Band 5 - Die Versöhnung des Menschen mit Gott


Inhalt:


SCHRIFTSTUDIEN

"Der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht,
das stets heller leuchtet bis zur Tageshöhe." (Spr. 4:18)




BAND 5




DIE VERSÖHNUNG DES MENSCHEN MIT GOTT

"Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und Menschen,
der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gab zum Lösegeld
für alle, wovon das Zeugnis zu seinen Zeiten ver-
kündigt werden sollte." (1. Tim. 2:5, 6)
"Wir rühmen uns auch Gottes durch unseren Herrn
Jesum Christum, durch welchen wir jetzt
die Versöhnung empfangen
haben." (Röm. 5:11)

INTERNATIONALE VEREINIGUNG ERNSTER BIBELFORSCHER

Dem König
aller Könige und Herrn aller Herren

zum Besten
seiner ihm geweihten "Heiligen",
die da warten auf die Kindschaft,
und
"aller, die an allen Orten den Namen unseres Herrn
Jesus Christus anrufen",
"der Hausgenossen des Glaubens"
und
"der harrenden Kreatur, die zusammenseufzt
und in Geburtswehen liegt, wartend
auf die Offenbarung der Söhne Gottes",

ist dieses Werk gewidmet.




"Alle zu erleuchten, welches die Verwaltung des Geheimnisses sei,
das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott." "Nach dem
Reichtum seiner Gnade, welche er gegen uns hat überströ-
men lassen in aller Weisheit und Einsicht, indem er
uns kundgetan hat das Geheimnis seines Willens
nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorge-
setzt hat in sich selbst, für die Verwaltung
der Fülle der Zeiten: alles unter ein
Haupt zusammenzubringen
in dem Christus."

(Epheser 3:4, 5, 9; 1:8-10)




Original: "THE AT-ONE-MENT BETWEEN GOD AND MAN"

Erfasst von Charles Taze Russell im Jahr 1899

DAWN BIBLE STUDENTS ASSOCIATION

Vorwort der Herausgeber

Es ist uns eine große Freude, dass es durch des Herrn Vorsehung möglich ist, diesen wertvollen "Schlüssel" zur Bibel, "Der Göttliche Plan der Zeitalter", in der deutschen Sprache wieder herauszugeben. Nur wenig könnte dem hinzugefügt werden, was schon von den vielen Freunden dieses Buches gesagt worden ist. Es hat sich in der Vergangenheit bewährt. Veröffentlicht zum ersten Mal im Jahr 1886 bei seinem Verfasser, wird es noch immer von Tausenden in der ganzen Welt wegen seiner klaren Ausdrucksweise und seiner Fähigkeit, die Schrift harmonisch auszulegen, als das beste Lehrbuch und Hilfsmittel für das Studium der Bibel anerkannt.

Unser Gebet ist, dass der Herr fortfahren möchte, die in diesem Buch enthaltene Botschaft, welche Seine Botschaft ist, zu segnen; dass es Trost und Freude bringen möchte zu denen, welche noch nicht mit der frohen Botschaft bekannt sein möchten.

Juli 1950
Die Herausgeber




Neu bearbeitete Auflage

Mit des Herrn Hilfe wurde dieser 5. Band der Schriftstudien, "Die Versöhnung des Menschen mit Gott", nach der neuen deutschen Rechtschreibung neu bearbeitet.
Damit steht dieser Band der Schriftstudien auch den Computer- und Internet-Benutzern zur Verfügung.
Es möge der heilige Name des Ewigen verherrlicht werden.

Dortmund, April 2002

Band V - "Die Versöhnung des Menschen mit Gott"

Vorwort des Verfassers

Die erste Auflage dieses Bandes wurde im Jahre 1899 veröffentlicht. Das Werk befindet sich jetzt im Besitz einer großen Anzahl des Volkes Gottes in verschiedenen Sprachen in der ganzen zivilisierten Welt. Zahlreiche Freunde schrieben uns, dass sie durch den Band große Hilfe in der Erläuterung der Wahrheit - der Erklärungen der Bibel - empfangen haben. Manchem ist in der einen, manchem in der anderen und manchem ist er nach allen Richtungen hin hilfreich gewesen. Das Kapitel "Der Unbefleckte", das davon handelt, wie unser Herr den irdischen Zustand annahm, als er in Bethlehem als Kind geboren wurde, hat besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und viele haben erklärt, dass es ein großes Licht auf die verschiedensten biblischen und wissenschaftlichen Gegenstände geworden hat.

Bei einem Theologie-Gebäude, das seine eigene Fehlbarkeit zugesteht und die göttliche Fürsorge und Erleuchtung bis zum Ende des Laufes der Kirche erwartet und erbittet, scheint es bemerkenswert zu sein, dass dieser Band, der vor 19 Jahren geschrieben wurde, nur geringer Berichtigung bedarf, um mit den letzten Ansichten der Bibelforscher übereinzustimmen.

Der wichtigste Zug dieses Bandes ist das Lösegeld. Augenscheinlich ist diese Lehre, von der alle übrigen mit unserer Errettung verbundenen Lehren ausgehen, in weitgehendem Maße in Vergessenheit geraten und verdunkelt gewesen, von der Zeit an, da die Apostel entschliefen bis zur Gegenwart. Bibelforscher haben gefunden, dass das Lösegeld der Schlüssel ist, der die ganze Bibel aufschließt, der augenblicklich unterscheidet, was Wahrheit und was Irrtum ist.

Da wir den Gegenstand gewürdigt und sorgfältig studiert haben, ist es nicht zu verwundern, dass unsere Ansichten diesbezüglich klarer und klarer geworden sind. Die das Lösegeld betreffenden Aussagen der Bibel haben sich in keiner Weise geändert, auch hat unser Vertrauen zu ihnen nicht nachgelassen, doch sind sie klarer geworden, wir verstehen sie besser. Wir glauben, dass die Aussagen, die die Bibel über diesen Gegenstand gibt, unfehlbar sind, und dass es unsere eigene Fehlbarkeit ist, die es ermöglicht, dass unsere Ansichten erweitert werden, da wir in der Schrift forschen, und - wie verheißen - durch den Heiligen Geist zu einem Verständnis derselben geführt werden. Wir erheben nicht Einspruch gegen den göttlichen Plan der schrittweise vor sich gehenden Enthüllung, sondern wir erfreuen uns desselben. Wir haben uns wegen nichts zu entschuldigen. Das Lösegeld wird uns in großartiger Weise erkennbar durch jeden neuen Strahl göttlichen Lichtes.

Wir erkennen jetzt, dass unser Herr Jesus die himmlische Herrlichkeit verließ, damit er eine Erlösung für Adam und sein Geschlecht bewirken konnte. Wir erkennen, dass die Verwandlung seiner Natur von einem geistigen zu einem menschlichen Wesen in der Absicht geschah, es ihm möglich zu machen, das Lösegeld zu sein - ein vollkommener Mensch für einen vollkommenen Menschen - "Antilytron" - ein entsprechender Preis. Wir erkennen jetzt, dass sich Jesus zur Zeit seiner Weihung, die er im Alter von 30 Jahren am Jordan vornahm, als Lösegeld für alle hingab. Er fuhr fort, das Lösegeld zu geben, indem er sein Leben niederlegte, das zur bestimmten Zeit das Lösegeld für Adam und sein Geschlecht ausmachen soll. Er vollendete dieses Werk der Niederlegung seines Lebens, es zu übergeben, zu weihen, von sich nehmen zu lassen, als er am Kreuze ausrief: "Es ist vollbracht!" Nichts mehr als das, was wirklich niedergelegt worden war, konnte niedergelegt werden -- ein Lösegeld, ein entsprechender Preis für Vater Adam. Aber es wurde nicht zum Ausgleich der Schuld Adams bezahlt, sonst würden Adam und das ganze Sündergeschlecht zur selben Zeit und am selben Orte Jesu zugeführt worden sein. Der Preis wurde nur als Pfand in die Hand der göttlichen Gerechtigkeit gelegt, zugunsten dessen, der gestorben war, damit dieser ihn später in Harmonie mit dem göttlichen Plane in Anwendung bringen könnte. Unser Herr Jesus wurde als ein Geistwesen göttlicher Natur auferweckt, als Belohnung für seine Treue, die er Gott gegenüber erzeigt hatte, indem er sein irdisches Leben als Opfer hingab. Gott hat ihn hoch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jeden Namen ist.

Jesus konnte gar keinen Gebrauch machen vom Lösegelde, als er auf der Erde war. Er konnte nicht einmal seine Jünger in Gemeinschaft mit Gott bringen. Darum erklärte er: "Ich fahre auf zu meinem Gott und zu eurem Gott, zu meinem Vater und zu eurem Vater." Auch erklärte er: "Wenn ich nicht hinweggehe, so kann der Geist nicht kommen." Zehn Tage, nachdem unser Herr aufgefahren war, erhielten seine Jünger, die sich seiner Anweisung gemäß in dem oberen Raume versammelt hatten, den Pfingstsegen, die Bestätigung, dass sie vom Vater durch das Verdienst des Opfers Jesu angenommen waren. Jesus hatte das Verdienst des Lösegeldes, das er in die Hand des Vaters gelegt hatte, seinen Jüngern zugerechnet, aber nicht gegeben. Nicht sie sollten es besitzen, sondern die Welt, - "ein Lösegeld für alle". Alle Jünger entsagten ihrem Anteil an den Segnungen der Erlösung, die die Welt bei dem zweiten Advent unseres Herrn empfängt, damit sie mit ihrem Erlöser teilhaben an einem noch größeren Segen, Ehre und Unsterblichkeit. Das Lösegeld soll Adam und seinem Geschlecht das irdische Leben, die irdischen Ehren und Rechte bringen, die durch Adam verloren gegangen waren, als er durch Ungehorsam ein Sünder wurde, indem der Verlust auf seine ganze Familie, sein ganzes Menschengeschlecht vererbt wurde. Die Zeit, die Ergebnisse der Erlösung, nämlich Wiederherstellung, Adam und seinem Geschlecht zu geben, ist nach der zweiten Wiederkunft unseres Herrn fällig, wenn er sein Königreich aufrichten wird, das dazu dienen soll, das empörerische Geschlecht zu voller Gemeinschaft mit dem Vater und zu ewigem Leben zurückzubringen, so viele es wollen.

Die Berufung der Herauswahl geschieht nicht, um ein weiteres Lösegeld zu geben, auch nicht, um dem, welches Jesus gab, etwas hinzuzufügen, denn das seinige genügt. Die Aufforderung der Herauswahl soll zeigen, dass sie denselben Geist hat, den Jesus hatte, denselben Wunsch, den Willen des Vaters um jeden Preis - selbst bis zum Tode - zu tun, und diejenigen, die dies zeigen, können vom Vater als Glieder des königlichen Priestertums, dessen Haupt Jesus ist, als eine Brautklasse, mit Jesu als dem himmlischen Bräutigam, angenommen werden. Sie müssen unter demselben Bunde zu Gott zurückkehren, den Jesus geschlossen hatte. "Versammelt mir meine Frommen, die meinen Bund geschlossen haben beim Opfer." - Psalm 50:5

Erst wenn diese berufen, erwählt, treu erfunden und verherrlicht worden sind, wird die Zeit für Christum und seine Brautklasse kommen, die Herrschaft über die Welt zu deren Aufrichtung zu übernehmen, und erst dann wird für unseren Heiland die geeignete Zeit gekommen sein, das Verdienst seines Todes der göttlichen Gerechtigkeit zu übertragen, das er sterbend als Pfand in die Hände des Vaters gelegt hatte mit den Worten: "Vater in deine Hände übergebe ich meinen Geist" - mein Leben und alle Rechte darauf. Wenn dieses Lösegeld am Ende dieses Zeitalters der Gerechtigkeit formell übergeben sein wird, wird es nicht mehr ein zur Verfügung des Heilandes stehendes Pfand sein, sondern ausgetauscht sein gegen Adam und sein Geschlecht, dessen Glieder alle sogleich vom Vater dem Sohne übergeben werden, damit das Millenniums-Königreich beginnen kann, und alle Geschlechter der Erde dem Erlöser unterworfen werden, damit er sie aufrichten kann aus der Sünde und dem Zustande des Todes zu alledem, was in Adam verloren war, und für dessen Rückkauf Jesus gestorben ist.

Die Herauswahl konnte während des nahezu 1900 Jahre andauernden Vorganges der Erwählung kein Gott annehmbares Opfer sein, wie es ihr Erlöser Jesus war, weil er allein heilig, unbefleckt war, - wir alle sind unvollkommen, Sünder, und Gott nimmt unvollkommene, befleckte, sündige Opfer nicht an. Was konnte also getan werden, um uns zu annehmbaren Opfern zu machen, und uns zuzulassen, um Mitarbeiter Jesu auf geistiger Stufe zu werden? Das Geeignete wurde getan -- eine Zurechnung des Verdienstes wurde von der göttlichen Gerechtigkeit allen gewährt, die in einen Opferbund einzutreten wünschten, und für die Jesus ein Rechtsbeistand, ein Bürge sein würde. Dieses Verdienst seines Opfers, das Jesus seiner Herauswahl zurechnet, könnte mit einer Hypothek auf das Lösegeld verglichen werden, die verhindern würde, dass es für die Welt angewandt wird, bis seine Anwendung für die Herauswahl beendet sein wird.

Der Bund der Herauswahl ist, alles irdische Leben und alle irdischen Rechte zu opfern, damit sie Neue Schöpfungen in Christo und Miterben auf geistiger Stufe werden.

Auf der Grundlage dieser Zurechnung unserer zukünftigen Wiederherstellungssegnungen und unserer persönlichen Weihung, die wir dem Herrn gegenüber vornehmen, brachte uns unser Erlöser, indem er als unser Hohepriester und Rechtsbeistand tätig war, in Beziehung zu dem Plane des Vaters, wodurch uns ermöglicht wurde, die Zeugung aus dem Heiligen Geiste zu empfangen und aufzuhören, dem menschlichen Geschlecht anzugehören, und Glieder des geistigen Geschlechtes zu werden, dessen Haupt Jesus ist. Alle Glieder der Herauswahl nehmen deshalb mit Jesu an der Selbstaufopferung teil, indem wir uns dem Herrn hingeben, und er als Gottes Hohepriester uns als Teil seines eigenen Opfers darbietet. So "ergänzen wir, was noch rückständig ist an den Leiden des Christus." So leiden wir mit ihm, damit wir auch mit ihm herrschen können. Erst wenn alle Geistgezeugten durch den Tod gegangen sein werden, wird das Verdienst Christi, das bei seinem Tode als Pfand in die Hand der Gerechtigkeit gelegt und zugunsten der Herauswahl verpfändet wurde, von jeder Hypothek entlastet und zur völligen Anwendung im Loskauf Adams und seines Geschlechtes unter den Bedingungen des Neuen Bundes frei sein.

Wenn wir diesen Band noch einmal schreiben würden, würden wir hier und da ganz geringfügige Veränderungen des Ausdrucks vornehmen, in Übereinstimmung mit dem, was wir hier dargelegt haben. Wir bitten unsere Leser, dies im Gedächtnis zu behalten. Die Veränderungen sind nicht derart, dass sie uns die Ausdrücke in diesem Buche als schlecht bezeichnen ließen - sie sind nur nicht so genau und klar, wie sie es sein könnten, wenn er jetzt geschrieben werden sollte.

Wegen einiger zeitgemäßer Erläuterungen über den Neuen Bund bitten wir den Leser, das Vorwort des Verfassers in "Schriftstudien" Band VI zu beachten.

Euer Diener im Herrn
Charles T. Russell
Brooklyn, N.Y., 1. Oktober 1916

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Studie 1

Die Tatsache und die Lehre von der Versöhnung

Die Lehre von der Versöhnung: Die Grundlage der Bibelmäßigen christlichen Lehre. - Drei verschiedene Ansichten über den Gegenstand: die "Orthodoxie", die der "Andersgläubigen" und die biblische Ansicht, welche die beiden anderen vereinigt und in Einklang bringt. - Die Fortentwicklungs- oder Evolutionslehre läuft über diesen Gegenstand der Wahrheit zuwider. - Der göttlichen Gerechtigkeit Genüge geleistet. - Die Versöhnung der Kirche im Fortschritt begriffen. - Die Versöhnung der Welt zukünftig. - Die großartigen Endergebnisse, wenn des Mittlers Thron und Reich dem Vater wieder überantwortet wird.

Die Lehre von der Versöhnung ist die Grundlage der ganzen christlichen Religion; es ist deshalb nötig, dass man über diesen Gegenstand ein klares Verständnis besitzt; und das wird von Christen auch allgemein zugeben. Nun glaubt man wohl ziemlich überall an das Versöhnungswerk, aber trotzdem wird dasselbe doch wenig verstanden, und die darüber herrschenden Begriffe sind sowohl schwankend als auch unbestimmt und ohne inneren Zusammenhang; und so kann denn ein auf solch schwankende und unbestimmte Grundlage auferbauter Glaube auch nicht anders als ebenso schwankend, schwach und unbestimmt sein. Wenn hingegen über diese Grundlehre Klarheit gewonnen wird und deren Wichtigkeit und Schönheit an Hand des Wortes Gottes erkannt wird, wenn sie als Grundlage des Erlösungsplanes angenommen wird, so wird nicht nur unser Glaube fest, weil auf wahrheitsgemäßer Grundlage ruhend, sondern wir erlangen auch die Fähigkeit, in allen Einzelheiten des Glaubens Wahrheit und Irrtum von einander zu unterscheiden. Wenn erst die Grundlage richtig gelegt, richtig erkannt ist, und wenn jeder Artikel des Glaubens den Grundlinien entsprechend darauf gebaut wird, so kann schließlich der ganze Aufbau des Glaubens nicht anders als vollkommen sein. Wir werden später des näheren ausführen, wie an diesem Prüfstein jede Lehre auf ihren Gehalt an Gold oder Unrat geprüft werden kann.

Die zwei verbreitetsten Ansichten über das Versöhnungswerk sind:

1. Die der "Orthodoxen" oder "Rechtgläubigen". Derselben gemäß fiel der Mensch als Übertreter des Gebotes Gottes in die göttliche Strafe, er kam unter den Fluch. Gott aber, obwohl seiner eigenen Gerechtigkeit wegen verhindert, den Sünder ohne weiteres von Schuld und Strafe freizusprechen, hat in Christo für eine gerechte Sühne, für einen Freikauf der Menschheit gesorgt. Dieses ganze Werk, das die göttliche Gerechtigkeit befriedigt und den Sünder seinem Schöpfer wieder annehmbar macht, wird das Versöhnungswerk genannt.

2. Die Anschauung der "Andersgläubigen" (früher bloß von den Unitariern, Universalisten und Quäkern verfochten, jetzt aber von der Mehrzahl der Namenkirchen angenommen) nähert sich dem Gegenstand von der entgegengesetzten Seite; ihrer Lehre gemäß wäre ein Opfer für die Übertretungen des Sünders als Genugtuung für die göttliche Gerechtigkeit eigentlich nicht nötig; der Zorn Gottes wird übersehen, und die davon herrührende Strafe, der Tod, wird nicht mehr als ein Fluch erkannt. Man lehrt, Gott suche und erwarte die Annäherung des Menschen, Hindernis liege derselben keines im Weg, indem ja eine Sühne für die Sünde nicht nötig sei; nur das sei erforderlich: dass der Mensch von der Sünde lasse und nach der Gerechtigkeit strebe, um auf diese Weise mit Gott in Einklang zu kommen - mit Gott versöhnt zu werden. Aus dem Grund wird die Lehre allgemein "die Versöhnung" genannt; man versteht darunter einfach "Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit", ungeachtet der Art und Weise, wodurch die Menschheit auf diesen Standpunkt gebracht werden mag.

Der Sünder könnte demnach die Versöhnung für seine Fehltritte durch Buße selbst erreichen, Jehova würde seinerseits bedingungslos vergeben. So betrachtet, hätte unser Herr Jesus und alle seine Nachfolger nicht durch das Sündopfer, durch das Lösegeld, teil an der Versöhnung, sondern einfach in dem Sinne, dass sie die Menschheit gelehrt und ermahnt haben, sich von der Sünde ab- und der Gerechtigkeit zuzukehren.

3. Die Ansicht nun, welche wir als die biblische annehmen (die jedoch von den Theologen allgemein übersehen wird), umfasst und vereinigt beide vorgenannten Anschauungen. Wie wir zu zeigen uns bemühen werden, bezeugt die biblische Lehre von der Versöhnung klar und deutlich:

a) Der Mensch wurde vollkommen, als das Ebenbild Gottes erschaffen, er fiel aber durch freien Ungehorsam und kam dadurch unter den Fluch, unter das Urteil des heiligen Zornes Gottes, und so sind die Glieder des ganzen Geschlechtes "Kinder des Zornes" geworden. - Eph. 2:3

b) Gott vollstreckte seiner Gerechtigkeit gemäß das gefällte Urteil, die Todesstrafe, an allen seinen ungehorsamen Geschöpfen ohne Ausnahme mehr als 4000 Jahre lang. Aber Jehova ist eben nicht nur die Gerechtigkeit selber, sondern er hat auch Erbarmen, er ist die Liebe, und diese Eigenschaft hat ihn bewogen, einen Erlösungsplan zu entwerfen, wodurch es ihm möglich war, sein gerechtes Urteil an allen zu vollstrecken und dennoch alle die zu "rechtfertigen", die des "Glaubens an Jesum" sind (Röm. 3:26). Durch diesen Plan können nun alle Verurteilten der Strafe entgehen, ohne dass die göttliche Gerechtigkeit verletzt wird; und dabei entfaltet sich die göttliche Liebe, Weisheit und Macht in so herrlicher Weise, wie wir es nur vom Allmächtigen erwarten dürfen; in diesen herrlichen Liebesplan, in die gar mannigfaltige Weisheit Gottes hinein zuschauen, gereicht allen vernunftbegabten Geschöpfen, Menschen und Engeln, zum Segen. - Eph. 3:8-10

c) Um diesen Plan der Versöhnung mit dem durch Adam verletzten, göttlichen Gebot auszuführen, starb unser Erlöser als ein Lösegeld für alle, wovon das Zeugnis zu seinen Zeiten verkündigt werden soll. - 1. Tim. 2:6

d) Aber mit dem Opfer für die Sünden ist das Versöhnungswerk noch nicht vollendet, es wird damit bloß die Forderung der Gerechtigkeit befriedigt. Das an die Gerechtigkeit bezahlte Lösegeld bewirkte gleichsam eine "Übertragung", wodurch die Angelegenheit des Menschen, seine ganze Verschuldung, förmlich und gänzlich auf Rechnung des Herrn Jesum übertragen wurde, der seinerseits an die Gerechtigkeit alles bezahlte, was sie von Adam und seinem Geschlecht zu fordern hatte. So ist nun Christus, indem er sein eigenes kostbares Blut als Kaufpreis hingegeben, der Eigentümer, Meister und "Herr aller" geworden. - Röm. 14:9

e) Einen Hauptpunkt in diesem Plane bildet die Aufhebung der über Adam und sein Geschlecht verhängten Todesstrafe, weil, so lange sie in Kraft bleibt, die Liebe nichts für die Verurteilten tun kann, und der Mensch ja alle seine Rechte auf ein ewiges Leben verwirkt, verloren hat.

f) Ein anderer Hauptpunkt ist der, dass die gefallene Menschheit aus dem Bereich der göttlichen Gerechtigkeit (oder Gerichtsbarkeit) weggerückt und unter die besondere Obhut Jesu gestellt wurde, der sich als Vertreter von des Vaters Plan nicht nur vorgenommen hat, die Forderungen der Gerechtigkeit zu befriedigen, sondern auch aus dem gefallenen Geschlecht so viele zu belehren, zu bessern und endlich vollkommen zu machen, als mit der Gerechtigkeit in Übereinstimmung zu kommen wünschen; diese wird er schließlich dem Gesetz Gottes wieder unterstellt, aber erst, nachdem er sie fähig gemacht hat, den Anforderungen desselben zu entsprechen.

g) Obwohl ursprünglich nichts zwischen Gott und den Menschen stand als die Strafe, so ist es doch jetzt nach 6000 Jahren des Fallens, der Erniedrigung und Entfremdung von Gott durch böse Werke - und infolge finsteren Aberglaubens, Unwissenheit und der Ränke des Teufels - und auch durch irrige Darstellung des göttlichen Charakters und Planes, mit den Menschen soweit gekommen, dass sie die Botschaft von der Gnade und Vergebung fast gar nicht beachten. Trotzdem Gott offen erklärt, dass, seit er das Lösegeld angenommen, er bereit sei, die Sünder mit ihm selbst wieder in Einklang zu bringen und ihnen ewiges Leben zu geben, um des Verdienstes Christi willen, so glaubt doch die große Mehrzahl der Menschen nicht, oder nur zögernd, an die gute Botschaft und greift deshalb nicht freudig nach den nötigen Vorbedingungen. Einige sind von Satan, dem Verführer aller Nationen (Offb. 20:3) so geblendet worden, dass sie gar nicht mehr an einen Gott glauben; andere halten Gott für einen großmächtigen Gegner, ohne Liebe und Erbarmen, der bereit und willens sei, sie in alle Ewigkeit zu quälen. Noch andere sind durch die einander widersprechenden Lehren der Namenkirchen so verwirrt worden, dass sie nicht wissen, was sie glauben sollen; und obwohl sie sich Gott nähern möchten, so wagen sie es aus Furcht nicht, oder wissen nicht, wie sie es anstellen sollen. So ist denn natürlicherweise die Zahl derer, welche durch Christum zu Gott kommen, verhältnismäßig eine geringe - "eine kleine Herde" - geblieben.

h) Das Opfer für die Sünde ist aber dennoch nicht bloß für diese wenigen bestimmt, sondern für die vielen, für alle. Es ist somit ein weiterer Akt des göttlichen Programms, dass er, der sie alle mit seinem eigenem, teuren Blute vom Tode zurückgekauft, schließlich allen Menschen, "aller Kreatur", die frohe Botschaft von ihrem Vorrecht, unter göttlicher Gnade wieder zum Einssein mit ihrem Schöpfer zurückkehren zu dürfen, verkündigen lassen wird.

i) Bis jetzt hat nur die Kirche, die Herauswahl, von der Versöhnung Nutzen genossen, aber die Schrift lehrt, dass die Herauswahl zusammen mit Christo, dem königlichen Hohenpriester, ein priesterliches Königreich bilden wird; in dieser Eigenschaft wird sie während dem 1000-jährigen Reiche die Menschheit völlig von der Blindheit erlösen, in welche dieselbe unter Satan durch Irrtum und Erniedrigung geraten ist, und wird aus allen Geschlechtern der Erde jeden, der es wünscht, zu völligem Einssein mit Gott zurückführen.

j) Darum sagt denn auch der Apostel, dass wir, die Gläubigen (die Herauswahl) die Versöhnung (das Einssein) mit Gott bereits empfangen haben. Das Versöhnungswerk ist, was Gott anbetrifft, schon vor fast 1900 Jahren vollzogen worden, und zwar für alle. Aber nur wenige, die Gläubigen, haben die Versöhnungsakte (gleichsam ihr Vertragsdoppel) empfangen, indem sie die durch Gottes Gnade dargebotene Gelegenheit benutzten und an die Versöhnung glaubten. Der Rest der Menschheit ist verblendet geblieben. "Wenn aber unser Evangelium verdeckt ist, so ist es denen verdeckt, die verloren gehen, in welchen der Gott dieser Welt den Sinn der Ungläubigen verblendet hat, damit ihnen nicht ausstrahle der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus, welcher das Bild Gottes ist." - 2. Kor. 4:3, 4

k) Darum muss denn auch Christus, sobald er sein 1000-jähriges Reich antritt, damit beginnen, Satan zu fesseln, damit er während dieser Zeit die Nationen nicht mehr täusche (Offb. 20:3). Da wird das prophetische Wort sich erfüllen, dass, wenn Gottes Reich auf Erden aufgerichtet sein wird, die Erde so voll sein wird von der Erkenntnis des Herrn, wie Wasser den Meeresgrund bedeckt, und dass keiner zu seinem Nachbar sagen wird: "Erkenne den Herrn!" (Jes. 11:9) Dann wird auch das Gebet erhört sein: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel!" Und was ist Gottes Wille? Das nämlich, wie der Apostel sagt, "dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen." - 1. Tim. 2:4

l) Die Versöhnung in ihren beiden Teilen - die Befriedigung der Gerechtigkeit einerseits, und das Zurückbringen zum Einssein mit Gott aller derer, die sich unter vollem Lichte und Erkenntnis der Vorteile und Gelegenheiten des neuen Bundes bedienen werden, anderseits - wird mithin erst am Schluss des 1000-jährigen Königreiches vollendet sein, wo denn auch alle, die mit Wissen und Willen die angebotene Gnade verworfen haben, aus dem Volke ausgerottet werden, mit ewiger Vernichtung vom Angesicht des Herrn und der Herrlichkeit seiner Macht, mit einer Vernichtung, aus der es keine Auferstehung mehr gibt. - Apg. 3:23; 2. Thess. 1:9

m) Dann wird alles im Himmel und Erden mit Jehova in Übereinstimmung, mit ihm eins sein, ihn loben für all seine Güte und Gnade durch Christum; da wird kein Tod und keine Not mehr sein, und kein Leid, weil die früheren Dinge alle vergangen sein werden. Das wird das herrliche Schlussergebnis des großen Versöhnungswerkes sein, das im Sühnetod unseres Erlösers seinen Anfang nahm, aber erst in der vollsten Versöhnung mit Gott aller des ewigen Lebens Würdig befundenen sein Ende finden wird.

Wie man auch das Wort "Versöhnung" auffassen mag, das muss zugestanden werden, dass die Anwendung desselben stets, sei es im allgemeinen, oder speziell in Bezug auf Gott und den Menschen,, einen Zwiespalt oder Konflikt, eine Trennung zwischen zwei Dingen oder Personen voraussetzt. Wenn wir also von einer Versöhnung zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf sprechen, so setzen wir damit voraus, dass etwas Trennendes zwischen die beiden hineingekommen ist; sonst wären sie ja mit einander eins und bedürften einer Versöhnung nicht. Und gerade in diesem Punkte erkennen wir den scharfen Gegensatz, in welchem die Evolutionslehre zur Bibel steht, besonders deutlich.

Diese Evolutionstheorie zählt unter allen Schattierungen der Namenchristenheit, besonders aber unter den Theologen, seit 30 Jahren immer mehr Anhänger. Sie leugnet, dass der Mensch einmal gefallen, sie leugnet, dass er je Gottes Ebenbild gewesen; sie leugnet, dass er je fähig war, genau entsprechend den Anforderungen der göttlichen Gerechtigkeit zu leben, und leugnet daher auch, dass er anlässlich seiner bezüglichen Prüfung je gesündigt habe, und dass er sich so sein Todesurteil zugezogen; der Mensch habe sich keines Verstoßes gegen besseres Können schuldig gemacht. Die Evolutionstheorie behauptet anderseits, der Tod sei keine Strafe, sondern vielmehr ein weiterer Schritt in der Entwicklung (Evolu­tion); sie behauptet, der Mensch sei nicht vom Ebenbild Gottes in Sündhaftigkeit und Erniedrigung herabgesunken, sondern habe sich vielmehr aus einem affenähnlichen Zustand mehr und mehr zu einem Ebenbild Gottes empor entwickelt. Die logische Folge dieser Lehre ist die, dass das Walten einer göttlichen Gerechtigkeit bei der Bestrafung des Menschen geleugnet werden muss (denn eine Strafe könnte für einen besser-, Gott ähnlicher werdenden Menschen nicht verhängt werden), und dass die Lehre vom Sühnopfer, das die Gerechtigkeit befriedigte, verworfen wird, da ja die Sünde, für welche eine Aussöhnung nötig war, gar nicht begangen wurde. Darum lehrt denn auch die Evolutionstheorie, dass Christus kein Versöhnungsopfer für die Sünde gegeben habe, sondern dass sein Tod vielmehr demjenigen des Soldaten gleich zu achten sei, der sein Leben lässt, damit sein Vaterland davon einen Nutzen habe. So hätte denn auch Christus sein Leben bloß gelassen, um dem Menschengeschlecht zu noch größeren Freiheiten und Vorzügen zu verhelfen.

Aber wir finden, dass das Wort Gottes dieser Lehre in allen ihren Teilen so entschieden widerspricht, dass eine Aussöhnung der Lehre der Bibel mit derjenigen von der Evolution, "der fälschlich sogenannten Wissenschaft (Anm.: Nicht "falsch berühmter Kunst", wie Luther 1. Tim. 6:20 übersetzt.) ein Ding der Unmöglichkeit ist. Wer an die Evolutionstheorie glaubt, muss in allen diesbezüglichen Punkten die Aussagen der Bibel verwerfen; und dennoch bemühen sich viele Namenchristen, diese Gegensätze zu versöhnen, aber durchaus vergeblich, denn so weit sie zur Evolutionslehre halten, so weit verlassen sie die alleinige von Gott gegebene feste Grundlage für den christlichen Glauben, und um so leichter sind sie auch zugänglich für weitere Irrtümer, in welche sie der Widersacher sicherlich wird zu verstricken suchen, Irrtümer, die vom Standpunkte menschlicher Weisheit aus der Wahrheit so ähnlich sehen, dass, wenn es möglich wäre, selbst die Auserwählten verführt würden. Diese aber können sich der Irrtümer erwehren, durch festhalten an dem, den Heiligen einmal überlieferten Glauben, an der Lehre von der Versöhnung, wie die Schrift sie bietet. Dieses Festhalten wird die Auserwählten davor bewahren, sich von dem einen oder anderen Punkt der Evolutionstheorie blenden zu lassen, denn die Auserwählten werden von Gott gelehrt sein, insbesondere hinsichtlich der Lehre von der Versöhnung, welche die allein sichere Grundlage für die geoffenbarte Religion, den christlichen Glauben bildet.

Die Schrift lehrt durchaus unzweideutig, dass Gott den Menschen als sein intellektuelles und sittliches Ebenbild erschuf; der Mensch, als ein irdisches Wesen, war also nach seiner Erschaffung das sittliche und intellektuelle Ebenbild seines Schöpfers, eines geistigen Wesens. Die Schrift bezeugt auch die anfängliche Gemeinschaft des Menschen mit seinem Schöpfer; sie erklärt, dass sein Schöpfer ihn als ein gelungenes, wohlgefälliges Werk seiner Hände anerkannte, ihn "sehr gut" hieß. Die Bibel zeigt uns, dass der noch vollkommene Adam vor die Wahl zwischen Leben und Tod gestellt wurde, und dass, als er ungehorsam (ein Übertreter) ward, dies ein wissentlicher und willentlicher Fehltritt war, denn "Adam ward nicht verführt". Sie zeigt uns wann und wie die Vollstreckung des Todesurteils ihren Anfang nahm, wie die Todesstrafe im Laufe der Jahrhunderte das ganze Geschlecht ereilte, und wie Gott dem Glaubenshelden Abraham seinen Vorsatz offenbarte, dass er nämlich, wenn auch nicht sofort, so doch später einmal, das Geschlecht wieder segnen wolle, das er verflucht, zum Tod verurteilt habe. -1. Mose 1:31; 2:17; 3:23; 1. Tim. 2:14; 1. Mose 12:3; 18:18; 3:17

Wenn nun der Fluch, der Sold der Sünde, der Tod war, so bedeutet der Segen: Leben, Wiederaufleben vom Tod zu reichlicherem, völligem Leben. Und die dem Abraham zuteil gewordene Verheißung ging dahin, dass der Erlöser, welcher das Segenswerk hinausführen sollte, der die Welt mit neuem Leben segnen werde, auf eine dem Abraham nicht näher erklärte Weise, aus seinem Samen, aus seiner Nachkommenschaft hervorgehen werde. Die gleiche Verheißung wurde mehr oder weniger deutlich dem Isaak, dem Jakob und den Kindern Israel wiederholt. Die Propheten des alten Bundes erklärten, der Messias werde ein geschlachtetes Lamm, ein Sühnopfer sein; er werde seine Seele (sein Leben) "ausgießen", dem Tode überliefern für unsere Sünden, nicht für seine eigenen. Sie malten in lebensvollen Bildern das herrliche Ergebnis dieses Sühnopfers aus und sprachen mit Begeisterung vom kommenden Segen, von der zukünftigen Herrlichkeit und vom Sieg, den schließlich Sein, des Erlösers Reich über alle anderen Reiche davon tragen werde. (Siehe z.B. Daniel Kap. 2). Sie berichten, wie er, als die Sonne der Gerechtigkeit, für die Welt einen neuen Tag des Segens, des Lebens und der Freude heraufführen werde, der das Dunkel und die Kümmernisse der Nacht des Weinens verseuchen werde, die jetzt als Folge des ersten Ungehorsams und der daraus entstandenen bösen Neigungen auf der Menschheit lasten. - Jes. 53:10, 11, 12; Kap. 35:60, 61

Der Apostel Petrus lehrt uns in seiner vom heiligen Geist ihm eingegebenen Rede auch nicht, dass der Mensch als affenähnliches Wesen erschaffen worden sei, sich aus diesem niedrigen Zustande zu seiner gegenwärtigen Stufe empor entwickelt habe, sondern im Gegenteil, dass Christus für unsere Sünden gestorben sei, und dass als Frucht der durch seine Selbstaufopferung erwirkten Erlösung schließlich (bei der zweiten Gegenwart unseres Herrn) herrliche Zeiten der Erquickung für die Menschheit kommen werden, von denen "Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten seit Anbeginn der Welt." (Apg. 3:19-21) Wer nun irgend glauben will, Petrus habe die Evolutionslehre verkündigt, als er die frohe Botschaft von der Wiederherstellung predigte, der muss seine Augen zumachen und dem Wirken seiner Vernunft halt gebieten; denn wenn der ursprüngliche Zustand des Menschen ein affenähnlicher oder sonst wie dem jetzigen untergeordnet war, so müsste der Apostel der größte Tor gewesen sein, um als Gegenstand der Hoffnung und Freude, Zeiten der Wiederherstellung anzukündigen; denn Wiederherstellung kann nur Neuschaffung des früher Bestandenen bedeuten. Nein, die Worte des Apostels vertragen sich durchaus nicht mit der Fortentwicklungslehre; sie stehen in genauester Übereinstimmung mit der biblischen Lehre vom Lösegeld, von der Versöhnung und Wiederherstellung - im schönsten Einklang mit der Schriftlehre, dass die Menschheit unter die Sünde verkauft und so der Sünde Sklavin wurde und als Folge von Adams Ungehorsam die Erniedrigung und den Tod zu schmecken bekam. Wiederherstellung, die frohe Botschaft, welche Petrus verkündigte, setzt voraus dass einmal etwas Großes, Gutes, etwas Wertvolles verloren ging, dass dasselbe aber durch Christi teures Blut zurückgekauft worden ist, um schließlich bei der zweiten Gegenwart Christi wiederhergestellt zu werden, eben weil er das Lösegeld bezahlt hat. Und wenn der Apostel sich auf die Propheten bezieht, erklärend, dass diese Zeiten der Wiederherstellung von allen Heiligen vorausgesagt wurden, so sehen wir daraus deutlich, dass diese Wiederherstellung die einzige Hoffnung war, die auf Veranlassung göttlicher Eingebung von alters her der Menschheit verkündigt wurde.

Alle Apostel deuten gleicherweise zurück auf des Menschen Fall aus der Gunst und Gnade Gottes, sie weisen hin auf das Kreuz Christi, wo die göttliche Gerechtigkeit befriedigt wurde, und zeigen vorwärts auf das 1000-jährige Segensreich, als die Zeit, in welcher allen Menschen Gelegenheit gegeben wird, ihren Gott kennen zu lernen, und wo ihnen geholfen werden soll, ihre Versöhnung mit dem Schöpfer zu erlangen. Sie bezeichnen alle das gegenwärtige Zeitalter als die Zeit der Herauswahl der Heiligen, welche als "königliche Priesterschaft", als "besonderes Volk", als "Braut" und "Leib" des Messias mithelfen sollen, die durch das Opfer auf Golgatha verbürgten Segnungen auf die Welt zu bringen.

Beachte die diesbezüglichen Worte des Apostel Paulus: "Durch eines Menschen Ungehorsam ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod, und also ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen (infolge von Vererbung der Sünde und der sündigen Neigungen), weil sie alle gesündigt haben". (Röm. 5:12) Der Apostel Paulus war mithin ebenso wenig ein Anhänger der Evolutionstheorie, wie Petrus und die Propheten. Achte auf die Hoffnung, die er als Hauptinhalt des Evangeliums verkündigt, indem er sagt: "Gott aber erweist seine Liebe gegen uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist. Vielmehr nun, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt sind, werden wir durch ihn gerettet werden vom Zorn." (Röm. 5:8, 9). Da haben wir ausdrücklich die Erklärung, dass das Menschengeschlecht unter dem göttlichen Zorn stand (dahinlebte), dass die erlösende Kraft das Blut Christi war, das Opfer, welches er für uns darbrachte, und dass dieses Opfer ein Ausdruck der göttlichen Liebe und Gnade war. Dann fährt der Apostel weiter, uns das Werk der Versöhnung und der Wiederherstellung, die sie im Gefolge haben wird, vorzuführen, indem er schreibt: "Wie es durch eine Übertretung (Adams Ungehorsam) gegen alle Menschen zur Verdammnis (zur Todesstrafe) gereichte, so auch durch eine Gerechtigkeit gegen alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens (zum Gegenteil der Strafe); denn gleichwie durch des einen Menschen Ungehorsam (Adams), die vielen zu Sündern geworden sind (alle in Adam), so werden auch durch den Gehorsam des einen (Menschen, Jesus) die vielen gerecht werden (alle, die sich die Vorteile und Gelegenheiten des Neuen Bundes zu nutze machen werden)." - Röm. 5:18, 19

Paulus verspricht weiter in manch andern seiner meisterhaften, logischen Ausführungen den Gedanken, dass die Versöhnung, was Gott anbelangt, der Vergangenheit angehört, dass sie vollendet war, als wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, während wir noch Sünder waren (Röm. 5:10). Mit diesen Worten kann er sich nicht auf ein Werk beziehen, das in dem Sünder vor sich ging, diesen durch Veränderung seines Wesens mit Gott versöhnend, er sagt vielmehr umgekehrt, dass die Versöhnung nicht in uns vollzogen werde, sondern für uns, durch Christum, als wir noch Sünder waren. Gleicherweise deutet Paulus auf ein Werk der Segnung hin, welches der Welt zu gute kommen, aber nicht von dieser selbst, sondern von Christo Jesu und seiner "Braut", der Herauswahl, verrichtet werden soll, darin bestehend, dass der Welt die Gnade Gottes in Christo begreiflich gemacht wird, auf dass alle, die da wollen, zum Einssein mit ihrem Schöpfer zurückkehren können. Diese Erleuchtung und Belehrung der Welt, diese Wiederherstellung der durch Adams Fall in Eden verloren gegangenen Gunst und Gnade Gottes, wird das Werk des 1000-jährigen Reiches sein.

Dass dem so ist, ersehen wir aus Röm. 8:17-24. Hier schildert der Apostel die Erlösung der Kirche ausdrücklich als getrennt von der Erlösung oder Befreiung der Welt, der "seufzenden Kreatur". Er richtet unsere Aufmerksamkeit auf die Kirche, auf die Auserwählten, als die voraussichtlichen Miterben Christi, welche, wenn sie sich in den Leiden dieser Zeit als treu bewähren, schließlich seiner Herrlichkeit teilhaftig werden sollen, in seinem Reich. Er versichert uns, dass "die Leiden der Jetztzeit nicht wert sind, verglichen zu werden mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll" (Röm. 8:18), und fährt fort, uns zu beweisen, dass diese Herrlichkeit, die an der Herauswahl offenbar werden soll, nachdem dieselbe das Maß ihrer Leiden angefüllt, die Grundlage der Hoffnung der seufzenden Kreatur ist, "denn das sehnsüchtige Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes... auf Hoffnung, dass auch selbst die Kreatur freigemacht werden wird von der Sklaverei des Verderbnisses zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes." - Röm. 8:19, 21

Jetzt sind die Söhne Gottes nicht offenbar, die Welt kennt sie ebenso wenig wie sie deren Meister kannte; und obwohl die Welt schmachtend, mit unbestimmten Hoffnungen nach dem goldenen Zeitalter, nach einer Zukunft voller Segnungen sich sehnt, so werden ihre Hoffnungen, laut der Erklärung des Apostels, doch nicht in Erfüllung gehen, bis die Herauswahl, die Söhne Gottes, herrlich gemacht und als von Gott bestellte Könige und Priester offenbar geworden sein werden, um im Tausendjahr-Reich über die Erde zu herrschen und alle Geschlechter der Erde zu segnen, - nach dem Reichtum der Gnade, die Jehova in seiner Verheißung dem Abraham kundgetan hat, indem er ihm sagte: "In dir und deinem Samen sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde." - 1. Mose 22:18; Gal. 3:8, 16, 29

Der Apostel zeigt uns ferner, dass die Menschheit im ganzen, die mit Vernunft begabte, irdische Kreatur, durch Vererbung, der Eitelkeit unterworfen war, und zwar als Folge von Adams Übertretung, wie es auch Gott vorausgesehen hatte; sie war aber nicht ganz ohne Hoffnung gelassen, denn das Walten der göttlichen Vorsehung hatte schon damals für ein Sühnopfer für die Sünde gesorgt, auf Grund desselben die Menschheit schließlich freigemacht werden sollte von der Sklaverei der Sünde und deren Sold, dem Tod, und das ihn endlich zur Freiheit von Mühe, Krankheit, Angst und Sorge kommen lassen wird, zur "rechten" Freiheit, die das Vorrecht aller Söhne Gottes ist. Aus dieser Sohnschaft und Freiheit ist wegen Adams Übertretung das Menschengeschlecht gefallen, und eben auf dieselbe Stufe menschlicher Sohnschaft soll es, dank dem großen Sühnopfer auf Golgatha, wieder zurückkehren dürfen, als Ergebnis des in jedem einzelnen vollendeten Versöhnungswerkes, wenn der Erlöser, der große Prophet, der gegenbildliche Mose, dasselbe mit dem göttlichen Gesetz in Einklang gebracht hat. (Apg. 3:22, 23) Der Apostel zeigt uns ferner, dass die Auserwählten, welche die Versöhnung bereits empfangen (die göttliche Gnade angenommen) haben, die mit Gott eines Willens, und dadurch zu Erstlingsfrüchten des Geistes geworden sind, nichtsdestoweniger infolge der sie umgebenden Verhältnisse seufzen und auf ihren Anteil an dem vollendeten Versöhnungswerk warten, der erst fällig wird, wenn sie völlig und ganz der göttlichen Gunst und Gnade teilhaftig werden, nämlich bei der Befreiung und Erhöhung des Leibes Christi, der Kirche, durch die erste Auferstehung. - Röm. 8:23-25

Die beiden Teile der Versöhnung, nämlich 1. das Wiedergutmachen des Unrechtes und 2. das Wiedereinigen der entzweiten Parteien, finden wir deutlich in dem uns von Gott angebotenen Neuen Bunde, dessen Mittler Jesus Christus, unser Herr, ist. Als Adam noch vollkommen war, als er in Übereinstimmung mit seinem Schöpfer lebte und allen seinen Geboten gehorchte, da bestand zwischen ihm und Gott auch ein Bund, obwohl derselbe unverbrieft, nicht förmlich ausgedrückt war; Adam genoss kraft dieses Bundes vollkommenes Leben, er war Herrscher über das ganze Tierreich, über den ganzen Erdboden; aber diese Vorrechte waren an die Bedingung geknüpft worden, dass Adam im Gehorsam gegen seinen Gott verharren sollte; sie sollten verloren gehen, sobald er ungehorsam würde.

Durch den Ungehorsam Adams und durch die über ihn verhängte Todesstrafe wäre die Menschheit vollständig hilflos geworden und geblieben, wenn nicht der Allmächtige durch den Neuen Bund für die Wiedergenesung des ganzen Geschlechtes gesorgt hätte; und dieser Neue Bund hat einen Mittler, wie uns der Apostel versichert. Gott, einerseits, handelt mit dem Mittler, nicht mit dem Menschen, und die Menschen, ihrerseits, verkehren auch mit dem Mittler, nicht mit Gott. Aber bevor Jesus Christus dieser Mittler werden konnte, musste er für die Menschheit ein Werk vollbringen, welches uns dargestellt wird als das "Versiegeln des Neuen Bundes." mit seinem eigenen teuren Blute - "dem Blute des Neuen Bundes". (Matth. 26:28; Mark. 14:24; Hebr. 7:22; 9:15-20) Das heißt, Gott kann seiner Gerechtigkeit wegen den Sünder nicht begnadigen, er kann weder direkt noch indirekt durch einen Mittler mit ihm verkehren, es sei denn zuvor dieser Gerechtigkeit Genüge geleistet worden. Das ist nun aber geschehen, und zwar durch den freiwilligen Opfertod Jesu für unsere Sünden. Durch diesen Akt wurde der Neue Bund besiegelt, er trat in Kraft; und von da an konnte Gott das Todesurteil über die Menschen widerrufen, ihnen Versöhnung mit ihm selbst und damit eine Auferstehung zu neuem, ewigem Leben verheißen. Dank dieser Besiegelung des Bundes sind nun alle Menschen annehmbar geworden. Erst jetzt können alle mit Gott wieder eins, versöhnt werden durch den, welcher von sich selbst sagte: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich." - (Joh. 14:6)

Aus diesem Grund konnten auch die hervorragendsten Gottesmänner des Alten Bundes, d.h. während der Zeit vor dem Beginn des Opfers Christi, mit Gott in keinem näheren Verhältnis stehen als in dem eines Knechtes oder Freundes; es wurde keinem das hohe Vorrecht der Gottessohnschaft (mit aller mit ihr verbundenen Herrlichkeit) gewährt; keiner wurde als Gottes Kind (Sohn) anerkannt (Joh. 1:12; Matth. 11:11). Wir sehen hieraus, dass, wer bei der Versöhnung mit Gott die Notwendigkeit eines Sühnopfers zur Befriedigung der Gerechtigkeit nicht sieht, die wichtigsten und unentbehrlichsten Teile des Versöhnungswerkes zu leugnen gezwungen ist. Nicht weniger irren aber auch die, welche zwar das Opfer Christi als die Besiegelung des Neuen Bundes anerkennen, die aber nichts wissen wollen von einem Werk der Versöhnung das an den Menschen verrichtet werden soll, um sie wieder mit Gott in Einklang zu bringen.

Dieses Werk der Aussöhnung kann, so weit es die Menschen betrifft, auch nicht in einem Augenblick und durch den Glauben vollendet werden; beginnen mag es wohl durch den Glauben, in einem Augenblick, und Versöhnung zwischen Gott und dem Sünder kann gerechneterweise durch den Glauben zustande kommen, aber das Endziel des Versöhnungswerkes, das Gott vorgesehen hat, liegt höher, ist ein herrlicheres als das.

Gott hat vorläufig dafür gesorgt, dass diejenigen, welche mit ihm (und seinem göttlichen Gesetze) in Einklang zurückzukommen wünschen, durch ihren Mittler gerechneterweise angenommen werden können; völlig und rückhaltlos können sie (vom Vater) nicht angenommen werden, solange sie tatsächlich noch unvollkommen sind. Während es aber das Werk des Mittlers (Haupt und Leib) ist, der Menschheit die Tatsache zu verkündigen, dass Gott sich ein Sündopfer ersehen hat, durch welches es ihm möglich ist, gerecht zu sein und dennoch den Sünder wieder in seine Gemeinschaft aufzunehmen, dass er willig ist, den Segen der Sohnschaft und das damit verbundene ewige Leben auszuteilen, so ist es ferner auch sein Werk, der ganzen Menschheit klar zu machen, dass dieses angebotene Heil ein großes Glücksgut ist, das deshalb ohne Zögern angenommen werden sollte, indem dessen Bestimmungen nichts als ein vernünftiger Gottesdienst sind. Endlich ist es nicht weniger das Werk des Mittlers (als des Vaters Stellvertreter), die Menschen tatsächlich zur geistigen, sittlichen und körperlichen Vollkommenheit wiederherzustellen, und zwar alle, die bereit sind, sein Amt anzuerkennen und ihm zu gehorchen. So wird das Werk des Mittlers schließlich zur tatsächlichen Versöhnung Gottes führen mit allen denen, die sich vom Mittler zur Vollkommenheit erziehen lassen.

Für dieses große Werk des Mittlers ist das ganze Tausendjahr-Zeitalter bestimmt; zu diesem Zweck muss das Königreich des Messias mit all seiner Macht und Autorität auf Erden aufgerichtet werden; darum muss Er herrschen, damit er alle bösen Einflüsse dämpfen könne, welche die Menschheit hindern möchten, zur Erkenntnis der Wahrheit von der göttlichen Liebe und Gnade zu kommen. Dazu ist der Neue Bund da, damit, wer irgend es wünscht, zu Gott zurückkehren kann. Aber während der große Mittler den Bestimmungen des Neuen Bundes gemäß alle diejenigen aufnehmen, segnen und wiederherstellen wird, welche die Gemeinschaft mit Gott durch ihn wünschen, so wird er auch alle mit ewiger Vernichtung aus dem Volk ausrotten, die trotz den günstigen Verhältnissen jenes Tausendjahr-Königreiches die göttliche Versöhnungsgnade anzunehmen sich weigern. - Apg. 3:23; Matth. 25:41, 46; Offb. 20:9, 14, 15; Spr. 2:21, 22

Das Ende des tausendjährigen Reiches wird herbeigekommen sein, wenn das große Wiederherstellungswerk durch den Mittler vollendet sein wird. Dann wird das Mittleramt Christi aufhören, da es keine Rebellen, keine Sünder mehr geben wird. Wer die Übereinstimmung mit Gott gewünscht, wird sie voll und ganz erlangt haben, wer aber fortgefahren hat, der Sünde den Vorzug zu geben, wird vom Leben abgeschnitten worden sein. Dann ist auch die Weissagung unseres Herrn in Erfüllung gegangen, wonach alles, im Himmel und auf Erden, Jehova loben soll; dann wird sich Gottes Verheißung verwirklicht haben, dass kein Tod, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein werde, "denn das Erste (die früheren Verhältnisse) ist vergangen". - Offb. 21:4; Psalm 67

Wenn der große Vermittler und König sein vollendetes Werk vor den Vater bringen und ihm, wie der Apostel in 1. Kor. 15: 24-28 erklärt. sein Reich überantworten wird, dann wird nicht nur die Besiegelung des Neuen Bundes durch das kostbare Blut Jesu vollbracht, nicht nur eine kleine Herde, die ihr Leben Gott geweiht, dem Vorsatz des himmlischen Vaters gemäß zur göttlichen Natur erhöht worden sein (1. Petr. 2:9, 10; Tit. 2:14; Röm. 8:29), sondern es wird auch die Erde von einer versöhnten, vollkommen gemachten und daher glücklichen Menschheit bewohnt sein, von einer Menschheit, die gerecht, gottergeben, heilig, sanftmütig, geduldig und liebevoll zu sein gelernt haben wird, die imstande ist, jede Probe ihrer Treue und ihres Gehorsams dem Schöpfer gegenüber mit Erfolg zu bestehen.

Dann werden aber auch alle solche vom Leben abgeschnitten, d.i. vernichtet sein, die sich der ferneren Gunst und Gnade Gottes durch Widerstreben unwürdig erzeigten, deren Einfluss auf die andern störend und schädigend wirken würde, und deren Fortexistenz überhaupt dem Schöpfer nicht Ehre machen würde.

Die Menschheit wird demnach so völlig wieder in der göttlichen Gunst und Gemeinschaft stehen, wie einst Adam, bevor er um der Sünde willen gefallen war; vor diesem wird sie aber eine wertvolle Erfahrung voraus haben: sie wird die überaus schreckliche Verderblichkeit der Sünde einerseits, aber auch die Vorzüge und gesegneten Folgen der Gerechtigkeit andererseits kennen gelernt haben; sie wird also mehr wissen, als Adam gewusst hat, und wird von allen Talenten und Fähigkeiten, welche in diesem schlummerten, den ausgiebigsten Gebrauch machen können. Und dies ganze Versöhnungswerk wird nicht nur den Menschen, sondern auch den heiligen Engeln zum Nutzen gereichen, denn sie sehen darin ein so herrliches Zusammenwirken der Gerechtigkeit, Liebe, Weisheit und Allmacht Gottes, wie es kaum auf eine andere Weise möglich gewesen wäre. Und diese allen vernunftbegabten Wesen zu teil gewordene Lehre wird, das dürfen wir wohl annehmen, in alle Ewigkeit bestehen bleiben, um, wer weiß, vielleicht auch anderen noch nicht erschaffenen Wesen, Bewohnern anderer Planeten des weiteren Universum zu gute zu kommen.

Und was wird wohl der Kernpunkt dieser durch alle Äonen weitererzählten Geschichte sein? Es wird die Kunde sein von dem großen auf Golgatha vollbrachten Erlösungswerk und von der Versöhnung, die sich auf den bezahlten Kaufpreis gründet, welche beiden Werke uns bezeugen, dass Gottes Gerechtigkeit und Liebe ganz gleich herrlich sind.

In dem vorliegenden Buche wollen wir nun diesen Mittelpunkt, die hoch wichtige Lehre von der Versöhnung, die von so vielen Frommen leider gar nicht oder falsch verstanden wird, des eingehendsten behandeln und demgemäss unserer Betrachtung unterziehen:

1. Jehova, Gott den Vater, der den Versöhnungsplan entworfen hat.

2. Den Mittler, welcher das Versöhnungsopfer dargebracht hat, und durch den all die damit verbundenen Gnadengaben auf die gefallene Menschheit kommen sollen.

3. Den heiligen Geist, den "Kanal" oder das Mittel, wodurch die Segnungen der Wiederaussöhnung mit Gott den Menschen zu teil werden sollen.

4. Den Menschen, um des Willens dieser große Versöhnungsplan entworfen wurde; und endlich

5. Das Lösegeld, welches der Mittel- oder Angelpunkt des Versöhnungswerkes ist.

Indem wir diese fünf Gegenstände betrachten, und zwar in der angegebenen Reihenfolge, die uns die richtige und logische zu sein scheint, hoffen wir die bezüglichen göttlichen Aussagen so klar, so kräftig und befriedigend zu finden, dass aus unserem Sinn viel von dem Nebel, Geheimnis und Missverständnis weichen muss, das bisher über der Lehre von der Versöhnung gewaltet hat.

Aber um diese wünschenswerte Aufklärung tatsächlich zu empfangen, müssen wir nicht mit menschlichen Anschauungen und Glaubensbekenntissen beladen an die genannten Gegenstände herantreten wollen, sondern vorurteilsfrei, allein von dem Wunsche beseelt, von Gott belehrt zu werden, und daher bereit, alles fahren zu lassen, was wir uns selber oder was andere uns vorgespiegelt haben, sobald wir dasselbe im Widerspruch mit Gott und seinem Worte finden, aber begierig, von Gott vollständige Auskunft über jede Einzelheit der betrachteten Gegenstände zu erhalten. Alle, die so kommen, so suchen und anklopfen, denen öffnet der große Lehrer den Weg, und "Sie werden von Gott gelehrt sein." - Jes. 54:13




Willst Mensch du deinem Schöpfer nah'n,
Steht dir dein Sünd entgegen:
Gerechtigkeit nimmt dich nicht an,
Sie lässt sich nicht bewegen
Direkt mit Sündern zu verkehr'n,
Wir müssen den Vermittler ehr'n,
Des "Neuen Bundes" Mittler.

Was uns mit Gott Versöhnung schafft,
Liegt seinem Blut zu Grunde:
Sein Blut allein gibt Bindekraft -
Versiegelung dem Bunde.
Nicht Ochsen - oder Böckeblut
Es wiederum, wie vormals, tut:
Nein, "Gottes Lamm" musst' bluten.

Wer dieses Blutes Kraft zutraut
Die Reinigung von Sünden;
Wer gläubig auf den Mittler schaut,
Durch ihn wird Zutritt finden
Zu Gott, des Vaters, Gnadenthron,
Als ein mit ihm versöhnter Sohn,
Durch Jesum Christi, den Mittler.




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Studie 2

Der Urheber der Versöhnung

Jehova, der Allmächtige. - Der Heiland der Sünder durch Christum. - "Würdig ist das Lamm." - Der, "aus sich selbst Lebende." - Der "Ich bin." - Eine falsche Tradition. - Die Einheit von Vater und Sohn im Lichte der Bibel. - Die schriftgemäße Anwendung des Wortes "Jehova" und des Titels "Herr". - Das Wort "Gott" im Alten Testament. - Im Neuen Testament. - Das übereinstimmende Zeugnis der Bibel. - "Wer mich gesehen, hat den Vater gesehen." - "Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich tu sein." - "Für uns ist ein Gott, der Vater, und ein Herr, Jesus Christus."

Jehova Gott erhebt den Anspruch, selber der Gründer und Urheber des großen Erlösungsplanes zu sein, den wir soeben als im Fortschritt, in der Entwicklung begriffen kurz betrachtet haben. Die Ausführung dieses Planes begann auf Golgatha, er wird aber nicht völlig durchgeführt sein, bis am Schluss des tausendjährigen Reiches der Herr Jesus Christus, der Mittler der Versöhnung, die Herrschaft über die dann wiederhergestellte und von Gerechtigkeit erfüllte Erde dem Vater überantworten wird. Hierin stimmen viele Schriftstellen überein; z.B. "Ich bin Jehova, dein Gott, ich der Heilige Israels, dein Heiland"; "Ich, ich bin Jehova, und außer mir ist kein Heiland (Retter);" und wiederum, "Ich Jehova, bin dein Heiland, und ich, der Mächtige Jakobs, dein Erlöser;" "Ich, aber bin Jehova dein Gott, vom Land Ägypten her; und du kennst keinen Gott außer mir, und da ist kein Retter als ich;" Dem alleinigen Gott unserem Heiland, durch Jesum Christum, unseren Herrn, sei Herrlichkeit, Majestät, Macht und Gewalt vor aller Zeit und jetzt und in alle Zeitalter! Amen;" "Weil wir auf einen lebendigen Gott hoffen, der ein Erretter aller Menschen ist, besonders der Gläubigen." - Jes. 43:3, 11; 60:16; Hosea 13:4; Judas 25; 1. Tim. 4:10; Tit. 1:3; 2:10

Würde man diesen Gedanken festhalten - nämlich, dass Jehova der Allmächtige selbst der Erretter ist, der Urheber und Vollstrecker des Versöhnungswerkes durch seine willigen Agenten und Vertreter, - so würde mancher frei werden von falschen Begriffen betreffend die Verwandtschaft des himmlischen Vaters mit seinem himmlischen Sohn, in Bezug auf die Erlösung. Da würde kein Raum mehr bleiben für die beinahe gotteslästerliche, aber trotzdem unter den frommen Namenchristen so stark verbreitete Ansicht, wonach der himmlische Vater im Begriff stand, in seinem Zorn den menschlichen Sünder zu schlagen und zu quälen; dass aber sein himmlischer Sohn, unser Herr Jesus, voller Liebe und Erbarmen (welche Eigenschaften der Vater nicht besitzt, dieser Anschauung gemäß), dazwischen getreten sei und die Rachsucht des Vaters befriedigt habe, indem er den Zornesschlag, zu dem der Vater ausgeholt, empfangen und ertragen habe anstatt des Menschen, und dass nun der Vater beruhigt sei, bloß weil er gerechtigkeitshalber von dem Sünder nicht noch einmal fordern könne, was durch das teure Blut Christi bereits bezahlt worden sei. Je schneller die Anhänger dieses schrecklichen Irrtums bezüglich der Versöhnung sich davon los machen können, um so rascher und leichter werden sie in geistlichen Dingen, in der Erkenntnis der Gnade und Liebe des wahren Gottes Fortschritte machen.

Die richtige Ansicht über die Versöhnung zeigt uns den himmlischen Vater in der herrlichen Vollkommenheit seiner edlen Gesinnung. Er ist vollkommen in seiner Gerechtigkeit, so dass der seinem gerechten Gesetz entsprechend gefällte, gerechte Urteilsspruch unangefochten bleiben muss und sogar von ihm selbst nicht verletzt werden darf. Er ist vollkommen in Weisheit, so dass sein Plan, nicht nur bezüglich des Menschen Erschaffung, sondern auch hinsichtlich dessen Errettung und Versöhnung so vollkommen ausgedacht ist, dass kein Fehlschlag möglich werden kann, dass kein Zwischenfall ihn veranlassen kann, daran irgend etwas zu ändern, wie denn auch geschrieben steht: "Ich bin derselbe, ich ändere nicht, spricht der Herr", und "dem Herrn sind bekannt alle seine Werke von Grundlegung der Welt an." Aber auch seine Liebe ist vollkommen, so dass größere Liebe nicht möglich ist, und dennoch steht diese Liebe in vollster Übereinstimmung mit den übrigen Eigenschaften seines Charakters, weil er den Sünder nur nach der in seinem Plan niedergelegten Methode begnadigen kann. Er ist unbeschränkt in seiner Allmacht und führt deshalb seine guten Entschlüsse, seine heilbringenden Absichten, sein ganzes Programm zu einem herrlichen, seiner selbst würdigen Ziele, wie geschrieben steht: "Das Wort, das aus meinem Mund geht, wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten, was mir gefällt, und durchführen, wozu ich es gesandt habe." - Jes. 55:11; Mal. 3:6; Apg. 15:8

Wenn wir so vom biblischen Standpunkt aus erkennen, dass der große Jehova selber der Autor der Erlösung ist, welche uns Christus gebracht hat, so werden wir dadurch veranlasst, unseren allmächtigen Gott nur um so inniger und völliger zu lieben und zu verehren, ohne dadurch der Liebe, Achtung und Ehre, die wir unserem Herrn Jesu Christo als unserem Heiland darbringen, im geringsten Abbruch zu tun; denn wir sehen in dem himmlischen Sohn das Abbild seines himmlischen Vaters, und wir erkennen ihn als den Überbringer der Bundesakte, durch welchen alle in dieser Urkunde verbrieften Segnungen Jehovas der Menschheit zuteil werden sollen, und ohne welchen keine einzige jener Segnungen für uns erreichbar ist. Den Beweis dafür, dass unser Herr Jesus beim Durchführen des Erlösungswerkes in allen Dingen als Stellvertreter seines Vaters, Jehovas, handelt, finden wir in folgenden Schriftstellen:

"Als aber die Güte und die Menschenliebe unseres Heiland - Gottes erschien, errettete er uns.... durch die Waschung der Wiedergeburt und Erneuerung des heiligen Geistes, welchen er reichlich über uns ausgegossen hat durch Jesum Christum unsern Heiland." - Tit. 3:4-6

"Diesen hat Gott zum Fürsten und Heiland erhöht durch seine Rechte, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben." - Apg. 5:31

"Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt." - 1. Joh. 4:14

"Paulus, Apostel Jesu Christi, nach Befehl Gottes, unseres Heilandes, und Christi Jesu, unserer Hoffnung." - 1. Tim. 1:1

"Denn dieses ist gut und angenehm vor unserem Heiland Gott, ... denn Gott ist einer, und einer der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus." - 1. Tim. 2:3, 5

Beachte ferner, was wir aus Jesu eignem Munde über diesen Gegenstand vernehmen:

"Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt verurteile, sondern auf dass die Welt durch ihn errettet werde." - Joh. 3:17

"Ich kann nichts von mir tun, so wie ich höre, richte ich." - Joh. 5:30

"Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich auch euch (Jünger)." - Joh. 20:21

"Von jenem Tage oder der Stunde (wann das himmlische Königreich aufgerichtet werden soll) weiß niemand, weder die Engel im Himmel, noch der Sohn, sondern nur der Vater." - Mark. 13:32

"Die Zeiten, welche der Vater in seiner eigenen Gewalt festgesetzt hat." - Apg. 1:7

"Die Werke, die ich im Namen meines Vaters tue, diese zeugen von mir." - Joh. 10:25

"Ich sende die Verheißung meines Vaters auf euch." - Luk. 24:49

"Ich bin in meines Vaters Namen gekommen." - Joh. 5:43

"Was ich nun rede, rede ich also, wie mir der Vater gesagt hat." - Joh. 12:50

"Mein Vater ist größer als ich." - Joh. 14:28

"Ich steige auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott." - Joh. 20:17

"Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward."

Unser Herr Jesus selbst hat uns im letzten Buch der Bibel, in der "Offenbarung Jesu Christi, welche Gott ihm gab um seinen Knechten zu zeigen" (Offb. 1:1), eine überaus schöne Darstellung des hier behandelten Gegenstandes, der Versöhnung, hinterlassen, welche den allgemeinen Plan von der Erlösung der Menschheit aus Sünde und Tod trefflich beleuchtet. Wir finden dieselbe in Kapitel 5 der Offenbarung; da sehen wir den Vater, den "Alten der Tage" auf dem himmlischen Thron sitzen, in seiner Hand eine Buchrolle, beschrieben inwendig und auswendig, versiegelt mit sieben Siegeln. Diese Rolle, welche den göttlichen Plan darstellt (die entsprechenden Urkunden), den Jehova, der Vater, allein kennt, bleibt in seiner Hand, in seiner Gewalt, bis jemand sich würdig erweist, denselben auch kennen zu dürfen und mit seiner Durchführung betraut zu werden, als bevollmächtigter Agent Jehovas. Wenn wir die symbolische Darstellung weiter verfolgen, so sehen wir, dass bis zu jener Zeit, da unser Herr Jesus, "der Gerechte für die Ungerechten", auf Golgatha litt und starb, "damit er uns zu Gott zurückbringe", niemand je würdig erfunden wurde, den göttlichen Plan zu verstehen und durchzuführen. Nachdem aber unser Herr Jesus seine Treue gegenüber seinem himmlischen Vater bewiesen hatte, indem er sich erniedrigte und Knechtsgestalt annahm, und noch mehr, als er gehorsam war bis zum Tod, ja bis zum schmachvollen Tod am Kreuz, Leben und Ehre vor den Menschen preisgebend, da hatte er sich jedes Zutrauens und auch des ehrenvollsten Auftrages in höchstem Maße würdig erwiesen. So erklärt denn der Apostel: "Darum hat ihn Gott auch hoch erhoben und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, auf dass in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, "der Himmlischen und Irdischen und (jetzt noch) Unterirdischen" (Phil. 2:2-11). Dies ist denn auch der Zeitpunkt, welchen uns die Verse 9-13 in Offb. 5 darstellen, wo von unserem Herrn Jesus gesagt wird: "Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward"; "du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen, denn du bist geschlachtet worden und hast für Gott erkauft, durch dein Blut, aus jedem Geschlecht und Sprache und Volk und Nation." Hierin sehen wir die hohe Erhöhung Jesu, des Vaters Stellvertreters, des Überbringers der Bundesurkunde. Wegen seiner Demut und Selbsterniedrigung, wegen seines vollständigen Gehorsams dem Willen seines Vaters gegenüber, wird er fortan würdig erachtet, teil zu haben an des Vaters Thron und Herrlichkeit, und auf Verordnung des Vaters ertönt es von den Lippen der himmlischen Heerscharen: "Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward, zu empfangen Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit und Segnung"; und schließlich wird "jede Kreatur" den Gedanken fassen können, dass Jehova seinen Eingeborenen Sohn hoch erhöht und ihm einen Anteil an seinem Reich und seiner Herrlichkeit gegeben hat, und sie werden jauchzend mit einstimmen und rufen: "Dem, der auf dem Thron (des Universums) sitzt und dem Lamme die Segnung und die Ehre und die Herrlichkeit und die Macht in die Zeitalter der Zeitalter!" Kein Wunder also, wenn von nun alle den erhöhten Sohn ehren, wie sie den Vater ehren, welcher ihn erhöht hat. - Joh. 5:23

Der Apostel erklärt uns dieses Ereignis als eine Verwirklichung, eine Nutzanwendung des göttlichen Grundsatzes, "Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden." Lasst uns aber auch beachten, dass der Vater in keiner Weise an Macht Herrlichkeit abnimmt, wenn er seinen Sohn hoch erhöht, zu Ehre und Ruhm. Das tut er, ohne deshalb auf seinen himmlischen Thron zu verzichten. Wir finden in unserem Bild auch gar keinen Anhaltspunkt dafür, dass Vater und Sohn in Person eins seien, denn stets werden beide Personen erwähnt, und stets wird dem Vater der erste Platz in Lobpreisung und Ehre eingeräumt. Und das erinnert uns wiederum an die Worte unseres Herrn: "Und ich verordne euch (Jünger) ein Reich, gleichwie mir mein Vater ein Reich verordnet hat." (Luk. 22:29) Und wiederum verheißt er in Offenbarung 3:21 seinen treuen Nachfolgern: "Wer überwindet dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron."

