderbilt in Newport offeriert hat, kosten zusammen 40.000 Dollar, vielleicht auch noch bedeutend mehr. Das sind Zeichen der Zeit, die Umwälzungen in unserem Lande ankündigen. Beispiele, wie diese, wo es auf eine neue großartige Schaustellung des Reichtums, über den man verfügt, ankommt, könnten noch zu Hunderten angeführt werden. Sie erinnern an die Feste, die das alte Rom feierte, bevor es unterging, an die Ausschweifungen in Frankreich, auf die vor 100 Jahren die Revolution folgte. Die Summe, die jährlich von Amerikanern in der Fremde für Luxus und schlimmere Zwecke ausgegeben wird, schätzt man auf ein Drittel des Staatseinkommens der Union."

Ward McAllister, ein Führer der New Yorker "Gesellschaft" taxierte jüngst in einem Artikel in der "National Review" den Durchschnittsaufwand einer Familie in Durchschnittsverhältnissen, bestehend aus Mann, Frau und drei Kindern, auf 146.945 Dollar, die er folgendermaßen spezifiziert:

"29.000 für den Hauszins in der Stadt, 14.000 für den Hauszins auf dem Lande, 6.000 für den Unterhalt des Landbesitzes, 8.016 für Dienstbotenlöhne, 18.954 für den Haushalt, 10.000 für die Kleider der Gemahlin, 2.000 für die Garderobe des Hausherrn, 4.500 für Garderobe und Taschengeld der Kinder, 3.600 für den Unterricht der drei Kinder; Gesellschaften, Bälle, Diners usw. 13.600: Theater mit Nebenausgaben 5.700; Zeitungen und illustrierte Zeitschriften 100; Juwelier 1.000; Schreibmaterialien 300; Bücher 500; Geschenke 1.400; Kirchengroschen 300; Vereinsbeiträge 425; Arztkosten 800; Zahnarztkosten 500; Umzug von der Stadtwohnung in die Landwohnung und umgekehrt je 125; Reisen in Europa 9.000; Marstall 7.000."

Chauncey M. Depew soll einmal gesagt haben:

"50 Männer in den Vereinigten Staaten haben es in ihrer Macht, dank dem Reichtum, über den sie verfügen, den gesamten Handel und Verkehr stillstehen zu lassen, jeden Weg, dessen der Handel bedarf, zu sperren, und jeden Elektromotor zum Stehen zu bringen. Sie können innerhalb 24 Stunden zusammenkommen und sich verständigen; sie können auch die Zirkulation des Bargeldes beherrschen und jeden Moment eine Panik hervorrufen."

Die an der Kirche geübte Kritik ist mindestens ebenso scharf als die, welche sich gegen die Herrschaft eines einzelnen oder der oberen Zehntausend richtet, und insofern ebenso berechtigt, als die Kirche ihre Interessen mit denen der weltlichen Gewalten verknüpft hat. Wir geben in folgendem einige Pressestimmen, aus denen die Richtigkeit des Gesagten hervorgeht.

In einem im November 1873 in der "Nord-Amerika-Revue" veröffentlichten Artikel schreibt John Edgarton Raymond:

"Die christliche Kirche ist von Gefahren umringt. Noch nie ist ihr eine so große Zahl Feinde gleichzeitig erwachsen. Was gewisse Theologen als weltliche Macht bezeichnen, ist jetzt stärker als je. Es sind nicht mehr wilde Völker, abergläubische Philosophen, Priester mythologischer Religionen, die ihr widerstehen, sondern eine hochentwickelte Kultur, tiefgründigste Gelehrsamkeit und klarste Erkenntnis der erleuchteten Nationen. Auf der ganzen Linie stößt sie auf den Widerstand der "weltlichen Macht", welche von den höchsten Geistesgaben und Idealen des Menschen repräsentiert wird. Allein nicht nur außer ihrem Bereich hat sie Feinde; in ihrem Schoß sind viele, die, wiewohl sie ihr Kleid tragen, ihre Gebote verkündigen und sie vor der Welt vertreten, bereit sind, ihre Autorität zu verwerfen und ihr Herrscherrecht anzufechten. Viele, die heute zwar noch vor ihren Geboten sich beugen, beginnen zu zweifeln, und Zweifel sind der erste Schritt zu Ungehorsam und Abfall. Die Welt wird nie wissen, wie viele aufrichtige Seelen im Schoße der Kirche im Geiste seufzen und bekümmert sind, aus Gewissensgründen aber, und um ihren Brüdern nicht Ärgernis zu geben, ihren Mund geschlossen, ihre Zähne im Zaume halten. Sie schweigen aber nicht aus Furcht vor Tadel, denn die Zeit, wo ein freies Wort Verfolgung zuzog, ist vorbei, und die Unfehlbarkeit der Kirche in Zweifel zu ziehen, gilt nicht mehr als Kennzeichen des Unglaubens. Sie verlangen kein neues Evangelium, wohl aber das alte in neuer Deutung. Überall wird die genauere und wahrheitsgetreue Verkündigung der Lehre des Gründers der christlichen Religion gefordert. Die Bergpredigt ist vielen die Quintessenz göttlicher Weisheit. Predigt diese! Predigt diese! rufen Anhänger der verschiedensten Richtungen allüberall; aber predigt sie nicht nur mit Worten, sondern auch mit der Tat. Zeigt uns, dass eure Handlungen mit dieser Predigt übereinstimmen, und wir werden euch glauben. Folgt Christo, so werden wir euch folgen! Aber gerade hierin widersprechen sich Kirche und Welt. Jene behauptet, sie verkündige die Gebote Christi, sie predige das Evangelium, diese aber erwidert: "Nein, ihr verkehrt die Wahrheit in ihr Gegenteil!" So lehrt die ungläubige Welt die gläubige Kirche die wahren Grundlagen der Lehre, die diese verkündigt! Das ist eines der auffallendsten und bedeutsamsten Zeichen der Zeit, und zudem ist es völlig neu. Bis jetzt hatte sich die Welt damit begnügt zu sagen: "Arzt, hilf dir selber!" nun aber sagt sie: "Arzt, ich will dir die Arznei verschreiben!" Als die Armen und Notleidenden, die Bedrängten und von Sorgen Erdrückten, von denen man verlangt, sie sollen Belohnung im Himmel erwarten, geweihte Priester und in Gunst stehende Kirchenfürsten in Purpur und köstlicher Leinwand einhergehen, alle Tage herrlich und in Freuden leben, trotz Motten, Rost und Dieben Schätze auf Erden sammeln und ohne Skrupel Gott und dem Mammon dienen sahen, begannen sie an der Aufrichtigkeit dieser Diener des Herrn zu zweifeln. Sie behaupten, die ganze Wahrheit wohne nicht unter einem Kirchendach, die Kirche vermöge nichts, sie könne nicht Ungemach verhüten, Kranke gesund machen, Hungrige speisen, Nackende kleiden, Tote auferwecken und die Seelen retten, sie sei mithin keine göttliche Institution, da sie jeder Kraft ermangle. So blieben sie ihren Altären fern und erklärten, die Unfehlbarkeit der Kirche, die Wirksamkeit ihrer Vorschriften, die Richtigkeit ihrer Glaubenssätze leugnen, heiße nicht die Wirksamkeit der Religion leugnen, ihr Opposition machen, heiße nicht, dem Christentum, sondern der kirchlichen Auslegung der christlichen Lehre Opposition machen; Achtung vor der göttlichen Wahrheit sei ganz vereinbar mit tiefster Verachtung der Kirchlichkeit. Nur für die erhabene Person Christi, der in seinem Leben auf Erden durch Handauflegen heilte und Leben gab, dessen Lächeln Heil und Rettung bedeute, hätten sie Verehrung und Liebe, nicht aber für die Institution, die ihn zu vertreten sich anmaße.

"Die Kirche denunziert nun diese ihre Ankläger als Ungläubige und fährt fort, Schätze zu sammeln, Gotteshäuser und Paläste zu bauen, sich mit Fürsten zu verbrüdern und mit den Mächtigen auf Erden zu verbinden; das hindert aber nicht, dass die gegen sie auftretenden Kräfte immer zahlreicher und mächtiger werden. Sie hat eben ihre Obergewalt eingebüßt, mit ihrer Autorität ist es vorbei. Sie ist nur noch ein Schatten von dem, was sie war. Sie kann auch ihren Einfluss nicht wiedergewinnen, sie kann zu dem Throne, auf dem sie einst saß, nicht zurückkehren. Ihre Hoffnung, einst die Welt zu beherrschen, ist ein eitler Traum; ihr Zepter ist auf immer zerbrochen. Schon stehen wir in einer Übergangsperiode. Die Umsturzbewegung unserer Zeit ist allgemein und unwiderstehlich. Die Throne beginnen zu wanken. Ein Vulkan brodelt unter den Königspalästen, und wenn die Throne stürzen, wird das Schicksal der Kirche besiegelt sein. Die Vergangenheit hat Massenerweckungen erlebt, wenn sie auch mehr lokaler und vorübergehender Natur waren. Auch jetzt steht eine solche bevor, doch wird sie die ganze Welt umfassen. Der Glaube an Gott und die Liebe zu den Mitmenschen soll wiederhergestellt werden, dann wird der schöne Traum allgemeiner Brüderlichkeit zur herrlichen Wirklichkeit geworden sein. Doch das wird die Reaktion gegen die Willkürherrschaft der Geistlichen, ein Protest gegen das eitle Formenwesen der Kirche sein."

In einer Besprechung des Vorschlages, den die "Katholische Rundschau" und andere Blätter machen, es sollte in den Gefängnissen Seelsorge getrieben werden, sagt eine Zeitung:

"So ist es recht. Nur würden wir weitergehen. Es soll Unterweisung in den Lehren der christlichen Religion nicht nur in Gefängnissen erteilt werden, sondern vorab in den Familien und in den Sonntagsschulen, in der Kirche. Ein Strafanstaltsgeistlicher sagte einmal, vor zwanzig Jahren hätten sich unter den Sträflingen nur 5 Prozent befunden, die in einer Sonntagsschule gewesen seien; jetzt aber bilden die ehemaligen Sonntagsschüler 75 Prozent der Sträflinge oder Untersuchungsgefangenen. Ein anderer Geistlicher hat in einem Trinkerasyl 80, in einer Anstalt für gefallene Mädchen 100 Prozent ehemaliger Sonntagsschulkinder gefunden. Die Presse bemerkt daher mit Recht, dass die der Sonntagsschule zugebilligte Bezeichnung "Kinderstube der Kirche" ein blutiger Hohn sei."

Bei der Besprechung der Frage, ob die Chicagoer Weltausstellung Sonntags geöffnet sein solle, wurde ganz richtig bemerkt, dass, wenn Böses aus Bösem resultiere, und Theater und andere Vergnügungslokale in Chicago offen ständen, kein Amerikaner gezwungen sei hinzugehen. Die Apostel, die ersten Christen überhaupt, konnten über keine Polizeimacht, über keine römischen Legionen verfügen, um ihren Anschauungen Geltung zu verschaffen oder gar ihre Nebenmenschen zu zwingen, frömmer zu sein, als ihnen behagte, dennoch war es gerade die erste Christenheit, weit entfernt, von der Staatsgewalt unterstützt zu sein, vielmehr von derselben verfolgt und geplagt ward, die die Welt eroberte.

Von dem bangen Staunen, das zu unserer Zeit ob der herrschenden Verwirrung viele kirchliche wie weltliche Leute befallen hat, gab die "New York Sun" kürzlich folgendes Zeugnis:

"Die Frage: Wo stehen wir? wird allmählich zur Gewissensfrage. Auf den Lehrstühlen vertreten Professoren Lehren, die so weit von ihrem Ausgangspunkt entfernt sind, dass sich die Rechtschaffenen früherer Zeiten darüber im Grabe umdrehen müssten. Geistliche unterzeichnen bei ihrer Einsetzung ins Amt Verpflichtungen, von denen sie wahrscheinlich wissen, dass sie die Behörde, die sie einsetzt, selbst nicht ernst nimmt; die damit übernommene Richtschnur gleicht in vielen Fällen den Bojen, an denen man sehen kann, wie weit das Schiff der Kirche bereits von dem vorgeschriebenen Kurs abgewichen ist. Es ist die Zeit des "Mach, was du willst" oder des "Jeder ist sich selbst der Nächste" und dergleichen mehr. Niemand weiß, wo das noch hinaus will, und diejenigen, für die die Antwort auf diese Frage am wichtigsten ist, scheinen sich am wenigsten darum zu kümmern."

Doch bei der Kritik des äußerlichen Auftretens und des Mangels an Einfluss der Kirche bleibt die Gegenwart nicht stehen; sie greift ebenso die wichtigsten Lehren der Kirche selbst an. Man beachte vorab, wie die gotteslästerliche Lehre von der ewigen Qual, der die Mehrzahl der Menschen verfallen soll, jene Lehre, durch die lange Zeit die Kirche den Menschen einzuschüchtern suchte, von den Denkenden durchweg verworfen wird. In dieser Frage empfindet die Geistlichkeit ein immer dringenderes Bedürfnis, die Lehre mit Nachdruck zu verfechten, um der um sich greifenden freieren Anschauung einen Damm entgegenzusetzen. Sie spricht von der ewigen Qual, der ihre Mitmenschen verfallen sollen, als wäre sie eine Kleinigkeit, die man so obenhin behandeln könne, und erklären eine Lehre für wahr, ohne sie auf ihre Wahrscheinlichkeit oder ihre Übereinstimmung mit der Bibel (Anmerkung: Siehe die Schrift: "Die Hölle. Was ist sie? Wer ist dort?") auch nur zu prüfen. Die Welt zieht aus dieser Anmaßung ihre eigenen Schlüsse, wie sich aus folgenden Pressestimmen ergibt. Der "Globe Demokrat" sagt:

"Gute Kunde kommt aus New York. Die Amerikanische Traktat-Gesellschaft beabsichtigt, die geistige Nahrung, die sie seit 50 Jahren dem Volke vorgelegt hat, zurückzuziehen und ihre Religionslehre zu revidieren. Das kommt daher, dass die Welt keinen Gefallen mehr findet an den heißen und gepfefferten Gerichten, welche dem Geschmack der früheren Generation entsprechen, und dagegen vermögen die paar feierlichen Herren von der Geistlichkeit gar nichts. Die Kirche macht sich nur den Spaß, den Menschen Toleranz, Menschlichkeit, Vergebung, Liebe und Gnade zu predigen. Das kann alles ebenso falsch sein, und es kann auch sein, dass wir besser täten, alle die Voraussagungen zu einem aschgrauen Schicksal weiter zu lesen und zu glauben. Aber das Volk glaubt es nicht und will es nicht glauben."

In einem anderen Blatt begründet Dr. Rossiter W. Raymond seine Weigerung, weitere Beiträge an die amerikanische Heidenmission zu leisten, mit folgenden Sätzen.

"Ich mag nicht mehr zum Unterhalt von Missionaren beitragen, welche an die Verdammung aller Heiden zur Hölle und die verabscheuungswürdige Irrlehre glauben, dass Gott die Heiden nicht liebe. Ich habe diesen ganzen erbärmlichen Humbug satt und will keinen Pfennig für Verbreitung der Lehre von der ewigen Verdammnis hergeben ... Mit meinem Gelde soll dieselbe nicht verbreitet werden. Dass Gott gut ist, das ist eine gute Botschaft, aber dieselbe wird in eitlen Quark verwandelt durch jene Männer, welche nicht besser sind als die, die Juggernauts Wagen über die Heiden rollen lassen und die Leichen der Getöteten den Bestien, die den Wagen zogen, als Speise vorwerfen. Es ist meine Christenpflicht, nicht das Geringste zu tun zur Verbreitung einer Lehre, welche die Heiden glauben machen soll, ihre Väter seien zur Hölle gefahren."

So sehen wir, dass die gesamte gegenwärtige Ordnung der Dinge gleichsam auf der Wage der öffentlichen Meinung auf und ab schwankt. Da die Zeit für ihren Untergang vorhanden ist, hält der Richter der ganzen Welt die Gewichte "Wahrheit" und "Gerechtigkeit", lässt das Licht vermehrter Erkenntnis darauf fallen und fordert die Welt auf, die Gerechtigkeit seines Entschlusses - die Zerstörung der Karikatur des Christentums, wie wir sie haben - zu erproben und zu prüfen. Allmählich, aber in schneller Steigerung, macht gegenwärtig die Welt die Probe, und am Ende wird alles einig sein, und wie ein großer Mühlstein wird Babylon, die große Stadt der Verwirrung, mit aller ihrer gerühmten bürgerlichen und kirchlichen Macht, mit aller ihrer Selbsterhebung, mit ihrem Reichtum, ihren Titeln, ihrem Einfluss, ihren Ehrenstellen, überhaupt mit allem ihrem eitlen Schaugepränge, ins Meer, ins aufgeregte Meer der Anarchie stürzen und darin auf immer verschwinden. - Offb. 18:21; Jer. 51:61-64

Ihre Zerstörung wird 1914, in welchem Jahre die Zeiten der Nationen zu Ende gehen, beginnen. Die Ereignisse spitzen sich zur Zeit schon schnell auf eine solche Krisis zu. Wiewohl die Prüfungszeit noch nicht zu Ende ist, kann doch schon mancher die Handschrift lesen, die ihr Urteil bedeutet: "Gewogen und zu leicht erfunden!" und allmählich wird sich das schreckliche Schicksal Babylons, der Namenchristenheit, erfüllen. Der alte Aberglaube, der sie so lange stützte, ist im Verschwinden begriffen; alte Glaubenssätze und bürgerliche Gesetzbücher, die man bisher hochhielt und ohne Zaudern aus der Vergangenheit herübernahm, werden nun keck in Frage gestellt; ihre Ungereimtheiten werden hervorgehoben, ihre greifbaren Irrtümer lächerlich gemacht. Doch richtet sich das Denken der Massen nicht gegen die Bibel, ihre Wahrheit und ihre gesunde Logik, sondern gegen den Unglauben. Der Unglaube nimmt zu sowohl innerhalb als auch außerhalb der Namenkirche; in der Bekenner-Kirche ist das Wort Gottes nicht mehr die Grundlage des Glaubens und der Führer durch das Leben. An seine Stelle sind menschliche Lehren getreten, und selbst heidnische Einbildungen blühen im Schoße der Kirche auf.

Aber nur wenige sind es im Schoße der Namenkirche, die wachsam und nüchtern genug sind, um ihren bejammernswerten Zustand zu erkennen, wenn man sie nicht nach ihrem Reichtum oder der Zahl ihrer Anhänger beurteilt; denn ihre Geistlichen und Professoren sind vom Geist dieser Welt so sehr umgarnt und geblendet, so offenkundig getränkt, dass sie den Verfall der Kirche gar nicht merken. Aber auch in finanzieller und quantitativer Hinsicht geht es mit ihr sichtbar bergab; denn mit ihrer Erhaltung sind die Interessen, Aussichten und Annehmlichkeiten des gegenwärtigen Lebens eng verkettet, und um diese sicherzustellen, empfindet sie den Drang, den Schein zu erwecken, sie erfülle die Mission, die Welt zu bekehren, was sie als ihre göttliche Mission betrachtet. Wie viel ihrer Bemühungen nach dieser Richtung gewirkt haben, werden wir in einer späteren Studie sehen.

Wenn wir Babylon in dieser Weise vor aller Welt zur Verantwortung gezogen sehen, drängt sich uns mächtig die auf dieses Ereignis gehende Prophezeiung des Psalmisten auf, auf die wir am Anfang dieser Studie verwiesen haben. Wiewohl Gott Jahrhunderte lang, in denen das Böse in seinem Namen triumphierte und seine wahren Getreuen allerlei Verfolgung zu erdulden hatten, dazu schwieg, so hat er doch nichts vergessen, und jetzt ist die Zeit da, von der er durch den Mund seines Propheten gesagt hat: "Ich will dich strafen und es dir vor Augen stellen!" - Psalm 50:21

Wer wach ist und auf der rechten Seite steht in diesen Zeiten von schrecklicher Bedeutung, merke auf diese Dinge und überzeuge sich davon, wie genau sich Prophezeiung und Erfüllung entsprechen.

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Studie 5

Die nationale Verwirrung Babylons vor dem höchsten Gerichtshof

Die bürgerlichen Mächte beunruhigt, da sie das Gericht über sich kommen sehen. - In Furcht und Schrecken streben sie nach Verbündung und schauen vergeblich auf die Kirche um ihre frühere Macht. - Sie vermehren ihre Heere und Flotten. - Kriegsvorbereitungen zu Land und Wasser. - Vollkommene Kriegswerkzeuge, neue Entdeckungen, Erfindungen, Explosivstoffe usw. - Erwecket die Heiden; schmiedet Pflugmesser zu Schwertern usw. - Die Vereinigten Staaten von Amerika von noch größeren Übeln bedroht als die alte Welt. - Der Ruf: Friede, Friede! und da ist doch kein Friede.

"Das sind Tage der Rache, dass alles erfüllt werde, was geschrieben steht ... Auf der Erde Bedrängnis der Nationen in Ratlosigkeit bei brausendem Meer und Wasserwogen, indem die Menschen verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; denn die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden. Und dann werden sie den Sohn des Menschen sehen, kommend in einer Wolke mit Macht und großer Herrlichkeit." - Luk. 21:22, 25-27

"Noch einmal werde ich nicht allein die Erde bewegen, sondern auch den Himmel. Aber das noch einmal deutet die Verwandlung (Hinwegräumung) der Dinge an, die erschüttert werden, als die, welche gemacht sind, auf dass die, welche nicht erschüttert werden, bleiben ... Denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer." - Hebr. 12:26, 27, 29

Dass die bürgerlichen Gewalten sehr wohl merken, dass das hereinbrechende Gericht sie treffen wird, und dass sie gar nicht sicher sind, bestehen zu bleiben, sieht jeder. So sprach schon Disraeli, als er englischer Ministerpräsident war, am 2. Juli 1874 (mithin ganz am Anfang der Erntezeit oder des Gerichtstages) im Parlament:

"Die große Weltkrisis ist näher, als manche glauben. Warum ist die christliche Welt so bedroht? Ich fürchte, die Zivilisation ist am Zusammenbrechen ... Blicken wir, wohin wir wollen, überall sehen wir Unbehagen herrschen, überall die Völker verzweifeln, überall die Menschen mutlos . . . Niemand kann sich dieser Erkenntnis verschließen. Wer irgendeine Zeitung zur Hand nimmt, sieht, dass der politische Horizont von Sturmwolken umzogen ist ... Es muss zu einem fürchterlichen Ausbruch kommen. Jedes Kabinett in Europa ängstigt sich; jeder Fürst, jeder Gewalthaber, steht da mit der Hand am Schwertgriff ... Wir stehen vor einer Zeit voll unerhörter Schrecknisse, wir treiben dem Ende zu!"

Sah man schon zu Beginn der Zeit der Ernte so deutlich, wie viel bedeutsamer sind denn die Zeichen jetzt! So lesen wir in einem "Die Beunruhigung Europas" betitelten Artikel des "Londoner Spectator":

"Welcher Ursache sollen wir die bestehende Unruhe in Europa zuschreiben? Man kann sie zum Teil der Lage in Italien zuschreiben; aber vorab ist sie doch eine Folge des Pessimismus, der Europa wie eine Flut überschwemmt. Und dieser Pessimismus hat seinen Grund zum Teil in den wirtschaftlichen Kämpfen, zum Teil darin, dass der Anarchismus sich als eine Macht in der Welt ausgewiesen hat. Diese letzte Erscheinung war auf dem Kontinent viel folgenschwerer als in England. Die fremden Regierungen zittern beständig vor der "von unten" drohenden Gefahr, vor Bombenattentaten. Sie betrachten die Anarchisten als die Vorhut einer Macht, die der Zivilisation den Krieg erklärt hat und die gegenwärtige Ordnung zerschmettern wird, wenn sie nicht besänftigt oder besiegt werden kann. Die Zukunft erscheint ihnen als durchaus unsicher, weil die gegenwärtige Ordnung sich zu ausschließlich auf die Bajonette stütze. Bei der geringsten Hoffnung, die sie auf die innere Lage setzen, flößt ihnen auch die äußere Besorgnis ein; sie halten dieselbe nicht für dauerhaft und sehen jede Veränderung als einen Schritt nach dem Ende zu an. Sie übertragen den Pessimismus, der Literatur und Gesellschaft beherrscht, auf die Politik, und hier wird er durch den dermaligen wirtschaftlichen Niedergang verschärft."

Am 9. März 1895 schrieb derselbe "Spectator" unter dem Titel: "Die wahre Gefahr für den Kontinent":

"Herr Jules Roche hat uns allen eine rechtzeitige Warnung gegeben. Seine Donnerstags-Rede, welche in der französischen Kammer Aufsehen erregt hat, erinnerte Europa noch einmal daran, wie dünn die Kruste ist, welche die vulkanischen Feuer noch bedeckt. Seine These war, dass Frankreich nach allen seinen Opfern - Opfern, welche jede weniger wohlhabende Macht zerschmettert haben würden - noch immer zum Kriege unvorbereitet wäre; dass es mehr tun müsse, und vor allem, dass es mehr darangeben müsse, bevor es sich als sicher oder als bereit betrachten könne. Überhaupt stellt er Deutschland als den schrecklichsten und drohendsten Feind hin, gegen dessen Einfall Frankreich immer vorbereitet sein müsse, und der in diesem Augenblick stärker sei als Frankreich. Mit seinem letzten militärischen Programm ist es dem Kaiser, wie Roche sagt, nicht nur gelungen, das ganze Volk der Rekrutierung zu unterwerfen, sondern er hat auch das aktive, zum Marschieren und Kämpfen bereite Heer auf fünfhundertfünfzigtausend Mann erhöht, mit Offizieren, mit voller Ausrüstung, kunstvoll aufgestellt - binnen kurzem fertig, wenn auch immer seine Lippen die verhängnisvolle Entscheidung aussprechen sollten, welche sein Großvater in die zwei Worte formulierte: "Krieg - Mobil!" Frankreich dagegen hatte, obwohl das Netz seiner Rekrutierung ebenso ausgedehnt war, nur vierhunderttausend Mann in Bereitschaft, und um Geld zu sparen, setzte es sogar dieses Zahlenverhältnis noch beständig herab. Am Anfang eines Krieges, welcher jetzt gewöhnlich seinen Ausgang entscheidet, würde Frankreich, das mindestens an zwei Grenzen Feinde haben würde, hundertfünfzigtausend Mann weniger haben, und es könnte, bevor seine vollen Hilfsquellen seinen Generälen zur Verfügung stehen würden, schreckliches und sogar verhängnisvolles Unheil erleiden. Obwohl die Abgeordneten dem Herrn Jules Roche keineswegs zugeneigt waren, hörten sie fast von Ehrfurcht ergriffen zu, und Herr Felix Faure hat beschlossen, seit sechs Jahren das erste Mal, ein vergessenes, dem Präsidenten der Republik zustehendes Recht auszuüben, und der Sitzung des Obersten Militärrates vorzustehen, die am 20. März stattfinden soll. Er beabsichtigt augenscheinlich, als geübter Geschäftsmann bezüglich der militärischen Lage "Inventur zu machen" und sich zu vergewissern, was Frankreich an Kanonen, Pferden und Menschen, die beim ersten Alarm zum Losrücken bereit sind, besitzt, und darauf zu bestehen, dass noch mehr gekauft werden, wenn er den Vorrat als bei der großen Nachfrage zu gering befinden sollte. So reich die Firma auch ist, so mag er ihr Kapital doch als ungenügend finden für dies Unternehmen, da die Sammlungen neuer Vorräte über alle Maßen teuer sind; auf alle Fälle aber will er die genaue Wahrheit wissen.

"Herr Faure ist ein Geschäftsmann, welch offenbarendes Licht wirft aber seine Handlungsweise, die Folge der Worte des Herrn Roche, auf die Lage in Europa. Der Friede soll durch die Furcht vor dem Kriege garantiert sein, und doch wird der Krieg offen erwähnt; man sieht, dass die Vorbereitungen dafür jetzt in demselben Maßstabe vorgenommen werden, wie je seit 1870 - das erste Vorurteil der Staatsmänner. Wir wissen, auf wie wenig Widerstand der deutsche Kaiser im letzten Jahre stieß, als er sich die Änderung sicherte, die Herrn Jules Roche so sehr beunruhigte. Das Volk neigte kaum dazu, trotz der großen Verlockung einer herabgesetzten Dienstzeit, und es neigte nicht dazu, für die Kosten aufzukommen. Es sah jedoch die Notwendigkeit ein; es gab nach, und Deutschland ist jetzt in dem Zeitraum von vierundzwanzig Stunden kriegsbereit. Auch Frankreich wird das neue Programm annehmen, wenn auch verzweifelt, und wir werden sehen, wie Vorbereitungen getroffen und Gelder ausgegeben werden, was mit Widerwillen zurückgewiesen worden wäre, wenn nicht der niederdrückende Gedanke der Gefahr bestünde. Die Franzosen sind noch mehr des Zahlens müde als die Deutschen, doch sie werden für alles zahlen, denn sie denken daran, dass eines Tages eine Armee, die stärker ist als ihre eigene, gegen Paris oder Lyon marschieren könnte.

"Die Gelehrten erklären, die Spannung zwischen Frankreich und Deutschland habe sichtlich abgenommen, die Diplomaten behaupten, es herrsche tiefster Friede, die Zeitungen rühmen den Kaiser ob seinen Höflichkeitsbezeugungen gegenüber Frankreich, dieses bereitet sich vor, an einer Feier zur Verherrlichung der deutschen Marine teilzunehmen, gleichzeitig aber handelt es, als stünde der Krieg vor der Tür. Es könnte nicht empfindsamer, aufgeregter, opferwilliger sein, wenn es den Krieg innerhalb Monatsfrist erwartete. Dabei ist absolut nichts vorgefallen, was die beiden Völker gegeneinander hetzen könnte! Es ist kein Grenzzwischenfall zu verzeichnen; der Kaiser hat niemanden bedroht; es gibt nicht einmal in Paris eine Kriegspartei. Paris scheint sogar seine hasserfüllten und leidenschaftlichen Blicke von Deutschland weg und auf Großbritannien gerichtet zu haben. Endlich besteht auch nicht die geringste Spur von einem Anzeichen dafür, dass der neue Zar den Krieg wünscht und fürchtet und besonders eifrig vorbereitet, und doch wird Deutschland durch die leiseste Anspielung auf einen Krieg veranlasst, sich bis aufs äußerste kriegsbereit zu halten, und Frankreich ängstigt und ärgert sich darüber, dass es nicht in demselben Maße Schritt halten kann. Besondere Anlässe kommen gar nicht in Frage; es ist die allgemeine Lage, welche plötzlich, ganz zufällig, in Frage gestellt werden kann. Das ist es, was die beiden Mächte zwingt, sich so bereit zu halten, dass sie innerhalb 24 Stunden mobil machen können. Die Gefahr ist chronisch, so vollständig erkannt und gründlich als Lebensbedingung betrachtet, dass man sich darob nicht mehr aufregt. Sie ist stets vorhanden und gerät nur deshalb vorübergehend in Vergessenheit, weil man nicht immer wieder das gleiche hören mag. Es herrscht in Frankreich wie in Deutschland ob der Nähe des Krieges nicht mehr Besorgnis als in Torre del Greco ob der Nähe des Vesuvs. Man gewöhnt sich an den Gedanken, dass der Vulkan da ist, immer da war und immer da sein wird, bis endlich ein Ausbruch erfolgt.

"Aber es ist gut, dass Europa gelegentlich daran erinnert wird, dass weder Fürsten noch Völker den Frieden garantieren, dass die Staatsschiffe gleichsam zwischen Eisbergen hindurchsteuern, und dass man unausgesetzt auf seiner Hut sein muss. Eine Stunde der Unachtsamkeit kann einen Zusammenstoß und den Untergang des Panzerfahrzeuges herbeiführen. Es erscheint als eine schwere Lage für den zivilisierten Teil des Menschengeschlechtes, dass man von ihm immer größere Anstrengungen, größere Auslagen und größere Bereitwilligkeit verlangt, mit zerschmetterten Knochen auf freiem Felde zu liegen; aber wer weiß Abhilfe? Die Völker fänden sie noch so gern, die Regierungen würden ihnen helfen, wenn sie könnten, und die Fürsten denken zum ersten Male in der Geschichte mit Unbehagen an einen Krieg, als wären die guten Aussichten dabei nicht sicher genug, um das große Risiko aufzunehmen. Aber sie alle zusammen vermögen nicht, die Lage günstiger zu gestalten, die ihnen allen nichts anderes bringt als mehr Beschwerde, mehr Unbehagen und mehr Verantwortlichkeit. Der einzige Trost für die Völker besteht darin, dass es ihnen nicht schlimmer geht als ihren Brüdern in Amerika, woselbst man zwar weder allgemeine Wehrpflicht noch Kriegsfurcht noch Grenzschutz kennt, der Staatsschatz aber gleichwohl nicht minder erschöpft ist als irgendeiner in Europa, das Volk unter den Schwankungen des Geldwertes so sehr leidet wie zu Kriegszeiten, und jedermann von Besorgnissen geplagt wird, die der Aussicht, jeden Tag für die Landesverteidigung unter die Waffen gerufen werden zu können, mindestens gleichkommen. Die Geschichte weist etwas, das der Lage Europas gleichkäme, nicht auf, wenigstens nicht, seit das Faustrecht verschwunden ist.

"Wir gehören keinem Friedensverein an, weil wir an Utopia nicht glauben können. Gleichwohl sind wir oft geneigt, die Welt für unheilbar verrückt zu halten, und dass alles besser wäre - selbst der Verzicht Deutschlands oder Frankreichs auf Elsaß-Lothringen - als diese nimmer endende und nutzlose Hypothekierung der Zukunft und diese Furcht, von welcher alle, die damit operieren, einstimmig erklären, sie sei unbegründet. Sie ist nicht unbegründet, und die Regenten sagen nur so aus Höflichkeitsrücksichten; kann aber diese Furcht nicht gebannt werden, bevor sie wirklich zur Katastrophe führt?"

Im "Christlichen Regenten" finden wir unter dem Titel "Die Verzweiflung der Völker" folgende getreue Schilderung unserer schweren, trüben Zeit:

"Unser Jahrhundert, das der Kanonendonner von Marengo eröffnet hat, und das unter Kanonendonner im Osten und Westen zu Ende geht, hatte genau genommen kein einziges Friedensjahr. Seit 1800 hat England 54, Frankreich 42, Russland 23, Österreich 14 und Preußen 9 Kriege geführt. Das macht 142 Kriege für fünf Nationen, von denen vier das Christentum als Staatsreligion anerkennen. Zu Beginn der christlichen Zeitrechnung beliefen sich die stehenden Truppen des römischen Reiches auf 400.000 Mann, die zudem über den ganzen Kontinent und Vorderasien verteilt waren, und ein Gebiet, das zwischen Themse und Euphrat lag, zu verteidigen hatten. Heutzutage übersteigt die Zahl der stehenden Truppen Europas 4.000.000 Mann, und hinter diesen stehen weitere 16 Millionen, die in längerer oder kürzerer Zeit das Waffenhandwerk gelernt haben. Ein Zehntel der körperlich gesunden Mannschaft zu Friedenszeiten unter den Waffen, ein Fünftel aller Frauen, die unterdessen des Mannes Arbeit in der Werkstätte oder auf dem Felde besorgen, ... ruft man da nicht mit Burke aus: "Das ritterliche Zeitalter ist vorbei! Der Ruhm Europas ist verschwunden!" In den letzten Jahren hat Europa seine Armeen verdoppelt und seine Schulden, die es vorab zu Kriegszwecken machte, und die es vom Schweiße seiner Völker verzinst, auf die unglaubliche Summe von 23 Milliarden Dollar gebracht. Wenn der Aufwand, den der Mensch macht, einen Maßstab abgibt für das Interesse, das er den Dingen entgegenbringt, so muss man schließen, dass, was dem zivilisierten Europa an der Neige unseres Jahrhunderts am liebsten ist, der Krieg sein muss; denn ein Drittel aller Staatseinkünfte dient zur Verzinsung der aus der Vergangenheit herrührenden Kriegsschuld, ein weiteres Drittel zur Befriedigung aller übrigen Staatsbedürfnisse. Speer, Lanze, Schwert und Streitaxt hat die Menschheit als Kinderspielzeug beiseite gelegt. Sie verfügt jetzt über Feuerwaffen, mit denen man auf große Entfernung töten kann, ja deren vernickelte Spitzgeschosse auf ihrer Bahn drei Menschen töten können, bevor sie zum Stehen kommen. Die Rauchlosigkeit des Pulvers wird zu den Schrecknissen, die schon der Vergangenheit bekannt waren, die Unheimlichkeit hinzufügen, die darin liegt, dass der Mann getroffen wird wie vom Blitz, ohne dass man sieht, woher das Geschoss kommt. Die Treffsicherheit dieser Waffen hat die Kavallerieattacken absolut unmöglich gemacht. Ein "glänzender Angriff", wie der in der Schlacht bei Balaklava ist fortan ein Mythus; die Helden Picketts würden, falls sie ihre wundervolle Attacke heute wiederholen müssten, hingemäht, noch bevor sie die Emmisburgstraße überschritten hätten. Die Zerstörungskraft der modernen Feuerwaffen übertrifft alle bisherigen Erwartungen. Versuche haben gezeigt, dass die Geschosse die Muskeln zu Brei, die Knochen zu Pulver machen, ein Schuss in das Bein macht dessen Amputation nötig, ein Schuss in den Kopf, in die Brust, ist unfehlbar tödlich. Die moderne Maschinenkanone kann 1860 Schüsse in der Minute, also 31 in der Sekunde abgeben, das macht einen ununterbrochenen Bleistrom aus, dessen Rauschen teuflische Musik ist. Eine wahrhaft titanische Waffe ist das 12-Zoll-Geschütz, das ein Geschoss 13 km weit treibt und 18 Zoll dicke Stahlplatten glatt durchschlägt, auch wenn sie sonst dem feinsten Bohrer widerstehen. Von den heutigen Flotten brauchen wir nicht erst zu reden. Ein einziges Kriegsschiff kostet 4 Millionen Dollar und kann mit seinen 18 Zoll dicken Stahlplatten, dank seiner 11.000pferdigen Maschine 24 Seemeilen in der Stunde zurücklegen. Ein einziges solches Schiff hätte bei Trafalgar die vereinigten spanischen, französischen und englischen Flotten (über 100 Schiffe) wie eine Taubenschar zerstreut, wie ein Habicht im Taubenschlag, und doch sind solche Hochseeungeheuer in einem Augenblick durch ein einziges Torpedo total zerstört worden. Wenn diese Kriegsvorbereitungen irgend etwas bedeuten, so steht die zivilisierte Menschheit am Vorabend einer fürchterlichen Katastrophe, die sie freilich so wenig ahnt, wie die Einwohner Pompejis am letzten Tage des Bestehens ihrer Stadt aus dem Rauch, der dem Vesuv entstieg, auf ihren Untergang schlossen. Noch kein Zeitalter hat eine solche Drachensaat ausgestreut wie das unsere, und die Saat reift einer blutigen Ernte entgegen. Es bedarf nur eines Mannes wie Napoleon, und die Welt steht in Brand. Zu leugnen, dass das die Folge der Kriegsrüstungen sein wird, käme dem Wahne gleich, von Disteln Feigen lesen und von gesätem Wind ununterbrochen Sonnenschein ernten zu wollen. Der japanisch-chinesische Krieg, in welchem nur teilweise moderne Waffen zur Anwendung kamen, und das erst von Leuten, die mit deren Gebrauch nur unvollkommen vertraut waren, kann nicht als Beispiel für das gelten, was uns der Zukunftskrieg bringen wird. Der bekannte Kriegskorrespondent Archibald Forbes sagte jüngst: "Es ist einfach unmöglich, sich von der nächsten großen Schlacht, ob der die Welt staunen und schaudern wird, ein nur annäherndes Bild zu machen. Wir kennen wohl die Kräfte, die zu ihren Greueln beitragen werden, wir kennen dieselben aber nur in der Theorie."

"In einer der Schlachten um Metz streckte die Mitrailleuse in 10 Minuten 6.000 Deutsche nieder; bei Plewna büßte Skobelew bei einem kurzen Sturmmarsch von einigen 100 Metern 3.000 Mann ein; seither sind aber Handfeuerwaffen und Feldgeschütze fünfmal wirksamer gestaltet worden. Da mag einem bei dem Gedanken an eine zukünftige Schlacht der Verstand und das Herz stille stehen. Es mag genügen, daran zu erinnern, dass die großen Strategen Europas behaupten, die künftigen Schlachten würden so blutig sein, dass es nicht möglich sein wird, alle Verwundeten zu pflegen und alle Toten zu begraben, und dass einzelne dieser Strategen allen Ernstes das Mitfahren eines Feldkrematoriums in Vorschlag gebracht haben.

"Nun mag der Leser hoffen, dass diese fürchterliche Heimsuchung das friedfertige Amerika nicht treffen werde, ähnlich wie einst der Engel des Herrn, der die Erstgeburt der Ägypter schlug, die Erstgeburt der Israeliten verschonte. Gebe Gott, dass dem so sei. Aber woher nehmen wir eine Garantie dafür? Dampfkraft und Elektrizität haben die Menschheit so zu einem Ganzen gemacht, ihre Anschauungen, Interessen und Absichten derart miteinander verknüpft, dass ein großer Krieg auf dem Kontinent, in den auch England verwickelt werden müsste, die ganze zivilisierte Welt in ein Flammenmeer verwandeln würde. Doch auch abgesehen davon steigt am Horizont eine kleine Wolke auf, zurzeit nicht größer als eine Hand, die aber einmal den ganzen Himmel bedecken könnte. Im fernen Osten leben zwei Nationen, die Chinesen und Japaner, die zusammen gegen 500 Millionen Seelen zählen. Bis jetzt waren diese Völker ohne Kenntnis der Kriegskunst. Es ist beschämend für uns, dass die Völker, welche seit der Geburt Christi den Spruch "Friede auf Erden!" am wenigsten Lügen straften, gerade jene gegen alles Fremde sich so abschließenden Völker waren, über denen die Sonne der christlichen Lehre noch nicht geschienen hat. Vor fast vier Jahrzehnten aber erzwang sich eine Handvoll Franzosen und Engländer mit dem Bajonett den Weg nach Peking. Seither ist alles anders geworden. Die zivilisierte Westen hat dem Orient Bibeln und Bleikugeln, Mitren und Mitrailleusen, Gottseligkeit und Gatlingkanonen, Kreuze und Kruppkanonen. St. Peter und Salpeter gebracht. Eines Tages wird dann der Orient zum Westen sagen, wie Schylock: "Die Schlechtigkeit, die ihr mich gelehrt, will ich begehen; es wird zwar schwer sein, doch will ich's besser lernen!" Sie haben schon genug gelernt, um eine regelrechte Kanonade zu inszenieren. Sollte der Orient nach seinem jahrhundertlangen Schlaf zu gleicher Kriegslust erwachen wie sie den Okzident auszeichnet, wer garantiert uns dann dafür, dass nicht ein neuer Tschingis-Khan an der Spitze von Millionen wilder Krieger sich wie eine Lawine mit Elementargewalt über Europa ergießt?

"Man kann erwidern, dass die Rüstungen nichts bedeuten, dass sie eher eine Friedensgewähr als eine neue Kriegsgefahr sind, und dass gerade die Fürchterlichkeit der neuen Waffen den Krieg unwahrscheinlich mache. Wiewohl nun dieses Argument seine Richtigkeit hat, so widersprechen doch die Tatsachen den daraus abgeleiteten Folgerungen; denn die Nationen mit den kleinsten Armeen erfreuen sich des gesichertsten Friedens, und die Völker, die über die größten Streitkräfte verfügen, schwanken bereits am Rande des Abgrundes. Die Schweiz, Holland, Belgien, Schweden, Norwegen, die Vereinigten Staaten von Nordamerika unterhalten zur ganzen Welt freundschaftliche Beziehungen; Frankreich, Russland, Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien, die bis an die Zähne bewaffnet sind und unter der Last ihrer Rüstungen fast zusammenbrechen, sehen sich gegenseitig immer mit drohenden Blicken an. Sie häufen Kriegslast und Völkerhass, so dass es nur eines jämmerlichen Vorwandes bedarf, um einen Ausbruch herbeizuführen. Schon der harmlose Besuch der Kaiserin Friedrich in Paris regte die Welt auf, verursachte Kursstürze an den Börsen und ließ jede europäische Regierung sich ernstlich beraten. Eine Beleidigung, deren sich der geringste Pariser der Kaiserin gegenüber schuldig gemacht hätte, würde ihren kaiserlichen Sohn bewogen haben, zum Schwert zu greifen. Es lag mithin damals im Bereich eines müßigen Gassenjungen, das europäische Gleichgewicht zu stören. Welch schreckliche Begleiterscheinung für unsere Zivilisation ist es doch, dass das Wohlergehen, ja das Leben von Millionen unserer Mitmenschen vom Belieben oder der mehr oder weniger großen Friedfertigkeit eines einzelnen Mannes abhängen kann! Nichts ist deutlicher erkennbar, als dass die Menschheit gegenwärtig an einem Scheideweg steht. Die Rüstungen haben ihren Höhepunkt erreicht; in Europa ist ein Mehr nicht mehr denkbar. Italien ist bereits infolge seines Kriegsbudgets dem Bankrott nahe und kann jeden Tag von einer Revolution heimgesucht werden. Viele denkende Publizisten halten dafür, dass die Völker Europas entweder abrüsten oder losschlagen müssen. Wie richtig hat doch unser Herr prophezeit: Auf Erden wird den Leuten bange sein, sie werden zagen, und der Menschen Herzen vergehen vor Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen sollen auf Erden." - Luk. 21:26

Die Kundgebungen der Sozialdemokraten des Deutschen Reiches, Belgiens und Frankreichs sind auch keineswegs dazu angetan, die Befürchtungen der Inhaber der Gewalt zu zerstreuen. Die sozialdemokratischen Abgeordneten im Deutschen Reichstag stimmen in das Hoch auf den Kaiser nicht ein und bleiben demonstrativ sitzen; in Belgien beantworteten einmal ihre Parteigenossen in der Kammer ein Hoch auf den König, der auf Seiten der Aristokraten und Plutokraten stehen soll, durch Hochrufe auf das Volk und Pereatrufe für die Kapitalisten, und in Frankreich erklärten einmal die Kollektivisten in der Kammer, als einer ihrer sozialpolitischen Anträge abgelehnt wurde, die Revolution werde vollbringen, was der Gesetzgeber auf friedlichem Wege durchzuführen sich geweigert hat.

Es ist auch von Bedeutung, dass ein Gesetz, welches das Aufhalten der sozialistischen Bewegung in Deutschland bewirken sollte, vom Reichstag, als es dort vorgeschlagen wurde, abgelehnt wurde. Die Presse berichtet, dass die Ablehnung des Gesetzes folgende Ursache hatte:

"Die Ablehnung des gegenrevolutionären Gesetzes, der letzten durch die deutsche Regierung zur Bekämpfung des Sozialismus ausgearbeiteten Maßregeln, macht ein interessantes Kapitel in der Geschichte einer Nation aus, die trotz anderer Sprache und Einrichtungen mit uns selbst so vieles gemein hat.

"Es ist nun schon viele Jahre her, dass die Aufmerksamkeit auf die auffällige Zunahme der sozialistischen Partei gelenkt wurde. Erst im Jahre 1878 aber, als zwei Anschläge auf das Leben des Kaisers gemacht wurden, entschloss sich die Regierung zu Unterdrückungsmaßregeln. Das erste Gesetz gegen die Sozialisten wurde im Jahre 1878 für eine Zeit von zwei Jahren durchgebracht, und es wurde in den Jahren 1880, 1882, 1884 und 1886 erneuert.

"Zu dieser Zeit wurde eine ergänzende Gesetzgebung als notwendig betrachtet, und im Jahre 1887 schlug Bismarck dem Reichstag ein Gesetz vor, welches den Behörden die Macht geben sollte, die sozialistischen Führer auf gewisse Örtlichkeiten zu beschränken, ihnen ihre Rechte als Bürger zu entziehen und sie aus dem Lande auszutreiben. Das Parlament stimmte dem Vorschlage des Kanzlers nicht zu; es begnügte sich mit der Erneuerung des alten Gesetzes.

"Zum Teil hoffte man nun, dass die Veranlassung zu weiteren Unterdrückungsgesetzen aufhören würde. Das fortwährende Wachstum der sozialistischen Partei, die vermehrte Kühnheit ihrer Propaganda, zusammen mit Vorfällen von anarchistischen Gewalttaten in Deutschland und in anderen Teilen Europas trieben die Regierung jedoch zu weiterem Dazwischentreten. Im Dezember 1894 deutete der Kaiser an, dass beabsichtigt sei, mit neuer Gesetzgebung dem Wirken derjenigen entgegenzutreten, die sich bemühten, innere Unruhen hervorzurufen.

"Noch vor Ablauf des Jahres wurde das gegenrevolutionäre Gesetz der Volksversammlung unterbreitet. Es bestand aus einer Reihe von Verbesserungen des allgemeinen Strafgesetzbuches und wurde als bleibender Teil des Strafgesetzes vorgeschlagen. Es wurden darin Geld- und Gefängnisstrafen angedroht für alle, die in einer dem allgemeinen Frieden gefährlichen Weise die Religion, die Monarchie, die Ehe, die Familie oder das Eigentumsrecht mit dem Ausdruck der Beschimpfung öffentlich angegriffen haben, oder die öffentlich Aussagen unterstützt oder verbreitet haben, von welchen sie wussten, oder von denen sie aus den Umständen schließen mussten, dass sie erfunden oder entstellt waren, wenn sie es in der Absicht taten, die Einrichtungen des Staates oder die Anordnungen der Behörden herabzusetzen.

"Das neue Gesetz enthielt auch Vorkehrungen ähnlicher Art, die gegen die sozialistische Propaganda im Heer und in der Marine gerichtet sind.

"Wenn der Widerstand nur vom Sozialismus inner- und außerhalb des Parlaments gekommen wäre, so würde die Regierung mit ihrem Gesetz triumphiert haben. Die Art aber, in welcher die Vergehen einzeln angeführt wurden, zusammen mit dem Umstand, dass die Auslegung des Gesetzes in so weitgehendem Maße den Richtern überlassen war, erweckte das Misstrauen, ja, sogar die Beunruhigung weiter Teile des Volkes, welche in den Bestimmungen eine Bedrohung der Rede-, der Lehr- und der öffentlichen Versammlungsfreiheit erblickten.

"Als der Reichstag die Besprechung der Maßregeln aufnahm, begann demgemäss im Vaterland eine Bewegung einzusetzen, dergleichen man noch niemals gesehen hatte. Petitionen von Autoren, Verlegern, Universitätsprofessoren, Studenten und Bürgern ergossen sich über das Parlament, bis, wie versichert wurde, mehr als 1,5 Millionen Protestunterschriften eingereicht worden waren.

"Große Zeitungen, wie das Berliner Tageblatt, übersandten dem Reichstage Bittschriften ihrer Leser, die zwanzig- bis hunderttausend Unterschriften enthielten. Inzwischen war der Widerstand von vierhundert deutschen Hochschulen bei einer Hauptversammlung von Delegierten, welche in der Hauptstadt abgehalten wurde, gegen die Gesetzesvorlage gerichtet worden.

"Die Ablehnung einer Vorlage, die in so weiten Kreisen auf Widerstand stieß, war unvermeidlich und die sozialistische Partei trug zweifellos den Hauptteil zu der Niederlage der Regierung bei. Gleichwohl lehnte der Reichstag die Vorlage nicht ab, weil die Sozialisten dies anstrebten, sondern weil man glaubte, dass der Entwurf in beinahe gesetzloser Weise die Rechte des Volkes im allgemeinen gefährde."

In London soll der Sozialismus beständig Boden gewinnen, während der Anarchismus anscheinend still liegt. Die unabhängige Arbeiterpartei, welche die größte Macht der organisierten Arbeiter in England darstellte, ist jetzt zugestandenermaßen eine sozialistische Organisation. Sie erwartet, dass binnen kurzem ein blutiger Umsturz komme, dessen Folge die Errichtung einer sozialistischen Republik auf den Trümmern der gegenwärtigen Monarchie sein wird.

Diese Erscheinungen veranlassen natürlich Fürsten und Regierungen, besondere Vorkehrungen zu ihrem Schutz und zur Wahrung ihrer Interessen der drohenden Revolution und allgemeinen Anarchie gegenüber zu treffen. Sie suchen sich untereinander zu verbünden; allein sie trauen einander so wenig, dass kein Bündnis ihnen wieder Zuversicht zu geben vermag. Die Völker zürnen und hassen einander und sinnen auf Rache, und wenn sie miteinander verkehren, so tun sie es nur um des eigenen Vorteils willen. Darum werden auch ihre Bündnisse nur so lange Bestand haben, wie ihre selbstsüchtigen Pläne damit vereinbar sind. Zuneigung und Wohlwollen liegt ihnen nicht zugrunde und die Tagespresse lässt erkennen, dass es gar nicht möglich sein wird, eine Politik zu finden, welche alle Nationen unter einen Hut bringt. Die Hoffnung, welche auf die Bündnisses der Mächte abstellt, ist daher eitel!

Die Geistlichkeit nicht länger ein Bollwerk!

Freilich richten sich die Blicke der Mächte, nachdem sie bis zu einem gewissen Grade erkannten, dass sie sich aufeinander nicht verlassen können, angstvoll auf die Kirche, nun aber nicht auf die wahre Kirche, deren wenige Angehörige Gott allein kennt, sondern auf die große Namenkirche, von der allein die Welt weiß. Sie soll ihren moralischen Einfluss, ihre geistliche Autorität in dem Streit zwischen Regierenden und Regierten in den Dienst der ersteren stellen. Die Kirche ist hierzu nur zu gerne bereit. Sie tritt gern in die Bresche und würde gerne freundschaftlichere Beziehungen zwischen den streitenden Parteien herstellen; denn die Vorteile der politisch Mächtigen sind auch die der kirchlich Mächtigen. Aber von daher ist keine Hilfe zu erwarten; die Masse hat keinen Respekt mehr vor Priestertum und Staatsgewalt. Nichtsdestoweniger wird mit diesem Notbehelf wenigstens ein Versuch gemacht. So hat zum Beispiel der Deutsche Reichstag, der seiner Zeit unter dem Einfluss Bismarcks den Jesuitenorden als staatgefährlich vom Reichsgebiet verbannte, das Verbot der Redemptoristen widerrufen, in der Hoffnung, dadurch das Zentrum zu verpflichten und für die Wehrgesetzgebung zu gewinnen. Bei der Debatte, die dem Beschluss voranging, ist die Bemerkung gefallen, dass die Rückkehr der Redemptoristen ungefährlich sei, weil auch diese von der bevorstehenden Flut (der sozialdemokratischen Revolution) hinweggefegt werden würden. Das Haus lachte, die Bemerkung wird sich aber als Prophezeiung erweisen.

Die Furcht vor dem Umsichgreifen der Anarchie und dem sozialen Krieg ist es auch, welche die Versuche der weltlichen Macht in Italien veranlasst haben, sich mit der Kirche auszusöhnen. So ist eine Rede Crispis zu verstehen, worin er sagte, dass die gegenwärtige Gesellschaftsordnung einer Krisis entgegentreibe, dass es Pflicht und geraten sei, dass bürgerliche und kirchliche Gewalt mit vereinten Kräften der infamen gesellschaftsfeindlichen Bande Widerstand leiste, die auf ihre Fahne die Devise: "Kein Gott! Kein König!" geschrieben habe, dass endlich die Gesellschaft den Kampf mit dem Feldgeschrei: "Für Gott, König und Vaterland!" aufnehmen müsse.

Diese Furcht ist es, welche alle zivilisierten Nationen bewogen hat, ihren Frieden mit dem Papste zu machen. Dieser gibt sich daher bereits der Hoffnung hin, einen guten Teil seiner verlorenen weltlichen Macht wieder zu gewinnen. Er darf dies um so mehr, als bei seinem Priesterjubiläum alle Staatsoberhäupter der Namenchristenheit, mit Ausnahme des Königs von Schweden, ihm wertvolle Geschenke haben übermitteln lassen. Dieselben fühlen sich eben der furchtbaren Macht der erwachenden Welt nicht gewachsen, und darum appellieren sie verzweifelnd an die einstige Macht des Papstes, des Tyrannen, der seiner Zeit die ganze Namenchristenheit in seiner Gewalt hatte. Zwar hassen sie diesen Tyrannen, doch wenn sie mit seiner Hilfe die unzufriedenen Völker niederzuhalten vermöchten, wären sie zu den weitgehendsten Zugeständnissen bereit.

Viele erkennen die Berechtigung der römischen Kirche an, sich als Bollwerk gegen die steigende Flut des Sozialismus und Anarchismus zu betrachten. Diesen möge dienen, was der zum Protestantismus übergetretene frühere Jesuit Graf Hönsbröch in den "Preußischen Jahrbüchern" (1895) über die Fortschritte der Sozialdemokratie in dem stockkatholischen Belgien sagt:

"Belgien ist seit Jahrhunderten katholisch und ultramontan bis ins Mark. Unter seinen rund 6 Millionen Einwohnern zählte man nur etwa 15.000 Protestanten und 3.000 Juden. Die katholische Kirche beherrscht in Belgien das öffentliche Leben. Hier feiert sie ihre größten Triumphe und rühmt sich ihrer. Mit ganz wenigen Ausnahmen beherrscht sie den Unterricht, namentlich in den öffentlichen Volksschulen. Nun, wie steht es mit dem Sozialismus in diesem gut katholischen Belgien? Die letzten Wahlen haben ergeben, dass ein Fünftel aller abgegebenen Stimmen auf sozialdemokratische Kandidaten fiel, und dabei muss berücksichtigt werden, dass die nichtsozialistischen Parteien über viel mehr Anhänger mit doppeltem oder dreifachem Stimmrecht verfügen als die sozialdemokratische Partei. Nun beschuldigen freilich die Ultramontanen den Liberalismus, er sei am Wachstum der Sozialdemokratie schuld; das ist bis zu einem gewissen Grade richtig; wo bleibt aber die Schutzwehr, welche die Klerikalen gegen Sozialismus, Religionsfeindlichkeit und sittlichen Verfall sein wollen? Wo kommen die Liberalen her in einem Lande, wo die katholische Kirche der Arzt für alle Übel ist, denen Staat und Gesellschaft ausgesetzt sind? Der Katholizismus kann ebenso wenig vor dem atheistischen Liberalismus wie vor dem Sozialismus schützen. Bei einer Umfrage, die im Jahre 1886 erging, um über die Lage der Arbeiter einiges zu erfahren, lauteten von vier Antworten je drei dahin, dass das religiöse Gefühl beim Volk entweder verkümmert oder ganz abhanden gekommen sei, und dass die katholische Kirche ihren Einfluss immer mehr einbüße. Aus Lüttich, der Stadt mit den 38 Kirchen und 35 Klöstern, lautete der Bescheid ganz hoffnungslos; aus Brüssel wurde berichtet, dass in der Arbeiterklasse neun Kinder von zehn illegitim seien und die sittlichen Begriffe jeder Beschreibung spotten. So sieht es in einem Land aus, wo auch der Sozialdemokrat, wenn er überhaupt in die Schule gegangen ist, dies bei den Ultramontanen getan hat, in einem Land, wo alljährlich mehr als eine halbe Million katholische Predigten und Katechismusstunden gehalten werden! Das Land, das mit Fug und Recht den Namen "Land der Klöster und Pfaffen" erhalten hat, ist jetzt das Eldorado der sozialen Revolution geworden!"

Außerordentliche Kriegsrüstungen

Gerade die Furcht vor dieser Revolution ist es auch, welche die Nationen der Namenchristenheit zu so außerordentlichen Kriegsvorbereitungen treibt. Ein Londoner Blatt berichtet:

"Fünf Nationen in Europa haben Kriegsfonds im Gesamtbetrag von 6 1/4 Milliarden (Frank) angelegt, um zum männermordenden und länderverwüstenden Kriege stets bereit zu sein. Deutschland ist hier mit seinem Beispiel vorangegangen, indem es 1500 Millionen in einem festen Turm vergraben hat. Frankreich hat 2 Milliarden, Russland trotz seiner Hungersnot 2 1/4 Milliarden, Österreich 3/4 und Italien immerhin noch 1/4 Milliarde zum gleichen Zwecke hinterlegt. Diese riesigen Geldsummen liegen einfach brach. Sie sollen und dürfen nur im Kriegsfall angetastet werden. Kaiser Wilhelm hat sogar gesagt, eher werde Deutschland seinen Verpflichtungen nicht nachkommen, als dass auch nur eine Mark aus seinem Kriegsfond hervorgeholt werde."

In einer Veröffentlichung des Washingtoner Kriegsdepartements vom Februar 1895 sind die Streitkräfte einiger Staaten wie folgt angegeben:

"Österreich-Ungarn 1.794.175 Mann; Belgien 140.000; England 662.000; Frankreich 3.200.000; Deutschland 3.700.000; Italien 3.155.036; Russland 13.014.865; Spanien (Spezialtruppen) 400.000; Schweiz (mit Landsturm) 486.000. Demgegenüber haben die Vereinigten Staaten 141.846 ausgebildete Truppen; 9.582.806 könnte man bewaffnen."

Angesichts dieser Zahlen muss man dem "New York Herald" beistimmen, wenn er sagt:

"Der nächste Krieg in Europa, wann er auch kommen mag, wird von einer vernichtenden Heftigkeit sein, wie dieselbe bis auf den heutigen Tag noch nicht bekannt war. Jede Einnahmequelle ist herangezogen, wenn nicht ausgezehrt worden für den kriegerischen Zweck. Es wäre unnütz zu sagen, dass die Welt dergleichen noch nicht gesehen hat, denn es hat nie zuvor so mörderische Kriegsmittel gegeben. Europa ist ein großes Heerlager. Die Hauptmächte sind bis an die Zähne bewaffnet. Nicht zum Zweck von Paraden und Belustigung werden diese gewaltigen Anstrengungen gemacht. Riesenhafte Armeen mit höchster Disziplin und mit vollendeter Bewaffnung, die sich auf ihre Gewehre lehnen oder die Zügel in der Hand haben, warten im Lager oder auf dem Felde auf das Signal, um gegeneinander loszurücken. Ein Krieg in Europa bringt nur in einer Hinsicht etwas zustande, und das ist die Notwendigkeit eines weiteren Krieges.

"Man sagt, dass große stehende Heere für den Frieden garantieren. Dies mag für eine Weile der Fall sein, aber nicht auf die Dauer, denn die bewaffnete Untätigkeit in so großem Maßstabe erfordert zu viele Opfer, und schließlich wird die Welt einen Krieg dem erdrückenden bewaffneten Frieden vorziehen."

Moderne Kriegswaffen

"Die Kriegsmaterialausstellung im Kriegs- und Marinedepartement in Washington", sagt ein Pittsburger Blatt, "muss auch dem Sorg- und Gedankenlosesten den bangen Gedanken aufdrängen, wohin uns die stets neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Feuerwaffen noch führen werden. Haben es denn die Regenten auf die Vernichtung statt auf die Erhaltung und Vermehrung des Menschengeschlechtes abgesehen? Da sind Erfindungen, die es einem einzelnen Manne möglich machen, 1.000 Mann umzubringen, ohne mit der Wimper zu zucken. Nicht nur Schwert, Speer und Schild, nein alle Waffen, die im amerikanischen Bürgerkrieg noch Verwendung fanden, sind bereits veraltet. Sollte morgen ein innerer oder äußerer Krieg ausbrechen, so könnten wir ebenso gut unternehmen, uns mit Flügeln zu versehen und die Schlachten in der Luft zu schlagen, als mit den Waffen in den Krieg zu ziehen, die ein Vierteljahrhundert alt sind. Einige Geschütze und Schiffe, die am Ende des Bürgerkrieges aufkamen, könnten vielleicht in annähernd genügender Weise für die modernen Kriegsbedürfnisse umgestaltet werden, das meiste aber würde sich neuen, so weit überlegenen Kriegsmaschinen gegenüber sehen, dass es soviel wie wertlos wäre. Man denke nur an die automatische Maxim-Mitrailleuse, das ingeniöseste und fürchterlichste der modernen Geschütze. Man will dieselbe gar in großem Kaliber (6-zöllig) herstellen und so einrichten, dass sie 10 Schüsse in der Sekunde abgeben und von einem einzelnen Manne, ja einer Frau, einem Kinde bedient werden kann. Eine Handfeuerwaffe Maxims ist so leicht konstruiert, dass ein einzelner Schütze neben der Waffe Munition genug zu tragen vermag, um eine ganze Straße von aufrührerischem Pöbel zu säubern. (Es ist auffallend, dass die Erfinder von Feuerwaffen die Straßenkämpfe und Revolutionen als sicher bevorstehend ansehen. Seit wann sind sie Propheten?) Auch diese Handkanone kann 10 Schüsse in der Sekunde abgeben und ihr Träger ist zudem durch einen Schild gegen feindliche Kugeln geschützt. (Es sei denn, dass der Pöbel ihm die Maschine raube. Überhaupt scheinen die Geschützerfinder davon überzeugt zu sein, der Pöbel werde sich widerstandslos niederschießen lassen, als gebe es keine Bombenwerfer und Brandstifter bei einem Aufruhr! Immerhin haben die Erfinder ihr Teil zur Abwehr des Pöbels getan!) Eine Ladung dieses kleinen Geschützes genügt, um eine Straße zu säubern. Dasselbe kann auch oben auf einer Mauer oder in einem Fenster gleich wirksam aufgestellt werden. Eine Kurbeldrehung bringt das Geschützrohr stets in die richtige Lage; nie ist der Schütze selber gefährdet. So vollkommen diese Waffe nun erscheinen mag, so darf man doch nicht wähnen, sie bilde den Schluss der Serie derartiger Erfindungen. Im Gegenteil, sie bildet gerade den Anfang. Umsonst hat man Schutzmittel gegen die vervollkommneten Geschütze zu konstruieren gesucht. Die Herstellung eines Kriegsfahrzeuges, das einem platzenden Torpedo standhalten könnte, ist einfach nicht denkbar. Kein Fort kann fest genug erstellt werden, dass es den neuesten Dynamit-Sprenggeschossen widerstehen könnte. Auch die lenkbaren Luftschiffe werden kommen und mit leichten einfachen Geschützen armiert, mittelst deren ein einzelner Mann einen Hagel von Geschossen auf eine ganze Armee oder eine Festung ausgießen und diese vernichten wird. Der Krieg wird mithin gegenseitiger Vernichtung gleichkommen. Die Armeen, Kriegsschiffe und Kriegsballons werden einander einfach verschwinden lassen."

Über die obenerwähnten Dynamit-Geschosse (Maxim Schupp­haus) berichtet die "World":

"Sie können durch eine eigens konstruierte Kanone 10 Meilen weit geschleudert werden und, wo sie platzen, alles im Umkreis von mehreren hundert Fuß vollständig zertrümmern. Die Sprengladung der Kanone ist so eingerichtet, dass der Druck bei deren Entzündung nicht nur wie bisher ein momentaner ist und schon während der Zeit, da das Geschoss im Laufe der Kanone nach vorn rückt, abnimmt, sondern vielmehr während dieser Zeit zunimmt; das wird dadurch erreicht, dass die brennende Zündmasse im Moment, wo das Geschoss die Mündung erreicht, schon 16 mal größer ist als im Moment, wo das Geschütz abgefeuert wurde. So verlässt das Geschoss den Lauf mit der denkbar größten Anfangsgeschwindigkeit. Bei Versuchen mit dieser Ladung, die an 10-Zoll-Strandgeschützen gemacht wurden, sind 571 Pfund schwere Geschosse 13 km weit befördert worden. Hauptvorteil des gleichmäßigen Abbrennens der Ladung ist die Verteilung des Druckes auf das ganze Rohr. Das ermöglicht vorab viel genaueres Zielen, und sodann gestattet es, die Wände des Laufes viel dünner zu halten. So denken sich Maxim und Schupphaus ihr projektiertes 20-Zoll-Strandgeschütz ungefähr 30 Fuß lang, aber mit nur 2 Zoll dicken Laufwänden, während die Mörser eine Laufdocke von 8-10 Zoll aufweisen. Den Rückstoß sollen hydraulische Vorrichtungen aufheben. Mit je einem solchen Geschütz zu beiden Seiten des Hafeneinganges beherrscht New York das Meer vollständig auf einen Umkreis von 16 km. Ein Schiff, das sich in diesen Umkreis wagen würde, wäre rettungslos verloren; das Sprenggeschoss würde das Schiff vollständig zerstören, selbst wenn es auf 50 Fuß Distanz im Wasser platzen würde, und auf 150 Fuß noch würde die Explosion das Schiff schwer genug beschädigen, um es kampfunfähig zu machen.

"Dazu kommt noch das rauchlose Pulver. Von ihm sagt der Kriegstechniker R. J. Gatling, dass die Völker sich noch gar keinen Begriff machen von der Umwälzung, welche das rauchlose Pulver in der Kriegführung herbeiführen muss. Es hat drei bis vier Millionen Gewehre, die für Schwarzpulverpatronen gebaut sind, und ungezählte Millionen Schwarzpulverpatronen wertlos gemacht. Das ist eine Kapitalverschwendung, die beim Fortschritt der Technik nicht zu umgehen ist. Auch die Kanonen müssen dem neuen Sprengstoff angepasst werden, der die Geschosse gerade doppelt so weit befördert wie das Schwarzpulver. Ferner muss die Taktik eine ganz andere werden. Vorrücken geschlossener Truppenmassen unter feindlichem Feuer wäre absolut unmöglich. Der amerikanische Bürgerkrieg hätte, wäre damals rauchloses Pulver zur Anwendung gelangt, keine drei Monate gedauert."

Ganz richtig bemerkt daher der "Cincinnati Enquirer":

"Der nächste Krieg wird ganz neue Formen annehmen und wird so fürchterlich sein, dass die zivilisierte Welt auf immer dafür gebrandmarkt bleiben wird. Die ungeheuren Volksheere, das unwiderstehliche rauchlose Pulver, die Magazingewehre und die furchtbare Artillerie, welche ganze Armeen hinmähen wird, wie wenn ein Sturm den Apfelbaum schüttelt, die Beobachtungsballons, die Artillerieluftschiffe, die Städte und Festungen schneller zerstören werden, als ein Bombardement auf fester Erde es vermöchte, die Feldeisenbahn für die schwere Artillerie, das elektrische Licht und das Telephon, alles das wird die Kriegführung ganz und gar umgestalten. Da der Versuch damit noch gar nicht gemacht worden ist, werden wir die entsetzlichsten Überraschungen erleben.

Jede Nation behauptet, sie wappne sich nur zu Verteidigungszwecken; je stärker sie sei, um so weniger werde man wagen, sie anzugreifen. Der Friede wird mithin gerade durch die Fürchterlichkeit der Kriegsrüstungen erhalten. So ironisch das klingen mag, verschlingen aber diese Rüstungen allmählich allen öffentlichen Wohlstand. Sie gleichen einem grundlosen Krater, den man mit Explosivstoffen zu füllen sucht. So erstaunlich es klingt, es ist tatsächlich so: Europa hat sich einen ungeheuren Krater gegraben und ist nun bemüht, ihn wieder auszufüllen; als Füllung aber gebraucht es die feuergefährlichsten Stoffe, ist dann aber ängstlich besorgt, den Feuerbrand vom Krater ferne zu halten. Sollte aber einmal in einem unbewachten Augenblick der Ausbruch erfolgen, dann wird die ganze Welt die Erschütterung verspüren und schaudern. Der Krieg wird dann so entsetzlich sein, dass sich eine Strömung von Volk zu Volk Bahn brechen wird zugunsten neuerer, unserer Zeit würdigerer Mittel, um internationale Fragen zu lösen. Dann wird der Krieg selbst angesichts des angerichteten Zerstörungswerkes auf immer in Acht und Bann erklärt werden.

"Eine kleine Probe mit modernen Kriegsmitteln ist im japanisch-chinesischen Kriege gemacht worden. Ein auf chinesischer Seite stehender Marineoffizier berichtet über seine Erlebnisse an Bord des Panzerkreuzers Chen Yuen: Die Luft in den geschlossenen Räumen war sehr kärglich zugemessen. Der Lärm, den das Aufprallen feindlicher Geschosse gegen die Panzer verursachte, spottet jeder Beschreibung. Ich hatte zwar Baumwolle in die Ohren gestopft, doch bin ich jetzt noch taub infolge jenes Höllenlärms. Die Mannschaft, welche die Maschinen bediente, musste bei Temperaturen bis 200 Grad Fahrenheit arbeiten! Dabei wurde ihr die Haut von den Armen und Händen weggebrannt, und jeder Mann verlor sein Augenlicht! Im Verlauf der Schlacht, als auch mein Haar verbrannt, und meine Augen so blutrünstig waren, dass ich nur noch mit dem einen sehen konnte, und auch mit dem nur, wenn ich das Lid mit dem Finger hob, wollte ich mal den Feind feuern sehen. Wie ich nun um das geschützte Deck herumging, schlug eben ein zentnerschweres Geschoss durch den Panzer, nahe genug, dass ich die Bruchstelle mit der Hand erreichen konnte: ich zog sie schwer verbrannt zurück; die Haut haftete am Panzer! So groß ist die vom Durchschlagen des Panzers erzeugte Hitze! Im Anfang des Gefechts hatte ein Geschoss, das auf die geöffnete Tür der Schießluke gefallen war, seinen Weg in den Schießraum gefunden und dort 7 Mann getötet und 15 verwundet. Die Mannschaft des Maximgeschützes am Vorderbug des Schiffes wurde, wiewohl durch eine Blendung gedeckt, durch einen einzigen Schuss niedergestreckt und grässlich verstümmelt."

Von diesen Kriegsvorbereitungen schreibt schon der Prophet Joel (3:9-11):

"Rufet dies aus unter den Nationen: heiliget einen Krieg, erwecket die Helden; es sollen herankommen und heraufziehen alle Kriegsmänner. Schmiedet eure Pflugmesser zu Schwertern und eure Winzermesser zu Speeren" Der Schwache sage: Ich bin ein Held! Eilet und kommet her, alle ihr Nationen ringsum, und versammelt euch!"

Geht nicht heute dieser Ruf durch die ganze Welt? Sind nicht Starke und Schwache gleichmäßig bemüht, sich bis zum kommenden Streit schlagfertig zu machen? Ist nicht sogar die Namenkirche bestrebt, ihren Einfluss auf die Jungmannschaft zur Erweckung kriegerischer Tüchtigkeit zu gebrauchen? Was bedeuten denn die machtvollen Armeen und die maßlosen Kriegsbudgets, die auf allen Völkern lasten, anderes, als dass diese selbst den Krieg, die große Drangsal kommen sehen und dafür gerüstet dastehen wollen?

Ein Blick auf die Vereinigten Staaten

Nun möchte jemand meinen, unter den zivilisierten Staaten nehme die nordamerikanische Union eine gesonderte Stellung ein, dass sie jedenfalls der großen Drangsal entrinnen werde. Dem ist jedoch nicht so, sie ist vielmehr, wie wir in folgendem zu zeigen versuchen werden, von noch schwereren Schlägen bedroht als die alte Welt. Die Annahme, dass sie gleichsam das Schoßkind der göttlichen Vorsehung sei und der die Welt umfassenden Umwälzung entgehen werde, ist unvereinbar mit dem richtigen Verständnis der Zeichen der Zeit und jener Rechtsgrundsätze, nach welchen die Vergeltung an den Nationen geübt werden wird.

Freilich kann kein ehrlicher Denker daran zweifeln, dass die Umstände, unter denen Amerika entdeckt und sein jungfräulicher Boden besiedelt worden ist, eine Entwicklungsstufe im Plane der göttlichen Vorsehung bedeutet. Es war, wie Emerson irgendwo sagt, gleichsam ein letzter Versuch der Vorsehung, dem Menschengeschlecht Gelegenheit zu geben, in der Luft der Freiheit die Hilfsmittel der sichtbaren Welt so recht zu entwickeln. Das Urteil ist richtig, nur dass es nicht der letzte Versuch ist; Emerson hätte dieses Wort weggelassen, wenn er den göttlichen Plan der Zeitalter erkannt hätte; er hätte es noch richtiger als ein Glied in der Kette bezeichnet, deren letzte Glied die Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden bedeutet. In den Vereinigten Staaten schuf die Vorsehung eine Zufluchtsstätte für alle, die anderswo der Tyrannei bürgerlicher und kirchlicher Gewalthaber verfallen waren und entrinnen wollten. Durch den Ozean von den despotischen Systemen der alten Welt getrennt, konnte der Geist der Freiheit hier atmen und ein Versuch der Selbstregierung der Völker gelingen. Diese Umstände haben das große Werk des Evangeliums-Zeitalters, die Auswahl der wahren Kirche, mächtig gefördert; es besteht daher begründete Hoffnung, dass auch hier die Ernte am reichlichsten ausfallen wird. In keinem anderen Lande konnte das Ernte-Evangelium, der Plan der Zeitalter, seine Zeiten Zeitabschnitte und Vorzüge so ungehindert und frei verkündet und verbreitet werden. In keinem anderen Land sind so viele Geister so frei von den Banden des Aberglaubens und der Menschensatzungen, dass sie die jetzt fällige Wahrheit leicht erfassen, gerne annehmen und ihrerseits weiter verbreiten. Das ist, soweit wir sehen, die besondere Mission Amerikas im göttlichen Plane. Es musste etwas geschehen für sein Volk, das anderswo nicht so leicht geschehen konnte. Darum erweckte, als die Hand des Bedrückers den Geist der Freiheit zu erwürgen suchte, die Vorsehung einen Washington, der die zwar armen, aber freiheitsliebenden Bürger der dreizehn Kolonien zur nationalen Unabhängigkeit führte. Als die Zeit erfüllt war, dass vier Millionen Sklaven die Freiheit erhalten sollten, und als die Union auseinander zufallen drohte, da erweckte Gott einen anderen wackeren und energischen Mann in der Person Abraham Lincolns, der die Ketten der Sklaven zerriss und den Staat zusammenzuhalten wusste.

Die Nation aber als solche hat nicht und hatte nie einen Anspruch auf die göttliche Vorsehung. Was die Vorsehung in diesen Ereignissen tat, geschah einzig im Interesse des Volkes Gottes. Die Nation als solche hat keinen Grund und keine Aussicht, auf immer fortzubestehen. Sie wird bleiben, bis Gott durch sie seine Vorsätze mit Bezug auf sein Volk durchgeführt, bis er seine Auserwählten ausgeschieden und beisammen haben wird. Dann werden die Stürme der großen Drangsal auch über sie dahinbrausen, da auch sie eines der Reiche dieser Welt ist, die dem Reiche des eingeborenen und geliebten Sohnes Gottes werden Platz machen müssen.

Die günstigen Verhältnisse, unter denen dort die breiten Volksmassen leben, lassen auch den ärmeren Klassen die Annehmlichkeiten des Lebens und die persönlichen Rechte in anderem Lichte erscheinen. Hier entstammten schon wiederholt hervorragende Männer, Präsidenten, Kongressmitglieder, Rechtsgelehrte usw., den bescheidensten Familienverhältnissen. Freiheitsdrang, Ehrgeiz, Fleiß und Intelligenz hatten sie gehoben. Keine erbliche Aristokratie befindet sich im ausschließlichen Besitz großer Vorzüge; das Kind des Ärmsten kann Ehrenstellen und Reichtum begehren und gewinnen. Welchem Schuljungen in der Union hat man nicht gesagt, dass er einmal Präsident werden könnte? Alle Vorzüge, deren große Männer in allen möglichen Stellungen sich erfreuen, erfüllen die Zukunftsträume der amerikanischen Jugend. Die Staatseinrichtungen, weit entfernt, Hoffnungen dieser Art zu knicken, dienen dazu, sie zu fördern und ihre Erfüllung in den Bereich der Möglichkeit zu rücken. Indem jedem der Weg zu den hohen und höchsten Ämtern und Würden offen steht, ist das ganze Volk auf ein höheres Niveau gehoben, sein Drang nach Bildung und Gesittung verstärkt. Die Schule, durch keine Gesetze gebunden, kam diesem Drange freudig entgegen. Zeitungen, Zeitschriften, Bücher usw. stellten die Verbindung aller Klassen untereinander her und machten es jedem einzelnen möglich, sich über alles ein eigenes Urteil zu bilden und mit dem Stimmzettel es bewusst zu betätigen.

Aber ein souveränes Volk, das sich so geachtet fühlt und die Menschenrechte so hoch schätzt, wird auch ganz natürlich allen Versuchen, seinem Streben oder seiner Handlungsfreiheit Fesseln anzulegen, in sehr entschlossener Weise widerstehen. Gerade jetzt beginnen die Massen, trotz der freiheitlichen Staatseinrichtungen und der großen Vorteile, welche diese allen Bevölkerungskreisen verschaffen, zu wittern, dass gewisse Mächte an der Arbeit sind, um sie möglichst bald in Abhängigkeit zu bringen, sie ihrer Rechte als freie Bürger zu berauben und um die Segnungen einer gütigen Natur zu bringen. Aber das Volk sieht die Gefahren, die ihm drohen, nur undeutlich. Klar ist ihm nur, dass die Anhäufung großen Reichtums in den Händen weniger die Masse verarmen lässt, dass die Millionäre alles tun, um die Gesetzgebung zu ihren Gunsten und ihrem Vorteil zu beeinflussen, und dass auf diese Weise eine Geldaristokratie sich herausbildet, welche sich binnen kurzer Zeit als eben so hart und rücksichtslos erweisen wird als irgendeine selbstherrliche Gewalt in der alten Welt. Diese Gefahr besteht leider, das ist nur zu wahr, aber sie ist nicht die einzige Gefahr. Selbst ein kirchlicher Despotismus droht uns, und was das bedeuten will, lehrt uns die Weltgeschichte zur Genüge. Die Kirche, welche die Union zu unterwerfen sich anschickt, ist die päpstliche. Noch sieht man die Gefahr nicht allgemein ein, denn Rom macht seine Eroberungen mittels Verschlagenheit und kriechender Schmeichelei. Es heuchelt große Bewunderung für die freiheitlichen Institutionen der Vereinigten Staaten, das Selbstbestimmungsrecht seines Volkes; es schmeichelt und scharwänzelt den protestantischen Ketzern, welche in dem intelligenten Teil der Bevölkerung die große Mehrzahl sind; es nennt sie abgetrennte Brüder und versichert sie seiner unverbrüchlichen Liebe. Gleichzeitig bemächtigt es sich aber der Schulen, um durch den Jugendunterricht seine Irrlehren zu verbreiten und seinen Einfluss zu verstärken. In politischen und kirchlichen Kreisen macht sich Rom geltend, und zudem sucht es durch Förderung der Auswanderung nach Amerika das katholische Element daselbst zu stärken. Schon Lafayette, der doch Katholik war, hat, nachdem er die Freiheit der Kolonien erkämpfen half, erklärt, wenn die Unabhängigkeit der Völker Amerikas einst Gefahr laufen sollte, so werde es von Seiten der katholischen Kirche sein.

Anhäufung großen Privatreichtums, Klerikalismus und Einwanderung heißen mithin die Gefahren, die den Vereinigten Staaten drohen. Aber die Abhilfe, welche die Massen zu versuchen sich anschicken, wird schlimmer sein als das Übel selbst. Wenn die soziale Revolution auch in den Vereinigten Staaten ausbrechen wird, dann wird sie mit aller Kraft wüten, die amerikanische Energie und Freiheitsliebe ihr verleihen wird. Man hat daher kein Recht anzunehmen, dass die Vereinigten Staaten der großen Drangsal entgehen werden, die über alle Nationen der Namenchristenheit kommen wird. Wie alle anderen werden sie zerfallen und dem Umsturz und der Anarchie preisgegeben werden; denn auch sie sind ein Teil der großen Babel. Der Geist der Freiheit, der hier seit Generationen herrschte, droht bereits mit einer Heftigkeit und Schnelligkeit über die Stränge zu schlagen, von der man im alten Europa nichts weiß, wo die monarchischen Gewalten viel mächtiger sind. Viele Millionäre sehen dies ein und fürchten sogar, dass die nahende Trübsal gerade in Amerika zuerst Platz greifen werde. Daher kommt es, dass Leute wie Gordon Bennet, der steinreiche Besitzer des "New York Herald", Pulitzer, der Eigentümer der "World", in Frankreich leben, der Eisenkönig Carnegie sich in Schottland ein Schloss gekauft hat, dass Henry Villard, der Großaktionär der Nordpazifikbahn, seine Liegenschaften verkauft und mit seinen 8 Millionen Dollar nach Europa ausgewandert ist, dass W. Astor seinen Wohnsitz von New York nach London verlegt hat und sich um das englische Bürgerrecht bewirbt, dass sogar ein amerikanischer Gesandter, Van Alan in Rom, sich von seiner alten Heimat losgesagt und dieselbe als für einen Gentleman nicht bewohnbar erklärt hat! Aber die Hoffnung, dass die Königreiche dieser Welt irgendeine Sicherheit bieten, ist eitel. In allen herrscht Angst und Bangen und das unabweisliche Gefühl, man werde mit den mächtigen, jetzt noch im Zaum gehaltenen Gewalten bei der schrecklichen Krisis nicht fertig werden.

"Der Hochmut des Menschen wird gebeugt, und die Hoffart des Mannes erniedrigt werden ... An jenem Tage (der nun so nahe ist) wird der Mensch seine Götzen von Silber und seine Götzen von Gold ... den Maulwürfen und den Fledermäusen hinwerfen, um sich in die Spalten der Felsen und in die Felsklüfte zu verkriechen vor dem Schrecken Jehovas und vor der Pracht seiner Majestät, wenn er sich aufmacht, die Erde zu schrecken."

"Alle Hände werden erschlaffen, und alle Knie werden zerfließen wie Wasser. Und sie werden sich Sacktuch umgürten, und Schauder wird sie bedecken, und auf allen Angesichtern wird Scham sein, und Kahlheit auf allen ihren Häuptern. Ihr Silber werden sie auf die Gassen werfen, und ihr Gold wird als Unflat gelten; ihr Silber und ihr Gold wird sie nicht erretten können am Tage des Grimmes Jehovas." - Jes. 2:17-21; Hes. 7:17-19

Aber auch die Regierungsgewalten werden sie nicht schützen; denn auch über sie wird kommen das Gericht des Herrn und die böse Frucht ihrer Torheit. Sie haben Zorn aufgehäuft auf den Tag des Zornes; sie haben den Vorteil weniger gefördert und auf das Schreien der Armen und Notleidenden nicht geachtet; der Herr der Heerscharen aber hat es gehört und sich ihrer angenommen, und er erklärt (Jes. 13:11,12):

"Ich werde heimsuchen an dem Erdkreis die Bosheit, an den Gesetzlosen ihre Missetat; und ich werde ein Ende machen dem Hochmut der Stolzen und die Hoffart der Gewalttätigen erniedrigen. Ich will den Sterblichen kostbarer machen, als gediegenes Gold, und den Menschen als Gold von Ophir."

Daraus sehen wir, dass Gottes alles lenkende Vorsehung bei der Endkatastrophe den Bedrängten Freiheit verschaffen wird. Das Leben der Massen wird ihr nicht zum Opfer fallen, dagegen wird sie mit allen Ungleichheiten der gegenwärtigen Gesellschaft gründlich aufräumen. Wahrlich, das ist die geweissagte Zeit von der Furcht und dem Zittern der Nationen. Die Stimme der unzufriedenen Massen ist vorgeschattet durch das Brausen des Meeres, und den denkenden Menschen entfällt das Herz ob der Furcht vor dem schrecklichen Verhängnis, dessen schnelles Herannahen jedermann sehen kann; denn die "Kräfte des Himmels" das heißt eben die gegenwärtig herrschenden Gewalten, sind schon stark erschüttert. Einige lassen sich durch die Zeichen der Zeit belehren und erinnern sich des Spruches: "Siehe, er kommt in den Wolken!" Sie ahnen daher die Gegenwart des Menschensohnes, doch verstehen sie sie nicht recht. Immerhin hat ein Professor Herron unlängst in einem Vortrag über "die christlichen Erweckungen" in San Francisco ausgerufen:

"Christus ist hier, und jetzt gerade ergeht sein Gericht! Das beste Zeichen dafür ist, dass wir uns als menschliche Gesellschaft für das Unrecht, das einzelne begehen, solidarisch fühlen. Das ist die schwere Hand Gottes, die sich auf unser Gewissen legt. Die Menschheit und alle ihre Einrichtungen werden jetzt im Lichte der Lehre des Herrn beurteilt."

Aber inmitten der Erschütterung der Erde (der organisierten Gesellschaft) und der Himmel (der kirchlichen Gewalten) sind diejenigen, welche darin die Ausführung des göttlichen Planes erkennen, fröhlich in der festen Zuversicht, dass diese schreckliche Erschütterung das letzte Leid sein wird, das über diese Erde kommt. Denn der Apostel Paulus versichert uns, dass diese Erschütterung die ganze gegenwärtige Ordnung der Dinge beseitigen wird, damit das einzige, das da nicht erschüttert werden kann, das Reich Gottes, das Reich des Lichtes und des Friedens, Raum finde auf Erden, wo es ewiglich bleiben wird. Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer; in seinem Zorn wird er alle Systeme der Bosheit und Unterdrückung verzehren und Wahrheit und Gerechtigkeit fest gründen auf Erden.

Der Ruf: "Friede! Friede!"

Doch trotz des sittlichen Gerichtes Gottes über alle Nationen, trotz der Tatsache, dass das Zeugnis einer Wolke von Zeugen sich mit unwiderstehlicher Gewalt und Folgerichtigkeit gegen die ganze jetzige Ordnung der Dinge erhebt, dass schon jetzt das drohende Urteil und die Strafe die ganze Welt erzittern lässt, sucht diese ihre Befürchtungen zu verbergen durch den Ruf: "Friede! Friede!" da doch kein Friede ist! Dieser Ruf ging aus von der großen Flottenversammlung bei der Eröffnung des Nordostseekanals, an der sich alle zivilisierten Nationen beteiligten. Kaiser Wilhelm II., dessen Großvater den Kanalbau angeordnet, und dessen Vater ihn begonnen hatte, wollte in Übereinstimmung mit seiner Ansicht, dass das Schwert das beste Mittel gegen den Friedensbruch bilde, dass die Eröffnungsfeier einer großen internationalen Friedensproklamation und gleichzeitig einer Ausstellung der Machtfaktoren, auf denen der Friede beruhen müsse, gleichkomme. So entbot er denn die Schlachtschiffe (diese Friedensboten!) aller Nationen auf den 20. Juni 1895 nach Kiel. Und sie kamen, die schwimmenden, stahlgepanzerten Festungen, über 100 an der Zahl, darunter 20 riesige Schlachtschiffe, sämtlich vollständig armiert und mit Maschinen versehen, mit denen sie 17 Seemeilen per Stunde zurücklegen können.

"Man kann sich", erzählte hernach der Londoner "Spectator", "diese Ansammlung von Machtmitteln kaum vorstellen. Die in Kiel versammelte Flotte hätte genügt, um innerhalb weniger Stunden den mächtigsten Seehafen in einen Trümmerhaufen zu verwandeln und die vereinigten Handelsflotten der Welt in den Grund zu bohren. Keine noch so gut befestigte oder verteidigte Küste könnte einer solchen Macht Widerstand leisten, und Europa kann sich stolz als zur See unbesiegbar und unangreifbar betrachten. Die in Kiel versammelte Flotte kann füglich als die Verkörperung der gewaltigsten Kriegsmittel gelten, vorausgesetzt, die Schlacht dauere nicht länger, als der Schießvorrat vorhält."

Diese Schiffe haben mit ihrer Ausrüstung Hunderte von Millionen Dollar gekostet. Ein einziger Salutschuss aus den 2.500 vorhandenen Geschützen verbrauchte für mehrere tausend Dollar Schießpulver, und für den Unterhalt der vornehmen Gäste bei jener Feier musste das deutsche Volk 8 Millionen Mark hergeben. Die Tischreden des Kaisers und der Vertreter der fremden Nationen handelten von der neuen Friedenszeit, deren Beginn die Eröffnung des großen Kanals und die Mitwirkung aller Nationen bei dessen Eröffnung bedeute. Aber diese stolzen Reden und der Donner der Kanonen, mit dem Kön. und Fürsten "Friede! Friede!" riefen und allen gleichzeitig mit Strafe drohten, die den Feind anders verstehen sollten, ward von den Völkern keineswegs als die Erfüllung der Verheißung: "Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen!" aufgefasst. Es besänftige nicht die Sozialdemokraten; es offenbarte kein Universalheilmittel gegen alle sozialen Schäden; es stillte keine Sorgen und erleichterte nicht die Lasten, die die Massen der Armen und Unglücklichen zu tragen haben. Es lag darin keine Verheißung des Wohlgefallens an den Menschen, keine Andeutung darüber, wie das Wohlgefallen in den Beziehungen von Volk zu Volk, im Verhältnis von Regierenden zu Regierten zur Herrschaft kommen könne. Es war mithin nichts als nur elendes Blendwerk, eine große, kecke Lüge von Volk zu Volk, und so fassten es auch die Nationen auf. Dafür rufen wir wieder den Londoner "Spectator" zum Zeugen auf. Er schreibt:

"Die Ironie der Lage liegt klar zutage; es war ein großes Friedensmahl, ein Fest der Bauarbeit! Aber den Glanzpunkt desselben bildete die Gegenwart der Flotten, die mit viel Aufwand an Geld und Kraft einzig den Krieg und die Zerstörung bezwecken. Ein Panzerschiff hat gar keinen Sinn, wenn es nicht als Machtmittel in einer Schlacht gedacht ist. Diese Friedensflotte kann ja in einem Tage jeden Seehafen der Welt zerstören und alle Handelsschiffe der Welt auf den Grund des Meeres versinken lassen. Welche Abgründe des Hasses unter den Menschen verdeckte diese stolze Schaustellung freundschaftlicher Beziehungen! Die Offiziere der französischen Schiffe lechzen ja nach Rache für den Verlust, den ihr Vaterland erlitten hat; die russischen mussten sich sagen, dass die Macht, der sie alle Ehre erwiesen, ihr größter Nebenbuhler und Feind sei; die österreichischen, dass ihr Vaterland von der festgebenden Macht aus der Mitherrschaft über die Gebiete, durch die der Kanal sich windet, und aus dem deutschen Bunde hinausgedrängt worden sei; die dänischen, dass ihnen Preußen einst dies Land entriss; die holländischen, dass sie keinen Augenblick davor sicher seien, dass Deutschland den holländischen Handel vernichte, das holländische Kolonialreich wegnehme und ihrer Laufbahn ein Ende bereite. Der Kaiser sprach von Frieden, die Admiräle hofften auf Frieden, die Zeitungen in aller Welt verkündeten im Chor den Frieden, aber alles und jedes in jener Veranstaltung spricht von kaum vergangenem oder eines schönen Tages kommendem Kriege. Nie hat es in der Welt eine großartigere Feier gegeben; aber auch nie eine solche, welche so durch und durch unaufrichtig war."

Die "New Yorker Abendpost" ihrerseits schrieb:

"Schon die Konzentration von Kriegsschiffen beweist das gerade Gegenteil von Friedensliebe. Jede Nation entsandte ihre größten Schiffe und schwersten Geschütze, nicht nur, um dem Gastgeber Ehre anzutun, sondern um den anderen gleichsam die Zähne zu zeigen. Großbritannien hatte zehn seiner mächtigsten Fahrzeuge abgeordnet, um zu zeigen, über welche Machtmittel es verfüge und die anderen Nationen zu warnen, sich ja nicht an der Beherrscherin des Meeres zu vergreifen. Die Geschwader Frankreichs und Russlands ließen gleichsam die giftigsten Blicke schießen, damit ihnen der gastfreie Kaiser Wilhelm nicht gar zu freundlich begegne. Selbst die amerikanischen Offiziere und Seeleute mochten insgeheim den Gedanken haben, den hochmütigen Europäern zu zeigen, dass jenseits des Ozeans eine Seemacht erwachse, die nicht mit sich spaßen lasse. Besonders komisch machte sich die Anwesenheit der Franzosen und Russen als Freunde des Friedens oder gar Deutschlands! In einem großen Teile Frankreichs war man darüber empört. Aber die größte Unaufrichtigkeit liegt in der Eröffnung des Kanals selbst. Er soll dem Welthandel dienen; daher seine internationale Bedeutung, daher soviel des Rühmens und Sich-Freuens! Aber was halten Deutschland und Frankreich und die anderen Mächte des Kontinents in Wirklichkeit vom Welthandel? Warum sind sie heute noch, wie vor 20 Jahren bestrebt, dem freien Austausch unter den Nationen Schwierigkeiten und Hindernisse in den Weg zu legen? Solange die feindliche Absicht im Handel gegeneinander und die allgemeine Missgunst besteht, können sie noch so viele Kanäle von Meer zu Meer ziehen; nie wird man hier Phrasen von den guten Beziehungen von Volk zu Volk und von der Friedensliebe überhaupt ernst nehmen, sondern stets als Worte betrachten, welche die Gedanken verbergen sollen."

Ganz ähnlich äußerte sich das "Chicago Chronicle":

"Es war die reinste Heuchelei, dieser Mummenschanz zu Kiel. Veranstaltet zu Ehren eines Friedenswerkes gestaltete er sich zu einer Apotheose des Krieges. Todfeinde trafen sich hier und stellten ihre Waffen zur Schau und taten sich dabei Gewalt an, um sich freundlich zu begegnen. Aus lauter Höflichkeit ließ man die Kriegskanonen donnern. Der Kaiser aber bezeichnete die große Flottenschau im Kieler Hafen als ein Symbol des Friedens und der Gemeinsamkeit der europäischen Bestrebungen für Verbreitung und Erhaltung der Zivilisation. Die Erfahrung lehrt freilich das Gegenteil. Wer ein Gewehr hat, wünscht es abzufeuern. So ist auch für die Völker, die auf den Krieg vorbereitet sind, der Krieg ein Bedürfnis. Die Kriegsbereitschaft der europäischen Mächte ist das einzige, was den Frieden ernstlich bedroht. Mit dem Kanalbau war der Zivilisation ein trefflicher Dienst geleistet; mit der Feier in Kiel wurde der Barbarei wieder Tribut gezollt. Der Kanal sollte den Seehandel erleichtern; seine Vollendung aber feierte man durch die Versammlung von Handelszerstörern!"

Wir müssen dem "St. Paul Globe" Recht geben, wenn er nach dem Nutzen der Panzerschiffe für die Zivilisation, nach den Seeräuberflotten, von denen es das Meer zu säubern gelte, nach den wilden Völkern, die wir mit elektrischen Scheinwerfern aufklären könnten, fragt und auf die betrübende Tatsache hinweist, dass keine der in Kiel vertretenen Nationen es wagen würde, eine Allianz zur Vertreibung der Türken aus Europa vorzuschlagen. Der wahre Zweck sei eben bei allen Rüstungen die Niederhaltung des eigenen Volkes. Nicht minder hart urteilt die "Times" von Minneapolis, wenn sie feststellt, dass es einem Anklageakt gegen die Zivilisation gleichkomme, wenn die Eröffnung des Nordostseekanals besonders wegen seiner strategischen Bedeutung und mit dem Donner der Kanonen sämtlicher Flotten der Welt gefeiert wurde. "Denn wenn die sogenannten zivilisierten Nationen solcher Bauten für militärische Zwecke bedürfen und auf Kosten der Steuerzahler so große Flotten unterhalten, dann hat die kaukasische Rasse seit der Zeit des Columbus keine Fortschritte gemacht und sich durch dessen Entdeckung nicht fördern lassen. Mit solcher Kriegsbereitschaft ist die Freiheit unvereinbar und die Staatsgewalt übermächtig."

Die Repräsentanten der Völker aber fahren fort, "Friede! Friede!" zu rufen, da doch kein Friede ist. So wird erfüllt, was Jeremia 6:13-15 geschrieben steht:

"Denn von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten sind sie insgesamt der Gewinnsucht ergeben; und vom Propheten bis zum Priester üben sie allesamt Falschheit, und sie heilen die Wunden der Tochter meines Volkes leichthin und sprechen Friede! Friede! - und da ist doch kein Friede. Sie werden beschämt werden, weil sie Greuel verübt haben. Ja, sie schämen sich keineswegs, ja, Beschämung kennen sie nicht. Darum werden sie fallen unter den Fallenden; zur Zeit, da ich sie heimsuchen werde, werden sie straucheln, spricht Jehova."

Der Dichter John G. Whittier hat dieser großen, allgemeinen, aber den Stempel der Unaufrichtigkeit tragenden Verkündigung des Friedens folgenden beredten Ausdruck gegeben:

Vom Tiber bis zu der Donau Gebiet -
In ganz Europa herrscht Ordnung und Fried!
Das ist, was uns Priester und Kön. sagen
Und Lügenpropheten in unseren Tagen.

Geh, leg auf die Erd' dich mit lauschendem Ohr
Und höre mit Schaudern den grausigen Chor:
Der Bataillone eisernen Schritt
Und des Gewehrfeuers mörderisch Lied.

Das Roll'n der Geschütze, der "Halt" - Rufe Schall,
Der Wachen Alarm und Trompeten Signal!
Vom Eismeer bis fern in das Tropenland
Das Seufzen und Stöhn'n derer, die man verbannt',
Galeeren und Kerker, von Menschen gefüllt
Und blut'ge Schafotte - welch entsetzlich Bild!
Ordnung - jawohl, weil die Sklaven schweigen!
Friede - wie Kerker und Grab ihn dir zeigen!
Sagt, König, Zar, Priester, sagt insgemein:
Was mag, wenn dies Friede ist, Krieg wohl erst sein?

O ernster Herold von besseren Zeiten,
Um vor dir der Freiheit den Weg zu bereiten,
Musst grau du, vernarbt und im Haargewand
Mit blutenden Füßen durchs Wüstenland.
Ach, dass doch seiner Stimm' es möcht gelingen,
Der Fürsten und Priester Ohr zu durchdringen
Mit Johannes', des Täufers, Prophetengeschrei:
"Tut Buße, denn Gottes Reich kommt herbei."

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Studie 6

Die kirchliche Verwirrung Babylons vor dem höchsten Gerichtshof

Die wahre Kirche, dem Herrn bekannt, hat keinen Teil an den Gerichten Babylons. - Die religiöse Situation der Christenheit bietet der politischen Lage gegenüber keinen hoffnungsvollen Unterschied. - Die große Verwirrung. - Die Verantwortlichkeit, die Verteidigung zu führen, liegt der Geistlichkeit ob. - Der Geist der großen Reformation tot. - Priester und Volk in derselben Lage. - Erhobene Anklagen. - Die Verteidigung. - Ein "Bund" vorgeschlagen. - Das erstrebte Ziel. - Angewandte Mittel. - Der allgemeine Geist des Kompromisses. - Das Gericht, das über die religiösen Institutionen ergeht.

"Er spricht zu ihm: Aus deinem Mund werde ich dich richten, du böser Knecht." - Luk. 19:22

Wenn wir in diesem Kapitel das Gericht über die "Kirche", das heißt die große Namenkirche betrachten, so dürfen wir dabei nicht außer acht lassen, dass es außerdem eine wahre Kirche Christi gibt, auserwählt und köstlich, die Gott geweiht ist und an seine Wahrheit glaubt inmitten eines bösartigen und verkehrten Geschlechtes. Die Welt kennt dieselbe als Korporation nicht, die einzelnen aber, die ihr angehören, kennt der Herr, der nicht nach dem Urteil, was vor Augen ist oder vom Ohr vernommen wird, sondern Gedanken und Absichten des Herzens sieht und beurteilt. So sehr sie auch zerstreut leben mögen, sei es ganz allein, sei es mit anderen mitten im Scheinweizen, Gottes Auge findet sie stets. Sie wohnen unter dem Schirm des Höchsten (sind geheiligt und gänzlich Gott geweiht) und weilen im Schatten des Allmächtigen, während die Gerichte des Herrn über alle Namenkirchen gehen, die sich mit Unrecht "christliche" nennen. (Psalm 91:1,14-16) Sie haben keinen Anteil an dem Gericht, das Babylon trifft, sondern werden zuvor erleuchtet und von ihr abgetrennt. (Offb. 18:4) Von dieser Klasse handeln die Psalmen 91 und 46, und für ihre Segnung und Erquickung sind sie geschrieben. Mitten aus der Schar der formellen und unaufrichtigen Bekenner findet des Herrn wachsames Auge seine wahren Jünger heraus, führt sie auf grüne Auen und zu frischen Wassern und erquickt ihre Herzen durch seine Wahrheit und seine Liebe. Der Herr kennt sie als die Seinen (2. Tim. 2:19), sie sind in seinen Augen die wahre Kirche, das Zion, das sich der Herr selbst auserwählt (Psalm 132:13-16), und von dem geschrieben steht: "Zion hört es und freut sich, die Töchter Judas frohlocken wegen deiner Gerichte, O Herr!" (Psalm 97:8) Der Herr wird sie sicher führen wie ein Hirte seine Herde. Von dieser Kirche unterscheidet sich die Namenkirche, welche allein der Welt bekannt ist, und von welcher die Propheten unter verschiedenen symbolischen Namen sagen, sie sei von der Gnade abgefallen und werde in der Zeit der Ernte des Evangeliums-Zeitalters ins Gericht kommen.

Wie die bürgerliche Gewalt in der Namenchristenheit in Verlegenheit und die Völker dem Verzweifeln nahe sind, so erscheinen auch die religiösen Verhältnisse keineswegs mehr als friedlicher und sicherer Zufluchtsort: denn das Kirchentum von heutzutage ist in seinem eigenen Netze gefangen. Die große Namenkirche, das Kirchenchristentum, hat der Welt Wind säen helfen und wird daher mit ihr Sturm ernten. Die große Namenkirche hat lange genug Menschensatzungen zu ihrer Lehre gemacht, und das Wort Gottes als einzige Richtschnur für den Glauben und gottgefälligen Wandel zum großen Teil nicht mehr anerkennend, keck untereinander unvereinbare und Gott missfallende Lehren verbreitet und selbst den Rest Wahrheit, der ihr verblieb, treulos verwaltet. Sie hat Christi Geist nicht gepflegt noch gezeigt, sondern frank und frei sich vom Weltgeist durchdringen lassen. Sie hat die Umzäunung der Schafhürden niedergerissen, die Böcke zum Eindringen aufgefordert und selbst die Wölfe ermutigt, einzudringen und ihr böses Werk zu vollbringen. Sie hat es gern gesehen, dass der Teufel Scheinweizen unter den Weizen streute, und freut sich heute über die Frucht dieser Saat, das blühende Scheinweizenfeld. Aus den wenigen noch übrigen Weizenähren macht sie sich nichts, und jedenfalls ist ihr nicht daran gelegen, dass der Scheinweizen den Weizen nicht hindere. Der Weizen gilt nichts mehr auf dem "christlichen" Markt, und das demütige, gläubige Kind Gottes wird, wie sein Herr, von der Welt verachtet und verschmäht und selbst im Hause derer, die es als Freunde anzusehen bereit war, verletzt. Der Schein der Gottseligkeit ist an die Stelle des Wesens derselben, und prunkvoller Gottesdienst an die Stelle der Anbetung im Geist getreten.

Lange Zeit schon lösen einander widersprechende Lehren die Kirche in zahlreiche einander bekämpfende Richtungen und Sekten auf, deren jede den Anspruch erhebt, die wahre, vom Herrn und den Aposteln gegründete Kirche zu sein, und ihr Streit hat der Welt so verkehrte Begriffe von den Eigenschaften und den Absichten unseres himmlischen Vaters gegeben, dass viele vernünftige Leute sich mit Ekel abwenden, ihren Schöpfer verachten oder gar seine Existenz zu leugnen suchen. Die römische Kirche, die das Dogma der Unfehlbarkeit angenommen hat, erklärt es als Absicht Gottes, alle Andersgläubigen im Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt, in alle Ewigkeit zu quälen. Für andere kennt sie eine zeitlich beschränkte Qual, das sogenannte Fegfeuer, von dem sie die Seele loslösen kann, gestützt auf Bußübungen, Gebete, Fasten, Wachskerzen, Weihrauch und gutbezahlte Seelenmessen. Sie leugnet mithin die Wirksamkeit von Christi Sühn- und Opfertod und übergibt die Verfügung über die ewige Bestimmung des Menschen spekulativen Priestern, welche den Himmel nach Belieben für einen Mitmenschen auf- oder zuschließen können. Sie begnügt sich mit der Form der Gottseligkeit und lehnt deren belebende Kraft ab; sie fördert den Bilderkultus, statt in den Herzen ein erhabenes Bild des unsichtbaren Gottes und seines lieben Sohnes, unseres Herrn und Heilandes aufzurichten. Sie überträgt einer menschlich organisierten Priesterschaft die Führung in der Kirche und setzt sich damit in direkten Widerspruch zu Matth. 23:8, 9: "Ihr sollte euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister, Christus, ihr alle aber seid Brüder. Und ihr sollt niemand Vater heißen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel ist." In Wahrheit, das Papsttum ist die vollendetste Nachbildung der wahren Christenheit und verlangt dabei keck, als wahre Kirche zu gelten. (siehe Band 2, Kapitel 9 und Band 3, Kapitel 3) Die Reformation warf einige der Irrlehren des Papsttums um und führte viele aus dem Schoß der römischen Kirche weg. Die Reformatoren machten auf das Wort Gottes aufmerksam und legten das Recht des einzelnen dar, es zu lesen und auszulegen, und erkannten damit notwendigerweise die Berechtigung eines jeden Kindes Gottes an, auch ohne Ermächtigung der Bischöfe und Päpste zu predigen, welche ohne jedes Recht als Nachfolger der zwölf Apostel gelten wollen und deren Autorität beanspruchen. Aber schon bald darauf durchseuchte der Geist dieser Welt das gute Werk des Protestes gegen die ungerechte, antichristliche römische Kirche, indem die Protestanten neue Kirchen gründeten, welche neben den Wahrheiten, zu denen sie leiteten, auch viele alte Irrlehren weiter überlieferten und neue hinzufügten. Indes behielt jede ein Körnchen Wahrheit. Das Resultat war eine Mischung von widerspruchsvollen Glaubensbekenntnissen, die ebenso untereinander wie mit der Vernunft und dem Worte Gottes unvereinbar waren. Sobald der Forschungseifer der Reformationszeit erkaltete, bemächtigte sich dieser protestantischen Kirchen eine Verknöcherung, und in diesem Zustand sind sie geblieben bis auf den heutigen Tag. Die systematische Theologie, wie sie das nennen, dieses Gebäude von Irrlehren, ist mit Aufwand von viel Zeit und Gelehrsamkeit aufgebaut worden. Die Gelehrten haben dicke Bände darüber geschrieben und deren Studium statt desjenigen des Wortes Gottes empfohlen. Daher sind Predigerschulen gegründet und reich ausgestattet worden, von denen junge Männer, nachdem sie die Irrlehren in sich aufgenommen hatten, ausgingen, dieselben auch den Völkern beizubringen; diese waren gewohnt, sie als berufene Diener am Worte Gottes, als Nachfolger der Apostel zu betrachten, und nahmen ihr Wort an, ohne wie die Leute in Beröa (Apg. 17:11) in den Tagen des Apostel Paulus, in der Schrift nachzuforschen, ob sich das alles so verhielte.

Jetzt aber ist die Ernte dieser Aussaat gekommen, der Tag der Rechenschaft vorhanden, und beschämt und verwirrt steht die ganze Namenkirche, welche Namen sie auch führen möge, und besonders die Geistlichkeit da, die an diesem Tage des Gerichts in Gegenwart vieler Ankläger und Zeugen sich und die Namenkirche zu verteidigen hat, und von der man erwartet, dass sie womöglich ein Mittel finde, das, was sie die wahre Kirche nennt, vor gänzlicher Vernichtung zu bewahren. Bei ihrer gegenwärtigen Verwirrung freilich und beseelt von dem durch den Selbsterhaltungstrieb erzeugten Bestreben sich zusammenzuschließen, haben sie aufgehört, ihre spezielle Richtung als die allein wahre Kirche zu betrachten, und reden nun von verschiedenen Zweigen der einen Kirche, trotz der sich widersprechenden Lehren, die nicht alle gleichzeitig wahr sein können. In dieser schweren Stunde vermisst man mit Schmerzen den heilsamen Geist der "großen Reformation". Der Protestantismus ist kein Protest mehr gegen den Geist des Antichristen, gegen Welt, Fleisch und Teufel; seine dem Worte Gottes, der Vernunft und unter sich selbst widerstreitenden Lehren sucht er vor öffentlicher Untersuchung zu schützen. Seine dickleibigen theologischen Werke verzehrt das Feuer des über die Namenchristenheit ergehenden Gerichtes. Seine hervorragendsten theologischen Fakultäten sind Treibhäuser des Unglaubens und verbreiten diesen überall wie eine Seuche. Seine "großen Männer", seine Bischöfe, seine Doktoren und Professoren der Theologie, seine bedeutendsten und einflussreichsten Geistlichen in den großen Städten führen die anvertrauten Herden zu einem verkappten Unglauben. Sie suchen die Autorität und Inspiration der Heiligen Schrift zu untergraben und zu zerstören, den darin geoffenbarten Heilsplan durch die menschliche Evolutionstheorie zu ersetzen. Sie suchen sich der Kirche Roms zu nähern und sie nachzuahmen, sie buhlen um ihre Gunst, preisen ihre Gebräuche, schließen die Augen vor ihren Untaten und werden dadurch ihre Verbündeten im Geiste. Sie stellen sich auch immer mehr in allem der Welt gleich, indem sie deren Gepränge, das sie zu verschmähen behaupten, mehr und mehr nachahmen. Man denke nur an die luxuriösen Kirchenbauten, an die Ausstattung der "Gotteshäuser", die daraus sich ergebende schwere Verschuldung und das beständige Kollektieren, um dieser zu entrinnen. In der Methodistenkirche in der Lindell Avenue in New York zum Beispiel ist ein Basrelief von 46 Fuß Breite und 50 Fuß Höhe angebracht worden, welches die Erhebung der heiligen Jungfrau auf den Thron darstellt. Die Figuren sind alle lebensgroß. Zu oberst im Spitzbogen steht Maria aufrecht, das Jesuskind im Arm, links und rechts verkünden Seraphim mit der Posaune ihre Erhebung auf den Thron, und Scharen von Engeln mit ausgestreckten Flügeln beten sie an. Unten steht zu beiden Seiten ein Engel, eine Buchrolle tragend, auf der links geschrieben steht: "Friede auf Erden!", und rechts: "An den Menschen ein Wohlgefallen!" Wie ist da nicht nur das Gepränge, sondern selbst der Bilderdienst der römischen Kirche eingedrungen! Dazu kommt, dass in einzelnen Kirchen Billardsäle reserviert worden sind, dass einzelne Pfarrer den Ausschank leichter Weine in der Kirche empfohlen, die Abhaltung theatralischer Aufführungen oder gesellschaftlicher Spiele in den Kirchen gestattet haben. In vielen dieser Dinge sind die Kirchengenossen willige Werkzeuge der Geistlichkeit geworden, und diese hat sich als Gegenleistung offen und frei dem Geschmack und den Wünschen weltlicher und einflussreicher Kirchengenossen angepasst. Die Leute haben auf ihr Recht, selber zu urteilen, verzichtet und ihre Pflichten vernachlässigt; sie haben aufgehört, in der Schrift die Wahrheit zu suchen und über Gottes Gebot nachzudenken, um zu finden, was Rechtschaffenheit ist. Sie sind gleichgültig, weltlich, lieben das Vergnügen mehr denn Gott; sie sind vom Gott dieser Welt geblendet und stets bereit, Lehren anzunehmen, welche sie in ihrer Weltlust und ihrem Ehrgeiz nicht hindern, und die Geistlichkeit züchtet diesen Geist und passt sich ihm an, da sie dabei ihren momentanen Vorteil findet. Denn sollten diese "Kirchen" untergehen, so wäre es um die Ämter und Würden und Gehälter der sich selbst erhöhenden Geistlichen geschehen. Sie sind daher jetzt ebenso besorgt um den Fortbestand der Namenchristenheit, als es die Pharisäer und Schriftgelehrten und Gesetzesausleger zur Zeit Jesu um die Erhaltung der jüdischen Religion waren, und zwar ganz aus denselben Gründen. (Joh. 11:47, 48, 53; Apg. 4:15-18) Wegen ihrer Vorurteile und ihres weltlichen Ehrgeizes sind die Namenchristen dem Lichte der neuen jetzt aufgehenden Wahrheit gegenüber ebenso blind, wie die Juden zur Zeit der ersten Gegenwart unseres Herrn es dem Lichte der damals aufgehenden Wahrheit des Evangeliums gegenüber waren.

Die schwersten Anklagen gegen die Namenkirche sind die Gefühle der erwachenden Welt und der erwachenden Christen, mögen dieselben in oder außerhalb der "christlichen" Welt leben. Plötzlich, namentlich seit dem Jahre 1890, ist die Kirche der Bekenner der Kritik stark ausgesetzt, und mit Forscherblicken schaut die ganze Welt auf sie. Diese Kritik kann von niemand überhört werden, sie liegt geradezu in der Luft; man vernimmt sie im Privatgespräch, auf der Straße, auf der Eisenbahn, in den Werkstätten und Kaufläden; sie flutet durch die Tagespresse und ist beständig ein Gegenstand der Besprechung in den leitenden Blättern weltlichen oder religiösen Charakters. Die leitenden Männer in der Kirche sehen wohl ein, dass diese Kritik für sie und ihre Einrichtungen nichts Gutes bedeuten kann, dass man ihr schnell und weise (wie sie das verstehen) begegnen müsse, wenn man ihre Kirchen vor dem Zusammenbruch, der ihnen droht, bewahren wolle.

Die erste Anklage, welche gegen die Namenkirche erhoben wird, ist die, dass sie inkonsequent sei. Selbst die Welt sieht den himmelweiten Unterschied, der zwischen der Bibel, der angegebenen Richtschnur für die Lehren der Namenkirche, und den Glaubenssätzen dieser letzteren besteht, die einander widersprechen und in mancher Hinsicht durchaus verwerflich sind. Die gotteslästerliche Lehre von der ewigen Qual wird mit Hohn zurückgewiesen und vermag nicht mehr wie ehedem durch das Mittel der Furcht die Menschen der Kirche zuzutreiben. Vor gar nicht langer Zeit erging über die Presbyterianerkirche und andere kalvinistische Religionsgemeinschaften und ihre überlieferten Glaubensartikel ein Sturm der Kritik, der sie aufs schwerste erschütterte. Jedermann erinnert sich der langen Verhandlungen und der verzweifelten Anstrengungen, die die Geistlichkeit machte, ihre Lehre zu verfechten. Dies ist eine schwere, schwere Aufgabe, und die Geistlichen wären sie gern los, aber sie kommen daran nicht vorbei, sondern müssen sich ihrer nach besten Kräften entledigen. Was sie dabei im allgemeinen empfinden, zeigt ein Ausspruch von Rev. de Witt Talmage, welcher bei der Diskussion dieser Frage einmal sagte:

"Ich wollte, dieser Streit über das Glaubensbekenntnis wäre nie heraufbeschworen und der Kirche aufgedrängt worden; so aber, wie die Dinge nun liegen, sage ich: Fort mit dem Streitgegenstand und einen neuen Glauben her!" Bei anderer Gelegenheit sagte derselbe Geistliche: "Ich erkläre ein für allemal all diesen Streit in der ganzen Christenheit als Teufelswerk. Es ist ein Versuch des Teufels, die Kirche zu sprengen, und wenn ihm nicht gewehrt wird, so wird die Bibel schließlich so verachtet werden wie ein alter Kalender, der über das Wetter längst vergangener Tage und den besten Moment, Rüben zu pflanzen, Auskunft gibt. Welche Stellung sollen wir in diesen Streitereien einnehmen? Beiseite stehen! Derweil diese religiösen Meutereien draußen tosen, zu Hause bleiben und seine Geschäfte verrichten! Kann man von einem 5-6 Fuß großen Menschen erwarten, dass er durch einen Ozean von 1.000 Fuß Tiefe wate? Die jungen Leute, die jetzt ins Amt treten, geraten in den dicksten Nebel, der je eine Küste bedeckt. Die Fragen, über die sich die Gelehrten jetzt herumstreiten, werden erst nach dem Tag des Gerichts gelöst werden."

Mit dieser Äußerung trifft de Witt Talmage den Nagel auf den Kopf. Ja der Tag nach dem Tage des Gerichts wird alle diese verwirrenden Fragen lösen und Wahrheit und Gerechtigkeit auf Erden zur Herrschaft bringen!

Die Schwierigkeit der Aufgabe der Geistlichkeit in diesen Streitfragen und die Furcht vor dem schließlichen Ausgang fand einen nicht minder deutlichen Ausdruck in einer Resolution, welche eine Versammlung von Presbyterianern in Chicago fasste:

"Wir sehen mit Bekümmernis die Streitfragen, welche jetzt unsere liebe Kirche entzweien, ihren Ruf, ihren Einfluss und ihren Nutzen schwer schädigen und beeinträchtigen und geeignet sind, mit der Zeit nicht nur das Werk unserer eigenen Kirche, sondern unsere ganze Christenheit zu vernichten. Wir möchten daher hiermit unsere Brüder aufs dringendste ersuchen, dass sie einerseits bei der Prüfung neuer Glaubenssätze nicht voreilig ihren Einfluss im Sinne der Unterdrückung ehrlichen und ehrerbietigen Forschens nach Wahrheit geltend machen, dass sie aber andererseits sich selbst der Weiterverbreitung noch unbewährter Lehren enthalten möchten. Namentlich sind Fragen zweifelhaften Wertes, besonders wenn sie geeignet sind, den Glauben der Ungebildeten an die Heilige Schrift zu erschüttern, beiseite zu lassen. Waffenruhe und Feuereinstellen ist es, was unsere Kirche jetzt am meisten bedarf, und was ihre Interessen und ihr Werk am besten fördert."

In einem Bericht über die erwähnte Versammlung bemerkte das "Presbyterianer Banner":

"In einem Kranken- oder Irrenhause mag eine Störung, ein Alarm dem einen oder anderen einen tödlichen Schreck verursachen. In einer Anstalt dieser Art leistete sich eine Zeitlang ein älterer Mann das Vergnügen, die aufgehende Sonne täglich mit Trommelwirbel zu begrüßen. Schließlich ward er ersucht, sein Instrument nur in einiger Entfernung der Anstalt zu schlagen. Dies zeigt so recht, warum ernsthafte Pastoren böse werden, wenn ihre Kirche gestört wird. Die Kirche ist gleich einem Spital, in dem sündenkranke Menschen untergebracht sind, die, bildlich gesprochen, fieberleidend, aussätzig, lahm, schwer verwundet und halbtot sind. Eine Störung, wie sie in den gegenwärtigen Streitereien ob den von einigen Predigerschulen ausgehenden Lehren liegt, mag einige Seelen vernichten, die jetzt schon eine Krisis durchmachen müssen. Wird Prof. Briggs nun wohl leise auftreten und seine Trommel weglegen?"

Die zweite Anklage liegt im Mangel an Frömmigkeit und Gottseligkeit. Die Namenkirche erhebt zwar Anspruch auf diese Eigenschaften, aber nur wenige wahrhaft fromme Seelen finden sich in ihrem Schoße. Scheinwesen und Heuchelei herrschen vor; Hochmut und Geldstolz lassen deutlich merken, dass der Arme in den Gotteshäusern nicht willkommen ist. Die Massen haben das gefühlt und in ihre Bibel geschaut, um zu suchen, ob das wohl der Geist des großen Gründers der Kirche sei. Dann fanden sie, dass einer der Beweise für seine göttliche Sendung gerade der Umstand war, dass den Armen das Evangelium gepredigt werde, und dass er zu seinen Jüngern sagte: "Arme habt ihr allezeit bei euch", sowie, dass seine Jünger keinerlei Bevorzugung für die Leute mit Fingerringen, schönen Kleidern usw. zeigen sollten. Sie haben die goldene Regel gefunden und das Benehmen der Kirche als ganzes und das ihrer Glieder persönlich danach geprüft. Im Lichte der Bibel mussten sie es sofort herausfinden, dass die Kirche von der Gnade gefallen sei. Dieser Schluss drängt sich so mächtig auf, dass selbst die Verteidiger der Kirche beschämt dastehen.

Die dritte Anklage besteht im Hinweis darauf, dass die "Kirche" das, was sie als ihre Aufgabe bezeichnet, die Gewinnung der Welt für Christum, nicht zu vollbringen vermocht hat. Es ist rein unerfindlich, wie die Welt entdeckt haben sollte, dass das (angebliche) Werk der Kirche demnächst seiner Vollendung um einen großen Schritt näher gebracht werde, und dennoch geht heute, am Ende des Evangeliums-Zeitalters diese Erwartung durch die Welt, genau wie man am Ende des jüdischen Zeitalters großen Änderungen entgegensah. (Luk. 3:15) Die Menschen merken, dass wir in einer Übergangszeit leben, und der Anbruch des 20. Jahrhunderts gilt vielfach als der Moment großer, revolutionärer Änderungen. Dieser Unruhe gab Prof. Henry Grady in einer Ansprache, die er vor den Hochschulgesellschaften in Charlottesville hielt, kräftigen Ausdruck:

"Wir stehen", sagte er, "gegenwärtig im Tagesanbruch. Die Fixsterne schwinden allmählich am Firmament. Ungewisses Zwielicht umfließt uns. Seltsame Bilder haben wir aus der Nacht mitgebracht. Die wohlbegründeten Wege sind verschwunden, neue Straßen verwirren uns, weites, offenes Feld breitet sich vor unseren Blicken aus, soweit wir sehen können. Unruhig gehen wir in der Dämmerung hin und her; die Verwirrung ruft den Zweifel hervor, und selbst auf den üblichen Pfaden werden die wandernden Scharen angehalten, und aus dunklen Ecken rufen die Schildwachen: "Wer da?" In dieser Morgendämmerung sind furchtbare Kräfte an der Arbeit. Nichts mehr ist fest, nichts mehr gilt als unumstößlich. Die Wunder der Gegenwart stoßen die einfachen Wahrheiten der Vergangenheit um. Die Kirche sieht sich von außen belagert, von innen verraten. In Hofräumen raucht bereits die Fackel der Empörer und erhebt sich der Galgen der Anarchisten. Die Regierung ist das Kampfobjekt der Partei, die Beute der Sieger, die ihre Machtstellung sich zunutze machen. Der Handel wehrt sich verzweifelnd gegen die Monopole und die Fesseln, die ihm angelegt werden sollen. Die Städte schwellen an, das offene Land entvölkert sich. Pracht wohnt in den Palästen und Schmutz in den Hütten. Die allgemeine Brüderlichkeit schwindet, und die Menschheit zerfällt in Klassen. Im Dickicht zischt die Schlange des Nihilismus, und längs der Landstraße tost das Meer der unzufriedenen Volksmassen."

Die Kirche kann nicht leugnen, dass der Tag des Endes, der Tag der Abrechnung, nun da ist. Ob sie die Zeit im Lichte der Weissagung erkennt oder nicht, tut wenig zur Sache; die Tatsache des Gerichts drängt sich ihr auf, und dieses wird noch vor Ende der Erntezeit vollzogen sein. Die Kirche merkt, dass aller Welt Augen auf sie gerichtet sind, dass alle Welt es herausgefunden hat, dass sie ihre angebliche Aufgabe, die Welt zu bekehren, nicht gelöst hat, obschon die Zeit vorhanden wäre, wo sie dieselbe ganz oder doch zum größten Teil gelöst haben sollte, dass sie von der Welt sich nur durch das Bekenntnis unterscheidet. Die falsche Auffassung, die sie von ihrer Aufgabe hat, beruht auf Missverständnis; sie hat den Zweck des Evangeliums-Zeitalters aus den Augen verloren, der darin besteht, dass das Evangelium vom Reiche Gottes in der ganzen Welt verkündigt werde zu einem Zeugnis für alle Völker, und darin, zu helfen, dass die "kleine Herde" berufen und vorbereitet werden könne, mit dem Herrn das Tausendjährige Reich zu bilden, in welchem gesegnet werden sollen alle Geschlechter auf Erden. (Matth. 24:14; Apg. 15:14-17) Sie sieht sich vor die Tatsache gestellt, dass sie heute, nach Ablauf von 18 Jahrhunderten, weiter von dem Ziele, das sie sich gesteckt hat, entfernt ist als am Ende des ersten Jahrhunderts. Darum entschuldigt und verteidigt sie sich jetzt; sie überzählt, was sie geleistet hat, rechnet die Summe noch einmal zusammen, stellt "Tatsachen" fest und gefällt sich selbst in der Ankündigung großer Taten, die in kurzer Zeit ihr Werk zur Vollendung führen werden, denn der Geist der kritischen Forschung unterwirft sie einem Kreuzverhör und zwingt sie angesichts ihrer zahlreichen Ankläger, sich zu rechtfertigen, was sie freilich umsonst versucht.

Sie ist in großer Verlegenheit, wie sie der Beschuldigung, dass ihre Lehre mit der Bibel nicht übereinstimme, begegnen soll; denn sie kann nicht leugnen, dass es untereinander sich widersprechende Glaubenssätze gibt. Sie nimmt ihre Zuflucht zu verschiedenen Methoden der Erklärung, die für denkende Leute ebenso viele Beweise ihrer großen Verlegenheit sind. Jede Richtung hält ängstlich an den überlieferten Glaubenssätzen fest, weil diese allein die einzelnen Kirchen zusammenhalten; die Aufhebung dieser Glaubenssätze würde daher die sofortige Auflösung der Religionsgemeinschaften zur Folge haben. Doch reden die Geistlichen so wenig als möglich darüber, weil sie sich innerlich dieser Sätze schämen, da nun das durchdringende Licht dieses Tages des Gerichts darauf fällt. Die einen gehen dabei so weit, dass sie auf die Gefahr, benachteiligt zu werden, alle Sätze ohne Ausnahme verwerfen; andere halten es für klüger und richtiger, die Sätze allmählich fahren zu lassen und durch neue zu ersetzen, sie zu verbessern, zu revidieren usw. Jedermann weiß, welch eine Diskussion sich bei der Durchsicht des presbyterianischen Glaubensbekenntnisses erhob. Ebenso bekannt sind die Versuche der sogenannten höheren Kritik, der Heiligen Schrift die Autorität und göttliche Eingebung zu nehmen, und an ihre Stelle die Inspiration des 19. Jahrhunderts zu setzen, oder die sogenannte Evolutionstheorie, welche den von der Bibel berichteten Fall Adams leugnet und daher den göttlichen Plan zum Loskauf von diesem Fall auf den Kopf stellt. Eine dritte zahlreiche Klasse von Geistlichen empfiehlt eine eklektische oder Kompromiss-Theologie, die dank ihrem geringen Umfange und ihrer Weitherzigkeit, allen Einwendungen von Christen und Heiden ausweichen könnte und womöglich alle sozusagen unter einen Hut bringen sollte. Viele machen viel Aufhebens von großen Dingen, die mit Hilfe neuer kürzlich in Tätigkeit gesetzter Kräfte verrichtet werden sollen, in deren Zentrum die Vereinigung aller christlichen Namenkirchen steht; wenn diese erreicht sei, was, wie sie sagen, nicht mehr lange auf sich warten lasse, so werde die Belehrung der Welt zum Christentum, so meinen sie, alsbald folgen.

Der Beschuldigung, es an Frömmigkeit und gottseligem Wandel fehlen zu lassen, begegnet die Namenkirche ebenfalls mit Prahlereien, indem sie sich "mancher herrlichen Werke" rühmt, die oft an den Matth. 7:22, 23 verzeichneten Tadel des Herrn erinnern. Allein mit dieser Ruhmredigkeit ist Babylon nicht geholfen; denn sie dient zu handgreiflich zur Verhüllung der Tatsache, dass es der Kirche am Geist des göttlichen Gebotes der Liebe fehlt, sie macht mithin nur die kläglichen Zustände in der gefallenen Kirche ersichtlicher. Wäre dieses große kirchliche System wirklich die wahre Kirche, wie wäre da der Fehlschlag der Absicht Gottes, sich ein Volk nach seinem Namen zu erwählen, offenbar!

Allein die maßgebenden Persönlichkeiten in der Kirche geben sich darüber absolut keinen Illusionen hin, dass ihre Rechtfertigungsversuche, ihre Versprechungen und ihre Ruhmredigkeit sie so lange nicht schützt, wie ihre Zersplitterung andauert. Auflösung und Untergang drohen der Kirche - sie sehen es wohl - binnen kurzer Zeit, falls sie ihre verschiedenen Abteilungen nicht vereinigen kann, um der Welt gegenüber mehr zu gelten und ihren Einfluss auf die Welt zu kräftigen. Darum hört man oft von einer Union aller Christen reden, und was etwa in dieser Richtung geschieht, wird sofort als Wachstum im Geiste der Liebe und der Nachfolge Christi ausposaunt. Aber der Geist der Liebe und die Nachfolge Christi haben mit dieser Bewegung sehr wenig zu schaffen; die Furcht ist es, die ihr gerufen hat, die Furcht vor dem geweissagten Sturme der Entrüstung und des Zornes, der nahe bevorsteht und dem keine "Kirche" allein zu begegnen sich getraut. Daher die auf Zusammenschluss gerichteten Bestrebungen! Wie aber die widerspruchsvollen Lehren vereinigen? Der eine schlägt vor, zunächst nur den Zusammenschluss derjenigen zu versuchen, deren Lehren am wenigsten voneinander abweichen, etwa der verschiedenen Zweige von Presbyterianern, Baptisten, Methodisten, Katholiken usw., und damit von da aus den weiteren Zusammenschluss dieser zu suchen. Der andere will für die Idee des Zusammenschlusses bei den Massen Propaganda machen, Gleichgültigkeit der Lehre gegenüber verbreiten und das Hauptgewicht auf gemeinsame Betreibung "christlicher" Werke legen, an denen sich alle sittlich denkenden Menschen beteiligen sollten.

Es sind meist junge Männer, welche das letztere ernstlich empfehlen. Überhaupt ist in der Jungmannschaft die Neigung für einen solchen Zusammenschluss größer, weil sie manche heiße Schlacht der Vergangenheit nicht miterlebt hat und für sie viele strittige Lehren, wie die, welche die Vorherbestimmung, die freie Gnade usw. betreffen, nicht mehr in Betracht kommen. Aus ihren Kinderjahren bringen sie nur die unter dem Einfluss Roms und der Finsternis der Vergangenheit entstandene Lehre von der ewigen Verdammnis mit, welche alle die treffen soll, die im gegenwärtigen Zeitalter das Evangelium nicht hören oder nicht annehmen, sowie vom Zweck des Evangeliums, die Welt im gegenwärtigen Zeitalter zu bekehren und vor der ewigen Qual zu bewahren. Das bezwecken die christlichen Jünglings- und Jungfrauenvereine, die Gesellschaften für Verbreitung des Christentums, für Hebung der Sittlichkeit, die "Königstöchter", die Heilsarmee usw. Diese Vereine und Gesellschaften haben allerdings Eifer für Gott, aber nicht nach Erkenntnis; ihr großer Fehler liegt darin, dass sie ihre eigenen Pläne verfolgen, welche, so wohlwollend und so weise dieselben in den Augen der Menschen auch sein mögen, notwendigerweise fehlschlagen müssen, da sie der göttlichen Weisheit ermangeln und dem göttlichen Plane nicht entsprechen, der allein mit Erfolg gekrönt werden wird. Es wäre für die wahren Christen unter ihnen von großem Segen, wenn sie den göttlichen Plan erkennen könnten, der jetzt auf die Auswahl der kleinen Herde der Heiligen und alsdann auf die Hebung (Segnung) der Welt durch diese vollzählige erhöhte und als Christi Miterben tausend Jahre herrschende kleine Schar abzielt. Könnten sie dies erkennen, so würde oder müsste es die Aufrichtigen unter ihnen heiligen; in der Minderzahl würden sie freilich bleiben, denn die Mehrzahl derer, die solche Vereine bilden, tun dies aus verschiedenen Gründen, die mit der vollständigen Hingabe an Gott und dem Dienst an seinem Werk "bis in den Tod" nichts gemein haben.

Für die jungen Leute, welche die Kirchengeschichte, und was sie lehrt, und die Verschiedenheit der Lehren nicht kennen, hat die Idee des Zusammenschlusses etwas Bestechendes. Sie meinen, die Lehre sei an den Zwistigkeiten der Vergangenheit schuld, und wollen daher den Zusammenschluss ohne Lehre versuchen. Aber sie übersehen, dass in der Vergangenheit alle Christen diesen Zusammenschluss erstrebten, genau wie gewisse Leute heutzutage, aber sie erstrebten den Zusammenschluss auf der Grundlage der Wahrheit; einen anderen Zusammenschluss wollten sie nicht. Ihr Verhalten wurde bestimmt durch die Vorschriften: "Kämpfet um den einmal den Heiligen überlieferten Glauben", und "habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, strafet sie vielmehr". (Judas 3; Eph. 5:11) Viele übersehen eben heutzutage, dass es gewisse Lehren gibt, die für den wahren Zusammenschluss unter wahren Christen -- einen gottwohlgefälligen Zusammenschluss - unentbehrlich sind, dass der Irrtum der Vergangenheit in der vorurteilsvollen Bevorzugung menschlicher Glaubenssätze lag, welche deren Erprobung und Verbesserung an der Hand des Wortes Gottes unmöglich machte. Daher ist der in Vorschlag gebrachte und erstrebte Zusammenschluss, insofern er die Lehre der Bibel verwirft, und umso fester an den menschlichen Lehren von der ewigen Qual, von der Unsterblichkeit usw. festhält und insofern er menschliches Urteil zur Richtschnur für sein Verhalten und seine Ziele nimmt, ein sehr gefährliches Ding. Er wird zu Irrlehren führen, weil er die Lehre Christi und die Weisheit von oben verwirft und sich statt dessen auf die Weisheit derer stützt, die ihn zu bewerkstelligen suchen, welche aber eitel Torheit ist, wenn sie mit göttlichen Methoden im Widerspruch steht. "Die Weisheit ihrer Weisen wird vergehen." - Jes. 29:14

Andere Vorschläge gehen von fortschrittlichen (?) Geistlichen und Laien aus. Sie bezwecken, Charakter und Aufgabe der Kirche für die nächste Zukunft den Anschauungen der Welt noch näher zu bringen, als sie es schon sind. Damit soll die unwiedergeborene Welt in die Kirche hineingezogen und zu großen finanziellen Opfern ihr gegenüber angeregt werden; dazu bedarf es der Beschaffung von Unterhaltungen und Vergnügungen. Wie viel wahre Christen haben diese Bestrebungen nicht schon abgestoßen, ob dieselben in ihrer Stadt oder anderswo sich geltend machten! Ein besonders frappantes Beispiel vom Abfall bietet die Methodistenkirche, deren Geschichte von einem Geistlichen derselben in einem Methodistenblatte Nordamerikas "Nordwestern Christian Advocate" bis auf ihren gegenwärtigen Zustand verfolgt worden ist. Der Geistliche schreibt unter anderem:

"Die Lehre von der "Wiedergeburt", auf welche die Methodisten großes Gewicht legten, wirkte wie eine neue, unerhörte Botschaft und trug Frucht, auf welche selbst Weltleute und Irreligiöse mit Zustimmung blickten. Denn diese forderte nicht nur eine Änderung des Herzens, sondern auch eine solche des täglichen Lebens, damit ein Methodist schon an seinem Verhalten leicht von einem Weltkind unterschieden werden könne. Ferner trug zu der Entwicklung der Methodistenkirche der Umstand bei, dass ihre Gottesdienste keinerlei Formenkenntnisse von den Zuhörern verlangten, dass das gewöhnliche Volk dabei willkommen geheißen ward, welchem damit gedient war, seine Gebete zum Allmächtigen richten zu können, ohne dass ein anderer als Mittler diente. Das entsprach seinem Verlangen nach Selbstachtung und Freiheit. Ein weiterer Grund für das Gedeihen der Methodisten lag darin, dass sie die Geißel, die der Herr aus Stricken gefertigt hatte, zu gebrauchen und das Heiligtum von Unwürdigen zu säubern verstanden. Diese Säuberungen reinigten jeweils gleichsam wie ein Gewitter die Atmosphäre und machten es selbst dem Spötter ersichtlich, dass Zugehörigkeit zur Kirche etwas bedeute. Ebenso trug der Charakter der Geistlichen jener Zeit viel zur Ausbreitung der Methodisten bei. Der Einfluss von Männern, die vom Gedanken durchdrungen waren, dass sie hier keine bleibende Stätte haben, die fürs Greisenalter nichts zurücklegten, die auf schriftliche Anstellungs- und Besoldungsverträge verzichteten, wonach die Menschen am meisten gelüstet, musste sich überall als ein großer erweisen. Endlich machten die Lieder, in welchen die Kirchenmitglieder die Hauptwahrheiten sangen, einen tiefen und bleibenden Eindruck auf die Zuhörer.

"Allein dieses alles sind nun veraltete Mittel. An der Vorbedingung der Wiedergeburt wird tatsächlich nicht mehr festgehalten, weil man gesehen hat, dass sie viele gute Leute vom Anschluss an die Kirche abschreckte, und dass manche ihre Christenpflicht auch sonst tun. Die Geistlichkeit, wenigstens die der großen Gemeinden, ist zu gut erzogen, um auf der Heiligkeit, wie sie unsere Väter verstanden, zu beharren, und verkündet jene weitherzige Heiligkeit, die vom Mitmenschen nichts Schlechtes denkt, auch wenn er nicht geheiligt ist. Mit der früheren, engherzigen Auffassung wäre des Verbleibens der Geistlichen in leitenden Kreisen nicht mehr. Die Einfachheit und Schlichtheit des Gottesdienstes haben in den kunstsinnigen Kreisen städtischer Gemeinden einem wohleinstudierten, vornehmen Ritual Platz gemacht. Die Vortrefflichkeit dieses Wechsels anfechten, hieße den Vorrang, den die Kultur vor der Unkultur hat, in Zweifel ziehen. Die Säuberung der vergangenen Zeiten war sicher am Platze, solange die Kirche gleichsam in einem Versuchsstadium sich befand. Damals war übrigens wenig zu verlieren. Jetzt aber weigern sich kluge Männer, das Wohlergehen einer an Gütern und Einfluss reichen Kirche durch bigotte Anwendung des Gesetzes aufs Spiel zu setzen, die die Reichen und Gebildeten stoßen könnte. Die Leute mögen unbeugsam sein, das Evangelium ist es nicht. Die Kirche ist da, die Menschen zu retten, nicht sie auszustoßen oder sie zu entmutigen. So haben unsere modernen, weitherzigen Anschauungen die engherzige, selbstgerechte Auffassung verdrängt, dass wir besser seien als andere Leute und diese von unserer Kirche fernhalten müssten. Die Geistlichkeit unserer Tage endlich, die auf höherer Kulturstufe steht, befolgt mehr als je in der Vergangenheit das Gebot des Meisters: "Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben." Welcher Geistliche wäre heutzutage noch so närrisch, wie es die Prediger der ersten Zeit waren, dem reichsten Kirchenangehörigen, Der auf einem großen Fuße, zu sagen, er solle alles für Gott und das Wohl der Menschheit verkaufen, sein Kreuz aufnehmen und Christo nachfolgen? Er könnte betrübt hinweggehen - der Geistliche, meine ich.

"Freilich darf bei dieser vom Gesetz der Evolution und des Fortschrittes geleiteten Entwicklung der Dinge nichts zu schnell oder zu umstürzlerisch vorgenommen werden. Das sind Klippen, welche die modernen Methodistenprediger meist glücklich zu vermeiden wissen. An die Stelle des ungeschlachten Predigers, welcher den Gott der Liebe beschuldigte, zornmütig zu sein, ist der feine, elegante Kanzelredner getreten, dessen Gedanken, Empfindungen und Gefühle erhaben sind und niemand stoßen.

"Die Bestimmung, dass ein Geistlicher eine Stelle nicht länger als fünf Jahre bekleiden dürfe, muss fallen. Zur Zeit der Gründung der Kirche durfte er es sogar nur ein halbes Jahr; allmählich aber ward seine Amtsdauer 1, 2, 3 und schließlich 5 Jahre verlängert. Heute haben die gebildeten Kreise unserer Kirche eingesehen, dass, wenn diese den Vergleich mit anderen Kirchen vertragen soll, ihre Geistlichen dauernd angestellt werden müssen, damit die guten Kanzelredner einen Mittelpunkt für gesellschaftliche und literarische Kreise bilden können. Heutzutage ist es - das erkennt niemand besser als die Geistlichkeit selber - mit dem Halten langatmiger Versammlungen, mit dem Evangelisten-Sein, nicht getan. Früher suchten die Gemeinden vorab große Erweckungsprediger, und an den Jahreskonferenzen mussten die Prediger angeben können, wie viele Bekehrungen sie im Berichtsjahr erwirkten. Jetzt lässt sich Hirt und Herde von weniger seltsamen Anschauungen leiten. Die größeren Gemeinden wünschen Geistliche, welche den ästhetischen Bedürfnissen der Gebildeten genügen, die Angriffe des modernen Zweiflers abwehren können, und an den Jahreskonferenzen fragt man nur nach dem Ertrage der Missionskollekte. Der moderne Methodistenprediger versteht sich ganz besonders auf das Kollektieren und wirkt dadurch viel mächtiger auf die Herren als durch Ermahnung und Weckruf, wie es früher üblich war.

"Diese Träger des christlichen Gedankens haben eine große, wichtige Entdeckung gemacht, nämlich dass das Evangelium es stets vermeiden solle, die Gebildeten zu stoßen. Einer Kirche, die sich ihrer Zeit so trefflich anzupassen versteht, gehört die Zukunft, und werden die Massen zuströmen. Wie herrlich passt auf sie das Wort, das die Engel verkündeten: "Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen!"

Rev. Chas. A. Crane.

So voll Lobes über den jetzigen Zustand der Methodistenkirche ist der wider seinen Willen in Ruhestand versetzte Bischof R. S. Foster nicht, doch bestätigt er voll und ganz, nur mit anderen, vielleicht etwas zu bitteren Worten, was sein Kollege Crane so herrlich gefunden hat, wie folgt:

"Die Kirche Gottes", schreibt er in der "Posaune des Evangeliums", "buhlt heutzutage um die Gunst der Welt. Ihre Glieder selber bestreben sich, sie auf das den Gottlosen geläufige Niveau herabzudrücken. Bälle und Theater, die Künste leichtgeschürzter Musen, gesellschaftliche Üppigkeit, mit ihrer Förderung leichter Sitten, sind in das Allerheiligste der Kirche eingedrungen, und dann wollen Christen diese Früchte weltlicher Gesinnung durch Fasten, Kirchenfeste und Ausschmückung der Gotteshäuser wieder gutmachen! Das ist des Satans alte List; an dem ist schon die jüdische, dann die römische Kirche zugrunde gegangen, und die protestantische ist nahe daran. Gefahr droht uns, soweit ich sehe, davon, dass wir uns dieser Welt gleichstellen, die Armen vergessen, von der Gottseligkeit nichts als die leere Form bewahren, die Kirchenzucht missachten, Mietlinge zu Seelsorgern machen, das Evangelium fälschen, und aus dem allen eine ansehnliche Kirche aufbauen. Wer hätte das vor 100 Jahren von der Methodistenkirche gedacht? Und doch ist es buchstäblich so. Kleiden sich nicht Methodisten im Widerspruch mit Gottes Wort und der Kirchenzucht ebenso modisch wie alle anderen Menschen? Tragen nicht die Damen, ja selbst Frauen und Töchter der Geistlichen, Gold und Perlen und sonstigen kostbaren Schmuck? Würden nicht diejenigen, welche sich mit der einfachen Kleidung der Gründer der Kirche begnügten, heute als Fanatiker verschrieen, sogar in Methodistenkreisen? Kann man in unseren Großstädten das Publikum, das unsere Gottesdienste besucht, an der Kleidung von Ball- und Theaterbesuchern unterscheiden? Selbst die Musik ist verweltlicht, indem sie von elegant gekleideten Choristen und Choristinnen, die sich oft zu keiner Religion bekennen oder gar Spötter und Gottesleugner sind, wie eine künstlerische Formalität besorgt wird, die mit der Anbetung im Geiste gerade soviel zu tun hat wie eine Oper oder sonst ein Theaterstück. Solches Formenwesen tötet aber das Geistesleben. Ehedem musste jeder Methodist bezeugen, dass er die Religion aus Erfahrung kenne; jetzt wird es nicht mehr verlangt, es kommt äußerst selten vor; namentlich entziehen sich Kirchenvorsteher dieser Verpflichtung. Ehedem ergriff in den Gebetsversammlungen fast jeder Methodist das Wort zum Zeugnisablegen, Beten und Ermahnen; heute bekommet man jeweils nur wenige zu hören. Ehedem vernahm man laute Lobpreisungen; heute gelten solche Ausbrüche heiliger Begeisterung und Freude als Fanatismus. Weltliche Gesellschaften, Feste, Konzerte und dergleichen mehr sind an die Stelle der religiösen Zusammenkünfte, der Erweckungs- und Gebetsversammlungen früherer Zeiten getreten. Ja wahrlich, die Kirchenzucht der Methodisten ist zu einem leeren Worte geworden! Sie untersagt, Gold oder Perlen oder sonst kostbaren Schmuck zu tragen, aber keiner denkt daran, diejenigen Kirchengenossen zu strafen, die sich um das Verbot nicht kümmern. Sie verbietet die Lektüre von Büchern oder das Mitmachen der Zerstreuungen, die die Gottseligkeit nicht fördern; doch die Kirche hat sich selbst in den Feststrudel geworfen, in dem das innere Leben der Jungen wie der Alten zugrunde geht. Die ersten Methodistenprediger suchten Christo Opfer zu bringen und für ihn zu leiden; sie strebten nicht nach wohlbezahlten und behaglichen Stellen, sondern nach Entsagung; sie prahlten nicht mit großen Besoldungen, feiner Erscheinung und gewählter Zuhörerschaft; dagegen rühmten sie sich, wenn sie Seelen für Jesum gewonnen hatten. Das ist jetzt alles anders. Der Prediger ist zum Mietling geworden, ein Prediger ohne Saft und Kraft, der seiner Zeit Rechnung trägt, keinen Glauben, keine Beharrlichkeit, kein heiliges Feuer kennt. Der Methodismus verkündigte einst die Hauptwahrheiten; jetzt ergehen sich seine Lehrer in Allgemeinheit und volkstümlichen Ansprachen. Selten hört man von der herrlichen Lehre der Heiligung."

Doch kommen wir auf die Zusammenschlussbestrebungen zurück. Wir haben oben erwähnt, dass die Jugend für diesen Gedanken leicht zu entflammen ist, und dass man es bei ihr zur Vermeidung der Bekenntnisstreitigkeiten mit einer Religion ohne feste Lehre versucht. Aber auch die Erwachsenen sucht man für den Zusammenschluss zu begeistern. In dieser Richtung bewegen sich die Pläne und Anstrengungen der maßgebenden Persönlichkeiten in allen Kirchen. Ein Versuch ist gemacht worden in dem großen Chicagoer Religionsparlament im Jahre 1893. Die Tonangeber machten damals kein Hehl aus ihrer wahren Absicht; aber die große Mehrheit ihrer Kirchengenossen machte mit, anscheinend ohne dabei zu bemerken, dass, was man von ihnen verlangte, nichts weniger war als ein Kompromiss des Christentums mit allem möglichen Unchristlichen. Da beabsichtigt wird, 1913 ein weiteres, womöglich noch umfassenderes Religionsparlament abzuhalten, werden alle, welche Gott treu bleiben wollen, wohl daran tun, sich die ausdrücklichen An- und Absichten der Förderer dieser Kongresse zu merken. Wir führen deshalb hier an, was ein San Franziskoer Journal über eine Rede des Hauptförderers der Idee, Rev. Barrows, Dr. Theol., berichtet:

"Die Vereinigung der Religionen", sagt er ungefähr, "wird auf zwei Wegen zustande kommen. Entweder es schließen sich zunächst die einander in der Lehre ähnlichen Richtungen, wie zum Beispiel die verschiedenen Zweige von Presbyterianern und Methodisten, alsdann alle protestantischen Kirchen zusammen. Ist das geschehen, so werden sie sehen, dass keine Grundprinzipien sie von den Katholiken scheiden und sich daher auch mit diesen verbrüdern. Alsdann wird aber die Vereinigung derselben mit verschiedenen anderen Religionen (Buddhismus, Brahaminismus, Islam, Lehre des Konfucius usw.) nur noch eine Frage der Zeit sein. Oder aber: Die Religionen und Kirchen können gleichsam einen rein brüderlichen Bund auf Grundlage einer gemeinsamen Sittenlehre eingehen, wie dies von Mr. Steard (dem Herausgeber der "Review of Reviews") angeregt wird. Die verschiedenen religiösen Systeme haben gemeinsame Interessen und gemeinsame Pflichten ihren Anhängern gegenüber; warum sollten sie sich nicht zur Förderung derselben verbünden? Ich halte den Zusammenschluss auf ersterem Wege für das wahrscheinlichere. Doch, wie dem auch sei, die Idee der Religionskongresse macht Fortschritte. Rev. T. C. Seward rühmt bereits eine starke numerische Zunahme der "Bruderschaft für vereinigtes Christentum" in New York und in Chicago hat C. C. Bonney eine große und unternehmungslustige "Gesellschaft für die Förderung der Religionsvereinheitlichung" ins Leben gerufen."

Das Religionsparlament in Chicago

In seinem Bericht über die erste Sitzung des Religionsparlamentes 1893 sagte der "Chicago Herald":

"Seit der Sprachenwirre zu Babel haben nie mehr so viele Religionen so vieler Glaubensbekenntnisses Seite an Seite, Hand in Hand, ja fast Herz an Herz gestanden, wie gestern Abend in dem großen Amphitheater. Nie seit Beginn der niedergeschriebenen Geschichte sind die verschiedenen Rassen der Menschheit so durch der Liebe goldene Ketten verbunden gewesen. Die Nationen der Erde, die Glaubensbekenntnisse der Christenheit, Buddhisten und Baptisten, Mohammedaner und Methodisten, Katholiken und Konfuzianische, Brahmanen und Unitarier, Hindus und Bischöfliche, Presbyterianer und Pantheisten, Monotheisten und Polytheisten, alle Denkarten und Menschenzustände darstellend, sind letzthin zusammengekommen, verbunden durch Sympathie, Humanität und Hochachtung."

Wie auffällig ist es doch, dass der Geist selbst eines solchen Lobredners des großen Kongresses zu der denkwürdigen Sprachwirre zu Babel zurückgeführt wurde! Sah er in dem Kongress nicht in der Tat instinktiv ein bemerkenswertes Gegenbild? In einem Brief, der in Sachen der Vorbereitung dieses Kongresses geschrieben war, sagt der oben erwähnte Dr. Theol. Barrows:

"Die althergebrachte Idee, dass die Religion, der ich angehöre, die einzig wahre sei, kann nicht weiter bestehen. Man kann aus allen Religionen etwas lernen, und kein Mann ist derjenigen würdig, der er angehört, wenn er nicht jedem Gleich- oder Andersgläubigen die Bruderhand zu reichen bereit ist. Es hat jemand gesagt, der Augenblick für das Erscheinen der besten Religion sei gekommen. Die Zeit, sich seiner speziellen Religion zu rühmen, ist vorbei. An unserem Kongress werden Prinzen und Geistesfürsten des Orient in freundschaftlicher Beziehung zum Erzbischof, zum Rabbi, zum abendländischen Geistlichen treten. Ihr Zusammensein am Kongress wird hoffentlich dazu beitragen, die Schranken niederzureißen, welche die Glaubensbekenntnisse errichtet haben."

Ein anderer Geistlicher, Rev. Chalmers, preist das Religionsparlament als Vorläufer einer Weltreligion, für die er sogar sein uniertes Christentum preiszugeben bereit ist. Er freut sich darüber, dass Jesus in die Gesellschaft von Konfucius und Zoroaster gebracht werden soll; er hält den Versuch für eine große Keckheit, fügt aber bei, Chicago pflege sich jeweils Großes zuzutrauen.

Es wäre in der Tat verwunderlich, wenn der Weltgeist sich plötzlich in Übereinstimmung mit dem Geist Gottes befinden sollte, wenn sich diejenigen, die ein so entgegengesetzter Geist erfüllt, ins Auge sehen sollten. Das wird aber nicht der Fall sein. Es bleibt wahr, dass der Geist dieser Welt Feindschaft gegen Gott bedeutet (Jak. 4:4), dass seine Lehren und Lehrsysteme eitel und verkehrt sind, dass es nur eine Wahrheit gibt, nämlich die, welche uns von den von Gottes Geist eingegebenen Schriften der Propheten und Apostel geoffenbart ist.

Nach der Meinung des einberufenen Präsidenten, Mr. Bonney, sollte das Religionsparlament durch Zusammenkunft von Anhängern der verschiedensten Religionen die Ziele und Grundlagen ausfindig machen, die allen gemeinsam wären, und gleichzeitig eine Rundschau der wunderbaren religiösen Fortschritte sein, die im 19. Jahrhundert verwirklicht worden wären. Ja, ja, diese Rundschau! Sie entspricht dem Drange, der die Kirche anklagenden Welt gegenüber möglichst gute Figur machen zu können, die Hoffnung zu erwecken, eben jetzt sei die "Kirche", nach allem anscheinenden Misserfolg der Namenchristenheit, am Vorabend eines großen Sieges, bald, sehr bald werde die Aufgabe, die sie sich angemaßt, die Welt zu bekehren, erfüllt sein. Wie will sie nur diesen Sieg erfechten? Nicht durch den Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern mittels eines heuchlerischen, auf Täuschung beruhenden Kompromisses. Dem vorgesteckten Ziele, mit allen Religionen sich zu verbrüdern, werden die größten Opfer gebracht; ja, um die Heiden nicht zu stoßen, verwirft man gar den Namen "christliche" Union, strebt nach Vereinigung der Religionen und ist zufrieden, den Herrn Jesus aus seiner überlegenen Stellung herabzuholen und ihn mit Konfuzius und Zoroaster auf ein und dieselbe Linie zu stellen. Die Protestanten voller Zweifel und Verlegenheit, ohne Festigkeit und daher zu allen Kompromissen geneigt, die Katholiken und die übrigen Religionen voller Ruhmredigkeit, voll Zuversicht: das sind die Hauptcharakterzüge des Religionsparlaments. Auf protestantische Anregung hin zusammengetreten, ward es durch ein Gebet eines Katholiken, des Kardinals Gibbons, eröffnet, durch das Gebet eines Katholiken, des Bischofs Keane, geschlossen; ja, selbst ein Shinto-Priester rief den Segen seiner acht Millionen Götter auf das Parlament herab! Der Ruf, den Rev. Barrows an die Vertreter der heidnischen Religionen erließ, als er zum Religionsparlament einlud, ist wie der Ruf des Mazedoniers, den Paulus im Traum vernahm: "Kommet herüber und helft uns!" Dass ein solcher Ruf von der Presbyterianerkirche ausgehen musste, die wenige Jahre zuvor auf eine Feuerprobe gestellt worden war, zeigt, bis zu welchem Grade die Verwirrung und Unsicherheit in ihr Platz gegriffen hat, und mit ihr in der ganzen Namenchristenheit! Darum hörte diese so bereitwillig auf den Ruf zum Religionsparlament und tagte 17 Tage lang mit Vertretern der verschiedensten heidnischen Religionen, die von christlichen Rednern wiederholt als die "Weisen aus dem Morgenlande" bezeichnet wurden.

Am letzten Sitzungstage lautete die Tagesordnung: "Die Religionsfreiheit der ganzen Menschenfamilie. Besprechung der Elemente der vollkommenen Religion, wie sie sich aus der Vergleichung der verschiedenen Glaubensformen ergeben haben. Ausblick auf die Hauptzüge der letzten Religion und den Mittelpunkt der bevorstehenden Religionseinheit für das ganze Menschengeschlecht." Man sollte es fürwahr nicht für möglich halten, dass christliche (?) Geistliche sich unfähig erklären anzugeben, was der Mittelpunkt der Religionseinheit sein müsse, worin die Hauptzüge der vollkommenen Religion bestehen sollen. Liegt ihnen denn soviel an einer Welt-Religion, dass sie bereit sind, die christliche Lehre, ja, sogar den Christennamen zu opfern, um jener Platz zu machen? "Aus deinem Munde will ich dich richten, du böser und fauler Knecht!" sagt der Herr.

Die vorangegangenen Sitzungen waren eben jener Vergleichung der verschiedenen Religionen gewidmet gewesen, um so die Elemente der vollkommenen Religion ausfindig zu machen. Das Vorhaben war ein gewagtes; es hat aber dazu gedient, jedem wahren Kind Gottes über mehrere Tatsachen die Augen zu öffnen, nämlich 1. darüber, dass die Namenkirche ihre Hoffnung, sie werde am gegenwärtigen Tage des Gerichtes, da der Herr mit seinem Volke (das heißt mit dem geistigen Namen-Israel) rechten will (Micha 6:1, 2), bestehen, aufgegeben hat; 2. darüber, dass sie ob ihres Rückschrittes, ihres Mangels an Glauben, Eifer und Gottseligkeit keine Reue empfindet, dass sie sich keineswegs um die Wiedergewinnung der Gunst Gottes bemüht, sondern vielmehr die Heidenwelt zu Hilfe ruft, um mit ihr dem Urteil des Herrn über ihre Menschensatzungen und ihre Trübung des wahren Bildes Christi zu widerstehen; 3. dass sie bereit ist, Christum und sein Evangelium fahren zu lassen, um die Freundschaft der Welt und die "Vorteile" zu gewinnen, welche sie von der Gunst der Mächtigen und Einflussreichen erwartet; 4. dass ihre Verblendung derart ist, dass sie Wahres vom Falschen, den Geist der Wahrheit vom Geist der Welt nicht mehr zu unterscheiden vermag; 5. dass sie die Lehren Christi bereits aus den Augen verloren hat. Sicherlich wird ihr von da, wo sie so eifrig sucht, vorübergehend Hilfe zuteil werden, aber nur zum Zweck, die ganze Welt beim bevorstehenden Sturz Babylons miteinzubegreifend, damit die Könige und Kaufleute der ganzen Erde trauern und heulen müssen über sie. - Offb. 18:9,11, 17-19

Bei der Betrachtung des Religionsparlamentes wollen wir unsere Aufmerksamkeit folgenden 7 Punkten zuwenden: 1. dem Geist der Unsicherheit und des Nachgebens in der ganzen "Christenheit", mit Ausnahme der römisch- und der griechisch-katholischen Kirche; 2. der zuversichtlichen Haltung des Katholizismus und aller nichtchristlichen Religionen; 3. den deutlichen, von den Weisen unter den Heiden wahrgenommenen Unterschieden zwischen dem Bibelchristentum und dem Christentum, welches von den Missionaren gepredigt wird, die ihre widerspruchsvollen Lehren mit der Bibel zugleich in die Fremde tragen; 4. der Wertschätzung des Missionswerkes durch die Heiden und die Aussichten desselben; 5. dem Einfluss der Bibel auf viele Heiden trotz der irrigen Auslegungen derer, die sie ihnen brachten; 6. der Wirkung des Religionsparlamentes auf die Gegenwart und Zukunft; 7. wie sich dieses Parlament im Lichte der Weissagung darstellt.

Das Religionsparlament ist aus der Initiative von Christen, protestantischen Christen, hervorgegangen. Es tagte in einem dem Bekenntnis nach protestantischen Lande. Es stand unter der Leitung protestantischer Christen. Diese sind mithin für alles verantwortlich, was sich am Parlament ereignete. Entsprechend dem an Kompromisssucht und Glaubenslosigkeit krankenden Protestantismus zeigte denn auch das Parlament sich bereit, Christum und sein Wort preiszugeben, um die Freundschaft des Widerchristlichen und Heidnischen zu gewinnen. Es zeichnete, wie schon erwähnt, die römische Kirche dadurch aus, dass es Vertretern derselben die Ehre des Eröffnungs- wie des Schlussgebetes überließ. Während die heidnischen Vertreter ihren Glauben in wohldurchdachten Vorträgen klarlegten, fehlte eine systematische Darlegung der christlichen Religion durchaus, wiewohl es an "christlichen" Rednern nicht gebrach. Wie befremdlich, dass eine solche Gelegenheit, das Evangelium von Christo hervorragenden, gebildeten und einflussreichen Heiden zu verkünden, von einer Versammlung von Geistlichen verpasst werden konnte! Schämen sich etwa die Vertreter von Christi Evangelium dieses Evangeliums? (Röm. 1:16) Die römischen Katholiken freilich kamen nicht weniger als sechszehnmal zum Wort! Ja, selbst Redner, die sich zum christlichen Glauben bekannten, waren ernstlich bemüht, dessen Fundamentalsätze in Zweifel zu ziehen; sie berichteten den Vertretern des Heidentums von ihren Zweifeln an der Untrüglichkeit der Heiligen Schrift, die Erzählungen der Bibel müssten mit Vorbehalt aufgenommen, und ihre Lehren müssten durch menschliche Philosophie ergänzt und nur insofern als gültig angesehen werden, als sie mit diesen letzteren in Einklang ständen. Anhänger der Orthodoxie verwarfen die Lehre von der Erlösung, welche doch die einzige Grundlage des christlichen Glaubens ist, andere leugneten den Fall des Menschen und bekannten sich als Anhänger der Evolutionstheorie, nach welcher der Mensch niemals vollkommen erschaffen, mithin niemals gefallen sei, keines Erlösers bedürfe und sich aus einem niedrigen Zustand, der mit dem Bilde Gottes keine Ähnlichkeit hat, allmählich emporgearbeitet habe und sich noch jetzt im Entwicklungsprozess befinde, dessen Prinzip das Weiterexistieren des Stärksten sei. Dieses, das heißt das gerade Gegenteil von der biblischen Lehre von der Erlösung und Wiederherstellung, fand im Kongress den größten Beifall!

Wir geben nun im folgenden einige kürzere oder längere Auszüge aus den am Kongress gehaltenen Reden und beginnen dabei mit denen, welche die Haltlosigkeit der Protestanten angesichts der Vertreter Roms und der Heidenwelt deutlich hervortreten lassen.

Da war zunächst Dr. Chas. A. Briggs, Professor der Theologie, an einer Presbyterianer-Predigerschule, den Präsident Dr. Barrows der Versammlung als einen Mann vorstellte, dessen "Gelehrsamkeit, Mut und Überzeugungstreue ihm einen hervorragenden Platz in der allgemeinen Kirche" verschafft. Er sagte:

"Alles, was wir für die Bibel geltend machen können, ist göttliche Eingebung und Untrüglichkeit, soweit es sich um die Mitteilung religiöser Lehren handelt. Gott ist wahrhaftig; er kann nicht lügen; er kann seine Geschöpfe nicht irreleiten oder täuschen. Aber wenn der unendliche Gott zum beschränkten Menschen spricht, muss er dann Worte sprechen, die kein Irrtum sind? (Welche Frage! Wenn Gott nicht die Wahrheit spricht, so ist er nicht wahrhaftig.) Kommt doch dabei nicht nur Gottes Reden, sondern noch des Menschen Hören und das Mittel in Frage, durch das Gott mit dem Menschen verkehrt! Man muss zuvor den Beweis erbringen, dass der Mensch fähig war, das Wort zu vernehmen, ehe wir sicher sein können, dass er dasselbe richtig weiter vermittelt hat. (Der Herr Professor sollte bedenken, dass Gott wohl imstande war, zur Entgegennahme seiner Worte und Weitervermittlung derselben geeignete Werkzeuge auszuwählen, und dass er diese Auswahl auch wirklich getroffen hat, wird jedem aufrichtigen Bibelforscher klar. Ein Argument wie dieses war geradezu eine Beleidigung einer geistig so hoch stehenden Zuhörerschaft.) Die göttliche Eingebung der Schrift bedingt noch nicht die Untrüglichkeit jedes Details."

Rev. Theodor Munger aus New Haven seinerseits meinte:

"Christus ist mehr als der auf Golgatha hingerichtete Jude. Christus ist die unter dem Einfluss göttlicher Gnade sich empor ringende Menschheit, und jedes Buch, dem die Eingebung diese Tatsache (nämlich, dass nicht Jesus, sondern die empor gerungene Menschheit als ganzes der Gesalbte des Herrn sei) zugrunde liegt, ist ein Teil der christlichen Literatur." Er zitierte dann Dante, Shakespeare, Goethe, Shelley, Matthew Arnold, Emerson und andere und fügte schließlich bei: "Die Literatur mit den wenigen Ausnahmen, denen man die Inspiration absprechen muss, fußt fest auf der Menschlichkeit als auf einer sittlichen Grundlage mit sittlichem Endzweck. Das ist das Wesen des Christentums. Eine Theologie, welche auf einem übernatürlichen Gott beharrt, der außerhalb der Welt thront und von dort aus ihre Geschicke lenkt, kann die Zustimmung jener Geister nicht haben, die in der Literatur ihren Ausdruck gefunden hat; der Dichter, das Genie, der weitherzige und alles umfassende Denker bedarf ihrer nicht; sie stehen zu nahe bei Gott, um durch solche Wiedergabe seiner Wahrheit getäuscht zu werden."

Rev. Dr. Rexford, ein Universalist, sagte:

"Ich wollte, wir würden alle zugeben, dass eine aufrichtige Gottesverehrung, wo auf der Welt sie auch stattfindet, eine wahre Gottesverehrung sei. Der ungeschriebene Glaubenssatz, der heute hier dominiert, ist, behaupte ich, dass jedweder Gottesverehrer in aller Welt, der sich vor dem Besten, den er kennt, beugt, und in Übereinstimmung mit dem reinsten Licht, das ihm scheint, wandelt, Zugang zu den höchsten Segnungen des Himmels hat."

Mit diesem Wort traf der Redner den Grundton der heutzutage vorherrschenden Religionsauffassung. Aber redete Pauls auf dem Areopag auch so zu den Verehrern des unbekannten Gottes? (Apg. 17:23-31) Nahm Elias die Baalspriester auch in dieser Weise in Schutz? (1. Kön. 18:21, 22) Paulus erklärte vielmehr, dass der einzige Weg zu Gott der Glaube an Christi Opfertod für unsere Sünden sei, und Petrus sagt von Christo: "Es ist kein anderer Name unter dem Himmel, der unter den Menschen gegeben ist, in welchem wir errettet werden müssen." - Apg. 4:12

Rev. Lyman Abbot, aus Brooklyn, nahm die göttliche Eingebung, welche uns durch Christum und die zwölf Apostel das Neue Testament brachte, "auf dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk geschickt" (2. Tim. 3:17) für die ganze Namenchristenheit in Anspruch.

"Wir glauben nicht", sagte er, "dass Gott allein in Palästina gesprochen, und auch in diesem kleinen Stücklein Erde nur zu ganz vereinzelten. Wir glauben nicht, dass er einzig in der christlichen Welt vernommen ward, indes er überall sonst stumm blieb. Nein, wir glauben, dass Gott zu allen Zeiten geredet habe."

Aber wie spricht er zu den Baalspriestern? Er hat sich nicht offenbart, es sei denn seinem erwählten Volk, Israel nach dem Fleisch im jüdischen, Israel nach dem Geist im Evangeliums-Zeitalter. "Euch allein habe ich erkannt unter allen Geschlechtern der Erde." - Amos 3:2; dazu 1. Kor. 2:6-10

Es tut einem angesichts solcher Aussprüche förmlich wohl, auch solchen zu begegnen, in welchen der moralische Mut zutage trat, trotz stillschweigender oder lauter Opposition den einst den Heiligen übergebenen Glauben zu verkündigen, wenn auch diese Redner nicht ganz miteinander übereinstimmten und einige Verlegenheit zeigten, da sie eben den göttlichen Plan der Zeitalter nicht kannten noch die bedeutsamen Beziehungen der christlichen Grundlehren zu dem ganzen bewunderungswürdigen System göttlicher Wahrheit. Da ist zunächst Rev. Joseph Cook aus Boston zu erwähnen, der, weil die Lehre von Christi sühnendem Opfertod totgeschwiegen oder gar als des erleuchteten 19. Jahrhunderts unwürdig verworfen ward, kräftig betonte, dass die christliche Religion die einzig wahre sei, und dass nur solche, die sie annehmen, auf ein glückliches Leben nach dem Tode rechnen können. Dann zitierte er ein Beispiel aus Shakespeare:

"Da haben Sie", sagte er, "Lady Macbeth. Welche Religion kann Lady Macbeths blutige Hand reinwaschen? Dies frage ich die Kontinente und die Inseln der Ozeane! Es sei denn, es sei Ihnen mit ihrem Religionsparlament gar nicht ernst. Ich frage den Islam: Kannst du Lady Macbeths blutige Hand reinwaschen? Ich frage Buddha und Konfucius: Könnt ihr es?"

Dieses freie Wort hat Mr. Cook die herbste Kritik zugezogen. Ein Geistlicher aus Chicago, Rev. Jones, tadelte es in öffentlichem Vortrage, dass sein Kollege aus Boston den am Religionskongress vertretenen Andersgläubigen ein solches Paroli geboten habe, und er verstieg sich dabei zu folgenden Sätzen:

"Um die Unsittlichkeit der Lehre von Christi stellvertretendem Sühnopfer besser zu begreifen, jener Lehre, die nur auf den Satz abstellt: "Siehe auf Jesum und du wirst gerettet werden", wollen wir die Tat Lady Macbeths fest ins Auge fassen, jener Mörderin, die durch einen Blick aufs Kreuz sich Straflosigkeit sicherte. Der Verfechter dieser Behauptung schleuderte allen Anwesenden die Ungeheuerlichkeit ins Angesicht, dass nur der Wiedergeborene, der der Frucht von Christi Opfertod, der Vergebung der Sünden, teilhaftig geworden sei, das Himmelreich ererben könne. Alles, was ich dazu zu sagen habe, ist: Ich bin froh, dass ich solches nicht glaube. Ich fordere alle, denen an Sittlichkeit gelegen ist, alle Freunde der Gerechtigkeit, alle diejenigen, welche an einen unendlichen, gerechten Gott glauben, auf, diese Lehre zu verwerfen. Eine solche Art der Errettung ist nicht nur vernunft-, sondern auch sittlichkeitswidrig. Sie ist jedenfalls für die gegenwärtige Welt eine grobe Täuschung. Ich kehre Golgatha den Rücken, wenn ich dort nur lernen soll, dass Prinz Sidartha auf ewig von einem Himmel ausgeschlossen bleibt, der Lady Macbeth oder irgend andere Mörder auf ewig aufgenommen hat."

Ein anderer Zeuge war Prof. W. C. Wilkinson von der Universität Chicago, welcher bei Behandlung des Gegenstandes: "Das Verhalten des Christentums gegen andere Religionen" die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes richtete. Er stellte fest, dass das Christentum sich den anderen Religionen gegenüber feindselig verhalten müsse, dass diese notgedrungen falsch, wenn jenes wahr sei, dass der Herr allein uns erretten könne, was er in verschiedenen Wendungen selber betont habe:

"Niemand kommt zum Vater denn durch mich." - "Ich bin das Brot des Lebens." - "Wenn jemand dürstet, der komme zu mir und trinke." - "Ich bin das Licht der Welt." - "Ich bin die Tür zum Schafstall." - "Alle, die vor mir gekommen, sind Diebe und Räuber." - "Ich bin die Tür; so jemand durch mich eingehet, der wird errettet."

"Man mag auch antworten", fuhr Wilkinson alsdann fort, "dass Christus auch gesagt habe, er werde, nachdem er erhöht worden sei, alle zu sich ziehen, und dass dieses Wort beweise, dass viele Seelen, die anderen Religionen angehören, nachdem sie wissentlich und unwissentlich zu Jesu hingezogen seien, gerettet werden, trotz der Ungunst ihrer religiösen Verhältnisse. Das gebe ich zu. Ich bin froh, dass dies auch die Lehre Christi zu sein scheint. Ich bitte jedoch, sich wohl daran erinnern zu wollen, dass wir keineswegs von der Ausbreitung der Wohltat sprechen, die ausschließlich in der Macht Jesu, zu erretten, liegt, sondern vielmehr davon, ob das Christentum irgendeiner nichtchristlichen Religion als solcher das Vermögen zuerkenne, Seelen zu erretten, mit anderen Worten, ob Jesus seine rettende Macht, bis zu einem gewissen Grade, mehr oder weniger, auch durch Religionen ausübe, die nicht die seinigen sind. Ist in der Bibel, im Alten oder Neuen Testament, eine Andeutung, auch nur der Schatten einer Andeutung dafür, dass wir jene Frage bejahend beantworten sollen, so möge man sie mir zeigen; ich habe keine gefunden! Dagegen habe ich Winke für das Gegenteil, und zwar sehr deutliche, in Menge gefunden! Es liegt mir freilich ferne, die Verdienste solcher schmälern zu wollen, die ohne Hilfe des geschichtlichen Christentums des Alten und Neuen Testaments sich auf große, sittliche Höhe empor gerungen haben. Aber wir sprechen hier nicht von Personen, sondern von dem Verhalten des Christentums gegen nichtchristliche Religionen.

"Nebst den Äußerungen Jesu sind auch diejenigen heranzuziehen, welche von jenen Männern stammen, denen er, laut Neuem Testament, die gleiche Autorität wie sich selbst zuerkannte. Da lesen wir beispielsweise: "Halten von sich, sie seien weise, sind aber zu Narren geworden und haben die Ehre Gottes preisgegeben und Bilder angebetet von Menschen, Vögeln, vierfüßigen und kriechenden Tieren." Mit dieser Reihenfolge deutet die Heilige Schrift gleichsam das allmähliche Tiefersinken der Heidenreligionen an, mit denen die wahre Religion in Berührung kam. Die Folgen dieser Degeneration des angeborenen Instinkts, der zur Anbetung treibt, des einst reinen Gottesbegriffes, schildert Paulus (im 1. Kapitel des Römerbriefes) mit den Worten: "Darum hat sie auch Gott dahingegeben in ihres Herzens Gelüste, in Unreinigkeit zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst, denn sie haben Gottes Wahrheit verwandelt in die Lüge und dem Geschöpf lieber gedient denn dem Schöpfer, der da gelobt ist in Ewigkeit." Ich will nicht weiter zitieren. Was nun kommt, von dem weiß man zur Genüge, dass es der alten Heidenwelt mit Recht vorgeworfen wird. Keine Spur von Zuerkennung mildernder Umstände für wenigstens teilweise Gutes oder doch nicht so Schlechtes in den verurteilten Religionen! Überall scharf geladen, genau präzisierte Anklage! Keine Spur, dass jene in gewissen Fällen als wahre und annehmbare Gottesverehrung gelten könne, die nur durch falsche Formen verunstaltet wäre! Keine Möglichkeit des Wahrnehmens einer Unterscheidung seitens der Götzenanbeter zwischen dem Bild, das sie verehren, und dem wahren Gott, von dem ersteres nur ein Symbol sein soll. Kein Vorzugsrecht für solche erleuchteten Seelen, die eine reinere Religion in Mysterien, welche für die große Masse unzugänglich bleiben, suchen und zu finden wähnen! Nein, vor dem Richterstuhl des Christentums gibt es kein Entrinnen für die widerchristlichen Religionen, die mit ihm in Berührung kommen. Vielmehr trifft sein Spruch ohne Unterschied wie ein Blitz alle, die auf der Verehrung anderer Götter beharrt haben. Nirgends findet sich die erleichternde Zusicherung oder auch die Hoffnung, dass ein gütiger Gott die Verehrung, die scheinbar einem anderen gezollt wird, als ihm dargebracht anerkennen sollte. Ein solcher Gedanke ist jedenfalls nicht schriftgemäß, er ist vielmehr schriftwidrig, daher widerchristlich. So freisinnig ist denn das Christentum doch nicht. Mit Bezug auf die Vorzugsrechte Gottes ist das Christentum vielmehr, das muss frank und frei zugegeben werden, eine engherzige, strenge, eifersüchtige Religion. Dem sterbenden Sokrates mag sein Auftrag, dem Aeskulap als Opfer einen Hahn darzubringen, vergeben worden sein; aber dass Gott diesen götzendienerischen Akt als eine Gottesverehrung angesehen habe, dafür gibt uns die christliche, die biblische Lehre, auch nicht den geringsten Anhaltspunkt.

"Petrus sagt, Gott sieht nicht die Person an, sondern in jedem Volk nimmt er an, wer ihn fürchtet und Gutes tut. Das ist also das Kennzeichen derer, die Gott gefallen. Nun ist aber klar, dass "Gott fürchten" in christlicher Auffassung nicht bedeuten kann, einen anderen anbeten. Je mehr sich jemand von der Volksreligion, die in seiner Umgebung die herrschende ist, los macht und sich nicht dank, sondern trotz derselben zur Anbetung des wahren Gottes empor ringt, um so mehr wird er Gott gefallen. Kann von einer dieser Volksreligionen gesagt werden, sie sei eine wahre, wenn auch unvollkommene Religion? Das Christentum sagt: Nein! Das Christentum lässt zwar für einige derer, die nie von Christo gehört haben, Hoffnung zu, und es ist das eine für Christen unschätzbare Verheißung. Doch ist diese Verheißung nicht auf jene Volksreligionen gegründet. Die Bibel stellt diese nirgends als teilweise erfolgreiches Tasten nach Gott dar; sie sind vielmehr als abwärts, nicht aufwärts führend bezeichnet. Sie versperren den Zugang zu Gott, sie helfen ihn nicht finden. Wenn ihre Anhänger sich daran klammern, so gleichen sie Ertrinkenden, die im Wasser sich an Wurzeln oder auf dem Grunde liegenden Steinen festhalten. Die in der falschen Religion liegende Wahrheit mag freilich helfen, dann ist es aber eben diese Wahrheit, und nicht jene falsche Religion. Aber nach christlicher Lehre ist alle falsche Religion bestrebt, die in ihr liegende Wahrheit zu vernichten, wie dies im ersten Kapitel des Römerbriefes dargestellt ist. Strebten jene Religionen aufwärts, so hätten sie immer besser werden müssen; wenn sie aber, wie Paulus uns belehrt, immer schlechter wurden, so liegt das eben daran, dass sie abwärts strebten.

"Das Christentum verhält sich also anderen Religionen gegenüber ausgesprochen unversöhnlich, auf immer feindlich, den Menschen aber, auch den Anhängern falscher Religionen, bietet es Gnade, Vergebung und Frieden an, sofern sie es annehmen wollen. Darüber freilich, wie viele es sein werden, die es annehmen, gibt uns das Christentum keinen Bescheid."

Den christlichen Standpunkt vertrat ferner Rev. J. Devine aus New York bei seinem Vortrag, über "die Botschaft des Christentums an andere Religionen", wobei er die Lehre von der Versöhnung durch das kostbare Blut Christi wie folgt klar darstellte:

"Wir kommen nun zu einem anderen Fundamentalsatz des Christentums, zur geheimnisvollen Lehre der Versöhnung. Die Sünde ist eine nicht wegzudisputierende Tatsache. Ihre Existenz wird allseitig zugegeben. Ihr Vorhandensein ist zu handgreiflich. Sie ist aber eine Scheidewand zwischen Gott und Mensch. Die Heiligkeit Gottes und die Sünde mit ihrem abscheulichen, trotzigen, herunterbringenden und hoffnungslosen Wesen sind absolut unvereinbar. Gott kann sie nicht dulden, sie nicht gutheißen, ihr in seiner Gegenwart keinen Platz einräumen. Er kann nicht mit ihr verhandeln, er muss sie strafen. Er kann nicht über sie hinwegsehen, er muss ihr den Garaus machen; er kann ihr keine Existenzberechtigung zuerkennen, er muss das verdammende Urteil über sie verhängen, das sie verdient. Versöhnung heißt Gottes wunderbare Art, seine Stellung der Sünde gegenüber ein für allemal vor aller Welt zu wahren, indem er freiwillig, sich selbst opfernd, die Strafe dafür auf sich nahm. Dies tat er in der Person Jesu Christi. Christi Geburt, Leben, Tod und Auferstehung sind unumstößliche geschichtliche Tatsachen, und der sittliche Wert sowie die sühnende Kraft seines vollkommenen Gehorsams und seines Opfertodes ist ein geheimnisvolles Element von unschätzbarem Wert in der Wiederherstellung der Beziehungen zwischen Gott und dem Sünder. Christus ist von Gott als Bürge anerkannt. Das Verdienst, das er sich durch den vollkommenen Gehorsam erworben hat, die hohe Würde, zu der er durch seinen Opfertod gelangt ist, werden beide dem angerechnet, der da glaubt. Der demütige, reuige, seine Unwürdigkeit erkennende Sünder darf Christum als seinen Erlöser, Mittler, Heiland betrachten und einfältig an ihn glauben, auf seine Verheißungen trauen, da diese auf Christi Versöhnungswerk abstellen, und erhält dafür von Gott, als Gabe seiner unendlichen Liebe, alles, was Christus durch sein Mittlerwerk erworben hat. Auf diese Weise bleibt Gott selber gerecht und vollzieht dabei doch die Rechtfertigung des Sünders. Hier haben wir wiederum ein erhabenes Geheimnis seiner Weisheit vor uns.

"Das ist die Quintessenz des Evangeliums. Da ist lauter geheimnisvolle Liebe; da ist ein unaussprechlicher Drang, den Schaden der Menschheit zu heilen; das bringt Leben in das ganze System von Gottes Herrschaft. Wie es wirkt, das entzieht sich freilich der menschlichen Forschung; aber gleichwohl bleibt es das Lebensblut für die Geschichte und gibt dem Christentum Lebenskraft. Eben weil das Christentum die Sünde zu beseitigen vermag, gibt es eine vollständige und endgültige Lösung des Problems. Das Christentum muss im Namen Gottes reden; ihm verdankt es seine Existenz, und seine geheimnisvolle Macht und sein Ansehen beruhen darauf, dass es ihn erkennen lehrt. Es wäre Anmaßung seinerseits, wollte es auf eigene Verantwortung oder im Namen der Vernunft sprechen. Es hat keine Evolutionslehre vorzulegen; es hat vielmehr eine befreiende Botschaft Gottes zu verkünden. Es ist keine Philosophie, sondern eine Religion; es ist nicht erdgeboren, sondern gottentsprungen. Es stammt nicht von Menschen, sondern von Gott; es lebt von seiner Macht, von seiner Liebe; es ist erfüllt von seiner Güte, es strahlt von seinem Lichte, es verkündet seine Wahrheit; es ist voll von seiner Kraft, seiner Weisheit, begabt mit dem Vermögen, geistigen Schaden zu heilen, und zwar mit oberster Autorität.

"Es hat ein Werk unter den Menschen zu verrichten, wo und wann immer es dieselben findet, ein Werk, das so großartig ist wie die Schöpfung, so wunderbar wie die Existenz von Geistern, so geheimnisvoll wie die Ewigkeit. Sein Brennpunkt ist die Person seines erhabenen Offenbarers und Verkündigers, auf den bis zu seinem Kommen alle Lichtstrahlen deuteten, und von dem seit seiner Menschwerdung aller Glanz eines hellen Tages ausging. Sein Wesen ist Aufrichtigkeit, hohe Würde, Milde und Selbstlosigkeit. Sein Zweck ist vorab zu segnen, nicht zur Vergleichung herauszufordern. Geachtet zu sein, ist ihm weniger wichtig, als die Menschen seiner Wohltaten teilhaftig zu machen; seinen Weg zum Herzen zu finden, geht ihm über die größte Ehre bei den Menschen. Es sucht seinen Nebenbuhler nicht in ungünstiges Licht zu stellen oder zu demütigen, sondern durch Liebe über ihn zu siegen, ihn durch die ihm (dem Christus) eigene Vorzüglichkeit anzuziehen und kraft der ihm eigenen unvergleichlichen Überlegenheit zu verdrängen. Es ist sein unbestreitbares Recht zu herrschen, darum ist ihm die Eifersüchtelei völlig fremd, ebenso harte Worte, hochmütiges Herabsehen auf andere, Gewalttätigkeit, Rechthaberei, Täuschung, Betrug. Es stützt sich einzig und allein auf seinen Wert und beansprucht nichts, als was mit seinem Recht, gehört und geachtet zu werden, vereinbar ist. Seine wunderbare Übereinstimmung mit Recht und Wahrheit verschafft ihm seine Ausnahmestellung. Es war ein Werk der Ermutigung für den schwachen Glauben, eine Nahebringung des Göttlichen zur gefallenen Natur. Wunder lassen sowohl auf Gnade als auch auf Macht schließen. Wenn wir an die unbegrenzte Macht Gottes denken und daran, dass es derselben ein kleines gewesen wäre, mit Zeichen und Wundern Eindruck zu machen, so werden wir uns so recht der Zurückhaltung dieser Macht bewusst, die das Theatralische stets vermeidet. Das Wunderbare in der Geschichte des Christentums ist die Spärlichkeit, mit welcher die Christenheit von ihren Mitteln Gebrauch machte. Es ist eine recht harte Glaubensprobe, den Mangel an Energie, die geringe Kraftentfaltung bei den Fortschritten unserer heiligen Religion zu sehen. (So muss es jedem vorkommen, der den göttlichen Plan der Zeitalter noch nicht versteht.) Ohne Zweifel hat Gott seine Gründe dafür, aber unterdessen können wir nicht anders als feststellen, dass dem Christentum eine geheimnisvolle Reserve, eine wunderbare Geduld, eine absichtliche Zurückhaltung innewohnt. Es ruft nicht, noch erhebt es seine Stimme, noch lässt es diese auf der Gasse vernehmen. Jahrhunderte kommen und gehen, und das Christentum berührt nur Teile der Erde, aber was es berührt, das gestaltet es um. Es scheint materielle Erfolge zu verschmähen und trachtet nur nach Siegen, welche es durch Berührung mit der einzelnen Seele erringt. Sein Verhalten anderen Religionen gegenüber war stets eigenartig reserviert, und seine Fortschritte drängten es nie aus seiner stillen Würde, welche zum majestätischen Wesen Gottes, seines Urhebers, so vortrefflich passt.

"So haben wir denn recht, wenn wir behaupten, dass das Christentum frei ist von Eifersucht, hocherhaben über marktschreierisches Wesen, dass es keinen Bund mit der weltlichen Macht, keinen äußerlichen Glanz sucht, dass ihm mehr an einem Platz in einem demütigen Herzen als an einem Sitz auf Königsthronen liegt, dass es vorab die sittliche Umgestaltung des Charakters anstrebt, um das geistige Leben des Menschen zu beeinflussen. So spricht es denn zu anderen Religionen mit unumwundener Freimütigkeit und Klarheit, sich nur stützend auf sein unbestreitbares Recht, gehört zu werden. Es nimmt die Aufrichtigkeit der persönlichen Überzeugung und den sittlichen Kampf vieler denkender Seelen ernst, die, wie die alten Athener, in Unwissenheit und Unkenntnis ehren und anbeten (Apg. 17:23); es warnt, redet zu, befiehlt, wie es sein Recht ist; es spricht, wie einst Paulus dem zivilisierten Heidentum gegenüber auf dem Areopag, von dem Tage, an welchem die Welt gerichtet werden muss; es wiederholt immer wieder seine Aufforderung zur Buße, es fordert Unterwerfung unter seine sittliche Richtschnur, Demut, Geradheit, Ehrerbietigkeit. Alles dies tut es mit prächtig ruhiger Beharrlichkeit. Oft unterstützt es seinen Ruf mit Gründen, mit sanftmütiger Eindringlichkeit, aber stets ist diese in Übereinstimmung mit dem erhabenen Willen, dem das Christentum seine Entstehung verdankt, und in dessen Namen es immer spricht. Es verkündigt seine Botschaft mit fester Zuversicht und meisterhafter Ruhe. Es kümmert sich nicht um die Anerkennung seiner Vorzüglichkeit oder andere Äußerlichkeiten, um den Schutz mächtiger Menschen, um die Bevorzugung, deren sich etwa andere erfreuen. Es spricht immer im Bewusstsein seiner einfachen, natürlichen, unvergleichlichen, unermesslichen Überlegenheit, welche den Nebenbuhler sofort entwaffnet und schließlich die Bewunderung erwirbt und von Bosheit und Falschheit freie Herzen unterwirft."

Ein weiterer mutiger Zeuge für die christliche Religion war der deutsche Graf Bernstorff. Er sagte:

"Ich gehe von der Voraussetzung aus, dass niemand hier ist, der es mit seiner Religion nicht ernst meint. (Der Verlauf des Religionsparlaments hat ihn wohl eines besseren belehrt.) So erkläre ich denn auch persönlich, dass ich hier bin als ein einzelner evangelischer Christ, und dass ich meinen Fuß nie in diesen Saal gesetzt hätte, wenn ich denken müsste, das bedeute eine Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Religionen, und dass es nur darauf ankomme, aufrichtig zu sein. So etwas könnte ich nie zugeben. Ich halte nur die Bibel für wahr und nur den Protestantismus für die wahre Religion. Ich wünsche durchaus keinen Kompromiss desselben mit anderen Religionen. Wir können nicht leugnen, dass wir, die wir in diesem Saale beisammen sitzen, durch Grundfragen voneinander geschieden sind. Wir erkennen die Unüberbrückbarkeit der Kluft an, die uns trennt, aber jeder von uns denkt, dass er ein Recht habe auf seinen Glauben. Jeder, der hierher gekommen ist, hat Anspruch darauf, seinen Glauben zu verfechten. So stehe ich denn vor Ihnen wie Paulus vor König Agrippa und dem römischen Statthalter, indem ich Ihnen nur zurufen kann: "Ich wollte, dass alle, die mich heute hören, würden wie ich bin!" Ich kann nicht beifügen: "diese Ketten ausgenommen". Nein, Gott sei's gedankt, ich bin ein freier Mann, ausgenommen meine Fehler und Mängel, welche daran schuld sind, dass ich meinen Glauben nicht so fest umfange, als ich es wohl möchte.

"Aber wozu kommen wir denn zusammen, wenn wir uns nicht dulden können? Wohlan, das Wort "Duldung" wird verschiedentlich gebraucht. Die Worte Friedrichs des Großen: "In meinem Land kann jeder nach seiner Facon selig werden" zeugen von einer vorzüglichen staatsmännischen Anschauung, die viel Blutvergießen und viele Greuel hätte vermeiden lassen. Aber als Ausdruck der religiösen Gleichgültigkeit des vorigen Jahrhunderts, des Hofes Friedrichs des Großen mit seinem Voltaire, ist der Ausspruch entschieden verwerflich. Paulus verwirft im Galaterbrief jede andere Lehre, und wenn sie von einem Engel des Himmels verkündigt würde. Wir Christen sind Diener des Allerhöchsten und unseres lebendigen Herrn und Heilandes. Wir haben kein Recht, die uns anvertraute Wahrheit preiszugeben, es damit leicht zu nehmen oder sie unseren Mitmenschen vorzuenthalten.

"Wir kommen also zusammen, jeder in der Hoffnung, die anderen für seinen Glauben zu gewinnen. Wird dann dieses Friedensparlament nicht ein Kriegsparlament werden? Wird es nicht die Kluft, die uns scheidet, erweitern? Ich denke nicht, wenn wir uns nur geistiger Waffen in diesem Wettkampf bedienen; denn ein ehrlicher Kampf entfremdet die Kämpfer einander nicht, sondern bringt sie oft einander näher. Mehr braucht dies Parlament nicht auszurichten, um sich einen Platz in der Geschichte zu erwerben, als den Grundsatz der Religionsfreiheit hochzuhalten. In jedem Herzen dämmert ein Licht, und das 19. Jahrhundert hat diesen Grundsatz wesentlich gefördert, doch steht zu befürchten, dass das 20. Jahrhundert anbreche, bevor die Religionsfreiheit allgemein anerkannt ist."

Endlich führen wir noch das mutige Zeugnis von Mr. Grant aus Canada an:

"Wir sollten, so scheint mir", sagte er, "unsere Verhandlungen nicht im Gefühl, Großes zu verrichten, beginnen, sondern im Gefühl und Eingeständnis unserer Sünden und Schwachheiten. Warum sind die Erdbewohner der Wahrheit noch nicht untertan? An uns liegt es! Würde nicht der Apostel Paulus, wenn er das 19. Jahrhundert gesehen hätte, wieder ausrufen: "Den ganzen Tag strecke ich meine Hände aus nach einem ungehorsamen und ... Geschlecht!" Würde er uns nicht vorwerfen, wir seien stolz auf unsere christliche Religion, während wir derselben gestatten sollten, uns demütig zu machen? Wir rühmen uns, sie zu besitzen, während sie uns besitzen sollte? Wir hätten sie von der Moral getrennt, während sie dieselbe durchdringt, ergänzt und höher hebt? Wir hätten dadurch ihren Glanz verhüllt und ihren Einfluss geschwächt? Wenn es anders werden soll, so müssen wir das einsehen, uns demütigen, anderen Sinnes werden und es mit amerikanischer Zuversicht besser zu machen versuchen!"

Hätten doch diese Gefühle ein Echo gefunden im Religionsparlament! Aber weit entfernt davon herrschte das Rühmen vor von den wunderbaren religiösen Fortschritten unseres Jahrhunderts, und Graf Bernstorffs Befürchtung, dass es sich bei dem Parlament um feige Preisgabe der christlichen Religion handle, erwies sich als nur zu begründet, und die japanischen Buddhisten, die am Parlament teilnahmen, trugen den Eindruck davon, die Völker des Westens hätten ihren Glauben an das Christentum verloren und seien bereit, dasselbe gegen den Buddhismus umzutauschen. Nirgends würde, rühmten sie in einer großen Buddhistenversammlung, der Buddhismus freudigere Aufnahme finden als in den Vereinigten Staaten. "Wie konnten nur amerikanische Christen den unwiederbringlichen Fehler begehen, dieses Parlament zu veranstalten und damit der Sache des Christentums in Japan einen so schweren Stoß versetzen!" klagte im Anschluss an diese Versammlung ein japanischer Christ.

Die Geschichte lehrt uns den wahren antichristlichen Charakter der Kirche Roms erkennen, der jetzt noch für alle, die offene Augen haben, wahrnehmbar ist. Jedermann kann wissen, dass die griechische Kirche die Stundisten-Verfolgungen in Russland hingenommen, ja gebilligt und wahrscheinlich veranlasst hat, weil sie alle hasst, die von ihrem Aberglauben lassen und Gott aus seinem Worte kennen lernen. Diese Verfolgungen werden von der Polizei besorgt, die dabei die größten Grausamkeiten und Schändlichkeiten begeht, gegen welche der Pope nichts einwendet, nachdem er geradezu dazu aufgefordert hat. Gleichwohl sucht die protestantische Namenchristenheit Annäherung wie an die römische, so auch an die griechische Kirche!

Noch schlimmer steht es mit den

heidnischen Religionen und ihrer finsteren Macht,

mit denen die Namenchristenheit sich verbrüdern möchte. Diese am Religionsparlament so deutlich zutage tretende Tendenz veranlasste Dr. Pentecost zu äußerst kräftiger Abwehr; er sagte:

"Ich halte es für jammerschade, dass jemand versucht, die Diskussionen dieses Kongresses in eine Reihe von Anschuldigungen und Gegenbeschuldigungen ausarten zu lassen, gleichwohl haben wir Christen geduldig der Kritik zugehört, welche gewisse Vertreter der östlichen Religionen über die Erfolge des Christentums gefällt haben. Die verrufenen Stadtgegenden von Chicago und von New York zum Beispiel, die namenlose Verkommenheit, die selbst für die Augen der Fremden greifbar ist, die unsere Gäste sind, die Zügellosigkeit, die Trunksucht, der Streit, die Morde und die Verbrechen der Verbrecherklasse sind uns angerechnet worden. Das Misslingen der Regierungskongresse sowohl in England als auch in Amerika ist dem Christentum zur Last gelegt worden. Der Opiumhandel, der Schnapshandel, der Vertragsbruch, die unmenschlichen und barbarischen Gesetze gegen die Chinesen usw., alles das ist dem Christentum zur Last gelegt worden. (Wenn die Christen aber behaupten, dass dies christliche Nationen sind, können sie dann die Heiden vernünftigerweise tadeln, wenn diese so denken und demgemäss urteilen?)

Es erscheint unnötig zu sagen, dass alle diese Dinge, die Unmoral, die Trunksucht, die Verbrechen, die Unbrüderlichkeit und die selbstsüchtige Gier dieser verschiedenen verderblichen Handelszweige, die von unseren Ländern in den Orient getragen worden sind, außerhalb des Christentums stehen. (Nein, wenn diese Länder christliche Nationen sind, nicht. Bei dieser Behauptung ist die Kirche verantwortlich für die Sünden der Nationen, und dieselben werden ihr gerechterweise zur Last gelegt.) Die Kirche Christi arbeitet Tag und Nacht daran, diese Verbrechen abzuschaffen. Die Stimme der Kirche Christi verurteilt einmütig den Opiumhandel, den Schnapshandel, das Gesetz der Chinesenunterdrückung und alle Formen des Lasters und der Selbstsucht, über welche sich unsere Freunde des Ostens beschweren.

"Wir sind bereit, uns kritisieren zu lassen; aber wenn ich an die Tatsache erinnere, dass diese Kritiken zum Teil von Herren gefällt wurden, die ein Religionssystem vertreten, dessen Tempel, welche die höchsten Kasten der brahmanischen Priesterschaft innehaben, die befugten und dazu bestimmten Klöster eines Systems von Unmoral und Ausschweifung sind, dergleichen in keinem westlichen Land bekannt ist, so glaube ich, dass keine Antwort auch eine Antwort ist. Ich könnte Sie zu mehr oder weniger - eher mehr - als zehntausend Tempeln führen, in allen Teilen Indiens, zu welchen zwei- bis vierhundert Priesterinnen gehören, deren Leben nicht so ist, wie es sein sollte.

"Ich habe dies mit eigenen Augen gesehen und niemand leugnet es in Indien. Wenn Sie mit Brahmanen darüber sprechen, so werden diese sagen, dass es einen Teil der Einrichtung für das gewöhnliche Volk ausmacht. Beachten Sie es wohl, es ist die befugte Einrichtung der Hindu-Religion. Man braucht nur auf die abscheulichen Schnitzereien zu blicken, die sich an den Tempeln befinden, sowohl bei den Hindus als auch bei den Buddhisten, die scheußlichen Symbole des alten phallischen Systems, die Gegenstände, die in Indien am meisten verehrt werden, um den Eindruck von der Verderbtheit der Religionen zu bekommen. Beachten Sie wohl, dieselben werden nicht nur geduldet, sondern sogar vorgeschrieben, angewiesen und durch die Priester der Religion überwacht. Nur die schamlosen Bilder und Porträts des ehemaligen Pompeji kommen an Unzüchtigkeit dem gleich, was öffentlich und an den Eingängen der indischen Tempel zu sehen ist.

"Es erscheint uns ein wenig hart, die Kritik zu ertragen, welche diese Hindu-Vertreter über die gottlosen Teile der westlichen Länder fällen, während sie in so großen Glashäusern wie den erwähnten wohnen, die von den Führern ihrer eigenen Religion errichtet, geschützt und verteidigt werden.

"Wir haben viel über die Vaterschaft Gottes und die Brüderschaft der Menschen gehört, als sei dies eine Hauptlehre der Religionen des Ostens. Es ist Tatsache, dass ich nie einen einzigen Text in einer der heiligen Schriften der Hindus habe finden können, der diese Lehre rechtfertigt oder auch nur andeutet, und ich habe die Beibringung von Seiten ganz Indiens herausgefordert. Die Lehre ist ganz einfach eine Abschrift vom Christentum. Wir freuen uns, dass man dieselbe angenommen und sich zu eigen gemacht hat. Wie kann ein Brahmane, der auf alle Menschen einer niederen Kaste, und besonders auf die armen Ausgestoßenen, mit einem Geist des Ekels herabblickt und sie als eine andere Art von Lebewesen, die von Affen und Teufeln abstammt, betrachtet, sich anmaßen, uns zu erzählen, dass er an die Vaterschaft Gottes und an die Brüderschaft der Menschen glaubt? Wenn ein Brahmane an die Brüderschaft der Menschen glaubt, weshalb weigert er sich denn, sowohl Menschen aus einer anderen Kaste als auch seine westlichen Brüder in seine Gesellschaft oder in die allgemeinen Krankenhäuser aufzunehmen, wenn er sie so schön in die Arme seiner neu gefundenen Lehre von der Vaterschaft Gottes und Brüderschaft der Menschen einschließt?

"Wenn es eine Brüderschaft von Menschen in Indien gibt, so braucht auch der oberflächliche Beobachter nicht zu zögern, zu sagen, dass dann keine Schwesternschaft von ihnen anerkannt wird. Lassen Sie die namenlosen Schrecknisse, denen die Hindufrauen Indiens unterworfen sind, auf diese Aussage antworten.

"Bis die englische Regierung die alten religiösen Hindu-Einrichtungen der Sutti mit Gewalt unterdrückte, warfen sich jährlich Hunderte von Hinduwitwen lieber auf die Bestattungsscheiterhaufen ihrer verstorbenen Gatten, indem so die Flammen sie umschlangen, dass sie ihren Leib verbrannten, als dass sie sich der lebendigen Hölle einer Hinduwitwenschaft auslieferten. Mögen unsere Hindufreunde uns doch sagen, was ihre Religion für die Hinduwitwe und besonders für die Kindwitwe getan, denen der Kopf nach Verbrecherart geschoren, der Schmuck geraubt wurde! Sie wurden in Lumpen gekleidet, auf die Stellung von Sklaven herabgesetzt, in einem schlimmeren Maße, als wir es fassen könnten; sie wurden zum gemeinen Arbeitstier und Gassenkehrer der Familie gemacht und oft zu noch Schlimmerem und Unaussprechlichem benutzt. Auf dieses Niveau und in diese Verhältnisse sank die arme Witwe unter dem Gutheißen des Hinduismus herab. Erst vor zwei Jahren wurde die englische Regierung dringend gebeten, das gesetzliche Alter, mit welchem eine Hindufrau heimgeführt werden darf, auf zwölf Jahre zu erhöhen. Das Anfüllen christlicher Hospitäler mit missbrauchten kleinen Mädchen, die kaum aus der ersten Kindheit heraus sind, wurde so überaus abscheulich, dass die Regierung einschreiten und diesen Verbrechen, die im Namen der Religion begangen wurden, ein Ende machen musste. Die Erregung hierüber war in Indien so groß, dass eine religiöse Revolution, die fast zu einem neuen Aufstand geführt hätte, drohte.

"Wir sind von unseren orientalischen Freunden kritisiert worden, indem sie sagten, wir urteilen in Unwissenheit und mit Vorurteil, weil neulich, bei einer der ersten Sitzungen dieses Kongresses, nur fünf Personen sagen konnten, dass sie die Buddha-Bibel gelesen hätten, als sie aufgefordert wurden; so wurde es für ausgemacht gehalten, dass unser Urteil in Unwissenheit und mit Vorurteil gefällt werden würde. Dieselbe Herausforderung könnte man in Burma oder Ceylon ergehen lassen, und man kann wohl sagen, dass außer den Priestern nicht so viele ihre eigenen Schriften gelesen haben. Die Badas der Hindus sind Gegenstände der Verehrung. Außer einem Brahmanen kann sie niemand lehren, noch viel weniger lesen. Ehe die christliche Mission nach Indien kam, war der Sanskrit genau genommen eine tote Sprache. Wenn die indische heilige Schrift letzthin in die Landessprache übersetzt wurde, so geschah dies, weil die christliche Mission und die westlichen Gelehrten sie wieder entdeckt, ausgegraben und an das Licht der Gegenwart gebracht haben. Was der gewöhnliche Inder, der die westliche Bildung genossen hat, von den Sanskrit-Schriften kennt, ist nur das, was in die englische oder in die einheimische Sprache durch westliche Gelehrte übersetzt worden ist. Das gewöhnliche Volk, neunundneunzig unter hundert, kennt nur die Überlieferung. Vergleichen wir doch einmal diese tote Abgeschlossenheit auf Seiten der indischen Religionen mit der Tatsache, dass der Christ die Bibel in mehr als dreihundert Sprachen und Dialekte übersetzt hat, und dass er sie zu Hunderten von Millionen von Exemplaren unter alle Nationen und Sprachen und Menschen der Erde verbreitet hat. Wir suchen das Licht, aber es möchte scheinen, dass die Bibeln des Ostens die Finsternis lieben, weil sie das Licht einer allumfassenden Veröffentlichung nicht ertragen können.

"Der neue und bessere Hinduismus von heute hat sich unter dem Einfluss der christlichen Umgebung entwickelt, er hat aber noch nicht die ästhetische Höhe erreicht, welche ihm das Recht gibt, die christliche Kirche Moral zu lehren. Solange Indien seine Tempel nicht gereinigt hat von dem, was schlimmer ist als Augiasstall-Schmutz, solange ihre Gelehrten und Priester nicht das Entsetzliche ablegen und denunzieren, das im Namen der Religion begangen wird, mögen sie bescheiden sein mit dem Moralverkünden an andere Nationen und Völker."