Einen weiteren Beweis dafür, dass das ganze Erlösungswerk vom Vater, wenn auch durch den Sohn kommt, findet der Leser in der Erklärung des Apostel, wonach Gott "am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohne, den er gesetzt hat zum Erben aller (verheißenen) Dinge, durch den er auch die Welten gemacht hat;... welcher, nachdem er (durch sich selbst) die Reinigung der Sünden gemacht, sich selbst hat zur Rechten der Majestät in der Höhe, und um so viel besser geworden ist als die Engel." (Hebr. 1:1-4) Und wiederum erklärt der Apostel von ihm: "Wir haben einen solchen Hohenpriester, der sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln (Jehovas), ein Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Hütte, welche der Herr (Jehova) errichtet hat, und nicht der Mensch." (Hebr. 8:1) Dieser selbe Apostel erklärt wieder an einer anderen Stelle: "Er aber (Jesus Christus), nachdem er ein Schlachtopfer für die Sünden dargebracht, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes." (Hebr.10:12) Und er ermahnt uns, "hinzuschauen auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, der Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes." (Hebr. 12:2) Und wieder werden wir aufgefordert, "den Gott unseres Herrn Jesu Christi, den Vater der Herrlichkeit", zu betrachten, und "welches da sei die überschwengliche Größe seiner Kraft an uns, nach der Wirksamkeit der Macht seiner Stärke, in welcher er gewirkt hat in dem Christus, da er ihn aus den Toden auferweckte; und er setzte ihn zu seiner Rechten in den himmlischen Örtern, über jedes Fürstentum und über jede Gewalt und Kraft und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen, und hat alles seinen Füßen unterworfen." (Eph. 1:17-22) Auch der Apostel Petrus erklärt von unserem Herrn Jesus, dass "er in den Himmel gefahren, und Engel und Gewalten und Mächte ihm untertan sind (durch den Vater)". - 1. Petr. 3:22

Alle diese angeführten Schriftstellen beweisen sehr deutlich, dass die so sehr hohe Erhöhung Jesu Christi ein Lohn war, den ihm sein Vater zukommen ließ für seinen wunderbaren Gehorsam und dafür, dass er so treulich, so ganz im Geist des Vaters handelte, als er sich selbst für die Sünder opferte; sie sagen aber durchaus nicht, dass der Herr Jesus der Vater gewesen sei, oder dass er nun an Stelle des Vaters auf dem himmlischen Thron sitze und seitens seiner intelligenten Geschöpfe alleiniger Gegenstand liebender Anbetung sei. Im Gegenteil, sie stellen uns den himmlischen Vater ganz ausdrücklich als den Höchsten in Ehre und Macht, als den Wohltäter dar, welcher in solcher Weise den Sohn geehrt und erhöht, ihn zu seiner rechten gesetzt und zum Teilhaber an der Herrschaft über den Himmel, die Engel und die himmlischen Heerscharen gemacht. Und wahrlich, es wird an verschiedenen Stellen die Erhöhung Christi so überschwenglich geschildert, dass sich der inspirierte Schreiber sogar veranlasst sah, uns noch speziell darauf aufmerksam zu machen, dass Christus trotz der Fülle von Macht und Herrlichkeit, die ihm sein Vater geschenkt, dennoch dem Vater nicht gleich- und noch weniger höher geachtet werden soll. Der Apostel schreibt nämlich in Bezug auf das 1000-jährige Reich Christi: "Denn er (Christus) muss herrschen, bis er alle Feinde gelegt hat unter seine Füße. Der letzte Feind, der abgetan wird, ist der Tod. "Denn er hat alles unter seine (des Sohnes) Füße getan." Wenn er (der Vater) aber sagt, dass alles (dem Sohn) unterworfen sei, so ist es offenbar, dass der (der Vater) ausgenommen ist, der ihm (dem Sohn) alles unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat (dem Vater), auf das Gott alles in allem sei." - 1. Kor. 15:25-28

Der "Selbst-Seiende" - Jehova

Das ist der Name, den sich der Allmächtige Gott selbst gibt: Jehova, der "Selbstseiende" oder der "Unsterbliche". So lesen wir 2. Mose 6:3, wie er dem Mose im Feuerbusch erscheint und ihm sagt: "Ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als Gott, der Allmächtige (als höchster oder allermächtigster Gott); aber mit meinem Namen Jehova habe ich mich ihnen nicht kundgegeben." Der Name kommt im Alten Testament hundertmal vor, ist aber von den Übersetzern vielfach verdeckt worden, indem sie ihn irrtümlicherweise mit "Herr" übersetzten. Wir führen nur folgende Stellen an: "Ich bin Jehova, dein Gott ... du sollst keine anderen Götter (Mächtige) neben mir haben, ... denn ich, Jehova, dein Gott, bin ein eifriger Gott." (2. Mose 20:2-5) "Höre, Israel, Jehova, unser Gott, ist ein einiger Jehova, und du sollst Jehova, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft." (5. Mose 6:4,5) Und das ist gerade die Stelle, welche uns der Herr Jesus als die wichtigste Wahrheit empfiehlt. Als er um das größte Gebot befragt wurde zitierte er diese Stelle, indem er sagte, "Du sollst Jehova deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstande, dieses ist das große und erste Gebot." (Matth. 22:38). Und wieder lesen wir: "Ich bin Jehova, das ist mein Name, und meine Ehre gebe ich keinem anderen." (Jes. 42:8) Halten wir diesen Text fest in unserem Gedächtnis, denn auf diese bestimmte Erklärung, dass der Name Jehova ausschließlich nur auf "den Vater der Lichter, bei welchem keine Veränderung ist", angewendet werden kann, folgt gerade die prophetische Verkündigung des Messias, als Jehovas Stellvertreter, als Jehovas geehrter Sohn-Diener. Wir lesen: "Siehe, mein Knecht, den ich stütze, mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat; ... ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er wird den Nationen das Recht kundtun. ... Er wird nicht ermatten und nicht geknickt werden, bis er das Recht auf Erden gegründet hat: und die Inseln werden auf seine Lehre harren. So spricht Jehova: Ich, Jehova, ich habe dich gerufen in Gerechtigkeit und ich ergriff dich bei deiner Hand und ich werde dich behüten und dich setzen zum Bunde des Volkes, zum Licht der Nationen, um blinde Augen aufzutun und Gefangene aus dem Kerker zu führen, und aus dem Gefängnis, die in der Finsternis sitzen. Ich bin Jehova, das ist mein Name." - Jes. 42:1-8

Hierin ist somit ausdrücklich gesagt, dass Jehova seinen auserwählten und geliebten Knecht (Jesus) erhöht; also kann Jesus nicht selber der Vater in Menschengestalt sein. Weil dies jedoch vielfach behauptet wird, widmen wir der Tatsache, dass

der Name Jehova nur dem Vater der Herrlichkeit zukommt,

den folgenden Abschnitt; und wir beachten besonders auch die Stellen, aus welchen man schließen könnte, der Name Jehova werde auch in Bezug auf die Person Jesu Christ gebraucht,

1. Die wichtigste hier einschlagende Stelle ist wohl Jer. 23:5, 6: "Ich werde dem David einen gerechten Spross erwecken, und er wird als König regieren und verständig handeln und Recht und Gerechtigkeit üben im Lande ... Und dieses wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: Jehova unsere Gerechtigkeit." Hier wird offenbar auf Jesum und sein Tausendjahr-Reich bezug genommen, und der Name, der an dieser Stelle steht, heißt im Hebräischen "Jehova-Tsidkenu": Und wie lautet die diesbezügliche Erklärung? Sie ist einfach. In ihrem Eifer, eine Stelle zu finden, wo der Name Jehova auch auf Jesum als Eigenname angewendet wird, haben uns die Übersetzer eine mangelhafte Verdeutschung des Ausdruckes gegeben, die übrigens nur durch das Komma unrichtig wird. "Und dies ist der Name, mit dem man ihn nennen wird, Unsere Gerechtigkeit (ist) Jehova", so würden wir in dieser Stelle nicht die geringste Schwierigkeit finden; im Gegenteil, wie schön passt diese Bezeichnung auf das Werk und Amt unseres Herrn Jesu! War er nicht der Vertreter der göttlichen Gerechtigkeit, und erlitt er als Lösegeld für die Menschen nicht die Strafe der Gerechtigkeit - damit Gott gerecht sein und dennoch den rechtfertige, der des Glaubens an Jesum ist? Wahrlich, kein Name würde ihm besser anstehen!

Lasst uns übrigens nicht vergessen, dass genau derselbe Name, Jehova-Tsidkenu, vom gleichen Propheten noch anderswo gebraucht wird, und zwar als zukünftiger Name der ganzen Kirche, des neuen Jerusalem, der Braut des Lammes: "Und dies wird der Name sein, womit man es nennen wird, Jehova (ist) unsere Gerechtigkeit"; und hier passt der Name ebenso gut wie auf das Haupt, indem die Herauswahl eben erst um der Gerechtigkeit willen an den Leiden ihres Hauptes, Jesus Christi, teilnehmen soll, "um zu ergänzen, was noch rückständig ist von den Drangsalen des Christus für seinen Leib" (Kol. 1:24), dann aber auch Miterbin der verheißenen Herrlichkeit ihres Herrn wird, wie das Weib ihres Mannes Ehre und Namen teilt. - Offb. 3:12; 19:7; 21:9

Wollte man behaupten, dass der Name Jehova, auch wenn er in Verbindung mit einem andern Worte als Name gebraucht wird, notwendigerweise immer "Gott-Vater" bedeuten muss, dann würde man diesen in 1. Mose 22:14 zu einem Berge, in 2. Mose 17:15 zu einer Fahne, in Richt. 6:23, 24 zu einem Altar und in Hesekiel 48:35 zu einer Stadt machen, was doch sicherlich niemand im Ernst meinen kann.

2. Andere Stellen, mit welchen man beweisen will, dass der Name Jehova auch von Christo gebraucht werde, sind in 1. Mose 18:1 und 2. Mose 3:3-15. Wir können diesen Stellen eine solche Beweiskraft um so weniger zuerkennen, als 2. Mose 3:2 ausdrücklich sagt, dass der, welcher im feurigen Busch dem Mose erschien und sich als der "Ich bin" zu erkennen gab, der Engel (Sendbote) Jehovas war; aber selbst der vornehmste Bote kann doch nie dieselbe Person sein, welche ihn gesandt und in deren Namen er spricht. Dass der zu Mose gesandte Bote derselbe ist, den Johannes (1:1) als das "Wort" bezeichnet, also unser Herr Jesu in seinem Zustand vor seiner Menschwerdung, bezweifeln wir gleichwohl keinen Augenblick.

3. Jesaja 40:3 bezieht sich auf Johannes den Täufer und dessen Aufgabe, "den Weg Jehovas zu bahnen"; und diese Stelle so beweisen, dass Jesus nur ein anderer Name für Jehova sei. Wir antworten aber auch hier wieder: Nein, nicht so! Jesus war in der Tat der geehrte Diener Jehovas und im vollsten Sinne dessen Stellvertreter unter den Menschen, aber er selbst sagt, "der Vater hat mich gesandt"; "wie ich höre, so urteile ich"; "von mir selbst kann ich nichts tun"; "der Vater ist größer als ich"; "und wir denken, Jesus verdient als Sendbote unseren vollen Glauben. Tatsache ist, wie wir schon gezeigt haben (Band 2, Kapitel/Studie 8), dass Johannes der Täufer bloß das Vorbild eines größeren Sendboten war, nämlich der ganzen christlichen Kirche im Fleische, welche ihrerseits den verherrlichten Christus, Haupt und Leib, anzukündigen und einzuführen beauftragt ist; und die Aufgabe jenes verherrlichten Christus wird ein fernerer Fortschritt sein in dem großen Werk der Wegbereitung für Jehova, in dem Herrlich machen des Fußschemels Jehova. Erst wenn dieses Werk ganz durchgeführt ist, am Schluss des Millennium, dann wird die Weissagung Jes. 40:3 völlig in Erfüllung gegangen sein. - 1. Kor. 15: 24-28; Joh. 6:57; 5: 30; 10:28

4. Der Apostel spricht in 1. Kor. 2:8 von unserem Herrn Jesus als vom "Herrn der Herrlichkeit". Nun verlangt man von uns, dass wir hierin einen Beweis dafür sehen sollen, dass Christus der Vater, Jehova, sei, welchen der Psalmist als den "König der Herrlichkeit" bezeichnet: (Psalm 24:7-10) In unseren Augen beweisen jedoch solche Argumente nichts als die Unhaltbarkeit der Lehren, welche sie stützen sollen. Unser Herr Jesus wird in der Tat ein erhabener König der Herrlichkeit sein, wenn er während des 1000-jährigen Reiches im Namen und in der Kraft Jehovas sein Zepter über der ganzen Erde schwingen wird; aber derselbe inspirierte Apostel versichert uns im selben Brief (Kap. 15), dass Jesus, wenn sein Königreich den Gipfelpunkt der Herrlichkeit erreicht haben wird, dasselbe seinem Vater überantworten werde, "welcher alle Dinge unter seine (des Sohnes) Füße getan hat, auf dass er (der Vater) sei alles in allem".

5. In zwei von den Federzeichnungen, welche die heilige Schrift vom 1000-jährigen Königreich Christi entwirft, steht geschrieben: "Und es wird geschehen am Ende der Tage, da wird der Berg (das Königreich) des Hauses Jehovas feststehen auf dem Gipfel der Berge (andere Königreiche beherrschend) ... Und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf ziehen zum Berge (Königreich) Jehovas ... Und er wird uns belehren aus seinen Wegen, und wir wollen wandeln in seinen Pfaden ... Und er wird richten unter den Nationen." - Jes. 2:2-4; Micha 4:1-3

Nun, sagt man, wenn Christus im 1000-jährigen Reiche alle Gewalt inne hat, wenn er richtet und regiert, so bezeichne an diesen Stellen der Name Jehova den Sohn. Wir aber sagen nein, denn wer das behauptet, hat vergessen, dass alle Segnungen vom Vater kommen, obwohl sie alle durch den Sohn uns übermittelt werden. (1. Kor. 8:6) Gleicherweise lehrt auch Christus uns beten: "Unser Vater im Himmel, ... dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel". (Matth. 6:10) Dasselbe ersehen wir auch aus Micha 4:8, wo Christus (Haupt und Leib, das neue Jerusalem) als "Turm der Herde" geschildert ist, zu welchem wiederkommen werde die frühere Herrschaft - welche durch Adam in Eden verloren ging, aber durch Jesum auf Golgatha zurück erworben wurde.

6. "Bethlehem - Ephrata ... aus dir wird mir hervorkommen, der Herrscher über Israel sein soll, und seine Ausgänge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her". (Micha 5:2) Auch hier sollen wir verstehen, dass Jesus Jehova war, von Ewigkeit zu Ewigkeit - indem doch Mose sage, "Jehova ... von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du Gott". (Psalm 90:1,2) Das ist aber der Logik sowohl, als auch dem Text Gewalt angetan; der Logik, weil die Stelle so aufgefasst, mit hundert anderen unter sich übereinstimmenden Stellen in Widerspruch gerieten; dem Text, weil wir in Micha 5:3 lesen: "Und er wird dastehen und (Jehovas Herde - Psalm 23:1) weiden, in der Kraft Jehovas und in der Hoheit des Namens Jehovas, seines Gottes". Nichts könnte über unseren Gegenstand deutlichere Auskunft geben. Denn wenn Jehova der Gott des Christus genannt wird, so kann Christus unmöglich Jehova selbst sein! Wie sollen wir aber Vers 2 verstehen? Ganz einfach so: - "Und seine Ausgänge sind von den Tagen der Ewigkeit her (vorausgesagt, vorherbestimmt)", denn im Plan Gottes war das Kommen und die Messias-Herrschaft Christi von Anbeginn der Welt her bestimmt.

7. Wir werden auf die Weissagung Jesajas (Kapitel 25:6-9) verwiesen, wo vom 1000-jährigen Reich die Rede ist. Daraus sollen wir schließen, dass der Name Jehova zur Bezeichnung Jesu gebraucht werde, indem es dort heißt: "Und Jehova der Heerscharen wird auf diesem Berg (Königreich) ein Mahl von Fettspeisen bereiten.. Den Tod verschlingt er auf ewig, und der Herr, Jehova, wird die Tränen abwischen von jedem Angesichte." Aber auch das beweist nicht, was man so gerne bewiesen haben möchte. Wir müssen festhalten, dass in der genannten Stelle der verherrlichte Christus als Sprecher repräsentiert wird; und sein Werk während des Millenniums wird in dem ersten Vers dieses Kapitels kurz zusammen gefasst: "Oh Jehova, mein Gott, ich will dich erheben (ehren), preisen will ich deinen Namen." Das wird das Resultat des Millenniums sein; und an dessen Ende finden wir alles dem höchsten König, Jehova, untertan gemacht, dessen durch Christum ausgeübte Macht es auch ist, sich alle Dinge untertänig zu machen. Der Messias kommt als Jehovas mächtiger Diener auf die Erde, als Vizekönig Immanuel, d.h. "Gott mit uns". Mit dieser Aussage stimmt auch Paulus überein, indem er sagt: "Gott aber sei dank, der uns den Sieg (Befreiung, Triumph) gibt durch unseren Herrn Jesum Christum." - 1. Kor. 15:57

8. Dass der Name Jehova eben sowohl auf Christum, als auf den Vater sich beziehe, sucht man auch mit Jes. 9:6 zu beweisen; daselbst wird nämlich unser Herr Jesus "Wunderbarer, Berater (oder Führer, wunderbares Vorbild), Starker Gott, Ewiger Vater, Friedefürst" genannt. Wir sparen uns die eingehende Betrachtung dieser Stelle auf später und bemerken hier nur, dass sie den erwünschten und sogar behaupteten Beweis nicht erbringt; hätte sie das beabsichtigen wollen, so hätte den Ehrentitel unseres Herrn Jesu der Name Jehova nirgends besser beigefügt werden können als gerade hier; dies ist aber nicht geschehen; dagegen lesen wir aber im folgenden Vers (7): "Der Eifer Jehovas der Heerscharen wird dieses tun (diese Weissagung erfüllen)."

9. "Sprich zu den Städten Judas: Siehe da, euer Gott! Siehe, der Herr Jehova kommt mit Kraft, und sein Arm übt Herrschaft für ihn. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirt". (Jes. 40:10) Man behauptet, dass dieses ohne jeglichen Zweifel eine Stelle sei, wo unser Erlöser mit dem großen Namen Jehova genannt werde. Wir aber sagen nochmals nein; denn gerade hier, wie auch an anderen Stellen, wird Christus der "Arm" Jehovas genannt. "Sein Arm (Christus) übt Herrschaft für ihn", bis er alle dem Jehova und dessen gerechten Gesetzen widerstrebende Macht beseitigt haben wird, bis er das Gericht siegreich hinaus geführt und Jehovas Fußschemel (die Erde) herrlich gemacht haben wird; dann wird er das Königreich Gott, seinem Vater, überantworten. - Matth. 12:20; 1. Kor. 15:24-28

Andere Stellen, in welchen der Herr Jesus der Arm Jehovas genannt wird, sind: "Wer hat unserer Verkündigung geglaubt, und wem ist der Arm Jehovas offenbar geworden? (Wenige erkennen den Arm Jehovas in diesem Zeitalter - "Nicht viel Edle") ... Er war verachtet und verworfen von den Menschen." - Jes. 53; Joh. 12:38

"Auf mich werden die Inseln hoffen, und sie werden harren auf meinen Arm." "Wache auf, wache auf, kleide dich mit Macht, du Arm Jehovas ... " - Jes. 51:5, 9

"Jehova hat seinen heiligen Arm entblößt (geoffenbart) vor den Augen aller Nationen (bei der Aufrichtung seines Reiches), und alle Enden der Erde sehen die Rettung unseres Gottes." - Jes 52:10

"Da half ihm sein (Jehovas) Arm ... Und ein Erlöser wird kommen für Zion und für die, welche in Jakob von der Übertretung umkehren, spricht Jehova." - Jes. 59:15-20

10. In Joh. 12:41 lesen wir: "Dies sprach Jesajas, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete." Wir stimmen der Ansicht bei, dass sich diese Worte auf Jes. 6:1 beziehen, machen aber darauf aufmerksam, dass dort im Hebräischen nicht der Name Jehova steht, wie in Vers 3 und 5 im gleichen Kapitel, sondern das Wort Adonai, das mit "Herr" übersetzt worden ist. Nun bezeichnet "Adonai" mitunter Gott den Vater, aber nicht immer. Ein Beweis dafür liefert der zweite Psalm, wo es heißt: "Der Herr (Adonai) spottet ihrer. Alsdann wird er zu ihnen reden in seinem Zorn, und in seiner Zornglut wird er sie schrecken ... Jehova hat zu mir gesprochen: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt." (Psalm 2:4) Das erste Mal steht "Herr" (Vers 4) und bezieht sich auf den Sohn, das zweite Mal (Vers 7) steht "Jehova" und bezieht sich auf den Vater. (siehe Elberfelder Übersetzung) So sind wir denn auch der Meinung, dass "Herr" (Adonai) in Jes. 6:1 nicht Gott den Vater, sondern den Sohn bezeichnet, so gut wie in Vers 8, wo von Verkündigung der Botschaft und Vollstreckung des Urteils die Rede ist; denn "der Vater hat alles Gericht dem Sohne übergeben." - Matth. 23:34, 36, 38; Joh. 5:22, 27

Es können noch andere Stellen, in denen von unserem Herrn Jesus in enger Verbindung mit dem Namen Jehova die Rede ist, angeführt werden, wo die gewöhnlichen Übersetzungen nicht merken lassen, dass der Urtext den Herrn Jesus durch einen anderen Titel von Gott dem Vater unterscheidet, da sie die verschiedenen hebräischen Wörter "Adonai" und "Jehova" kurzum mit "Herr" wiedergeben. (Die sehr empfehlenswerte Elberfelder Übersetzung ist hierin genau, sie gibt Adonai mit "Herr" wieder, lässt aber den hebräischen Eigennamen für Gott den Vater, Jehova, stets unübersetzt. Siehe auch die Parallelbibel von Schmoller.) Als Beispiel führen wir Mal. 3:1-4 an, und zwar in zwei Übersetzungen (Luther und Elberfeld):

a. "Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr suchet, und der Engel des Bundes, des ihr begehret. Siehe, er kommt, spricht der Herr Zebaoth. ... Er wird die Kinder Levis reinigen und läutern wie Gold und Silber. Dann werden sie dem Herrn Speisopfer bringen in Gerechtigkeit." - (Luther-Übers.)

b. "Siehe ich sende meinen Boten, dass er den Weg bahne vor mir her. Und plötzlich wird zu seinem Tempel kommen der Herr (Adon), den ihr suchet; ja der Engel des Bundes, den ihr begehret: siehe es kommt, spricht Jehova der Heerscharen ... Und er wird die Kinder Levis 2c) ... so dass sie Opfergaben dem Jehova darbringen werden in Gerechtigkeit." - Elberfeld. Das Wort "Herr" bezieht sich in dieser Stelle offenbar auf Christum, den Sohn Gottes (den Engel des Bundes), während der Eigenname Jehova ohne jeglichen Zweifel auf Gott den Vater sich bezieht (welcher größer ist als der Sohn).

Eine weitere ähnliche Stelle finden wir in dem schönen messianischen Psalm, wo es heißt: "Du bist schöner als die Menschensöhne, Holdseligkeit ist ausgegossen über deine Lippen, darum hat Gott dich gesegnet ewiglich ... Dein Thron, O Gott, ist immer und ewiglich, ein Zepter der Aufrichtigkeit ist das Zepter deines Reiches. Gerechtigkeit hast du geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst, darum hat Gott, dein Gott (Unser Herr Jesus hat mithin noch einen Gott (der auch unser Gott ist) über sich. - Dt. Übersetzung) (Jehova), dich (Christus) gesalbt mit Freudenöl, mehr als deine Genossen." Hierauf redet der Psalmist von der Kirche als der Tochter des himmlischen Vaters, als der Braut, dem Weibe des Lammes, und er ermuntert sie, dem Sohne des Königs, als ihrem Herrn, Ehre und Anerkennung zu zollen: - "Und der König wird deine Schönheit begehren, denn er ist dein Herr (Adon, nicht Jehova): so huldige ihm." - Psalm 45:2-11; Hebr. 1:8, 9; 1. Kor. 11:3; Eph. 5:23; Joh. 5:23

11. Auch Jes. 8:13 und 14 können wir nicht als Beweis dafür gelten lassen, dass der Name Jehova auch unserem Herrn Jesus angehöre. Freilich lesen wir dort: "Jehova der Heerscharen, den sollt ihr heiligen, und er sei eure Furcht und er sei euer Schrecken." Und dann, aber ohne Bezeichnung von wem die Rede ist, heißt es weiter: - "Er wird zum Stein des Anstoßes und zum Fels des Strauchelns den beiden Häusern Israel." Wie schon gesagt, können wir das nicht als Beweis annehmen, im Gegenteil, der Text zeigt uns neben Jehova und den Propheten noch eine dritte Person, nämlich unseren Herrn Jesum Christum, welcher spricht: - "Binde das Zeugnis und versiegele das Gesetz unter meinen Jüngern .. Siehe, ich und die Kinder, die Jehova mir gegeben hat." - Jes. 8:16-18; Hebr. 2:13

12. Noch eine andere Stelle wird als Beweis dafür angeführt, dass in der Bibel der Name Jehova dem Herrn Jesus beigelegt werde; wie wir aber sehen werden, ist das Argument nicht nur kraftlos, sondern geradezu falsch, indem die Stelle das schärfste Gegenteil beweist: - "Jehova sprach zu meinem Herrn (Adon), setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße ... Der Herr (Adonai) zu deiner (Jehovas) Rechten zerschmettert Könige, 2c)" Und wiederum lesen wir: - "Geschworen hat Jehova, und es wird ihn nicht gereuen: Du (Christus) bist Priester in Ewigkeit nach der Weise Melchisedeks." Psalm 110:1, 4, 5

Wer nicht durch Vorurteile verblendet ist, sieht hieraus deutlich, dass es Christus ist, welcher erhöht und aufgefordert wird, sich zur rechten Hand Jehovas zu setzen, um Ehre, Kraft und Herrlichkeit zu empfangen. Zur Bestätigung hierfür verweisen wir noch auf die von Christo selbst uns gegebene Auslegung dieser Stelle (Matth. 22:44, 45), wonach Christus jener Adon oder Davids Herr ist, der von seinem Herrn, von Jehova, zu Ehre und Herrlichkeit erhöht wird. Der unter dem Einfluss des heiligen Geistes redende Apostel Petrus, bezieht sich an Pfingsten in ganz gleicher Weise auf unsere Psalm-Stelle, und auch Paulus macht die selbe Anwendung davon. - siehe Apg. 2:34; Hebr. 1:13; 10:12, 13

13. Nicht besser steht es mit der Beweiskraft von Jes. 54:13, wo wir lesen: "Alle deine Kinder werden von Jehova gelehrt sein." Hier soll nämlich Christus der Lehrer, also Jehova sein. Wohl ist Christus der große Lehrer, aber er ist nicht Jehova; das sehen wir aus Joh. 6:45. Dort führt der Herr Jesus gerade unsere Stelle an, indem er sagt: "Es steht in den Propheten geschrieben: Und sie werden alle von Gott gelehrt sein. Jeder, der vom Vater gelernt hat, kommt zu mir."

Der Vater selber, der große Jehova, ist nicht nur der große Gesetzgeber, sondern ebenso der große Lehrer seines eigenen Gesetzes. Dass sein eigener, großartiger Plan zur Rettung der Menschheit der denkbar schönste Beweis ist für seine Gerechtigkeit, Liebe und Weisheit, die in voller Harmonie zu einander stehen, das werden bald alle seine einsichtsvollen Söhne begreifen. Unser Herr Jesus war und ist jetzt noch der große Lehrer der Menschen; und er ist es im Auftrage seines himmlischen Vaters, welch letzterer aber der größte Meister und Lehrer über allen andern ist. Und das ist es gerade, was unser teuer Erlöser beanspruchte und lehrte. Erklärte er nicht öffentlich, dass er alles, was er lehre, zuerst von seinem Vater gelernt habe? Sagte er doch: "Meine Lehre ist nicht mein. sondern dessen, der mich gesandt hat. Wenn jemand seinen Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist, oder ob ich aus mir selbst rede ... Wer die Ehre dessen sucht, welcher ihn gesandt hat, dieser ist wahrhaftig." (Joh. 7:16-18) "Ich rede, was ich bei meinem Vater gesehen habe." (Joh. 8:38) "Das Wort, welches ihr höret, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat." (Joh. 14:24) "Die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben." (Joh. 17:8) "Sie haben dein Wort bewahrt." "Heilige sie durch die Wahrheit, dein Wort ist Wahrheit." Joh. 17:6, 17

So wie Jehova seinen Sohn als Lehrer sandte, so bestellte auch dieser wiederum besondere Lehrer in den Personen seiner Apostel, dazu noch andere, damit sie Lehrer und Unterhirten der Herde des Herrn seien, indem er ihnen gebot: "Weidet meine Schafe", "weidet meine Lämmer", "habet nun Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher euch der heilige Geist als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung (Herauswahl) Gottes zu hüten, welche er sich erworben hat, durch das Blut seines eigenen (geliebten Sohnes)" (Apg. 20:28). Doch sollte keiner dieser Lehrer seine eigenen Lehren verkündigen, die ja nur "Weisheit dieser Welt" hätten sein können. Die Kinder Gottes sollen alle von Jehova gelehrt sein und sonst von keinem andern Lehrer, es sei denn, er stelle die Worte, den Plan und Charakter Jehovas als einzig wahren Maßstab und Richtschnur dar. Wer dies tut, kann nicht anders als auf die Lehre Christi aufmerksam machen und auf die Lehre der Apostel, welche nichts anderes ist, als der Ausdruck von des Vaters ewigem, großem Gesetze.

Im Gegensatz zu solchen, die sich heutzutage selbst als Lehrer bezeichnen, haben weder unser Herr noch seine Apostel je den Anspruch erhoben, ihre eigene Lehre zu verkündigen. Voller Demut spricht vielmehr unser Herr Jesus (und was könnte es schöneres geben als dieses Bekenntnis?): "Ich tue nichts von mir selber, sondern wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich." (Joh. 8:28) Können wir uns wundern, dass, wer so demütig und Jehova ergeben war, mit so großer Würde und Macht bekleidet wurde - hoch erhöht zur Rechten des Vaters? Und dass die Lektionen, welche der himmlische Vater seinem Sohne gab, von demselben gut gelernt wurden, sagt uns das inspirierte Wort: "Der, obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte." (Hebr. 5:8; Phil. 2:8). Außerdem hat Gott auch durch die Propheten kundgetan, dass der vom höchsten Meister-Lehrer, Jehova, gesandte große Lehrer Jesus erst selber von Jehova werde unterrichtet werden; und damit er ein barmherziger und treuer Hohepriester der Menschen werde und sich würdig erweisen könne, der Begründer unserer Erlösung zu sein, musste er notwendigerweise in der Erfahrung der Dinge, welche er litt, vollkommen gemacht werden. (Hebr. 2:9, 10) Beachte, wie deutlich die folgenden Weissagungen lang zum voraus erklären, dass unser Herr Jesus von Jehova gelehrt werden sollte, und dass die Lektionen auch gründlich lernen und Liebe für das Gesetz und Gehorsam gegenüber dem Gesetzgeber beweisen werde:

"Der Herr, Jehova, hat mir eine Zunge der Belehrung gegeben, damit ich wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er weckt jeden Morgen, er weckt mir das Ohr, damit ich höre, gleich solchen, die belehrt werden. Der Herr, Jehova, hat mir das Ohr geöffnet, und ich, ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen. Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel." - Jes. 50:4-10; Matth. 26:67; 27:26; Jes. 53:11

"Und auf ihm wird ruhen der Geist Jehovas, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und Furcht (Verehrung) Jehovas; und sein Wohlgefallen wird sein an der Furcht Jehovas: er wird nicht richten nach dem Sehen seiner Augen." (Jes. 11:1-10) Weil er mit dem Gefühl unserer Mängel und Schwachheiten Bekanntschaft gemacht hat, darum ist er um so besser imstande, allen denen zu helfen zu eilen, welche durch ihn zum Vater zurückkehren - seine Kirche jetzt, in diesem Zeitalter, bald aber auch die Welt, während seines 1000-jährigen Reiches. - Hebr. 2:17, 18

"Du wirst mir kundtun den Weg des Lebens"; - "Jehova werde ich preisen, der mich beraten hat." Dass diese Aussagen sich auf den "Menschen Jesum Christum" beziehen, bezeugen uns die Apostel, wenn sie diese Stelle anführen. (Psalm 16:7-11) So ist denn schon von den Propheten die Aussage des Evangelisten bestätigt worden: "Das Kindlein aber wuchs und ward stark, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade (Segen) war auf ihm. ... Jesus nahm zu an Weisheit und an Größe und an Gunst bei den Menschen." - Luk. 2:40, 52

Nachdem wir alle diese Schriftstellen geprüft haben, dürfen wir getrost behaupten, dass die Schrift nicht gestattet, zu glauben, es könne der Name Jehova auch auf andere Personen als nur auf Gott den Vater sich beziehen. Die Bibel beschränkt den Gebrauch dieses Namens einzig auf den himmlischen Vater und verbietet geradezu, ihn auf irgend jemand anders anzuwenden.

Es wird wohl jeder die Angemessenheit von Jehovas Entschluss einsehen müssen, dass er nämlich als Mittelpunkt aller Erhabenheit, Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe und Macht anerkannt werden will. Es ist die Wahrheit; und es muss deshalb jede hiermit nicht übereinstimmende Lehre unwahr und demgemäss auch böse und schädlich sein. Und wir haben aus den weiter oben zitierten Worten unseres Herrn, sowie aus den Worten der von Christo gelehrten und nach Pfingsten vom heiligen Geist inspirierten Apostel besonders auch gesehen, dass keiner von ihnen irgend jemals im geringsten angedeutet hätte, dass der himmlische Vater und der himmlische Sohn eine Person seien, noch auch dass sie sich an Ehre, Macht und Herrlichkeit gleich seien, wie dies (ohne göttliche Autorität) in den von Menschen verfassten Glaubensbekenntnissen und Katechismen gelehrt wird.

Gleichwohl hat aber der himmlische Vater sich nie eifersüchtig gezeigt, wegen der Größe seines großen "Meister-Knechtes". "des Boten des Bundes", an dem er Wohlgefallen hat. Im Gegenteil, er hat ihn so hoch erhöht, dass er nun nach ihm der Größte an Macht und Herrlichkeit ist. Höre, was unser Herr Jesus selbst hierüber sagt: "Der Sohn kann nichts von sich selbst tun, außer was er den Vater tun sieht. Denn was irgend er tut, das tut auch der Sohn Gleicherweise. Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er selbst tut: und er wird ihm größere Werke als diese zeigen, auf dass ihr euch verwundert. Denn gleichwie der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht, also macht auch der Sohn lebendig, welche er will. Denn der Vater richtet auch niemanden, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben, auf dass alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat." - Joh. 5:19-23

Nur dann sind wir vorbereitet, die Bedeutung des Versöhnungswerkes völlig zu begreifen, wenn wir uns recht klar machen, was die heilige Schrift über den großen Verfasser des Erlösungsplanes, Jehova, sagt, und wenn wir ferner den Unterschied festhalten, der zwischen ihm und seinem geehrten Diener, "dem Eingeborenen vom Vater", seinem "geliebten Sohn", besteht, hinsichtlich der Hinausführung des Versöhnungswerkes. Von der Begriffsverwirrung in Bezug auf Vater und Sohn kommt es eben zum großen Teil her, dass so viele Christen ganz verworrene Begriffe von der Versöhnung haben und deshalb Gefahr laufen, gerade in dem Stück Schiffbruch zu leiden, das ihres Glaubens wichtigste, auf göttlicher Offenbarung beruhende Grundlage sein sollte. Und doch macht der Apostel Paulus einen so deutlichen Unterschied zwischen Vater und Sohn, indem er sagt: "Es ist kein (anderer) Gott, als nur einer." "Für uns ist ein Gott, der Vater, von welchen alle Dinge sind, und wir für ihn, und ein Herr, Jesus Christus, durch welchen alle Dinge sind, und wir durch ihn." - 1. Kor. 8:4, 6

Das heißt, es gibt nur den einen, ewigen und allmächtigen Gott, Jehova, den Urheber und Ursprung aller Dinge, zu denen wir gehören, und es gibt nur den einen Herrn Jesum Christum, durch den der himmlische Vater seinen Plan in allen dessen Teilen hinausführen lässt, und durch welchen allein wir Vergebung unserer Sünden haben, und durch den Glauben an sein Blut, um so zum Vater zurückkommen zu können und in die Gnade zu gelangen, "in der wir stehen, und uns rühmen in der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes." - Röm. 5:1

Eine Überlieferung der Väter, der zuliebe ein Satz in die Schrift eingefügt wurde.

Wir werden spätere Kapitel der Betrachtung der Größe und Würde unseres Herrn Jesu Christi widmen, durch welchen das ganze Versöhnungswerk hinaus geführt worden ist und noch werden wird, und dabei zeigen, welche Ehre und Herrlichkeit er genießt, seit er die Welt erkauft hat, und auch welcher Macht und Würde er teilhaftig war, schon bevor er Mensch wurde, um sein Leben als Lösegeld für die Menschheit zu geben. In diesem Kapitel aber möchten wir unser Augenmerk besonders auf den Urheber oder Verfasser des Erlösungsplanes richten, auf Gott den Vater; und da halten wir dafür, es sei am Platze, etwas näher auf die Lehre von der Dreieinigkeit einzugehen, welche in der Christenheit eine so arge Begriffsverwirrung herbeigeführt hat. Es ist das eine Lehre, von der selbst ihre eifrigsten Verfechter gestehen müssen, dass sie sie nicht verstehen; und da sie dieselbe auch in der Tat weder erfassen noch erklären können, so finden wir uns um so mehr veranlasst, ja verpflichtet, nachzuforschen, ob die heilige Schrift denn irgendwo eine solche verwirrende Menschensatzung unterstützt.

Wir haben schon im Vorhergehenden viele Stellen angeführt, welche uns höchst deutlich und bestimmt beweisen, dass es nur einen allmächtigen Gott gibt, nicht zwei, drei oder mehr, und da machen wir denn gleich darauf aufmerksam, dass das Wort "Dreieinigkeit" in der ganzen Bibel nirgends zu finden ist; ebenso wenig finden sich andere Wörter in der Schrift, denen man einen ähnlichen Begriff zu Grunde legen könnte. Wir finden keinen Ausdruck in der Bibel, aus welchem selbst eine unverständige Auslegung etwas wie die Dreieinigkeit machen könnte. Kein Wunder also, wenn solche, die an der Dreieinigkeitslehre festhalten, sich und ihre Zuhörer bei ihren Erklärungsversuchen in klägliche Widersprüche verwickeln. Sie behaupten in ein und demselben Atemzug, es sei nur ein Gott (weil sie an der klaren und bestimmten Lehre der Schrift nicht vorbeikommen können) und es seien doch drei Gottheitspersonen (weil sie sich auf eine vom Papsttum aufgestellte und von den Vätern überlieferte Lehre verpflichtet haben). Aber wie kann es drei Gottheitspersonen und doch nur einen Gott geben? Wenn es, wie die Katechismen lehren, drei Gottheiten gibt, die sich in Macht und Herrlichkeit gleich sind, dann ist es eine Lüge, zu sagen, es gebe nur einen Gott. Wenn es aber nur einen Gott gibt, "den Vater, von welchem alle Dinge sind", wie Paulus behauptet, und wenn, wie Jesus erklärt, der Vater größer ist als der Sohn, wenn der Vater seinen geliebten Sohn von den Toten auferweckt und ihn hoch erhöht, ihm das Königreich beschieden hat, und wenn schließlich der Sohn sein Reich dem Vater wieder überantworten wird, damit der Vater sei "alles in allem", dann kann es absolut nicht wahr sein, dass es mehr Gottheitspersonen gebe, die sich in Macht und Herrlichkeit gleich seien. Gleichwohl ist, wie wir im nächsten Kapitel zeigen werden, unser Herr Jesus Christus ein Gott; aber wenn er auch verehrt werden soll, wie der Vater verehrt wird, und wenn wir auch, wenn wir ihn ehren, den Vater ehren, der ihn erhöht hat, so lehren doch alle Bücher der heiligen Schrift, dass es nur einen allmächtigen Gott gibt, den Vater aller. So erklärt denn auch Paulus, dass des Weibes Haupt der Mann ist, und dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist; "das Haupt des Christus aber ist Gott." - 1. Kor. 11:3

Nur eine einzige Stelle findet sich in der Bibel, welche einigermaßen die Lehre von der Dreieinigkeit zur Voraussetzung zu haben scheint; und diese einzige Stelle wird jetzt von den Fachmännern allgemein als unecht, als Einschiebsel bezeichnet. Sie ist deshalb in den verbesserten Übersetzungen des Neuen Testamentes weggelassen worden, wiewohl alle Mitarbeiter an diesen neuen Übersetzungen, soviel wir wissen, an der Dreieinigkeitslehre festhalten. Trotzdem sie also diese Stelle als den einzigen (dazu noch wenig überzeugenden) Beweis ihrer Lehre sicherlich gerne beibehalten hätten, konnten sie es doch nicht über ihr Gewissen bringen, sie stehen zu lassen.

Die früheren Übersetzer können indes für die Einfügung dieser Stelle auch nicht verantwortlich gemacht werden, denn zu ihren Lebzeiten ist die Echtheit derselben noch gar nicht bezweifelt worden. Seit ihren Tagen aber sind zahlreiche alte griechische Handschriften entdeckt worden, und keine, sofern sie älter als vom 7. Jahrhundert ist, enthält diese Stelle, welche für die Dreieinigkeitslehre einen Anhaltspunkt geben soll. Die "Leute vom Fach" machen daher, ohne Rücksicht auf ihre Zugehörigkeit zu dieser oder jener Namenkirche, kein Hehl daraus, dass die unechten Worte zu einer Zeit eingeschoben wurden, als die Lehre von der Dreieinigkeit auftauchte, und deren Verfechter ihren Gegnern gegenüber um einen Schriftbeweis in Verlegenheit waren. Damals hat wohl ein übereifriger, an die Dreieinigkeit glaubender Mönch die Worte anlässlich einer Abschrift des Neuen Testamentes eingefügt, in der Meinung, der heilige Geist habe sich einer Unterlassung schuldig gemacht, als er die Dreieinigkeit in der heiligen Schrift unerwähnt ließ. Seine Absicht war, dem lieben Gott und seiner Wahrheit aus einer Verlegenheit zu helfen, zu welchem Zweck ihm eine Fälschung wohl erlaubt scheinen mochte. Aber jede solche Vermutung, dahin gehend, dass uns Gott nicht eine vollständige Offenbarung gegeben habe, die für die Bedürfnisse eines "Mannes Gottes" vollständig hinreiche, dass sie deshalb noch der Beifügungen bedürfe, ist vom Widersacher, und so auch die Vermutung, dass es nötig sei, einen Betrug zu begehen, damit Gutes daraus entstehe und ein Fehler des Allmächtigen gutgemacht werde. Der abschreibende Mönch oder Priester, der wahrscheinlich um den Anfang des 7. Jahrhunderts die fraglichen Worte einfügte, hat sich dadurch eine schwere Verantwortung zugezogen, da er viele Kinder Gottes, die in der Bibel Aufschluss über die zweifelhafte Dreieinigkeitslehre suchten, durch seine Fälschung irregeleitet hat.

Diese unechten Worte finden wir in 1. Joh. 5:7; sie lauten: "Im Himmel, der Vater, das Wort und der heilige Geist, und diese drei sind eins. Und drei sind, die da zeugen auf Erden." Lassen wir diese falschen Worte weg, so ist der Text einfach und sehr leicht verständlich und steht zudem mit der ganzen Schrift in völligem Einklang; solange aber die Worte im Text unangefochten blieben, haben sie zu größter Verwirrung Anlass gegeben, indem sie einen Unsinn lehrten. Aus den eingeschobenen Worten geht nämlich hervor, dass der Vater, der Sohn und der heilige Geist im Himmel dafür Zeugnis ablegen sollen, dass Jesus der Christus sei; wie absurd! Wer wird denn im Himmel daran zweifeln, dass Jesus der Christus ist? Wer bedarf also dort, dass ihm dies verkündigt oder bezeugt werde? Gewiss niemand! Aber die Stelle erschien dem Widersacher gerade geeignet, seine Fälschung der Wahrheit einzuschmuggeln, und er fand hierfür auch ein williges Werkzeug.

Wie schon gesagt, lassen aber alle neueren und verbesserten Übersetzungen die erwähnten Worte weg. Die Elberfelder Bibel zum Beispiel gibt sie nicht wieder, und auch in der verbesserten Luther Übersetzung sind sie nicht mehr zu finden; Luther selbst hat sie übrigens auch nicht mehr übersetzt, man hat die erst etwa 50 Jahre nach seinem Tod eingeschoben. Zur Bestärkung des Gesagten erwähnen wir zum Schluss noch einige unverfängliche Zeugnisse betreffend die Unechtheit dieser Worte. Die Herausgeber der verbesserten englischen Bibelübersetzung sagen: "Diese Worte betreffend die Zeugen im Himmel stehen in keinen griechischen Handschriften, welche älter sind als das 5. Jahrhundert. Sie werden von keinem der griechischen Kirchenväter zitiert, ebenso wenig von den älteren lateinischen, selbst in Fällen nicht, wo die von ihnen behandelten Gegenstände einen solchen Schriftbeweis erwünscht erscheinen lassen; sie sind deshalb augenscheinlich falsch." In Lang's (englischem) kritischen Kommentar lesen wir: -besagte Worte fehlen in allen griechischen Handschriften, auch im Sinaitikus, der ältesten bekannten griechischen Handschrift; sie fehlen auch in allen alten Übersetzungen, sogar in den lateinischen, welche älter sind als das 8. Jahrhundert; und seit dieser Zeit kommen sie in drei verschiedenen Fassungen vor. Trotz aller Streitereien über die Dreieinigkeitslehre, werden die doch von keinem griechischen noch älteren lateinischen Kirchenvater zitiert." Hudson's griechisch - englischen Konkordanz sagt: "Die Worte finden sich in keiner griechischen Handschrift vor, welche älter ist als das 15. oder 16. Jahrhundert, und fehlen in allen alten Übersetzungen." Der amerikanische Theologe Alford erklärt: "Es sei denn, man verfahre mit reiner Willkür bei der Kritik des Bibeltextes, so kann die Echtheit dieser Worte nicht behauptet werden." Der bekannte Tischendorf (Entdecker des Sinaitikus) bezeichnet es als mit der Achtung vor dem biblischen Text unvereinbar, dass diese eingeschobenen Worte weiterhin als zum ersten Johannesbriefe gehörig veröffentlicht werden. Wir übergehen die Zeugnisse von Isaak Newton, Benson, Horne, Griesbach, Tragelles und Bachmann und führen noch Dr. Adam Clark an, welcher sagt: "Die Unechtheit dieser Worte unterliegt gar keinem Zweifel; die einzige griechische Handschrift aus der Zeit vor der Erfindung der Buchdruckerkunst, welche dieselben enthält, ist diejenige von Monfort (aufbewahrt von der Dreifaltigkeits-Universität in Dublin), dafür kennen wir 112 Handschriften, in welchen die Worte fehlen. Sie fehlen ferner in allen alten Übersetzungen (den beiden syrischen, den arabischen, äthiopischen, koptischen, sahadischen, arminianischen sklalvonischen, 2c) mit Ausnahme der Vulgata; doch fehlen sie sogar auch in den meisten alten und guten Handschriften der Bulgata. Kein griechischer und nur wenige lateinische Kirchenväter führen sie an."

John Wesley, der Begründer des Methodismus, war stets bemüht, die Lehre von der Dreieinigkeit zu unterstützen, dennoch fühlte er sich in einer seiner Predigten über diesen Text veranlasst, die Worte Servet's (Genf) anzuführen: - "Ich kann es nicht ohne Bedenken über mein Gewissen bringen, die Worte "Dreieinigkeit" und "Gottheitsperson" zu gebrauchen, weil ich diese Worte in der Bibel nicht finde." Wesly hielt diesen Zweifel Servet's gegenüber nur deshalb an der Dreieinigkeitslehre fest, weil er die besprochenen Worte für echt hielt. Man bedenke aber, dass den Übersetzern der Common Vision" (1611) nur acht griechische Handschriften zur Verfügung standen, von denen keine vor dem 10. Jahrhundert geschrieben wurde, während jetzt ungefähr 700 griechische Handschriften bekannt sind, unter welchen zwei - der Sinatikus und der Vatikanus Nov. 1209 - bis ins dritte Jahrhundert zurückzudatieren sein dürften.

Die Lehre der Bibel betreffend den Vater und den Sohn und ihre Einigkeit

Es sollte stets ein scharfer Unterschied gemacht werden zwischen dem Glauben an die Dreieinigkeit und dem Glauben an die Einigkeit des himmlischen Vaters, Jehovas, seines himmlischen Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi, und des heiligen Geistes. Die Lehre von der Dreieinigkeit, so wie sie von den kirchlichen Glaubensbekenntnissen verkündigt wird, behauptet, der Vater, der Sohn und der heilige Geist seien eine Person, unter einander an Macht und Herrlichkeit gleich. Die Bibel hingegen spricht wohl von der unverbrüchlichen Einigkeit zwischen dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist hinsichtlich des großen Erlösungswerkes; dem Gedanken, dass Vater und Sohn eine Person seien, widerspricht sie jedoch aufs bestimmteste, und sie verneint auch, dass Vater und Sohn sich an Macht und Herrlichkeit gleich seien. Wir lesen nur, dass der Vater den Sohn herrlich gemacht, ihn hoch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle (anderen) Namen ist (den des Vaters ausgenommen), und dass er ihn zu seinem Vertreter gemacht hat und ihm gestattet, alle Gewalt im Himmel und auf Erden auszuüben. Die ganze Schrift stimmt vollständig mit sich selbst dahin überein, dass der Vater den Sohn in die Welt gesandt hat, und dass der Sohn, um der ihm verheißenen großen Freude willen, das Kreuz auf sich nahm und die Schmach über sich ergehen ließ, und dass er des himmlischen Vaters erster und eingeborener Sohn war, und dass er nach der Durchführung des ihm anvertrauten Werkes sein Reich dem himmlischen Vater, von dem er es empfangen, wieder zurückgeben werde (am Schluss des 1000-jährigen Zeitalters). An Hand früher angeführter Stellen haben wir ferner gefunden, wie deutlich unser Herr Jesus es anerkannt und bekannt hat, dass er nicht gekommen sei, seinen eigenen, sondern des Vaters Willen zu tun, dass die Macht, worüber er verfügte, nicht ihm selbst, sondern seinem Vater gehörte, und dass der Vater größer sei als er. Auch die Propheten alle haben ihn als den Sendboten (Engel) oder Diener des Bundes anerkannt und nirgends als den Verfasser des Bundes, und zu alledem kommen noch die ebenfalls schon erwähnten Stellen des Neuen Testamentes, welche den Sohn als den Mittler des Bundes bezeichnen: den einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, "den Menschen Christum Jesum, welcher sich selbst hingab als Lösegeld für alle." All diese Stellen machen ausdrücklich und miteinander übereinstimmend einen Unterschied zwischen der Person und dem Rang des himmlischen Vaters und der Person und dem Rang des himmlischen Sohnes, aber sie lehren auch eine volle, innige Übereinstimmung der beiden hinsichtlich des Erlösungswerkes, denn der Sohn wurde würdig erachtet, den göttlichen Plan hinaus zuführen, weil er seinen eigenen Willen völlig dahin gab, damit er von dem Geist seines Vaters erfüllt würde, um in allen Stücken dessen Willen tun zu können. - Joh. 6:38, 39

Außerdem deuten die Bezeichnungen "Vater" und "Sohn" schon an und für sich einen Unterschied zwischen den beiden und widersprechen den trinitarischen Anschauungen, wonach die beiden eine Person seien; denn "Vater" bedeutet "Lebensgeber", und "Sohn" bedeutet: "einer der sein Leben von einem anderen empfangen hat." Der himmlische Vater hat sein Leben von niemandem empfangen, er ist der Born, die Quelle des Lebens, nicht nur für unseren Herrn Jesum, seinen eingeborenen Sohn, sondern durch diesen auch für alle seine anderen Geschöpfe. Und all das stimmt mit dem in der Überschrift dieses Kapitels erwähnten Ausspruch, in welchem Paulus deutlich in Abrede stellt, dass Vater und Sohn eins seien in Person und Rang, wenn er sagt: "Für uns ist ein Gott, der Vater, von welchem alle Dinge sind, und ein Herr, Jesus Christus, durch welchen alle Dinge sind." - 1. Kor. 8:6

Der denkende Leser wird die Einfachheit und Klarheit der hier niedergelegten biblischen Lehre sofort erkennen, während wohl jedermann zugeben muss, dass eine vernünftige Auffassung oder Erklärung der Dreieinigkeitslehre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Das geben sogar deren eifrigste Verfechter zu, doch statt zu versuchen, sie zu erklären, weichen sie vielmehr jeder diesbezüglichen Besprechung beharrlich aus und nennen ihre Lehre "ein großes Geheimnis". Aber (so sehr das uns befremden mag) an dieser Lehre von drei Göttern in einer Person wird - trotzdem dieselbe nicht nur jeglichen Schriftbeweis entbehrt, sondern geradezu vom 1. Buch Mose bis zur Offenbarung direkt und indirekt widerlegt wird - unter der Christenheit dennoch krampfhaft festgehalten und zwar auch von den Protestanten, die "sich ganz nur auf die Bibel gründen wollen", und die gegen jede Lehre, die nicht von der Bibel bestätigt wird, zu protestieren meinen. Dass dieses "Machwerk" zu alledem auch kräftig wider die von Gott uns geschenkte Vernunft streitet, darüber gibt man sich kaum Rechenschaft! Und warum das? Eben weil das eines jener "finsteren Geheimnisse" ist, womit Satan durch Vermittlung des Papsttums das Wort, den Charakter und Plan Gottes verdunkelt, in Nebel gehüllt hat, nach dem Worten des Apostels, "der Gott dieser Welt hat den Sinn der Ungläubigen verblendet, damit ihnen nicht ausstrahle der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus, welcher das Bild Gottes ist" (2. Kor. 4:4). Satan hat die Welt mit Blindheit geschlagen, und das Wort Gottes hat er mit von Menschen ausgetüftelten Irrlehren und dunklen "Geheimnissen" derart verschleiert, dass auch die, welche den Herrn gefunden, gehindert werden, zu einer klaren Erkenntnis der Wahrheit zu kommen.

Aber, möchte man fragen, welches Interesse kann denn Satan daran haben, unseren Herrn Jesum Christum vor den Menschen größer, erhabener erscheinen zu lassen? Muss ihm nicht vielmehr daran gelegen sein, ihn in den Augen der Menschen herabzusetzen? Darauf antworten wir, dass es von jeher Satans Verfahren war, die Wahrheit, die Bibel, zu verdrehen, ihre Lehren als sich selbst widersprechen und vernunftwidrig darzustellen, damit so die Menschheit verhindert werde, die erhabene Schönheit, Vernunft und Harmonie in Gottes Wort und Plan zu erkennen. Je mehr Vernunftwidriges Satan mit den Begriffen, welche die Menschen von ihrem Schöpfer sich machen, vermischen kann, um so leichter gelingt es ihm, alle diejenigen von Gott abzuwenden, welche ihren gesunden Verstand zu gebrauchen wünschen; und je vernunftwidriger er die menschlichen Glaubenssätze zu gestalten vermag, desto gründlicher zerstört er den wirklichen Glauben bei denen, welche diese Lehrsätze annehmen und verfechten, und um so mehr fördert er den Aberglauben auf Kosten des auf göttliche Offenbarung gegründeten wahren Glauben.

So hatte denn der große Widersacher jahrhundertlang großen Erfolg mit seinen Bestrebungen, die Meistbegabten, Vernünftigsten von der Namenkirche fern zu halten, die letztere aber mehr und mehr zum Sammelplatz der Leichtgläubigen, Abergläubischen und Gedankenlosen zu machen. Von den wertvollsten Wahrheiten hat er einige durch fein ausgeklügelte, aber abstoßende Irrlehren verdeckt und dadurch bei den Kindern Gottes den Fortschritt in der Erkenntnis bedeutend verlangsamt. Aber Gott sei Dank, wir leben jetzt in der Zeit, wo die Decke der Unwissenheit mehr und mehr hinweg genommen wird, und wo die Kinder Gottes von den in den "finsteren Jahrhunderten" zu ihrer Knechtschaft "geschmiedeten" Glaubensbekenntnissen hinweg und dafür direkt auf Gottes Wort selber schauen lernen. Doch ach, für manche, namentlich Weise in den Augen der Welt, ist es jetzt zu spät; sie sind so sehr daran gewöhnt, die Glaubensbekenntnisse und die Bibel ins gleiche Band zu schließen, dass, wenn sie die ersten verwerfen, sie nicht anders können, als auch die Bibel über Bord zu werfen, und statt im Worte Gottes zuverlässiges Licht zu suchen, sind sie eher geneigt, dasselbe außer acht zu lassen, oder sogar anzufeinden, um sich dafür auf ihre eigenen Klügeleien, auf menschliche Weisheit zu verankern.

Daher machen denn "Höhere Bibelkritik", Evolutionslehre, sogenannte "Christliche Wissenschaft", Theosophie und andere die Bibel verwerfende Lehrsysteme heutzutage so rasche Fortschritte, während die althergebrachten Glaubenssätze abbröckeln, ihren Einfluss verlieren oder ganz preisgegeben werden. Nur wenige sind es, die gemerkt haben, dass der Fehler nicht in der Bibel, sondern in den einander widersprechenden Glaubenssätzen liegt, und die deshalb in der Schrift nach "den vorigen Wegen" und nach dem einst den Heiligen überlieferten Glauben forschen. - Jer. 6:16; Judas 3

Aber wie konnte die Dreieinigkeitslehre unter der Christenheit so allgemeine Verbreitung und Annahme finden, wenn sie nicht die Lehre der ersten Kirche gewesen sein soll? Ist sie denn nicht eine der ältesten Lehren der Kirche, zurückgreifend bis ins 3. Jahrhundert? Ja, wohl finden wir ihre Anfänge schon im 3., einige Spuren sogar schon im zweiten Jahrhundert nach Christo; dass sie aber nicht aus dem ersten Jahrhundert stammt, davon zeugen die sämtlichen Schriften der Apostel. Die Dreinigkeitslehre ist später auf eine ganz natürliche Weise entstanden - durch Wortstreitigkeiten.

Die Apostel lehren im ersten Jahrhundert von der Person Jesu Christi höchst klar und deutlich: nicht, dass er der Vater, Jehova, sondern der Sohn Jehovas war, der Messias, von seinem Vater in die Welt gesandt, damit er dieselbe segne, - um sein Königreich aufzurichten und durch dasselbe die durch die Sünde zerrüttete Welt zur Ordnung zurückzuführen. Aber dem Zeugnis, Christus sei Gottes Sohn, begegnete man auch mit vielen anderen Behauptungen, z.B.: Jesus sei ein Schwindler gewesen, oder, er sei bloß ein tugendhafter Mensch gewesen; andere wiederum gaben zu, dass er wohl auf wunderbare Weise geboren worden sei, aber behaupteten, dass er vorher nicht existiert habe. Dem allen gegenüber hielten etliche fest an der Wahrheit, nämlich, dass Jesus vor seiner Menschwerdung ein Sohn Gottes und ein Wesen geistiger Natur gewesen sei, dass er alsdann der Sohn Gottes menschlicher Natur geworden sei, um die Menschheit zu erlösen, dass er nun aber hoch erhöht sei, und dass jetzt alle den Sohn ehren sollen, wie sie den Vater ehren. Wie bekannt, verleitet die Diskussion die streitenden Parteien leicht zu Übertreibungen, und so kam es denn, dass manche, welche die oben angeführten falschen Behauptungen betreffend die Person Jesu widerlegen wollten, zu weit gingen, ins andere Extrem verfielen und behaupteten, Jesus sei der Vater, Jehova selber.

Das Religions-Wörterbuch, zu dessen Bearbeitung der bekannte Trinitarier, Dr. Lyman Abbott, gehört, sagt Seite 944:

"Erst im 4. Jahrhundert hat man begonnen, die trinitarische Anschauung zu bearbeiten und zu formulieren und zu versuchen, dieselbe mit dem Glauben der Kirche an einen Gott in Einklang zu bringen. .... Als Frucht dieser Versuche entstand die Lehre von der Drei-Einigkeit; dieselbe ist eines der hervorragernsten Merkmale der Hindu-Religion, Anklänge an dieselbe enthalten auch die Mythologien (Götterlehren) der Perser, Ägypter, Römer, Japaner und alten Griechen."

Vielgötterei war im Altertum überall, die Juden ausgenommen, der verbreitetste Glaube. Wie jedermann weiß, kennt die griechische Mythologie eine größere Anzahl Götter, und mehreren davon maßt sie tatsächlich je gleichviel Macht zu. Wer solcher Lehre anhing, dem kam der jüdische Glaube an einen Gott lächerlich, armselig vor. So kam man denn zur Ansicht, dass die trinitarische Anschauung bei den Heidenchristen leichter Anklang finden könne: es war ein Mittelding zwischen dem über die ganze Welt verbreiteten Polytheismus (Lehre von vielen Göttern) und dem von den Juden festgehaltenen Monotheismus (Glauben an einen Gott). Zu behaupten, es gebe drei Götter, und im gleichen Atemzug ebenso dreist zu behaupten, diese drei Götter seien ein Gott - das galt offenbar als ein Meisterschuss auf dem Gebiet der "Gottesgelehrtheit" (Theologie), wodurch man die Ansichten von vielen Juden-Christen den allgemeinen Anschauungen der Heiden näher bringen könnte; den letzteren kam man nämlich gerne entgegen, um sie zum Eintritt in die "christliche" Kirche zu veranlassen. Der gleiche Gedanke liegt der Einführung des Mariendienstes zu Grunde: man wollte denen nach Millionen zählenden Anhängern des Diana- und Isiskultus und den Anbetern anderer Göttinnen etwas Ähnliches bieten. Das kann uns nicht verwundern, wenn wir bedenken, dass um jene Zeit, da all diese Menschenlehren aufgestellt und eingeführt wurden, die Häupter der Kirche die Hoffnung an ein zweites Kommen unseres Herrn Jesu und die damit verbundene Aufrichtung des Reiches Gottes fahren gelassen hatten, und dafür aber sich anmaßten, sie hätten die Welt zu bekehren und so das Reich Gottes auf Erden aufzurichten, in den Rahmen einer Priesterherrschaft, an deren Spitze statt Christus ein Stellvertreter (Antichrist) stehen sollte; und dieser Stellvertreter sollte der Bischof von Rom sein. (siehe Band 2, Studie 9; Band 3, Studie 4)

Die so allgemeine Annahme der Dreieinigkeitslehre und die Zähigkeit, womit heute noch daran festgehalten wird, beruht lediglich auf abergläubischer Furcht. Den Drohungen der katholischen und später auch der protestantischer Geistlichkeit gemäß, befand sich nämlich jeder, der die Dreieinigkeit leugnete, auf dem direkten Weg zu einer ewigen Qual. Gleichzeitig gibt die Geistlichkeit aber zu, dass die Lehre unbegreiflich sei, dass somit niemand tatsächlich daran glaubt, weil niemand in Wahrheit glauben kann, was er nicht begreift. Im praktischen Leben wird der Lehre auch gar nicht Rechnung getragen; denn die Protestanten wenden sich im Gebet an Gott den Vater "in Jesu Namen", "um Jesu willen", und erkennen damit an, dass Gott der Vater und Jesus zwei Personen sind; die Katholiken beten zu ihren Heiligen, damit diese ihre Bitten vor Maria, Maria dieselben vor Jesum und Jesus endlich sie vor den Vater bringe. Das hindert aber nicht, dass man solche vernunftwidrige und dazu auch praktisch wertlose Lehre mit verzweifelter Zähigkeit festhält, ja mehr noch: sie als Prüfstein der Rechtgläubigkeit gelten lässt, und dass, wer sie verwirft, von Rom und von der "evangelischen" Allianz als Irrlehrer gebrandmarkt wird.

Die Wahrheit ist mächtig und wird schließlich den Sieg davontragen; mittlerweile hat Gott aber die Verhältnisse noch derart sich gestalten lassen, dass durch ihr Leben inmitten derer, die sich selber Gottes Kinder nennen und von Gott gelehrt zu sein behaupten, alle diejenigen sehr nachdrücklich auf ihren Ernst und ihre Treue geprüft werden, welche Gott und seinem Worte allein glauben wollen. Es ist daher für jeden Wahrheitssucher wichtig, sich selbst und dem Worte Gottes gegenüber aufrichtig zu sein, was allein uns die zur Errettung nötige Weisheit zu verschaffen mag. Lasst uns bedenken, dass Wahrheit allein heiligt, dass Irrtum aber, als das Gegenteil, stets einen zum Bösen lenkenden Einfluss ausübt.

Gott der Vater und Gott der Sohn

Hier mag es nun am Platze sein, einige Bibelstellen zu betrachten, welche die Dreieinigkeitslehre zu begünstigen scheinen, die aber in Wirklichkeit dieselbe auch gar nicht unterstützen.

In erster Linie wird darauf hingewiesen, dass die Bibel unseren Herrn Jesus "Gott" nennt; da es nun aber nur einen Gott gebe, den Vater, so müssen "Jesus" und "Gott-Vater" zwei Namen für die gleiche Person sein. Lasst uns diese Frage im Lichte des Wortes Gottes untersuchen und dabei nicht als schon bewiesen voraussetzen, sondern jeden Schritt auf unserer Bahn gehörig rechtfertigen.

Die Hauptschwierigkeit, der wir dabei begegnen, liegt an dem Mangel an Pünktlichkeit und Einheitlichkeit in den gewöhnlichen Bibelübersetzungen.

Der Gottesname Jehova kommt im Alten Testament mehr als 5.300 mal vor; er ist aber in den älteren und auch in den jetzt weitverbreitetsten Übersetzungen allermeisten mit "Herr" übersetzt. Luther z.B. lässt den Eigennamen Jehova gar nie stehen, sondern übersetzt überall einfach "Herr", oder in ganz seltenen Fällen "Herr Zebaoth". So wird natürlich die von der Bibel im Urtext festgehaltene klare Unterscheidung Gottes des Vaters von anderen Personen gänzlich verwischt, um so mehr, als auch die Titel "Adonai", "Adon" und "Elohim" eben sowohl gebraucht werden, um Gott den Vater als um andere Personen zu bezeichnen. Der Titel "Elohim" (auch "El", "Eloah", "Elah") kommt im ganzen mehr als 2.500 mal vor und bezieht sich meistens auf Jehova, oft aber auch auf andere Personen; und da muss dann der Zusammenhang des Textes ergeben, wer gemeint ist. Wir werden Schriftstellen anführen, welche uns genügendes Licht verschaffen, und die höchst klar und deutlich beweisen, dass Elohim "mächtig" bedeutet. Wenn nun Jehova mit diesem Titel bezeichnet wird, so ist das sehr wohl am Platze, denn er ist ja der Allmächtige; nicht weniger gut passt der Titel Elohim auf die Engel, denn auch sie sind "Mächtige". Das haben sie bei ihren im Alten Testament berichteten Besuchen als Sendboten, Vertreter Jehovas unter den Menschen kräftig bewiesen. Aber es werden große, einflussreiche Menschen ebenfalls Elohim mächtig genannt; das Wort, obwohl in der Mehrzahlform (Einzahlform Eloah), wird bald von Einzelpersonen, bald von mehren Personen gebraucht.

Das werden unsere Zitate durchaus erhärten und beweisen, nämlich, dass die Schrift mit Recht unseren Herrn Jesum bald "Gott" (Elohim), bald "Herr" (Adon) und bald "mein Herr" (Adonai), niemals aber "Jehova" nennt.

Elohim (Mächtige) mit "Engel" übersetzt

Psalm 8:5 "Du (Jehova, siehe Vers 1) hast ihn ein wenig unter die Engel (Elohim) erniedrigt, und mit Herrlichkeit und Pracht hast du ihn gekrönt."

Dass die Übersetzung von Elohim mit "Engel" hier richtig ist, bezeugt uns der inspirierte Apostel, indem er, um die Selbsterniedrigung unseres Herrn zu zeigen, sich auf diese Stelle bezieht und das Wort im Griechischen mit "Angelos" wiedergibt. - Hebr. 2:7, 9

Elohim (Mächtige) mit "Götter" übersetzt

196 mal bezeichnet Elohim Heidengötter, welche in so fern als Mächtige betrachtet werden konnten, als sie in den Augen ihrer Anhänger große Macht besaßen und daher bedeutenden Einfluss auf sie ausübten.

Jehova, der allmächtige Elohim im Gegensatz zu anderen Elohim

Psalm 86:6-8 "Nimm zu Ohren, Jehova, mein Gebet! ... Unter allen Göttern (Elohim, Mächtigen) ist nichts gleich deinen Werken."

Psalm 95:3 "Denn ein großer Gott (El, Mächtiger) ist Jehova und ein großer König über alle Götter (Elohim)."

Psalm 50:1 "Der Mächtige, Gott (buchstäblich, Gott der Götter, El Elohim, der Mächtige der Mächtigen) Jehova hat geredet."

Psalm 29:1 "Gebet Jehova, ihr Söhne der Starken (El, Götter), gebet Jehova Herrlichkeit und Stärke. Gebet Jehova die Herrlichkeit seines Namens; betet Jehova an in heiliger Pracht!"

1. Mose 17:1 "Da erschien Jehova dem Abraham und sprach zu ihm, Ich bin der allmächtige Gott (El)."

2. Mose 15:11 "Jehova, wer ist dir gleich unter den Göttern (El, Mächtigen)!"

1. Mose 14:22 "Abraham sprach: Ich hebe meine Hand auf zu Jehova, zu Gott (El) dem Höchsten, der Himmel und Erde besitzt."

Psalm 96:4 "Denn groß ist Jehova und sehr zu loben, furchtbar ist er über alle Götter (Elohim, Mächtige)."

Diese Schriftstellen alle werden wohl als Beispiele genügen, sollte jemand mehr wünschen, so braucht er nur zu suchen, und er wird finden.

Elohim in Bezug auf Menschen gebraucht

Von den früher erwähnten 196 Malen, wo das Wort Elohim mit Götter übersetzt wird, beziehen sich wohl gut die Hälfte auf Menschen, Mächtige, auf Könige, Fürsten, Edle, 2c)

Nun aber führen wir auch einige Beispiele an, wo das Wort Elohim sich auf das Volk Gottes bezieht:

1. Mose 23:6 "Du (Abraham) bist ein göttlicher (Elohim) Fürst unter uns" - nach englischer Übers.

2. Mose 7:1 "Siehe ich habe dich (Mose) zum Gott (Elohim) gesetzt dem Pharao."

2. Mose 21:6 "So soll sein Herr ihn vor die Richter (Elohim) bringen."

2. Mose 22:8, 10 "Wenn der Dieb nicht gefunden wird, so soll der Besitzer des Hauses vor die Richter (Elohim) treten.

Es soll beider Sache vor die Richter (Elohim) kommen, und wen die Richter (Elohim) schuldig sprechen, der soll seinem Nächsten das Doppelte erstatten."