Heidnische Reformatoren, die nach Gott suchen

Stand einerseits die Namenchristenheit vor der Heidenwelt voll Rühmens über ihre Fortschritte da, ohne zu ahnen, dass sie arm und blind und nackt und bloß ist (Offb. 3:17), so bemerkte man andererseits unter den Heiden ein Suchen nach Gott; und der Scharfsinn, mit welchem sie die Unbeständigkeit der Christen beachteten und indirekt kritisierten, ist besonderer Beachtung wert.

In zwei Ansprachen, die durch befähigte Hindus gehalten wurden, wird uns von einer bemerkenswerten Bewegung in Indien berichtet, welche uns eine Vorstellung gibt von der Finsternis der heidnischen Länder, sowie auch von dem Einfluss der Bibel, welche die Missionare dahin brachten. Die Bibel hat ein Werk getan, welches die Glaubensbekenntnisse, die sie begleiteten, und welche sie auszulegen behaupteten, gehindert, aber nicht völlig vernichtet haben. Aus Japan hören wir auch von ähnlichen Zuständen. Wir lassen nun Auszüge von drei wegen ihrer augenscheinlichen Aufrichtigkeit, ihrer durchdachten und klaren Ausführungen bemerkenswerte Ansprachen folgen; sie zeigen die sehr ernsthafte Stellung heidnischer Reformatoren, die nach Gott suchen, ob sie ihn wohl tastend finden mögen.

Eine Stimme aus Indien

Herr Mozumdar hielt an die Versammlung folgende Ansprache:

"Herr Präsident, meine Herren Vertreter der Nationen und Religionen! Die Brahmo-Samoj Indiens, welche zu vertreten ich die Ehre habe, sind eine neue Gesellschaft. Unsere Religion ist eine neue Religion, sie kommt aber aus dem weit, weit zurückliegenden Altertum, ja, von den Wurzeln unseres nationalen Lebens, vor Jahrhunderten.

"Vor dreiundsechzig Jahren war ganz Indien von großem Lärm erfüllt. Der große, streitende Lärm einer seltsamen Vielgötter-Verehrung störte die Stille des Himmels. Der Schrei der Witwen? Nein, viel, viel beklagenswerter: Der Schrei jener elenden Frauen, die auf dem Bestattungsfeuer ihrer verstorbenen Gatten verbrannt wurden, entweihte die heilige Erde Gottes. Wir hatten die buddhistische Göttin, die Mutter des Volkes, die in jeder ihrer zehn Hände die Waffen zur Verteidigung ihrer Kinder hielt. Wir hatten die weiße Göttin des Studiums, die auf ihrer Vena, einem Saiten-Musikinstrument, die Saiten der Weisheit spielte. Es gab eine Glücksgöttin, die in ihren Armen einen Füllkorb hielt, und welche die Nationen segnete - einen Gott, der auf einem Pfau reitet, einen Gott mit einem Elefantenkopf und außerdem noch dreiunddreißig Millionen Götter und Göttinnen. Ich habe meine eigenen Gedanken über die Mythologie des Hinduismus, doch ist jetzt nicht Zeit, dieselben auszuführen.

"Inmitten des Lärms und des Getöses des Polytheismus und des sozialen Elends, inmitten aller Dunkelheit der Zeiten, stand ein Mann auf, ein Brahmane, von guter Abstammung und Erziehung, namens Raja Ram Dohan Roy. Schon ehe er das Mannesalter erreicht hatte, schrieb er ein Buch, in welchem er die Unrichtigkeit des gesamten Polytheismus und die Wahrheit der Existenz eines lebendigen Gottes nachwies. Dies brachte ihm Verfolgung ein. Im Jahre 1830 gründete dieser Mann eine Gesellschaft, die als die Brahmo-Samoj bekannt ist - die Gesellschaft der Anbeter des einen lebendigen Gottes.

"Die Brahmo-Samoj gründeten den Monotheismus auf die Inspiration der alten Hindu-Schriften, der Vedas und der Upanischads.

"Mit der Zeit, wie die Bewegung größer wurde, begannen die Mitglieder daran zu zweifeln, ob denn die Hindu-Schriften wirklich unfehlbar seien. Innerlich glaubten sie eine Stimme zu hören, welche zuerst nur ganz leise den Vedas und Upanischads widersprach. Welches sollen unsere theologischen Lehrsätze sein? Die leise Stimme, welche diese Frage stellte, wurde allmählich lauter und lauter, und sie fand Widerhall in der entstehenden religiösen Gesellschaft, bis sie schließlich zum allgemeinsten Problem wurde - auf welches Buch soll sich alle wahre Religion gründen?

"Sie fanden bald, dass die Hindu-Schriften unmöglich der einzige Bericht einer wahren Religion sein konnten. Sie fanden, dass sie, obgleich Wahrheiten darin enthalten waren, unmöglich als einziger unfehlbarer Maßstab für geistliche Wahrheit betrachtet werden konnten. So wurde die Lehre von der alleinigen Unfehlbarkeit der Hindu-Schriften einundzwanzig Jahre nach der Gründung der Gesellschaft aufgegeben.

"Dann erhob sich eine andere Frage. Gibt es nicht auch andere Schriften? Wurde nicht neulich erzählt, dass auf dem kaiserlichen Thron Indiens das Christentum jetzt sitzt mit dem Evangelium des Friedens in der einen und mit dem Zepter der Zivilisation in der anderen Hand? Die Bibel ist nach Indien eingedrungen. Die Bibel ist ein Buch, welches die Welt nicht unbeachtet lassen sollte. Indem wir daher einerseits die Inspiration der Hindu-Schriften anerkannten, konnten wir nicht umhin, andererseits die Inspiration und die Autorität der Bibel anzuerkennen. Im Jahre 1861 veröffentlichten wir ein Buch, in welchem Auszüge aus allen Schriften angeführt waren. Es sollte bei unseren Andachten gelesen werden. Nicht die christliche Mission lenkte unsere Aufmerksamkeit auf die Bibel, nicht die mohammedanischen Priester zeigten uns die ausgezeichneten Stellen im Koran; kein Zoroaster predigte uns die Größe seiner Zendavesta; in unserem Herzen aber war der Gott der unendlichen Wahrheit, von welchem die Inspiration aller dieser Bücher, der Bibel, des Korans, der Zendavesta ausging. Er lenkte unsere Aufmerksamkeit auf das Vortreffliche, was in dem Bericht heiliger Erfahrung geoffenbart wird, wo dieser sich auch finden mag. Durch seine Führung und durch sein Licht erkannten wir diese Tatsache, und auf den Felsen ewigwährender Wahrheit wurde unsere Theologie gegründet.

"Was ist Theologie ohne Moral? Was ist die Inspiration dieses Buches oder die Autorität jenes Propheten ohne persönliche Heiligkeit - die Reinheit dieses von Gott erschaffenen Tempels? Bald nachdem wir unsere Theologie aufgestellt hatten, standen wir der Tatsache gegenüber, dass wir keine guten Menschen sind, nicht reiner Gesinnung, nicht heilig, und dass uns unzählige Übel umgeben, in unserem Haus, in unseren nationalen Gebräuchen, in der Organisation unserer Gesellschaft. Die brahmanischen Samoj wandten sich deshalb nun zunächst der Reformation unserer Gesellschaftsordnung zu. Im Jahre 1851 wurde die erste Zwischenheirat gefeiert. Zwischenheirat bedeutet in Indien die Heirat zwischen zwei Personen, die zwei verschiedenen Kasten angehören. Eine Kaste ist ein Art chinesische Mauer, die jeden Haushalt und jede kleine Gemeinschaft umgibt, und über deren Grenzen kein kühner Mann und keine Frau schreiten soll. Wir fragten uns: "Soll diese chinesische Mauer die Freiheit der Kinder Gottes für immer beungünstigen?" Nein! Brecht sie ab! Nieder und weg damit!

"Mein geehrter Führer und Freund Keschub Chunder Sen richtete es so ein, dass Heiraten zwischen verschiedenen Kasten vorgenommen wurden. Die Brahmanen stießen sich hieran. Klugtuer schüttelten mit dem Kopf, sogar Führer der brahmanischen Samoj zuckten mit den Achseln und steckten die Hände in die Tasche. "Diese jungen Aufwiegler", sagten sie, "setzen die ganze Gesellschaftsordnung in Brand." Zwischenheiraten fanden aber statt, und Witwenheiraten auch.

"Wissen Sie, was in Indien Witwen sind? Ein kleines Mädchen von zehn oder zwölf Jahren verliert vielleicht den Ehemann, ehe es seine Gesichtszüge richtig kennt, und von diesem zarten Alter an soll es bis zum Tode durch Buße und Züchtigung gehen, durch Vereinsamtsein und durch Verhältnisse, die Sie zittern machen, wenn Sie davon hören würden. Ich verstehe oder billige nicht, dass eine Frau, die einmal geheiratet hat, dann zwei-, drei-, viermal heiratet. Ich denke aber, dass es etwas Unmenschliches ist, das nicht frühzeitig genug abgeschafft werden kann, wenn ein kleines Kind von elf Jahren das verliert, was die Menschen seinen Ehemann nennen, und es dem Elend einer lebenslangen Witwenschaft ausgesetzt wird, einem Elend, welches eines Verbrechers unwürdig wäre. Dann wurden bei uns Zwischenheiraten und Witwenheiraten eingerichtet. Wir nahmen so die soziale und die familiäre Hebung und Verbesserung in die Hand, und die Folge davon war eine allgemeine Freude bei den Brahmo-Samoj. Wir Jungen mussten uns mit unseren sozialen Reformen helfen, so gut wir konnten. Als diese sozialen Reformen zum Teil vollbracht waren, erheben sich andere Fragen.

"Wir hatten die Witwen geheiratet und verhütet, dass sie verbrannt wurden; wie stand es aber nun um unsere persönliche Reinheit, die Heiligung unseres Gewissens, die Wiedergeburt unserer Seelen? Wie stand es um unsere Annahme vor dem schrecklichen Gerichtshof des Gottes der unendlichen Gerechtigkeit? Soziale Reformen und allgemeine Wohltaten sind nur rechtmäßig, wenn sie den allumfassenden Grundsatz der persönlichen Reinheit und Heiligkeit der Seele entwickeln.

"Meine Freunde, ich bekenne, dass ich oft besorgt bin, wenn ich die Zustände der europäischen und amerikanischen Gesellschaftsordnung betrachte, da Ihre Tätigkeit doch so mannigfaltig, Ihr Werk so ausgedehnt ist, dass Sie sich darin ertränken, und Sie haben wenig Zeit, die bedeutungsvollen Fragen der Wiedergeburt, der persönlichen Heiligkeit, des Gerichts und des Urteils und der Annehmbarkeit bei Gott zu betrachten. Die ist die wesentlichste aller Fragen.

"Nachdem wir unsere soziale Reform vollendet hatten, gingen wir daher zu dem wichtigen Gegenstand über: Wie soll diese unwiedergeborene Natur wiedergeboren werden? Dieser beschmutzte Tempel - welche Wasser sollen ihn wieder rein waschen? Was wird allen diesen Beweggründen, diesen Gelüsten und bösen Aufwallungen, diesen tierischen Neigungen ein Ende machen? Was wird den Menschen wieder zu dem unbefleckten Kind Gottes machen, welches Christus war und auch alle wiedergeborenen Menschen? Zuerst der theologische Grundsatz, dann der moralische, und an dritter Stelle das Geistliche der Brahmo-Samoj - Hingabe, Buße, Gebet, Lob, Glaube, indem wir den Geist Gottes und seine rettende Liebe in uns aufnehmen.

(Dieser heidnische Philosoph erkennt nur zum Teil, was Sünde ist, dies geht hervor aus dem Ausdruck: "ein unbeflecktes Kind Gottes, ... wie alle wiedergeborenen Menschen". Er sieht nicht, dass selbst der Beste des gefallenen Geschlechtes weit davon entfernt ist, fleckenlos, unbefleckt, vollkommen zu sein, und dass deshalb alle des Verdienstes der Vollkommenheit und des Sühnopfers Christi zur Rechtfertigung bedürfen. Er spricht von den Gebeten, dem Glauben usw. und von der Barmherzigkeit Gottes, er hat jedoch auch nicht erkannt, dass Gerechtigkeit allen Handlungen Gottes zugrunde liegt, und dass Gott nur durch das Verdienst des Opfers Christi gerecht sein und trotzdem den Sünder rechtfertigen kann, der des Glaubens an Christum ist, ihn so durch die große Versöhnung für die Sünde bedeckend, welche vor achtzehn Jahrhunderten - ein für allemal - gemacht wurde, wovon das Zeugnis zu seiner Zeit verkündigt werden sollte.)

"Sittliche Bestrebungen bedeuten nicht Heiligkeit; ein Wunsch, gut zu sein, bedeutet noch nicht gut sein. Der Ochse, der auf seinem Rücken Hunderte Pfund Zucker trägt, schmeckt nicht ein Gramm von seiner süßen Last. Alle unsere Bestrebungen, unsere besten Wünsche, unsere schönsten Träume, die besten Predigten, die wir entweder hören oder selbst halten mögen, alles das wird unser Leben nicht vollkommen machen. Nur Hingabe, Gebet, direktes Empfangen des Heiligen Geistes, Gemeinschaft mit Gott, absolute Selbsterniedrigung vor seiner Erhabenheit, sich hingebender Eifer, ein völliges Leben und Weben in Gott, das ist das Geheimnis einer persönlichen Heiligkeit. Und im dritten Stadium unseres Laufes wurde uns daher geistliche Anregung, anhaltende Hingabe, Forschen, beständige Selbsterniedrigung, nicht nur Gott, sondern auch unseren Mitmenschen gegenüber zur Lebensregel. Gott ist unsichtbar; es schadet niemand, auch lässt es niemand als weniger angesehen erscheinen, wenn er zu Gott sagt: "Ich bin ein Sünder, vergib mir." Vor Menschen aber ein Bekenntnis abzulegen, sich vor Brüdern und Schwestern zu erniedrigen, heiligen Männern den Staub von den Füßen zu entfernen, sich als elendes, erbärmliches Ding in der Versammlung zu betrachten, das erfordert ein wenig Selbsterniedrigung, ein wenig moralischen Mut.

"Das letzte, was ich hinsichtlich der Brahmo-Samoj zu erwähnen habe, ist ihre Fortschrittlichkeit.

"Die Christenheit erzählt von der Herrlichkeit Gottes, der Hinduismus spricht von seiner unendlichen und ewigen Erhabenheit, der Islam beweist mit Feuer und Schwert die Allmacht seines Willens; der Buddhismus sagt, wie friedvoll und freudvoll er ist. Er ist der Gott aller Religionen, aller Konfessionen, aller Länder, aller Schriften, und unser Fortschritt besteht darin, dass wir diese verschiedenen Systeme und Richtungen in einem großen System in Übereinstimmung bringen. Deshalb nennt sich das neue Religions-System der Brahmo-Samoj die "Neue Ordnung". Der Christ spricht mit Ausdrücken der Bewunderung vom Christentum, so auch der Hebräer vom Judentum, der Mohammedaner vom Koran, der Jünger Zoroasters von der Zendavesta. Der Christ bewundert seine Grundsätze geistlicher Kultur, der Hindu tut dies von den seinigen auch, und der Mohammedaner gleicherweise.

"Der Brahmo-Samoj aber nimmt alles dies an und bringt es in einem System, in seiner Religion, in Übereinstimmung. Volle zehn Jahre lang sind mein Freund Keschub Chunder Sen, ich und andere Apostel der Brahmo-Samoj von Dorf zu Dorf, von Land zu Land, von einem Kontinent zum anderen gereist, indem wir diese neue Ordnung erklärten und die Harmonie aller religiösen Prophezeiungen und Systeme zur Verherrlichung des einen, des wahren Gottes verkündeten. Wir sind jedoch ein Untertanengeschlecht, wir sind ungebildet, unsere Fähigkeit ist begrenzt, wir haben nicht genug Geldquellen, um Menschen sammeln zu können, die auf unsere Botschaft hören. In der Fülle der Zeit haben Sie dieses großartige Religionsparlament berufen, und Sie haben es in die Hand genommen, die Botschaft zu verkünden, welche wir nicht verkünden konnten.

"Ich komme nicht nur als Forscher zu den Sitzungen dieses Kongresses, auch nicht als jemand, der sein eigenes System zu rechtfertigen hätte. Ich komme als Jünger, als Nachfolger, als Bruder. Möchten Ihre Arbeiten gedeihen, so wird nicht nur Ihre Christenheit und Ihr Amerika erhöht werden, sondern auch der Brahmo-Samoj wird sich erhöht fühlen: und dieser junge Mann, der aus so weiter Ferne kommt, um Ihre Sympathie zu suchen, wird sich selbst reich belohnt fühlen.

"Möchte die Verbreitung der neuen Ordnung von Ihnen abhängen und Sie zu Brüdern und Schwestern machen. Die Vertreter aller Religionen mögen alle Religionen in der Vaterschaft Gottes und der Brüderschaft der Menschen verschmelzen lassen, dass die Prophezeiung Christi und die Hoffnung der Welt erfüllt, und das Menschengeschlecht zu dem einen Königreiche Gottes, unseres Vaters, werden möchte."

Hier haben wir eine klare Aussage über das Ziel und die Hoffnungen der suchenden Philosophen; und wer könnte sagen, dass sie verfehlt hätten, ihre Gelegenheiten wahrzunehmen? Wenn wir vor dem Kongress viel über die Vaterschaft Gottes und die Brüderschaft der Menschen hörten - ohne Anerkennung der Notwendigkeit eines Erlösers zur Tilgung der Ungerechtigkeit, und um einen "neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, welcher ist sein Fleisch" zu eröffnen (zur Rückkehr zur Familie Gottes) - wir haben seitdem noch vielmehr über dieselbe Angelegenheit gehört. Wenn wir auch vor dem Kongress davon hörten, dass die menschliche Gesellschaft durch sittliche Reformen erlöst werden soll, und nicht durch das kostbare Blut, so haben wir doch seitdem noch vielmehr von dieser unchristlichen Religion gehört. Es ist das letzte Stadium im Abfall dieser letzten Tage des Evangeliums-Zeitalters. Er wird weiterschreiten und zunehmen. Die Heilige Schrift erklärt: "Tausende werden fallen an deiner Seite", und der Apostel Paulus ermahnt: "Ziehet an die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr an jenem bösen Tage zu stehen vermöget"; und der Apostel Johannes fragt bezeichnend: "Wer wird zu stehen vermögen?" Der ganze Inhalt der Heiligen Schrift deutet an, dass nach Gottes Willen eine große Erprobung über alle die kommt, welche sich nach dem Namen Christi genannt haben, und dass die große Masse der "Scheinweizen" - Bekenner von allem Bekennen von Glauben an das Erlösungs-Opfer, das von unserem Herrn ein für allemal erbracht ist, abfallen wird, weil sie diese Wahrheit niemals aus Liebe zu ihr angenommen hat. - 1. Thess. 2:10-12

Eine Stimme aus Japan

Als der gelehrte japanische Buddhist Kinza Ringe M. Harai seine Klarlegung über: "Die wahre Stellung Japans der Christenheit gegenüber" verlas, runzelten sich bei einigen der christlichen Missionare die Augenbrauen, und sie schüttelten missbilligend den Kopf. Der Buddhist richtete aber seinen scharfen Vorwurf gegen die falschen Christen, die soviel getan haben, um das Werk der Verbreitung des Evangeliums in Japan zu verhindern. Wir geben im folgenden die Worte des Japaners wieder:

"Wenige Länder in der Welt werden so missverstanden wie Japan. Unter den zahlreichen unschönen Vorurteilen wird besonders das religiöse Empfinden meiner Volksgenossen falsch dargestellt, und die ganze Nation wird als heidnisch verurteilt. Mögen sie nun Heiden oder sonst etwas sein, jedenfalls ist es Tatsache, dass Japan seit Beginn seiner Geschichte alle Lehren mit Bereitwilligkeit angenommen hat, und dass auch die Belehrungen, welche vom Ausland kamen, in völliger Übereinstimmung mit der einheimischen Religion vermischt wurden, wie man dies an vielen Tempeln sehen kann, welche eine vermischte Anwendung des Buddhismus und des Shintuismus zeigen, auch an der Anhänglichkeit zwischen den Lehren des Confucian und anderer Richtungen, zwischen buddhistischen und Shintupriestern, wie auch an dem einzelnen Japaner, der allen diesen erwähnten Lehren seine Aufmerksamkeit schenkt. Man kann es auch an dem eigenartigen Bau der japanischen Häuser sehen, welche gewöhnlich zwei Räume haben, einen für einen buddhistischen Tempel im Kleinen und einen für einen kleinen Shintualtar, vor welchem die Familie die Schriften der entsprechenden zwei Religionen erforscht. In Wirklichkeit ist zusammengesetzte Religion eine japanische Eigenart, und ich zögere nicht, sie Japanismus zu nennen.

"Sie werden jedoch den Einwand erheben und sagen: "Weshalb wird denn dann das Christentum nicht so warmen Herzens von eurer Nation aufgenommen, wenn dies bei anderen Religionen der Fall ist?" Dies ist gerade der Punkt, den ich im besonderen vor Ihnen erörtern möchte. Es gibt zwei Gründe, welche verhindern, dass das Christentum so bereitwillig aufgenommen wird. Diese große Religion war in unserem Land weit verbreitet; als die christlichen Missionare jedoch im Jahre 1637 zusammen mit Bekehrten einen tragischen und blutigen Aufstand gegen unser Land unternahmen, fasste man dies so auf, als wollten die Missionare Japan ihrem eigenen Mutterland unterwerfen. Daran stießen sich die Japaner sehr, und die Shogun-Regierung brauchte ein volles Jahr, um diese schreckliche Bewegung zu unterdrücken. Denen, welche uns den Vorwurf machen, dass unser Mutterland das Christentum verbot, wenn auch nicht jetzt, so doch in vergangener Zeit, erwidere ich, dass dies nicht aus religiöser und eurer Rasse betreffender Abneigung geschah, sondern zum Zwecke der Verhütung einer weiteren Empörung dieser Art; und um unsere Unabhängigkeit zu schützen, waren wir gezwungen, die Verkündigung des Evangeliums zu verbieten.

"In unserer Geschichte war eine solche vom Ausland unter dem Deckmantel der Religion kommende Verwüstung etwas noch nie Dagewesenes, und wenn unser Volk nicht eine ererbte Abscheu, ein ererbtes Vorurteil gegen den Namen der Christenheit gehabt hätte, so wäre ihre Lehre von der ganzen Nation mit Eifer aufgenommen worden. Dieser Zwischenfall liegt jedoch nun in der Vergangenheit, und wir können ihn vergessen. Es ist jedoch nicht so völlig unvernünftig, dass dieser schreckliche Verdacht - Sie mögen es vielleicht Aberglauben nennen - dass das Christentum das Mittel für Ausbeutungen ist, bei uns im Orient geweckt wurde, da es doch eine eingestandene Tatsache ist, dass einige der mächtigen Nationen der Christenheit allmählich im Orient davon Missbrauch machen, und da der folgende Umstand unserem Geist täglich eine lebhafte Erinnerung an das vergangene geschichtliche Ereignis wieder zurückruft. Der Umstand, von welchem ich jetzt sprechen will, betrifft unsere eigene tägliche Erfahrung, auf welche ich den Kongress, und nicht nur den Kongress, sondern die ganze Christenheit, aufmerksam mache.

"Vom Jahre 1853 an, als Kommodore Perryals als Gesandter der Vereinigten Staaten von Amerika nach Japan kam, ist unser Land unter den westlichen Nationen besser bekannt geworden. Die neuen Häfen wurden weit geöffnet, und das Verbot der Evangelisation wurde abgeschafft. Es war alles wie vor der christlichen Revolution. Durch die Übereinkunft zu Geddo, dem jetzigen Tokio, wurde der Vertrag zwischen Japan, Amerika und den europäischen Nationen geschlossen. Es war zu der Zeit, als das Land noch unter der Lehensregierung stand, und da wir über zwei Jahrhunderte lang, nämlich seit der christlichen Empörung, abgeschlossen gewesen waren; die Diplomatie war etwas ganz Neues für unsere Lehensbeamten, welche den westlichen Mächten ihr volles Vertrauen schenkten, und ohne irgendwelche Änderungen die Paragraphen der Vertrages annahmen, wie diese von den westlichen Nationen vorgeschlagen worden waren. Diesem Vertrage gemäß waren wir in einer sehr ungünstigen Lage; unter anderem befinden sich unter den Paragraphen zwei wichtige, welche uns unserer Rechte und Vorteile berauben. Der eine ist die Exterritorialität der westlichen Nationen in Japan, wonach alle Rechtsfälle, mögen sie nun Personen oder Eigentum betreffen, welche sich unter Untertanen der westlichen Nationen in meinem Land, wie auch zwischen ihnen und zwischen Japanern erheben, den Behörden der westlichen Nationen übergeben werden müssen. Ein anderer betrifft die Zolltarife. Wir haben nicht das Recht, mehr als 5 Prozent vom Wert zu erheben.

"Es besteht auch eine Klausel, wonach jeder der beiden Kontrahenten, wenn er ein Jahr vorher dies ankündigt, vom 1. Juli 1872 ab eine Revision verlangen kann. So erbat unsere Regierung im Jahre 1871 eine Revision, und seitdem haben wir ständig darum gebeten, die ausländischen Regierungen haben unsere Gesuche aber einfach ignoriert, indem sie viele Ausreden machten. Ein Teil des Zollvertrages mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika wurde annulliert, wofür wir der freundlich gesinnten amerikanischen Nation aufrichtig dankbar sind, ich bedauere jedoch, sagen zu müssen, dass in dieser Hinsicht keine europäische Macht in dem Kielwasser Amerikas gefolgt ist, und unser Zollrecht bleibt in derselben Verfassung, wie es war.

"Wir haben keine gerichtliche Macht über die Ausländer in Japan, und als natürliche Folge davon erleiden wir Schädigungen in gesetzlicher wie in moralischer Hinsicht, von denen Sie die Berichte täglich in den Zeitungen lesen können. Da die westlichen Nationen weit von uns entfernt leben, wissen sie nichts von der genauen Lage. Wahrscheinlich hören sie hin und wieder die Berichte der Missionare und ihrer Freunde in Japan. Ich stelle nicht in Abrede, dass ihre Berichte wahr sind, wenn aber irgendjemand wahrheitsgetreu hinsichtlich seines Freundes unterrichtet sein möchte, so sollte er die Meinung über denselben von verschiedenen Seiten anhören. Wenn sie mit vorurteilsfreiem Sinn genau prüfen würden, wie wir geschädigt werden, so würden Sie erstaunt sein. Unter den verschiedenen Schädigungen sind manche, die uns als "Heiden" vorher vollständig unbekannt gewesen waren, niemand würde auch nur im Privatgespräch von denselben zu sprechen wagen.

"Eine der Ausreden, welche das Ausland macht, ist, dass unser Land noch nicht zivilisiert sei. Ist es der Grundsatz zivilisierter Gesetze, dass das Recht und der Vorteil sogenannter Unzivilisierter und Schwächerer geopfert werden sollen? Nach meinem Verständnis ist der Geist, ist es die Notwendigkeit des Gesetzes, die Rechte und die Wohlfahrt der Schwächeren den Bedrückungen des Stärkeren gegenüber zu schützen. Ich habe aber bei meinem oberflächlichen Studium des Gesetzes niemals gefunden, dass der Schwächere zugunsten des Stärkeren geopfert werden soll. Eine andere Entschuldigung kommt von religiöser Seite, und es ist behauptet worden, dass die Japaner Götzendiener und Heiden sind. Ob wir Götzendiener sind oder nicht, werden Sie sofort erkennen, wenn Sie unsere religiöse Anschauung ohne Vorurteil aus verbürgten japanischen Quellen prüfen.

"Aber selbst zugestanden, wir wären Götzenanbeter, um die Folgerung zu ziehen, würde es dann der christlichen Moral entsprechen, auf den Rechten und Vorteilen einer nichtchristlichen Nation herumzutreten? Ich lese in der Bibel: "So dich jemand auf deinen rechten Backen schlägt, so reiche ihm den linken auch dar", ich kann jedoch nicht eine einzige Stelle entdecken, welche besagt: "So jemand Gerechtigkeit von dir fordert, so schlage ihn auf den rechten Backen, und so er sich umdreht, so schlage ihn auf den anderen." Wiederum lese ich in der Bibel: "Wenn jemand dich vor Gericht schleppt, um dir einen Rock zu nehmen, so überlasse ihm auch den Mantel", aber nicht: "Wenn du jemand vor Gericht schleppst, um ihm den Rock zu nehmen, so lass dir auch den Mantel geben."

"Sie senden uns Ihre Missionare nach Japan, und sie raten uns zu Sittlichkeit und zu Glauben an das Christentum. Wir möchten gern sittlich sein, wir wissen, dass das Christentum gut ist, und wir sind für dasselbe sehr dankbar. Zu gleicher Zeit gerät unser Volk jedoch in Verwirrung und Zweifel über diesen Rat, wenn wir daran denken, dass die christlichen Nationen noch an dem Vertrag festhalten, welcher zur Zeit unseres Lehenswesens, als wir politisch noch in den Kinderschuhen waren, geschlossen wurde, wenn wir sehen, dass jährlich so viele westliche Schiffe zum Robbenfang in unsere Gewässer eingeschmuggelt werden, wenn Rechtsfälle jedes Mal von ausländischen Behörden entschieden werden in für Japan ungünstiger Weise, wenn noch vor einigen Jahren ein Japaner auf der Universität in Amerika wegen des Rassenunterschiedes nicht zugelassen wurde, wenn die Schulbehörde in San Franzisko noch vor wenigen Monaten anordnete, dass kein Japaner dort die öffentlichen Schulen besuchen durfte, wenn kürzlich die Japaner in Scharen aus einem Teile Amerikas ausgetrieben wurden, wenn unsere Geschäftsleute in San Franzisko gezwungen wurden, nicht Japaner, sondern Amerikaner anzustellen, wenn es Leute gibt, die in derselben Stadt vom Rednerpulte aus gegen diejenigen sprechen, die schon gegenwärtig sind, wenn so viele Prozessionen Schilde umhertragen mit der Aufschrift: "Fort mit den Japsen!", wenn den Japanern auf den Hawaii-Inseln kein Stimmrecht zugestanden wird; wenn wir sehen, wie manche Leute an ihren Häusern die Aufschrift anbringen: "Japanern ist der Zutritt verboten" - so ähnlich, wie man ein Verbot für Hunde anbringt; ist es, frage ich Sie, bei alledem für uns intelligente Heiden unvernünftig, wenn wir zögern, den süßen und warmen Himmelstrank der christlichen Religion zu schlucken, auch wenn wir anerkennen, dass die westlichen Länder, von einem Standpunkt aus betrachtet, sehr freundlich sind, nämlich indem sie uns Missionare senden? Wenn dies Christentum sein soll, dann sind wir froh, Heiden zu sein.

"Es mag jemand behaupten, dass es in Japan viele gibt, die gegen das Christentum sprechen und schreiben. Ich bin kein Heuchler, ich will frei bekennen, dass ich der erste in meinem Land war, der das Christentum angriff - doch nicht das wahre, sondern das falsche Christentum, das Unecht, welches uns durch christliche Völker zugefügt worden war. Wenn jemand tadelt, dass es starke antichristliche Gesellschaften in Japan gibt, so will ich ehrlich genug sein zu sagen, dass ich der erste war, der eine Gesellschaft gegen das Christentum gründete, doch nicht gegen das wahre Christentum, sondern zum Schutz gegen das falsche Christentum, und gegen die Ungerechtigkeit, welche wir von Seiten christlicher Völker erdulden müssen. Denken Sie bitte nicht, dass ich diesen Standpunkt vertrat, weil ich ein Buddhist bin, denn der erwähnte war mein Standpunkt schon einige Jahre, ehe ich in den buddhistischen Tempel eintrat. Zu gleicher Zeit will ich jedoch auch stolz sagen, dass, wenn irgendjemand vor der Öffentlichkeit unter dem Namen der zusammengesetzten Religionen von dem Zusammenhang aller Religionen sprach, ich es war. Dies sage ich Ihnen, damit Sie mich nicht für einen bigotten buddhistischen Sektierer halten.

"Genau genommen gibt es überhaupt keinen Sektierer in Japan. Unser Volk weiß sehr wohl, was für schwerverständliche Wahrheiten das Christentum besitzt, und wir, wenigstens bei mir ist dies der Fall, kümmern uns nicht um die Namen, wenn wir lehren. Ob der Buddhismus Christentum heißt oder das Christentum Buddhismus, ob wir Confucianer sind oder Shintu, wir sind nicht partikularistisch, aber hinsichtlich der gelehrten Wahrheit und deren beständiger Anwendung sind wir sehr eigen. Ob Christus uns rettet, oder ob er uns in die Hölle sendet, ob Gautama Buddha wirklich gelebt hat oder nicht, dies ist uns nicht von Wichtigkeit, die Beständigkeit der Lehre aber ist es, und das dementsprechende Verhalten, worauf wir den meisten Wert legen. Darum wird unser Volk niemals sein Vorurteil gegen das Christentum ablegen, sofern die Unbeständigkeit, welche wir bemerken, nicht aufgegeben wird, und besonders, solange der ungerechte Vertrag nicht auf unparteiischer Grundlage revidiert worden ist, mögen die begabtesten Redner ihre Wahrheit auch noch so sehr von der Kanzel verkünden.

"Wir werden oft Barbaren genannt, und ich habe oft gehört und gelesen, wir Japaner wären zu beschränkt, um die Wahrheiten der Bibel verstehen zu können. Ich will zugeben, dass dies in einem gewissen Sinne zutrifft. Obgleich sie den Redefluss des Vortragenden bewundern, wie auch seinen Mut, obgleich sie die Logik seiner Ausführungen bewundern, sind sie sehr beschränkt, und sie wollen mit dem Christentum nichts zu tun haben, solange sie denken, dass es die westliche Moral ist, das eine zu predigen und das andere zu tun.

"Wenn es irgendeine Religion geben mag, die Ungerechtigkeit gegen die Menschheit lehrt, so werde ich sie bekämpfen mit Leib und Seele. Ich werde dem Christentum gegenüber der bitterste Gegner oder aber der glühendste Bewunderer sein. Den Herren, die diesen Kongress berufen haben, und allen hier versammelten Damen und Herren rufe ich zu: Ihr Ziel ist die Verwirklichung der religiösen Union, und dies nicht nur dem Namen nach, sondern tatsächlich. Wir vierzig Millionen Japaner, die wir fest und beharrlich auf dem Boden internationaler Gerechtigkeit stehen, erwarten noch weitere Kundgebungen, nämlich hinsichtlich der Moral der Christenheit."

Begreift man nun, warum die Christenheit die Welt nicht bekehrt hat?

Eine Stimme von den jungen Männern des Orients erging durch Herant M. Kiretchjian, Konstantinopel, wie folgt:

"Brüder vom Sonnenaufgang aller Länder! Ich stehe hier, um die jungen Männer des Orients zu vertreten von dem Land der Pyramiden bis zu den Eisfeldern Sibiriens und von den Küsten des ägäischen Meeres bis zu den japanischen Gewässern. Auf diesem wunderbaren Rednerpult des Religionsparlaments, wo ich mich mit den Söhnen des Orients dem amerikanischen Publikum gegenüber befinde, ist mein erster Gedanke jedoch der, dass ich Ihnen sagen muss, dass Sie unbewusst einen Rat Ihrer Gläubiger zusammengerufen haben. Blicken Sie in Ihre Bücher und prüfen Sie, ob meine Behauptung richtig ist. Wir haben Ihnen Wissenschaft, Philosophie, Theologie, Musik und Poesie gegeben, und wir haben für Sie Geschichte gemacht zu ungeheuren Kosten. Außerdem ist aus dem Licht, welches vom Himmel auf unser Land hernieder scheint, jene Wolke von Zeugen und Empfängern Ihrer Inspiration, Heilige, Apostel, Propheten, Märtyrer, hervorgegangen. Mit diesem reichen Kapital haben Sie ein riesenhaftes Vermögen zusammengetragen, so dass Ihre Besitztümer vor Ihren Augen Ihre Verbindlichkeiten verbergen. Wir wünschen nicht, einen Anteil an Ihrem Reichtum zu haben, es ist aber gerecht, dass wir unseren Gewinnanteil empfangen, und wie gewöhnlich ist es ein junger Mann, der den Gläubiger vertritt.

"Sie können diesen Gewinnanteil nicht mit Geld bezahlen. Ihr Gold brauchen Sie selbst. Ihr Silber ist im Kurs gefallen. Wir bitten Sie: Geben Sie uns einen reichen Gewinnanteil in Form der vollen Sympathie Ihres Herzens. Wie der Künstler, der die Goldklumpen, sie nach ihrem Gewicht beurteilend, in den Schmelztiegel mit verschiedener Form und Färbung wirft und, nachdem Feuer und Waschung ihr Werk getan haben, das reine Gold herausfließen sieht, so werden Sie, wenn dieser Kongress vorüber sein wird, zu welchem Sie die Kinder des Menschengeschlechtes von allen Enden der Erde zusammengerufen haben, finden, dass aus Rassenvorurteil und Dogma und aus der Verschiedenheit der Gebräuche und Gottesverehrung nichts herausfließt als das lautere Gold der Menschlichkeit; und fortan werden Sie nicht mehr an uns denken als an Fremde in fernen Ländern, sondern als an Ihre Brüder in China, Japan und Indien, Ihre Schwestern auf den Inseln Griechenlands und in den Hochländern und Tälern Armeniens, und Sie werden uns einen so reichen Gewinnanteil gezahlt und dabei selbst einen solchen Segen empfangen haben, dass dieses Land zu einem Beulah-Land zukünftiger Prophezeiung werden und das Echo jenes lieblichen Gesanges aussenden wird, der einst auf unseren Fluren gehört wurde: "Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen."

"Es ist Ihnen hier schon so viel gesagt worden von Männern der Weisheit und der Erfahrung hinsichtlich religiösen Lebens, dass Sie nicht erwarten werden, dass ich noch etwas hinzufüge. Es würde mir auch nicht geziemen, Ihnen weitere Belehrungen über die Religionen der Welt zu geben. Es ist aber ein neues Geschlecht aufgestanden aus der großen Vergangenheit, mit dessen Einfluss im Werke der Menschheit das kommende Zeitalter wird zu rechnen haben. Es ist das Produkt der Vergangenheit, die mit dem neuen Leben der Gegenwart in Berührung tritt - ich meine die jungen Männer des Orients, die sich anschicken, mit ihren Brüdern des großen Westens die Erde in Besitz zu nehmen.

"Ich bringe Ihnen eine Philosophie vom Bosporus und eine Religion aus der Stadt Konstantins. Alle meine Schlussfolgerungen und meine feste Überzeugung, die sich in mir während vergangener Jahre gebildet hatten, sind durch diesen Kongress bis an ihre Wurzeln erschüttert worden. Doch heute finde ich, dass diese Wurzeln noch tiefer in die Erde, und ihre Zweige noch höher in den Himmel hineinreichen. Ich kann mir nicht anmaßen, Ihnen etwas Neues zu bringen; wenn diese Schlussfolgerungen Ihnen jedoch als vernünftig und als von Grundlagen kommend erscheinen, die die menschliche Intelligenz annehmen kann, dann, davon bin ich überzeugt, werden Sie uns aufrichtige Beweggründe zugute halten, und Sie werden uns das Recht zugestehen, an dem festzuhalten, was ich Ihnen jetzt darzulegen gedenke.

"Als die jungen Männer der Gegenwart noch Kinder waren, sahen und hörten sie tagein tagaus nichts anderes als Feindschaft und Trennung zwischen Menschen verschiedener Religionen und Nationalitäten. Ich brauche mich nicht zu unterbrechen, um Ihnen zu sagen, welchen Einfluss dies auf das Leben eines jungen Mannes ausübte, der sich getrennt fand von seinen Mitmenschen, mit denen er im täglichen Leben in Berührung kam - in Heerlagern, bereit zum Kampf gegeneinander. Als das Licht der Bildung und der Gedanken der Freiheit im letzten Teil dieses Jahrhunderts sich über den ganzen Orient auszubreiten begann, wurde dieses Joch auf dem Nacken der jungen Männer drückender, unerträglich.

"Mit dem Erwähnten habe ich junge Männer aller Nationalitäten eingeschlossen, die während der vergangenen dreißig Jahre ihre Bildung auf den Universitäten zu Paris, Heidelberg, Berlin und in anderen Städten Europas, auch im Kaiserlichen Lyzeum zu Konstantinopel, empfingen. Sie haben bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt das Gebäude ihrer Religion zusammengestellt, so dass die tausend jungen Männer Ihre Stimme, welche für sie ein Orakel war, wie eine Segnung aufnahmen, die ihr Herz und ihren Geist erleuchtete.

"Sie finden ihre Brüder in großen Scharen in allen Städten des Orients, in welche die europäische Zivilisation ihren Eingang gefunden hat, und es wird kaum eine Stadt geben, die ihren Einfluss nicht vor Ablauf des Jahrhunderts verspüren würde. Ihre Religion ist die neueste aller Religionen, und ich würde sie nicht auf diesem Rednerpult erwähnt haben, wenn sie nicht einer der mächtigsten Einflüsse wäre, die sich im Orient wirksam erweisen, und welchem die jungen Männer des Ostens die Spitze bieten müssen, wenn wir auf die Völker der betroffenen Länder den geringsten Einfluss haben wollen.

"Denn, beachten Sie es wohl, es gibt intelligente Menschen, Menschen aus hervorragenden Kreisen, die, zusammen mit allen anderen jungen Männern des Orients, bewiesen haben, dass sie in der Kunst und der Wissenschaft und im Handel der zivilisierten Welt, in den Heeren der Nationen und an der Seite von Königen jedem Menschengeschlecht vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang ebenbürtig sind. Zum größten Teil sind es außerdem Menschen von den besten Absichten und der aufrichtigsten Überzeugung, und wenn Sie ihr Urteil über Religion hören und an die Stellung denken, welche sie einnehmen, so werden Sie als Mitglieder des Religionskongresses, dessen bin ich gewiss, nicht umhin können, sich für diese Leute und für das Land, in welchem sie wohnen, zu interessieren.

"Ich vertrete persönlich die religiösen jungen Männer des Orients; lassen Sie mich jedoch aus Vollmacht für die jungen Männer der neuesten Religion sprechen: "Sie kommen zu uns im Namen der Religion, um uns zu bringen, was wir schon besitzen. Wir glauben, dass der Mensch sich selbst genügsam ist, wenn, wie Sie sagen, ein vollkommener Gott ihn erschuf. Wenn Sie ihn allein lassen werden, so wird er alles sein, was er sein sollte. Bilden Sie ihn, erziehen Sie ihn, binden Sie ihm nicht Hände und Füße, und er wird ein vollkommener Mensch sein, würdig, der Bruder eines anderen zu sein. Die Natur hat ihn zur Genüge ausgestattet, und die Menschen sollten erst alles das ausnutzen, was ihnen in ihrer Intelligenz gegeben ist, ehe sie Gott um etwas weiteres angehen. Außerdem hat niemand Gott gefunden. Wir haben alle Inspiration, deren wir bedürfen, in lieblicher Poesie und in entzückender Musik und in der Gesellschaft verfeinerter und kultivierter Menschen. Wenn wir zuhören, so werden wir hören, wie uns Händel vom Messias erzählt, und wenn die Himmel widerhallten, ist es genug, dass wird Beethovens Auslegung besitzen.

"Wir haben nichts gegen euch Christen als solche, aber wie von allen Religionen müssen wir von der eurigen sagen, dass sie das größte Unheil über die Menschheit brachte, indem sie Menschen wider Menschen, Nation wider Nation aufgebracht hat. Und nun, um das Schlimme zum Schlimmsten zu steigern, kommen Sie an diesem Tag höchsten Gemeinsinns, um den menschlichen Geist mit unmöglichen Dingen zu erfüllen und das Gehirn mit endlosen Diskussionen von tausend Sekten zu belasten. Denn viele habe ich von Ihnen gehört, und ich weiß, wie viele noch folgen könnten. Wir betrachten Sie als diejenigen von allen Menschen, welche man meiden muss, denn Ihre Philosophien und Lehren bringen Pessimismus über das Land.

"Dann aber habe ich Ihnen noch mit einem religiösen Instinkt und angeborenen Achtgefühl, welches allen Orientalen eigen ist, zu sagen: Beachten Sie jedoch, dass wir keine Ungläubigen, Leugner oder Zweifler sind. Wir haben ganz einfach keine Zeit für dergleichen Dinge. Wir sind erfüllt von Begeisterung für das höchste Leben, und was wir wünschen, ist Freiheit für alle jungen Männer der Welt. Wir haben eine Religion, welche die Menschen aller Länder verbindet und die Erde mit Freude erfüllt. Sie entspricht allen Bedürfnissen des Menschen, und darum wissen wir, dass sie die wahre Religion ist, besonders weil sie Frieden und große Übereinstimmung bringt. So haben wir kein Verlangen nach einem "ismus" von euch, noch nach irgendeinem System oder Lehrsatz. Wir sind keine Materialisten, Sozialisten, Nationalisten oder Pessimisten, wir sind auch keine Idealisten. Wir sind im Besitz der ältesten Religion, welche war, und der neuesten der neuen - wir sind Gentlemen. Im Namen des Friedens und der Menschheit frage ich Sie: Können Sie uns nicht allein lassen? Wenn Sie uns wieder einmal einladen werden im Namen der Religion, so werden wir schon früher anderweitig zugesagt haben, und wenn Sie uns besuchen werden, um zu predigen, werden wir nicht zu Hause sein.

"Der junge Orientale ist wie der grüne Lorbeerbaum. Wo einer weggeht, so dass Sie ihn nicht mehr an seinem Ort finden, werden zwanzig seine Lücke ausfüllen. Glauben Sie mir, ich habe nicht übertrieben, denn Wort für Wort, und zehnmal mehr als dieses, habe ich von intelligenten Männern in Heer und Flotte gehört, von Kaufleuten und Juristen, im Privatgespräch und in tiefgehenden Beweisführungen, auf den Straßen von Konstantinopel und in den Schiffen im Goldenen Horn und Bosporus, in Rumänien und Bulgarien wie auch in Paris und New York und im Auditorium in Chicago, von Türken und Armeniern, Griechen und Hebräern, wie auch von Bulgaren und Serben, und ich kann Ihnen sagen, dass diese neueste Religion, die die Tore von Handel und Literatur, Wissenschaft und Gesetz innehat in Europa und im Orient, eine äußerst mächtige Kraft ist in der Gestaltung der Geschicke der Nationen des Ostens, so dass mit ihr hinsichtlich der Religion der Zukunft zu rechnen ist.

"Es gibt noch eine andere Klasse junger Männer im Orient, die sich die religiösen jungen Männer nennen, und die an dem alten Glauben ihrer Väter festhalten. Auch von ihnen behaupte ich, dass sie aufrichtiger Absichten, intelligenten Geistes, wie auch fest in ihrer Überzeugung sind. Auch um für sie zu sprechen, bin ich hierher gekommen, und indem ich dies tue, spreche ich zu gleicher Zeit auch für mich selbst. Sie werden natürlich einsehen, dass wir von der ersten Zeit an in Verbindung mit der neuen Religion - lassen Sie mich dieselbe der Einfachheit halber so nennen - stehen mussten. Wir mussten auf den Hochschulen und Universitäten mit eben diesen Männern zusammen sein; wir müssen mit ihnen Hand in Hand gehen in Wissenschaft und Geschichte, Literatur, Musik und Dichtkunst, und ganz natürlich teilen wir ihren festen Glauben an alle wissenschaftlichen Schlussfolgerungen und halten wir mit ihnen an allen Grundsätzen der Freiheit der Menschen fest.

"Aufs erste stehen die religiösen jungen Männer des Orients, die die tiefste religiöse Überzeugung haben, ein für die Würde des Menschen. Ich bedauere, damit beginnen zu müssen, doch die vereinten Stimmen und Argumente der Philosophien und Theologien drängen uns eine so unvermeidliche Folgerung auf, dass wir, ehe wir selbst über irgendeine Religion sprechen, sagen müssen: Wir glauben, dass wir Menschen sind. Für uns bedeutet es eine Schmähung der Menschheit und ein In-Fragestellen des Gottes, der sie erschuf, wenn gesagt wird, der Mensch genüge sich selbst nicht, er bedürfe der Religion, um vollkommen zu werden.

(Beachte, wie sich der natürliche Mensch in einem Atemzug entschuldigt und anklagt. Unvollkommenheiten können nicht geleugnet werden; es wird aber behauptet, wir besäßen die Macht, uns mit der Zeit vollkommen zu machen. So wird das "kostbare Blut" des "Sündopfers" von den Heiden, wie auch von den weltlich Weisen der Christenheit geleugnet.)

"Es bedeutet eine Schmähung der Menschheit, wenn man auf diesen oder jenen Menschenschlag blickt und sagt, dass er ausnehmend viel Güte und Wahrheit und hohe Ideale zeigt und ein Leben über gewöhnlichen tierischen Begierden führt, weil er im Besitz von religiösen Lehren ist, die von diesem oder jenem Menschen stammen oder von Offenbarungen des Himmels. Wir glauben, dass der Mensch, wenn er ein Mensch ist, alles in sich selbst besitzen muss, genau wie er die körperlichen Fähigkeiten besitzt. Wollen Sie mir sagen, dass, während der Blumenkohl, der, wenn ich ihn auf das Feld gepflanzt habe, in Schönheit und in Vollkommenheit der Entwicklung heranwächst, mein Gehirn, welches der Schöpfer hunderttausendmal feiner und vollkommener erschuf, nicht vermag, sich zu entfalten und das Werk zu vollbringen, welches Gott von mir erwartet, und die hohen Gedanken zu pflegen, welche ich pflegen soll? Wollen Sie sagen, dass, während eine hilflose Kaulquappe zu einem Frosch mit vollkommenen und elastischen Gliedern und schwellender Brust heranwächst und mit anderen Fröschen in Zufriedenheit zusammen lebt und vereint mit ihnen quakt, der Mensch der Religion und äußerer Hilfe bedarf, um sich zu entwickeln zur Vollkommenheit an Leib und Seele, die Vaterschaft Gottes und die Brüderschaft der Menschen anzuerkennen und in Frieden auf Gottes Erde zu wohnen? Ich sage: Es ist ein In-Fragestellen des Gottes, der den Menschen erschuf, wenn man eine solche Lehre verkündet oder ihr zustimmt.

"Auch die unverbürgten Schlüsse der Wissenschaft nehmen wir nicht an. Mit Affen haben wir nichts zu tun. Wenn sie mit uns zu sprechen wünschen, so müssen sie zu uns heraufkommen. Es gibt im Westen einen Geist, welcher Schwierigkeiten verursacht, die wir nicht verstehen. Eine der ersten Erfahrungen in den Vereinigten Staaten machte ich bei einer Gesellschaft von Damen und Herren in Philadelphia. Es wurde die Frage behandelt, ob Tiere Seelen besitzen, und den Hauptgegenstand der Unterhaltung bildete eine Katze. Gewichtige und gelehrte Schriften wurden verlesen, und das Endresultat war, dass man nicht zur Lösung der Frage kommen konnte, weil man nicht wusste, was eine Katze und was eine Seele ist. Die Frage galt aber nach wie vor als wichtiger Punkt, der sich auf die Religion bezieht. Nun stellen Sie sich einmal vor, ein armenisches Mädchen frage seine Mutter, ob eine Katze eine Seele habe. Die Mutter würde die Frage wahrscheinlich ganz beiläufig beantworten, zum Beispiel so: "Meine Liebe, Du musst jetzt nachsehen, ob das Wasser kocht. (Warum setzest du dir denn eine solche Frage in den Kopf? Natürlich hat die Katze eine Seele. Eine Katze hat eine Katzenseele und ein Mensch hat eine Menschenseele.) Aber nun geh und sieh nach!" Und das Mädchen würde gehen, voller Freude über seine Menschenseele. Und wenn eines Tages unser armenisches Fräulein so beunruhigt werden sollte über das fehlende Glied, von welchem jetzt soviel die Rede ist, dann würde es seinen Gleichmut dennoch nicht verlieren und sich noch immer darüber freuen, ein Mensch zu sein, und es würde vielleicht sagen: "Das fehlende Glied hat die Seele des fehlenden Gliedes, und ein Mensch hat die Seele eines Menschen."

"Im allgemeinen gehen wir Hans in Hand mit den Damen und Herren auf der gemeinsamen Stufe der Menschheit. Hier aber ist für uns ein Scheideweg, und unsere Pfade werden ganz andere. Wir rufen aus: Lasst uns allein, und wir werden uns entfalten und zu der uns bestimmten Höhe aufsteigen - und sehen Sie, wir finden eine unsichtbare Macht, die uns nicht allein lässt. Wir finden, dass wir fast alles zu vollbringen imstande sind auf den Gebieten der Kunst und der Wissenschaft. Wenn es aber darauf ankommt, unserer Überzeugung von dem, was hoch und edel, was recht und was für unsere Entwicklung notwendig ist, zu folgen, so ermangeln wir der Kraft und der Macht, um dahingehend vorwärts zu schreiten. Ich lege dies hier in der einfachen Weise dar, da ich nicht ausführlich werden kann. Aber ebenso gewiss, wie es für uns die Würde des Menschen gibt, gibt es für uns auch eine Macht, die den Menschen von den Pfaden der Geradheit und Ehre abbringt, die er sonst wandeln würde. Sie können nicht sagen, dass sie dem Menschen innewohnt, denn wir empfinden, dass sie nicht dem Menschen gehört. Wenn sie nicht uns gehörte, und wenn der Mensch es für richtig hielt, hinabzusteigen in Entartung und Elend, Raubgier, zu dem Wunsch, seine Mitmenschen zu vernichten, so sagen wir: "Lassen Sie ihn allein, und lassen Sie ihn tun, was Gott ihn tun lassen will."

"So sage ich denn kurz einem jeden, der hier im Begriffe steht, Glaubensbekenntnisse aufzustellen, noch ehe er damit zu Ende kommt: Ich glaube an den Teufel, den Erzfeind Gottes, den Ankläger des Menschen bei Gott. Ein Teufel für das ganze Universum? Darum kümmern wir uns nicht. Eine Legion Dämonen, die jede Seele belagert? Das tut nichts zur Sache. Das eine wissen wir, dass es eine Gewalt gibt, die dem Menschen fremd ist, und die ihn mit Macht zur Seite zieht, und keine Macht der Erde kann ihr widerstehen.

"Nun kommen wir zu unserer Religion. Wenn ihr den jungen Männern eine Religion zu bringen habt, so muss dieselbe eine Macht besitzen, welche die Macht des Bösen in der Welt ausgleicht, ja überwiegt. Dann werden die Menschen frei sein, um zu wachsen, und sie werden sein, wie es Gottes Wille ist. Wir verlangen nach Gott. Wir verlangen nach seinem Geist, und diesen muss die Religion, welche zu uns kommt, bringen, sonst ist sie für uns keine Religion. Und wir glauben an einen Gott, nicht an den Gott des Protoplasmas, der sich zwischen Molekülen verbirgt, sondern an einen persönlichen Gott, dessen Kinder wir sind.

"So setzen wir an dritte Stelle unserer Philosophie und unseres Protestes die Würde Gottes. Ist das Rittertum tot? Ist alle Vorstellung von hohem und edlem Leben, von lauterer Redlichkeit aus dem Herzen der Menschen geschwunden, so dass wir nicht nach Ritterschaft und Fürstentum am Hofe Gottes streben können? Wir wissen, dass wir seine Kinder sind, weil wir seine Werke wirken und seine Gedanken denken. Wonach wir verlangen, ist: Ihm gleich zu sein. O, es ist wahr, dass ich, während ich über Land und Meer reisen kann, um an das Herz meiner Mutter zu eilen, um zu verspüren, wie sie mich mit ihren Armen umschlingt, als Kind Gottes aber einer Macht, die ich nicht zu überwinden vermag, im Universum hilflos gegenüber stehe, so dass ich meine Hände nicht zu Gott erheben kann, um ihn anzurufen, dass ich nicht seinen Geist in meiner Seele und das Umschlingen seiner ewigen Arme, die mich in der Schwachheit stützen, verspüren kann?

"Und nun kommt der Prediger aus alter Zeit und die moderne Kirche, und sie erzählen uns von einem, der die Welt überwunden hat, und der vom Himmel hernieder kam, denn kein von einem Weibe geborener Mensch hätte vollbringen können, was er vollbrachte. Es wird uns aber gesagt, dass durch die Gnade und durch das Wandeln auf dem Pfade, welchen er uns zeigt, der Geist Gottes in unser Herz kommt, und dass ich verspüren kann, wie er in meinem Herzen wider die Sünde kämpft und mein Herz stärkt, so dass ich standhaft festhalten kann an dem, was ich durch das in mir wohnende Göttliche als recht erkenne.

"Und so komme ich mit zitternden Händen, aber fester Überzeugung, mit viel Trauer über die Menschheit, aber mit der Freude eines ewigen Triumphes zu den goldenen Toren des zwanzigsten Jahrhunderts, wo die Ältesten des zukünftigen Gemeinwohles das Urteil sprechen über die Religion, welche jene Tür zur Stärkung der menschlichen Herzen durchschreiten soll. Ich stelle nebeneinander den alten orientalischen Confucianismus und die moderne Theosophie, den alten orientalischen Buddhismus und den modernen Spiritismus und jeden alten Glauben und den modernen Materialismus, Rationalismus und Idealismus, und ich stelle daneben das alte orientalische Christentum mit seinem Christus, der Macht Gottes und der Weisheit Gottes und dem Kreuz, bei welchem noch immer seine Spitze stolz umstrahlet heiliger Geschichte Glanz."

Dieser Redner legt, obwohl er nicht ein delegierter Vertreter des armenischen Katholizismus ist, die Sache augenscheinlich vom Standpunkt der armenischen Christen aus dar, welche die Türken letzthin in so barbarischer Weise verfolgten. Seine Rede enthält verschiedene ausgezeichnete Punkte. Man darf aber nicht denken, dass er nur ein Beispiel der jungen Männer des Orients sei. Er ist denen, für welche er sprach, ein gutes Stück Weg voraus. Auch wirft seine Rede nicht das richtige Licht auf den armenischen Katholizismus mit seinen Gebeten für die Toten, seiner Anbetung der Bilder der Heiligen und der Jungfrau Maria und mit seiner gotteslästerlichen Lehre von der Messe, alles Erfindungen Satans, welche zeigen, wie wenig Erkenntnis und Wertschätzung der armenische Katholizismus hinsichtlich des Kreuzes und seines "ein für allemal" dargebrachten Opfers besitzt. Das "orientalische" Christentum, auf welches der junge Mann uns verweist, ist nicht dasjenige, welches wir achten, und welches wir uns zum Vorbild nehmen: Wir gehen zurück zu dem Christentum, welches Christus, unser Herr und Erlöser, uns gebracht hat, und welches die Apostel uns verkündet haben: - es ist weder das morgenländische noch das abendländische, auch nicht das katholische (allumfassende, allgemeine) Christentum, sondern die Macht und Weisheit Gottes, "jedem, der da glaubt" zur Gerechtigkeit. - Röm. 1:16

Der denkende Leser wird angesichts dieses Bestrebens von Heiden, Gott zu suchen und Gerechtigkeit sich anzueignen, angesichts dieses ihres Eifers, vor ihren Mitmenschen zu zeigen, welchen Maßstab für das Recht sie haben, um so schmerzlicher die Haltung der "Christen" empfinden, die von Kindesbeinen an unter günstigeren Verhältnissen lebten und alle Gelegenheit, die Wahrheit zu erfahren, hatten, aber sich bereit zeigten, diese Vorzüge um Menschengunst zu verkaufen! "Wem viel gegeben ist, von dem wird man viel fordern", sagt der Herr, der jetzt die Christenheit auf die Wage gelegt hat.

Freilich sind es nur wenige Heiden, die, so verstanden, Anspruch auf unsere Bewunderung haben. Die Mehrzahl der heidnischen Vertreter prahlte mit ihrem Aberglauben, und ein Mohammedaner hatte die Kühnheit, die Vielweiberei zu empfehlen; und sollte man es glauben? Präsident Barrows stillte sofort die sich hierbei geltend machende Entrüstung! Nachdem Buddhisten, Shintoisten, Jainisten und römische Katholiken ihrer Freude Ausdruck gaben darüber, dass sie so willig angehört worden seien, dass sie bereits Brüderschaft aller Religionen erhofften, antwortete der protestantische Missionar Dr. Candlin aus China:

"Die allgemeine Anschauung ist, das Christentum allein sei von Gott, die wahre Religion, die anderen Religionen seinen falsch, vom Teufel, oder wenigstens von Menschen. Das wisst Ihr besser! Gott ist unser aller Vater, und alle haben teil an seiner Gnade. Der heutige Tag ist ein neues Pfingsten, und seine Folge wird die Bekehrung der Welt sein!"

So! Wie gleicht denn das Bestreben, Wahrheit und Gerechtigkeit preiszugeben, um den Widerchristen, den Götzenanbetern gleich zu werden, jener glaubensvollen betenden Versammlung in Jerusalem, die geduldig der Macht harrte, die sie von oben empfangen sollte? Was ist denn an jenem Parlament geschehen, das auch nur im geringsten an die Ausgießung des Heiligen Geistes erinnert hätte? Wozu soll die Welt bekehrt werden?

Der Methodistenprediger Dr. Bristol ging so weit zu erklären, die Christen hätten durch die Berührung mit allen orientalischen Religionen vieles gewonnen, und es werde diesen hoch angerechnet werden, zur Erfüllung der Verheißung, dass es einst einen Glauben, einen Herrn, einen Vater, eine Herde geben werde, beigetragen zu haben; Rev. Chapin bezeichnete die Orientalen als willkommene Mitarbeiter am Heil der Welt; Dr. Barrows erklärte in seinem Abschiedswort, die Protestanten hätten an diesem Parlament viel gelernt; und auf ähnliche Schlussworte des Vorsitzenden Bonney, auf das Gebet eines Rabbiners und den Segensspruch eines römisch-katholischen Bischofs antwortete fünftausendstimmig das Echo: "Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen!"

Ausblicke

Welch ein Preisgeben von Grundsätzen, Wahrheit und Treue gegen Gott bezeugten doch diese Verhandlungen! Und dies unmittelbar vor dem Anbruch jener großen Drangsal, die alle denkenden Menschen kommen fühlen und fürchten! Diese Furcht ist es, die sie an jenem Parlament zusammengehalten hat; sie suchten Schutz in ihrer Vereinigung. Sie riefen ihren verschiedenen Kirchen "Friede! Friede!" zu, "da doch kein Friede ist" (Jer. 6:14); aber sie sind nicht ernster zu nehmen als die großen "Friedens"-Kundgebungen der Flotten in Kiel. Die Zeit ist da, wo der Herr selbst den Frieden verkündigen wird, doch nicht, bis er seine Gegenwart durch den Sturmwind der Revolution und der Drangsal kundgemacht hat. - Sach. 9:10; Nahum 1:3

Das Parlament was in seinen eigenen Augen ein großer Erfolg. Es wähnte eben, die ganze unwiedergeborene Menschheit in ein religiöses Band einschließen zu können, ohne dass sie vom Irrtum und von ihren bösen Wegen lassen und das Licht unseres Herrn Jesus annehmen müsse, welche das allein wahre Licht ist. (2. Kor. 4:6; Joh. 1:9; 3:19) Es gibt "Christen", die das erhoffen und darin das glorreichste Ereignis der Geschichte zu erblicken glauben!

In unseren Augen aber ist das Parlament nur eine neue Kundmachung des Unglaubens und der Untreue der Namenchristenheit. Jes. 29:14 sagt:

"Die Weisheit seiner Weisen wird zunichte werden, und der Verstand seiner Verständigen sich verbergen"; und (Jes. 8:9, 10): "Versammelt euch, ihr Völker, und werdet zerschmettert! Und nehmet es zu Ohren, alle ihr Fernen der Erde! Gürtet (bindet) euch (zusammen) und werdet zerschmettert! Beschließet einen Ratschlag, und er soll vereitelt werden; redet ein Wort (zur Vereinigung), und es soll nicht zustande kommen"; und der Psalmist (2:1-5): "Warum sinnen Eitles die Völkerschaften? (Warum rufen sie Friede! Friede, wenn es keinen Frieden gibt?) treten auf die Könige der Erde (bürgerliche und kirchliche), und ratschlagen miteinander wider Jehova und wider seinen Gesalbten: "Lasset uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Seile!" Der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer. Dann wird er zu ihnen reden in seinem Zorn, und in seiner Zornglut wird er sie schrecken."

Wenn Gottes auserwähltes Volk des gegenwärtigen Zeitalters, das geistige Namen-Israel, wie einst Namen-Israel nach dem Fleisch, sein Wort und seine Führung verlässt und Verbindung mit Völkern sucht, die Gott nicht kennen, und die göttliche Wahrheit mit menschlichen Philosophien zu vermengen trachtet, so tut es das auf eine Gefahr hin, die es gar nicht ahnt; es würde wohl daran tun, am Schicksal seines Vorbildes zu lernen, wie Gott ihm vergelten wird!

Hier folgen einige schlimme Folgen des Parlaments, die bereits bemerkbar sind:

1. Es machte die bereits wankenden Gemüter der Namenchristenheit mit verschiedenen heidnischen Regionen bekannt, und zwar in deren idealisiertester Gestalt. Nachträglich erfuhren wir, dass Herr Virchandi R. Gandhi aus Bombay, der indischer Abgeordneter für das Parlament und Sekretär der Jainas-Gesellschaft gewesen war, wieder nach Amerika kam und Chicago als Hauptquartier gewählt hatte, um hier Propaganda für seine Anschauung zu machen. Wir lassen hier eine veröffentlichte Beschreibung seiner Absichten folgen:

"Herr Gandhi kommt nicht, um Proselyten zu machen. Der Grundsatz des Jainistischen Glaubens verbietet dies. Er kommt vielmehr, um eine Schule orientalischer Philosophie zu gründen, deren Hauptquartier in Chicago sein wird, und die Zweigstellen in Cleveland, Washington, New York, Rochester und anderen Städten haben wird. Er kommt nicht als Missionar, um die Amerikaner zu irgendeiner Form des Hinduismus zu bekehren. Seinen eigenen Gedanken gemäß ist der wahre Hinduismus Geist. Er besteht nicht in Propaganda. Er ist ein allgemeiner Geist der Liebe und der Macht, der der Verwirklichung der Brüderschaft entspricht, nicht der Brüderschaft der Menschen allein, sondern aller lebenden Wesen, welche allerdings durch alle Nationen mit dem Mund angestrebt, aber in den Gewohnheiten der Welt verleugnet wird. Dies ist im großen und ganzen der Inhalt seiner Glaubensbekenntnisse und die Grundlage, auf welcher er steht. Er ersucht die Amerikaner nicht, sich ihm anzuschließen, sondern Mitarbeiter mit ihm zu werden."

Zweifellos gewannen viele den Eindruck, dass es in religiöser Hinsicht nichts Gewisses gibt. Dies wurde sogar angedeutet durch einen syrischen Abgeordneten, Herrn Christophore Jibara, welcher sagte:

"Brüder und Schwestern in der Verehrung Gottes! In den Augen der ganzen Welt sind alle bei diesem allgemeinen religiösen Kongress vertretenen Religionen einander parallel. Jede dieser Religionen hat Anhänger, die ihre eigene anderen Religionen vorziehen, und jeder könnte einige Beweise erbringen, um andere davon zu überzeugen, dass seine Religion wertvoll und wahr ist. Aus diesen Diskussionen kann sich etwas anderes ergeben, vielleicht Zweifel an allen Religionen, oder die Annahme, dass sie alle gleich sind. Und daher mag die Achtung vor allen Religionen fallen oder abnehmen; es mag sich Zweifel gegen alle inspirierten Bücher erheben, oder es kann dazu führen, dass man allgemein nachlässig wird und an keiner bestimmten Religion mehr festhält, und viele werden dahin kommen, dass sie wegen der Unruhe in ihren Herzen und wegen der Anschauung, die in der einen Religionsform vorherrscht, ihre religiösen Pflichten vollständig vernachlässigen, gerade so, wie es bei vielen Millionen in Europa und Amerika der Fall ist. Ich denke daher, dass aus den verschiedenen Religionen ein Komitee auserwählt werden sollte, welches die Lehrsätze untersucht und einen vollständigen und vollkommenen Vergleich anstellt, so die richtige Religion feststellend, die dann dem Volk verkündigt wird."

2. Es begründete eine besondere Freundschaft zwischen der großen Babylon, der "Mutter der Huren", der "Kirche" Roms, und ihren zahlreichen Töchtern, den protestantischen Kirchen aller Schattierungen, welche sich ihrer wenig schmeichelhaften Verwandtschaft mit der Mutter-Kirche rühmen.

3. Es bedeutet einen großen Schritt weiter - andere werden folgen - in der Richtung der Verbindung der Namenkirche mit der Welt (geistliche "Hurerei").

4. Es sagte tatsächlich den Heiden, christliche Missionen seien eigentlich nicht nötig; die Christen seien über ihre eigene Religion im Zweifel; ihre heidnischen Religionen seien gut genug, wenn sie nur aufrichtig befolgt würden; das Christentum könne nur mit aller Reserve angenommen werden. Nicht umsonst haben die Heiden einen Unterschied gemacht zwischen dem "Christentum" der Namenchristenheit und dem Christentum der Bibel, und wie treffend waren oft die Vorwürfe an die Adresse des ersteren!

5. Es sagte zu der gedankenlosen Namenchristenheit: "Friede! Friede!", da doch kein Friede ist, anstatt Alarm zu blasen, wie Joel (2:1) sagt: "Stoßet in die Posaune auf Zion, und blaset Lärm auf meinem heiligen Berge! ... denn es kommt der Tag Jehovas, denn er ist nahe!" - und alle aufzufordern, sich zu demütigen unter die gewaltige Hand Gottes.

6. Es war offensichtlich eine Maßregel der Selbsthilfe seitens der führenden Geister in der Namenchristenheit, die die Drangsal dieses Tages des Herrn mit Angst herannahen fühlen; und den Anstoß zu dieser Maßregel gab die zerrissene, schwankend gewordene Presbyterianer-"Kirche". Dieser Ruf: "Friede! Friede!" unmittelbar vor dem Ausbruch des Sturms erinnert an die Weissagung (1. Thess. 5:3): "Wenn sie sagen: Friede und Sicherheit! dann kommt ein plötzliches Verderben über sie."

Kinder Gottes sollten sich durch Babylons trügerische Hoffnungen nicht blenden lassen. Gott allein ist eine sichere Zuflucht. (Psalm 91) Lasst uns noch enger als bisher uns an das Kreuz Christi, das unsere einzige Hoffnung ist, zusammenschließen! Falsche Religionen und das gefallene "Christentum" mögen den Wert ihrer Brüderschaft erproben; wir glauben nur an die Brüderschaft in Christo, die Brüderschaft derer, die allein von Christo die Erlösung erwarten, durch den Glauben an sein kostbares Blut. Andere Menschen sind nicht Kinder Gottes und werden es nicht sein, bevor sie im Glauben zu Christo kommen, der sie erkauft hat und sie vertreten will. Sie sind Kinder des Zornes, gleich wie wir waren, ehe wir zu Christo kamen (Eph. 2:3), und einige sind Kinder des Bösen, dessen Werk sie verrichten. Nachdem Gott Adam und seine Nachkommenschaft zum Tode verurteilte wegen der Sünde, betrachtete und behandelte er die Menschen nicht mehr als seine Kinder, und nur insofern sie zu Christo kommen, durch den Glauben an sein kostbares Blut, werden sie wieder als Kinder Gottes gerechnet und des Segens dieser Kindschaft teilhaftig. Demnach, wenn wir nicht mehr Kinder des Zornes sind, sondern durch Christum als Söhne Gottes anerkannt werden, so können andere Menschen, die Gott nicht als Söhne anerkennt, nicht unsere Brüder sein. Als Kinder des Lichtes lasst uns wachen und nüchtern sein (1. Thess. 5:5, 6); als Streiter des Kreuzes lasst uns tapfer kämpfen für die Wahrheit und kein anderes Evangelium annehmen, wäre es auch von einem Engel vom Himmel (Gal. 1:8) verkündigt, und lasst uns mit niemand uns verbünden, als nur mit den geweihten und treuen Nachfolgern des Lammes Gottes, welches der Welt Sünde wegnimmt.

Es sind jedoch nicht alle Christen so bereit, sich in Religionssachen mit den Heiden zu verbrüdern, wie die Vertreter der Kirchen im Religionskongress. Es fehlt nicht an Stimmen, welche von der Einsicht zeugen, dass die "Kirche" in ihrem gegenwärtigen Zustand die Welt nicht zu bekehren vermag. Folgender Auszug aus einer Nummer der "Missionary Review" bestätigt uns, dass die Kirche hinsichtlich des Werkes der Bekehrung der Welt gefehlt hat:

"Tausend Millionen Seelen, zwei Drittel der Menschheit - Heiden, Mohammedaner usw. - haben noch keine Bibel gesehen und noch nichts von einem Evangelium gehört. Für diese tausend Millionen sind weniger als zehntausend protestantische Missionare, Männer und Frauen, von den christlichen Kirchen ausgesandt worden. Tibet, fast ganz Zentralasien, Afghanistan, Belutschistan, Arabien, der größte Teil des Sudans, Abessiniens, der Philippinen, große Teile von Westchina, Ost- und Zentral-Kongo, von Südamerika und viele Inseln sind vom protestantischen Missionswerk unberührt geblieben."

In einer Flugschrift machte vor einiger Zeit Rev. James Johnston darauf aufmerksam, dass in den hundert Jahren, seit die protestantische Mission am Werke ist, sie nur drei Millionen Seelen gewonnen hat, indes die Heiden um 200 Millionen Köpfe zugenommen haben, nicht nur auf dem Wege der Bevölkerungsvermehrung, sondern weil Brahmanen, Buddhisten und Mohammedaner mit ihren Bekehrungsversuchen viel mehr Erfolg haben.

Dennoch hofft Johnston auf die Bekehrung der Welt durch die Protestanten, wenn diese nur das nötige Geld hergeben, und findet für diese Hoffnung den Beifall der "Methodist Times" und anderer Theoretiker.

Ja, eben nur Geld wird als nötig betrachtet! Wenn die Namenkirche es bei ihren Anhängern zu so viel Selbstverleugnung brächte, dass diese ein Zehntel von ihrem Einkommen oder wenigstens von ihren Ersparnissen dem Missionswerk zur Verfügung stellten, so würden sie dieses mit größeren Hoffnungen betrachten. Aber gerade darin liegt das Verzweifeltste an der trügerischen Hoffnung der Namenkirche. Es wäre leichter, die Heiden zu einem bloßen Bekennerchristentum zu bekehren, als den Geist dieser Welt in den Mitgliedern der "Kirchen" zu besiegen.

Aber wenn auch 12.000 Missionare auf einmal ins Feld gestellt werden könnten, hätten sie mehr Erfolg als ihre Amtsgenossen in Amerika? Höre doch das betreffende Zeugnis des verstorbenen bekannten protestantischen Geistlichen T. De Witt Talmage:

"O, wir haben ein glänzendes Kirchensystem in diesem Land, wir haben 60.000 Prediger; wir haben kostbare Musik; wir haben große Sonntagsschulen; dennoch muss ich Ihnen die erschreckende Statistik vorlegen, dass die Kirchen in den letzten fünfundzwanzig Jahren in diesem Land durchschnittlich je zwei Bekehrungen jährlich erreichten.

"Durchschnittlich gab es in einer Kirchengemeinde vier oder fünf Tote. Wann werden wir denn demzufolge diese Welt zu Gott gebracht haben? Wir gewinnen zwei; wir verlieren vier. Ewiger Gott! Wohin soll das führen?"

Vor einiger Zeit erörterte der Domherr Taylor von der englischen Kirche die Frage: "Sind die christlichen Missionen ein Fehlschlag?" Die Abhandlung wurde bei dem Kongress der englischen Kirche verlesen. Taylor führte darin aus, dass die mohammedanische Religion in mancher Hinsicht dem Christentum nicht nur gleichwertig sei, sondern dass sie den Bedürfnissen und Verhältnissen vieler Völker in Asien und Afrika weit besser angepasst sei, so dass das Christentum bei seinem gegenwärtigen Fortschritt niemals hoffen kann, das Heidentum zu überflügeln. Wenn man annimmt, dass unter den Heiden jährlich 11.000.000 Menschen mehr geboren werden als sterben, während unter den Christen diese Zahl 60.000 beträgt, so würden die Missionsgesellschaften 183 Jahre brauchen, um die einjährige Bevölkerungszunahme der Heiden einzuholen. Unter anderem sagte er:

"Den Sonntagsschulkindern ihre ersparten Groschen abzunehmen, angeblich, um damit die "armen Heiden" zu bekehren, während man 60.000 Dollar jährlich ausgibt für eine fruchtlose Mission in Ländern, in welchen es keine Heiden gibt, erscheint mir fast als Verbrechen - das Verbrechen, Geld zusammenzutreiben unter falschem Vorwand."

Indem er ausführte, was nach seinem Dafürhalten die Ursache des Fehlschlages der Mission sei, sagte er, dass sie sicherlich in dem Sektierertum zu suchen sei und in dem Mangel an voller Weihung für das Werk seitens der Missionare, welche sich bemühten, als Fürsten in mehr als europäischem Luxus zu leben. Er zitierte folgende Worte von D. Legge, einem Missionar von vierunddreißigjähriger Amtstätigkeit:

"Ich glaube, unsere Bekehrungsbemühungen werden so lange vergeblich sein, wie das Christentum noch durch die bitteren inneren Feindseligkeiten christlicher Sekten geschädigt wird und sich den Eingeborenen noch mit der Trunkenheit, der Verworfenheit und mit den riesenhaften sozialen Übeln, welche bei den christlichen Nationen auftreten, zeigt. Bischof Steere sagt, die beiden größten Hindernisse zum Erfolg seien die Streitigkeiten unter den Missionaren selbst und die Nebenbuhlerschaft der Gesellschaften."

Während Domherr Taylor und viele andere aber, die bei dem Religionskongress ihre Empfindungen zum Ausdruck brachten, die Kritik zum Schweigen bringen würden, indem sie uns sagen, dass die heidnischen Religionen gut genug seien und den Bedürfnissen der betreffenden Länder besser entsprächen als das Christentum, so bekommen wir doch durch den Bericht des verstorbenen Bischofs Foster von der Methodistenkirche eine weit andere Vorstellung. Bischof Foster gab nach einer ausgedehnten Weltreise das folgende Bild über den traurigen Zustand der heidnischen Finsternis:

"Nimm dir alle Bilder von Armut und Verkommenheit, die du je an einzelnen Stätten des größten Elends gesehen hast, zu Hilfe - jene traurigen Fälle, die dir Entsetzen einflößend folgten, jene traurigen Wohnungen, welche von Unflat und Schmutz erfüllt sind, stelle sie zusammen in ein Bild, das in seiner Eintönigkeit durch keinen einzigen gemäßigteren Schatten, durch keine einzige Lichtfärbung unterbrochen wird, und hänge es über die eine Hälfte deines Globusses - es wird der Wirklichkeit noch nicht gleich kommen. Du musst es vom Standpunkt völliger Hoffnungslosigkeit aus betrachten. Der hervortretendste Zug des Heidentums ist Armut. Du hast niemals Armut gesehen, die Bedeutung des Wortes Armut ist dir völlig unbekannt, denn was du Armut nennst, ist Reichtum, Luxus. Du musst dir diese Armut nicht als vereinzelt an ausnehmend elenden Stätten vorstellen, sondern allgemein als Weltteil umfassend. Lege Hunger, Nacktheit, Bestialität hinein, nimm alle Hoffnung, morgen sei es etwas besser, hinweg; fülle Asien, fülle Afrika damit, stelle dir Männer, Frauen und Kinder vor, an Zahl diejenige aller eurer großen Städte, eurer Länder und Staaten zwanzigfach übertreffend - das Bild wird der Wirklichkeit nicht gleichkommen."

Der Bischof setzt seine Ausführungen mit eindrucksvollen Worten fort. Er erinnert daran, dass diese Millionen Elender wie Tiere, ohne Gott und ohne Hoffnung in der Welt leben, dass sie nicht von einer zukünftigen Welt Besseres erwarten, und dass sie doch ebenso gut Menschen sind wie wir. Unter all diesen Millionen gibt es kein Herz, das nicht menschliches Sehnen empfände, und das nicht gereinigt und veredelt werden könnte. Viele der erwähnten Länder, die sich jetzt in ungeheurem Elend befinden, würden, hätten sie, was wir haben, unseren Ländern gleichkommen, ja, großenteils sie sogar übertreffen. Wir geben des weiteren seine eigenen Worte wieder:

"Male dir einen sternenlosen Nachthimmel aus, verhülle den weitreichenden Ausblick der Berge durch Dunkelheit, lass die Zukunft in noch tieferer und schwärzerer Nacht erscheinen, erfülle die schreckliche Düsterheit mit hungrigen Menschen, mit Männern, deren Angesichter von Kummer entstellt sind, mit sorgerfüllten Frauen, hoffnungslosen Kindern - das ist die heidnische Welt, das Volk, welches der Prophet "in Finsternis und im Lande des Todesschattens" sitzen sah, das noch kein Licht gesehen hat, das noch immer dort sitzt, während der ganzen langen, langen Nacht, auf den Morgen wartend. Tausend Millionen im Land des Todesschattens, demselben Land, in welchem ihre Väter vor fünfundzwanzig Jahrhunderten saßen, warten noch immer, nicht fähig, für ihre Bedürfnisse zu sorgen. Millionen ernähren sich von Wurzeln und Kräutern und von dem unsicheren Ertrag, den die Natur, welche der Verstand sich nicht unterworfen hat, liefern mag. Diejenigen, welche unter Regierungsformen wohnen und in halbzivilisierten Gebieten, welche Ländereien in gewisser Weise ordnen und Industrie begünstigen, verdienen täglich nicht mehr als drei Cents, womit sie sich und ihre Kinder unterhalten sollen - in Wirklichkeit nicht genug, um ein Tier damit zu unterhalten. Von ihren Tyrannen werden sie natürlich ausgebeutet. Zu Scharen wohnen sie eingepfercht in Ställen, welche für Schweine nicht passen würden; keinerlei Vorkehrung ist getroffen für ihre menschlichen Bedürfnisse. Unterdrückt durch die Tyrannei roher Gewalt werden alle menschlichen Spuren in ihnen ausgelöscht, außer einem unausrottbaren, stummen und blinden Sehnen nach etwas, sie wissen nicht, was es ist - das sind die Heiden, Männer und Frauen, unsere Brüder und Schwestern.

"Ich bezweifle nicht, dass die zahllosen Millionen in der kommenden Welt gerettet werden. Ich behaupte nicht, dass ihre Aussicht in dieser Hinsicht dadurch gebessert wird, dass wir ihnen das Evangelium bringen. Möglicherweise werden von ihnen ohne das Evangelium ebenso viele gerettet wie mit demselben."

Der Bischof erwähnte auch die Tatsache, dass von der Bevölkerung der Welt, welche auf 1.450 Millionen geschätzt wird, 1.100 Millionen Nichtchristen sind und dass viele (in der Tat fast alle) der Namenchristen entweder Heiden oder christenfeindlich sind. Er versuchte angesichts des Misslingens der Kirche hinsichtlich der Bekehrung der Welt während eines Zeitraumes von achtzehn Jahrhunderten und angesichts der Hoffnungslosigkeit des Falles, die Kirche von der Verantwortung, die sie auf sich geladen hatte, zu befreien, indem er sagte, dass diese Millionen Heiden wohl ohne Glauben an Christum gerettet werden müssen. Er befreite Gott selbst von der Verantwortung für diese Not, indem er sagte: "Gott tut sein Bestes mit der Macht, die ihm verliehen worden ist." (!!)

Die "Church Times" veröffentlichten vor einigen Jahren den Artikel eines Maori-Christen, von welchem der folgende Auszug die Ursache darlegt, weshalb die Kirche verfehlte, die Welt in nennenswertem Maße zu erleuchten. Der Brief erschien ursprünglich in einer neuseeländischen Zeitung und lautet wie folgt:

"Sie veröffentlichten vor einigen Tagen einen Bericht darüber, was sich bei einer Versammlung von Maori-Christen, die von einem Bischof der christlichen Kirche zusammengerufen wurde, ereignete. Ich war bei der Versammlung zugegen und möchte gern eine Antwort geben auf eine der Fragen, welche der Bischof uns stellte. Wir wurden gefragt: "Warum ist das Feuer des christlichen Glaubens bei den Maori-Christen meiner Diözese so gering?" Ich will Ihnen sagen, was ich für die Ursache halte. Wir Maoris werden verwirrt und befremdet durch die Art und Weise, mit welcher Sie Europäer Ihre eigene Religion behandeln. Niemand unter Ihnen scheint sich gewiss zu sein, ob die Religion überhaupt eine Bedeutung habe oder nicht. Auf Geheiß Ihrer ersten Missionare nahmen wir das an, was uns als wahre Religion bezeichnet wurde an Stelle der Religion unserer Väter, welche sie als falsch darstellten. Wir nahmen das Buch an, welches die Geschichte und die Vorschriften der "wahren Religion" enthielt, als das wahre Wort Gottes für uns, seine Geschöpfe. In ganz Neuseeland brachten wir dem Schöpfer täglich am Morgen und am Abend Anbetung dar. Wir hielten den siebenten Tag heilig, und wir nahmen Abstand von jeder Arbeit, aus Achtung vor dem göttlichen Gebot, und aus demselben Grunde schafften wir die Sklaverei und die Vielweiberei ab, obgleich wir auf diese Weise unser ganzes soziales System umstießen, unseren Edelstand arm machten und denen viel Schmerz bereiteten, welche einige der zartesten Familienbande trennen mussten. Als wir eben angefangen hatten, unsere Kinder zu erziehen zum Gehorsam gegen Gott und zur Erkenntnis des Schöpfers, kamen die Europäer in großer Anzahl in unser Land. Sie besuchten unsere Ortschaften und erschienen sehr freundlich, wir aber merkten bald, dass sie der Bibel nicht dieselbe Beachtung schenkten wie wir. Die römischen Katholiken sagten uns, sie allein wären im Besitz der richtigen Auslegung, unsere Seelen würden verloren gehen, wenn wir uns ihnen nicht anschlössen. Darauf kamen die Baptisten, welche unsere Kindertaufe lächerlich machten und uns sagten, dass wir gar keine getauften Christen seien, wenn wir nicht untergetaucht wären. Dann kamen die Presbyterianer, welche uns sagten, dass das Bischofsamt nicht schriftgemäß sei und dass wir uns einer bedeutungslosen Zeremonie unterworfen hätten, als wir uns durch Bischof Selwyn konfirmieren ließen. Schließlich kamen auch die Plymouth-Brüder, welche uns sagten, Christus habe überhaupt keine sichtbare Kirche, gar kein sichtbares Kirchenamt eingerichtet, jeder solle vielmehr sein eigener Geistlicher sein und sein eigenes Glaubensbekenntnis machen. Außer der Verwirrung, welche durch das gottlose Beispiel der meisten Europäer und durch die widerspruchsvollen Lehren der Geistlichen in unserem Geiste hervorgerufen wird, werden wir noch durch das Verhalten der Regierung verwirrt, die, während sie doch vorgibt, an dem moralischen Gesetz der Bibel festzuhalten, als wir machtlos wurden, nicht zögerte, feierliche Versprechen zu brechen, welche uns zu einer Zeit gegeben worden waren, da wir zahlreicher und mächtiger waren als die Europäer. Groß war unsere Überraschung, als das Parlament, welches sich nicht aus unwissenden Menschen niedriger Geburt zusammensetzte, sondern aus europäischen Herren, welche sich Christen nannten, die Bibel aus den Schulen verbannte. Während es die Lehrer anwies, die neuseeländischen Kinder in allen Zweigen der Wissenschaft fleißig zu unterrichten, sagte es ihnen bei keiner Gelegenheit, sie sollten etwas über die christliche Religion, über Gott und sein Gesetz, lehren. Mein heidnischer Lehrer hatte mich gelehrt, die unsichtbare Macht zu fürchten und zu verehren, und meine Eltern lehrten mich, bei allen meinen Handlungen dem Atuas Gehorsam zu leisten, der mich sonst bestrafen würde. Meine Kinder aber werden in den Schulen dieses jetzt christlichen Landes nicht gelehrt, einem Wesen Achtung zu erweisen, welches über dem Polizisten steht oder einen Richter zu fürchten, der noch über dem Friedensrichter steht.

"Wenn der christliche Bischof uns wieder einmal fragen sollte, weshalb wir so wenig Glaubensfeuer besitzen, so gedenke ich ihm zu antworten, er solle uns doch erst einmal sagen, weshalb dies denn bei seinem eigenen Volk der Fall ist. Wir hätten geeignete Worte anführen können aus dem Buche, welches das englische Volk für jeden Menschen - nur nicht für sich selbst - als Lebensregel annehmen und als Gottes Wort verehren will, nämlich: "Arzt, hilf dir selbst."

"Können unwissende Maori-Christen getadelt werden, weil sie lauwarm sind im Dienste Gottes, dessen Existenz der Aussage eines Geistlichen gemäß in der Christenheit niemand nachweisen kann? Manchmal denke ich, meine Kinder hätten mehr Aussicht gehabt, ehrenwerte Männer und Frauen und glücklich zu werden, wenn die Zeit kommt, da sie in die unsichtbare Welt eingehen und ihren Schöpfer treffen sollen, wenn ich mit dem ersten Maorikönig (Potatu), ehe ich ein offenes Bekenntnis zu Ihrer Religion ablege, gesagt hätte: "Sie sollten erst unter sich ausmachen, was Religion eigentlich ist." Ich glaube, dass der wahre Glaube an die unsichtbare, geistige Welt, den meine Väter hatten, besser ist als der Scheinglaube, den wir auf Anraten des europäischen Volkes mit ihm vertauschten.

Hochachtungsvoll Tangata Maori."

Folgender Auszug aus einem Artikel der "North American Review", der von Wong Chin Foo, einem gebildeten Chinesen, einem Studenten einer neuenglischen Hochschule stammt, zeigt ähnliche Gründe, weshalb die Religion der Väter dem Christentum vorgezogen wurde. Wong Chin Foo sagte folgendes:

"Als Heide geboren und erzogen, erlernte ich unser moralisches und religiöses Gesetzbuch, und ich handelte danach. Dadurch war ich mir selbst und anderen zum Nutzen. Mein Gewissen war rein, und meine Hoffnungen hinsichtlich der Zukunft waren nicht verdunkelt durch ablenkende Zweifel. Mit dem Alter von siebzehn Jahren wurde ich jedoch in Ihre gerühmte christliche Zivilisation versetzt, und in dieser Periode, wo man so empfänglich ist, stellte sich das Christentum mir in dem glänzendsten Lichte dar. Liebenswürdige, christliche Freunde nahmen sich meiner materiellen und religiösen Wohlfahrt an, und ich war nur zu willig, die Wahrheit zu erfahren. Ich wurde überredet, mein Leben der christlichen Mission zu weihen. Ehe ich dieses hohe Amt antrat, musste ich aber die christliche Lehre, welche ich verbreiten wollte, selbst erlernen, und nun wurde ich durch die Zahllosigkeit der christlichen Sekten beunruhigt. Jede behauptete, allein den richtigen Pfad zum Himmel zu wissen.

"In den Presbyterianismus blickte ich nur, um zurückzuschaudern vor dem Glauben an einen so unbarmherzigen Gott, der die meisten des hilflosen Menschengeschlechtes zu einer ewigen Qual im voraus bestimmte. Wenn ich so etwas intelligenten Heiden predigen würde, so würden diese an der Gesundheit meines Verstandes zweifeln, wenn sie mich nicht für einen Lügner halten würden. Dann untersuchte ich die baptistischen Lehren, fand hier aber so viele Sekten, die sich nicht einig waren über den Nutzen der Einführung durch kaltes Wasser und über Zeit und Methode hinsichtlich der Durchführung derselben, dass mich diese Geringfügigkeiten anekelten. Die Streitigkeiten über das Abendmahl erweckten in mir den Eindruck, dass einige mit ihrem Brot und Wein sehr geizig waren und andere etwas weniger. Der Methodismus berührte mich wie eine Donner- und Blitz-Religion, lauter Bekenntnis und Geräusch. Die Kongregationalisten stießen mich ab durch ihre Steifheit und ihr Selbstbewusstsein hinsichtlich wahrer Frömmigkeit. Der Unitarianismus schien mir aus lauter Zweifeln zu bestehen, er schien sich selbst anzuzweifeln. Die Prüfung einer Anzahl christlicher Sekten, die auf Überspanntheiten basierten, achtete ich als Nichtchrist nicht der Mühe wert. In einem Punkt stimmte aber die Masse der protestantischen Abzweigungen überein, und zwar in dem vereinten Hasse gegen den Katholizismus, der älteren Form des Christentums. Der Katholizismus erwidert seinerseits diesen Hass mit Zins und Zinseszinsen. Hochmütig erklärte er sich einfach als die einzig wahre Kirche, außerhalb derer es keine Errettung gibt - besonders für Protestanten nicht, und dass ihr Oberhaupt der persönliche, unfehlbare Stellvertreter Gottes auf Erden sei. Hier war religiöse Einigkeit, Macht und Autorität mit einer Rache. Meine protestantischen Freunde warnten mich aber einstimmig vor dem Katholizismus, der schlimmer sei als Heidentum, dem stimmte nun auch ich wieder zu. Dasselbe Argument überzeugte mich aber auch davon, dass der Protestantismus zu derselben Kategorie gehört. In der Tat, je mehr ich das Christentum in seinen verschiedenen Formen, von denen eine die andere bekrittelt, erforschte, um so mehr erschien es mir als "ein tönendes Erz und eine schallende Zimbel."

"Nennen Sie uns Heiden, wenn Sie das wollen, die Chinesen sind in sozialer Hinsicht Ihnen doch noch überlegen. Unter vierhundert Millionen Chinesen gibt es während eines Jahres weniger Morde und Diebstähle als im Staate von New York. Es ist wahr, China unterhält einen luxuriösen Monarchen, dessen Launen man willfahren muss, trotzdem gibt es kein Volk in der Welt, welches so wenig Steuern zu bezahlen braucht, wie das chinesische. Wir brauchen nur in Form von Bodenerträgen, Reis und Salz zu zahlen, und dennoch hat China nicht einen Dollar Nationalschulden.

"Die Christenheit ist immer stolz auf ihre Religion. Es werden große Kirchen gebaut und lange Gebete gehalten, und doch gibt es in einer einzigen Kirchengemeinde von tausend Seelen in New York mehr Verderbtheit als unter einer Million Heiden, die keine Kirchen besitzen, und denen nicht gepredigt wird. Die Christen sprechen lang und breit darüber, wie man gut und wohltätig sein sollte. Es ist alles nur Wohltätigkeit und keine Brüderlichkeit: Hier, Hund, nimm deine Kruste und sei dankbar! Ist es denn darum ein Wunder, dass es während eines Jahres im Staate New York mehr Herzzerbrechen und Selbstmorde gibt als in ganz China?

"Der Unterschied zwischen Heiden und Christen besteht darin, dass der Heide das Gute tut um des Guten willen. Der Christ tut das wenige Gute, das er vollbringt, um der zeitlichen Ehre und um der zukünftigen Belohnung willen; er leiht dem Herrn und fordert es mit Zinsen zurück. In der Tat, der Christ ist ein würdiger Erbe seiner religiösen Vorfahren. Der Heide tut viel und spricht wenig darüber, der Christ tut wenig, wenn er aber etwas tut, muss es in die Zeitung kommen und schließlich auch auf seinem Grabstein stehen. Liebe den Menschen um des Guten willen, das er dir tut, das ist ein praktischer christlicher Gedanke, nicht um des Guten willen, das du ihm tun solltest aus Christenpflicht; so lieben die Christen die Heiden; ja, die Besitztümer der Heiden lieben sie, und im Verhältnis zu letzteren wächst die Liebe der Christen ins Unermessliche. Als den Engländern nach dem chinesischen Gold und Handel gelüstete, sagte er, er wünsche "Chinas Tore der Mission zu öffnen." Der Opiumhandel war seine Hauptmission, ja, war seine einzige Mission, nachdem er einmal die Öffnung der Tore Chinas erzwungen hatte. Dieses Unheil, welches die Christen über die Chinesen gebracht haben, ließe sich in 200 Jahren nicht wieder gut machen. Auf Euch Christen und auf Eure Geldgier legen wir die Verantwortung für dieses Verbrechen. Millionen und Millionen ehrsamer, nützlicher Männer und Frauen habt ihr nach einem elenden Leben in einen vorzeitigen Tod gesandt, oder zum mindesten einem physischen und moralischen Niedergang ausgeliefert. Diesen großen nationalen Fluch haben Sie mit der Spitze Ihrer christlichen Bajonette über uns gebracht! Und Sie wundern sich noch darüber, dass wir Heiden sind? Der einzige Eindruck, den die Christen auf die Heiden gemacht haben, ist der, dass sie ihre Religion, ihre Grundsätze, ihre Ehrenhaftigkeit preisgeben, wenn es Gold einbringt, und nun kommen sie und sagen salbungsvoll zu den armen Heiden: Ihr müsst unseren Glauben annehmen, wenn ihr euer Seelenheil schaffen wollt! ...

"Tue anderen, was du wünscht, dass man dir tue", oder: "Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst", ist das große göttliche Gesetz, bei den Christen wie auch bei den Heiden, aber die Christen ignorieren es. Darum bleibe ich Heide, der ich bin; ich lade die Christen Amerikas allen Ernstes zum Konfuzianismus ein."

Der folgende ähnliche Fall wurde durch die Presse berichtet von einer indischen Frau, Pundita Rumabai, die Boston vor einigen Jahren besucht hatte und sich nun anschickte, nach Indien zurückzukehren, um den Frauen der vornehmen Kaste in Indien das Evangelium zu verkünden. Als sie gefragt wurde, welcher christlichen Gemeinschaft sie angehöre, wurde es ihr nicht leicht zu antworten. Ein Zeitungsberichterstatter hatte ihr die Frage gestellt. Sie gab folgende Antwort:

"Ich gehöre zur allgemeinen Kirche Christi. Ich habe gute Baptisten, Methodisten, Bischöfliche und Presbyterianer getroffen, und jeder erzählte mir etwas von der Bibel. So halte ich es für am besten, selbst dorthin zu gehen, und ich finde auch, dass dies das Beste ist, was ich tun kann. (Ein weiser Entschluss.) Ich finde dort Christum, den Heiland der Welt, und ihm schenke ich mein Herz. Ich wurde, als ich in England war, getauft, und ich pflege Gemeinschaft mit allen Christen, die mir dies gestatten. Ich bekenne mich zu keiner besonderen Gemeinschaft, ich möchte vielmehr einfach als Christin nach Indien zurückkehren. Mir scheint, dass das Neue Testament ein völlig hinreichendes Glaubensbekenntnis ist. Ich glaube, was der Heiland uns gesagt hat, dass Gott ein Geist, Licht und Liebe ist, dass er das Universum erschuf, erleuchtet und erhält, dass er Jesum, den Apostel unseres Glaubens, sandte, damit er der Heiland und der Führer seiner Kinder würde, die große Gabe Gottes durch Christum; dass es nur eine Kirche gibt, und dass alle, welche Christum anerkennen, Glieder dieser Kirche sind. Ich glaube, dass mir alles verliehen werden wird, dessen ich bedarf, und ich bete ernstlich darum, dass Gott mir Gnade zuteil werden lassen möge, die Wahrheit ernstlich zu suchen und ihr zu folgen und seinen Willen zu tun. In Boston sagte man mir, ich sei Unitarierin, ich sagte, dass ich dies nicht sei. Ich bin auch keine Trinitarierin, ich bin ganz einfach Christin, und was meine Religion lehrt, ist das Neue Testament."

Die Bekehrten in Japan offenbaren einen ähnlichen Geist. Ihr edler Wandel gereichte einerseits den nominellen Kirchen mit ihren Glaubensbekenntnissen zu schwerem Tadel, andererseits bestätigte er in einer prächtigen Weise die Macht des Wortes Gottes. Über ihren Standpunkt hinsichtlich der Glaubensbekenntnisse der Namenchristenheit und ihren Entschluss, sich nur an die Bibel zu halten, bringt der folgende veröffentlichte Bericht Mitteilung:

"Als das japanische Kaiserreich dem amerikanischen Handel geöffnet wurde, waren die amerikanischen Kirchen geschäftig, für ihre verschiedenen Glaubensbekenntnisse in diesem Land Proselyten zu machen. Die ausgesandten Missionare fanden, dass ihre Trennung ein wirksames Hindernis zum Erfolg sein würde, und sie beschlossen, ihre Streitigkeiten beiseite zu lassen und vereint nur für die Seelen zu wirken, indem sie nur Gott und den für die Sünden gekreuzigten Christus verkündigten, bis sie festen Fuß gefasst haben würden. Das Werk hatte so großen Erfolg, dass man im Jahre 1873, als die heimatlichen Missionsanstalten mit Geschrei für ihre Sekten die Ernte verlangten, beschloss, die Beute aufzuteilen.

"Als aber die Täuschung den Bekehrten in sorgsamer Weise vorgelegt wurde, entstand eine unerwartete Schwierigkeit. Die japanischen Christen versammelten sich und verfassten eine Bittschrift, in der sie darlegten, dass sie in Christo Jesu Freude und Frieden und Gerechtigkeit gefunden hätten, und sie erhoben Einspruch dagegen, dass sie nun im Widerspruch zum Worte und Geiste Gottes getrennt werden sollten. Sie baten die Missionare, welche ihnen so bejammernswerte Zustände, die in Amerika herrschten, bekannt hatten, dorthin zurückkehren und die Evangelisation Japans ihnen selbst (den christlichen Japanern) zu überlassen.

"Exemplare dieser Bittschrift wurden den verschiedenen Missionsanstalten, die die Missionare unterhalten und beaufsichtigt hatten, übersandt, und Agenten wurden ausgesandt, um zu untersuchen und zu berichten. Einer dieser Agenten, dessen Brief in der Zeitung "The Independent" veröffentlicht wurde, sagt über die kürzlich aus heidnischer Finsternis Befreiten: "Die einfältige Freude über die Errettung übersah bei ihnen alle anderen Erwägungen", und "es wird noch viele Jahre dauern, bis sie in die Feinheiten der Lehrunterschiede, welche die Christenheit trennen, eingeführt werden können." Gleichwohl beharrten diejenigen, bei welchen die "anderen Erwägungen" die "Freude über die Errettung" übersahen, und die die Liebe Gottes ausschalteten, in ihrem Trennungswerk. Der Geist trieb, wie er es immer tut, so auch die aufrichtigen Seelen in Japan dazu, sich nur im Namen Jesu zu versammeln. Die größte Schwierigkeit bei dem Werk der sektiererischen Mission liegt darin, die Bekehrten in "die Feinheiten der Lehrunterschiede, welche die Christenheit trennen, einzuführen." Sehr wenige Anhänger irgendwelcher Sekten sind auf solche Weise eingeführt. Sie sind von Vorurteil eingenommen und überführt durch andere Erwägung als durch wahre Überzeugung. Ein sehr geringer Prozentsatz von Christen hat ein einsichtiges Urteil über Glaubensbekenntnisse und die Unterschiede, durch welche sie von anderen Sekten getrennt werden."

So denken und fühlen intelligente Heiden angesichts der Verwirrung in der Lehre der "Namenchristenheit". Aber wir sind froh zu wissen, dass dennoch nicht alle Arbeit christlicher Mission an den Heiden umsonst war; dass hier und dort der Same göttlicher Wahrheit in aufrichtige Herzen gefallen ist und dort Früchte der Gerechtigkeit erzeugt hat. Solche Früchte sind aber nicht den Glaubensbekenntnissen, sondern dem Wort und Geist Gottes zuzuschreiben, der trotz aller Verwirrung wirkt. Der Herr bezeichnete das Alte und Neue Testament als seine zwei Zeugen (Offb. 11:3), und die sind es, die ihr Zeugnis zu allen Völkern gebracht haben.