2. Mose 22:28 "Die Richter (Elohim) sollst du nicht lästern." Paulus bezieht sich auf diese Stelle in Apg. 23:5.

Elohim in Bezug auf die Heiligen

Psalm 82:6, 7 "Ich habe gesagt, ihr seid Götter (Elohim, Mächtige), und Söhne des Höchsten ihr alle, doch wie andere Menschen werdet ihr sterben, und wie einer der Fürsten werdet ihr fallen."

(Der ganze 82. Psalm scheint sich auf unseren Herrn Jesum bei seiner zweiten Gegenwart, als den von Gott bestellten Befreier und Richter zu beziehen. Auf ihn wenden wir die Worte an: "Gott (Elohim, Christus, vom Vater bestellt, um jetzt die Welt zu richten) steht in der Versammlung der Mächtigen (unter den finanziellen, politischen und kirchlichen "Fürsten"), inmitten der (dieser) Götter (Elohim, Mächtigen) richtet er." Er tadelt sie zuerst und fordert sie auf, Gerechtigkeit zu üben, aber sie achten nicht darauf und wollen nicht verstehen; sie fahren fort, im Dunkeln zu wandeln (d.h. ohne zu wissen, wohin die Art und Weise ihrer Machtausübung sie schließlich noch führen wird); "es wanken alle Grundfesten der Erde (die bisherigen Grundlagen der menschlichen Gesellschaft haben sich überlebt)." Es ist daher unnütz an der gegenwärtigen "Ordnung" Ausbesserungsversuche vorzunehmen, sie muss aufgelöst werden, um dem neuen Himmel und der neuen Erde - der neuen sozialen "Welt- Platz zu machen. Vers 6 und 7 sind an die Heiligen gerichtet, an die "kleine Herde". Wenn alsdann alle Heiligen in die "Scheunen" gesammelt und durch den Tod jenseits des Vorhangs eingegangen sind, dann ertönt der Ruf an den Christus (Haupt und Leib vereinigt): "Stehe auf, O Gott (Elohim), richte die Erde! Denn du hast zum Erbteil alle die Nationen." Zum Zwecke, sein Reich aufzurichten, wird er zuerst seine Gerichte ergehen lassen; es wird eine Zeit höchster Trübsal hereinbrechen, während welcher alle Hochmütigen niedergebeugt, alle Demütigen aber erhöht werden. Und so wird die von alters her verheißene Zeit der Wiederherstellung ihren Anfang nehmen. - Apg. 3:19-23)

Diese Stelle wird von unserem Herrn Jesus zitiert und auf diejenigen angewendet, welche das Wort Gottes aus seinem Munde empfingen, welche "Ohren hatten zu hören", und noch bezieht sie sich auf dieselbe Klasse: "Geliebte, jetzt sind wir Gottes Kinder (Söhne)", gerechneterweise, hoffend, durch Gottes Gnade "Teilhaber der göttlichen Natur" zu werden. - Joh. 10:34; 1. Joh. 3:2; 2. Petr. 1:4

Elohim mit "groß", "hoch", "stark" und "Macht" übersetzt

1. Sam. 14:15 "Ein großer (elohim, mächtiger) Schrecken." ("Ein Schrecken Gottes"- Elberfelder Übers.)

1. Mose 30:8 "Große (elohim, mächtige) Kämpfe." (Elberfelder Übers. - "Kämpfe Gottes".)

Psalm 36:6 "Deine Gerechtigkeit ist gleich hohen (el) Bergen."

Hesekiel 32:21 "Die starken (elohim) Helden."

1. Mose 31:29 "Es wäre in der Macht (El) meiner Hand."

Im Neuen Testament kann am griechischen Wort nicht gesehen werden, ob von Gott dem Vater oder von Christus, dem Sohn, die Rede ist; es wird dies in den meisten Fällen dem Urteil des Lesers anheimgestellt; zuweilen wird dem griechischen Wort Theos mit dem Artikel nachgeholfen. So lesen wir in Joh. 1:1: "Das Wort war bei Gott (o Theos), und das Wort war ein Gott (Theos)". Aber im allgemeinen wird der sorgfältige, vorurteilsfreie Leser jedes Mal leicht erkennen, wen der Apostel meint. Es ist dies fast immer so leicht erkennbar, dass es uns nur Wunder nimmt, dass wir es so lange nicht gemerkt haben. Das sowohl in Bezug auf Gott-Vater als auch auf Gott-Sohn ohne Unterschied gebrauchte griechische Wort ist Theos. Dreimal steht das von Theos abgeleitete Eigenschaftswort "theios", welches in genauer Übersetzung mit "göttlich" wiedergegeben wird. (Apg. 17:29; 2. Petr. 1:3, 4) Und zweimal steht das aus theios weitergebildete Hauptwort, Substantiv Theiotes, welches Göttlichkeit, d.h. göttliche Natur bedeutet. (Röm. 1:20; Kol. 2:9) Letztere Stelle besagt, dass in dem erhöhten Christus, dem Haupt der Kirche, alle Fülle wohnt, die Fülle der Weisheit und der Liebe, und die Macht, nicht nur die Angelegenheiten seiner Herauswahl als seines Leibes zu besorgen, sondern auch als Vertreter des Vaters alles und jedes zu tun, was nötig ist, um den ihm zur Hinausführung anvertrauten Plan auch wirklich mit Erfolg durchzuführen.

"Du sollst den Herrn deinen Gott anbeten und ihm allein dienen."
- Matth. 4:10

Es wird von einigen behauptet, der Umstand, dass unser Herr Jesus sich Ehre erweisen ließ, beweise, dass er selbst Jehova sei; und seine oben angeführten Worte werden demgemäss so ausgelegt, als bedeuteten sie, es sei für jedes Wesen, Jehova einzig ausgenommen, eine Sünde, sich Ehre (Anbetung) erweisen zu lassen. Wir aber bestreiten das, denn eine solche Auslegung sucht in den zitierten Worten einen Sinn, den sie nicht haben, und bringt sie zudem in Widerspruch mit anderen Schriftstellen. Die Propheten hatten schon die Verordnung Jehovas kundgetan, gemäß welcher er Christum als seinen Sohn proklamiert und gebietet, dass Engel und Menschen demselben Ehre und Anbetung darbringen sollen: "Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt." "Fallet vor ihm nieder, ihr Götter (Engel) alle." (Psalm 2:7; 97:7) Unser Herr Jesus wusste das; er wusste gleichfalls, dass in vergangenen Zeiten auch die von Jehova gesandten Engel als Vertreter Jehovas sich anbeten ließen, und dass er selbst der vornehmste Bote, der eingeborene Sohn, der "Bundesengel" war, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hatte; er wusste also, dass, wer irgend ihn ehrte, der ehrte auch den Vater. - Mal. 3:1

In der Tat! seine eigenen Worte lauten: "Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht der ihn gesandt hat." - Joh. 5:23

Das griechische Wort, das im Neuen Testament mit "anbeten" übersetzt ist, heißt proskyneo und bezeichnet buchstäblich die Bewegung, welche der Hund macht, um seinem Meister die Hand zu lecken, daher die Bedeutung "Ehre erweisen".

Das entsprechende hebräische Wort ist schau-kau und bedeutet buchstäblich sich bücken, im Sinne von "Ehre erweisen". Das Wort schau-kau kommt im Alten Testament 170mal vor, aber es bezieht sich bloß etwa in der Hälfte der Stellen auf die Anbetung Gottes; in 74 Fällen sind es hervorragende Menschen, denen Ehre ("Anbetung") erwiesen wird. Wir wollen nur an die Stellen 1. Mose 23:7, 12; 27:29; 1. Sam. 24:9; 25:23, 41; 2. Sam. 9:6; 14:4, 22, 33 erinnern, in denen tatsächlich, und an 1. Mose 18:2-4, wo vermeintlich Menschen Gegenstand der Verehrung sind.

Aus diesen Stellen ist klar ersichtlich, dass das Verbot, "Du sollst keine anderen Götter verehren, noch ihnen dienen", nicht so verstanden werde und auch nicht so zu verstehen ist, als wäre damit verboten, denjenigen Menschen Ehre zu erweisen, die der Anerkennung und Ehre würdig sind, d.h. die in hohen Stellungen sich befinden. Ebenso wenig vergingen sich die Juden gegen das erste Gebot, wenn sie Engel anbeteten (sich vor ihnen "bückten"), die in Jehovas Namen Botschaften überbrachten und Jehova als ihren Gott anerkannten. Solche Ehrenerweisung wurde denn auch stets gut geheißen - nie getadelt. Das Verbot richtet sich vielmehr nur gegen die Götzen - und Bilder- Verehrung und gegen die Anbetung solcher Götter, die als Rivalen neben oder an den Platz Jehovas gestellt wurden. Eine solche Anbetung konnte Jehova nie dulden. So war es denn für solche Juden, welche Jesum als den von "Gott Gesandten" anerkannten, keineswegs unrecht, wenn sie ihm Ehre und Gehorsam erwiesen. Und wie viel besser schickt sich das erst für alle diejenigen, welche unseren Herrn Jesum als das anerkennen, wofür er sich ausgab - als Gottes Sohn!

Ja, das können wir sicher sein, dass jene Pharisäer, welche Steine aufhoben, um unseren Herrn zu töten, weil er der Sohn Gottes zu sein erklärte, vor Zorn jede Fassung verloren und nicht nur den Herrn Jesum, sondern auch alle seine Verehrer wegen Abgötterei tatsächlich gesteinigt hätten, wenn sie dem ersten Gebot die Bedeutung beigemessen hätten, wie sie heute irrtümlicherweise von einigen angenommen wird.

Freilich, Ehrenerweisung an einen Menschen, der fälschlicher Weise als Vertreter Gottes anerkannt wird, mithin ein falscher Christus (Anti-Christus) ist, fällt unter das im ersten Gebot enthaltene Verbot; darum verurteilen wir die Verehrung und Anbetung, welche den Päpsten dargebracht wurde und wird, als eine grobe Versündigung gegen das erste Gebot, denn sie hatten nie das Recht, sich als Statthalter Christi auszugeben.

So weigerte sich denn auch unser Herr Jesus, den Satan und seine große Macht in dieser Welt anzuerkennen, denn diese Macht war eine böse, absichtlich den Geboten Jehovas widerstrebende Macht. Satan wünschte von unserem Herrn Jesus, dass er dem Bösen nicht widerstreben, sondern die üblen Gewohnheiten und Gebräuche, die unter Satans Regiment eingeführt worden, anerkennen solle. Dafür hatte sich Satan angeboten, unserem Herr Jesus bei der Aufrichtung seines Reiches behilflich zu sein. Aber Jesus wies diesen trügerischen Vorschlag rundweg ab, und seine Antwort besagte: Ich bin vollständig eines Sinnes mit Jehova Gott und darum auch mit seinem prophetischen Worten: "Du sollst Jehova deinen Gott anbeten und ihm allein dienen", durchaus einverstanden; und da du ihm absichtlich widerstehst, kann ich dir und deiner Methode nicht Anerkennung zollen, noch deine Mithilfe zur Förderung von Gottes Sache annehmen, denn unsere Ziele laufen schnurstracks wider einander. Ich will nichts zu tun haben mit dir, hebe dich weg von mir. - Matth. 4:10; 5. Mose 10:20, 21

Hätte sich unser Herr Jesus als ein Rivale Jehovas, statt als sein Sohn und Diener ausgegeben, so wäre jede ihm erwiesene Ehre und Anbetung dem Vater abgegangen und deshalb Sünde, Abgötterei gewesen. Aber weit entfernt, diese Rolle zu spielen, erklärte er, wenn ihm als dem Sohn Gottes Ehre erwiesen wurde: "Der Vater ist größer als ich"; und er lehrte seine Jünger, zum Vater zu beten in seinem Namen, dann werde der Vater das Gebet erhören. - Joh. 16:23

"Ich und mein Vater sind eins"
- Joh. 10:30 -

Diese Stelle wird als Beweis dafür betrachtet, dass unser Herr Jesus auf den Namen Jehova Anspruch hatte, und dass er beides, der Vater und der Sohn war, oder dass er keinen Vater hatte und nicht ein Sohn war.

Infolge der verschwommenen Begriffe, welche hinsichtlich der Dreieinigkeit herrschen, scheint eine große Zahl sonst ganz vernünftiger Menschen zu vergessen, dass es außer der persönlichen Einigkeit auch noch andere Arten von Einigkeit in allen anderen Fällen (als in der Zusammensetzung "Drei-Einigkeit"): Harmonie, Übereinstimmung im Vorsatz, im Willen und in der Gesinnung. Wie blind uns eine Menschensatzung oft zu machen vermag, davon gibt der Umstand Zeugnis, dass die eigene Erklärung Jesu hinsichtlich der Art seiner Einigkeit mit dem Vater meist übersehen wird. Er sagte nämlich in einem seiner Gebete zu seinem Vater: "Ich bitte nicht für die Welt, sondern für die, welche du mir gegeben hast, denn sie sind dein. ... Aber nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, auf dass auch sie uns eins seien, ... auf das sie eins seien, gleichwie wir eins sind; ich in ihnen und du in mir, auf dass sie in eins vollendet seien." - Joh. 17:9, 20-23

Hier ist ausdrücklich gesagt, dass die Einigkeit der Herauswahl, für welche der Herr bat, genau die gleiche sei, wie die Einigkeit zwischen Gott-Vater und Gott-Sohn; dass aber die Einigkeit der Herauswahl nicht eine solche der Personen, sondern der Gesinnung ist, bedarf wohl kaum erst einer Auseinandersetzung! Offenbar dachte der Erlöser an die Einigkeit der Herzen, der Vorsätze und des Willens unter seinen Nachfolgern, und von dieser Einigkeit sagt er, sie sei derjenigen zwischen ihm und dem Vater gleich. Und zu dieser Einigkeit muss die Herauswahl auf genau dieselbe Weise gelangen, wie Christus zur Einigkeit mit seinem Vater gelangte. Der Sohn war eins mit dem Vater, weil er des Vaters Willen vollständig als seinen eigenen Willen annahm. Sagte er doch in jener schweren Stunde in Gethsemane: "Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe!" So muss jedes Glied der Herauswahl mit dem Vater und mit dem Sohn in vollständigen Einklang kommen, indem es nicht seinen eigenen Willen tut, sondern, diesen beiseite setzend, den Willen Christi annimmt, welcher der Wille des Vaters ist. So, und nur so, wird die Herauswahl einst zu der Einigkeit kommen, für die der Herr bat, und welches genau dieselbe Einigkeit sein wird, wie sie zwischen dem Vater und ihm besteht. Wie seltsam, dass es noch solche gibt, welche diese klaren Worte unseres Herrn zu missbrauchen und zu verdrehen versuchen, um daraus einen Beweis für die ebenso vernunft- wie schriftwidrige Dreinigkeitslehre zu machen! Wie viel schöner und wie vernünftig ist dagegen die schriftgemäße Einigkeit der Gesinnung zwischen Vater, Sohn und Herauswahl!

"Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen."

Nachdem unser Herr erklärt hatte, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben, und kein Mensch könne zu Vater kommen als durch ihn, und wer ihn (Jesum) kenne, der kenne auch den Vater, äußerte Philippus zu unserem Herrn Jesus, "Zeige uns den Vater, und es genügt uns." Jesus antwortete ihm: "So lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen, und wie sagst du: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich in dem Vater bin, und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst; der Vater aber, der in mir bleibt, er tut die Werke." - Joh. 14:7-10

Man verlangt von uns, dass wir dieses Wort unseres Herrn als Beweis dafür annehmen, dass er Jehova selber (nicht Jehovas Sohn) sei, und dass daher der Name Jehova auch ihn bezeichnen könne. Aber jedermann sollte bemerken, dass der ganze Text einen Unterschied zwischen dem Vater und dem Sohn macht, und zwar in einer Weise, wie es kein vernünftiger Mensch täte, wenn er hier den Eindruck erwecken wollte, den die Anhänger der Dreieinigkeitslehre in dieser Stelle zu finden behaupten, Die ganze Frage ist mithin die: Wie wünschte unser Herr die Worte, "Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen", verstanden zu haben? Unsere Antwort ist: Er wollte uns dadurch zu verstehen geben, dass es für einen Menschen (ein fleischliches, irdisches Wesen) nicht möglich sei, Gott (ein Geistwesen) zu sehen; das bestätigte auch der Apostel Johannes, indem er sagt: "Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoss ist, der hat ihn kundgemacht." Er wollte gerade so verstanden sein wie Jehova, als er zu Mose sagte: "Kein Mensch kann mein Angesicht sehen und leben." Folglich könnte der Vater sich selbst den Menschen nur dann sichtbar machen, wenn er durch ein Wunder der Menschen Augen befähigte, seinen Glanz zu sehen und sie dabei der Todesgefahr aussetzte, oder aber, wenn er sich in einem Leib von Fleisch und Bein offenbarte, so dass die Menschen durch Berührung und Verkehr mit ihm etwas über seinen Charakter erfahren könnten.

Und ist es nicht gerade das letztere, was Gott getan hat? Gottes Gesinnung, Gottes Wille war in seinem eingeborenen Sohn, unserem Herrn, vollständig repräsentiert, als er Fleisch ward und unter Menschen wohnte. Er war somit die beste, genaueste und zuverlässigste Darstellung Gottes, die jeden Menschen gegeben worden ist und gegeben werden konnte. Niemals gab es, niemals wird und niemals könnte es eine klarere, sicherere und vollständigere Kundmachung Gottes für die Menschen gegeben, als in der Person unseres Herrn Jesu Christi; denn als er Fleisch geworden, war er "Gott geoffenbart (griechisch "sichtbar gemacht") im Fleische." (1. Tim. 3:16) Ähnliches erklärt der Apostel von der Herauswahl, den treuen Gliedern des Leibes Christi: "Allezeit das Sterben Jesu am Leibe umher tragend, auf dass auch das Leben Jesu an unserem (sterblichen) Leibe offenbar (sichtbar) werde." - 2. Kor. 4:10

Der vollkommene Mensch ist ein vollkommenes Bild (1. Mose 1) des unsichtbaren Gottes und daher dessen beste Darstellung. In ähnlicher Weise, wie Jesus zu seiner Zeit, werden im Millennium die als vollkommene Menschen auferstandenen Glaubenshelden des Alten Bundes die besten Darsteller des himmlischen Vaters, des himmlischen Sohnes und der himmlischen Braut Christi unter den Menschen sein. Wer sie sehen wird, wird eben "Gott geoffenbart (sichtbar gemacht) im Fleisch", Gottes Ebenbild im Fleisch sehen. Und dies ist der herrliche Zustand, zu welchem die gesamte seufzende Menschheit, wenn sie es nur will, gebracht werden soll, unter der Leitung des königlichen Hohenpriesters und seiner auserwählten Brüder und durch Vermittlung der Glaubenshelden des Alten Bundes, die dann als irdische Vertreter des Königreiches "zu Fürsten eingesetzt werden im ganzen Lande." - Psalm 45:16

"Der selige und alleinige Machthaber, der König der Könige und der Herr der Herren, der allein Unsterblichkeit hat."
- 1. Tim. 6:15, 16 -

Viele verstehen diese Stelle so, als bedeute sie, unser Herr Jesus werde bei seiner zweiten Gegenwart die Größe seines himmlischen Vaters der Welt vor Augen führen. Wiewohl diese Anschauung auf den ersten Moment annehmbar erscheint, fühlen wir uns jedoch eher veranlasst, zu glauben, dass es sich hier um die Herrlichkeit und Ehre Christi handelt, indem sich die erwähnte Stelle auf den Anfang des 1000-jährigen Reiches bezieht. Gewiss, er wird alle, die sich seiner Herrschaft fügen, auch veranlassen, Jehova Gott anzuerkennen, aber nicht bei seinem Regierungsantritt, sondern erst am Ende seiner 1000-jährigen Regierung, wenn er das Reich Gott seinem Vater überantworten wird. - 1. Kor. 15:24-28

Diese Stelle auf den Vater beziehen, hieße leugnen, dass unser Herr jetzt Unsterblichkeit besitzt, während die heilige Schrift ausdrücklich lehrt, dass er und alle Teilhaber an der ersten Auferstehung Unsterblichkeit erlangen, und dass der Vater, der Leben in sich selbst (Unsterblichkeit) habe, seines eigenen Lebens Quelle sei, auch dem Sohne gegeben habe, Leben in sich selbst zu haben. - 1. Kor. 15:42-44, 53, 54; Joh. 5:26

Auf den Sohn bezogen aber passt die Stelle in jeder Hinsicht. Sie leugnet nicht den Vater, Jehova; sie beweist auch nicht, dass unser Herr Jesus der Vater, Jehova, sei; wir müssen bei dieser Stelle nur bedenken, dass der inspirierte Apostel sich zur bestimmten Regel, von der er nie abweicht, gemacht hat, bei allen Vergleichungen, Lobpreisungen 2c), die sich auf den Sohn beziehen, den Vater stets auszunehmen, als hoch über jede Vergleichung erhaben. Seine Worte sind: "So ist es offenbar, dass der (Vater) ausgenommen ist" und nicht als dem Sohn, unserem Herrn Jesus, untertan betrachtet werden kann, sondern wenn der Sohn die Sünde in der Welt unterdrückt haben wird, dann "wird er selbst ihm (dem Vater) untertan sein, der ihm alle Dinge unterworfen hat." - 1. Kor. 15:27

Eine andere, sehr ähnliche Bestätigung von der Herrlichkeit des Reiches Christi finden wir in Kol. 2:10: "Welcher (Christus) das Haupt jedes Fürstentums und jeder Gewalt ist." Auch hier ist natürlich der Vater ausgenommen. Sein Reich und seine Autorität wird nie in Gegensatz zum Reich und zur Macht seines Sohnes gestellt, denn der letztere ist mit dem ersteren eins, er ist dessen Stellvertreter.

"Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein."
- Phil. 2:6 -

Unseren gewöhnlichen Übersetzungen gemäß soll der Apostel Paulus die staunen erregte Äußerung getan haben, dass Christus, "da er in Gestalt Gottes war, es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein!" Auf jeden Fall beweist die Stelle deutlich, dass die Dreieinigkeitslehre unbiblisch ist, und dass unser Herr Jesus nicht der Vater, Jehova, sein kann, denn wie könnte man sonst sagen, er habe Gott dem Vater gleich sein wollen? Die beiden Worte "Raub" und "gleich" sagen schon an und für sich deutlich, dass Vater und Sohn nicht eins in Person sind, sondern zwei. Wie merkwürdig schlecht passen aber die oben angeführten Worte auf den Ausspruch, den Jesus selbst getan: "Mein Vater ist größer als ich", und auf die Ermahnung des Apostels: "Einer achte den anderen höher als sich selbst?" Die Schwierigkeit liegt an der Übersetzung, die, wenn wörtlich, keinen deutlichen Sinn ergibt. So haben denn schon manche die Stelle so ausgelegt, als besage sie, Jesus habe es nicht für einen Raub, sondern für etwas ganz Selbstverständliches angesehen, Gott gleich zu sein. Das ist natürlich das gerade Gegenteil von dem, was sich der Apostel dabei gedacht hat. Er wollte offenbar sagen, Jesus habe sich die Gleichheit mit Gott nicht rauben wollen, und so wird der Gegensatz festgestellt, der zwischen der Gesinnung Jesu und derjenigen Satans besteht, welch letzterer sich Gottes Ehrenstellung anzueignen versuchte. (Jes. 14:12-14) Wenn wir obige Stelle (Phil. 2:6) im Zusammenhang mit den vorhergehenden und nachfolgenden Versen betrachten, so erhalten wir ein wunderschönes Bild von der wahren Herzensdemut Jesu, worauf der Apostel die Ermahnung gründet, dass auch wir demütig sein und uns diesen Sinn Christi aneignen sollen.

So verstanden, sagt uns die Stelle, dass der Herr Jesus, als er ein Geistwesen, Gott an Gestalt und Natur ähnlich war, nicht von Ehrgeiz und nicht von dem Wunsche erfüllt war, an des Vaters Statt zu herrschen und selber Gegenstand all der Ehrbezeugungen zu sein, welche dem Vater erwiesen werden. Er hatte nicht die Gesinnung Satans, der auf seine eigene Erhöhung bedacht war und sagte: "Hoch über die Sterne will ich meinen Thron erheben, ich will mich gleich machen dem Allerhöchsten." Nein, wiewohl er die höchste Ehrenstelle gleich nach dem himmlischen Vater einnahm, war er doch so demütig, dass er aus Gehorsam dem Willen des Vaters gegenüber sich selbst all der Herrlichkeit und Erhabenheit seiner Stellung als Geistwesen entäußerte und an Stelle der höheren Natur und Ehre eine geringere, die menschliche Natur annahm, welche ein wenig geringer ist als die der Engel. Ja noch mehr, in seiner menschlichen Gestalt unterzog er sich nicht bloß einer gewöhnlichen, sondern der schmachvollsten Todesart, der Kreuzigung, wovon das Gesetz sagt: "Verflucht ist, wer am Holz hängt." In all diesen Beweisen seiner Demut ist er dem Willen seines Vaters treu und gehorsam geblieben, und darum hat ihn derselbe auch belohnt und ihn hoch erhöht "und ihm einen Namen gegeben, der über jeden Namen ist, auf dass in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge und jede Zunge bekenne ... zur Verherrlichung Gottes des Vaters." - Hebr. 2:7, 9; 1. Tim. 2:5, 6; Phil. 2:11

So verstanden, steht diese Stelle, statt ein Beweis für die Dreieinigkeitslehre zu sein, im schärfsten Widerspruch zu derselben, dafür aber im schönsten Einklang mit dem ganzen Worte Gottes und mit dem geheiligten, gesunden Menschenverstand.

So verlassen wir denn nun den Gegenstand unserer Erörterung nicht, ohne aus derselben die Länge und Breite und Höhe und Tiefe der wunderbaren Größe, Persönlichkeit, Gesinnung und Absicht des himmlischen Vaters besser verstehen und seinen großen Sohn noch höher schätzen gelernt zu haben, denn je zuvor, ihn, dessen wunderbare Liebe, Ergebenheit und Zuversicht in die Weisheit, Güte und Macht des Vaters so königlich belohnt worden ist, und so ist es denn unsere Freude, den Sohn so zu ehren, wie wir den Vater ehren. Und nachdem wir völlig und gründlich untersucht haben, was Gottes Wort uns über den betrachteten Gegenstand offenbart, stimmen wir freudig ein in das Zeugnis des inspirierten Apostels Paulus: "Für uns ist (nur) ein (höchster) Gott, der Vater, von welchem alle Dinge sind, und wir für ihn, und (nur) ein Herr, Jesus Christus, durch welchen alle Dinge sind, und wir durch ihn." - 1. Kor. 8:6

"Gnade euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesu Christo! Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen (Örtern) in Christo, wie er uns auserwählt hat in ihm. ... und uns zuvor bestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesum Christum für sich selbst. ... Der Gott unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst." - Eph. 1:2-18

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Studie 3

Der Mittler der Versöhnung

"Der Eingeborene"

Wer ist er? - Der Logos, ein Gott. - Der Eingeborene vom Vater. - Das Zeugnis der Bibel. - "Er, der da reich war." - Der Logos ("das Wort") ward Fleisch, nicht: wurde "in Fleisch gekleidet." - Er erniedrigte sich selbst. - Er, "der da reich war, ist um unsertwillen arm geworden". - Dieses Zeugnis ist keine Heuchelei. - Das Betragen unseres Herrn war aufrichtig, nicht trügerisch. - "Der Heilige", "Schuldlose", "Unbefleckte", "von Sündern abgesondert".

"Denn Gott ist einer, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gab zum Lösegeld für alle." - 1. Tim. 2:5, 6

Je höher wir das Versöhnungswerk - unsere Wiederaussöhnung mit Gott und das Sühnopfer, durch welche dieselbe ermöglicht wurde - schätzen lernen, um so höher achten wir auch ihn, den der himmlische Vater zu unserer Versöhnung gesetzt hat, unseren Wiederhersteller und Lebensspender. Es ist daher, wenn wir an die Frage herantreten: Wer ist dieses große Wesen, welches der Vater so hoch geehrt hat, und das durch Gottes Gnade unser Erlöser und Heiland geworden ist? von erster Wichtigkeit, dass wir vollständig überzeugt sind, hierüber nichts wissen und zu keinem Schlusse kommen zu können, es sei denn, das Wort Gottes verhelfe uns durch seine Belehrung dazu. Ferner gereicht es uns sehr zum Segen, wenn wir gleich am Anfang unserer Untersuchung uns daran erinnern, was der Apostel von der Erhabenheit dieses Mittlers und von der ihm gebührenden Ehre zu sagen weiß. Wir lesen: "Ihn hat Gott hoch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jeden Namen ist", - "auf dass alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren." - Phil. 2:9; Joh. 5:23

Wenn wir nun die Schrift sorgfältig daraufhin durchforschen, was sie über unseren Herrn Jesus sagt und nicht sagt, so finden wir heraus, dass alle Stellen zusammen stimmen und ein deutliches und befriedigendes Bild geben. Wir stellen hier zunächst kurz zusammen, welche Auskünfte wir in der Bibel gefunden haben, die entsprechenden Beweise auf später aufsparend.

1. Unser Erlöser lebte als Geistwesen, bevor er Fleisch ward und unter den Menschen wohnte.

2. Damals schon war er, so gut wie auch nachher, mit Recht als "ein Gott", ein mächtiges Wesen bekannt. Als Oberster der Engel, dem Vater zunächst stehend, war er als Erzengel (höchster Engel) bekannt und zwar unter dem Namen Michael, wörtlich "welcher wie Gott" oder Gottes Stellvertreter.

3. Als das höchste aller Geschöpfe Gottes, war er auch das erste, unmittelbar durch Jehova erschaffene Wesen, der "Erstgeborene (einzig Gezeugte) vom Vater", und so hat er dann als Jehovas Stellvertreter, in dessen Macht und Namen alle Dinge geschaffen: Engel, Fürstentümer und Gewalten, die Geisterwelt sowohl, als auch die irdischen, sichtbaren Dinge.

4. Als er Fleisch ward, um unser Lösegeld bezahlen zu können, geschah dies keineswegs aus Zwang, sondern vielmehr aus seinem freien Willen, als Resultat seiner vollen Übereinstimmung mit dem von seinem Vater gefassten Entschluss und beruhend auf seiner Bereitwilligkeit, jeden einzelnen Zug des Planes und Willens Gottes auszuführen, jenes Planes, den er achten und lieben und in welchem er den Ausfluss höchster Weisheit, Liebe und Gerechtigkeit erkennen gelernt hatte.

5. Diese Erniedrigung auf die Stufe menschlicher Natur war niemals bestimmt, eine bleibende zu werden. Sie hatte ihren Zweck erfüllt, als unser Herr Jesus sich selbst - ein menschliches Wesen - dahingegeben hatte als unser Lösegeld. Darum ist er auch nicht im Fleische wieder auferstanden, sondern, wie der Apostel erklärt: "Er ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist." - 1. Petr. 3:18

6. Durch die Auferstehung hat er nur die geistige Natur wiedererlangt, die er vor seiner Menschwerdung besaß, sondern er ist in Ansehen und Würde noch höher gestiegen, indem ihn der Vater als Lohn seiner Treue der göttlichen Natur teilhaftig machte - der höchsten, mit Unsterblichkeit gekrönten Stufe der geistigen Natur.(Siehe Band 1, Studie 10, vom Unterschied der Naturen)

7. Dieses erhabene Wesen - von Jehova so hoch erhöht und geehrt - ist es, das zu ehren und anzubeten und dem zu dienen wir uns glücklich schätzen, indem dasselbe eins ist mit dem Vater, in Wort und Tat, in Vorsatz und Gesinnung.

Wir kommen an die

Bibelzeugnisse in Bezug auf den Sohn Gottes

und beginnen mit dem ersten Kapitel des Evangeliums Johannes. Hier wird unser Herr in seinem Leben vor der Menschwerdung "Das Wort" (griechisch Logos) genannt. - "Im Anfang war das Wort". Dr. Alex. Clark sagt in Bezug auf das Wort "Logos": "Diese Bezeichnung sollte ebenso gut wie die Namen Jesus und Christus unübersetzt gelassen werden. So wie jeder vom Heiland der Welt gebrauchte Name eine an seiner Person, Natur oder Aufgabe haftende herrliche Eigenschaft andeutete, so passt auch die Bezeichnung "Logos" vorzüglich auf Jesum, indem dieselbe bedeutet: Wort, gesprochenes Wort, Rede, Beredsamkeit, Lehre, Vernunft, Intelligenz." In seiner ersten Epistel braucht der Apostel Johannes abermals diese Bezeichnung in Bezug auf unseren Herr, den er dort "das Wort des Lebens" oder "den Logos des Lebens" bezeichnet.

Der Titel "Wort Gottes" oder "Logos Gottes" passt auch vorzüglich zu dem hohen Amt und Werk, das unserem Herrn Jesus vor seiner Menschwerdung anvertraut worden war. Der Logos war des himmlischen Vaters direkter "Ausdruck" oder unmittelbare Schöpfung, indes all die folgenden "Ereignisse" der göttlichen Weisheit, Macht und Güte durch den Logos ins Dasein gerufen worden sind. Man sagt, dass in alten Zeiten gewisse Könige durch Mittelspersonen zu ihren Untertanen redeten; dabei sei der König hinter einem Schirm verdeckt gewesen, während sein "Wort" oder Wortführer vor dem Schirm stand und dem Volke laut verkündigte, was der König, den man nicht sah, ihm zuflüsterte. Solch ein Sprecher sei "des Königs Logos" genannt worden. Mag nun diese Legende wahr sein oder nicht, so gibt sie uns jedenfalls eine treffliche Erklärung zum Gebrauche des Wortes Logos als Bezeichnung unseres Herrn und Meisters vor seiner Menschwerdung und seines so wichtigen Amtes, nämlich des der Stellvertretung seines Vaters, wie es die Schrift hier und anderswo lehrt.

Man bemerke nun, dass der Apostel unter der Leitung des heiligen Geistes schreibt: "Der Logos war im Anfang bei dem Gott, und der Logos war ein Gott." So lautet die wörtliche Übersetzung des griechischen Textes, der den bestimmten Artikel das erste Mal vor "Gott" stellt, das zweite Mal aber nicht, was wohl absichtlich zur Unterscheidung Gottes des Vaters von Gott dem Sohne geschieht; im zweiten Vers steht der Artikel wieder, so dass wir natürlich übersetzen, "dasselbe war im Anfang bei dem Gott."

Was mag aber hier mit dem Anfang gemeint sein? Sicherlich nicht der Anfang der Existenz Jehovas, Gottes des Vaters, denn derselbe ist "von Ewigkeit zu Ewigkeit" und hatte also nie einen Anfang (Psalm 41:13; 90:2; 106:48). Aber Jehovas Werk hatte einen Anfang, und dieser Anfang - der Anfang der Schöpfung - ist hier gemeint. So verstanden, erklärt uns die Stelle, dass der Herr Jesus vor seiner Menschwerdung als "Logos" bei seinem Vater wohnte, und zwar schon am ersten Anfang der Schöpfung; das bestätigt auch die Stelle in Offb. 3:14, wo der Logos sich selbst "den Anfang der Schöpfung Gottes" nennt, und das ist gerade, was der Apostel Paulus sagen will, wenn er uns versichert, dass unser Herr Jesus nicht nur das Haupt des Leibes, der Kirche, nicht nur der Erstgeborene von den Toten, sondern außerdem auch der Anfang aller Schöpfung sei, "damit er in allen Dingen den Vorrang habe." Höre die Worte des Apostels: "Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung. Denn durch ihn sind alle Dinge erschaffen worden, die in den Himmeln und die auf der Erde, die sichtbaren und die unsichtbaren, es seien Throne oder Herrschaften, Fürstentümer oder Gewalten: alle Dinge sind durch ihn und für ihn geschaffen, und er ist vor allen, und alle Dinge bestehen zusammen durch ihn." (Kol. 1:15-18) Als Erstgeborener wird er auch in prophetischer Weise vom Psalmisten bezeichnet: "So will ich ihn zum Erstgeborenen machen, zum höchsten König der Erde." - Psalm 89:27

Mit dieser Auffassung von der Überlegenheit unseres Herrn, vom ersten Anfang an, in seiner Eigenschaft als Erstgeborener aller Kreatur und mit der Ansicht, dass er in jeder Hinsicht der Logos oder der Ausdruck des himmlischen Vaters war, stimmt auch der folgende Vers in dem besprochenen Schriftabschnitte überein: "Alles ward durch denselben (Logos), und ohne denselben ward auch nicht eines das geworden ist." (Joh. 1:3) Welch einen erhabenen Begriff geben uns all diese Schriftworte von der Hoheit des eingeborenen Sohnes Gottes, des Logos! Und angesichts dieser Erhabenheit gewinnen wir erst recht einen Einblick in die Tragweite der Worte, die der Apostel in 2. Kor. 8:9 schreibt: "Ihr erkennt die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, dass er, der da reich war, um euretwillen arm wurde, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet." Nun erst können wir so recht ermessen, wie reich er war an Ehre und Herrlichkeit, wovon er selber in einem seiner Gebete Erwähnung tat: "Und nun verherrliche du, Vater, mich bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war." Joh. 17:5

Wiewohl alles, was mit dem göttlichen Erlösungsplan zusammenhängt, wunderbar, erstaunlich ist der Beweis der Liebe, Gnade und Barmherzigkeit Gottes dem gefallenen Menschen gegenüber, so wird doch, so gesehen, alles verständlich und steht in vollem Einklang mit dem Charakter und den Erklärungen Gottes.

Wer der Ansicht ist, dass unser Herr Jesus nie existiert habe, bis er als Menschenkindlein in Bethlehem geboren wurde, in dessen Augen kann der göttliche Plan zur Errettung der Menschheit lange nicht so erhaben sein; und bedeutungslos bleiben für ihn alle die vielen, früher erwähnten Schriftstellen, die von der Ehrenstellung handeln, welche unser Herr Jesus bei dem Vater inne hatte, "ehe die Welt war", und von seiner großen Demut und Selbsterniedrigung, welche für ihn darin bestand, eine Natur anzunehmen, die etwas geringer ist, als die der Engel, und dafür seiner eigenen Natur, welche höher war als die der Engel, sich zu entäußern. Wer sich aber der schriftgemäßen Auffassung hingibt, der wird frei von all den unverständigen und betrügerischen Lehren, durch welche die Menschen, in der Absicht, den Sohn zu ehren, über das Wort Gottes hinausgegangen sind und verunehrt haben das Zeugnis unseres Herrn und seiner Apostel, welche sagen, er, Jesus, sei der Sohn, der Abkömmling ( Nachkomme) Gottes, und der Vater sei größer als er. Millionen von Anhängern jener Lehre von Menschen sind durch dieselbe in unentwirrbare Schwierigkeiten verstrickt worden. Die Wahrheit allein ist vernunftgemäß:

"Sie stillt all unser Sehnen, wie sonst nichts auf der Welt."

Dass unser Herr Jesus der Anfang der Schöpfung Gottes ist und deshalb existierte, lange bevor er als Mensch auf Erden kam, um uns vom Tod zurückzukaufen, wird von vielen Bibelworten aufs vollste bestätigt; wir führen als Beispiel nur 1. Joh. 4:9 an: "Gott hat seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt, auf dass wir durch ihn leben möchten." Hieraus geht also deutlich hervor, dass Jesus der Sohn Gottes war, bevor er auf die Welt kam, und dass ihm als dem Sohne Gottes eine Aufgabe übertragen wurde, die er auf dieser Welt lösen sollte. Beachte ferner, dass hier und anderswo der Logos als der "eingeborene Sohn" Gottes bezeichnet wird. Der diesem Ausspruch zu Grunde liegende Gedanke ist: Der Logos ist die einzige direkte Schöpfung oder Erzeugung des himmlischen Vaters, während alle anderen Söhne Gottes (Engel sowohl als auch Menschen) seine indirekte Schöpfung sind, durch den Logos; dies zur Bestätigung für die Richtigkeit der Aussage, dass Jesus der "eingeborene" Sohn Gottes ist.

Eine weitere Beweisstelle ist Joh. 3: 17: "Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, auf dass er die Welt richte, sondern auf das die Welt durch ihn errettet werde." Auch hier ist seine Existenz vor seiner Menschwerdung vorausgesetzt, denn jemand, den man sendet und mit etwas beauftragt, muss doch schon vorhanden sein, das glaubt auch der zitierte Apostel fest, darum schreibt er (Joh. 1:10, 14): "Er war in der Welt, und die Welt ward durch ihn, und die Welt kannte ihn nicht"; "und der Logos (oder "das Wort") ward Fleisch und wohnte unter uns, voller Gnade und Wahrheit, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater."

Auch die eigenen Zeugnisse unseres Herrn hinsichtlich seines Lebens vor seiner Menschwerdung sind durchaus unzweideutig. Niemals erkannte er Joseph als seinen Vater an. Auch gab er niemals zu, dass seine Geburt als Menschenkind der Anfang seines Lebens sei. Im Gegenteil, stets bezeichnete er Jehova als seinen Vater. Man erinnere sich seiner Worte: "Saget ihr von dem, welchen der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst, weil ich sagte: Ich bin Gottes Sohn?" (Joh. 10:36) Und zu Maria, seiner irdischen Mutter, sagt er: "Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?" In Joh. 6:38, 51 erklärt er seinen Jüngern: "Ich bin das lebendige Brot, das aus dem Himmel hernieder gekommen ist." Viele in seinen Tagen glaubten dieses Zeugnis nicht; und auch in unseren Tagen sind ihrer viele, die es nicht glauben, aber wahr bleibt es dennoch. Einige seiner Zuhörer sagten: "Wie kann das sein?" Und einige seiner Jünger murrten, als sie es hörten, und sprachen: "Diese Rede ist hart, wer kann sie hören? Da aber Jesus in sich selbst erkannte, dass seine Jünger hierüber murrten, sprach er zu ihnen: ärgert euch dieses? Wenn ihr nun den Sohn des Menschen dahin auffahren sehet, wo er zuvor war?" "Von da an gingen viele seiner Jünger zurück und wandelten nicht mehr mit ihm", weil er himmlischen Ursprungs zu sein und vor seiner Menschwerdung gelebt zu haben behauptete. - Joh. 6:60-66

Er scheute sich nicht, auch vor den Pharisäern dieselbe Wahrheit zu bezeugen; unter anderem sagte er ihnen: "Ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe", "ich bin von dem, was oben ist - ich bin nicht von dieser Welt"; "denn ich bin von Gott ausgegangen und gekommen; denn ich bin auch nicht von mir selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt"; "ich kenne ihn, und wenn ich sagte, ich kenne ihn nicht, so würde ich euch gleich sein - ein Lügner." Dann sagten die Juden zu ihm: "Bist du etwa größer, als unser Vater Abraham?" Jesus antwortete: "Abraham, euer Vater, frohlockte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich." (Abraham sah den Tag Christi mit dem Glaubensauge, indem er der göttlichen Verheißung hinsichtlich des Messias volles Vertrauen schenkte; er mag auch den Opfertod Christi, abgeschattet in dem vorbildlichen Opfertod Isaaks, geschaut haben; jedenfalls sah er den zukünftigen Tag der Herrlichkeit des Messias, das 1000-jährige Reich mit all seinen Segnungen für sämtliche Geschlechter der Erde, vermittels durch den verheißenen Samen. Kein Wunder, wenn ihn das freute! Mit dem Glaubensauge sah er die himmlische Stadt, das neue Jerusalem, d.h. die verherrlichte Kirche oder Königsklasse, und er sah auch das himmlische Land - die durch diese Königsklasse gesegnete Erde. - Hebr. 11:10, 16; 12:22; 13:14)

Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? (Abraham war schon vor 2000 Jahren gestorben) Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham ward, bin ich." - Joh. 8:14, 23, 42-58

Diese Worte sind klar und durchaus unmissverständlich. Jesus stellte damit fest, dass er schon vor Abraham gelebt habe, und nirgends deutet die heilige Schrift an, dass das Leben des eingeborenen Sohnes je unterbrochen worden seit seiner Erschaffung als Erstling aller Kreatur bis zu seinem Tod auf Golgatha, der seine Existenz für "drei Tage" unterbrach, nach welchen er aber auferweckt wurde aus den Toten, um nie wieder zu sterben, indem der Tod keine Gewalt mehr über ihn hat. - Röm. 6:9

Der Umstand, dass der "Logos" als Mensch "ein wenig geringer als die Engel" geboren wurde, damit er für die Menschheit das entsprechende Lösegeld bezahlen könne, hatte keineswegs den Tod seiner geistigen Natur zufolge, die er vor seiner Geburt als Menschenkindlein besaß; sein Leben, sein Selbst wurde einfach von einem Organ geistiger Natur auf ein Organ niedriger oder menschlicher Natur übertragen. Die Worte unseres Herrn: "Ehe Abraham ward, bin ich", bestätigen somit, dass seine Existenz nie eine Unterbrechung erlitten hatte, und stellen die Identität Jesu, des Sohnes Gottes im Fleische, mit dem Logos, dem Erstling aller Kreatur, fest. Natürlich waren sie nicht zahlreich, die dieses Zeugnis unseres Herrn annahmen, so wenig als sich deren seither viele gefunden hätten. Es sieht aus wie eine Verdrehtheit der Gesinnung, welche die Menschheit dazu bringt, die einfache, klare Aussage unseres Herrn zu verwerfen um sich dafür, sei es der Anschauung, unser Herr gehöre als sündiges Mitglied dem gefallenen Menschengeschlecht an, oder sei es der Ansicht, er sei sein eigener Vater, zuzuwenden. Einzig die Sanftmütigen sind bereit, "mit Sanftmut das eingepflanzte Wort zu empfangen", welches wahrhaft weise zu machen vermag, und für solche ist das Wort vom Zeugnis Gottes bestimmt. (Jes. 61:1; Jak. 1:21) Wie jene, die den Meister hörten, aber sein Zeugnis verwarfen, Steine gegen ihn aufhoben, so gibt es auch heutzutage solche, die, wenn sie die Wahrheit hören, dieselbe verwerfen und dafür bereit sind (bildlich gesprochen), alle diejenigen zu steinigen, welche des Meisters Worte in ihrer Einfachheit annehmen und lehren, und das aus dem gleichen Grunde: weil sie heute, wie damals, weder den Sohn noch den Vater kennen, wie sie sollten.

Unseres Herrn Worte (Matth. 11:27) passen auch auf die heutigen Verhältnisse: "Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater, als nur der Sohn, und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will." Die Welt erkannte ihn nicht, wusste nichts von seiner hohen Herkunft und deshalb auch nichts von seiner tiefen Selbsterniedrigung um ihretwillen; und wenn wir bedenken, welche lange Zeit verstrich, zwischen der Erschaffung des Logos als Erstling aller Kreaturen und dessen Menschwerdung, und dass er während all dieser Zeit täglich die Freude seines Vaters war, der stets sich seiner freute, dann können wir uns nicht verwundern, wenn er den Vater in solchem Maße kannte, wie die Welt und sogar auch seine Jünger ihn nicht zu erkennen vermochten, wie wir ihn erst jetzt kennen lernen aus seinem Wort und durch den gewonnenen Einblick in seinen wundervollen Plan der Zeitalter. So ruft denn auch Jesus aus: "Gerechter Vater! - die Welt hat dich nicht erkannt; ich aber habe dich erkannt." - Joh. 17:25

Die Erklärung zu seiner Erkenntnis der himmlischen Dinge gibt er uns selbst in den Joh. 3:31, 32 verzeichneten Worten: "Der von der Erde ist, ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, ist über allen, was er gesehen und gehört hat, dieses bezeugt er." Kein Wunder daher, wenn selbst seine Gegner sich fragten: "Woher diesem diese Weisheit und die Wunderwerke?" Und gerade diese seine Kenntnis von den himmlischen Dingen, seine lange, innige Gemeinschaft mit dem Vater, wodurch er ein absolutes Vertrauen in dessen Verheißungen gewann, war es, welche ihn als einen vollkommenen Menschen befähigte, die Welt, das Fleisch und den Teufel zu überwinden und ein absolutes Vertrauen in dessen Verheißungen gewann, war es, welche ihn als einen vollkommenen Menschen befähigte, die Welt, das Fleisch und den Teufel zu überwinden und ein angenehmes Opfer für unsere Sünden darzubringen. So war es auch lange vorher schon vom Propheten geschrieben: "Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die vielen (Menschen) zur Gerechtigkeit weisen, und ihre Missetaten wird er auf sich laden." - Jes. 53:11

Jetzt noch vermögen nur die, welche im Glauben, im Licht des göttlichen Wortes wandeln, den Vater oder den Sohn zu erkennen, oder sich einen klaren und richtigen Begriff zu machen von dem großen Versöhnungswerke für die Menschheit, an dessen Vollendung Vater und Sohn zusammenwirken. In kurzem aber, wenn die Herauswahl der Kirche vollendet, die Braut, des Lammes Weib, mit ihrem Herrn in der Herrlichkeit vereinigt und das Königreich gekommen sein wird, wird Erkenntnis des Herrn die ganze Erde erfüllen. Alsdann wird der Logos, der mit der Kraft seines Vaters ausgerüstet alle Dinge erschaffen hat, von neuem die Macht seines Vaters ausüben, diesmal als Erretter - Heiland, Wiederhersteller. Er wird die Menschen wieder aufrichten, der Vollkommenheit entgegen führen; und wenn dieselbe die Gnade, ihn richtig zu erkennen, erlangt haben, werden sie ihrerseits gerne sich seinen gerechten Anforderungen unterziehen, und so wird sich schließlich bei diesem Werk des Segnens und Wiederherstellens die Macht unseres Herrn in seiner Eigenschaft als Vertreter Jehovas als gleich groß, ja fast herrlicher erweisen, wie bei der Erschaffung der Welt. Dann wird sich auch die Weissagung des Psalmisten erfüllen: "Dein Volk wird voller Willigkeit sein am Tage deiner Macht; ... aus dem Schoss der Morgenröte wird dir der Tau (Frische, Kraft) deiner Jugend kommen." - Psalm 110:3

Aber wie wir aus dem Gespräch Jesu mit Nikodemus erfahren, wird den Menschen die Erkenntnis himmlischer Dinge nicht gegeben, so lange sie den irdischen nicht glauben. Um ihm seine Kenntnis der himmlischen Dinge zu erklären, sagt unser Herr: "Niemand ist aufgestiegen in den Himmel, als nur der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen; (Die Worte, "der im Himmel ist", fehlen in alten Handschriften.) dann aber lässt er ihn einen Blick tun in den Plan, den Gott zuhanden der Welt entworfen hat, um ihm zu zeigen, dass dieselbe nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben soll, indem er erklärt: "Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe." - Joh. 3:13, 16

In Bezug auf den Logos, den Erstling aller Kreatur Gottes, welchem Jesaja die Titel "Wunderbarer, Berater, Starker Gott Ewigvater" 2c) beilegt, finden wir auch in den Sprüchen Salomo eine Beschreibung, die so sehr mit dem Zeugnis des Evangelisten übereinstimmt, dass gar kein Zweifel darüber aufkommen kann, dass der Logos von Joh. 1 und die Weisheit von Sprüche 8 die gleiche Person sind. Wir können uns nicht versagen, diese herrliche Stelle hier ganz anzuführen:

"Jehova besaß mich im Anfang seines Weges, vor seinen Werken von jeher. Ich war eingesetzt von Ewigkeit her, von Anbeginn, von den Uranfängen der Erde. Ich war geboren, als die Tiefen (die Meere) noch nicht waren, als noch keine Quellen waren, reich an Wasser. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln war ich geboren; als er die Erde und die Fluren noch nicht gemacht hatte und den Beginn der Schollen des Erdkreises. Als er die Himmel feststellte, war ich da, als er einen Kreis abmaß über der Fläche der Tiefe; als er die Wolken droben befestigte, als er Festigkeit gab den Quellen der Tiefe; als er dem Meere seine Schranke setzte, dass die Wasser seinen Befehl nicht überschritten, als er die Grundfeste der Erde feststellte: da war ich Schosskind (Pflegling, Liebling) bei ihm und war Tag für Tag seine Wonne vor ihm, mich ergötzend auf dem bewohnten Teil seiner Erde; und meine Wonne war bei den Menschenkindern."

Als Bestätigung des Gesagten, dass der Logos nicht allein der Erstling aller Kreatur Gottes, der Erstgeborene, sondern auch der Einzig geborene Sohn ist, und dass alle anderen Geschöpfe durch ihn gemacht sind, finden wir in der Offenbarung eine höchst klare Stelle, von unserem Herrn selbst ausgesagt: "Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig in die Zeitalter der Zeitalter." Und wiederum: "Dieses sagt der Erste und der Letzte, der tot war und lebt." (Offb. 1:17; 2:8) Auf keine andere Weise konnte unser Herr der Erste und Letzte der Schöpfung Gottes sein, als eben indem er die einzige direkte Kreatur Gottes ist und selber der Schöpfer aller übrigen Kreatur war. Jede andere Erklärung stünde im Widerspruch mit den hier angeführten Stellen und wäre mithin unrichtig.

"Und der Logos ward Fleisch und wohnte unter uns."
- Joh. 1:14 -

Die meist verbreitete Ansicht betreffend die Fleischwerdung des Logos ist die, dass der menschliche, dass der menschliche, von Maria geborene Körper Jesu bloß ein Kleid, eine Hülle für seinen geistigen Leib gewesen sei. Diese Ansicht halten wir aber für absolut verkehrt und nicht biblisch. Dieser Ansicht zufolge glauben viele, dass unser Herr auch während seines Erdenlebens noch ein Geistwesen war, genau wie zuvor, indem er das von Maria geborene, den Menschen als der Mensch Christus Jesus bekannte Fleisch nur als Schleier, als Mittel gebrauchte, um mit den Menschen zu verkehren, gerade wie in früheren Zeiten Engel in Menschengestalt dem Abraham, Lot, Manoah u.a. erschienen (1. Mose 18:1, 2; 19:1; Richter 13:9-11, 16). Dieser Ansicht entsprechend sind denn auch viele Begebenheiten im Leben unseres Herrn unrichtig und schriftwidrig gedeutet und aufgefasst worden. Z.B. war die Müdigkeit unseres Herrn nie eine wirkliche, sondern nur eine scheinbare, weil er als Geistwesen die Müdigkeit nicht kennen konnte. Diese Lehre würde ferner bedeuten, dass all die Gebete unseres Herrn eine bloße Formsache, also Schein und Trug gewesen wären, nur dafür bestimmt, auf die Jünger und sonstige Zuhörer Eindruck zu machen. Denn, war er Gott selbst, so hätte er ja seine Gebete an sich selbst gerichtet! Mit seinem Tod verhielte es sich ebenso; es würde sich bloß um scheinbaren Tod handeln; denn Gott-Vater, zu dem die Verfechter jener Ansicht Jesum machen, lebt "vom Ewigkeit zu Ewigkeit" und kann nicht sterben. Auch seine Leiden am Kreuz und der Verzweiflungsruf, "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen", wären bloß Formsache, um die Gemüter der Umstehenden zu bewegen. Die logische Folge dieser Anschauung wäre mithin, dass ein tatsächliches Schlachtopfer für unsere Sünden gar nicht dargebracht worden ist, sondern nur ein Schein desselben. Die ganze Leidensgeschichte und der Tod Jesu wäre demnach nichts als Spiegelfechterei (Bühneneffekt), eine kinematographische Schaustellung oder, noch besser gesagt, ein frommer und gutgemeinter Betrug gewesen, der auf die Gefühle und Herzensneigungen der Menschen einen günstigen Einfluss ausüben sollte.

Aus all diesen Konsequenzen der besprochenen Ansicht geht unstreitig hervor, dass dieselbe falsch sein muss; sie steht übrigens auch im größten Widerspruch mit der uns im Worte Gottes sachbezüglich verkündeten Wahrheit, denn wir lesen nirgends in der Schrift, dass unser Herr einen Leib von Fleisch als Hülle seines geistigen Leibes angenommen hätte, wie es Engel früher gelegentlich getan, sondern dass er tatsächlich seine geistige Natur ablegte: "Er entäußerte (entleerte) sich selbst" seines vormenschlichen Zustandes und nahm tatsächlich unsere Menschennatur an. Der Logos ward tatsächlich Fleisch; es lief dabei kein Betrug unter; er erniedrigte sich nicht bloß scheinbar, in Wirklichkeit seine Macht und Herrlichkeit beibehaltend; er ist um unsertwillen nicht bloß scheinbar arm geworden, indem er allezeit noch seine hohe geistige Natur besessen hätte; und seine "Knechtgestalt" war auch kein bloßer "Anzug", wie etwa ein Herr zu Verkleidungszwecken ein Diener-Livree anziehen würde; sondern unser Herr ist tatsächlich und wahrhaftig Mensch geworden - "der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gab zum Lösegeld für alle". - 1. Tim. 2:5

Wir werden später bei der näheren Betrachtung des Lösegeldes als eines der Elemente des Heilsplanes sehen, dass es unumgänglich nötig war, dass Jesus gerade ein Mensch wurde - nicht weniger, aber auch nicht mehr als ein vollkommener Mensch - weil es ein Mensch gewesen ist, der gesündigt hatte, ein Mensch, der von des Todes Banden erlöst werden sollte; und nach dem göttlichen Gesetz war als Loskaufpreis für eines Menschen Leben das Leben eines anderen Menschen erforderlich. "Denn sintemal durch einen Menschen der Tod kam, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten". (1. Kor. 15:21) Es soll uns aber niemand so verstehen, als meinten wir mit dem Gesagten, Christus Jesus sei ein Mensch gewesen gleich wie wir, nämlich voller angeerbter Unvollkommenheiten und Gebrechen. Nein, ganz das Gegenteil; dasselbe Wort Gottes schildert uns Jesum als "heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern". - Hebr. 7:26, 28; Luk. 1:35

Dieses Abgesondert sein von den Sündern ist aber für viele ein schwieriger Punkt. Wie konnte er ein Mensch sein und dennoch frei von dem erblichen Schaden an dem das ganze Menschengeschlecht leidet? Wir hoffen hierin klar sehen und zeigen zu können, wie das möglich war, und wie es durch Gottes Vorsehung auch geschehen ist; doch ist es hierzu notwendig, uns zuvor fest einzuprägen, dass ein unvollkommener, wie wir durch menschliche Abstammung mit Adams Sünde behafteter Mensch entschieden nicht unser Erlöser sein konnte. Sündige Menschen hat es in der Welt stets genug gegeben, ohne dass Gott seinen Sohn hätte zu senden brauchen, um auch noch ein sündiger Mensch zu sein. Viele jener unvollkommenen Menschen waren sogar bereit, ihr Leben hinzugeben, um des Vaters Willen zu erfüllen. (Hebr. 11:32-40) Aber es bedurfte eben nicht bloß irgend eines Sündopfers, sondern, um des Sünders Schuld abzubezahlen, brauchte es ein sündloses Opfer. Da aber "alle gesündigt haben und die Herrlichkeit Gottes nicht erreichten", und "da nicht ein Gerechter ist, auch nicht einer", so vermag, wie die Schrift wiederum erklärt, "keineswegs jemand seinen Bruder zu erlösen, nicht kann er Gott sein Lösegeld geben". (Röm. 3:10, 23; Psalm 49:7) Gerade weil Gott sah, dass kein Mensch fähig sei, die Welt zurückzukaufen, übertrug er diese Aufgabe einem, der "mächtig ist, zu helfen", der alle, die durch ihn zu Vater kommen, vollständig zu retten vermag. - Psalm 89: 19; Jes. 63: 1; 59:16; Hebr. 7:25

Sodann möchten wir womöglich Klarheit darüber erhalten, auf welche Weise unser Herr Jesus unsere Natur annehmen und durch seine Mutter Maria Mitglied des Menschengeschlechtes werden konnte, ohne des Schaden der Erbsünde teilhaftig zu werden, also ohne unter den Fluch des Todes zu kommen. Hätte er nämlich irgendwie und in irgend einem Grade Anteil am Leben Adams, so wäre er wie dieser, wie wir alle, dem Todesurteil verfallen; und wäre er unvollkommen gewesen, unter der Todesstrafe gestanden, so hätte er kein Recht auf das Leben hingeben können als Lösegeld, um Adam und sein Geschlecht loszukaufen von der Todesstrafe, welche die göttliche Gerechtigkeit über ihn verhängt hatte. Wir gedenken diese Frage im nächsten Kapitel zu behandeln und hoffen, dabei zeigen zu können, dass unser Herr von seiner Mutter Sündhaftigkeit und Unvollkommenheit in keiner Weise geerbt hat.

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Studie 4

Der Mittler der Versöhnung

"Der Unbefleckte"

Scheinbar sich widersprechende Schriftstellen in Harmonie gebracht. - Die römisch-katholische Lehre von Maria unbefleckter Empfängnis ist nicht biblisch. - Dass Jesus frei von der Erbsünde geboren wurde, ist ein wesentliches Moment im Plane Gottes, da sonst sein Lösegeld möglich. - Die Ergebnisse der neuesten wissenschaftlichen Forschungen betreffend Lebensübertragung. - Der Logos ward Fleisch. - Geboren von einem mit Erbsünde befleckten Weibe. - Wie konnte dasselbe den Sündlosen gebären? - Ähnliches Verfahren Gottes in anderen Teilen seines Planes wird von der Schrift bezeugt.

"Wie könnte ein Reiner aus einem Unreinen kommen? Nicht ein einziger." - Hiob 14:4

"Er ist geoffenbart worden, auf dass er unsere Sünden wegnehme; und Sünde ist nicht in ihm." "Ein solcher Hohepriester geziemte uns: heilig, unschuldig, abgesondert von den Sündern." - 1. Joh. 3:5; Hebr. 7:26

Die hier angeführten Schriftworte scheinen sich ziemlich scharf zu widersprechen, indem die erste Stelle deutlich besagt, dass das ganze Menschengeschlecht durch seine Abstammung von Adam, dem vergifteten Brunnen, verdorben, mit Sünde befleckt ist (hiermit stimmt auch unsere alltägliche Erfahrung überein), während die beiden anderen Stellen bezeugen, dass der Mensch Christus Jesus ohne Sünde war und sich dadurch von der übrigen Menschheit unterschied. Da nun die ganze in der heiligen Schrift niedergelegte Lehre von der Versöhnung unbedingt verlangt, dass unser Erlöser ein unbefleckter Mensch - von unserem Geschlecht und doch von demselben abgesondert - sei, so ist dies für jedes denkende Kind Gottes ein wichtiger Punkt; und es kann sich erst dann beruhigen, nachdem es darüber Klarheit empfangen. Wie hat Gott im Falle unseres Herrn Jesus hinaus geführt, was aller menschlichen Erfahrung und Hiobs Zeugnis gemäß bei den Menschen unmöglich war? Eine befriedigende Erklärung hierüber zu geben, soll die erfreuliche Aufgabe dieses Kapitels sein.

Nicht zwar, dass eine Kenntnis der Art und Weise, wie dieses Wunder sich vollzog, für den Glauben oder die Errettung des von Gott gelehrten wahren Jüngers Christi wesentlich wäre. Aber bei dem Licht, das die (bald mit Recht, bald mit Unrecht) vernichtende Kritik unserer Tage über die religiösen Überlieferungen verbreitet, ist es wertvoll, wenn diese Wahrheit recht fest gestützt wird, indem dieselbe in engster Verbindung mit der Versöhnungslehre steht, welche ihrerseits den Kern, die Grundlage wahren Christentums bildet. Dadurch werden die Kinder Gottes auch besser befähigt, in ihrem Glauben festzustehen, trotz allen von Lehrstuhl, Presse und Kanzel aus gegen sie gerichteten Angriffen des Widersachers. Jahrhundertlang genügte, Gott sei dank, den Heiligen das Zeugnis der Schrift betreffend die Sündlosigkeit unseres Herrn, jetzt aber kommt als Speise zu seiner Zeit für den Haushalt des Glaubens der wissenschaftliche Beweis für die Möglichkeit dessen hinzu, was Gottes Wort diesbezüglich in vollkommener Übereinstimmung mit den Naturgesetzen bezeugte.

Wir stellen uns jedoch nicht auf den Boden der katholischen Lehre, welche von der Jungfrau Maria unbefleckte Empfängnis behauptet und aus derselben die Möglichkeit der unbefleckten Geburt unseres Herrn Jesu ableitet. Wir halten Maria, die Mutter des Herrn, für einen Nachkommen Adams, mit der Erbsünde belastet wie wir, voll menschlicher Schwachheiten und Gebrechen und deshalb auch dem Todesurteil verfallen. Wir behaupten aber, dass der "Mensch Christus Jesus" eine Ausnahme war, die einzige Ausnahme dieser Art. Dabei wollen wir nicht vergessen, dass sich die Vorsehung Gottes den Menschen gegenüber auch sonst wie in Durchbrechung sonst allgemein gültiger Naturgesetze offenbart. Das bekannteste Beispiel hierfür ist die Tatsache, dass, entgegen dem Gesetz, wonach die Hitze die Körper ausdehnt, das Wasser beim Gefrieren, also beim Kälter werden, sich ausdehnt. Wäre das nicht der Fall, so wäre das Eis schwerer als das Wasser, würde auf den Grund der Seen und Flüsse sinken und sich daselbst anhäufen, dass der Sommer nicht genügte, um es zu schmelzen. Wie mit dem Wasser, so verhält es sich auch mit dem Antimon, und dieses Metall wird deshalb mit dem Blei der Buchdruckertypen vermischt, damit dieselben bei allen Temperaturen ihre Form und Ausdehnung behalten. So ist auch in unserem Menschengeschlecht der einzige Ausnahmefall von Unbefleckt sein mit der Erbsünde dessen einzige Hoffnung, dessen Lösegeld und Rettung, gemäß göttlichem Ratschluss. Dies festhaltend, lasst uns nun untersuchen, wie "der Logos Fleisch ward", "vom Weibe geboren", "aus dem Samen Abrahams", und dennoch von Erbsünde frei, auf dass er ein hinreichendes und annehmbares Lösegeld für Adam und sein Geschlecht werden konnte.

Die Schrift bestätigt durchweg die Tatsache, dass das Leben, der Lebenskeim oder die Lebenskraft eines jeden Organismus vom Vater und nicht von der Mutter kommt; die Mutter empfängt den Samen oder Keim vom Vater, der in ihr einen Zellkern befruchtet, woraus sich alsdann ein dem ihrigen entsprechender Leib entwickelt; sie ernährt das keimende Wesen solange, bis dasselbe fähig ist, unabhängig zu leben, d.h. die zum Unterhalt seines Lebens nötigen, von Erde und Luft gelieferten Elemente in seinem Körper selbst zu verarbeiten; dann wird es geboren.

Das Wort "Vater" bedeutet "Lebensgeber". In diesem Sinne war Gott der Vater (Lebensgeber), die Erde dagegen die Mutter Adams und somit des ganzen Menschengeschlechtes. (Luk. 3:38) Adams Leib oder Organ war von der Erde (die in dem Sinne seine Mutter war, dass alle, seinen Körper bildenden Stoffe der Erde entnommen waren), aber das Leben, das in diesem Leibe oder Organismus pulsierte und erst einen Menschen daraus machte, kam von Gott (welcher auf diese Weise des Menschen Vater oder Lebensgeber wurde). Und nur in dem Manne hat seither das Vermögen gewohnt, den Lebenskeim auf Nachkommen zu übertragen.

In Übereinstimmung mit diesem Prinzip sagt denn auch die Schrift, dass die Kinder von ihren Vätern erzeugt und von ihren Müttern geboren werden (1. Mose 24:47). In diesem Sinne kann sie von den 70 Kindern oder Nachkommen Jakobs reden, die denselben nach Ägypten begleiteten und von denen noch ausdrücklich beigefügt wird, dass ein jedes aus den Lenden Jakobs gekommen sei (1. Mose 46:26, 27; 2. Mose 1:5). Gleicherweise lesen wir auch von Salomo, dass er aus den Lenden Davids gekommen (1. Kön. 8:19; 2. Chron. 6:9). So beanspruchte auch Paulus mit den übrigen Israeliten, dass er und alle übrigen aus den Lenden Abrahams gekommen seien, während wir in Bezug auf Levi geschrieben finden: "Er war noch in der Lende seines Vaters, als Melchisedek ihm entgegen ging." - Hebr. 7:5, 10

So sehen wir also, dass das ganze Menschengeschlecht von Adam kommt, seinem Vater, durch Eva, seine Mutter, aber nicht von Eva. So steht auch geschrieben, dass "alle in Adam sterben" (nicht, alle in Eva). Weil das ganze Geschlecht von Adam stammt, ist es durch seine Versuchung auf die Probe gestellt, wegen seines Fallens verurteilt und mit unter seine Strafe gezogen worden.

Zu diesem Resultat, dass nämlich das Leben, wie die Schrift lehrt, vom männlichen Geschlecht übermittelt wird, ist nun auch die wissenschaftliche Forschung gelangt; wir wollen derselben aber nicht in all ihren Kreuzgängen folgen, sondern nur ein jedermann leicht begreifliches Beispiel erwähnen, - das Hühnerei. Dasselbe birgt ursprünglich kein Leben in sich, sondern stellt nur die Keimzelle dar, welche imstande ist, einen Organismus hervorzubringen, sobald sie von dem Samen des Hahnes belebt oder befruchtet ist. Das Ei enthält außer der Keimzelle noch die zur Ernährung des von der Zelle hervorzubringenden Organismus nötigen Elemente im richtigen Verhältnis und fördert dadurch die Entwicklung der Zelle zum "Embryo" des Küchleins. Dasselbe lebt nun von dieser Nahrung, dem Eiweiß, bis es imstande ist, andere Nahrung zu ertragen und selbst zu sich zu nehmen; dann durchbricht es die Schale. Nach denselben Grundsätzen entwickelt und ernährt sich auch das Embryo des Menschen und der Säugetiere.

Wenn also, wie die Bibel und die Wissenschaft übereinstimmend bezeugen, das Leben vom Vater stammt, so folgt daraus, dass wenn der Vater vollkommen ist, auch das von ihm gezeugte Kind vollkommen wird. Unter auch nur einigermaßen günstigen Verhältnissen wird der Same eines vollkommenen männlichen Wesens in der Keimzelle der Mutter ein kräftiges und gesundes Embryo erzeugen, das imstande ist, die ihm förderlichen Elemente unter der ihm gebotenen Nahrung herauszufinden, zu verwerten und die ihm schädlichen zu vermeiden oder auszuscheiden; diese Fähigkeit behält auch der aus einem so gezeugten, vollkommenen Embryo sich entwickelnde Organismus. Anderseits aber wird der Keim oder Same eines unvollkommenen männlichen Wesens ein dementsprechend schwaches Embryo erzeugen, das nicht imstande ist, die es umgebenden ungünstigen Verhältnisse zu überwinden, sondern das vielmehr alle ihm von der Mutter dargereichten Nahrungselemente, ob zuträglich oder schädlich, in sich aufnimmt und erkrankt.

Das alte Sprichwort, "Des einen Speise ist des anderen Gift", liegt diesem Prinzip zu Grunde: Eine Person mit kräftigen und gesunden Verdauungsorganen kann eine Speise genießen und derselben Kräfte entnehmen, während dieselbe Speise einer Person mit schwachem Verdauungsapparate Krankheit oder sogar den Tod bringen kann. Das stärkere Element entnimmt den genossenen Speisen die zuträglichen Stoffe und sondert die schädlichen ab; das schwächere vermag diese Scheidung nicht zu vollziehen, wird so "vergiftet", oft bis zur Erzeugung von sichtlicher Krankheit. Nun ist aber kein Mitglied unseres Geschlechts auch nur annähernd vollkommen, und keines vermag von seinem Organismus all die Myriaden der Feinde fernzuhalten, die in Speise, Trank und Luft an ihn herantreten; aus diesem Grund ist auch keines als vollkommen geboren worden, und niemand vermag somit den Folgen seiner Schwäche auf die Dauer zu widerstehen, sie treffen bei allen früher oder später ein. Sie machen sich zuerst an den schwächsten Organen geltend, und diese reißen schließlich den ganzen Körper mit in das Verderben.