Dafür, dass die Heiden Anschluss an die verschiedenen christlichen "Kirchen" suchen, haben wir kein Anzeichen; wohl aber sagt das sichere Wort der Weissagung, dass die verschiedenen protestantischen Kirchen einen Bund machen und sich alsdann mit der katholischen Kirche verbünden werden, ohne in ihr aufzugehen. Protestantismus und Katholizismus sind die beiden Enden der kirchlichen Himmel, die, wenn ihre Verwirrung zunimmt, zusammenrollen werden wie ein Buch (Jes. 34:4; Offb. 6:14), um sich zu schützen, getrennte Rollen, und doch so nahe wie möglich aneinander.

Dies scheint den Protestanten so wünschenswert, dass sie alles dem zuliebe preiszugeben sich bereit zeigen, indes das Papsttum eine scheinbar versöhnliche Haltung einnimmt. Jeder denkende Beobachter bemerkt dies und jeder, der in der Geschichte bewandert ist, kennt den verwerflichen Charakter des großen antichristlichen Systems, das jetzt aus dem Zwiespalt der Protestanten Nutzen zu ziehen hofft, namentlich in den Vereinigten Staaten. Wiewohl es sich stärker fühlt als der zersplitterte Protestantismus, so fürchtet es doch die herannahende Krisis und sucht daher nach Verbindung mit dem Protestantismus und mit der weltlichen Macht.

Der folgende Auszug aus einem Artikel von Walter Elliot, New York City, der in einer Zeitung erschien und bei dem kolumbischen katholischen Kongress im Jahre 1893 verlesen wurde, zeigt, dass die katholische Kirche von der gegenwärtigen Verwirrung des Protestantismus Nutzen zu ziehen beabsichtigt. Der Artikel lautete unter anderem:

"Der Verfall des dogmatischen Protestantismus ist unsere Gelegenheit. Vor unseren Augen gehen Konfessionen und "Glaubensbekenntnisse" und "Schulen" und "Bekenntnisse" in Stücke. Große Männer erbauten sie, und kleine vermögen sie niederzureißen. Diese neue Nation (die Vereinigten Staaten) kann nur mit Geringschätzung auf eine Einrichtung (Protestantismus) blicken, die kaum doppelt so lange besteht, wie sie (die Nation) selbst, und die doch schon abgelebt ist. Sie kann nur mit Ehrfurcht auf die Einrichtung (die römisch-katholische Kirche) blicken, durch deren Zeitraum diese große Republik ihren Lauf fast zwanzigmal hätte machen können. Ich sage Ihnen, dass die Kraft der nationalen Jugend sich wundern muss über die Frische der alten (römisch-katholischen) Kirche, und dass sie dieselbe bald als göttliche begrüßen muss. Die Lehren des älteren Protestantismus verwelken im Geiste des Volkes, oder sie werden abgeschüttelt."

Papst Leo XIII: setzte in einem Hirtenbrief römischen Katholiken, die für die Bekehrung der Protestanten zur römischen Kirche beten würden, eine Belohnung aus, die darin bestehen sollte, dass sie für eine Zeit vom Fegefeuer befreit würden. Von seinem Hirtenbrief war ein Teil an die Protestanten gerichtet. Wir führen einen Auszug davon an:

"Mit brennender Liebe wenden wir uns nun an das Volk, welches in vergangener Zeit unter dem Einfluss außergewöhnlicher Zuckungen die Brust der katholischen Kirche verließ. Mögen sie doch den vergangenen Wechsel vergessen, ihren Geist über menschliche Dinge erheben und, nur nach Wahrheit und Errettung dürstend, die wahre, durch Christum gegründete Kirche betrachten. Wenn sie dann ihre eigenen Kirchen mit dieser vergleichen werden und sehen, in welche Lage sie ihre Religion gebracht hat, werden sie bereitwillig zugeben, dass die Ebbe und Flut des Wechsels sie, als sie die vergangenen Urüberlieferungen über gewisse bedeutsame Punkte vergessen haben, in die neuen Dinge getragen hat.

"Wir wissen sehr wohl, wie lange und mühevolle Arbeiten notwendig sind, um die neue Ordnung der Dinge, welche wir gern errichtet sähen, herbeizuführen, und manche mögen vielleicht denken, wir seien zu hoffnungsfreudig, indem wir Idealen folgen, die eher nur zu erhoffen als zu erwarten seien. Wir aber setzen alle unsere Hoffnung und unser ganzes Vertrauen auf Jesum, den Heiland des Menschengeschlechtes, indem wir uns erinnern, wie viel einst durch die sogenannte Torheit des Kreuzes und der Predigten der weisen Welt gegenüber vollbracht wurde. Insbesondere bitten wir die Fürsten und Herrscher im Namen politischer Voraussicht und der Besorgnis um das Wohlergehen ihrer Völker, unsere Pläne unparteiisch zu beurteilen und sie durch ihre Autorität und ihre Gunst zu unterstützen. Sollte auch nur ein Teil der erwarteten Früchte zur Reife gelangen, so würde der Segen bei dem gegenwärtigen schnellen Sturz der Dinge und bei der vorherrschenden Unruhe, zu der noch die Furcht um die Zukunft kommt, kein geringer sein.

"Die letzten Jahrhunderte ließen Europa von Unglück geschwächt zurück, und noch immer zittert der Weltteil von den Zuckungen, welche ihn erschütterten. Könnte das Jahrhundert, welches jetzt zu Ende geht, dem Menschengeschlecht nicht als Erbteil einige wenige Bürgschaft für Eintracht geben, sowie die Hoffnung auf den großen Segen, den die Einheit des christlichen Glaubens verheißt?"

Es kann nicht geleugnet werden, dass der Hang des Protestantismus nach Rom besteht. Dies war der wirkliche Grund dafür, dass bei dem Religionsparlament der Katholizismus die Hauptrolle spielen durfte, und alle, welche Interesse bekunden für die protestantische Union, drücken den Wunsch aus, dass man Verbindung, wenn nicht Vereinigung, mit dem Katholizismus sichern sollte. Im presbyterianischen Glaubensbekenntnis wird das Papsttum als der Antichrist bezeichnet. Dies ist nunmehr anstößig geworden und soll daher geändert werden.

Folgender Brief, den ein methodistischer Geistlicher über die Kirchen-Union an Kardinal Gibbons schrieb, zeigt diese Neigung der Protestanten sehr deutlich:

"Geehrter Herr Kardinal! Zweifellos ist Ihnen die Tatsache bekannt und auch für Sie von Interesse, dass unter den protestantischen Kirchen eine Bewegung nach Wiedervereinigung bemerkbar ist. Wenn eine Wiedervereinigung stattfinden soll, warum sollte sie dann nicht auch die katholische Kirche umfassen? Hat nicht die katholische Kirche irgendwelche Grundlage vorzuschlagen, auf welche wir uns alle stellen können? Kann sie uns nicht mit Konzessionen entgegenkommen, welche zeitweilige sein mögen, wenn sie glaubt, wir gehen irre, bis wir Christum und seinen Plan in vollkommenerer Weise verstehen lernen?

"Eines weiß ich gewiss, nämlich, dass ich persönlich mehr und mehr dazu neige, das Gute, das sich in allen Zweigen der Kirche Christi befindet, zu achten, und ich weiß, dass ich in dieser Hinsicht nicht allein stehe. Ergebenst

Geo. W. King, Oberpfarrer der Meth. Engl. Kirche."

Der Kardinal erwiderte darauf folgendes:

Kardinal-Residenz, Baltimore.

"Ehrw. Geo. W. King. Geehrter Herr! Gestatten Sie mir in Erwiderung Ihnen auf Ihren Brief zu sagen, dass Ihre Bestrebungen hinsichtlich der Vereinigung der Christenheit allen Lobes wert sind.

"Diese Vereinigung würde nur ein Bruchstück sein, wenn die katholische Kirche ausgeschlossen würde. Es würde dies auch unmöglich sein, denn es kann keine Vereinigung geben ohne sichere Grundlage der Heiligen Schrift, und diese ist zu finden in der Anerkennung Petri und seines Nachfolgers als sichtbares Haupt der Kirche.

"Es kann keine festgegründete Regierung ohne Oberhaupt geben, weder im bürgerlichen, im militärischen, noch im kirchlichen Leben. Jeder Staat muss seinen Regenten haben, jede Stadt ihren Bürgermeister oder ihr Stadtoberhaupt mit irgendwelchem Titel. Wenn nun die Kirchen der Welt Ausschau halten nach einem Oberhaupt, wo werden sie dann ein solches finden, welches Autorität besitzt, wenn nicht im Bischof von Rom? - gewiss nicht in Konstantinopel oder in Canterbury.

"Was nun die Vereinigungsbedingungen anbetrifft, so würden diese einfacher sein, als man allgemein annimmt. Die katholische Kirche hält an allen positiven Wahrheiten fest, die die protestantischen Kirchen besitzen, und die Annahme des Papstes als rechtliches Oberhaupt würde den Weg zur Annahme ihrer anderen Lehren ebnen. Sie sind uns näher, als Sie selbst meinen. Der Kirche werden viele Lehren zugeschrieben, welche sie in Wirklichkeit verwirft.

In Christo der Ihrige, J. Kard. Gibbons."

Als Erwiderung wurde der folgende Brief geschrieben, der auch auf Einwilligung beider Herren im Interesse der erwünschten Union veröffentlicht wurde:

"Geehrter Herr Kardinal! Ihre Erwiderung habe ich mit Interesse gelesen. Darf ich nun vielleicht fragen, ob es nicht weise und wertvoll wäre für die katholische Kirche, den protestantischen Kirchen eine mögliche Grundlage der Vereinigung (eine Beschreibung des Gegenstandes in genügenden Einzelheiten) bekannt zugeben? Ich weiß, wie sehr die methodistische Kirche, und in der Tat die ganze christliche Kirche, von vielen missverstanden wird, und ich halte es für mehr als möglich, für ganz sicher, dass auch die katholische Kirche in ähnlicher Weise von vielen missverstanden und falsch beurteilt wird. Könnte die katholische Kirche diese Missverständnisse nicht richtig stellen, in weitgehendem Maße wenigstens, und würde dies die gewünschte Vereinigung nicht beschleunigen?

"Ich halte die gegenwärtige getrennte Lage der Christenheit für töricht, beschämend und unvorteilhaft, und ich habe nichts einzuwenden gegen einen autorischen Mittelpunkt unter gewissen Begrenzungen und Beschränkungen.

Hochachtungsvoll grüßend

Geo. W. King."

Die Empfindungen der Gesellschaft junger Leute mit christlichen Bestrebungen der römischen Kirche gegenüber wurden bei ihrer jährlichen Zusammenkunft in Montreal im Jahre 1893 klar gezeigt. Unter den Delegierten war ein berühmter Hindu aus Bombay, Rev. Karmarkar, der sich zum protestantischen Christentum bekehrt hatte. Er sagte unter anderem vor dem Kongress aus, dass der Katholizismus für das Missionswerk in Indien ein großes Hindernis bedeute. Diese Aussage begegnete in der Zusammenkunft offenbarem Unwillen, und als in der katholischen Zeitung der Gegenstand aufgenommen, und sie die Aussage des Hindus mit einem zornigen Kommentar veröffentlichte, wurde eine folgende Sitzung durch katholischen Mob zerstört. Der Vorsitzende des Kongresses bemühte sich, die Wut des Mobs zu stillen, indem er inmitten der Versammlung aufstand und erklärte, die Delegierten seien nicht verantwortlich für das, was Herr Karmarkar gesagt habe. So ließ er den Gast allein die Heftigkeit der Wut tragen, weil dieser den Mut besessen hatte, die Wahrheit zu sagen. Offenbar war Herr Karmarkar bei dieser Zusammenkunft der einzige Protestant, der nicht das Tier fürchtete, noch es anbetete. (Offb. 20:4) Wie "The American Sentinel" vom August 1893 berichtet, lauteten seine Worte wie folgt:

"Es besteht eine bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen dem katholischen Gottesdienst und dem der Hindus. Der Katholizismus ist nur eine neue Etikette auf der alten Flasche, die das tödliche Gift des Heidentums enthält. Oft fragen uns die Hindus, wenn sie den katholischen Gottesdienst sehen: "Was besteht denn für ein Unterschied zwischen Christentum und Hinduismus?" Wir haben in Indien nicht nur gegen das vielköpfige Ungeheuer Götzendienst zu kämpfen, sondern auch gegen den Octopus (= Teufelsfisch mit acht Armen) Katholizismus."

Zu den wenigen Stimmen, die sich zur Verteidigung des Hindus erhoben, gehörte die folgende Resolution, die von einer nationalen Versammlung von Bürgern Bostons gefasst und von einer zweitausendköpfigen Menge einstimmig angenommen worden war:

"Während bei der gegenwärtig tagenden Sitzung der Christlichen Bestrebung Herr Rev. Karmarkar klar und wahrheitsgemäß sagte, dass das Hindernis zum Fortschritt des Christentums in Indien der demoralisierende Einfluss der katholischen Kirche sei, wodurch der Herr sich die Feindschaft der Katholiken zuzog, welche sich bemühten, bei einem protestantischen Kongress die Redefreiheit durch aufrührerische Handlungen zu stören, haben wir beschlossen, zum Ausdruck zu bringen, dass wir, protestantische Bürger Bostons, dem Herrn Rev. Karmarkar völlig zustimmen, da er kühn die Tatsachen ausgesprochen hat, und wir aufs tiefste bedauern, dass eine Gesellschaft von Christen sich bemühte, die Katholiken zu beruhigen, indem sie augenscheinlich einen Mann Gottes, weil er die Wahrheit gesagt hat, tadelte, sowie auch, dass ein Exemplar dieser Resolution den täglichen nationalen Zeitungen und Herrn Rev. Karmarkar übersandt werde."

Dass die Vereinigungstendenz das Bedürfnis zur Ursache hat, sich angesichts drohender Gefahren zusammenzuschließen, erhellt aus den Bestrebungen, welche in den Vereinigten Staaten gemacht werden, die Katholiken dafür zu gewinnen, dass sie zur sogenannten Sonntagsgesetzgebung stimmen. Der "Christliche Staatsmann", das Hauptorgan dieser Bestrebung, schrieb diesbezüglich:

"Die Zeit ist noch nicht gekommen, da die katholische Kirche mit anderen Kirchen Hand in Hand zu gehen bereit ist, aber die Zeit ist gekommen, da man sich nach Verbündeten umsehen und freudig jede Mitwirkung annehmen muss, in welcher Form sie sich auch biete. Das ist eines der Erfordernisse der gegenwärtigen Lage der Dinge."

Dasselbe Blatt fordert die Regierung der Vereinigten Staaten auf, jede Religion zu verfolgen, welche mit den Vorschriften der göttlichen Moral in Widerspruch stände.

Ja, "die Erfordernisse der gegenwärtigen Lage" drängen die geistlichen Gewalten in der Namenchristenheit in recht sonderbare Lage, um zu erkennen, dass das Rad des religiösen Fortschrittes rückwärts gedreht wird, und es mit der Religionsfreiheit über kurz oder lang ein Ende hat.

Während so in Amerika die "Kirche" beim Staat oder durch Zusammenschluss aller Sekten Schutz sucht, ist es in Europa gerade umgekehrt. Da empfinden vorab die bürgerlichen Mächte ihre Unsicherheit und suchen deshalb die Unterstützung der "Kirche". In Amerika sieht die dahinschwindende "Kirche" bittend zum blühenden Staat auf; in Europa suchen die wankenden Throne einen Stützpunkt im Einfluss, den die "Kirche" über die Völker haben sollte.


So traurig sieht es zur Zeit mit dem großen System aus, das gegenwärtig zum Gericht angesichts der ganzen Erde versammelt ist, in jenem System, das sich "Christenheit" nennt, aber von Christo verleugnet und treffend "Babylon" (Verwirrung) genannt wird. Das sollte das Reich Gottes auf Erden sein? Haben die Propheten von diesem ein solches Bild entworfen? Wird der große Fürst des Friedens von Land zu Land ziehen und die Nationen bitten, seine Macht und sein Recht anzuerkennen? Wird er seine Untertanen bitten, mit dem letzten Aufgebot ihrer schwindenden Kräfte seinen wankenden Thron zu stützen? Nein, mit Würde und eigener Kraft wird er, wenn seine Zeit gekommen ist, seine große Gewalt an sich ziehen und seine glorreiche Herrschaft beginnen, und wer wird ihn auf dem Wege hindern können?

So werden denn zur Zeit die Interessen aller bestehenden Gewalten, der weltlichen und der geistlichen, der Reichen und Großen und Mächtigen, der Kön., der Staatsmänner und Vornehmen und Geistlichen, der Kapitalisten und ihrer "Ringe" unentwirrbar verknüpft. Jetzt ist der Streit noch ein Kampf der Ideen, der die kommende Krisis einleitet. Die geistlichen Gewalten nähern sich untereinander, und die "Himmel" rollen sich zusammen wie ein Buch; aber "während sie wie Dornen verflochten werden (denn es kann keine friedliche und erfreuliche Verwandtschaft von freiheitsliebenden Protestanten und dem tyrannischen Geist des Papsttums geben), und während sie trunken sind, wie Trunkene (berauscht von dem Geist der Welt, dem Wein Babylons), werden sie wie dürre Stoppeln völlig verzehrt werden" (Nahum 1:10), in der schrecklichen Drangsal und Anarchie, welche nach dem Worte Gottes der Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches unmittelbar vorangehen muss.


Wir sind nicht der Ansicht, dass alle Christen zu Babylon gehören. Im Gegenteil! Mit dem Herrn erkennen wir in Babylon einige an, die dem Herrn treu geblieben sind. Zu diesen sagt er: "Gehet aus von ihr, mein Volk." (Offb. 18:4) Und wir leben des frohen Glaubens, dass es auch heute noch Tausende gibt, die ihre Knie nicht gebeugt haben vor Baal, vor dem Mammon, dem Hochmut, der Ehrsucht. Einige davon sind bereits dem Befehl, aus ihr auszugehen, gefolgt, die übrigen werden jetzt in diesem Stücke geprüft, ehe die Plagen über Babylon hereinbrechen. Diejenigen, welche sich selbst, Ansehen bei den Menschen, äußerliches Gedeihen, mehr lieben als den Herrn und Menschensatzungen höher schätzen als das Wort Gottes, werden nicht aus Babylon herauskommen, bevor es fällt, und diese sind es, die durch die große Trübsal kommen (Offb. 7:9,14) und am Königreich nicht teilhaben werden. - vergleiche Offb. 2:26; 3:21; Matth. 10:37; Mark. 8:34, 35; Luk. 14:26, 27

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Studie 7

Versammlung der Nationen und Zubereitung der Elemente für das große Feuer des Zornes Gottes

Wie und warum die Nationen versammelt werden. - Die sozialen Elemente bereiten sich für das Feuer zu. - Aufhäufung von Schätzen. - Zunahme der Armut. - Soziale Reibung führt zur Feuersbrunst. - Zu harte Verurteilung der Reichen. - Selbstsucht und Freiheit. - Gegenwärtige Verhältnisse können nicht andauern. - Frauenarbeit. - Vernünftige und unvernünftige Ansichten der Arbeiter. - Angebot und Nachfrage. - "Die gelbe Gefahr." - Die Arbeiterfragen in England. - Die prophetischen Worte des Ministers Chamberlain. - Liebknecht über den sozialen und industriellen Kampf in Deutschland. - "Riesen in diesen Tagen." - "Trusts" und andere Verbindungen. - Sklaverei und moderne Knechtschaft. - Die Massen zwischen dem oberen und unteren Mühlstein. - Die Not allgemein und menschliche Hilfe unzulänglich.

"Darum harret auf mich, spricht Jehova, auf den Tag, da ich mich aufmache zur Beute! Denn mein Rechtsspruch ist, die Nationen zu versammeln, die Königreiche zusammenzubringen, um meinen Grimm über sie auszugießen, die ganze Glut meines Zornes; denn durch das Feuer meines Eifers wird die ganze Erde verzehrt werden. Alsdann werde ich die Lippen der Völker in reine Lippen umwandeln, damit sie alle den Namen Jehovas anrufen und ihm einmütig dienen." - Zeph. 3:8, 9

Die Zusammenbringung der Nationen in Erfüllung dieser Prophezeiung ist eine Tatsache, die jedermann sehen kann. Die Erfindungen der Neuzeit haben die entferntesten Enden der Erde zu Nachbarn gemacht. Eisenbahn, Post, Telegraph, Telephon, Welthandel und Presse haben eine Gedanken- und Handlungsgemeinschaft unter den Menschen erzeugt, die vorher unbekannt war und zu internationalen Vereinbarungen geführt hat, die jede Nation achten muss. Weltkongresse, Weltausstellungen sind Folgen dieser gegenseitigen Annäherung, und dem Welthandel vermag kein Sonderbund, kein Sprachunterschied Schranken zu setzen. Die zivilisierten Nationen sind auf der ganzen Erde zu Hause. Mit allen Bequemlichkeiten ausgerüstete Schiffe und Eisenbahnwagen führen ihre Kaufleute, ihre Abgeordneten, ihre Reisenden überall hin, und die Heidenvölker, aus Jahrhunderte langem Schlaf erwachend, sehen mit Staunen die Fremden zu ihnen kommen und senden ihre jungen Leute in die Länder, woher jene kommen, um durch diese der Errungenschaften der Neuzeit teilhaftig zu werden. Zur Zeit Salomos war es ein Gegenstand der Verwunderung, dass die Königin von Scheba 800 Kilometer weit herkam, um Salomos Weisheit zu hören. Heutzutage reisen Tausende, von denen die Öffentlichkeit nicht einmal den Namen kennt, durch die ganze Welt, und in weniger als 80 Tagen macht man bequem eine Reise um die Erde.

Ja, wahrhaftig, die Nationen sind versammelt! zwar in einer Weise, wie man es nicht erwartet hat, aber in der einzigen Weise, wie es geschehen konnte: durch allgemeine Verknüpfung ihrer Interessen und Tätigkeit. Diesem dient freilich nicht die Liebe, sondern die Selbstsucht als Triebfeder. Der Unternehmungsgeist, das Kind der Selbstsucht, hat Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen, unterseeische Kabel, Telefon usw. entstehen lassen; Selbstsucht ist das Prinzip im Handel und internationalen Verkehr überhaupt, ja, in jeder Unternehmung, die Verkündigung des Evangeliums und die Gründung wohltätiger Anstalten ausgenommen; doch sind auch hier zuweilen andere Triebfedern tätig, als die Liebe zu Gott und dem Nächsten. Selbstsucht hat also die Nationen versammelt und bereitet sie dadurch zu für die geweissagte und nun herannahende Vergeltung, für den anarchistischen Zustand, das "Feuer des Zornes Gottes," das bald die jetzige Welt (2. Petr. 3:7), die gegenwärtige soziale Ordnung, verzehren wird. So ist es natürlich nur vom menschlichen Standpunkt aus betrachtet, denn der Prophet beschreibt es als ein Versammeln der Nationen zu Gott hin. Beide Standpunkte aber sind richtig, denn, während dem Menschen Handlungsfreiheit zugestanden wird, gestaltet Gott durch seine überwaltende Vorsorge die Angelegenheiten der Menschen seinem eigenen weisen Plane gemäß. Während die Menschen mit ihren Werken und Wegen die Werkzeuge sind, ist Gott der große Befehlshaber, der jetzt die Nationen und Königreiche versammelt von einem Ende der Erde bis zu ihrem anderen Ende, als Vorbereitung zur Übergabe der Herrschaft an den, "dem das Recht gehört", Immanuel. Der Prophet sagt uns, warum Gott die Nationen versammelt: "Um meinen Grimm über sie auszugießen, die ganze Glut meines Zornes; denn durch das Feuer meines Eifers wird die ganze Erde (das ganze gesellschaftliche Gebäude) verzehrt werden." Diese Botschaft würde uns mit Sorge und Angst erfüllen, hätten wir nicht die Versicherung, dass das Endergebnis Gutes für die Menschen bewirken wird, den Umsturz der Herrschaft der Selbstsucht und die Aufrichtung des Millenniums-Königreiches Christi, welches die Herrschaft der Gerechtigkeit aufrichten wird: "Alsdann will ich die Lippen der Völker in reine Lippen umwandeln (ihre Verbindung miteinander soll nicht mehr selbstsüchtig, sondern rein, wahrhaftig, liebevoll sein ...), damit sie alle den Namen Jehovas anrufen und ihm einmütig dienen."

Das "Versammeln der Nationen" wird nicht nur zur Schwere des Gerichts beitragen, es wird auch unmöglich machen, dass irgendein Volk ihm entgeht; und es wird daher die Trübsal kurz und gründlich machen, wie geschrieben steht: "Der Herr wird eine abgekürzte Sache tun auf Erden." - Röm. 9:28; Jes. 28:22

Die gesellschaftlichen Elemente für das "Feuer" zubereitet

Wenn wir uns in der Welt umsehen, so gewahren wir, wie die "Elemente" zubereitet werden. Selbstsucht, Wissenschaft, Reichtum, Ehrgeiz, Hoffnung, Unzufriedenheit, Angst und Verzweiflung sind gleichsam Sprengstoffe, deren Reibung gegeneinander die Leidenschaften in Flammen setzt, in welchen die "Elemente" vergehen werden. Man beachte nur, welche Veränderungen in den letzten hundert, ganz besonders in den letzten 40 Jahren Platz gegriffen haben. Die Zufriedenheit und Genügsamkeit von ehedem sind überall, bei Mann und Weib, reich und arm, gebildet und ungebildet, verschwunden. Alles ist unzufrieden. Alles schreit nach "Rechten" und beklagt sich über ihm widerfahrendes "Unrecht." Freilich herrscht viel Unrecht, und es gibt Rechte, die vielen zuerkannt werden sollten; aber in unserer Zeit, wo Bildung und Unabhängigkeitsdrang so verbreitet sind, ist Selbstsucht fast ausschließlich das Motiv zu den Klagen und Forderungen, so dass sie die Rechte der anderen nicht sehen. Wie der Prophet es geweissagt hat, wird dies schließlich dazu führen, dass eines jeden Hand wider seinen Nächsten ist, was dann zu der großen Endkatastrophe führen muss. Gottes Wort und Vorsehung und die Lehren der Vergangenheit geraten in Vergessenheit infolge der festen Überzeugung, dass ein jeder recht hat mit seinen Klagen und Forderungen, und so ist es niemand möglich, den Weg der klugen Mäßigung einzuschlagen oder auch nur zu sehen. Die Liebe ist ein unbekanntes Ding. Die goldene Regel ist ganz allgemein unbeachtet gelassen worden, und der Mangel an Weisheit wie auch die Ungerechtigkeit in ihrem Vorgehen wird sich bald bei allen Klassen in dieser schrecklichen Drangsal offenbaren, vorab aber besonders bei den Reichen. - Luk. 12:15-20

Ja, die Nacht, von der die Rede ist, und von der Jes. (21:12; 28:12, 13, 21, 22) und Johannes (9:4) geweissagt hat, kommt schnell heran und wird die Welt unversehens, wie eine Schlinge, überfallen. Dann werden die Reichen verzweifelnd ihr Silber auf die Straße werfen, und ihr Gold wird ihnen genommen werden. Ihr Silber und ihr Gold, das sie zur Ungerechtigkeit verleitet hat, wird sie nicht erretten am Tage des Grimmes Jehovas. - Hes. 7:19

Gesammelte Schätze

Dass in unserer Zeit viel größere Reichtümer aufgehäuft werden, und dass die Reichen sich mehr Außerordentliches gestatten als je zuvor (Jak. 5:3,5), kann man heute in jeder Zeitung lesen; das hat schon auf den alten Gladstone großen Eindruck gemacht, so dass er in einer Rede bemerkte:

"In den letzten fünfzig Jahren sind mehr Güter produziert worden als in den neunzehn Jahrhunderten seit Julius Cäsar zusammengerechnet."

Beachte diese Aussage, die von einem der bestunterrichteten Männer der Welt stammt. Diese für uns so schwer verständliche Tatsache, nämlich, dass während der vergangenen fünfzig Jahre mehr Reichtum hervorgebracht worden ist als während der vorhergehenden neunzehn Jahrhunderte, beruht gleichwohl, wie uns Statistiken zeigen, auf noch sehr mäßiger Schätzung, und die Verhältnisse, welche dadurch geschaffen wurden, sind dazu bestimmt, bei der Wiederherstellung der sozialen Ordnung in dem kommenden Zeitalter eine wichtige Rolle zu spielen.

"The Boston Globe" brachte vor einigen Jahren folgende Mitteilung über einige der Reichen in den Vereinigten Staaten:

"Die einundzwanzig Eisenbahnkönige, die am Montag in New York zusammentrafen, um die Frage des Eisenbahn-Wettbewerbs zu besprechen, repräsentieren ein Kapital von 300.000.000 Dollar. Man kann sich noch der Zeit erinnern, da es kaum ein halbes Dutzend Millionäre im Lande gab. Sie zählen jetzt gegen 4.600, und es soll einige geben, deren jährliches Einkommen über eine Million Dollar beträgt.

"In New York City gibt es nach mäßiger Schätzung 1.157 Personen und Besitzungen, deren jede 1.000.000 Dollar wert ist. In Brooklyn gibt es 162 Personen mit mindestens je 1.000.000 Dollar. In der Doppelstadt gibt es also 1.319 Millionäre, viele von denselben besitzen jedoch weit mehr als 1.000.000 Dollar, sie sind Multimillionäre. Von den Berühmtesten wird das Vermögen schätzungsweise wie folgt verzinst: John D. Rockefeller 6 Prozent, William Waldorf Astor 7 Prozent, J. Goulds Erbschaft 4 Prozent, Cornelius Vanderbilt 5 Prozent und William K. Vanderbilt 5 Prozent.

Daraus ergibt sich folgende Aufstellung über das Einkommen:

jährlich täglich
W. Waldorf Astor Dollar 8.900.000 23.277
John D. Rockefeller Dollar 7.611.250 20.853
Jay Goulds Erbschaft Dollar 4.040.000 11.068
Cornelius Vanderbilt Dollar 4.048.000 11.090
William K. Vanderbilt Dollar 3.795.000 10.397

"Die obige Schätzung ist sicherlich eine sehr mäßige, denn noch vor sechzehn Jahren wurde berichtet, dass Herrn Rockefellers vierteljährliche Dividende auf seine Standard Öl-Gesellschaft durch einen Scheck über vier Millionen Dollar repräsentiert wurde; sie muss sich bis jetzt noch weit vergrößert haben."

Die "Niagara Falls Review" erließ noch vor Anbruch des gegenwärtigen Jahrhunderts folgende Warnung:

"Eine der größten Gefahren, welche die freiheitlichen amerikanischen Einrichtungen bedroht, ist die Vermehrung der Millionäre und die daraus folgende Konzentration von Besitzungen und Geld in den Händen weniger. Ein kürzlich in einer hervorragenden Zeitung des Staates New York erschienener Artikel bringt Zahlen, die dazu dienen müssen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Entstehung dieser Schwierigkeit zu lenken. Die nachfolgend angeführten Vermögen sollen die größten in den Vereinigten Staaten sein:

William Waldorf Astor Dollar 150.000.000
Jay Gould Dollar 100.000.000
John D. Rockefeller Dollar 90.000.000
William W. Vanderbilt Dollar 90.000.000
Cornelius Vanderbilt Dollar 80.000.000
Henry M. Flagler Dollar 60.000.000
John. L. Blair Dollar 50.000.000
Russell Sage Dollar 50.000.000
Collis P. Huntington Dollar 50.000.000
zusammen Dollar 720.000.000

Eine Schätzung des Ertrages zu dem durchschnittlich bei anderen ähnlichen Kapitalanlagen erzielten Zinsfuße würde folgende Zahlen ergeben:

jährlich täglich
Astor Dollar 9.735.000 25.027
Rockefeller Dollar 5.481.000 16.003
Gould Dollar 4.040.000 11.068
Vanderbilt Cornelius Dollar 4.554.000 12.477
Vanderbilt William K. Dollar 4.048.000 11.090
Flagler Dollar 3.036.000 8.318
Blair Dollar 3.045.000 8.342
Sage Dollar 3.045.000 8.342
Huntington Dollar 1.510.000 4.137

"Fast alle diese Männer leben verhältnismäßig einfach, und es ist klar, dass sie nur einen Teil ihres riesigen täglichen und jährlichen Einkommens ausgeben können. Das übrige fließt daher zum Kapital und lässt ihr Vermögen noch höher wachsen. Die Familie Vanderbilt besitzt jetzt die folgenden riesenhaften Summen (die sich mit der Zeit noch gewaltig vergrößert haben):

Cornelius Vanderbilt Dollar 90.000.000
William K. Vanderbilt Dollar 80.000.000
Frederick W. Vanderbilt Dollar 17.000.000
George W. Vanderbilt Dollar 15.000.000
Mrs. Elliot F. Sheppard Dollar 13.000.000
Mrs. William D. Sloane Dollar 13.000.000
Mrs. Hamilton Mck. Twombly Dollar 13.000.000
Mrs. W. Seward Webb Dollar 13.000.000
zusammen Dollar 254.000.000

Noch wunderbarer sind die Aufhäufungen des großen Standard-Öl-Trusts, dem nach seiner Auflösung die Standard Öl-Gesellschaft folgte. Die Vermögen belaufen sich wie folgt:

John D. Rockefeller Dollar 90.000.000
Henry M. Flagler Dollar 60.000.000
William Rockefeller Dollar 40.000.000
Benjamin Brewster Dollar 25.000.000
Henry H. Rogers Dollar 25.000.000
Oliver H. Payne (Cleveland) Dollar 25.000.000
Wm. G. Warden (Philadelphia) Dollar 25.000.000
Chas. Pratt (Brooklyn) Dollar 25.000.000
John D. Archbold Dollar 10.000.000
zusammen Dollar 325.000.000

"Es bedurfte gerade eines Zeitraumes von zwanzig Jahren, um diesen Reichtum in den Händen von acht oder neun Menschen zu vereinen. Hier liegt also die Gefahr. In den Händen Goulds, der Vanderbilts und Huntingtons befinden sich die großen Eisenbahnen der Vereinigten Staaten. Zu den Besitzungen Sages, Astors und anderen gehören große Stadtviertel des Grundstücks von New York, deren Wert beständig wächst. Vereint und auf natürlichem Wege angewachsen, würde das Vermögen dieser neun Familien in fünfundzwanzig Jahren 2 Milliarden 754 Millionen Dollar betragen. William Waldorf Astor allein wird vor seinem Tode wahrscheinlich gegen eintausend Millionen wert sein, und sein Geld wird, gleich demjenigen Vanderbilts, in seine Familie wie in andere übergehen, dadurch eine dem Gemeinwohl äußerst gefährliche Geldaristokratie schaffen und einen eigenartigen Kommentar bilden zu der Aristokratie der Geburt, den wir Amerikaner als für England so schädlich betrachten.

"Andere große Vermögen sind vorhanden oder im Entstehen begriffen. Wir wollen nur noch einige davon anführen:

William Astor Dollar 40.000.000
Levland Stanford Dollar 30.000.000
Mrs. Hetty Green Dollar 30.000.000
Philip D. Armour Dollar 30.000.000
Edward F. Searles Dollar 25.000.000
J. Pierpont Morgan Dollar 25.000.000
Charles Crocker Dollar 25.000.000
Darius O. Mill Dollar 25.000.000
Andrew Carnegie Dollar 25.000.000
E.S. Higgins Dollar 20.000.000
George M. Pullmann Dollar 20.000.000
zusammen Dollar 295.000.000

"So sehen wir, wie das Kapital sich in den Händen weniger befindet. Es ist notwendigerweise den Vielen entzogen (diese haben nicht mehr die Gelegenheit des Wettbewerbs). Keine Macht im Menschen vermag diese beunruhigende Frage friedlich zu schlichten. Es wird sich vom Schlimmen zum Schlimmeren steigern."

Einige amerikanische Millionäre, und wie sie ihre Millionen erwarben

Der Herausgeber der "Review of Reviews" bringt in seiner Zeitung etwas, das er bezeichnet als "einige Auszüge aus einer äußerst belehrenden und unterhaltenden Zeitung, die nur den Fehler begeht, den plutokratischen Octopus (achtarmiger Teufelsfisch) zu optimistisch zu beurteilen." Wir geben es im folgenden wieder:

"Ein Amerikaner, der aus vertrautem, persönlichem Bekanntsein heraus schreibt, aber ungenannt sein will, erzählt im "Cornhill Magazine" die Geschichte verschiedener Millionäre der großen Republik. Er behauptet, dass, selbst wenn die viertausend Millionäre vierzig Milliarden Dollar besitzen von den sechsundsiebzig Milliarden, welche das amerikanische Nationalvermögen ausmachen, für jeden Bürger doch noch 500 Dollar verbleiben gegen 330 Dollar vor fünfundvierzig Jahren. Er will beweisen, dass die anderen Klassen durch die Zunahme der Millionäre nicht ärmer, sondern reicher geworden sind.

"Commodore Vanderbilt, der die ersten Vanderbiltschen Millionen erwarb, wurde gerade vor einem Jahrhundert geboren. Sein Kapital bestand aus der traditionellen Barfüssigkeit, leeren Taschen und dem Glauben an sein Glück, was in Amerika in so vielen Fällen die Grundlage zum Vermögen gebildet hat. Durch harte Arbeit vom siebenten bis zum siebzehnten Lebensjahr erwarb er sich ein zweites, greifbares Kapital, nämlich einhundert Dollar in bar. Dieses Geld legte er an in einem kleinen Boote, und mit diesem Boote eröffnete er ein eigenes Geschäft - Gemüsetransport nach New York. Mit zwanzig Jahren heiratete er, und sowohl Mann als auch Frau wandten sich dem Geldverdienen zu, er mit seinem Boote, und sie, indem sie einen Gasthof unterhielt. Drei Jahre später war er dreitausend Dollar wert. Nunmehr floss sein Geld schnell zusammen, so schnell, dass er, der doch als Knabe mit einem Boote im Werte von einhundert Dollar angefangen hatte, beim Ausbruch des Bürgerkrieges der Nation eines seiner Schiffe im Werte von achthunderttausend Dollar schenken und dabei noch ein reicher Mann bleiben konnte. Als er siebzig Jahre alt war, schätzte man sein Vermögen auf siebzig Millionen Dollar.

"Das Astorsche Vermögen verdankt sein Vorhandensein dem Gehirn eines Menschen und dem natürlichen Wachstum einer großen Nation. John Jakob Astor war während vier Generationen der einzige, der ein wirklicher Geldverdiener war. Sein Geld wurde, wie er es verdiente, in die Ländereien von New York City angelegt. Dieselben hatten einen geringen Wert, weil die Stadt auf einer Insel liegt. Jedoch machte das Wachstum von New York City, welches das Wachstum der Republik zur Ursache hatte, das kleine Vermögen des achtzehnten Jahrhunderts zu dem größten amerikanischen Vermögen des neunzehnten Jahrhunderts. Der erste und letzte Astor, der als Herr der Millionen der Studien wert ist, ist daher John Jakob Astor, der, nachdem er der Arbeit als Metzgergehilfe bei seinem Vater in Waldorf überdrüssig wurde, vor hundertzehn Jahren auswanderte, um in der neuen Welt sein Glück zu probieren. Schon auf dem Schiff machte er in Wirklichkeit sein ganzes Vermögen. Er traf einen alten Pelzhändler, der ihn in die Tricks des indianischen Pelzhandels einführte. Diesen Handel nahm er auf, und er verdiente Geld damit. Dann heiratete er Sarah Todd, eine energische, junge Frau. Sarah und John Jakob Astor verbrachten alle Abende damit, dass sie in ihrem Laden Pelze sortierten. In fünfzehn Jahren hatten sie es auf zwei und ein halb Millionen Dollar gebracht; eine glückliche Spekulation in amerikanischen Staatspapieren verdoppelte ihr Vermögen. Sie legten dann ihr Vermögen in Bauland an, und seither ist der Wert ins Unermessliche gestiegen.

"Levland Stanford, Charles Crooker, Mark Hopkins und Collis P. Huntington gingen im Jahre 1849 im Goldfieber nach Kalifornien. Als die Transkontinental Eisenbahn gebaut wurde, "säten diese vier Männer Millionen hinein", und sie schlossen sich in der Pacific Union zusammen. Diese vier Männer, die im Jahre 1850 sozusagen noch nichts besaßen, werden jetzt mit ihrem Vermögen zusammen auf zweihundert Millionen Dollar eingeschätzt.

"Einer von ihnen, Levland Stanford, wollte vor zehn Jahren eine Familie gründen, jedoch starb sein einziger Sohn, und zum Andenken an denselben gründete er eine Universität. Er tat es in fürstlicher Weise, denn, als er "noch im Fleische" war, vermachte er Prokuratoren drei Güter von 86000 Morgen. Im ganzen vermachte er der Universität zweiundzwanzigeinhalb Millionen Dollar. Seine Frau hat schon die Absicht ausgesprochen, dass sie ihr Vermögen (gegen 10 Millionen Dollar) der Universität vermachen will."

Das bemerkenswerteste Beispiel des Geldsammelns in der Geschichte der amerikanischen Millionäre hat der Standard Öl Trust geliefert:

"Vor dreißig Jahren erblickten fünf junge Männer, von denen der größere Teil in der kleinen Stadt Cleveland (Staat Ohio) lebte, und die alle verhältnismäßig arm waren (wahrscheinlich konnte die ganze Gesellschaft keine 50.000 Dollar aufweisen), Möglichkeiten des Geldverdienens im Petroleum. Heute ist dieselbe Gesellschaft von fünf Männern sechshundert Millionen Dollar wert. John D. Rockefeller, das Gehirn und der Nerv dieses großen Trusts, ist ein Mann mit frischen Gesichtszügen, mit so mildem Lächeln und mit so genialem Wesen, dass man ihn nicht als einen habgierigen Monopolisten bezeichnen kann. Sein "Steckenpferd" ist gegenwärtig die Erziehung, und er reitet dieses Steckenpferd rüstig und männlich. Er hat die Universität zu Chicago unter seine Fittiche genommen, und schon sind sieben Millionen Dollar aus seiner Tasche in die Schatzmeisterei dieses Lehrinstituts der zweiten Stadt der Republik geflossen.

"Herr Thomas G. Shearman führt in einem Artikel, der im "Forum" erschien, die Namen von siebzig Amerikanern an, die zusammen ein Vermögen von 2.700.000.000 Dollar, durchschnittlich je 38.000.000 Dollar besitzen, und er sagt, es könnte eine Liste von zehn Männern aufgestellt werden, von denen jeder durchschnittlich 100.000.000 Dollar besitzt. Weiterhin könne man eine Liste aufstellen von hundert Personen, deren durchschnittliches Vermögen 25.000.000 Dollar beträgt. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der hundert reichsten Amerikaner könne nicht weniger betragen als (je) 1.200.000 Dollar, wahrscheinlich übersteigt es sogar 1.500.000 Dollar."

Rev. Josiah Strong, ein befähigter Schriftsteller, gibt hierzu folgenden Kommentar:

"Wenn hundert Arbeiter jährlich je eintausend Dollar verdienen könnten, so müssten sie zwölfhundert oder fünfzehnhundert Jahre arbeiten, um soviel zu verdienen, als diesen hundert reichsten Amerikanern jährlich zufließt; und wenn ein Arbeiter täglich hundert Dollar verdienen könnte, so müsste er hundertsiebenundvierzig Jahre alt werden, und er dürfte keinen Tag ausruhen, ehe er soviel verdienen könnte, wie manche Amerikaner Werte besitzen."

Folgende Tabelle vergleicht das Nationalvermögen der vier reichsten Nationen der Welt in den Jahren 1830 und 1893, und sie zeigt, wie durch die Völker "Schätze gesammelt" werden in diesen "letzten Tagen."

Nationalvermögen von 1830 1893
Großbritannien Dollar 16,89 Milliarden 50 Milliarden
Frankreich Dollar 10,645 Milliarden 40 Milliarden
Deutschland Dollar 10,7 Milliarden 35 Milliarden
U.S.A. Dollar 5 Milliarden 72 Milliarden

Damit der Leser eine Vorstellung davon erhält, wohin die Statistiker mit ihren Schlüssen kommen, geben wir eine Schätzung über den Reichtum der Vereinigten Staaten:

Wirkliche Besitzungen in den Städten usw. Dollar 15,5 Milliarden
Wirkliche Besitztümer, die nicht zu den Städten gehören Dollar 12,5 Milliarden
Persönliches Eigentum (nicht nochmals aufgeführt) Dollar 8,2 Milliarden
Eisenbahnen und deren Ausstattung Dollar 8 Milliarden
In Fabriken angelegtes Kapital Dollar 5,3 Milliarden
Fabrikate Dollar 5 Milliarden
Produkte (einschließlich Wolle) Dollar 3,5 Milliarden
Im Ausland angelegte Werte und ausländische Besitzungen Dollar 3,1 Milliarden
Öffentliche Gebäude, Zeughäuser, Kriegsschiffe usw. Dollar 3 Milliarden
Haustiere auf Bauerngüter Dollar 2,48 Milliarden
Haustiere in großen und kleinen Städten Dollar 1,7 Milliarden
Geld, ausländische und eigene Münzen, Banknoten usw. Dollar 2,13 Milliarden
Öffentliche Länder (Acker zu 1,25 Dollar) Dollar 1 Milliarde
Mineral-Produkte (aller Art) Dollar 590 Millionen
Zusammen Dollar 72 Milliarden

Vor einigen Jahren wurde festgestellt, dass sich das Vermögen der Vereinigten Staaten wöchentlich um vierzig Millionen Dollar vergrößerte.

Das hier erwähnte Sammeln von Schätzen während der letzten Tage bezieht sich insbesondere auf Amerika, dasselbe gilt aber auch für alle zivilisierten Staaten der Welt. Großbritannien ist im Verhältnis reicher als Amerika, es ist das reichste Land der Erde. Sogar in China und in Japan gibt es Millionäre, die kürzlich emporgekommen sind. Die Niederlage Chinas Japan gegenüber im Jahr 1894 wird hauptsächlich der Gier der Regierungsbeamten zugeschrieben, welche minderwertige oder sogar vorgetäuschte Geschütze und Munition geliefert haben sollen, natürlich zu dem Preis von echten.

Selbstverständlich finden nur wenige von denen, welche nach Reichtümern suchen, was sie erjagen. Die Bemühungen zu diesem Erfolg sind nicht immer erfolgreich. Der Bann der Selbstsucht erstreckt sich viel weiter als auf die Erfolgreichen, wie der Apostel sagt: "Die aber reich werden wollen (die reich zu werden suchen auf jede erdenkliche Weise), fallen in Versuchung und Fallstricke und in viele unvernünftige und schädliche Lüste, welche die Menschen versenken in Verderben und Untergang. Denn die Geldliebe ist die Wurzel alles Bösen." (1. Tim. 6:9, 10) Die unerfahrene Mehrheit übernimmt das Risiko und erleidet Enttäuschung und Verlust, die wenigen Klügeren übernehmen wenig Risiko und stecken das meiste von den Gewinnen ein. So bewirkte zum Beispiel das "südafrikanische Goldfieber", das sich einst über Großbritannien, Frankreich und Deutschland erstreckte, dass Hunderte von Millionen aus den Taschen und von Bankkonten der Mittelklassen hinüberflossen in diejenigen der reichen Kapitalisten und Bankherren, die wenig Risiko auf sich genommen hatten. Das Ergebnis bestand unzweifelhaft in einem großen Verlust für die Törichten der mittleren Klassen, die auf plötzliches Reichwerden so versessen waren, dass sie ihr Alles aufs Spiels setzten. Als Folge davon werden viele früher Konservative unzufrieden und binnen wenigen Jahren reif für die Sozialdemokratie, welche verspricht, ihre Interessen zu vertreten.

Die Zunahme der Armut

Aber gibt es denn wirklich Not und Armut in einem Land wie den Vereinigten Staaten, in welchem so riesige Vermögen erworben werden konnten? Ist es nicht Selbstverschulden derer, die gesund sind, wenn sie ihr Auskommen nicht finden? So denken manche, die vor 25 Jahren selbst nichts besaßen. Aber damals gab es eben Arbeitsgelegenheiten in Hülle und Fülle, indes heutzutage sehr viele nur für ihre halbe Zeit Arbeit finden, sich kaum ehrlich durchschlagen können und oft noch arbeitslose Angehörige oder Freunde unterhalten müssen. Tritt dann noch eine Krisis ein, so wird die Lage vieler unerträglich, und die öffentlichen Kassen erweisen sich als ganz unzulänglich. Diese Krisen sind die Wehen, die nach 1.Thess. 5:3 vor der Drangsal über die Welt kommen wie über eine Schwangere. Das Elend ist so groß, dass die Wohlhabenden und Reichen, wenigstens diejenigen unter ihnen, die für ihre Mitmenschen ein Herz haben, sehr wohl einsehen, dass diesem nicht abzuhelfen ist; sie tun deshalb ihr Bestes, soweit ihre Kräfte reichen, und suchen das übrige zu vergessen. Aber zur Zeit der großen Arbeitslosenumzüge in den Vereinigten Staaten befasste sich die ganze Presse mit diesen schrecklichen Verhältnissen, und man schätze die Zahl der Arbeitslosen in 119 Städten der Union auf mehr als 800.000, von deren Verdienst weitere 2 Millionen abhängig waren, dazu kommt, dass in Amerika für die Notleidenden lange nicht so reichlich gesorgt ist wie in Europa, wo die lange Übung den Regierungen allmählich gezeigt hat, wie man etwas zur Linderung der Not tun kann.

Wenn besondere Rückschläge kommen, wie es in den Jahren 1893-1896 der Fall war, so werden viele der Arbeitslosen auf die Wohltätigkeit ihrer Freunde angewiesen sein, die kaum in der Lage sind, diese weitere Last zu tragen, und diejenigen, die keine Freunde haben, sind auf öffentliche Wohltätigkeit angewiesen, die zu solchen Zeiten natürlich vollständig unzureichend ist.

Der Rückschlag von 1893 kam wie eine Meereswoge über die ganze Welt, und noch immer macht sich ihr Druck in weiten Kreisen fühlbar, obwohl für manche eine Zeit des Aufatmens wiedergekommen ist. Wie die Heilige Schrift sagt, kommt diese Drangsal in Wogen oder in Krämpfen, "gleichwie die Geburtswehen über die Schwangere". (1. Thess. 5:3) Jeder folgende Krampf wird wahrscheinlich schwerer sein als der vorhergehende, bis das Ende da ist. Die Wohlhabenden und Reichen können sich oft schwerlich die Entbehrungen vorstellen, die bei den Armen immer mehr zunehmen. Tatsache ist, dass selbst diejenigen, die zu den mittleren Klassen und den Wohlhabenden gehören, die an die Armen denken und mit ihnen fühlen, erkennen, dass es völlig unmöglich ist, die gegenwärtige Ordnung der Dinge in einer Weise zu ändern, dass die Armen dadurch eine dauernde Erleichterung bekämen, und so tut jeder das wenige, von dem er denkt, dass er es vermag, und dass es seine Pflicht sei denen gegenüber, die ihm am nächsten stehen; er bemüht sich, das Elend zu vergessen, von dem er gehört oder das er gesehen hat.

Folgende Auszüge aus Tageszeitungen vom Jahre 1893 werden daran erinnern, welche Zustände damals herrschten, und dass sie wahrscheinlich binnen kurzem verdoppelt zurückkehren werden. The California Advocate", eine amerikanische Zeitung, sagt folgendes:

"Die Ansammlung der arbeitslosen Massen in unseren großen Städten zu ungezählten Tausenden bietet einen äußerst grausigen Anblick, und ihr Mitleid erflehender Schrei nach Arbeit und Brot dringt durch das ganze Land. Es ist das alte, ungelöste Problem der Armut, die durch die noch nie da gewesenen Rückschläge im Geschäftsleben gesteigert wird. Es ist der finstere Schatten, der beständig hinter der Zivilisation herkriecht, an Umfang und Schrecken wachsend, je mehr die Zivilisation vorwärts schreitet. Sicherlich ist es ein abnormer Zustand der Dinge, wenn Menschen bereit sind zu arbeiten, da ihr Lebensunterhalt doch davon abhängt, während sie jedoch keine Arbeit finden können. Viele Theorien sind aufgestellt, viele Anstrengungen gemacht worden, um das "Recht zu arbeiten" zu sichern. Alle diese Versuche jedoch haben als Fehlschläge geendet. Derjenige, der das Problem, wie man einem Arbeitswilligen Arbeit sichern und die Menschheit von unfreiwilligem Müßiggang befreien kann, mit Erfolg zu lösen vermag, wird ein Wohltäter der Menschheit sein."

Ein anderer Bericht beschreibt, wie in Chicago eine Menge von vierhundert Arbeitslosen durch die Straßen marschierte, geführt von jemand, der ein Schild trug mit der Aufschrift: "Wir suchen Arbeit". Am nächsten Tage marschierten sie mit vielen Fahnen umher, welche die folgenden Aufschriften trugen: "Leben und leben lassen!" "Wir suchen unsere Familien zu unterhalten!" "Arbeit und Brot!" usw. Eine Schar Arbeitsloser marschierte durch San Francisco mit Fahnen, die folgende Aufschriften trugen: "Tausende von Häusern sind zu vermieten, und Tausende von Menschen sind obdachlos." "Hungrig und bloß." "Durch die Hungerpeitsche zum Betteln gezwungen!" "Helft uns, so wollen wir uns selbst helfen!" usw.

Ein anderer Auszug lautet wie folgt:

"Newark, N. J., den 21. August. Unbeschäftigte Arbeiter hielten heute eine große Parade ab. An der Spitze marschierte ein Mann mit einer schwarzen Flagge, auf der mit weißen Lettern geschrieben stand: "Zeichen der Zeit - Ich verschmachte, weil er fett ist." Daneben war ein Bild, das einen großen, korpulenten Herrn mit einem Zylinderhut darstellte, neben dem ein ausgehungerter Arbeiter stand."

Mit Bezugnahme auf den Streik der englischen Bergarbeiter sagt eine andere Zeitung:

"Die wirkliche Not, selbst Hunger, mehrt sich in ganz England in schrecklichem Maße. Das Stilliegen der Industrie und die Störungen der Eisenbahnen nehmen einen Umfang an, der ein nationales Unheil bedeutet. Wie es zu erwarten war, liegt die wahre Ursache in den ungeheuren Abgaben, welche die Pächter den Lords für die Pacht des Grundstücks der Minen zu zahlen haben. Eine beträchtliche Anzahl von Millionären, die große Kohlenbezirke besitzen, sind auch hervorragende Pairs, und vor der erregten Öffentlichkeit werden diese beide gleich einem Schnappschloss verbunden. Radikale Zeitungen stellen schreckliche Listen von Lords zusammen, die denen der Trusts in Amerika ähneln. Ihre Zahlen zeigen, wie viel diese Männer von dem Verdienste des Landes erheben.

"Der Schrei nach Brot geht von der Stadt aus. Er ist tiefgehender, breiter, rauer denn je. Er kommt von einem knurrenden Magen und einem geschwächten Gemüt. Er kommt von Menschen, die die Straßen durchlaufen und nach Arbeit suchen. Er kommt von Frauen, die verzweifelnd in öden Wohnungen sitzen. Er kommt von Kindern.

"In der City von New York haben die Armen einen Grad des Entblößtseins erreicht, der alles bisher Dagewesene übertrifft. Wahrscheinlich versteht kein lebender Mensch, wie schrecklich das Leiden, wie furchtbar die Armut ist. Eine einzelne Person kann sich keinen Überblick verschaffen. Keines Menschen Einbildungskraft reicht dazu aus.

"Wenige von denen, die diese Zeilen lesen mögen, werden sich vorstellen können, was es bedeutet, ohne Nahrung zu sein. Es kann ihnen in ihrem Heim nicht verdeutlicht werden. Sie werden sagen: "Sicherlich werden die Menschen doch irgendwo irgendetwas zu essen bekommen, jedenfalls doch soviel, als für sie zum Leben notwendig ist. Sie können ja zu ihren Freunden gehen." Ihre Freunde haben ebenso wenig wie sie selbst. Es gibt Menschen, die durch Mangel an Nahrung so entkräftet sind, dass sie nicht arbeiten können, selbst wenn ihnen Arbeit angeboten würde."

Der Herausgeber des "Examiner" in San Francisco sagt:

"Wie kommt es denn? Wir haben soviel zu essen, dass die Farmer sich beklagen, sie bekämen nichts dafür. Wir haben soviel anzuziehen, dass die Baumwoll- und Wollspinnereien schließen, weil niemand da ist, der ihre Produkte kauft. Wir haben so viele Kohlen, dass die Eisenbahnen, welche sie befördern, in die Hände der Empfänger übergehen. Wir haben so viele Häuser, dass die Erbauer arbeitslos sind. Alle Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des Lebens sind in so großen Mengen vorhanden, wie es je in den blühendsten Jahren unserer Geschichte der Fall war. Wenn das Land genügend Nahrung, Kleidung, Heizmaterial und Schutz besitzt für jedermann, warum sind dann die Zeiten hart? Offenbar ist die Natur nicht zu tadeln. An wem oder woran liegt es denn?

"Das Problem der Arbeitslosen ist eines der bedenklichsten, das Amerika bedroht. Der durch Bradstreet aufgestellten Statistik zufolge gab es zu Anfang des Jahres in den 119 größten Städten der Vereinigten Staaten 801.000 Arbeitslose, von denen 2 Millionen Menschen hinsichtlich ihres Unterhaltes abhängig waren. Dieses Verhältnis für das ganze Land angewandt, ergibt die Zahl von über 4 Millionen Arbeitslosen, die 10 Millionen vertreten, welche von ihnen abhängen. Da nun die Arbeitslosen in den Städten zusammenströmen, geht man sicher, wenn man ein Viertel von den genannten Zahlen abzieht, aber auch dann ist die Zahl der Arbeitslosen ungeheuer, herzzerreißend.

"Die harte Straße der Armut, die im Almosenempfangen endigt, hat man in Europa schon lange verfolgt, so dass die Behörden der alten Welt besser wissen, wie man sich ihr gegenüber verhalten muss, als diesseits des Wassers. Die Löhne sind in Europa so gering, dass in vielen Staaten das Ende des Lebens im Armenhaus verbracht wird. Kein Fleiß und keine Sparsamkeit ermöglicht es den Arbeitern, soviel zur Seite zu legen, dass sie für ihr Alter genug hätten. Der Unterschied zwischen Einnahmen und Ausgaben ist so gering, dass die Krankheit oder die Arbeitslosigkeit von einigen Tagen zu Entbehrungen führt. Die Regierung wurde dort gezwungen, mehr oder weniger weise zu handeln, während man hier in Amerika, wo der Landstreicher ohne Arbeit durchkommt, und wo der Mensch, der sich selbst achtet, verhungern muss, wenn er in Not kommt, alles seinen Gang auf gut Glück gehen lässt."

Der Herausgeber der "Arena" sagt folgendes:

"Das tote Meer der Not vergrößert seine Ufer überall, wo ein Bevölkerungsmittelpunkt ist. Das Murren wütender Unzufriedener wird von Jahr zu Jahr gehässiger. Die Gerechtigkeit, die dem Schwachen verneint wurde, hat uns einer furchtbaren Krisis gegenübergestellt, die wir noch überschreiten können, wenn wir weise genug sind, gerecht und menschlich zu sein. Das Problem darf aber nicht länger als folgewidrig bespöttelt werden. Es ist nicht mehr als lokal zu betrachten, sondern vielmehr als eine Bedrohung des gesamten politischen Gebäudes. Vor wenigen Jahren noch konnte einer der hervorragendsten Geistlichen sagen, dass es in der Republik keine erwähnenswerte Armut gäbe. Heute leugnet kein nachdenkender Mensch mehr, dass wir hier vor einem Problem von größter Wichtigkeit stehen. Ein Herr, den ich vor einiger Zeit zum Zweck persönlichen Nachforschens anstellte, stellte fest, dass in New York binnen zwölf Monaten (vom 1. September 1891 bis 1. September 1892) nicht weniger als 29.720 Mieter wegen Zahlungsunfähigkeit auf die Gasse gesetzt wurden."

Im "Forum" vom Dezember 1892 sagte Herr Jakob Riis über die besonderen Notstände der Armen in New York: Seit vielen Jahren ist es eine Tatsache, dass in der großen und reichen Stadt New York ein Zehntel aller Sterbenden auf dem Armenfriedhof begraben wird. Von den 382.530 Beerdigungen, die in der letzten Dekade gemeldet wurden, wurden 37.966 auf dem Armenfriedhof vorgenommen. Herr Riis fährt fort, indem er an die allen Erforschern der sozialen Lage bekannte Tatsache erinnert, dass dieser Armenfriedhof noch lange nicht der richtige Maßstab ist, an dem man die Armut einer großen Stadt ablesen kann. Er sagt folgendes hierüber:

"Jeder, der ein wenig Bescheid weiß über die Armen, mit welcher Todesangst sie sich gegen diesen Gipfelpunkt des Elends sträuben, wie sie hin und her tifteln und suchen, das armselige Recht zu erlangen, ein eigenes Grab zu besitzen, nachdem sie im Leben niemals einen Schuppen ihr eigen nennen durften, wird mit mir darin übereinstimmen, wenn ich sage, dass es gering angesetzt ist zu sagen, dass für jeden, der in diese traurige Grube gesenkt wird, noch mindestens zwei oder drei stehen, die sich dicht am Rande derselben festklammern. So müssen wir annehmen, dass zwanzig bis dreißig Prozent täglich zu kämpfen haben, um sich den Wolf von der Tür zu halten.

"Im Jahre 1890 wurde von 239 Selbstmorden berichtet, welche in der Stadt New York vorgekommen waren. Die Berichte des Gerichts werden mit Selbstmorden angefüllt wie nie zuvor. "Sie sind", sagte der Berichterstatter Smith zu einem armen Geschöpf Gottes, welches des Tod gesucht hatte, indem es in den East River gesprungen war, "der zweite Fall von versuchtem Selbstmord, der heute bei diesem Gerichtshof angemeldet wird, und niemals habe ich von soviel Selbstmordversuchen gehört wie in den letzten wenigen Monaten."

"Die Nacht senkt sich langsam aber sicher auf Hunderte und Tausende von Menschen - die Nacht der Armut und der Verzweiflung. Sie sind sich dessen bewusst, aber sie sind machtlos, dem zu begegnen. "Die Mietpreise steigen, und die Löhne sinken von Jahr zu Jahr mehr, was können wir dagegen tun?" So sagte kürzlich ein Arbeiter, als er über die Aussichten sprach, die die Zukunft ihm bot. "Ich sehe keinen Ausweg", fügte er bitter hinzu, und wir müssen zugeben, dass die Aussichten düstere sind, wenn nicht durchgreifende, wirtschaftliche Änderungen vorgenommen werden, denn jährlich wächst das Angebot von Arbeit immer mehr, während dies bei der Nachfrage in lange nicht demselben Maße der Fall ist. "Zehn Frauen für einen Posten, wie armselig er sei", sagte ein Beamter in unparteiischer Weise, nachdem er sich mit dem Untersuchen der Verhältnisse weiblicher Arbeiter beschäftigt hatte. "Hunderte von Mädchen", fährt er fort, "untergraben ihre Zukunft und zerstören ihre Gesundheit in den staubigen, schlecht gelüfteten Fabriken und Warenhäusern, gleichwohl drängen ganze Scharen vom Land nach und von den kleineren Städten in die großen." Nehmen wir ja nicht an, diese Zustände herrschten nur in New York. Was für diese Weltstadt gilt, ist auch wahr von allen anderen großen Städten Amerikas. Innerhalb der Schussweite von Beacon Hill, Boston, wo sich der Dom mit Pracht erhebt, gibt es Hunderte von Familien, die dahinschmachten, Familien, die wacker um die Bedürfnisse des täglichen Lebens gerungen haben, während die Verhältnisse von Jahr zu Jahr hoffnungsloser wurden. Der Kampf um das Brot wird immer heftiger, und die Aussichten werden immer trüber. Einer dieser sich Abmühenden sagte bei einer Unterredung mit einem gewissen Ausdruck von Niedergeschlagenheit, welcher Hoffnungslosigkeit offenbarte oder vielleicht ein abgetötetes Empfindungsvermögen, weshalb er die grausige Bedeutung seiner eigenen Worte nicht recht zu erfassen vermochte: "Ich hörte einmal, dass jemand von einem Tyrannen in einen eisernen Käfig gesperrt wurde und jeden Tag bemerkte, dass die Wände ihm näher und näher gerückt wurden. Zuletzt kamen sie ihm so nahe, dass sie jeden Tag einen Teil seines Lebens aus ihm herausquetschten. Es scheint mir, dass wir uns in einer ganz ähnlichen Lage befinden. Manchmal, wenn wir sahen, wie die kleinen Kästen fortgetragen wurden, sagte ich zu meiner Frau: Da ist wieder ein bisschen Leben ausgequetscht worden. Eines Tages wird es auch bei uns soweit sein."

"Kürzlich besuchte ich mehr als zwanzig Mietshäuser, wo das Leben mit dem Tode kämpft. Mit einem Mut, der dem des Kriegers auf blutigem Schlachtfeld nicht nachsteht, rühren dort Mütter und Töchter unaufhörlich die Nadel. In verschiedenen Häusern fand ich Leute, die im Kampf ums Dasein schon zu Krüppeln gemacht waren, und deren eingesunkene Augen und ausgemergelte Gesichter die Geschichte von monate- und vielleicht jahrelangem Hungern in schmutzigen und übelriechenden Kellern erzählen. Hier nimmt man mit Kummer wahr, dass das Gespenst Hunger und Furcht immer gegenwärtig ist. Ihr ganzes Leben lang tragen diese Elenden auf dem Herzen einen schweren Druck, der nicht von ihnen weicht. Der Hauswirt, mit der Zinsquittung in der Hand, steht beständig vor ihrem geistigen Auge. Furcht vor Krankheit trübt jede gesunde Stunde, denn Kranksein bedeutet für sie die Unmöglichkeit, sich das zum Leben Notwendige zu beschaffen. Nicht selten werden sie durch die Verzweiflung über die Zukunft aus ihrer Ruhe aufgeschreckt. Das ist das Los der geduldigen Elemente in den untersten Schichten unserer großen Städte. Auf den meisten Gesichtern kann man den Ausdruck schwermütiger Traurigkeit und stummer Ergebung wahrnehmen.

"Manchmal führt das Gefühl erlittenen Unrechts zu einem Aufflackern des Feuers, das noch im Verborgenen glimmt. Sie fühlen in unbestimmter Weise, dass es den Tieren auf dem Feld besser geht als ihnen. Selbst wenn sie vom Morgenrot bis tief in die Nacht hinein arbeiten um ihr Brot und um ein elendes Obdach, ist ihnen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft genommen mitten in den großen Städten der Namenchristenheit, deren prachtvolle Kirchen dem Nazarener geweiht sein sollen, welcher sich vorab der Armen, Verkommenen, Verstoßenen annahm! Nie sehnte sich das menschliche Herz so sehr nach wahrer Brüderlichkeit wie heutzutage, nie stand diese der zivilisierten Welt so sehr als Ideal vor Augen wie heutzutage! Und doch vernimmt man allerorts das Schreien der Unschuld, des vergewaltigten Rechts, der Millionen, die das Räderwerk der heutigen Gesellschaftsordnung erdrückt, deutlicher als je zuvor in jedem zivilisierten Land. Die Seufzer der russischen Stundisten vermengen sich mit denen der irischen Pächter, und die Verstoßenen in allen großen Städten beider Kontinente erheben alle den alles erschütternden Ruf nach Gerechtigkeit. In London allein leben mehr als dreihunderttausend Menschen am Rande des Abgrundes, Menschen, denen jeder Puls mit der Furcht schlägt, das elende Verlies, das sie ihr Heim nennen, könnte ihnen genommen werden. Eine Stufe tiefer leben Zweihunderttausend, die sich nie satt essen können, und ein Schritt weiter hinab führt uns zu weiteren Dreihunderttausenden, die langsamen Hungers sterben, und deren Leben nichts als ein Todeskampf ist. Aber noch sind wir nicht ganz unten angelangt, bei den 33.000, die keine Wohnung, selbst nicht in den elendsten Löchern, finden können, die auf den Steinfliesen am Themse-Ufer schlafen, und bei denen der, welcher sich auf eine Zeitung legen kann, dachte, im Besitze eines Luxusartikels zu sein."

Man mag dies für Übertreibung halten, aber wenn auch nur die Hälfte davon wahr sein sollte, so wäre es doch noch schrecklich genug.

Unzufriedenheit, Hass und Reibungen, die die "Verbrennung" der Gesellschaft beschleunigen

Wenn man heutzutage den Arbeitern erklärt, wie viel besser doch jetzt für sie gesorgt werde als je zuvor, so erhält man oft den nicht unrichtigen Bescheid, man verlange nicht nach den Wohltaten des Armenhauses, nach unentgeltlicher Verpflegung im Krankenhaus, sondern nach ehrlicher Arbeit im Schweiße des Angesichts und danach, dass diese genügend abwerfe, um die eigenen Bedürfnisse und diejenigen der Familie selber bestreiten zu können. Dabei bemerkt der Arbeiter sehr wohl, dass es mehr und mehr von der Gunst abhängt, ob er und seinesgleichen Arbeit finden, dass der Mittelstand und der Kleinhändler von der Großindustrie und dem Großhändler mehr und mehr erdrückt werden, dass aber die Zahl der Millionäre zunimmt und das Kapital durch Beschaffung von Maschinen den Wert der menschlichen Arbeit herabzudrücken vermag. So kann es uns nicht wundern, dass der 13. Arbeiterkongress in Chicago die Delegierten mit folgender satirischen Rede willkommen hieß:

"Wir möchten Sie in einer Stadt des Gedeihens begrüßen, aber wir können es nicht. Die Dinge sind hier, wie sie sind, nicht, wie sie sein sollten. Wir heißen Sie willkommen im Namen von hundert Monopolisten und von fünfzigtausend Bettlern, in einer Stadt, wo der Mammon seine Orgien feiert, indes Tausenden von Müttern das Herz bricht, Tausende von Kindern hungern, Tausende von Männern sich umsonst um Arbeit bemühen. Wir heißen Sie willkommen im Namen von hunderttausend Arbeitslosen, im Namen jener Gebäude, die dem Namen nach zur Ehre Gottes errichtet sind, deren Türen aber nachts verschlossen werden, so dass sie den frierenden Obdachlosen nichts nützen, im Namen der Geistlichen, die sich von den Weinbergen des Herrn sättigen, aber vergessen, dass ihre Mitmenschen hungern und nicht wissen, wo sie ihr Haupt hinlegen sollen, im Namen der Stützen des Schwitz-Systems, der Millionäre und der Pfarrer, deren Seelen wegen ihrer Liebe zum Gold in ernster Gefahr schweben, im Namen der Lohnarbeiter, die Blut schwitzen, das in Dukaten ausgemünzt wird, im Namen der Irren- und Armenhäuser, welche bewohnt sind von Menschen, die von Sorgen in diesem Land des Überflusses bedrückt sind. Wir werden Ihnen diese Nacht in Chicago zeigen, was man sonst nicht sieht. Hunderte von Männern werden auf den bloßen Steinen der Korridore dieses Hauses schlafen, weil sie kein Obdach haben und keine Arbeit, um sich ein solches zu verdienen.

"Es ist Zeit, sich zu sammeln, einer Regierung ein Ende zu machen, die die Rechte der Gesamtheit einigen EisenbahnKön.n, Kohlenbaronen und Spekulanten ausliefert. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie Ihre politischen Rechte zu dem Zweck ausnutzen, die ungetreuen Diener des Volkes aus ihrer Machtstellung zu verdrängen; denn sie sind schuld an den bestehenden Verhältnissen."

Die Hoffnung des Redners, dass ein Personalwechsel in der Regierung diese Übel beseitigen würde, ist natürlich trügerisch. Aber darin wird ihm jeder, der gesunden Menschenverstand hat, beipflichten, dass Verhältnisse, die solche Gegensätze zwischen Reich und Arm schaffen, ungesund sind. Jedermann gibt dies übrigens zu, aber in den Abhilfsmitteln sind sie sich nicht alle einig. Die einen suchen solche in falscher Richtung; viele wollen von Abhilfe erst reden hören, wenn sie die Verhältnisse selbst ausgenutzt haben. In Übereinstimmung damit sagte George E. M. Neill in einer Rede vor dem Weltkongress der Arbeiter:

"Die Arbeiterbewegung ist von Hunger erzeugt, Hunger nach Nahrung, Obdach, Kleidung und Genuss. Das Industriesystem der Gegenwart ruht auf der eisernen Teufelsregel: "Jedermann für sich selbst!" Ist es so unerklärlich, dass die, welche am meisten unter dieser selbstsüchtigen Regel zu leiden haben, sich zusammentun, um des Teufels Regierungsform zu stürzen?"

Können wir uns über solche Redensarten wundern in einer Zeit, da die Zeitungen sich in Beschreibungen des Luxus ergehen, den die "oberen Zehntausend" treiben? Es wird gemeldet, dass eine Dame kürzlich bei einem Ball in Paris Diamanten im Werte von 1.600.000 Dollar trug. Weiter hören wir, dass Hundebankette veranstaltet werden, bei denen die Dienerschaft den Tieren Leckerbissen aufwarten muss, dass für ein Dessertservice 5.000 Dollar, zwei rosafarbene Vasen 50.000 Dollar, ein Rassenpferd 350.000 Dollar bezahlt worden seien, dass eine Witwe in Boston 50.000 Dollar für den Sarg ihres Gatten, eine andere Dame 5.000 Dollar für den Sarg ihres Pudels verwendete, dass sich New Yorker Millionäre Privatschiffe bauen für den Preis von 800.000 Dollar.

Muss solches alles nicht in denen, die nicht "Neue Schöpfungen" sind, die nicht wissen, dass Gottseligkeit mit Genügsamkeit großer Gewinn ist - und derer sind nur wenige - die selber Not leiden und nur gerade ihr Auskommen finden, Neid, Hass und Eifersucht erregen, welche Leidenschaften gerade das Feuer sind, das alle Werke des Fleisches und des Teufels in der kommenden Drangsalszeit verzehren wird?

"Siehe, dies war die Missetat Sodoms, ... Hoffart, Fülle von Brot und sorglose Ruhe hatte sie mit ihren Töchtern, aber die Hand des Elenden und des Armen stärkte sie nicht" usw. - Hes. 16:49, 50

Der "Christian Advocate" in Kalifornien sagt über einen der prachtvollsten Bälle in New York folgendes:

"Der verschwenderische Luxus und der blendende Aufwand der reichen Griechen und Röm. aus alter Zeit ist geschichtlich bekannt. Ein gleich toller Aufwand wird jetzt in diesem Land bei der sogenannten modernen Gesellschaft eingeführt. Uns wird erzählt, dass eine Dame in New York 125.000 Dollar für Unterhaltungen ausgab während einer einzigen Saison.Die Art und der Wert dieser Unterhaltungen können von der Tatsche aus beurteilt werden, dass die Dame die Gesellschaft lehrte - wie man römischen Punsch gefrieren lässt in karmesinroten und gelben Tulpen, und wie man Schildkröte mit goldenen Löffeln aus silbernen Baumkähnen isst. Andere Gesellschaftsgeber bedeckten ihre Tafeln mit kostbaren Rosen, und einer von den "Vierhundert" soll für einen einzigen Unterhaltungsabend 50.000 Dollar ausgegeben haben. So verschwenderische Ausgaben zu so armseligen Zwecken sind sündhaft und schandhaft, ganz einerlei, wie reich man sein mag."

Der "Messias Herald" schrieb folgendes:

"Hundertvierundvierzig Geldfürsten hielten einen großen Ball ab. Niemals haben Kön. sie übertroffen. Der Wein floss wie Wasser. Die Pracht verlieh ihren Zauber. Weder Mark Antonius noch Kleopatra entfalteten je einen solchen Glanz. Es war eine Sammlung von Millionären. Der Welt war ihr Reichtum abgezapft worden, und man hatte ihn in Perlen und in Diamanten angelegt. Halsketten, von denen die Edelsteine je 200.000 Dollar und darunter kosteten, waren bei mehr als zwanzig zu sehen. Der Tanz begann mit aladinischer Pracht. Die Freude war unbegrenzt. Zur selben Zeit, sagt uns ein Journalist, irrten hunderttausend Bergarbeiter in Pennsylvanien hungernd auf den Landstraßen umher, wie Vieh nach Futter suchend. Viele von ihnen lebten von Katzen, und viele verübten Selbstmord, um die eigenen Kinder nicht verhungern sehen zu müssen; und doch würde eine einzige Halskette alle diese vom Hunger errettet haben. Es war dies eines der großen Ereignisse im Schoße einer sich christlich nennenden Nation. Welch ein Gegensatz! Und da gibt es keine Abhilfe? So wird es ein, bis er kommt!"

"Bis er kommt?" Nein, vielmehr gerade in jenen Tagen, da er gekommen sein wird, da er seine Auserwählten sammelt, um sein Reich aufzurichten, dessen Beginn die Zerschmetterung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse in der Zeit der großen Drangsal und allgemeinen Anarchie sein wird. (Offb. 2:26, 27; 19:15) Wie es war in den Tagen Lots, also wird es sein in den Tagen des Menschensohnes; wie es war in den Tagen Noahs, also wird es sein zur Zeit der Gegenwart des Menschensohnes. - Matth. 24:37; Luk. 17:26, 28

Werden die Reichen zu hart beurteilt?

Neulich wurde in der in San Francisco erscheinenden Zeitung "Examiner" geschrieben:

"Herrn W. K. Vanderbilts große Dampfjacht Valiante traf mit Herrn F. W. Vanderbilts Dampfjacht Conqueror in dem Hafen von New York zusammen. Die Valiante kostete 800.000 Dollar. Dies stellt den Reinertrag von einer Ernte von 15.000.000 Bushel je sechzig Cent Weizen dar, oder den ganzen Ertrag von wenigstens achttausend 160 Morgen Farmen. Mit anderen Worten: Achttausend Farmer, welche vierzigtausend Menschen vertreten, Frauen und Kinder, haben bei Sonne und Wetter gearbeitet, damit Herr Vanderbilt ein solches Vergnügungsfahrzeug erbaut bekäme, wie es kein Monarch in Europa besitzt. Der Bau des Schiffes erforderte die Arbeit von mindestens tausend Handwerkern während eines Jahres. Wenn das Geld, welches sie kostete, unter unsere Arbeiter verteilt worden wäre, so hätte dies einen merklichen Einfluss auf den zeitlichen Zustand in manchen Vierteln gehabt."

"The Literary Digest" schrieb:

"Vor einiger Zeit schrieb ein neuenglischer Geistlicher an Herrn Samuel Gompers, den Vorsitzenden des Arbeitervereinigung in Amerika, einen Brief, in welchem er anfragte, weshalb seiner Meinung nach so viele denkende Arbeiter nicht in die Kirche gingen. Herr Gompers antwortete, ein Grund dafür wäre der, dass die Kirchen nicht mehr in Fühlung stehen mit den Wünschen und Bestrebungen der Arbeiter, und dass sie kein Mitgefühl haben mit ihrem Elend und ihren Lasten. Entweder wüssten die Pastoren nicht das Recht und das Unrecht der sich abmühenden Millionen von den Kanzeln zu verkünden, oder sie hätten nicht den Mut dazu. Die Arbeiterorganisationen beschäftigen sich mit der Verbesserung der Verhältnisse, für die die Geistlichen nur ein Stirnrunzeln gehabt hätten. Die Aufmerksamkeit der Arbeiter sei auf die "süße Zukunft" gelenkt worden, so dass sie die Verhältnisse, die aus der "bitteren Gegenwart" erwuchsen, übersehen sollten. Die Kirche und die Geistlichen seien die Verteidiger des Unrechts gewesen, welches dem Volke zugefügt wurde, nur weil ihre Stützen die Reichen seien. Als Herr Gompers gefragt wurde, wie er über eine Versöhnung zwischen der Kirche und den Massen denke, antwortete er, diese könne nur auf Grund einer Umkehrung der gegenwärtigen Haltung der Kirche geschehen. "Wer mit der Arbeiterbewegung zu sympathisieren verfehlt", sagte er, "wer nur mit Behaglichkeit, oder wer gleichgültig über die gegenwärtigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse nachdenkt, widersetzt sich nicht nur den besten Interessen des Menschengeschlechtes, sondern er ist auch mitteilhaftig an dem verbrecherischen Unrecht, welches Männern, Frauen und Kindern der heutigen Zeit und den Männern und Frauen der Zukunft zugefügt wird."

Während wir sehen, dass die allgemeine Meinung die Reichen als Klasse verurteilt, und während wir auch wissen, dass der Herr diese Klasse als ganze verurteilt und ihre Strafe vorhergesagt hat, so ist es doch nur vernünftig, dass Gottes Kinder sich davor hüten, über die einzelnen Reichen ein hartes Urteil zu fällen. Der Herr verfährt sehr streng mit ihnen als Klasse; aber den einzelnen wird er gnädig sein, nachdem er ihre silbernen und goldenen Götzen zertrümmert, ihren Hochmut gebeugt haben wird. Er wird alle diejenigen reich segnen, die ihrer Selbstsucht und ihrem Stolz entsagen. Was uns helfen wird, gerecht und maßvoll zu sein in unserem Urteil, ist die Tatsache, dass nicht nur der als reich gilt, der unermesslich reich ist, sondern bei vielen auch der, welchen die Reichsten als arm betrachten, und dass zu denen, welche in den Augen der Armen reich sind, sehr viele gehören, welche zu den bestgesinnten Leuten gezählt werden müssen, und die ihre Gesinnung auch betätigen. Wenn es auch nicht alle dahin bringt, sich selbst zu opfern, so ist es doch nicht das Recht solcher, die sich auch nicht zum Segen anderer opfern, jene abzuurteilen. Wer es aber zur Selbstaufopferung gebracht hat, weiß, was das bei reich oder bei arm heißen will, und er schätzt schon die ersten Schritte zur Selbstaufopferung hoch.

Man sollte nicht vergessen, dass die Reichen nicht nur, was recht ist, ihrem Vermögen entsprechend Steuern bezahlen und damit öffentliche Einrichtungen unterhalten müssen, die auch den Armen zugute kommen, sondern oft auch die Werke freiwilliger Liebestätigkeit freudig und reichlich bedenken. Wer so handelt aus Liebe und nicht um des Lobes und Ruhmes von Menschen willen, wird seinen Lohn empfangen und hat vollen Anspruch auf die Achtung seiner Mitmenschen.

Man ist allgemein geneigt, über Millionäre abfällig zu urteilen. Unsere Leser möchten wir bitten: "Seid auch ihnen gegenüber liebreich." Auch sie sind wie die Armen in dem gegenwärtigen sozialen System gefangen. Sitte und Brauch haben ihnen Herz und Sinne in Fesseln geschlagen. Die falsche Auffassung des Christentums, die Jahrhunderte hindurch bei reich und arm herrschte, beherrscht noch vollständig ihre Denkweise. Sie glauben recht zu handeln, wenn sie es machen wie die anderen, wie diese ihre Zeit und ihre Fähigkeiten für das Geschäft brauchen. Dabei wird ihr Profit größer als der, den der Hände Arbeit einbringt.

Im Besitz des Reichtums halten sie sich für verpflichtet, ihn nicht ganz aufzuhäufen, sondern andere davon profitieren zu lassen, sei es durch Beschäftigung von Arbeitern und Angestellten, sei es durch Vereinigung weniger begüterter Freunde zu allerlei Festlichkeiten. Haben sie hierin so ganz unrecht? Ein Bankett um 12.000 Dollar, eine Jacht um 600.000 Dollar, die sich einer leisten kann, kommt vielen Fleischern, Bäckern, Blumenhändlern, Modisten, Schneiderinnen, Juwelieren, Bauarbeitern, Mechanikern, Tapezierern usw. zugute, und die Bemannung der Jacht selbst versorgt wieder eine Anzahl auf Verdienst angewiesene Leute.

So wie die Dinge jetzt liegen, ist es also für die wenig Bemittelten und Armen vorteilhafter, wenn die Reichen Luxus treiben, als wenn sie geizig wären. Einzig die Liebhaberei für Diamanten verschafft Tausenden ihr täglich Brot, welche sonst arbeitslos darben müssten. Aber sich mit ihren tollen Ausgaben zu rühmen, als wären sie die Betätigung der Nächstenliebe, dazu haben die Reichen ebenso wenig ein Recht wie der Mittelstand, wenn er sogenannte Wohltätigkeitsfeste veranstaltet. Wir wollen dieselben auch nicht gutheißen, sondern nur feststellen, dass diese tollen Ausgaben nicht auf Lieblosigkeit zurückzuführen sind. Sie verstehen es eben nicht besser, und mancher mag denken, dass, wenn er den Gewinn, den er täglich einheimst, verteilen wollte, er gar nicht sicher wäre, dass derselbe zu denen gelangen würde, die es am nötigsten hätten. Diese selber aufsuchen in den elenden Quartieren der Großstädte, dafür ist man zu fein; dafür müsste man Leute haben, und die könnten am Ende einen Teil des für Almosen bestimmten Geldes einstecken! Bevor sie so reich waren, mögen solche sich den Reichtum gewünscht haben, um Gutes zu tun; aber dieser, der Hochmut, die Selbstsucht und gesellschaftliche Vorurteile haben diese edleren Gefühle erstickt, so dass die Frucht ausbleibt.

Soviel nur, um zu zeigen, dass wir die tollen Ausgaben der Reichen, soweit sie auf Selbstsucht beruhen, nicht gutheißen. Auch die Schrift verurteilt dieselben. (Jak. 5:5) Sie sind eine Frage, die viele Seiten hat, und wenn man sie alle in Betracht zieht, so hilft das dazu, sich ein ruhiges und gesundes Urteil zu bilden und Mitleid zu haben mit denen, welche der Gott dieser Welt mit seinen Gütern verblendet hat, bis sie ungerecht wurden, und für welche der Herr so schwere Züchtigungen bereit hat. Der Gott dieser Welt verblendet auch Arme, so dass ihnen üblen Wege als gerecht erscheinen, und so führt es beide Parteien in den großen Kampf.

Wir müssen eben bedenken, dass, wenn wir auch Entschuldigungen finden für die Vereinigung großer Reichtümer in den Händen von wenigen, wenn auch einige unter den Begüterten, namentlich die weniger Reichen, Liebe üben, wenn sie auch ihre Reichtümer nach den gleichen Gesetzen erwerben, wie alle ihre Mitmenschen, wenn auch nicht wenige unter den Armen von Natur weniger freigebig sind und weniger bereit zur Gerechtigkeit als der oder jener Reiche, und vielleicht bei vertauschten Rollen sich ungleich härter erweisen würden, als es jetzt viele Reiche tun, der Herr gleichwohl erklärt, dass er mit den Besitzern von Reichtum deshalb ins Gericht gehen wird, weil sie, nachdem sie eingesehen haben, wohin die Verhältnisse, die sie reich gemacht haben, führten, sich nicht nach Abhilfe auf ihre Kosten umsahen, wie etwa die Beteiligung ihrer Helfer an diesem Verdienst.

Der Gedanke, dass alle gleichmäßigen Anspruch haben auf Erde, Luft und Wasser, und dass, wo der Besitz dieser Elemente in den Händen von wenigen konzentriert ist, die Gesamtheit jedem einzelnen eine Gelegenheit schuldet, sich das Nötige zu verschaffen, ist überaus verbreitet.

Um zu zeigen, wie schnell weite Kreise der Bevölkerung dem Gedanken zuneigen über die Pflicht der gesellschaftlichen Ordnung, die entweder alle Gelegenheiten und Reichtümer, welche die Natur bietet (Erde, Luft und Wasser), allen erschließen oder die bei Monopolisierung derselben dafür sorgen soll, dass sich alle Außenstehenden durch tägliche Arbeit unterhalten können, führen wir folgenden Auszug aus einer Zeitung an:

"Es ist wohl kaum ein mehr rührender Vorfall je gedruckt worden, als der folgende, der von einer Kindergarten-Lehrerin berichtet wurde: "Ein kleines Mädchen, das in dem armseligsten Stadtteil New Yorks einen Kindergarten besucht, kam kürzlich eines Morgens zur Schule, dünn gekleidet und verfroren aussehend. Nachdem es sich ein Weilchen gewärmt hatte, blickte das Kind die Lehrerin an, und es fragte ernstlich: "Lieben Sie Gott?" - Ja, freilich, antwortete die Lehrerin. - "Nun, ich nicht", entgegnete das Kind mit Heftigkeit, "ich hasse ihn!" - Ja, warum denn? - "Weil er den Wind blasen lässt, da ich doch keine warmen Kleider habe; weil er schneien lässt, da meine Schuhe doch Löcher haben; weil er kaltes Wetter schickt, da wir doch zu Hause kein Feuer machen können; weil er uns hungrig macht, da doch Mama kein Brot hat für unser Frühstück."

In einem Kommentar sagt die Zeitung:

"Wenn wir betrachten, wie überreich Gott die Menschenkinder mit Gütern versorgt hat, so wird es einem, wenn man diese Geschichte gelesen hat, schwer, noch mit Geduld auf die Behaglichkeit der reichen Lästerer zu blicken, die, gleich diesem unschuldigen Kind, die Armut Gott zuschreiben."

Von den Mammonsanbetern wollen wir hier gar nicht reden; denn Selbstsucht ist der Geist dieser Welt. Wir sehen aber auf die Reichen, welche Christen sein wollen. Auch sie legen weder Reichtum noch Leben nieder auf Gottes Altar zum Dienst an seinem Evangelium oder zur Linderung zeitlicher Not. Freilich, das Evangelium vorab; es hat den ersten Anspruch auf unsere Zeit, Fähigkeiten und Mittel. Wo dieses aber nicht erkannt wird, wo falsche Begriffe ein Herz hindern, sich seiner Leitung ganz zu überlassen, da bleibt immer viel zu tun in Übung der Liebe, wie Temperenz- Sittlichkeitsbewegung, Verbesserung der Wohnungsverhältnisse usw. Aber die Reichen, die sich für dergleichen interessieren, bilden die Ausnahme. Wollten sie alle sich in dieser Richtung betätigen mit Zeit und Geld, mit eigener Kraft und der Hilfe geeigneter Mitarbeiter, wie viel könnte binnen Jahresfrist in dieser Richtung geleistet werden! Die Industrie-"Ringe", überhaupt alles, was den einzelnen vor der Masse begünstigt, würden fallen, und das Interesse für alle wird dann zuerst kommen anstatt für wenige. Aber es ist Torheit, von den reichen Namenchristen solches zu erwarten; denn sie haben den Geist des wahren Christentums nicht. Sie wollen wohl lieber Christen heißen als Juden oder Heiden, weil der Name "Christ" jetzt landläufig ist, während es mit Christi wahren Lehren noch nicht anders bestellt ist, als es zur Zeit seiner Kreuzigung der Fall war.

Das stimmt auch überein mit dem Worte Gottes, in welchem wir lesen, dass Gott nur wenige Reiche und Weise zu Erben seines Reiches auserwählt hat, dass seine Wahl vielmehr auf die fällt, welche arm und verachtet sind in den Augen der Welt. "Schwerlich (das heißt mit großer Mühe) wird ein Reicher in das Reich der Himmel eingehen ... Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr (Anmerkung: Wenn unter dem "Nadelöhr" das Tor dieses Namens in Jerusalem gemeint ist, was wahrscheinlich ist, so besagt die Stelle, dass die Reichen, um ins Reich Gottes einzugehen, erst gebeugt und entlastet werden müssen wie die Kamele, die nachts, wenn die anderen Tore verschlossen waren, durch jenes "Nadelöhr" eingelassen wurden) eingehe, als (dass) ein Reicher in das Reich Gottes (eingehe)." - Matth. 19:23, 24

Die armen Reichen! Sie gehen schrecklichen Erfahrungen entgegen. Nicht nur wird ihr Reichtum für sie ein Hindernis sein, in Gottes Königreich Ehre und Ruhm zu finden, sondern schon in dieser Weltordnung werden sie bald um ihre Vorteile kommen. "Wohlan nun, ihr Reichen, weinet und heulet über euer Elend, das über euch kommt! ... Ihr habt Schätze gesammelt in den letzten Tagen." Das Weinen und Heulen der Reichen wird bald vernommen werden. Diese Gewissheit sollte Neid und Begehrlichkeit in allen Herzen vernichten und diese mit Mitgefühl mit den armen Reichen erfüllen, ein Mitgefühl, das freilich die Gerichte Gottes nicht wegwünscht, weil mit ihm die Erkenntnis verbunden ist, dass diese Gerichte die Herzen erneuern, die Augen öffnen werden für alles, was Liebe und Gerechtigkeit heißt, bei reich und arm. Die Reichen werden diese Gerichte schwerer empfinden, weil für sie die Änderung eine viel größere und dazu gewaltsame sein wird.

Warum aber können die Verhältnisse nicht allmählich so geändert werden, dass Güter und Bequemlichkeiten Allgemeingut werden? Weil die Welt nicht vom königlichen Gesetz der Liebe, sondern vom Gesetz der Selbstsucht regiert wird.

Selbstsucht verbunden mit Freiheit

Das Christentum lehrt die Freiheit, und Freiheit führt zur Erwerbung von Kenntnissen. Freiheit aber und Kenntnisse sind eine Gefahr für die Wohlfahrt der Menschheit, solange das göttliche Gesetz der Liebe nicht die Welt regiert. Darum hat denn auch die Namenchristenheit Freiheit und Kenntnisse dazu verwertet, ihre Selbstsucht kräftiger wirken zu lassen. Darum ist denn auch in der Namenchristenheit die Unzufriedenheit am größten, und die übrigen Nationen werden derselben in dem Grade teilhaftig, als sie Freiheit und Bildung der Namenchristenheit ohne den Geist Christi, den Geist der Liebe sich aneignen.

Das Alte und das Neue Testament begünstigen den Geist der Freiheit, aber nicht direkt, sondern indirekt. Das Gesetz verpflichtete die Knechte zum Gehorsam, drohte aber den Meistern mit der Strafe Gottes, wenn sie sich als ungerechte Herren erweisen würden. Das Neue Testament tut desgleichen. (Kol. 3:22-25; 4:1) Aber die Schrift versichert allen, dass, wenn die Menschen auch jetzt nach materiellen und geistigen Gaben verschieden sind, Gott eine vollständige Wiederherstellung aller, der Reichen und Armen, der Knechte und Freien, der Weisen und Unweisen auf gemeinsamer Stufe vorhat.

Es ist daher kein Wunder, dass die Juden ein freiheitsliebendes Volk, eine widerspenstige Nation, waren und die Fremdherrschaft nicht ertrugen, so dass ihre Besieger sich schließlich nicht anders zu helfen wussten, als ihrem Volkstum durch Zerstreuung ein Ende zu machen; kein Wunder, dass auch nichtchristliche Staatsmänner die Bibel als den Grundstein der bürgerlichen Freiheiten bezeichnen, dass mit der Bibel auch die Freiheit, mit dieser aber die Bildung und Kultur verschwindet. So hat auch das Papsttum durch Unterdrückung der Bibel das finstere Mittelalter heraufgeführt. Kaum aber wurde durch die Reformation die Bibel wieder in ihre Rechte eingesetzt, so erstanden Freiheitsliebe, Bildung und Fortschritt unter den Massen. Wo ein Volk die Bibel hat, herrscht Freiheit und Aufklärung, und je freier in einem Land die Bibel ist, um so freier, aufgeklärter, allgemeiner gebildet und allen Fortschritten zugänglicher ist das Volk.

Aber die Namenchristenheit hat eben, wie oben bemerkt, nur die Freiheit und die Aufklärung der Bibel sich angeeignet, das Gesetz der Liebe, der rechten Freiheit (Jak. 1:25) aber beiseite gelassen. Denkende Menschen haben jetzt eben erkannt, dass Freiheit und Bildung, wenn von der Liebe geleitet und beherrscht, viel Gutes, wenn aber im Dienste der Selbstsucht ausgenützt, unendlich viel Böses stiften. Dieses Böse ist nun gestiftet und bereitet die Elemente vor für das "Feuer" des Tages der Rache und der Vergeltung.

In der Chemie vermag eine Verschiebung des Verhältnisses unter den verschiedenen verbundenen Elementen, die eine nützliche Zusammensetzung ausmachen, diese zu einem Gift zu machen. Gerade so ist es mit den Segnungen der Freiheit und Bildung, wenn sich Selbstsucht damit verbindet. Bis zu einem gewissen Grade hat diese Verbindung der Menschheit nicht zu unterschätzende Vorteile gebracht. Aber die plötzliche Steigerung der Kenntnisse hat nun nicht der Wissenschaft, sondern der Selbstsucht auf den Herrscherthron hinaufgeholfen. Sie ist König, und Freiheit und Bildung sind ihre Diener. Mit ihnen beherrscht sie die Welt und bringt sie dabei in Gegensatz zur Gerechtigkeit und Friedsamkeit. Die Wissenschaft dient vorab dem eigenen Interesse, und die Freiheit wird zur Ungebundenheit, die über die Rechte und Freiheiten der anderen hinwegsieht. So bilden denn heutzutage Selbstsucht, Freiheit und Wissenschaft ein Triumvirat böser Mächte, unter deren Herrschaft die Namenchristenheit seufzt. Jetzt sind die Reichen und Maßgebenden seine Werkzeuge; aber seine Herrschaft wird nicht weniger drückend sein, wenn er die besitzlosen Massen als seine Werkzeuge braucht.

In den zivilisierten Ländern beherrscht er eben jeden einzelnen, ob reich, ob arm, gelehrt oder unwissend, klug oder töricht, Mann oder Weib, in allem, was er in diesem Leben tut. Er zeugt in allen seinen Untertanen eine leidenschaftliche Begierde nach Macht, Profit und Verbesserung der Stellung. Die wenigen Heiligen, die nur das gegenwärtige und zukünftige Gute für ihren Nächsten wünschen, bilden eine so verschwindende Minderheit, dass sie als handelnder Faktor in der Gegenwart kaum gezählt werden können. Sie werden auch das Gute, das sie tun möchten, nicht tun können, bevor ihr Herr und Meister sie erhöht und ihnen die Macht verliehen hat, die Welt als Gottes Königreich zu segnen. Solange sie im Fleische sind, werden sie stets zu wachen und zu beten haben, damit nicht ihre höhere Bildung und Freiheit unter die Herrschaft der Selbstsucht geraten und ihnen dadurch verderblich werden.

Wie reich und arm Unabhängigkeit versteht

Die Massen sind genau genommen erst vor nicht sehr langer Zeit zur Freiheit gelangt. Bildung hat die persönlichen und politischen Fesseln gesprengt; politische Gleichheit wurde nicht freiwillig zuerkannt, sondern von den Massen Zoll um Zoll erstritten. Wie früher Privilegien, so scheiden heute Hochmut und Selbstsucht die Menschheit in zwei feindliche Lager, in deren einem für die Erhaltung und Vermehrung von Besitz und Macht, in deren anderem um das Recht auf Arbeit, um einen bescheidenen Anteil an den Bequemlichkeiten modernen Lebens gekämpft wird. (Amos 8:4-8) Unter den Besitzenden denken viele: "Nun, die Massen haben ja Freiheit und den Stimmzettel. Möge es ihnen damit gut gehen! Sie werden bald merken, dass die Begabung im Leben eine große Rolle spielt, und dass dieselbe vorab die Reichen begünstigt. Wenn sie nur ihre Freiheit mit Maß und im Rahmen des Gesetzes gebrauchen, so sind wir einen Teil unserer Verantwortlichkeit los. Ehedem, als die Massen Untertanen waren, hatte jeder Adlige auch für diese zu sorgen, soweit sie seine Untertanen waren. Jetzt sind wir diese Sorge los und sind frei, für unseren eigenen Vorteil zu sorgen. Ihre Freiheit ist für uns ein großer Profit; jeder Herr hat seinen Nutzen von dem Wechsel, und das Volk, nun, es wird eben sein Möglichstes tun, auch seinen Vorteil zu finden wie wir. Die Massen sind nun nicht mehr unsere Schutzbefohlenen, sondern unsere Konkurrenten. Sie werden es dabei nach und nach erfahren, dass politische Gleichheit die Menschen noch nicht gleich macht, und an die Stelle der Erbaristokratie wird eine Aristokratie der Intelligenz und des Reichtums treten."

In den Massen antworten die Kraftvolleren gedankenlos: "Wir nehmen den Kampf auf; wir sind frei und stark genug, für uns selbst zu sorgen. Wir werden euch den Meister zeigen. Das Leben ist ein Kampf um den Besitz, und wir haben die numerische Übermacht; wir organisieren Arbeitseinstellungen und Boykotts und werden schon unseren Weg gehen!"

Ist die Voraussetzung richtig, dass die Menschen von einander unabhängig sind, und dass jeder für sich allein sorgen darf, ohne sich um die anderen und ihr Wohl zu kümmern, dann ist natürlich das Leben ein Kampf um den Besitz. Die Menschheit macht zur Zeit mit dieser Anschauung bitter ernst. Die Kapitalisten (mit Ausnahmen natürlich) sehen auf das Ihre und zahlen so wenig wie möglich für die Arbeit; die Arbeiter (mit Ausnahmen natürlich) sehen auf das Ihre und verlangen möglichst viel Lohn für ihre Dienste. Wie kann nun eine Klasse dies der anderen zum Vorwurf machen, da sie beide genau aus den gleichen Beweggründen handeln?

Der schöne Brauch, dass Gebildete und Begüterte die Armen zu Hause aufsuchen und ihnen mit Rat und Tat beistehen, ist bei diesem Kriegszustand verschwunden. Jeder sorgt für sich und lässt die anderen für sich sorgen. Das mag bei einigen ganz gut sein und in mancher Hinsicht von Nutzen, aber andere bringt es in bittere Verlegenheit, weil sie die Opfer der Unerfahrenheit, Unvorsichtigkeit, Verschwendungssucht, Gleichgültigkeit, Schwachheit und des Missgeschicks werden und dann der Öffentlichkeit und ihren Anstalten zur Last fallen.

Tatsache ist eben, dass weder Reich noch Arm unabhängig ist. Darum sollten die Menschen sich auch nicht gebärden, als wären sie es. Die Menschheit ist eine Familie. "Gott hat aus einem Blute alle Nationen der Erde gemacht." (Apg. 17:26) Wir sind dem Fleische nach alle Brüder, Kinder eines Vaters, Adams, der selbst ein Sohn Gottes war. (Luk. 3:38) Uns allen ist die Erde mit allem, was darinnen ist, zur gemeinsamen Besorgung anvertraut wie ein Lehen. Alle haben somit Anspruch auf diese Gabe Gottes; denn noch "ist die Erde des Herrn und alles, was darinnen ist". Der Sündenfall und seine Strafe, der Tod, der allmähliche, körperliche, intellektuelle und moralische Verfall hat alle Menschen mehr oder weniger unvollkommen gemacht, so dass jeder des anderen bedarf nach Maßgabe des Grades seiner Unvollkommenheit und daher rührenden körperlichen, intellektuellen und moralischen Abhängigkeit.

Wäre die Liebe die Triebfeder in allen Menschen, so würde ein jeder sich freuen, in seinem Teil mitzuwirken an der Wohlfahrt der Gesamtheit, und allen wäre das Notwendige und einige Bequemlichkeit im Leben gesichert. Dieses setzte ein wenig Sozialismus voraus. Aber Liebe ist eben die Triebfeder nicht, und darum kann ein solcher Zustand jetzt nicht Platz greifen; vielmehr regiert die Selbstsucht fast die ganze Namenchristenheit, und nun reifen ihre Herlinge schnell heran für die große Kelter des Zornes Gottes. - Offb. 14:19, 20

Nur Massenbekehrung oder das Eingreifen einer höheren Macht werden die Welt von der Bahn der Selbstsucht auf den Pfad der Liebe zurückführen. An Massenbekehrungen glaubt heute auch der Hoffnungsvollste nicht mehr; denn die Mission entreißt dem Heidentum nur wenige Hunderte, und die wahren Bekehrungen vom selbstischen Geist der Welt zur liebenden christlichen Gesinnung beziffern sich nicht einmal so hoch. Diese Hoffnung ist daher aufzugeben. So bleibt also nur das Eingreifen einer höheren Macht übrig, und für dieses gerade hat Gott durch das Tausendjährige Reich seines Christus gesorgt. Gott hat eben vorausgesehen, dass tausend Jahre nötig sein würden, um die Selbstsucht auszurotten und die Liebe ihre Stelle ganz ausfüllen zu lassen. Darum hat er sich eine solche Zeit zur Wiederherstellung (Apg. 3:21) vorgenommen. Unterdessen aber sehen die wenigen, die sich nach dieser Herrschaft der Liebe sehnen, völlig ein, dass menschliche Mittel dieselbe nicht herbeizuführen vermögen, weil die Reichen ihren Überfluss nicht freiwillig hergeben wollen, und die Armen ohne den Stachel der bitteren Not oder der Begehrlichkeit nicht einmal ihren Unterhalt verdienen würden.