Von diesem Gesichtspunkte aus erkennen wir, dass, wenn Eva allein gesündigt hätte, das Menschengeschlecht deshalb nicht hätte sterben müssen. Der vollkommen gebliebene Adam hätte auf seine Nachkommen ungeschwächte und gesunde Lebenskraft vererbt, und sie wären ohne Fehl geboren worden, selbst wenn auch über Eva das Todesurteil verhängt gewesen und sie ihre Vollkommenheit verloren gehabt hätte. Die Frucht eines vollkommenen Samens würde bloß die ihr zuträglichen Nahrungsstoffe in sich aufnehmen, die schädlichen aber, selbst wenn dargeboten, unberührt gelassen, oder, wenn eingenommen, ohne Schaden wieder ausgestoßen haben.

Wenn aber, umgekehrt, Adam allein gesündigt hätte, und Eva vollkommen geblieben wäre, so wäre dennoch das über Adam verhängte Todesurteil auf seine ganze Nachkommenschaft durchgedrungen. So vollkommen die von Eva gebotene Keimzelle und Nahrung auch gewesen wäre, sie hätte nicht vermocht, aus dem vollkommenen Samen ein vollkommenes Lebewesen hervorzubringen. Darum sagt denn auch die Schrift mit Recht: "Wie sie in Adam alle sterben" (1. Kor. 15:22); und "durch eines Menschen Ungehorsam ... ist der Tod auf alle Menschen durchgedrungen". - Röm. 5:12, 19

Welch einen herrlichen Parallismus finden wir hier zwischen dem ersten Adam und seinem Weibe und dem zweiten Adam und seiner Braut! Wie der Tod nicht durch Eva, sondern durch Adam auf das ganze Menschengeschlecht hindurch gedrungen ist, trotzdem die erstere mitgeholfen hat, das Todesurteil herbeizuführen, so wird das wiederhergestellte Leben auch gar nicht auf die Braut Christi, sondern auf Jesum, den Erlöser, zurückzuführen sein, obgleich aus göttlicher Gnade seine Braut mithelfen darf, wieder zurückzubringen, "was verloren war".

Wir wiederholen: Da in Adam (im Manne) die Lebensquelle der Menschheit durch die Sünde vergiftet worden ist, so kann niemand unter seinen Nachkommen ohne Erbsünde sein, denn: "Wie könnte ein Reiner aus einem Unreinen kommen? Nicht ein einziger". Mit dieser Stelle muss offenbar der Mann gemeint sein, nicht das Weib. Keiner, welcher der verunreinigten Quelle entstammt, kann rein sein. Darum sagt die heilige Schrift: "Da ist nicht ein Gerechter, auch nicht einer", folglich "vermag keineswegs jemand seinen Bruder zu erlösen, nicht kann er Gott sein Lösegeld geben." - Röm. 3:10; Psalm 49:7

Es wird freilich zugestanden, dass die Gemütsart des Weibes während der Schwangerschaft einen wesentlichen Einfluss, im Guten wie im Bösen, auf die Charakteranlagen ihrer Kinder ausübt; wir haben zahlreiche Beispiele, sowohl von geistigen als auch von körperlichen Muttermalen. Inwiefern nun aber, oder ob überhaupt ein von vollkommenem Samen gezeugtes vollkommenes Embryo durch eine böse Sinnesart der Mutter in schädlicher Weise beeinflusst werden könnte, das kann unter heutigen Verhältnissen nicht entschieden werden, denn die bezüglichen Belege wären schlechthin nicht beizubringen. Zudem bedürfen wir einer Entscheidung dieser Frage bei unserer Untersuchung gar nicht; denn der Mensch Jesus Christus ist nicht von einem Weibe böser Sinnesart geboren worden; die Schrift erklärt vielmehr, 1. dass Gott als Mutter Jesu eine fromme Jungfrau erwählte, "gesegnet unter den Weibern", und die "Gnade bei Gott gefunden"(Luk. 1:28, 30, 42); 2. dass Maria voll Glaubens war und sich im Herrn freute, ein Werkzeug bei der Hinausführung seines Planes sein zu dürfen; und 3. dass sie sich nicht fürchtete vor möglichen Vorwürfen Josephs oder der Welt, sondern in der Freude ihres Gottes lebte, wie sie denn auch selbst bezeugt: "Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist frohlockt in Gott meinem Heiland." (Luk. 1:45-47) So sehen wir denn, dass die Sinnesart der Mutter Jesu der Entwicklung des Embryos zur Vollkommenheit nicht hinderlich, sondern sogar förderlich war.

Aus dem gesagten ergibt sich also, dass die einzige Schwierigkeit für die Erzeugung eines vollkommenen Menschen und seiner Geburt von einer unvollkommenen, sündhaften aber gut gesinnten Mutter in der Beschaffenheit eines vollkommenen Vaters lag, welcher vollkommenen Samen zur Verfügung gehabt hätte. Und so erscheint uns denn die Lehre der Schrift klar und verständlich, dass nämlich im Falle Jesu durch göttliche Kraft ein vollkommenes Leben (nicht aus adamischer Quelle) aus seinem früheren Zustande auf ein menschliches Embryo übertragen wurde, und dass das aus diesem Embryo entstandene Wesen "heilig" (rein und vollkommen) war, trotzdem es von einer unvollkommenen Mutter geboren worden. (Luk. 1:35) Dass Jesus also von den geistigen, sittlichen und körperlichen Gebrechen, die seiner Mutter wie allen anderen Menschen anhafteten, unbeeinflusst bleiben konnte, entspricht demnach den Anforderungen der Vernunft sowohl als auch den Aussagen der heiligen Schrift und den neuesten Ergebnissen der Wissenschaft.

Eine andere Tatsache, welche von Gelehrten bewiesen wird, und die auch mit der Schrift Übereinzustimmen scheint, ist die, dass, obwohl das Leben vom Vater kommt, die Gestalt und Natur von der Mutter stammt. Die beigebrachten bezüglichen Beweise scheinen uns indes unklar und sind für den Laien jedenfalls schwer verständlich. Das einzige Beispiel, worüber wir ausführlich unterrichtet sind, bleibt unser Herr Jesus, welcher, wiewohl göttlicher Zeugung, doch menschlicher Gestalt und Natur war, wie seine Mutter. Wenn andere Beispiele fehlen, oder wenigstens nicht bekannt sind, so ist das eben auf Gottes Ordnung in seiner Schöpfung zurückzuführen. Er schuf ein jedes Geschöpf "nach seiner Art", dass es sich besame, "ein jedes nach seiner Art". Darum sind auch Bastarde in der Tierwelt, wie Maulesel, nicht fähig, sich fortzupflanzen, und darum hat Gott auch die Nephilim (Gefallene), welche von Engeln (die ihre Behausung verließen) in den Töchtern der Menschheit gezeugt worden (1. Mose 6:2, 4; Judas 6; 2. Petr. 2:4), durch die Sintflut vernichtet. Da sie als der göttlichen Ordnung betreffend den Unterschied der Naturen (siehe Band 1, Kap. 10) zuwider Gezeugte, in Gottes Augen nicht existenzberechtigt waren. Sie sind daher auch nicht, wie Adam, auf die Lebens- und Gehorsams- Probe gestellt worden. Die Menschen hätten an diesen Nephilim harte Bedrücker erhalten, denn sie waren den Ersteren sowohl in geistiger als auch in körperlicher Hinsicht weit überlegen; sie waren "Riesen" und "Helden", wie die Schrift sie nennt, und es war nichts als Gnade, wenn Gott diese "Unmenschen" aus der Welt schuf, damit nicht das ganze Menschengeschlecht verderbt würde; denn, wie wir aus 1. Mose 6:9 schließen können, hatte sich bereits der größere Teil der Menschen mit diesen Nephilim vermischt; es entstand ein "neues Geschlecht", indem neues Leben, neue Kraft von neuen Vätern hereinkam. Noah aber war unter göttlicher Vorsehung rein geblieben in seinem Geschlecht (in seiner Abstammung von Adam), darum wurde er auch dazu ausersehen, dass in ihm die Vermehrung der Menschen einen neuen Anfang nehmen sollte. Und um die Wiederverunreinigung der menschlichen "Art" zu verhüten, schlug dann Gott jene Engel "in Ketten der Finsternis" und nahm ihnen die Fähigkeit, je wieder menschliche Gestalt anzunehmen.

Die Erinnerung an diese Nephilim lebte jedoch noch lange fort. Sie erscheint in den Göttersagen der Heiden bis auf unsere Tage (bei den alten Griechen in der Sage der Titanen); und nach vielen hundert Jahren noch war die Furcht vor diesen Nephilim bei den Israeliten so lebendig, dass der (falsche) Bericht der Kundschafter, es seien in Kanaan solche gesehen worden, eine große Panik unter dem Volke hervorrief. Freilich gab es in Kanaan zuweilen große Menschen, wie die Schrift berichtet, aber nie werden sie als Nephilim bezeichnet, außer in jenem falschen Bericht der Kundschafter. - 4. Mose 13:33; 14:36, 37

Eine andere Anwendung des Grundsatzes, wonach das Leben vom Vater, Gestalt und Natur aber von der Mutter kommt, zeigt uns die Schrift, wenn sie uns berichtet, dass Jehova, der selber göttlicher Natur ist, Söhne verschiedener Naturen gezeugt habe. Er ist nach Hiob 2:1; 38:7 und Hebr. 2:9 der Vater oder Lebensgeber sowohl für die Engel, als auch für die Menschen laut Luk. 3:38, und für die ""neuen Kreaturen" (Joh. 1:13), die in der ersten Auferstehung der göttlichen Natur teilhaftig werden sollen. (2. Petr. 1:4) Der Geist, die Lebenskraft Jehovas erzeugte durch Benutzung geistiger Substanzen die Engel, durch Benutzung irdischer Materien die Menschen und die Tiere. (1. Mose 2:7; 1. Kor. 15:47) Und wenn Gott uns die Empfängnis der neuen Kreaturen zur göttlichen Natur klar machen will, so stellt er sie dar als gezeugt vom Worte der Verheißung im Mutterleibe des Bundes, den er mit Abraham geschlossen hatte, welcher Bund durch ein Weib, Sarah, vorbildlich dargestellt wurde, uns versichernd, dass, so wie Isaak der Erbe Abrahams und das Kind der Verheißung war (durch Sarah), so seien wir, wie Isaak, Kinder Gottes, Kinder der Verheißung, des in Sarah abgeschatteten Bundes. - Gal. 4:23-31; 1. Petr. 1:3, 23; 2. Petr. 1:4

Der hier geltende Grundsatz stand auch im vorbildlichen jüdischen Zeitalter in Kraft, indem laut Gesetz das Erbe des Vaters nach Maßgabe der Gunst und des Ranges, in welchen die verschiedenen Frauen desselben standen, auf deren Kinder verteilt wurde. Der Mutter Natur, Rechte, Privilegien und Freiheiten gingen mithin auf die Kinder über, nicht aber ohne weiteres die des Vaters. - 1. Mose 21:10; 2. Mose 21:4; Gal. 4:30

So verhielt es sich auch mit unserem Herrn Jesus. Als vom Weibe geboren, war dessen menschliche, irdische Natur auf ihn übergegangen; er war "von der Erde, irdisch". Obwohl er die Reinheit und Vollkommenheit seines früheren geistigen Lebens beibehielt, so nahm er doch als Same im Leibe der Maria deren Natur an und "ward Fleisch", "vom Weibe geboren". Doch kam das Reine nicht von dem verunreinigten Geschlecht Adams, sondern "er ist von Gott ausgegangen und gekommen", und er erhielt von Maria nur Nahrung und Gestalt. - Joh. 8:42; Gal. 4:4

Übereinstimmend mit dem hier besprochenen Grundsatz wird auch von Jesu, obgleich er seither zur göttlichen Natur erhoben worden und nicht mehr Mensch ist, geweissagt, dass er der Vater oder Lebensgeber des ganzen Menschengeschlechtes sein und die durch Adam verloren gegangene Vollkommenheit der menschlichen Natur wiederherstellen werde. Der Lebensgeber ist also göttlicher, die Kinder aber werden menschlicher Natur sein, geboren vom Wiederbringungsbunde, der durch Kethura, Abrahams dritte Gattin, vorgeschattet ist.

Auf die vorangegangenen Erläuterungen zurückblickend, erkennen wir, dass die wunderbare Geburt unseres Herrn Jesu, als vollkommener, sündloser Mensch, wiewohl von einer unvollkommenen Mutter geboren, durchaus nicht im Widerspruch sondern in schönster Übereinstimmung mit der gewöhnlichen Vorgehungsweise Jehovas steht: wir sehen ferner, dass auch Adam, als Gottes Sohn, vollkommen "geboren" wurde, obwohl seine Mutter, die Erde, mit Ausnahme des Garten Eden, noch nicht vollkommen war. Wenn also die Schrift bezeugt, dass unser Herr Jesus vor seiner Geburt ein vollkommenes geistiges Lebewesen war, dessen Lebensprinzip in den Mutterleib Marias verpflanzt wurde, so ist uns das Bürgschaft genug dafür, dass er auch als "heilig, unschuldig, unbefleckt und abgesondert von den Sündern" geboren wurde. Gerade ein solcher "geziemte uns", passte für die Anforderungen unserer verzweifelten Lage. So einer konnte von der göttlichen Gerechtigkeit als unser Lösegeld angenommen werden; und wenn er nun als Hohepriester der Menschheit bestellt worden ist, deren Beziehungen mit Gott wieder in das Reine zu bringen, so ist er imstande, den Mühseligen und Beladenen Erbarmen und Mitgefühl entgegenzubringen, indem "er selbst unsere Schwachheiten auf sich nahm und unsere Krankheiten trug." - Matth. 8:16, 17; Hebr. 7:26

Wir gehen nun über zur Betrachtung, wie er ohne Sünde sein und dennoch "in allem den Brüdern gleich werden konnte.

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Studie 5

Der Mittler der Versöhnung

"In allem den Brüdern gleich"
und
"Mitleid habend mit unseren Schwachheiten"

Wer sind "seine Brüder?" - Worin besteht die Gleichheit? - In welcher Weise ist er "in allem versucht worden?" - "Wie wir, ausgenommen die Sünde". - Die Versuchungen in der Wüste. - Ihre Ähnlichkeit mit den unserigen. - Durch deren etliche, "wenn es möglich wäre, selbst die Auserwählten verführt" werden könnten. - In welcher Weise unser Herr "durch Leiden vollkommen gemacht" ward. - Wiewohl ein Sohn, lernte er doch den Gehorsam. - Wie er uns in allen Stücken gleich ward "ausgenommen die Sünde". - "Er hat unsere Leiden getragen". - Wie er sie empfinden konnte.

"Daher musste er in allem den Brüdern gleich werden, auf das er in den Sachen, die Gott betreffen, ein barmherziger und treuer Hohepriester werden möchte, um die Sünden des Volkes zu sühnen." - Hebr. 2:17

Die zwei volkstümlichen aber einander zuwiderlaufenden Ansichten betreffend die Beziehungen unseres Herrn zur Menschheit stehen mit allen diesbezüglichen Schriftstellen im Widerspruch, und nur die dritte, wahrheitsgemäße Ansicht vermag einerseits die verschiedenen Bibelzeugnisse in Einklang zu bringen, und andererseits den geheiligten Verstand zu befriedigen. Eine der ersten Ansichten geht dahin, unser Herr Jesus sei der allmächtige Gott (Jehova) gewesen, der sich in menschliches Fleisch gehüllt, ohne tatsächlich die Prüfungen, Versuchungen und sonstigen Einflüsse, denen die Menschheit ausgesetzt ist, zu empfinden. Der anderen Ansicht gemäß wäre der Herr Jesus ein sündiger Mensch, der Mängel und Gebrechen teilhaftig wie alle anderen, aber im Kampfe und Widerstand gegen die Lockungen der Sünde erfolgreich gewesen, wie außer ihm niemand. Wie wir aber zu beweisen uns bemühen werden, sind diese zwei Ansichten unrichtig, indem die Wahrheit gerade zwischen den beiden liegt. Tatsache ist, dass der Logos, wiewohl in göttlicher Gestalt, also ein Geistwesen, nachdem er Fleisch geworden, in Wirklichkeit ein Mensch, "der Mensch Jesus Christus" war, aber "abgesondert von den Sündern", ein vollkommener Mensch, zubereitet als Lösegeld für den ersten vollkommenen Menschen, dessen Fall seine ganze Nachkommenschaft ins Verderben gerissen hat; dessen Loskauf aber die Erlösung der ganzen Menschheit nach sich ziehen wird.

Wir beginnen mit der Untersuchung derjenigen Schriftstellen, aus denen man hat ableiten wollen, unser Herr sei sündig und den gleichen Fehlern unterworfen gewesen, wie die anderen Menschen; lasst uns dabei aber nicht vergessen, dass, wenn dem wirklich so wäre, unser Herr ebenso wenig imstande gewesen wäre, das ganze Gesetz Gottes zu erfüllen, wie wir. Das Halten des Gesetzes Gottes nimmt das ganze Maß des Könnens eines vollkommenen Menschen in Anspruch und geht über das Vermögen eines nicht vollkommenes Menschen hinaus. Wenn nun der Vater an ihm Wohlgefallen hatte und ihn als hinreichendes Lösegeld für Adam und dessen Geschlecht anerkannte, so ist das ein indirekter Beweis seiner Vollkommenheit und Sündlosigkeit, wovon in der Schrift so oft die Rede ist.

Aber die "Brüder" unseres Herrn waren nicht ohne Fehl, nicht abgesondert von den Sündern; wie konnte er denn "seinen Brüdern gleich" und doch ohne Sünde sein? Die Antwort auf diese Frage liegt in der Erkenntnis der Tatsache, dass mit dem Ausdruck "seine Brüder" nicht die ganze Menschheit, die Sünder allzumal gemeint sind. Adam freilich war als Sohn Gottes erschaffen worden; und er blieb es auch bis zu seinem Fall, aber nicht länger; und alle seine Nachkommen werden von der Schrift als "Kinder des Zornes" bezeichnet. (Epheser 2:3) Einzig die, welche der "Verdammnis, die auf der Welt liegt", entronnen und durch Christum mit dem Vater wieder in Einklang gekommen sind, dürfen sich schriftgemäß "Kinder Gottes" und "Brüder" Jesu Christi nennen. (Joh. 1:12) Von den anderen erklärt unser Herr: "Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun." (Joh. 8:44) Unser Herr zählte sich aber nie unter die Kinder des Teufels, noch unter die Kinder des Zornes, sondern erklärte, er sei "von Gott ausgegangen und gekommen". Ebenso wenig erkannte er diejenigen als seine "Brüder" an, welche noch Kinder des Zorns waren. Als "Brüder" des Herrn werden nur solche anerkannt, die, nachdem sie der Verdammnis entgangen sind, sich durch das Blut Christi dem Vater wieder nähern; die, welche den Geist der Sohnschaft, der Aufnahme in Gottes Familie und der Verheißung völliger Sohnschaft zur Zeit der Aufrichtung des Königreiches empfangen haben. (Röm. 8:15, 23; Gal. 4:5) Nur weil gerechtfertigt, weil gerechneterweise frei von Adams Schuld und gerechneterweise gerecht gemacht durch das Blut Christi, sind sie unserem Herrn Jesus gleich - seine Brüder, und stehen sie gleich hoch wie er, über der Welt, in ähnlicher Gunst beim himmlischen Vater. Und von den Geweihten dieser Klasse spricht unser Herr: "Sie sind nicht von dieser Welt, gleichwie ich nicht von der Welt bin"; "ich habe euch aus der Welt auserwählt". (Joh. 15: 19; 17:16) So gesehen, können wir begreifen, dass und inwiefern unser Herr "seinen Brüdern in allem gleichgemacht" wurde. Nicht zwar, dass seine Brüder zur Zeit seiner Geburt es schon gewesen wären - denn er hatte damals noch keine Brüder, ausgenommen diese Klasse, die dem Vater zum voraus bekannt war. (Eph. 1:5, 11; Röm. 8:9) Gott wusste, dass er gerecht sein und doch diejenigen Sünder, welche die göttliche Gnade in Christo annehmen würden, rechtfertigen könne, dadurch, dass ihre Sünden nicht ihnen, sondern Christo zugerechnet würden, ihm, der am Kreuze unsere Sünden getragen hat. Gott wusste auch und hatte es selbst zuvor verordnet, dass eine Evangeliums-Kirche berufen werden sollte, deren Glieder zu "Miterben Christi", unseres Herrn, bestimmt sind, zu Miterben eines unverweslichen, unbefleckten und unverwelklichten Erbes, das behalten wird im Himmel (um in der ersten Auferstehung offenbar zu werden. Und weil dies alles von Anbeginn in Gottes Plan bestimmt war, so konnten denn auch die Propheten von dieser Klasse als von "Brüdern Christi" weissagen. So verstehen wir auch Psalm 22:22, wo der Herr Jesus prophetisch als Sprecher dargestellt ist, indem er zu seinem himmlischen Vater sagt: "Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern, inmitten der Versammlung (Herauswahl) will ich dich loben." (siehe auch Hebr. 2:12) Da nun gemäß dem göttlichen Plane unser Herr Jesus nicht nur der Erlöser der Menschheit werden sollte, sondern zudem ein Vorbild "seinen Brüdern", seinen Miterben, so war es nötig, dass er auch in all seinen Versuchungen und Erfahrungen "den Brüdern gleich gemacht würde". Gehen wir nun an die Betrachtung der entsprechen Schriftstellen.

"Er ist in allem versucht worden in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde"
- Hebr. 4:15 -

Vor allem sollte man beachten, dass diese Stelle nicht besagt, der Herr Jesus sei in allem versucht worden, gleichwie die Welt versucht wird, sondern gleichwie wir, seine Nachfolger. Er wurde nicht von Begierden noch sündhaften Dingen geplagt, denn er hatte keine solchen Begierden von einem irdischen Vater ererbt. Heilig, sündlos, unbefleckt und "abgesondert von den Sündern", ist er nach der gleichen Richtung versucht worden, wie seine Nachfolger während des ganzen Evangeliums-Zeitalters, die nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste wandeln, und die gerichtet werden, nicht nach den Schwachheiten ihres Fleisches, sondern nach dem Geiste ihrer Gesinnung, gemäß ihrem neuen Willen und Herzen. - Röm. 8:4; 2. Kor. 5:16; Joh. 8:15

Dies ersieht man deutlich aus dem Bericht über seine Versuchung in der Wüste, die unmittelbar nach seiner Weihung, seiner Taufe im Jordan, stattfand. - Matth. 4:1-11

1. Die erste Einflüsterung Satans war, dass unser Herr die ihm bei seiner Taufe gewordene göttliche Kraft für seine eigenen Bedürfnisse gebrauchen solle, indem er aus Steinen Brot mache, um seien Hunger zu stillen. Ein mit Erbsünde belasteter, unvollkommener Mensch hätte nicht in diese Versuchung gestellt werden können, weil ihm die dabei vorausgesetzte Kraft gefehlt hätte. Unser Herr hingegen war 40 Tage ohne Nahrung geblieben, hatte während dieser Zeit den Plan Gottes studiert, hatte unter dem erleuchtenden Einfluss des soeben empfangenen heiligen Geistes zu bestimmen gesucht, auf welche Weise er sich wohl am besten des großen Auftrages, womit er in die Welt gekommen, entledigen, die Welt erlösen könne. Der Vorschlag, er möchte seine göttliche Kraft, in deren Besitz er sich fühlte, zur Befriedigung der Bedürfnisse seines Fleisches gebrauchen, schien auf den ersten Anblick ganz vernünftig zu sein. Aber unser Herr erkannte alsbald, dass ein Gebrauch seiner geistigen Gaben zu diesem Zweck ein Unrecht, ein Missbrauch wäre, wofür sie nicht bestimmt waren, und deshalb wies er den Vorschlag mit den Worten zurück: "Es steht geschrieben, nicht vom Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes geht." Der Widersacher versucht die "Brüder" des Herrn manchmal in ähnlicher Weise, indem er ihnen einflüstert, geistige Gaben zur Förderung irdischer Interessen zu gebrauchen. Solche Versuchungen sind gefährlich, und manch ein geweihtes Kind Gottes hat sich darin vom Widersacher zu immer schwererem Missbrauch göttlicher Gnadengaben verleiten lassen.

2. Der zweite Vorschlag des Verführers ging dahin, der Herr möchte durch einen in seiner Macht stehenden "Zauber" die Aufmerksamkeit des Volkes auf sich und sein Werk lenken. Er sollte sich angesichts einer großen Volksmenge von den Zinnen des Tempels in das tiefe Tal Thyapora stürzen und dort unbeschädigt aufstehen. Das Volk würde darin einen Beweis seiner übermenschlichen Kraft erblicken, ihn sofort als den Messias erkennen und annehmen und, auf seine Seite sich stellend, an der Hinausführung seines Werkes mitzuhelfen begehren. Aber unser Herr sah sofort, dass ein solches Verfahren den göttlichen Anordnungen gänzlich zuwider laufe, und dass sogar die durch Satan falsch angebrachte Schriftstelle (die scheinbar das Unrecht begünstigte) ihn nicht berechtigte, von den Grundsätzen der Gerechtigkeit abzuweichen. Er gab dem Versucher denn auch sofort zu verstehen, dass ein solches Vorgehen seinerseits ein Gottversuchen wäre, ein Fall, wofür die erwähnte Verheißung nicht gegeben sei und darum nie und nimmer in Betracht komme. Wo aber Pflicht ihn rief oder Gefahr, da zögerte der Meister nicht, sondern zählte auf die Macht und Fähigkeit des Vaters, in jeder Lage das Nötige vorzukehren. Wahres Gottvertrauen veranlasst jedoch nicht zu verwegenen und nutzlosem Aufsuchen der Gefahr, ohne dass ein Befehl Gottes vorliegt, bloß um Aufsehen zu erregen, in einem prahlerischen Sinne.

Die Brüder des Herrn werden auch in dieser Richtung versucht und tun deshalb wohl, sich des von dem "Herzog unseres Heils" gegebenen Beispiels zu erinnern. Wir sollen uns nicht mutwillig in Gefahr stürzen, um dann als "mutige" Kreuzesstreiter zu gelten. Teufelstrutzige Taten (Taten, wodurch dem Teufel die Stirn geboten werden soll) mögen den Kindern des Teufels am Platze zu sein scheinen, für Kinder Gottes sind sie durchaus unpassend. Letztere haben Kriegsdienste zu leisten, welche noch größeren Mut erfordern. Sie sind zu Dienstleistungen berufen, welchen die Welt nicht Beifall zollt, die sie nicht einmal zu würdigen weiß, sondern eher noch verfolgt. Sie sind berufen, Schmach und den Spott der Welt zu ertragen, ja sie müssen geschehen lassen, dass, die unbeschnittenen Herzens sind, mit Unrecht allerlei Übels über sie reden, um Christi willen. In dieser Hinsicht haben die Nachfolger Christi denselben Weg zu gehen wie er, in seinen Fußstapfen wandelnd. Und es erfordert weit größeren Mut, Schande und den Spott der Welt zu übersehen und in dem verachteten Dienstverhältnis zu Gott zu verharren, als irgend einen großen, "wunderbaren" Kampf zu kämpfen, der das Staunen und die Bewunderung des natürlichen Menschen erweckt.

Einer der schwersten Kämpfe für die, welche auf dem schmalen Pfade wandeln, ist derjenige gegen den Eigenwillen. Es gibt kaum etwas Schwereres, als seinen Willen beständig demjenigen des himmlischen Vaters zu unterwerfen und in dieser Unterwürfigkeit zu erhalten, das eigene Herz zu beherrschen, aufkeimenden Ehrgeiz, der selbst einem vollkommenen Menschen etwas Natürliches ist, zu unterdrücken, als wäre es der Anfang einer Feuersbrunst, und den Leib und alle irdischen Interessen als lebendiges Opfer darzubringen im Dienst des Herrn und seiner Sache. Dies waren die Versuchungen, in welchen unser Meister seinen Sieg errang, wo er sich seine Lorbeeren erwarb, und dieser Art sind auch die Versuchungen, in denen seine Brüder auf die Probe gestellt werden. "Wer seinen Geist beherrscht, ist größer, als wer eine Stadt erobert." - Spr. 16:32

Ein solcher ist also größer als einer, der infolge falschen Begriffes vom Glauben von den Zinnen des Tempels herabspränge oder sonst eine tollkühne Tat verübte. Wahrer Glaube an Gott besteht nicht in blindem Aberglauben oder in unverständigen Voraussetzungen bezüglich seiner fürsorgenden Vorsehung; er besteht vielmehr in ruhigem Vertrauen auf die "überaus großen und köstlichen Verheißungen Gottes", ein Vertrauen, das den Gläubigen befähigt, den verschiedenen "Anläufen" - welche Welt, Fleisch und Teufel auf ihn machen, um seine Aufmerksamkeit abzulenken - erfolgreich zu widerstehen und genau der im göttlichen Worte verzeichneten Richtschnur des Glaubens und Gehorsams zu folgen.

3. Die dritte Versuchung unseres Herrn bestand darin, dass Satan ihm irdische Herrschaft und raschen Erfolg bei der Aufrichtung seines Reiches anbot, ohne dass er zuvor leiden und sterben müsste: ohne das Kreuz, einfach mittelst eines Vergleiches mit dem Widersacher. Dieser machte geltend, und es wurde ihm nicht in Abrede gestellt, dass ihm die Herrschaft über die Welt gehöre, und dass also bei seiner Mitwirkung das Reich der Gerechtigkeit, welches zu gründen unser Herr gekommen war, um so sehr eher aufgerichtet werden könne. Satan stellte sich, als hätte er es satt, die Menschheit noch ferner in Sünde, Blindheit, Aberglauben und Unwissenheit hineinzuführen, und als hätte er volle Sympathie mit dem Auftrage unseres Herrn, welcher unserem armen, verkommenen Geschlecht wieder aufhelfen wollte. Das einzige, was Satan sich vorbehalten wollte, wäre eine gewisse Oberaufsicht über die Welt gewesen. Er würde also mithelfen, die Welt wieder auf rechtliche Bahnen zu lenken und der Menschheit die durch Christum verheißene Wiederherstellungs-Segnungen zu bringen, aber unter der Bedingung, dass Jesus ihm Huldigung darbringe und ihn auch nach dem vollendeten Wiederherstellungswerke als Herrn der Welt anerkenne.

Wir müssen uns daran erinnern, dass Satans Erhebung gegen die göttlichen Gesetze seinem ehrgeizigen Wunsche entsprungen war, selber ein Alleinherrscher - gleich dem Allerhöchsten - zu sein (Jes. 14:14). Das war auch seine Absicht bei seinem erfolgreichen Angriffen auf unsere ersten Eltern im Paradiese: er wollte sie von Gott entfremden und zu seinen eigenen Untertanen machen. Wir dürfen schon annehmen, dass Satan auch lieber über glückliche, mit ewigem Leben begabte Untertanen herrschen möchte, als über eine seufzende, dem Tode geweihte Kreatur. Fast scheint es, dass er sogar heute noch nicht anerkennen will, dass wahres Glück und ewiges Leben unmöglich sind ohne Übereinstimmung mit dem göttlichen Gesetze; er zeigte sich deshalb willig, sein Reich in allen Stücken zu reformieren, eins ausgenommen: sein Ehrgeiz sollte dabei befriedigt werden; er wollte nichtsdestoweniger der Beherrscher der Menschheit bleiben. Und war er nicht schon der Fürst dieser Welt und von der heiligen Schrift als solcher anerkannt? (Joh. 14:30; 12:31; 16:11; 2. Kor. 4:4) Nicht zwar, dass er von Gott als "Fürst dieser Welt" eingesetzt worden wäre; sondern er hatte sich dieser Herrschaft selbst bemächtigt, indem er den rechtmäßigen König der Erde, den Menschen, in seine Gewalt brachte. Durch das Mittel der Unwissenheit und durch Verdrehung der Begriffe von falsch und wahr, Finsternis und Licht, Unrecht und Recht, hat er die Menschheit so irregeleitet und verblendet, dass er seine Stellung als "Fürst der Gewalt der Luft, der jetzt wirksam ist unter den Söhnen des Ungehorsams" (der größten Mehrzahl) behaupten konnte.

Die Versuchung in Satans Vorschlag lag somit darin, dass derselbe unserem Herrn Jesus die Möglichkeit eröffnete, es könne die Frage von der Befreiung der Menschheit aus ihrem sündhaften Zustand auch auf eine andere als der von Gott vorgesehenen Weise gelöst werden. Ja noch mehr, der Vorschlag mochte den Anschein erwecken, als ob Satan selbst teilweise seine Gesinnung geändert hätte und möglicherweise sogar wieder in Pfade der Gerechtigkeit gelenkt werden könnte, wenn nur seinem Ehrgeiz entsprochen und ihm die Herrschaft über innerlich und äußerlich glücklichere Untertannen zuerkannt würde, als es die Opfer seines Betruges, die Knechte der Sünde wirklich sind. Denn so wie er gewaltet, vermag er seine Herrschaft nur so lange zu behaupten, als die Menschheit in den Sklavenketten der Sünde liegen bleibt und sich von ihm täuschen lässt, da der Mensch, je mehr er die Sünde hassen und Gerechtigkeit und Heiligkeit schätzen lernt, desto mehr Gott zu dienen und ihn anzubeten wünscht.

Unser Herr ließ sich aber durch diesen Anschein nicht trügen; bei ihm stand es unerschütterlich fest, dass sein Vater in seiner Weisheit den richtigen und besten Weg gefunden und eingeschlagen habe, um die Menschheit zu erlösen. Darum beriet er sich nicht mit Fleisch und Blut, noch weniger begehrte er Satans Mitwirken bei der Hebung der Welt.

Auch diese dritte Versuchung ist eine von denen, womit der Widersacher ziemlich häufig an die "Brüder" des Herrn herantritt. Und er hatte bei der Namenkirche auch guten Erfolg, indem er dieselbe schon sehr früh vom Kreuzweg, vom schmalen Pfade ablockte, um sie dafür zu bewegen, sich mit den bürgerlichen Gewalten zu verbinden, damit sie auf diese Weise nach und nach Einfluss auf die "Dinge dieser Welt" bekäme. Unter Mitwirkung der "Fürsten dieser Welt", hinter denen der Widersacher sich geschickt zu verbergen wusste, suchte die Namenkirche das Reich Christi auf Erden aufzurichten, durch einen Vertreter, einen Papst, von welchem sie behauptete, er sei Christi Stellvertreter oder Vizekönig. Wir haben gesehen, welch verderblichen Folgen dieses Verfahren nach sich gezogen hat, wie dieses nachgeäffte "Königreich Christi" in Wirklichkeit ein Königreich des Teufels wurde, dessen Werk es tat. Kein Wunder also, dass es das "finstere Mittelalter" heraufbeschwor, und dass der Herr in seinem Worte dieses ganze System als den "Antichrist" brandmarkte! (siehe Band 2, Studie 9)

Und obwohl mit kühnem Mute eine Reformation in Angriff genommen wurde, sehen wir doch, dass der Widersacher die Reformatoren bald wieder in seinem Bann zurück gezaubert hatte, indem er mit denselben Versuchungen an sie herantrat, womit er schon in den ersten Jahrhunderten die Namenkirche zu falle gebracht. Sie widerstanden ihm auch nur teilweise und wahren bereit, einen Teil der Wahrheit fahren zu lassen, um sich dafür den Schutz und die Unterstützung weltlicher Mächte zu sichern, in der Hoffnung, dass diese gewissermaßen sich zum Reiche unseres Herrn um- und ausgestalten würden. Aber wenn die Verbindung des Protestantismus mit irdischen Mächten auch nicht so verderblich ist, wie der Bund des Papsttums mit den Reichen dieser Welt, so ist sie doch allen, die unter ihrem Einfluss stehen, in hohem Grade nachteilig und hinderlich. Die "Brüder" haben deshalb beständig zu wachen und zu kämpfen, um den Versuchungen des Widersachers erfolgreich widerstehen zu können, um fest zu bleiben in der Freiheit, womit uns Christus frei gemacht - jener Freiheit, die nicht von der Welt ist, sondern im Abgetrenntsein von der Welt besteht.

Wir bemerken übrigens, dass die gleiche Versuchung an alle "Brüder" herantritt, wenn auch in von Zeit zu Zeit veränderter Gestalt. Der große Widersacher verfährt dabei zuweilen mit der größten Verschlagenheit; wie beim Herrn, so will er auch bei uns den Schein erwecken, als habe das Werk der Segnung der Welt seine volle Sympathie. Heutzutage versucht er die Brüder mit den Bemühungen um die "soziale Hebung", und er hat mit seinen bisherigen Vorspiegelungen auch bei vielen Erfolg. Er erweckt jetzt den Gedanken, dass, möge es auch in der Vergangenheit nötig gewesen sein, auf dem schmalen Kreuzesweg zu wandeln, es dessen jetzt nicht bedürfe. Wir hätten es jetzt soweit gebracht, dass die Welt in sozialer, sittlicher und religiöser Hinsicht vergleichsweise rasch und leicht auf ein höheres Niveau gehoben werden könne. Aber die erstrebenswerten Ziele, die er unserer Einbildungskraft vorgaukelt, setzen eine Verbindung mit ihm voraus: und gegenwärtig verlangt er von allen, die an der sozialen Hebung mitwirken wollen, dass sie sich an sozialen und politischen Bewegungen beteiligen, welche zum gewünschten Ziele führen sollen. Und er ist dabei so kek und der Zustimmung der Menschheit so sicher geworden, dass er es nicht mehr für nötig hält, die Lehre der Schrift zu "unterstützen", welche des einzelnen Bekehrung von der Sünde und Erlösung von der Strafe verlangt, und wonach es erforderlich ist, dass jeder einzelne durch einen persönlichen Glauben und eine persönliche Hingabe an Christum Jesum mit Gott, dem Vater, versöhnt werde, Satan empfiehlt uns vielmehr eine Hebung der Gesellschaft, wobei die Sünden und Verantwortungen des einzelnen aus dem Spiele bleiben, und bloß die gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnisse betroffen werden sollen, damit die menschliche Gesellschaft äußerlich rein würde. Die Lehre unseres Herrn Jesu, wonach nur die, welche durch ihn zum Vater kommen, Gottes Söhne und seine "Brüder" sind, ist dem Widersacher im Wege, und er sähe es viel lieber, wenn wir glauben wollten, alle Menschen seien Brüder, Gott sei der Vater aller, es gebe keine "Kinder des Zornes", und es sei sträflich unchristlich und lieblos, an die Worte des Herrn zu glauben, wonach etliche von ihrem Vater dem Teufel sind. Auf diese Weise möchte er, ohne es immer gerade heraus zusagen, uns dazu bringen, den Sündenfall und mithin auch die Lehre vom Lösegeld zu leugnen, oder doch wenigstens unbeachtet zu lassen. Und damit seine Täuschung um so mehr Erfolg erziele, bedient er sich dabei der schönen aber betrügerischen Losungsworte wie "Vaterschaft Gottes und Brüderschaft der Menschen" und "Liebe deinen Nächsten".

Durch diese Versuchung, womit der Widersacher heutzutage an die Brüder herantritt, werden viele verführt, sehr wahrscheinlich sogar alle, ausgenommen die "Auserwählten". (Matth. 24:24) Diese auserwählten Brüder sind es, welche getreulich in den Fußstapfen ihres Meisters wandeln und, statt den Einflüsterungen des Widersachers Gehör zu schenken, auf das Wort Gottes Acht geben. Diese auserwählten "Brüder" bauen nicht auf ihre eigene Weisheit und auf das Blendwerk Satans, sondern vertrauen auf die erhabene Weisheit Jehovas und seinen göttlichen Plan der Zeitalter. Sie sind deshalb "von Gott gelehrt" und wissen dabei, dass das Werk des gegenwärtigen Zeitalters die Herauswahl, Prüfung und Erhöhung der Brüder ist, damit dieselben als geistiger Same Abrahams die Welt segnen könne, und dass die Hebung der Welt in geistiger, sittlicher und leiblicher Beziehung Sache des nächsten Zeitalters sein wird. Weil sie das wissen, können die Auserwählten auch den ausgesuchtesten und schön klingenden Phrasen ihres schlauen Gegners erfolgreich widerstehen. Vor diesen Verführungen sind sie außerdem auch ausdrücklich durch das Wort Gottes gewarnt worden. Sie blicken deshalb auf zu Jesum, welcher nicht allein durch die Aufopferung seiner selbst der Anfänger ihres Glaubens ist, sondern auch dessen Vollender sein wird, wenn er sie der ersten Auferstehung teilhaftig machen und ihnen Anteil an seiner überaus großen Herrlichkeit und seiner göttlichen Natur verleihen wird.

Das sind die Punkte, in denen die "Brüder" versucht werden, und in denen auch ihr Meister versucht wurde. Er wurde in allem versucht, gleichwie wir versucht werden; er weiß daher, wie denen geholfen werden muss, die in Versuchung stehen, und welche bereit sind, die Hilfe in der Weise anzunehmen, wie sie ihnen dargeboten wird, nämlich durch Belehrung aus dem göttlichen Worte mit seinen großen und köstlichen Verheißungen. Die Schwachheiten, die wir von unseren Vätern erbten, haben freilich mit den Versuchungen unseres Herrn nichts zu schaffen. Ihn plagte nicht der Durst des Trinkers, der Hass des Mörders, die Habsucht des Diebes, sondern er war heilig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern. Gleicherweise werden auch seine Brüder nicht an solchen Neigungen und Leidenschaft versucht. Diejenigen, welche durch Glauben und Weihung und Zeugung durch den heiligen Geist der Sohnschaft zu Brüdern Jesu Christi geworden sind, haben die Neigung, anderen zu schaden, verloren; und statt dessen haben sie eine neue Gesinnung empfangen, die Gesinnung Christi - den Geist Christi, den Geist eines gesunden Verstandes, den heiligen Geist, den Geist der Liebe, - welche zuerst den Willen des Vaters sucht und zweitens, "nachdem sie Gelegenheit haben, das Gute wirkt gegen alle, am meisten aber gegen die Hausgenossen des Glaubens". - Gal. 6:10

Eine ererbte Schwäche, eine Neigung zu Leidenschaft oder Streitsucht bleibt freilich im Fleische dieser neuen Kreaturen, in denen der neue Wille, die neue Gesinnung herrscht, zurück; sie müssen deshalb beständig auf ihrer Hut sein; und gelegentlich werden sie trotzdem wider ihren Willen von einem Fehler übereilt; aber diese von ihrem Willen unabhängigen Schwächen und begangenen Fehler werden ihnen nicht als Sünde angerechnet, nicht als Handlungen der neuen Kreatur, sondern als der alten Natur anhängenden Mängel betrachtet, welche, solange die neue Kreatur ihnen widersteht, als durch den Tod Christi gesühnt angesehen werden. Die neue Kreatur allein ist es, welche auf die Probe gestellt, behauen und poliert und zubereitet werden muss auf die Miterbschaft Christi in seinem Reiche, nicht der Leib von Fleisch, der als solcher für tot gerechnet ist.

"Durch Leiden vollkommen gemacht"

"Denn es geziemte ihm (dem Vater), um deswillen alle Dinge und durch den alle Dinge sind, indem er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte, den Anführer ihrer Errettung durch Leiden vollkommen zu machen."
- Hebr. 2:10 -

Bei Betrachtung dieses Textes müssen wir dreierlei Vollkommensein scharf unterscheiden. Zwei Arten des Vollkommseins waren der Zustand unseres Herrn, ohne dass er zuvor gelitten hatte; das Leiden musste somit zur dritten Art führen. Zunächst war unser Herr ein vollkommener Mensch durch seine wunderbare Geburt, er war frei von Erbsünde, abgesondert von Sündern. Zu dieser Vollkommenheit hatten keine Leiden geführt, denn dieselben hätten in seinem früheren Leben als Logos beim Vater Platzgreifen müssen. Auch als Logos war er vollkommen, zur Zeit, da er bei dem Vater war, ehe denn die Welt ward - vollkommen in seinem ganzen Wesen, in Herz und Sinn dem Vater völlig ergeben; und diese von seiner Erschaffung herstammende Vollkommenheit hat er nie eingebüsst; auch da nicht, als er aus freien Stücken sich erniedrigte und Fleisch wurde. Er wurde ein vollkommener Mensch. Jetzt aber ist er vollkommen in seiner hoch erhöhten göttlichen Natur, und es kann unser Text somit nur von diesem letzteren Vollkommensein handeln. Einer so großen Erhöhung zu der Ehre und Unsterblichkeit der göttlichen Natur mussten, der göttlichen Weisheit gemäß, gewisse Proben vorangehen, deren Bestehen den Anspruch des eingeborenen Sohnes Gottes auf Teilnahme an allen Reichtümern der göttlichen Gnade begründen sollte, damit die Menschen mit Recht den Sohn so hoch ehren, wie den Vater.

Damit er nun diese Probe, worin er seinen Gehorsam gegenüber seinem Vater bewähren sollte, um so leichter bestehen könne, wurde ihm eine gewisse Freude bestimmt in Aussicht gestellt, wie geschrieben steht: "Welcher, der Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete." (Hebr. 12:2) Wie wir wohl richtig vermuten, bestand diese Freude:

1. darin, einen dem Vater angenehmen Dienst zu leisten;

2. die Menschheit zu versöhnen und damit ihre Erlösung aus Sünde und Tod zu ermöglichen;

3. durch Bezahlung des Lösegeldes vom Vater würdig erachtet zu werden, der machtvolle Beherrscher und Segenspender, der König und Hohepriester der Welt zu sein, damit er derselben den Plan Gottes offenbaren und alle diejenigen aus dem sündigen Zustande zu einem Gott wohl gefällig sein zurückbringen könne, welche die Bedingungen des neuen Bundes annehmen;

4. nicht nur zu der Ehrenstellung, die er als Geistwesen eingenommen, ehe denn die Welt ward, zurückkehren zu dürfen, sondern zu einer noch erhabeneren, alle Engel, Fürstentümer und Gewalten weit überragenden Herrlichkeit erhöht und teilhaftig zu werden der Herrschaft des Vaters über das Weltall, der göttlichen Natur und damit verbundenen Unsterblichkeit.

Diese vor ihm liegende Freude war an die Bedingung vollen Gehorsams, völliger Unterwerfung unter den Willen des Vaters geknüpft. Freilich war er dem Vater immer gehorsam gewesen; stets hatte er Wohlgefallen an des Vaters Wegen; aber auf eine so harte Probe war er noch nie gestellt worden. Bis jetzt war es eine Ehre, eine Freude gewesen, den Willen des Vaters zu tun, nun aber sollte er seine Bereitwilligkeit hierzu unter Verhältnissen bewähren, wo der Gehorsam mit Enttäuschungen, Mühsalen und Demütigungen aller Art verbunden war und ihm schließlich nicht nur den Tod, sondern dazu noch die Schmach eines entehrenden Todes als Missetäter am Kreuze bringen sollte. Er hat aber diese Probe bestanden, ohne Wanken und Schwanken; in allen Lagen bewies er voll und ganz seinen unerschütterlichen Glauben an die Gerechtigkeit, Liebe, Weisheit und Allmacht des Vaters, und erduldete er ohne Zögern nicht nur den Widerspruch und Widerstand der Sünder, sondern auch alle anderen Anfechtungen des Widersachers. In dieser Hinsicht durch Ertragung der Leiden, begründete er seinen Anspruch auf die ihm in Aussicht gestellte Freude und wurde er vollkommen gemacht als Wesen höchster Ordnung, d.h. göttlicher Natur. Darum sagt denn auch die Schrift mit Recht vom Eingeborenen vom Vater:

"Obwohl er Sohn war, lernte er an dem, was er litt, den Gehorsam, und, vollendet worden, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden."
- Hebr. 5:8-10 -

Hiermit erklärt der Apostel unter der Leitung des heiligen Geistes, dass unser Herr, obwohl sündlos und vollkommen, wiewohl ein Sohn und dem Vater unter günstigen Verhältnissen untertan, noch lernen musste, was es heißt, unter höchst ungünstigen Verhältnissen den Gehorsam zu bewähren, dass er aber diese Prüfung bestanden und sich daher der Vollkommenheit als Wesen höchster Ordnung würdig erwiesen habe, dass der Vater ihm diese Vollkommenheit verlieh, als er aus den Toten auferstand, um erst der Erlöser der Herauswahl, "seines Leibes", hernach aber "zu seiner Zeit", der Erlöser aller derer zu werden, welche, nachdem sie zur Erkenntnis der Wahrheit gekommen, ihm gehorsam sein werden.

Mit obiger Schriftstelle stimmt auch das Zeugnis Petrus überein, das er vor dem hohen Rat ablegte: "Der Gott unserer Väter hat Jesum auferweckt. ... Diesen hat Gott durch seine Rechte zum Fürsten und Heiland erhöht." - Apg. 5:30, 31

So hat unser Herr Jesus vor dem Vater, den Engeln und vor uns (seinen Brüdern) seine völlige Ergebung in den Willen des Vaters und jede einzelne seiner Verfügungen erwiesen. So hat er des Vaters Gesetz herrlich gemacht und gezeigt, dass dasselbe nicht zu streng oder übertrieben war, sondern dass ein vollkommenes Wesen imstande sei, es zu halten, und zwar selbst unter den schwierigsten Verhältnissen. Darum dürfen wir, seine Nachfolger, wohl mit einstimmen in den Lobgesang aller gehorsamen und intelligenten Geschöpfe Gottes. "Würdig ist das Lamm, das geschlachtet wurde, zu empfangen die Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit und Segnung." - Offb. 5:12

Und wie unser verherrlichter Herr der Herzog unserer Seligkeit ist, so müssen auch alle seine Soldaten, die als Kreuzesstreiter ihrem Hauptmanne nachfolgen und Miterben seiner königlichen Herrschaft werden wollen, als "neue Kreaturen" gleicherweise durch Leiden und Prüfungen vollkommen gemacht werden. Und wie die Leiden, durch die unser Hauptmann als neue Kreatur vollkommen gemacht wurde, darin bestanden, dass Welt, Fleisch und Teufel ihm widerstanden, und darin, dass er in voller Ergebung in den Willen des Vaters diesen Widerstand geduldig und ohne Murren ertrug, so verhält es sich auch mit uns. Die Leiden, durch welche unsere neue Kreatur vollkommen gemacht werden soll, sind nicht diejenigen, welche wir mit der übrigen seufzenden Kreatur gemein haben, als Glieder der Menschheit, sondern es ist die willige, freudige Ertragung dessen, was wir um des Herrn, seines Wortes und seiner Brüder willen erdulden: das Ungemach, das uns begegnet, wenn wir als gute Streiter Jesu Christi unseren eigenen Willen demjenigen unseres Hauptmannes und unseres himmlischen Vaters zu unterwerfen und dadurch in den Besitz eines vollkommenen, gerechten Willens zu gelangen suchen. Das haben wir zu tun, wenn wir tatsächlich in seinen Fußstapfen wandeln wollen - in ruhigem Vertrauen auf seine Fürsorge vor dem himmlischen Gnadenthron uns Schritt für Schritt seine Hilfe erbittend; im vollen Vertrauen auch auf seine Verheißung, dass alle Dinge zu unserem Besten dienen, und dass er uns nicht über unser Vermögen versuchen lässt, sondern uns vielmehr in jeder Versuchung einen Ausweg zeigen und uns in jeder Prüfung die nötige Gnade, und rechtzeitige Hilfe in jeder Not zu teil werden lassen will. Dies ist die Prüfung, welche "seine Brüder" zu bestehen haben, und durch welche sie als neue Kreaturen in Christo vollkommen gemacht werden - "fähig zu dem Anteil am Erbe der Heiligen in dem Lichte." - Kol. 1:12

"In Gleichheit des Fleisches der Sünde"

"Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war (indem durch den Sündenfall alles Fleisch verdorben und deshalb unfähig war, dem Gesetze unbedingten Gehorsam zu leisten), das tat Gott, indem er, seinen eigenen Sohn in Gleichheit des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleische verurteilte (und durch das Blut den Neuen Bund versiegelte, auf dass unter demselben) das Recht des Gesetzes erfüllt würde in uns, die wir nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste wandeln. Für solche also, ist jetzt keine Verdammnis, denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesus (unter dem Neuen Bunde) hat uns frei gemacht vom Gesetz, welches alle Unvollkommenen als Sünder verurteilte und zum Tode verdammte." - Röm. 8:1-4

Wer mehr oder weniger der Ansicht zuneigt, dass unser Herr ein Sünder, ein Glied unseres gefallenen Geschlechtes gewesen sei, stützt sich zur Begründung seiner Ansicht auf diese Stelle und sucht dieselbe so zu drehen, dass sie in Widerspruch mit der Vernunft und mit anderen Schriftstellen gerät, um damit zu beweisen, dass Christus ganz genau dem sündlichen Fleische gleich gemacht worden sei, und nicht dem Fleische, das nicht gesündigt hatte - nämlich Adam vor dem Falle. Wir haben aber durch obige Umschreibung des Textes (unter Beifügung nützlicher Erläuterungen) den Gedanken des Apostels ohne Zweideutigkeit wiederzugeben versucht. Die Stelle will nämlich sagen, dass unser Herr die Herrlichkeit seiner geistigen Natur verließ und Fleisch wurde, d.h. derselben Natur teilhaftig, wie das Geschlecht, welches zu erkaufen er herabkam, weil es in die Bande der Sünde geraten, unter die Sünde verkauft war durch den Ungehorsam seines Stammvaters, Adam. Es ist also nicht der Urtext, sondern zweideutige Übersetzung dieser Schriftstelle schuld, wenn mit derselben scheinbar bewiesen werden kann, dass Christus ein sündiger Mensch geworden sei. Nein, so etwas Vernunftwidriges lehrt die Schrift nicht; denn, wäre unser Herr Jesus ein Sünder gewesen, oder auch nur im geringsten mit dem Fluche behaftet, der auf der ganzen Menschheit lastet, so hätte er nimmer unser Sühnopfer werden können, indem kein Sünder sich als Sühnopfer für einen anderen Sünder darbieten kann. Nach dem göttlichen Gesetz ist der "Tod der Sünde Sold". Wäre unser Herr auch nur im geringsten sündig gewesen, so hätte er sein Leben schon verwirkt gehabt, und das selbe wäre also wertlos gewesen und hätte kein Lösegeld für Adam oder irgend einen anderen Sünder sein können.

"Er selbst nahm unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten."

"Fürwahr, er hat unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen. Und wir, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt; doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Missetaten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden." - Matth. 8;17; Jes. 53: 4, 5

Vollkommenheit ist das Gegenteil von Schwachheit. Die Tatsache, dass unser Herr an körperlichen Schwachheiten litt, die doch mit dem Begriffe Vollkommenheit unvereinbar sind, muss also hier eingehend betrachtet werden, denn sie könnte als ein Beweis dafür in Anspruch genommen werden, dass er nicht vollkommen, sondern mit einigen von den Schäden unseres gefallenen Geschlechtes behaftet gewesen sei. Wir erinnern daran, dass unser Herr in seinen höchsten Leiden, in seinem furchtbaren Todeskampf in Gethsemane Blut geschwitzt hat ("Es wurde aber sein Schweiß wie große Blutstropfen, die zur Erde fielen." - Luk. 22:44), und dies wird von hervorragenden Ärzten als eine Krankheit bezeichnet, die, obwohl sehr selten, auch schon bei anderen Menschen konstatiert worden sei. Es sei dies eine Folge größter nervöser Anstrengungen und daraus sich ergebender Schwäche. Auf seinem Gang nach Golgatha brach er unter der Last des Kreuzes ohnmächtig zusammen, so dass Simon von Kyrene gezwungen werden musste, ihm das Kreuz zu tragen. Am Kreuze erfolgte sein Tod auch viel rascher als es sonst bei Gekreuzigten der Fall war, weil ihm, wie behauptet wird, buchstäblich der Fall war, weil ihm, wie behauptet wird, buchstäblich das Herz gebrochen, d.h. seine Herzmuskeln zerrissen seien, was aus dem Umstand geschlossen wird, dass Blut und Wasser zugleich aus der Speerwunde floss. Aus all diesen Tatsachen sehen wir, dass unser Herr nicht jene Kraftfülle offenbarte, wie wir sie in Adam, dem ersten vollkommenen Menschen, finden, dessen Lebenskraft so groß war, dass er 930 Jahre zu leben vermochte. So entsteht denn die Frage: Sind diese unleugbaren Zeichen von Schwäche nicht ein Beweis, dass unser Herr entweder infolge erblicher Belastung oder irgend einer anderen Ursache nicht die volle Kraft eines vollkommenen Menschen besaß, das er mithin ein unvollkommener Mensch war?

Oberflächlich betrachtet, scheint es in der Tat so zu sein; und einzig im Worte Gottes können wir eine für uns selbst und die, welche wir belehren können, genügende Erklärung finden für diese scheinbare Ungereimtheit, dass nämlich unser Herr trotz der auf ihm ruhenden Schwäche und Krankheiten dennoch heilig, schuldlos, unbefleckt und von den Sündern abgesondert war. Den Schlüssel zu dieser Erklärung gibt uns besonders die oben angeführte Stelle aus Jesaja 53 in die Hand. Der Prophet schildert uns, wie der Messias scheinbar wie alle übrigen Glieder des Menschengeschlechtes von Gott geschlagen und unter den Fluch des Todes gestellt sein werde, er geht aber weiter und beweist, dass das nur so scheinen werde, indem derselbe für unsere und nicht für seine eigenen Sünden leide. Seine Schwachheiten kamen daher, dass er unsere Schmerzen auf sich genommen und die Last unserer Sorgen getragen hat; und sein Tod war die Folge davon, dass er sich an unserer Statt unter die Strafe des göttlichen Gesetzes stellte, er, "der Gerechte, für die Ungerechten", damit er uns zu Gott zurückbringen möchte. Den Standpunkt des fleischlichen Israel am ersten Advent einnehmend, sagt der Prophet: Wir hielten ihn aber für einen, der von Gott geschlagen, bestraft und niedergebeugt worden. Doch verurteilt er diese Ansicht als unrichtig, indem er verbessernd beifügt: "Doch um unserer Übertretungen ward er verwundet, um unserer Sünden willen ward er geschlagen." Und dadurch, dass die Strafe unserer Sünden auf ihm lag, verschaffte er uns Frieden mit Gott; und unsere Heilung verdanken wir seinen Wunden.

Matthäus 8:16, 17 macht uns aufmerksam auf die Erfüllung gerade dieser Verheißung, indem es da heißt: "Sie brachten viele Besessene zu ihm, und er trieb die Geister aus mit einem Worte, und er heilte alle Leidenden, damit erfüllt würde, was durch Jesaja den Propheten geredet ist, welcher spricht: Er selbst nahm unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten."

Der Zusammenhang zwischen den Krankenheilungen unseres Herrn und dem Aufsichnehmen unserer Schwachheiten wird von den meisten, die diese Stelle lesen, kaum bemerkt. Meist wird angenommen, unser Herr habe einfach eine Macht zu heilen ausgeübt, die ihm gar nichts gekostet; er habe aus einer geistigen, unsichtbaren Quelle eine unerschöpfliche Kraft bezogen, Kraft derer er alle möglichen Wunder zu tun vermochte, ohne dass dabei seine eigene Lebenskraft in Anspruch oder Mitleidenschaft gezogen worden wäre.

Wir stellen durchaus nicht in Abrede, dass die in reichstem Maße auf unserem Erlöser ruhende "Kraft des Höchsten" denselben befähigt hat, manche übernatürlichen Dinge zu tun, und zwar ohne, dass das ihn in irgend einer Weise angegriffen hätte. Wir bezweifeln auch gar nicht, dass er von dieser übernatürlichen Kraft gelegentlich Gebrauch machte, wie z.B. an der Hochzeit zu Kanaa, wo er Wasser in Wein verwandelte, oder an den Speisungen der 4 und 5 Tausend. Was aber die Krankenheilungen anbetrifft, so gibt uns die Schrift deutlich zu verstehen, dass dieselben nicht durch eine ihm zu Gebote stehende übermenschliche Kraft zustande gekommen seien, sondern im Gegenteil dadurch, dass ein Teil seiner eigenen Lebenskraft auf die Kranken übertragen wurde. Je größer also die Zahl derer war, die er heilte, um so größer war auch sein Verlust an eigener Lebenskraft. Zum Beweis hierfür lies die Erzählung vom blutflüssigen Weibe (Mark. 5:25-34), welches 12 Jahre an Blutverlust gelitten und manches von den vielen Ärzten ertragen und dafür ihre ganze Habe hergegeben hatte, ohne jedoch Besserung zu finden; im Gegenteil, schlimmer war es geworden. Da drängte sie sich glaubensvoll an den Herrn Jesum heran, indem sie sich sagt: "Wenn ich nur seine Kleider anrühre, so werde ich geheilt werden." Und weiter lesen wir: "Und alsbald vertrocknete der Quell ihres Blutes, und sie erkannte an ihrem Leibe, dass sie von der Plage geheilt war. Und alsbald erkannte Jesus in sich selbst die Kraft, die von ihm gegangen war, wandte sich um in der Volksmenge und sprach: Wer hat meine Kleider berührt? Und seine Jünger sprachen zu ihm: Du siehst, dass die Volksmenge dich drängt, und du sprichst: Wer hat mich berührt? Und er blickte umher, um sie zu sehen, die dieses getan hatte, und er sprach zu ihr: Tochter, dein Glaube hat dich geheilt, gehe hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage."

Und ganz allgemein berichtet Lukas (6:19): "Und die ganze Volksmenge suchte ihn anzurühren, denn es ging Kraft von ihm aus, und er heilte sie alle." In diesem Sinne also hat unser lieber Heiland die Schwachheiten der Menschheit auf sich geladen, in diesem Sinne trug er unsere Krankheiten. Und die Folge dieses täglichen Abgebens eigener Lebenskraft zur Heilung anderer war die allmähliche Aufzehrung seiner Lebenskraft, wozu das beständige Reisen und Predigen während den 3½ Jahren auch das ihrige beitrugen. Dieses Tragen fremden Leidens erscheint uns weniger seltsam, wenn wir an unsere eigenen Erfahrungen denken. Wer unter uns, der mit der Gabe des Mitleides gesegnet ist, hat nicht zu Zeiten an sich selbst empfunden, wenigstens in beschränktem Maße, dass es einem Freunde möglich ist, die Leiden eines Freundes mit zutragen, durch dieses Mitgefühl dem Leidenden einige Erleichterung zu verschaffen, bis zu einem gewissen Grade Lebenskraft auf ihn zu übertragen und die auf sein Gemüt drückende Last leichter erscheinen zu lassen? Solch ein hilfreicher Einfluss, solch ein Mitgefühl der Leiden anderer hängt aber sehr viel von dem Zutrauen, der Zuneigung ab, welche die Kranken und Betrübten den sie Besuchenden entgegen bringen.

Ja noch mehr, wir wissen, dass gewisse Tiere sogar mehr oder weniger dem Menschen zugetan sind. Die Taube ist es z.B. in sehr hohem Grade und galt, als eines der sanftesten Tiere, schon in der mosaischen Heilsordnung als ein Vorbild unseres treuen Erlösers. Es ist nun schon öfters beobachtet worden, dass Kranke eine gewisse Erleichterung ihres Leidens verspürten, wenn Tauben in ihr Zimmer gebracht wurden. Dieselben nehmen, vielleicht wegen ihrer mitfühlenden Natur, einen Teil des betreffenden Leidens auf sich und geben dafür einen Teil ihrer Lebenskraft den Leidenden ab. Dies erkennt man nämlich daran, dass die Tauben selber Krankheitserscheinungen aufweisen (z.B. Rheumatismus), während der Kranke sich erleichtert fühlt. Bedenken wir nun, dass unsere Fähigkeit zu lieben und mitzufühlen nur ein Rest ist, der uns nach 6000-jährigen Dauer des Falles der Menschheit noch geblieben ist, dass unser Heiland dagegen vollkommen war und deshalb ein unbeschränktes Mitgefühl, eine unbegrenzte Liebe besitzen und ausüben konnte, dann begreifen wir ungefähr, wie, d.h. auf welche Weise er unsere Schwachheiten empfinden konnte. Sein liebendes Herz wurde gerührt, weil seine Natur fein, vollkommen und gefühlvoll - nicht durch Sünde und ererbte oder eigene Selbstsucht verhärtet war. Darum lesen wir von ihm: "Er ward innerlich (von Mitleid) bewegt"; und wiederum: "Es jammerte ihn des Volkes"; und am Grabe des Lazarus "gingen ihm selbst die Augen über", als er Maria, Martha und die Juden weinen sah. Das waren nicht Zeichen von Schwäche; im Gegenteil! Denn der wahre Charakter des zum Ebenbild Gottes erschaffenen, vollkommenen Menschen ist nicht hart, herzlos und rau, sondern freundlich, liebevoll, teilnehmend. Aus all diesen Zügen aus dem Leben Jesu geht hervor, dass der, welcher redete, "wie nie ein Mensch geredet hat", auch die Trübsal und Leiden, die der Sündenfall uns gebracht, mitzufühlen vermochte, wie kein Glied unseres gefallenen Geschlechtes es vermag.

Das ist indessen nicht alles; beim bloßen Mitgefühl blieb es nicht. Unser Herr kam nicht in diese Welt, um bloß eine Macht oder Kraft auszuüben, die ihn selbst nichts kostete, sondern, wie er selbst erklärt: "Dass er diene und gebe sein Leben zum Lösegeld für viele." Freilich, der Sünde Sold ist nicht Leiden, sondern der Tod. Folglich hätte unser Herr durch bloßes Leiden unsere Rechnung nicht ausgeglichen. Es war also unbedingt notwendig, dass "Christus Jesus den Tod schmeckte für jedermann", und so lesen wir denn auch: "Christus ist gestorben für unsere Sünden nach den Schriften." (1. Kor. 15:3) Wenn er also die Stelle des Sünders annahm, so musste er folgerichtig auch alles durchkosten, was der Fluch über den Sünder gebracht hat - die Todesstrafe. Und in dem Maße, wie die Menschheit durch fortwährenden Verlust an Lebenskraft (infolge von Schwachheit und vererbter Krankheit) dahin stirbt, musste auch unser Herr all diese Vorboten des Todes über sich gehen lassen. Da er aber nun kein Sünder war, so müssen die von ihm erlittenen Strafen offenbar um der anderen Menschen willen auf ihm gelegen haben, weil er an den Platz der Sünder getreten ist, um für uns die Streiche gerechter Strafe zu tragen.

Was das Tragen unserer Schwächen, Schmerzen und Krankheiten anbetrifft, das hat unser Herr in einer Weise getan, wie es den Lebenden nicht besser hätte zugute kommen können, indem er während den 3½ Jahren seiner Amtsdauer Tag für Tag von seiner Lebenskraft abgab, und zwar an solche, die seine Beweggründe, seine Liebe und Gnade erst nicht zu würdigen wussten. So lesen wir: "Dadurch, dass er seine Seele ausgeschüttet hat in den Tod", hat "seine Seele das Schuldopfer gestellt" (Jes. 53:10, 12). Und wir können deutlich sehen, wie unser Herr von der Zeit seiner Weihung an (als er 30 Jahre alt, im Jordan von Johannes getauft wurde) bis hinab nach Golgatha beständig "seine Seele ausgeschüttet" hat, indem er fortwährend Lebenskraft von sich auf diejenigen ausgehen ließ, welchen er helfen, welche er heilen wollte. Und wenn dies alles für das Lösegeld auch nicht hätte genügen können, so war es doch ein Teil des Sterbens, durch das unser Erretter hatte gehen müssen, und das am Kreuz auf Golgatha seinen Endpunkt erreichte, als er ausrief, "Es ist vollbracht", und der letzte Lebensfunke von ihm ausging.

Fast möchte es scheinen, als sei es für unseren Herrn ebenso nötig gewesen, gleichermaßen seine Lebenskraft zu opfern, unser allmähliches Dahinsterben zu kosten, als dass es für ihn nötig war, einmal am Kreuze, wenn auch nur einige Augenblicke, die vollständige Trennung des Sünders vom himmlischen Vater und die Entziehung aller übermenschlichen Hilfe zu schmecken, als er ausrief: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" Als des Sünders Stellvertreter musste er des Sünders Strafe in allen ihren Einzelheiten erdulden, und nicht ehe dies geschehen, war der im Opfer bestehende Teil seiner Aufgabe gelöst; nicht bevor er das alles im Glauben ertragen hatte, waren die verschiedenen Prüfungen erfolgreich bestanden, wodurch er sich nach des Vaters Willen würdig erweisen sollte, zum "Herzog unserer Seligkeit" erhoben zu werden, hoch erhöht über alle Engel, Fürstentümer und Gewalten, als Mitteilhaber an des Vaters Herrschaft über das Weltall.

All diese Erfahrungen, durch die der himmlische Vater seinen geliebten Sohn gehen ließ, ehe er ihn zur Rechten seiner Majestät erhöhte und ihm das große Werk der Segnung aller Geschlechter auf Erden anvertraute, waren aber nicht bloß dazu geeignet, den eingeborenen Sohn, den Logos, in seiner Treue zu prüfen, sondern sie waren auch, wie die Schrift uns lehrt, notwendig, um unseren Herrn zu befähigen, das Elend derer mitzuempfinden, welche er so erkauft hatte - Mitgefühl zu beweisen und Hilfe darzubieten allen denen, die durch ihn zu voller Gemeinschaft mit Gott zurückzukehren begehren: die Herauswahl im gegenwärtigen, die Welt im Millenniums-Zeitalter, "auf dass er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hohepriester sein möchte" - "der in allem versucht worden ist in gleicher Weise (wie wir)" - "der Nachsicht zu haben vermag mit den Unwissenden und Irrenden, indem auch er selbst mit Schwachheiten umgeben ist". "Daher vermag er auch völlig zu erretten, die durch ihn zu Gott kommen." Wahrlich: "Ein solcher Hohepriester geziemte uns: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern und höher als die Himmel." - Hebr. 2:17, 18; 4:15, 16; 5:2; 7:25, 26

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Studie 6

Der Mittler der Versöhnung

"Davids Sohn und Herr"

Wieso ist er Davids Sohn? - Josephs Geschlechtsregister durch Salomo. - Marias Geschlechtsregister durch Nathan. - Der Hohe erniedrigt, der Niedrige erhöht. - Woher hat Christus den Titel, "Davids Herr?" - Inwiefern konnte er beides, die Wurzel des Stammes Davids und ein Reis aus dem Stamme Isais sein? - Die Bedeutung seines Titels, "Ewigvater". - Wie er denselben erlangt hat, und wie er angewendet werden kann. - Wer sind die Kinder Christi? - Die Herauswahl seine Brüder: Kinder Gottes, des Vaters unseres Herrn Jesu Christi.

"Jesus fragte sie und sagte: Was dünkt euch über den Christus? Wessen Sohn ist er? Sie sagen zu ihm: Davids. Er spricht zu ihnen: Wie nennt David ihn denn im Geiste Herr, indem er sagt: Der Herr (Jehova) sprach zu meinem Herrn (Adon, Meister, Herrscher): Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege unter deine Füße. Wenn nun David ihn Herr (Adon, Meister, Herrscher) nennt, wie ist er sein Sohn?" - Matth. 22:42-45

Vor allem sollte man sich merken, dass die Besprechung dieser Frage sich nicht auf die Präexistenz Christi (sein Leben vor seiner Menschwerdung) bezieht, sondern bloß auf seine Verwandtschaft mit dem Menschengeschlecht. Wie wir gesehen haben, ist er mit dem menschlichen Geschlecht verwandt geworden, als er durch seine Mutter Maria unsere Natur annahm. Marias Geschlechtsregister führt uns zurück zu David, durch dessen Sohn Nathan (Luk. 3:31, Joseph wird hier als der "Sohn des Eli" bezeichnet, d.h. er ist der Sohn Elis, Marias Vaters, geworden, indem er die Maria heiratete, also durch das Gesetz. Wir würden heutzutage sagen: "der Schwiegersohn Elis." In Wirklichkeit ist nämlich Joseph ein Sohn des Jakob und nicht des Eli. - siehe Matth. 1:16), während uns Josephs Register durch Salomo zu David zurückführt (Matth. 1:6, 16). Da Joseph die Maria als sein Weib annahm und auch deren Kind Jesus als das seinige anerkannte, so hätte Jesus damit schon Grund genug gehabt, sich auf das Geschlechtsregister Josephs zu stützen. Doch wäre dieses Verhältnis eigentlich gar nicht nötig gewesen. Jesus wäre auch sonst ein Sohn Davids gewesen, indem seine Mutter ebenfalls von David abstammte, freilich auf einer anderen Linie, durch Nathan, wie wir gesehen.