Warum die jetzigen günstigen Verhältnisse nicht von Dauer sind

Viele möchten sich sagen, nachdem Reich und Arm sechstausend Jahre nebeneinander gelebt haben, sei die Gefahr, dass die Reichen die Armen erdrücken und aushungern, oder die Armen durch Herbeiführung anarchistischer Zustände die Reichen vernichten, heutzutage nicht größer als je zuvor. Aber das ist eine trügerische Hoffnung. Die Verhältnisse sind durchaus andere geworden. Die Massen haben die Vorteile der Kultur und Bildung zu schmecken bekommen und lassen sich dieselben nicht rauben. Der Verdacht allein, dass man etwa beabsichtigen könnte, ihre Kinder derselben zu berauben, würde sie zur Revolution treiben, und gerade die Furcht vor dahin zielenden Versuchen treibt sie zu immer schärferer Opposition.

Aber sind denn solche Versuche überhaupt zu fürchten? Wird nicht vielmehr das Wohlergehen aller immer mehr Steigerung erfahren wie in den letzten 100 oder 50 Jahren?

Wir glauben das nicht, halten vielmehr solche Hoffnungen für trügerisch. Das Gedeihen des nun zu Ende gehenden Jahrhunderts war eine Gott gewollte (Daniel 12:4) Frucht des Erwachens der Völker, der Presse, der Dampfkraft, der Elektrizität, der Maschinen überhaupt.

Die Nachfrage nach Bedürfnis- und Luxusartikeln stieg plötzlich in ungeahnter Weise, so dass ihr die Produktion erst nicht Schritt zu halten vermochte. Als der Bedarf im eigenen Land aber gedeckt war, erwachten andere Nationen aus langem Schlaf und verlangten auch nach ihrem Anteil an den Segnungen des Fortschritts. Eine Zeitlang profitierten alle Klassen, und alle zivilisierten Völker erlangten einen größeren Reichtum und vermehrte Bequemlichkeiten, wie es nie zuvor gewesen war; denn für den Maschinenlauf wurden Former gebraucht, sowie Maschinisten und Zimmerleute; diese bedurften der Hilfe der Holzarbeiter, der Ziegelarbeiter, Schmelzofensetzer und der Heizer; und als die Maschinen fertig waren, brauchten sie viele Kohlen, und so wuchs die Nachfrage nach Bergarbeitern, nach Ingenieuren, Heizern usw. In der ganzen Welt wurden Dampfschiffe und Eisenbahnen gebraucht, und es wurden Tausende von Arbeitern angestellt, welche sie bauten, ausrüsteten und führten. So wurden denn plötzlich allgemein Arbeiter gesucht, und die Nachfrage trieb die Löhne in die Höhe. Indirekt hatten auch noch andere Vorteil davon, denn wie die Arbeiter besser bezahlt wurden, aßen sie bessere Speisen, trugen sie bessere Kleider und wohnten sie in besseren Häusern, die auch behaglicher ausgestattet waren. Die Gutsbesitzer mussten nicht nur mehr Arbeitslohn bezahlen, sie erhielten auch mehr für das, was sie verkauften, und so war es mit allen Erwerbszweigen. Die Gerber, die Schuhmacher, der Strumpfwirker, die Uhrmacher, die Juweliere usw. hatten alle Vorteil, denn je besser die Massen bezahlt wurden, umso mehr konnten sie für Bedarfs- und für Luxusartikel ausgeben. Die, welche einst barfüßig gingen, kauften Schuhe; die früher keine Strümpfe trugen, betrachteten Strümpfe als notwendig, und so gediehen alle Zweige; da alle diese Nachfragen plötzlich aufkamen, war ein schnelles und allgemeines Aufblühen unvermeidlich.

Der Erfindungsgeist wurde durch die beständige Nachfrage angeregt, und er brachte eine Arbeit sparende Maschine nach der anderen hervor, so dass es jetzt in Fabriken, zu Hause oder auf Bauerngütern kaum möglich ist, ohne moderne Maschinen den Lebensunterhalt zu verdienen. Alles dieses, zusammen mit dem später entstandenen Auslandshandel, hat die Lage der Arbeiterklasse beständig verbessert, während die Kaufleute und Fabrikanten der Christenheit fabelhaft reich wurden.

Jetzt aber sind wir am Gipfelpunkt des Gedeihens angelangt. Die Produktion übersteigt vielfach die Nachfrage oder wenigstens die Kaufkraft von vielen. China, Japan und Indien produzieren jetzt selbst mehr als das Doppelte von dem, was sie zuvor in Europa und den Vereinigten Staaten kauften, und die Staaten Südamerikas sind dem Ruin nahe und führen nur wenig mehr ein. Dies muss zu einer Krisis führen und hätte in Europa längst dazu geführt, wenn nicht der dortige Überfluss an Kräften und brach liegenden Kapitalien einen Abfluss nach den Vereinigten Staaten gefunden hätte, wo er nun dieselbe Krisis heraufzubeschwören droht. Dazu haben Kriege die Reihen der Arbeitsbedürftigen gelichtet und durch Zerstörung neue Arbeitsgelegenheiten geschaffen. Und jetzt, seit 25 Jahren, sind die stehenden Armeen große Abnehmer, und sie hinderten Hunderttausende, durch Konkurrenz ihren Brüdern zu schaden.

Sind wir aber am Gipfelpunkt angelangt, so muss ein Niedergang folgen, der, menschlich gesprochen und vom Standpunkt der Weissagung aus betrachtet, zu der großen Krisis der Weltgeschichte führen muss. Die Löhne beginnen trotz aller Anstrengungen, sie zu halten, wieder zu sinken; die Erzeugnisse werden billiger, bringen daher immer weniger ein. Was wird die Folge davon sein, und wie lange werden wir darauf noch warten müssen?

Der Zusammenbruch wird ein gewaltsamer, plötzlicher sein. Wie ein Matrose, der sich langsam zur Mastspitze hinaufgearbeitet hat, plötzlich stürzen kann, wie ein schwerer Gegenstand, der von Maschinen mit Zahnrädern und Flaschenzügen hochgewunden wurde, sich plötzlich losmachen und mit zermalmender Wucht herabstürzen kann, mehr Schaden stiftend, als wenn er nie gehoben worden wäre, so hat die Menschheit, nachdem sie durch die Zahnräder und Hebel der Erfindung und Verbesserung über jeden früheren Höhengrad emporgehoben worden ist, eine Stellung erreicht, wo sie (wegen der Selbstsucht) nicht noch höher steigen kann, wo etwas plötzlich nachgibt. Sie wird einen Augenblick (ein paar Jahre) stillstehen, bis die Zahnräder und Hebel zerbrechen, dann wird sie stürzen und der Zerstörung anheimfallen.

Dass die Befürchtungen, die anfänglich an die Einführung der Maschinen geknüpft wurden, sich nicht sofort erfüllten, hat in manchen den Wahn erzeugt, sie seien kein Feind der menschlichen Arbeit. Die Herstellung der Maschinen machte eben weitere Arme unentbehrlich, so dass diese neue Industrie Beschäftigung für viele schuf. Aber die Zeit wird kommen, da auch diese spärlicher wird. Mag auch die Nachfrage in den letzten 50 Jahren auf das Fünffache gestiegen sein, die Maschinen haben dafür die Produktion verzehnfacht, und von dem Augenblick an, wo die Maschinen den Bedarf ganz decken, werden sie Konkurrenten der Menschen, selbst wenn nicht immer neue entstünden, selbst wenn die Menschheit sich nicht so rasch vermehrte! In diesem Konkurrenzkampf ist der Mensch bald besiegt! Maschinen sind eben Sklaven von Eisen, Stahl und Holz, in die der Dampf oder die Elektrizität Leben bringt. Sie können nicht nur mehr, sondern auch Besseres herstellen als die Menschen. Sie haben kein Gemüt, das Pflege erfordert, keine bösen Neigungen, gegen die man ankämpfen muss, nicht Weib und Kind, für die ihnen die Sorge obliegt. Sie kennen keinen Ehrgeiz; sie bilden keine Vereine und fordern keine Lohnerhöhungen. Sie streiken nicht und leisten Extrastunden ohne Mehrbezahlung. Sie sind deshalb begehrter denn weiße oder schwarze Sklaven, und ihre Besitzer sind recht froh, dass ihre Mitmenschen frei und unabhängig und nicht ihrer Obhut anvertraut sind, so dass sie nicht für sie zu sorgen brauchen.

Die Arbeiter ihrerseits sind auch nicht blind. Sie sehen, wenigstens undeutlich, wohin das gegenwärtige System der Selbstsucht, das sie selber haben heraufführen helfen, und unter dem sie sich jetzt wohl oder übel behelfen müssen, schließlich führen muss. Sie sehen noch nicht, dass es unvermeidlich ist, und dass es sie bald in die entsetzliche Knechtschaft bringen muss, wenn es nicht beseitigt werden kann; aber sie sehen, dass ihr Kampf um einen Platz an der Maschine von Jahr zu Jahr grimmiger wird.

Die Maschinen, ein Faktor bei der Zubereitung für das "Feuer"
Die letzten Jahre nur ein Vorspiel des noch Kommenden

Wir führen einige Artikel an von Leuten, die aufwachen und erkennen, wie es um die Zukunft bestellt ist. Ein unbekannter Schriftsteller sagt:

"Der Glanz der alten Städte-Demokratien Griechenlands, die wie Lichtflecken auf dem dunklen Hintergrund des umgebenden Barbarentums leuchteten, ist letzthin oft die Quelle geworden, aus welcher Verteidiger der verschiedenen Regierungsformen schöpften. Die Gegner der Volksherrschaft haben behauptet, dass die alten Städte überhaupt nicht demokratisch gewesen seien, sondern vielmehr aristokratisch, da sie Sklaven für sich arbeiten ließen, wodurch allein sie Muße fanden, sich mit Politik zu beschäftigen. Jener Anschauung gemäß müsse es eine Klasse geben, welche den Packesel des Gemeinwesens bildet, und eine Politik, welche den Arbeitern einen Anteil am Regieren verleiht, könne nicht von Dauer sein.

"Dieser wohl erdachten Begründung stellte sich Herr Charles H. Loring in seiner Präsidentenansprache an die amerikanische Vereinigung der Maschineningenieure im Jahre 1892 in geistreicher Weise gegenüber. "Die Schande der altertümlichen Zivilisation", sagte er, "war, dass letztere aller Menschlichkeit bar war. Gerechtigkeit, Wohlwollen und Barmherzigkeit machten sich nur in geringem Maße bemerkbar, um so mehr aber Gewalttätigkeit, Betrügerei und Grausamkeit. Man hätte ja auch nichts Besseres erwarten sollen von einem System, welches auf der schlimmsten Art der Sklaverei fußte, die sich ein Mensch vorstellen kann. Solange die Sklaverei der Ursprung einer Zivilisation war, musste letztere brutal sein, denn der Strom konnte nicht über die Höhe seiner eigenen Quelle ansteigen. Eine solche Zivilisation musste nach raschem Aufstieg zum Höhepunkt wieder verfallen, und die Geschichte zeigt, wenn auch nur unbestimmt, wie sie zurückkehrte zu demselben finsteren Barbarentum, aus welchem sie gekommen war."

"Auch die moderne Zivilisation hat ihre Sklaven, diese unterscheiden sich aber gewaltig von denen des Altertums. Sie besitzen keine Nerven und kennen keine Ermüdung. Sie brauchen ihre Arbeit nicht zu unterbrechen, und sie leisten weit mehr als menschliche Sklaven. Sie sind nicht nur viel stärker, sondern auch viel billiger. Sie arbeiten unbeschränkt, sie sind für das Feinste wie für das Gröbste gleich gut anwendbar. Sie bringen für den Menschen alles in solchem Übermaße hervor, dass derselbe der schwereren Arbeiten völlig enthoben wird und zum ersten Male erkennt, dass er der Herr der Schöpfung ist. Die Produkte aller großen Künste der Zivilisation, der Gebrauch billiger und schneller Verkehrs- und Transportmittel zu Wasser und zu Lande, die Druckerkunst, die Werkzeuge des Krieges und des Friedens, die Fertigkeiten und Kenntnisse, alles das wird allen möglich und zum Besitztum gemacht durch die Arbeit jenes gehorsamen Sklaven, den wir Dampfmaschine nennen.

"Es ist buchstäblich wahr, dass die modernen Maschinen Sklaven sind, die viele hundertmal soviel Produktionskraft besitzen, als es bei den früheren menschlichen Sklaven der Fall war, und dass wir darum jetzt die materielle Grundlage besitzen für eine Zivilisation, bei welcher die gesamte Bevölkerung jene Klasse ausmachen kann, die genug Muße hat - wie die freien Bürger des alten Athen - eine Klasse von Freien, allerdings nicht, um die Zeit mit lässigem Nichtstun totzuschlagen, sondern um, befreit von den größten Lastarbeiten, sich mit Bequemlichkeit versorgen zu können, mit nicht mehr Arbeit, als es sich vereinbaren lässt mit der Gesundheit und mit der Pflege des Geistes und mit vernünftiger Unterhaltung. Man schätzt, dass in Großbritannien allein die Dampfkraft die Arbeit von 156.000.000 Menschen ersetzt, das ist mehr als fünfmal soviel als es früher in der ganzen zivilisierten Welt gab, Sklaven und Freie zusammengenommen. In den Vereinigten Staaten verrichtet der Dampf die Arbeit von 230.000.000 Menschen, beinahe die ganze arbeitende Bevölkerung der Erde darstellend, und wir ziehen jetzt Wasserfälle zu Elektromotoren heran in einem Maße, das sogar diese Anhäufung bei weitem übertrifft.

"Während wir aber die materielle Grundlage haben für eine solche Zivilisation mit größter Bequemlichkeit, freier Zeit und mit Kenntnissen, haben wir unglücklicherweise noch nicht gelernt, den rechten Gebrauch davon zu machen. Wir verbessern zwar manches, aber wir sind noch immer Bürger, die sich glücklich schätzen, wenn sie Gelegenheit finden, die ganze Zeit, während welcher sie nicht schlafen, mit ermüdender Arbeit zu verbringen - Bürger, die in der politischen Anschauung jedem anderen ebenbürtig sind, um die Politik der Regierung zu entscheiden zu können, die aber nicht Zeit haben, weiter zu denken als bis zur nächsten Mahlzeit.

"Die Wissenschaft, besonders die physikalische, hat uns gelehrt, wie wir die größte, die glänzendste, die glücklichste und die dauerndste Zivilisation errichten können, welche die Geschichte kennt. Der sozialen Wissenschaft bleibt es überlassen, uns zu lehren, wie wir alles Erworbene gebrauchen müssen. Jeder Versuch, welcher in dieser Hinsicht gemacht wird, ist von Wert, mag er nun gelingen oder fehlschlagen. In der Chemie werden tausend fruchtlose Experimente gemacht, ehe eines zu einer Erfindung führt."

Der "Schwarze Diamant", eine Kohlenhändler-Zeitung in Amerika, schreibt folgendes:

"Ein Umstand, der den Kohlenbohrmaschinen besondere Bedeutung verleiht, ist der, dass die Maschine beständig arbeiten kann. Die Aussichten auf Streiks sind daher weit geringer geworden, und es ist bemerkenswert, dass in der letzten Zeit auf Streiks gewöhnlich eine Ausdehnung der Anwendung von Maschinen stattgefunden hat. Die Anwendung der mechanischen Mittel wird die Streiks noch fast unmöglich machen. Die Elektrizität befindet sich noch in den Kinderschuhen; wo sie aber erst das Feld erobert, bleibt sie für dauernd, und die Kohlenbergarbeiter werden sich bald der ernsten Tatsache gegenüber sehen, dass dort, wo jetzt Tausende beschäftigt sind, Hunderte mit Hilfe der elektrischen Bohrer dieselbe Arbeit leisten werden."

Die "Olyphante Gazette" schreibt:

"Die wunderbaren Errungenschaften und die unzähligen Vermächtnisse dieses erfindungsreichen Zeitalters treiben immer schneller menschliche Arbeitskräfte aus vielen Teilen der Industrie, und Tausende von Arbeitern, die noch vor einigen Jahren lohnende Beschäftigung fanden, suchen jetzt vergeblich nach Arbeit. Wo Hunderte in einer Fabrik beschäftigt waren, werden jetzt etliche zwanzig mit Hilfe von Maschinen weit mehr vollbringen. Die Setzmaschinen haben Tausende von Setzern ihrer Beschäftigung beraubt, denn die Maschinen arbeiten schneller, mit weniger Unkosten und befriedigender.

"Es ist vorauszusehen, dass in wenigen Jahren die Kohlen zum größten Teil mit elektrischen Maschinen befördert werden, und dass dann die Menschen nur noch letztere zu beaufsichtigen brauchen."

Eine andere Zeitung schreibt folgendes:

"Ein Arbeiter und zwei Lehrlinge verrichten jetzt die Arbeit, die vor wenigen Jahren 1.100 Spinner beschäftigte. Ein Mann leistet in der Weberei soviel, als zur Zeit seiner Großväter fünfzig leisteten. Jede Kattunmaschine hat 1.500 Arbeiter überflüssig gemacht, jede Nagelmaschine deren tausend, jede mechanische Töpferei ebenfalls tausend. Beim Laden und Ausladen der Schiffe verrichtet ein Mann jetzt die Arbeit von zwei Tausenden, ein Mann kann Baumwolle beschaffen zur Kleidung von zweihundertundfünfzig, Wolle für dreihundert, Schuhe für tausend, Brot für zweihundert Personen, und dabei gibt es Tausende, die diese Gegenstände nicht kaufen können. Da muss etwas nicht in Ordnung sein! Das sind anarchistische Zustände, aus denen wir heraus müssen. Aber wo ist der Ausweg?"

"The Topeka State Journal" schreibt:

"Professor Hertzka, ein österreichischer Wirtschaftspolitiker und Staatsmann, hat gefunden, dass zur Erhaltung der verschiedenen Industriezweige, welche die zweiundzwanzig Millionen Österreicher mit den Bedarfsartikeln des täglichen Lebens versehen, bei den modernen Maschinen die Arbeit von sechshundertundfünfzehntausend Männern genügen würde. Um alle mit Luxusgegenständen zu versorgen, wären nur weitere dreihundertundfünfzehntausend Arbeiter notwendig. Weiter rechnet er aus, dass von der Bevölkerung Österreichs fünf Millionen beiderlei Geschlechts, im Alter von 16-50 Jahren, arbeiten. Seine Berechnungen führten ihn zu der Behauptung, dass, wenn alle diese Arbeiter mit modernen Maschinen und Arbeitsmethoden ausgerüstet wären, die ganze Bevölkerung mit Bedarfs- und Luxusartikeln versorgt werden könnte, ohne dass jemand bei den jetzt üblichen Arbeitsstunden länger als siebenunddreißig Tage im Jahre zu arbeiten brauchte. Wenn die Arbeiter es dann vorziehen würden, dreihundert Tage vom Jahr zu arbeiten, so würden sie täglich nicht länger als eine Stunde und zwanzig Minuten zu arbeiten brauchen.

"Professor Hertzkas Zahlen sind, wenn sie stimmen, mit mehr oder weniger Abänderung für jedes Land anwendbar, einschließlich auch für Amerika. In Kalifornien arbeitet eine Dampferntemaschine, welche bei Beaufsichtigung von drei Männern täglich neunzig Morgen Landes mäht und bindet. Ein Bäcker in Brooklyn beschäftigt 350 Männer und stellt täglich 70.000 Brote her, das sind 200 auf einen Angestellten. Mit der McKay-Maschine vermag ein Mann in derselben Zeit dreihundert Paar Schuhe herzustellen, in welcher ein anderer mit der Hand fünf Paar herstellen würde. In einer Fabrik für landwirtschaftliche Geräte verrichten jetzt fünfhundert Menschen dasselbe, was früher 2.500 getan hätten.

"Vor 1879 musste man siebzehn geschickte Arbeiter anstellen, wenn man wöchentlich fünfhundert Dutzend Besen fertig stellen wollte. Jetzt verfertigen neun Männer 1.200 Dutzend in derselben Zeit. Ein Mann stellt täglich 2.500 Zweipfund-Blechbüchsen her. Eine Uhrenfabrik in New York verfertigt täglich über 1.400 Uhren, jährlich 511.000, oder im Durchschnitt zwei oder drei Uhren in der Minute. In einer Schneiderei kann ein Mann mit Hilfe der Elektrizität täglich fünfhundert Kleider herstellen. In den Stahlwerken von Carnegie verrichten acht Mann mit Hilfe der Elektrizität die Arbeit von dreihundert. Eine Streichholzmaschine, die ein Junge beaufsichtigen kann, stellt täglich zehn Millionen Hölzer her. Der neueste Webstuhl kann ohne Beaufsichtigung während der Mittagspause 1 1/2 Stunden lang nach Beendigung der Arbeitszeit arbeiten, da das Weben automatisch vor sich geht.

"Hier haben wir das Problem des Zeitalters, welches noch seiner Lösung wartet. Wie können wir unsere Kräfte und unsere Bedürfnisse so verbinden, dass keine Energie vergeudet wird und kein Mangel entsteht? Es ist klar, dass es bei der Lösung dieses Problems keine überanstrengten Arbeiter mehr geben kann, keine Armut, keinen Hunger, keine Entbehrung, keine Landstreicher. Es sind schon viele Lösungen ausgedacht worden, aber es scheint sich darunter keine einzige zu finden, die anwendbar wäre, ohne dass jemand wirklich oder scheinbar Unrecht getan würde. Der Mann, der das Volk in dieser Hinsicht zum Lichte führen wird, wird der größte Held und der größte Wohltäter seines Geschlechtes sein, von dem die Geschichte je gehört hat."

Die Frauenarbeit

Im Jahre 1880 wies die Volkszählung in den Vereinigten Staaten 2.477.157 Frauen in Lohnarbeit auf, im Jahre 1890 waren es schon 3.914.711; jetzt (1897) dürften fünf Millionen schon stark überschritten sein. Nun wird auch dieser Verdienst von der Maschine bedroht. So hat zum Beispiel eine Kaffeerösterei in Pittsburgh durch Aufstellung von zwei Packmaschinen von 56 Arbeiterinnen 52 überflüssig gemacht.

Ja, die Maschine nimmt den Menschen die Arbeit ab, aber jede wertvolle Erfindung vergrößert die Schwierigkeit; denn wer versorgt denn die, welche arbeitslos bleiben müssen?

Vernünftige und unvernünftige Ansichten und Abhilfemittel der Arbeiter

Um dem Sinken der Löhne zu wehren, haben die Arbeiter ihre Vereine gegründet, die viel dazu beigetragen haben, die Selbständigkeit der einzelnen Arbeiter und seine Interessen überhaupt zu schützen. Aber sie haben auch schlimme Früchte gezeitigt. Sie haben die Leute dazu gebracht, nur auf die eigene Kraft zu trauen, statt auf Gott und seinen uns in seinem Wort geoffenbarten Rat. Hätten sie sich nach diesem umgesehen, so hätte ihnen Gott den richtigen Weg gewiesen. Aber sie glaubten eben nicht an Gott, misstrauten ihm wie den Menschen, und gaben sich immer mehr der Unzufriedenheit und Selbstsucht hin. So haben die Vereine die Arbeiter oft zu willkürlichem Handeln veranlasst und ihrer Bewegung die Herzen sonst guter Arbeitgeber entfremdet, jetzt aber die Arbeiter böse Erfahrungen mit den Vereinen machen lassen.

Die Arbeiter haben ganz recht, wenn sie verlangen, dass die Segnungen und Bequemlichkeiten der Gegenwart allen gleichmäßig zugute kommen sollten, nicht nur denen, die reich genug sind, um sich in den Besitz von Land und Maschinen zu setzen und davon zu profitieren. Sie sind der Meinung, dass diese den Profit nicht allein einstecken, sondern mit ihnen teilen sollten. Dies gebietet die Nächstenliebe; darum zitieren sie auch oft die Worte des Herrn.

Aber sie scheinen zu vergessen, dass sie wohl von den Reichen verlangen, dass sie sich dem Gebot der Nächstenliebe unterwerfen, während sie selbst unter der Herrschaft der Selbstsucht bleiben wollen. Ist es vernünftig, von anderen zu verlangen, was man selber den anderen nicht tun will? Sicherlich nicht! Gewöhnlich sind die lautesten Schreier um das Gut der anderen am wenigsten geneigt, andere an dem teilnehmen zu lassen, dessen sie sich selbst schon etwa erfreuen.

Ein anderer Nachteil, den die Selbstsucht hat, ist, dass die Mehrheit unter den wenigen, welche ein gesundes Urteil haben, von ihren eigenen Geschäften voll und ganz in Anspruch genommen wird, so dass die Arbeiter vielfach die Opfer mittelmäßiger oder schlechter Ratgeber werden. Gute Ratschläge würden überdies kaum mehr Anklang finden. Die Arbeiter sind misstrauisch geworden und halten gute Ratgeber für Spione und Kundschafter der Arbeitgeber und ihrer Partei. Die Mehrzahl der Arbeiter ist unverständig und fällt daher den gewissenlosen Ausbeutern zu, welche ihre Unwissenheit ausnützen und sich für angebliche Dienste sehr gut bezahlen lassen.

Es ist sicher, ob nun wegen der Unwissenheit oder Urteilslosigkeit, dass mehr als die Hälfte der den Arbeitern erteilten und von ihnen befolgten Ratschläge gerade zu ihrem Schaden ausgeschlagen haben. Zum großen Teil kommt das freilich daher, dass sie "Fleisch für ihren Arm halten", dass sie sich auf ihre Zahl, ihren Mut verlassen und die Weisheit von oben verschmähen, welche "aufs erste rein ist, sodann friedsam, gelinde, folgsam, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ungeheuchelt." Folglich haben sie nicht "einen Geist (Gesinnung) ... des gesunden Sinnes." - Jak. 3:17; 2. Tim. 1:7

Sie denken, mit Vereinen, Streiks, Boykottierungen usw. den Preis der Arbeit auf einzelnen Gebieten zwei- oder dreimal so hoch festhalten zu können als auf anderen Gebieten, und bemerken dabei nicht, dass heutzutage eine Arbeit viel rascher gelernt wird als früher, dass Schule und Presse jedem Kenntnisse vermitteln, die die Massen befähigen zu erlernen, was früher nur einzelne konnten, dass das Massenarbeitsangebot, nachdem es auf einem Gebiet die Löhne auf das Niveau des Notwendigen heruntergedrückt, sich auf noch "gute" Gebiete wirft und diese damit ebenfalls ruiniert. Dann müssen Massen von Männern entweder müßig sein und hungern und ihre Familien darben lassen, oder Arbeit um die Hälfte oder ein Drittel des früher erzielten Lohnes annehmen.

Die Vereine haben, solange die Nachfrage das Angebot überstieg, ihren Mitgliedern vielen Nutzen gebracht, indem sie gute Löhne, mäßige Arbeitszeit und Abwehr der gesundheitsschädlichen Einflüsse erzielten; aber gegen das eiserne Gesetz von Angebot und Nachfrage vermögen sie gar nichts. Die Arbeiter haben nur von einer Seite Hilfe zu erwarten, von Gott, und nicht von Fleisch und Blut.

Das Gesetz von Angebot und Nachfrage lastet auf allen

Das "Geschäft" beruht heutzutage, ob von reich oder arm, groß oder klein betrieben, auf Lieblosigkeit, Selbstsucht, Profitmacherei. Die Ware und die Arbeit wird so teuer als möglich verkauft; ihr wahrer Wert kommt meistens nicht in Frage, es sei denn etwa Eigennutz im Spiele.

An den Wirkungen von Angebot und Nachfrage kann niemand etwas ändern; unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen werden alle davon betroffen. Wenn ein Farmer sich in den Kopf setzen würde, seinen Weizen nicht unter 1 Dollar per Bushel (ca. 1/2 hl.) zu verkaufen, was wäre die Folge? Sein Weizen würde schlecht, seine Familie hätte kein Geld für Kleider, seine Knechte keinen Lohn, sein Gläubiger keinen Zins, und dieser würde ihm Haus, Feld und Weizen verkaufen, um sein Geld zu erhalten.

Wenn ein Farmer sich vornehmen würde, seine Knechte statt zwölf Stunden täglich um monatlich 30 Dollar nur acht Stunden täglich um monatlich 60 Dollar arbeiten zu lassen wie die Arbeiter in den Städten, so wäre er bald tief verschuldet. Ja, wenn alle Farmer so handeln und ihr Getreide nicht anders als teuer verkaufen wollten, so würden sie ihre Scheunen nicht leeren können, und Russland, Indien und Südamerika würden in der Union billiges Getreide verkaufen.

Die große Kapitalbedürftigkeit der Union zur Zeit des Eisenbahnbaues und beim Beginn des Maschinenbetriebes in der Industrie verschaffte vielen Millionen in Europa nutzbringende Anlagen, und diese Millionen schufen die Blüte der Union. Aber ihre Blütezeit ist vorbei, sie steigt langsam herab, und nichts als ein Krieg oder andere schwere Unglücksfälle können der Industrie wieder aufhelfen, indem sie den friedlichen Nationen viel Arbeit verschaffen. So hat zum Beispiel der japanisch-chinesische Krieg die beiden Staaten zu großen Abnehmern von Kriegsmaterial gemacht, und jetzt verwendet Japan die chinesische Kriegsentschädigung zum Bau großer Kriegsschiffe, was die anderen Mächte veranlasst, ebenfalls ihre Flotten zu vermehren. Das gibt Arbeit und Verdienst, und so sehr wir den Krieg verabscheuen, wir sehen diese Rüstungen lieber als den Arbeitsmangel, der Menschen aushungert. Die Schulden der Welt mögen nur Anleihepapiere werden; sie werden in der kommenden Drangsal gerade so viel wert sein als Gold und Silber. - Hes. 7:19; Zeph. 1:18

Viele sehen ein, dass die Konkurrenz eine Gefahr ist; darum hat auch die Union der Einwanderung der Chinesen oder analphabetischer Europäer einen Riegel vorgeschoben. Sie möchte damit verhindern, die Löhne auf das europäische oder asiatische Niveau herunterzudrücken.

Andere meinen, man könnte die Fabrikanten durch Gesetze zwingen, die Löhne so hoch zu bemessen, dass sie nur noch einen kleinen Gewinn machen würden. Diese vergessen aber, dass sich das Kapital zurückziehen würde, sobald der Profit ausbliebe, und Unternehmungen suchen würde, bei denen weniger Lohn bezahlt werden müsste.

Wie wird es in 15 Jahren sein, wenn es so weitergeht, dass das Arbeitsangebot sich immer dahin wendet, wo die Löhne am besten sind, indes das Kapital sich gerade von da zurückzieht, weil es nicht genügend Vorteil haben würde! Der Maschinenbetrieb hat ihm freilich bis jetzt genützt, aber die Überproduktion muss kommen und die Preise hinunterdrücken. Dagegen sind auf die Länge selbst die Trusts machtlos, und die Staaten werden nicht immer Monopole bewilligen.

Der drohende Wettbewerb ausländischer Industrie

Aber eben an diesem Zeitpunkt eröffnet sich ein neues Feld für Unternehmung und Kapital, nicht aber für die Arbeit. Japan und China wachen vom Schlaf der Jahrhunderte auf zur westlichen Zivilisation. Sie lernen Dampfkraft, Elektrizität, Maschinen und sonstige Erfindungen kennen. Wir sollten uns dessen erinnern, dass die Bevölkerung Japans ungefähr der Großbritanniens gleichkommt, während die Bevölkerung Chinas die der Vereinigten Staaten um mehr als das Fünffache übertrifft. Lasst uns aber dessen eingedenk sein, dass diese Millionen keine Wilden sind, sondern lesen und schreiben können. Ihre Zivilisation ist, wenn auch ganz anders, so doch viel älter als unsere. Sie waren schon zivilisiert, sie stellten schon chinesische Waren und Seide her, als in Großbritannien noch Wilde wohnten. Wir brauchen uns daher nicht zu verwundern, dass das Kapital in China Anlage sucht, und besonders in Japan, indem es dort Eisenbahnen baut, Maschinen einführt und große Fabrikanlagen errichtet, um so die geschickten, fleißigen, gehorsamen und genügsamen Kräfte auszunutzen.

Das Kapital erblickt großen Gewinn in einem Land, in welchem die Arbeit zu einem Preis von 6-15 Cent für den Tag vergeben werden kann, der nicht mit Murren, sondern mit Dankbarkeit angenommen wird. Beträchtliche Summen sind bereits nach Japan geflossen, und noch weitere werden nach China fließen. Wer könnte nicht sehen, dass es nicht länger dauern wird als fünfzehn Jahre, bis die ganze produzierende Welt in Wettbewerb getreten ist mit diesen geschickten und lernbegierigen Millionen? Wenn die gegenwärtigen Löhne in Europa als ungenügend betrachtet werden, und wenn wir sie im Vergleich zu den früheren (im Verhältnis zu Europa und Asien) freigebigen Löhnen als "Hungerlöhne" betrachten (obgleich sie noch doppelt so hoch sind als in Europa und Asien), welches würde dann erst die beweinenswerte Lage der Arbeit in der ganzen zivilisierten Welt sein, wenn Erfindung und Bau von arbeitsparenden Maschinen noch dreißig Jahre weitergehen, und wenn die Arbeit der ganzen Welt mit der billigen Arbeit des Ostens in Wettbewerb getreten sein wird? Es würde nicht nur bedeuten, dass dann für den Tag 15 Cent bezahlt werden, sondern auch, dass sich sechs Mann für dieses armselige Bisschen um jeden kleinen Posten reißen würden. Die Zeitungen veröffentlichten neulich, dass eine Baumwoll-Spinnerei von Connecticut nach Japan verlegt wurde, und wir müssen erwarten, dass binnen kurzem andere folgen werden, um sich billigere Arbeitskräfte zu sichern und dementsprechend umso größeren Verdienst zu haben.

Diese "gelbe Gefahr" ist es auch, auf welche der deutsche Kaiser mit einem Bild für den Zaren anspielte. Die europäischen Mächte stehen, als bewaffnete Frauen, auf einer Bergeshöhe im Schein eines am Himmel über ihnen leuchtenden Kreuzes, mit dem Blick der Hand des Engels Michael folgend, die nach einem schwarzen Gewölk weist, das in China aufsteigt, und aus dem bereits Blitze zucken. Darunter die Aufschrift: "Europa, hüte deine heiligsten Güter!"(Anmerkung: So lautet die Aufschrift. Auch ist der Feind, den der Kaiser fürchtet, der Buddhismus, das heißt der Abfall vom Christentum, der die Massen aufrührerisch machen werde. Das Bild ist eine Aufforderung, das Volk durch die "christliche Lehre" niederzuhalten)

Der gelbe Mann mit dem weißen Geld

Der folgende Artikel ist dem "Journal of the Imperial Colonial Institute" entnommen. Er ist geschrieben von Herrn Whitehead, einem Mitglied des Rates der Gesetzgebung, und daher in jeder Weise zuverlässig. Er lautet wie folgt:

"Der Bau der Spinnereien und Webereien in China ist erst im Anfang begriffen. Am Jangtse-Strom und in der Umgegend von Schanghai arbeiten bereits gegen fünf Webereien, und andere sind im Entstehen begriffen. Man schätzt, dass sie gegen 200.000 Spindeln umfassen werden, und manche haben die Arbeit bereits begonnen. Das angelegte Kapital ist ausschließlich inländisches, und wenn in jenen Gebieten der Frieden wiederhergestellt sein wird, während in unserem Land das alte Geldsystem fortbesteht, dann ist der Ausbreitung und der Entwicklung der Industrie in den orientalischen Ländern wirklich keine Schranke gesetzt."

Unsere Aufmerksamkeit wird auf denselben Gegenstand gelenkt durch eine Mitteilung des Generalkonsuls Jernigau, Schanghai, demzufolge seit 1890 in Schanghai Baumwollspinnereien mit großem Erfolg eingeführt werden. Eine Baumwoll-Seiden-Öl-Plantage ist in Aussicht genommen, und da der Boden in China für Baumwollkultur geeignet ist, so ist dieselbe angesichts der billigen Arbeitskraft fast unbeschränkt. "Es kann darüber keinen Zweifel geben", sagt Herr Jernigau, "dass China bald zu den größten Baumwolländern der Welt zählen wird."

Herr Whitehead spricht über den letzten Krieg zwischen China und Japan, und er erklärt, dass in demselben Chinas Haupthoffnung auf das Wideraufblühen der chinesischen Industrie liegt. Er fährt fort:

"Der Ausgang des Krieges könnte das Volk aus der Bevormundung der Mandarinen erlösen. Es ist bekannt, dass die chinesischen Mineralien und andere chinesische Quellen ungeheuer reich sind, dazu hat China Millionen Morgen Landes, welches sich zum Baumwollbau eignet. Zwar hat die chinesische Baumwolle nur kurze Fäden, aber sie eignet sich zur Vermischung mit anderen Arten. Schon im Jahre 1893 wurden im Schanghai-Strom nicht weniger als fünf Ozeandampfer mit Baumwolle beladen, welche in Japan zu Garn und Tuch verarbeitet wird. Jetzt beziehen die Japaner die Baumwolle für ihre Spinnereien noch direkt von Amerika oder sonst woher. Es ist unmöglich, sich alle Folgen auszumalen, die entstehen werden, wenn China mit seinen dreihundert Millionen arbeitsamen Einwohnern sein Innenland erschließen wird durch den Bau von Eisenbahnen, durch seine inneren Wasserwege, die sich zum Dampfschiffverkehr eignen, und durch seine fast unerschöpflichen Quellen. Es würde praktisch genommen die Entdeckung einer neuen, mit einer fleißigen Rasse dicht bevölkerten Halbkugel bedeuten, die in Landwirtschaft, an Mineralien usw. überreich ist. Die Erschließung Chinas, auf die wir vernünftigerweise schon warten können, wird aber weit davon entfernt sein, einen Segen für die englischen Fabrikanten zu bedeuten, wenn nicht irgendwelche Änderung vorgenommen wird. Unserer finanziellen Lage angemessen wird das Reich der Mitte, welches so viele unserer industriellen Siege geschaut hat, das Feld sein, auf dem wir unsere größte Niederlage erleiden."

Herr Whitehead beurteilt die Frage nur von dem Standpunkt des Kapitals aus, wenn er von einer "Niederlage" spricht. Am schwersten wird die Niederlage die Arbeiter Englands treffen. Im Hinblick auf Japan fährt er fort, wie folgt:

"Die Umgebung von Osaka und Kioto bieten jetzt den überraschenden Anblick industrieller Tätigkeit. In ganz kurzer Zeit sind mit inländischem Kapital nicht weniger als 59 Spinnereien und Webereien entstanden, dessen erste mit 770.874 Spindeln arbeiten und jährlich 500.000 Ballen Garn im Wert von 160 Millionen Mark herstellen. Binnen kurzem werden sich alle Zweige der Industrie in Japan entwickelt haben, nicht nur die Baumwollindustrie. Schon jetzt braucht Japan die Konkurrenz Englands nicht mehr zu fürchten."

Herr Whitehead zeigt, dass die Kapitalisten in Europa und in den Vereinigten Staaten den Vorteil Chinas und Japans noch nahezu verdoppelt haben, indem sie nämlich das Silber entwerteten, um dadurch den Wert des Goldes um fast das Doppelte zu erhöhen. Er sagte:

"Das Silber hat im Orient noch dieselbe Kaufkraft wie vor dreißig bis vierzig Jahren. Die Unzulänglichkeit unseres Finanzsystems ermöglicht es daher den Ländern des Ostens, für einen gegebenen Goldbetrag wenigstens hundert Prozent Arbeiter mehr zu löhnen als vor fünfundzwanzig Jahren. Um diese bedeutungsvolle Behauptung klarzulegen, will ich ein Beispiel anführen. Im Jahre 1870 waren zehn Rupien gleich einem Sovereign bei gleichem Wert von Gold und Silber, und man bezahlte damit zwanzig Arbeiter für einen Tag. Heute sind zwanzig (Silber)-Rupien gleich einem (Gold)-Sovereign, so dass mit zwanzig Rupien im Verhältnis zu früher vierzig Mann für die Arbeit eines Tages bezahlt werden können. Dagegen wird die britische Arbeit nicht ankämpfen können.

"Im Orient wird man mit Silber also noch dieselbe Arbeit bezahlen können wie früher. Dort, wo man aber jetzt die Goldwährung eingeführt hat, ist das Silber nur noch halb soviel wert als das Gold, während früher die beiden Metalle gleichwertig waren. Eine gewisse Arbeit hätte zum Beispiel in England vor zwanzig Jahren mit - sagen wir - acht Schilling bezahlt werden können. Mit acht Schilling wird in England heute nicht mehr Arbeit bezahlt als früher, da die Löhne sich wenig verändert haben, und durch unser Gesetz haben sie noch genau denselben Geldwert wie früher, obgleich ihr metallischer Wert durch die Anerkennung des Goldes auf ungefähr die Hälfte herabgesunken ist. Die zwei Dollarstücke gelten als Arbeitslohn ebensoviel wie früher, zu dem gegenwärtigen Preis des Goldes sind sie aber nur soviel wert wie vier Schilling (früher wie acht). Aus diesem Grund kann man in Asien für vier Schilling unseres Geldes oder für den Gleichwert derselben in Silbermetall die gleiche Arbeit verlangen wie vor zwanzig Jahren für acht Schilling oder deren Gleichwert in Silbermetall. Der Preis der orientalischen Arbeit ist auf diese Weise um mehr als fünfzig Prozent herabgesetzt worden, darum werden die orientalischen Fabrikate und Waren um 50 Prozent billiger sein können als in Goldwährungsländern. Wenn daher entweder unser Finanzgesetz nicht geändert wird, oder wenn die britischen Arbeiter nicht bereit sind, sich große Lohnherabsetzungen gefallen zu lassen, so müssen die britische Industrie und der britische Handel unbedingt in England lahmgelegt werden, weil die Erzeugnisse durch die Einrichtung von Industrie in Silberwährungsländern beiseite gesetzt werden."

Herr Whitehead würde auch die Wahrheit gesagt haben, wenn er noch hinzugefügt hätte, dass die Silberwährungsländer bald nicht mehr in der Lage sein werden, ihre eigenen Bedürfnisse zu decken, sondern auch nach den Goldwährungsländern auszuführen. So könnten zum Beispiel die Japaner ihre Waren in England um ein Drittel billiger verkaufen als in Japan, und durch Umwechseln des dadurch erworbenen Goldes in Silber könnten sie einen großen Gewinn mit nach Hause nehmen. So werden die amerikanischen und europäischen Arbeiter nicht nur in Wettbewerb treten müssen mit der billigen, genügsamen und geschickten Arbeit Asiens, sondern sie werden wegen des Währungsunterschiedes dazu noch gewaltig im Nachteil sein.

"The Daily Chronicle" (London) lenkt in einem Kommentar über die Worte des Herrn Whitehead die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass Indien jetzt schon den englischen Baumwollhandel gewaltig vergrößert hat. Es heißt dort:

"Die Worte des Herrn T. H. Whitehead in der gestrigen Abendnummer des Colonial Institute lenkten die Aufmerksamkeit auf einige überraschende Zahlen in Verbindung mit unserem östlichen Handel. Die Tatsache, dass während der letzten vier Jahre unsere Ausfuhr eine Abnahme von 54.000.000 Pfund (engl.) zeigte, widerspricht den Darlegungen des Herrn Whitehead unglücklicherweise durchaus nicht. Die Bilanz der siebenundsechzig Spinnereigesellschaften zeigt einen Verlust von 411.000 Pfund. Im Gegensatz hierzu hat die Ausfuhr indischer Garne und Stückgüter nach Japan in einfach riesigem Maße zugenommen, und die Baumwollspinnereien in Hiogo, Japan, wiesen einen durchschnittlichen Jahresgewinn von siebzehn Prozent auf. Herr Thomas Sutherland sagte, dass die Peninsular and Oriental Company bald auf dem Jangtse Schiffe bauen kann, und Herr Whitehead glaubt, dass orientalische Länder bald als Konkurrenten auf dem Markt erscheinen werden. Aussagen, die wie die erwähnten aus dem Mund von Fachmännern kommen, sollten uns darüber zu denken geben, wie weit wir von den gesuchten Auswegen entfernt sind."

Eine deutsche Zeitung, das "Berliner Tageblatt," betrachtete den Sieg, den die Japaner kürzlich über China davon getragen haben, und ist überrascht über die vorgefundene Intelligenz. Es bezeichnete den Grafen Ito, den japanischen Premierminister als einen zweiten Bismarck, und die Japaner im allgemeinen als sehr zivilisiert. Es schließt mit einer beachtenswerten Bemerkung über den Wirtschaftskrieg, den wir soeben betrachteten, indem es schreibt:

"Der Graf Ito zeigt viel Interesse für die industrielle Entwicklung seines Vaterlandes. Er glaubt, dass die meisten Ausländer die Aussichten, welche Japan in dem internationalen Kampf um wirtschaftliche Überlegenheit hat, unterschätzen. Die japanischen Frauen, meint er, sind den Männern auf jedem Arbeitsfeld ebenbürtig, und sie verdoppeln die Arbeitsfähigkeit des Volkes."

Der Herausgeber des "Economiste Francais" Paris, sagt über Japan und die japanischen Verhältnisse folgendes:

"Die Welt ist in ein neues Stadium eingetreten. Die Europäer müssen mit den neuen Faktoren der Zivilisation rechnen. Die Mächte müssen aufhören, gegeneinander zu kämpfen, und sie müssen eine gemeinsame Front bilden, stets eingedenk, dass jene Hunderte von Millionen im fernen Osten von nun an unsere Nebenbuhler sein werden."

Herr George Jamison, britischer Generalkonsul in Schanghai, sagt, indem er über den orientalischen Wettbewerb schreibt, dass die Entwertung des Silbers, bei der das Gold in zivilisierten Ländern denselben Wert behielt, dazu beiträgt, die Arbeit und den Gewinn des Kapitals herabzudrücken. Seine Worte lauten folgendermaßen:

"Das beständige Steigen des Goldwertes im Vergleich zu dem Wert des Silbers hat alles verändert. Die britischen Waren wurden in der Silberwährung des Orients so teuer, dass der Osten gezwungen wurde, seine Waren selbst herzustellen; der geringere Wert des weißen Metalls ermöglichte es ihm nicht nur, sich selbst völlig zu versorgen, sondern sogar noch auszuführen. Das Steigen des Preises des Goldes hat den Silberpreis der britischen Waren im Osten verdoppelt und ihren Gebrauch fast verboten, im Gegensatz dazu hat das Sinken des Silberwertes den Goldpreis der orientalischen Waren in Goldwährungsländern um fast die Hälfte verringert und die Nachfrage nach diesen Waren beständig vergrößert. Die Bedingungen sind so ungleich, dass es unmöglich scheint, den Kampf noch lange fortzusetzen. Es ist geradeso, als wenn bei einem Wettrennen dem einen Teilnehmer die Hälfte der Distanz erlassen würde.

"Es hat sich in Amerika gezeigt, wie unmöglich es für Europa ist, sich mit dem Orient auf offenem Feld im Wettbewerb zu messen. Durch die billige Arbeit rissen die Chinesen die Arbeit in so einseitiger Weise an sich, dass sie aus dem Land ausgeschlossen werden mussten, sonst wären die europäischen Arbeiter entweder verhungert, oder sie wären ihrerseits vertrieben worden. Die europäischen Länder sind aber nicht so vom Arbeiter bedroht, wie es in Amerika der Fall war (derselbe kannte den Preis der europäischen Arbeit, und er wusste, wie viel er selbst zu verlangen hatte), wohl aber durch die Erzeugnisse der Waren, welche zu orientalischen Löhnen hergestellt wurden. Es wäre außerdem leicht genug, sich zu weigern, einen Orientalen zu beschäftigen, während es schwer ist, die Waren, die er hergestellt hat, abzulehnen, besonders da sie gleich gut und bedeutend billiger sind. Die Versuchung, dieselben zu kaufen, wird um so größer, je weniger Geld der Engländer verdient; um so mehr ist er geneigt, sein eigenes, aber teureres Fabrikat abzulehnen. Länder mit Schutzzoll fahren weit besser. Sie können sich davor schützen, dass ihr Markt mit orientalischen Waren überschwemmt wird, indem sie einen vermehrten Zoll auf dieselben schlagen, aber England mit seinem Freihandelssystem hat keinen Schutz, und die Last der Bürde wird auf den Arbeiter fallen. Der Notstand wird immer ärger. Jeder Pfennig, um den der Wert des Goldes wächst im Vergleich zu dem des Silbers, macht die englischen Waren im Osten um ein Prozent teurer, während jeder Pfennig, um den der Wert des Silbers sinkt, die orientalischen Waren in den Goldwährungsländern um ein Prozent billiger macht. Die neuen Industriezweige wachsen mit Geschwindigkeit in Japan, und was in Japan geschieht, kann und wird auch in China, in Indien und an anderen Orten geschehen. Wenn der Orient erst einmal richtig entwickelt ist, so wird kein Widerstand mehr etwas nützen, und wenn nicht schnellstens Abhilfe gefunden wird in dem Währungssystem der Welt, dann werden die orientalischen Produkte bald die Welt überschwemmen und Tausende und Abertausende in Europa brotlos machen."

Herr Lefcadio Hearn, der mehrere Jahre lang als Lehrer in Japan gewesen war, weist in einem Artikel des "Atlantic Monthly" vom Oktober 1895 darauf hin, weshalb die japanische Konkurrenz so scharf sein wird. Er erzählt, dass die Armen nach ihren eigenen Begriffen bequem leben, ohne dass es sie etwas kostet. Eine japanische Stadt besteht aus Häusern, die sich jeder Eigentümer in einem Zeitraum von fünf Tagen mit Lehm, Bambus und Papier aufgebaut hat, und die er immer wieder flickt, da sie nur solange zu halten brauchen, als er selbst darin zu wohnen wünscht. Einige große Festungen ausgenommen, welche zur Zeit des japanischen Lehenwesens von den Adligen gebaut wurden, gibt es überhaupt gar keine größeren Gebäude in Japan. Selbst die modernen Fabriken, wie ausgedehnt ihre Geschäftsbeziehungen oder wie schön und kostbar ihre Erzeugnisse auch sein mögen, sind nichts als niedrige Schuppen. Der Japaner sitzt nirgends fest. Wünscht er aus einer Provinz in die andere zu ziehen, so nimmt er sein Haus auseinander, wandert mit Weib und Kind dahin, ohne dass ihn die Reise, selbst wenn sie ihn 800 Kilometer weit führen würde, mehr als 1,20 Dollar kostet. Für ein paar weitere Cent baut er sich ein neues Haus, und alsbald ist er wieder ein angesehener Staatsbürger. Wir geben im folgenden die eigenen Worte des Herrn Hearn wieder:

"Ganz Japan ist ständig auf diese Weise auf der Wanderschaft, Veränderung ist der japanischen Zivilisation eigen. In dem großen industriellen Wettbewerb ist Bedürfnislosigkeit das Geheimnis der japanischen Kraft. Der Arbeiter verlegt ohne weiteres seine Wohnung dahin, wo er am meisten gesucht ist. Eine Fabrik kann in acht Tagen verlegt werden, die Werkstatt eines Handwerkers in einem halben. Es gibt kein Gepäck zu tragen, es ist praktisch genommen nichts zu bauen, die Ausgaben bei einer Reise betragen nur wenig Kupfergeld.

"Der japanische Mann aus dem Volk, der geschickte Arbeiter, der sich mit jedem westlichen Handwerker desselben Gewerbes mit Leichtigkeit messen kann, braucht weder Schneider noch Schuhmacher. Er ist trotzdem gut beschuht, er hat einen gesunden Körper und einen freien Sinn. Wenn er eine Reise von tausend Kilometern zu machen hat, so kann er seine Vorbereitung hierfür in fünf Minuten treffen. Seine ganze Ausstattung kostet ihn keine 75 Cent, und sein ganzes Gepäck kann er in ein Taschentuch wickeln. Mit 10 Dollar kann er ein ganzes Jahr leben, ohne zu arbeiten, oder er kann auch reisen, auf seine Arbeitsfertigkeit hin oder als Wanderer. Sie mögen vielleicht erwidern, dass jeder Wilde dies auch kann. Gewiss, nicht aber ein zivilisierter Mensch, und der Japaner ist seit wenigstens tausend Jahren ein hoch zivilisierter Mensch gewesen. Darum also kann er eine solche Gefahr bilden für die westlichen Fabrikanten."

Hierzu sagt der "London Spectator":

"Das ist eine sehr beachtenswerte Schilderung, und wir geben frei zu, wie wir dies auch schon früher getan haben, dass die japanische Konkurrenz etwas Furchtbares ist, das eines Tages die Lage der gesamten europäischen industriellen Zivilisation beeinflussen kann."

Die Art dieser Konkurrenz, die wir zu erwarten haben, wird geschildert in dem folgenden Auszug aus dem "Literary Digest", wo es wie folgt heißt:

Die Arbeitsverhältnisse in Japan

"Japan hat einen überraschenden Fortschritt gemacht in der Entwicklung seiner Industrie. Dies liegt zum großen Teil an dem Scharfsinn und an dem Fleiß der japanischen Arbeiter, die oft während des Tages vierzehn Stunden arbeiten, ohne sich zu beklagen. Leider wird ihre Gefälligkeit in weitgehendem Maße durch die Arbeitgeber ausgenutzt, deren ganzes Ziel zu sein scheint, den ausländischen Wettbewerb zu überflügeln."

Ein Artikel aus dem "Echo", Berlin, beschreibt die Art und Weise, in welcher die japanischen Fabriken betrieben werden, folgendermaßen:

"Gewöhnlich beginnen die Fabriken um sechs Uhr morgens mit ihrer Arbeit, die Arbeiter kommen aber zu jeder gewünschten Zeit, und sie beschweren sich nicht, wenn sie bereits um vier Uhr morgens anfangen sollen. Die Löhne sind überraschend niedrig, selbst in den größten Industriezentren erhalten Weber und Spinner durchschnittlich nicht mehr als 15 Cent den Tag. Frauen erhalten nur 6 Cent. Die ersten Fabriken wurden von der Regierung erbaut, später wurden sie in Aktien-Gesellschaften umgewandelt. Die gedeihlichste Industrie ist die Baumwollindustrie. Eine einzige Niederlassung, nämlich diejenige zu Kanegafuchi, beschäftigt 2.100 Männer und 3.700 Frauen. Die Fabrikzeit ist eingeteilt in Tag- und Nachtschichten, von denen jede 12 Stunden dauert mit nur 40 Minuten Unterbrechung zum Einnehmen der Mahlzeit. Neben der Niederlassung befinden sich Wohnungen, wo die Arbeiter Essen kaufen können für nicht ganz 1 1/2 Cent. Die Osaka-Spinnereien sind ganz ähnlich. Alle diese Niederlassungen besitzen ausgezeichnete englische Maschinen, die Tag und Nacht arbeiten, weshalb natürlich große Dividenden erzielt werden. Viele der Fabriken gründen Zweigstellen, die verwandte Fabrikate herstellen, oder sie vergrößern sich direkt, dennoch kommt die Herstellung dem Verbrauch nicht gleich.

"Wie schnell die Fabrikanten gelernt haben, weibliche Arbeitskräfte als billige Wettbewerber der männlichen einzustellen, zeigen die Statistiken. Die 35 Spinnereien beschäftigen 16.879 Frauen und nur 5.730 Männer. Die Arbeitgeber haben sich zu einem mächtigen Syndikat zusammengeschlossen und missbrauchen oft die Milde der Regierung, welche die Industrie nicht hindern will. Kleine Mädchen von acht bis neun Jahren werden gezwungen, neun bis zwölf Stunden zu arbeiten. Dem Gesetze nach sollten diese Kinder in der Schule sein, aber wenn sich die Lehrer beschweren, so drückt die Regierung beide Augen zu. Der große Gehorsam und die Unterwürfigkeit der Arbeiter haben zu einer anderen Methode geführt, die sie völlig in die Hand ihrer Arbeitgeber überliefert. Keine Spinnerei nimmt einen Arbeiter aus einer anderen Niederlassung an, wenn er nicht einen geschriebenen Erlaubnisschein von seinem letzten Arbeitgeber vorzeigen kann. Diese Regel wird so genau angewandt, dass eine neue Arbeitskraft genau überwacht wird, und wenn es sich erweist, dass der Betreffende schon etwas von dem Handwerk versteht, aber keinen Abkehrschein hat, so wird er sofort entlassen."

In Osaka ist die Gewerbetätigkeit schon auf einer Stufe angelangt, dass ein australisches Blatt diese Stadt das "Manchester des fernen Ostens" genannt hat. Dort arbeiten eine Fabrik mit 2 Millionen, 4 mit je 1 Million, über 30 mit mehr als 100000 Yen (Yen = 50 Cent) Betriebskapital, von ungezählten kleinen Fabriken gar nicht zu reden: Seiden-, Woll-, Baumwollspinnereien und Webereien, Glasfabriken, Papierfabriken, Ziegeleien, Zement-, Seifen-, Zucker-, Büsten-, Kamm-, Regenschirm-, Messer-, Kupfer-, Lederwaren- und Phantasiewarenfabriken, alles das hat der Nachahmungstrieb und die Unternehmungslust der Japaner geschaffen und schon so weit entwickelt, dass seine Produkte denen der zivilisierten Nationen des Westens ebenbürtig sind. Zehn Baumwollspinnereien arbeiten mit dem modernsten Maschinenmaterial, nachts elektrisch beleuchtet, und sie verteilen bis 18 Prozent Dividende.

In den Vereinigten Staaten hält man diese Entwicklung der japanischen Industrie für eine sehr ernste Gefahr. Herr Robert P. Porter berichtete nach seiner Rückkehr von einer Reise nach Japan, die zum Zweck unternommen war, diese Gefahr kennen zu lernen, dass binnen zehn Jahren die japanische Textilausfuhr von 511.000 auf 23 Millionen Dollar, die Ausfuhr überhaupt von 78 auf 300 Millionen Dollar gestiegen sei. Im Jahre 1895 kaufte Japan für 1,5 Millionen Dollar rohe Baumwolle in Amerika, verkaufte aber dorthin für mehr als 54 Millionen Dollar Waren aller Art. Einzig zur besseren Bewältigung des Baumwolltransportes aus Amerika nach Japan haben sich dort während des Aufenthaltes des Herrn Porter drei Transportgesellschaften mit 5 Millionen Dollar Aktienkapital gebildet, und ein japanischer Begleiter des Herrn Porter, Mitglied dieser Transportgesellschaften, erklärte, sie werden die Frachttaxen möglichst niedrig halten und Passagiere schon zum Preis von 9 Dollar von Yokohama nach San Francisco führen.

Ein Kongress der Vereinigten Staaten zur Prüfung der Frage der japanischen Konkurrenz

Das Folgende, das wir dem Bericht eines Kongresskomitees entnehmen, sollte als völlig zweifelsfrei gelten. Es bestätigt das zuvor Gesagte vollständig:

"Washington, den 9. Juni 1896. - Der Vorsitzende Dingley machte heute Mitteilungen über die Bedrohung, der sich amerikanische Fabrikanten gegenübersehen, wenn das Land mit orientalischen Waren überschwemmt wird, die wegen der niedrigen Löhne der Arbeit, deren Produkt sie sind, die wegen der ungleichen Währungsverhältnisse zwischen den Gold- und Silberländern außerordentlich billig kommen. Diese Bedrohung betrifft in gleicher Weise die landwirtschaftlichen Interessen unseres Staates. Ein beauftragtes Komitee beschäftigte sich mit diesen Fragen.

"Der Bericht sagt, dass das plötzliche Erwachen Japans zur Folge hat, dass die Methoden dieses Landes nach denen des Westens verbessert werden. Während die Japaner nicht den Erfindungsgeist besitzen, der den Amerikanern eigen ist, so haben sie doch eine wunderbare Befähigung zur Nachahmung. Die Art, in welcher die japanischen Arbeiter ihr Leben unterhalten, würde von amerikanischen als reines Dahinhungern bezeichnet werden. Bei einer Arbeitszeit von zwölf Stunden täglich erhalten geschickte Handwerker, wie Zimmerleute, Maurer, Schmiede, auch Schriftsetzer, Stuckarbeiter usw. in japanischen Städten für den Tag nicht mehr als 26-33 Cent. Fabrikarbeiter erhalten 5-20 Cent und ungefähr das Doppelte nach japanischem Geld. Landwirtschaftliche Arbeiter erhalten monatlich 1,44 Dollar.

"Der Bericht fährt fort: Europäer wie Amerikaner betrachten Japan als ein sehr günstiges Land, in dem sie Kapital anlegen können durch Fabrikenbau. 61 Baumwollspinnereien werden offiziell von japanischen Gesellschaften geleitet, sie wurden aber durch Europäer ins Dasein gerufen. Außerdem arbeiten dort mehrere Seidenfabriken mit über einer halben Million Spindeln. Japan stellt die Baumwollwaren größtenteils zur Deckung des japanischen Bedarfs her, und es fängt an, billige Seidenwaren und Taschentücher auszuführen.

"Kürzlich wurde eine Uhrenfabrik mit amerikanischen Maschinen eingerichtet unter dem Namen von Japanern, da bis zum Jahre 1899 Fremde unter eigenem Namen in Japan keine Fabrikation unternehmen dürfen. Durch den Fortschritt, den das Unternehmen machte, erwies es sich als Erfolg.

"Wahrscheinlich wird die schnelle Einführung der Maschinen nach Japan, verbunden mit den billigen Arbeitskräften, dieses Land in feinen Seiden-, Baumwoll- und anderen Waren auf unserem Markt zu einem gefährlicheren Konkurrenten machen, als selbst Großbritannien, Frankreich und Deutschland es waren.

"Nach Herrn Dingley wird sich der Wettbewerb nicht in der Art, sondern in dem Maße unterscheiden. Das Komitee kennt keine Mittel zur Abhilfe, außer dem Schutzzoll, der den Preisunterschied zwischen eingeführten Waren und den im eigenen Land hergestellten auszugleichen hätte. Man hat schon eine solche Politik begründet, indem man sagte, dass sie einen zweifachen Zweck erfüllen würde, vermehrte Einnahmen für die Regierung und die Erhöhung der Löhne. Man sagt, dies geschähe dann nicht den Fabrikanten zum Nutzen, denn diese brauchen nur nach England oder Japan zu gehen, um dieselben Gewinne zu haben, die sie hier haben werden nach Einführung der Schutzzölle, die den Unterschied der Löhne auszugleichen hätten, vielmehr geschähe es, um dem Volk die Vorteile zu sichern, die aus der eigenen Produktion vor der fremder Länder entspringen."

Die japanische Regierung gewährt ausländischen Patenten keinen Schutz. Die wunderbaren arbeitsparenden Maschinen werden von den Japanern angekauft und auf billige Weise von ihren Handwerkern vervielfältigt, da diese geschickte Nachahmer sind, ebenso wie die Chinesen. So werden ihre Maschinen nicht einmal halb soviel kosten wie sie anderswo kosten würden, und Japan wird der Christenheit bald die selbsthergestellten Maschinen oder die Produkte derselben verkaufen können.

"The San Francisco Chronicle" sagt unter der Überschrift: Der japanische Wettbewerb:

"Woher der Wind des japanischen Wettbewerbs weht, geht auch daraus hervor, dass eine große Strohmattenfabrik von Milford nach Kobe, einem Industriemittelpunkt Japans verlegt wurde. Diejenigen, welche über den japanischen Wettbewerb spotten und stolz von der überlegenen westlichen Intelligenz sprechen, übersehen ganz, dass das Kapital mit Leichtigkeit nach Ländern verlegt werden kann, in denen billigere Arbeitskräfte angeboten werden. Alles, was die überlegene amerikanische und europäische Intelligenz zu tun hätte, wäre daher, Maschinen zu erfinden, welche die Kapitalisten ankaufen und nach Ländern ausführen würden, in denen sie am billigsten betrieben werden könnten."

Robert P. Porter schrieb in der "North American Review" vom August 1896 unter Bezugnahme auf obiges einen Artikel, in welchem er ausführt, dass die Japaner trotz des Schutzzolls der Vereinigten Staaten mit zunehmender Geschwindigkeit gegen die amerikanischen Fabrikanten anlaufen. Sie können dies 1. wegen ihrer billigen und geduldigen Arbeitskräfte, und 2. weil die Silberländer einen Vorteil von einhundert Prozent über die Goldwährungsländer haben, was den als ausführbar zu betrachtenden Schutzzoll mehr als ausgleicht.

Wir führen aus dem Artikel folgende Auszüge an:

"Die Japaner haben, bildlich gesprochen, ihre Hüte auf den amerikanischen Markt geworfen und unsere Arbeit und unser Kapital mit Waren herausgefordert, die gegenwärtig durch Vorzüglichkeit und Billigkeit jedem Wettbewerb, auch wenn er an Hand der modernsten Maschinen vorgenommen wird, zu trotzen scheinen."

Nach Anführung einer Statistik über die verschiedenen aus Japan eingeführten Artikel sagt Porter:

"Während der letzten Monate habe ich die Bezirke in Japan besucht und die in obiger Tabelle angeführten Industriezweige besichtigt. Die Textilwarenausfuhr, die sich in zehn Jahren vervierzigfacht hat, war die Folge davon, dass Japan eine Nation von Webern ist.

"Die Japaner haben anscheinend große Mengen billiger Seidenwaren und anderer Artikel nach Amerika gesandt; was sie getan haben, wird aber gar nichts sein im Vergleich mit dem, was sie zu tun im Begriffe sind. Die Japaner treffen durch Bildung von Innungen und Gesellschaften alle Vorbereitungen, die Beschaffenheit und Gleichförmigkeit ihrer Waren zu verbessern und zu fördern."

Beiläufig deutet Porter an, dass die Baumwoll-Spinnereien in Lancashire, England, die keinen Schutz genießen, zugrunde gerichtet werden. Er sagt:

"In Japan beschäftigte die Baumwollspinnerei im Jahre 1889 nur 5.394 Frauen und 2.539 Männer. Im Jahr 1895 wurden schon 30.000 Frauen und 10.000 Männer beschäftigt in Spinnereien, die in ihrer Ausstattung und Ausrüstung denjenigen jeden anderen Landes gleich sind. Der zukünftige Sitz der Baumwollindustrie, wenigstens zur Unterhaltung des asiatischen Handels, werden Japan und China sein. England wird, soweit sein Handel in Betracht kommt, zugrunde gerichtet, nichts kann es retten. Baumwollspinnereien blühen in Osaka und Schanghai schnell auf, und nur die wirkliche Erfahrung während der Zeitperiode von einigen Jahren wird zeigen, welche der beiden Städte eine günstigere Lage hat. Nach Prüfung aller Dinge, die bei der Produktion in Frage kommen, ist mein eigenes Urteil auf Japan gefallen.

"Wenn Japan die Herstellung von Woll- oder Kammgarnwaren aufnehmen würde, wie es die Herstellung von Baumwollwaren aufgenommen hat, so würden die japanischen Weber den Europäern und Amerikanern manche Überraschung bereiten und diejenigen zum Schweigen bringen, die behauptet haben, von der japanischen Konkurrenz sei nichts zu befürchten. Ein beständiges Angebot von billiger Wolle aus Australien macht es möglich, und die Muster japanischer Wollkleider, die ich gesehen habe, zeigen, dass die Japaner in diesem Zweig ebenso zu Hause sind, wie in Seiden- und Baumwollbearbeitung. Sie leisten auch in der Herstellung von feiner Leinwand Vorzügliches, wenn dieselbe bisher auch noch nicht in großen Mengen erfolgte.

"Die plötzliche Überschwemmung mit Regenschirmen, von denen Japan im Jahre 1894 ungefähr zwei Millionen ausführte, hat unter den Schirmfabrikanten der Vereinigten Staaten Besorgnis erregt."

Die Japaner zögern nicht, sich über den nahenden Triumph im "Wirtschaftkrieg" zu brüsten. Porter sagt:

"Als ich in Japan war, hatte ich das Vergnügen, unter anderen Staatsmännern und Beamten auch Herrn Kaneko, Vizeminister für Landwirtschaft und Handel, zu begegnen. Ich lernte ihn als einen Menschen von Intelligenz und Fernblick und von großer Erfahrung in ökonomischen und statistischen Dingen kennen. Auf einer der großen Universitäten Europas ausgebildet, ist er in allem, was Japan und seine Zukunft in Industrie und Handel betrifft, auf der Höhe."

Herr Kaneko sagte neulich in einer Rede an die Handelskammer:

"Es ist bekannt, dass die Baumwollspinner von Manchester (England) gesagt haben, dass die Japaner in zehn Jahren die notwendige Geschicklichkeit in der Baumwollindustrie erlangt haben, und dass sie jetzt auf einer Stufe angelangt sind, auf welcher sie die Arbeiter in Manchester an Geschicklichkeit übertreffen, wohingegen die Angelsachsen erst nach einer Zeit von drei Generationen zum Baumwollspinnen geschickt und fähig wurden."

Eine Drahtmeldung aus San Francisco vom 9. November 1896 sagt:

"Herr M. Oshima, der technische Leiter der in Aussicht genommenen japanischen Stahlwerke, traf mit vier japanischen Ingenieuren auf dem Dampfer Rio de Janeiro von Yokohama kommend ein. Die Herren befinden sich auf einer Reise, um die großen Stahlwerke Amerikas und Europas zu besichtigen. Sie sind beauftragt, eine Betriebsanlage im Wert von zwei Millionen Dollar zu kaufen. Sie sagen, dass sie das kaufen wollen, was am besten und dabei am billigsten ist. Die Anlage soll 100.000 Tonnen umfassen. Sie wird in den Kohlenfeldern Südjapans errichtet werden, und man will sowohl Martin- als auch Bessemer-Stahl herstellen.

"Herr Oshima sagte: "Wir wollen unsere Nation dahin bringen, wohin sie gehört, an die Spitze, als eine Industrie treibende Nation. Wir brauchen viel Stahl und wollen zur Erlangung desselben von keinem anderen Land abhängig sein."

Hinter Japan marschiert Indien mit 250 Millionen als erste, China mit seinen 400 Millionen Einwohnern als zweite Reserve.

So werden die amerikanischen, englischen, deutschen und französischen Fabrikanten bald Völker zu Konkurrenten haben, die bisher vortreffliche Abnehmer waren, Konkurrenten, deren günstigere Verhältnisse gestatten werden, ihre früheren Lieferanten selbst auf deren heimischen Märkten aus dem Feld zu schlagen und dem weißen Arbeiter das Brot vom Mund wegzunehmen!

Aber dagegen ist nichts zu machen. Das ist eine Folge des ehernen Gesetzes von Angebot und Nachfrage. Das einzige Mittel, dem Druck abzuhelfen, der erst begonnen hat, sich aber steigern wird, solange Selbstsucht und Eigennutz das Szepter führen, ist das von Gott verheißene Tausendjährige Reich mit seinem Gesetz der Nächstenliebe und dem Aufbau der Gesellschaft auf dieser Grundlage.

Wenn die Völker Europas und Amerikas, wiewohl sie die ganze Welt mit Maschinen und Fabrikaten zu versehen hatten, auf einem Punkt angelangt sind, wo die Nachfrage hinter dem Angebot zurückbleibt, wo Tausende ihrer Arbeiter umsonst Verdienst suchen, welches Geschick droht ihnen erst in naher Zukunft, wo die Zahl der Produzenten sich verdoppelt haben wird? Dazu kommt die natürliche Bevölkerungszunahme, der eine Vermehrung der Arbeitsgelegenheiten entsprechen sollte, und der Umstand, dass diese 700 Millionen Inder, Chinesen und Japaner die sparsamsten und fügsamsten Arbeiter sind, die das Kapital, das schon die weißen Arbeiter geknechtet hat, sich ohne Mühe unterwerfen wird.

Wie in England die Zukunft der Arbeiter aussieht

Justin Mc Carthy, ein bekannter englischer Schriftsteller schreibt im "Cosmopolitis" einen Artikel, in welchem er erklärt:

"Das Übel der Armut und Arbeitslosigkeit sollte dem Herzen eines Engländers mehr Furcht einflößen als der Alarm über den Einfall eines fremden Volkes. Die englischen Staatsmänner haben diese Frage jedoch nie für besonders ernst genommen, sie haben sich nicht einmal länger damit beschäftigt. Selbst jene große Unruhe, welche sich aus den Gegensätzen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern ergibt, der Streik einerseits und die Aussperrung andererseits, ließ man vorübergehen, ohne dass man durch das Gesetz Abhilfe geschaffen hätte. Die Ursache dafür liegt darin, dass jede Geringfügigkeit unsere Aufmerksamkeit eher in Anspruch nehmen darf, als die Lage unseres eigenen Volkes."

Keir Hardie (ein Mitglied des Parlaments und ein Arbeiterführer) soll kürzlich bei einer Unterredung gesagt haben:

"Um die Arbeitervereinigung ist es in England schlecht bestellt. Bisweilen fürchte ich, dass dieselbe praktisch genommen tot ist. Wir Arbeiter machen die Erfahrung, dass das Kapital mit seinem Geld Organisationen schließt, durch welche es uns schlägt. Die Fabrikanten haben eine Methode erfunden, durch welche sie die Menschen schlagen können, und die Menschen sind hilflos. Die Arbeitervereinigungen haben seit langer Zeit nicht einen einzigen bedeutenderen Streik in London gewonnen. Das gilt besonders von den Dockarbeitern. Erinnern Sie sich des großen Dockstreikes? Er machte die Vereinigung, welche ihn hervorgerufen hatte, tot, aber er brachte den Menschen gar keinen Nutzen. Die Arbeitervereinigung ist in großer Bedrängnis.

"Die Unabhängige Arbeiterpartei ist sozialistisch. Uns wird mit nichts anderem als mit Sozialismus gedient sein. Wir wissen, was wir brauchen, und wir alle brauchen es. Wir kämpfen nicht gerne darum, aber wenn es nicht anders geht, werden wir es tun, und wenn wir erst kämpfen werden, dann kämpfen wir mit Entschiedenheit. Das Ziel, welches sich die Unabhängige Arbeiterpartei gesteckt hat, ist das Herbeiführen eines industriellen Gemeinwohles, gegründet auf die Sozialisierung von Land und Wirtschaftskapital. Wir glauben, dass sich die natürlichen politischen Spaltungen nach wirtschaftlichen Linien hin bewegen müssen.

"Wenn ich etwas von der Ungerechtigkeit des gegenwärtigen Systems erwähnen soll, so sage ich, dass der größte Druck, der auf den britischen Arbeitern lastet, in der Unregelmäßigkeit und der Ungewissheit hinsichtlich ihrer Beschäftigung besteht. Sie werden bemerken, dass ich mir diese Frage zum Spezialstudium gemacht habe. Ich spreche Tatsachen aus, wenn ich sage, dass es auf den Inseln Großbritanniens eine Million befähigter erwachsener Arbeiter gibt, welche keine Trunkenbolde, keine Umherbummler sind, welche die Durchschnittsintelligenz besitzen, trotzdem aber arbeitslos sind, ohne eigenes Verschulden, und die trotz aller Bemühungen keine Arbeit finden. Anscheinend sind die Löhne jetzt höher als vor fünfzig Jahren, wenn man aber den Zeitverlust in Betracht zieht, der sich aus Arbeitslosigkeit ergibt, so findet man, dass sich die Lage der Arbeiter in Wirklichkeit verschlechtert hat. Ein kleiner, aber beständiger Lohn verschafft mehr Bequemlichkeit, als ein großer, der aber nur unregelmäßig verdient wird. Wenn das Recht, einen zum Lebensunterhalt ausreichenden Lohn zu sichern, jedem Arbeiter gesichert würde, so würden die meisten der uns jetzt in Aufregung versetzenden Fragen auf natürliche Weise gelöst sein. Die Lage ist wirklich eine sehr traurige. Letzthin, bei der schrecklichen Kälte, wurden Notstandsarbeiten vergeben, durch welche sich jemand vier Stunden lang mit Straßenfegen beschäftigen konnte, die Stunde für 6 Pence. Um vier Uhr morgens drängten sich schon Tausende außerhalb der Gartentore, um in der vordersten Reihe zu stehen. So standen sie nun, vor Kälte zitternd und sich schüttelnd, halb verhungert und voller Verzweiflung, bis um 8 Uhr, dem Zeitpunkt, an welchem die Tore geöffnet wurden. Jetzt geschah etwas, was einem Tumult gleichkommt. In jenem furchtbaren Gedränge um das Verdienen von 2 Schilling wurden Menschen buchstäblich zu Tode getreten. Die Stätte wurde zertrümmert. Hungrige Menschen, von den Tausenden derer, die sich hinter ihnen befanden, gedrängt, pressten sich durch Mauer und Tor, in ihrer Angst um Arbeit. Diese Menschen waren gewiss keine Umherbummler.

"Der durchschnittliche Lohn ungelernter Arbeiter beträgt in London nur 6 Pence die Stunde, in der Provinz noch weniger. Ein sorgfältiges Studium hat gezeigt, dass wöchentlich wenigstens 3 Pfund nötig sind, um eine Familie von durchschnittlicher Stärke (zwei Erwachsene und drei Kinder) mit allgemeinen Bequemlichkeiten zu versorgen, vom Luxus nicht zu reden. Sehr wenige englische Arbeiter verdienen diese Summe oder eine ähnliche. Derjenige gelernte Handwerker, der das ganze Jahr über wöchentlich 2 Pfund verdient, ist glücklich daran, und derjenige Arbeiter kann glücklich sein, der in einer Woche 24 Schilling verdient. Ein Drittel davon muss er noch für Miete zurücklegen. In den bestbezahlten Arbeiterklassen können sich die Familien also noch auf der Ebene der Armut erhalten. Eine ganz kurze Zeit unfreiwilligen Müßigganges muss sie aber notwendigerweise unter dieselbe ziehen. Darum haben wir eine so große Anzahl von Almosenempfängern.

"London hat jetzt über vier Millionen dreihunderttausend Einwohner. Sechzigtausend Familien (dreihunderttausend Köpfe) haben für die Familie durchschnittlich wöchentlich achtzehn Mark Einkommen, und sie leiden daher immerwährend Mangel. Jeder achte Todesfall erfolgt bei Arbeitern entweder in der Fabrik oder in dem Fabriklazarett. Jeder sechzehnte Einwohner Londons ist jetzt anerkanntermaßen ein Almosenempfänger. Jeden Tag kommen in England 43.000 Kinder zur Schule, ohne ein Frühstück gehabt zu haben. Dreißigtausend Menschen haben kein anderes Heim als die Herberge zur Heimat oder die zufällige Polizeiwache."

Wie werden sich diese Massen in fünfzehn Jahren vermehrt haben, wenn die gelbe Konkurrenz die Löhne noch mehr gedrückt hat?

So bringt der Allmächtige die Massen aller Völker allmählich zur Einsicht, dass früher oder später die Interessen des einen auch die des anderen sein müssen, dass jeder seines Bruders Hüter sein muss, wenn es ihm selbst wohl ergehen soll.

Es ist weder weise noch gerecht, dem Kapital daraus einen Vorwurf zu machen, dass es handelt wie die Arbeiter, indem es auch seinen Vorteil sucht. Unter den Armen sind viele nicht minder herzlos als unter den Reichen und würden, wären sie im Besitz von Reichtümern, grausamer und weniger freigebig sein als ihre gegenwärtigen Beherrscher. Lasst uns daher nicht die Reichen hassen, wohl aber die Selbstsucht und den Eigennutz im allgemeinen, der an allem gegenwärtigen Übel schuld ist; und lasst uns den Entschluss fassen, durch die Gnade Gottes alle unsere eigene Selbstsucht zu töten, und den Geist der Nächstenliebe in uns mächtig werden lassen, damit wir dem Bilde von Gottes geliebtem Sohn, unserem Herrn und Erlöser, immer ähnlicher werden.

Ein Wort von Minister Chamberlain (England)

Als eine Abordnung der Londoner Schuhmacher sich zu Minister Chamberlain begab, um ihn zu bitten, sich für die Errichtung städtischer Schuhmacherwerkstätten zu verwenden, sagte er ihnen, dass dieselben ihnen gar nichts oder doch nur vorübergehend nützen würden, dass sie nur die Überproduktion vermehren und eine Zahl derer, die jetzt noch ihr Auskommen finden, brotlos machen würden. Was ihnen helfen könnte, wäre die Vermehrung der Nachfrage aus dem Ausland.

"Wenn wir das erreichen, werden Sie alle Arbeit haben. Wir müssen uns neue Märkte eröffnen. Von den alten sind wir teilweise durch die auswärtige Konkurrenz verdrängt. Können wir die Nachfrage auf den Märkten, die wir noch beherrschen, nicht vermehren, oder nicht neue Märkte finden, so wird die Arbeitslosenfrage, die schon jetzt sehr ernst ist, überaus kritisch werden und unabsehbare Folgen haben. Wenn also die Regierung das Reich auszudehnen bestrebt ist, über welches England herrschen sollte, so tut sie das gar nicht aus Feindseligkeit gegen andere, sondern aus dem Bestreben, dem englischen Volk genügend Märkte für seine Produkte zu sichern. Täte sie das nicht unausgesetzt, die Übel, an denen wir schon jetzt leiden, würden noch viel unerträglicher."

Alle Staatsmänner sehen diese Gefahr sehr wohl, und deshalb sind alle Staaten mit bedeutender Industrie eifrig bemüht, sich neue Märkte zu sichern, fürchtend, es werden ihnen bald keine mehr bleiben. Dazu umgeben sie sich und ihre Kolonien mit Schutzzollmauern und haben damit zum Beispiel der amerikanischen Ausfuhr nach Afrika einen schweren Schlag versetzt. Und nun ist auch Chamberlain bestrebt, die bis jetzt offenen britischen Kolonien zur Annahme von Schutzzöllen zu bewegen, welche die amerikanische, deutsche, französische und japanische Konkurrenz der Industrie des Mutterlandes vom Halse schaffen sollen.

Ja, das Herz entfällt den Menschen vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über die Menschheit kommen sollen, und sie greifen zu allen möglichen Mitteln, um ihnen zu wehren! Da es ihnen in Wirklichkeit aber nicht um die Versorgung der kleinen Leute mit Arbeit - das ist nur ein Vorwand - sondern um Auffindung neuer Gebiete für Fruktifizierung der Kapitalien in den Händen der Großen zu tun ist, damit diese ihre Schätze noch mehr auftürmen können, liegt kein Segen auf ihren Bestrebungen, und diese bleiben fruchtlos. - Jak. 5:3

Die soziale Frage in Deutschland

Wilhelm Liebknecht, der Führer der sozialdemokratischen Partei im deutschen Reichstag, der London im Jahre 1896 besuchte, machte dem Journalisten der "Daily Chronicle" Mitteilungen, von denen wir folgende Auszüge bringen:

"Unsere sozialdemokratische Partei ist für sich die stärkste Partei im deutschen Parlament. Bei der letzten Wahl hatten wir 1.880.000 Stimmen. Wir erwarten, dass die weiteren Rüstungsvorschläge der Regierung uns eine weitere Million Stimmen zuführen werden."

"So gibt es also nicht sehr viele Hurrapatrioten in Deutschland?"

"Durchaus nicht. Von allen Völkern Europas ist kein Volk des Militarismus überdrüssiger als das deutsche. Wir Sozialisten sind die Anführer der Bewegung wider den Militarismus."

"Und glauben Sie, dass sich diese Bewegung gegen den Militarismus über die ganze Erde erstrecken wird?"

"Dessen bin ich sicher. In den Abgeordnetenhäusern von Frankreich, Deutschland, Belgien, Italien und Dänemark kämpfen die sozialistischen Abgeordneten (deren wir sehr viele haben) ihn nieder. Wenn in diesem Jahr der internationale Kongress in London stattfinden wird, werden alle gegenwärtigen sozialistischen Abgeordneten eine Sitzung abhalten, um gemeinsam vorzugehen. Was Deutschland anbetrifft, so wird dieses durch seinen Militarismus völlig zugrunde gerichtet. Unsere Fabriken bestehen noch nicht lange, und wenn wir in Wettbewerb eintreten sollen mit England ..."

"So gibt es bei Ihnen einen Ruf nach ausländischem Wettbewerb?"

"Natürlich. Wie ich Ihnen zeigen werde, haben wir weder Presse- noch Versammlungsfreiheit. Sie dagegen haben beides, und ich halte dafür, dass dies seine Ursache darin hat, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem in England tiefer eingewurzelt ist als in irgendeinem anderen Land. Vor allem haben wir gegen die Lehre von dem Gottesgnadentum der Kön. zu kämpfen, und das englische Volk fand bereits vor zweihundert Jahren, dass die Lehre vom Gottesgnadentum der Kön. und politische Freiheit nicht nebeneinander bestehen können."

"So glauben Sie, dass binnen kurzem große Veränderungen Platz greifen werden?"

"Gewiss. Das gegenwärtige Regierungssystem in Deutschland erweckt so große Unzufriedenheit, dass diese Veränderungen kommen müssen."

"Können Sie mir nun vielleicht etwas sagen über die wirtschaftliche Lage Deutschlands? Sie haben dort die Agrarierfrage wie wir hier."

"Wir haben in Deutschland fünf Millionen Bauern, und sie alle eilen schnellen Schrittes ihrem Ruin zu. Jeder von ihnen - ich sage dies mit Überlegung - ist bis zu dem vollen Wert seiner Besitzungen verschuldet oder noch darüber hinaus. Die Bauern essen bei uns Brot, das aus Roggen und Hafer besteht. Die Lebensmittel sind hier in England überhaupt viel billiger als in Deutschland."

"Und ihre Fabrikanten?"

"Als Industrieland stehen wir erst im Anfangsstadium. Unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem datiert vom Jahre 1850, aber schon werden die Folgen bei uns viel größer als bei Ihnen. Wir werden schnellen Schrittes in zwei Klassen getrennt, die Proletarier einerseits und die Kapitalisten und Großgrundbesitzer andererseits. Unser Mittelstand wird buchstäblich ausgerottet. Er wird unserer Partei zugeführt, darum rechne ich damit, dass wir bald noch stärker werden. Sie müssen daran denken, dass wir nicht wie in England zwei scharf voneinander getrennte Parteien haben. Wir Sozialdemokraten gehen mit jeder Partei, wenn wir Vorteil daraus erlangen. Wir haben nur drei große Parteien, die anderen zählen nicht mit. Da ist zunächst unsere Partei, dann die konservative und die katholische Zentrumspartei. Unsere Konservativen unterscheiden sich von den Ihrigen vollständig. Sie wünschen sich die Zeit des Lehenwesens zurück und eine Reaktion schlimmster Art. Wirtschaftliche Fragen zersplittern die Zentrumspartei, ein Teil wird zu uns kommen, und ein anderer zu den Konservativen. Dann werden wir ja sehen, was sich ereignen wird."

"Herr Liebknecht beschrieb die Geschichte der sozialistischen Bewegung in Deutschland. Die Schnelligkeit, mit welcher die Sozialdemokratie in Deutschland gewachsen ist, wurde durch die neu entstandene Industrie und den damit verbundenen Handel bewirkt, sowie durch den scharfen Wettkampf, in welchen Deutschland mit England und Frankreich eintreten musste."

Diese drei Fragen: Agrarierfrage, Industriefrage und Kapitalfrage, über welche sich die Völker immer mehr in zwei scharf getrennte Lager spalten, sind es, welche eine die Welt umfassende Drangsal (Revolution und Anarchie) vorbereiten, die der Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches vorangehen.

Herr Liebknecht war ein Delegierter des Arbeiter-Weltkongresses, welcher im Juli 1896 folgende Resolution fasste:

"In Anbetracht dessen, dass der Völkerfriede eine wesentliche Voraussetzung für die internationale Verbrüderung und den menschlichen Fortschritt ist, und dass die Völker der Erde den Krieg nicht wünschen, dieser vielmehr durch die Hab- und Selbstsucht der herrschenden Klassen herbeigeführt wird, zum Zweck, ihre eigenen Interessen unter Übersehung derjenigen der Arbeiter zu fördern, erklärt der Arbeiter-Weltkongress in London hiermit, dass es zwischen den Arbeitern der verschiedenen Nationen Streitigkeiten überhaupt nicht gibt, dass ihr gemeinsamer Feind der Kapitalist und der Großgrundbesitzer ist, und dass der einzige Weg, den Krieg unmöglich zu machen, darin besteht, das kapitalistische und Latifundiensystem abzuschaffen, weil dies die Wurzel der Kriege ist. Die Arbeiterschaft schließt sich daher zum Zweck zusammen, in Ersetzung dieses Systems dasjenige der Sozialisierung der Produktions- und Handelsmittel zu erstreben. Bis dies geschehen ist, sollten die Streitigkeiten zwischen den Nationen statt durch rohe Waffengewalt auf dem Wege schiedsgerichtlicher Entscheidung geschlichtet werden."

"Riesen in diesen Tagen"

Als solche Riesen sehen wir jene "Trusts" (Produzentenverbände) an, die sich einerseits zum Zweck, die kleinen Konkurrenten zu erdrücken, und andererseits in Ersetzung eines Krieges aller gegen alle, zur Haltung der Preise gebildet haben. In dieser Beziehung marschieren die Vereinigten Staaten weit voran. Die "World" hat sich einmal die Mühe genommen, eine Liste von diesen Kapitalistensyndikaten, die ihren Mitgliedern großen Profit sichern, aufzustellen, und hat deren 139 (die Zahl der Trusts hat seither in erschreckender Weise zugenommen) in der Union gefunden, deren Aktienkapitalien zusammen mehr als 1.507.060.000 Dollar ausmachen. Es sind dies Syndikate zur Produktion und Vertreibung von Kohle, Zucker, Draht, Biskuits, Borax, Knöpfen, Zigaretten, kondensierter Milch, Seilerwaren, Handschuhen, Maschinen, Papier, Reis usw.

Die "World" fügt dann hinzu, dass einzig die Steigerung des Preises für eine Tonne Anthrazitkohle um 1 1/2 Dollar den elf Mitgliedern eines Trusts einen Profit von 50 bis 60 Millionen Dollar in die Tasche jagen werde, während dieses Geld von Rechts wegen den Kohlenkonsumenten zugute kommen sollte, in Anbetracht des Sinkens der Kohlenpreise. Statt dessen werden sich diese gezwungen sehen, die Löhne zu beschneiden, um einer Erhöhung der Produktionskosten durch die Preissteigerung der Kohle zu entgehen. Dies bedeutet für jede Arbeiterhaushaltung die Abschaffung irgendeiner bescheidenen Annehmlichkeit. Es bedeutet zugleich eine Mehrbelastung jeder Haushaltung und für die Armen Einschränkung des Kohlenbedarfs. Diese können dann frieren, die elf Trustmitglieder aber können sich um so mehr Luxus gestatten. Zwischen beiden liegt entehrt und gebrochen das Gesetz.

Alle Trusts haben freilich ihre Macht nicht in dieser Weise missbraucht; vielleicht fehlte es ihnen an Gelegenheit. Aber dies kann niemand leugnen, dass diese "Riesen" für das gewöhnliche Volk, die Massen, eine große Gefahr sind. Jedermann weiß, was er von einem gleichzeitig selbstsüchtigen und mächtigen Einzelnen zu fürchten hat; diese Trusts aber sind nicht nur unendlich mächtiger und einflussreicher als die einzelnen, sondern sie haben überdies kein Gewissen. "Korporationen haben keine Seele", heißt es im Volksmund und die "Pittsburger Post" gibt, nachdem sie berichtet, dass der Standard Oil Trust für 1896 nicht weniger als 31 Prozent Dividende verteilt, und dass ein Drahtstift-Trust, nachdem er alle Konkurrenz ruiniert hat, den Preis seiner Ware verdrei- und vervierfacht und dadurch seinen Mitgliedern einen Millionenprofit gesichert hat, ihrer Entrüstung kräftigen Ausdruck:

"Gegen diese Trusts seine Stimme erheben, heißt in den Augen ihrer Mitglieder sich des Anarchismus schuldig zu machen. Die kommen mir gerade recht. Die gesetzwidrigen, räuberischen Trusts soll man frei und ungehindert schalten und walten lassen, ihre Kritik aber soll unterdrückt werden, weil, wie sie sagen, diese Kritik das Feuer der Unzufriedenheit im Volke schürt. Auf der einen Seite das Volk, auf der anderen die mit Freibriefen versehenen Räuber, die Trusts. Und hierzu heißt es fein schweigen und stille sein, damit den Trusts kein Härchen gekrümmt werde. Kann man sich eine größere Schamlosigkeit und Frechheit vorstellen?"

Von dem oben erwähnten Anthrazit-Trust hatte Rev. Parkhurst den Mut zu sagen:

"Wenn diese Kohlentrusts ihre Macht dazu gebrauchen, von dem Geld des armen Mannes möglichst viel in den eigenen Beutel wandern zu lassen, den Armen noch ärmer zu machen, ihn in seinen wenigen Bequemlichkeiten, ja in seinem Nötigsten zu verkürzen, dann sind diese Trusts vom Dämon des Diebstahls und Mordes besessen, und was von den Kohlentrusts gilt, gilt auch von den anderen Trusts, die die Bedarfsmittel betreffen."

Dagegen pries der New Yorker Geistliche, Dr. Heber Newton, dessen Zuhörerschaft sich ausschließlich unter den obersten Zehntausend rekrutiert, die Trusts als "eine notwendige und wohltätige Gabe der fortschreitenden Zivilisation!"

"Als Rockefeller sich mit Carnegie in Verbindung setzte, um dem Stahlbund entgegenzutreten, erfolgte, wie der "Allegheny Abendanzeiger" meldet, "ein Preissturz für Schienen von 25 auf 17 Dollar die Tonne. Aber selbstverständlich haben weder Rockefeller noch Carnegie dabei den Nutzen der Abnehmer im Auge. Verbündet vermochten sie den Schienenfabrikanten-Verband zu besiegen; ob sie aber jetzt, im Besitze des Marktes, sich mit einem angemessenen Profit begnügen, oder ob sie, nachdem sie die Konkurrenz erdrückt haben, nun die Abnehmer aussaugen werden, ist eine Frage von größter Wichtigkeit. Die Tatsache, dass sie es können, ist schon an sich eine große Gefahr."

Angesichts dieser Gefahr erwacht hier und da bei einem Politiker das Gewissen. Als nach dem Sieg der Gold-Männer bei den Wahlmännerwahlen im November 1896 der frühere Gouverneur von Kansas, später Staatssekretär des Inneren, D. R. Francis, eine Einladung erhielt zu einem Bankett zur Feier des Wahlsieges, lehnte er dieselbe mit folgendem Schreiben ab:

"Ich bedaure, dasselbe nicht mitmachen zu können, weil nach meinem Dafürhalten, wenn dem Anwachsen der Macht des Kapitals und der Ausbreitung der Trusts nicht auf gesetzgeberischem Wege entgegengetreten wird, noch vor dem Ende dieses Jahrhunderts eine Volkserhebung stattfindet, die alle unsere Staatseinrichtungen gefährden wird."

Als eine chemische Fabrik (Park und Söhne) ihre Produkte unter den vom Syndikat festgesetzten Preisen verkaufte und deshalb vom Syndikat auf den Index gesetzt wurde, rief sie die Gerichte an, wurde zwar für sich abgewiesen, aber hatte doch den moralischen Erfolg, dass das Gericht jedermann davor warnte, sich der Einschränkung der Handelsfreiheit mitschuldig zu machen. Der Londoner "Spectator" bemerkte dazu:

"Die Abweisung der Klage der Fabrik Park und Söhne hatte ihren Grund darin, dass die fragliche Ware kein notwendiges Mittel war, vielmehr ohne Schaden für die Massen für eine Guinee den Tropfen verkauft werden könnte. Eine Gefahr für Leben und Gesundheit des Armen aber läge in einem Trust, welcher den Preis von sehr häufig gebrauchten Arzneien so hoch schrauben würde, dass die Armen sich dieselben nicht verschaffen könnten. Man wird sich erinnern, dass Mr. Bryans Parteigänger unter anderem den Kampf gegen die Trusts zur Wahlparole gemacht haben. Möglichkeiten wie diese sind durchaus geeignet, ihnen große Wählermassen zuzuführen."

Derselbe "Spectator", nachdem er Amerika beschuldigt, diese Trusts erfunden zu haben, muss dann aber zugeben, dass sie auch in England Eingang finden. So hat sich ein Verband von Fabrikanten eiserner Bettstellen gebildet, der jedem Nichtmitglied den Vertrieb seiner Ware im vereinigten Königreich dadurch unmöglich macht, dass er ihm das Rohmaterial vorenthält.

Im Besitz von Betriebskapitalien von Hunderten von Millionen Dollar sind diese Trusts wahrhaftig Riesen, und wenn die Dinge so weitergehen, wie seit 1890, so werden diese Trusts binnen wenigen Jahren nicht nur über den Preis der Waren, sondern auch über die Höhe der Löhne gebieten.

Es ist wahr, diese Kapitalistenverbände haben große Unternehmungen ins Leben gerufen, welche einzelne Männer weder so schnell verwirklichen noch so nützlich gestalten konnten, haben Risikos auf sich genommen, welche die Völker den Regierungen, die sie in ihrem Namen übernehmen wollten, schwer verargt hätten. Wir sind nicht der Meinung, dass die Vereinigung des Kapitals als solche verwerflich ist, wir machen nur darauf aufmerksam, dass dieselbe die Macht des Kapitals von Jahr zu Jahr steigert und damit die Interessen, ja, die Freiheit des Volkes gefährdet. Jedermann sagt: "Es muss hier etwas getan werden"; aber niemand weiß, was. So steht die Menschheit hilflos jenen Riesenauswüchsen unseres ökonomischen Systems gegenüber, und die einzige Hoffnung ist - Gott.

Es ist wahr, an der Spitze jener Riesenunternehmungen stehen vielfach Leute, die ihre Macht mit Mäßigung zu gebrauchen geneigt scheinen. Die Konzentrierung der Macht bleibt allein für die, welche darüber verfügen, eine Gelegenheit, je nach Umständen, von derselben zu selbstsüchtigen Zwecken und zum Schaden der Massen Gebrauch zu machen.

Zubereitung der Elemente

Diese "Riesen" bedrohen unser Geschlecht geradeso, wie es einst die Riesen dem Leibe nach vor 4000 Jahren taten. (Anmerkung: 1. Mose 6:4 - Siehe das Büchlein über "Spiritismus.") Diese Riesen waren Männer von Ruf, Männer von wunderbarer Geschicklichkeit und hervorragendem Scharfsinn, über das Maß der gefallenen Rasse Adams emporragend. Sie waren ein Bastardgeschlecht, im Besitz gesteigerter Lebenskraft. Geradeso sind die Riesen unserer Tage groß, machtvoll und schlau, so dass man auf ihre Besiegung ohne göttliches Eingreifen gar nicht hoffen kann. Ihre Macht haben sie noch nicht ganz entwickelt. Auch sie sind ein Bastardgeschlecht, gezeugt von der Selbstsucht und der dem Christentum zu verdankenden Aufklärung.

Aber wie die menschliche Not größer wird, rückt auch die göttliche Hilfe immer näher, und wie die Riesen der damaligen Welt durch die Wasser der Flut hinweggerafft wurden, so werden die Riesen der jetzigen Welt in dem kommenden "Feuer" des Zornes Gottes, das bereits zu brennen beginnt, umkommen, in der Drangsal, als nicht gewesen ist, seit Völker auf Erden sind. In diesem "Feuer" werden alle Riesenerzeugungen der Bosheit und Selbstsucht unwiederbringlich vernichtet werden. - Jes. 26:13, 14; Zeph. 3:8, 9

Die Sklaverei und die moderne Knechtschaft

Die Abschaffung der Sklaverei datiert von noch nicht 100 Jahren her. In den englischen Kolonien fand sie im Jahre 1838 statt und kostete dem englischen Staatsschatz 20.000.000 engl. Pfund Entschädigung an die Sklavenhändler, in den französischen Kolonien fand sie erst 1848 und in den Südstaaten der Union erst in den sechziger Jahren statt. Freilich sind es Stimmen und Federn von Christen, denen zum großen Teil dieser Fortschritt zu verdanken ist; aber unter dem Einfluss der Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt wäre er auch ohnedies gekommen, nur etwas später. Die Sklaverei ist gleichsam eines natürlichen Todes gestorben infolge der Erfindung der Maschinen und der Zunahme der Bevölkerung in den zivilisierten Ländern. Ganz abgesehen von sittlichen oder religiösen Rücksichten wäre es heutzutage gar nicht mehr möglich, dort die Sklaverei wieder allgemein einzuführen, sie würde sich nicht bezahlt machen, denn die Maschinen besorgen heutzutage einen großen Teil der Arbeit, ob dieselbe nun mehr oder weniger Intelligenz erfordert, und ein intelligenter Arbeiter kann mehr und bessere Arbeit verrichten als ein nicht intelligenter; ferner würde die Erziehung von Sklaven mehr Kosten verursachen als freie Arbeiter, daneben würde der mehr intelligente Sklave schwerer in seiner Arbeit zu kontrollieren sein, als der dem Namen nach freie Arbeiter, der an Händen und Füßen durch die Notwendigkeit gebunden ist. Die Welt hat einfach eingesehen, dass sich Kriege zur Beschaffung von Sklaven weniger gut rentieren als die Konkurrenzkämpfe des Handels, und dass die freien "Sklaven der Not" billigere und fähigere Arbeitskräfte darstellen.

Wenn auch frei, so ist der intelligente Arbeiter doch billiger als der unwissende Sklave, und da die ganze Welt zur Intelligenz erwacht und sich außerdem immer dichter bevölkert, treibt unser soziales System ebenso sicher seiner eigenen Vernichtung entgegen wie eine Maschine, die unter vollem Dampfdruck ohne Ventil arbeiten würde. Das Prinzip von Nachfrage und Angebot kennt aber kein Sicherheitsventil, und so wird der Duck der Selbstsucht, der die Gesellschaft niederzwingt, täglich stärker und stärker, bis die zerdrückten Massen den Zusammensturz des Systems und die Anarchie herbeiführen. Die Massen sind wie

zwischen zwei Mühlsteinen

eingeklemmt, deren schnelle Bewegung sie bald aufreiben und in unwürdige Knechtschaft bringen wird, wenn nicht sonst etwas geschieht.. Die Not zwingt sie zwischen die Mühlsteine hinein, deren unterer das Prinzip von Nachfrage und Angebot ist, auf dem als oberer die Selbstsucht mit ihren gewaltigen Hilfsmitteln von Maschinen und Kapitalien arbeitet. Schon 1887 schätze man das Ergebnis der Arbeit sämtlicher Maschinen der Welt auf die Leistung von 1.000 Millionen Menschen, das heißt auf dreimal so viel als die Zahl der Arbeiter überhaupt, und seither dürfte sich diese Arbeit verdoppelt haben. Dazu kommt, dass sie nur in den zivilisierten Ländern arbeiten, deren Einwohnerschaft nur etwa ein Fünftel der Erdenbewohner ausmacht. Kann man sich da noch wundern, dass man in London 938.293 Dürftige, 316.834 Arme und 37.610 gänzlich Mittellose zählt, im ganzen somit 1.292.733 Menschen, ein Drittel der (damaligen) Bevölkerung. Offizielle Tabellen zeigen, dass in Schottland ein Drittel sämtlicher Familien nur eine Einzimmer-, mehr als ein weiteres Drittel nur eine Zweizimmer-Wohnung haben, dass in New York in einem Winter 21.000 Personen wegen unbezahlten Mietzinses auf die Gasse geworfen und 3.819 Personen auf dem Armenfriedhof bestattet werden, in einer Stadt, die 1.157 Millionäre zählt!

Im "American Magazine of Civics" behandelt ein Herr J. A. Collins das Zurückgehen des kleinen Grundbesitzes. Er stellt dabei fest, dass während 10 Jahre vor dem Erscheinen seines Aufsatzes der Großteil der Bevölkerung ein schuldfreies Heim besaß, nun 84 Prozent der Bevölkerung in fremden Häusern wohnen (inbegriffen die Eigentümer von mit Hypotheken belasteten Immobilien).

"Wenn diese Verschiebung binnen 10 Jahren Platz greifen konnte, zu einer Zeit, da der Westen noch viel freies Land aufwies, und die Industrie noch Arme suchte und gut bezahlte, was wird es erst sein, nachdem der Westen dichter bevölkert, der dortige Bodenbesitz in den Händen von wenigen Millionären konzentriert ist, ebenso die Bergwerke, die Eisenbahnen und alle Fabriken, was wird da das Los der Tausenden von Industriearbeitern sein?"