Jesu Anspruch auf den Thron Israels beruht auch nicht auf den Beziehungen seiner Mutter zu Joseph, wie manche zu glauben scheinen. Im Gegenteil, wäre Jesus der wirkliche Sohn Josephs gewesen, so wäre er gerade deshalb jeglicher Erbrechte auf den Thron Davids entblößt gewesen; denn, wenn auch alle Nachfolger Davids im Königreiche aus der Linie seines Sohnes Salomo und nicht aus derjenigen des Nathan hervorgingen, so bezeugen uns doch gewisse Schriftstellen auf das bestimmteste, dass der große Erbe des davidischen Thrones nicht von dem königlichen Geschlecht Salomo abstammen sollte. Eine klare Beweisführung dieser Aussage wird deshalb die Behauptung, dass Jesus ebenso wohl der Sohn Joseph als Marias gewesen sei, als völlig haltlos darstellen. Untersuchen wir also mit möglichster Sorgfalt diesen wichtigen Gegenstand.

Wie wir aus der Schrift deutlich sehen, ging die Absicht Gottes zweifellos und in erster Linie dahin, dass der große Erbe des Weltenthrones, der große König Israels, aus dem Geschlecht Davids hervorgehen sollte. Zweitens wurde auch bestätigt, dass er ein Nachkomme der herrschenden Familie Salomo sein werde, dies jedoch nur unter gewissen Bedingungen. Sollten diese Bedingungen nicht erfüllt werden, so würde er einer anderen Geschlechtslinie entspringen, auf jeden Fall aber aus dem Samen Davids, damit er der göttlichen Weissagung gemäß beides, Davids Sohn und Davids Herr sei.

Beachte die prophetischen Worte der heiligen Schrift:

"Jehova hat geschworen dem David in Wahrheit, er wird nicht davon abweichen: Von der Frucht deines Leibes will ich auf deinen Thron setzen. Wenn deine Söhne meinen Bund und meine Zeugnisse bewahren, welche ich sie lehren werde, so sollen auch ihre Söhne auf deinem Thron sitzen immerdar." (Ps. 132:11, 12)

"Und von allen meinen Söhnen (denn Jehova hat mir viele Söhne gegeben) hat er Salomo, meinen Sohn, erwählt, zu sitzen auf dem Thron des Königtum Jehovas über Israel. Und er sprach zu mir: Salomo, dein Sohn, der soll mein Haus und meine Höfe bauen.... Und ich werde sein Königreich befestigen auf ewig, wenn er fest daran halten wird, meine Gebote und meine Rechte zu tun, wie es an diesem Tage ist." (1. Chron. 28:5-7)

"Wenn deine Söhne acht haben auf ihren Weg, vor mir zu wandeln in Wahrheit mit ihrem ganzen Herzen und mit ihrer ganzen Seele, so soll es, sprach er, dir nicht fehlen (soll von dir und deinem Erbteil nicht abgeschnitten werden) an einem Manne auf dem Thron Israels." (1. Kön. 2:4)

Die Verheißung von dem Messianischen Königreiche aus dem Geschlecht Salomo und dessen Nachkommen nach dem Fleische ist also klar und deutlich an Bedingungen geknüpft; sie setzt eine gewisse Treue, dem Herrn gegenüber voraus, oder, mit anderen Worten gesagt: so gewiss, als die Nachkommen Salomo je die Wege Jehovas verlassen und ihm untreu würden, ebenso gewiss würden sie dadurch ihrer Rechte auf den Thron Israels und auf das Messianische Königreich verlustig gehen. Nun steigt aber die Frage auf: Haben Salomo und seine Söhne acht gehabt "auf ihren Weg, vor mir (Jehova) zu wandeln in Wahrheit mit ihrem ganzen Herzen und mit ihrer ganzen Seele?" Wenn nicht, so hatten sie das Recht verloren, die Vorfahren des Messias (nach dem Fleische) zu sein.

Um die richtige Antwort auf die soeben gestellte Frage zu erhalten, müssen wir uns wiederum zur heiligen Schrift wenden, und da finden wir denn auch auf das deutlichste bestätigt, dass Salomo und seine ganze königliche Nachkommenschaft verfehlt haben, den Vorschriften Jehovas gemäß zu wandeln. Es ist deshalb hieraus der sichere Schluss zu ziehen, dass der Messias nicht aus der Geschlechtslinie Salomos, sondern aus derjenigen eines anderen davidischen Nachkommens hervorgehen musste. Höre das Wort des Herrn: "Und du, Salomo, erkenne den Gott deines Vaters und diene ihm mit ungeteiltem Herzen ... Wenn du ihn suchst, wird er sich von dir finden lassen; wenn du ihn aber verlässt, wird er dich verwerfen auf ewig." (1. Chron. 28:9)

"Da erzürnte Jehova wider Salomo, weil er sein Herz von Jehova, dem Gott Israels, abgewandt hatte ... Und Jehova sprach zu Salomo: Darum, dass solches bei dir gewesen ist, und du nicht beobachtet hast meinen Bund und meine Satzungen, die ich dir geboten habe, so werde ich dir das Königreich gewiss entreißen ... Doch in deinen Tagen will ich es nicht tun, um deines Vaters David willen; aus der Hand deines Sohnes will ich es reißen. Nur will ich ihm nicht das ganze Königreich entreißen, einen Stamm will ich deinem Sohne geben, um meines Knechtes David willen, und um Jerusalems willen, das ich erwählt habe." (1. Kön. 11:9-13)

Wie wir wissen, hat die Geschichte diese Prophezeiung bestätigt, indem sich das Reich sofort nach Salomos Tod teilte, wobei zehn Stämme sich vom Herrscherhause Salomo losmachten und dessen Sohn und Nachfolger Rehabeam nie als ihren König anerkannten. Lasst uns aber hören, was der Herr über den Stamm Juda sagt und über Benjamin, welcher eine Zeitlang dem Hause Salomo treu blieb und so scheinbar der Verheißung auf das gegenbildliche Königreich und auf den Messias, den großen König mitteilhaftig wurde. Die drei letzten Könige aus dem Geschlecht dem Salomo, welche auf seinem Throne saßen, waren Jojakim, dessen Sohn Konja (Jekonja) und Zedekia, Jojakims Bruder. Beachten wir das Zeugnis Jehovas gegen diese Männer und seine Versicherung, dass keiner ihrer Nachkommen je auch dem Throne des Königreiches Jehovas sitzen werde - und zwar weder auf dem vorbildlichen noch auf dem wirklichen. Wir lesen:

"So wahr ich lebe, spricht Jehova, wenn auch Konja, der Sohn Jojakims, der König von Juda, ein Siegelring wäre an meiner rechten Hand, so würde ich dich doch von dannen wegreißen .... Ist denn dieser Mann Konja ein verachtetes Gefäß, das man zertrümmert, oder Gerät, an welchem man kein Gefallen hat? Warum werden sie weggeschleudert, er und sein Same, und in ein Land geworfen, das sie nicht kennen? O Land, Land, Land, höre das Wort Jehovas! So spricht Jehova: Schreibet diesen Mann auf als kinderlos, als einen Mann, der kein Gedeihen hat in seinen Tagen; denn von seinem Samen wird nicht einer gedeihen, der auf dem Thron Davids sitze und fortan über Juda herrsche." - Jer. 22:24-30

"Darum spricht Jehova also über Jojakim, den König von Juda: Er wird niemanden haben, der auf dem Thron Davids sitze." - Jer. 36:30

Und in Bezug auf Zedekia heißt es mit aller Bestimmtheit:

"Und du Unheiliger, Gesetzloser, Fürst Israels, dessen Tag gekommen ist zur Zeit der Ungerechtigkeit des Endes! So spricht der Herr, Jehova: Hinweg mit dem Kopfbund und fort mit der Krone! Dies wird nicht mehr sein. Das niedrige werde erhöht und das Hohe erniedrigt! Umgestürzt, umgestürzt, umgestürzt will ich sie machen; auch dies wird nicht mehr sein - bis der kommt, welchem das Recht gehört: dem werde ich es geben." - Hes. 21:30-32

Hier haben wir die deutliche Erklärung, dass die salomonische Geschlechtslinie gänzlich von der göttlichen Gunst ausgeschlossen wurde. Es war dies das Geschlecht, welches seiner Zeit hoch erhöht worden war, das nun aber erniedrigt werden sollte, während das unscheinbare Geschlecht Nathans, das keine Rechte auf den Thron Davids besaß, zu seiner Zeit hoch erhöht werden sollte, durch dessen Vertreter, den Messias; der von Maria geboren wurde (nach dem Fleische).

Könnte jemand ein bestimmteres Zeugnis verlangen, dass der Messias also nicht aus der Nachkommenschaft Salomo erwartet werden durfte, da dieselbe ja doch durch ihre Gottlosigkeit und Untreue all ihre Rechte und Ansprüche verwirkt hatte? Die Behauptung, dass unser Herr der Sohn Joseph gewesen, und dass er von Joseph all seine Rechte und Ansprüche geerbt haben müsse, erweist sich also als grundfalsch, denn es soll kein Mann aus diesem Geschlecht je auf des Herrn Thron zu sitzen kommen.

Diese Übertragung des Königreiches vom Geschlecht Salomo auf eine andere Geschlechtslinie aus dem Samen Davids wird auch in anderen Stellen klar bezeugt. Wir lesen z.B.: "Siehe, Tage kommen, spricht Jehova, da ich dem David einen gerechten Spross erwecken werde; und er wird als König regieren und verständig handeln. ... In seinen Tagen wird Juda gerettet werden und Israel in Sicherheit wohnen; und dies ist sein Name, womit Jehova ihn nennen wird: Unsere Gerechtigkeit." - Jer. 23: 5, 6

Maria, die Mutter Jesu, scheint diesen Gedanken ebenfalls gehabt zu haben, oder dann hat der heilige Geist sie veranlasst, die in ihrem bemerkenswerten Lobgesange enthaltenen Weissagungen zu äußern (siehe Luk. 1:46-55): "Er (Gott) hat zerstreut, die in der Gesinnung ihres Herzens hochmütig sind. Er hat Mächtige von Thronen hinabgestoßen und Niedrige erhöht. Hungrige hat er mit Gütern erfüllt, und Reiche leer fortgeschickt." Hierin finden wir einen Vergleich zwischen dem begünstigten Geschlecht Salomo und der bescheidenen Stammlinie Nathan. Gott hat dem Kopfbund und die Krone von Zedekia weggenommen, um sie dem zu geben, "dessen Recht es ist" - dem gerechten Sprössling aus der davidischen Wurzel.

Wir haben nun gesehen, inwiefern unser Herr ein Zweig, ein Schössling oder Sohn Davids ist, und auf welcher Linie diese Sohnschaft richtigerweise und schriftgemäß nachgewiesen werden kann. Lasst uns nun auch untersuchen, in welcher Hinsicht unser Herr Jesus Christus "Davids Herr" gewesen ist. Wie konnte er der Sohn und Herr Davids sein?

Auf jeden Fall ist er nicht durch seine vormenschliche Existenz (sein Leben vor seiner Menschwerdung) der "Herr Davids" geworden, sowenig als er in diesem seinem früheren Zustand ein Sprössling oder Sohn Davids hätte sein können. Erst als er das große Erlösungswerk als Mittler der Versöhnung hinausgeführt hatte und Jehova ihn zum Lohn hoch erhöhte und ihn zum Herrn aller Herren machte, da ist er auch Davids Herr geworden: "Denn hierzu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, auf dass er herrsche (ein Herr sei) sowohl über Tode als Lebendige." - Röm. 14:9

Der Logos hätte freilich sehr wohl auch als ein Herr, ein Hoher in Autorität bezeichnet werden können, so gut als er mit "ein Gott" (ein Mächtiger oder Einflussreicher) bezeichnet worden ist. (Es sei nur bemerkt, dass wir hier nicht das im Alten Testamente so oft mit Herr übersetzte Wort "Jehova" besprechen. Es handelt sich um andere Wörter, die auch mit "Herr" übersetzt sind, wie in dem früher erwähnten Text: "Der Herr (Jehova) sprach zu meinem Herrn (Adon - Meister): Setze dich zu meiner Rechten", 2c) Gleichfalls konnte auch der Mensch Christus Jesus richtigerweise "ein Herr" genannt werden; seine Jünger wenigstens haben es getan, denn wir lesen: "Ihr heißet mich Lehrer und Herr, und ihr saget recht, denn ich bin es."(Joh. 13:13) Er war der besondere Bundesengel, vom Vater geheiligt und in die Welt gesandt, damit er dieses erlöse. Ihn hatte der Vater in jener Weise geehrt und von ihm bezeugt: "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe." Und so war es denn auch ganz am Platze, dass alle, die seine Herrlichkeit sahen, "als die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater", ihn hörten, ihm gehorchten und ihm als des Vaters Stellvertreter alle Ehre erwiesen. Wie wir aber aus den oben angeführten Worten des Apostels schließen müssen, ist unser Herr Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung in einem ganz besonderen Sinn ein Herr oder Meister geworden.

Dieser besondere Sinn, in welchem der auferstandene Christus der "Herr aller", "beides der Toten und der Lebendigen", geworden ist, steht in engstem Zusammenhang mit seinem großen Werk als Versöhnungsmittler. Gerade aus diesem Grund ist er ja Mensch geworden. Die ganze Menschheit in ihrem gefallenen Zustand, durch Vater Adams Ungehorsam "unter die Sünde verkauft", war äußerst hilflos; sie schmachtete unter der Herrschaft der Sünde und der Todesstrafe: und um ihre Befreiung von all diesem Übel zu erwirken, musste gemäß der göttlichen Gerechtigkeit die ganze auf dem adamitischen Geschlecht lastende Schuld getilgt und die bezügliche Strafe getragen werden. Das Geschlecht musste von der Sünde losgekauft werden. Nun ist Christus dessen Käufer geworden, dessen Eigentümer, "der Herr aller." Aus diesem Grund hat er die Herrlichkeit seines früheren Daseins verlassen und ist er Mensch geworden, der Mensch Christus Jesus. Und die heilige Schrift erklärt: "Er gab sich selbst als Lösegeld", als Loskaufpreis, für das in Adam verurteilte Geschlecht. So ist denn die ganze Welt mit einem Preis erkauft worden, nämlich mit dem teuren Blut (oder Leben) Jesu Christi.

Aber obwohl Jesus die Menschheit erkauft hatte und gerechtigkeitshalber deren Eigentümer geworden ist, so hat er sie doch nicht erkauft, um sie wieder in Knechtschaft zu bringen, sondern, im Gegenteil, um sie von Sünde und Tod zu befreien, d. h. alle diejenigen, welche die durch Christum dargebotene Gnade Gottes annehmen werden. Und der Zweck des Messianischen Königreiches besteht darin, dass der Menschheit all die in Eden verlorenen Rechte und Ansprüche wieder zurückgegeben werden, indem dieselben auf Golgatha durch einen Preis zurückgekauft wurden. Um die Menschheit erlösen zu können, ist also unser Heiland der Käufer, der Eigentümer oder Herr aller geworden. So ist der Messias durch seinen Tod der Herr Davids geworden. indem auch David als Glied des Menschengeschlechtes durch Christi Blut erkauft worden ist.

"Die Wurzel und der Sprössling Davids"
- Offb. 22:16 -

In diesen von unserem Herrn an die Kirche gerichteten Worten liegt so ziemlich derselbe Gedanke wie in der vorher betrachteten Stelle. Nach dem Fleische war unser Herr (durch seine Mutter) der Sohn, das Geschlecht, der Nachkomme oder Sprössling Davids, wie wir bereits gesehen haben. Dadurch aber, dass er sein eigenes, unbeflecktes Leben aufopferte, ist er sowohl die Wurzel, als auch der Herr Davids geworden. Der in dem Wort "Wurzel" liegende Gedanke unterscheidet sich nämlich ein wenig von demjenigen des Wortes "Herr". Die "Wurzel" Davids ist gleichbedeutend mit "der Ursprung" oder "die Lebensquelle" Davids. Die Schrift nennt David "ein Reis" oder Sprössling Isais: also war Isai natürlicherweise Davids Wurzel. Wann und wie ist aber Christus die Wurzel oder der Vater Davids geworden? Auf keinen Fall bevor er "Fleisch gemacht ward"; und da, als er Fleisch, der Mensch Christus Jesus ward, ist er durch seine Mutter mit Adams Geschlecht verwandt geworden. (Hebr. 2:14-18) In dieser Verwandtschaft war er aber der Zweig oder Sprössling, und nicht die Wurzel Davids. Wie und wann ist er aber dessen Wurzel geworden? Wir antworten: In ganz gleicher Weise und zu ganz derselben Zeit, als er Davids Herr geworden ist: nämlich durch seinen Tod, womit er sich die Lebens-Rechte Adams und dessen ganzer Nachkommenschaft, also auch Davids, ankaufte - der Zeit nach bei seiner Auferstehung von den Toten als Erlöser und Heiland Adams und seines Geschlechtes, und folglich auch als Erlöser Davids.

Nicht der vor-menschliche Logos, und auch nicht der Mensch Jesus, sondern der auferstandene Messias ist also Davids Herr und Davids Wurzel. Wenn David im Geiste (d. h. unter dem Einfluss des prophetischen Geistes) Jesum "Herr" nannte, indem er sagte: "Jehova sprach zu meinem Herrn (Jesus): setze dich zu meiner Rechten" 2c), so hat er sich damit nicht auf den "Menschen Jesus Christus" bezogen, der sein Opfer noch nicht vollendet, sondern auf den Sieger Jesus; auf den Herrn des Lebens und der Herrlichkeit, auf den "Erstgeborenen von den Toten, den Fürst und König der Erde." (Offb. 1:5) Von diesem hat auch Petrus bezeugt: "Ihn hat Gott am dritten Tage auferweckt .... Dieser ist aller Herr." (Apg. 10:36, 40) Von demselben erklärt Paulus, er werde sich bei seinem zweiten Kommen als "König der Könige und Herr der Herren" offenbaren. - 1:Tim. 6:15

"Der zweite Adam"

Die erste Wurzel oder der Vater des menschlichen Geschlechtes hatte infolge seines Ungehorsams gegen Gott die Kraft verloren, Nachkommen in seiner Gleichheit, d. h. im Ebenbild Gottes zu erzeugen; er war nicht nur unfähig, seinem Geschlecht ewiges Leben zu schenken, sondern er hatte sogar sein eigenes Lebensrecht verwirkt; und deshalb vererbte er auch auf seine Sprösslinge den Tod mit all seinem Gefolge: Gesunkenheit, Schwäche und Krankheit. Der Logos ward Fleisch, ward Mensch, "der Mensch Christus Jesus", damit er als zweiter Adam an Stelle des ersten Adams treten und das Werk desselben rückgängig machen könne, indem er ihm und seiner ganzen Nachkommenschaft (die Halsstarrigen, Ungehorsamen ausgeschlossen) völligeres Leben, ewiges Leben gibt unter denselben günstigen Verhältnissen, wie sie vor dem Sündenfall bestanden.

Es ist aber ein großer Fehler, zu glauben, dass der Mensch Christus Jesus der zweite Adam gewesen sei. O nein! "Der zweite Adam ist der Herr vom Himmel" - sagt der Apostel in 1. Kor. 15:47 - der Herr, welcher vom Himmel wiederkommen wird, um die Rechte und Pflichten eines Vaters zu übernehmen - als Vater des adamitischen Geschlechtes, das er mit seinem eigenen, teuren Blut auf Golgatha losgekauft hat. Bevor unser Herr Jesus der Vater oder Lebensgeber des Menschengeschlechtes werden konnte, musste er dasselbe von der gerechten Strafe befreien, loskaufen; und dieses große Werk (aber das allein) hat er bei seinem ersten Kommen vollbracht. Zum 2. Mal kommt er, um die Menschheit durch die Wiederherstellung emporzuheben, um ihr ewiges Leben zu schenken samt all den Vorrechten und Segnungen, die durch den ersten Adam verloren gingen. Während dem zwischen den beiden Kommen liegenden Zeitalter sollte dem göttlichen Plane gemäß aus dem erlösten Geschlecht eine gewisse Klasse herausgesucht werden, eine kleine Schar von Leuten, deren Charaktereigenschaften schon zum voraus bestimmt waren: "Denn, welche er zuvor erkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein". (Röm. 8:29) Gemäß der heiligen Schrift sind diese Erwählten die Unterpriester des königlichen Priestertums; sie sind der Leib oder die Kirche Christi und die Braut des Lammes, und als solche Miterben der Ehren, der Segnungen und des Dienstes in seinem Königreiche.

Dementsprechend wird das zukünftige Werk, das Werk des 1000-jährigen Zeitalters, um dessentwillen der Messias herrschen wird, die Wiederherstellung genannt, oder die Wiedergeburt. Die Welt, d. h. die Menschheit, ist einmal durch Adam erzeugt worden, hat aber verfehlt, das Leben zu erlangen; sie wurde vielmehr in die Sünde und deren Strafe, den Tod, geboren. Aber der neue Vater der Menschheit, der zweite Adam, beabsichtigt eine allgemeine Wieder-Geburt. Die Zeit, da diese Wieder-Zeugung oder Wieder-Geburt der Welt vor sich gehen wird, ist das 1000-jährige Zeitalter, das bezeugen unser Herr und seine Apostel. Jesus sagte: "Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt ... auf zwölf Thronen sitzen", 2c) (Matth. 19:28) Die Tatsache, dass die während dem Evangeliums-Zeitalter heraus gewählte Kirche eine Wiedergeburt durchmachen muss, wird von Bibelkundigen allgemein anerkannt. Viele jedoch verfehlen zu erkennen, dass noch eine andere, verschiedenartige Wiedergeburt bevorsteht, eine solche, die das Menschengeschlecht als Ganzes umfassen wird: nicht, dass jeder einzelne die völlige Wiedergeburt an sich erfahren wird, aber alle werden Gelegenheit haben, zu völliger, gänzlicher Wiedergeburt zu gelangen, wenn sie sich nur diese Gelegenheit zu nutze machen werden.

Freilich tun wir wohl, wenn wir uns bei dieser Gelegenheit des sehr großen Unterschiedes erinnern, der zwischen der Wiedergeburt der Kirche und derjenigen der ganzen Menschheit besteht: zu der während diesem Zeitalter dargebotenen Wiedergeburt der Kirche zu gelangen, sind wohl "viele berufen", aber wenige werden erwählt, wenige erreichen die völlige Wiedergeburt, wozu sie eingeladen worden sind, nämlich, neue Kreaturen in Christo und, als solche, Teilhaber der göttlichen Natur zu werden. Wie wir aber gesehen haben, handelt es sich bei der Welt nicht um eine Wiedergeburt in eine neue Kreatur, sondern um die Wiederaufrichtung, um die Wiederherstellung der menschlichen Natur in ihrer Vollkommenheit.

So steht denn auch geschrieben: "Der erste Mensch, Adam, ward eine lebendige Seele (animalisches Wesen, wie denn auch Tiere "lebendige Seelen" genannt werden), der letzte Adam ein lebendigmachender Geist. Aber das Geistige war nicht zuerst, sondern das Natürliche (Animalische), danach das Geistige." - 1. Kor. 15:45-47

Und wirklich ist unser Herr Jesus in den Tagen seines Fleisches denn auch mit dem ersten Adam und seinem Geschlecht verwandt geworden durch den Samen Abrahams, da er "ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war, ... so dass er durch Gottes Gnade für jeden den Tod schmeckte," Nachdem er aber seinen Zweck erreicht hatte, wurde er vom Tod auferweckt als Teilhaber der göttlichen Natur, als Loskäufer des menschlichen Geschlechtes - aber nicht mehr als Glied desselben, nicht länger von der Erde, irdisch - sondern als der Herr des Himmels, der zweite Adam, ein lebendigmachender Geist.

Der erste Adam war die ursprüngliche "Wurzel", aus welcher die ganze menschliche Familie hervorsprosste, folglich ist auch unser Herr Jesus nach dem Fleische, als Sohn der Maria, als Sohn David und Abrahams, ein Reis oder Zweig aus Adam geworden (jedoch mit ungeschwächtem Leben von oben ausgerüstet, das ihn von Sünden getrennt hielt, wie wir gesehen haben). Durch seine Selbst-Aufopferung oder Selbst-Hingabe hat er sich aber nicht bloß seine eigene Erhöhung zur göttlichen Natur erworben, sondern er hat sich dadurch das ganze Geschlecht Adams erkauft und somit auch Adams Rechte als Vater oder "Wurzel" des Geschlechtes. Auf diese Weise, durch das Sich-Aneignen der Stellung und der Rechte Adams, ist unser Herr der zweite Adam geworden. Und wie er sein eigenes menschliches Leben für dasjenige des Adam hingab, so hat er auch sein Recht, auf natürlichem Wege selbst eine Nachkommenschaft zu erzeugen, um der Kinder Adams willen aufgeopfert, damit er zu seiner Zeit aus Adams Nachkommenschaft alle, die es wünschen, als seine Kinder annehmen könne, um sie wiederherzustellen, um ihnen ewiges Leben zu geben unter den günstigsten Bedingungen. So ist unser Herr nicht länger ein Zweig oder "ein Reis" aus dem Stamme Isais und Davids, sondern er ist eine neue Wurzel geworden, die bereit ist, neues Leben, neue Kraft an die Menschheit abzugeben - an Adam, Abraham, David und an jedes Glied der gefallenen Menschenfamilie, sofern dasselbe das dargebotene Leben unter den Bestimmungen des "Neuen Bundes" anzunehmen begehren.

Und dem ersten Werke des Herrn für seine Kirche während diesem Zeitalter wird auch sein Werk für die ganze Menschheit (die es annehmen) während dem Tausendjahr-Zeitalter gleich sein. Sein erstes Werk für seine Kirche ist deren Rechtfertigung zum (menschlichen) Leben in Übereinstimmung und in Gemeinschaft mit Gott: zum selben Leben, welches der vollkommene Mensch Jesus genoss, bevor er sich anlässlich seiner Taufe in den Tod weihte; demselben, welches auch der vollkommene Mensch Adam besaß, bevor er sündigte - mit dem Unterschied jedoch, dass Adam und Christus ihre Vollkommenheit des Lebens wirklich besaßen, währenddem die unserige uns bloß zugerechnet wird - wir sind "gerechtfertigt durch Glauben".

Unser Herr vergleicht sich und seine Kirche mit einem Weinstock; und dieses Bild gibt uns eine treffliche Illustration zu unserem gegenwärtigen Thema über Wurzel und Zweig. Adam war der ursprüngliche Weinstock, und sein Geschlecht die Reben; aber dieser Stock war samt den Reben vom giftigen Sündenwurm angefressen, er brachte deshalb schlechte Früchte: Krankheit und Tod. Unser Herr ist eine neue Rebe geworden, die, in den adamitischen Weinstock eingepfropft, eine neue Frucht brachte. Der Weinstock hat eine ganz besondere Eigenschaft, die darin besteht, dass seine Zweige, die Reben, begraben werden können und dieselben dann zu Wurzeln sich umgestalten. So ist auch die in den adamitischen Stock eingepfropfte Rebe - Christus, als sie begraben wurde, nicht mehr eine Rebe geblieben, sondern zur Wurzel geworden. Seine Kirche bildet während diesem Zeitalter die Reben in ihm, die ihrerseits "Früchte zur Heiligkeit" (Röm. 6:22) tragen, indem sie den nötigen Saft, das neue Leben, von ihm beziehen. Aber von diesen Reben wird nicht bloß erwartet, dass sie als Reben "viel Frucht bringen", wie er (Christus), sondern, dass sie sich schließlich gleich ihm begraben lassen, damit auch sie umgestaltet werden zu Teilen jener Wurzel, welche während dem kommenden Zeitalter der wiedergeboren werdenden Menschheit Kraft und Leben spenden wird.

Die gefallene Frucht, Adam (mit seiner Gehilfin Eva), erzeugte die Menschenfamilie in die Bande der Sünde und des Todes. Der zweite Adam, Christus (mit seiner Braut und Gehilfin), ist bereit, all die Willigen und Gehorsamen wieder zu zeugen in Freiheit, Vollkommenheit und dauerndes Leben. Dieses Werk wird von der Schrift die "Wiederherstellung" genannt (Apg. 3:19-23), weil dadurch alle in Adam verloren gegangenen Vorrechte und Segnungen zurückgebracht werden sollen, auf dass auf diese Weise die geheilte Menschheit, als Rebe des Herrn, viel Früchte zu bringen vermöge, zum Preise Gottes des Vaters. Es sollte aber beachtet werden, dass dieses Vorrecht, in die Wurzel verwandelt werden zu dürfen, auf eine gewisse Klasse beschränkt ist, nämlich den Christus, Haupt und Leib, welcher während diesem Zeitalter heraus gewählt wird, gemäß dem göttlichen Vorherwissen, durch Heiligung des Geistes und Glauben an die Wahrheit. (1. Petr. 1:2) Ein David z.B., sowie all die Treuen des Alten Bundes können nicht zu Teilen der Wurzel verwandelt werden (indem sie alle starben, bevor der wahre "Sprössling" oder die "Rebe" begraben und zur "Wurzel" umgestaltet wurde); ebenso wenig können es die, welche sich im Millennium treu erweisen werden. Alle jedoch werden befriedigt sein, wenn sie zu seinem Bilde wieder gelangen werden, sei es nun das irdische oder das himmlische. Der Menschheit wird das Vorrecht eingeräumt, zur Gleichheit des vollkommenen Menschen - Christus Jesus, der heiligen "Rebe" gelangen zu dürfen, während die Herauswahl, die Braut oder der Leib Christi - welche zu ergänzen hat, was noch rückständig ist an den Drangsalen des Christus, und welche ihm in seinem Tod gleichgestaltet werden soll - das Bild des Himmlischen tragen wird. - 1. Kor. 15:48, 49; Hebr. 11:39, 40

"Der Ewigvater"

"Man nennt seinen Namen: Wunderbarer, Berater, Starker Gott, Vater der Ewigkeit (oder "Ewigvater"), Friedefürst." - Jes. 9:6

Wir haben schon gesehen, auf welche Weise der Titel "Starker Gott" auf unseren Herrn Jesum angewendet werden kann, und wohl wenige werden in Abrede stellen, dass er der "Wunderbarste" der ganzen göttlichen Familie ist; niemand bestreitet ihm die Eigenschaft als großer "Berater" oder Lehrer. Und wenn er auch sein Königreich durch eine schreckliche Trübsalzeit (zur Zerstörung der gegenwärtigen bösen Verhältnisse) herbeiführt, so wird er dennoch auch seinem Titel als "Friedefürst" alle Ehre machen, indem er auf Grund der Gerechtigkeit, und dem göttlichen Charakter und Plane gemäß einen sicheren und dauernden Frieden schaffen wird. So lasst uns nun auch seinen Titel "Ewigvater" aufmerksam untersuchen; und wir werden finden, dass derselbe nicht weniger passend und bedeutungsvoll ist als die anderen.

Einige glauben hierin einen Widerspruch gegen diejenigen Bibelstellen zu finden, welche erklären, dass Jehova Vater der Ewigkeit sei, oder "der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi", wie Petrus in seiner 1. Epistel (1:3) bezeugt. Von Widerspruch ist aber auch hier nicht die Rede; die Schrift zeigt uns vielmehr selbst, in welch besonderer Hinsicht dieser Titel auf unseren Herrn angewendet werden kann - bei seinem zweiten Kommen, wenn er sich als Vater der während dem Millennium wiederherzustellenden Menschheit offenbaren wird. Und in der Tat ist dieser Titel bloß eine Bestätigung der anderen, die wir soeben betrachteten. Der neue "Herr" Davids und der Menschheit, die neue "Wurzel", der "zweite Adam" ist niemand anders als Christus, der Ewigvater - der Vater, welcher ewiges Leben gibt.

Zumal unser Herr auf kosten seines eigenen Lebens die Menschheit erkaufte und dadurch ihr Herr, ihr Wiederhersteller und Lebensspender wurde (und da das Wort Vater nichts anderes bedeutet als Lebensgeber), so konnte für unseren Herrn kein besser passender Name oder Titel gefunden werden, um sein Verwandtschaftsverhältnis gegenüber der durch Auferstehung und Wiederherstellung wiedergeborenen Menschheit zu offenbaren, als der Titel "Ewiger Vater". Die Welt wird ihr Leben unmittelbar dem Herrn Jesu zu verdanken haben, welcher sie nach göttlicher Anordnung erkauft und der Gerechtigkeit dafür den vollen Preis bezahlt hat. Nach erfolgter Wiederherstellung wird die Welt aber nichtsdestoweniger Jehova als den großen Urquell alles Lebens und Segens, als den Autor des großen Heilsplanes anerkennen - als den großen Vater und Ober-Herrn über alle. - 1. Kor. 15:24-28; 3:23; Matth. 19:28

Hiermit stimmt denn auch völlig eine gewisse Schriftstelle überein, die während Jahrhunderten Weise und Unweise, Professoren und Studenten verwirrt hat; nämlich:

"An deiner Väter Statt werden deine Söhne sein; zu Fürsten wirst du sie einsetzen im ganzen Lande."
- Psalm 45:16 -

Die Patriarchen und Propheten und besonders die, welche dem Geschlecht angehörten, aus welchem schließlich der Messias, der gerechte Sprössling hervorkam, sind lange mit dem Titel "Väter" bezeichnet worden, gleicherweise wie auch, gemäß den weiter oben angeführten Stellen, David als Wurzel bezeichnet wurde, aus welcher der Messias hervorsprießen sollte, wonach Christus dem Fleische gemäß also ein Sohn Davids war. Das alles wird sich jedoch ändern, wenn die Kirche, der Leib Christi, vollendet und mit ihrem verherrlichten Haupt vereinigt sein wird, um als "Ewigvater" der Menschheit die Wiederherstellung der Welt in Angriff zu nehmen. All die früheren Väter werden dann die Kinder sein; denn von Abraham, Isaak und Jakob hatte keiner das Leben im richtigen Sinne des Wortes: sie waren alle Mitglieder des zum Tod verurteilten Geschlechtes. Und wenn unser Herr sich zur menschlichen Natur erniedrigte und mit dem Samen Abrahams und Davids verwandt wurde, um das Versöhnungswerk zu vollenden, so ist er dabei nicht nur der Erretter der Menschheit im allgemeinen geworden, sondern ebenso wohl auch der Erretter (Lebensgeber) Davids, Abrahams 2c), welche dem Fleische gemäß seine Väter waren. Er hat sie alle erkauft, und niemand erlangt das Leben (vollständiges, vollkommenes und ewig dauerndes Leben), als nur durch ihn. "Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben, wer aber dem Sohne nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen." (Joh. 3:36) Hieraus folgt, dass Abraham, Isaak, Jakob und David und all die Propheten nebst der übrigen Menschheit das zukünftige, ewige Leben von Christo und sonst von keinem anderen empfangen können. Außer Christo ist also überall Verdammnis. Es ist deshalb klar, dass, wenn zu der von Gott bestimmten Zeit alle Menschen vom Tode erweckt werden, dies durch den großen Lebensgeber Jesus geschehen wird, der sich in diesem Sinne als ihr Vater offenbaren wird.

Bei dieser Aufweckung wird sich der himmlische Vater nicht in direkter Weise beteiligen; dagegen aber bezeugen uns viele Schriftstellen, dass er der "Vater", oder der "Erzeuger" der Kirche, der Braut Christi ist. "Der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi ... hat uns wiedergezeugt." (1. Petr. 1:3) Der Apostel Johannes erklärt ebenfalls, dass wir "aus Gott geboren" (sollte heißen "von Gott gezeugt") sind. (1. Joh. 5:18) Und Paulus sagt: "Für uns ist ein Gott, der Vater." (1. Kor. 8:6) Er hat uns seinen Geist gegeben, durch welchen wir zu ihm rufen "Abba, Vater!" (Röm. 8:15) Auch unser Herr Jesus bezeugt diese Tatsache, indem er nach seiner Auferstehung zu seinen Jüngern (den ersten Gliedern der Herauswahl) sagt: "Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott." (Joh. 20:17) Im Evangelium Johannes (1:12) finden wir eine weitere Bestätigung: "So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Gottes Kinder zu werden." Und von all diesen Kindern heißt es, Vers 13, dass sie nicht vom Geblüt, noch den Willen des Fleisches, noch durch den Willen des Mannes, sondern von Gott gezeugt sind. Und von diesem Vater der Lichter erklärt Jakobs: "Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt, auf dass wir eine gewisse Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien." (Jak. 1:18) In der Tat, jede sich auf die Kirche beziehende Stelle zeigt uns an, dass die Getreuen dieses Evangeliums-Zeitalters nicht Kinder Christi, sondern Kinder seines Vaters sind, von des Vaters Geist zu des Vaters Natur gezeugt. Und so sind wir denn "Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir anders mitleiden, auf dass wir auch mitverherrlicht werden." - Röm. 8:17

Unser Verwandtschaftsverhältnis gegenüber unserem Herrn Jesus ist gemäß dem Vorhergesagten also nicht dasjenige von Söhnen, sondern von Brüdern, was uns übrigens die Schrift auch wiederholt und deutlich bezeugt. In Bezug auf die Kirche sagt der Apostel: "Er schämt sich nicht, sie Brüder zu nennen." Und prophetischer Weise hat schon der Psalmist erklärt: "Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, inmitten der Versammlung will ich dir lobsingen." Und ferner: "Siehe, ich und die Kinder (Gottes), die mir Gott gegeben hat." Dies sind die "vielen Söhne", die der Vater zur Herrlichkeit bringen will unter der Leitung des Herzogs ihrer Seligkeit, Christi Jesu; und hinsichtlich dieser Kirche finden wir im ferneren bestätigt, dass unser Herr Jesus in seiner Auferstehung "der Erstgeborene unter vielen Brüdern" sei. - Röm. 8:29; Hebr. 2:10-13

Dieses große Werk der Zurückgabe des Lebens an die ganze Menschheit wird aber nicht fällig sein, bis der "Leib" des Lebensgeber vollendet ist, d.h. bis die "Brüder" mit ihrem Herrn und Erlöser als Söhne der Herrlichkeit aufgenommen und so bereit sein werden, das Wiederherstellungswerk in Angriff zu nehmen. Sogar diejenigen Menschen, deren Glaube und Gehorsam gegen den göttlichen Willen bereits geprüft und als bewährt erfunden worden sind (die Frommen des Alten Bundes), gelangen nicht zur Auferstehung, bis der Leib des großen, gegenbildlichen Mose (die Kirche) ganz vollendet sein wird (Apg. 3:22, 23), wie denn auch geschrieben steht: "Auf dass sie (die Treuen des Alten Bundes) nicht ohne uns (die Überwinder des Evangeliums-Zeitalters, den Leib des Gesalbten) vollkommen gemacht würden" - die ihnen verheißenen irdischen Segnungen ererben würden. - Hebr. 11:39, 40

Wenn wir die durch Christum Jesum geschehene Erlösung von diesem Standpunkt aus betrachten, wenn wir sehen, wie die durch Adam verloren gegangene Paradiesseligkeit und Erdenherrschaft durch das teure Blut Christi für die Menschheit wieder zurück erkauft ist, dann erkennen wir, in welch herrlicher Weise sich Christus als Vater und Lebensgeber gegen alle diejenigen offenbaren wird, welche unter den Bestimmungen des Neuen Bundes die Restitutions-Segnungen annehmen wollen. Von diesem Standpunkt aus allein können wir begreifen, inwiefern unser Herr Jesus die Wurzel und der Sprössling, der Sohn und der Vater oder Herr Davids zugleich sein kann.

In Anbetracht dieser Umstände möchte man aber fragen: Wie kommt es, dass die Kirche dieses Zeitalters, deren Glieder von Natur doch auch "Kinder des Zorns" sind, wie die übrigen (Eph. 2:3), und der Sündenvergebung und des Verdienstes Christi ebenso sehr bedürfen, sich in irgend einem gerechten Sinn von der Welt unterscheidet und auszeichnet, so dass sie als "Söhne Gottes" bezeichnet werden kann, währenddem die Welt als "Kinder des Lebensgebers", des Christus bezeichnet wird?

Der Unterschied liegt in der Tatsache, dass die Welt ihre menschlichen Lebens-Rechte durch Christus nicht bloß zurückerhalten wird, sondern er den Gehorsamen dieses erkaufte Leben auch gänzlich vervollkommnen wird durch eine stufenweise Entwicklung während dem 1000-jährigen Reich. Die Kirche aber erhält das wiederhergestellte oder vervollkommnte Leben, das ihr Herr für sie erkaufte, nicht sondern es wird den Gläubigen dieses Zeitalters bloß zugerechnet, indem dieselben nicht wirklich, sondern durch den Glauben gerechtfertigt (als menschliche Wesen vollkommen gemacht oder wiederhergestellt) sind. Und diese durch den Glauben zugerechnete menschliche Vollkommenheit dient ihrem ganz besonderen Zwecke: nämlich, damit all die Betreffenden Gelegenheit haben, das ihnen zugerechnete Leben samt dessen Rechten und Vergünstigungen im göttlichen Dienste aufzuopfern, um als Ersatz dafür die Hoffnung auf die Erbschaft der göttlichen Natur zu empfangen.

Irdisches Leben und irdische Segnungen sind durch Adam verloren gegangen; dieselben und keine anderen sind aber durch Christum für die Menschheit zurück erkauft worden; und darum wird denn auch der Menschheit zu den Zeiten der Wiederherstellung kein anderes, sondern dieses selbe Leben mit den entsprechenden Segnungen zurückerstattet. Aber die Kirche, der Leib oder die Braut Christi, wird vorher aus der Mitte der Menschheit berufen, als eine besonders "erwählte" Klasse, bestimmt für einen "himmlischen Ruf", einen "hohen Ruf" - Miterben Jesu Christi, ihres Herrn und Erlösers, zu werden. So wie Christus sein vollkommenes Opfer darbrachte, sich selbst als "Menschen Christus Jesus", und dafür mit der göttlichen Natur belohnt wurde, so wird auch den Gläubigen dieses Evangeliums-Zeitalters gestattet, ihr unvollkommenes (aber durch das teure Blut Christi als vollkommen gerechtes) Selbst auf den Altar Gottes zu legen. Und wenn sie das tun, so sind sie durch den Geist zu neuen Kreaturen gezeugt, sie sind "Söhne des Höchsten" und werden als Brüder Christi angenommen zu Gliedern des "königlichen Priestertums", dessen Hohepriester er ist.

Diese werden vom Vater gezogen, nicht vom Sohn, wie es während dem Millennium mit der Welt der Fall sein wird. (vergl. Joh. 6:44 mit 12:32) Diejenigen, welche der Vater zu Christo "zieht", werden von letzterem, als dem älteren Bruder, als seine Brüder aufgenommen, und er steht ihnen bei und hilft ihnen, in seinen Fußstapfen zu wandeln, auf dem schmalen Weg der Selbstaufopferung bis in den Tod zu gehen. So können sie, ihm in seinem Tod ähnlich, als Mitopferer gelten, um dann aber auch der Miterbschaft in seinem Königreich würdig erachtet zu werden. Von diesen heißt es deutlich, dass sie in ihrem Fleisch "ergänzen was noch rückständig ist von den Drangsalen des Christus", dass sie mit ihm leiden, um auch mit ihm zu herrschen. (Kol. 1:24; 2. Tim. 2:12) So sehen wir also, dass die Stellung der Kirche ganz verschieden ist von derjenigen der Welt, wie auch ihr Ruf ein "hoher, himmlischer Ruf" ist, und wie ihr Lohn in der göttlichen Natur bestehen wird." - 2. Petr. 1:4

Dies ist das große Geheimnis, wie der Apostel sagt (Kol. 1:26), der Schlüssel, ohne welchen es unmöglich ist, die Prophezeiungen und Verheißungen des göttlichen Wortes zu verstehen. Der himmlische Vater hatte sich vorgenommen, ein Menschengeschlecht zu erschaffen, "ein wenig geringer als die Engel", von der Erde, irdisch, und als solches auch der Erde in deren paradiesischem Zustand angepasst. Aber er hatte auch die Folgen des Sündenfalles vorausgesehen und darin eine Gelegenheit erblickt, wo er seine göttliche Gerechtigkeit, seine Liebe, seine Weisheit und Allmacht in wunderbarer Weise entfalten konnte. Und so wie der Vater zuvor verordnete, dass seinem eingeborenen Sohn, dem Logos, Gelegenheit zum Beweis seiner Treue dem Vater und den Prinzipien der Gerechtigkeit gegenüber, gegeben werden sollte, dadurch, dass er der Erlöser der Menschheit wurde und als solcher dann die Reichtümer der göttlichen Gnade ererbte und zum Herrn aller, nächst dem Vater, vorrückte, damit er in allen Dingen den Vorrang habe, so hat es dem Vater auch gefallen, die Hebung der allgemeinen Menschheit, durch deren Erlöser, auf eine bestimmte Zeit hinauszuschieben, damit er sich vorher noch eine "kleine Herde" heraussuche, die er, nachdem sie auf ihren Charakter und auf ihre Treue geprüft worden, zur Miterbschaft mit dem Eingeborenen gelangen lassen will, zur Teilnahme an der Königreichsherrschaft, hoch erhöht über alle Engel, Fürstentümer und Gewalten und über jeden Namen, der genannt wird.

In Übereinstimmung hiermit hat der Apostel bezeugt, dass wir "auserwählt sind nach Vorkenntnis Gottes des Vaters durch Heiligung des Geistes." (1. Petr. 1:2) Zu noch besserem Verständnis dieses Gedankens lesen wir in Röm. 8:29: "Denn welche er zuvor erkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern." Auch wünscht der Apostel, dass "ihr, erleuchtet an den Augen eures Herzens, wisset, welches die Hoffnung seiner Berufung ist, und welches der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den heiligen, und welches die überschwengliche Größe seiner Kraft an uns, den Glaubenden." Er erklärt ferner, dass diese Gnade zu uns gekommen sei, ohne das geringste Verdienst unserseits; denn "als auch wir in den Vergehungen tot waren, hat uns Gott mit dem Christus lebendig gemacht und hat uns mit auferweckt und mit sitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christo Jesu: auf dass er erwiese in den kommenden Zeitaltern den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade in Güte gegen uns in Christo Jesu .. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken." - Eph. 1:17-19; 2:4-10

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Studie 7

Der Mittler der Versöhnung

"Der Sohn des Menschen"

Was bedeutet dieser Titel? - Was nicht? - Der Titel ist ehrenvoll und gebührt Ihm und keinem anderen. - Wie die Welt den "Sohn des Menschen beurteilt (Ansichten des Pilatus, Rousseaus und Napoleons). - Die Bedeutung der Schriftstellen Jes. 53:2; 52:14, 15. - Was bedeuten die Aussagen: "Er hatte kein Ansehen, dass wir seiner begehrt hätten", "So entstellt war sein Ansehen", "Der Vornehmste unter Zehntausenden" und "Alles an ihm ist lieblich"?

Unter den zahlreichen Titeln, mit denen unser Herr bezeichnet wird, ist einer, der am häufigsten von ihm selbst gebraucht wird, nämlich "der Sohn des Menschen". Es gibt Leute, welche diese Bezeichnung als einen Beweis dafür ansehen, dass unser Herr selber Joseph als seinen Vater anerkannt habe. Dies ist aber durchaus irrig. Der Titel wird nicht nur gebraucht, um den Menschen Jesum Christum zu bezeichnen, sondern ebenso mit Bezug auf seine jetzige erhöhte Natur und Stellung. Darum sind nun andere ins entgegengesetzte Extrem verfallen und behaupten, der Titel bedeute, unser Herr sei mit seiner menschlichen Natur jetzt im Himmel. Auch diese Anschauung ist, wie wir zu zeigen versuchen werden, ohne Stütze und beruht auf einer unrichtigen Würdigung des Titels "Sohn des Menschen". Vorläufig nur so viel, dass die Schrift auf das nachdrücklichste lehrt, dass die Erniedrigung unseres Herrn zur menschlichen Natur nicht bleibend war, dass sie vielmehr nur stattfand, um die Menschheit erlösen, das Sühnegeld für die Menschen zahlen und hierbei eine Probe der eigenen Ergebenheit dem Vater gegenüber ablegen zu können, dass der Herr alsdann sofort nach bestandener Prüfung hoch erhöht wurde, nicht nur auf die Ehrenstufe, auf der er schon beim Vater stand, ehe denn die Welt war, sondern auf eine noch weit höhere Ehrenstufe, in welcher er alle Engel, Fürstlichkeiten und Gewalten hoch überragt, auf die Stufe der göttlichen Natur, zur rechten Hand der himmlischen Herrlichkeit , der höchsten Ehre, die Gott-Vater zu vergeben hat.

Merke diesbezüglich folgende Schriftstellen:

"In der Vollendung (am Ende) des Zeitalters wird der Sohn des Menschen seine Engel senden". - Matth. 13:40, 41

"Also wird auch die Ankunft (Parousia, Gegenwart) des Sohnes des Menschen sein". - Matth. 24:27, 37

"Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm". - Matth. 25:31

"Dessen wird sich auch der Sohn des Menschen schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters". - Mark. 8:38

"Wenn ihr nun den Sohn des Menschen dahin auffahren sehen werdet, wo er zuvor war?" - Joh. 6:62

"Der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen." Joh. 3:13 ("Der im Himmel ist" fehlt in alten Manuskripten)

Diese Schriftstellen identifizieren den Sohn des Menschen sowohl mit dem Herrn der Herrlichkeit, der Jesus jetzt ist, als mit dem Menschen, der Jesus war, und der sich selbst opferte, und mit dem Logos, der vom Himmel hernieder kam und Fleisch wurde. Die Juden ihrerseits dachten nie und nimmer, dass der Titel "Sohn des Menschen" etwa Sohn Joseph oder eines anderen Menschen bedeute; des ist der Umstand Zeuge, dass sie Joh. 12:34 fragten: "Wir haben aus dem Gesetz (Alte Testament) gehört, dass der Christus bleibe in Ewigkeit, und wie sagst du, dass der Sohn des Menschen erhöht werden müsse? Wer ist dieser Sohn des Menschen?" Daraus ergibt sich, dass die Juden im "Sohn des Menschen" ihren erhofften Messias sahen, zum großen Teil gestützt auf die Weissagung Daniels (Dan. 7:13, 14): "Ich schaute in den Gesichten der Nacht, und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Menschen Sohn, und er kam zu den Alten an Tagen und wurde vor denselben gebracht, und ihm ward Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört werden wird." Mit dieser Erscheinung identifiziert sich unser Herr selbst in seiner Offenbarung, wo wir lesen (Offb. 14:14): "Gleich einem Sohn eines Menschen, welcher auf seinem Haupt eine goldene Krone und in seiner Hand eine scharfe Sichel hatte", der Ernter in der Erntezeit des Evangeliums-Zeitalters.

Gleichwohl entsteht auch für diejenigen, die sicher sind, dass der Titel "Sohn des Menschen" nicht Josephs Sohn bedeutet, und dass er die menschliche Natur nur zum Zweck, sie zu opfern, angenommen, dass er dieselbe auf immer dahin gegeben und jetzt ein lebendig machender Geist höchster Ordnung ist (Hebr. 2:9, 16; 1. Petr. 3:18; Joh. 6:51; Phil. 2:9), die Frage: Warum erwählte der Herr gerade diesen Titel? Haben wir nicht alle Ursache, zu vermuten, dass hierfür ein besonderer Grund vorliegt, ohne welchen der Titel nicht gebraucht würde, da doch jeder von den Titeln unseres Herrn eine besondere Bedeutung erhält, sobald er verstanden ist?

Nun besteht in der Tat ein sehr wichtiger Grund für den Gebrauch dieses Titels. Es ist ein sehr ehrenvoller Titel, denn er erinnert ewiglich an den großen Sieg dessen, der ihn getragen; an den glaubens- und demutsvollen Gehorsam allen Anforderungen des himmlischen Vaters gegenüber, an den Gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz, an jenen Gehorsam, durch den er sich den Anspruch auf all seine gegenwärtigen und zukünftigen Ehren und Würden und Gewalten, auf Ansehen und die göttliche Natur erwarb. Durch diesen Titel, "Sohn des Menschen", werden Engel und Menschen erinnert an den Beweis von Demut, den der Eingeborene vom Vater erbrachte, und an den in seinem Falle zur Anwendung gebrachten Rechtsgrundsatz in der göttlichen Staatsordnung, dass, wer sich selbst erhöht, erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, erhöht werden soll. So spricht denn dieser Titel jedes Mal, wenn er gebraucht wird, Bände voller Lehren für alle, die von Gott werden gelehrt werden, und die ihn zu ehren und zu tun wünschen, was seinen Augen wohl gefällt.

In demselben Sinne, in welchem unser Herr zum Samen Davids, oder zum Samen Abrahams, Isaaks und Jakobs gemacht worden, war er auch der Same Adams, durch Mutter Eva, doch, wie wir gesehen, frei von Erbsünde. "Des Weibes Same" steht 1. Mose 3:15 im Gegensatz zum "Samen der Schlange"; jedoch beweist die Stelle nicht etwa, dass Eva eines anderen Samens teilhaftig geworden wäre als des Samens ihres Gatten Adam. Hierin liegt, wenn wir recht sehen, die Erklärung des Titels "Sohn des Menschen".

Adam war als Anfang des Geschlechts, als dessen Vater geschaffen und bestimmt; aber infolge seines Ungehorsams verlor er die Fähigkeit, seiner Nachkommenschaft dauerhaftes Leben zu vermitteln. Aber die göttliche Verheißung erblickte schon von Ferne die Zeit, in welcher der Messias, Adams Natur gleich geworden, Adam und seine ganze Nachkommenschaft zurückkaufen würde. Adam war der Mensch, wie ihn Gott haben wollte, er war der Stammvater des Geschlechts, und sein war der Anspruch auf die Herrschaft über die Erde. So lesen wir Psalm 8:4-8: "Was ist der Mensch, dass du sein Gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du auf ihn acht hast? Ein wenig geringer hast du ihn gemacht als die Engel, und mit Herrlichkeit und Pracht hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrscher gemacht über die Werke deiner Hände: Schafe und Rinder alle und auch die Tiere des Feldes, das Gevögel des Himmels und die Fische des Meeres, was die Pfade der Meere durchwandert."

Dieses Anrecht auf die Erde und die Herrschaft über dieselbe ward verwirkt durch den Fall; bildet aber einen integrierenden Bestandteil des durch das große Sühnopfer zurückgekauften Gutes. Wie geschrieben steht (Micha 4:8): "Zu dir wird kommen, O du Herdenturm, (sogar) die frühere Herrschaft." So beruhte denn die Hoffnung der Welt, nach Gottes Anordnung, auf dem Kommen eines großen Sohnes und Erben Adams, eines großen Sohnes Abrahams, eines großen Sohnes Davids, eines großen Sohnes Marias. Doch setzt dies nicht voraus, dass das Leben dieses Sohnes von Adam, Abraham, David oder der Maria kommen sollte. Wie wir schon gesehen, galt nach göttlicher Staatsordnung, ein Schwiegersohn als Glied der Familie, berechtigt, ein verwirktes Eigentum an sich zu ziehen. (Ruth 4:1-6) Im Falle unseres Herrn stammte nur, wie wir gesehen, der menschliche Leib, nicht aber das Leben vom Menschen; das Leben stammte aus Gott und war dasjenige des vordem als der Logos bekannten Wesens.

Je mehr wir in der Schrift darüber nachforschen, um so deutlicher wird uns das Vorhergehende; denn wer griechisch kann, wird sich selbst von der Tatsache überzeugen können, dass der Herr, wenn er seinen hier besprochenen Titel braucht, ihm stets die Form "der Sohn des Menschen" gibt, wie sie in den verbesserten Bibel-Übersetzungen jetzt Aufnahme gefunden hat. Und unser Herr hat ein Anrecht auf diesen Titel. Wie Adam allein vollkommen, alle anderen seines Geschlechtes aber gefallen waren mit Ausnahme dieses einen Sohnes, der Adams Natur annahm, um der Rückkäufer all des von Adam verlorenen Besitzes werden zu können, so gebührte Jesu der Titel "Der Sohn des (vollkommenen) Menschen" sowohl, während er sein Rückkaufswerk ausführte, als nachdem er den Preis für die Erlösung des Geschlechtes vom Fluch, vom Todesurteil erlegt hatte. Gleicherweise gebührt ihm der Titel durch das ganze Evangeliums-Zeitalter hindurch, während dessen er seine Mitarbeiter an dem großen Wiederherstellungswerk heraus wählt, und wird ihm der Titel gebühren während seiner 1000-jährigen Herrschaft, wenn er als der (nun hoch erhöhte und zur göttlichen Natur gewandelte) Sohn des Menschen (Adam) sein Wiederherstellungswerk an dem von ihm zurückgekauften (ausgelösten) Besitztum hinausführen wird. - Eph. 1:14

"Der Mensch Jesus Christus" in den Augen der Ungläubigen

Nicht nur die überzeugten Nachfolger unseres Herrn Jesu Christi haben seine Weisheit und Güte anerkannt und bemerkt, dass er "voll war aller Fülle Gottes", sondern selbst seine Gegner erkannten ihn als den Durchschnitt der Menschheit weit überragend an. So lesen wir schon Luk. 4:22: "Und alle gaben ihm Zeugnis und verwunderten sich über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen", und Joh. 7:46: "Die Diener (des Hohenpriesters) antworteten: Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch". Pilatus auch war es leid, das Leben des edelsten Juden, den er je gesehen, zu zerstören; daher versuchte er als letztes Mittel, um Jesum zu retten, die Abneigung der Volksmenge, von der er sah, dass sie von den Schriftgelehrten und Pharisäern aus Neid und Missgunst ob des Herrn Volkstümlichkeit aufgeregt war, durch Erregung von Mitleid und Bewunderung zu brechen. Darum ließ er ihn schließlich noch vorführen und rief dann vor der Volksmenge bewundernd aus, "Sehet, welch ein Mensch!" als hätte er sagen wollen: Der Mann, dessen Kreuzigung ihr von mir fordert, ist nicht nur der hervorragendste aller Juden, sondern auch der hervorragendste unter allen Menschen! So spricht denn auch Johannes von der Erscheinung des Mensch gewordenen Logos: "Wir haben seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit." - Joh. 1:14

Hier möge das bekannte und oft angeführte Lob "des Sohnes des Menschen" und seiner Lehren, erhoben durch den französischen Philosophen Rousseau, seine Stelle finden:

"Wie unbedeutend sind doch die Bücher der Philosophen bei all ihrem Aufwand an Worten, im Vergleich mit den Evangelien! Können Schriften, die gleichzeitig so erhaben und einfach sind, Menschenwerk sein!? Kann Er, des Leben sie erzählen, nur ein Mensch gewesen sein? Finden wir an ihm Charakterzüge, die einem Enthusiasten oder einem ehrgeizigen Streben geziemen würden? Welche Zartheit, welche Reinheit bei all seinem Handeln! Welch eine rührende Milde bei all seinen Lehren! Welch eine Erhabenheit in seinen Grundlehrsätzen! Welch tiefe Weisheit in seinen Worten! Welche Geistesgegenwart, welch feine Schlagfertigkeit in seinen Antworten auf verfängliche Fragen! Welch Selbstbeherrschung! Wo ist der Mann, wo der Weise, der so zu handeln, zu leiden und zu sterben versteht, ohne Schwäche und ohne Gepränge? Meine Freunde, so etwas können Menschen nicht erfinden, und was von Sokrates berichtet wird, ist weniger gut bezeugt, als von Jesus berichtet wird, und doch zweifelt niemand daran. Niemals hätten jene Juden von sich aus diesen Ton getroffen oder so hoch sittlich gedacht. Und das Evangelium trägt so sehr und ausgesprochen und unnachahmlich das Gepräge der Wahrhaftigkeit, dass, wären seine Verfasser Lügner und Erfinder, sie noch wunderbarer wären als Er, den sie beschreiben."

Napoleon der Große soll einmal vom "Sohne des Menschen" folgendes gesagt haben:

"Von Anfang bis zu Ende ist Jesus der gleiche; ob erhaben oder einfach, unendlich streng oder unendlich mild, stets ist er derselbe. In seinem ganzen öffentlichen Leben ist nie ein Fehler an ihm gefunden worden. Die Klugheit seines Benehmens erwirbt sich unsere Bewunderung durch die wunderbare Verschmelzung von Kraft und Milde. In Wort und Tat ist er erleuchtet, konsequent und ruhig. Erhabenheit gilt als Eigenschaft der Gottheit; als was sollen wir denn ihn bezeichnen, in dessen Charakter sich alle Elemente der Erhabenheit zusammenfinden. Als Menschenkenner sage ich: Jesus war nicht ein Mensch! Alles an ihm setzt in Erstaunen. Er ist mit keinem anderen Wesen auf der Welt vergleichbar; er ist ein Wesen für sich. Seine Gedanken und seine Gefühle, die von ihm verkündete Wahrheit, seine Art im Umgang, all dies geht weit über Menschliches, Natürliches hinaus. Seine Geburt und sein Lebenslauf, die Tiefe seiner Lehre, welche alle Schwierigkeiten beseitigt oder befriedigend löst, sein Evangelium, dessen geheimnisvolle Eigenheit und Erscheinung, Einfluss und Ausbreitung durch alle Jahrhunderte und über alle Reiche dieser Welt: dies alles ist für mich ein Wunder, ein unergründliches Geheimnis. Ich sehe da nichts Menschliches. Je näher ich trete, je genauer ich untersuche, alles bleibt über jeden Vergleich erhaben, von einer Größe, die mich erdrückt. Umsonst denke ich darüber nach; alles bleibt unerklärlich! Nie werdet ihr auf ein Leben hinweisen können, wie seines gewesen ist."

Ja wohl, die Wahrheit ist für den natürlichen Menschen befremdlicher als alle Vorstellungen unserer Einbildungskraft, und der vollkommene Mensch Christus Jesus, gesalbt mit dem Geist des Allerhöchsten, war so verschieden von den gefallenen Wesen derjenigen Natur, die er annahm, um jene Wesen zu erkaufen, dass die Welt wohl zu entschuldigen ist, wenn sie fragt , ob er denn nicht mehr gewesen als ein Mensch. Und gewiss, er war mehr, viel mehr als ein gewöhnlicher Mensch, viel mehr als ein sündiger Mensch; er war eben abgetrennt von den Sündern, er war ein vollkommener Mensch und als solcher das vollkommene Ebenbild des unsichtbaren Gottes.

"Er hatte kein Ansehen, dass wir seiner begehrt hätten."

"Er ist wie ein Reis vor ihm aufgeschlossen, und wie ein Wurzelspross aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; und als wir ihn sahen, da hatte er kein Ansehen, dass wir seiner begehrt hätten. Er war verachtet und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, und wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt." - Jes. 53:2, 3

Man hat uns wegen dieser Stelle schon vermutet, dass die Bibel lehre, die Erscheinung unseres Herrn Jesus sei weniger angenehm gewesen als die anderer Menschen, und hat daraus geschlossen, die Bibel beweise, dass er nicht "abgesondert von Sündern" gewesen sei, sondern vielmehr mit Erbsünde und den körperlichen Nachteilen, die damit verbunden, behaftet gewesen sei. Wir können jedoch dieser Auslegung nicht zustimmen, weil sie allen anderen Zeugnissen der Schrift widersprechen würde, sondern sind im Gegenteil geneigt, diese Stelle mit den anderen Zeugnissen in Übereinstimmung zu bringen, wenn dies möglich ist, ohne dass dabei von der richtigen Methode beim Interpretieren abgewichen wird. Und wir halten dafür, dass dies in der Tat möglich ist und suchen es im Folgenden zu zeigen.

Ansehen, Schönheit, Schmuck bedeutete je nach den Idealen der Völker oder ein und desselben Volkes, aber unter verschiedenen Umständen, verschiedene Dinge. Das Schönheitsideal der Wilden zum Beispiel ist den Kulturvölkern ein Greuel. Der indianische Krieger, der sich rot und gelb bemalt, sich mit Muscheln behängt, gefärbte Federn aufsteckt und am Gürtel blutige Kopfhäute hängen hat, erscheint gewissen Wilden als Ideal. Der Faustkämpfer in seiner Zurüstung zum Wettkampf ist andern das Ideal der männlichen Gestalt, sofern sie in sogenanntem Sport von Belang ist. Wieder anderen erscheint der reich aufgeputzte Torreador (Stierkämpfer), welcher von der Menge bewundert und beklatscht wird, als die schönste männliche Erscheinung. So wechseln eben die Ideale je nach Zeit und Umständen. Da nun obige Schriftstelle sich auf die erste Gegenwart unseres Herrn Jesus bezieht, so bedeutet sie einfach, dass er damals dem Ideal nicht entsprach, das den Juden als Messias vorgeschwebt. Dies geht zur Evidenz hervor aus ihrem Betragen vor Pilatus. Diesem entrang die Erscheinung Jesu als ein bewunderndes "Seht, welch ein Mensch!"; jenen aber erschien er des Kreuzes wert, und sein Anblick machte sie rasend. "Kreuzige, kreuzige! Wir haben keinen König denn den Kaiser!"

Wir müssen uns daran erinnern, dass zur Zeit der ersten Gegenwart Jesu das jüdische Volk unter das Joch der Römerherrschaft gebeugt war, ja dass es schon seit sechs Jahrhunderten "von den Nationen zertreten war". Wir müssen ferner im Gedächtnis halten, dass die Juden auf Grund der Abraham, Isaak und Jakob zu teil gewordenen, von allen Propheten wiederholten Verheißungen hofften, Gott werde ihnen in zuvor bestimmter Zeit seinen Gesalbten schicken, einen größeren Gesetzgeber als Mose, einen größeren Feldherrn als Josua, einen größeren König als David, und dass gerade zu jener Zeit Israel jenen Messias erwartete, wie sie ihn sich vorstellten (und nicht Israel allein, sondern alle Menschen überhaupt, wovon die Berichte aus jener Zeit Zeugnis geben). Aber als ihnen nun Jesus von Nazareth als jener Messias verkündigt wurde, da war seine Erscheinung so ganz anders, als sie sich eingebildet hatten, dass ihre hochmütigen Herzen sich seiner schämten und sie ihr Antlitz vor ihm verbargen (ihm den Rücken kehrten), insbesondere die tonangebenden und vornehmen Leute, deren Führung sich das gemeine Volk anvertraute. - Luk. 3:15

Sie hatten einen großen Heerführer, einen großen König und einen großen Gesetzgeber in einer Person erwartet, ein achtungsgebietendes, hochfahrendes, ehrgeiziges, stolzes, eigenwilliges Wesen, jeder Zoll ein Gebieter, jedes Wort ein Befehl. Dies waren ihnen die unentbehrlichen Eigenschaften für einen König, der die Welt erobern und Israel zur herrschenden Nation machen sollte. Das stolze, anmaßende Wesen des von den Römern über sie gesetzten Königs Herodes, die Art der römischen Statthalter, Befehlshaber und subaltern Offiziere vor Augen, dachten sie sich, der Kaiser in Rom müsse alle diese Eigenschaften in noch höherem Grade besitzen, da er sich doch zum Herrscher über das Reich zu erheben vermochte. Das war nun ihr Maßstab, den sie an ihren erträumten Messias legten; der musste den Kaiser in Rom in seiner Art noch übertreffen, wenn er die noch größere Herrlichkeit der auf die Erde verpflanzten Gottesherrschaft würdig vertreten sollte.

Kein Wunder also, dass, bei solchen Erwartungen, sie nicht darauf vorbereitet waren, den sanft- und demütigen Nazarener anzuerkennen, der der Zöllner und Sünder Geselle war, und des einzige Waffe zur Eroberung der Welt das "Schwert seines Mundes" war. Kein Wunder denn, dass sie, als er ihnen als die Hoffnung Israels, als König der Juden, als Messias vorgestellt wurde, ihm den Rücken kehrten. Kein Wunder, dass sie sich in ihren seit langer Zeit gehegten, verkehrten Hoffnungen schmerzlich enttäuscht sahen. Kein Wunder, dass sie sich schämten, diesen Jesus als König der Juden anzuerkennen, und sagten: "Er hat nicht die Art Schönheit und Ehrfurcht gebietende Erscheinung, die wir wünschten; er ist nicht der Kriegs- und Staatsmann, der König, dessen wir bedürfen; er sieht gar nicht so aus, als ob er unseres Volkes lang gehegte Hoffnungen erfüllen könnte. Gleich einer ähnlichen Klasse unter jenen unserer Mitmenschen von heutzutage, die nach der zweiten Gegenwart des Messias Ausschau halten, zweifelten sie nicht daran, dass ihre auf den Überlieferungen der Alten beruhenden Erwartungen richtig seien, und unterließen es ehrlich und ernstlich in der Schrift zu forschen, welche sie "weise zur Errettung" gemacht haben würde.

Uns scheint es zweifellos, dass der Prophet diese Unerwünschtheit der Erscheinung, diesen Mangel an Schönheit, wie die Juden sie sich vorstellten, im Auge hatte. Es geht nicht an, die Weissagung so zu übersetzen und auszulegen, dass sie mit den historischen Tatsachen, die anerkanntermaßen ihre Erfüllung sind, im Widerspruch stünde, und ebenso mit den zahlreichen Stellen in Widerspruch geriete, in denen der Messias als ein reines Lamm Gottes, das der Welt Sünde hinweg nimmt, als heilig, ohne Fehl und Makel, als abgetrennt von Sündern bezeichnet wird.

"So entstellt war sein Aussehen."
- Jes. 52:14, 15 -

Hier wiederum hat eine fehlerhafte Übersetzung irrige Vorstellungen betreffend das Äußere unseres Herrn erzeugt, und doch haben selbst die oberflächlichsten Leser der Bibel, welche etwa Angesichter von Menschen gesehen, die die Spuren von Ausschweifungen, Krankheiten oder Unfällen trugen, sich nicht mit dem Gedanken befreunden können, dass unseres Herrn Antlitz und Äußeres überhaupt entstellter gewesen "als das irgend eines Menschen". Es ist klar, dass hier etwas nicht in Ordnung ist. Wie hätte sonst Pilatus ihn bewundernd dem Volke vorstellen, wie hätte sonst die Volksmenge ihn jubelnd als Sohn Davids begrüßen und mit dem Gedanken umgehen können, ihn gegen seinen eigenen Willen zum König zu machen!

Welch richtigeren und vorteilhafteren Begriff, der zudem mit dem Zeugnis der biblischen Geschichte und mit den Anforderungen, die unser Verstand mit Recht an ein heiliges, reines Wesen stellt, besser im Einklang steht, gibt uns die aus Jesaja zitierte Stelle, wenn wir sie so übersetzen, wie es die Elberfelder Übersetzung tut: "Gleichwie sich viele über dich verwundert haben (so entstellt war sein Aussehen, mehr als irgend eines Mannes, und seine Gestalt, mehr als der Menschenkinder), ebenso wird er viele Nationen in Staunen setzen." Wie seine Zeitgenossen überrascht waren, zu sehen, dass er sich mit Dornen krönen, ins Angesicht schlagen und speien, ans Kreuz nageln und durchbohren ließ, so haben sich spätere Geschlechter unter allen Nationen verwundert und werden andere sich noch wundern über die Geduld und Milde des, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich ertragen hat. (Hebr. 12:3) Dann fährt der Prophet (Jes. 52:15) fort: "Vor ihm werden Könige erstaunen; denn was ihnen (von anderen) nicht erzählt worden war, das werden sie (an Ihm) sehen, und was sie nicht gehört hatten, das werden sie verstehen." Nie haben die Großen der Erde von einem König gehört, der sich von seinen Untertanen solche Unwürdigkeiten freiwillig und um ihnen Gutes zu tun, gefallen ließ. Wahrlich, "seine Liebe ist größer denn die eines Bruders!" Kein Wunder, dass alle staunen werden - "zu seiner Zeit!"