Herr Collins schließt, dass für diese die wirtschaftlichen Verhältnisse in Amerika schlimmer sind als in Europa. Bei seiner Behauptung, dass 84 Prozent der Bevölkerung Mieter sind, vergisst er freilich, dass dabei viele junge Leute sind, die in Europa bei ihren Eltern wohnen würden, und die man also im Falle einer Vergleichung mit Europa aus der Zahl der Mieter in Amerika streichen müsste. Ferner vergisst er die Einwanderer, die zuerst Staatsländereien pachten, eine Kategorie von Mietern, die Europa auch nicht kennt. Aber auch so sind die Verhältnisse schlimm genug, und es ist keine Aussicht für viele, jemals anders aus ihrer Verschuldung als auf dem Wege der Pfändung herauszukommen.

Wenige wissen, wie billig oft menschliche Kraft und Zeit verkauft wird, und die, welche es wissen, kennen keine Abhilfe für das Übel und bestreben sich, nicht selbst davon ereilt zu werden. In allen großen Städten der Welt gibt es Tausende sogenannter "Schwitzer", die schwerer und länger arbeiten als es die Sklaven der Südstaaten in ihrer Mehrzahl taten. Dem Namen nach sind sie frei, tatsächlich aber Sklaven, Sklaven der Not, sie haben wohl die Freiheit zu wollen, nicht aber die Freiheit für sich oder andere nach Gutdünken zu handeln.

Im Pittsburger "Presbyterianer Banner" war einst diesem "Schwitzsystem" ein Aufsatz gewidmet. Dasselbe besteht darin, dass eine Mittelsperson sich dem Händler gegenüber verpflichtet, ihm die Ware zu einem bestimmten Preis zu verschaffen. In England beruhe fast das ganze Geschäft auf diesem System, sagte das erwähnte Blatt. In Amerika blüht es vorab in der Bekleidungsindustrie.

"Vor einem Jahrzehnt gab es in New York nur 10 sogenannte "Schwitzer"werkstätten, heute sind es mehr als 700, und Chicago zählt sogar 900, die nicht in jüdischen Händen sind. In Boston und New York bemächtigen sich diese Unternehmer der mittellosen Einwanderer, um sie zu den anderen in kleine, schlecht gelüftete Arbeitsräume zu pferchen, wo oft 20-30 Personen "schwitzen", während der Raum nur zureichend wäre für acht, wo sie dann nur ihre Mahlzeiten kochen und einnehmen, und wo sie 19-20 Stunden täglich arbeiten, um nur nicht Hungers zu sterben. Männer verdienen hier zwei, wenn es hoch kommt, vier Dollar die Woche, denn die Mittelsperson hat sich zu den billigsten Preisen verpflichtet, liefert fertige Überzieher für -,76 bis 2,50 Dollar, Hosen für -,25 bis -,75 Dollar Macherlohn und zieht von diesen Preisen natürlich seine Prozente und andere Kosten ab; was soll da für den "Schwitzer" noch bleiben. Für Sommerhosen zum Beispiel erhält er 10 Cent, und deren sechs fertig zu bringen, muss er ungefähr 18 Stunden arbeiten. Jede Frau, die selbst die Nadel führt, kann sich denken, wie hart diese Arbeit ist, die so wenig am Tage einbringt!

"Freilich kommt es dann oft vor, dass diese fertigen Kleider mit Krankheitsstoff getränkt in die Kaufläden abgehen. So hat ein Besucher solcher "Schwitz"werkstätten einmal in Chicago eine getroffen, in welcher vier Scharlachfieberkranke an der Arbeit waren, und in einer anderen lag die Leiche eines an derselben Krankheit gestorbenen Kindes. Die so verseuchten Kleidungsstücke verursachen natürlich den Ausbruch schwerer Epidemien."

"Weh, dass so teuer ist das Gold!
So billig Fleisch und Blut!"

Die Zahl der gänzlich Armen nimmt schnell zu, und die bittere Konkurrenz treibt, wie wir gesehen haben, die ganze Menschheit abwärts, mit Ausnahme der wenigen, die im glücklichen Besitz von Maschinen und Grundeigentum sind, und deren Reichtum von Macht schnell zunimmt, so dass der Milliardär schon zu den Möglichkeiten gerechnet wird.

Dass solche Verhältnisse von Dauer sind, ist gar nicht möglich, schon das Gesetz von Ursache und Wirkung müsste eine Vergeltung herbeiführen. Weit weniger können wir erwarten, dass die göttliche Gerechtigkeit den Dingen in dieser Weise ihren Lauf gehen lässt. Durch Christi Opfertod hat Gott die Menschen erkauft und ihr Wohlergehen zu seiner Sache gemacht, und nun ist die Zeit der Befreiung von der Herrschaft der Selbstsucht, des Bösen überhaupt, vor der Tür. - Röm. 8:19-23

Wir können uns nicht versagen, hier einen Artikel aus einem Blatt des Westens wiederzugeben, der die gegenwärtige Lage mit allen ihren inneren Widersprüchen kurz aber treffend schildert. Er erschien zur Zeit des größten Niederganges des Geschäfts und beschreibt daher Zustände, die nicht ganz die Regel sind, von denen aber niemand weiß, wie bald und wie oft sie wiederkehren. Wir lesen:

"Die Zahl der Arbeitslosen beträgt zur Zeit in den Vereinigten Staaten 2 Millionen, von denen der Unterhalt von weiteren 8 Millionen abhängt. Vielleicht hat der Leser schon früher so etwas gehört. Nun, so möge er darüber nachdenken, bis er im vollen Umfang begreift, was das bedeutet. Es bedeutet, dass unter den besten Regierungsformen in der Welt, mit dem besten Banksystem, das die Welt je gesehen hat, und des wir uns sonst noch etwa zu rühmen pflegen, da bei uns ja alles aufs trefflichste eingerichtet ist, in einem Land, das mehr Bedürfnis- und Luxusartikel hervorbringt als jedes andere in der Welt, ein Siebentel der Bevölkerung auf das Betteln angewiesen ist, wenn es nicht Hungers sterben will. Die Leute leiden Hunger angesichts von Getreideschuppen, deren Vorräte so billig verkauft werden, dass der Preis nicht einmal die Produktionskosten deckt. Die Leute stehen vor den Schaufenstern der Warenhäuser, deren Kleidervorräte auf Käufer warten. Die Leute haben keine Kohlen zum Feuern, und doch braucht man aus den Minen Hunderte von Millionen Tonnen Kohle nur hervorzuholen. Die arbeitslosen Schuhmacher wären froh, den Kohlenarbeitern Schuhe zu machen für einen Teil Kohlen, und letztere wären froh, den Schuhmachern ein wenig Kohlen zu geben für ein Paar Schuhe. Der am Rande des Ruins stehende Farmer des Westens, der aus dem Verkaufspreis seines Weizens die Schnitter- und Dreschlöhne nicht bestreiten kann, tauschte seinen Weizen gerne aus mit den Arbeitern des Ostens, die ihm das Tuch zu seiner und seiner Familie Kleidung verfertigen.

"Es ist also nicht Mangel an den Gaben der Natur, der gegenwärtig über dem Land lastet. Es fehlt bei den 2 Millionen Arbeitslosen nicht am guten Willen noch an der Fähigkeit, Nützliches herzustellen. Nein, der Schaden liegt darin, dass die Produktions- und Tauschmittel in den Händen von wenigen konzentriert sind. Bei Verhältnissen, wie die des Augenblicks, fangen wir an zu begreifen, wie ungesund diese Konzentration ist, und wir werden dies mehr und mehr einsehen, je mehr die Konzentrierung fortschreitet. Die Leute hungern und frieren, weil sie die Erzeugnisse ihrer Arbeit nicht untereinander austauschen können. Nachdem wir gesehen haben, wohin das führt, müssen wir nicht eingestehen, dass die Zivilisation, deren sich das 19. Jahrhundert rühmt, so viel wie ein Fehlschlag ist? Wenn die Intelligentesten unter den Menschen nicht imstande sind, ein besseres System für die Industrie zu finden, so können wir annehmen, dass es im Weltall keinen größeren Fehlschlag gibt als die Menschheit. Es ist wohl der Gipfelpunkt der Ungerechtigkeit und Grausamkeit aller Zeiten, dass eine Industriearmee beisammengehalten wird, mit der unsere Geldkönige ihre Schlachten schlagen, ohne auf deren Versorgung zu den Zeiten, da man ihrer nicht bedarf, bedacht zu sein."

In seiner Nummer vom 21. August 1896 zählte der "Harrisburger Patriot" folgende Arbeitslosen auf:

"Chicago 200.000; New York 100.000; St. Louis 80.000; Detroit 25.000; Milwaukee 20.000; Utica (eine kleine Stadt) 16.000; Philadelphia und San Francisco je 15.000; in Boston und Baltimore je 10.000; in Paterson, N. J. - die Hälfte der Arbeiter unbeschäftigt."

Folgender Auszug aus der "Kommenden Nation" zeigt, wie richtig einige Weitsehende unsere gegenwärtige Lage beurteilen:

"Das werden Sie zugeben, dass neue Maschinen bald menschliche Arbeitskräfte überflüssig machen. Die Behauptung, dass die Herstellung und Bedienung der Maschinen die überflüssig gewordenen Arbeitskräfte beschäftigt, ist unzutreffend, sonst wäre ja die Maschinenarbeit nicht gewinnbringend. Hunderte und Tausende stehen müßig auf dem Markte, weil Maschinen die Arbeit verrichten, die ihnen früher Verdienst und Brot gab. Diese Arbeitslosen kaufen zudem viel weniger, als wenn sie Verdienst hätten, vermindern dadurch die Nachfrage, so dass Überproduktion entsteht, welche bald weitere Arbeitslose schafft, was eine weitere Verminderung der Nachfrage herbeiführt.

"Was soll man mit diesen Arbeitslosen anfangen? Dass die Waren im allgemeinen billig sind, nützt ihnen nichts, denn das gibt ihnen nicht Beschäftigung, und wie ihnen solche verschaffen, wenn alles längst mit Arbeitskräften überfüllt ist? Töten kann man sie doch wohl nicht, und fortschaffen kann man sie auch nicht; denn sie kämen damit nicht aus der Verlegenheit. Also was soll man mit ihnen anfangen? Soll man ihnen Land geben zum Bebauen, in einem Augenblick, wo selbst der erfahrene Farmer nicht mehr bestehen kann?

"Diese Arbeitslosen sind so zahlreich wie die Blätter im Wald. Sie zählen nach Millionen. Für die wenigsten unter ihnen besteht Aussicht auf Beschäftigung, und auch dann nur, indem andere aus der Arbeit entlassen werden. Der Leser denkt vielleicht, das brauche ihn nicht zu kümmern; aber da irrt er sich. Die Schwierigkeit wird nicht dadurch beseitigt, dass man nicht davon reden hören will. Das Volk Frankreichs hat auch einmal so gedacht, aber es bekam den Irrtum zu fühlen. Die gegenwärtige Generation möchte diese Lehre der Geschichte sich gern aus dem Sinn schlagen. Gleichwohl muss sie in den Vereinigten Staaten die Frage lösen, und sie wird sie lösen in dieser oder jener Weise, auf schiedlich-friedlichem Wege, oder aber unter Vernichtung der Rechte aller, anstatt nur, wie gegenwärtig, derjenigen eines Teils der Menschen.

"Die Franzosen seinerzeit waren gewarnt, aber die Festlichkeiten, mit denen der Hof sie zerstreute, ließen sie die Warnungen überhören. Werden wir hören, oder wollen wir so lange warten, bis 5 oder 6 Millionen nach Brot oder Bajonetten schreien? Die Wirren, wenn sie kommen, werden in den Vereinigten Staaten hundertmal gefährlicher werden. Die Massen sind freiheitsliebend und hassen alle Bedrücker. Da ist weder Flotte noch Heer, die auf Väter und Brüder feuern würden. Glaubt der Leser in Voraussicht solcher Kämpfe immer noch, es gehe ihn nichts an? Wäre es nicht in jeder Hinsicht besser, Mittel und Wege zu suchen und zu finden, um die Arbeitslosen zu beschäftigen, und wäre es auch in Staatswerkstätten?

"Wir wissen freilich, was die Kapitalisten tun. Wir sehen, wie sie sich auf einen Kampf mit den Waffen vorbereiten. Aber sie täuschen sich schwer. Sie meinen, es wie Kön. machen zu können und werden wie Spreu sein vor dem Wind. Kön., die wohleingeübte, an Gehorsam gewöhnte größere Armeen haben, als die Kapitalisten in Amerika sie je aufbringen werden, zittern vor den Massen, die auch ihren Anteil an den Segnungen der Zivilisation verlangen. Räubern ihre Vorrechte nehmen ist keine Ungerechtigkeit. Darum lasst uns auf gesetzliche Abhilfsmittel bedacht sein, die Interessen der Gesamtheit höher stellen als die einer Partei, die Gerechtigkeit dem Golde vorziehen!"

Die Not ist allgemein und menschliche Hilfe unzureichend

Man würde sich täuschen, wenn man glaubt, dass Amerika und Europa allein unter solchen Missständen leiden; seit Jahrhunderten haben auch die Millionen Asiens nichts Anderes kennen gelernt. Eine amerikanische Missionarin wurde in Indien von den Eingeborenen gefragt, ob es denn wahr sei, dass in ihrer Heimat jeder soviel Brot habe, wie er für drei Mahlzeiten täglich gebraucht. Dieselbe Frau berichtet, dass in Indien die Mehrheit sehr selten soviel Nahrungsmittel hat, dass sie ihre leiblichen Bedürfnisse befriedigen könnte.

Ein Gouverneur von Bengalien soll vor kurzem gesagt haben: "Die Hälfte unserer Ackerbau treibenden Bevölkerung weiß von einem Jahresende bis zum anderen nicht, womit sie ihren Hunger stillen soll." Diejenigen, welche das Korn hervorbringen, können ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen, zuerst müssen die Steuern bezahlt werden. Von der Bevölkerung Indiens waren zehn Millionen Handweber. Die Maschinen-Industrie der Küstengebiete hat ihnen dieses Gewerbe nun unmöglich gemacht, und sie sind auf die Landwirtschaft angewiesen, die ihnen kaum das Nötigste verschafft.

In Südafrika sind zwar Millionen in Goldaktien angelegt worden, aber die Arbeitsverhältnisse daselbst sind überaus traurig. In Durban ist freilich ein Komitee für Verdienstbeschaffung sehr tätig und sich seiner Pflicht den Unglücklichen gegenüber voll bewusst. Aber ist es nicht betrübend zu sehen, dass studierte Leute und tüchtige Handwerker froh sind, von diesem Komitee zu 3 Schilling Tagelohn den Auftrag zu erhalten, in glühendstem Sonnenbrand Sand zu schaufeln? Dabei laufen aber immer noch viele ganz verdienstlos herum, und Durban ist nicht die einzige Stadt, die solche Verhältnisse aufweist.

Werden nun nicht angesichts solchen Elends die Vernünftigen etwas tun, um die Erdrückung ihrer weniger begünstigten Mitmenschen zwischen den beiden Mühlsteinen zu verhüten? Werden nicht edle Herzen Abhilfe schaffen? Nein, die Mehrzahl der Begünstigten ist viel zu sehr mit dem eigenen Profit beschäftigt, um die Gefahr der Lage ganz zu erfassen. Sie hören wohl die Klagen der Unglücklichen und üben oft Wohltätigkeit in freigebiger Weise; aber da die Zahl der Unglücklichen schnell zunimmt, merken viele Begünstigte, dass sie dem Übel im allgemeinen doch nicht abhelfen können. Sie gewöhnen sich an das Übel, freuen sich ihrer Vorteile und suchen das Unglück der anderen zu vergessen.

Freilich sehen einige wenige der Begünstigten etwas klarer, und darunter sind Fabrikanten, Bergwerksbesitzer usw. Sie sehen die Schwierigkeit und möchten ihr abhelfen, aber können sie es? Nein! Sie können nur die schlimmsten Auswüchse im eigenen Umkreis verhüten; das gegenwärtige soziale System aber können sie nicht ändern, die Konkurrenz nicht aus der Welt schaffen. Dabei sehen wir ein, dass die Konkurrenz notwendig ist, um wenigstens die von Natur Gleichgültigen zur Arbeit zu treiben, und dass sie also nicht ohne weiteres, ohne irgendeinen Ersatz, verschwinden könnte, ohne dass dadurch der ganzen Welt Schaden zugefügt würde.

So ist es denn klar, dass kein Mensch, keine Gesellschaft von Menschen, die gegenwärtige Ordnung der Dinge abändern kann. Der Herr hat dies seiner Macht und seiner Weisheit vorbehalten, das bezeugt die Schrift. Sie wird verändert und ersetzt werden durch ein vollkommenes System, dessen Grundlage nicht mehr die Selbstsucht, sondern Liebe und Gerechtigkeit sein wird. Aber damit für diese Ordnung Raum ist, muss die gegenwärtige vollständig gestürzt und vernichtet werden. Der neue Wein wird nicht in alte Schläuche gefasst, auf ein altes Kleid wird kein neuer Lappen geflickt. So können wir denn, voll Mitleid für Reich und Arm in den kommenden Wehen, beten: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel", selbst wenn dem glorreichen Friedensreich das Feuer des Zornes Gottes vorausgeht, für welches die Elemente, wie wir nun gesehen haben, jetzt vorbereitet sind.

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Studie 8

Das Geschrei der Schnitter

Das konservative Element der Gesellschaft. - Bauern, Farmer. - Neue Verhältnisse in der "Christenheit". - Agrarische Bewegung. - Ihre Ursachen. - Gold- und Silberwährung ein Faktor. - Die Vorhersage der Schrift geht in Erfüllung. - Diese Dinge in Beziehung zu der Schlacht des großen Tages.

"Auch ihr Silber, auch ihr Gold wird sie nicht erretten können am Tage des Grimmes Jehovas." - Zeph. 1:18

Wer die Weltgeschichte nicht gedankenlos studiert, mag nun, wenn er unseren Auseinandersetzungen folgt und die Richtigkeit der angeführten Tatsachen und der daraus gezogenen Schlüsse konstatiert hat, hinsichtlich des schließlichen Resultates noch einige Zweifel fühlen. Er mag sich sagen: "Der Verfasser vergisst, dass es in der ganz und in der halb zivilisierten Welt einen numerisch starken, einen großen Teil der Bevölkerung ausmachenden Stand gibt, der äußerst konservativ ist und immer gleichsam den Rückgrat der Gesellschaft gebildet hat, den Bauernstand." Aber wir haben das nicht vergessen und sind weit davon entfernt, die Bedeutung dieses Standes zu unterschätzen. Die Vergangenheit weist Beispiele genug dafür auf, dass Europa oft schwere innere Kämpfe hätte durchmachen müssen, wäre dieser Stand nicht gewesen. Die gewaltsamen Umwälzungen in Frankreich waren das Werk der arbeitenden Klassen der größten Städte, und die konservativen Bauern waren es, denen die Wiederherstellung von Frieden und Ruhe zu verdanken war. Die Gründe hierfür sind unschwer zu finden. Erstlich ist das Leben des Bauern weniger aufregend und bringt weniger Berührung mit anderen Gesellschaftsklassen. Sodann ist sein Sinn weniger auf Erwerb von Reichtum gerichtet; seine Wünsche in dieser Richtung sind noch nicht so recht erwacht. Der Bauer ist mehr oder weniger an die Scholle gebunden, betrachtet sich als fast ausschließlich von seiner Liegenschaft abhängig und traut derselben zu, dass sie seine Arbeit und Mühe lohnt. Seine Bildung war bisher ziemlich gering und daher sein Geist weniger entwickelt und regsam. Die Folge von allem war, dass die zivilisierte Welt den Bauernstand stets als das Muster einer Klasse betrachtete, die mit dem Wenigen glücklich und zufrieden war.

Allein die letzten dreißig Jahre haben in den Verhältnissen der Bauern einen auffallenden Wandel - in mancher Hinsicht zu ihrem Vorteil - hervorgebracht. Die Bauern in England, Irland, Kanada und den Vereinigten Staaten hatten stets vor denen der übrigen zivilisierten Welt etwas voraus: sie waren nie leibeigen, unwissend, stumpfsinnig, sondern hatten einen offenen Kopf, ohne erst viel in die Schule gegangen zu sein. In der Union kamen sie beim Bürgerkrieg in Berührung mit den verschiedensten Gesellschaftsklassen, mit den Eingewanderten aus den verschiedensten Ländern, und dies gab ihnen einige Schulung, einige Kenntnisse von Dingen und Verhältnissen. Es erweiterte ihren Gedankenkreis mehr denn das ewige Einerlei der vergangenen Jahrhunderte; es lehrte sie städtisches Fühlen, Leben und Treiben kennen und schätzen. Nun genügte das alte, baufällige Schulhaus dem Bauernknaben und Bauernmädchen nicht mehr; sie drängten sich in die höheren Schulen, Gymnasien, Universitäten, und deren gedeihliche Entwicklung führte zu einem Aufblühen der Schriftstellerei, namentlich des Zeitungswesens, das zur Aufklärung der eingeborenen wie eingewanderten Bevölkerung der Vereinigten Staaten enorm viel beigetragen hat. Die Folge davon war, dass bald städtischer Geschäftsbetrieb auf die Landwirtschaft Anwendung fand. Dazu kamen die landwirtschaftlichen Maschinen, welche den Bauern von mancher schweren Mühe befreiten und den Ertrag seines Bodens vervielfachten. So konnte denn die ländliche und mit ihr die städtische Bevölkerung schnell zunehmen und doch noch über den Bedarf der 70 Millionen Einwohner der Vereinigten Staaten hinaus Produkte im Wert von annähernd 800 Millionen Dollar (mehr als 3/4 der Ausfuhr) hervorgebracht werden. Bis ins vorige Jahrhundert hinein bedeutete dies einen großen Gewinn für den amerikanischen Farmer, und mit dem materiellen Gewinn kam der Anteil an den Annehmlichkeiten des Lebens und der Wunsch nach mehr Reichtum und mehr Annehmlichkeiten und gleichzeitig eine gewisse Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, wiewohl diese weit besser sind als die, in denen die Bauern in anderen Ländern leben.

Ähnlich wie der Sezessionskrieg wirkte der deutsch-französische Krieg auf die Völker in Deutschland und Frankreich, doch in weniger hohem Grade und auf mehr indirekte Weise. Die seit dem Krieg bestehende Spannung hat beide Staaten und mit ihnen Österreich, Italien und Russland zu beständiger Kriegsbereitschaft genötigt, die die allgemeine Wehrpflicht zur Voraussetzung und die militärische Ausbildung jedes einzelnen und die Berührung eines jeden mit den verschiedensten Elementen zur Folge hat. Dies allein fördert schon die Bildung; außerdem sind in den Kasernen gewisse Stunden dem Bücherstudium vorbehalten. Hatte zuerst die Errichtung stehender Massenheere den Anschein eines Verbrechens am Volkswohlstand, indem sie jeden jungen Mann 1-3 Jahre der bürgerlichen Tätigkeit vorenthielt, so erwies sie sich bald als eine großartige Quelle der Aufklärung, und unter ihrem Einfluss erwachten die Nationen zu größerem Tatendrang und Ehrgeiz denn je zuvor. Natürlich, je mehr Aufklärung Platz griff, je mehr Berührung stattfand mit den Annehmlichkeiten und Vorteilen städtischen Lebens und Reichtums, um so mehr griff die Unzufriedenheit und das Gefühl um sich, dass andere weiter kommen, dass sie selber nach einer guten Gelegenheit, weiter zu kommen, Ausschau halten müssten, wobei es dann auf die Mittel, sie zu benutzen, nicht besonders ankäme.

Zugleich sind Unwissenheit und Aberglaube in religiösen Dingen im Schwinden begriffen, wiewohl der Einfluss der griechischen wie der römischen Kirche noch sehr groß ist. Zwar glaubt man nur mehr halb, dass Priester, Bischof oder Papst jemand ins Fegefeuer, in die ewige Verdammnis verstoßen oder in den Himmel führen können; gleichwohl fürchtet und respektiert man ihre Macht noch sehr. Aber im allgemeinen haben doch bei allen Klassen neue religiöse Gesichtspunkte Platz gegriffen. Bei den Protestanten werden zwar äußerlich die Formen der Gottseligkeit und Frömmigkeit noch aufrecht erhalten, aber ein großer Teil der aufrichtigen Achtung vor der Geistlichkeit ist bei den Massen geschwunden. Die sogenannte "höhere Kritik" und die Evolutionstheorie haben auch die Achtung vor dem Worte Gottes beseitigt. Diese neuen Lehren lassen im Bunde mit orientalischer Theosophie in Europa und Amerika Hunderte und Tausende an ihrem Christentum Schiffbruch leiden.

Diese Einflüsse sind schon seit einer Reihe von Jahren unter den sogenannten konservativen Kerntruppen in der Namenchristenheit tätig, ihrem Sinnen und Trachten eine andere Richtung zu geben, und nun fügt es sich, dass gleichzeitig ein anderer Einfluss sich immer mehr geltend macht, der das Wohlergehen dieser "konservativen" Klasse bedroht. Seit 1885 haben die Bauern in den zivilisierten Ländern immer mehr Mühe, es zu Wohlstand und Reichtum zu bringen, denn der Preis ihrer Produkte ist stetig gefallen. Sie haben den aus diesem Preisniedergang ihnen erwachsenden Schaden durch Anwendung von Maschinen wettzumachen gesucht in der Hoffnung, aus der größeren Menge verkaufter Produkte wieder den einstigen Profit herauszuschlagen. Allein diese Hoffnung erwies sich nicht minder trügerisch als die, dass die Preise wieder steigen würden, nachdem sie eine Zeitlang gefallen waren.

Schlimmer noch als dem amerikanischen Farmer erging es dem Bauer in Europa, dessen Lage sowieso schwieriger ist, weil sein Grundstück in der Regel zu klein und mit Hypotheken belastet ist, und weil er sich weniger leicht Maschinen verschaffen konnte. So war er nicht in der Lage, dem Preisniedergang durch Mehrproduktion zu begegnen, und litt daher mehr unter den billigen Preisen, es sei denn, er habe sich der Zuckerrübenkultur zugewandt.

Philosophen, Staatsmänner und Gelehrte haben diesem Übelstand ihre Aufmerksamkeit zugewandt und sind gar bald zu dem Urteil gelangt, dass das Sinken der Weizenpreise eine Folge der Überproduktion sei. Dabei blieben sie stehen in der Überzeugung, die Wahrheit entdeckt zu haben. Aber andere haben die Frage sorgfältiger ausstudiert, die Statistik zu Rate gezogen und dabei die überraschende Entdeckung gemacht, dass es gar nicht wahr ist, dass die Welt über ausreichende Weizenvorräte für die kommenden Jahre verfügt, dass vielmehr relativ wenig Weizen ins folgende Jahr hinübergenommen wird, und dass die Welt tatsächlich nicht mehr Weizen erzeugt, als verzehrt wird. Rob. Lindblom vom Chicagoer Handelsamt hat in dieser Angelegenheit an das Landwirtschaftsdepartement in Washington ein vom 26. Dezember 1895 datiertes Memorial gerichtet, worin er unter anderem folgendes ausführt:

"Die Erzeugung von Weizens als Ganzes genommen hat in den hauptsächlichsten Weizengegenden nicht zugenommen; denn wenn sie irgendeine solche Vermehrung aufwies, so stand ihr eine Mindererzeugung in anderen Gegenden gegenüber. Wir wollen dies an den Ernteergebnissen des Jahres 1893, die nun vollständig bekannt sind, nachweisen. Das Material finden wir für das Ausland in den vom Chicagoer Handelsamt zusammengestellten Tabellen, für die Union in den amtlichen Tabellen Ihres Departements; dabei mussten wir Österreich-Ungarn außer acht lassen, weil uns die Angaben für das Jahr 1893 aus diesem Land fehlten. In den übrigen Weizenländern stellt sich ein Vergleich zwischen den Ernten von 1883 und 1893 wie folgt:

Land 1883 1893 Differenz
England 76 Mill. Bushels 53 Mill. Bushels - 23 Mill.
Frankreich 286 Mill. 277 Mill. - 9 Mill.
Russland 273 Mill. 252 Mill. - 21 Mill.
USA 421 Mill. 396 Mill. - 25 Mill.
Italien 128 Mill. 119 Mill. - 9 Mill.
Indien 287 Mill. 266 Mill. - 21 Mill.
zusammen 1.471 Mill. 1.363 Mill. - 108 Mill.

"Daraus erhellt, dass im Jahre 1893 die hauptsächlichsten Weizenländer nicht weniger als 108 Millionen Bushels weniger produzierten als zehn Jahre zuvor. Diesem Ausfall steht nur eine Zunahme um 22 Millionen in Deutschland und 60 Millionen in Argentinien gegenüber. Einen besonders schweren Rückgang weist Großbritannien auf, das 1870 und 1872 noch 105 Millionen, 1871 sogar 116 Millionen Bushels produzierte, während die diesjährige (1895) Ernte nach den Angaben des Londoner Korrespondenten des Chicagoer Handelsamtes auf wenig mehr als 48 Millionen Bushels angesetzt werden kann.

"Wäre es wahr, dass die Vereinigten Staaten von anderen Weizenpro­duzenten überflügelt werden, dann müsste doch ihre Ausfuhr nach Europa in beständigem Rückgang gewesen sein. Das ist jedoch erst seit 1891 der Fall, wo die Einfuhr amerikanischer Brotfrucht nach Europa das Maximum von 225 Millionen erreichte, während dieselbe in den acht vorhergehenden Jahren durchschnittlich nur 119 Millionen betrug und seither, wenn auch zurückgegangen, doch weit über diesem Durchschnitt geblieben ist (1892 waren es 191 Millionen, 1893 wieder 193 Millionen und 1894 immer noch 164 Millionen Bushels). Doch haben unsere Produzenten ihre Vorräte nicht beisammen behalten, was durch die Erhebungen Ihres Departements im März dieses Jahres (1895) zur Genüge bestätigt worden ist.

"Nun wäre noch Australien zu nennen, doch fehlen uns hier statistische Angaben über die Ernteerträge. Aber wir wissen aus der Ausfuhrstatistik soviel, dass Australien 1883 noch 23,8 Millionen, 1893 aber nur noch 13,5 Millionen Bushels ausführte und in den beiden folgenden Jahren aber Getreide aus Amerika einführte.

"Dazu kommt erst noch der bedeutend größere Weizenverbrauch. In England betrug die Steigerung in den letzten 10 Jahren 18 Millionen, in Amerika sogar 50 Millionen Bushels, und jedes andere Land, Frankreich ausgenommen, hat Verbrauchsvermehrungen aufzuweisen, die zusammen mit denjenigen in England und Amerika hinreichen würden, die vermehrte Produktion der ganzen Welt mehr als aufzubrauchen."

Was nun auch die Ursache des Preisniederganges für Weizen sein mag, zu dem in den letzten Jahren ein solcher für das andere Getreide kam, so viel ist sicher, dass er den Bauern in Amerika wie in Europa die Existenz immer mehr unmöglich macht. Nicht wenige Farmer in Amerika haben sogar in guten Jahren die Mittel aus ihren Produkten nicht lösen können, um den Zins für die auf ihrem Gut lastenden Hypotheken oder anderen zum Zweck von Maschinenankäufen gemachten Schulden aufzubringen. Sie beschweren sich über die Gläubiger und ebenso, wiewohl meist ohne Grund, über die Getreidetransporttarife der Eisenbahnen, und die europäischen Bauern fordern von ihren Regierungen die Einführung von Schutzzöllen, um durch möglichste Fernhaltung der fremden Einfuhr eine Preissteigerung des inländischen Getreides herbeizuführen oder wenigstens ein weiteres Fallen der Preise zu verhüten. Sie berufen sich dabei darauf - und da wird ihnen jeder billig Denkende Recht geben. Dass 50-60 Cent für den Bushel zu wenig berechnet ist, wenn die auf die Landwirtschaft verwendetet Mühe und Zeit sich angemessen rentieren soll.

Die Verhältnisse beleuchten nun grell eine auffallende Prophezeiung, die sich auf die letzten Jahre des Evangeliums-Zeitalters bezieht. Wir meinen die Bibelstelle Jak. 5:1-9. Nachdem der Apostel unsere Aufmerksamkeit auf die in der Gegenwart so hervortretende Anhäufung von Reichtümern in wenigen Händen gerichtet und festgestellt hat, dass diese Anhäufung eine schwere Drangsalszeit heraufbeschwören werde, bezeichnet er als unmittelbare Ursache der Drangsal eine Erregung in den bisher ruhigen Bevölkerungsschichten, bei den Bauern. Er scheint die Lage ganz genau so gesehen zu haben und kennzeichnen zu wollen, wie sie heutzutage von allen scharfsinnigen Beobachtern beurteilt wird, zu weiterer Aufklärung beifügend, dass sie die Folge eines Betruges ist. "Siehe", sagt er, "der Lohn der Arbeiter, die eure (der "Reichen") Felder geschnitten haben, der von euch vorenthalten ist, schreit, und das Geschrei der Schnitter ist vor die Ohren des Herrn Zebaoth gekommen." - Jak. 5:4

In der vorhergehenden Studie haben wir bereits gesehen, dass städtische Arbeiter und Handwerker bereits in gewissem Maße zu leiden haben, dass aber deren Leiden bis jetzt vorab in der Furcht vor dem bestehen, was ihnen die tägliche Entwicklung und Zunahme von Intelligenz, Maschinenbetrieb und Bevölkerung erst noch bescheiden wird, wenn die gegenwärtige Gesellschaftsordnung fortdauert. Der Bauer aber hat nicht nur alle diese Gefahren auch zu bestehen, sondern er ist noch dazu das Opfer eines Betruges, von dem sein Mitmensch, der Handwerker, profitiert.

Worin besteht nun dieser Betrug? Tatsächlich ist es nämlich eine ungerechte Beschuldigung, wenn ganz allgemein behauptet wird, dass die Arbeiter im allgemeinen und die Landarbeiter im besonderen in unserer Zeit von ihren Arbeitgebern um ihren Lohn gebracht werden. Im Gegenteil sind heutzutage die Gesetze mehr denn je zuvor so gegeben, den Lohnarbeiter vor Schaden zu behüten. Er kann, wenn ihm Lohn geschuldet wird, das Eigentum seines Brotherrn mit Beschlag belegen und verkaufen; seine Forderungen sind in den meisten Gesetzgebungen privilegiert. Somit kann eine direkte Übervorteilung des Bauern, des Ernährers der Menschheit, vom Apostel nicht gemeint sein; wir müssen uns vielmehr nach Gesetzen umsehen, welche die ganze Welt umfassen und die "Ernter", "Schnitter", in der ganzen Welt in gleicher Weise benachteiligen. Diese allgemein geltenden Gesetze müssen sich auf Lug und Trug gründen oder ein von den reichen Leuten dieser Welt auf dem Wege der Gesetzgebung festgegründeter Betrug sein. Finden wir einen solchen, so sind wir sicher, dass er das ist, was die Weissagung meint. Wir glauben nun und werden den Beweis dafür hier zu erbringen suchen, dass diese Weissagung aufs genaueste passt auf die Entwertung der Silberwährung.

Wir verwenden uns nicht etwa für die Rückkehr zur Silberwährung oder hoffen auf dieselbe oder erblicken gar darin das Universalheilmittel gegen alle Leiden der Gegenwart und der Zukunft! Im Gegenteil! Wir halten dafür und stützen uns dabei auf den Jakobusbrief, dass das Silber nicht wieder zum Wertmesser werden wird. Wir wollen vielmehr zeigen, dass eine Weissagung in Erfüllung gegangen ist, und alle, die es wollen, mögen an dem neuen Licht teilnehmen, das jene Weissagung über die gegenwärtigen und herannahenden Drangsale der Welt verbreitet.

Die Silberentwertung ist für die einen Klassen in der Namenchristenheit ein Vorteil, für andere ein Schaden. Letzteres ist sie für die Erzeuger von Getreide, Reis und Baumwolle, weil sie die Früchte ihrer Arbeit in Konkurrenz mit solchen Ländern verkaufen müssen, die noch die Silberwährung haben. Sie verkaufen mithin um entwertetes Silber, während sie ihre Liegenschaft, ihre Geräte, ihre Kleidung, ihre Arbeitslöhne und den Zins der auf der Liegenschaft haftenden Hypothek in Gold zu zahlen haben. Bei jeder Summe, die sie in Silber einnehmen und in Gold ausgeben, verlieren sie die Hälfte. Noch im Jahre 1873, bevor die Nationen der Namenchristenheit die Silberwährung aberkannt hatten, galt ein Silberdollar zwei Cents mehr als ein Golddollar; heutzutage entsprechen, dank der "Regelung der Münzverhältnisse", zwei Silberdollar einem Golddollar (in wirklichem Wert; innerhalb des Landes, das ihn geprägt hat, zirkuliert der Silberdollar freilich wie die Banknote für den Nominalwert). Dementsprechend repräsentierte der Bushel Weizen

1872 in Silber 1,51 Dollar, in Gold 1,54 Dollar

1878 in Silber 1,34 Dollar, in Gold 1,19 Dollar

1894 in Silber 1,24 Dollar, in Gold 0,61 Dollar

Aus diesen Zahlen geht hervor, dass die Getreidepreise in den Ländern, welche die Silberwährung noch anerkennen, nur wenig gefallen sind; der starke Preisrückgang hat in den Goldwährungsländern, in der Namenchristenheit stattgefunden. England, der größte Weizenabnehmer auf dem Weltmarkt, kauft jetzt in Indien um Gold gerade zweimal soviel Weizen als vor der Aberkennung der Silberwährung.

Den Reis- und Baumwollpflanzern der Vereinigten Staaten geht es nicht besser als den Weizenbauern. Ihre Produkte gedeihen ebenfalls in Silberwährungsländern und können mithin um den halben Preis von ehedem durch die Goldwährungsländer angekauft werden.

Indirekt hat nun der Preissturz dieser drei Produkte auch die Produzenten anderer Erzeugnisse in Mitleidenschaft gezogen. Denn nachdem die Weizen-, Reis- und Baumwollpflanzer sich von der Unmöglichkeit überzeugt haben, durch Vermehrung ihrer Produktion den früher realisierten Gewinn wiederzufinden, verlegten sie sich auf den Anbau anderer Produkte, deren Preis nicht so gesunken war, und führten nun durch Überproduktion auf diesen Gebieten einen Preisdruck herbei. So leiden alle landwirtschaftlichen Kleinbetriebe, und schließlich muss die ganze Bevölkerung bis zu einem gewissen Grad die Last, die auf den Bauern liegt, zu kosten bekommen.

Wer sind nun die, welche von der Abschaffung der Silberwährung Nutzen haben? Zunächst die Banken, die Geldverleiher, die Hypothekengläubiger, weil jeder Dollar ihres Kapitals, jeder Dollar ihres Zinses doppelt soviel wert ist denn ehedem, bzw. doppelt so große Kaufkraft hat. Sodann alle Festbesoldeten, wie Abgeordneten, Richter, Beamten, Angestellten und Arbeiter. Ob sie nun zehn Dollar per Woche, per Tag oder per Stunde verdienen, für zehn Dollar werden sie immer doppelt soviel Baumwolle, Wolle, Weizen usw. bzw. daraus hergestellte Erzeugnisse kaufen können als früher.

Als nun die Farmer die Diskussion der Silberfrage in der ganzen Union in Fluss gebracht hatten, schien es eine Zeitlang, als sollten bei den Wahlmännerwahlen des Jahres 1896 die Silberleute den Sieg davontragen. Allein da jeder nur auf sein eigenes Interesse bedacht war, begannen die Reichen, die Staatsbeamten, die Handelsangestellten, die Lohnarbeiter zu merken, dass das Gold ihnen in dem Maße zugute kam, als es die Farmer schädigte. Gleichwohl zweifelten diese an der Richtigkeit ihres Urteils und stimmten nach der Parole des Bankiers gegen ihre eigenen Interessen, und so kam es, dass das Silber gerade in einem Volk eine Niederlage erlitt, für dessen Lebensinteressen es von der allergrößten Bedeutung war, und dessen Handel, Export und Import, groß genug gewesen wäre, dem Silber wieder zur Geltung zu verhelfen.

Jetzt aber ist die Sache hoffnungslos. Das Silber wird seinen Platz, den es 1873 verloren hat, nicht wieder einnehmen, denn da Eigennutz maßgebend ist, der Bauernstand aber allein, wenn er auch der zahlreichste ist, doch nicht die Majorität ausmacht, so wird er gegen die Interessen der anderen nicht aufkommen. Bedauernswerte Farmer, bedauernswerte Schnitter im Felde! Eure Klagen aus den letzten Jahren sind zwar ein wenig verstummt, weil in Indien Hungersnot und Pestilenz wütet. Allein bald wird um so größerer Druck folgen, lauteres und vernehmlicheres Klagen der Ernter in der Namenchristenheit. So wird die Geduld und die staatserhaltende Gesinnung der geduldigsten und staatserhaltendsten Klassen erschöpft und erschüttert - eine weitere Vorbereitung auf den Tag der großen Drangsal, auf den Tag der Vergeltung.

Aber wie ist man denn überhaupt zur Aberkennung der Silberwährung gekommen? Wer konnte sich von solch drohender Weltkatastrophe Profit versprechen? Unsere Antwort ist: Die Finanzmächte selbst. Ihr Geschäft ist es, mit dem Geld zu handeln und umzugehen, wie der Farmer mit seiner Farm, für sich selbst, für ihre Syndikate und Unternehmungen einen möglichst hohen Gewinn herauszuschlagen. Englische Finanzleute regieren die Welt; sie betreiben das Geschäft am längsten und haben es gründlich studiert.

"Im Krieg ist alles erlaubt", ist ein Sprichwort. Englands Finanzleute und Politiker, welche überhaupt der übrigen Welt um 50 Jahre voraus zu sein scheinen in solchen Dingen, scheinen auch den Handelskrieg als ganz zeitgemäß und für die Stärkeren einträglicher als den Sklavenhandel und die Raubzüge zu betrachten. Die Briten merkten bald, dass, da sie nur wenig Land zur Verfügung haben, sie ihren Profit mittels der Industrie und des Bankbetriebes nicht für sie allein, sondern soweit als möglich für die übrige Welt suchen müssten. Ihre Staatsmänner hatten Scharfsinn genug, einen guten Feldzug einzuleiten, und da England zu jener Zeit billiger liefern konnte als die übrige Welt, bekannten sie sich im Interesse des Landes zum Freihandelssystem und suchen noch jetzt dieses System der zivilisierten Welt aufzunötigen.

Vor ungefähr hundert Jahren erkannten schlaue britische Finanzleute, dass, da ihr Land nicht in erster Linie Landwirtschaft trieb, es ihr Vorteil wäre, die Preise der landwirtschaftlichen Produkte herabzudrücken, die sie vom Ausland kommen lassen müssten, und dass, da das Silber von altersher der Wertmesser gewesen sei, es gelte, das Gold an seine Stelle zu setzen und selber auf Grundlage der Goldwährung Handel zu treiben, während die übrige Welt sich der Silberwährung bediente. Ihrem Einfluss ist es zuzuschreiben, dass Großbritannien schon 1816 die Goldwährung einführte.

Wenn es England gelungen wäre, die Entwicklung der Industrie in anderen Ländern zu verhindern, wie dies angestrebt wurde und (dank seiner riesigen Betriebsanlagen, seiner Gewandtheit und seiner geübten Arbeiter) Baumwolle und Wollstoffe, sowie Maschinen billiger zu liefern als die übrige Welt, so würde es schließlich selbst sehr im Vorteil gewesen sein. In keiner Hinsicht aber war der Erfolg ein ganzer. Frankreich und die Vereinigten Staaten und später auch Deutschland erhoben Schutzzoll und begünstigten somit die Industrie in dem eigenen Land, und es gelang ihnen allmählich, nicht nur den eigenen Bedarf zum größten Teil zu decken, sondern auch mit Großbritannien auf dem Weltmarkt in Wettbewerb zu treten. Wie wir sahen, gehen Indien, China, Spanien, Portugal, Südamerika, Russland und andere Länder in gleicher Weise vor, gleichwohl steht Großbritannien im Handel und der Industrie noch immer an der Spitze. Auch die Scheidung von Gold und Silber, welche beiden Metalle solange zusammen als das Geld der Welt anerkannt worden waren, brachte nicht den gewünschten Erfolg. In der Tat, während hinsichtlich des Wertes der beiden Metalle lange das Verhältnis von Gold zu Silber wie sechzehn zu eins bestanden hatte, neigte man eher dazu, dem Silber im Verhältnis mehr, dem Gold dagegen weniger zuzusprechen, weil außerhalb Englands hauptsächlich das Silbergeld im Gebrauch war. Man braucht sich daher nicht darüber zu wundern, dass der Statistik gemäß ein amerikanischer Silberdollar im Jahre 1872 zwei Cent mehr galt als ein Golddollar.

Da die Engländer erkannten, dass sie weder in Angelegenheiten des Geldes noch der Waren eine Alleinherrschaft ausüben konnten, suchten die britischen Finanzleute die Vereinigten Staaten und Europa für sich zu gewinnen in der Hoffnung, dass es ihren vereinten Bemühungen gelingen würde, eine Scheidung zwischen dem Wert des Silbers und dem des Goldes herbeizuführen, und den letzteren dadurch zu vergrößern. Wenn die zivilisierten Völker zusammen die Entwertung des Silbers in ihrem Finanzsystem einführen würden, so würde sich daraus folgendes ergeben:

1. Das Silber würde in den zivilisierten Ländern zu einem gewöhnlichen Tauschmittel herabsinken und daher billiger werden als das Gold, dessen festgesetzter Wert in demselben Maße steigen, wie das Silber sinken würde. Auf diese Weise würden die zivilisierten Nationen ihren Bedarf an Baumwolle, Weizen, Kautschuk und anderen Rohmaterialien bei den unzivilisierten Nationen mit entwertetem Geld, Silber, also zum halben Preis, einkaufen können, während die armen Heiden für alle Luxusgegenstände, Maschinen usw. die doppelte Summe würden bezahlen müssen, weil das Geld der Heiden durch die Gesetzgebung ihrer zivilisierten Brüder in seinem Wert auf die Hälfte herabgesetzt wäre unter der Anleitung der "Schylocks", sonst Finanzmänner genannt. Diese Ausnützung der Heiden, zu welcher das zivilisierte Gehirn führte, wurde als "Geschäft" bezeichnet; aber, war es Gerechtigkeit oder Betrug - vom göttlichen Standpunkt aus betrachtet? Sicherlich tat man den Heiden damit nicht das, was man wünschte, selbst von ihnen zu empfangen.

2. Obgleich dies auch den anderen zivilisierten Nationen Vorteil verschaffen würde, so hoffte Großbritannien doch wegen seines großen Außenhandels, den Löwenanteil des Gewinnes, der aus diesem Betrug geschlagen werden sollte, für sich zu erlangen.

Wir übersehen nicht, dass das Gesetz von Angebot und Nachfrage auch für den Handel mit Weizen gilt, haben aber gezeigt, dass Weizenüberproduktion nicht stattfindet, ja, dass die Mehrproduktion nicht einmal mit der Bevölkerungsvermehrung Schritt hält. Wir bemerken ferner, dass im Jahre 1892, welches die reichlichste Weizenernte aufwies, der New Yorker Preis mit 90 Cent per Bushel höher stand als in den drei folgenden Jahren mit weniger reichlicher Ernte. Dieser Preis wäre, wenn die außerordentlichen Verhältnisse von 1896 und 1897 (Missernten in Österreich-Ungarn, Russland und Indien) dazu gekommen wären, sogar auf 1,30 Dollar gestiegen.

Endlich ist zu beachten, dass, während der Wert des Weizens in den letzten 25 Jahren so stark gefallen ist (und zwar nicht wegen Überproduktion), andere Massenprodukte ihren Preis ungefähr haben halten können. Dies zeigt u.a. folgende kleine Tabelle von New Yorker Preisen:

1878 1894
Roggen per Bushel 65 Cent 68 Cent
Gerste per Bushel 33 Cent 37 Cent
Korn per Bushel 52 Cent 51 Cent
Kentucky Tabak per Pfund 7 Cent 9 ½ Cent
Frisches Ochsen- fleisch per Pfund 5 ¼ Cent 5 ½ Cent
Frisches Schweinefleisch per Pfund 4 ¼ Cent 5 ½ Cent
Heu per Tonne 7,25 Dollar 8,50 Dollar

während für Weizen, Baumwolle und Silber die Preise wie folgt gefallen sind:

1878 1894
Baumwolle per Pfund 11 Cent 7 Cent
Weizen per Bushel 1,20 Dollar 61 Cent
Silber per Unze 1,15 Dollar 63 ½ Cent

Nun wird man fragen, ob nicht die Silberentwertung von der Überproduktion an Silber herkommen könne, statt von der künstlichen Steigerung des Goldwertes.

Wir antworten: Nein. Die Produktion dieser beiden Edelmetalle hat zwar stark zugenommen, aber gleichwohl mit der Steigerung der Gewerbetätigkeit und der Zunahme der Bevölkerung nicht Schritt halten können. Alles Gold und Silber der Welt wäre für den gegenwärtigen Geschäftsverkehr nicht hinreichend und würde Gutscheine von Staaten, Banken und Handelshäusern nicht entbehrlich machen. Der Geldverleiher hat übrigens ein Interesse daran, dass der Wertmesser nicht zu reichlich produziert wird, damit er immer Nachfrage dafür hat und es zu gutem Zinsdarlehen kommt und er doppelte Sicherheit verlangen kann. Alles gemünzte und ungemünzte Gold der Welt wird auf weniger als sechs Milliarden Dollar geschätzt, während allein die öffentlichen und privaten Schulden in den Vereinigten Staaten auf mehr als das Dreifache dieser Summe geschätzt werden. Russland versucht seit 1873 sein Papier durch Silber zu ersetzen, hat es aber immer noch nicht ganz vermocht, weil es nicht genug Silber auftreiben kann.

Dies zeigt, dass die Silberentwertung etwas Gewolltes ist, dass sie auf dem Wege der Gesetzgebung herbeigeführt wurde.

Aber wie war es denn möglich, dass die Volksvertreter in allen Ländern der Namenchristenheit diese Verschwörung gegen die Heiden, ja, gegen ihre eigene Landwirtschaft treibende Bevölkerung mitmachen konnten? Weil sie gar nicht wussten, was die Verfechter der Goldwährung eigentlich bezweckten, weil sie von diesen "Schylocks" hinsichtlich der Folgen einer solchen Gesetzgebung getäuscht worden waren. Dies bezeugte u.a. der Fürst Bismarck; dies bezeugten viele Mitglieder des Kongresses der Union. Also durch Betrug hat die Gesetzgebung das Geld der Welt in zwei Hälften geteilt, die eine entwertend, die andere im Wert steigernd, und jetzt, wo die Regenten dies einsehen, stehen sie ratlos vor der gähnenden Kluft und merken, dass, wenn sie das Silber wieder zu Ehren ziehen wollen, sie den Gläubiger schädigen würden, ohne dem Schuldner den erlittenen Schaden vergüten zu können. Überdies würde "Schylock", nachdem er den Wert aller seiner Habe und seines Einkommens verdoppelt hat, es eher zu schweren Krisen und Revolutionen kommen lassen, als das Herzblut des Geschäftsverkehrs, das er den Mitmenschen abgepresst hat, freiwillig herauszugeben. "Schylock" ist in der Lage, seinem Willen Geltung zu verschaffen. Er herrscht über alle, die aus seinen Klassen Darlehen empfangen, vorab über alle Regierungen, die ihm sämtlich tributpflichtig sind. Er besitzt die Presse und macht durch dieselbe die Völker vertrauensselig, damit sie an seine Ehrenhaftigkeit und seine Milde glauben und seinen Zorn nicht reizen sollen, da er so mächtig ist. Alle, die direkt oder indirekt von seinem Betrug profitieren, vorab die sogenannten "maßgebenden Kreise", schweigen fein säuberlich dazu.

Von den Zeugnissen über den verübten Betrug und die Täuschung mögen folgende zur Bestätigung des Gesagten dienen:

Senator Thurmann sagte:

"Als das Gesetz dem Senat vorgelegt wurde, meinten wir, es handle sich nur um eine Verbesserung des Münzgesetzes, um eine Regelung. Ich glaube, dass es außer denen, welche zu dem Komitee gehören, das uns dieses Gesetz vorlegte, im ganzen Staat keinen Menschen gibt, der auch nur im geringsten geahnt hätte, dass man bei demselben die Entwertung des Silbers im Auge hatte." - Congressional Record, Band 7

Senator Conkling fragte am 30. März 1876 im Senat, als Senator Bogy sich über die Verbesserung des Gesetzes bezüglich des Silbers als gesetzliches Zahlungsmittel äußerte, überrascht:

"Gestattet mir der Herr Senator, ihm oder einem anderen der Senatoren eine Frage zu stellen? Ist es wahr, dass es jetzt auf Grund des Gesetzes keinen amerikanischen Dollar mehr gibt? Und, wenn dies so ist, trifft es dann zu, dass es der Zweck dieses Gesetzes ist, Halbdollarstücke oder Vierteldollarstücke zu dem einzigen gesetzlichen Zahlungsmittel in Silber zu machen?"

Senator Allison sagte am 15. Februar 1878:

"Wenn die Geheimgeschichte dieses Gesetzes einst veröffentlicht werden wird, so wird die Tatsache enthüllt werden, dass das Haus der Vertreter der Ansicht war, sowohl Gold- als auch Silbermünzen herzustellen und beide Metalle auf das französische Verhältnis zu bringen anstatt auf unser jetziges, was in bezug auf diesen Gegenstand im Jahre 1873 das Natürliche gewesen wäre, dass das Gesetz aber später umgestürzt wurde."

Hon. William D. Kelley, der mit der Vorlage betraut worden war, sagte am 9. März in einer Rede an das Haus der Vertreter:

"Bezüglich dessen, dass ich die Vorlage zur Entwertung des Silbers befürworte, habe ich zu sagen, dass ich, obgleich ich Vorsitzender war, nicht wusste, dass das Ganze auf die Entwertung unseres Silbers hinauslief. Auch die ausgezeichneten Senatoren, wie Herr Blaine und Herr Voorhees, die damals Mitglieder des Hauses waren, wussten es nicht. Einige Tage nach der Sitzung fragten sie sich gegenseitig: "Wussten Sie, was die Folge der Genehmigung des Gesetzes sein würde?" - "Nein, wussten Sie es?" "Nein, ich glaube, dass im ganzen keine drei Mitglieder des Hauses wussten, worum es sich handelte."

Senator Beck sagte am 10. Januar vor dem Senat:

"Es (das Silberentwertungsgesetz) wurde von keinem der beiden Abgeordnetenhäuser verstanden. Ich spreche hiermit Tatsachen aus. Kein Zeitungsberichterstatter, und diese sind die am schärfsten sehenden Leute, mit denen ich jemals zusammenkam, entdeckte, was mit dieser Vorlage beschlossen worden war."

Wenn es der Raum erlauben würde, so könnten wir in ähnlicher Sprache gehaltene Bestätigungen von vielen anderen anführen. Der Titel der Vorlage selbst musste irreführen, er lautete: "Akte zur Revision des Gesetzes für Münzprägung, Metallproben und Geldstücke der Vereinigten Staaten", und die Entwertung des Silbers wurde verborgen gehalten in verschiedenen Klauseln. Herr Grant, der Präsident der Vereinigten Staaten, der der Vorlage durch Unterzeichnung Gesetzeskraft verlieh, erklärte einige Jahre später, als sich die Folgen zu offenbaren begannen, dass er auch nichts von der Bedeutung des Gesetzes geahnt habe.

Herr Murat Halstead, der Herausgeber der "Commercial Gazette", Cincinnati, gehört zu den befähigtesten Menschen der Gegenwart. Die folgenden Worte, die seiner Feder entstammen, entnehmen wir dem "New York Journal":

"Diese britische Goldpolitik war nur das Werk von geschickten Fachmännern. Wenn man irgendwelchen Erfolg dabei erzielen wollte, so musste man eine solche Ausflucht nehmen. Wahrscheinlich weil die Münzen nicht zirkulierten und daher von der Allgemeinheit nicht beachtet wurden, konnte man einen solchen Schritt zu versuchen wagen, ohne Aufsehen zu erregen. Das Monometallsystem der großen Gläubiger-Nation wurde somit ohne Debatte der großen Schuldner-Nation auferlegt."

Folgende Worte sollen von Oberst R. G. Ingersoll ausgesprochen worden sein:

"Ich verlange die Wiederbewertung des Silbers, welches durch Betrug entwertet worden ist. Die Silberentwertung bedeutet eine Hintergehung jedes ehrenhaften Schuldners in den Vereinigten Staaten. Sie bedeutet einen Meuchelmord der Arbeit. Sie wurde unternommen im Interesse der Habsucht und des Geizes, und ehrliche Leute sollten sie wieder ungeschehen machen.

"Man erkannte in den Jahren 1877 bis 1880, dass die Wirkung dieselbe sein würde, wie zahlreiche Staatsmänner vorhergesagt hatten. Manche waren dem Erlass gegenüber blind, andere blieben aus Eigennutz ruhig, und andere wiederum verließen sich auf den Rat der "Finanzmänner".

Der verstorbene Hon. G. Blaine sagte im Jahre 1880 vor dem Senat der Vereinigten Staaten:

"Ich glaube, wenn der jetzt in diesem Land wie in anderen ausbrechende Kampf um die Goldwährung Erfolg hat, wird allgemeines Unheil über die ganze Geschäftswelt gebracht. Die Vernichtung des Silbers als Geld und die Einführung einer allein geltenden Goldwährung muss auf jedes Besitztum eine vernichtende Wirkung ausüben, ausgenommen auf diejenigen Anlagen, die einen festen Ertrag in Geld bringen. Diese würden im Wert gewaltig steigen und einen Vorteil über die anderen erlangen, der in gar keinem Verhältnis stehen und höchst ungerecht sein würde. Wenn es zutrifft, wie dies die zuverlässigsten Statistiken versichern, dass es in der Welt Münzen oder Barren im Wert von gegen 7 Milliarden Dollar gibt, und ebensoviel Gold wie Silber, so ist es ganz unmöglich, das Silber als Geld zu streichen, ohne dass Millionen in Verlegenheit gebracht und Zehntausende vollständig ruiniert würden."

Der verstorbene Senator Vance sagte später:

"Die Geldmacht und ihre Verbündeten der ganzen Welt haben zusammen das größte Verbrechen begangen, welches je erlebt wurde. Sie haben den Wert der einen Hälfte des Geldes der Welt gestürzt und auf diese Weise den ihres eigenen verdoppelt. Die Geldwechsler haben den Tempel unserer Freiheit verunreinigt."

Die Regierung der Vereinigten Staaten hat vor wenigen Jahren eine Umfrage an ihre Vertreter im Ausland ergehen lassen über die Münzverhältnisse. Der Bericht des belgischen Ministers Currie zeigt in bemerkenswerter Weise, wie die Erfahrungen Belgiens denen der Vereinigten Staaten entsprechen. Er berichtet, dass der belgische Finanzdirektor Hon. Alfonse Allard ihm seine Fragen folgendermaßen beantwortete:

"Seit 1873 sind wir in eine Krise eingetreten, welche im fortwährenden Fallen der Preise besteht, und die wir anscheinend auch nicht aufhalten können. Dieser Sturz der Preise, der auf die Löhne einwirkt, wird jetzt zu einer sozialen und industriellen Krisis.

"Sie fragen mich, weshalb wir im Jahre 1873 zum Monometallsystem zurückkehrten, welches doch so nachteilig ist? Ich kann keine andere Erklärung dafür finden, als die, dass es einer gewissen Klasse von Finanzleuten gelegen war, die dadurch profitierte, einer Klasse, welche durch die Erfindung und Verteidigung gewisser Theorien von Seiten berühmter Wirtschaftspolitiker und Mitglieder des Instituts de France unterstützt wurde.

"Sie fragen mich, welchen Einfluss die Einführung der neuen Währung auf Industrie und Löhne hatte? Das Geld, das schon vor 1873 so wenig flüssig gewesen war, fing an, noch weniger flüssig zu werden, und der Sturz der Preise, der schon vorhergesagt worden war, setzte ein. Durchschnittlich betrug er bei allen Erzeugnissen seit 1873 50 Prozent, bei dem Getreide sogar 65 Prozent. Die Industrie ist nicht mehr lohnend, die Landwirtschaft ist zugrunde gerichtet, jedermann verlangt Schutzzölle, und unsere ruinierten Bürger tragen sich mit dem Gedanken an einen Aufstand. Dies ist die traurige Lage, in der sich ganz Europa befindet."

In einem Brief an die Nationale Republikanische Liga, der vom 11. Juni 1891 datiert, schreibt der Senator J. D. Cameron:

"Die Einführung des Goldes als einzige Währung scheint uns Ruin zu bewirken mit einer Heftigkeit, der wir nicht widerstehen können. Wenn der Einfluss derselben bleibt wie in den vergangenen zwanzig Jahren, seit Einführung der Goldwährung, so wird eine nicht entfernte Generation erleben, dass auf dem ganzen Kontinent Amerika das Geld in etwa einem halben Dutzend Städte konzentriert ist, die es dann an eine Bevölkerung von ihnen abhängiger Arbeiter verleihen, welche somit auf ihr wachsendes Getreide und ihre unbeendete Handarbeit Hypotheken aufnehmen müssen. Solche Aussichten haben sich in der Weltgeschichte schon oft genug gezeigt, wir alle aber empören uns dagegen. Reich wie arm, Republikaner, Demokraten, Volksparteiler, Arbeiter und Kapitalisten, Kirchen und Hochschulen, wir alle schaudern zurück vor einer solchen Zukunft."

Die englischen Finanzleute wissen sehr wohl, worunter die Bauern der ganzen Welt und besonders diejenigen der Vereinigten Staaten und von Kanada, welche Weizen ausführen, zu leiden haben, und bisweilen geben sie zu, dass ihre eigene Selbstsucht die Ursache ist. Als Beispiel führen wir aus den "Financial News" (London) folgendes an:

"Wir haben häufig politische Differenzen mit den Vereinigten Staaten, in der Regel besteht aber dabei wenig Feindseligkeit zwischen dem Volk der beiden Länder, und das Gezänk geht vorüber und wird vergessen. Wir wissen natürlich, dass unsere Geldpolitik von nichts anderem als von selbstsüchtigen Erwägungen geleitet wird, so dass wir uns nicht einmal darum kümmern, wenn wir sehen, wie Indien noch viel mehr leidet als Amerika. ...

"Herr Cameron weist darauf hin, dass die Vereinigten Staaten ganz Amerika und Asien auf ihrer Seite haben würden, wenn sie sich rächen würden, indem sie sich aufs Geratewohl von Europa lossagten, und dass sie den Markt beider Weltteile beherrschen würden. Die Schranken zwischen Goldwährungs- und Silberwährungs-Ländern würden dann verhängnisvoller sein als diejenigen der Zollhäuser. Die Bande zwischen Silberwährungsländern würde stärker sein als diejenigen jedes Freihandelsystems. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass der englische Handel noch vor Ablauf des Jahres vernichtet sein würde, wenn Amerika morgen wieder zur Silberwährung zurückkehren würde. Jeder amerikanische Industriezweig würde dann geschützt sein, nicht nur in Amerika selbst, sondern auf allen Märkten. Natürlich würden die Vereinigten Staaten zu Anfang Schwierigkeiten haben, indem sie die ausländischen Verpflichtungen in Gold zu begleichen hätten, der Verlust beim Wechsel würde aber ganz gering sein im Verhältnis zu dem Nutzen, den sie durch Südamerika und Asien, nicht zu reden von Europa, erzielen würden. Man muss sich nur wundern, dass Amerika die Gelegenheit noch nicht längst ausgenutzt hat, und wenn es nicht glaubte, dass der Weg über England notwendigerweise zu Fortschritt und Gedeihen im Handel führen muss, so würde es dies zweifellos schon lange getan haben. Jetzt erkennen die Amerikaner, dass sie uns so lange nicht schlagen können, als sie "ihren Ehrgeiz, ein zweites England zu werden", noch beschränken. Wir können von Glück reden, dass es noch nie den Amerikanern eingefallen ist, uns im Handel aus dem Feld zu schlagen durch Einführung der Silberwährung, und es kommt uns gerade recht, dass die Amerikaner durch die hochmütige Gleichgültigkeit unserer Regierungen irregeleitet werden."

In der ganzen "christlichen Welt" beklagt sich die Landwirtschaft über den Schaden, den ihr die Goldwährung getan hat. Der internationale Landwirtschaftskongress, der 1896 in Budapest tagte, erklärte in einem Sympathietelegramm an den Kandidaten Bryan:

"Wir wünschen Ihnen Erfolg in Ihrem Kampf gegen die Herrschaft der Gläubiger, welche seit 23 Jahren in Europa und Amerika eine Münzgesetzgebung erzwingt, die die Landwirtschaft ruiniert. Wir glauben, dass ohne Rückkehr zur Doppelwährung das Goldagio die Bauern weiter des Ertrages ihrer Arbeit berauben wird, dass Ihre Wahl aber Europa vor den drohenden Wirren bewahren wird."

Fürst Bismarck erklärte im selben Jahre 1896:

"Ich habe mich hinsichtlich der von mir empfohlenen Münzgesetzgebung getäuscht, und wenn die Regierung die einzige Klasse, deren Übergang zur Opposition sie hindern kann, die Landwirtschaft, für sich gewinnen will, so muss sie die Münzgesetzgebung revidieren."

Die Wirkung der gegenwärtigen Entwertung des Silbers und aller auf Grund der Silberwährung verkauften Waren machte sich nur sehr allmählich geltend - aus zwei Gründen. Erstlich bedurfte es der Zeit und des geschickten Manöverierens, um einen bei mehr als der halben Welt geschätzten Wertmesser zu verdrängen. Sodann suchten die Silberminenbesitzer und ihre Mitinteressierten, sowie weitblickende Staatsmänner dem Übel zu wehren, und ihren Anstrengungen sind die silberfreundlichen Gesetze der Union (von 1878 und 1890) zu verdanken. Aber diese Maßregeln waren ungenügend. Silber muss entweder ein fester Wertmesser (wie das Gold) oder aber eine Ware sein (wie Diamanten, Weizen) und dann die Preisschwankungen gemäß dem Verhältnis von Nachfrage und Angebot mitmachen. So rief denn die Festlegung des Silberwertes auf die Hälfte des Goldwertes (1 Silberdollar = 1/2 Golddollar) im Jahre 1893 neue Krisen hervor, die sich 1895 besonders fühlbar machten.

So ziehen wir denn hier den Schluss aus dem Vorhergehenden:

1. Die Schnitter der Welt, die Bauern in der Namenchristenheit, sind in Verzweiflung trotz der Hilfe, die ihnen die Maschinen gebracht haben, und rufen laut um Abhilfe, die sie von der Gesetzgebung erwarten.

2. Die Gesetzgeber sehen die Schwierigkeiten, in die die Landwirtschaft geraten und woher sie gekommen ist, und erklären, dass sie die Folge eines Betruges seitens der Finanzleute seien.

3. Die Gesetzgeber sehen aber auch, dass sie den Silberwert nicht wieder (auf ein Sechzehntel Gold) erhöhen können, ohne eine allgemeine Panik, ja, eine Revolution heraufzubeschwören, und halten deshalb dafür, das Übel sei weniger schlimm als das Heilmittel und bleiben daher untätig.

4. Alles gibt zu, dass der erwähnte Betrug nicht nur die Bauern schädigt und entmutigt, sondern auch die bisher staatserhaltende Klasse erbittert und schließlich zur Empörung treiben wird.

5. Alle wissen, dass die Industriearbeiterklasse zur Revolution entschlossen ist und sicher losschlagen wird, wenn einst die noch konservativen Bauern zu ihr übergehen.

6. Es braucht nur wenige Jahre, vielleicht 10-12, um dies herbeizuführen.

Wer diese Tatsachen mit der Weissagung des Jakobus. vergleicht, muss von der Genauigkeit, mit der sie in Erfüllung gegangen ist, überrascht sein und diese Weissagung als einen Beweis dafür ansehen, dass Gott die heutigen Verhältnisse vorausgewusst und in ihnen die Vorbereitung zu der großen Drangsal gesehen hat, die dem Herrn und seiner glorreichen Herrschaft, dem Frieden auf Erden und dem Wohlgefallen an den Menschen, die Wege ebnen soll.

Lasst uns noch einmal Jakobus 5:1-9 lesen:

"Wohlan nun, ihr Reichen, weinet und heulet über euer Elend, das über euch kommt! Euer Reichtum ist verfault (wertlos), und eure Kleider sind mottenfrässig geworden. Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird zum Zeugnis sein wider euch und euer Fleisch fressen wie Feuer; ihr habt Schätze gesammelt in den letzten Tagen. Siehe, der Lohn der Arbeiter, die eure Felder geschnitten haben, der von euch (durch Betrug) vorenthalten ist, schreit, und das Geschrei der Schnitter ist in die Ohren des Herrn Zebaoth gekommen. Ihr habt in Üppigkeit gelebt auf der Erde und geschwelgt; ihr habt eure Herzen gepflegt wie an einem Schlachttage. Ihr (eure Klasse) habt verurteilt, ihr (eure Klasse) habt getötet den Gerechten (Christus); er widersteht euch nicht." (Wünschte der Herr, wir sollten beachten, dass die jüdischen Bankiers und Finanzleute, mehr als andere, im Vordergrund dieses Betruges stehen, der den Lohn der Schnitter vorenthält? und liegt nicht eine besondere Bedeutung in den Worten: Ihr habt verurteilt, ihr habt getötet den Gerechten?)

"Habt nun Geduld, Brüder, bis zur Gegenwart des Herrn (der die Dinge gerecht ordnen wird, der den Armen und den, der keinen Helfer hat, aufrichten und an allen Übeltätern Rache nehmen wird). Siehe, der Säemann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und hat Geduld ihretwegen - bis sie den Früh- und den Spätregen empfange. Habet nun Geduld, festigt eure Herzen, denn die Gegenwart des Herrn ist nahe gekommen. Seufzet nicht widereinander, auf dass ihr nicht (auch) gerichtet werdet. Siehe, der Richter steht vor der Tür."

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Studie 9

Der Kampf wird unvermeidlich. Davon zeugen selbst die Weisen dieser Welt

Allgemeinkenntnisse ein neuer Faktor in allen Berechnungen. - Ansichten von Senator Ingalls, Rev. Lyman Abbott, Bischof Newman, einem berühmten Juristen, Oberst Robert Ingersoll. - J. L. Thomas über Arbeitergesetzgebung. - Wendell Philipps Ansicht. - Historiker Macaulays Vorhersage. - Chauncey Depews Hoffnungen. - Bischof Worthingtons Äußerungen. - W. J. Bryans Antwort. - Eine englische Ansicht. - Edward Bellamys Darlegung. - Rev. J. T. McGlynns Meinung. - Prof. Grahams Ausblick. - Ansichten eines Richters des Obergerichts. - Eine französische Ansicht.

"Die Menschen verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis (Gesellschaft) kommen, denn die Kräfte der Himmel (geistige und bürgerliche Herrschaft) werden erschüttert." - Luk. 21:26

Einsichtige Leute, und zwar auch solche, die in den Augen dieser Welt weise sind, erkennen, dass ein gewaltiger sozialer Kampf unmittelbar bevorsteht, dass er kommen muss, dass nichts ihn abzuwenden vermag. Sie haben wohl Heilmittel gesucht, aber nichts gefunden, das das Übel zu heilen vermöchte; sie haben daher die Hoffnung aufgegeben und trösten sich, so gut es geht, mit der Evolutionstheorie, wonach sie den Schluss ziehen, dass die ganze Natur unter dem Gesetz vom Fortbestehen des Stärkeren und von der Vernichtung der Schwächeren stehe, weil ersterer lebensfähig, dieser aber nicht lebensfähig sei. Sie stützen auf die Ansicht der Gelehrten ihre Meinung, wonach, was ist, bereits gewesen sei, unsere Zivilisation eine Wiederholung derjenigen der alten Griechen und Röm. sei und wie diese vergehen werde, wenigstens soweit die Massen in Frage kommen, und dass hernach Reichtum und Macht wieder in den Händen von wenigen vereinigt werden, indes die Massen, wie bei den früheren Zivilisationen des Ostens, kaum das Nötige zum Existieren haben.

In diesen Irrtum verfallen sie, weil sie dem Umstand nicht Rechnung tragen, dass die Bildung viel breitere Schichten umfasst als je zuvor, wenigstens in der Namenchristenheit. Diesen Unterschied gegen früher erkennt nur, wer weise genug ist, seine Erkenntnis aus dem Worte Gottes zu schöpfen, welches (Daniel 12:1-4) erklärt, dass zur Zeit des Endes viele hin- und herlaufen, die Kenntnisse sich vermehren werden, und eine Zeit der Drangsal sein wird, wie nie zuvor war, seit es Nationen gibt. Diese biblisch Weisen erkennen, dass das Hin- und Herlaufen jetzt stattfindet, dass die Kenntnisse sich gemehrt und verbreitet haben, und da die große Drangsal im Zusammenhang mit diesen Erscheinungen steht, so sehen sie in derselben nicht eine Wiederholung früherer Ereignisse, deren Resultat die Unterwerfung der Massen unter die Herrschaft von wenigen Begünstigten war, sondern eine staunen erregende Umkehrung des geschichtlich Gewordenen durch die genannten neuen Verhältnisse. Und die im gleichen Zusammenhang gegebene Verheißung, dass zu jener Zeit Michael (Christus) aufstehen und seine große Macht und Herrlichkeit an sich nehmen wird, macht die tröstliche Hoffnung zur Gewissheit, dass die kommende Drangsal der Herrschaft der Selbstsucht unter dem Fürsten dieser Welt (Satan) ein Ende machen und Immanuels segensreiche Herrschaft herbeiführen wird.

Doch nun wollen wir etliche Weise dieser Welt zum Wort kommen lassen.

Wir geben zunächst einen Auszug aus einer Veröffentlichung des früheren Senators J. J. Ingalls, eines Mannes von mittlerem Vermögen, der ein offenes Auge hat für die Folgen des Kampfes um Besitz, aber auch kein Mittel weiß, dem Übel zu steuern und die Opfer zu retten. Er schreibt:

"Freiheit ist mehr als ein leeres Wort. Wessen Obdach, Kleidung und täglich Brot vom Willen eines anderen abhängt, ist kein freier Mann, denn die Wahl zwischen Hunger und Unterwerfung unter einen Vertrag ist Sklaverei. Die Theorie, dass Leben, Freiheit und Streben nach Glück unveränderliche Menschenrechte sind, macht niemandes Glück aus. Das Recht auf Freiheit ist eitel Hohn, wenn es nicht mit der Möglichkeit gepaart ist, tatsächlich frei zu sein, Freiheit besteht nicht nur in der Beseitigung gesetzlicher Schranken, in der Erlaubnis, da oder dorthin zu gehen. Dieser muss die Möglichkeit, davon Gebrauch zu machen, beigegeben sein, welche nur darin zu finden ist, dass die tägliche Arbeit nicht nötig ist zur Fristung des Lebens. Armut und Freiheit, sagte schon Shakespeare, sind ein unpassendes Paar. Freiheit und Abhängigkeit sind unvereinbar. Die Beseitigung der Armut war zu allen Zeiten der Traum politischer Hellseher und die Hoffnung der Menschenfreunde. Die Ungleichheit des Besitzes und die darin liegende Ungerechtigkeit war seinerzeit ein Stein des Anstoßes für die Philosophen, heute ist es ein unlösbares Rätsel für die Nationalökonomen. Die Zivilisation kennt kein widernatürlicheres Geheimnis als das Vorhandensein des Hungers angesichts der Überproduktion an Nahrungsmitteln. Dass der eine mehr besitzt, als er mit bestem Willen selbst bei Befriedigung der tollsten Wünsche, verausgaben kann, indes der andere, der für seinen Unterhalt zu arbeiten willig und fähig ist, sich nicht einmal ein paar Lumpen zur Kleidung und eine Brotkruste zur Nahrung verdienen kann, macht unsere ganze gesellschaftliche Organisation unverständlich, die Urkunde von den Menschenrechten zu einem chiffrierten Schriftstück, zu welchem der Schlüssel so lange als nicht gefunden gelten muss, als solche Missverhältnisse möglich sind, welche die Brüderlichkeit unter den Menschen zu einer hohlen Phrase, die Gerechtigkeit zu einer leeren Formel und das Buch vom göttlichen Recht unlesbar machen.

"Die Verzweiflungswut der Armen angesichts zur Schau getragenen Hochmuts seitens der Reichen hat schon starke Mächte zu Fall gebracht. Linderung der Not der Armen haben göttliche und menschliche Gesetzgeber aller Zeiten versucht. Die Klagen der Bedrängten sind wie Anklagen für die gesamte Weltgeschichte. Schon Hiob, der reiche Hiob, spricht wie ein Sozialdemokrat von denen, die der Waisen den Esel, der Witwe den Ochsen nehmen, Marksteine versetzen, des Armen Ernte und Weinlese einheimsen, ihn der Kleider berauben und ihn nur den Regengüssen im Gebirge und der unwirtlichen Gastlichkeit der Felshöhlen überlassen.

"Die Propheten der Hebräer sprechen in den stärksten Ausdrücken von den Erpressungen und dem Luxus der Reichen. Moses gab Vorschriften hinsichtlich des Schuldenerlasses, der Neuverteilung des Bodens und der Einschränkung des Privatbesitzes. In Rom war Jahrhunderte lang der Bodenbesitz des einzelnen auf 300 Joch beschränkt und der Besitz an Vieh und Sklaven auf die im Verhältnis zum Bodenbesitz stehende Zahl. Umsonst! Zur Zeit Cäsars besaßen tatsächlich 2.000 Großgrundbesitzer den gesamten Boden im Reich, und 100.000 Familienhäupter waren bettelarm und auf die Staatshilfe angewiesen. Das ist so weitergegangen durchs ganze Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert. Kein Hilfsmittel, das heute angeraten wird und nicht schon wirkungslos an unzählbaren Patienten versucht worden wäre! Kein Versuch in Finanz- und Volkswirtschaft, der nicht schon mehrere Male gemacht worden wäre ohne andere Wirkung als Schaden für die einzelnen und Ruin für die Gesamtheit!

"Auch die vielen als Ideal erscheinende Staatsform in der Union, deren Grundlage die Volkssouveränität ist, hat nichts vermocht. Wohl können hier die Arbeiter, Bauern und Handwerker wie Ludwig XIV. sagen: Der Staat sind wir! Jeder hat gleichviel Recht auf Erfolg seiner Arbeit, und jeder wirkt als Stimmberechtigter bei der Gesetzgebung mit. Das hat aber nicht verhindert, dass in einem Land, wo noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Masse des Volkes aus Bauern und Fischern bestand, die durch ihre Arbeit ein befriedigendes Auskommen fanden, wo ein Vermögen von 650.000 Dollar, wie es George Washington 1799 bei seinem Tode hinterließ, den Gipfelpunkt des Privatbesitzes bezeichnete, wo 1806 der Pelzhändler Astor als erster die Million überschritt, heutzutage, da die Eisenbahnen, die landwirtschaftlichen Maschinen und die angewandte Wissenschaft überhaupt das Nationalvermögen auf 100 Milliarden Dollar gesteigert haben, die Hälfte dieses kolossalen Reichtums sich in den Händen von 30.000 Einzelpersonen und Korporationen befindet.

"Und dabei ist unser Bodenreichtum noch gar nicht ausgenutzt. Mehr als drei Viertel des pflügbaren Landes haben noch keinen Pflug gesehen. Unsere Bergwerke bergen noch größere Reichtümer als diejenigen von Ophir und Potosi. Unsere Fabriken und Handelshäuser stehen erst in ihren Anfängen und haben doch schon eine Geldaristokratie geschaffen, die zwar keine Titel noch Wappen führt, aber gleichwohl an Fürstenhöfen und in Königspalästen gern gesehen ist.

"Wenn die ungleiche Verteilung von Nutzen und Lasten in der menschlichen Gesellschaft von der Regierungsform, der Gesetzgebung, abhinge, so müsste in der Union eine Ausgleichung stattfinden. Wenn der Reichtum die Frucht ungerechter Gesetze, Armut die Folge gesetzlichen Zwanges wäre, so hätten die Opfer das Abhilfemittel in den Händen; sie haben ja alle den Wahlzettel, gute Schulbildung und Pressefreiheit, Rede-, Gedanken- und Gewissensfreiheit.

"Aber das ist es eben! Das allgemeine Stimmrecht hat sich nicht als Allheilmittel gegen die Übelstände erwiesen, an denen die menschliche Gesellschaft leidet. Es hat mit der Armut nicht aufgeräumt. Reichtümer gibt es zwar mehr, als die Habsucht je für möglich gehalten hat, aber sie sind ebenso ungleich verteilt wie zu den Zeiten Hiobs und Salomos. Ja, das alte Problem ist nicht gelöst worden, sondern hat sich noch mehr verwickelt und verschärft. Denn größere politische Macht denn je ist jetzt in den Händen von wenigen vereinigt, und in der Union haben sich einzelne größere Vermögen erworben als in irgendeiner Monarchie.

"So gähnt der Abgrund zwischen Reich und Arm täglich weiter und weiter. Kapital und Arbeit, statt sich miteinander zu vertragen, rüsten sich wie feindliche Heerhaufen zu Angriff und Abwehr. Millionen gehen alle Jahre verloren an Löhnen, zerstörten Waren, zugrundegehenden Bodenprodukten und Erträgnissen der Unternehmungen, bei denen immer mehr Arbeitseinstellungen und Arbeiterausschluss stattfinden.

"Utopia ist noch unentdeckt. Der ideale Zustand der menschlichen Gesellschaft scheint, je mehr wir uns ihm zu nähern scheinen, wie eine Luftspiegelung in der Wüste sich weiter zu entfernen. Welcherlei Art auch die Umgebung sei, die menschliche Natur bleibt unverändert.

"Die Lage der Massen ist dank der Fortschritte der Zivilisation unendlich besser als je zuvor. Der ärmste Handwerker kann sich heutzutage Bequemlichkeiten verschaffen, welche vor fünfhundert Jahren ein Monarch selbst um den Preis seines Krongutes sich nicht hätte verschaffen können. Aber de Toqueville hat auf die eigentümliche Erscheinung aufmerksam gemacht, dass die Massen, je mehr sich ihre Lage bessert, dieselbe um so unerträglicher finden und um so unzufriedener sind. Bedürfnisse und Wünsche mehren sich eben rascher als die Mittel, sie zu befriedigen. Schulbildung, Tagespresse, Reisegelegenheit, Bibliotheken, öffentliche Anlagen, Museen, ja Schaufensterauslagen haben den Gedankenkreis der Arbeiter und Arbeiterinnen, ihr Verständnis für Genüsse, erweitert und sie mit den Vorteilen des Luxus bekannt gemacht, welche der Reichtum gewährt. In politischer Hinsicht haben sie gelernt, dass die Menschen alle gleich sind, und dass der Wahlzettel ein Machtmittel ist. Irrlehrer haben ihnen weis gemacht, dass alles Gut durch Arbeit geschaffen werde, und dass, wer mehr besitze, als er mit seiner Hände Arbeit im Tagelohn erwerben kann, ein Dieb sei, dass der Kapitalist ein Feind, der Millionär ein öffentliches Übel sei und wert, des gesetzlichen Schutzes verlustig erklärt und bei Erblicken niedergeschossen zu werden.

"Große Privatvermögen sind unzertrennlich von hoher Zivilisation. In der Union würden bei gleichmäßiger Verteilung des Nationalvermögens unter alle Einwohner 1.000 Dollar auf den Kopf kommen. Wäre es von Anfang an so gewesen und geblieben, so hätte sich die Union nicht entwickelt. Das Großkapital erst stellte Dampf und Elektrizität in den Dienst der Menschheit, überhob dadurch einzelne der Notwendigkeit, täglich für den notdürftigen Unterhalt zu arbeiten und befähigte sie dadurch, für den Fortschritt zu wirken. Eisenbahnen, Telegraph, Dampfschiffe, Bibliotheken, Museen, Hochschule, kurz alles, was das Leben verschönert, schulden wir der Vereinigung des Kapitals in den Händen weniger.

"Nun möchte es vielleicht wünschenswert erscheinen, eine obere Grenze festzustellen, über welche das Privateigentum nicht hinausgehen sollte. Allein es steht der Menschheit kein Mittel zu Gebote, um solches durchzuführen. Geist lässt sich nicht zwingen. Die Unterschiede unter den Menschen liegen in ihrer Natur. Eine höhere Macht hat sie eingesetzt, gegen welche eine gesetzgebende Gewalt nichts vermag. Im Kampf zwischen Intelligenz und Masse hat jene allezeit den Sieg davongetragen, und sie wird es immer tun.

"Das soziale Übel ist bedenklich und bedrohlich, aber weniger gefährlich als die Doktoren und die Heilmittel, die sie anbieten. Diese politischen Quacksalber behandeln nur die Begleiterscheinungen, nicht das Grundübel. Freie Silberprägung, Einschränkung der Einwanderung, Reform des Stimmrechts nach australischem oder belgischem Muster u.a.m. sind wichtige Fragen, aber ihre Lösung ist ohne die geringste Bedeutung für die Verbesserung der Lage der Lohnarbeiter in der Union. Statt die Armen und Unwissenden ihres geringen Anteils an der Freiheit noch zu berauben, wäre es besser, ihren Besitz und ihre Intelligenz zu heben und sie dadurch zum Wählen zu befähigen. Eine verstoßene Klasse wird notwendig zum Mittel der Verschwörung greifen, und freiheitliche Institutionen sind nur so lange dauerhaft, als Bildung und Gedeihen diejenigen zu zufriedenen Menschen machten, auf denen ihre Existenz beruht."

Das ist eine richtige Darstellung der Tatsachen, aber wo ist diejenige eines Abhilfsmittels? Sie fehlt völlig! Aber doch billigt Ingalls die Verhältnisse nicht, die er schildert, er zöge vor, einen Ausweg aus dem darzulegen, was er als unvermeidlich erkennt! Das muss der Wunsch aller sein, die würdig sind, ein Menschenantlitz zu tragen. Derselbe Senator Ingalls sagte einmal in einer Sitzung des Senats:

"Wir können uns darüber nicht mehr täuschen, dass wir vor einer drohenden Revolution stehen. Die Menschen scheiden sich mehr und mehr in zwei riesige, feindliche Lager. Auf der einen Seite das Kapital, an Vorrechte gewöhnt und durch deren Anerkennung übermütig gemacht, an den alten festhaltend und neue hinzufordernd, auf der anderen Seite die Arbeiterschaft der Städte und der Wildnis, jene durch Lohnkämpfe verbittert und entschlossen, eine Ordnung umzustürzen, welche die Reichen stets reicher, die Armen ärmer macht, einem Vanderbilt, einem Gould Reichtümer verleiht, die sich die Habsucht nicht träumen ließ, dem Armen aber keine Zuflucht in seinem Elend lässt als das Grab, indes diese Arbeit suchend umherzieht, und wie schamlose Bettler behandelt wird!"

Ingalls hat also keine Hoffnung. Er kennt keine Mittel gegen die schreckliche Krankheit der Selbstsucht.


Nicht minder interessant ist die Äußerung des bekannten Brooklyner Kanzelredners Dr. Lyman Abbott über die Beziehung zwischen Kapital und Arbeit. Er erhebt gegen die gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse folgende Anklagen:

"1. Sie bieten nicht jedem Arbeitswilligen zu jeder Zeit dauernde Arbeit. 2. Sie bieten denen, die in Arbeit stehen, nicht Lohn genug für ein menschenwürdiges Dasein. 3. Sie lassen dem Arbeiter weder Gelegenheit noch Muße, sich auszubilden und dadurch seine Lage zu verbessern. 4. Sie machen ein reines, richtiges Familienleben in vielen Fällen unmöglich."

Dr. Abbott glaubt, die Lehre Jesu sei gleichbedeutend mit gesunden volkswirtschaftlichen Grundsätzen. Er hält dafür, es sei verderblich, Männer, Weiber und Kinder auszubeuten, um billige Ware zu produzieren. Er meint, Arbeit sei keine Ware. Hier folgt ein Auszug aus seiner im "Literary Digest" veröffentlichten Rede:

"Ich bin überzeugt, dass das System, welches die Menschheit in zwei Lager scheidet, Kapitalisten und Arbeiter, nur zeitweilig bestehen kann. Die wirtschaftliche Unruhe der Gegenwart ist die Folge eines blinden Strebens nach einer Demokratie des Reichtums, in welcher die Arbeiter die Arbeitsmittel nicht nur gebrauchen, sondern auch besitzen werden. Dem steht der Satz gegenüber, dass Arbeit Ware sei, ein Satz, der nicht nur ungerecht, sondern auch wirtschaftlich falsch ist. Wenn der Arbeiter Montag früh zu seiner Fabrik kommt, so hat er nichts zu verkaufen; er kommt mit leeren Händen. Er will mit seiner Arbeit etwas vollbringen. Dieses etwas muss dann verkauft werden, und ein Teil des Erlöses aus der verkauften Ware gehört ihm, weil er sie hat hervorbringen helfen. Er teilt ihn mit dem Direktor und den Aktionären, und nun ist es die Aufgabe der Volkswirtschaftslehre festzustellen, welches das der Billigkeit entsprechende Verhältnis bei der Teilung sei. Der Arbeiter hat nicht Anspruch auf das Ganze, erhebt ihn auch gar nicht, das tun nur die Schreier, welche seine Interessen zu wahren vorgeben. Der Direktor hat Anspruch auf einen Teil, weil es Arbeit ist, die Fabrik zu leiten, den Käufer für die Ware zu suchen und stets darüber sich zu informieren, was für Ware auf Abnehmer rechnen kann. Auch der Eigentümer der Fabrik (Aktionär) hat Anrecht auf einen Teil, weil er (oder sein Vater usw.) das Geld, das andere nutzlos verschleudern, zusammenhielt, bis es eine Summe ausmachte, die zum Ankauf von Arbeitsmitteln hinreichte. Allein unter den gegenwärtigen Verhältnissen erscheint sein Anteil oft zu groß.

"Es ist nun freilich schwer festzustellen, in welchem Verhältnis diese Anrechte zueinander stehen. Aber das ist jedenfalls nicht richtig, dass das Kapital die Arbeit so billig wie möglich kauft, und dass der Arbeiter so wenig Leistung als möglich für den erhaltenen Lohn verkauft."

Dr. Abbott scheint für die Massen ein warmes Herz zu haben und ihre Lage deutlich zu erfassen. Aber er beschränkt sich auf die Aufstellung einer richtigen Diagnose der politisch-sozial-finanziellen Krankheit unserer Zeit, ohne ein Heilmittel dafür zu finden. Er meint wohl, dem Übel wäre abzuhelfen, wenn die Arbeiter Eigentümer der Arbeitsmittel wären, aber er sagt nicht, wie sie dazu kommen sollen, es zu werden. Er sucht gleichsam mit Alladins Lampe die "magische Wand". Er kennt wohl die Finanzverhältnisse nicht recht, oder er erwartet eine Revolution, bei welcher die Arbeiter mit Gewalt die Arbeitsmittel in ihren Besitz bringen werden. Wenn nun aber dies wirklich Platz greifen würde, wer sieht da nicht, dass die neuen Eigentümer sehr bald Kapitalisten würden? Haben wir irgendeinen Anhaltspunkt dafür, dass die neuen Eigentümer freigebiger oder weniger selbstsüchtig wären als die gegenwärtigen? oder dafür, dass die natürlichen Herzen der Eigentümer sich mehr verändern als die der Arbeiter? oder dafür, dass alle Arbeiter von den neuen Eigentümern zum Mitgenuss an den Vorteilen der Maschinenarbeit zugelassen würden? Wer irgend die menschliche Natur kennt, wird diese Frage verneinen. Man sieht wohl das Übel; und dass es schnelle Abhilfe fordert, ist jedem klar. Aber kein Heilmittel wird der seufzenden Kreatur helfen. Ihr Seufzen und Leiden muss fortfahren und zunehmen, wie der Apostel Paulus es sagt, bis zur Offenbarung der Söhne Gottes, des Königreiches Gottes. - Röm. 8:22, 19

Eine Krankheit leugnen, heißt noch nicht, dieselbe heilen. Die Behauptung, dass "Arbeit nicht Ware" sei, ändert nichts an der traurigen Tatsache, dass Arbeit Ware ist und nichts anderes sein kann unter den gegenwärtigen Verhältnissen. Die Sklaverei mag zu ihrer Zeit und für gewisse Völker eine wohltätige Einrichtung gewesen sein, wenn nur die Herren gütig waren und Selbstbeherrschung besaßen. Auch die Leibeigenschaft mag unter dem Feudalsystem, jener halben Zivilisation, für ihre Zeit gut, zeitgemäß gewesen sein. Das gleiche muss man vom modernen Lohnsystem gelten lassen. Dass Arbeit Ware ist, die gesucht und verkauft wird, hat seine großen Vorzüge. Vor allem hat es die Entwicklung geistiger und körperlicher Geschicklichkeit bewirkt und damit die Arbeit auf ein höheres Niveau gehoben. Auch wäre es töricht, der Arbeit gerade diesen Charakter zu nehmen, denn geschickte, begabte, energische Arbeiter verdienen es, dass sie gesuchter und besser bezahlt sind als ungeschickte und unbegabte und lässige; das ist für diese gleichzeitig ein Ansporn. Was not tut, ist eine gerechte, weise, väterliche Regierung, welche die Schranken und die Förderungsmittel der Gegenwart aufrecht erhält, soweit sie für alle zuträglich sind, und neue hinzufügt, vor allem jede arbeitende Klasse gegen die Anmaßung der unmittelbar über ihr stehenden schützt, besonders aber gegen die Riesenmacht des heutigen Kapitals mit seinem großen und täglich noch anschwellenden Tross von Maschinensklaven, eine Regierung, welche, nachdem sie unter der Herrschaft des Gebotes der Liebe allen eine volle Gelegenheit gegeben hat, zu lernen, was recht ist, diejenigen vernichten wird, welche Selbstsucht und Sünde der Gerechtigkeit vorzuziehen fortfahren. Eine solche Regierung wird aber nirgends angepriesen als nur in der Bibel; da ist sie aber auch genau beschrieben und fest verheißen, und sie wartet nur auf die Herauswahl der Kirche Gottes, ihrer Kön. und Priester als Miterben Immanuels. - Offb. 5:10; 20:6

Auch Bischof Newman von der bischöflichen Methodistenkirche sieht, dass ein Kampf zwischen Kapital und Arbeit droht. Er sieht das Recht und das Unrecht auf beiden Seiten. In einem kürzlich in der Zeitung seiner Gemeinschaft von ihm veröffentlichten Aufsatz schreibt er folgendes:

"Ist reich zu sein ein Unrecht? Ist Armut notwendig bei Frömmigkeit? Sind nur Bettler Heilige? Ist der Himmel ein Armenhaus? Wie steht es denn dann mit Abraham, der reich war an Vieh, an Silber und an Gold? Wie steht es dann mit Hiob, der 7.000 Schafe, 3.000 Kamele, 4.000 Ochsen, 500 Esel, 30.000 Morgen Land und 3.000 Knechte hatte?

"Die Fähigkeit, reich zu werden, ist eine göttliche Gabe. Fleiß und Sparsamkeit sind die Gesetze des Wirtschaftens. Große Reichtümer anzusammeln ist eine besondere Begabung. Wie Dichter, Philosophen und Redner als solche geboren werden, so hat der Finanzmann ein Genie im Erlangen von Reichtümern. Durch Erkenntnis ist er mit den Gesetzen des Vorrates und der Nachfrage vertraut. Er scheint mit der Gabe eines Sehers ausgerüstet zu sein, so dass er kommende Veränderungen auf dem Markte vorher sieht. Er weiß, wann er kaufen, und wann er verkaufen muss, er weiß, wann er halt machen muss. Er ahnt im Voraus, wohin die Bevölkerung neigt, und was dies für eine Folge haben wird. So wie der Dichter singen muss, weil die Muse in ihm ist, so muss der Finanzmann Geld verdienen. Er kann nicht anders. Diese Art der Begabung wird in der Heiligen Schrift angedeutet: "Der Herr, dein Gott, gibt dir Kraft, Vermögen zu schaffen." (5. Mose 8:18) Dies wird in der finanziellen Lage der christlichen Nationen, welche die Finanzen der Welt beherrschen, illustriert.

"Diesem natürlichen und gesetzlichen Recht zum Besitz von Vermögen steht der Ruf nach Vergeltung gegenüber von Seiten derer, welche weder durch Erbschaft, noch durch Geschicklichkeit, noch durch Fleiß etwas erlangten. Der Kommunismus hat weder in der natürlichen Verfassung, noch in der sozialen Ordnung der Menschheit eine Grundlage. Er stellt den wilden, unvernünftigen Schrei der Arbeit wider das Kapital dar, zwischen denen der natürlichen und politischen Ökonomie gemäß keine Feindschaft herrschen sollte."

Der Bischof bestätigt, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer unveräußerliche Rechte besitzen; ersterer soll anstellen, wen irgend er kann, für soviel als möglich, und der letztere soll soweit als möglich dem zu entsprechen suchen. Der Bischof behauptet, dass sich der Neid und die Eifersucht der arbeitenden Klassen nicht gegen diejenigen richtet, welche große Vermögen besitzen, sondern gegen die übertriebene Bequemlichkeit und gegen die übertriebene Gleichgültigkeit der Reichen. Er fährt fort:

"Reichtum hat die schönste aller Aufgaben. Er ist nicht dazu da, nur aufgespeichert zu werden oder als Pracht- und Machtmittel zu dienen. Die Reichen sind die Sachwalter des Allmächtigen, sie sollten die Mittel hergeben, den Armen vor der Not zu schützen. Ihre Aufgabe ist es, jene großen Unternehmungen ins Leben zu rufen, welche den Massen am meisten Erleichterung verschaffen, das Maximum an Wohlfahrt, statt an Dividenden einbringen. Das Kapital erst ermöglicht dem Arbeiter, durch ehrlichen Fleiß glücklich zu werden. An den Reichen wäre es, die Armenwohnungen zu verbessern; manchen reichen Mannes Stall ist ein Palast, verglichen mit dem Obdach eines ehrlichen, intelligenten Arbeiters. Wenn die Reichen sich derjenigen Sozialreformen annehmen, welche der ganzen Menschheit aufhelfen, so werden die Armen sie segnen. An den Reichen ist es, den Gesetzgeber auf die Bahn des Schutzes aller Rechte und Interessen der Gesamtheit zu weisen. Öffentliche Bibliotheken, Museen und schöne Gotteshäuser sind ebenso viele Zeugen der Nützlichkeit des Reichtums. Wenn einmal Reichtum an Kapital Hand in Hand geht mit Reichtum an Intelligenz, Körperkraft und Herzensgüte, dann werden Arbeit und Kapital als gleich notwendig erscheinen, um jedem Leben, Freiheit und Glück zu verschaffen."

Der Bischof meint es ersichtlich sehr gut, aber die Verknüpfung seiner Kirche mit dem Reichtum dieser Welt trübt sein Urteil. Das ist ja Tatsache, dass Abraham sehr reich war; aber die Schrift lehrt uns auch, dass zur Zeit Abrahams, Isaaks und Jakobs der Boden wohl Eigentümer hatte, aber dass sein Gebrauch jedem frei stand. Die genannten drei Patriarchen wanderten mit ihren Knechten und Herden nach Belieben durchs Land, fast zwei Jahrhunderte lang, ohne einen Fuß breit davon ihr eigen zu nennen. (Apg. 7:5) Im vorbildlichen Reich Gottes, Israel, war durch das Gesetz für die Besitzlosen, ob Israeliten oder Fremde, gesorgt. Niemand musste darben. Die Felder durften nicht ganz abgeerntet werden, in den Ecken musste das Getreide stehen bleiben, damit der Arme Nachlese halten möge. Der Hungrige hatte das Recht, einen Obstgarten, einen Weinberg, einen Acker zu betreten und sich satt zu essen, und die Besitzlosigkeit war auch zeitlich beschränkt, indem alle Hypotheken und Schulden beim nächsten Jubeljahr verjährten, so dass einer Verschuldung der Masse des Volkes einigen wenigen gegenüber wirksam vorgebeugt war.

Die Gesetze und Verhältnisse in der Namenchristenheit aber sind nicht von Gott eingesetzt, wie der Bischof wähnt; sie sind daher ebenso wenig fehlerfrei als alle Schöpfungen unvollkommener Köpfe und Herzen. Der Bischof vergisst, dass die Veränderung der gesellschaftlichen und finanziellen Zustände mit Verhältnissen aufgeräumt hat, die zu ihrer Zeit als der Gipfelpunkt der Weisheit galten. So erscheinen auch heutzutage andere Reformen als zeitgemäß, obwohl sie durch die Selbstsucht bekämpft werden. Darum geht es nicht an, die jetzigen Gesetze und Verhältnisse als geheiligt und unanfechtbar, die einmal zugestandenen Rechte als unverletzlich und unbestreitbar und von Natur und Gesetzes wegen zu Recht bestehend, die Vorschläge zwecks Anpassung als verrückt, vernunftwidrig zu betrachten.

Ganz recht hat der Bischof, wenn er, im Gegensatz zu Dr. Abbott, Arbeit als Ware bezeichnet und sagt, sie müsse es bleiben, solange die gegenwärtige gesellschaftliche Ordnung besteht. Dass aber diese nicht mehr lange bestehen kann, geht nicht nur aus den Prophezeiungen der Schrift hervor, sondern ist auch die Überzeugung aller derer, die Augen haben zu sehen und mit der Masse und ihrer Unruhe in näherer Berührung stehen.

Vom Standpunkt des Bischofs aus kann man nur davon eine Lösung der Konflikte zwischen Kapital und Arbeit hoffen, dass alle Reichen liebreich und gütig, alle Armen und mäßig Begüterten in Gott zufrieden und genügsam werden, was die Reichen ihnen von ihrem Überfluss abzutreten geruhen, mit Dank annehmen und ausrufen: "Glückselig sind die Armen!" Dies würde freilich die soziale Frage augenblicklich und gründlich lösen, aber kein vernünftiger Mensch erwartet diese Lösung, und die Schrift verheißt sie auch nicht. Wir können nicht glauben, dass der Bischof diesen seinen Vorschlag als praktisches Mittel anbietet, denken vielmehr, dass er keine andere Lösung zu sehen vermag als diese unmögliche Lösung. Möchte er doch Gottes Lösung erkennen lernen, für welche uns der Herr beten lehrte: "Dein Reich komme", und die Art und Weise, auf welche das Königreich aufgerichtet wird! - Daniel 2:44, 45; 7:22, 27; Offb. 2:27

Dem "Journal" von Kansas City, USA, zufolge sagte ein weltbekannter Jurist in einer Ansprache an seine Studenten folgendes:

"Die Geschichte des anmaßenden und habgierigen Geschlechtes, dem wir zugehören, ist zum Bericht unaufhörlichen und blutigen Kampfes um Freiheit geworden. Kriege haben gewütet, Herrscherhäuser sind gestürzt, Monarchen sind enthauptet worden, nicht aus Streitlust, aus Ehrgeiz, aus Ruhmsucht, sondern damit die Menschen frei würden. Privilegien und Vorrechte sind während der blutigen Jahrhunderte widerstrebend, der unzähmbaren Leidenschaft nach persönlicher Freiheit gegenüber, aufgegeben worden. Von der Magna Charta (Englisches Verfassungsgrundgesetz) bis zum Appomattox ist ein großer Schrei, aber während der ganzen 652 Jahre gab es keinen Augenblick, während dessen das Geschlecht gezögert oder aufgehört hätte, seinen entschlossenen Kampf um Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz zu kämpfen. Darum schüchterten die Barone den König Johann ein, wurde Latimer verbrannt, fiel Hampden, wurde die Unabhängigkeitserklärung erlassen, starb John Brown von Osawatomie, rückten die Truppen von Grant und Sheridan erobernd vor, lieber das Leben mit allem, was es bietet, aufgebend, als die Freiheit.

"Zuletzt wurde der Traum der Jahrhunderte erfüllt. Aus dem grausamen und blutigen Tumult der Geschichte stand der Mensch schließlich auf als sein eigener Herr. Aber sonderbar, die Menschen sind zwar alle gleich, und doch herrscht keine Gleichheit. Das Leiden ist allgemein, die politische Gewalt wird noch immer von einigen wenigen ausgeübt; die Armut ist nicht abgeschafft worden. Die Lasten und die Vorrechte der Gesellschaft werden in ungleicher Weise angeboren. Manche sind so reich, dass sie unmöglich alles verausgaben können, andere wiederum beten umsonst um das tägliche Brot. Viele, deren Hoffnung durch diese Missstände vereitelt und durchkreuzt ist, welche durch Leiden und Entbehrungen erbittert und enttäuscht sind hinsichtlich der Einwirkung politischer Freiheit auf das persönliche Glück und Wohlergehen, geben sich nun einer Unruhe hin, welche anzeigt, wie nötig ein Zusammengehen der konservativen Kräfte in unserer Gesellschaftsordnung ist.

"In der Entwicklungsbewegung, in welche die Vereinigten Staaten eingetreten sind, gibt es keine Präzedenzfälle, weil die Verhältnisse unregelmäßig sind, weshalb es keine wissenschaftliche Lösung gibt. Während die Lage der Massen des Volkes durch sozialen Fortschritt, durch die angewandte Wissenschaft in der Industrie und durch die Erfindung von Maschinen erheblich gebessert worden ist, so kann doch nicht geleugnet werden, dass die Armut der Gesellschaftsordnung jetzt feindlicher gegenübersteht und der Selbstregierung und der persönlichen Freiheit gefährlicher ist als je. Die Gründe dafür liegen klar auf der Hand. Der Arbeiter ist frei, er besitzt ein Stimmrecht, seine Selbstachtung ist gewachsen, sein Scharfsinn ist geweckt worden. Die Verbesserung seiner Lage hat mit der Zunahme seiner Bedürfnisse nicht gleichen Schritt gehalten. Die Erziehung hat ihn über die Stufe der Gesindearbeit erhoben. Die Tageszeitung hat ihn darüber unterrichtet, welche Vorteile der Besitz von Reichtum bietet. Er ist gelehrt worden, dass alle Menschen gleich erschaffen worden sind. Er glaubt, dass im Gegensatz zu den Rechten die Gelegenheiten ungleich verteilt worden sind. Die moderne Wissenschaft hat ihn mit furchtbaren Waffen ausgerüstet, und wenn der Hunger kommt, ist ihm nichts heiliger als die Bedürfnisse für Frau und Kinder.

"Die soziale Krisis wird in allen zivilisierten Ländern, und besonders in dem unseren, furchtbar. Der grollende Donner murrender Unzufriedenheit rückt von Stunde zu Stunde näher. Es ist offenbar, dass der Kampf noch nicht zu Ende ist. Die Menschen sind nicht mehr zufrieden mit gleichen Rechten und mit gleichen Gelegenheiten, sie verlangen als Gesetz des idealen Staates auch gleiche Bedingungen.

"Es liegt auf der Hand, dass soziale Entartung nicht neben Selbstregierung bestehen kann, und dass hoffnungslose und hilflose Armut sich mit persönlicher Freiheit nicht verträgt. Der Mensch, der hinsichtlich der Mittel zur Unterhaltung seiner selbst und seiner Familie von anderen völlig abhängig ist, ist in keinem Sinne des Wortes frei. In hundert Jahren werden wir die reichste aller Nationen sein. Unsere Quellen sind ungeheuer groß. Die Statistik betreffs unseres Gewinnes und Ansammelns von Reichtümern versetzt selbst den Leichtgläubigen in Staunen. Wir haben Geld in Übermaß, Nahrungsmittel in Fülle, Fabriken und Arbeiter sind reich versehen, trotzdem verbleibt unsere Zivilisation im Widerspruch mit sich selbst. Die Mehrheit des Volkes muss um das Dasein kämpfen, und ein Teil lebt in verworfener und elender Armut.

"Das Vorhandensein solcher Zustände scheint die höhere Weisheit anzuklagen. Wer zugibt, dass Mangel, Elend und Unwissenheit unvermeidliche Ererbung seien, macht die Bruderschaft der Menschen zu einem hämischen Spott und das Gesetz des moralischen Universums unverständlich. Die Enttäuschung, welche durch die Verhältnisse erzeugt wurde, vertieft sich in ein Misstrauen gegen die Grundsätze, auf welche unsere Gesellschaftsordnung gegründet ist, und zu einem Verlangen, die Grundlage, auf welcher sie ruht, zu ändern. Dieses Misstrauen tunlichst zu beruhigen, ist Ihre bedeutsamste Pflicht.

"Es werden im allgemeinen zwei Heilmittel vorgeschlagen, welche die Missstände unserer Gesellschaftsordnung beseitigen sollen. Wir können dieselben in zwei Klassen einteilen. Die erstere läuft auf eine Änderung der politischen Einrichtungen hinaus. Diese Methode ist unrichtig und kann nur wirkungslos sein, weil sie sich auf den Fehler gründet, materielles Wohlergehen resultiere aus persönlicher Freiheit, während in Wirklichkeit politische Freiheit die Folge, nicht die Ursache materiellen Fortschrittes ist. Viel ist von Dichtern und Träumern über die Schönheit der Armut geschrieben worden, während die Geldliebe als die Wurzel alles Bösen bezeichnet worden ist; es bleibt aber Tatsache, dass ehrlich erworbener und weise verwandter Reichtum eine Macht darstellt, die wirklicher, positiver und greifbarer ist, als jede andere.

"Es gibt keinen so bedauernswerten, keinen so niederdrückenden, keinen für das Edle im Menschen, für sein Streben nach Vorwärtskommen und Selbstgestaltung des Schicksals so vernichtenden Einfluss, wie hoffnungslose, schmutzige und hilflose Armut, Mangel, Hunger, den Lohn der Schwitzerwerkstätten, Lumpen und Brotkrusten. Da Ihr geübter Scharfsinn dem Erforschen der Probleme der Zeiten gewidmet ist, werden sie nicht verfehlen festzustellen, dass dieses Element in unserer Gesellschaftsordnung beständig wächst."

Hier haben wir wiederum eine klare Darlegung der Tatsachen, wie jedermann, Reich wie Arm, wird zugeben müssen. Sie enthält aber kein Heilmittel: nicht einmal einen Wink, auf welche Weise die jungen Rechtsgelehrten und Politiker ein Heilmittel suchen sollten. Ihnen wird nur der Rat gegeben, das Misstrauen bei anderen zu beruhigen, wie stark sie es auch immer selbst verspüren mögen und jeder Änderung des gegenwärtigen Systems entgegenzuarbeiten, was bisher oben gewesen ist, oben zu halten.

Warum nun dieser Rat? Weil dieser befähigte Mann seinen geringeren Bruder verachtet? Keineswegs; vielmehr, weil er die unvermeidliche Wirkung der Freiheit sieht - "Individualismus" - Selbstsucht - mit der angewandten Freiheit des Wettbewerbs und des nur für sich selbst Sorgens. In die Vergangenheit zurückblickend, sagt er: "Was gewesen ist, soll auch bleiben."

Der Professor weiß nicht, dass wir am Ende des Zeitalters stehen, dass einzig die Macht des Gesalbten des Herrn Ordnung zu bringen vermag aus aller Verwirrung, dass es gerade Gottes Wille ist, die Menschheit heutzutage vor Probleme zu stellen, an denen alle ihre Weisheit zuschanden wird, vor Verhältnisse, die keine menschliche Klugheit oder Geschicklichkeit ändern kann, damit die Menschheit zu ihrer Zeit, in ihrer letzten Not, froh sein wird, dass Gott selber eingreift, und von ihren eigenen Wegen ablassen und sich von Gott belehren lassen wird. Derjenige, dem das Recht gehört, ist im Begriff, seine große Macht an sich zu nehmen und zu herrschen, aus dem Chaos der Gegenwart eine neue Ordnung hervorgehen zu lassen, seine Kirche, seine Braut zu erhöhen und mit ihr und durch sie allem Leid der schuldbeladenen, seufzenden Kreatur ein Ende zu machen, und alle Geschlechter der Erde zu segnen. Nur wer das wahre Licht hat, kann diese herrliche Lösung der dunklen Gegenwart sehen, vor der die Weisen dieser Welt ratlos dastehen.


Oberst Ingersoll ist bei der Welt als weiser Mann sehr bekannt. Obgleich ungläubig, ist er ein Mann von beachtenswerter Befähigung und von außergewöhnlich gesundem Urteilsvermögen; aber nicht in religiösen Dingen, in denen das Urteil keines Menschen gesund ist, es sei denn durch das Wort und den Geist des Herrn geleitet. Als Rechtsgelehrter ist Ingersoll so geschätzt, dass man ihm für eine halbstündige Audienz schon 250 Dollar bezahlt hat. Sein tätiges Gehirn hat sich auch mit den großen Problemen der ratlosen Gegenwart beschäftigt, gleichwohl hat er auch kein Heilmittel zu empfehlen. Er hat seine Gedanken in einem längeren Artikel zum Ausdruck gebracht, welcher in der Zeitschrift "The Twentieth Century" veröffentlicht wurde, und von welchem wir nachstehend einen kurzen Auszug bringen:

"Die Erfindungen haben die Welt mit Konkurrenten angefüllt, nicht nur mit Arbeitern, sondern auch mit Mechanikern von höchster Geschicklichkeit. Heute ist der gewöhnliche Arbeiter meistens ein Zahn im Rade. Er arbeitet mit dem Unermüdlichen, er ernährt den Unersättlichen. Wenn das Ungeheuer aufhört, dann ist er arbeitslos, brotlos. Er hat nichts gespart. Die Maschine, welche er nährte, ernährte ihn nicht, die Erfindung war ihm nicht zum Segen. Neulich hörte ich von einem Mann, dass es Tausenden von guten Mechanikern fast unmöglich war, Arbeit zu finden, und dass seiner Meinung nach die Regierung dem Volk Arbeit besorgen solle. Ein paar Minuten später sagte mir ein anderer, dass er ein Patent für das Zuschneiden von Kleidern verkaufe, und dass eine seiner Maschinen die Arbeit von zwanzig Schneidern auszuführen imstande sei; erst in der vergangenen Woche habe er zwei an ein großes Haus in New York verkauft, wodurch vierzig Zuschneider der Arbeit enthoben worden seien. Der Kapitalist sagt dem Arbeiter, er müsse sparsam sein, und doch würde die Sparsamkeit unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur die Löhne herabsetzen. Unter dem großen Gesetz von Angebot und Nachfrage trägt jeder sparsame, sich einrichtende Arbeiter unbewussterweise dazu bei, dass die Aufbesserung für ihn und für seine Genossen beschränkt wird. Die sparsamen Arbeiter versichern, dass die Löhne hoch genug sind.

"Das Kapital hat immer behauptet, das Recht zu haben, sich zu verbinden. Die Fabrikanten kommen zusammen und bestimmen die Preise, trotz des großen Gesetzes von Angebot und Nachfrage. Haben die Arbeiter das Recht, zusammen zu ratschlagen und zusammen zu gehen? Die Reichen kommen in der Bank, im Klubhaus oder im Salon zusammen. Wenn die Arbeiter sich vereinigen, versammeln sie sich auf der Straße. Alle organisierten Kräfte der Gesellschaft sind gegen sie gerichtet. Das Kapital hat das Heer und die Flotte, die Gesetzgebung, die Gerichts- und die Vollstreckungsabteilungen. Wenn die Reichen zusammentreten, so geschieht es zum Zweck des "Gedankenaustausches". Wenn die Armen zusammenkommen, handelt es sich gleich um eine "Verschwörung." Wenn sie vereint tätig vorgehen, so begehen sie "Verrat". Wie beherrschen denn die Reichen die Abteilungen der Regierung? Bisweilen werden Bettler zu Revolutionären, und wird ein Lumpen das Banner, um welches die Edelsten und Tapfersten für die Gerechtigkeit kämpfen.

"Wie sollen wir den ungleichen Kampf zwischen Maschine und Arbeiter beenden? Werden die Maschinen schließlich mit in die Genossenschaft der Arbeiter eintreten? Können diese Kräfte der Natur überwacht werden, so dass sie den leidenden Kindern der Natur zum Segen gereichen? Wird die Verschwendungssucht mit dem Scharfsinn gleichen Schritt halten? Werden die Arbeiter klug und stark genug werden, dass sie sich zum Eigentümer der Maschinen aufschwingen? Können die Menschen klug genug werden, um edelmütig, um gerecht zu sein? Oder werden sie von demselben Gesetz beherrscht, von welchem die Tier- und Pflanzenwelt beherrscht wird? In den Tagen des Kannibalismus verzehrte der Starke den Schwachen, indem er buchstäblich sein Fleisch aß. Trotz aller Gesetze, welche der Mensch aufgestellt hat, trotz aller Fortschritte in der Wissenschaft leben die Starken, die Herzlosen, noch immer von den Schwachen, den Unglücklichen, den Törichten. Wenn ich den Todeskampf im zivilisierten Leben in Betracht ziehe, die Fehlschläge, die Sorgen, die Tränen, die bitteren Wirklichkeiten, den Hunger, das Verbrechen, die Entehrung, die Schande, so muss ich fast sagen, dass nach alle diesem der Kannibalismus die barmherzigste Form war, in welcher ein Mensch von dem anderen lebte.

"Es ist unmöglich für jemand, der ein gutes Herz hat, mit der Welt, wie sie jetzt ist, zufrieden zu sein. Niemand kann sich wirklich dessen freuen, was er erwirbt, wenn er daran denkt, dass Millionen seiner Mitmenschen darben. Wenn wir an die Hungrigen denken, kommen wir uns beim Essen herzlos vor. Wenn wir zerlumpte, frierende Gestalten antreffen, schämen wir uns, selber so gut und warm gekleidet zu sein; unser Herz kommt uns so kalt vor wie deren Leib.

"Kann da nicht abgeholfen werden? Müssen das Gesetz von Nachfrage und Angebot, Wissenschaft, Erfindungen, Monopole und freie Konkurrenz, Kapital und Gesetzgebung auf ewig Feinde derer sein, die sich abmühen? Werden die Arbeiter immer so töricht sein, Millionen von Soldaten unterhalten zu helfen, die berufen sind, nötigenfalls auf ihre Söhne zu schießen? Werden sie immer Paläste bauen und selber in Hütten wohnen wollen? Werden sie sich immer ihr Herzblut von Schmarotzern abzapfen lassen? Werden sie immer die Sklaven jener einstigen Bettler bleiben wollen, in deren Dienst sie jetzt stehen? Werden die ehrenhaften Leute endlich einmal aufhören, vor dem Betrug, wenn er Erfolg hat, den Hut zu ziehen? Wird der Fleiß vor dem gekrönten Müßiggang immer auf die Knie fallen? Wird man zu der Anschauung gelangen, dass der Bettler nicht edelmütig sein kann, und dass der Reiche sich ein Recht zum Leben verdienen muss? Wird man schließlich sagen, dass der Mensch gleiche Vorrechte hatte wie alle anderen, und dass er nicht das Recht habe, sich zu beklagen, oder wird man dem Beispiel der Unterdrücker folgen? Wird man lernen, dass die Gewalt, um Erfolg haben zu können, von Gedanken geleitet wird, und dass alles, was getan werden muss, um bestehen zu können, auf dem Ecksteine der Gerechtigkeit ruhen muss?"

Die angeführten Darlegungen sind ohne Hoffnung und ohne Andeutung eines Ausweges, und da sie von einem weisen Manne kommen, von einem weisen Logiker, so zeigt dies, dass die Weisen dieser Welt wohl die Krankheit sehen, aber kein Heilmittel wissen. Der gelehrte Herr weist klar genug auf die Ursachen der Schwierigkeit und auf ihre Unvermeidlichkeit hin, und dann sagt er zu den Arbeitern: "Lasst euch nicht von ihnen (der Erfindung, der Wissenschaft, dem Wettbewerb) erdrücken!" Aber er deutet keine Mittel der Befreiung an, außer in der Frage: "Werden die Arbeiter klug und stark genug werden, dass sie sich zum Eigentümer der Maschinen aufschwingen?"

Angenommen aber, sie besäßen Maschinen und auch genügend Kapital, um damit zu arbeiten. Könnten solche Fabriken und Maschinen dann mit mehr Erfolg arbeiten als andere? Könnten sie lange aus Gründen des Wohlwollens und nicht des Vorteils arbeiten? Würden sie nicht auch die "Überproduktion" steigern und Preisstürze bewirken, wodurch sie sich selbst und ihre Genossen zum Müßiggang zwingen würden? Wissen wir nicht, dass dasjenige Warenhaus oder Geschäft, welches auf dem Grundsatz: Gleiches Gehalt für alle Angestellten! betrieben würde, bankrott werden wird, weil es zuviel Unkosten haben würde, oder weil die Befähigteren durch bessere Bezahlung veranlasst werden, die Stellung zu wechseln? Mit einem Wort: Selbstinteresse, Selbstsucht, hat sich dem gefallenen Menschengeschlecht so aufgeprägt, ist so mit dem gegenwärtigen sozialen Gebäude verwachsen, dass jeder, der nicht damit rechnet, bald erfahren wird, dass er sich verrechnet hat.

Der Schlusssatz klingt sehr sanft, aber er ist fruchtlos hinsichtlich des Heraushelfens aus der Not. "Wird man lernen, dass die Gewalt, um Erfolg haben zu können, von Gedanken geleitet sein muss?" Gewiss, das wissen schon alle; zu Gedanken gehört aber ein Gehirn, und das Gehirn muss gut sein. Jedermann sieht, dass, wenn alle ein gleich gutes Gehirn hätten, bald ein Waffenstillstand abgeschlossen würde, bei dem für die Rechte eines jeden Vorsorge getroffen, oder was wahrscheinlicher ist, dass der Kampf dann früher gekommen und heißer gewesen wäre. Niemand aber weiß besser als Ingersoll selbst, dass es außerhalb des Bereiches der menschlichen Fähigkeit liegt zu bewirken, dass eine Gleichheit der Geisteskräfte bei allen zustande kommt.

Der vierte Absatz des von uns angeführten Auszugs des Artikels des großen Mannes ist sehr zu achten. Er findet Widerhall in jeder edlen Seele, von denen es, wie wir glauben, viele gibt. Andere aber, die in bescheideneren Verhältnissen leben, oder die auch so reich sein mögen wie Ingersoll, kommen zu dem Schluss (zu dem Ingersoll sicherlich auch gekommen ist), dass sie ebenso wenig in der Lage sind, den Kanal der gefallenen menschlichen Natur, durch welchen der soziale Lauf geht, zu verstopfen, indem sie ihr Geld und ihren Einfluss hineinwerfen, als die Niagarafälle mit ihrem Leib aufzuhalten.


Dass es gar nicht wahr ist, dass die Gesetzgebung die Reichen begünstigt und die Armen schädigt, lernen wir aus folgender Zusammenstellung, welche der Adjunkt des Generalanwalts der Vereinigten Staaten, J. L. Thomas, von den arbeiterfreundlichen Gesetzen und Erlassen am 17. Oktober 1896 in der "New York Tribune" gemacht hat:

"1. Die Schuldenhaft ist abgeschafft worden. 2. Heimstätten und genügender Hausrat sind als unpfändbar erklärt worden, wenn der Schuldner Familienvater, eine Witwe oder Waise ist, ebenso 3. das Land und Werkzeug, das zur Verrichtung lohnender Arbeiten nötig ist. 4. Der Arme kann kostenfrei prozessieren. 5. Er erhält vor Kriminalgericht immer, vor Zivilgericht in manchen Fällen vom Staat einen Verteidiger gestellt. 6. Die Gerichte müssen in vielen Fällen, wenn der Arbeiter um seinen Lohn prozessiert, zu seinen Gunsten entscheiden, oder, wenn er einem Syndikat gegenübersteht, diesem bis zu einer bestimmten Grenze die Kosten des Verteidigers des Arbeiters auferlegen. 7. Im öffentlichen Dienst ist der Arbeitstag auf 9, 8, ja 7 Stunden ermäßigt worden. 8. Beim Konkurrenzverfahren gegen einen Arbeitgeber gehören die Arbeitslöhne zu den privilegierten Forderungen. 9. Den Eisenbahnen, anderen Transportanstalten, Warenhäusern usw. sind die Tarife vom Gesetz vorgeschrieben worden, was in manchen Fällen Preisermäßigungen von zwei Dritteln und mehr zur Folge hatte. 10. Fast sämtliche Staaten der Union haben den Hypothekenzinsfuß von Gesetzes wegen ermäßigt. 11. Fabrikbesitzer, Minen- und Eisenbahnunternehmungen sind zu Schutzvorrichtungen für ihre Arbeiter verpflichtet worden. 12. Das Vereinsrecht ist den Arbeitern gewährleistet. 13. Der 1. Mai ist als ein öffentlicher Feiertag anerkannt worden. 14. Eigene Kommissionen der Union und der Einzelstaaten machen Erhebungen über die Lage der Arbeiter und Vorschläge zur Hebung derselben. 15. Jährlich wird vom Senat für hundertfünfzigtausend Dollar Saatkorn verteilt. 16. In manchen Staaten ist es strafbar erklärt worden, einen entlassenen Arbeiter oder einen Armen, der seine Schulden nicht zahlen konnte, auf eine "schwarze Liste" zu setzen, einem Schuldner durch die Postkarte die Beitreibung anzudrohen usw. 17. Den Lotterie-Prospekten ist, im Interesse der Unvorsichtigen, der Postvertrieb entzogen worden. 18. Die Zeitungen der Union werden zum Teil portofrei befördert, was der Union jährlich 8 Millionen Dollar kostet, und die besten Zeitschriften werden so billig abgegeben, dass auch der Ärmste eine abonnieren kann. 19. Die Banken und ihr Rechnungswesen stehen unter Staatsaufsicht. 20. Öffentliche Angestellte haben Anrecht auf 15 bis 30 Tage Ferien und außerdem auf 30 Tage Abwesenheit infolge eigener Krankheit oder Krankheit in der Familie, wobei die Besoldung gleichwohl ausgezahlt wird. 21. Der Kuli-Handel, die Einfuhr von Arbeitern mittels Vertrages, die Arbeit im Konvikt, die Einwanderung von Chinesen, die Einfuhr von Produkten der Konvikt-Arbeitshäuser sind von Gesetzes wegen verboten. 22. Gewerbliche Schiedsgerichte entscheiden in Lohn- und anderen Fragen. 23. Gewöhnliche Arbeiter erhalten für die öffentlichen Feiertage, den Neujahrstag, den 22. Februar, den Dekorationstag, den 4. Juli, den Danktag und den Weihnachtstag ihren Lohn. 24. Heimstätten sind solchen gegeben worden, die sich darin ansiedeln, Landstrecken anderen überlassen worden, die daselbst Bäume pflanzen wollten. 25. Die materielle Schädigung von Hunderttausenden von Grundbesitzern hat die Union nicht davon abgehalten, die Sklaverei abzuschaffen. 26. Öffentliche Bibliotheken sind auf öffentliche Kosten gegründet worden. 27. Öffentliche Krankenhäuser sichern dem kranken Armen richtige Verpflegung. 28. Den im Krieg gewesenen Soldaten, ihren Witwen oder Waisen zahlt die Union Jahr für Jahr im ganzen 140 Millionen Dollar aus. 29. Die Volksschulen kosten der Union jährlich mehr als 200 Millionen Dollar.

"Zahllose Gesetze von geringerer Bedeutung, die die Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber regeln, sind vom Kongress oder den gesetzgebenden Versammlungen der Einzelstaaten erlassen worden; ihre Tendenz entspricht stets denen, die weiter oben angeführt sind. Die Geschichte der letzten 25 Jahre zeigt, dass Männer und Frauen aller Klassen mit aller Schärfe auf Gesetze gesonnen haben, die die Wohlfahrt der Massen im Auge haben, und wir sind auf diesem Gebiet soweit gegangen, dass man auf gewisser Seite schon fürchtet, dem Staatssozialismus zuzutreiben."

Wenn nun also auf dem Gesetzgebungsweg alles getan worden ist, was getan werden kann, die Unruhe aber gleichwohl fortdauert, so ist es wohl töricht, von demselben Abhilfe zu erwarten. Auch J. L. Thomas ist mithin der Meinung, dass der Kampf unausbleiblich ist.


Auch von Wendell Phillips möge hier eine Äußerung Raum finden. Er sagte einmal:

"Keine Reform kam je von den herrschenden Klassen; jede musste von den Opfern der Verhältnisse ertrotzt werden. So muss auch die Befreiung der Lohnarbeiter von diesen selbst vollbracht werden."

Sehr wahr, sehr richtig, aber wie sollen die Arbeiter den Wirkungen des Gesetzes von Nachfrage und Angebot, der Ungleichheit körperlicher und geistiger Fähigkeiten begegnen? Darauf hat Phillips keine Antwort. Eine Revolution könnte momentan vereinzelte Veränderungen herbeiführen, gegen die Gesamtlage aber ist sie kein Mittel. Mit dem gleichen Erfolg würde man die Flut aufzuhalten oder in Gefäße zu füllen versuchen, um ihr zu wehren.


Im Jahre 1857 schrieb schon, wie der "Figaro" (Paris) meldet, der bekannte englische Geschichtsschreiber Macaulay an einen Freund in der Union:

"Es ist klar wie der helle Tag, dass eure Regierung niemals imstande sein wird, eine notleidende, unzufriedene Mehrheit zu beherrschen, weil eure Regierung in den Händen der Masse ist, und die Reichen, die die Minderheit bilden, denselben einfach ausgeliefert sind. Eines Tages wird im Staate New York die Masse die gesetzgebende Versammlung bestellen. Kann man einen Augenblick darüber im Zweifel sein, was für Gesetzgeber sie wählen wird? Diese werden jede Wohlfahrt unmöglich machen. Dann wird ein Cäsar oder Napoleon die Zügel der Regierung ergreifen. Im 20. Jahrhundert wird eure Republik Zerstörungen und Plünderungen erleben, wie das römische Reich zur Zeit der Völkerwanderung, mit dem Unterschied, dass die Plünderer nicht von außen, sondern von innen kommen, die Erzeugnisse eurer eigenen Staatseinrichtungen sein werden."

Seit Macauly dies geschrieben hat, haben seine Landsleute das Wahlrecht gefordert und erhalten, ebenso die Völker Deutschlands, Österreich-Ungarns, Belgiens, Italiens usw. Die Katastrophe, von der Macauly nur die Union bedroht sah, droht mithin jetzt der gesamten "Namenchristenheit". Macauly weiß keinen Rat als den, der auch andererseits gegeben wird, dass die Reichen und Maßgebenden die Macht gewaltsam festhalten, solange sie können, auf dem Sicherheitsventil sitzen, bis der Dampfkessel springt.


"Zu den befähigten Denkern der Gegenwart gehört auch der Rechtsprofessor an der Universität Chicago, Chauncey M. Depew. Er ist ein einsichtvoller Mann, und wir freuen uns, seine Anschauung über die gegenwärtige Lage zu kennen. In einer Ansprache an jüngere Fachgenossen sagte er unter anderem:

"Die Bildung hat nicht nur das wunderbare Wachstum unseres Landes ermöglicht und die wunderbaren Gelegenheiten, Kapital und Vermögen zu gewinnen, geschaffen, sondern sie hat das Volk auch aus den Gebräuchen und Gewohnheiten der Vergangenheit emporgehoben, und wir können heute nicht mehr so leben, wie unsere Väter noch lebten.

"Die Volksschule und die Hochschule haben mit ihren höheren Vergünstigungen bewirkt, dass die Verfeinerung des Lebens den Mann umfassender und intelligenter und die Frau schöner und geistreicher gemacht haben. Sie erhebt sie über die Stufe des europäischen Bauern. Während Bildung und Freiheit die Amerikaner zu einem gewaltigen Volk gemacht haben, haben diese Einflüsse auch in Europa in einem gewissen Maße die Lebensbedingungen und Forderungen höher gestellt. Der indische Arbeiter kann unter einem Strohdach mit einem einzigen Raum wohnen. Ihm genügt eine Kniehose als Kleidung und eine Pfanne Reis als Nahrung. Der amerikanische Arbeiter aber braucht eine Wohnung mit mehreren Räumen. Er und seine Kinder haben den Wert der Arbeit, Kunst, schätzen gelernt. Sie haben sich alle an die bessere Nahrung gewöhnt, sowie an die besseren Kleider, das bessere Leben, welches nicht luxuriös sein muss, sondern bequem, und welches ein jeder Bürger unserer Republik genießen sollte.

"Meisterhafte Menschen mit großem Weitblick und Mut haben in Amerika die Gelegenheit benutzt, um große Vermögen zu machen. Die Massen, welche nicht so begünstigt waren, blicken auf sie und sagen: Wir haben nicht einen gleichen Anteil an diesen Gelegenheiten. Hier ist nicht der Ort, auch nicht die Zeit, um die Lösung dieser Schwierigkeiten und Probleme auch nur anzudeuten. Dass wir die Fähigkeit besitzen, ihnen durch Gesetzgebung oder durch andere Mittel zu begegnen, wird niemand bezweifeln. Wir fordern für unsere Zeit mehr Bildung, mehr Studenten und mehr Gelegenheiten. Jedermann, der von dieser Grundlage aus in die Welt tritt, geht hinaus als Missionar des Lichtes und der Erkenntnis. Wo irgend er sich niederlassen mag, wird er einstehen für eine intelligente, allgemeine und vaterländische Wertschätzung der Lage in diesem Land wie in der Nachbarschaft. Die Graduierten der vierhundert Universitäten des Landes sind die Leutnants, die Hauptleute, die Obersten, die Generäle und Marschalle der großen Armee des amerikanischen Fortschrittes, welcher wir alle angehören.

"Die Welt, in welche unsere jungen Männer heute eintreten, ist eine ganz andere, als diejenige, von welcher ihre Väter und Großväter wussten. Vor fünfzig Jahren würden sie eine konfessionelle Hochschule absolviert haben und so der Kirche ihrer Väter und Fakultät anheim gefallen sein. Vor fünfzig Jahren würden sie sich der Partei angeschlossen haben, welcher ihre Väter angehörten. Sie würden die religiösen Glaubensbekenntnisse ihrer Dorfpastoren angenommen haben, sowie die politischen Grundsätze, welche ihnen von dem Rednerpult der Partei ihrer Väter verkündigt wurden. Heute aber besuchen sie eine Hochschule, auf der die konfessionellen Schranken niedriger geworden sind. Sie finden, dass ihre Familienmitglieder sich allen möglichen Kirchen angeschlossen und alle möglichen Glaubensbekenntnisse angenommen haben, und sie müssen für sich entscheiden, welcher Kirche sie angehören, und auf welcher Grundlage sie ihren Glauben ruhen lassen wollen. Sie finden, dass die Parteifesseln durch falsche Führer und durch Unbefugte gelöst worden sind, sowie dadurch, dass die Partei-Organisationen verfehlten, den Forderungen des Landes und der schnellen Entwicklung der Zeit zu begegnen: So sagen diejenigen, welche ihre Ratgeber sein sollten, zu ihnen: "Mein Sohn, urteile für dich selbst, wie für dein Land." So verlangen sie bei ihrem Eintritt in die Welt eine Ausstattung, deren ihre Väter nicht bedurften, um ihren Pflichten als Bürger genügen zu können und hinsichtlich der Grundlagen ihres Glaubens und ihrer Prinzipien. Der junge Mann tritt zum Schluss dieses wunderbaren neunzehnten Jahrhunderts hinaus, um sich vom Rednerpult und von der Kanzel aus, sowie durch die Presse belehren zu lassen, und um durch eigene Beobachtung wahrzunehmen, dass revolutionäre Zustände in der politischen, finanziellen und wirtschaftlichen Welt herrschen, welche die Staatseinrichtung, die Stellung der Kirche, die Grundlagen der Gesellschaft und die Sicherheit des Eigentums bedrohen. Während aber Voraussage und Prophezeiung Unheil ansagen, sollte er nicht verzweifeln. Jeder junge Mann sollte ein Optimist sein. Jeder junge Mann sollte glauben, dass das Morgen besser sein wird als das Heute ist, und er sollte mit nicht schwankender Hoffnung auf das Morgen blicken, während er heute seine Pflicht voll erfüllt.

"Dass die Probleme schwierig sind, und die Lage sich zugespitzt hat, geben wir alle zu. Es kommt aber der Bildung und Erziehung zu, Probleme zu lösen und zugespitzte Verhältnisse zu beseitigen. Wir leben jetzt in einer Periode, in welcher die Zivilisation mit sich selbst in Widerspruch steht. Bislang war unser Weg leicht zu beschreiben. Wir stehen aber fünf Jahre vor dem zwanzigsten Jahrhundert, und wir befinden uns Verhältnissen gegenüber, welche fast so ungeheuerlich für uns sind, als wären wir durch einen Ausbruch ausgestoßen und befänden wir uns neben einem der Kanäle des Mars.

"Der Dampf und die Elektrizität haben die Jahrhunderte der christlichen Ära bedeutungslos gemacht. Sie haben die Welt augenblicklich zu einer Gemeinschaft verbunden und die Schranken, die ehedem durch Zeit und Entfernung, sowie durch Gesetzgebung beherrscht wurden, umgestürzt. Die Preise der Baumwolle, die heute morgen am Ganges, oder des Weizens, die heute morgen auf der Hochebene des Himalaja, im Nildelta oder in Argentinien, durch Klima und Löhne, sowie durch die Faktoren der Goldwährung, wodurch die Produktion beherrscht wird, beeinflusst werden, finden gegen Mittag schon ihre Gegenwirkung in Liverpool, in Neuorleans, Savanna, in Chicago und in New York. Sie senden ein Schaudern nach den Plantagen des Südens und den Farmen des Westens. Die Bauern Europas und Amerikas beschweren sich mit Recht über ihre Lage. Die ländliche Bevölkerung strömt in die Städte und vermehrt die Schwierigkeit, mit welcher die städtischen Behörden zu kämpfen haben. Die Kapitalisten suchen Vereinigungen zu gründen, welche mit der Flut schwimmen oder ihr den Weg ebnen sollen, und die Arbeiter suchen durch Genossenschaften eine Verbesserung ihrer Lage zu schaffen. Der gewaltige Fortschritt, welcher während der letzten fünfzig Jahre gemacht wurde, der Umsturz, der durch Dampf, Elektrizität und Erfindung bewirkt wurde, das Zusammenarbeiten der Bewohner der beiden Erdhälften hat die Lage des Volkes so verändert, dass die Welt sich noch nicht zurechtgefunden hat. Die Gegenwart wie die Zukunft müssen sich auf Bildung und Erziehung gründen, so dass die höhere Intelligenz Ordnung schaffen kann aus der Verwirrung, welche das Erdbeben der Gelegenheiten und Kräfte im neunzehnten Jahrhundert bewirkt hat.

"Es hat immer Krisen in der Welt gegeben. Sie sind durch die Bestrebungen nach etwas Besserem und Höherem hervorgerufen worden und haben schließlich in einer furchtbaren Bewegung nach Freiheit gegipfelt. Diese Revolutionen sind von unendlichem Leiden, dem Hinschlachten von Millionen, der Verwüstung von Provinzen und Reichen begleitet gewesen. Die Kreuzzüge befreiten Europa von der Knechtschaft des Lehenwesens, die französische Revolution zerbrach die Fesseln des Kastenwesens. Napoleon, wenn auch aus selbstsüchtigen Gründen, führte zum modernen, allgemeinen Stimmrecht und zur parlamentarischen Regierung. Das Streben aller Jahrhunderte ist auf Freiheit und auf mehr Freiheit gerichtet gewesen. Das englisch sprechende Volk hat Freiheit im vollsten Sinne des Wortes erlangt, jene Freiheit, welche es dem Volk ermöglicht, der eigene Regent, Gesetzgeber und Herr zu sein. Der Widerspruch zu alledem ist der, dass trotz aller Freiheit, die wir als unseren größten Segen festhalten, die Unzufriedenheit größer geworden ist, als es jemals in der Welt der Fall war. Die sozialistische Bewegung in Deutschland wuchs in den Jahren 1884 bis 1894 von hunderttausend Stimmen auf mehrere Millionen. Die republikanischen Elemente Frankreichs werden von Monat zu Monat radikaler und bedrohender. Die Agrarier- und Arbeiterunruhen in England nehmen von Tag zu Tag zu, und die Regierung steht denselben machtlos gegenüber. Chicago ist kürzlich einer Plünderung durch Anarchistenbanden nur mit knapper Not entgangen. Ein einzelner Mann hat durch Anordnung eines Eisenbahnarbeiterstreiks von einem Tag auf den anderen zwanzig Millionen Mitmenschen der Verkehrsmittel beraubt und zwei Gouverneuren nebst dem Bürgermeister von Chicago seine Bedingungen diktiert.

"Ein anderer der Widersprüche unserer Zeit ist, dass der Handwerker und Arbeiter heute bei viel kürzerer Arbeitszeit in fast jedem Zweig 25 oder auch sogar 50 Prozent mehr Lohn erhält als vor dreißig Jahren. Während er ein Drittel mehr erhält als vor dreißig Jahren, kann er mit seinem Dollar zwei- oder dreimal soviel Nahrung oder Kleidung kaufen als vor dreißig Jahren. Man sollte meinen, dass der Arbeiter glücklich sei, wenn er seine gegenwärtige Lage mit der Vergangenheit vergleicht, und dass er nicht nur seinen Lebensunterhalt bestreiten, sondern sogar noch Ersparnisse machen könne, durch welche er bald selbst zum Kapitalisten würde. Weit gefehlt! Er fühlt sich unzufriedener als sein Vater vor dreißig Jahren mit dem Drittel des Verdienstes und dem Dollar von halb so großer Kaufkraft. Alles das kommt von der Bildung."

(Herr Depew beachtet nicht, dass es vor dreißig Jahren auch noch übergenug Arbeit gab. Da das Angebot von menschlicher Geschicklichkeit und Kraft weit geringer war als die Nachfrage, wurden die Menschen veranlasst, die "doppelte Schicht" zu arbeiten, sowohl bei der Eisenbahn als auch in den Fabriken, während die Einwanderer, welche zu Millionen kamen, auch genug Arbeit vorfanden. Jetzt aber übersteigt das Angebot die Nachfrage in jeder Hinsicht bei weitem, da jetzt Maschinen zur Arbeit verwandt werden. Gleichwohl sind die Löhne jetzt nicht schlecht, doch die Massen können sich nicht beständige Arbeit schaffen, infolgedessen müssen die Löhne fallen).

"Wir kämpfen nicht nur die Kämpfe für heute, sondern für alle Zeiten. Wir entwickeln dieses Land nicht für uns, sondern auch für unsere Nachwelt. Wir haben die Sklaverei und die Vielweiberei abgeschafft, der einzige Feind, den wir noch zu überwinden haben, ist Unwissenheit."

(Wenn aber die teilweise Beseitigung der Unwissenheit durch Bildung alle Unzufriedenheit und Notstände, die schon erwähnt wurden, bewirkte, welche schreckliche Drangsal würde dann eine völlig Bildung bringen! Herr Depew sagt, er habe jetzt nicht Gelegenheit, die Heilmittel für alle diese Übel und Unzufriedenheit zu besprechen, wie froh wäre er aber zweifellos gewesen, wenn er ein Heilmittel wüsste! Im folgenden Absatz sagt er, dass Abhilfe geschaffen werden wird "auf diese oder auf jene Weise", was ein stillschweigendes Zugeben dessen ist, dass er kein besonderes Heilmittel anzudeuten weiß).

"Das Volk, welches jetzt unzufrieden ist, ist sein eigener Regent und Herrscher, und es muss seine eigenen Probleme lösen. Es kann seine Abgeordnetenhäuser und Präsidenten selbst wählen. Es kann nicht gegen sich selbst revoltieren und sich selbst die Gurgel durchschneiden. Früher oder später, auf diese oder auf jene Weise, wird es seine Probleme lösen; es wird dies aber durch das Gesetz geschehen. Es wird auf niederreißende oder auf aufbauende Weise geschehen.

"Die Frage ist natürlich: "Wie kommt bei aller Wohlfahrt und dem Fortschritt der Welt diese Unzufriedenheit?" Die Schnelligkeit der Erfindungen und die Gelegenheiten, welche Dampf und Elektrizität geschaffen haben, haben in den letzten fünfundzwanzig Jahren sechzig Prozent des Kapitals vernichtet und vierzig Prozent der Arbeiter arbeitslos gemacht. Die Erfindung eines neuen Motors, die Vervielfältigung der Kräfte durch Anwendung der Maschine haben die alten nutzlos gemacht. Mehr noch, sie haben den geschickten Handwerker seines Werkzeuges beraubt, welches ihm den Lebensunterhalt verdienen half, indem sie es wertlos machten und ihn zwangen, in die Reihen der gewöhnlichen Arbeiter zurückzukehren. Zu gleicher Zeit haben dieselben Kräfte, welche den größten Teil der Werte vernichteten und so viele Menschen arbeitslos machten, neue Verhältnisse geschaffen, welche über alle Berechnungsmöglichkeiten hinaus den Reichtum der Welt vermehrten, sowie auch die Gelegenheiten des Volkes, den Lebensunterhalt zu bestreiten, Bequemlichkeiten und Glück zu erlangen. Um diese aber recht gebrauchen zu können, macht sich seine bessere Bildung notwendig."

Es ist offenbar, dass Herr Depew in Arbeiterangelegenheiten bewandert ist, und dass er sich mit dem Studium der Verhältnisse, die zu den jetzt drohenden geführt haben, beschäftigt hat. Welches Heilmittel schlägt er aber vor? Vielleicht war es nur Höflichkeit seinerseits, wenn er in einer Ansprache an Gelehrte die Unwissenheit schließlich als Feind hinstellt, der die Welt bedroht. Aber er weiß selber sehr wohl, dass es mit der Bildung nicht getan ist. Sehr wenige der heutigen Millionäre haben eine Hochschule besucht. Cornelius Vanderbilt war ein ungebildeter Fährmann, und sein Geschäftssinn brachte ihn zum Reichtum. Er sah voraus, dass das Reisebedürfnis zunehmen würde, und er legte sein Geld in Dampfschiffen und Eisenbahnen an. John Jacob Astor war ursprünglich ein ungebildeter Pelzhändler. Da er das Wachstum der Stadt New York voraussah, legte er sein Geld in jenen Grundstücken an und legte so den Grundstein zu dem Vermögen der gegenwärtig lebenden Astors.

Die Presse veröffentlichte folgende Liste amerikanischer Millionäre, die mehr als eine Million Dollar an Hochschulen stifteten, selbst aber keine Hochschulbildung genossen haben:

"Stephan Girard, der Girard-Hochschule 8 Millionen Dollar; John D. Rockefeller, der Universität zu Chicago 7 Millionen Dollar; George Peabody, verschiedenen Gründungen 6 Millionen Dollar; Leand Stanford, der Stanford-Universität 5 Millionen Dollar."

Dieselbe Stiftung führt noch 12 Männer an, welche zusammen 24.375 Dollar gestiftet haben.

Um eine Ausnahme von dieser Regel zu schaffen, hat Herr Seth Low, ein Hochschul-Graduierter und Präsident, kürzlich der Columbia-Hochschule eine Million Dollar für eine Bibliothek gestiftet.

So schätzenswert die Universitätsbildung sein mag, sie ist kein Heilmittel in der gegenwärtigen Lage. Wäre heutzutage jeder Amerikaner und Europäer ein Studierter, die Verhältnisse wären noch viel schlimmer, als sie schon sind. Depew gibt das eigentlich selber zu. Ja, wahrlich, je verbreiteter die Bildung, um so allgemeiner die Unzufriedenheit. Bildung ist ein vorzügliches, sehr wünschenswertes Ding, aber kein Heilmittel. Viele edle und gerecht denkenden Männer sind reich, aber auch viele Gebildete sind lieblos, und andererseits sind unter den Frömmsten viele Ungebildete, vorab die Apostel. Je gebildeter der Böse, um so unzufriedener, um so besser ausgerüstet, Böses zu tun, ist er. Die Welt bedarf neuer Herzen. "Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, gewissen Geist (einen rechten Sinn)" sagt der Psalmist (51:10 Luther), damit schon auf die Bedürfnisse der Gegenwart hindeutend. Dass die Welt viel mehr nötig hat als Bildung und Intelligenz, wird die nächste Zukunft beweisen. "Gottseligkeit mit Genügsamkeit ist ein großer Gewinn"; erst auf dieser Grundlage ist daran zu denken, die Bildung zu einem Segen zu machen. Die Selbstsucht, der Geist dieser Welt, kämpft mit dem Geist der Liebe, und Kompromisse können nicht geschlossen werden. Bildung, "vermehrtes Wissen" (Daniel 12) unter den Massen, führt die soziale Krisis und in ihrem Gefolge die Anarchie herbei.

Ein Zeitungsberichterstatter, der einer Versammlung der protestantisch-bischöflichen Kirche in New York City beigewohnt hatte, veröffentlichte folgende Worte des Bischofs Worthington:

"Die Unruhen der Farmer haben meiner Meinung nach ihre Ursache darin, dass wir die Grenzen unseres Bildungssystems zu weit gezogen haben. Ich weiß, dass das als ein Stückchen Ketzerei betrachtet wird, dennoch glaube ich es. Die Söhne der Farmer, wenigstens ein großer Teil von ihnen, die überhaupt nicht fähig sind, emporzusteigen, bekommen einen Geschmack und Bildung, und sie gehen dem nach. Viele von ihnen werden es nie zu etwas bringen, und sie begnügen sich nicht mit der Lebensweise, welche Gott für sie vorgesehen hat, sondern sie strömen in die Städte. Diese höhere Bildung ist es, welche die nicht zur Aufnahme derselben Befähigten in den Städten ansammelt, während die Bauerngüter leer von Menschen sind."

Der Bischof nimmt einen Standpunkt ein, welcher dem des Herrn Depew gerade entgegengesetzt ist. Er stimmt besser überein mit dem Generalleiter des Bildungswesens in Russland, der ja ein Gegner der Bildung der ärmeren Klassen ist. Wir stimmen mit beiden Herren überein in der Überzeugung, dass die Bildung im allgemeinen den Ehrgeiz vergrößert, sowie die ruhelose Unzufriedenheit. Sicherlich wird der Bischof zugeben, dass die Dinge schon zu weit gediehen sind, so dass man nicht hoffen könnte, dem Wachsen der Unzufriedenheit Einhalt zu gebieten durch Auslöschen der Lampe der Erkenntnis. Ob es nun gut oder böse sein mag, Bildung und Unzufriedenheit sind da und können nicht mehr unbeachtet gelassen werden.

Die Frage, ob die Gedanken des Bischofs richtig sind oder nicht, lassen wir beantworten durch Herrn W. J. Bryan, von dem wir aus der Presse folgendes entnehmen:

"Von der höheren Bildung der Farmersöhne als von der Ursache der gegenwärtigen Schwierigkeiten zu sprechen scheint mir das grausamste zu sein, das ich jemals von einem Menschen vernahm. Welch ein Gedanke: Die Farmersöhne, welche nicht imstande sein sollen, im Leben emporzukommen, die einen Geschmack von der höheren Bildung bekommen und sich darüber freuen, dass sie ihm folgen, sollen deshalb der Farm überdrüssig werden und in die Städte strömen! Unter den Farmersöhnen soll eine zu hohe Bildung herrschen! Liebe Freunde, wissen Sie, was dies bedeutet? Es bedeutet eine Umkehr vom Fortschritt der Zivilisation, ein Zurückmarschieren zum finsteren Mittelalter.

"Wie können Sie sagen, welcher von den Söhnen der Farmer sich als ein großer Mann erweist, solange Sie noch nicht alle gebildet haben? Sollen wir denn eine Kommission ernennen, welche umhergeht und diejenigen aussucht, welche Bildung empfangen sollen?

"Liebe Freunde, der Grund, warum das Volk in die Städte drängt, ist ein ganz anderer. Er ist darin zu finden, dass Ihre Gesetzgebung den Farmern das Leben erschwert hat, weil die nicht erzeugenden Klassen die Gesetze aufgestellt und es vorteilhafter gemacht haben, mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu spekulieren als solche hervorzubringen.

"Welch ein Gedanke, die Ursache der gegenwärtigen Zustände den Farmern in die Schuhe zu schieben! Welch ein Gedanke, die Schulen zu schließen, damit das Volk nicht unzufrieden werde! Meine lieben Freunde! Es wird solange Unzufriedenheit geben, wie Ursache dazu besteht! Warum versuchen Sie nicht lieber, die Verhältnisse, in welchen sich die Farmer befinden, zu bessern, als dass Sie versuchen, zu verhindern, dass die Farmer ihre Verhältnisse erkennen?"

Ein englisches Blatt, der "Fels", äußerte am 24. April 1896 folgendes:

"In der ganzen Welt halten Interessenkonflikte, entgegengesetzte Strömungen, die zivilisierte Menschheit beständig in Atem. Die Spannung der Gemüter steigert sich von Woche zu Woche. In kurzen Zwischenräumen erschüttern unerwartete Ereignisse die politische und die Handelswelt und bringen den Menschen zum Bewusstsein, welch vulkanische Gewalten unter der Oberfläche der menschlichen Gesellschaft lauern, Politiker, welche denselben eine andere Richtung zu geben suchen, geben zu, dass sie jene Gewalten nicht beherrschen noch für ihre Wirkungen irgendwelche Verantwortung übernehmen können.

"Endlos ist die Reihe der vorgeschlagenen oder versuchten Heilmittel, der Theorien und Prophezeiungen. In zwei Punkten aber sind sich alle großen Denker durchaus einig: 1. dass niemals in den vergangenen Jahrhunderten die Nationen ein größeres Friedensbedürfnis empfanden, die Vorteile der Einigkeit höher schätzten als jetzt; 2. dass trotzdem der ganzen Welt eine Katastrophe droht, welche den gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Aufbau zerschmettern wird, da die zerstörenden Kräfte sich erst ausgetobt haben müssen, bevor die sich bildenden einen neuen Gesellschaftsbau aufführen können."

Es ist dasselbe in der ganzen zivilisierten Welt. Einsichtige Leute sehen das Dilemma mehr oder weniger deutlich, aber nur wenige haben Vorschläge zur Abhilfe zu machen, und auch diese nur, weil sie das Wesen unserer Lage nicht durchschauen. Davon wird das folgende Kapitel handeln.


Von Interesse mögen folgende Äußerungen Edward Bellamys sein:

"Wie verkehrt unser System der freien Konkurrenz ist, erhellt aus dem Übelstand, dass die Ware nur durch ständige Überproduktion billig wird. Mit anderen Worten: Die Wohlfeilheit der Ware ist eine Folge der Verschwendung von Kraft. Was nun mit Verschwendung von Kraft hergestellt wird, ist tatsächlich teuer, auch wenn man es billig nennt. Die Ware wird mithin bei freier Konkurrenz dadurch billig, dass ihre Herstellung viel kostet. Damit ist das System der Widersinnigkeit überführt. Es ist oft so, dass die Ware, die wir am billigsten kaufen, der Nation am teuersten zu stehen kommt, dank der bei der Konkurrenz, welche die Preise drückt, gemachten Verschwendung. Diese bedeutet immer Verlust; daher haben wir ungefähr alle sieben Jahre eine Geschäftskrise. Das kommt davon, dass je drei Mann sich um eine Arbeit streiten, welche gerade für einen genügt, dass man Greise, Frauen, Kinder beschäftigt, Hausväter aber ohne Verdienst lässt.

"Warum fürchtet man sich denn vor dem bevorstehenden Untergang eines solchen Systems? Wenn das Volk um einen schlechten König leid trägt, so muss man annehmen, der Thronerbe sei noch schlimmer. Man fürchtet mithin, bei irgendeiner Veränderung vom Regen in die Traufe zu kommen. Man fürchtet, der kleine Finger der Monopole könnte dicker werden als die Lenden der Konkurrenz, dass während diese das Volk mit Ruten gezüchtigt, jene es mit Skorpionen züchtigen werden. Wie die Kinder Israel in der Wüste, sehnen sich ängstliche Gemüter selbst nach der eisernen Rute Pharaos angesichts der neuen Gefahren. Lasst uns sehen, ob nicht auch hier ein gelobtes Land vor uns liegt, auf welches hoffend die zitternden Herzen wieder fest werden könnten.

"Vorab fragen wir: Ist eine Rückkehr zur wahrhaft freien Konkurrenz möglich? Angesichts der Ursachen, auf welche wir die Entstehung der Monopol-Trusts zurückführen müssen, betrachten wir diese als diejenige Entwicklung, von der es am aller unwahrscheinlichsten ist, dass sie wieder zurückgehe. Sie ist die Frucht des Anwachsens der Macht des vereinigten Kapitals, und diese Vereinigung des Kapitals ist die Folge der Erfindungen der letzten und der gegenwärtigen Generation. In früheren Zeiten zog die Natur den Unternehmungen ihre Grenzen. Für zu große Kapitalien hätte es an vorteilhafter Anwendung gefehlt. Heutzutage existieren keine Grenzen mehr für die Unternehmungen, soweit die Erde reicht, und je größer ein Kapital, um so sicherer der Erfolg der Unternehmung, umso besser mithin die Kapitalanwendung. Daher die Trusts. Doch sind diese nicht die einzige Folge der Verhältnisse. Es gibt lockerere Vereinbarungen als die Trusts, die den gleichen Zweck verfolgen. Ja, es gibt fast keine Geschäfte mehr, die sich nicht mit ihren einstigen Konkurrenten zu gemeinsamem Nutzen verständigen.

"Seit jene Bewegung begann, verschwanden allmählich die kleineren Geschäfte vor den großen; der Kampf, den diese gegen jene, die das Herzblut der freien Konkurrenz waren, geführt haben, ist aber schon mehr als zwanzig Jahre alt. Während die Volkswirtschaftler darüber berieten, ob wir es ohne freie Konkurrenz machen könnten, schwand dieselbe dahin. Mit ganz wenigen Ausnahmen kann heute kein Privatgeschäft gedeihen, es sei denn, der Unternehmer besitze große Kapitalien. Unterdessen hat das Anwachsen der Macht des vereinigten Kapitals die Geschäftsriesen genötigt, sich untereinander zu verständigen, weil die Vermeidung eines Konkurrenzkampfes unter ihnen für sie eine Lebensfrage war.

"Gegen diese Entwicklung, die, weil in der Natur der Sache liegend, unvermeidlich ist, vermag keine Gesetzgebung etwas. Jede Woche sehen wir, wie ein neuer Teil des offenen Meeres der einst freien Konkurrenz, in das ehedem mancher mit kleinem Kapital mutig hinaussegelte und reichbeladen zurückkehrte, in einen Fischteich irgendeines Syndikats umgewandelt wird. Wenn das so weiter geht, wird bis 1905 alles Geschäft in den Händen von ein paar Dutzend Syndikaten sein.

"Diese Entwicklung bedroht in sehr ernster Weise den Mittelstand. Nicht nur Arme und Unwissende, sondern Gebildete und Angesehene müssen sich fragen, wo sie Verdienst oder Verwendung für ihr Kapital finden. Diese Schwierigkeit ist in starker Zunahme begriffen und drängt den Mittelstand allmählich in die Reihen des Proletariats. Wenn es so weitergeht, so zerfällt in wenigen Jahren die ganze Menschheit in ein paar hundert überreiche Familien, eine Anzahl von ihrer Gunst abhängige und daher zu Lakaien degradierte Berufsleute, und eine große Masse arbeitender Männer und Frauen, die auf keine Verbesserung ihrer Lage hoffen können, und Jahr für Jahr immer mehr in vollständige Knechtschaft geraten. Das ist kein erfreuliches Bild, aber auch keine übertriebene Darstellung der letzten Folgen des Trustsystems."


Im Juli 1895 veröffentlichte der römisch-katholische Geistliche Dr. Mc.Glynn, der seinerzeit wegen Hinneigung zur Sozialdemokratie von seinen Vorgesetzten gemaßregelt wurde, im "Donahoe Magazine" einen Artikel, welcher beweist, dass er trotz Aussöhnung mit seiner Kirche sich für die Arbeiterfrage zu interessieren fortfährt. Wir führen folgendes aus dem Artikel an:

"Es ist möglich, dass Menschen auf eine Weise, die im weltlichen Geschäftsleben als ehrlich bezeichnet wird, Vermögen verdienen, wie die Vanderbilts und Astors sie besitzen - Hunderte von Millionen. Nicht weil diese Leute unehrlich waren, wuchs ihr Vermögen, sondern weil die Führer des Volkes entweder unwissend oder gleichgültig waren beim Bewachen der Kanäle, durch welche der Reichtum von den einzelnen Arbeitern in den Gemeinschatz fließt. Die Verteilungsmaschinerie ist fehlerhaft. Wenn die Arbeit daher täglich ihren Beitrag zur Unterstützung der Welt entrichtet hat, wenn das Wachstum dieser Summen sorgfältig erforscht wurde, von dem Augenblick an, in welchem der Arbeiter das Rohmaterial berührt, das er in Reichtum verwandeln soll, so wird man sehen, dass die Männer, welche Vermögen verdienten, unter dem Schutz des Gesetzes und des Gebräuchlichseins von jedem wichtigen Gebiet Besitz ergriffen haben und Vermögen erwarben, die in den Schatz der Millionen fließen sollten, in Wirklichkeit aber in ihren eigenen fließen."

Dr. Mc.Glynn sagt, dass beim Prüfen der Ursache der großen Vermögensansammlungen und der niedrigen Löhne drei Punkte besonders beachtet werden sollten: 1. das Land und andere Güter der Natur, an welchen die Menschen ihre Fähigkeit erproben; 2. die Transportmittel; 3. das Geld, die Tauschmittel, welches den Austausch der Waren erleichtert. Man wird finden, sagt er, dass das Volk hinsichtlich dieser Punkte gleichgültig gewesen ist, während die Geldverdiener ihnen gegenüber sehr aufmerksam gewesen sind. Wir führen wieder wörtlich an:

"Von Anfang an haben die Geldleute gesucht, die natürlichen Güter unter dem Schutz des Gesetzes und der Gebräuchlichkeit an sich zu nehmen und zu monopolisieren. Es ist ein Leichtes, ein Vermögen von hundert Millionen Dollar aufzuhäufen, wenn man berechnen kann, wie viele Millionen Menschen während der nächsten zwanzig bis dreißig Jahre Brot und Speise, Nutzholz und Kohle, Baumwolle und Schafwolle, Dinge, die vom Land kommen, kaufen müssen. In Europa, in England und Irland zum Beispiel hat man dies benutzt, indem man große Ländereien unter dem Schutz des Gesetzes erworben hat, während die Bevölkerung gezwungen wurde, erstens zu zahlen, um Land zu erhalten, und zweitens, um dasselbe weiter bebauen zu dürfen.

"Indirekt ereignete sich dasselbe hier in Amerika. Millionen von Morgen Land wurden den großen EisenbahnKön.n gegeben, und die Kapitalisten durften sich vermittelst verschiedener Ausflüchte weitere Millionen aneignen, die sie so lange festhielten, bis sie durch den Zustrom der Einwanderer im Wert so gewachsen waren, dass sie zu Preisen verkauft werden konnten, welche Millionäre ebenso zahlreich machten wie englische Adlige. Diejenigen, welche die Zeitungen lesen, wissen genau Bescheid über die Art und Weise, in welcher die Kohlenbarone in Pennsylvanien und anderswo aufkamen. Unter dem Schutz des Gesetzes nahem sie die Kohlenfelder in Besitz, und vierzig Jahre lang erhoben sie von Verbrauchern, wie auch von Bergleuten, auf jede erdenkliche Weise, die menschlicher Scharfsinn ohne Rücksicht auf Gerechtigkeit erfinden konnte, Abgaben.

"Genau so, wie die wenigen die Herrschaft, die fast absolute Herrschaft, über die natürlichen Güter erlangten, so erlangten sie in Amerika auch die Herrschaft über die Transportmittel."

Was dies bedeutet, erhellt aus der Tatsache, dass die Gesellschaft nur bei regem Warenaustausch Preisaufschläge vornimmt; wenn die Zivilisation allerseits zunehmen soll, so müssen die Menschen die größtmögliche Gelegenheit haben, ihre Erzeugnisse auszutauschen. Bequeme Transport-Gelegenheiten sind daher für den Arbeiter ebenso wichtig, wie bequeme Erwerbsgelegenheiten von natürlichen Gütern; und da im wahren Sinne des Wortes alle Menschen Arbeiter sind, werden die wenigen, die die Transportgelegenheiten eines Volkes übernommen haben, in kürzester Zeit unglaublich reich, weil sie von jedem Menschen in völligerer und absoluterer Weise Abgaben erheben, als die Regierung selbst.

"Die Vanderbilts sind heute vielleicht eine Drittel Milliarde wert. Wie erwarben sie sich dieses Vermögen? Durch harte Arbeit? Nein. Durch Ausnutzung der Vorrechte, welche das törichte Volk ihnen törichterweise zugestand: Das Recht, im Staate New York Wege anzulegen, das Recht, Steuern für Verkehr und Transport zu erheben von Bürgern des Gemeinwesens, welche ihre eigenen Wege benutzten, das Recht, Domänen des Staates zu besitzen, wie ihre eigene Schöpfung. ... Keiner Person oder Vereinigung sollte gestattet werden, aus diesen Besitztümern der Allgemeinheit Millionen herauszuschlagen.

"Das gleiche gilt von den Tauschmitteln, dem Geld. Die Geldverleiher allein haben festgesetzte, günstige Gesetze, welche sie in den Stand setzen, von jedem Menschen, welcher Geld gebraucht, Steuern zu erheben für den Gebrauch und für die Fortdauer der Bewilligung, es zu gebrauchen. Sie haben sich zwischen die Menschen und die Tauschmittel gestellt, geradeso, wie sich andere zwischen die Menschen und die natürlichen Güter, zwischen die Menschen und die Möglichkeit, Waren zum Markte zu führen, gestellt haben. Wie kann es anders sein, dass sie dadurch Millionen zusammengetragen, wie die Rothschilds, Millionen, welche zum größten Teil dem Allgemeinschatz zufließen sollten!"

"Organisation", schließt Dr. Mc.Glynn, "ist schon recht zur Hebung der Löhne, zur Beeinflussung der Gesetzgebung, zum Schutz des Arbeiters gegen den Arbeitgeber, des Pächters gegen den Eigentümer; aber die Wurzel des Übels liegt darin, dass sich die Gesamtheit den Boden, die Naturprodukte, die Transport- und die Tauschmittel entreißen ließ. Um die Löhne in die Höhe zu treiben und Vermögen wie diejenigen Vanderbilts oder Carnegies unmöglich machen zu können, müssen wir erst wissen, wie wir jene Elementarmittel aus den Händen ihrer dermaligen Besitzer reißen können."

Das Mittel, das Mc.Glynn anwenden möchte, behandeln wir im folgenden Kapitel. Hier sei nur bemerkt, dass unsere Millionäre ihr Vermögen unter der Herrschaft von Gesetzen erworben haben, welche ihren Mitbürgern als die besten in der ganzen Welt erschienen waren, dass Vanderbilt speziell seinen Reichtum den hervorragenden Diensten verdankt, die er der Gesamtheit leistete, wenn es ihm auch weniger um diese als um den Profit zu tun war. Was heutzutage, nachdem Wissenschaft und Technik das Gleichgewicht in der menschlichen Gesellschaft vollständig verschoben haben, nötig ist, das ist ein neues, den gegenwärtigen Verhältnissen angepasstes Gesetzbuch. Aber gerade da liegt die Schwierigkeit: ein solches Gesetzbuch wird die Menschheit nie zustande bringen, weil die interessierten Hauptparteien - Kapital und Arbeit - die Lage nie richtig beurteilen werden noch können, weil sie von der Selbstsucht regiert, verblendet sind, während die gegenwärtigen Wirtschaftsfragen nicht anders als nach den Grundsätzen der Liebe eine befriedigende Lösung finden können. Liebe aber haben die wenigsten in beiden Lagern. So muss denn die Drangsal kommen, welche nicht nur die gegenwärtige, auf der Grundlage der Selbstsucht aufgebaute Gesellschaftsordnung zerschmettert, sondern auf dem Wege bitterer Erfahrungen bei allen Klassen eine Wertschätzung für die neue Ordnung, "die neuen Himmel und die neue Erde", bewirken wird, welche im messianischen Reich gelten soll.

Ein anderer Schriftsteller, Professor W. Graham, veröffentlicht in der Februar-Nummer des "Nineteenth Century" eine Abhandlung über die Frage, die in England als "Kollektivismus" bekannt ist, den Grundsatz, dass das Volk als Ganzes die Stoffe und Mittel zur Verarbeitung besitzen oder beherrschen solle. Herr Prof. Graham kommt zu dem Schluss, dass die Methode nur in geringem Grade und erst nach langer Zeit eingeführt werden könnte, da eine Umwandlung der menschlichen Herzen nicht wahrscheinlich sei. Er sagt:

"Der Kollektivismus ist undurchführbar, es sei denn, die menschlichen Herzen würden mit ihren Grundlagen und Begierden, die ihnen entweder ewig eigen oder als Folge der Jahrtausende, während welcher die soziale Entwicklung so langsam vor sich ging, tief eingewurzelt sein mögen, durch ein Wunder verwandelt. Ich glaube, wenn irgendetwas von der Mehrheit eines verrückt gewordenen Parlaments versucht würde, was dem Kollektivismus ähneln würde, so würde dies doch von der Minderheit, die auch bei der kühnsten Voraussetzung keine geringe sein kann, mit Gewalt bekämpft, weil es notwendigerweise Revolution auf politischem, wirtschaftlichem und sozialen Gebiete zur Folge hätte. Selbst wenn der Kollektivismus auf Grund augenblicklicher außergewöhnlicher Ereignisse, wie dies in Frankreich möglich wäre, wo eine große Neigung dazu besteht, eingeführt würde, so könnte er dennoch nicht von Dauer sein. Er könnte nicht durchgeführt werden in der Praxis, höchstens dem Namen nach, während er so lange, als er selbst nur zum Teil oder dem Namen nach bestehen würde, außer allgemeinem sozialen Chaos Elend über alle Klassen bringen würde, noch größere Not, als sie jetzt herrscht."

Der Professor fährt fort, indem er Beweise für die Richtigkeit seiner Ansicht anführt, und er fragt: Würde der Kollektivismus Befriedigung bringen, wenn er wirklich irgendwie eingeführt würde? Er antwortet verneinend:

"Überall würde eine Schlaffheit hinsichtlich der Anstrengungen einsetzen, bei Erfindern, bei Organisatoren, bei Vorarbeitern, selbst bei den besseren Klassen der Arbeiter, wenn sie nicht durch besondere Belohnungen angeregt würden, ihre äußersten und besten Kräfte zu betätigen; binnen kurzem würde das Ergebnis der Entfernung der gegenwärtigen großen und weitreichenden Anregungen des Privatinteresses sein, dass die Produktion gewaltig verringert und minderwertig würde. Dann müsste man schließlich "Produktionsprämien" aussetzen, und solange die Menschen so bleiben, wie sie sind, und sie scheinen noch recht lange so zu bleiben, müssten diese Prämien ziemlich großzügig sein, mit anderen Worten, die Gleichheit des Verdienstes würde bei diesen höheren Arbeitern bald wieder geschwunden sein. Andernfalls würde Armut die Folge sein, an welcher nun alle Anteil haben würden, und die gewöhnlichen Arbeiter würden nur die armselige Genugtuung haben, dass die ehedem Reichen mit in ihre Armut hineingezogen sein würden."

Um den Niedergang der Zivilisation und die Rückkehr zum Barbarentum zu verhindern, fährt der Professor fort, würde es bald notwendig sein, die Ungleichheit der Löhne und private Unternehmungen wieder einzuführen. Allmählich müssten Wettbewerb, private Löhne, Handel, Gewinn usw. wieder eingeführt werden, und schließlich würde sich das neue System von dem alten kaum mehr merklich unterscheiden. Professor Graham sagt zum Schluss:

"Diese Dinge würden allmählich immer mehr wieder in die alten Bahnen gelenkt werden, bis schließlich die unvermeidliche Gegenrevolution einsetzen würde, wahrscheinlich, ohne dass ein neuer Bürgerkrieg notwendig wäre, denn zu einem solchen würde die Regierung angesichts des Abfallens ihrer Anhänger und des Fehlschlagens ihres Fanatismus nicht mehr den Mut haben. Die Folge wäre eine große Wiederherstellung, nicht der Herrscherhäuser, sondern des sozialen Systems, des alten Systems, welches auf den Grundlagen des Privateigentums stand, und das durch langsame Entwicklung in der Zivilisation aufgekommen ist. Unter den Umständen, die bei unserer jetzigen Zivilisation in physischer und sozialer Hinsicht herrschen, wäre es immer noch passender und notwendiger."

Wir sind der Meinung, dass für die Massen auf dem Wege des Kollektivismus schon sehr viel geschehen ist (man denke nur an die Volksschulen, den Weltpostverein, die Wasserwerke im Gemeindebesitz und dergleichen) und dass noch viel mehr in dieser Richtung getan werden könnte. Aber darin müssen alle verständigen Leute übereinstimmen, dass, wenn die Triebfeder der Selbstsucht, die jetzt die Welt in Bewegung erhält, beseitigt würde (durch Gleichmachung der Verhältnisse aller), es einer neuen Triebfeder bedürfte, um die Welt vor einem plötzlichen Stillstand zu bewahren, um zu verhindern, dass Müßiggang an die Stelle des Eifers, Mangel an die Stelle des Überflusses trete. Diese Triebfeder ist die Nächstenliebe.

Aber wir reden von diesen Schwierigkeiten nicht, weil wir ein sicheres Abhilfemittel eigener Erfindung dagegen anzupreisen haben, sondern damit die, welche nach der Weisheit von oben verlangen und sie in der Bibel suchen, die Hilflosigkeit der Menschheit der gegenwärtigen Krisis gegenüber um so deutlicher erkennen und ihr Vertrauen auf den Herrn und sein Hilfsmittel setzen mögen, welches er zu rechter Zeit anwenden wird.


In einer Ansprache an die Zöglinge der Rechtsfakultät der Yale-Universität behandelte Henry B. Brown, Mitglied des obersten Gerichtshofes der Union, das "zwanzigste Jahrhundert". Er wies darauf hin, dass die Reformen desselben weniger politischer als sozialer Natur sein werden, und bezeichnete alsdann als die drei größten Gefahren, welche die Union bedrohen, die Bestechlichkeit der Gemeindeverwaltungen, das Anwachsen der Syndikate und die Gewalttätigkeit der Arbeiter. Er sprach die Vermutung aus, dass nirgends (und niemals in der Vergangenheit) der Reichtum so große Macht verleiht wie in Amerika und so sehr missbraucht wird wie da. Wenn aber die Reichen sich über die allgemein gültigen Regeln der Ehrbarkeit hinwegsetzen, so können sie von denen, die ihnen widerstehen, nichts Besseres erwarten. Die Arbeiter ihrerseits vermöchten wohl mit Gewalt die Gesetze des Landes zu durchbrechen, und ihre und ihrer Arbeitgeber Häuser zu zerstören, aber gegen das Naturgesetz von Nachfrage und Angebot, welches ihnen bald Arbeit verschafft, bald sie zu feuern zwingt, sind sie machtlos. An eine Versöhnung der widerstreitenden Elemente ist gar nicht zu denken. Möglicherweise aber werde es dazu kommen, dass den Arbeitern eine Gewinnbeteiligung zuerkannt werde, die jeden bis zu einem gewissen Grad zum Kapitalisten machen würde. Dazu bedürfte es aber eines höher gebildeten, erfahrenen und intelligenteren Arbeiters, den vielleicht das 20. Jahrhundert hervorbringen werde.

Den Syndikaten möchte Brown durch Staats- und Gemeindemonopole begegnen für den Vertrieb der Naturprodukte, durch Ausdehnung einer schon jetzt vorhandenen Tendenz.

Brown spricht hier seine Meinung furchtlos aus: er ist als Mitglied des obersten Gerichtshofes auf Lebenszeit gewählt und mithin von den politischen Strömungen unabhängig. Er hat daher sicher alles, was er wusste, vorgebracht, als Vorschlag zur Abhilfe bei den Zuständen, die er beklagt. Aber was sind seine Vorschläge? Ein Stück Staatssozialismus, der auf einige Zeit allen Menschen, die Bankiers und Syndikatsmitglieder ausgenommen, Erleichterung verschaffen würde, nichts weiter, und dabei ist es auch noch fraglich, ob dieser Staatssozialismus den erwähnten Nutzen wirklich haben würde.


Zum Schluss möge noch eine Aufklärung aus Clemenceaus "Le Melée Sociale" hier Raum finden:

"Es wundert mich", schreibt der schriftgewandte Franzose, "dass die Menschheit Jahrhunderte des Nachdenkens und der Forschungen ihrer größten Geister bedurft hat, um zu entdecken, dass der Mensch stets mit seinem Nebenmenschen im Krieg lebte, und dass dieser Krieg seit der Schöpfung unaufhörlich geherrscht hat. Wahrlich, die Einbildungskraft vermag sich ein Bild von dem schrecklichen, blutigen, allgemeinen Schlachten gar nicht zu machen, welches auf der Erde herrscht, seit sie aus dem Chaos hervorgegangen ist.

"Die erzwungene Arbeit des Sklaven in Ketten, die freie Arbeit des bezahlten Arbeiters beruhen beide auf der gleichen Grundlage der Besiegung und Ausbeutung des Schwächeren durch den Stärkeren. Der Kampf scheint nur heute ein anderer; er ist genau so tödlich unter seinem mehr friedlichen Äußeren. Leib und Leben der anderen zum eigenen Nutzen zu brauchen, war je und je der Vorsatz der wilden Kannibalen, des Feudalherrn, des Sklavenbesitzers und des Arbeitgebers der Gegenwart.

"Der Hunger ist der Feind der Menschheit. Solange der Mensch denselben nicht besiegt, erscheinen alle Erfindungen nur wie eine Ironie über sein trauriges Los. Es ist gerade, als ob man einem Menschen Luxusartikel gäbe, während ihm gerade das Notwendige fehlt. Hunger ist ein Naturgebot, das grausamste von allen. Er zwingt den Menschen, sich abzumühen, ja, sich herunterzuarbeiten, um jeden Preis jenes höchste Gut oder Übel, genannt Leben, zu erhalten.

"Haben wir es nun in der Zivilisation soweit gebracht, dass wir uns eine gesellschaftliche Organisation vorstellen und eine solche herrichten können, in welcher der Tod durch Entbehrung und Hunger eine Unmöglichkeit wäre? Die Volkswirtschaftler antworten ohne Zaudern: Nein!"

Der Meinung des Herrn Clemenceau nach ist es die Pflicht des Staates, den Hunger abzuschaffen und das "Recht zu leben" anzuerkennen. Nicht nur aus Gründen der Gerechtigkeit, sondern auch der Klugheit sollte sich die Gemeinde der Unglücklichen und Unfähigen annehmen.

"Ist es nicht die Pflicht der Reichen, die Unglücklichen zu unterstützen? Der Tag wird kommen, da es allen Gemeinden unerträglich wird zu sehen, wie der eine vor Hunger stirbt, während der andere so viele Millionen hat, dass er nicht weiß, was er damit anfangen soll, in der Tat, dieser Anblick wird den Gemeinden so unerträglich werden, wie ihnen heute die Sklaverei wäre. Die Missstände des Proletariats sind keineswegs auf Europa beschränkt. Sie scheinen ebenso groß zu sein im "freien Amerika, dem Paradies jedes armen Elenden jenseits des Atlantischen Ozeans."

Dies ist die Ansicht eines Franzosen. Sie mag besagen oder auch nicht, dass die Verhältnisse in Frankreich noch schlimmer sind als in den Vereinigten Staaten.

Clemenceau sieht und bezeichnet deutlich die Mängel des gegenwärtigen Aufbaues der menschlichen Gesellschaft, aber er weiß keine Lösung anzugeben. Daher wirkt sein Buch nur wie ein Feuerbrand und stiftet nur vermehrte Unruhe. Es ist leicht, uns und andere unzufrieden zu machen. Aber alle Bücher, jeder Zeitungsartikel, die nicht gleichzeitig ein Heilmittel angeben oder die zuversichtliche Hoffnung auf die Möglichkeit, den gegenwärtigen Wirrnissen zu entrinnen, verkünden, blieben besser ungeschrieben und unveröffentlicht. Die Heilige Schrift aber bietet, Gott sei Dank, nicht nur lindernden Balsam, sondern sie zeigt auch die einzige, sichere Methode zur Heilung der Krankheit der Welt, bestehend aus Sünde, Selbstsucht und Tod. Der Arzt, der die Methode kennt, ist der große Mittler, der der Welt das Leben geben wird; und der Zweck, zu dem die Schriftstudien geschrieben wurden, ist gerade, darauf aufmerksam zu machen.

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Studie 10

Vorschläge zur Abhilfe

Verbot alkoholischer Getränke und Frauenstimmrecht. - Freisilber und Sperrzoll. - Kommunismus. - Anarchie. - Sozialismus oder Kollektivismus. - Beispiele von zwei sozialistischen Gemeinwesen. - Ausbildung der Arbeiter als ein Heilmittel. - Die sog. "einzige Steuer" oder "Freiland." - Andere Hoffnungen und Befürchtungen. - Die einzige Hoffnung, die "glückselige Hoffnung." - Was hat ein Kind Gottes zu tun? - In der Welt, aber nicht von der Welt.

"Ist kein Balsam in Gilead, oder kein Arzt daselbst?" "Wir haben Babel heilen wollen, aber es ist nicht genesen. Verlasset es und lasst uns ein jeder in sein Land ziehen; denn sein Gericht reicht bis an den Himmel." - Jer. 8:22; 51:7-9

Zahlreich und sehr verschiedenartig sind die Abhilfemittel, welche für die Erleichterung der seufzenden Schöpfung, in ihrer zugestandenermaßen schweren Lage, in Vorschlag gebracht werden, und alle, denen der Jammer derselben ans Herz greift, müssen die Anstrengungen achten, welche die verschiedenen Heilkünstler, nachdem sie das Vorhandensein des Übels erkannt haben, machen, um dem Kranken ihre Mittel anzupreisen. Diese Versuche, ein Mittel zu finden und anzuwenden, sind aller Ehre wert, und jedes fühlende Herz weiß sie wohl zu würdigen. Aber kühles Urteil und Erleuchtung durch das göttliche Wort belehren uns, dass keines der in Vorschlag gebrachten Mittel dem Übel abzuhelfen vermag. Es bedarf hierzu der Gegenwart des großen Arztes mit seinen Arzneien, Instrumenten und Verbänden; nur die wirksame und fortgesetzte Anwendung dieser wird die Krankheit - Verderbtheit und Selbstsucht - heilen. Dennoch wollen wir in dieser Studie diesen Vorschlägen unsere Aufmerksamkeit widmen, damit wir erkennen, wie einige derselben dem weisen Vorsatz Gottes scheinbar nahe kommen, während sie jedoch in Wirklichkeit weit hinter demselben zurückbleiben. Wir wollen diese Betrachtung nicht zum Zwecke unnutzer Diskussionen anstellen, sondern damit alle umso deutlicher die einzige Richtung erkennen, aus der uns Hilfe kommen kann.

Verbot alkoholischer Getränke und Frauenstimmrecht

werden meist gleichzeitig in Vorschlag gebracht, weil zugegeben wird, dass das erstere ohne Teilnahme der Frauen an der Abstimmung nicht erlassen werden kann. Die Befürworter dieses Heilmittels zeigen an Hand statistischer Tafeln, dass ein großer Teil des Elends und der Armut in der Namenchristenheit auf den Handel mit geistigen Getränken zurückzuführen ist, und meinen, wenn derselbe verboten würde, so wäre Friede und Wohlfahrt die Regel und nicht die Ausnahme.

Nun ist nicht zu leugnen, dass Trunksucht eine der schlimmsten Früchte der Zivilisation ist, ja, dass sie sich rasch unter halbzivilisierten und wilden Völkern ausbreitet. Könnte sie verhindert werden, wir wären herzlich froh. Wir geben sogar zu, dass ihr Verschwinden einem großen Teil des Elends unserer Tage vorbeugen und die Verschwendung von Hunderten von Millionen jährlich verhüten würde. Aber gegen die Selbstsucht und das Gesetz von Nachfrage und Angebot, welches den Massen das Blut auspresst, ist das Alkoholverbot machtlos.

Es sind nicht die ganz Armen, welche ihr Geld in Alkohol verschleudern, sondern die Reichen! Sie in erster Linie, und dann der sogenannte Mittelstand. Das Alkoholverbot wäre für die ganz Armen keine Erleichterung, sondern eine Erschwerung ihrer Lage. Tausende von Farmern, die jetzt ihre Produkte an Brennereien und Brauereien liefern, fänden dafür keinen Platz mehr, müssten andere Gewächse pflanzen und würden dadurch die Überproduktion vermehren und die Preise herabdrücken. Die Tausenden von Brennern, Flaschenfabrikanten, Glasbläsern, Wirten usw., welche jetzt vom Getränkehandel leben, würden verdienstlos auf den Arbeitsmarkt geworfen, wo sie durch Vermehrung des Angebots auf die Löhne drücken würden. Die vielen Millionen im Getränkehandel angelegten Kapitalien würden frei und in anderen Branchen den Konkurrenzkampf verschärfen.

Das alles sollte uns indes nicht abhalten, das Alkoholverbot zu wünschen, wenn sich eine Mehrheit dafür finden sollte. Das ist aber mit Ausnahme einzelner Ortschaften nicht denkbar. Die Mehrheit besteht aus Sklaven der Trunksucht und solchen, die daran ein finanzielles Interesse haben, direkt oder indirekt. Das Alkoholverbot wird kaum erlassen werden vor der Aufrichtung des Reiches Gottes. Sollte es aber durchgeführt werden, so würde es die soziale Krankheit doch nicht heilen können.

Freisilber und Sperrzoll

Wir geben ohne weiteres zu, dass die Abschaffung der Silberwährung durch die Namenchristenheit ein Meisterstreich der selbstischen Geschicklichkeit der Geldverleiher war, dazu bestimmt, die Vorräte vollwertigen Geldes zu verringern, um dadurch dasselbe umso preiswürdiger zu machen und den Zinsfuß auf der Höhe zu halten zu einer Zeit, da das gesteigerte Angebot die Preise aller anderen Waren und die Arbeitslöhne herabdrückte. Viele Bankiers und Gelddarleiher sind wohl dem Gesetz nach ehrliche Leute, aber der Maßstab für diese Ehrlichkeit ist zu kurz. Da heißt es einfach: Wir sehen für uns und lassen die anderen für sich sehen! Wir wollen die Armen und weniger Schlauen dadurch täuschen, dass wir Gold "ehrliches Geld" und Silber "unehrliches Geld" nennen. Viele unter den Armen wollen ehrlich sein und werden es daher mit dem "ehrlichen" Geld halten, welches freilich für die "Erntearbeiter" ein großer Schaden ist. Da wir uns des Ansehens und Zutrauens erfreuen, werden sie alles für Unrecht halten, was unseren Ansichten entgegen ist. Sie werden vergessen, dass zu allen Zeiten das Silber den Maßstab für die Bewertung der Ware abgegeben hat, und dass das Gold früher Ware war wie die Edelsteine, bis es schließlich neben dem Silber gemünzt wurde zur Vermehrung der Tauschmittel, bei dem fortgesetzten Ansteigen des Geschäftsverkehrs der Welt. Der Zinsfuß zeigt überall eine fallende Tendenz in den Mittelpunkten, wo sich das Geld anhäuft. Wie tief würde dieser Fall, wenn das reichlich vorhandene Silbergeld wieder vollwertig erklärt würde. Was uns noch fehlt, ist, dass auch die Banknoten verschwinden.

Unter der Herrschaft des Gesetzes von Nachfrage und Angebot hat jeder Geldbedürftige ein Interesse daran, dass reichlich Geld, Silber, Gold und Papier vorhanden ist; jeder Bankier und Gelddarleiher dagegen hat das Bestreben, das Papiergeld abzuschaffen und das Silber in Misskredit zu bringen. Denn je seltener das vollwertige Geld wird, um so begehrter wird es. So kommt es, dass dieses seinen Wert behält, während Arbeit und Ware im Preise sinken.

Die Weissagungen scheinen dahin zu deuten, dass das Silbergeld in der zivilisierten Welt nie mehr als vollwertig anerkannt wird. Würde dieses aber doch noch einmal geschehen, so wäre der Nutzen auch nur vorübergehend. Dieses würde den Silberländern Japan, China, Indien und Mexiko die Konkurrenz mit den Goldländern erschweren und den Farmern einige Erleichterungen bringen, aber kaum für länger als 5-10 Jahre. Gott scheint den bösen Tag nicht weiter hinausschieben zu wollen, und so wird die Selbstsucht der Menschen weiter herrschen und die Katastrophe beschleunigen, wie geschrieben steht: "Die Weisheit der Weisen wird zunichte werden, und der Verstand seiner Verständigen sich verbergen," und "ihr Silber und ihr Gold wird sie nicht erretten können am Tage des Grimmes Jehovas." - Zeph. 1:18; Hes. 7:19; Jes. 14:4-7; 29:14

Sperrzölle vermöchten, wenn mit Verstand angewendet, so dass sie der Entstehung der Monopole vorbeugen und alle natürlichen Hilfsmittel des Landes entwickeln, das Sinken der Arbeitslöhne etwas aufzuhalten, aber nicht ganz zu hindern. Sie sind eine schiefe Ebene, auf der es langsam, aber doch sicher abwärts geht bis zum völligen Sturz in den Abgrund. Die Konkurrenz würde in kurzer Zeit die Preise wieder ausgleichen.

Freisilber und Sperrzölle sind also keine Heilmittel, sondern nur Linderungsmittel!

Der Kommunismus

ist eine Organisation der Gesellschaft, bei welcher die Güter der Gesamtheit gehören, im Interesse der Allgemeinheit verwaltet werden, und der dabei erzielte Nutzen für die allgemeine Wohlfahrt verwendet wird, wobei jedem zuteil wird, was er bedarf. Rev. J. Cook sagt von demselben: "Der Kommunismus bedeutet die Abschaffung des Erbrechts, der Familie, der Nationalitäten, der Religion und des Eigentums."

Gewisse Züge am Kommunismus könnten wir empfehlen (etwa den Sozialismus), aber als Ganzes ist er undurchführbar. Er setzt vollkommene Menschen voraus, die nicht selbstische Herzen haben. Er würde alle zu Faulenzern machen, so dass die Menschheit schnell in Barbarei zurückfallen und dem Ruin entgegentreiben würde.

Auf den Einwand, der Kommunismus werde in der Bibel gelehrt (Apg. 2:44-47) und sei daher das wahre Heilmittel, haben wir seiner Zeit im "Wachtturm" eingehend beantwortet. Wir wiederholen hier den Artikel:

"Sie hatten alles gemein."

"Alle aber, welche glaubten, waren beisammen und hatten alles gemein; und sie verkauften die Güter und die Habe, und sie verteilten sie an alle, je nachdem einer irgend Bedürfnis hatte. Und indem sie täglich einmütig im Tempel verharrten und zu Hause das Brot brachen, nahmen sie Speise mit Frohlocken und Einfalt des Herzens, lobten Gott und hatten Gunst bei dem ganzen Volk." - Apg. 2:44-47

Dies war der eigene Antrieb in der ersten Kirche; die Selbstsucht räumte der Liebe und dem allgemeinen Interesse das Feld. Gesegnete Erfahrung! Zweifellos kommt ein ähnlicher Antrieb mehr oder weniger in der gleichen Weise über jedes wahrhaft bekehrte Herz. Als wir zu einer Erkenntnis der Liebe und Gnade Gottes gelangten, als wir uns dem Herrn und seinem Dienst völlig weihten und erkannten, was er uns zu geben hatte, nicht nur hinsichtlich des gegenwärtigen Lebens, sondern auch des zukünftigen, empfanden wir eine überströmende Freude, welche in allen Mitpilgern nach dem himmlischen Kanaan einen Bruder oder eine Schwester fand, von welchem wir vertrauten, dass sie mit dem Herrn verwandt und im Besitz seines Geistes waren; und wir waren geneigt, mit ihnen allen so zu handeln, wie wir mit dem Herrn gehandelt hätten, und alles mit ihnen zu teilen, wie wir alles mit unserem Herrn geteilt hätten. Und in vielen Fällen wurden wir durch einen rauen Anstoß zu der Erkenntnis aufgeweckt, dass weder wir noch andere dem Fleische nach vollkommen sind, und dass wir alle "den Schatz in irdenen Gefäßen" menschlicher Unvollkommenheiten tragen, ungeachtet dessen, wie viel wir vom Geist des Herrn besitzen mögen.

Dann erkannten wir nicht nur, dass wir mit den Schwächen anderer rechnen müssten, sondern auch, dass wir beständig über die eigenen zu wachen haben. Wir erkannten, dass wohl alle einen Anteil haben an dem Fall Adams, dass aber nicht alle in gleicher Weise oder in demselben Verhältnis gefallen sind. Alle sind aus dem Ebenbild Gottes und von dem Geist der Liebe gefallen zu dem Ebenbild Satans und seinem Geist der Selbstsucht hin, und wie sich die Liebe in verschiedener Weise äußert, so auch die Selbstsucht. Infolgedessen wirkte die Selbstsucht bei dem einen Behaglichkeit, Trägheit und Faulheit, bei dem anderen aber Energie, Arbeit um die Vergnügungen dieses Lebens, Selbstbefriedigung usw.

Unter den Selbstsüchtigen suchen manche Selbstbefriedigung im Ansammeln von Vermögen, andere im Streben nach Ehre bei den Menschen, andere in der Kleidung, andere in Reisen, andere in Ausschweifungen und in der niedrigsten und gemeinsten Form der Selbstsucht. Jeder, der zu dem neuen Leben in Christo gezeugt wurde, mit dem Geist der Liebe, findet, dass innerlich und äußerlich ein Kampf einsetzt, denn der neue Geist kämpft mit jeder Form der Selbstsucht und des Gesunkenseins, die uns früher beherrschte. "Die neue Gesinnung Christi" macht sich selbst geltend mit ihren Grundsätzen der Gerechtigkeit und Liebe, sie erinnert den Willen daran, dass er einem Bund zu dem Wechsel zugestimmt hat. Die Gelüste des Fleisches (die selbstsüchtigen Neigungen, was immer auch ihr Antrieb sein mag), argumentieren, unterstützt durch den äußeren Einfluss der Freunde, dass radikale Maßregeln nicht unternommen zu werden brauchten, dass ein solches Vorgehen töricht, unsinnig und unmöglich sei. Das Fleisch besteht darauf, dass der alte Weg nicht geändert werden kann, will aber leichte Verbesserungen zugestehen und nichts mehr so extrem tun wie früher.

Die Mehrzahl des Volkes Gottes scheint auf eine solche Teilhaberschaft einzugehen, die in Wirklichkeit die fortdauernde Herrschaft der Selbstsucht bedeutet. Andere aber bestehen darauf, dass die Gesinnung Christi die Herrschaft haben soll. Der einsetzende Kampf ist ein harter (Gal. 5:16, 17), der neue Wille sollte jedoch siegen, und das Ich mit seiner Selbstsucht und seinen gefallenen Wünschen sollte für tot gerechnet sein. - Kol. 2:20; 3:3; Röm. 6:2-8

Wird aber auf diese Weise der Kampf für immer beendet? Nein -

"Denk' nie, der Sieg sei dein,
Noch ruh, zufrieden schon,
Dein Kampf wird nicht vollendet sein,
Bis du erlangst die Kron'."

Ja, wir müssen täglich den Kampf erneuern, und wir müssen göttliche Hilfe erflehen und erhalten, damit wir unseren Lauf mit Freuden vollenden. Wir müssen unser Ich nicht nur überwinden, sondern wir müssen es auch unten halten, wie der Apostel sagt. (1. Kor. 9:27) Diese unsere Erfahrung, dass wir beständig auf der Hut sein und in uns den Geist der Liebe fördern müssen, ist auch die Erfahrung derjenigen, die in gleicher Weise "Christum angezogen" und seinen Willen zu dem ihrigen gemacht haben. Darum treffen die Worte des Apostels zu: "Darum kennen wir nun niemand (der in Christo ist) nach dem Fleische." Wir kennen diejenigen, welche in Christo sind, nach ihrer neuen Gesinnung, nicht nach ihrem gefallenen Fleisch. Wenn wir sehen, wie sie bisweilen oder in einem gewissen Grad Fehltritte begehen, und wenn wir dennoch bemerken, dass die neue Gesinnung um die Herrschaft ringt, so sind wir mit Recht geneigt, sie zu lieben wegen ihrer Bemühungen, nicht aber, sie wegen ihrer Fehltritte zu schelten, "indem wir auf uns selbst acht haben, damit nicht auch wir versucht werden" (von unserer selbstsüchtigen Natur, die Forderungen des vollkommenen Gesetzes der Liebe zu übertreten).

Darum raten uns das gesunde Urteilsvermögen, die Erfahrung und die Bibel, dass wir bei der "gegenwärtigen Not", da ein jeder alles zu tun hat, was er vermag, um den eigenen Leib unten zu halten und den Geist der Liebe herrschen zu lassen, sie Sache nicht durch das Vornehmen kommunistischer Experimente zu erschweren; jeder möge vielmehr tunlichst gerade Bahn machen für seine Füße, damit das, was an unserem Fleische lahm ist, nicht vom Wege abgewandt, sondern vielmehr geheilt werde.

Das gesunde Urteilsvermögen sagt uns, dass, wenn die Heiligen mit göttlicher Hilfe einen beständigen Kampf haben, um die Selbstsucht unten zu halten gegenüber der Liebe, eine gemischte Kolonie oder Kommune ganz gewiss nicht darin erfolgreich sein kann, sich selbst zu beherrschen durch ein Gesetz, welches dem Geiste der großen Mehrzahl der Bewohner völlig fremd ist. Es würde auch unmöglich sein, eine Kommune von ausschließlich Heiligen zu gründen, denn nur "der Herr kennt, die sein sind." Wenn nun tatsächlich eine solche Gemeinde Heiliger zusammengebracht werden könnte und mit dem Gemeinbesitz Gedeihen hätte, so würden alle Arten schlechter Menschen suchen, sich ihre Besitzungen anzueignen oder einen Anteil an ihnen zu haben. Selbst wenn diese Menschen dann mit Erfolg ausgeschlossen werden könnten, so würden sie allerlei Übles wider die Gemeinde reden, und so könnte das Unternehmen auch dann keinen wirklichen Erfolg haben.

Einige Heilige sind wie Kinder dieser Welt so tief in selbstsüchtige Lässigkeit hineingeraten, so dass ihnen durch nichts als die bittere Notwendigkeit geholfen werden könnte, "im Fleiße nicht säumig (zu sein, sondern) inbrünstig im Geiste, dem Herrn dienend." Andere wiederum sind so selbstsüchtig hochmütig, dass sie der Stöße und Schläge von Misserfolgen bedürfen, damit ihre Herzen schmelzen und liebreich werden, oder auch nur gerecht gegen andere. Beide Klassen würden bei den Kommunen die Zucht nicht finden, derer sie bedürfen.

Wären solche Kommunen der Herrschaft der Mehrheit überlassen, so würden sie auch bald auf den Boden der Mehrheit herabsinken; denn wenn die fortschrittliche, tätige Minderheit finden würde, dass durch Energie und Fleiß kein Erfolg zu erzielen ist über Unachtsamkeit und Müßiggang, so würde sie ebenfalls sorglos und faul werden. Wenn sie durch Organisationen von starkem Willen auf väterlichem Grundsatz geleitet würden, wie von Vertrauensleuten und Verwaltern, so würden die Erfolge in finanzieller Hinsicht wohl besser sein, die Massen würden aber, nachdem sie ihrer Verantwortung enthoben wären, zu Werkzeugen und Sklaven der Vertrauensleute herabsinken. So erscheint dem gesunden Urteilsvermögen der Individualismus mit seiner persönlichen Verantwortlichkeit als das beste Erziehungsmittel für intelligente Wesen, wenn es auch oftmals vielen, und bisweilen allen, das Leben sauer macht.

Wäre das Tausendjährige Reich auf Erden aufgerichtet, und hätten die für diese Zeit verheißenen göttlichen Regenten ihre Herrschaft angetreten, so würden sie gemäß unfehlbarer göttlicher Weisheit ihre volle Macht ausüben, nicht durch den Beifall der Mehrheit, sondern durch Gerechtigkeit, wie mit eiserner Rute regierend, dann könnte der Kommunismus gedeihen. Er wird dann wohl die beste Gesellschaftsform sein, die sicher der König der Kön. zu seiner Methode macht. Aber auf dieses warten wir. Uns fehlt die Weisheit und Macht einer so theokratischen Regierung, und darum beten wir: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel." Wenn einst dieses Reich Christi alle, die es wollen, zurückgebracht hat und alle Widerstrebenden vernichtet haben wird, dann, wenn die Liebe Gesetz auf Erden ist, wie jetzt im Himmel, dürften die Menschen die Gaben der Erde gemeinsam genießen wie die Engel die Güter des Himmels.

Vereinzelte Versuche, die in der Union mit kommunistischer Organisation gemacht worden sind, hatten keinen oder nur einen vorübergehenden Erfolg, was Weltweise nicht hindert, in der gleichen Richtung weiter zu suchen, auf eigene Weisheit bauend, indes Christen gemäß göttlicher Weisheit in anderer Richtung tätig sind, dem Gebote des Herrn gehorchend: "Gehet aus und verkündigt die frohe Botschaft!"

Die Bibel lehrt den Kommunismus auch nicht, soweit er über die Familie hinausgehen will. Es ist ja richtig, dass Gott die kommunistische Organisation der ersten Kirche zuließ, aber wohl, damit wir daran das Unweise der Methode erkennen möchten und damit nicht einige den Schluss daraus ziehen, die Apostel hätten aus Mangel an Weisheit oder Tatkraft nicht andere kommunistische Gemeinden gegründet.

Nicht ein Wort des Herrn oder der Apostel kann für den Kommunismus ins Feld geführt werden. Auch herrschte beim Kommunismus der ersten Gemeinde kein Zwang, wie die Geschichte von Ananias und Sapphira zeigt, über welche die Strafe erging, nicht wegen Vorenthaltung von Geld, sondern wegen ihrer Lüge, ihres Versuches, an Hab und Gut der anderen Anteil zu haben, ohne das ihrige ganz herzugeben.

Tatsächlich war die kommunistische Gemeinde in Jerusalem auch ohne Zwang ein Fehlgriff. "Es entstand ein Murren ..., weil ihre Witwen bei der täglichen Bedienung übersehen wurden." War auch die erste Kirche unter der Aufsicht der Apostel frei von Unkraut (Scheinweizen), so trugen doch alle ihre Glieder den neuen Geist, den Sinn Christi, in irdenen Gefäßen, die nicht lange miteinander auskommen konnten.

So überließen denn auch die Apostel die Besorgung der Geschäfte der Gemeinde bald anderen, um sich mehr der Verkündigung der guten Botschaft zu widmen. Merke dabei, dass Paulus hervorhebt, er habe den ganzen Ratschluss Gottes ausgelegt, dass er aber nirgends den Kommunismus vorschreibt. Mithin ist dieser kein Teil des Ratschlusses Gottes für dieses Zeitalter. Paulus hat vielmehr Vorschriften gegeben, die sich mit dem Kommunismus nicht vertragen, so zum Beispiel: dass jeder für das Seine sorge; dass die Christen jeweils am ersten Tag der Woche etwas für des Herrn Werk beiseite legen sollten im Verhältnis zum Segen, den der Herr auf ihre Arbeit gelegt hat; dass die Knechte ihren Herren gehorsam sein sollen, und zwar mit umso größerer Bereitwilligkeit, wenn der Herr selber ein Bruder in Christo ist; wie die Herren ihre Knechte behandeln sollen, sich dabei erinnernd, dass sie ihrem Herrn, Christo, darüber Rechenschaft geben müssen. (1. Tim. 5:8; 6:1; 1. Kor. 16:2; Eph. 6:5-9) Auch unser Herr selber hat keine kommunistische Gemeinschaft gegründet, noch dazu aufgefordert. Er hat vielmehr im Gleichnis gelehrt, dass nicht alle gleichviel besitzen, dass sich aber alle als Verwalter betrachten und ihre Sachen individuell besorgen und dafür verantwortlich sein sollen. (Matth. 25:14-28; Luk. 19:12-24; Jak. 4:13, 15) Sterbend empfahl Jesus seine Mutter seinem Jünger Johannes an, "und von der Stunde an nahm sie der Jünger in sein Haus." Dieser hatte mithin, so gut als Maria, Martha und Lazarus, ein Haus. Hätte der Herr eine Gemeinschaft gegründet, er würde wohl dieser seine Mutter empfohlen haben, und nicht dem Jünger Johannes.

Wie gezeigt wurde, ist die Bildung einer Gemeinschaft von Gläubigen dem Zweck des Evangeliums-Zeitalters zuwider. Das gegenwärtige Zeitalter ist bestimmt für die Verkündigung der guten Botschaft von Christo und für die Herauswahl eines Volkes für seinen Namen. Darum soll jeder Gläubige eine brennende Leuchte vor den Menschen, vor der Welt im allgemeinen, sein, nicht nur vor seinen Mitgläubigen. Darum ließ auch der Herr, nachdem er die Bildung der ersten Gemeinschaft zugelassen hatte, deren Mitglieder durch eine große Verfolgung zerstreuen (Apg. 8:1,4; 11:19) durch ganz Judäa und Samaria, und überall verkündeten sie nun die gute Botschaft. Das ist noch heute die Aufgabe des Volkes Gottes, als Lichter zu scheinen mitten in der Welt und nicht, sich in Klöstern und Gemeinschaften ein- und abzuschließen. Das verheißene Paradies kommt nicht durch solche Gemeinschaften. Solche zu bilden, ist nur ein Teil des Geistes unserer Zeit überhaupt, vor dem uns die Schrift zuvor gewarnt hat. So lesen wir in Psalm 37:7: "Vertraue still dem Jehova und harre auf ihn"; und in Lukas (21:36): "Wachet nun, zu aller Zeit betend, auf dass ihr würdig geachtet werdet, diesem allem zu entfliehen, was geschehen soll, und vor dem Sohne des Menschen zu stehen."

Anarchie ein Heilmittel?

Die Anarchisten fordern die Freiheit der Gesetzlosigkeit. Sie sind, wie es scheint, zu der Überzeugung gelangt, dass alle Versuche, die menschliche Gesellschaft zu organisieren, fehlgeschlagen haben, und sie wollen daher die Organisation der Gesellschaft zerstören, weiter nichts; an das Aufbauen denken sie gar nicht, das ist ein Ding für sich. In London wurde anlässlich einer Maifeier eine 16 Seiten starke Flugschrift verteilt, in welcher es unter anderem hieß:

"Der Glaube, dass es eine Autorität geben müsse, vor der man sich zu beugen hat, ist die Wurzel unseres Elends. Darum auf zum Kampf auf Leben und Tod gegen alle Autorität, die des Staates, die der Religion, einer Frucht jahrhundertslanger Unwissenheit und des Aberglaubens, die des Gesetzes! Fort mit dem Patriotismus, mit der Kriecherei vor Reichen und Mächtigen, mit einem Wort - Kampf gegen den ganzen Humbug, der dazu bestimmt ist, den Arbeitern zu imponieren und sie zu Sklaven zu machen. Die Arbeiter müssen natürlich die Autorität vernichten; die, welche aus derselben Nutzen ziehen, werden es ja nicht tun.

"Wir glauben nicht, dass der Staat je eine wohltätige Einrichtung sein wird. Ebenso gut könnte ein Wolf ein Lamm werden. Wir glauben nicht an die sozialistischen Träume von zentralisierter Produktion und Konsumtion; das wäre nichts als eine neue, verschlechterte Auflage des Staates, wie er jetzt ist, mit gesteigerter Autorität, eine wahre Ungeheuerlichkeit von Tyrannei und Sklaverei. Wir wollen gleiche Freiheit für alle. Die Fähigkeiten und Neigungen aller sind verschieden. Jeder weiß am besten selber, was er kann, und wessen er bedarf. Gesetze und Verordnungen sind Fesseln und erzwungene Arbeit ist nie eine Freude. Im Anarchistenstaat wird jeder tun, was ihm am besten gefällt, und seine Bedürfnisse aus den gemeinsamen Vorräten befriedigen."

Man sollte glauben, dass selbst der Einfältigste und Unerfahrenste solche Vorsätze als direkten Unsinn erkennen könnte, die nichts sind als ein Zähnefletschen der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Aber die durch die Selbstsucht geschaffenen Zustände stoßen Tausende in diese Hoffnungslosigkeit und äußerste Verzweiflung hinein!