Gleichwohl ist es unzweifelhaft, dass unseres teuren Erlösers Antlitz Spuren von Kummer trug, denn, wie wir gesehen haben, empfand sein mit tief wurzelndem Mitleid erfülltes Herz etwas von unseren Schwachheiten; und diese Spuren haben sicher immer mehr zugenommen bis zum Schluss seiner Aufgabe auf Golgatha. Je feiner ein Organismus und sein Empfindungsvermögen, um so schmerzlicher empfindet er Leiden. Der Anblick von Not, Krankheit, Leiden und Verkommenheit, gegen den wir uns mehr oder weniger abhärten infolge unseres eigenen Anteils an den Folgen des Sündenfalls und infolge unserer beständigen Berührung mit menschlichem Weh, musste dem Vollkommenen, Heiligen, Schuld- und Sündlosen viel, viel schmerzlicher sein. Dafür ein Beispiel aus dem alltäglichen Leben. Wes Empfindungsvermögen durch seine Umgebung, wie sie der Reichtum an irdischem Gut in jeder Hinsicht zu gewähren vermag, verfeinert worden ist, dem mag, wenn er die Armenquartiere einer großen Stadt besucht, beim Anblick der Verkommenheit, des Elends und des Schmutzes, beim Wahrnehmen übler Gerüche, beim Vernehmen wüsten Lärms, das Herz sich zusammen krämpfen und der Gedanke aufsteigen, wie schrecklich für ihn das Leben unter solchen Umständen wäre, wie der Tod ihm als Wohltat erscheinen müsste. Dann aber erblickt er vergnügt spielende Kinder, vernimmt er den Gesang einer Waschfrau nach der Arbeit, sieht er einen alten Mann zufrieden eine Zeitung lesen oder einen Knaben einem alten Musikinstrument liebliche Töne zu entlocken versuchen, und erkennt hieran, dass, wer an den Anblick des Elends, an übliche Gerüche und Lärm gewohnt ist, viel weniger darunter zu leiden hat, als wer von Kind auf an Besseres gewohnt ist.

Und dennoch gibt dies Beispiel nur einen unvollkommenen Begriff von dem Unterschied des, was der Herr beim Anblick der sündigen und leidenden Menschheit empfand, und was wir dabei empfinden. Als ein vollkommenes Wesen, das das Leben in himmlischer Herrlichkeit verlassen und sich selbst erniedrigt hatte, um der Menschheit Elend mitzuerleben, ihr sein Mitleid zu bezeugen und sie davon zu befreien, wie musste er da weit mehr als wir das Elend der seufzenden Kreatur empfinden. Was Wunder also, wenn die Last unserer Sorgen einen Schatten breitete über die Herrlichkeit und Schönheit seines vollkommenen Antlitzes? Was Wunder, wenn die Berührung mit der Not dieser Erde und sein freiwilliger Anteil an den Schwachheiten und der Krankheit der Menschen (der ihm, wie wir gesehen, seine eigene Lebenskraft kostete) tiefe Spuren auf sein Antlitz und Gestalt des Sohnes des Menschen prägte! Doch können wir keinen Augenblick daran zweifeln, dass seine Einheit und Gemeinschaft mit dem Vater, sein Erfülltsein mit dem heiligen Geiste und das Zeugnis seines eigenen Gewissens, dass er immer tat, was in den Augen des Vaters wohlgefällig war, dem Antlitz unseres Erlösers einen Ausdruck des Friedens verlieh, einen Ausdruck, in dem sich Freude mit Sorge, Unruhe mit innerem Frieden vermengte. Und die Kenntnis, die er von dem Plane des himmlischen Vaters hatte, muss ihn befähigt haben, sich seiner Leiden zu freuen. Wusste er doch, dass dieselben binnen kurzem nicht nur ihm selber zum Segen, sondern auch der ganzen Erde zum Heil ausschlagen würden.

Wenn also auch die Sorgen der Menschen einen Schatten breiteten über sein Äußeres, so zeigten doch sicher seine Gesichtszüge auch seinen Glauben und seine Hoffnung und machte der Friede von Gott, der über alles Verstehen hinausgeht, sein Herz fest und befähigte ihn, allzeit fröhlich zu sein, selbst mitten in den Leiden, die ihm das Widersprechen der Sünder verursachte.

"Der Vornehmste unter Zehntausend"

Dem sündigen, mit Neid und Hass erfüllten Herzen des gefallenen Menschen ist alles, was an Schönheit, Güte, Wahrheit und Liebe erinnert, zuwider; es sieht darin nichts Schönes, nichts Wünschenswertes; es ist ihm eine Untugend. Das bezeugte unser Herr mit kräftigem Ausdruck, indem er sagte: "Die Finsternis hasset das Licht, und wer von der Finsternis ist, kommt nicht zu dem Licht, weil das Licht ihre Finsternis offenbar macht." (Vergl. Joh. 3:19, 20) Eine weitere Bestätigung der Tatsache, dass ein böses Herz zuweilen eine herrliche, von Liebe erleuchtete Erscheinung hassen und verachten kann, sehen wir nicht nur in der Tatsache, dass unser teurer Erlöser in dieser Weise von denen verachtet wurde, die das "Kreuzige ihn!" über ihn schrieen, sondern auch an anderen Beispielen. Wir erinnern bloß an die verschiedenen Berichte über die Verfolgungen von Zeugen der Wahrheit und daran, wie wenig Eindruck es auf die grausamen Herzen der Verfolger macht, wenn die Märtyrer über ihre Martern hinwegsehen und für diejenigen beten konnten, die sie quälten. So bezeugt die Schrift von dem ersten christlichen Märtyrer Stephanus, dass sein Antlitz leuchtend und schön war wie eines Engels Angesicht. (Apg. 6:15) Aber infolge ihrer Herzenshärtigkeit konnten die Richter dieses Engelsangesicht, das freilich viel weniger engelgleich gewesen sein muss als das des Meisters, nicht lieben, konnten sie auf seine wundervollen Worte, die freilich weit weniger wundervoll gewesen sein müssen als die des großen Lehrers, nicht hören; vielmehr "stürzten sie einmütig auf ihn los und steinigten ihn" (Apg. 7:57, 58), wie sie vor Pilatus das "Kreuzige ihn!" über den Herrn der Herrlichkeit geschrieen hatten.

Ja, Er ist gleichwohl unserer Liebe wert, denn - "Alles an Ihm ist lieblich!" - Hohelied 5:16

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Studie 8

Der Übermittler der Versöhnung

Der heilige Geist Gottes

Die Wirksamkeit des heiligen Geistes, jetzt und im Millennium. - Die verschiedenartigen Bezeichnungen des heiligen Geistes, als "Geist der Liebe", "Geist der Wahrheit" 2c) - Im Gegensatz, "unheiliger Geist", "Geist des Irrtums", "Geist der Furcht" 2c) - Die Bedeutung des Wortes "Geist". - "Gott ist ein Geist". - "Der heilige Geist war noch nicht ausgegossen". - Gaben des Geistes. - Umwandlung Kraft des heiligen Geistes - Den Geist mit Maß oder ohne Maß besitzen. - Der "Geist der Welt", der Antichrist. - Der Kampf zwischen diesem und dem heiligen Geist. - Geistige Kämpfe innerhalb und außerhalb der Heiligen. - "Das Fleisch gelüstet wider den Geist". - Vom heiligen Geist gelehrt. - Der Parakletos oder der Tröster. - Er wird euch in alle Wahrheit leiten und zu völliger Versöhnung. - Dies Aufsichtsamt des heiligen Geistes hat fortgedauert, auch nachdem die Wundergaben aufhörten.

"Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes ... einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in welchem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selbst zeugt mit unserem Geiste, dass wir Kinder Gottes sind." - Röm. 8:14-14

"Und danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch." - Joel 2:28

Das große Werk der Versöhnung kann nicht richtig betrachtet und auch nicht klar verstanden werden, wenn dabei das Wirken des heiligen Geistes außer acht gelassen wird. Der heilige Geist hat viel mit dem Übermitteln der Versöhnung zu schaffen, indem, er dem Gläubigen nicht nur die göttliche Vergebung offenbart, sondern denselben auch zu völliger Herzensversöhnung mit Gott leitet. dem zeugenden Einfluss des heiligen Geistes (welchen Jesus anlässlich seiner Taufe, beim Antritt seines Lehramtes empfing) ist es zuzuschreiben, dass unser Herr Jesus imstande war, den göttlichen Willen, den richtigen Weg, d.h. den schmalen Pfad der Selbstaufopferung klar und deutlich zu erkennen und die überaus großen und köstlichen Verheißungen richtig zu würdigen, auch wenn deren Verwirklichung jenseits seiner Demütigung, seiner Schmerzen und seines Todes auf Golgatha stattfinden sollte. Durch den heiligen Geist also ist es unserem Herrn Jesu möglich geworden, sein großes Werk hinaus zuführen, indem derselbe ihn das tun lehrte, was dem Vater wohlgefällig und angenehm und für die Erlösung der ganzen Menschheit erforderlich war. In ähnlicher Weise wirkt der heilige Geist an der Kirche, an allen, welche die in dem großen Sühnopfer geoffenbarte Gnade angenommen haben und die, gestützt auf das Verdienst Christi, zum Vater gekommen sind, um sich ihm als lebendige Opfer darzubringen (wie es die im Evangeliums-Zeitalter dargebotene Berufung zur göttlichen Natur erfordert). Diese alle bedürfen der Hilfe und der Leitung des heiligen Geistes. Ohne dessen Besitz ist es keinem möglich, in das richtige Gemeinschaftsverhältnis mit dem Vater und mit dem Sohne zu gelangen, und ist auch keiner imstande, zu prüfen, "welches da sei der gute, annehmbare und vollkommene Wille Gottes", um ihn zu erfüllen. Nur unter der Leitung des heiligen Geistes ist es uns möglich, über den bloßen Buchstaben des göttlichen Zeugnisses hinaus zukommen zu einer vollen Würdigung all der köstlichen Dinge, welche Gott bereitet hat denen, die ihn lieben - Dinge, welche das menschliche Auge nicht sieht, die kein menschliches Ohr vernimmt, und die auch von keinem menschlichen Herzen verstanden und gewürdigt werden können. - 1. Kor. 2:9, 10

Die Wirkung des heiligen Geistes wird auch während des Millenniums eine nicht weniger wichtige sein, indem durch dieselbe die ganze Menschheit wieder in die göttliche Gemeinschaft und unter die Bestimmungen des Neuen Bundes gebracht werden soll, als Frucht des von unserem teuren Erlöser dargebrachten Opfers. Demgemäss hat uns der Herr schon durch den Propheten Joel (Joel 2:28, 29) kundgetan, dass, während in diesem Zeitalter sein Geist nur auf seine Knechte und Mägde kommen sollte, dieselbe "danach"" über die ganze Menschheit, "über alles Fleisch" ausgegossen werden wird. (Die Reihenfolge dieser Segnung ist in der erwähnten Weissagung gerade umgekehrt, sehr wahrscheinlich damit der Gegenstand bis zur rechten Zeit verdunkelt bleibe, auf dass so etwas von der Länge und Breite und Höhe und Tiefe des göttlichen Planes versteckt bliebe, bis zur Zeit, wo es erkannt und gewürdigt werden sollte.) Während des Millenniums wird dann der Fortschritt der Welt mit dem heiligen Geist völlig übereinstimmen. Und in dem Verhältnis, wie die Menschen mit diesem heiligen Geist in Einklang kommen, werden sie sich als des ewigen Lebens und damit auch der Freuden und Segnungen späterer Zeitalter würdig erweisen. Die Tatsache, dass der heilige Geist mit der verherrlichten Kirche am Werk der Segnung "aller Geschlechter auf Erden" mitwirken wird, bezeugt auch der Herr Jesus. Er zeigt uns die Herrlichkeit des Millenniums, wo die Wahrheit und Lebensgelegenheit fließen wird wie ein Strom, klar wie Kristall, und spricht: "Und der Geist und die Braut sagen: Komm! und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst." - Offb. 22:17

Das Amt und Wirken des heiligen Geistes ist aber seit Jahrhunderten von vielen Gläubigen unrichtig verstanden worden, und erst im Lichte der aufgehenden Sonne der Gerechtigkeit - im Lichte der Gegenwart des Menschensohnes - erscheint uns dieser Gegenstand in seiner ursprünglichen Klarheit und in voller Übereinstimmung mit all den verschiedenen diesbezüglichen Schriftzeugnissen. Die Lehre von der Dreieinigkeit, welche, wie wir gesehen, schon im zweiten Jahrhundert zu entstehen begann und sich im 4. Jahrhundert rasch und weit verbreitete, ist hauptsächlich schuld an der Finsternis, durch welche die Wahrheit dieses Gegenstandes so vielen Christenherzen zum Schaden verdeckt und sie in Verwirrung versetzt wurden.

Die heilige Schrift lehrt uns mit Bestimmtheit, dass der Vater und der Sohn in Absicht und im Handeln vollständig mit einander einig gehen, wie wir uns in vorhergehenden Kapiteln überzeugen konnten. Ebenso klar und bestimmt ist nun auch ihr Zeugnis in Bezug auf den heiligen Geist - dass derselbe nämlich nicht ein anderer Gott ist, sondern der Geist, der Einfluss oder die Kraft, welcher von dem einen Gott, unserem Vater, und von seinem eingeborenen Sohn ausgeht - in absoluter Einigkeit mit diesen beiden, die auch unter sich einig sind. Aber wie sehr verschieden ist doch diese Einigkeit zwischen dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist von derjenigen, welche die Trinitätsvertreter mit ungefähr folgenden Sätzen uns schildern: "In dem Einen Gott unterscheiden wir Drei Gottheitspersonen: den Vater, den Sohn und den heiligen Geist; und diese drei sind Ein Gott, von derselben Substanz, in Macht und Herrlichkeit einander gleich." Diese Lehre passt wirklich gut auf die finsteren Jahrhunderte, denen sie entsprang, und auf das Zeitalter, wo man Geheimnisse lieber anbetete als aufklärte. Wie könnten die drei eins sein in Person und Wesen, und wenn eins in Wesen, wie könnte man da noch von Sichgleichsein reden?! Muss nicht jeder intelligente Mensch sich sagen, dass, wenn Gott eins in Person, er also nicht drei sein kann? und dass, wenn es drei Personen sind, es sich dann nicht um Einheit der Person handeln kann, sondern dass da von Einigkeit in der Gesinnung, im Willen, in der Absicht, im Zusammenwirken die rede sein muss ? Wahrlich, wenn dieser trinitarische Unsinn nicht von Kind auf uns eingehüllt und nicht mit allem Ernst in den theologischen Seminaren von Fakultäten und von grauhaarigen Professoren (die sonst nicht unvernünftig sind) gelehrt würde, so hielte ihn wohl kein Mensch einer ernsten Betrachtung wert.

Wer die vorhergehenden Kapitel aufmerksam gelesen, hat sicherlich Schriftstellen genug gefunden, welche beweisen, dass es nur einen Allmächtigen Gott gibt - Jehova; und dass er seinen erst- und eingeborenen Sohn hoch erhöhte zu seiner eigenen Natur und zu seinem eigenen Thron des Universums, und dass als nächste Personen in Rangordnung und Herrlichkeit die Kirche, die Braut des Lammes (die Brüder und Miterben Jesu Christi) folgen. Diese "Brüder" Christi sollen seiner Herrlichkeit teilhaftig werden, so wie sie in diesem Zeitalter auch an seinen Leiden teilgenommen haben. Durch Nachdenken und Forschen wird man sich überzeugt haben, dass die ganze heilige Schrift mit obigem Zeugnis in vollem Einklang steht, und dass demgemäss keine demselben zuwiderlaufenden Schriftbeweise zu erbringen sind, und zwar weder direkte noch indirekte, weder tatsächliche noch scheinbare. Es steigt somit nun die Frage auf: Wer, wo, was ist der heilige Geist?

Lasst uns zur Beantwortung dieser Frage den gleichen Weg wandeln wie bisher! Gehen wir zum Gesetz und zum Zeugnis Gottes, um daraus die uns nötige Belehrung zu schöpfen! Sehen wir ab von jeder Menschenlehre! Befassen wir uns nicht mit Zweifeln und Grübeleien anderer auch noch so guter Leute, die nun gestorben oder noch unter uns leben; ebenso wenig lasst uns eigene Gedanken über solche Gegenstände haben. Erinnern wir uns an was der Apostel sagt: Das Wort des Herrn sei uns gegeben, "dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig geschickt." (2. Tim. 3:16, 17) Setzen wir unsere Zuversicht gänzlich auf den Herrn, und suchen wir, das zu verstehen, was Er uns bezüglich den heiligen Geist zu sagen hat, indem wir alle Schriftzeugnisse unter sich in Einklang bringen und dabei bedenken, dass die Wahrheit, aber auch nur die Wahrheit, eine solche Prüfung und Untersuchung aushalten wird. Wenn wir so handeln, sorgfältig und mit Gebet, so werden unsere Bemühungen sicherlich belohnt werden. Wer anklopft, dem wird die Tür des Verstandes geöffnet, und wer sucht, dem wird die Erkenntnis des heiligen Geistes geoffenbart werden. - Jes. 8:20; Matth. 7:7, 8




Der heilige Geist wird in der Schrift sehr verschiedenartig bezeichnet; und wenn wir unseren Gegenstand gründlich betrachten und verstehen wollen, so tun wir gut, wenn wir die verschiedenen Bezeichnungen sowohl zusammen als auch jede einzeln nach ihrer Bedeutung untersuchen. So lesen wir denn von dem "Geist Gottes", "dem Geist Christi", "dem Geist der Heiligung", vom "Geist der Wahrheit", dem "Geist des gesunden Sinnes". Oft wird er uns auch geschildert Als "der Geist der Freiheit", "der Geist des Vaters", der "heilige Geist der Verheißung", "der Geist der Sanftmut", "der Geist des Verstandes", "der Geist der Weisheit", "der Geist der Gnade", "der Geist der Herrlichkeit", "der Geist des Rates", "der Geist der Annahme", "der Geist der Weissagung".

Diese verschiedenen, oftmals wiederholten und abwechselnd gebrauchten Titel zeugen schon an und für sich selbst, dass sie alle auf den gleichen heiligen Geist sich beziehen; bei einigen Bezeichnungen ist das Wort "heilig" sogar noch besonders beigefügt, wie z.B. "der heilige Geist Gottes", oder "der heilige Geist der Verheißung" 2c) Wir müssen unseren Gegenstand nun so zu verstehen suchen, dass uns dabei keine dieser Benennungen zuwiderläuft, sondern dass sie alle miteinander übereinstimmen. Wollten wir an der gewöhnlichen Idee von einem Dritten Gott festhalten, so wäre uns das rein unmöglich. Klar und verständlich wird uns aber ein jeder dieser Ausdrücke, sobald wir dieselben als auf den Geist, die Gesinnung und die Kraft des einen Gottes und auch als auf den Geist, die Gesinnung und die Kraft Jesu Christi sich beziehend erkennen. Dass sie sich auf beide, den Vater und den Sohn zugleich beziehen können, kommt eben daher, dass die beiden in der Gesinnung und im Willen mit einander einig sind. Und in einem gewissen Grad ist dieser Geist auch der Geist, die Gesinnung aller derer, Engel oder Menschen, welche wirklich dem Herrn angehören - in dem Verhältnis als sie mit ihm eins geworden, mit ihm in Einklang gekommen sind.

Zum besseren Verständnis mag es hierbei manchem förderlich sein, zu wissen, dass in der Bibel häufig auch ein anderer Geist mit ganz entgegengesetzten Benennungen erwähnt wird, nämlich "der Geist der Furcht", "der Geist der Knechtschaft", "der Geist der Welt", "der Geist des Irrtums", "der Geist des Antichrists". Es wird nun wohl niemand annehmen wollen, dass diese verschiedenen Bezeichnungen zum Glauben an die Existenz von zwei oder mehr Satanen berechtigen; nein, jedermann gibt natürlicher- und richtigerweise zu, dass dieselben sich im allgemeinen auf den falschen Geist, auf den Geist, die Gesinnung und die Kraft Satans beziehen müssen, auf den Geist, der sich auch in allen Sünden- oder Satansdienern mehr oder weniger offenbart. Ebenso wenig glaubt man, dass mit diesen Benennungen persönliche Geister gemeint seien. Warum soll nun aber das gleiche Wort "Geist", wenn im guten Sinn gebraucht, verschiedene Geist-Wesen oder sogar einen anderen Gott bezeichnen? Wenn diese Benennungen zusammen betrachtet werden, so finden wir darin die Darstellung der verschiedenen Charaktereigenschaften der Gesinnung, des Geistes unseres Gottes Jehova, und in gewissem Grade des Geistes und der Gesinnung aller derjenigen, welche seinen Geist empfangen haben und dadurch der göttlichen Gesinnung teilhaftig geworden und mit dem göttlichen Willen in Einklang gekommen sind.

Wir finden absolut keinen Grund zu glauben, dass der heilige Geist ein anderer Gott sei, der sich in der Person vom Vater und vom Sohne unterscheide; ganz im Gegenteil können wir uns von der Tatsache überzeugen, dass es des Vaters Geist war, welcher unserem Herrn Jesu mitgeteilt wurde, wie denn auch geschrieben steht: "Der Geist des Herrn, Jehova, ist auf mir, weil Jehova mich gesalbt hat, um die frohe Botschaft zu verkündigen." (Jes.61:1; Luk. 4:18) Derselbe Gedanke liegt auch in vielen ähnlichen Stellen, wie z.B. in Jes. 11:2, 3, wo wir lesen: "Und auf ihm (auf Christo) wird ruhen der Geist Jehovas, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und Furcht Jehovas." Ähnlicherweise wird auch auf denselben Geist in Christo Bezug genommen als auf "den Geist Christi", die Gesinnung Christi: "Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christo Jesu war." - Phil. 2:5

Die Bedeutung des Wortes "Geist"

Bei der Untersuchung des Gegenstandes mag vielleicht manchem lieben Leser die Frage aufsteigen: Welcher Sinn, welche Bedeutung liegt denn eigentlich in den in der Schrift so oft vorkommenden Worten, "heiliger Geist"? Welche Eigenschaften oder welche Fähigkeiten des Charakters oder der Macht Gottes sollen mit dem Worte "Geist" dargestellt werden? Die beste bezügliche Antwort erhalten wir, wenn wir zuallererst die genaue Bedeutung des Wortes "Geist" untersuchen und dann dessen verschiedenartige Anwendungsweise in der heiligen Schrift näher prüfen.

1. Das Wort "Geist" im Alten Testament ist eine Übersetzung des hebräischen Wortes "Ruach". Die Grundbedeutung dieses Wortes ist "Wind". Im Neuen Testament entspricht das Wort "Geist" dem griechischen Pneuma, das seiner Wurzel nach ebenfalls Wind bedeutet. Hieraus soll nun ja niemand schließen, dass wir zu beweisen suchen, der heilige Geist sei ein heiliger Wind! Nein, nichts könnte unserem Gedanken ferner liegen als das! Wir möchten aber diesen dunklen Gegenstand, wenn möglich, so darstellen, dass beiden, Gelehrten und Laien, damit gedient ist. Wir beginnen deshalb mit der anerkannten Grundbedeutung dieses Wortes, um erfahren zu können, wie und warum dasselbe in Bezug auf unseren Gegenstand gebraucht worden ist.

Da der Wind sowohl unsichtbar als auch kraftvoll ist, so haben die beiden Wörter "Ruach" und "Pneuma" nach und nach einen allgemeineren Sinn angenommen, bis sie schließlich zur Bezeichnung irgend einer unsichtbaren Kraft oder eines unsichtbaren Einflusses gebraucht wurden, sei diese Kraft oder dieser Einfluss nun gut oder schlecht. Und da Gott seine Kraft durch "Mittler" ausüben lässt, die nicht im Bereich des menschlichen Auges liegen, so ist das Wort Geist immer mehr auf alle göttlichen Handlungen angewendet worden. Folgerichtig kam dieses Wort dann auch bei menschlichen Einflüssen in Anwendung, sofern dieselben unsichtbar sind. So wird z.B. der Odem d.i. die Kraft, durch welche ein Mensch zu leben vermag, der "Geist" des Lebens genannt, weil diese Kraft unsichtbar ist. Ähnlicherweise werden auch die unsichtbaren geistigen Kräfte wie z.B. das Fassungsvermögen, das Gedächtnis 2c) zusammengefasst in dem Ausdruck "der Geist des Verstandes". Das Leben an und für sich ist auch eine unsichtbare Kraft, und darum haben es die Alten auch oft mit Geist bezeichnet. Zur Bekräftigung des Gesagten lassen wir einige Beispiele von den verschiedenartigen Anwendungen des hebräischen Ruach und des griechischen Pneuma folgen:

Ruach wird im Alten Testament einige Mal mit Hauch, mehrere Mal mit Riechen, Verstand, Herz, oft auch mit Odem, und sehr häufig mit Wind und windig übersetzt. In jedem einzelnen Fall will das Wort eine unsichtbare Kraft oder einen Einfluss bezeichnen. In den folgenden Stellen haben wir einige Muster von den erwähnten Übersetzungsarten des Wortes Ruach:

"Und durch den Hauch deiner Nase türmten sich die Wasser." 2. Mose 15:8

"Alles (Fleisch), in dessen Nase ein Odem des Lebenshauches war." - 1. Mose 7:22

"Einen Odem haben sie alle, da ist kein Vorzug des Menschen vor dem Tier." - Pred. 3:19

"Und sie waren ein Herzeleid für Isaak und Rebekka." - 1. Mose 26:35

"Und Jehova roch den lieblichen Geruch." - 1. Mose 8:21

"Eine Nase haben sie und riechen nicht." - Psalm 115:6

"Gott ließ einen Wind über die Erde fahren." - 1. Mose 8:1

"Du Sturmwind, der du ausrichtest sein Wort." - Psalm 148:8

"Wie die Bäume des Waldes vor dem Winde beben." - Jes. 7:2

Im neuen Testament wird Pneuma (nebst Geist) mit Odem, geistlich und Wind übersetzt; z.B.:

"Dem Bilde des Tieres Odem zu geben." - Offb. 13:15

"Da ihr um geistliche Gaben eifert." - 1. Kor. 14:12

"Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen." - 1. Joh. 3:8

Lasst uns nun bei all dem bedenken, dass die verschiedenen Übersetzungen alle von Trinitariern (Dreieinigkeits-Gläubigen) gemacht wurden! Diese Übersetzungen sind ja alle recht, wir haben nichts dagegen einzuwenden, wir wollen sie aber als Beweise gelten lassen, dass die mit "Geist" übersetzten Wörter Ruach und Pneuma keine Persönlichkeit, wohl aber eine unsichtbare Kraft oder einen unsichtbaren Einfluss bezeichnen.

"Gott ist ein Geist."

2. "Gott ist ein Geist; d.h. er ist ein mächtiges aber unsichtbares Wesen. Gleicherweise werden auch Engel Geister genannt, weil auch sie den Menschen unsichtbar sind, es sei denn, dass sie sich durch Wunderkraft denselben für einige Augenblicke sichtbar machen. Unser Herr ist in seinem menschlichen Zustande nie als ein Geist bezeichnet worden. Seit er aber verwandelt und erhöht worden ist, lesen wir von ihm: "Der Herr aber ist der Geist" - ein mächtiges, unsichtbares Wesen. Der Kirche dieses Evangeliums-Zeitalters ist eine Naturverwandlung zur Gleichheit ihres Herrn verheißen, indem geschrieben steht: "Wir werden ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist." Von der Kirche heißt es darum hin und wieder, dass sie geistlich sei, und zwar in sofern, als sie mit ihrem Herrn im Einklang steht und von dem Geiste einer neuen, der geistigen Natur wieder gezeugt worden ist, unter der Versicherung, dass das vom Geiste Gezeugte in der Auferstehung auch vom Geiste geboren werden wird. In diesen Wendungen bezeichnet das Wort "Geist", wie wir lesen, Persönlichkeiten, Geistwesen. - 2. Kor. 3:17; 1. Joh. 3:2; Joh. 3:6

Dem Worte Geist wird im Ferneren auch die Bedeutung von "erzeugender Kraft" oder "Fruchtbarkeit" beigelegt. So lesen wir in 1. Mose 1:2: "Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern." Das will sagen, die Kraft oder der schaffende Wille Gottes erregte die Wasser und machte sie fruchtbar. Einen ähnlichen Sinn hat die Stelle: "Heilige Männer Gottes redeten, getrieben vom heiligen Geist." Mit anderen Worten, der heilige Einfluss oder die Kraft Gottes erregte ihren Verstand und erzeugte in ihnen solche Gedanken, wie Gott sie geoffenbart haben wollte. - 2. Petr. 1:21

Gleicherweise sind auch die von Mose zwecks Zubereitung der Stiftshütte ausgewählten, geschickten Arbeitsleute unter dem Einfluss der göttlichen Kraft gestanden, wodurch ihre natürlichen Fähigkeiten bedeutend gesteigert wurden, ohne dass sie dabei in irgend einem moralischen Sinne beeinflusst worden wären, so wenig wie die Wasser der großen Tiefe in moralischer Beziehung beeinflusst worden sind. So steht denn geschrieben: "Jehova hat mit Namen berufen Bezaleel, ... und hat ihn erfüllt mit dem Geiste Gottes in Weisheit, in Verstand und in Kenntnis und in jeglichem Werke; und zwar um Künstliches zu ersinnen, zu arbeiten in Gold, in Silber und in Erz, und im Schneiden von Steinen zum Einsetzen und im Holz schneiden, um zu arbeiten in jeglichem Kunstwerk; und zu unterweisen hat er ihm ins Herz gelegt, ihm und Oholiab; ... er hat sie erfüllt mit Weisheit des Herzens, zu machen jegliches Werk des Künstlers und des Kunstwebers und des Buntwirkers." - 2. Mose 35:30-35; 28:3; 31:3, 4

So hat Jehova Gott auch auf Mose und die Ältesten in Israel seinen Geist gelegt, d.h. sie mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet die Angelegenheiten Israels zu richten, die Ordnung aufrecht zu erhalten 2c) (4. Mose 11:17-26) Gleicherweise war der Geist Gottes mit Israels Königen, d.h. so lange dieselben dem Herrn gehorsam waren. Beachte z.B. die Geschichte Sauls (1. Sam. 11:6), und wie dieser, zur Regierung Israels gehörende Geist der Weisheit von Saul wich und auf David übertragen wurde, dessen Klugheit und Umsicht nachher besonders erwähnt wird (1. Sam. 16:13, 14). Anstatt des Geistes der Weisheit, des Mutes und Vertrauens geriet dann ein böser Geist über Saul, den ehemaligen Diener Gottes, ein Geist der Schwermut, der Niedergeschlagenheit, ein Geist des Misstrauens, der ihn zur Überzeugung brachte, dass der Herr ihn nicht mehr als seinen Vertreter auf Israels Thron anerkannte. Und dieser Geist des Trübsinns, der eine ganze Reihe böser Pläne in ihm erzeugte, sei "vom Herrn gewesen", sagt uns die Schrift. Das dürfen wir aber nicht so verstehen, als wäre dies der Geist des Herrn gewesen, sondern der Herr ließ es wohl zur Strafe zu, dass solch ein Schwermutsgeist über Saul geriet.

"Der heilige Geist war noch nicht gegeben."

Trotzdem die Bibel uns von manchen Offenbarungen des Geistes Gottes zu berichten weiß, die vor dem ersten Advent unseres Herrn Jesu stattgefunden haben, so war doch keine derselben gleich wie die Wirksamkeit und Offenbarung des Geistes in Christo von der Zeit seiner Taufe an bis zu seiner Kreuzigung und in der Kirche Christi seit dem Tage der Pfingsten bis heute - ganz an das Ende des Evangeliums-Zeitalters, wo der Lauf der Kirche vollendet und die erste Auferstehung fällig ist. Als Erklärung für diese Tatsache lesen wir: "Der Geist war noch nicht gegeben (ausgenommen unserem Herrn Jesus), weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war." - Joh. 7:39

Die Wirksamkeit des Geistes Gottes während dieses Evangeliums-Zeitalters ist eine ganz verschiedenartige von derjenigen früherer Zeiten, und diesen Unterschied erkennen wir am besten in den Ausdrücken "Geist der Sohnschaft", "Geist der Heiligkeit", "Geist der Wahrheit" und in ähnlichen Bezeichnungen. Wie wir schon gesehen haben, ist nach Adams Fall bis auf Christum kein Mensch mehr von Gott als Sohn angenommen worden. Den höchsten Titel erhielt Abraham, der Glaubensheld, welchen Gott seinen "Freund" nannte. Als aber der Logos "Fleisch ward", präsentierte er sich seinem Volke Israel, und "so viele ihn aufnahmen, denen gab er das Recht (die Gelegenheit) Kinder (Söhne) Gottes zu werden", und diese waren von Gott gezeugt - vom Geist gezeugt - um Geistwesen zu werden, gleichwie - "Was aus dem Geiste geboren ist, (ein) Geist ist." - Joh. 1:12, 13; 3:3-8

In diesem Sinne des Wortes ist der heilige Geist also nur dem Haus der Söhne zugesichert, und dieses Haus der Söhne war nicht bekannt, bis der "Geliebte Sohn" im Fleisch offenbar wurde und die Welt erkaufte, wobei er allen, die ihn aufnahmen, das Vorrecht gewährte, die Sohnschaft zu empfangen. (Gal. 4:5; Eph. 1:5) Wie uns der Apostel zu verstehen gibt, war diese Sohnschaft ursprünglich dem Volk Israel als Erbteil in Aussicht gestellt. Da sich aber in Israel die Zahl der zur Sohnschaft Bestimmten bei weitem nicht vorfand, so gefiel es Gott wohl (nachdem er den Überrest aus Israel gesammelt), die Nationen heimzusuchen, "um aus ihnen ein Volk zu nehmen für seinen Namen", damit sie als Söhne Gottes, Miterben Christi, aufgenommen würden. Und dies alles war von den Propheten zuvor erkannt und vorausgesagt. - Röm. 9:4, 29-33; Apg. 15:14

In welcher Hinsicht unterscheidet sich nun aber die Offenbarung der göttlichen Macht, des göttlichen Geistes oder Einflusses während des Evangeliums-Zeitalters von derjenigen in früheren Zeiten? Der Apostel Petrus beantwortet uns diese Frage, indem er uns versichert, dass die Würdenträger des Alten Bundes manches sagen und schrieben, was sie selbst nicht verstehen konnten, trotzdem sie durch des Geistes Wirken zum Weissagen veranlasst wurden. Gott gebrauchte sie als seine Diener, um Wahrheiten zu verkündigen, die zu ihrer Zeit noch nicht fällig waren, sondern welche durch das Wirken des gleichen heiligen Geistes oder der heiligen Kraft Gottes erst von uns, dem "Hause der Söhne", den vom Geist Gezeugten, verstanden werden sollten. Die Wirkung des Geistes war in den vergangenen Zeitaltern fast ausschließlich eine mechanische; in uns wirkt er hauptsächlich erklärend, erleuchtend und mitfühlend, indem er durch die in der Kirche verordneten Apostel und Lehrer den göttlichen Plan auslegen lässt, damit die Söhne imstande seien, "zu begreifen mit allen Heiligen die Breite und Länge und Höhe und Tiefe" der göttlichen Weisheit und Güte, wie sie in diesem Plan enthalten sind. Aus den Worten der Apostel können wir zudem mit Sicherheit schließen, dass nicht einmal die Engel (deren der Herr sich hin und wieder bediente, um mit den Propheten, den "Medien" des Geistes, zu verkehren) die Botschaften verstehen konnten, welche sie den Propheten zu überbringen beauftragt waren. Wir lesen nämlich:

"Über welche Errettung Propheten nachsuchten und nachforschten, die von der Gnade gegen euch geweissagt haben, forschend auf welche (Zeit) oder welcherlei (buchstäbliche oder symbolische) Zeiten der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete, als er von den Leiden, die auf Christum kommen sollten, und von der Herrlichkeit darnach, zuvor zeugte. Welchen es geoffenbart wurde, dass sie nicht für sich selbst, sondern für euch die Dinge bedienten, die euch jetzt verkündigt worden sind durch die, welche euch das Evangelium gepredigt haben durch vom Himmel gesandten heiligen Geist, in welche Dinge sogar Engel hinein zuschauen begehren." - 1. Petr. 1:10-12; 2. Petr. 1:21

"Verschiedenheiten von Gaben", derselbe Geist", "derselbe Herr", "derselbe Gott"

"Es sind aber Verschiedenheiten von Gnadengaben, aber derselbe Geist; und es sind Verschiedenheiten von Diensten, und derselbe Herr; und es sind Verschiedenheiten von Wirkungen, aber derselbe Gott, der alles in allem wirkt. Einem jeden (Glied der Kirche) aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben. Denn einem wird durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben, einem anderen aber das Wort der Erkenntnis nach demselben Geiste; einem anderen aber Glauben in demselben Geiste, einem anderen aber Gaben der Heilungen in demselben Geiste, einem anderen aber Wunderwirkungen, einem anderen aber Prophezeiungen, einem anderen aber Unterscheidungen der Geister; einem anderen aber Arten von Sprachen, einem anderen aber Auslegung der Sprachen. Alles dieses aber wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden insbesondere austeilend wie er will." - 1. Kor. 12:4-11

Hier sind einige von den Gaben aufgezählt, welche durch den heiligen Geist der Kirche anvertraut wurden; wir müssen aber scharf unterscheiden zwischen dem heiligen Geist selbst und den Gaben oder Offenbarungen, welche der Urkirche geschenkt wurden. So wie dieselbe die verschiedenartigen Gaben nicht dem Wirken verschiedener Geister, sondern eines und desselben Geistes zuschreiben sollte, so sollte sie sich auch nicht einen anderen Herrn oder Meister vorstellen, welchem sie diese Gaben zu verdanken hatte, sondern alles sollte dem einen, heiligen Einfluss zugeschrieben werden, der von dem einen Herrn ausging, dem Stellvertreter des einen Gottes über alle - Jehova. Nach Vers 5 und 6 wurden die verschiedenen Gaben also durch "Verschiedenheiten von Diensten" oder "Wirkungen" offenbar, und dass der Geist Gottes, der heilige Geist seine Wirkungsweise in der Kirche auch nachher noch änderte, geht aus der Tatsache hervor, dass manche von den erwähnten Gaben, die in der Urkirche allgemein waren, später ganz zurückblieben, wie es der Apostel auch voraussagte: "Seien es aber Prophezeiungen, sie werden weggetan werden, seien es Sprachen, sie werden aufhören." - 1. Kor. 13:8

Alle diese "Gaben" waren jedenfalls nötig zur Einsetzung der Kirche am Anfang dieses Zeitalters; sie wurden aber entbehrlich, sobald die Kirche eingeführt und der Kanon der inspirierten Schriften vollständig war, indem diese Schriften nach des Apostels Erklärung fortan genügten, um "weise zu machen zur Seligkeit" und um den Menschen Gottes vollkommen zu machen, "zu jedem guten Werke völlig geschickt." - 2. Tim. 3:15, 17

Es sind nun freilich nicht alle diese Gaben "weggetan" worden; auch dürfen wir das Aufhören der einzelnen Gaben keineswegs als Beweis gelten lassen, dass der Herr heute weniger mächtig wäre als vor fast 19 Jahrhunderten; noch auch dürfen wir daraus schließen, dass Gottes Kinder heutzutage weniger würdig seien und deshalb von ihrem Herrn weniger begünstigt werden. Im Gegenteil, wir sehen hierin bloß eine "Verschiedenheit der Wirkung", die uns bezeugt, dass die Kinder Gottes von heutzutage nicht mehr nötig haben, auf fast greifbare Weise belehrt und von ihrer Annahme zur Sohnschaft überwiesen zu werden, wie es bei der Urkirche der Fall war. Anstatt solcher auf wunderbare Art mitgeteilter Gaben scheint der Geist oder die Kraft Gottes nun in jedem einzelnen seiner geweihten Kinder zu wirken - bei den einen gemäß ihren natürlichen Eigenschaften, bei anderen mehr durch schon vorhandenen Diensteifer. Als Bestätigung hierfür finden wir, dass der Apostel in seinen letzten Briefen die Kirche ermuntert, hauptsächlich auf die Pflege und Entwicklung der geistigen Gaben, Kräfte und Fähigkeiten im und für den Dienst des Herrn, seiner Kinder und seiner Wahrheit bedacht zu sein.

Diese persönlich entwickelten Gaben sollen höher geschätzt werden als die auf wunderbare Weise mitgeteilten, das bezeugt selbst Paulus, indem er sagt: "Und einen noch vortrefflicheren Weg zeige ich euch"; "strebt nach der Liebe; eifert aber (pflanzet, pfleget) um die geistlichen Gaben, vielmehr (besonders) aber, dass ihr weissaget (öffentlich ausleget)". (1. Kor. 12:31; 14:1) Der Apostel hebt hervor, dass das "in anderen Sprachen Reden" bloß "ein Zeichen" sei, welches die Aufmerksamkeit der Ungläubigen auf die Kirche und ihre Bräuche lenken sollte. (1. Kor. 14:22) Er stellt diese "Gabe", die von einigen Brüdern in Korinth sehr hoch geschätzt wurde, als eine der "am wenigsten geistlichen" dar, indem durch sie dem Wachstum der geistigen Kirche wenig gedient werde und sie sich bloß im Verkehr mit der unbekehrten Welt einigermaßen nützlich erweise. Diese Gabe und auch andere ähnlicher Art sind denn auch schnell aus der Kirche verschwunden, nachdem letztere Wurzeln geschlagen und in der Welt Beachtung erlangt hatte.

Die "Früchte des Geistes" jedoch sollten mit immer größerer Sorgfalt gepflanzt und gepflegt werden, auf das sich daraus die köstlichste, die vollkommene Frucht der Liebe gegen Gott, gegen die "Brüder" und die mitfühlende Liebe gegen die ganze Menschheit entwickle. Als Früchte des Geistes nennt der Apostel: "Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit." (Gal. 5:22, 23) Wenn wir das Wort "Frucht" näher betrachten, so finden wir darin eine doppelte Bedeutung: Eine Frucht ist stets eine "Gabe", die aber bei ihrer allmählichen Entwicklung und Ausreifung auch der Pflege bedarf, also ein gewisses Maß von Arbeit erfordert. So verhält es sich mit den Gaben des Geistes: "Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Lichter." (Jak. 1:17) Aber solcherlei Früchte sind keine Wundergaben, sondern indirekte, allmählich sich entwickelnde Gaben, welche durch die Verheißungen des Vaters und durch das Wort unseres Herrn Jesu Christi (seiner Apostel und Propheten) in uns erzeugt werden. Und diese Gaben entwickeln sich in uns in dem Verhältnis, wie wir unsere Gedanken, Worte und Werke dem Wirken des Geistes vom Vater unterstellen, der uns wiedergezeugt hat, und durch den wir mehr und mehr zur Heiligkeit, zu einer heiligen Gesinnung erzogen werden sollen, nach dem Vorbilde des geliebten Sohnes Gottes, unseres Herrn und Erlösers. So werden die Getreuen unter dem Wirken des heiligen Geistes der Wahrheit zubereitet, um dann in der Ersten Auferstehung "vom Geiste geboren" zu werden (als Geistwesen), wie sie zur Zeit ihrer Weihung vom Geiste gezeugt wurden. Als vollkommen gemachte Geistwesen wird die Kirche dann die Erbschaft Gottes und Miterbschaft Christi unseres Herrn antreten und zur völligen Einigkeit und Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne gelangen, der als des Vaters Stellvertreter im Königreich das Haupt jedes Fürstentum und jeder Gewalt sein wird; und dann wird sie auch ganz erfüllt werden vom Geist des Vaters und des Sohnes - vom heiligen Geist.

Aus der vorhergehenden Betrachtung unseres Gegenstandes haben wir gesehen, dass derselbe Geist oder die gleiche Kraft des himmlischen Vaters, Jehova, welche die Schöpfung der Welt bewirkte, und die auf eine andere Art sich auch an seinen Knechten in der Vergangenheit offenbarte, in wieder anderer Weise an der Entwicklung der Kirche in diesem Zeitalter wirkt, indem sie die Kirche mit Gott in Einklang bringt und sie zubereitet, um als "Leib Christi" am Königreich teilzunehmen. Und es wird derselbe heilige Geist oder Einfluss Gottes sein, der während des Millenniums auf nochmals verschiedene Art und Weise durch Christum und seine verherrlichte Kirche an der Menschheit wirken wird, damit dieselbe mit dem König aller Könige und Herrn aller Herren und mit den Grundregeln der Gerechtigkeit in Einklang gebracht werde.

Nichts auf dieses Werk sich beziehendes macht die Existenz eines anderen Gottes in irgend einer Weise notwendig. Ganz im Gegenteil! Die Tatsache, dass es der eine Gott ist, welcher unter verschiedenen Umständen und Bedingungen und unter Anwendung verschiedener Mittel für die Verwirklichung seiner einen Absicht arbeitet, gibt uns um so sicheren Glaubensgrund, dass all seine guten Absichten verwirklicht werden, und dass, wie er erklärt, das Wort, das aus seinem Munde geht, nicht leer zu ihm zurückkehren, sondern durchführen werde, wozu er es gesandt. - Jes. 55:11

Göttlicher Wille, Einfluss, Geist, göttliche Kraft

Aus dem Vorhergehenden werden wir gewahr, dass die Ausdrücke "Geist Gottes" oder "heiliger Geist" gleichbedeutend sind mit göttlichem Willen, Einfluss oder Macht, welche überall und für solche Zwecke ausgeübt werden, die mit dem göttlichen Plan übereinstimmen; und da der göttliche Wille ein heiliger Wille ist, so muss natürlicher Weise auch die Wirksamkeit des heiligen Geistes eine heilige sein. Gott übt seinen Willen, seine Energie in verschiedener Weise aus, und er bedient sich auch verschiedener Vermittlungen um seine mannigfaltigen Resultate zu erzielen. Was der Herr aber irgend durch mechanische oder intelligente Vermittlung geschehen lässt, ist so sicher sein Werk, als wenn er selbst der direkte Täter wäre, indem jene Vermittlungen ja doch alle Erzeugnisse seiner Schöpfung sind. Unter Menschen sagt man ja auch, dieses oder jenes Gebäude sei von einem gewissen Baumeister erstellt worden, obgleich derselbe nie Hand angelegt hat. Es ist jedoch sein Werk, weil er es auch nach seinen Plänen, mit seinem Material und durch seine Arbeiter hat erstellen lassen.

Wenn wir zum Beispiel lesen, "Jehova Gott machte Himmel und Erde" (1. Mose 2:4), so glauben wir doch nicht, dass er persönlich dazu Hand anlegte. Er bediente sich verschiedener Vermittlungen, denn "er sprach, und es war; er gebot, und es stand da" - er gab Befehle, und sie wurden schnell ausgeführt. (Psalm 33:6, 9) Die Schöpfung war auch nicht in einem Augenblick vollendet, denn wir lesen, dass sie gewisse Zeit in Anspruch nahm - sechs Tage oder Zeiträume. Und während uns bestimmt gesagt wird, dass "alle Dinge vom Vater" sind - Erzeugnisse seiner Energie, seines Willens oder Geistes - so wissen wir doch ebenso bestimmt, dass jene Energie durch seinen Sohn, den Logos, ausgeübt wurde, wie wir auch schon früher gesehen.




Die Wirksamkeit der sinnesändernden Kraft des heiligen Geistes, die während dieses Zeitalters die Gläubigen zur völligen Versöhnung mit ihrem Gott geführt hat, ist eine tiefere und deshalb weniger leicht verständliche als die Wirksamkeit der in 1. Mose 1:2 erwähnten Kraft Gottes. In der Schöpfung erstreckte sich die wirkende Kraft Gottes auf gefühllose Gegenstände (Himmel und Erde), während sie in diesem Zeitalter mit dem Verstand, dem freien Willen des Menschen zu tun hat.

Im Lichte der heiligen Schrift betrachtet verstehen wir unter dem heiligen Geist:

a) Die in irgend einer Weise ausgeübte Kraft Gottes; da deren Ausübung aber stets den Grundregeln der Gerechtigkeit und Liebe entspricht, so ist sie folglich stets eine heilige Kraft.

b) Diese Kraft kann eine Lebenstätigkeit, eine physikalisch erschaffende Kraft oder eine Gedanken erregende, inspirierende Kraft sein, oder auch eine erweckende, Leben gebende Kraft, wie sie sich bei der Auferstehung unseres Herrn offenbarte und sich bei der Auferstehung der Kirche, seines Leibes, offenbaren wird.

c) Die zeugende, sinnesändernde Kraft der Erkenntnis der Wahrheit - in dieser Hinsicht als "der Geist der Wahrheit" bezeichnet. Gottes Wege entsprechen immer seiner eigenen Gerechtigkeit und Wahrheit, deshalb wird Gottes Wort, durch welches uns Gott Absichten und Wege geoffenbart werden, auch die Wahrheit genannt - "Dein Wort ist die Wahrheit". So wird von allen, die unter den Einfluss des göttlichen Planes der Gerechtigkeit und Wahrheit kommen, richtigerweise gesagt, dass sie unter dem Einfluss des Geistes der Wahrheit stehen; mit anderen Worten, sie sind durch die Wahrheit zur Neuheit des Lebens gezeugt worden.

Der Vater zieht die Sünder zu Christo, indem er ihren Verstand erleuchtet, sie von ihrer Sündhaftigkeit überzeugt und in ihnen das Bedürfnis eines Erlösers erweckt. Diejenigen nun, welche Christum als ihren Heiland und Mittler annehmen und sich durch Christum völlig ihrem Gott weihen, werden von Gott Gezeugte genannt. Sie sind durch das Wort der Wahrheit, durch den Geist Gottes zu einem neuen Leben gezeugt worden. Wenn die "Gezogenen" mit den göttlichen Bedingungen und Geboten in Einklang gekommen sind, dann betrachtet Gott ihre Weihung als vollkommen; er übersieht dabei die Schwachheiten des Fleisches, indem er sie mit dem Rock der Gerechtigkeit Christi - der Rechtfertigung durch den Glauben - bekleidet und sie als "neue Kreaturen in Christo Jesu" annimmt, deren Verlangen es dann ist, sich durch den Geist in alle Wahrheit führen zu lassen und unter jenem heiligen Geist oder Einfluss zum völligen Gehorsam, zur Selbstaufopferung bis in den Tod zu gelangen. Von solchen erklärt die Schrift, dass sie "den Geist der Sohnschaft" empfangen haben, weil Gott durch Christum mit ihnen als mit Söhnen einen Bund schließt. Und wenn sie im Geiste der Wahrheit bleiben, so will ihr Vater laut seiner Verheißung dafür sorgen, dass alle Dinge, alle Angelegenheiten des Lebens, zu ihrem Besten dienen sollen: damit der Geist der Gerechtigkeit, der Wahrheit, des Friedens und der Freude immer mehr sich in ihnen entwickle; und in dem Verhältnis, wie sie im Gehorsam gegen den Geist der Wahrheit fortschreiten, wird sich auch der heilige Geist in ihnen mehren. Daher die Ermahnungen: "Seid erfüllt mit dem Geist", "wandelt nach dem Geist", "lasset den Geist Christi reichlich in euch wohnen, und ihr werdet weder träge noch fruchtleer sein" 2c) Der heilige Geist, welcher in dem Gläubigen mit dem Zeitpunkt seiner völligen Weihung an den Herrn zu wirken beginnt, ist derselbe heilige Geist oder Einfluss vom Vater, der in unserem Herrn Jesu Christo wirksam war, deshalb wird er auch "der Geist Christi" genannt, und wir werden versichert, dass wer irgend Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. - Röm. 8:9

Den Geist "mit Maß" und "ohne Maß" besitzen

Unser Herr Jesus wurde bei seiner Taufe, seiner Weihung, durch den Geist gezeugt, und so werden auch die Glieder seines Leibes, seine Kirche, wie wir gesehen haben, bei ihrer "Taufe in seinen Tod", d.h. zur Zeit ihrer völligen Weihung "gezeugt". Aber da müssen wir nun beständig einen Unterschied machen. Christus, das Haupt der Kirche, empfing nämlich den heiligen Geist ohne Maß, in unbeschränktem Maß (Joh. 3:34), während seine Nachfolger denselben bloß in beschränktem Maß in sich aufnehmen können. Ein gewisses Maß des Geistes wird freilich jedem Glied seines "Leibes" ausgeteilt. (1. Kor. 12:7; Röm. 12:3) Die Ursache dieses Unterschiedes liegt auf der Hand: Christus, unser Herr, war ein vollkommener Mensch, während wir, seine Nachfolger, obwohl durch den Glauben gerechtfertigt, in Wirklichkeit sehr unvollkommen sind. Der vollkommene Mensch konnte als Gottes Ebenbild in völliger Harmonie mit Gott und seinem Geiste der Heiligkeit leben, und zwar in jeder und in allen Einzelheiten; aber für uns ist durch den Sündenfall diese Gemeinschaft und Eintracht gestört worden, und je tiefer die Entartung eines Menschen, desto größer auch seine Entfernung von Gott. Obwohl es nun Pflicht und Vorrecht eines jeden Gläubigen ist, den Willen seines himmlischen Vaters möglichst gründlich erkennen und tun zu suchen und demselben in keiner Weise zu widerstehen, so ist doch kein Glied des gefallenen Geschlechtes imstande, den Geist des Herrn in unbeschränktem Maße zu empfangen - in ungetrübte Harmonie mit Gott zu kommen. Unter denen, welche glauben und sich selbst weihen, finden wir den Geist der Sohnschaft denn auch in recht ungleichem Maße ausgeteilt, indem dieses Maß einerseits von dem Grade unserer Gesunkenheit, anderseits aber auch von dem seit unserer Geisteszeugung erlangtem Maß der Gnade und des Glaubens abhängig ist. Je gründlicher wir unsere eigenen Unvollkommenheiten erkennen und gestehen, je völliger wir uns dem Herrn weihen, und je eingehender wir seinen Willen in seinem Worte studieren, um denselben in unseren Lebensangelegenheiten zu berücksichtigen, desto größer ist auch das Maß des heiligen Geistes, das der Herr uns anvertraut, und desto schneller gelangen wir infolgedessen zu einer tiefen Erkenntnis des göttlichen Planes und zu inniger Übereinstimmung mit all dessen Einzelheiten.

Im gleichen Verhältnis, wie die geweihten Gläubigen dem Herrn sich übergeben und, ihren eigenen Willen nicht beachtend, auf Gottes Wegen zu wandeln suchen, werden sie "vom Geist geleitet", "vom Geist gelehrt" und können sie "dem Herrn dienen in Neuheit des Geistes". Wenn sie nun in dieser Leitung und Belehrung beharren wollen, so müssen sie "den Geist der Sanftmut" besitzen (Gal. 5:22, 23; 6:1), "auf dass der Gott unseres Herrn Jesus Christi, der Vater der Herrlichkeit, euch (ihnen) gebe den Geist der Wahrheit und Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst, damit ihr (sie), erleuchtet an den Augen eures Herzens, wisset; welches die Hoffnung seiner Berufung ist und welches der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen." - Eph. 1:17, 18

In all den verschiedenen Darstellungen des Werkes des heiligen Geistes, die irgend dem aufmerksamen Bibelforscher begegnen können, finden wir also nirgends die Notwendigkeit eines anderen Gottes; ganz im Gegenteil. Ein richtiger Begriff von dem einen Gott wird jeden Gläubigen zu der Erkenntnis leiten, dass seine unbeschränkte Macht zur Verwirklichung seines Planes vollständig hinreicht, und dass derjenige, welcher Israel zurufen ließ: "Höre, O Israel, Jehova, dein Gott ist ein einiger Gott", nicht auf andere Hilfe angewiesen ist. Und wenn diejenigen, welche behaupten, es sei ein anderer Gott nötig, um alle sich auf das Wirken des heiligen Geistes beziehenden Angelegenheiten zu besorgen, nur ein wenig konsequent sein wollen, dann müssen sie mit der gleichen Entschiedenheit behaupten, dass es viele persönliche Geister oder Götter gebe: einen Geist der Sohnschaft, einen Geist der Sanftmut, einen Geist Christi, einen Geist vom Vater, einen Geist der Liebe, einen Geist der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit, der Heiligkeit, einen Geist der Erkenntnis, einen Geist der Gnade - für jedes "Departement" einen besonderen Gott. Der Apostel erklärt aber, dass alle diese Wirkungsverschiedenheiten auf den einen Geist des einen, allmächtigen Jehovas zurückzuführen sind.

Der Geist der Welt - Geist des Antichrists

Der Geist der Welt ist das Gegenteil vom Geiste Gottes. Da die ganze Welt in einem gefallenen Zustande sich befindet und dem blendenden und verführerischen Einfluss des Widersachers unterworfen ist, so muss ihr Geist, ihre Gesinnung, infolgedessen in beständigem Widerspruch mit dem heiligen Geist, den er seinen Kindern durch sein Wort schenkt, und mit all den heiligen Einflüssen, die sich in so verschiedener Weise an denselben geltend machen. So wie Satans Geist der Selbstsucht, des Hasses, des Neides und Zankes in den Kindern der Welt tätig ist und sie regiert, so wirkt der heilige Geist Gottes, der Geist der Liebe, der Freundlichkeit, der Sanftmut, der Geduld in den Kindern Gottes. Und diese beiden, der Geist oder die Gesinnung der Liebe und Güte einerseits, der Geist oder die Gesinnung der Selbstsucht und Bosheit anderseits, stehen in fortwährender Zwietracht, sie sind gänzlich unvereinbar.

Die Schrift nennt den in der Welt dem heiligen Geist entgegen wirkenden Geist unter anderem auch den "Geist des Antichrists" - einen Geist, eine Gesinnung, die Christo entgegenwirkt. Auf das erste ist es das Bestreben dieses Geistes, Christum gänzlich zu leugnen, zu bestreiten, dass ein solcher je auf dieser Erde wandelte. Gelingt ihm das nicht, so sucht er Christum als einen gewöhnlichen, sündigen Menschen darzustellen, der kein besonderes Werk getan habe und auch bloß unser Vorbild sei, in keiner Hinsicht unser Erlöser. So ermahnt uns denn die Schrift, "zu prüfen die Geister" - die Lehren, die sich uns darbieten, behauptend, sie seien von dem Geist der Wahrheit ausgegangen. Wir sollten dieselben nicht nach ihrem Schein und ihren Behauptungen prüfen, sondern an dem Worte Gottes. "Geliebte, glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind. . . Erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums." - 1. Joh. 4:1, 6

Heilige und unheilige Einflüsse in gegenseitigem Kampf

Gottes Charakter-Vollkommenheiten bilden den Maßstab, die Richtschnur, für die Heiligkeit, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit all seiner Geschöpfe. Jedes Ding, jede Kreatur, die mit dieser Richtschnur nicht übereinstimmt, ist unheilig, unwahr und ungerecht. Diese widerlichen Einflüsse werden sehr oft dem Satan zugeschrieben, denn er ist Gottes Erzfeind, der erste Verschwörer gegen die göttliche Gerechtigkeit, der Urheber des Irrtums, der "Vater der Lüge" und des Betruges. Wir müssen aber böse Geistwesen sehr wohl von bösen geistigen Einflüssen zu unterscheiden wissen, gerade so wie wir auch zwischen heiligen Geistwesen und heiligen, geistigen Einflüssen einen großen Unterschied machen. Unter den Gebildeten, welche die Bibel vernachlässigen oder zu kritisieren sich erlauben, herrscht vielfach die Neigung vor (als Folge der Fortentwicklungslehre), die Persönlichkeit Satans und der mit ihm verbundenen bösen Geister zu leugnen (Eph. 6:12) und zu behaupten, es gebe überhaupt keine bösen Einflüsse als solche, der Mensch kämpfe bloß gegen die Unkenntnis und Missleitung seiner eigenen guten Eigenschaften. Andere sind (im Irrtum) noch weiter vorgerückt, noch höher gebildet (in Unwahrheit) und noch mehr von (fälschlich sogenannter) Weisheit erfüllt, so dass sie zum Schluss gelangen, es gebe auch keinen persönlichen Gott, sondern bloß "gute Einflüsse", die der Mensch ererbe, und die nach und nach bis zur Vollkommenheit sich entwickeln können.

Wir aber beachten die Aussprüche Gottes - sein Wort, von welchem der Apostel erklärt, es sei imstande, "weise zu machen zur Seligkeit", und wir haben darin auch einen Born von Licht und Leben und von heiligem Geist der Wahrheit gefunden, mit dem die menschlichen Lehren und Lichtlein bei weitem den Vergleich nicht aushalten. Das Wort zeigt uns Gott als einen Geist (ein Geistwesen) dessen Geist oder Einfluss stets mit seiner Gerechtigkeit übereinstimmend wirkt; es sagt uns ferner, dass alle, welche in Harmonie und in Versöhnung mit Gott gelangen wollen, seinen Geist der Heiligkeit besitzen müssen. Das Wort schildert uns den Eingeborenen Sohn, in welchem die Fülle des göttlichen Geistes wohnt; es erzählt uns von Engeln, die keinen anderen Willen haben als den heiligen Willen oder Geist des Vaters, und von einer Herauswahl aus den Menschen, welche ein gewisses Maß von dem Geist oder der Gesinnung ihres Hauptes besitzen (sonst gehörten sie ihm nicht an), und deren Bestreben es ist, immer mehr mit diesem Geist der Heiligkeit erfüllt und dafür von allen unheiligen Neigungen und Einflüssen befreit zu werden.

Das Wort lehrt aber ebenso bestimmt, dass auch Satan ein Geistwesen ist und einen Geist, eine Gesinnung, eine Neigung besitzt, die aber unheilig und böse ist, und dass auch er seinen unheiligen Geist oder Einfluss durch verschiedene Mittel und Agenten geltend macht. Die gefallenen Engel, die ebenfalls Geistwesen sind, mussten von Gott verworfen werden, weil sie ihren Geist der Heiligkeit verloren und Gott und seinen gerechten Gesetzen den Gehorsam verweigerten. So sind auch sie unheilige Geister geworden, d.h. sie besitzen einen unheiligen Geist oder Sinn und suchen diesen ihren bösen Geist oder Einfluss wirken zu lassen, wo irgend sich ihnen Gelegenheit bietet. (siehe "Was sagt die heilige Schrift über Spiritismus?") Und die durch Adam gefallenen Menschen sind Sklaven der Sünde geworden. Die einen sündigen willentlich, weil sie darin Gefallen und Vergnügen finden, andere sündigen unfreiwillig und empfinden ein gewisses Sehnen nach Gott, alle aber sind vom Widersacher verblendet und betrogen, alle werden vom Geist des Irrtums regiert.

Die Menschheit - der Verstand oder die "Herzen" der Menschen - bildet den Kampfplatz, wo der heilige Geist des Lichtes, der Liebe, der Gerechtigkeit, der Wahrheit, der Heiligkeit, der Geist Jehovas und seines Sohnes (als der Erlöser der Menschen) streitet mit dem bösen Geist Satans, dem Geist der Sünde, der Finsternis, der Lüge, des Hasses, der Bosheit 2c) Von den ersten Eltern unter die Sünde verkauft, sind alle Angehörigen des Menschengeschlechtes "der Sünde Sklaven" geworden - infolge der vererbten Schwächen und Gebrechen (Röm. 5:12, 21; 6:16-23; 7:14; 8:20, 21). In diesem Zustande der Gefangenschaft sind sie verblendet worden von dem Gott (dem Fürsten) dieser gegenwärtigen argen Welt, indem derselbe Böses als gut und Finsternis als Licht darzustellen suchte. - 2. Kor. 4:4; Eph. 6:12; Jes. 5:20

Die größte Mehrzahl der Menschen sind auf solche Weise verwirrt und verführt worden, und dadurch wurde das "Bösestun" immer leichter, das "Gutestun" aber je länger je schwieriger. Zeitliche, irdische Vorteile gewährt der Satan größtenteils nur solchen, die sich seinem Geist, seinem Einfluss unterstellen, und darum begreifen wir, wie er sich solch allgemeine Gewalt aneignen konnte - die große Masse hält er durch Unwissenheit im Zaume, die Intelligenten und Gebildeten durch Stolz und durch Selbstsucht, 2c)

Der Kampf hat nicht vor dem ersten Kommen unseres Herrn begonnen, denn der Geist der Wahrheit kam auf unseren Herrn Jesus zuerst, und am Tage der Pfingsten dann auch auf seine Kirche. (Der Kampf des Gesetzes der Gerechtigkeit war auf das kleine Volk Israel beschränkt und, wie Gott es voraussah, "konnte das Gesetz nichts vollkommen machen" - kein einziger konnte in diesem Kampfe obsiegen und das wurde auch von keinem erwartet, sondern Christus Jesus sollte dadurch als der alleinige Gesetzeserfüller und als Mittler der göttlichen Barmherzigkeit offenbar werden. Nebenbei diente es dem Volke zur Erziehung, d.h. es wurde "ein Überrest" aus dem Volke durch Hinweisung auf Christum für die Heilszeitordnung des Geistes vorbereitet) In der Welt war es finster, als unser Herr Jesus als das Licht der Welt erschien, erfüllt mit dem Geiste Gottes, dem Lichte der göttlichen Wahrheit; da hat aber sofort der Kampf angefangen und ist seit Pfingsten auch weitergeführt worden, freilich nicht von den Namenkirchen, sondern von den Vertretern des wahren Lichts, den wahren Gliedern des Leibes Christi, den Besitzern seines heiligen Geistes. Der Kampf konnte nicht eher beginnen, indem kein Glied des Menschengeschlechtes ein Gefäß des heiligen Geistes sein konnte; keiner war tauglich als Gottes Gesandter und "Streiter des Kreuzes" Gerechtigkeit und Wahrheit zu vertreten, denn - "sie sind allzumal Sünder". Vor allem aus musste eine Versöhnung für die Sünden der Menschheit gebracht werden, bevor der heilige Geist überhaupt irgend eine Mission in den Menschen zu besorgen bekam, bevor irgend etwas zu erkämpfen war. Wenn die Menschen als Feinde der Gerechtigkeit zum Tode, zur ewigen Vernichtung verurteilt waren, wozu dann noch ein Kampf für die Verurteilten? Warum hätten sie zur Gerechtigkeit angehalten werden sollen, wenn ihnen doch keine Belohnung für ihre Anstrengungen hätte in Aussicht gestellt werden können? Darum ist denn auch richtigerweise das Lösegeld zuerst bezahlt worden, und es war ein Beweis dafür, dass der Vater jenes Lösegeld angenommen hatte, dass der heilige Geist allen denen gegeben wurde, die durch Christum als Söhne in Gottes Familie aufgenommen wurden.

Manch einer könnte hier nun einwenden, so lange der Kampf nun schon gewährt habe, sei der Erfolg stets gegen den heiligen Geist der Bosheit gestanden - ist doch infolge natürlicher Vermehrung die Zahl der Sündenklaven weit größer als zur Zeit, da der Kampf begann! Ja, sie wächst sogar viel schneller als die Zahl der bloßen Namenchristen, obgleich der Kampf nun schon 19 Jahrhunderte lang fortgedauert!

Sogar bei unserem Herrn Jesus selbst hat der Geist der Bosheit so weit über den heiligen Geist triumphiert, dass Jesus an das Kreuz geheftet wurde; gleicherweise hat er auch über all die getreuen Glieder des Leibes Christi triumphiert, indem es ihm stets gelang, dieselben so zu verleumden und zu plagen, wie es die Zeitverhältnisse, der Ort und die Umstände zuließen. Der Zweck dieser Angriffe des Geistes der Bosheit und seiner Gehilfen auf den Geist der Heiligkeit und dessen Getreue ist immer derselbe gewesen, nämlich den Einfluss des Geistes der Wahrheit zu dämpfen, zu untergraben, das Heilige als unheilig, den Reinen und Selbstlosen als gemein und selbstsüchtig erscheinen zu lassen, und dafür Finsternis als Licht darzustellen. Die Diener der Unheiligkeit sind es oft nicht einmal gewahr, was sie tun: sie sind mit dem Geist der Bosheit, dem Geist des Hasses, des Neides, des Zankes so betrunken und verblendet, dass "sie nicht wissen, was sie tun", ja, dass sie oft noch glauben, "Gott einen Dienst zu tun". Warum denn dieses beständige Unterliegen auf Seiten des heiligen Geistes? Soll das immer fortdauern?

Um diese Einwendung richtig zu beantworten, brauchen wir bloß auf den Umstand aufmerksam zu machen, dass die "Niederlage" des heiligen Geistes immer eine scheinbare und nie eine wirkliche gewesen ist. Inder Tat hat der Geist der Heiligkeit fortwährend gesiegt, so lange der Kampf gewährt; und seine zweifache Mission ist immer prompt erfüllt worden.

1. In den Kindern Gottes ist der heilige Geist stets mit Erfolg wirksam gewesen, und zwar je nach dem Grade ihrer Weihung und ihres Eifers für Gott und seine Gerechtigkeit; wenn der Geist der Bosheit, der in der Welt ist, dabei auch seine Übermacht offenbaren wollte, so durfte daraus doch nur Gutes für die Kinder Gottes hervorgehen, denn gerade dadurch hatten sie Gelegenheit, ihren Charakter zu entwickeln und Gott gegenüber Treue zu beweisen, indem es unter gegenwärtigen Verhältnissen immer noch zutrifft, dass, wer irgend gottselig leben will in dieser Zeit, Verfolgung leiden muss; der muss es, wie sein Meister, geduldig hinnehmen, wenn "allerlei Böses" fälschlich wider ihn geredet wird, und wenn er dem Herrn und seiner Sache bis ans Ende und um jeden Preis treu bleiben will, so darf ihm auch sein irdisches Leben nicht teuer sein. - 2. Tim. 3:12; Matth. 5:11; 1. Petr. 2:23; Apg. 20:24

2. Das Licht, das in den Kindern Gottes wohnte, sollte seinen Schein auch auf die Welt werfen, damit es alle diejenigen anzöge, welche von dem verkehrten Geiste des Widersachers noch nicht völlig geblendet worden. Es sollte eindringen in die Finsternis der Sünde, um dieselbe zu verurteilen - um gegen alle Ungerechtigkeit zu zeugen, auf dass dadurch sogar auch verblendete Gewissen aufgeweckt und an ihre Verantwortlichkeit gegen Gott und an einen kommenden Tag der Vergeltung erinnern würden. So hat auch unser Herr seine Jünger beauftragt (nach dem Empfang des heiligen Geistes), die Wahrheit unter allen Völkern zu verkündigen "zu einem Zeugnis über sie", das sie annehmen oder verwerfen können.

Der heilige Geist hat beide Zwecke, um welcher willen er gesandt wurde, trefflich und völlig erreicht. Als erstes Resultat seines Wirkens ist eine treue "kleine Herde" von Überwindern zubereitet und gesammelt worden, welche den Pfaden der Gerechtigkeit gefolgt sind - Jesus der Hauptmann und seine treuen Kreuzessoldaten, alle "bis in den Tod" geweiht, denen als Lohn das Königreich beschieden werden soll, sobald die letzten Glieder völlig erprobt und durch Leiden um der Gerechtigkeit willen vollkommen gemacht sein werden. Aber auch in Bezug auf den zweiten Zweck - das Zeugnis in der Welt - hat der heilige Geist triumphiert. Unser Herr sagte zum voraus, dass durch das Zeugnis des Geistes die Welt überführt werde von Sünde, von Gerechtigkeit und von einem kommenden Tag des gerechten Gerichts, in welchem jede böse Tat dieses gegenwärtigen Lebens vergolten werden wird, und zwar je nach dem Licht, das der Übertreter besessen hat. - Joh. 16:8

Dieses Zeugnis hat denn nah und fern gewirkt, so dass heutzutage die Welt als Ganzes diese drei Dinge, von welchen der in der Herauswahl wohnende Geist der Heiligkeit sie überführt, erkannt hat, nämlich Sünde, Gerechtigkeit und Gericht. Es ist wahr, die Welt hat keinen klaren Begriff, weder von der Sünde, noch von der Gerechtigkeit, auch kann sie den Charakter und den Endzweck des kommenden Gerichts nicht verstehen, sie weiß nicht, dass es ein Tausendjahrtag sein wird. Die Welt begreift auch nicht die Berufung der Kirche während dieses Zeitalters: dass gewisse Menschen dem Weltgerichtstag entgehen, ja sogar an demselben als Richter werden tätig sein dürfen, indem sie jetzt irdische Interessen und Vorrechte um der Gerechtigkeit willen freiwillig opfern - den Fußstapfen ihres Erlösers folgend. Für die Welt ist es nicht nötig, diese Einzelheiten zu erkennen, sie könnte dieselben nicht erfassen, denn das sind "Tiefen Gottes", welche nur diejenigen zu würdigen imstande sind , welche nur diejenigen zu würdigen Imstande sind, welche dem Ruf des Herrn von Herzen gehorsam sind, welche sich selbst weihen; solche empfangen den Geist des Vaters; und als Adoptivsöhne werden sie mit den Einzelheiten des göttlichen Planes vertraut gemacht. - 1. Kor. 2:10, 11

Wird es aber immer so bleiben? Nein, denn sobald dieses Zeitalter die zur Miterbschaft Christi berufene "kleine Herde" vollzählig gemacht haben wird, werden auch die gegenwärtigen Verhältnisse aufhören. Die nächste Aufgabe des heiligen Geistes oder der Kraft Jehovas wird die Aufrichtung jenes Königreiches sein - die Einsetzung von Gerechtigkeit und Gericht auf Erden. Durch seine Kraft wird der Herr "das Recht zur Richtschnur und die Gerechtigkeit zum Senkblei machen", und jede Falschheit, jeder Betrug wird vor einer vollen Erkenntnis der Wahrheit weichen müssen. Anstatt die Welt noch länger von kommenden Gericht zu überführen, wird der Geist ihr bezeugen, dass dieses Gericht begonnen hat, und dass nun jede Übertretung sofort mit dem gerechten Maß von Strafe heimgesucht wird. Anstatt die Kirche zu ermahnen; "richtet nichts vor der Zeit", wird er ihr das Gegenteil bezeugen, dass sie als Gottes Werkzeug besonders ausgerüstet sei, die Welt mit Gerechtigkeit zu richten. Die, welche in dieser Zeit mit Gott im Einklang lebten und den heiligen Geist der Gerechtigkeit und Wahrheit besaßen, werden auch nicht mehr um der Gerechtigkeit willen leiden müssen, sondern sie werden als Könige und Priester der Gerechtigkeit gekrönt und mit der Herrschaft über die Erde betraut werden, damit sie dieselbe segnen und zur Vollkommenheit und Gerechtigkeit wiederherstellen - damit sie aber auch alle vom Leben abschneiden und zur ewigen Vernichtung überliefern, welche willentlich die während einem solch gesegneten Gerichtstag durch Gottes Liebe und Kraft des Lösegeldes Jesu Christi dargebotenen Gelegenheiten von sich stoßen. So wird der große Jehova und sein Geist der Heiligkeit mit allen, die sich ihm unterziehen, schließlich triumphieren; Sünde und Satan und der Geist der Bosheit werden vertilgt werden, und "keinerlei Fluch wird mehr sein". - Jes. 28:17; 1. Kor. 4:5; 6:2; Apg. 3:23; 2. Thess. 1:9; Offb. 22:3

Geisteskämpfe in- und außerhalb der Heiligen

Den allgemeinen Charakter des Kampfes haben wir soeben betrachtet, und so lasst uns denn auch auf einige seiner gegenwärtigen Phasen (Teile) unser Augenmerk richten. Während man ihn einerseits wohl den Kampf der Kirche nennen kann, so ist er doch andererseits nicht weniger ein persönlicher Kampf gegen die Sünde. Wenn die Kirche schließlich als Siegerin aus ihrem Kampfe hervorgeht, so sind es ausschließlich die persönlichen Überwinder, von welchen sie zusammengesetzt ist; und wenn der Sieg der Kirche ein Sieg des heiligen Geistes oder Einflusses Gottes über den Geist der Bosheit und Ungerechtigkeit ist, so ist das auch bei jedem einzelnen Heiligen der Fall.

Die große Mehrzahl der Christen weiß wenig von den wirklichen Geisteskämpfen und Siegen zu berichten, weil sie sich nie richtig geweiht und deshalb auch den heiligen Geist der Wahrheit nie empfangen hat. Die einen haben sich einer Sekte geweiht und dafür einen sektiererischen Geist empfangen: den Geist der Liebe, der Ergebung, der Dienstfertigkeit und Opferfreudigkeit für ihre Sekte. Andere haben sich einen oder mehrere moralische Grundsätze als ihr Ideal vorgestreckt und sich gelobt, diese Grundsätze nie zu verletzen. Solche empfangen den Geist der Moralität - einen Geist der Selbstbefriedigung und der Selbstgerechtigkeit. Wieder andere haben sich irgend eine Tugend erwählt, die sie nun anbeten, und deren Geist sie empfangen - die Geduld zum Beispiel. Sie sind denn auch völlig zufrieden, wenn sie ein gutes Maß von Geduld und deren Geist erlangt haben. Noch andere weihen sich, für Jesum "zu arbeiten", und sind befriedigt, wenn sie sich in aufregende Tätigkeit hineinarbeiten können. Es kümmert sie wenig, welcher Art dieses Werk sei, wenn es nur kein offenbares Werk Satans ist, wenn es nur recht viel zu tun gibt und sie dabei eine hervorragende Stellung einnehmen dürfen. Es ist ihnen offenbar mehr um die Arbeit als um den Erfolg zu tun, folglich sind sie ganz zufrieden, wenn sie "Luftstreiche" ausführen können und am Ende einsehen dürfen, dass sie wenigstens nicht viel Schaden gestiftet. Das Wort Gottes zu erforschen, um sich zu vergewissern, was für Arbeiter der Herr sucht, und welcherlei Werk er auszuführen beabsichtigt, würde solchen Leuten als eine Verletzung ihres Weihegelübdes erscheinen, denn sie haben sich geweiht zu arbeiten, darum fühlen sie sich erst von Herzen glücklich, wenn sie in eine fieberhafte Aufregung sich versetzen können. Andere sind etwas weiser (freilich auch nicht wahrhaft weise). Sie weihen sich für eine besondere Art des Dienstes für Gott und Menschen, und zwar für den Dienst, welchen sie als den notwendigsten betrachten. Wenn sie sich für das "Temperenz-Werk" weihen, so empfangen sie den Geist dieses Werkes und genießen den damit kommenden Segen; oder wenn sie sich für soziale Reform-Bestrebungen weihen, so empfangen sie den Geist für Sozialreform und deren Segnungen.

All diese Weihungen samt den daraus entstehenden Neigungen haben ihre guten und bösen Einflüsse. Jede derselben ist freilich weit besser als eine Weihung zur Bosheit und deren Geist, weit besser auch noch als eine Weihung für das eigene Ich mit dem daraus entstehenden Geist der Selbstsucht, ja sogar noch viel besser als ein zweckloses, für nichts geweihtes Leben. Aber keine derselben vermag in irgend einer Weise den Vergleich mit der Weihung auszuhalten, wie die heilige Schrift sie vorschreibt, und wie wir sie an unserem Herrn Jesus, dem Welterlöser, verwirklicht sehen, als Beispiel für seinen Leib, die Kirche. Einzig durch diese, die wahre Weihung, kann das Herz den heiligen Geist empfangen, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht bekommt.

Diese wahre und richtige Weihung unterscheidet sich denn auch von jeder anderen. Wer irgend darauf eingeht, hat nur den einen Altar, vor welchem er sich beugt. Er unterwirft sich dem Willen Jehovas, indem er sich selbst, seinen eigenen Willen, als lebendiges Opfer auf des Herrn Altar legt - ein "vernünftiger Gottesdienst." Ein solcher macht dem Herrn weder Vorschriften noch Bedingungen, sondern wie der Hohepriester, so spricht auch ein jedes Glied des "königlichen Priestertums". "Ich bin nicht gekommen, dass ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat"; "siehe, ich komme (in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben), dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott." (Joh. 6:38; Psalm 40:8) Solche werden zu Teilhabern des heiligen Geistes gemacht.

Diejenigen, welche ihren Willen opfern und sich durch Christum rückhaltlos dem Wort und Willen Gottes unterziehen, werden von der Schrift als himmlisch oder geistlich Gesinnte bezeichnet. Sie sind so verändert von ihrer früheren irdischen Stellung, dass sie "neue Kreaturen" genannt werden, und diese Bezeichnung würde nicht auf sie passen, wenn damit nicht mehr als eine gründliche Sinnesänderung gemeint wäre, die sie an sich erfahren haben. Und es liegt wirklich eine tiefere Bedeutung in diesem Namen; denn wer durch den heiligen Geist der Wahrheit jetzt aus der Welt erwählt wird und sich auf dem durch das große Sühnopfer eröffneten neuen, lebendigen Weg zu Gott naht, der ist in der Tat eine neue Kreatur, - freilich noch im Entwicklungsstadium, - deren Vollkommenheit (die göttliche Natur) am Ende dieses Zeitalters bei der Ersten Auferstehung sich offenbaren wird, vorausgesetzt, dass der betreffende als neue Kreatur den Führungen des heiligen Geistes bis ans Ende treu gefolgt ist.

Diese neue Geistesschöpfung oder die veränderte Gesinnung, das "Embryo" der neuen Kreatur - das in der Auferstehung zu vollkommenem Sein gelangen wird - ist jedoch immer noch in einem menschlichen Leib identifiziert, darum erklärt der Apostel: "Wir haben aber diesen Schatz (die neue Gesinnung, die neue Kreatur) in irdenen Gefäßen." (2. Kor. 4:7) Und von demselben Gegenstand redend, versichert er uns ferner, dass, wenn unser irdisches Haus zerstört wird (aufgeopfert und tot in Christo), wir einen Bau von Gott haben, ein neues Haus, einen herrlichen, für das Innewohnen der neuen Gesinnung und des Geistes der Heiligkeit in jeder Hinsicht passenden Leib (2. Kor. 5:1), unter der Bedingung jedoch, dass wir zu den treuen Überwindern gehören, die bis ans Ende ihrer Pilgerschaft auf dem schmalen Pfade wandeln, den Fußstapfen des Meisters folgend.

Das Wort heilig stammt von heil und bedeutet: vollständig, vollkommen. Darum ist der heilige Geist ein ganzer oder ein vollkommener Geist. Und so verwundert es uns nicht, wenn wir sehen, dass alle, welche irgend ein gutes Maß des heiligen oder vollkommenen Geistes besitzen, an ihrem Charakter in jeder Hinsicht ausgebildet und vervollkommnt werden - sie sind viel besser imstande, jede Angelegenheit, die sie betrifft, richtig zu beurteilen; sie besitzen "den Geist der Besonnenheit", so laut auch der blinde und feindselige Geist der Welt ihnen zurufen mag, "Du hast einen Teufel und bist von Sinnen", weil die Dinge, für die sie leben, wofür sie arbeiten, und worauf sie sich freuen, freilich jetzt noch unsichtbar sind, dafür aber "bleiben ins ewige Leben", in den Himmeln. - 2. Tim. 1:7; Joh. 10:20; 6:27

Persönlich betrachtet, ist für diejenigen, welche durch die göttlichen Ratschlüsse und Verheißungen zur Heiligkeit des Geistes gezeugt worden sind, der böse Geist der Furcht einer der gefährlichsten Feinde. Er versucht es immer, uns glauben zu machen, dass Gott die überaus großen und herrlichen Verheißungen entweder nicht inspiriert habe, oder dass dieselben nicht für uns bestimmt seien, oder auch, dass wir dieselben aus irgend einem Grunde nicht zu erreichen vermögen. Alle Kinder Gottes sind den Angriffen dieses falschen Geistes der Furcht und des Zweifels mehr oder weniger ausgesetzt, und darum müssen auch alle diesen bösen Geist mutig bekämpfen und immer wieder in die Flucht schlagen, sonst werden sie von demselben übermannt; und als Folge davon sterben die Früchte des heiligen Geistes ab, bis dieser schließlich selbst gedämpft, von uns ausgetrieben wird.

Dieser "Geist der Furcht", welcher in unseren Herzen wohnt, ist aber weder ein geistiger Gott noch ein geistiger Teufel, sondern es ist einfach ein geistiger Einfluss, dem jedes gefallene und doch noch nicht hochmütige menschliche Wesen ausgesetzt ist. Er wird erzeugt durch die Erkenntnis, dass man unvollkommen, der göttlichen Gnade unwürdig ist. Das einzige und beste Mittel gegen diesen Geist der Furcht ist der heilige Geist der Wahrheit und das gläubige Annehmen und Festhalten seiner Lehren. Der heilige Geist sagt uns, dass wir freilich Grund genug hätten, uns vom Geist der Furcht einnehmen zu lassen, dass diese Gründe aber nicht mehr vorhanden seien, seitdem wir neue Kreaturen in Christo geworden seien. Er lenkt unsere Gedanken von unseren unabsichtlichen Fehlern weg auf die von unserem Herrn Jesus erwirkte große Versöhnung und erinnert uns an die Worte des inspirierten Apostels: "Wenn Gott für uns ist, wer wider uns? Er, der doch seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hin- (in den Tod) gegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles (Nötige) schenken? Wer wird wider Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, welcher rechtfertigt, wer ist, der verdamme? Christus ist es, der gestorben ist (und dadurch unsere Schuld bezahlt und unsern Mangel ersetzt hat), ja noch mehr (der verherrlichte und hoch erhöhte Christus ist es), der auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist, der für uns bittet." - Röm. 8:31-34

Wenn der "Geist des Glaubens" als eine "Furcht" des "Geistes" der Heiligkeit und der Wahrheit" so gefördert und von der neuen Kreatur unterhalten wird, so ist der Sieg über den Geist der Furcht bald errungen; und Friede und Freude im heiligen Geist des Glaubens und der Liebe und auch ein festes Vertrauen in Gott sind dann die Folgen eines solchen Sieges. Diese Kämpfe wiederholen sich freilich oft während unseres Pilgerlaufs, wir dürfen aber nie darin unterliegen; so können wir den "Geist der Furcht" zu einem nützlichen Diener für die neue Kreatur machen, während derselbe weder als Meister noch als Freund in dem Herzen geduldet werden darf. Halten wir ihn als Haushund vor der Tür des Herzens, dann mag er uns sehr gute Dienste leisten, indem er uns auf Diebe und Mörder aufmerksam macht, welche sich uns in frecher Weise zu nähern beabsichtigten, um uns die Schätze der Heiligkeit, der Freude, des Friedens, der Liebe und der Gemeinschaft mit unserem himmlischen Vater und den "Brüdern" zu rauben.

Sind wir durch das Austreiben aller hindernden Einflüsse und das Empfangen seines Geistes in die richtige Stellung zu Gott gekommen, so lasst uns wachsam sein, uns fürchten vor Angriffen von außen, damit keiner von uns als ein solcher erfunden werde, der bereit ist, mit dem Bräutigam auszuziehen, aber noch am frühen Morgen von einem Geist der Trägheit, der Sorglosigkeit und Schlafsucht übermannt wird, so dass er, den törichten Jungfrauen gleich, für den Hauptmoment - für "die Hochzeit" - nicht zubereitet ist.

So nützlich uns aber der Geist der Furcht als Diener auch sein mag, so wollen wir doch stets bedenken, dass er nicht aus Gott ist und deshalb nie Platz greifen darf in dem Herzen des Christen, das völlig von den verschiedenen Gliedern der "heiligen Gottes-Familie" wie Liebe, Freude, Friede, 2c) , erfüllt sein soll; denn die vollkommene Liebe treibt sowohl den Geist der Furcht aus, als auch alle anderen Glieder der "unheiligen Geistes-Familie" - Zorn, Bosheit, Hass, Eifersucht, Unzufriedenheit, Hochmut, Ehrsucht 2c) "Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern (den Geist) der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." - 2. Tim. 1:7

Manchmal kommen die Angriffe auch von hinten, statt von vorn - durch eine Furcht für Freunde, durch eine Furcht für die Welt oder durch eine Abneigung, auch in Bezug auf andere dem Herrn zu vertrauen, obwohl man ihm, was die eigene Person betrifft, gern vertraut. Das ist auch eine ernste Sache, denn gerade dadurch kann ein gutes Maß von Freude und Frieden vertrieben und können unsere Anstrengungen irregeleitet werden. Der "Geist der Furcht" sagt: Es ist ein großer Fehler, zu glauben, dass Christus für alle starb, und eine unverantwortliche Vermessenheit, zu erwarten, dass, dank dem Lösegeld, schließlich jedermann einen Segen, eine Gelegenheit zum Leben erlangen kann. Oder, wenn der Geist der Furcht uns nicht zu überwinden vermag, dann probiert sein böser Gefährte, "der Geist des Irrtums", uns ins andere Extrem zu treiben, indem er uns glauben machen will, dass zuletzt alle ohne Ausnahme zu ewigem Leben gelangen werden, weil Gott durch deren Weiterleben nicht kompromittiert würde. Vernichte er die willentlich Gottlosen, so sähe es aus, als fürchte er sie, und diesen Schein werde er sicher vermeiden wollen.

Der "Geist des Irrtums" will weiser sein als das Wort Gottes, er veranlasst die menschliche Vernunft, Gott nach ihren Begriffen zu beurteilten, anstatt diese falschen Begriffe und Prinzipien der Menschen durch das Wort der göttlichen Offenbarung zu berichtigen. So probiert der Geist des Irrtums, der Geist der Furcht, der Knechtschaft (alle als Elemente des Geistes des Widersachers, des unheiligen Geistes) auf verschiedene Weise, die Aussagen des Geistes der Wahrheit als Lügen darzustellen: dass z.B. "Christus Jesus von Gottes Gnade den Tod schmeckte für jedermann", dass schließlich jeder Kreatur Gelegenheit geboten werden soll, in Gottes Gemeinschaft zurückzukommen, und dass, wenn alle Menschen zur vollen Erkenntnis der Wahrheit gekommen sein werden, sie durch dieselbe gerichtet und entweder des ewigen Lebens würdig erachtet, oder aber zur ewigen Vernichtung, dem zweiten Tode verurteilt werden. "Hieraus erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums." - 1. Joh. 4, 5, 6; Apg. 3:23

Der Geist Gottes, der Geist der Heiligkeit, offenbart sich als ein Geist der Freude und des Friedens in allen, welche ihn empfangen, und zwar in dem Verhältnis, wie sie ihn empfangen - in dem Verhältnis, wie sie mit dem himmlischen Vater in Einklang kommen und mit dem Erlöser, der denselben Geist, dieselbe Gesinnung, in sich trägt. Der Geist des Herrn führt zum Glauben an die göttlichen Verheißungen; der Geist des Irrtums lenkt die ihm Gehorchenden gerade in die entgegengesetzte Richtung: er leitet sie zur Verachtung des göttlichen Wortes, zu menschlichen Grübeleien, zu Leichtgläubigkeit und Aberglauben, kurz gesagt, zum Glauben an Dinge, welche Gott nie gesagt, und welche jedem, der den "heiligen Geist", den "Geist der Besonnenheit" besitzt, als unvernünftig erscheinen. Der Geist der Wahrheit führte die Seinigen zu Arbeit und Interesse an der göttlichen Sache, und er lässt sie es als Vorrecht erkennen und schätzen, wenn sie in irgend einer Weise Gottes Mitarbeiter sein dürfen; der Geist des Irrtums dagegen ist ein "Geist der Schlafsucht" und der Sorglosigkeit in Bezug auf himmlische Dinge, in Bezug auf irdische Dinge freilich ein Geist der Sorgfalt - ein Geist der Sorglosigkeit betreffs der wahren Kirche und deren Band der Liebe, dafür aber ein Geist der Wachsamkeit in Bezug auf menschliche Einrichtungen und deren Bekenntnis-Bande. - Röm. 11:8

"Das Fleisch gelüstet wider den Geist"

Wie wir schon bemerkt haben, sind die geweihten Kinder Gottes - die vom Geist gezeugten "neuen Kreaturen" - nun zweifache Wesen; das neue, nicht völlig entwickelte, noch nicht "geborene" und auch noch keinen passenden Leib besitzende Wesen lebt in dem alten, fleischlichen Leib, welcher tot gerechnet ist; - d.h. welcher von dem erneuerten Willen während dessen Entwicklungszeit dienstbar gemacht wird. (Damit ist aber nicht gesagt, dass die Christen zwei Naturen besitzen, denn solch ein Gedanke wäre unvereinbar mit dem wissenschaftlichen Standpunkt der Bibel). Der neue Geist, die Gesinnung Christi oder der heilige Wille wird nur von Gott erkannt und von den "heiligen Brüdern, deren Miterben der himmlischen Berufung", nichtsdestoweniger steht aber dieser neue, durch das Wort Gottes gezeugte Wille in stetigem Kampf mit dem alten Willen, mit dem Geist oder den Neigungen unseres gefallenen Fleisches.

Der neue Geist, die neue Kreatur, die vom heiligen Geist der Liebe gezeugt ist, neidet nicht; wie geschrieben steht: "Die Liebe neidet nicht, tut nicht groß" 2c) (1. Kor. 13:4) Wenn also unsere Handlungen, Worte oder Gedanken irgend vom Geist des Neides, des Hasses, des Zankes oder der Ruhmsucht regiert werden, so ist das ein sicheres Zeichen, dass unser ehemaliger böser Geist im Begriffe steht, wieder einen Sieg über uns als neue Kreaturen zu erringen. Je mehr wir uns aber dieser bösen Eigenschaften entledigen, und dafür mit den Elementen des heiligen Geistes ausrüsten können - mit Freundlichkeit, Güte, Sanftmut, Brüderlichkeit, Liebe desto mehr gewinnt Christus (welcher des Vaters Ebenbild ist) in uns Gestalt, desto mehr werden wir mit dem heiligen Geist erfüllt; nicht erfüllt mit einer Geistesperson, sondern mit dem Geist, dem Einfluss oder Willen einer Person, nämlich mit demjenigen unseres Vaters Jehovas - mit demselben Geist, welcher auch in seinem Eingeborenen Sohn war und noch jetzt ist.

Der Apostel Paulus gibt uns eine treffliche Bestätigung dieses Kampfes zwischen dem Geiste, der Gesinnung oder den Neigungen unseres Fleisches und dem neuen Geiste, der neuen Gesinnung und den guten Neigungen, zu welchen wir wiederhergestellt worden sind; aber er behandelt den Gegenstand als vom neuen zugerechneten Standpunkt aus betrachtet: als ob wir nicht mehr "das Fleisch" seien, sondern als ob das Fleisch unser Feind sei, und nur die neue Kreatur in uns anerkannt und der heilige Geist als unsere einzige Gesinnung betrachtet würde. Wir lesen: "Ich sage aber: Wandelt im Geiste, und ihr werdet die Lust (die Neigungen) des Fleisches nicht vollbringen. Denn das Fleisch gelüstet wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch; diese aber sind einander entgegengesetzt, auf dass ihr nicht das tuet, was ihr (als neue Kreaturen) wollt." Der fortwährende Widerstand und Betrug des Fleisches verhindert uns, vollkommene Taten zu wirken; durch seine Gnade nimmt uns Gott freilich trotzdem an als "neue Kreaturen", deren Herz, Gesinnung oder Geist dem Vater heilig und angenehm ist durch den Geliebten. - Gal. 5:16, 17

"Von Gott gelehrt" durch den heiligen Geist

Wenn wir uns nun alles vergegenwärtigen, was wir in Bezug auf den heiligen Geist der Wahrheit gelernt haben und in Bezug auf dessen Wirksamkeit in den Kindern Gottes (durch seinen erleuchtenden Einfluss auf ihren Verstand, durch das Aufdecken und Verscheuchen von Irrtümern und durch das Erklären und Aufschließen des lebendigen Wortes der Wahrheit), dann fangen wir an, des Apostels Worte zu verstehen und zu würdigen: "Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben; uns aber hat es Gott bereitet hat denen, die ihn lieben; uns aber hat es Gott geoffenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes." (1. Kor. 2:9, 10) Das heißt, nachdem wir unseren Willen dem Herrn übergeben haben, damit wir von ihm belehrt würden und in seinen Wegen wandeln möchten, sind wir mit seinem Willen, seiner Gesinnung, seinem Geiste eins geworden, und wir lernen dann auch, alle Dinge von diesem neuen Standpunkt aus - von dem Standpunkt einer neuen, richtig geleiteten Gesinnung - zu betrachten, wir sehen sie in einem neuen Licht, darum wird uns alles neu. Die neue Gesinnung, der neue Wille drängt uns, die tiefen Gottes zu erforschen, das Wort Gottes zu studieren, damit wir als gehorsame Söhne seinen Willen erkennen und auch tun können. Besitzen wir die Gesinnung, den Geist unseres Vaters, dann beachten wir jede Einzelheit seiner Instruktionen und suchen nach seinem Gefallen zu wandeln. "Denn wer von den Menschen weiß, was (welche Gesinnung, welch ein Wille, welche Pläne) im Menschen ist, als nur der Geist (der Verstand) des Menschen, der in ihm ist? Also weiß auch niemand, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes." (1. Kor. 2:11) Das will sagen, so wie kein Mensch den Sinn oder die Pläne eines anderen Menschen verstehen kann, es sei denn, er habe sie ihm geoffenbart, so kann auch niemand den göttlichen Willen und Plan erkennen, ausgenommen, wenn er mit der Göttlichen Gesinnung in Einklang kommt - wenn er den heiligen Geist empfängt.

Nun haben wir empfangen "den Geist (die Gesinnung, den Willen), der aus Gott ist, auf dass wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind ... Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird." Diese Dinge können nur von denen verstanden werden, die den Geist oder die Gesinnung Gottes, den Geist seines Planes, den Geist der Wahrheit, empfangen haben. Alle solche müssen einen der Gerechtigkeit und Wahrheit entsprechenden Sinn haben, soweit sie deren Grundsätze verstehen, und es sollte ihr tägliches Bestreben sein, die Wege und Gedanken, den Willen Gottes immer besser zu verstehen und immer mehr von seinem Geist, von seinen Eigenschaften zu erlangen. Solch gehorsame Söhne werden denn auch immer mehr "erfüllt mit dem Geist" der Wahrheit und des Gehorsams (gegen die Wahrheit). In diesen Zustand gelangen sie aber nicht durch ein Vergleichen der geistigen mit den natürlichen Dingen, wie der natürliche Mensch es zu tun geneigt ist, sondern allein durch das Befolgen des göttlichen Rates und durch das Vergleichen geistlicher mit geistlichen Dingen. "Der Geistliche (welcher den heiligen Geist empfangen hat) beurteilt alles (er ist imstande, beides menschliche und Geistliche Dinge im Lichte des göttlichen Planes richtig zu verstehen und nach ihrem wahren Wert zu schätzen), er selbst aber wird von niemandem beurteilt." Kein natürlicher Mensch kann die Motive verstehen oder richtig beurteilen, welche die geistlich gesinnten "neuen Kreaturen" veranlassen, solche Dinge freiwillig zu opfern, die dem natürlichen Menschen wertvoll erscheinen - und für solche Hoffnungen und Aussichten zu opfern, welche dem letzteren höchst unwahrscheinlich und unvernünftig erscheinen; darum werden die Nachfolger des Herrn "als Narren geachtet" von den weltlich Gesinnten, von denen, die den Geist der Welt besitzen. - 1. Kor. 2:12-16; 4:10

Der Parakletos, Tröster oder Sachwalter

Parakletos ist in Johannes 14:16, 26 mit "Sachwalter" oder "Tröster" übersetzt, diese Bezeichnungen sind aber hier nicht ganz am Platz. Die richtige Bedeutung dieses Wortes ist Hilfe, Ermutigung, Beistand, Stärkung. So deutete die Verheißung unseres Herrn an, dass der heilige Geist, welchen der Vater in Jesu Namen und als Jesu Stellvertreter senden wollte, seinen Nachfolgern jederzeit nahe sein werde, um ihnen in allen ihren Nöten und Bedürfnissen beizustehen - die heilige Kraft, durch welche er sein Volk leiten und befähigen wollte, "im Glauben zu wandeln und nicht im Schauen." Und unser Herr gibt uns in der Tat zu verstehen, dass all die Dienstleistungen des Geistes seine eigenen Dienste sind, indem er sagt: "Ich werde euch nicht Waisen lassen, ich komme zu euch." (Vers 18) Er identifiziert somit den heiligen Geist mit sich selbst. "Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein" - und hat auch den Parakletos, den göttlichen Beistand nicht.

Diese Kraft Gottes ist mit der ganzen Kirche, doch empfängt jedes Glied auch seinen persönlichen Teil an dem heiligen Einfluss - durch persönliche Verbindung mit den Mitteln und Wegen der Mitteilung des Geistes, oder, bildlich gesprochen, mit den "Kanälen" des Geistes. Die Wahrheit selbst ist der Hauptkanal, durch welchen der Geist der Wahrheit uns zufließt, aber alle, die mit der Wahrheit eng verbunden sind und deren Geist besitzen, sind in dem Verhältnis auch selbst Kanäle, durch welche der Geist wieder andere beeinflusst, andern beisteht.

Die Kraft (oder der Geist) Gottes ist für die Menschen unsichtbar, aber ihre Wirkungen sind fühlbar und sichtbar. Das kann am besten mit dem elektrischen Strom im Kupferdraht illustriert werden. Der Strom selbst ist unsichtbar; sobald aber der mit einem richtigen Motor versehene Wagen (einer elektrischen Bahn) mit seinem "Arm" den Draht berührt, dann wird die Kraft durch die Bewegung des Wagens offenbar. Vermittelst anderer Einrichtungen versieht dieselbe Kraft den Wagen mit Licht und Wärme. Und dieselbe Kraft ist es auch, welche durch eigene Apparate den telegraphischen und telephonischen Verkehr ermöglicht. All das sind Segnungen der elektrischen Kraft; sie kann aber ebenso wohl auch zerstörend und todbringend wirken durch den elektrischen Hinrichtungsstuhl (oder durch unglückliches Berühren einer Starkstromleitung). So ist der heilige Geist die geistige Energie oder Kraft Gottes - er bewegt, erleuchtet, erwärmt und belehrt alle, welche, die richtigen Bedingungen besitzend, durch die richtigen "Kanäle" in Verbindung mit ihm gebracht werden. Allen böswilligen Sündern aber bringt er den Zweiten Tod. Wie sehr ist es deshalb jedem Kinde Gottes nötig, die richtige Ausrüstung zu besitzen und in der richtigen Verbindung zu stehen, damit es mit dem Geist erfüllt und zu jedem guten Werk fähig werde!

Aber auch in dieser Bezugnahme auf den heiligen Geist als auf einen andern Tröster, Helfer oder Kraftspender finden wir keine Hindeutung auf einen andern Gott oder auf eine andere Person einer Dreieinigen Gottheit. Der Zusammenhang beweist uns im Gegenteil, dass der tröstende, sachwaltende oder stärkende heilige Geist kein anderer als der Geist des Vaters und der Geist des Sohnes ist. Vers 18 und 23 bezeichnen den Vater und den Sohn als diejenigen, welche die Kirche stärken, leiten und trösten - durch den Geist. So erklärt unser Herr auch anderweitig: "Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende des Zeitalters" - durch den heiligen Geist, nicht persönlich.

"Er wird euch in alle Wahrheit leiten."

Mit dieser Erklärung machte uns der Herr auf den "Kanal" aufmerksam, durch welchen diese Kraft Gottes, "der Geist der Wahrheit" auf sein Volk kommen sollte. "Die Worte, die ich zu euch rede, sind Geist und sind Leben." Damit will er sagen: Durch meine Worte wird die Gesinnung, der Wille, der Geist Gottes offenbar. Wollen wir also irgend auf Sieg hoffen, so ist es unbedingt nötig, dass wir das Wort der Wahrheit beständig und reichlich unter uns wohnen lassen. Beachten wir deshalb die Ermunterung des Herrn: "Suchet in der Schrift", vergessen wir nicht, wie der Apostel das Betragen der Beröer als ein edles anempfiehlt, weil sie "täglich die Schriften untersuchten", und wie er selbst die Gläubigen zum Schriftforschen ermuntert: "Deswegen sollen wir um so mehr auf das achten, was wir gehört haben"; und "alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze, ... auf dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt." Beherzigen wir nicht minder auch die Ermahnung des Petrus: "Und wir besitzen das prophetische Wort befestigt, auf welches zu achten ihr wohl tut." - Joh. 5:39 (Luther); Apg. 17:11; Hebr. 2:1; 2. Tim. 3:17; 2. Petr. 1:19

Die Verheißung, "mit dem Geist erfüllt" zu werden, gilt nicht denen, die das Wort Gottes bloß besitzen, noch auch denen, welche es nur lesen, sondern allein denjenigen, welche es ernstlich erforschen und zu verstehen suchen und, wenn sie es verstehen, dann auch eifrig bestrebt sind, ihm gehorsam zu sein. Wenn wir vom Geist Gottes erfüllt zu werden wünschen, dann müssen wir reichlich aus dem Brunnen der Wahrheit - aus seinem Worte - schöpfen; und da unsere irdischen Gefäße unvollkommen und leck sind, so ist es leicht möglich, dass uns geistige Dinge wieder entschlüpfen, in welchem Fall der uns beständig umgebende Geist der Welt sofort einströmt, um den leeren Raum auszufüllen. Der Geist der Welt übt einen beständigen Druck auf die Kinder Gottes aus, um den neuen Geist, die neue Gesinnung, den Geist der Heiligkeit, wieder aus ihnen zu verdrängen; für die Getreuen des Herrn, die neuen Kreaturen in Christo ist es darum das beste, wenn sie so nah als möglich bei dem Urquell der Wahrheit, bei dem Herrn, wohnen und so nah als möglich bei seinem Wort, damit der Geist Gottes in ihnen nicht gedämpft und sie anstatt desselben vom Weltgeist erfüllt werden.

Auf einen Umstand möchten wir bei dieser Gelegenheit noch aufmerksam machen: während nämlich eine Erkenntnis der Wahrheit, der heiligen Schrift, für den Besitz des Geiste der Wahrheit wichtig, ja sogar unumgänglich nötig ist, so ist es einem Menschen doch auch möglich, viel Erkenntnis der Wahrheit zu besitzen ohne das geringste Maß von deren Geist empfangen zu haben. Den Geist empfangen heißt, in Herzensübereinstimmung mit der Wahrheit und mit dem im Wort geoffenbarten göttlichen Willen zu kommen, und dieser Zustand kann nur auf einem Weg erreicht werden: indem wir erstens den Herrn Jesum als unseren Erlöser und Rechtfertiger annehmen und uns dann rückhaltlos weihen, seinen Willen zu erkennen und zu tun.

Dieser "Geist der Wahrheit", dieser "heilige Geist" oder die mit Gott und seiner Gerechtigkeit harmonierende Gesinnung, sollte aber nicht mit den "Gaben des Geistes" verwechselt werden, auch nicht mit den "Früchten des Geistes", obgleich dessen Besitz die letzteren, die "friedsamen Früchte der Gerechtigkeit", als Sanftmut, Geduld, Gütigkeit, Liebe, immer hervorbringt. Der Geist der Wahrheit muss in uns wohnen, bevor er solche Früchte in unserem täglichen Leben erzeugen kann; auch ist der zur Entwicklung schöner und angenehmer Früchte erforderliche Zeitraum bei den einen länger als bei den andern; ein jeder sollte sich aber an die Worte unseres Herrn erinnern: "Hierin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt - und ihr werdet (auf diese Weise) meine Jünger sein." Auch sein Gleichnis vom Weinstock sollte uns stets im Gedächtnis bleiben. Seine geweihten Jünger vergleicht er darin mit den Reben, und von diesen spricht er: "Jede Rebe in mir, die Frucht bringt, die reinigt (beschneidet) er (der Vater), auf dass sie mehr Frucht bringe, und jede, die nicht Frucht bringt, die nimmt er weg." - Joh. 15:8, 2

Der Gläubige wird eine Rebe von dem Augenblick seiner Weihung an, und er nimmt teil an dem Saft der Wurzel, er ist Teilhaber des heiligen Geistes. Nun kann aber nicht von ihm erwartet werden, dass er sofort die Früchte des Geistes alle und in ihrer Vollkommenheit hervorbringe. Die ersten Beweise seiner Verbindung mit dem "Weinstock der Kirche" werden seine Gemeinschaft mit den andern Reben, sein Zusammenhang mit der Wurzel und überhaupt Lebenszeichen irgend welcher Art sein. Als Nächstes folgen (um das Bild der Rebe weiter auszuführen) die Ranken, wodurch die Rebe wächst und sich befestigt; dann kommen die Blätter (die Bekenntnisse), später Blüten, und schließlich Früchte. Aber die Früchte sind zuerst recht klein und sauer, und es erfordert geraume Zeit und auch viel Hitze, bis die Traube dem großen Hausherrn in Größe und Geschmack angenehm ist. So entwickeln sich die "Früchte des Geistes" Christi, welche von jeder Rebe am Weinstock - von jedem Glied des Leibes Christi, der Kirche - erwartet werden. Wenn diese Früchte des Geistes - Sanftmut, Güte, Geduld, Glaube, Hoffnung, Liebe - zur erwarteten Zeit nicht erscheinen, dann wird die Rebe nicht länger mehr als eine solche, sondern als ein Schmarotzer betrachtet und vom Weinstock weggeschnitten, als des ferneren Saftgenusses unwürdig.

Was die "Gaben des Geistes" anbelangt, die zu Anfang dieses Zeitalters mittelst Einsetzung der Kirche ausgeteilt wurden, haben wir bereits gesehen, dass sie sich von den "Früchten des Geistes" unterscheiden. Die Gaben wurden durch das Händeauflegen der Apostel mitgeteilt; von selbst, d.h. ohne deren Vermittlung, kamen sie nur in Ausnahmefälle. (Apg. 2:4; 10:45) So war z.B. Simon der Zauberer nicht imstande, anderen die Gaben mitzuteilen (trotzdem er getauft war und eine Gabe für seinen eigenen Gebrauch empfangen hatte), und er bekam von Petrus einen scharfen Verweis, weil er diese rein apostolische Kraft mit Geld zu erkaufen begehrte. (Apg. 8:13-21) Und aus der gleichen Erzählung ersehen wir, dass sogar Philipper, der Evangelist, die Gaben des Geistes anderen nicht mitteilen konnte, trotzdem er selbst "Zeichen und große Wunder" zu tun vermochte, sondern er war genötigt, die Apostel kommen zu lassen, damit die durch ihn Begehrten von denselben die gaben empfingen. Alles das stimmt völlig mit der Erklärung des Apostels Paulus überein, dass viele dieser Gaben aufhören, verschwinden würden. Das musste so kommen, sobald die Apostel und auch alle diejenigen gestorben waren, welche die "Gaben" durch die Vermittlung der Apostel empfangen hatten. Die Gaben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, von denen der Apostel erklärte, dass sie anhalten würden, waren keine Wundergaben, sondern Erzeugnisse, "Früchte", wie er sie an anderer Stelle beschreibt. - 1. Kor. 13:8; Joh. 15:16

Unter den Gaben des Geistes unterscheidet der Apostel (1) die der Apostel, (2) die der Propheten, (3) die der Lehrer. Die Gabe von Aposteln haben wir noch jetzt unter uns, denn wir besitzen in den neutestamentlichen Schriften ihre Lehren so klar und vollständig, dass es keines Dazutuns mehr bedarf; darum hatten und brauchten die Apostel keine Nachfolger. Wir lesen übrigens nur von "zwölf Aposteln des Lammes". Sie sind die "zwölf Sterne", die Krone der Kirche, oder "die zwölf Grundlagen des Neuen Jerusalem" - der verherrlichten Kirche. (Joh. 6:70; Offb. 12:1; 21:14) Auch die Gaben von Propheten oder Auslegern und Lehrern haben wir noch unter uns - Diener Gottes und seiner Kirche, die verschiedene Sprachen reden. Diese Gaben werden aber nicht mehr augenblicklich und auf wunderbare Weise offenbar: ohne vorhandene Talente, ohne vorausgegangene Erziehung, einfach durch das Auflegen apostolischer Hände. Solche Wunder sind nicht mehr nötig und werden auch nicht mehr gebraucht - sicherlich nicht mehr in dem Maße wie früher. Dafür erwählt sich der Herr nun solche, die durch natürliche Begabung und durch Erziehung für seinen Dienst geeignet sind. Bedenken wir dabei aber immer, dass in den Augen des Herrn der Herzenszustand eines Menschen viel mehr den Ausschlag gibt, als alle seine Fähigkeiten zusammen, und dass er seine Erwählten (weil mit seinem Geist erfüllt) als seine besonderen Diener und Sendboten sehr wohl zu gebrauchen imstande ist. Er hat stets Mittel und Wege genug, um den Seinigen die nötige Hilfe zu verschaffen: so gab er z.B. seinem besonderen Diener Mose, dem "an Lippen Unbeschnittenen", den Aaron als Sprecher bei.

Die Kinder Gottes sollten nicht vergessen, dass, wenn auch die Verwaltung oder die Methode geändert hat, es doch immer derselbe Herr ist, der durch den gleichen heiligen Geist die Angelegenheiten der Kirche überwacht und leitet - wenn nach außen auch weniger Aufsehen erregend, geht er dabei doch stets mit der gleichen Sorgfalt zuwege. Und die Glieder von der Herde des Herrn, die von seinem Geist geleitet und von seinem Wort belehrt werden, sollten allen denen mit Vorsicht begegnen, welche Lehrer und Evangelisten zu sein scheinen, oder zu sein vorgeben. Sie sollten nicht ohne weiteres jeden als Lehrer und Evangelist aufnehmen, der sich als solcher anmeldet, sondern nur diejenigen, welche vom Herrn mit den dazu nötigen Gaben ausgerüstet sind; einer der Hauptprüfsteine ist ihre Stellung zum Worte Gottes - dass sie nicht sich selbst verkündigen, sondern die Kraft und die Weisheit Gottes und Jesum Christum als den Gekreuzigten. Wenn irgend jemand mit irgend einem anderen Evangelium zu uns kommt, so dürfen wir ihn laut ausdrücklicher Vorschrift nicht als Lehrer der Wahrheit aufnehmen, sondern wir haben ihn als einen Knecht des Irrtums zu betrachten, sei er sich seiner Stellung bewusst oder nicht.

So belehrt der Geist oder Einfluss Gottes (der heilige Geist oder Einfluss der Wahrheit) seine Kinder, indem er sie (direkt oder indirekt) zu einer Erkenntnis Gottes leitet. So ist er der "Kanal", der Übermittler, durch welchen jetzt der Kirche die Versöhnung zu teil wird, und durch welchen dieselbe im kommenden Zeitalter auch der übrigen Menschheit zukommen wird - wenn "der Geist und die Braut (die verherrlichte Kirche) sagen werden, Komm!... wer da will, nehme das Wasser des Lebens umsonst." - Offb. 22:17

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Studie 9

Die Taufe - ein Zeugnis und ein Siegel des Geistes der Versöhnung

Die Geistestaufe ist nur eine, zerfällt aber in drei Teile. - Die Bedeutung der Geistestaufe. - Die Schlüssel zum Reich der Himmel. - Eine weitere Geistestaufe ist verheißen, diese aber allem Fleisch. - Deren Bedeutung. - Gebet um den Geist. - Das Zeugnis des Geistes. - Die Wichtigkeit dieses Zeugnisses. - Kein Friede mit Gott ohne dasselbe. - Nur wenige wissen, ob sie dasselbe haben oder nicht. - Woran wir es erkennen können. - Des Geistes Begleiterscheinungen: "geheiligt durch den Geist", "erfüllt mit dem Geist". - Das Siegel des Geistes. - Die Verheißung, deren Siegel er ist, bis zum Tag der Befreiung. - Die höchste Stufe muss angestrebt und festgehalten werden.

"Als der Tag der Pfingsten erfüllt wurde, waren sie alle an einem Orte beisammen. Und plötzlich geschah aus dem Himmel ein Brausen, wie von einem daher fahrenden, gewaltigen Wind, und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen. Und es erschienen ihnen zerteilte Zungen. Und sie wurden alle mit heiligem Geist erfüllt und fingen an in anderen Sprachen zu reden, wie ihnen der Geist gab auszusprechen. - Apg. 2:1-4

Der Tag der Pfingsten ist eine sehr wichtige Tatsache in der Geschichte der Kirche (Herauswahl) des Evangeliums-Zeitalters. Er bewies, dass unser Erlöser für uns vor seinem Gott erschienen war, dass er, unser großer Hohepriester, dem Vater das Verdienst seines 50 Tage zuvor auf Golgatha vollendeten Opfers angeboten, dass der Vater das Opfer als vollgültig angenommen hatte, und dass also die Apostel und anderen Gläubigen, welche Jesum angenommen hatten und zum Vater zu kommen und Söhne Gottes gemäß Joh. 1:12 zu werden wünschten, nunmehr als solche anerkannt waren. Denn durch sein Kommen über sie bewies der Geist, dass sie angenommen waren; deshalb heißt er der "Geist der Kindschaft", d.h. der Aufnahme an Kindesstatt in die Familie Gottes.

War nun diese Tatsache von solcher Wichtigkeit, so musste sie auch deutlich erkennbar gemacht werden. So wichtig es also einerseits war, dass die Apostel und die anderen Gläubigen den heiligen Geist, den Geist göttlicher Gnade in ihren Herzen empfingen, ebenso wichtig war es, dass eine den Sinnen zugängliche Kundgebung neben herging, welche nicht allein für sie selbst, sondern auch für alle späteren Gläubigen einen befriedigenden Beweis dafür gab, dass die Ausgießung des heiligen Geistes tatsächlich stattgefunden und Gott mithin die Herauswahl als Söhne und Miterben Christi angenommen hatte.

Aber kein Zug in der Pfingsterzählung nötigt uns, unsere Ansicht hinsichtlich des "heiligen Geistes" zu ändern und anzunehmen, derselbe sei eine neben dem Vater und dem Sohne bestehende Person. Im Gegenteil liegt gerade in dem Umstand, dass alle den heiligen Geist empfingen, ein Beweis mehr dafür, dass derselbe nicht eine Person ist, sondern eine von einer Person ausgeübte Kraft - der von Gott auf seine eben erst angenommenen Kinder ausgeübte und in ihnen wirksame Einfluss. Das ersieht man im weiteren daraus, dass die verschiedenen Fähigkeiten und natürlichen Anlagen der Apostel unter diesem Einfluss neue Kraft, neues Leben und größere Dimensionen erhielten. Hierauf bezieht sich die vom Apostel (Eph. 4:8) zitierte Stelle des Alten Testaments, wo wir lesen, dass unser Herr Jesus, nachdem er hinaufgestiegen, für die Menschen Gaben empfangen (Psalm 68:18) und den Menschen Gaben gegeben - geistige Gaben, Fähigkeiten. Die große Gabe, sein eigenes Leben, hatte er schon gegeben und damit den Rückkaufpreis für die ganze Menschenwelt aufgebracht. Und unter den erkauften Millionen, die Menschheit bis an das Ende des Zeitalters umfassend, war auch die "kleine Herde", die ihm in besonderer Weise, als Braut, als Miterben und Teilhaber an der Königswürde gegeben war. Die Herauswahl derselben hatte bereits begonnen; die Erstlinge harrten des Pfingstsegens, und die Zeit ihrer Anerkennung war gekommen. Der Vater war es, der die Herauswahl Christi anerkannte in dem Sinne, dass er durch ihre Erfüllung mit seinem heiligen Geiste als einem Einfluss, einer Macht, die Aussöhnung der Gläubigen mit ihm besiegelte. Nun wurden sie nicht mehr als Sünder und Fremdlinge, ja sogar nicht mehr als Knechte betrachtet, sondern als Söhne, "Teilhaber an der himmlischen Gabe".

War nun diese Gabe des heiligen Geistes vom Vater, als deren Ursprung, deren Quelle, so werden wir doch belehrt, dass sie in geeigneter Weise ausgegossen wurde durch Gottes hochgeehrten Stellvertreter, Christus Jesus; unser Haupt und unseren Herrn, durch den jeder Segen Gottes gekommen ist und kommen wird. In der Tat lesen wir im Pfingstbericht (Apg. 2), wo Petrus unter der Leitung des heiligen Geistes den Gegenstand erläuterte: "Jesus, nachdem er durch die Rechte Gottes erhöht worden ist und vom Vater die Verheißung des heiligen Geistes empfangen, hat dieses ausgegossen, was ihr (jetzt) sehet und höret."

Demgemäss kann auch nie zu viel Wichtigkeit gelegt werden auf diese Taufe mit dem heiligen Geiste; sie bezeichnet die Anerkennung der Herauswahl, und ohne sie hätten wir keinen Beweis dafür, dass das Opfer unseres Herrn als Lösegeld angenommen worden, und dass wir nun als gerecht gerechnet werden.

Hinwiederum müssen wir uns aufs entschiedenste verwahren gegen die bei vielen ernsten Christen herrschende, aber darum nicht minder schriftwidrige und also irrige Idee, dass wir häufige Taufen mit dem heiligen Geiste erwarten und zu erlangen suchen sollen. Diese Erwartung kann sich auf keine Verheißung im Worte Gottes stützen; sie steht vielmehr im Widerspruch mit dem in demselben kundgemachten Plan Gottes. Merke, dass die Schrift nur drei Taufen mit dem heiligen Geist namhaft macht, und dass jede derselben, aber auch nicht eine mehr, notwendig war, indem die drei die Abteilungen der einen Taufe waren. Die drei Taufen sind:

  1. Die Taufe unseres Herrn Jesus,
  2. Die Taufe zu Pfingsten,
  3. Die Taufe des Kornelius, des ersten von Gott als "Sohn" anerkannten Heiden.

Wir wollen diese drei Taufen kurz in dieser Reihenfolge betrachten.

1. Unseres Herrn Taufe mit dem heiligen Geist war nicht allein für ihn selbst unentbehrlich, damit er teilhaftig werde der göttlichen Macht - er war die göttliche Kraft in ihm und das Unterpfand seiner Empfängnis zur, und seines Erbanspruches auf die göttliche Natur, - sondern es war außerdem auch angezeigt, das eine äußerliche Kundgebung oder Anerkennung Jesu stattfinden werde, die anderen ermöglichte, in ihm den Gesalbten Gottes zu erkennen. Diese Kundgebung oder Begleiterscheinung war die Gestalt einer Taube, welche auf ihn hernieder stieg und über ihm leuchtete. Der Text gibt nicht zu verstehen, dass die Leute überhaupt diese Kundgebung der göttlichen Gunst sahen; die Meinung ist vielmehr, dass Johannes der Täufer, der damals ein Reformationswerk in Israel verrichtete und als Prophet, als Knecht Gottes anerkannt war, allein das Herniedersteigen des Geistes auf unseren Herrn sah und hernach davon zeugte. Denn der Text lautet (1. Joh. 1:32, 33): "Und Johannes zeugte, sagend: Ich schaute den Geist aus dem Himmel hernieder fahren einer Taube gleich, und er blieb auf ihm; und ich kannte ihn nicht (wusste nicht, dass er der Messias war); aber der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, der sprach zu mir: Auf welchen du sehen wirst den Geist hernieder fahren und auf welchen ihm bleiben, dieser ist es, der mit heiligem Geist tauft; und ich sah und bezeugte, dass dieser der Sohn Gottes ist."

2. Die Taufe der Herauswahl zu Pfingsten sollte, wie Johannes hier erklärt, das Werk Christi sein, des, der mit heiligem Geiste tauft. Petrus bestätigt es, wie wir gesehen, indem er verkündet, dass Christus seinen heiligen Geist ausgegossen habe. Er allein kann so taufen, weil er die Welt erkauft hat, alle erkauft mit seinem teuren Blut, weil niemand zum Vater kommt, denn durch ihn, weil der Vater niemanden richtet, sondern alles Gericht dem Sohne überlassen hat, und endlich, weil der Sohn nach seiner Erhöhung als des Vaters Stellvertreter handelt, um alle, die zum Vater kommen durch ihn, in volles Einvernehmen mit dem Vater zu bringen.

Die Taufe war, wie wir schon gesehen, notwendig von einer sichtbaren Kundgebung begleitet wie diejenige Jesu, damit sie wahrgenommen und bezeugt werden könne. Weder das Brausen, das den Raum erfüllte, noch die gespaltenen Zungen von Feuer, die sich auf jeden von ihnen (wahrscheinlich den Aposteln, sie dergestalt als besondere Vertreter des Herrn und Mundstücke des heiligen Geistes bezeichnend) setzten, noch die Taube, die Johannes sah, waren der heilige Geist, sondern nur wahrnehmbare Erscheinungen des Unsichtbaren. Die Taube, das Symbol der Friedfertigkeit und Reinheit, war eine passende Darstellung des Geistes der Liebe Jehovas, der Jesum erfüllte, und die "gespaltenen Zungen" ein passendes Wahrzeichen für die Apostel als vom heiligen Geist geleitete Zeugen. - Apg. 2:32, 3:15, 5:32, 10:39, 41, 13:31

3. Endlich war eine besondere Kundgebung der göttlichen Macht notwendig bei der Annahme des Kornelius als des ersten Erwählten aus den Nationen. Denn bisher waren die Nationen von jeglicher Gnade ausgeschlossen gewesen, nicht einmal als Knechte annehmbar. Infolgedessen war es für die Gläubigen aus der Beschneidung keineswegs selbstverständlich, dass von nun an die Nationen der größeren Ehre der Sohnschaft würdig erachtet würden. Daher musste Gott seine Gnadenerweisung an die Heiden deutlich und unmissverständlich kundmachen. Wie wir schon gesehen, war es mit Gottes Plan nicht vereinbar, dass irgend ein Unbeschnittener angenommen würde, bevor die Gnadenzeit der siebzig Wochen für die Juden abgelaufen war (3 ½ Jahre nach Pfingsten). Daher konnte die Tatsache, dass Bekehrte aus den Nationen Miterben gleichen Ranges mit Bekehrten aus den Juden werden konnten, nicht schon durch die Taufe zu Pfingsten angedeutet werden, und angesichts der tiefeingewurzelten Vorurteile der Apostel sowie der anderen Juden war es sehr angezeigt, dass die Annahme des Kornelius den Aposteln durch die selben Zeichen bekundet wurde, welche zu Pfingsten wahrgenommen worden waren. Doch ist es nicht notwendig, anzunehmen, dass die "gespaltenen Zungen von Feuer" sich auf Kornelius setzten; er empfing wahrscheinlich nur, gleich den übrigen Bekehrten aus den Juden, einige der Gaben, die zu Pfingsten auf alle kamen.

Auf welche andere Weise hätten wir je wissen können, dass die Nationen von Gott angenommen seien? Wäre die Taufe mit dem heiligen Geist und die übrigen Pfingstgaben auf die Gläubigen vom Samen Abrahams nach dem Fleisch beschränkt geblieben, so hätten hinsichtlich der Stellung der Kinder Gottes, die nach dem Fleisch aus den Nationen stammen, das ganze Evangeliums-Zeitalter hindurch Zweifel fortbestanden, ob sie denn auch wirklich angenommen seien. Durch die Taufe des Kornelius aber mit heiligem Geist bekundete der Herr ganz unzweideutig, dass hinfort in Bezug auf die Annahme als Kind Gottes in Christo kein Unterschied mehr bestehe "zwischen Jude und Grieche, Freien und Knechten, Mann oder Weib." Niemand ist annehmbar durch sich selbst, infolge der ihn anhaftenden Sünde; daher wird von nun an in ihm nur angenommen, wer zum Vater kommt durch seinen geliebten Sohn, unseren Herrn. - 1. Kor. 12:13

Außer diesen drei Fällen von Taufen mit dem heiligen Geist erwähnt die heilige Schrift durchaus keine. Es hat daher die Anschauung vieler Kinder Gottes, dass sie noch weitere Taufen mit dem heiligen Geist erwarten, erbeten und herbeiführen helfen sollen keine Berechtigung. Solche weitere Taufen sind ganz unnötig, weil die eine Taufe zu Pfingsten mit ihrem Nachtrag im Hause des Kornelius allen Erfordernissen genügt. Diese beiden Taufen galten nicht nur den Einzelpersonen, die zunächst den Segen davontrugen, sondern außerdem der von ihnen vertretenen Herauswahl, dem Leibe des Christus als Ganzes. Dass diese Taufe der Herauswahl in zwei Abschnitten erfolgte, zunächst zu Pfingsten an den ersten Gläubigen aus der Judenschaft, und dann im Hause des Kornelius an den ersten Gläubigen aus den Nationen, steht allein in vollem Einklang mit dem, was unser Herr vor seiner Kreuzigung in Bezug darauf dem Petrus sagte: "Ich will dir die Schlüssel zum Reiche der Himmel geben." (Matth. 16:19) Ein Schlüssel versinnbildlicht die Macht, aufzuschließen; und dass von mehr als einem Schlüssel die Rede, deutet an, dass mehr als eine Tür aufzuschließen war. Tatsächlich waren es denn auch der Türen zwei und demgemäss auch zwei Schlüssel, und Petrus war es, der beide Schlüssel gebrauchte, wie es der Herr vorausgesagt, der vor den Juden und vor den Nationen je eine Tür aufschloss. Den ersten Schlüssel gebrauchte er zu Pfingsten, wo er der erste und hauptsächlichste Redner war, der die neue Gnadengabe des Geistes den ersten dreitausend Gläubigen vermittelte, die alsbald durch die geöffnete Tür eingingen (Apg. 2:37-41). Wiederum, als die Zeit gekommen war, dass die frohe Botschaft auch den Nationen verkündigt werden sollte, war es Petrus, den der Herr, seiner einst getroffenen Wahl gemäß, aussandte, dem Kornelius befehlend, Petrus zu sich zu bitten, und dem Petrus befehlend, zu Kornelius zu gehen und ihm und seinem Hause die frohe Botschaft zu verkündigen. Da brauchte Petrus den zweiten Schlüssel, die Tür des Königreiches vor den Nationen aufzuschließen, und Gott war des Zeuges, indem er auf Kornelius und die anderen Gläubigen aus den Nationen seines heiligen Geistes wunderbare Gaben und Kundgebungen ausgoss.

Die richtige Auffassung dieser Taufe mit heiligem Geist ist die einer Ausgießung und Salbung, die aber so vollständig ist, sich so über jedes Glied des Leibes erstreckt, dass sie einer Eintauchung (Taufe) gleichkommt. Diese Salbung oder Taufe hat das ganze Evangeliums-Zeitalter hindurch gedauert, von Anbeginn bis jetzt einen jeden erreichend, durchdringend, heiligend, segnend und salbend, der in den gesalbten "Leib" (die Herauswahl, die da ist sein Leib) gekommen ist und kommt. Und das wird so bleiben, bis das letzte Glied angenommen und vollständig gesalbt sein wird. Darum sagt der Apostel Johannes, indem er von der Taufe als von einer Salbung (Weihung) spricht: "Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibet in euch." (1. Joh. 2:27; vgl. Psalm 133:2) Er spricht nicht von zahlreichen Salbungen, die sie empfangen hätten, sondern von der einen Salbung, da ein mehreres überflüssig wäre und mit dem göttlichen Plan nicht im Einklang stünde.

Vom Standpunkt Gottes aus ist eben die Herauswahl ein Ganzes. Denn, "gleichwie der Leib einer ist, aber viele Glieder hat, .... also auch der Christus. ... Ihr aber seid der Leib Christi und (einzeln genommen) Glieder insonderheit" (1 Kor. 12:12 - 27). In Übereinstimmung hiermit geht die Schrift, wenn sie von unserem Verhältnis zum Vater spricht, immer von der Anschauung aus, dass wiewohl der Herr sich eines jeden einzelnen unter uns besonders annimmt, wir in den Augen des Vaters nicht sowohl als Einzelwesen, sondern als Glieder oder Teile eines Einzelwesens gelten, das da ist der Christus, Haupt und Leib. Darum bezeichnet denn auch die Schrift die Aufnahme, die Taufe in den Leib Christi als den ersten Schritt, den wir zu tun haben, nachdem wir gläubig geworden.

Wir wollen hier die Frage der Taufe im allgemeinem nicht besprechen, sondern sie für eine spätere Betrachtung aufsparen. Wir weisen nur auf die Tatsache hin, dass Gläubige aufgefordert werden, in den Christus getauft zu werden; damit sie der Taufe in den heiligen Geist teilhaftig werden. Da der heilige Geist nicht eine Person, sondern, ein heiliger Geist, ein Einfluss ist, den die Herauswahl besitzt, so müssen alle, die dieser Gnadengabe teilhaftig werden wollen, zu dieser Herauswahl, die da ist sein Leib, in Beziehung treten. Auf andere Weise ist der heilige Geist nicht erhältlich. Wir verstehen unter dieser Beziehung zur Herauswahl nicht den Eintritt in irgend eine "Kirche" menschlichen Ursprungs, heiße sie nun Methodisten-, Presbyterianer-, Lutherische- oder Katholische-Kirche. Wir meinen die Mitgliedschaft in der Herauswahl, deren Mitglieder mit Sicherheit nur daran erkannt werden können, dass sie den heiligen Geist der Liebe haben, der sich durch seine mancherlei Früchte ausweist.

Wer also tatsächlich mit Christus eins wird und somit tatsächlich eins wird mit allen Gliedern seines Leibes, fühlt kein Bedürfnis, um gegenwärtige oder zukünftige Pfingstsegnungen zu beten, sondern vermag freudig und vertrauensvoll auf die Segnung zu Pfingsten und im Hause des Kornelius zurückzublicken und in derselben den Beweis zu erblicken, den der Vater von der Annahme der Herauswahl als eines Ganzen, durch Christum, gegeben hat. Mit dieser göttlichen Anordnung sollten alle vollauf zufrieden sein können. Wir sagen nicht, dass unser Herr denjenigen zürnt, die nicht klar sehen und daher im Widerspruch mit seinem Willen um viele Pfingsttage beten. Wir denken vielmehr, dass er sich ihrer Unwissenheit erbarmen, ihre Gebete, wiewohl sie damit auf falscher Fährte sind, ansehen und ihnen, ohne seinen Plan zu ändern, einen Segen zu teil werden lassen wird (soweit dies mit ihren trügerischen Hoffnungen und ihrer Missachtung des Wortes Gottes vereinbar ist), dass Seufzen ihrer Herzen nach Gemeinschaft mit ihm in Berücksichtigung ziehend.

Es ist befremdlich, dass diese lieben Freunde, die beständig um eine Taufe mit dem heiligen Geiste beten, nie bemerkt haben, dass die Apostel weder selbst um zukünftige Pfingsten beteten noch die Herauswahl anweisen, es zu tun. Halten sie sich für weiser als die inspirierten Apostel, oder als heiliger denn sie, als mehr bestrebt, mit dem heiligen Geiste erfüllt zu sein? Wir wollen zuversichtlich hoffen, dass sie sich keinen so selbstsüchtigen und selbstherrlichen Einbildungen hingeben, sondern dass ihre Gefühle denen von unwissenden Kindern gleichen, die gedankenlos und manchmal eigensinnig gütige Eltern mit Bitten um unnötige und nie versprochene Gaben und Vergünstigungen quälen, die ihnen nicht gewährt werden können.

Die allgemeine Taufe mit dem Geiste

"Hernach will ich ausgießen meinen Geist auf alles Fleisch." - Joel 2:28

Der heilige Geist ist bestimmt, das Mittel der Aussöhnung zwischen dem Allmächtigen und dem mit Christi teuren Blute erkauften sündigen Menschengeschlecht zu sein. Wie es der Zweck des Opfers Christi war, den Weg zu eröffnen, auf dem Gott gerecht sei und gleichwohl alle gerecht machen könnte, sofern sie an ihn (Christum) glauben und durch ihn (Christum) zum Vater zu kommen suchen, so ist es das Werk des verherrlichten Mittlers, so viele zur vollen Gemeinschaft und Übereinstimmung mit Gott zurückzubringen, als dahin zurückzukehren unter den (vom Tod) Zurückgekauften willig sind, nachdem sie die hierzu nötige Gelegenheit erhalten haben und zu der hierzu nötigen Erkenntnis (der Wahrheit) werden gebracht worden sein. Dieses Werk der Zurückbringung der Sünder zu Übereinstimmung mit Gott zerfällt, wie wir gesehen, in zwei Teile, deren erster die Herauswahl, d.h. die Zurückbringung einer kleinen Herde während des Evangeliums-Zeitalters ist, und deren zweiter die Zurückbringung so vieler von der Großzahl der Menschheit sein wird, als da während des tausendjährigen Reiches sich zurückbringen lassen wollen.

Die Grundlage der Übereinstimmung mit Gott ist aber nicht die, dass Gott gleichsam auf unsere Stufe hernieder steigt, Sünde übersieht oder entschuldigt und uns als Sünder zu Gnaden aufnimmt. Die Sünder müssen vielmehr ihre Sünden ablegen, von Herzen den Maßstab der göttlichen Gerechtigkeit für ihre eigenen Handlungen, Worte und Gedanken annehmen und zu voller Herzensübereinstimmung mit Gott zurückkehren, so dass sie des himmlischen Vaters heiligen Geist, Sinn, Willen und Herzensstandpunkt nachzusuchen und desselben auf dem hierzu bestimmten Wege unter der Fürsorge Christi teilhaftig zu werden entschlossen sind, indem sie ihm den Platz des eigenen Sinnes, Willens und Herzensstandpunktes anweisen und so durch Erneuerung ihrer Gesinnung umgestaltet werden. Diese Umgestaltung fordert Gott im Evangeliums-Zeitalter von der Herauswahl, im kommenden Tausendjahr-Zeitalter wird er sie von der Welt verlangen, und der Christus wird diese Wiederaussöhnung der Welt mit Gott vermitteln. Nicht ein Jota vom göttlichen Gesetz wird abgeändert werden; Sünde und Unvollkommenheit kann niemals entschuldigt oder als Vollkommenheit und Gerechtigkeit gerechnet werden. Vielmehr wird die Menschheit der Gewalt des Christus unterstellt sein zu ihrer Neugestaltung und Wiederbringung zu der Gottähnlichkeit, die durch Vater Adams Übertretung verloren gegangen ist; und eines der Mittel, durch welche die Welt wieder zur Übereinstimmung mit Gott gebracht wird, besteht in dem Ausschluss des Einflusses Satans (2. Kor. 4:4; Offb. 20:2), welcher jetzt die Menschheit in Ketten der Blindheit gefangen hält. Die Welt wird alsdann statt unter dem Einfluss eines Geistes der Täuschung und des Irrtums, des Aberglaubens und der Unwissenheit, unter dem des Geistes der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe stehen. Die äußerlichen Verhältnisse, unter deren Druck die Menschen jetzt zu leiden haben, so dass ihre Herzen mit Zorn und Bosheit, mit Hass und Streit- und Selbstsucht erfüllt werden, sollen verändert werden, indem sie nicht mehr jenem bösen Einfluss, der mehr und mehr eingedämmt und schließlich gänzlich beseitigt werden soll, stehen, so dass an Stelle obiger böser Eigenschaften Rechtschaffenheit, Güte, Milde, Mitteilsamkeit und Liebe die Menschenherzen erfüllen werden.

In dieser Weise wird, durch Vermittlung des Christus, der heilige Geist Gottes über die Menschheit ausgegossen werden, ihr erst Licht und Klarheit gebend, dann ihr Hilfe, Beistand und Stärke leihend, die vererbten bösen Neigungen zu überwinden, und schließlich sie im Guten unterweisend und hierdurch zu der durch Vater Adams Ungehorsam verloren gegangenen Gottebenbildlichkeit zuführend.

Während diese großartigen Aussichten für die Menschheit unser Herz mit einer Freude erfüllen, wie sie die Kinder Gottes in der vergangenen Zeit bei weitem nicht kennen konnten, bilden sie für die Feinde des Herrn keinen Trost, und ebenso für diejenigen, welche, nachdem sie Gelegenheit erhalten, den heiligen Geist zu empfangen und sich von ihm erfüllen zu lassen, sich ablehnend verhalten. Der heilige Geist wird auf alles Fleisch ausgegossen werden; aber es wird eines Willensaktes jedes einzelnen bedürfen, um der mit dieser Ausgießung verbundenen Segnungen teilhaftig zu werden: gerade wie es im gegenwärtigen Evangeliums-Zeitalter von den Gläubigen, welche mit heiligem Geist erfüllt und gesegnet zu werden wünschen, gefordert wird, dass sie die hierzu gesetzten Mittel anwenden, sich ganz weihen und die Wahrheit in sich aufnehmen, auf dass sie "den Geist der Wahrheit" haben möchten. Wenn einst der große Verkünder der Wahrheit und Lebensspender, der Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks (der ganze Christus, Haupt und Leib) hervortreten wird, um die Welt zu segnen, dann wird dies Segnung und ewiges Leben bedeuten für alle diejenigen, die seine Worte hören und aufnehmen und darnach tun, Vernichtung im zweiten Tod aber für alle diejenigen, die auf ihn zu hören sich weigern, als geschrieben steht: "Eine jegliche Seele, die irgend auf jenen Propheten nicht hören wird, soll aus dem Volke ausgerottet werden." - Apg. 3:23

In Joels Weissagung sind, wie man bemerken wird, die Ereignisse in umgekehrter Reihenfolge erwähnt. Der Prophet spricht zuerst von der Ausgießung des heiligen Geistes auf alles Fleisch, und hernach von derjenigen auf die Herauswahl. Ohne Zweifel bezweckte der Herr, indem er den Propheten so schreiben ließ, einige herrliche Einzelheiten dieser seiner großen Verheißung zu verbergen oder zu verhüllen, bis die Zeit kommen würde, wo sie verstanden werden sollten (Dan. 12:9, 10). Wiewohl die Stelle jahrhundertlang immer wieder gelesen worden, konnte sie doch nicht in ihrem vollen Werte klar erkannt werden, bis die von Gott bestimmte Zeit da war. Das ganze Evangeliums-Zeitalter hindurch hat der Herr seinen Geist bloß auf seine Knechte und Mägde ausgegossen, und dies bedeutete für sie ein großes Glück, für alle, die in den Christus getauft und als Söhne seiner Salbung teilhaftig wurden. Auf diesen Zug der Weissagung verwies der Apostel in seiner Pfingstrede. Er zitierte zwar die Weissagung unverkürzt, aber, vom heiligen Geist geleitet, ging er auf deren ersten Teil nicht näher ein, da die Zeit, ihn zu verstehen, noch nicht gekommen war. Daher unterließ es auch Petrus, von dem Unterschied zu reden, wonach der heilige Geist im jetzigen Evangeliums-Zeitalter allein auf Gottes Knechte und Mägde und erst im kommenden Zeitalter auf alles Fleisch ausgegossen werden sollte, und sagte bloß mit Hinweisung auf seine und der anderen Gläubigen Salbung mit heiligem Geist: "Dies ist, wovon im Propheten Joel gesagt ist" - ein Teil, der Anfang der Erfüllung.

Die vollständige Erfüllung liegt auch heute noch in wenn auch sehr naher Zukunft. Der Prophet verkündete auch noch weitere Dinge neben der Ausgießung des heiligen Geistes auf alles Fleisch, welche zu Pfingsten noch in der Zukunft lagen. Er verkündete die Verfinsterung von Sonne und Mond und das Kommen des großen und schrecklichen Tages des Herrn, der jetzt unmittelbar bevorsteht, und der auf der Grenze zwischen den beiden Zeitalter steht, in deren erstem nur die Knechte und die Mägde, die Herauswahl, im letzteren aber alles Fleisch des heiligen Geistes teilhaftig werden soll.