Sozialismus oder Kollektivismus

bezweckt den Betrieb aller Industrie durch den Staat und eine annähernd gleichmäßige Verteilung des Ertrages des Bodens und der Arbeit nach dem Motto: "Jedem gemäß seinem Tun." Folgende interessante Statistiken entnehmen wir dem Artikel

"Sozialer Aufbau"
von dem Rechtsgelehrten E. D. Babbit, New Jersey:

"Achtundsechzig Staaten sind Selbstbesitzer ihrer Telegraphenanlagen. Vierundfünfzig Staaten sind ganz oder teilweise Eigentümer ihrer Bahnen, während es neunzehn, darunter die Vereinigten Staaten, nicht sind.

"In Australien kann man 1.000 Meilen (1. Klasse) durch das Land reisen für 5,50 Dollar, oder sechs Meilen für 2 Cent, und die Eisenbahnbeamten erhalten dort für eine achtstündige Arbeitszeit mehr Lohn als die Beamten bei zehnstündiger Arbeitszeit in den Vereinigten Staaten. Verarmt dadurch das Land? In Victoria, wo diese Fahrpreise und Löhne eingeführt sind, war der Reingewinn im Jahre 1894 groß genug, um dadurch die Bundessteuern zu bezahlen.

"In Ungarn sind die Eisenbahnen Staatseigentum. Man kann dort sechs Meilen reisen für 4 Pfennige, und seitdem die Regierung die Eisenbahnen angekauft hat, haben sich die Löhne verdoppelt.

"In Belgien sind die Fahr- und Frachtpreise auf die Hälfte herabgesetzt, die Löhne aber verdoppelt worden. Trotzdem bringen die Eisenbahnen dem Staat jährlich 16 Millionen Mark ein.

"In Deutschland kann man auf der Staatseisenbahn vier Meilen für vier Pfennig reisen, während die Löhne der Angestellten um 120 Prozent höher sind als früher. Hat sich ein solches System schädlich gezeigt? Nein. Während der letzten zehn Jahre haben die Reingewinne um 41 Prozent zugenommen. Im letzten Jahr (1894) brachten die Eisenbahnen dem deutschen Staat einen Reingewinn von 100 Millionen Mark.

"Man hat schätzungsweise gesagt, dass durch Verstaatlichung der Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten Milliarden von Dollars dem Volke gespart und die Löhne der Angestellten verbessert würden. Anstatt 700.000 müssten dann wenigstens zwei Millionen angestellt werden.

"Berlin, Deutschland, wird die sauberste, bestgepflasterte und bestverwaltete Stadt der Welt genannt. Dort sind die Gaswerke, die Elektrizitätswerke, die Wasserwerke, die Straßen-, Untergrund- und Hochbahnen, die Telefonanlagen und selbst die Feuerversicherung städtisch. Auf diese Weise erzielt die Stadt abzüglich aller Unkosten einen Reingewinn von fünf Millionen Mark. In Berlin kann jeder Einwohner jeden Tag, so oft er will, fünf Meilen fahren, was ihm das ganz Jahr nur 18,- Mark kostet, wohingegen zwei Fahrten täglich auf der Hochbahn in New York im Jahr 146,- Mark (36,50 Dollar) kosten würden.

"Herr F.G.R. Gordon hat in dem "Twentieth Century" Statistiken veröffentlicht über die Lichtverhältnisse in verschiedenen Städten Amerikas, und er stellt fest, dass der Jahrespreis für Bogenlicht durchschnittlich 208,50 Mark (52,12 1/2 Dollar) beträgt, wenn die Anlagen städtisch verwaltet werden. Der durchschnittliche Preis, der an Privatgesellschaften gezahlt wird durch verschiedene Städte, beträgt 420,52 Mark (105,13 Dollar), oder etwas mehr als das Doppelte von dem, was er betragen würde, wenn die Städte selbst die Anlagen betreiben würden.

"Der durchschnittliche Preis eines Telegramms betrug in Amerika im Jahr 1891 1,30 Mark (32 1/2 Cent). In Deutschland, wo die Telegraphenanlagen staatlich sind, werden Nachrichten, die zehn Worte umfassen, für 25 Pfennig nach allen Teilen des Landes gesandt. Den größeren Entfernungen und den höheren Löhnen in Amerika entsprechend, müssten wahrscheinlich 25 bis 90 Pfennig, je nach der Entfernung, bezahlt werden. Wie vorteilhaft es ist, dass die Stadtverwaltungen selbst für Gas, Wasser, Kohle und Straßenbahnen sorgen, haben Birmingham, Glasgow und andere britische Städte gezeigt."

Alles das ist gut und schön, antworten wir. Gleichwohl wird kein vernünftiger Mensch behaupten wollen, dass sich die Armen in Europa des Millenniums-Segens erfreuen mit ihren sozialistischen Theorien. Kein Mensch, der über den Gegenstand unterrichtet ist, wird behaupten, dass die europäischen Arbeiter es gleich angenehm haben, wie die Arbeiter in den Vereinigten Staaten im allgemeinen. Amerika ist noch immer das Paradies der Arbeiter, und es werden jetzt Gesetze erlassen, die verhindern sollen, dass noch Tausende hinzukommen, um an diesem Paradies einen Anteil zu haben.

Während wir uns aber freuen, dass der Zustand der Armen in Europa gebessert worden ist, wollen wir nicht vergessen, dass die Nationalisierungsbewegung in allen Ländern, ausgenommen Großbritannien, nicht aus der größeren Weisheit seitens des Volkes resultiert, auch nicht aus dem Wohlwollen oder der Gleichgültigkeit der Reichen, sondern aus einer anderen Ursache, die sich in den Vereinigten Staaten nicht wirksam erweist - sie wird von den Regierungen selbst unternommen. Sie haben von diesen Anlagen Besitz ergriffen, um zu vermeiden, dass sie bankrott machen. Sie haben ungeheuere Ausgaben bei der Unterhaltung von Armeen, Flotten, Festungen usw. und brauchen eine Quelle, aus welcher sie Einnahmen schöpfen können. Die billigen Fahrpreise haben den Zweck, das Volk bei guter Laune zu erhalten und auch Geschäfte zu machen, denn wenn die Fahrpreise nicht niedrig wären, so könnten die Vielen, welche nur geringe Löhne haben, nicht reisen. Die Eisenbahnwagen vierter Klasse in Deutschland waren früher ganz einfach und ohne Sitzgelegenheit.

Angesichts dieser Tatsachen wollen wir uns nicht der Täuschung hingeben, dass solche Maßnahmen das Arbeiter-Problem zu lösen oder den Zustand auch nur für mehr als sechs Jahre zu bessern vermöchten.

Wir haben Grund zu der Annahme, dass der Sozialismus während der kommenden zehn Jahre großen Fortschritt machen wird. Oft wird er aber nicht weise und mäßig sein. Der Erfolg wird manche seiner Verteidiger berauschen, während sein Fehlschlag andere zur Verzweiflung bringen wird, und als Folge wird die Ungeduld Unheil bewirken. Der Kapitalismus und der Monarchismus sehen in dem Sozialismus einen Feind, und sie brandmarken die Bewegung in der öffentlichen Meinung. Obgleich die Namenkirche voll ist von Scheinweizen, so ist sie doch ein wichtiger Faktor in dem Falle, denn sie beherrscht und überwacht die mittleren Klassen, in deren Hand sich der Ausgleich der Macht zwischen den oberen und den unteren Klassen befindet. Diesen mittleren Klassen ist der Sozialismus bisher falsch dargestellt worden, da die Freunde desselben noch dazu im allgemeinen Ungläubige waren. Die Herrscher, die Kapitalisten und die Geistlichen werden mit wenigen Ausnahmen die ersten Extreme des Sozialismus benutzen, um den Sozialismus anzugreifen und zu brandmarken.

Wir können uns nur freuen, wenn wir sehen, wie die Grundsätze der Gleichheit belebt werden, wenn auch nur vorübergehend und teilweise. Alle, deren Interessen dabei in Frage kommen, sollten weitherzig sein und einen Teil ihrer persönlichen Vorteile dem Allgemeinwohl opfern.

Wie bereits angedeutet, wird die Bewegung durch die vereinte Macht von Kirche, Staat und Kapital unterdrückt werden und späterhin zu dem großen Ausbruch der Anarchie führen, in welcher, wie die Heilige Schrift uns sagt, alle gegenwärtigen Einrichtungen erschüttert werden; "es wird eine Zeit der Drangsal sein, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht."

Selbst wenn der Sozialismus freie Bahn finden würde, so würde die Erleichterung, welche er bieten könnte, nur vorübergehend sein, solange die Selbstsucht in den Herzen der Menschheit herrscht. Er würde die Intelligenteren nicht verhindern, den Rahm von der Milch abzuschöpfen. Solange das Volk einen Grundsatz anerkennt und verehrt, wird es sich demselben anpassen, darum könnte der Sozialismus wohl in seinem Anfangsstadium verhältnismäßig rein sein, und seine Vertreter und Beamten könnten zuerst treue Diener der Allgemeinheit sein. Wenn der Sozialismus aber erst volkstümlich sein würde, so würden sich diejenigen, die sich ihm jetzt widersetzen, mit der neuen Ordnung abfinden, ans Ruder zu gelangen suchen und wie ehedem die Gesamtheit zu ihren eigenen Zwecken ausnützen. Kommunisten und Nationalisten sehen, dass die Selbstsucht Gerechtigkeit und Wahrheit so lange verdrehen und entstellen wird, als Unterschiede hinsichtlich der Vergütungen gemacht werden, und dass sie, um den Stolz und die Ehre zu befriedigen, alle Schranken gegen die Armut, welche Menschen errichten können, zu übersteigen sucht. Um diesen Übelständen abzuhelfen, schreiten sie zu ihren undurchführbaren Forderungen; diese sind undurchführbar, weil die Menschen Sünder sind und nicht Heilige, selbstsüchtig, aber nicht liebevoll.

Herbert Spencer, der berühmte englische Philosoph und Wirtschaftspolitiker, schrieb, als er hörte, dass der italienische Sozialdemokrat Ferri seine Theorien teile: "Die Behauptung, dass irgendeine meiner Ansichten den Sozialismus begünstigen soll, ärgert mich. Ich glaube, dass das Aufkommen des Sozialismus das größte Unheil ist, das die Welt jemals sah."

Wir geben nachfolgenden Auszug aus dem "Literary Digest" wieder, welcher zeigt, dass die sozialistischen Grundsätze nicht von Bestand sein können, wenn sie nicht durch irgendeine Art von Macht aufrecht erhalten werden; so stark ist die Selbstsucht der Menschen.

"Zwei sozialistische Gemeinwesen"

"Zwei praktische Versuche des Sozialismus lenken die Aufmerksamkeit der Erforscher sozialer Wirtschaftspolitik im Ausland auf sich. In beiden Fällen benehmen sich die Gründer der sozialistischen Gemeinwesen ziemlich gut, eine der beiden ist sogar ziemlich gedeihlich. Der Versuch, den sozialistischen Theorien zu entsprechen, hat sich aber in beiden Fällen als unmöglich erwiesen. Die ursprünglichen Kommunisten sind zu Methoden zurückgekehrt, die sich kaum von den bürgerlichen der Umgebung unterscheiden. Vor etwas mehr als zwei Jahren wanderte eine Gesellschaft australischer Arbeiter nach Paraguay aus, wo sie Land erwarben, welches sich für Farmer eignet, die keine großen landwirtschaftlichen Maschinen zur Verfügung haben. Sie waren des Lebens der Lohnsklaverei, welches in seiner harten Arbeit nur durch die Not des unfreiwilligen Müßigganges abgewechselt wurde, müde. Sie nannten ihre Niederlassung Neu-Australien und hofften, sie zu einem Utopien für Arbeiter machen zu können. Das britische Auswärtige Amt brachte im letzten amtlichen Bericht eine kurze Beschreibung dieser Bewegung, die viele veranlasst hatte, Australien, das Eldorado der Arbeiter, mit Südamerika zu vertauschen. Wir entnehmen dem Berichte folgendes:

"Das Ziel der Kolonie wurde in der Verfassung niedergelegt, von der ein Artikel folgendermaßen lautete: "Wir suchen ein Gemeinwesen zu gründen, in dem alle Arbeit zum Nutzen eines jeden Mitgliedes verrichtet werden soll, und in welchem es unmöglich sein soll, dass einer den anderen tyrannisiert. Es wird die Pflicht eines jeden einzelnen sein, das Wohl des Gemeinwesens stets als höchstes Ziel zu betrachten, so einen Grad von Bequemlichkeit, Glück und Bildung sichernd, der unmöglich ist in einer Gesellschaft, in der niemand sicher ist, dass er nicht verhungert."

"Dieses Ideal wurde nicht verwirklicht. Fünfundachtzig der Kolonisten wurden bald der Einschränkungen überdrüssig, welche ihnen durch die Mehrheit auferlegt wurden, und sie weigerten sich zu gehorchen. Aus Australien neu Ankommende füllten die Lücke aus, welche durch die Absonderung der fünfundachtzig entstanden war. Die neu Angekommenen aber waren bald unzufrieden mit dem Führer der Bewegung und wählten einen neuen, einen eigenen, so dass aus der einen Kolonie drei Parteien entstanden waren. Die gleiche Verteilung des Ertrages der Arbeit machte einige der Arbeiter unzufrieden, welche im Gegensatz zu der sozialistischen Regel einen Anteil verlangten, der der von ihnen verrichteten Arbeit entsprach. Die strikte Durchführung der Statuten wurde weiterhin die Ursache von Unzufriedenheit, besonders dadurch, weil bei Übertretung der Ausschluss ohne Rückvergütung des zugesteuerten Kapitals angedroht war. Die Kolonie war im Begriffe zusammenzubrechen, als es dem ursprünglichen Führer gelang, sich von der Regierung von Paraguay zum Statthalter machen zu lassen und sich mit einer Polizeimacht zu umgeben, welche nun statt des sozialistischen Statuts für Ordnung sorgte. Jetzt besteht nun Hoffnung, dass die Kolonie gedeihen wird, die sozialistischen Grundsätze sind aber aufgegeben worden."

Die Erfahrungen, welche die Bergarbeiter von Monthieux bei St. Etienne machten, sind etwas anders. In ihrem Falle war es das Aufblühen, welches die sozialistischen Theorien beiseite setzte. Die Berliner "Gewerbezeitung" beschreibt ihre Geschichte wie folgt:

"In Monthieux bei St. Etienne ist eine Grube, welche von der Gesellschaft, die sie einige Jahre innegehabt hatte, aufgegeben wurde, worauf die Bergleute entlassen wurden. Da letztere keine Aussicht hatten, in der Nachbarschaft Arbeit zu finden, baten die Bergleute die Gesellschaft, sie möchte ihnen die Grube übergeben, und da die Gesellschaft glaubte, die Grube würde sich ja doch nicht bezahlt machen, willigte sie ein. Die Bergleute hatten keine Maschinen, sie arbeiteten aber mit einem guten Willen, und es gelang ihnen, neue Adern zu entdecken. Sie machten fast übermenschliche Anstrengungen, und es gelang ihnen, genug zu sparen, so dass sie Maschinen kaufen konnten. Die aufgegebene Grube wurde nun zu einer Quelle großen Reichtums für die neuen Besitzer. Die früheren Besitzer bemühten sich nunmehr, die Grube wieder in Besitz zu nehmen, sie verloren aber ihren Prozess, und die Zeitungen der Arbeiter versäumten natürlich nicht, den Geiz der Kapitalisten dem Edelmut der Arbeiter gegenüberzustellen, welche den Ertrag ihrer Arbeit gleichmäßig untereinander verteilten. Die Minen von Monthieux wurden als Beispiel des Triumphes des Kollektivismus über die Ausbeutung durch Privatkapital gepriesen.

"Inzwischen vergrößerten die Bergleute ihren Wirkungskreis, so dass sie die Arbeit nicht mehr ohne andere Hilfe verrichten konnten. Andere Bergleute wurden herbeigerufen, und sie taten ihr Bestes, um das Werk zu fördern. Die Bergleute aber, welche die Grube lohnend gemacht hatten, weigerten sich nun, auch den Neueingetretenen gleichen Anteil zu bewilligen. Sie wussten, dass der Schatz, der unter ihren Füßen lag, durch fast übermenschliche Anstrengungen ihrerseits entdeckt worden war, sie hatten sozusagen aus Nichts ein Etwas gemacht, warum sollten sie denn nun die Früchte ihrer Arbeit mit anderen teilen, die zwar immer gearbeitet hatten, aber nicht bei ihnen? Warum sollten sie denn neuen Kameraden von der Ernte geben, welche sie nicht gepflanzt hatten? Die neuen Bergleute sollten gut bezahlt werden, besser als in anderen Gruben, aber sie sollten nicht Miteigentümer werden. Und als die Neugekommenen eine Störung verursachten, holten die "kapitalistischen" Arbeiter die Polizei und ließen sie aus ihrem Beratungszimmer hinauswerfen."

Der Nationalismus als Heilmittel

Der Nationalismus ist eine Theorie, die vor kurzer Zeit neben dem Sozialismus aufgekommen ist. Er verlangt, dass die gesamte Industrie durch die Nation betrieben werden soll, auf der Grundlage gemeinsamen Arbeitszwanges und einer allgemeinen Garantie des Unterhalts. Alle Arbeiter sollen gleichviel arbeiten und gleichviel verdienen.

Der Nationalismus behauptet:

"Die Verbindungen, Trusts und Syndikate, über welche sich das Volk jetzt so beschwert, beweisen die Durchführbarkeit unserer Grundsätze. Wir wollen ihren Grundsatz nur ein wenig erweitern und veranlassen, dass alle Industriezweige zum Gemeinwohl von der Nation - dem organisierten Volk - der organisierten Einheit des gesamten Volkes - betrieben werden.

"Das gegenwärtige industrielle System beweist selbst, dass es unrecht ist, durch das vielseitige Unrecht, welches es bewirkt; es beweist selbst, dass es absurd ist, wegen der Vergeudung von Energie und Materie, welche es zugestandenermaßen im Gefolge hat. Gegen dieses System erheben wir Protest; für die Abschaffung der Sklaverei, die es bewirkt hat, setzen wir unsere besten Kräfte ein."

Einige der Punkte, welche bei beiden zu rühmen sind, haben wir schon bei der Behandlung von Sozialismus und Kollektivismus betrachtet. Als Ganzes ist der Nationalismus jedoch völlig undurchführbar. Wir haben gegen dieses System im allgemeinen dieselben Einwände zu machen wie gegen den Kommunismus. Obgleich der Nationalismus nicht wie der Kommunismus die Vernichtung des Geschlechts in direkter Weise bedroht, so würde seine Neigung doch sicherlich nach derselben Richtung gehen. Unter seinen Verteidigern gibt es viele weitherzige, menschenfreundliche Seelen, von denen manche ohne Hoffnung auf persönlichen Vorteil mitgeholfen haben, Kolonien zu gründen, die als Beispiel der Grundsätze des Nationalismus dienen sollten. Manche derselben sind als vollständige Fehlschläge zu bezeichnen gewesen, und selbst diejenigen, welche Erfolge zu verzeichnen hatten, mussten der Außenwelt gegenüber ihre nationalistischen Grundsätze verleugnen, und, wie zu erwarten war, haben sie alle beträchtliche innere Reibungen gehabt. Wenn die Heiligen Gottes mit "einem Herrn, einem Glauben und einer Taufe" finden, dass es schwer ist, die "Einheit des Geistes in dem Bande der Liebe" zu bewahren, und wenn sie der Ermahnung bedürfen, einander zu tragen in Liebe, wie könnte man da erwarten, dass gemischte Gesellschaften, die kein solches Band zu besitzen behaupten, Erfolg darin haben, den selbstsüchtigen Geist der Welt, des Fleisches und des Teufels zu überwinden?

In den Vereinigten Staaten haben sich einige Kolonien, welche auf nationalistischer Grundlage aufgebaut worden sind, in den letzten Jahren als Fehlschläge erwiesen. Eine der Kolonien, welche sich letzthin so zeigte, war die Altruria-Kolonie in Kalifornien, die Rev. E. V. Payne mit dem Grundsatz "Einer für alle, alle für einen," gegründet hatte. Sie hatte insofern große Vorteile vor anderen Kolonien, dass sie nur aus ausgewählten Mitgliedern, nicht aus allen Hinzudrängenden, gebildet wurde. Der Gründer legt die Ursachen, weshalb sich die Kolonie auflöste, in dem "Examiner" San Francisco, vom 10. Dezember 1896, dar. Er sagt:

"Die Altruria-Kolonie war nicht von Anfang an ein Fehlschlag; - wir zeigten, dass Vertrauen, guter Wille und Aufrichtigkeit, die eine Zeitlang herrschten, ein glückliches Gemeinschaftsleben bewirken und andererseits, dass Argwohn, Neid und selbstsüchtige Beweggründe die menschliche Natur verteuflischen und das Leben unerträglich machen. - Wir hörten auf, einander zu vertrauen und einander so zu betrachten, wie zu Anfang, wir verfielen vielmehr wieder auf die Methoden, die in der Welt üblich sind."

Was manche Menschen durch Erfahrung lernen, erkennen andere durch ihre Folgerungen, die sich auf eine Kenntnis der menschlichen Natur stützen. Jeder, der eine Lektion darüber lernen möchte, wie fruchtlos derartige Hoffnungen sind, solange die Selbstsucht die Herzen der Menschen beherrscht, kann auf billige Weise Erfahrungen machen, indem er sich für eine Woche in eine zweit- oder drittklassige Pension einmietet.

Allgemeinbildung der Arbeiter als Heilmittel

Im "Forum" erschien kürzlich ein Artikel, in welchem sich Henry Holt zu zeigen bemühte, dass es notwendig sei, die Arbeiter in einem Dutzend verschiedener Handwerksberufe auszubilden. Dies möchte wohl für einzelne eine Zeitlang von Hilfe sein, es ist aber offenbar, dass auf eine solche Weise das Problem nicht gelöst werden kann. Es ist schlimm genug, dass Weber und Schuhmacher müßig sein müssen, während Pflasterer und Maurer arbeiten können. Welches würde aber die Folge sein, wenn auch erstere pflastern und mauern könnten? Der Wettbewerb in allen Zweigen würde vergrößert werden. Herr Holt verfährt aber richtig mit zwei umfassenden Wahrheiten, hinsichtlich deren Bildung notwendig ist. Er sagt:

"Die einfachere der beiden Wahrheiten ist die unvermeidliche, wenn auch grausame, ich meine die natürliche Auswahl. Ich sage nicht, dass sie gerecht sei. Die Natur weiß nichts über Gerechtigkeit. Ihre Maschinerie arbeitet in unerbittlicher Weise in der Richtung harter Verhältnisse. Es ist wahr, sie hat in uns die Intelligenz entwickelt, so dass wir in bescheidenem Maße ihren Lauf beeinflussen können, und beim Gebrauch dieser Intelligenz entwickelt sich in uns der Sinn für Gerechtigkeit. Wir können sie aber nur in den ihr passenden Kanälen leiten, sonst würden sie überflutet werden. Nun gibt es keinen Lauf, der deutlicher bezeichnet wäre, als die natürliche Auswahl, und in der Ausübung unserer geringen Freiheiten und unserer Stimmrechte sind wir niemals so weise, als wenn wir auf dieselbe stoßen. Wir sind aber weit eher geneigt, einen Aufwiegler vorzuziehen, weil wir dann zu leiden haben. Der Sozialismus beabsichtigt, die Gefahr dieses Leidens auf das Gebiet der Produktion zu übertragen. Die Führer in der Industrie werden jetzt durch die natürliche Auswahl gewählt, mit höchstens geringen Ausnahmen durch Erbschaft, welche Ausnahmen sich aber schnell wieder selbst heilen; wenn der Sohn nicht Befähigung ererbt, wird er bald nicht mehr überleben. Bei zunehmender Freiheit des Wettbewerbs und beim Zunehmen der Gelegenheiten für einen intelligenten Menschen, der kein Kapital besitzt, solches zu leihen, ist es aber eine Tatsache, dass die Industrie jetzt durch die natürliche Auswahl geleitet wird. An Stelle dessen sucht die Sozialdemokratie die künstliche Auswahl einzuführen, und zwar durch öffentliche Abstimmung. Eine allgemeine Erkenntnis der Überlegenheit des natürlichen Weges würde diese Torheit heilen.

"Die andere Wahrheit, welche schwer verständlich dargelegt werden kann, von der man sich aber doch einen Begriff bilden kann, ist die bedeutsamere. Sie ist schwierig, weniger, weil sie etwas vorherige Bildung voraussetzt, als vielmehr, weil sie seit Jahrtausenden durch Dogmen bekämpft wurde und noch immer bekämpft wird. Den meisten, die dieses lesen, wird dies als seltsam erscheinen, wenn ich diese Wahrheit in den gebräuchlichen Ausdruck kleide: Die allumfassende Herrschaft des Gesetzes. Dennoch ist es wahr, dass viele Menschen, welche denken, dass sie daran glauben, täglich bitten, dass ihnen eine Ausnahme bewilligt werden möchte. Die Menschen im allgemeinen - und die Gesetzgeber im allgemeinen - würden in Sachen der Physiologie nach einem Doktor oder in Sachen der Maschinerie nach einem Ingenieur, in Sachen der Chemie nach einem Chemiker senden, und man würde der Meinung dieser Leute in kindlichem Glauben folgen; in Sachen der Wirtschaftspolitik will man aber keine andere Anschauung gelten lassen als die eigene. Man ahnt im allgemeinen nicht, dass solche Angelegenheiten Gesetzen unterworfen sind, genau wie die physikalischen, dass zum Auffinden dieser Gesetze oder zum Erlernen der schon gefundenen ebenso gut ein besonderes Studium notwendig ist, und dass es eben solches Unheil bringt, wenn man ihnen in Unwissenheit entgegengesetzt vorgeht, als in Eigensinn.

"Der Arbeiter bedarf daher nicht nur der Bildung durch Gewerbeschule und der Belehrung über gewisse wirtschaftliche Tatsachen, sondern auch derjenigen Art von Belehrung in Wissenschaft und Geschichte, welche ihm einen Begriff über das natürliche Gesetz verleiht. Auf der so geschaffenen Grundlage könnte eine Vorstellung über das Herrschen dieses Gesetzes in der materiellen und sozialen Welt verschafft werden, sowie auch eine gewisse Erkenntnis dessen, dass das menschliche Gesetz fruchtlos ist, oder noch schlimmer, wenn es nicht durch sorgfältiges Studium und vorsichtige Versuche dem natürlichen Gesetze angepasst ist. Dann würde man auch glauben, dass kein menschliches Gesetz den Ungeeigneten überleben lassen kann, außer durch Aufwand von Seten eines anderen, und dass sie einzige Möglichkeit, ihn überleben zu lassen, darin liegt, ihn geeignet zu machen."

Ja, es ist wahr, dass diese beiden Gesetze in unserem gegenwärtigen sozialen System herrschen, und es sollte jeder lernen, dass es außerhalb des Bereiches der menschlichen Macht liegt, diese Gesetze der Natur zu ändern, und dass die Menschen daher nichts weiter tun können, als ein wenig daran herumzuflicken und vorübergehende Verbesserungen zu schaffen. Die neuen und ersehnenswerten Gesetze, die für eine vollkommene und ideale Gesellschaftsordnung notwendig sind, werden zu ihrer Einführung übernatürlicher Macht bedürfen. Darum lasst uns in Gottseligkeit und in Genügsamkeit warten auf das Reich Gottes und zu beten fortfahren: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel."

Die sogenannte "einzige Steuer" oder "Freiland"

Henry George entwarf einen Plan von nicht zu verkennendem Wert, zweifellos darum, weil er die Wirkungen des Kommunismus, des Sozialismus und des Nationalismus voraussah. Sein Vorschlag ist bekannt als "die einzige Steuer" oder als "Freiland." Man kann sagen, dass er in gewisser Hinsicht das Gegenteil des Sozialismus darstellt. In vielen bedeutsamen Zügen ist er dem Individualismus gleich. Er überlässt die Quellen dem einzelnen gemäß seinem Charakter, seinen Anstrengungen und seiner Umgebung, ausgenommen insofern, als er jedem ein unveräußerliches Recht auf Anteil an den allgemeinen Segnungen des Schöpfers - Luft, Wasser und Land - vorbehält. Er beabsichtigt wenig direkte Änderungen des gegenwärtigen sozialen Systems. Mit der Behauptung, dass die gegenwärtige Ungleichheit des Vermögens, soweit sie schädlich wirkt, völlig das Ergebnis des Privatbesitzes von Land ist, schlägt diese Theorie vor, das gesamte Land wieder zum Eigentum des ganzen Geschlechtes Adams zu machen; auf diese Weise würden sich die Missstände des gegenwärtigen sozialen Systems bald selbst ausgleichen. Sie schlägt vor, die Wiederverteilung des Landes unter das menschliche Geschlecht nicht vorzunehmen durch Aufteilung dem Verhältnis nach, sondern indem man alles als einen großen Staat betrachtet. Jeder erhielte dann von dem, was er jetzt besitzt, einen so großen Teil als Lehen, als er wünschen mag, und er müsste eine dem Wert seines Anteils entsprechende Steuer entrichten. Ein unbebauter Bauplatz würde gleich behandelt wie ein unbebauter, ein unbebautes Feld wie ein solches, welches produziert. Die auf diese Weise erhobene Steuer wäre zum Allgemeinwohl zu verwenden - für Schulen, Straßen, Verkehrsanstalten und für die Bestreitung der Verwaltungskosten, daher der Name "einzige Steuer."

Die Wirkung eines solchen Systems würde die sofortige Öffnung weiter Landstrecken, die jetzt zum Zweck der Spekulation brach liegen, bewirken, und gerecht wäre die Steuer insofern, als der Wert des Bodens nach seiner Ertragsfähigkeit und nach den vorhandenen Verkehrsmitteln betreffs Verwertung des Ertrages bestimmt würde. Vieh, Hausrat, Verdienst usw. würden steuerfrei. Länder, die armen Boden oder schwierigere Transportgelegenheiten besitzen, wären bei der Steuer niedriger einzusetzen als solche mit besserem Boden und besseren Transportverhältnissen. Städtische Grundstücke würden nach ihrem Wert eingeschätzt werden, wobei die Lage und die Umgebung in Betracht käme.

Ein solches Gesetz, welches zehn Jahre nach Erlassung in Kraft treten müsste, würde zur unmittelbaren Folge haben, dass der Wert von Besitzungen herabgesetzt würde, und es würde sich an Millionen von Morgen Landes wirksam erweisen, und Tausende von städtischen Grundstücken würden sich jedem eröffnen, der davon Gebrauch machen und die festgesetzten Steuern bezahlen könnte.

Als Papst Leo XIII. einen Hirtenbrief an Arbeiter veröffentlichte, nahm Herr Henry George die Gelegenheit wahr, eine Broschüre zu schreiben mit dem Titel: "Ein offener Brief an Papst Leo XIII." Da dieselbe einige gute Gedanken enthält, die in den Rahmen unserer Betrachtungen passen, und da sie außerdem eine Darlegung des eben behandelten Gegenstandes ist, bringen wir folgende Auszüge daraus:

Auszug aus einem offenen Brief von Henry George an Papst Leo XIII., in Erwiderung auf den von letzterem über die beunruhigende Arbeiterfrage geschriebenen Hirtenbrief

"Es scheint uns, dass Eure Heiligkeit verfehlen, die wahre Bedeutung zu erkennen, bei der Andeutung, dass Christus, indem er der Sohn eines Zimmermannes wurde und selbst als Zimmermann arbeitete, nur gezeigt haben soll, "dass es keine Schande ist, das Brot durch Arbeit zu verdienen." Wenn man dies sagt, so klingt das fast ebenso, als wenn man sagt, dass er, indem er die Menschen nicht bestahl, zeigte, dass es keine Schande ist, ehrlich zu sein! Wenn Sie bedenken, wie richtig die Einteilung aller Menschen in drei Klassen, nämlich Arbeiter, Bettler und Diebe ist, so werden Sie sehen, dass es für Christum moralisch unmöglich war, während seines Aufenthaltes auf Erden etwas anderes zu sein als ein Arbeiter, musste er doch, der gekommen war, um das Gesetz zu erfüllen, dem göttlichen Gesetz der Arbeit durch Wort und Tat gehorchen.

"Wie vollständig und schön illustrierte doch das Leben Christi auf Erden dieses Gesetz. In das irdische Leben in der Schwachheit der Kindheit eintretend, wie es allen, welche in dasselbe eintreten, bestimmt ist, nahm er an, was in der natürlichen Ordnung in liebevoller Weise als Nahrung dargereicht wurde, und was durch Arbeit erlangt wird, die jede Generation ihren direkten Nachkommen schuldig ist. Zum Mannesalter herangereift, erwarb er sich seinen Unterhalt selbst durch die gewöhnliche Arbeit, durch welche die meisten Menschen ihn erwerben. Dann stieg er zu der höheren - der höchsten - Stufe der Arbeit hinan, er erwarb sich seinen Unterhalt durch das Lehren moralischer und geistiger Wahrheiten. Er empfing seinen materiellen Lohn in Form der Liebesopfer dankbarer Zuhörer, und er wies auch die kostbare Narde nicht zurück, mit der Maria seine Füße salbte. Als er seine Jünger wählte, ging er daher auch nicht zu Landbesitzern oder anderen Monopolisten, die von der Arbeit anderer leben, sondern zu gewöhnlichen, arbeitenden Menschen. Und als er sie zu einer höheren Arbeit berief und sie aussandte, damit sie moralische und geistige Wahrheiten verkündigen sollten, sagte er ihnen, sie möchten ohne Herablassung einerseits und ohne eine Empfindung von Erniedrigung andererseits nehmen, was man ihnen in Liebe für eine solche Arbeit geben würde, indem er sagte: "Der Arbeiter ist seines Lohnes wert", so zeigend, woran wir auch festhalten, dass Arbeit nicht nur aus Arbeiten mit der Hand besteht, sondern dass vielmehr jeder ein Arbeiter ist, der dazu beiträgt, die materielle, intellektuelle, moralische und geistige Fülle des Lebens zu vermehren. (Anmerkung: Man sollte auch nicht vergessen, dass der Forscher, der Philosoph, der Lehrer, der Künstler, der Dichter und der Priester, obgleich sie nicht direkt bei der Produktion von Gütern beschäftigt sind, nicht nur beteiligt sind an der Herstellung von Nützlichem und Befriedigendem, wozu die Produktion von Gütern nur ein Mittel ist, sie vermögen vielmehr durch Erwerben von Kenntnissen und durch Verbreitung derselben, durch Anregung der geistigen Kräfte und durch Hebung der Moral, die Fähigkeit, Güter zu produzieren, zu vermehren. Denn der Mensch lebt nicht von Brot allein. Jeder, der durch Anstrengung von Geist oder Körper den Reichtum vermehrt, die menschliche Erkenntnis erweitert oder das menschliche Leben erhebt und ihm eine größere Fülle verleiht, ist im umfassenden Sinne ein "Produzent", ein "Arbeiter", und er verdient auf ehrliche Weise ehrlichen Lohn. Diejenigen aber, die, ohne die Menschheit reicher, weiser, besser und glücklicher zu machen, von der Arbeit anderer leben, sind in Wirklichkeit Bettler und Diebe, gleich, welchen Ehrentitel sie tragen, oder wie rüstig die Priester des Mammon ihre Weihrauchfässer vor ihnen schwingen mögen.)

"Bei der Behauptung, dass Arbeiter, besonders gewöhnliche Handarbeiter, natürlicherweise arm sind, lassen Sie außer acht, dass der Arbeiter den Reichtum hervorbringt, und schreiben Sie dem natürlichen Gesetz des Schöpfers eine Ungerechtigkeit zu, die die Folge der gottlosen Vergewaltigung seiner wohlwollenden Absicht ist. Bei den rohesten Handwerks-Verhältnissen ist es allen gesunden Menschen möglich, einen Lebensunterhalt zu verdienen. Bei der Anwendung arbeitsparender Maschinen sollten sie noch weit mehr verdienen können. Wenn Sie also sagen, dass Armut keine Schande ist, so bringen Sie eine unvernünftige Folgerung. Armut sollte eine Schande sein, denn bei einem Zustand von sozialer Gerechtigkeit, bei welchem unvermeidliches Missgeschick unmöglich sein müsste, sollte sie Achtlosigkeit oder Faulheit bedeuten.

"Die Sympathie Eurer Heiligkeit scheint ausschließlich für die Armen zu sein, für die Arbeiter. Sollte dies so sein? Sind nicht auch reiche Müßiggänger zu bedauern? Dem Evangelium gemäß sollten die Reichen wirklich vielmehr bedauert werden als die Armen. Und allen Menschen, die an ein zukünftiges Leben glauben, muss die Lage eines jeden, der seine geliebkosten Millionen zurücklassen muss, bedauernswert erscheinen. Wie bedauernswert sind aber doch schon in diesem Leben die Reichen! Das Übel liegt nicht in dem Reichtum selbst, in seiner Herrschaft über materielle Dinge; es liegt darin, Reichtum zu besitzen, während andere von der Armut ertränkt werden, emporgezogen zu werden über die Berührung mit dem Menschenleben, mit seiner Arbeit und seinem Kampf, mit seinen Hoffnungen und Befürchtungen und vor allem mit seiner Liebe, die das Leben versüßt, und über das freundliche Mitgefühl und die edelmütigen Handlungen, die den Glauben an den Menschen und das Vertrauen auf Gott stärken. Denken Sie daran, wie die Reichen stets die niedrigere Seite des Menschen sehen, wie sie von Schmeichlern umgeben werden, wie sie bereitwillige Werkzeuge finden, nicht nur zur Befriedigung von lasterhaften Neigungen, sondern auch zu deren Anregung und Anreizung, wie sie beständig auf der Hut sein müssen, um nicht beschwindelt zu werden, wie oft sie einen niedrigen Beweggrund argwöhnen müssen hinter einer freundlichen Tat oder einem freundlichen Wort; wie sie umlagert werden von unverschämten Bettlern und Betrügern, wenn sie versuchen, edelmütig zu sein, wie oft die familiären Zuneigungen in ihnen abgetötet werden, und wie oft man ihrem Tode mit schlecht verhehlter Freude der Erwartung auf den Besitz ihres Vermögens entgegensieht. Das Schlimmste bei der Armut ist nicht der Mangel, sondern das Verkümmern und Verzerren der höheren Eigenschaften. So, wenn auch auf andere Weise, bewirkt unverdienter Reichtum ebenfalls Verkümmerung und Verzerrung des Edelsten im Menschen.

"Ein Missachten der göttlichen Gebote kann nicht ungestraft bleiben. Wenn es Gottes Wille ist, dass der Mensch sein Brot durch Arbeit verdient, so wird der reiche Nichtstuer leiden müssen. Und so ist es auch. Wie leer ist doch das Leben derer, die um des Vergnügens willen leben! Welch ekelhafte Laster werden doch in einer Klasse großgezogen, die, von Armut umgeben, mit Reichtum übersättigt ist! Welch schreckliche Strafe ist doch die Langeweile, von der die Armen so wenig wissen, dass sie sie nicht kennen, welch Pessimismus bemächtigt sich doch der wohlhabenden Klassen! Er schließt Gott aus, verachtet den Menschen, verurteilt das Dasein in sich selbst als ein Übel, fürchtet den Tod, sehnt sich aber dennoch nach einer Vernichtung!

"Als Christus dem reichen Jüngling sagte, er solle alles verkaufen, was er hatte, und es den Armen geben, dachte er nicht an die Armen, sondern an den jungen Mann. Ich zweifle nicht daran, dass es unter den Reichen, und besonders unter denen, die den Reichtum selbst erwarben, viele gibt, die bisweilen klar empfinden, wie töricht der Besitz des Reichtums ist, und die um ihrer Kinder willen vor der Gefahr und der Versuchung des Reichtums bangen. Die Macht einer langen Gewohnheit aber, Anreizung durch den Stolz, der Reiz, das zu erlangen und zu behalten, was für sie zum Zahlpfennig im Kartenspiel geworden ist, und die wirkliche Schwierigkeit, auf die sie stoßen, wenn sie einen guten Gebrauch von ihrem Reichtum machen wollen, alles das bindet sie mit einer Last zusammen, wie einen Esel mit seinem Pack, bis sie in den Abgrund stolpern, der dieses Leben abschließt.

"Menschen, die immer sicher sind, die Nahrungsmittel zu erhalten, die sie bedürfen, essen nur das, was ihnen der Appetit vorschreibt. Bei den zerstreuten Stämmen aber, die an den Grenzen des bewohnbaren Erdballes wohnen, ist das Leben entweder eine Hungersnot oder ein Fest. Nachdem sie einige Tage lang gehungert haben, treibt sie die Furcht, erlangte Beute zu verlieren, dazu, dieselbe zu verschlingen, gleich einer Anakonda (Anmerkung: Eine Art Riesenschlange), die bei ihrem Suchen nach Wild Erfolg gehabt hat. Was dem Reichtum einen Fluch auflädt, ist die Ursache, aus welcher die Menschen danach streben, ihn zu erlangen, durch welche er bei den Menschen so beneidenswert und bewundernswert gemacht wird - die Furcht vor Entbehrung. Ebenso, wie ungebührlicher Reichtum im Zusammenhang mit ungebührlicher Armut ist, so ist die seelenzerstörende Eigenschaft des Reichtums nur ein Gegenstück der erniedrigenden Entbehrung. Das wahre Übel liegt in der Ungerechtigkeit, aus welcher unnatürlicher Reichtum und unnatürlicher Mangel gleicherweise entstehen.

"Diese Ungerechtigkeit kann man aber schwerlich einzelnen Personen oder Klassen zur Last legen. Das Vorhandensein von Landeigentum ist ein großes, soziales Unrecht, an welchem die Gesellschaft im großen und ganzen leiden muss, und dessen Opfer die ganz Reichen ebenso wie die ganz Armen sind, wenn auch bei entgegengesetzten Extremen. Angesichts dieser Tatsache erscheint es uns wie eine Vergewaltigung der christlichen Barmherzigkeit, wenn man sagt, die Reichen seien persönlich für die Leiden der Armen verantwortlich. Während man solches behauptet, besteht man dennoch darauf, dass die Ursache dieser ungeheuren Reichtümer und jener entartenden Armut unangetastet bleibt. Hier ist ein Mensch mit einem entstellenden und gefährlichen Auswuchs. Ein Arzt würde letzteren in freundlicher, sanfter, aber bestimmter Weise entfernen. Ein anderer Arzt aber besteht darauf, dass er nicht entfernt wird, zu gleicher Zeit setzt er den Bedauernswerten aber dem Hass und dem Spott aus. Was ist Recht?

"Indem wir suchen, dem Menschen seine gleichen und natürlichen Rechte wiederherzustellen, suchen wir nicht den Vorteil irgendeiner einzelnen Klasse, sondern aller, denn wir sehen und wissen aus Glauben, dass Ungerechtigkeit niemand Vorteil einbringt, und Gerechtigkeit allen zum Nutzen sein muss.

"Wir suchen auch nicht, irgendeine "fruchtlose und lächerliche Gleichheit" herzustellen. Die Gleichheit, die wir zustande zu bringen suchen, ist nicht eine Gleichheit des Vermögens, sondern der natürlichen Gelegenheiten ...

"Indem wir das, was wir deutlich als Werke erkennen, die der göttlichen Ordnung gemäß für die Gesellschaft bestimmt sind, zum Gebrauche durch die Gesellschaft heranziehen, wollen wir nicht die geringsten Steuern von den Besitzern von Reichtümern erheben, so reich sie auch sein mögen. Wir verurteilen dergleichen Steuern nicht nur als eine Vergewaltigung des Eigentumsrechtes, wir sehen auch, dass es durch die wunderbare Anwendung der wirtschaftlichen Gesetze des Schöpfers unmöglich ist, dass jemand Reichtum erlangen kann, ohne zu gleicher Zeit den Reichtum der Welt zu vermehren ...

"Eure Heiligkeit geben in dem Hirtenbrief hiervon ein Beispiel. Sie leugnen, dass eine Gleichheit des Rechts für die materielle Stufe des Lebens besteht, und dennoch sind Sie sich dessen bewusst, dass ein Recht zu leben besteht. Sie behaupten, dass der Arbeiter das Recht auf Beschäftigung und auf einen gewissen, unbestimmten Lohn habe. Es besteht kein solches Recht. Es hat niemand das Recht, von einem anderen Beschäftigung zu verlangen oder andere Löhne zu fordern, als der andere zu zahlen bereit ist, oder irgendwie den anderen zu zwingen, höhere Löhne zu zahlen wider seinen Willen. Man könnte ein solches Vorgehen nicht besser rechtfertigen, als wenn der Arbeitgeber verlangen würde, man solle die Arbeiter zwingen, Arbeit zu verrichten, die sie nicht verrichten wollen und niedrigere Löhne anzunehmen, als sie annehmen wollen. Jede scheinbare Rechtfertigung entspringt einem vorhergehenden Unrecht, der Verneinung der Rechte der Arbeiter ...

"Christus rechtfertigte David, der, als er vom Hunger gedrängt wurde, etwas beging, was unter gewöhnlichen Umständen Entweihung gewesen wäre, er nahm die Schaubrote aus dem Tempel. Damit wollte er aber bei Leibe nicht sagen, dass der Tempelraub ein geeigneter Weg sei, auf welchem man sich Lebensmittel verschaffen kann.

"In Ihrem Hirtenbrief empfehlen Sie aber die Anwendung von Grundsätzen im gewöhnlichen Leben, die der Sittenlehre gemäß nur in außerordentlichen Fällen geduldet werden dürfen. Sie werden zu der Aufstellung von Behauptungen über falsche Rechte gezwungen, weil Sie die wahren leugnen. Das natürliche Recht, welches jeder Mensch besitzt, besteht nicht darin, dass er von einem anderen Beschäftigung und Lohn fordern kann, sondern darin, dass er in jenem unerschöpflichen Vorratshaus arbeiten kann, welches der Schöpfer in dem Boden für alle Menschen vorgesehen hat. Wenn diese Vorratshäuser offen wären, wie wir sie durch die einzige Steuer öffnen könnten, so würde die natürliche Nachfrage nach Arbeit Schritt halten mit dem Vorhandensein derselben. Derjenige, welcher Arbeit verkauft, würde wie derjenige, welcher sie kauft, ein freier Austauscher werden, zum gegenseitigen Vorteil, und alle Ursachen zu Streitigkeiten zwischen Arbeiter und Arbeitgeber würden verschwunden sein. Wenn dann alle die Freiheit besäßen, für sich selbst zu arbeiten, so würde schon diese Gelegenheit aller Sklaverei ein Ende machen, und da niemand für den anderen um weniger arbeiten würde, als er durch selbständiges Arbeiten verdienen könnte, so würden auf diese Weise die Löhne zu ihrem vollen Wert aufsteigen, und die Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber würden durch das gegenseitige Interesse und die gegenseitige Angemessenheit reguliert werden. Dies ist der einzige Weg, auf welchem eine Regelung zu erzielen ist.

"Eure Heiligkeit scheinen zu behaupten, dass es einen gewissen gerechten Lohnsatz geben müsse, den der Arbeitgeber zu geben und der Arbeitnehmer zu nehmen habe, und Sie scheinen zu glauben, dass der Streit beendet sein würde, wenn dieser Lohnsatz festgestellt werden könnte. Augenscheinlich denken Sie sich diesen Lohn so, dass er dem Arbeiter einen bescheidenen Lebensunterhalt gewährt, und dass von ihm bei strenger Sparsamkeit ein wenig zur Seite gelegt werden kann.

"Wie kann aber ein gerechter Lohn festgesetzt werden, wenn bei dem "Feilschen auf dem Markte" nicht einmal der gerechte Preis des Kornes und der Schweine festgesetzt werden kann? Und wenn die Löhne durch Schiedsspruch festgesetzt würden, würde man da nicht dem natürlichen Gesetz vorgreifen? Warum soll der Käufer von Arbeit vor dem Käufer von Waren dazu angehalten werden, höhere Preise zu bezahlen, als er auf dem freien Markt zu bezahlen brauchte? Warum sollten die Verkäufer von Arbeit nicht weniger zufrieden sein, als sie auf dem freien Markt erhalten könnten? Warum sollte der Arbeiter mit einer geringeren Kost zufrieden sein, wenn die Welt so reich ist? Warum sollte er zufrieden sein mit einem Leben von ununterbrochener Arbeit und Einschränkung, wenn die Welt solchen Überfluss besitzt? Warum sollte er nicht auch wünschen, die höheren Instinkte, den feineren Geschmack zu befriedigen? Warum sollte er immer zufrieden sein, im Zwischendeck zu reisen, wenn es andere bequemer finden, eine Kabine zu mieten?

"Sicherlich wird er es auch nicht. Das Gärungsmittel unserer Zeit kommt nicht nur daher, dass der Arbeiter es für härter findet, nicht auf derselben Stufe der Bequemlichkeit zu leben. Es kommt auch, und vielleicht in viel größerem Maße, daher, dass mit dem Wachstum der allgemeinen Bequemlichkeit seine Wünsche größer geworden sind. Dieses Wachstum muss noch zunehmen, denn Arbeiter sind Menschen, und der Mensch ist ein unbefriedigtes Tier.

"Er ist kein Ochse, von dem man sagen kann: soviel Gras, soviel Korn, soviel Wasser und ein wenig Salz, so wird er zufrieden sein. Im Gegenteil, je mehr der Mensch erhält, umso mehr verlangt er. Wenn er genügend Nahrung hat, dann verlangt er bessere Nahrung. Wenn er eine Unterkunft bekommt, dann verlangt er bald eine bequemere und geschmackvollere. Wenn seine fleischlichen Bedürfnisse befriedigt sind, dann erwachsen geistige.

"Diese ruhelose Unzufriedenheit entspringt der Natur des Menschen - jener edleren Natur, welche so hoch über derjenigen des Tieres steht, und welche zeigt, dass er in Wahrheit in dem Ebenbild Gottes erschaffen wurde. Man soll nicht über sie streiten, denn sie ist die Triebfeder allen Fortschrittes. Sie errichtete die Petrikirche, sie machte auf der matten leblosen Leinenwand das engelähnliche Antlitz der Madonna glühen, sie wog Sonnen und zerlegte Sterne, und sie schlug eine Seite nach der anderen auf von den wunderbaren Werken der schöpferischen Intelligenz; sie überbrückte den atlantischen Ozean, sie ließ den Blitz unsere Botschaft in die entferntesten Länder tragen, sie öffnete uns Möglichkeiten, denen gegenüber alles, was unsere Zivilisation bis jetzt vollbracht hat, gering zu sein scheint. Sie kann auch nicht unterdrückt werden, es sei denn durch erniedrigte Menschen, durch Herabdrückung von Europa auf das Niveau Asiens.

"Wenn daher die Löhne nicht bestimmt werden können, indem alle Beschränkungen der Arbeit aufgehoben werden, und wenn nicht allen Arbeitern Zutritt gewährt wird zu den natürlichen Gelegenheiten unter gleichen Bedingungen, so wird es unmöglich sein, irgendeine Norm für Löhne aufzustellen, die als gerecht betrachtet würde und die die Arbeiter verhindern würde, nach mehr zu streben. Wenn man die Lage der Arbeiter ein wenig verbessern würde, so würde man alles andere eher erreichen, als sie zufrieden zu machen, man würde sie nur noch unzufriedener machen.

"Sie appellieren auch nicht an die Gerechtigkeit, wenn Sie die Arbeitgeber auffordern, ihren Arbeitern mehr zu zahlen, als sie zu zahlen gezwungen wären, mehr als das, womit sich andere begnügen würden. Sie appellieren dann an die Mildtätigkeit. Was der reiche Arbeitgeber dann mehr geben würde, wäre nicht wirklicher Lohn, sondern nur ein Almosen.

"Bei der Behandlung der praktischen Maßnahmen zum Zwecke der Verbesserung der Lage der Arbeiter, welche Sie anregen, habe ich das, worauf Sie soviel Gewicht legen, Mildtätigkeit, gar nicht erwähnt. Als Heilmittel gegen die Armut haben solche Empfehlungen praktisch keinen Wert. Wenn es möglich wäre, durch Almosen die Armut abzuschaffen, dann würde es in der Christenheit keine Armut mehr geben.

"Die Mildtätigkeit ist in der Tat eine edle und herrliche Tugend, bei Gott wie bei den Menschen angenehm. Sie muss sich aber auf Gerechtigkeit gründen, sie kann letztere nicht verdrängen.

"Das Unrecht bei den Arbeitsverhältnissen in der christlichen Welt ist, dass der Arbeiter beraubt wird. Solange Sie das Fortbestehen dieses Beraubens rechtfertigen, ist es eitel, zur Mildtätigkeit zu ermahnen. Wenn Sie dies tun, wenn Sie die Mildtätigkeit als einen Ersatz für Gerechtigkeit anpreisen, so ähnelt dies in Wirklichkeit dem Vorgehen jener Ketzer, welche Ihre Vorgänger verdammten, weil sie lehrten, das Evangelium habe das Gesetz ersetzt, und die Liebe Gottes entbindet den Menschen von moralischen Verpflichtungen.

"Wo Ungerechtigkeit besteht, kann die Mildtätigkeit höchstens die Wirkungen der Ungerechtigkeit in etwa lindern. Sie kann sie nicht heilen. Selbst das wenige, das sie zur Linderung tun kann, ist nicht ohne Übel. Denn das, was man als das Obenaufgelegte bezeichnen könnte, wie hier die zweite Tugend, bewirkt Übles, wenn die Grundlage der ersten Tugenden fehlt. So ist zum Beispiel Nüchternheit eine Tugend, und auch Fleiß ist eine Tugend. Ein nüchterner und fleißiger Dieb ist aber umso gefährlicher. So ist auch Geduld eine Tugend. Geduld bei Unrecht bedeutet aber Verzeihung von Unrecht. Es ist eine Tugend, wenn jemand nach Erkenntnis strebt und die geistigen Fähigkeiten des Menschen zu heben sucht. Durch zunehmende Intelligenz wird der Verbrecher aber besser befähigt, Verbrechen zu begehen. Wenn wir an Teufel denken, so wissen wir, dass dies intelligente Wesen sind.

"Falsche Mildtätigkeit, die die Gerechtigkeit außer acht lässt und verleugnet, muss daher Böses bewirken. Auf der einen Seite erniedrigt sie den Empfänger, indem sie die Würde des Menschen verletzt, die, wie Sie selbst sagen, "Gott selbst mit Achtung behandelt", und sie verwandelt den Menschen, der, um sich selbst unterhalten und ein sich selbst achtender Bürger werden zu können, nur der Wiedererstattung dessen bedarf, was der Schöpfer ihm gegeben hat, in einen Bettler und Almosenempfänger. Auf der anderen Seite beschwichtigt sie das Gewissen derer, die von dem Berauben ihrer Mitmenschen leben, und sie begünstigt die moralische Täuschung und den geistigen Hochmut, an den Jesus sicher dachte, als er sagte, dass ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr gehen könne, als ein Reicher in das Reich der Himmel. Denn sie führt die Reichen, die ihr Geld und ihren Einfluss benutzen, um die Ungerechtigkeit zu unterstützen, dazu, dass sie denken, sie täten etwas mehr als ihre Pflicht ihren Mitmenschen gegenüber und verdienten, dass sie Gott sehr angenehm seien, wenn sie Almosen geben, und sie schreiben in unbestimmtem Maße ihrer eigenen Güte zu, was wirklich der Güte Gottes entspringt. Denken Sie daran: Wer ist der alleinige Versorger? Wer ist der, dem, wie Sie sagen, der Mensch ein nie versagendes Vorratshaus verdankt, das "in der unerschöpflichen Fruchtbarkeit des Bodens zu finden ist?" Ist es nicht Gott? Wenn daher die Menschen, der Güter Gottes beraubt, von der Freigebigkeit ihrer Mitgeschöpfe abhängig gemacht werden, werden dann diese Geschöpfe nicht sozusagen an die Stelle Gottes gesetzt, um zu geben, was, wie Sie sagen, Gott zu verdanken ist?

"Das Schlimmste dabei aber ist, dass es den bekennenden Lehrern der christlichen Religion aller Abzweigungen und Gemeinschaften dadurch möglich gemacht wird, dem Mammon zu folgen, während sie sich selbst einreden, sie dienen Gott ...

"Nein, da der Glaube ohne Werke tot ist, da der Mensch Gott gegenüber nicht seine Pflicht erfüllen kann, wenn er den Mitmenschen die Rechte, welche Gott ihnen gab, verleugnet, so kann die Mildtätigkeit nichts tun, ohne von der Gerechtigkeit unterstützt zu werden, um das Problem der gegenwärtigen Arbeitsverhältnisse zu lösen. Wenn auch die Reichen "alle ihre Güter den Armen geben würden, und wenn sie ihren Leib hingeben würden, dass er verbrannt werde", so würde die Armut dennoch nicht aufhören, wenn das Landeigentum bestehen bleiben würde.

"Setzen wir den Fall, ein Reicher sei heute aufrichtig bestrebt, seinen Reichtum der Verbesserung der allgemeinen Lage zu widmen. Was könnte er tun?

"Seinen Reichtum denen geben, die desselben bedürfen? Er mag manchen helfen, die es verdient haben, er wird aber die allgemeine Lage nicht verbessern. Dem Guten, was er tun mag, wird die Gefahr gegenüberstehen, dass er Schaden anrichten könnte.

"Soll er Kirchen bauen? Unter dem Schatten der Kirche fault die Armut und wird das Laster, welches durch sie geboren wurde, großgezogen.

"Soll er Schulen oder Universitäten bauen? Dies kann weiter nichts bewirken, als dass die Menschen erkennen, wie ungerecht der Privatbesitz von Land ist, vermehrte Bildung wird für bloße Arbeiter nichts verbessern, denn mit der Verbreitung der Bildung wird der Lohn für dieselbe sinken.

"Soll er Krankenhäuser einrichten? Warum denn, es scheint dem Arbeiter, dass zu viele nach Arbeit suchen, und die Errettung und Verlängerung von Menschenleben würde die Not nur noch ärger machen.

"Vorbildliche Mietshäuser bauen? Wenn er die häuslichen Bequemlichkeiten nicht verbilligen würde, würde er die Klasse, der er helfen möchte, nur noch weiter treiben, und wenn er die häuslichen Bequemlichkeiten verbilligen würde, würde er bewirken, dass mehr Arbeiter nach Arbeit suchen, und die Löhne niedriger werden.

"Soll er Laboratorien, wissenschaftliche Schulen, Stätten für physikalische Experimente schaffen? Dann würde er nur Anregung geben zu Erfindungen und Entdeckungen, die Kräfte, welche bei dem gegenwärtigen Gesellschaftssystem die Arbeiter wie zwischen zwei Mühlsteinen zermalmen.

"Die Auswanderung von Orten, wo die Löhne niedriger sind, nach solchen, wo sie etwas höher sind, fördern? Wenn er dies tun wird, dann werden diejenigen, denen er zuerst half, auszuwandern, ihn bald bitten, er möchte veranlassen, dass die weitere Zuwanderung aufhört, da dieselbe ihre Löhne herabsetzt.

"Das Land, welches er selbst besitzen mag, abgeben oder es zu niedrigeren Preisen als den allgemein üblichen vermieten? Er wird dadurch nur neue Grundbesitzer oder Grundanteilbesitzer in das Dasein rufen, er wird aber die allgemeine Lage nicht verbessern können.

"Oder soll er wie jene Bürger, die in der klassischen Zeit soviel Gemeinsinn zeigten und große Summen ausgaben zur Verschönerung ihrer Heimat, die Stadt seiner Geburt verschönern? Möge er enge und krumme Straßen breit und gerade machen, möge er Parkanlagen und Springbrunnen schaffen, möge er Straßenbahnen und Eisenbahnen anlegen, oder möge er sonst wie die von ihm erwählte Stadt schön machen, was wird das Ergebnis sein? Wird nicht der Wert des Bodens steigen? Wird nicht die Folge seines Gutestunwollens eine Erhöhung der Pacht und eine Bereicherung der Landeigentümer sein? Ja, sogar die Ankündigung, dass er im Begriffe ist, so etwas zu unternehmen, wird veranlassen, dass die Spekulation aufblüht, und der Wert des Landes sprunghaft in die Höhe geht.

"Was kann der Reiche tun, um die Lage der Arbeiter zu verbessern?

"Er kann weiter gar nichts tun, als zu suchen, das große grundsätzliche Unrecht, welches den Menschen seiner Geburtsrechte beraubt, durch Einsetzung seiner Macht abzuschaffen. Die Gerechtigkeit Gottes lacht aller Versuche, die der Mensch unternimmt, um etwas an ihre Stelle zu stellen."


"Während die Gewerbeverbände den Gedanken von dem gegenseitigen Interesse in gewissem Maße fördern und oft dazu beitragen, dass der Mut und die politische Bildung gehoben werden, und während sie den Arbeitern auch eine gewisse Verbesserung ihrer Lage bewirkt haben, so beachten sie die Ursachen, die im allgemeinen die Lage der Arbeiter bestimmen, nicht, und sie suchen immer nur, einem kleinen Teil empor zuhelfen durch Mittel, die für die übrigen keinen Wert haben. Da sie nach der Beschränkung des Wettbewerbes streben, der Beschränkung des Rechtes zu arbeiten, so ähneln ihre Methoden denjenigen einer Armee, die, wenn auch in einer gerechten Sache, die Freiheit umstößt und für Missbrauch verantwortlich ist, und ihre Waffen, die Streiks, wirken in ihrer Art vernichtend sowohl für Kämpfende als auch für Nichtkämpfende, da der Streik eine Art passiven Krieg darstellt. Die Anwendung des Verbandsgrundsatzes auf jeden Gewerbezweig, wie dieselbe von manchen erträumt wird, würde die Einjochung der Menschen in ein Kastensystem bedeuten.

"Oder auch was so gemäßigte Maßregeln anbetrifft, wie die Beschränkung der Arbeitszeit und der Arbeit von Frauen und Kindern, so sind die Verbände darin insofern oberflächlich, weil sie nicht weiter blicken, als darauf, dass die Männer, Frauen und Kinder zu lange arbeiten und vorschlagen, die Überstunden gewaltsam zu verhindern, während sie die Ursache vollständig unbeachtet lassen, den Stachel der Armut, der die menschlichen Wesen dazu zwingt. Die Methoden, durch welche diese Beschränkungen erzwungen werden müssten, würden die Beamten vermehren, sich in die persönliche Freiheit eingreifen, Bestechungen begünstigen und zu Missbrauch führen.

"Die Sozialdemokratie, die wir ehren, weil sie eine Überzeugung besitzt, würde diese Fehler aber erst zum vollen Ausdruck bringen. Sie eilt zu Schlüssen, ohne sich zu bemühen, die Ursachen zu entdecken. Sie erkennt nicht, dass die Unterdrückung nicht aus dem Kapital resultiert, sondern aus dem Unrecht, mit dem der Arbeiter des Kapitals beraubt wird, indem man ihm keinen Anteil am Boden gewährt, wodurch ein nachgeahmtes Kapital geschaffen wird, das in Wirklichkeit ein kapitalisiertes Monopol ist. Sie verfehlt zu erkennen, dass es dem Kapital unmöglich wäre zu unterdrücken, wenn der Arbeiter freien Zugang hätte zu den Naturstoffen, dass das Lohnsystem der gegenseitigen Angemessenheit entspringt, bei der die eine Partei einen bestimmten Erfolg einem nicht bestimmten vorzieht, und dass das, was als das "eiserne Gesetz der Löhne" bekannt ist, nicht das natürliche ist, sondern nur dasjenige des unnatürlichen Systems, bei welchem die Menschen hilflos gemacht werden, indem sie der zum Leben und zur Arbeit notwendigen Stoffe beraubt worden sind. Sie irrt sich, indem sie das für den Notstand des Wettbewerbes hält, was in Wirklichkeit eine Beschränkung des Wettbewerbes ist, jener einseitige Wettbewerb, zu welchem die Menschen gezwungen werden, wenn sie des Bodens beraubt sind. Die Methoden der Sozialdemokratie, die Organisation der Arbeiter in industriellen Armeen, die Leitung und Beherrschung aller Produktion durch staatliche oder halbstaatliche Büros würden, wenn sie voll ausgeführt würden, ägyptischen Despotismus bedeuten.

"Wir unterscheiden uns von der Sozialdemokratie hinsichtlich der Diagnose des Übels und hinsichtlich der Heilmittel für dasselbe. Wir fürchten das Kapital nicht, da wir es als die natürliche Dienerin der Arbeit betrachten. Wir betrachten die Zinsen an und für sich als natürlich und gerecht, wir würden der Anhäufung der Reichtümer keine Beschränkung auferlegen, wir wollen den Reichen auch keine Lasten auferlegen, die nicht auch den Armen auferlegt würden, wir sehen den Wettbewerb nicht als ein Übel an, wir betrachten den unbeschränkten Wettbewerb als für die Gesundheit des wirtschaftlichen und sozialen Organismus ebenso notwendig wie den freien Kreislauf des Blutes für die Gesundheit des leiblichen Organismus und als das Mittel, durch welches volles Zusammenarbeiten gesichert wird. Wir wollen nur für das Gemeinwesen das in Anspruch nehmen, was dem Gemeinwesen gehört, den Wert, der dem Boden eigen ist durch das Wachstum des Gemeinwesens; wir lassen dem Einzelnen alles das als geheiligtes Besitztum, was dem Einzelnen gehört. Da wir notwendige Monopole dem Staate zuerkennen, wollen wir alle Beschränkungen und Verbote abschaffen, ausgenommen diejenigen, welche das Interesse der öffentlichen Gesundheit, Sicherheit, Sittlichkeit und Bequemlichkeit erfordern.

"Der Hauptunterschied, der zwischen der Sozialdemokratie und uns besteht, ist der, auf den wir besonders aufmerksam machen: Der Sozialismus schreibt die Ursache jeden Übels unserer Zivilisation der Ungleichheit und Disharmonie der natürlichen Verhältnisse zu, die seiner Auffassung gemäß künstlich verbessert werden müssen. Der Staat müsse vermittelst der Intelligenz die wirtschaftlichen Beziehungen des Menschen ordnen; er müsse gewissermaßen eine große Maschine bauen, deren komplizierte Teile zusammen unter der Leitung der menschlichen Intelligenz arbeiten müssen. Dies ist der Grund, warum der Sozialismus zum Atheismus neigt. Da er verfehlt, die Ordnung der natürlichen Gesetze wahrzunehmen, verfehlt er, Gott zu erkennen.

"Wir Vertreter der einzigen Steuer dagegen sehen in den sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen der Menschen nicht eine Maschine, die der Konstruktion bedarf, sondern einen Organismus, dessen Wachstum wir nur zu dulden haben. Wir erblicken in den natürlichen, sozialen und wirtschaftlichen Gesetzen eine eben solche Harmonie, wie in dem Bau des menschlichen Körpers, und diese kann ebenso wenig durch menschliche Intelligenz geordnet und geleitet werden, wie die menschliche Intelligenz imstande wäre, die Lebenstätigkeiten des eigenen Körpers zu ordnen und zu leiten. Wir erblicken in diesen sozialen und wirtschaftlichen Gesetzen eine so enge Verwandtschaft mit dem moralischen Gesetz, dass wir sie unbedingt demselben Schöpfer zuschreiben müssen. Dies zeigt uns auch, dass das moralische Gesetz des Menschen der sichere Führer ist, wo seine Intelligenz irregehen würde. So ist unserer Auffassung nach nur das notwendig, dass man gerecht handelt und Freiheit gibt, um die Übelstände unserer Zeit zu beseitigen. Das ist der Grund, weshalb unser Glaube der einzige Glaube an Gott ist, der fest und ehrfurchtsvoll sein kann, und der das oberste Gesetz des Schöpfers anerkennt, dem die Menschen folgen müssen, wenn sie Wohlfahrt erlangen und der Vernichtung entgehen wollen. Darum dient uns die Wirtschaftspolitik dazu, die Tiefen der Weisheit zu zeigen, die in den einfachen Wahrheiten liegen, die das gewöhnliche Volk von den Lippen dessen vernahm, von dem es sich verwundernd sagte: "Ist dieser nicht des Zimmermanns Sohn?"

"In dem, was wir vorschlagen - das Sicherstellen gleicher Gelegenheiten zur Ausübung der Kräfte und die Entfernung aller gesetzlichen Beschränkungen der rechtmäßigen Ausübung dieser Kräfte - sehen wir eine solche Übereinstimmung zwischen dem menschlichen Gesetz und dem moralischen Gesetz, dass wir das volle Vertrauen haben, dass es hinreicht, alle Übelstände, die Sie so klar darlegen, zu beseitigen, und wir halten es auch für das einzig mögliche Mittel.

"Es gibt nämlich auch kein anderes Mittel. Die Organisation des Menschen ist so, seine Beziehungen zur Welt, in die er gesetzt worden ist, sind derart - das heißt, die unwandelbaren Gesetze Gottes sind so - dass es über den Bereich des menschlichen Scharfsinnes hinausgeht, einen Weg zu finden, durch welchen die Missstände, welche aus der Ungerechtigkeit geboren sind, die die Mitmenschen ihrer Geburtsrechte beraubt, anders beseitigt werden können, als durch gerechtes Handeln, durch Erschließung aller Güter, die Gott zum Nutzen aller vorgesehen hat.

"Bedeutet es nicht eine Scheidung der Menschen in einen reichen und einen armen, in einen bevorzugten und in einen hilflosen Teil, wenn einigen Menschen der Boden zum Besitztum gegeben wird, während man anderen alle Rechte verneint, da doch der Mensch vom Boden allein leben kann, und der Boden der Speicher ist, dem aller Stoff und alle Kraft des menschlichen Lebens entnommen wird, und auf dem der Mensch bei allem, was er hervorbringt, zurückgreifen muss? Bedeutet es nicht, dass diejenigen, welche kein Recht auf den Gebrauch des Bodens haben, nur leben können, indem sie ihre Arbeitskraft denen verkaufen, die das Land besitzen? Muss nicht das, was der Sozialismus das "eiserne Gesetz der Löhne" nennt, und was die Wirtschaftspolitik als "Sinken der Löhne auf ein Minimum" bezeichnet, den Arbeitern, die selbst nicht die Macht besitzen, ihre Arbeit auszunützen, alle Vorteile entziehen, so dass sie die gegenwärtige ungerechte Teilung des Bodens nicht ändern können? Da sie nicht imstande sind, selbständig zu arbeiten, müssen sie entweder als Arbeitsverkäufer oder als Landpächter miteinander, um die Erlaubnis zu arbeiten, in Wettbewerb treten. Dieser Wettbewerb miteinander von Seiten der Menschen, die von Gottes unerschöpflichem Vorratshaus ausgeschlossen sind, hat keine andere Grenze, als die des Verhungerns, und er muss die Löhne schließlich auf den niedrigsten Boden herabdrücken, auf welchem die Menschen das Leben eben noch erhalten und die Produktion fortführen können.

"Das bedeutet noch nicht, dass alle Löhne auf diese Stufe erniedrigt werden, sondern vielmehr, dass die Löhne der Arbeiter, die nur gewöhnliche Kenntnisse und Fertigkeiten besitzen, dort ankommen müssen. Die Vergütungen besonderer Klassen, die durch besondere Kenntnisse und Fertigkeiten vor dem Wettbewerb geschützt sind, mögen höhere bleiben. Dort, wo zum Beispiel wenige lesen und schreiben können, werden diese Fähigkeiten höher bezahlt. Da die Ausbreitung der Bildung aber diese Fähigkeiten allgemein macht, geht dieser Vorteil bald verloren. So werden die Löhne höher gehalten bei einem Beruf, zu dessen Ausfüllung eine besondere Befähigung, die erst durch Übung erreicht werden kann, erforderlich ist. Sobald aber der Fortschritt der Erfindung diese besondere Fähigkeit unnötig macht, werden auch diese Löhne sinken. So können Fleiß, Achtsamkeit und Sparsamkeit dem gewöhnlichen Arbeiter nur solange eine Stellung, die ihm etwas mehr einbringt als den Lebensunterhalt, zu halten ermöglichen, als diese Eigenschaften hervorragend sind. Sobald sie allgemein zu werden beginnen, muss das Gesetz des Wettbewerbes den Verdienst auf die gewöhnliche Stufe herabsetzen, welche, da der Boden monopolisiert ist und die Arbeiter hilflos sind, nur die nächste Station vor dem Aufhören des Lebens sein kann.

"Mit anderen Worten: Da der Boden für Arbeit und Leben eine Notwendigkeit ist, ist es den Bodenbesitzern möglich, alles von den Arbeitern als Pacht zu erheben, was nicht notwendig ist zum Lebensunterhalt der Arbeiter. So würden sie die Macht haben, nur so vielen einen Lebensunterhalt zu gewähren, als sie und ihre Angehörigen brauchen.

"Wo der private Bodenbesitz die Gesellschaft in eine Boden besitzende Klasse und in eine keinen Boden besitzende Klasse geteilt hat, kann daher keine Erfindung oder Verbesserung gemacht werden, sei es in wirtschaftlicher, sozialer oder moralischer Hinsicht, die die Armut verhindern oder die allgemeine Lage der Arbeiter bessern könnte, solange sie nicht das Besitztum des Bodens betrifft. Denn was man auch unternehmen mag, um das zu vermehren, was der Arbeiter hervorbringen kann, oder um das zu verringern, was erforderlich ist, um den Arbeiter zu unterhalten - sobald es allgemein wird, würde die Folge nur sein, dass das Einkommen der Bodenbesitzer noch größer würde, ohne irgendeinen Nutzen für die Arbeiter selbst. In keinem Fall können die, welche nur die Kraft besitzen zu arbeiten, nicht aber die Mittel, mehr verdienen als zum Lebensunterhalt notwendig ist.

"Wie dies zutrifft, können wir an den heutigen Tatsachen ersehen. In unserer Zeit haben die Erfindungen und Entdeckungen die erzeugende Kraft der Arbeit ungeheuer vergrößert und zu gleicher Zeit die Kosten vieler Dinge, deren der Arbeiter bedarf, gewaltig herabgesetzt. Haben diese Verbesserungen irgendwo den Verdienst der Arbeiter erhöht? Ist der Nutzen nicht zur Hauptsache den Grundbesitzern in die Tasche geflossen, indem der Wert des Landes vervielfältigt wurde?

"Ich sage zur Hauptsache, denn ein Teil ist auch durch das Aufstellen ungeheurer Armeen und durch sonstige Kriegsvorbereitungen verschlungen worden, durch das Bezahlen der Zinsen auf öffentliche Schulden und, gewöhnlich unter dem Deckmantel als Zinsen für falsch dargestelltes Kapital, durch andere Monopolisten als die des Bodens. Die Beseitigung solcher Verschwendungen würde aber nicht den Arbeitern zum Nutzen sein, sie würde nur den Bodenbesitzern weitere Vorteile verschaffen. Wenn die stehenden Heere mit allem, was dazu gehört, wenn alle anderen Monopole als die des Bodens abgeschafft würden, wenn die Regierungen ein Muster von Sparsamkeit würden, wenn das Nutzenziehen von Spekulanten, Vermittlern und aller Arten von Händlern hinweg getan und jeder so ehrlich würde, dass Polizisten, Gerichtshöfe, Gefängnisse entbehrlich seien, so würde das Resultat wieder kein anderes sein, als das, welches sich aus der Vermehrung der erzeugenden Kraft ergäbe.

"Würde ferner dieser Segen nicht viele, die jetzt ihren Unterhalt verdienen können, zum Verhungern bringen? Ist es nicht wahr, wenn das, worum alle Christen beten sollten, vollbracht wäre - die Entlassung aller großen Heere Europas - man das Schlimmste befürchten müsste, weil dann so viele neue Arbeitskräfte auf den Markt geworfen würden?

"Man wird sich diesen und ähnliche Widersprüche unserer in jeder Hinsicht verwirrten Zeit leicht erklären können. Die Wirkung aller Erfindungen und Verbesserungen, die die erzeugende Kraft vermehren, ist, dass gewisse Arbeiten entbehrlich werden, so dass wir von arbeitsparenden Erfindungen oder Verbesserungen reden. In einem natürlichen Gesellschaftsstaat nun, in welchem die Rechte aller Menschen auf die Benutzung der Erde anerkannt werden, können die arbeitsparenden Erfindungen bis zum höchsten Maße steigen, ohne dass die Nachfrage nach Arbeitern verringert würde, denn in einem solchen natürlichen Staat liegt die Nachfrage nach Menschen in deren eigenem Genießen des Lebens und in den starken Trieben, die der Schöpfer dem menschlichen Herzen eingepflanzt hat. In dem unnatürlichen Staat aber, in dem die Menschenmassen von allem beraubt sind, außer von der Kraft zu arbeiten, wenn andere ihnen nur Gelegenheit dazu geben, wird die Nachfrage nach Menschen nur zu einer Nachfrage nach ihren Diensten seitens derer, die jene Gelegenheiten innehalten, und der Mensch selbst wird zu einer bloßen Ware. Obgleich die natürliche Wirkung arbeitsparender Verbesserungen eine Vermehrung des Gewinnes ist, so ist doch ihre Wirkung in dem unnatürlichen Zustand, der durch den privaten Bodenbesitz hervorgerufen wird, die, dass selbst bei solchen moralischen Verbesserungen wie der Entlassung von Armeen durch Verringerung der Nachfrage die Löhne herabgesetzt werden, und die Arbeiter gezwungen werden, zu verhungern oder Almosen zu erbitten. Wenn die arbeitsparenden Erfindungen und Verbesserungen soweit geführt werden könnten, dass die Notwendigkeit der Arbeit gänzlich abgeschafft werden würde, was würde dann die Folge sein? Würden dann die Eigentümer des Bodens nicht allen Reichtum, den das Land hervorzubringen vermag, erlangen können und gar nicht mehr der Arbeiter bedürfen, so dass letztere entweder verhungern oder als Ruhegehaltsempfänger von der Gnade der Landeigentümer leben müssten?

"Solange der Boden noch Privateigentum bleiben wird, solange gewisse Menschen als Besitzer der Erde behandelt werden, und die anderen nur leben können, weil sie von ersteren geduldet werden, kann die menschliche Weisheit nichts ersinnen, wodurch die Missstände der gegenwärtigen Lage vermieden werden könnten."

Die Freiland-Theorie ist entschieden gerecht und weitherzig, und wir sähen sie gern jetzt verwirklicht, wenn wir auch persönlich keinen Profit davon hätten. Sie würde zweifellos eine vorübergehende Erleichterung zur Folge haben, obgleich die Enteignung der Werte des Landes nicht weniger Erregung bringen würde, als die Absichten des Sozialismus, wenn nicht, wie oben angedeutet, es allmählich vor sich ginge durch vorherige Ankündigung. In Verbindung mit sozialistischen Maßnahmen würde sie denselben mehr Bestand verleihen, weil die Verteilung des Bodens unter alle gesunden, fleißigen Leute vor dem Hunger schützen würde, da dieselben sich in Ermangelung anderen Verdienstes immer genug pflanzen könnten, um sich zu nähren. Während sie, wie Herr George so schön nachwies, mit dem göttlichen Gesetz übereinstimmt, würde sie doch nicht alle Übelstände beseitigen. Die seufzende Schöpfung würde zu seufzen fortfahren, bis Gerechtigkeit und Wahrheit auf Erden aufgerichtet und alle Herzen in Übereinstimmung damit gebracht wären, denn die Selbstsucht würde es auch unter solchen Umständen verstehen, den Rahm oben abzuschöpfen und den anderen nur die Magermilch, das kaum Ausreichende, zu überlassen.

Als Beweis dafür, dass die "einzige Steuer" allein den Forderungen der gegenwärtigen sozialen und finanziellen Schwierigkeiten nicht zu begegnen vermag, führen wir ein Beispiel an, bei dem sie sich als Fehlschlag erwiesen hat. Indien hatte zum Beispiel viele Jahrhunderte lang die einzige Steuer. Man hielt dort den Boden als Gemeinbesitz und bearbeitete ihn unter Aufsicht des Dorfes. Die Folge davon ist, dass zwei Drittel der Bevölkerung Landwirtschaft betreiben, ein größerer Prozentsatz als wir ihn bei irgendeinem anderen Volk in der Welt finden. Erst in den letzten Jahren ist von den Engländern privater Bodenbesitz eingeführt worden, und auch dieses nur in gewissen Grenzen. Man kann wohl sagen, dass die Inder zufrieden sind und Behaglichkeit besitzen, dies aber gewiss nicht, weil sie reich und mit Luxusgegenständen versehen wären. Die modernen Maschinen bringen schnell Umwälzungen in ihre Verhältnisse und setzen ihre mageren Löhne noch weiter herab, und sie werden gezwungen, sich mit noch weniger zu begnügen oder zu verhungern. Wir haben schon angeführt, dass sie sich nur selten satt essen können, was uns von glaubwürdiger Seite bezeugt worden war.

Wenn wir zugeben, dass die einzige Steuer oder das Freiland sich nur vorüber gehend wirksam erweisen könnte, so ist dies auch alles, was wir uns davon versprechen könnten. Wenn die Selbstsucht in der einen Richtung in ihrer Wirksamkeit gehindert wird, so findet sie schnell eine andere. Nur "neue Herzen", der "rechte Sinn", kann der Menschheit helfen, und solches wird auch die Freiland-Theorie oder irgendeine andere nicht zustande bringen.

Nehmen wir einmal für einen Augenblick an, das Volk wäre im Besitz des Landes; es würde einer Kapitalistengruppe ein Leichtes sein, sich zu weigern, die Produkte der Landwirte zu einem anderen als dem von ihr bestimmten Preis zu kaufen und gleichzeitig die Preise der Artikel in die Höhe zu treiben, die den Landpächtern unentbehrlich wären.

Was könnte die einzige Steuer gegen den Geist der Selbstsucht vollbringen? Sie wäre machtlos!

Nehmen wir einmal an, die einzige Steuer würde morgen eingeführt; nehmen wir einmal an, bebaute Länder würden von aller Steuer befreit, jedes Bauerngut wäre versehen mit einem Haus, mit Pferd, Kuh, Pflug und anderen notwendigen Dingen. Nehmen wir an, dies bedeute die Verdoppelung der gegenwärtigen Ernte. Es würde ein Überfluss von Getreide und Gemüse hervorgebracht, von dem die Gesunden und Fleißigen essen könnten. Der große Rest würde aber so niedrig im Preis stehen, dass es sich nur unter besonders günstigen Umständen lohnen würde, ihn zum Markt zu führen. In dem letzten Jahr war dies schon der Fall, obgleich das Freilandsystem nicht eingeführt war. Kartoffeln und Kohl ließ man in Mengen verfaulen, da sich das Einernten nicht lohnte. Während des ersten Jahres wäre es möglich, dass die früheren Farmer aus den Städten auf das Land zurückströmen würden. Dadurch würde der Arbeitsmarkt in den Städten befreit werden, und die Löhne würden demzufolge bei denen steigen, die in den Städten zurückbleiben würden. Dies würde aber höchstens ein Jahr dauern. Wenn die Farmer zur Erkenntnis kämen, dass sie aus ihrem Korn und ihren Kartoffeln keine Kleider und Schuhe und andere Bedarfsartikel machen können, entweder direkt oder durch Austausch, so würden sie die Landwirtschaft wieder aufgeben und in die Städte zurückströmen, wo sie das zum Ankauf von Nahrung und Kleidung Nötige zu verdienen hoffen, und die Folge wäre das Fallen der Löhne.

Nein, das Freiland-System wäre ein Mittel, um das Verhungern zu verhindern, es ist auch ein richtiger Zustand angesichts der Tatsache, dass unser reicher Schöpfer den Boden Adam und seinem Geschlecht gab; es würde uns aus unseren gegenwärtigen Schwierigkeiten ziemlich heraushelfen, wenn die Welt jedes 50.zigste Jahr ein Jubeljahr der Wiederherstellung des Landes und der Tilgung der Schulden hätte, wie es bei den Juden der Fall war. Solche Dinge würden aber nur ein Linderungsmittel sein, wie es bei den Juden und auch bei den Indern war. Das einzige wirkliche Heilmittel wird das gegenbildliche Jubeljahr sein, welches durch den zukünftigen König der Erde, Immanuel, aufgerichtet werden wird.

Andere Hoffnungen und Befürchtungen

Nach diesem kurzen Überblick der verschiedenen Vorschläge, von denen keiner zum Ziele führen kann, müssen wir uns mit jenen beschäftigen, welche in guter Treue glauben, die "Kirchen" vermöchten, wenn sie über die Lage ganz aufgeklärt wären, die drohende Krisis aufzuhalten, die Gesellschaft gleichsam zu revolutionieren und auf besserer Grundlage neu aufzubauen. Sie könnten, meinen jene guten Leute, die Welt für Christum erobern, und selber ein Reich Gottes auf Erden aufrichten, darin Liebe und Treue gegen Gott und den Nächsten Gesetz wären. Einige halten sogar dafür, dass dieses, der Geist Christi in den "Kirchen", dessen zweite Gegenwart wäre.

Das sind aber trügerische Hoffnungen. Jene sagen: "300 Millionen "Christen", welch eine Macht!" Wir sagen: "Welch eine Schwäche!" Ja, wenn diese dreihundert Millionen lauter Heilige wären voller Nächstenliebe, dann könnten sie etwas ausrichten. Aber "Scheinweizen" und "Spreu" herrschen vor, und die "Weizen"-Klasse ist wenig zahlreich. Der große Hirte hat selber erklärt, dass seine Herde nur klein sei, ihrem Meister gleich ohne Ansehen und Einfluss, nur wenige Weise nach dem Fleische, nur wenige Mächtige, Vornehme zählend. (1. Kor. 1:26) "Höret, meine geliebten Brüder: Hat nicht Gott die Armen hinsichtlich der Welt auserwählt, reich zu sein im Glauben, und zu Erben des Reiches, welches er denen verheißen hat, die ihn lieben?" - Jak. 2:5

Nein, nein! Der Geist Christi in den Gliedern der kleinen Herde genügt nicht, ihnen das Reich zugeben. Die Kirche hat jederzeit einzelne Glieder gehabt, welche diesen Geist hatten, wie es denn unser Herr erklärt hat, bevor er die Erde verließ, er werde mit uns sein bis an das Ende des Zeitalters. Aber er hat gleichzeitig verheißen, dass, wie er (persönlich) von der Erde schied am Ende des jüdischen Zeitalters, so werde er (persönlich) wiederkommen am Ende des gegenwärtigen Zeitalters. Er hat uns versichert, dass während seiner Abwesenheit alle, die ihm treu sein würden, Verfolgung leiden, dass seine Miterben am Reiche Gottes Gewalt leiden werden, bis er wiederkomme und sie zu sich nehme. Dann werde er ihre Treue im Leiden durch große Ehre, großen Ruhm und Unsterblichkeit, durch einen Anteil an seinem Reiche und seiner Macht, die Welt zu segnen mit der Herrschaft der Gerechtigkeit und Wahrheit, belohnen, und die Übeltäter, die gegen besseres Wissen Böses tun, aus der Mitte der Frommen ausrotten. Nach diesem seufzte, auf dieses harrte nicht allein die seufzende Schöpfung, sondern auch wir, die wir die Erstlingsfrüchte des Geistes haben (Röm. 8:23), wartend auf die Zeit und die Art der Aufrichtung des Reiches des Vaters. Die Schrift hat uns gezeigt, dass die Zeit dieser Segnungen nun herbeigekommen ist, dass sie eingeleitet wird durch eine schwere Drangsal (der Welt zur Strafe), der die Heiligen, die kleine Herde, entrinnen werden durch Verwandlung und Erhöhung zu Miterben des Königreiches.

Aber damit nicht etwa jemand sagen könnte, mit Geld und Bildung hätten die "Kirchen" die Welt zu erobern vermocht, hat Gott ihnen beides reichlich verliehen. Diese Hilfsmittel haben gerade das Gegenteil bewirkt. Sie haben die "Kirchen" hochmütig und abtrünnig gemacht. "Wenn der Sohn des Menschen kommt, wird er den Glauben finden auf Erden?"

Die einzige, die gute Hoffnung

"Erwartend die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christ." "Welche (Hoffnung) wir als einen sicheren und festen Anker der Seele haben." "Deshalb umgürtet die Lenden eurer Gesinnung, seid nüchtern und hoffet völlig auf die Gnade, die euch gebracht wird bei der Offenbarung Jesu Christi." - Titus 2:13; Hebr. 6:19; 1. Petr. 1:13

Bei der Betrachtung der verwickelten Verhältnisse, die uns das Gesetz von Nachfrage und Angebot gebracht hat, bei denen die Menschheit in zwei Klassen, Arme und Reiche, zerfällt, waren wir bestrebt, nie hart zu urteilen, weil wir glauben, dass die gegenwärtigen Verhältnisse eine Folge der Selbstsucht sind, und diese uns von Adam überkommen ist, seien wir nun reich oder arm. Diese Selbstsucht ist einer kleinen Zahl (vorab Armer) gründlich verhasst, die Christum gefunden haben und unter seiner Leitung stehen und gern alle Selbstsucht aufgäben, aber es nicht können. Solange die Menschen so sind, wie jetzt, könnte selbst ein von ihnen erlassenes Gesetz, welches die Selbstsucht verhinderte, sich geltend zu machen, keinen Segen stiften, es würde die Menschen gleichgültig machen, und Barbarei träte bald an die Stelle der Kultur.

Darum ist die einzige Hoffnung für die Welt das Reich unseres Herrn Jesus Christus, das Tausendjährige Reich. Dieses Heilmittel hat Gott schon lange verheißen für die von ihm zuvor bestimmte Zeit, die nun vor der Tür ist. Wieder einmal wird die Verlegenheit des Menschen Gottes Gelegenheit sein. "Das Ersehnte aller Nationen wird kommen", nachdem menschliche Intelligenz sich beim erfolglosen Suchen nach Erleichterung erschöpft haben wird. Es scheint die Methode Gottes zu sein, die Erfahrung zur Lehrmeisterin der Menschheit zu machen. So lehrte der Herr die Juden (direkt und alle Menschen indirekt) durch ihren Bund des Gesetzes, dass des Gesetzes Werke kein (gefallenes) Fleisch gerecht machen kann vor Gott. So verwies der Herr seine Jünger auf den neuen Bund der Gnade in Christo. - Haggai 2:8; Röm. 3:20

Die große Drangsal des "Tages der Vergeltung", mit der das gegenwärtige Zeitalter abschließt und das Tausendjährige Reich beginnen muss, wird nicht allein eine gerechte Vergeltung für den mit Vorzügen getriebenen Missbrauch sein, sondern zugleich den Hochmut der Menschen demütigen, sie geistlich arm und fähig machen, die großen Segnungen zu empfangen, die er über alles Fleisch ausgießen wird. (Joel 2:28) Er verwundet also, um zu heilen.

Nun mögen einige, die den Plan Gottes nicht verstehen, vielleicht fragen: "Wie kann das Reich Gottes aufgerichtet werden, wenn alle diese menschlichen Methoden fehlschlagen? Was bringt denn die Bibel anderes in Vorschlag? Und wenn das Wort Gottes auf diese letztere Frage antwortet, warum können die Menschen nicht selber diese Methode anwenden und so die Drangsal vermeiden?"

Wir erwidern: Das Reich Gottes wird nicht aufgerichtet mittels Volksabstimmung oder durch Beschluss von Behörden. Zur rechten Zeit wird der, dem die Herrschaft gebührt, der sich den Anspruch darauf durch sein eigenes kostbares Blut erworben hat, das Reich an sich nehmen. Er wird seine große Gewalt und Herrschermacht an sich ziehen. Dabei wird Gewalt gebraucht werden; er wird sie (die Nationen) beherrschen nach eisernem Maßstab, und wie Töpfergefäße sollen sie in Stücke zerschmettert werden. (Offb. 2:27) Er wird "die Nationen versammeln und die Königreiche zusammenbringen, um seinen Grimm über sie auszugießen, denn durch das Feuer seines Eifers wird die ganze Erde verzehrt werden: und dann (nachdem sie gedemütigt und bereit sind, seinen Rat zu hören und zu beachten) wird er die Lippen der Völker in reine Lippen umwandeln, damit sie alle den Namen Jehovas anrufen und ihm einmütig dienen." - Zeph. 3:8, 9

Nicht bei seiner Aufrichtung allein, sondern während seiner ganzen tausendjährigen Dauer wird das Reich Gottes eine Macht sein, der die Menschen nicht widerstehen können. Denn sein Zweck ist gerade die Überwältigung der Feinde der Gerechtigkeit. "Er muss herrschen, bis er alle seine Feinde unter seine Füße gelegt hat." "Seine Feinde sollen Staub lecken." "Jede Seele, die irgend auf diesen Propheten (den verherrlichten Christus - das Gegenbild von Mose) nicht hören (ihm nicht gehorchen) wird, soll (wird) aus dem Volk ausgerottet werden" - in dem zweiten Tod. - 1. Kor. 15:25; Psalm 72:9; Apg. 3:23

Der Satan wird während dieser Zeit gebunden sein, und seine Macht zu täuschen und zu verführen zurückgedämmt sein, so dass das Böse den Menschen nicht länger gut, und das Gute nicht länger unerwünscht, böse, erscheinen wird; die Wahrheit wird den Menschen nicht länger als Lüge und Irrtum nicht länger als Wahrheit erscheinen. - Offb. 20:2; Hebr. 8:11; Jeremia 31:34; Jes. 35:8

Aber nicht nur Gewalt und Macht wird dieses Reich sein; nein, es wird auch allen Bewohnern der Erde Gnade und Frieden bringen. "Denn wenn deine (Jehovas) Gerichte die Erde treffen, so lernen Gerechtigkeit die Bewohner des Erdkreises." (Jes. 26:9) Die von der Sünde geblendeten Augen sollen sehend werden. Die Welt wird Recht und Unrecht, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in einem ganz anderen Lichte gewahren als jetzt, in siebenfachem Lichte. (Jes. 30:26; 29:18-20) Die äußeren Versuchungen, wie sie jetzt noch vorherrschen, werden fast ganz verschwinden. Böses wird nicht zugelassen noch erlaubt sein, sondern sichere Strafe wird die Übeltäter treffen, eine Strafe, zugemessen mit absolut sicherer Gerechtigkeit von den erhöhten, dazu bestellten Richtern jener Zeit, die mit den Schwachen Mitleid haben werden. - 1. Kor. 6:2; Psalm 96:13; Apg. 17:31

Die Richter werden nicht nur danach richten, was sie mit Ohren hören und mit Augen sehen, sondern nach strikter Gerechtigkeit. (Jes. 11:3) Fehlgriffe werden sie nicht tun; keine böse Tat wird ihrer Vergeltung entgehen; selbst die Versuche, Verbrechen zu begehen, werden unter solchen Umständen bald aufhören. Jedes Knie wird sich beugen (vor der alsdann herrschenden Macht), und jede Zunge wird bekennen (dass die Verfügungen dieser Macht gerecht sind). (Phil. 2:10,11) Dann wird, bei vielen wohl nur allmählich, die neue Ordnung der Dinge die Herzen und Gemüter der Menschen erweichen, und was zuerst erzwungener Gehorsam war, wird alsdann Gehorsam aus Liebe, aus Wertschätzung der Gerechtigkeit werden; und diejenigen, welche diesen Gehorsam nicht lernen, sondern fortfahren, nur dem Zwang zu gehorchen, werden zur bestimmten Zeit vom zweiten Tode dahingerafft. - Apg. 3:23; Offb. 20:7-9

Dem Gebot der Liebe wird auf diese Weise Achtung verschafft, nicht durch Zustimmung der Mehrheit, sondern gerade gegen den Willen der Mehrheit. Die Menschheit wird auf ihre republikanischen Ideen verzichten und tausend Jahre unter einer selbstherrlichen Regierung leben müssen. Eine solche müsste uns Furcht einflößen, wenn ihr Träger sündhaft oder der Aufgabe nicht gewachsen wäre; aber Gott verheißt uns ja, dass der Gewalthaber jenes Zeitalters der Fürst des Friedens sein wird, unser Herr Jesus Christus, dem die Wohlfahrt der Menschheit so am Herzen lag, dass er sein Leben hingab, damit er sie vom Tode zurückkaufen, aus ihrer Sündhaftigkeit herausheben und alle zu vollkommenen, Gott wohlgefälligen Wesen machen könne - alle, welche seine Gnade durch Unterwerfung unter den Neuen Bund annehmen.

Gleich zu Beginn des tausendjährigen Reiches wird es allen klar werden, dass dieser Gang der Dinge, den Gott bestimmt hat, die einzige Methode ist, durch welche die sündenkranke, selbstsüchtige Welt geheilt werden kann. Ja, jetzt schon sehen viele ein, dass die Welt einer gleichzeitig starken und gerechten Regierung bedarf, dass die einzigen Menschen, denen man ohne Gefahr volle Freiheit verleihen darf, die wahrhaft Bekehrten sind, die einen erneuerten Willen, ein neues Herz, den Geist Christi haben.

Was hat ein Kind Gottes zu tun?

Nun möchten wohl einige fragen, was wir aber, die wir diese Dinge in ihrem wahren Licht sehen, tun sollen? Sollen wir, falls wir brachliegendes Land besitzen, dasselbe weggeben oder sonst fahren lassen? Nein! Das würde nichts Gutes stiften, es sei denn, man schenke es einem armen Nachbarn, der es gerade gebrauchen könnte, und auch dann muss man gewärtigen, dass, wenn er es nicht zu seinem Nutzen verwendet hätte, er die Schuld für seinen Misserfolg auf den Geber des Landes werfen würde.

Sollen wir als Farmer oder Kaufleute unser Geschäft nach den Grundsätzen führen, welche im tausendjährigen Reich gelten werden? Nein, das würde uns nur finanziellen Ruin bringen, der unsere Gläubiger schädigen, unsere Angehörigen in Not bringen und unsere Angestellten brotlos machen würde.

Wir sind der Meinung, dass alles, was gegenwärtig in dieser Richtung getan werden kann, darin besteht, unsere Mäßigung jedermann sehen zu lassen, niemanden zu bedrücken, angemessene Löhne oder Gewinnanteile auszuzahlen, Unredlichkeit in jeder Form zu vermeiden, "vorsorglich (zu sein) für das, was ehrbar ist vor allen Menschen", ein Beispiel von Gottseligkeit verbunden mit Genügsamkeit zu geben, durch Wort und Beispiel vor jeder Gewalttätigkeit oder Unzufriedenheit zu warnen, und die Mühseligen und Beladenen zu Christo und seinem Wort der Gnade zu führen - durch Glauben und volle Weihung. Wer durch Gottes Güte Verwalter von mehr oder weniger Reichtum ist, hüte sich davor, aus diesem Besitz einen Götzen zu machen, auch gehe sein Bestreben nicht in erster Linie darauf aus, ihn zu vermehren für seine Erben, sondern er verwende ihn im Dienste Gottes und unter seiner Leitung, eingedenk dessen, dass er ihn nicht für alle Zeit behalten kann und kein Recht hat, ihn für sich allein zu gebrauchen, sondern dass Gott ihm denselben anvertraut hat, damit er ihn freudig gebrauche in seinem Dienst, zur Ehre unseres himmlischen Königs.

Wir haben überdies diese Frage schon einmal im "Wachtturm" besprochen, anlässlich einer an uns ergangenen brieflichen Anfrage. Wir geben im Folgenden Frage und Antwort hier wieder.

In der Welt, aber nicht von der Welt

"Lieber Bruder! - In unserer Zusammenkunft vom letzten Sonntag besprachen wir Röm. 12:1 und kamen dabei auf die Frage zu sprechen, wie dem Herrn Geweihte ihre Zeit verwenden sollen. Ich habe einen Spezereihandel und muss, wie die Dinge im Handel gegenwärtig liegen, beständig über mein Geschäft wachen. Ist es nun meinerseits recht, solche Anstrengungen zu machen, um mir eine Kundschaft zu bilden und zu erhalten? Ich versende jede Woche Preislisten und offeriere dabei manchmal einige Artikel unter ihrem Preis und lasse auch in abträglicheren Artikeln manches mitlaufen, nicht weil ich persönlich daran Freude habe, sondern weil meine Konkurrenten ebenso handeln und ich, da ich nicht reich bin, mein Geschäft in Gang erhalten muss, um meinen Lebensunterhalt zu finden. Ich muss dies tun, wiewohl es die Schwächeren unter meinen Konkurrenten schädigt. Ich weiß, dass sich unter denselben Witwen befinden, die mit einem kleinen Spezereihandel ihr ehrliches Auskommen zu finden trachten; um gegen dieselben mitzutun, muss ich alle meine besseren Gefühle in den Wind schlagen. Das ist ein betrübendes Eingeständnis für jemand, der mit dem Herrn an der Erlösung der Menschheit aus dem Joch der Selbstsucht arbeiten möchte, an jener Erlösung, die in einer so nahe bevorstehenden Zeit fällig ist. Ich erwarte nicht von Ihnen, dass Sie meine Handlungsweise rechtfertigen, aber Ihre Ansicht möchte ich kennen hinsichtlich der Pflichten und des Verhaltens von wahren Kindern Gottes, die Geschäftsleute und in der Lage großer Fische sind, die kleinere auffressen.

Ihr in Christo verbundener ..."

Antwort: Die Lage, von der Sie sprechen, ist diejenige des Geschäfts überhaupt, und wird es immer mehr in der ganzen Welt. Sie ist ein Teil der Drangsal unserer Zeit. Die Regierung der Maschinentätigkeit und die Zunahme der Bevölkerung drückt die Löhne und macht die Arbeitsgelegenheiten unsicher. Immer mehr Menschen treiben daher Handel, und Konkurrenz und kleiner Profit sind zwar ein Vorteil für die Armen, bringen aber den kleinen Geschäftsmann um sein Auskommen, der teurer verkaufen muss, um zu bestehen. Darum verschwinden auch die kleinen Geschäfte und Fabriken immer mehr und machen den großen Platz, die schneller, besser und billiger bedienen können. Das ist für die Großzahl der Menschen eine Erleichterung, wenn auch dabei mancher geistig, körperlich oder finanziell Schwächere zu Schaden kommt, weil er sich den Verhältnissen nicht anpassen kann. Diese Schwächeren sollten sich der Erleichterung freuen, die der Allgemeinheit erwächst, auch wenn es sie selbst schädigt. Sie sollten mit den Fröhlichen fröhlich sein und geduldig auf das Reich Gottes warten, welches die Segnungen Gottes allen, nicht nur einer Großzahl zuteil werden lassen wird. So selbstlos können es freilich nur die ansehen, die die "neue Natur" haben. Die gegenwärtigen Konkurrenzverhältnisse sind daher nicht nur ein Übel, sondern gleichzeitig eine Belehrung der Welt, dazu bestimmt, diese vorzubereiten auf das tausendjährige Reich, in welchem die Geschäfte der Welt im Interesse nicht des Einzelnen, sondern der Gesamtheit besorgt werden.

Zuweilen freilich wird der selbstische Konkurrenzkampf edlen, hochherzigen Menschen, seien sie nun Christen oder nicht, sehr beschwerlich und widerlich. Es freut uns, dass Sie zu diesen gehören. Unserer Ansicht nach sollten Sie daher zunächst sich nach einer weniger von Konkurrenz belasteten Branche umsehen. Können Sie aber einen Wechsel nicht vollziehen, so harren Sie aus und suchen nach besten Kräften die widerstreitenden Interessen Ihrer Kunden, Ihrer Konkurrenten und Ihrer selbst zu vereinigen. Wirft Ihr Geschäft genügend ab, so suchen Sie es auf der Höhe zu halten, aber führen Sie es nicht mit der Absicht, reich zu werden, "denn die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstrick." (1. Tim. 6:9) Vermeiden Sie den Konkurrenten gegenüber alle unredlichen Mittel und den Neid, den Kunden gegenüber jede unberechtigte Anpreisung einer Ware. Gerechtigkeit und Redlichkeit muss um jeden Preis festgehalten werden, dazu üben Sie soviel Mäßigung, wie die Nächstenliebe verlangt und die Umstände gestatten.

Wir vergessen keineswegs das Gebot: "Du sollst nicht der Menge folgen, die Böses tut" (2. Mose 23:2), und raten keineswegs zu irgendwelchem Kompromiss mit dem Unrecht. Wir verstehen Ihre Frage nicht so, ob Sie Unrecht tun dürfen, sondern ob die Liebe Ihnen gestattet, alles zu tun, wogegen Gerechtigkeit und Brauch nichts einzuwenden haben. Weltliche Herzen haben solche Kümmernisse nicht; es ist Ihre neue Natur, deren Gesetz die Liebe ist, der Ihres Konkurrenten Wohlergehen lieber sähe als seine Not, und die allen Menschen bei jeder Gelegenheit Gutes tun möchte, besonders den Hausgenossen des Glaubens. Pflegen Sie diese neue Natur, indem Sie dem Gebot der Liebe gehorchen, wo es nur irgend angeht. "Wenn möglich, soviel an euch ist, le