Wie wir gesehen, wird der Geist Gottes, der im nächsten Zeitalter über die Welt kommen wird, kein anderer sein als der, der im gegenwärtigen Zeitalter über die Herauswahl kommt; denn er ist nach wie vor der Geist der Wahrheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Übereinstimmung mit Gott, der Geist oder Einfluss, den Gott ausüben wird zu Gunsten der Gerechtigkeits- und Wahrheitsliebe und der Güte. Aber ein Unterschied wird doch bestehen in den Folgen, die die Verleihung des Geistes nach sich zieht. Ihn jetzt empfangen und in Übereinstimmung mit ihm wandeln, bringt uns unvermeidlich in Konflikt mit dem überall um uns her herrschenden Geist dieser Welt. Darum sagt auch die Schrift allen denen, die den heiligen Geist jetzt aufnehmen und seiner Leitung sich anvertrauen, voraus, dass sie sich auf Widerstand und Verfolgung seitens derjenigen gefasst machen müssen, die den heiligen Geist nicht haben, und diese bilden die weitaus größte Überzahl. Ganz anders im kommenden Zeitalter. Da wird die Aufnahme des heiligen Geistes keine Verfolgung nach sich ziehen, aus dem einfachen Grunde, weil die gegenwärtige Ordnung der Dinge einer neuen wird Platz gemacht haben. Wie Satan jetzt der Fürst der Welt ist, so wird alsdann Christus der Fürst der Welt sein. Wie jetzt die Mehrzahl der Menschen, wissentlich oder unwissentlich, willentlich oder unwillentlich, unter Satans Einfluss steht, so wird alsdann die ganze Menschheit unter dem Einfluss des Christus und seiner gerechten Herrschaft stehen. Die Erkenntnis der Wahrheit wird alsdann Gemeingut werden für klein und groß. Das Gesetz des kommenden Zeitalters wird ein Gesetz der Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit sein und durchgeführt werden, da es die Zeit des Reiches Gottes sein wird. Daher werden diejenigen, welche sich diesem für die Welt neuen Gesetz unterwerfen und den Geist der Wahrheit haben, deshalb nicht Verfolgung leiden müssen, sondern vielmehr Gunst und Segen finden und in dem Maße gedeihen, als sie den Geist der Heiligung in sich aufnehmen.

Den heiligen Geist besitzen, wird im 1000-jährigen Zeitalter nicht, wie im gegenwärtigen, die Empfängnis durch den Geist, zu einer späteren geistigen Natur, noch die Annahme an Kindesstatt und Aufnahme in die Miterbschaft des Christus an dessen königlicher Gewalt bedeuten. Diese Bedeutung und Verheißung hat die Verleihung und Aufnahme des heiligen Geistes nur im gegenwärtigen Evangeliums-Zeitalter und nur für die Klasse der Knechte und Mägde (Joel 2:28), welche dadurch, dass sie im gegenwärtigen Zeitalter den heiligen Geist aufnehmen und sich von ihm leiten lassen, mit dem Geist des Fürsten dieser Welt in Konflikt geraten und um der Gerechtigkeit willen leiden müssen, auf welchen aber auch deshalb der Geist der Gerechtigkeit (d.h. der göttlichen Natur) und der Geist Gottes ruht. - 1. Petr. 4:14

Den heiligen Geist besitzen wird im Tausendjahrzeitalter nur bedeuten, dass der Besitzer mit dem Christus in Übereinstimmung gekommen ist, und auch mit Gott übereinstimmt und des Segens teilhaftig werden kann, den Gott für die Menschheit im allgemeinen in Bereitschaft hält, und der nicht in einer Verwandlung aus der menschlichen in die göttliche Natur, sondern in die Wiederherstellung zu der durch Adams Fall eingebüssten menschlichen Vollkommenheit bestehen wird (Apg. 3:19-21). Den heiligen Geist besitzen wird alsdann ein Zeichen dafür sein, dass das Werk der Erneuerung - durch den zweiten Adam, zur Vollkommenheit der menschlichen Natur, die ihnen Christi großes Sühnopfer erkauft - in ihnen angefangen ist und sie, wenn sie die Entwicklung dieses Werkes nicht hindern, schließlich zu voller Gottebenbildlichkeit auf menschlicher Stufe bringen wird.

Die Segnungen, welche Christus als Wiederhersteller der Welt im 1000-jährigen Zeitalter wird zu gute kommen lassen, sind diejenigen, die er durch seine Selbstaufopferung für die Welt erkauft hat. Als Mensch Christus Jesus war er durch seine Hingabe der volle Rückkaufpreis für den Menschen Adam, auf welchen die Strafe kam. So sind es denn Adams Menschennatur, Rechte, Vorzüge, Leben und Herrschaftsansprüche, die durch das große Opfer für die Sünden zurück erworben wurden. Diese zurück erworbenen Dinge sind es, in deren Besitz die wiederhergestellte, erneuerte Welt durch ihren Wiederhersteller oder Vater, Christum Jesum, unseren Herrn, den zweiten Adam, wieder eingesetzt werden soll. - Eph. 1:14; Apg. 3:19-23

Wiewohl nun Christus nicht der zweite Adam war, als er als der Herr Jesus im Fleische wandelte, sondern es erst nach seiner Auferstehung zu einem Geistwesen ward, bedeutet nun keineswegs, dass er als zweiter Stammvater der Menschheit dieser Leben und Natur der Geistwesen verliehen wird. Im Gegenteil wird er ihr nur das Leben geben, nicht aber die Natur, die, wie im 4. Kapitel hier vor gezeigt worden, nicht vom Vater, sondern von der Mutter stammt. So hieß Adam ein Sohn Gottes, weil er zum sittlichen Ebenbild Gottes geschaffen war; die göttliche Natur aber hatte er nicht, sondern vielmehr die Natur seiner Mutter, die Erde. Die Aufgabe des Menschen inmitten der irdischen Schöpfung war, deren Beherrscher zu sein. An dieser Aufgabe hat sich durch den Ungehorsam und Fall Adams nichts geändert; der Mensch wird sie noch erfüllen, und nachdem einmal das Übel, welches der Widersacher über die Erde gebracht, gänzlich wird ausgetilgt worden sein, wird ihm durch Christum dazu verholfen werden.

Die Herauswahl des gegenwärtigen Evangeliums-Zeitalters wird, wie wir gesehen, eine Ausnahme von der Wiederherstellung bilden. Sie wird hoch erhöht, zur Herrlichkeit der Braut und Miterbin Christi erhoben werden und wird daher jetzt in besonderer Weise "gerichtet", d.h. geprüft, auf die Probe gestellt, fähig und würdig gemacht, am Königreich teilzunehmen nach ihrer Verwandlung aus der menschlichen Natur zur göttlichen, die hoch über allen Engeln, Fürstentümern und Gewalten (im Reich der Geister) steht.

Das Gebet um den heiligen Geist

Wenn wir nun auch nicht angewiesen werden, um neue, nicht verheißene Taufen mit dem heiligem Geiste zu bitten, so werden wir doch sehr ausdrücklich gelehrt, um den heiligen Geist als eine gute Gabe zu bitten. "So denn ihr, die ihr doch arg seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer himmlischer Vater den heiligen Geist denen geben, die ihn bitten." (Luk. 11:13). Auch hier wiederum gibt der Sohn, durch den doch alle Dinge sind, dem Vater Ehre und Ruhm, indem er ihn als die Quelle des Segens bezeichnet. Das ganze Erlösungs- und Versöhnungswerk ist des Vaters Werk, der Sohn ist bloß dessen Vollstrecker. Darum erklärt er, dass es des Vaters Wohlgefallen sei, uns mehr und mehr mit seinem heiligen Geist zu erfüllen. Nach diesem Gut, nach diesem großen Segen fordert er uns auf zu suchen und zu trachten. Was irdische Gaben anbelangt, so belehrt uns unser Erlöser, dass unser himmlischer Vater wisse, was wir bedürfen, besser als wir es wissen, welche irdischen Gaben für uns förderlich sind und welche uns hinderlich wären. Darum sollen wir nicht wie die nicht Wiedergezeugten und Heiden um irdische Gaben bitten und flehen, sondern vielmehr, wie es Kindern gegenüber dem Vater gebührt, zu diesem und seiner Vorsehung volles Vertrauen habend, erwarten, dass er uns das zuträglichste verleihen wird, und mit dieser Hoffnung und Zuversicht uns zufrieden geben. Daran hingegen hat der himmlische Vater Freude, wenn wir nach immer reichlicherer Erfüllung mit heiligem Geist, nach mehr und mehr Übereinstimmung unserer Gesinnung mit seinem Geist trachten und verlangen. Diesen Wunsch verheißt er zu erfüllen. Dabei verfährt er in der Weise, dass er die Verhältnisse seiner Kinder so ordnet, dass in ihnen selbst oder in ihrer Umgebung liegende Hindernisse überwunden werden, so dass sein Geist der Liebe in ihnen reichlich vorhanden sei und sie schließlich ganz erfülle.

Das ist aber nicht eine neue Taufe mit dem heiligen Geist. Diese Taufe fand im Anfang statt; was jetzt zu tun übrig bleibt, ist, die Schleusen nach jeder Richtung hin zu öffnen, um den heiligen Geist der Liebe und Wahrheit überall hindringen und alle unsere Taten, Worte und Gedanken durch dringen zu lassen. Wir bedürfen aber göttliche Hilfe, die Wirksamkeit der Weisheit und Vorsehung des Herrn in uns, um zu erkennen, was die Schleusen verstopft und wie wir die Hindernisse beseitigen können. Der heilige Geist kann nur denen in vollem Maße zuteil werden, welche ihn ernstlich verlangen, darum bitten und danach trachten. Wir müssen demselben durch Austreibung des Geistes dieser Welt in unsern Herzen Raum schaffen. Auch der Eigenwille muss Platz machen. Je mehr Raum wir zu schaffen wünschen, um den heiligen Geist aufnehmen zu können, um so williger und ängstlicher bestrebt sind wir, jeden entgegen wirkenden Einfluss und Willen zu beseitigen. Dies ist die Gesinnung, die der Herr bei uns sucht. Hieran denkt der Apostel in seinem Gebet für die Herauswahl in Ephesus, wenn er schreibt (Eph. 3:7-19): "Dass der (Geist des) Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne (d.h. dass er darin als König, Herrscher und Lenker jeglichen Gedankens, Wortes und Handelns throne), auf dass ihr, in der Liebe (dem heiligen Geist, der heiligen Gesinnung) gewurzelt und gegründet, völlig zu erfassen vermöget mit allen Heiligen, welches die Breite und Länge und Tiefe und Höhe (der Liebe Gottes) sei, und zu würdigen vermöget die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt werden möget mit der ganzen Fülle Gottes." Wer mit dem Geiste des Christus erfüllt ist und die Liebe, die der Christus an den Tag gebracht hat, vollständig zu würdigen vermag, der wird den Geist des Vaters in aller Fülle empfangen.

Kein Wort in der aus Lukas angeführten Stelle kann so gedeutet werden, dass sie den Sinn bekäme, unser himmlischer Vater sähe es gerne, wenn seine Kinder um einen andern Gott, eine ihm selbst gleiche dritte Person aus einer Dreieinigkeit bitten würden. Diese Voraussetzung würde vielmehr auf die angeführte Stelle und den Kontext gar nicht passen, und wer sie dennoch festhält, kann die wahre Schönheit und Kraft der aus Lukas zitierten Verheißung nicht sehen. Es wäre fürwahr gar zu befremdlich, wenn eine Person der Dreieinigkeit von der andern sagen wollte, sie sei imstande und willens, uns die dritte in derselben Weise zu gebe, wie irdische Eltern ihren Kindern Brot, einen Fisch oder ein Ei geben (Luk. 11:11, 12). Hingegen wird die Stelle leicht verständlich, wenn unter dem heiligen Geist eine Sache verstanden wird, nämlich die göttliche Gesinnung oder der in verschiedenen Richtungen zur Stärkung, Ermutigung und geistigen Auferbauung der Kinder Gottes geltend gemachte göttliche Einfluss.

Unsere Stelle (Luk. 11:11-13) zieht eine Parallele zwischen gütigen irdischen Vätern, die ihren Kindern irdische Nahrung reichen, und unserem gütigen himmlischen Vater, der denen, so ihn bitten, seinen heiligen Geist gibt. Aber gleichwie der irdische Vater die erbetene Nahrung nur in den Bereich des ihn bittenden Kindes bringt, sie ihm aber nicht aufzwingt, so hat auch unser himmlischer Vater die guten Segnungen seiner Gnade in den Bereich seiner geistigen Familie gebracht, zwingt sie uns aber nicht auf. Uns muss vielmehr danach hungern und dürsten; wir müssen danach trachten, ihn darum bitten, nicht mit Zweifeln im Herzen, sondern im festen Glauben daran, dass er gewillt ist, uns gute Gaben zu geben. Wenn wir also um den heiligen Geist, um die Erfüllung mit demselben beten, müssen wir uns dann auch nach der Gabe umsehen, welche er uns als Antwort auf unser von ihm selbst eingegebenes Gebet bereitet hat.

Diese Gabe finden wir im Wort der Wahrheit. Doch müssen wir uns nicht damit begnügen, zu wissen, dass sie dort ist; nein, wenn wir damit erfüllt zu werden wünschen, müssen wir essen, müssen wir an dem Mahle teilnehmen, sonst, wird uns die Sättigung, die es bringen soll, nicht zu teil. Wer an einer reich besetzten Tafel sich zuzugreifen weigert, der bleibt so hungrig, als hätte er nichts zu essen. So wenig als das Tischgebet an sich uns satt macht, wenn wir nicht nachher an den gesegneten Speisen unseren Hunger stillen, so wenig genügt es, das Wort Gottes auf seinem Büchergestell zu haben und um Erfüllung mit heiligem Geiste zu beten; wir müssen das Wort Gottes essen, wenn wir uns seinen Geist aneignen wollen. Unser Meister erklärte: "Die Worte, die ich zu euch rede, sie sind Geist und sind Leben" (Joh. 6:63). Und von allen, die mit seinem Geiste erfüllt sind, gilt des Propheten Wort: "Deine Worte waren vorhanden, und ich aß sie" (Jer. 15:16; vergl. Offb. 10:9). Es ist rein nutzlos, um den heiligen Geist zu bitten, wenn wir das Wort der Wahrheit beiseite liegen lassen, das gerade jener Geist beschafft hat, damit wir daraus schöpfen können. Bitten wir nur um den Geist und wenden nicht die in unserem Bereich stehenden Mittel an, um den Geist der Wahrheit auch zu erhalten, so werden wir immerfort, wenn es hoch kommt, "Säuglinge in Christo" bleiben, die nach äußeren Zeichen unserer Beziehungen zum Herrn suchen, statt nach den inneren Zeichen, dem Worte der Wahrheit, das er für uns beschafft hat.

Das Zeugnis des heiligen Geistes

"Der (heilige) Geist selber gibt unserm Geiste Zeugnis, dass wir Kinder Gottes sind." - Röm. 8:16

Wenige Lehren sind wichtiger für die Kinder Gottes als die in diesem Vers enthaltene, denn sie bildet die wichtigste Voraussetzung dafür, dass sie "den Frieden Gottes besitzen, der allen (menschlichen) Verstand übersteigt" (Phil. 4:7). Wie können sie "volle Gewissheit des Glaubens" (Hebr. 10:22) haben, wenn sie das Zeugnis des (heiligen) Geistes nicht haben, der ihnen ihre Sohnschaft, ihre Aufnahme an Kindesstatt in die Familie Gottes bezeugt? Und doch, wie wenige nur haben auch nur einigermaßen einen Begriff davon, was mit dem Ausdruck "Zeugnis des (heiligen) Geistes" gemeint ist, oder nach welcher Art Erfahrungen sie Ausschau halten sollen, die für sie das Zeugnis des heiligen Geistes, wonach sie Kinder sind, ausmachen.

Die Frage: Wie bezeugt uns der (heilige) Geist, dass wir mit dem Vater eins sind? ist mithin eine sehr wichtige. Wie bezeugt der (heilige) Geist, dass wir Söhne Gottes geworden sind, dass wir unter göttlicher Vorsehung für die herrlichen Dinge vorbereitet werden, die Gott für diejenigen in Bereitschaft hat, die ihn lieben und Jesu Christi, unseres Herrn, Miterben an der königlichen Herrschaft im Tausendjahr-Reich werden sollen?

Über wenige Dinge herrscht unter Christen im allgemeinen mehr Unklarheit als gerade über das Zeugnis des (heiligen) Geistes. So gibt es denn viele unter den besten von Gottes Kindern, die bekennen müssen, dass sie nicht wissen, was dieses Zeugnis sei, und daher auch nicht wissen, ob sie dieses Zeugnis haben oder nicht. Andere, mehr von Sicherheit als von Erkenntnis erfüllt, behaupten dieses Zeugnis zu haben und berufen sich dabei auf ihre Glücksempfindungen. Solche aber müssen, wenn sie aufrichtig sind, früher oder später zugeben, dass das Zeugnis, auf welches sie gebaut hatten, ein sehr unzureichendes sei: es kommt ihnen in den Zeiten größter Not abhanden. Solange alle Leute Gutes von ihnen aussagen, solange sie sich guter Gesundheit, geschäftlichen Gedeihens, zahlreicher Freunde erfreuen, fühlen sie sich in der Tat glücklich. Kommen ihnen aber einige oder alle diese Vorzüge abhanden, dann fühlen sie sich unglücklich; sie verlieren, was sie für das Zeugnis des heiligen Geistes hielten, und rufen in ihrer Seelenangst:

"Wo ist das Glück, das ich empfand,
Als ich einst meinen Jesus fand!"

Solche Kinder Gottes werden durch ihre Gefühle getäuscht und irre geleitet. Sie fühlen sich glücklicher und halten sich für näher Gott gebracht zu einer Zeit, wo sie gerade, unter Führung des Widersachers direkt auf dem Wege zur Versuchung wandeln. Dies ist schuld an einigen der häufigen Fällen, wo Kinder Gottes plötzlich aus der Gnade fallen, zu ihrer eigenen und ihrer Freunde Verwunderung. Getäuscht durch ein unzuverlässiges Zeugnis, fühlen sie sich sicher, sind nicht mehr auf der Hut und bestehen dann nicht in der Versuchung gerade in einer Zeit, wo sie sich - nach ihrem eigenen Zeugnis - so glücklich im Herrn(?) fühlten. An solchen sind dann wieder die Prüfungen und Enttäuschungen, die ihnen das Leben bringt, und die gerade dazu bestimmt sind, uns unserem Vater näher zu bringen und unseres Heilands liebende Anteilnahme und Fürsorge so recht schätzen zu lernen, zum Teil verloren. Denn da sie das Zeugnis ihrer Gefühle für dasjenige des (heiligen) Geistes hielten, so fühlten sie sich nun so beraubt, so hungrig und durstig nach der Wiederkehr guter Gefühle, dass sie für manche gute Belehrung unzugänglich werden, die ihnen nur zu teil werden kann, wenn sie vertrauensvoll an des Herrn Busen liegen und sich in seiner Gesellschaft wissen, während sie des Lebens Leidenskämpfe durch kosten müssen.

Eine andere Klasse von Christen scheint aus der von ihnen gemachten Erfahrung von der Unzuverlässigkeit des Zeugnisses der Gefühle zu schließen, dass Gott (wenigstens ihnen) jede zuverlässige Bezeugung seiner Gnade, ihrer Aufnahme an Kindesstatt in Gottes Familie versagt habe. Sie haben es wie der Dichter, welcher sang:

"Oh dass mir doch kein Zweifel blieb
In meines Herzens Schrein,
Ob ich auch meinen Heiland lieb',
Ob ich auch wirklich sein!"

Diese Ungewissheit rührt zum Teil her von unrichtiger Auffassung der Lehre von der Erwählung. Doch darin haben diese lieben Freunde ganz recht, dass sie ihre veränderlichen Gefühle nicht für ein zuverlässiges Erkennungszeichen für ihre Sohnschaft halten.

Noch andere beurteilen, auf die Schriftstelle gestützt: "Den festen Sinn bewahrst du in Frieden (dem, dessen Herz auf dich sich gründet)" (Jes. 26:3), ihre Sohnschaft nach der Ruhe ihres Gemüts. Sehen aber dann solche manche Heiden oder Weltkinder auch anscheinend im Besitz der Gemütsruhe, dann reicht das selbst gegebene, irrtümlich dem (heiligen) Geist zugeschriebene Zeugnis nicht mehr aus, um ihre Hoffnungen aufrecht zu erhalten und ihnen volle Sicherheit zu geben. Die dunklen Stunden kommen, und dann sagen sie: "Wie haben wir uns doch leicht täuschen lassen!" und quälen sich mit dem Gedanken, sie hätten sich am heiligen Geist versündigt - denn "Frucht hat Qual".

Endlich wird es welche geben, die, ihre Leichtgläubigkeit für Glauben haltend, sich einbilden, sie hören den Geist zu einem inneren Ohr flüstern, und sich dazu selbst dann beglückwünschen, wenn die Erfahrung sie gelehrt, dass die zugeflüsterte Belehrung falsch war. Gleichwohl erregt dieses angebliche Hören mit einem inneren Ohr bei tiefer denkenden Christen, die sich nicht in der Weise täuschen wollen, Verwunderung darüber, dass ihre Freunde so fest behaupten können, der (heilige) Geist tue sich ihnen kund, während sie selbst sich dessen nicht so sicher fühlen.

Diese "Schwierigkeit" hat ihren Grund zumeist darin, dass der (heilige) Geist für eine Person gehalten wird. Ist einmal die Tatsache richtig erkannt, dass der Geist Gottes jeden Einfluss, jede Kundgebung, mit der Gott hervorzutreten für gut findet, bedeutet, so verschwindet die "Schwierigkeit", und das "Zeugnis des (heiligen) Geistes" wird etwas ganz Bestimmtes, sicher Erkennbares. Denen, die das Zeugnis haben, wird es ein Glück sein, bestimmt zu wissen, dass sie es haben. Denen, die es nicht haben, wird es ebenfalls zum Segen gereichen, hierüber nicht im Unklaren zu bleiben, auf dass sie die Bedingungen des neuen Bundes erfüllen und das Zeugnis erhalten, ohne welches niemand den Anspruch erheben darf, sich als Sohn Gottes, als dem Vater annehmbar zu betrachten.

Welch eine Freude, welch ein Friede ist das Teil derer, die das wahre Zeugnis haben! die die nötigen Erfahrungen machen und dieselben in ihrer tieferen Bedeutung zu verstehen gelernt haben! Sie sind fröhlich in Trübsal, sehen Licht auch in der Finsternis, haben Trost in Leid und sind stark, auch wenn sie schwach sind. Und unseres Vaters wunderbares Buch, die Bibel, ist es, die uns auch in dieser Frage, wie in allen anderen, die richtige Weisungen erteilt. In demselben und durch seine Aussagen gibt Gottes Geist unserm Geiste Zeugnis.

"Ihr Heiligen Gottes, welch sicheren Hort
Beut euerem Glauben Sein treffliches Wort!
nichts gibt es, das Er euch nicht schon hat gesagt,
Seit ihr nur nach euerem Heiland gefragt."

Wie wissen wir, dass Gottes Geist unserm Geist Zeugnis gibt?

Eines Menschen Gesinnung oder Geist kann an seinen Worten und an seinem Wandel erkannt werden. Gerade so können wir Gottes Gesinnung oder Geist an seinen Worten und Verfügungen erkennen. Das Zeugnis aber seines Wortes ist, dass, wer zu ihm kommt (durch Glauben und von Jesu bewirkte Umkehr von bösen Werken, Werken des Todes) auch angenommen wird (Hebr. 7:25). Also müssen sich diejenigen, welche nach dem Zeugnis des (heiligen) Geistes für ihre Sohnschaft suchen, zunächst die Frage stellen: Bin ich je zu Christo hingezogen worden, in ihm meinen Erlöser zu erkennen, durch dessen Gerechtigkeit allein ich zum himmlischen Vater kommen und von ihm an Sohnes Statt angenommen werden konnte? Wer sich diese Frage bejahen kann, der wird sich dann fragen: Habe ich auch je mich selbst, mein Leben, meine Zeit, meine Gaben, meinen Einfluss, mein alles Gott geweiht? Wer sich auch diese Frage bejahen kann, der kann ganz sicher sein, dass er in dem Geliebten angenommen worden ist vom Vater und als Sohn gerechnet wird. Und wer bei weiterer Prüfung der Wünsche und Gefühle seines Herzens dasselbe voll Vertrauen in des Verdienst Jesu und voll Bereitwilligkeit, des Herrn Willen zu tun, findet, der mag sich ganz der süßen Zuversicht, dem süßen Frieden hingeben, den die bewusste Übereinstimmung und Verwandtschaft mit Gott verleiht.

Diese Überzeugung, dass Gott uns zu Gnaden angenommen hat in Christo, ist, wenn sie aus eigenen Erfahrungen auf dem festen Grunde der Unveränderlichkeit von Gottes Wort und Gesinnung aufgebaut ist, keinen Schwankungen und Veränderungen unterworfen, wie es diejenigen Überzeugungen sind, die auf dem losen Sandgrund bloßer Gefühle aufgebaut sind. Denn wenn Zweifel oder Befürchtungen in dunklen Stunden uns heimsuchen, so brauchen wir bloß die Lampe des Wortes Gottes zu nehmen und in deren Schein von neuem den Grund, auf dem wir stehen, und die Tatsachen, aus denen das auf diesen Grund errichtete Gebäude unserer Überzeugungen besteht, zu untersuchen. Findet sich es dann, dass unser Herz noch treu zum Herrn hält, dann wird Glaube, Freude und Friede wieder bei uns einkehren. Wenn wir aber im Lichte des Wortes bemerken sollten, dass unser Glaube an "das köstliche Blut" abbröckelt oder dass unsere Weihung keine ungeteilte mehr ist, dann erkennen wir eben gleich, wie die Sachen stehen, können sofort das schadhaft Gewordene ausbessern und die volle Gewissheit des Glaubens (Hebr. 10:22) wieder herstellen. Doch dies muss angemerkt werden, dass jeder, der auf diese Gewissheit Anspruch macht, zu seinem Siegel machen muss, dass Gott wahrhaftig ist (Joh. 3:33), dass unser Herr unwandelbar derselbe bleibt, "gestern, heute und in Ewigkeit." Gottes Kinder können also des sicher sein, dass, nachdem sie einmal in die Stellung der Begnadigten zu Gott gekommen sind, sie solange in dieser Stellung bleiben, als ihre Herzen Gott treu und ihre Wünsche in Übereinstimmung mit seinem heiligen Willen bleiben, so lange sie von Herzen den göttlichen Geboten gehorchen, die in dem einen Wort "Liebe" - zu Gott und zu den Menschen - zusammen gefasst sind. - Hebr. 11:6; 13:8

Wer die oben angedeuteten Schritte getan, hat im Worte Gottes die Zusicherung, das "Zeugnis", dass er ein Kind Gottes ist, und dies bedeutet, im Evangeliums-Zeitalter, eine Rebe am rechten Weinstock (Joh. 15:1), ein Glied - auf Probe - der wahren Kirche (Herauswahl). Jedem solchen bezeugt das Wort Gottes, dass er sich zur wahren Kirche (Herauswahl) hält, "die da ist der Leib Christi". Dieses Zeugnis wird seinem Geist, seinem Herzen, gegeben von Gottes Geist, der durch Gottes Wort zeugt. Und dieser selbe Geist der Wahrheit gibt auch die Zusicherung, dass, wenn unser Herz dem Herrn treu bleibt bis ans Ende der Prüfungs- oder Gerichtszeit, wenn wir täglich aufs neue willig und fröhlich unser Kreuz auf uns laden und unter seiner Last nach Kräften in den Fußstapfen unseres Meisters zu wandeln suchen, unsere Mitgliedschaft auf Probe binnen kurzem in tatsächliche Mitgliedschaft in Christi Kirche wird gewandelt werden - nachdem wir unseren Lauf vollendet haben und Teilhaber an seiner Auferstehung, der Ersten Auferstehung werden geworden sein. - Phil. 3:10

Indes, der Geist Gottes bezeugt durch sein Wort ebenso klar, dass diejenigen, welche Reben am rechten Weinstock geworden sind, auch wieder weggeschnitten werden können, wenn sie nicht treu sind, wenn sie nicht die guten Früchte des Geistes der Liebe hervorbringen. "Jede Rebe in mir, die nicht Frucht bringt, die nimmt der Vater weg, und jede, die Frucht bringt, die reinigt er (veredelt er), auf dass sie noch mehr Frucht bringe" (Joh. 15:2). So zeigt oder "bezeugt" uns der Geist Gottes durch sein Wort das Verfahren unseres himmlischen Vaters mit seinen Kindern, bestehend aus Züchtigungen zum Zwecke der Veredlung, des Ausscheidens von allem Unrat und der Weiterentwicklung der fruchtbringenden Eigenschaften. Sind wir Reben am rechten Weinstock geworden, so sind solche Erfahrungen ein Zeugnis des Geistes, dass wir noch am Weinstock sind und noch als Reben an demselben anerkannt werden, noch unter des Herrn Fürsorge und Zucht stehen. Demnach hat auch jemand, der einst eine Rebe am rechten Weinstock geworden, das Zeugnis des Geistes nicht mehr, wenn er solche Erfahrungen nicht macht, und hat daher Anlass, an seiner Aufnahme an Sohnesstatt zu zweifeln. - Hebr. 12:7 Wären wir alle vollkommen, durchaus vollkommen und als solche durch Prüfung erwiesen, so wäre die Sache anders: Gott würde uns alsdann wegen unserer Vollkommenheit und Übereinstimmung mit ihm lieben, und Züchtigungen und bittere Erfahrungen wären Zeichen seiner Ungnade. Allein so, wie die Sachen stehen, wissen wir, dass wir alle unvollkommen sind, dass, mit göttlichem Maßstab gemessen, wir weit hinter den an uns gestellten Forderungen zurückbleiben, und dass einzig unsere neuen Herzen, unser neuer Wille, unsere verwandelte Gesinnung (unser Geist) bei Gott annehmbar sind, und auch diese nur durch Christi Verdienst und auf Probe, in dem Sinne, dass dieselben entwickelt und am Ende vollkommen gemacht werden sollen. Nur in dem Maß, als wir die göttliche Vollkommenheit und unsere eigene Unvollkommenheit erkennen lernen, können wir die vielen wesentlichen Belehrungen, die wir bedürfen, würdigen und die Notwendigkeit der Prüfungen begreifen, denen wir unterworfen werden zum Zweck, in uns Gottes Ebenbild zu entwickeln.

Die Schrift lehrt uns, dass der himmlische Vater einen herrlichen geistigen Tempel bereitet, in und durch welchen der ganzen Menschheit die Gunst und Gnade zu teil werden soll, mit Gott wieder in eins versöhnt zu werden. Die Schrift zeigt uns auch des großen Erbauers Modell zu diesem Tempel in der Person unseres Herrn Jesu Christi, "dem Haupt- und Eckstein, gelegt im Himmel." An diesem Modell können wir um so besser sehen, was Gott von denen verlangt, die er als lebendige Bausteine in diesem Bau erkennen soll, als brauchbar, um mit Christus dem Haupt "zu einer Behausung Gottes im Geist" aufgebaut zu werden. So erkennen wir auch unsern unbehauenen Zustand, erkennen wir, dass wir nicht in die Richtlinien des Tempels der Gnade hineinpassen, von dem der Eckstein das Modell ist. Wir erkennen auch bald, dass wir viel Meißelns und Schleifens bedürfen, wenn wir unsern Platz in dem Tempelbau sollen einnehmen können, nach welchem durch Gottes Gnade unser Begehr steht. Erhalten wir also die Schläge von Gottes Hammer und Meißel nicht, so fehlt uns eben dieses "Zeugnis" des Geistes, das nach dem Worte Gottes über alle lebendigen Bausteine kommen muss, und dem sogar der Haupt- und Eckstein nicht entging. Wenn Gottes Vorsehung uns nicht einen schmalen Weg mit gewissen Schwierigkeiten und Müdigkeiten entlang führte, wenn wir ohne Trübsal und Anfechtung bleiben, dann können wir sicher sein, dass Gott nicht mit uns verfährt wie mit Söhnen, mit den lebendigen Bausteinen, denen er einen bestimmten Platz in seinem Tempelbau anweisen will; denn dann fehlt uns eben dieses Zeugnis unserer Annahme und Zubereitung. Sollten wir uns des Fehlens dieses Zeugnisses bewusst werden, so müssen wir sofort zu unserm Herrn zurückkehren und ihn fragen, warum wir keine Trübsal und Widrigkeiten haben, und anderseits uns selber prüfen, ob wir auch noch im Glauben stehen (2. Kor. 13:5), und ob wir auch immer noch bestrebt sind, getreulich in den Fußstapfen unseres Meisters zu wandeln, in voller Unterwerfung unter den Willen des Vaters.

Haben wir aber dieses "Zeugnis", fühlen wir in Züchtigungen das Meißeln, Abschleifen und Reinigen, dem wir unterworfen werden, oh dann lasst uns diese Züchtigungen geduldig und fröhlich und dankbar auf uns nehmen als Beweis der Liebe unseres Vaters, die unentbehrlich sind, wenn wir an das Ziel unserer hohen Berufung gelangen sollen, eingedenk der Versicherung oder des "Zeugnisses" des Geistes, dass wir Gottes Kinder sind, "wenn aber Kinder, so auch Erben - Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir anders mitleiden, auf dass wir auch mitverherrlicht werden." - Röm. 8:17

Die verschiedenen Methoden des Geistes

"Wenn der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er geißelt aber jeden Sohn, den er aufnimmt. Wenn ihr ohne Züchtigung seid, dann seid ihr Bastarde und nicht Söhne." - Hebr. 12:8

Verdruss und Trübsal kommt über die Welt so gut als über die Heiligen des Herrn; aber nur für die vollständig dem Willen und Werk des Vaters Geweihten bedeutet dies ein Zeugnis für ihre Sohnschaft. Der Geist und das Wort Gottes gibt nur den Söhnen Gottes Zeugnis. Aber auch in der Familie sind die Reinigungs- und Züchtigungsmittel nicht immer dieselben. Wie irdische Kinder verschiedene Arten und Grade von Strafen bedürfen so ist es auch mit den Kindern Gottes. Den einen genügen ein missbilligender Blick; andere bedürfen schon eines tadelnden Wortes; noch andere müssen körperlich gestraft werden, und bei manchem bedarf es wiederholter Schläge. Ein irdischer Vater hat am meisten Freude an einem gehorsamen, sich gleich fügenden Kind, bei dem ein Wort oder Blick genügt, um das Böse zu entfernen; gleicherweise erklärt unser Vater im Himmel, dass ihm die am besten gefallen, die "vor seinem Worte zittern." - Jes. 66:5

Solche arbeiten Hand in Hand mit Gott an der Entwicklung ihres eigenen Charakters, erkennen ihre Fehler und trachten nach Ausbesserung, indem sie auf des Vaters Anweisungen, Belehrungen oder liebreichen Tadel hören und etwa sein billigendes Lächeln suchen.

Sie sind es, von welchen der Apostel sagt, dass sie sich selbst richten und daher weniger Züchtigung durch den Herrn nötig haben (1. Kor. 11:31). Zu ihnen zu gehören, dazu bedarf es der vollen Weihung. Sie sind und werden die Überwinder sein, welche der Miterbschaft mit Christus Jesus ihrem Herrn an der Königsherrschaft würdig geachtet werden sollen. Zu ihnen, den Gehorsamen und Achtsamen, spricht der Herr: "Ich will dich mit meinen Augen leiten." Sie sind es, die da sprechen können: "Leite mich durch deinen Rat, und nimm mich hernach zu Ehren auf" (Psalm 32:8; 73:24). Wer nur durch beständige Züchtigungen geführt werden kann, gehört nicht zur Überwinder-Klasse und wird nicht würdig erachtet werden, zur Braut des Herrn gezählt zu werden, und der Herr bezeugt ihnen dies, gerade mittelst dieser Züchtigungen, durch den Geist der Wahrheit. - Offb. 7:9; 14

Anderseits sind Züchtigungen nicht immer ein Beweis dafür, dass wir gefehlt haben oder eine Bezeugung des Missfallens des Herrn. Im Gegenteil führt die göttliche Vorsehung, wie einst unseren Herrn, so auch seine wahren Nachfolger, auf den Pfad des Leidens und der Selbstverleugnung, nicht zur Strafe für eigenen Willen, sondern zur Erprobung der Liebe zu Gott, der Ergebung in des Vaters Willen und der Hingabe an die Sache der Gerechtigkeit. Wie unser Herr für unsere, nicht für seine Übertretungen gezüchtigt wurde, als er die Sünden vieler trug, so leiden in mancher Hinsicht auch seine Nachfolger nicht wegen ihrer eigenen Vergehungen, sondern infolge von Vergehungen anderer, denn sie sind, wie der Apostel erklärt (Kol. 1:24), berufen, "zu ergänzen, was noch rückständig ist von den Drangsalen des Christus, für seinen Leib, das ist die Versammlung (Herauswahl)."

Was der heilige Geist bezeugt

Nun möge jeder, der sich ein Sohn des Herrn nennt, im Lichte der vorstehenden Zeilen sich selbst prüfen, ob er auch das Zeugnis des Geistes habe, er sei eines der Kinder Gottes. Lasst uns diese Selbstprüfung oft vornehmen und auf diese Weise wachsam sein, in der Liebe Gottes verbleiben und uns immer neu des Zeugnisses seines Geistes freuen.

Werden wir fortwährend gereinigt? Haben wir Erfahrungen zu machen, große oder kleine, die mehr oder weniger rasch die fleischlichen Gelüste, als da sind Hass, Bosheit, Neid, Streitsucht, Selbstsucht, Härte und was sonst noch dem Gesetz des Geistes des Lebens in Jesu Christo, des Geistes der Liebe, zuwiderläuft, alles Dinge, die "wider die Seele streiten", aus uns hinaus stoßen? Wenn ja, so werden wir bemerken, wie mit dem Reinigungswerk an uns ein Wachstum aller derjenigen Eigenschaften Schritt hält, welche dem göttlichen Gesetz entsprechen, als da sind Milde, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit den Brüdern gegenüber, Liebe.

Wer also bei der Selbstprüfung an Hand des Wortes Gottes solche Erfahrungen in seinem Leben merken kann, Erfahrungen, die ihm zeigen, dass er nun das eine abgelegt hat, das andere abzulegen Gelegenheit erhalten soll, der mag darauf zählen, dass er noch von Gott angenommen ist; denn er hat in diesen Erfahrungen das Zeugnis des Geistes.

Hinwiederum bezeugt der Geist, dass, "wer von Gott geboren (gezeugt) ist, nicht sündigt" (1. Joh. 5:18). Jedes Kind Gottes kann durch seine gerechneterweise tote, aber nicht tatsächlich ganz tote, alte Natur überwältigt werden. Es kann auf einem Fehltritt ertappt werden in seinem Urteil fehlgehen, in einem Worte fehlen, aber es wird niemals mit Willen das göttliche Gesetz übertreten. Wenn also unser Herz bezeugen kann, dass wir gerne den Willen Gottes tun, dass wir denselben nicht willentlich übertreten, noch uns in irgend einer Weise demselben widersetzen würden, damit Gottes Wille getan und seine Absicht erfüllt werde, dann haben wir das Zeugnis, dass unsere Gesinnung mit dem Geist der Wahrheit übereinstimmt, und dieses Zeugnis beweist nicht nur, dass wir in die Familie Gottes aufgenommen worden sind, sondern auch, dass wir noch darin sind.

Der Geist bezeugt, durch das Wort Gottes, dass, wer Gottes Kind sei, von der Welt abgetrennt sei, eine ganz andere Hoffnung, einen ganz anderen Ehrgeiz und daher auch eine ganz andere Gesinnung habe. "Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihrige lieb; nun aber, da ihr nicht von der Welt seid, hasset euch die Welt", lesen wir in Joh. 15:19; und "Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, werden verfolgt werden", schreibt Paulus in 2. Tim. 3:12.

Kann unser Herz uns das Zeugnis geben, dass unsere Erfahrungen mit diesen Worten übereinstimmen? Wenn ja, nun, so gibt eben wieder Gottes Geist unserem Geiste Zeugnis, dass wir seine Kinder sind. Dabei lasst uns nicht vergessen, dass das Wort "Welt" alle diejenigen umfasst, in denen der Geist dieser Welt auch nur über das geringste Plätzchen verfügt. In den Tagen unseres Herrn war dies der Fall bei der jüdischen Nationalkirche; fast jede Verfolgung, die er über sich musste ergehen lassen, ging von Anhängern derselben aus. Darum darf es uns nicht befremden, wenn wir, in den Fußstapfen unseres Herrn wandelnd, zu unserer schmerzlichen Enttäuschung die Erfahrung machen, dass der Geist dieser Welt uns nirgends feindseliger gegenübertritt als gerade bei solchen, die sich wegen ihrer Zugehörigkeit zu dieser oder jener "Kirche" oder ihrer Stellung innerhalb derselben für Kinder Gottes glauben halten zu dürfen. Es waren gerade die Frömmsten unter den Zeitgenossen Jesu, welche ihn Beelzebub, den Fürsten der Teufel nannten, und der Geist bezeugt, durch das Wort Gottes: "Haben sie den Hausherrn Beelzebub geheißen, wie vielmehr werden sie seine Hausgenossen also heißen!" (Matth. 10:25) Sagt man also Böses von uns, weil wir die Wahrheit annehmen und ihr dienen, so ist dies wiederum eine Art, wie der Geist uns bezeugt, dass wir auf dem rechten Wege sind.

Hätte unser Herr Jesus sich mit den maßgebenden Personen in der jüdischen Landeskirche ins Einvernehmen gesetzt, die Wahrheit nicht weiter in Liebe verkündigt und sich enthalten, die Irrlehren, welche zu seiner Zeit im Schwange waren, aufzudecken, so hätte man ihn weder gehasst noch verfolgt, sondern wahrscheinlich "hoch geschätzt" nach Menschenweise. Aber er erklärte selber, dass, wer unter den Menschen als hoch gilt, vor Gott ein Greuel sei. - Luk. 16:15

Hätte unser Herr einfach geschwiegen und nichts gesagt von ihren Heucheleien und Spiegelfechtereien, von den langen Gebeten und den Irrlehren der Schriftgelehrten und Pharisäer (der "orthodoxen" Theologen jener Tage), sie hätten ihn sicherlich links liegen lassen und ihn nicht verfolgt; er hätte nicht nur um der Wahrheit willen leiden müssen. So geht es auch seinen Nachfolgern: bei einer ähnlichen Menschenklasse unserer Tage bringt es Hass und Verfolgung ein, die Wahrheit zu sagen, sich von ihrem Geist leiten und nach dem Befehl des Herrn sein Licht leuchten zu lassen. Wenn also einige deshalb und während sie ihr möglichstes tun, um die Wahrheit in Liebe zu sagen, zu leiden haben, dann, glückselig sind die, denn, wie der Apostel sagt, "der Geist der Herrlichkeit und Gottes ruht auf ihnen" (1. Petr. 4:14). Das ist eben ihr Zeugnis vom Geist, dass sie treulich auf dem schmalen Wege wandeln.

Wiederum bezeugt der Geist, durch unseres Herrn Worte (Mark. 8:38), dass, wer sich seines Erlösers und der Wahrheit, die er lehrte, schämt, dessen sich auch der Herr schämen wird, wenn er kommt, seine Kleinodien zu sammeln. Wer also in seinem Herzen eine so glühende Liebe zum Herrn und seinem Worte wahrnimmt, dass er jede schickliche Gelegenheit benutzt, Jesum als seinen Erlöser und Meister zu bekennen und das Wort seines Zeugnisses unverfälscht zu verkündigen, der hat in diesem Eifer für die Sache des Herrn ein Zeugnis des Geistes, dass er ein Kind Gottes und mithin ein Erbe an seinem Reiche ist, der darf sich seines Meisters Verheißung freuen, dass er gerade zu denen gehört, zu denen sich unser Herr Jesus vor seinem Vater und seinen heiligen Engeln rühmend bekennen wird. Wer aber dieses Zeugnis nicht hat, wen sein Herz im Gegenteil anklagt, er schäme sich des Herrn und seiner Brüder, schäme sich, als sein Jünger zu gelten und an seiner Lehre festzuhalten, dem bezeugt der Geist, dass, wenn er hierin nicht anders wird, der Herr sich seiner bei seiner zweiten Gegenwart schämen und sich vor dem Vater und seinen heiligen Engeln nicht zu ihm bekennen wird.

Weiter bezeugt der Geist: "Wer von Gott geboren (gezeugt) ist, überwindet die Welt; und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat, unser Glaube" (1. Joh. 5:4). Lasst uns denn unsere Herzen, unsere Gesinnung im Licht dieses Zeugnisses des heiligen Geistes prüfen. Sind wir Überwinder im Sinn des eben angeführten Schriftwortes? Sind wir des Herrn in dem Sinne, dass wir mit der Welt nicht mehr übereinstimmen, dass wir uns zu ihr und ihrer Lust (ihren Hoffnungen, Erwartungen und Bestrebungen) in einem steten Gegensatz befinden? Dass dies sein muss, liegt in den Worten "der die Welt überwindet"; denn wer mit ihr ganz oder auch nur teilweise eins ist, in wessen Herzen ein wenig Weltgeist in seinen verschiedenen Formen, als da sind Selbstsucht, Hochmut, Ehrsucht 2c), Raum findet, kann naturgemäß die Welt nicht überwinden, da er ja gar nicht ihr Gegner ist.

Doch bevor wir bei der Selbstprüfung die uns vorgelegte Frage, ob wir denn auch die Welt überwinden, bejahen, müssen wir bedenken, dass wir die Welt nicht in der Weise überwinden sollen, dass wir ihr schmeicheln, ihre Torheiten mitmachen und versuchen, denselben ein religiöses Mäntelchen umzuhängen. Auch das ist keine Überwindung der Welt, wenn wir uns an irgend einem Wohltätigkeitswerk beteiligen, wenn wir Sonntagsschule halten, Armenvereine gründen, uns dieser oder jener "Kirche" anschließen 2c) Der Herr erklärt von keinem dieser Dinge, dass es ein Weg sei, die Welt zu überwinden. Sein Wort ist ganz klar und fest: Der Sieg, der die Welt überwindet ist unser Glaube. Der Geist bezeugt also, dass, wollen wir Überwinder sein, wir im Glauben und nicht im Schauen wandeln sollen. Wir müssen mithin nicht auf die Dinge schauen, für die Fleischesaugen sichtbar sind, also da sind Volkstümlichkeit, Ansehnlichkeit und dergleichen mehr, sondern auf die Dinge, die nicht sichtbar sind, die geistigen und ewigen (2. Kor. 4:18), wie auch ein Dichter einst sagte, er würde lieber mit Gott in der Dunkelheit wandeln, als mit der Menge am Tageslicht.

Im weiteren bezeugt uns der heilige Geist durch das Wort, dass, wenn wir Kinder Gottes sind, wir über gegenwärtige und zukünftige Dinge nicht im Ungewissen bleiben sollen, weil wir von Gott erleuchtet und gelehrt werden sollen - durch das Wort seiner Gnade, das da ist das Wort seines Geistes. Wenn wir heranreifen, in der Gnade wachsen, werden wir zu der Milch des Wortes hinzu wünschen und suchen und erhalten die kräftige Speise, von der der Apostel sagt, sie sei für die bereits Entwickelteren (1. Petr. 2:2; Hebr. 5:13, 14). Das Wachstum in den Gnadengaben des Geistes (Glaube, Charakter, Kenntnis, Selbstbeherrschung, Ausharren, Gottseligkeit, Bruderliebe, allgemeine Liebe) wird uns in immer nähere Gemeinschaft mit dem Vater und dem Herrn Jesus bringen, so dass uns der Herr immer mehr Kenntnis von seinem Gnadenplan und von seinem gnädigen Charakter wird geben können und wollen. In Bezug auf dieses Wachstum sagt der Apostel Petrus: "Wenn diese Dinge bei euch sind und reichlich vorhanden, so stellen sie euch nicht verstockt noch fruchtleer hin in der Erkenntnis unseres Herrn Jesu Christi. Der aber, bei dem diese Dinge nicht sind, ist blind und sieht nicht über das Gegenwärtige hinaus. Wenn ihr nun diese Dinge tut, so werdet ihr niemals fallen; denn also wird euch reichlich dargereicht werden ein Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heiland Jesu Christi." 2. Petr. 1:5-11; vergl. Joh. 16:12, 15

So frage sich denn ein jeder, ob er dieses Zeugnis des Geistes habe oder nicht, diesen Beweis, dass er wachse als eine neue Kreatur in Christo Jesu, ob er auch die hier erwähnten Früchte hervorbringe und ausreife oder nicht. Lasst uns auch bedenken, dass unser Wachstum in der Liebe und allen Früchten des Geistes in hohem Maße abhängt von unserem Wachstum in der Erkenntnis; und hinwiederum ist unser Wachstum in der Erkenntnis der göttlichen Dinge abhängig von unserem Wachstum in den Früchten (Gnadengaben) des Geistes. Jeder neue Schritt in der Erkenntnis bedeutet für uns eine neue Pflicht, einen neuen Punkt, in dem wir Gehorsam schuldig sind, und jede neue freudig auf uns geladene Pflicht, jeder neue Gehorsam wird einen neuen Fortschritt in der Erkenntnis zur Folge haben; denn das, so bezeugt es der Geist, wird die Erfahrung aller derer sein, die in der Schule Christi von Gott gelehrt werden.

Haben wir also vom Geiste das Zeugnis, dass wir wachsen in den Gnadengaben und in der Erkenntnis, dann wollen wir uns dessen freuen und in dem selben Pfad weiter wandeln, bis er uns unter göttlicher Führung zur vollkommenen Erkenntnis, zur Vollkommenheit in der Gnade wird geführt haben.

Das Zeugnis des Geistes im kommenden Zeitalter

Der heilige Geist wird auch bei der mit Gott ausgesöhnten Menschheit des kommenden Zeitalters zeugen, in ganz ähnlicher Weise, nur werden seine Kennzeichen ganz andere sein. Die den Geist besitzen, werden nicht mehr nur die wenigen Knechte und Mägde sein, sondern, wie der Prophet erklärt, "alles Fleisch" (Joel 2:28). Des Geistes Zeugnis wird nicht mehr sein: "Wer gottselig leben will, wird verfolgt werden"; denn keine Verfolgung wird mehr zugelassen werden. Der Geist wird nicht mehr von einem schmalen Pfade der Selbstaufopferung reden; denn alsdann wird die Zeit des Opfers vorbei sein. "Ein Hochweg wird da sein", frei von Steinen des Anstoßes (Jes. 35:8; 62:10). Der Geist wird bezeugen: "Übeltäter werden hinweg getan werden, aber die, so auf den Herr warten, werden die Erde ererben" (Apg. 3:23; Psalm 37:7-11). Der Geist wird denen, die das Gute tun, Segnungen, denen, die absichtlich das Böse tun, Strafen und schließlich die Vernichtung (den zweiten Tod) ankündigen. Es ist der gleiche Geist Gottes, aber seine Gaben werden anders sein




Nachdem wir aus Gottes heiligem Wort gelernt haben, wie der heilige Geist zeugt, und welches einige seiner Zeugnisse sind, befriedigen uns diese Zeugnisse viel besser als alle Zweifel und Befürchtungen, die ihren Ursprung in seelischen oder leiblichen Verhältnissen haben, als alle "Gefühle", welche von einigen irrtümlich als Zeugnisse des heiligen Geistes bezeichnet werden. Nun aber müssen wir doch noch darauf aufmerksam machen, dass der Geist Gottes nicht unser aller Geist das gleiche bezeugen kann. Diejenigen allerdings unter uns, die schon fortgeschritten sind und viel Erfahrung haben, sollen alle oben erwähnten Zeugnisse haben und noch andere, die sich in der Schrift finden. Aber wer in der Entwicklung nicht weit fortgeschritten ist, geistig jung ist, der kann sich noch nicht alle diese Zeugnisse erworben haben; einige haben vielleicht deren nur ganz wenige und sind darum nicht minder tatsächlich von dem Herrn gezeugt. Der große Hausvater erwartet nicht Früchte, weder grüne noch voll ausgereifte, von den jungen und zarten Augen an seinem Baum.

Das erste Zeugnis, das die Neugezeugten etwa haben können, ist, dass sie vom Herrn angenommen sind, dass sie junge Schösslinge am rechten Weinstock sind, dass der Geist des Weinstockes ihnen innewohnt, d.h. der Wunsch, eine ausgewachsene Rebe zu werden und Frucht zu bringen. Auch sollte nicht viel Zeit verstreichen, nachdem die Rebe aufgeschossen, bis sie sichtbare Ansätze zu Blättern und Früchten hervorbringt. Das neugeborene Kind in der Familie Gottes gibt seine Verwandtschaft mit den älteren, vorgerückteren Gliedern nicht dadurch kund, dass es von deren fester Speise isst, sondern durch sein Begehren nach kräftigender Milch, welche sein Wachstum fördert. - 1. Petr. 2:2

Wenn nun der Geist dem einen oder anderen all diese davor erwähnten Punkte bezeugt, der mag sich dessen freuen. Und wem dies eine oder andere Zeugnis abgeht, der sollte die nötigen Eigenschaften, die ihm zu dem fehlenden Zeugnis verhelfen können, nach Kräften pflegen und zur Entwicklung bringen, damit er schließlich vom Geiste ein gutes Zeugnis bekommen könne in allen Punkten, welche die Schrift als Kennzeichen für den richtigen Wandel der treuen Kinder Gottes bezeichnet. Sind sie einmal da angelangt, dann brauchen die nicht mehr zu singen: "O wenn ich doch dies eine wüsste!" Im Gegenteil, sie werden wissen, werden volle Gewissheit des Glaubens haben, werden im Glauben wurzeln, darauf gegründet, aufgebaut und vollkommen gemacht werden. Dies ist der von Gott vorgezeichnete Weg: wir entrinnen der Furcht, dem "Verließ des Zweifels" ganz; denn wir setzen unser ganzes Zutrauen auf die göttlichen Verheißungen, die niemals trügen. Dies gilt eben sowohl, wenn wir durch Widerwärtigkeiten und dunkle Stunden hindurchgehen müssen, als wenn uns das freundliche Lächeln unseres himmlischen Vaters erquickt und erleuchtet.

Geheiligt durch den Geist

"Aber ihr seid abgewaschen, aber ihr geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt in dem Namen unseres Herrn Jesus und durch den Geist unseres Gottes." - 1. Kor. 6:11

Heiligung bedeutet ein Beiseitelegen, ein Abtrennen. Alle, die so geheiligt, gleichsam für den Herrn beiseite gelegt, ihm vollständig geweiht sind, müssen zuerst gewaschen, gerechtfertigt werden, d.h. entweder tatsächlich oder aber nur gerechneterweise, durch Glauben, von Sünde rein gemacht werden. Die tatsächliche Rechtfertigung (Gerechtmachung) wird der Weg sein, auf welchem im kommenden Tausendjahr-Zeitalter die Welt unter Anführung des großen Mittlers, zu dessen Versöhnungswerk dies gehören wird, zu Gott nahen kann. Die zugerechnete Rechtfertigung, d.h. die Rechtfertigung durch den Glauben aber ist der Weg zu Gott im gegenwärtigen Evangeliums-Zeitalter. Auf diesem Wege können wir, wiewohl wir all zumal Sünder sind und wiewohl in unserem Fleisch keine Vollkommenheit wohnt, als rein, heilig, gerecht gerechnet werden, wenn wir anders Christum als unseren Erlöser annehmen. Wir glauben dem Zeugnis der Schrift, wonach Christus für unsere Sünden starb, wie es die Schrift vorausgesagt. Wenn wir hieran glauben und selber der Sünde zu entrinnen suchen, so werden wir von Gott angenommen als wären wir vollkommen und sündlos, als gerecht gemacht durch das Verdienst des teuren Blutes Jesu Christi. Auf diese Weise durch den Glauben gerecht gemacht (gerechneterweise), haben wir Frieden mit Gott, können ihm nahen und werden von ihm angenommen werden und können nun beginnen, dem Vater wohlgefällige Werke zu tun, - alles dies durch das Verdienst unseres Herrn Jesus. Unsere Rechtfertigung (Gerechtmachung) und Heiligung wird uns durch das Wort angekündigt und heißt das Siegel oder das Zeugnis des Geistes in uns.

Die Kraft, die uns befähigt, unserem Weihe Gelübde gemäß zu leben, ist der heilige Geist (oder die heilige Gesinnung) Gottes. Wir erhalten denselben als eine Frucht unseres Glaubens an Christum und unseres Entschlusses, "mit ihm tot" zu sein. Der Geist der Wahrheit, den wir durch das Studium des Wortes Gottes und den Entschluss, demselben zu gehorchen, erhalten, gibt uns die nötige Kraft, die Welt und die bösen Neigungen in uns selbst zu überwinden. Hiermit in Übereinstimmung erklärt unser Text, dass die Waschung und Reinigung, die an uns vorgenommen worden, die Gerechtmachung, alles, was an uns geschehen, um uns für die Gerechtigkeit zuzubereiten und uns von der Sünde loszumachen, dass all diese Siege und Segnungen uns zu teil geworden sind durch das Verdienst unseres Herrn Jesu und durch die Vermittlung (den Kanal) des Geistes der Heiligkeit, des Geistes Gottes, den wir empfangen haben.

Andere Stellen stimmen hiermit vollständig überein. Der Apostel Paulus betete für die Kirche: "Der Gott des Friedens selbst heilige euch durch und durch" (1. Thess. 5:23). Das steht nicht etwa im Widerspruch mit dem obigen Text, wonach der heilige Geist Gottes uns heiligt. Es ist Gott, der uns heiligt, und das Mittel, das er anwendet, der Kanal, durch den er uns die Heiligung zufließen lässt, ist sein heiliger Geist (Sinn) und nicht eine andere Person.

Der Apostel Petrus sagt von der Kirche (Herauswahl), dass sie "auserwählt sei durch Heiligung (Beiseitelegung) des Geistes zum Gehorsam" (1. Petr. 1:2). Dieser Vers zeigt, dass diejenigen, die Gott jetzt als seine Auserwählten anerkennt und welche ermahnt werden, ihre Berufung und Erwählung festzumachen, nicht nach Willkür herausgesucht werden, sondern nach bestimmtem Grundsatz, dem nämlich, dass, wenn der heilige Geist Gottes (der Einfluss der Wahrheit) bei ihnen vollen Gehorsam gegenüber dem Willen, dem Plan und der Vorkehrungen Gottes bewirkte (dieser Gehorsam ist die Weihung), sie die Auserwählten sein sollen.

Der Apostel Paulus leitet die Kraft der Weihung und Reinigung in der Kirche vom Worte Gottes her, indem er sagt (Eph. 5:26): - "Christus liebte die Herauswahl und hat sich selbst für sie hingegeben, auf dass er sie heiligte und reinigte durch die Waschung mit Wasser durch das Wort." Auch hier widerspricht sich der Apostel nicht etwa. Gott ist es, der die Herauswahl heiligt, sein Geist ist es, der die Herauswahl heiligt; das Werkzeug aber, das er hierzu braucht, ist sein Wort der Wahrheit. Dieses hat er dazu bestimmt, dass es in uns die Reinigung, Gerechtmachung, die Heiligung erzeuge.

Darum betete auch unser Herr Jesus: "Heilige sie durch deine Wahrheit, dein Wort ist die Wahrheit" (Joh. 17:17). Die verschiedenen hier einschlägigen Stellen der Schrift lehren also, wenn man sie zusammenstellt, dass die Heiligung der Herauswahl vollzogen wird durch den Geist der Wahrheit, der den Geweihten vermittelt wird durch das Wort Gottes, dass uns gerade zu diesem Zwecke überliefert worden ist.

Alle, die so geheiligt worden, werden als "neue Kreaturen in Christo Jesu" gerechnet. Ihnen gilt die Anrede in 1. Kor. 1:2: "Die geheiligt sind in Christo." Doch ist diese Heiligung in Christo nicht etwas anderes als die Heiligung durch den Geist Gottes oder durch das Wort Gottes; denn gerade durch Annahme des göttlichen Planes und der göttlichen Vorkehrungen unserseits, durch unser Hingelangen auf den Standpunkt der Heiligung des Geistes, werden wir eins mit Christo unserem Herrn. Wie geschrieben steht (Hebr. 2:11): "Beide, der da heiligt und die da geheiligt werden, sind eins mit (eines Geistes, eines Sinnes, gezeugt vom Geist der Wahrheit), um welcher Ursache er sich nicht schämt, sie Brüder zu heißen." So geschieht denn unsere Reinigung, Heiligung und Gerechtmachung im Namen unseres Herrn Jesu und durch den Geist unseres Gottes - den Geist der Wahrheit.

Seid mit dem Geiste erfüllt

"Seid mit dem Geiste erfüllt, redend zu euch selbst in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern, singend und spielend dem Herrn in euren Herzen, dank sagend allezeit." - Eph. 5:18-20

Aus dieser Stelle geht hervor, dass die Kinder Gottes mehr oder weniger voll sein können von seinem Geist. Um ein Kind Gottes zu sein, muss man wenigstens ein wenig von seinem Geist haben, denn "wenn jemand Christi Geist nicht hat, so ist er nicht sein" (Röm. 8:9). Von uns hängt nun in großem Maße ab, von dem Gebrauch, den wir von den Mitteln, die Gott zu unserer Verfügung stellt, machen, wie weit wir mit seinem Geist, seiner Gesinnung erfüllt werden, wie weit wir seinem Einfluss gemäß handeln, dem Geist und Einfluss seiner Wahrheit gemäß, welche er gerade zu dem Zweck offenbart hat, damit sie unser Herz und Leben heilige und uns von denen scheide, welche den Geist dieser Welt haben.

Hier haben wir wieder eine der Stellen, welche deutlich zeigen, wie verkehrt es ist, den heiligen Geist als eine Person, als eine der angeblichen drei die Dreieinigkeit ausmachenden Gott-Personen aufzufassen. Wäre er tatsächlich eine Person, so könnte nicht von dem Gefäß, das ihn aufnehmen soll, gefordert werden, dass es mehr oder weniger davon voll werde. Kann eine Person in unser Herz eintreten, so kommt es auf deren Größe an, ob sie darin mehr oder weniger Platz ausfüllt. Zudem, wie sollen wir uns vorstellen, dass der angeblich persönliche heilige Geist, eine der drei Gott-Personen, in dem kleinen Gefäß eines unvollkommenen Menschen sollte Raum finden und es nicht einmal ausfüllen! Wenn wir den heiligen Geist richtig erkennen, wird uns sofort des Apostels Ermahnung verständlich. Wir sollen fortfahren zu versuchen immer mehr erfüllt zu werden mit der heiligen Gesinnung unseres Gottes, wie sie uns in so herrlicher Weise unser teurer Erlöser, der Eingeborene Sohn Gottes vorgelebt hat.

Und diese Art, das Erfülltsein mit dem heiligen Geist zu verstehen, stimmt mit dem Bilde, das der Apostel an anderer Stelle braucht, wenn er unsere sterblichen Leiber mit zerbrechlichen, beschädigten Gefäßen vergleicht, denen Gott gestattet, mit seinem heiligen Geist angefüllt zu werden. Der Apostel will, indem er uns auf unsere Unvollkommenheiten und unsere Verantwortung für etwaiges Ausfließen des durch das Studium des Wortes Gottes in uns gelangten heiligen Geistes aufmerksam macht, uns zu um so größerer Wachsamkeit anspornen, damit uns diese köstlichen Dinge nicht etwa entweichen, weil wir den Schatz (den heiligen Geist, den erneuten, mit Gott in Einklang gebrachten Sinn) in irdenen Gefäßen haben (Hebr. 2:1; 2. Kor. 4:7). Alle die wir in den Fußstapfen unseres Meisters wandeln und an den Drangsalen des Christus Anteil haben wollen, um hernach auch Anteil zu haben an der Herrlichkeit. müssen darnach trachten, auf dem selben Wege wie der Herr mit seinem Geiste erfüllt zu werden. Zu dem Zwecke müssen wir uns nahe zum Herrn halten, nahe zu den anderen Gliedern seines Leibes, nahe in Liebe, Mitleiden und Mithandeln, nahe auch zu seinem Wort, das da ist der Born, aus dem der heiligende Einfluss über die ganze Herauswahl sich ergießt. "Heilige sie durch deine Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit!"

Jeder Versuch auf andere Weise als die von Gott vorgesehene mit heiligem Geist erfüllt zu werden, ist vergebliches Bemühen. Vernachlässigen wir das Wort Gottes, so vernachlässigen wir seinen heiligenden Einfluss. Vernachlässigen wir das Gebet, so vernachlässigen wir ein anderes Vorrecht und die Hilfe, die es gewährt. Vernachlässigen wir den Umgang mit den anderen Kindern Gottes, an denen wir das Siegel seines Geistes wahrnehmen, so entgehen uns die Wohltaten und Hilfsmittel, die Eintracht gewährt, diejenigen inbegriffen, welche Gott durch die Herauswahl als Ganzes den einzelnen Gliedern derselben will zukommen lassen, indem er einige befähigt, sein Wort auszulegen, damit der einzelne dadurch des heiligenden Einflusses oder Geistes teilhaftig werde. - 1. Kor. 12:25-28; Eph. 4:16

Die Ermahnung, "Seid erfüllt mit dem Geist", ist also sehr bedeutsam. Sie bedeutet zunächst, dass wir von den Mitteln Gebrauch machen sollen, die der Herr zu unserer Verfügung stellt, um uns geistig zu fördern. Es bedeutet sodann, dass wir den Umgang mit dem Herrn, den wir nicht direkt haben können, ersetzen durch Umgang mit ihm im Gebet und in den Gliedern seines Leibes und in der Schrift, dass wir die Worte der Apostel, mit denen wir nicht persönlich verkehren können, beachten, dass wir mit denjenigen Gliedern des Leibes Christi, die noch diesseits des Vorhanges leben, aber weit von uns wohnen, brieflich oder durch das Mittel der Presse verkehren.

Wünschen wir mit des Herrn Geist erfüllt zu werden, so müssen wir diesen seinen Befehlen gehorchen.

Das Siegel des Geistes

"Auf welchen (Christus) ihr also gehofft habt, nachdem ihr gehört habt das Wort der Wahrheit, die gute Botschaft von eurem Heil, in welchem ihr auch, nachdem ihr geglaubt habt, versiegelt worden seid mit dem heiligen Geist der Verheißung, welcher das Unterpfand unseres Erbes ist." - Eph. 1:13, 14

Siegel dienten in alter Zeit zu verschiedenen Zwecken. Bald vertraten sie die Unterschrift, durch die das Darüberstehende ausdrücklich anerkannt werden sollte, bald bezweckten sie bloß die Verschließung eines Aktenstücks 2c) zur Verhinderung unbefugter Eröffnung. - Matth. 27:66; Offb. 10:4; 20:3

Den ersteren Sinn hat es, wenn vom Volk des Herrn, den Auserwählten gesagt ist, sie seien "versiegelt mit dem heiligen Geist der Verheißung". Der Apostel sagt natürlich nicht, wie einige zu vermuten scheinen, dass wir seien von dem heiligen Geist als von einer Person (der dritten Gott-Person in der angeblichen Dreieinigkeit) versiegelt. Er erklärt vielmehr, dass wir versiegelt sind mit dem heiligen Geist der Verheißung, was einen ganz anderen Sinn gibt, wie jeder bemerken wird. Der heilige Geist ist vom Vater; dieser ist es, der versiegelt durch Christum mit dem heiligen Geist, der selber das Siegel ist. So bezeugt es Apg. 2:33, und das stimmt auch mit dem, was von unserem Herrn Jesus berichtet wird, der der erste vom Haus der Söhne war, der in der Weise versiegelt wurde (Joh. 6:27).

Der Ausdruck "Geist der Verheißung" ist so wenig zufällig als etwa die anderen Ausdrücke, mit denen der heilige Einfluss Gottes bezeichnet wird, als "Geist der Heiligkeit", "Geist der Wahrheit." Er zeigt, dass eine Beziehung besteht zwischen der Versiegelung und der uns von Gott gegebenen Verheißung. Es ist eine Zusicherung und Bestätigung von Gottes Bund mit seinen Versiegelten, wonach "die überaus großen und köstlichen Verheißungen" der Dinge, die "Gott in Bereitschaft hält für die, so ihn lieben", wahr sind, uns zu teil werden sollen, nachdem wir die Proben, auf die unsere Liebe und Ergebung gestellt worden, gut bestanden haben.

Darum setzt auch der Apostel in Eph. 4:30 den "Tag der Erlösung" mit der Verheißung (Eph. 1:13) gleich. Mit andern Worten: Das Siegel des Geistes der Verheißung auf den Tag der Erlösung ist der gleiche Gedanke in neuer Form ausgedrückt, dass wir (die Herauswahl) die Vorfrüchte des Geistes haben, gleichsam das Handgeld, das den Vertrag oder Bund zwischen den Herrn und uns perfekt macht und uns die Erfüllung der Verheißung garantiert, wenn wir nicht schwach werden.

Das Siegel der Bundesverwandtschaft, der Sohnschaft, der Erbberechtigung ist nicht ein sichtbares Zeichen an unseren Stirnen; noch liegt es in der Begünstigung unserer irdischen Geschäfte, unseres weltlichen Wohlstandes durch Gott; noch besteht es oder bestand es je in der Gabe, durch Gebete heilen, mit Zungen reden zu können. Denn manche besaßen diese Gaben und hatten doch das Siegel und Zeugnis des Geistes nicht - Apg. 8:13-23; 1. 1. Kor. 13:1-3

Das Siegel oder Petschaft des heiligen Geistes ist vielmehr im Herzen des Versiegelten, und daher weiß kein Mensch davon als der es empfangen hat (Offb. 2:17), es sei denn, dass andere die Früchte der Versiegelung in seinem täglichen Leben sehen können. "Der uns mit euch befestigt hat in dem Christus und uns gesalbt hat, ist Gott, der uns auch versiegelt hat und hat das Pfand des Geistes in unsere Herzen gegeben." - 2. Kor. 1:21, 22

Dieses Pfand oder Siegel der Sohnschaft ist der Geist der Liebe, welcher alle Wege mit dem Vater und seinen heiligen Veranstaltungen einverstanden ist, welcher ausruft: Abba, Vater! Es ist meine Freude, deinen Willen zu tun, O mein Gott! Wer dieses Siegel, diesen Stempel der Sohnschaft hat, sucht nicht nur den Willen des Vaters zu tun, sondern findet auch seine Gebote, wenn er sich darnach richtet, nicht schwer, sondern wonnebringend. - 1. Joh. 5:3

Der Geist der Sohnschaft, unserer Abstempelung als Söhne, der Besitz der Vorfrüchte oder des Pfandes (Hafts) der in Aussicht stehenden Erbschaft ist mithin eines letzten erreichbaren Zeugnis des Geistes, die schönste Blüte am Baum der Erfahrungen des Christen in diesem Leben. Bevor wir dahin gelangen, müssen wir Anteil erhalten an der Salbung, indem wir aufgenommen werden in den gesalbten Leib des Christus, der da ist die Herauswahl, und gezeugt werden durch den Geist der Wahrheit, damit wir geheiligt, willig gemacht werden, den Willen des Herrn kennen zu lernen und zu tun. Diese Erfahrung machen wir erst, nachdem wir vom Geist lebendig gemacht worden sind, fähig der Gerechtigkeit zu dienen; sie ist ein Zeichen dafür, dass wir sozusagen von der Lage der Leibesfrucht vor der Geburt fortgeschritten sind zu einer Stellung, in welcher uns Gott als Söhne betrachten und uns das Siegel aufdrücken kann.

Wie alle Gläubigen unter den salbenden zeugenden Einfluss des heiligen Geistes Gottes, des Geistes der Wahrheit sollten zu kommen trachten, so sollten auch alle in dieser Weise vom Geist zur Sohnschaft Gezeugten darnach trachten, jene Stellung der vollständigen Übereinstimmung mit Gott zu erreichen, in der sie vom Vater anerkannt werden und das Siegel empfangen können. Und nachdem diese Stellung (Stufe) erreicht ist, heißt es acht geben, damit das Siegel nicht verletzt noch beschädigt, das kostbare Gut nicht zerdrückt, das Licht nicht ausgelöscht, der Geist der Liebe und Freude im heiligen Geist der Gemeinschaft nicht verkehrt werde in einen Geist des Schlafes und der Trübseligkeit.

Unser aller, die wir das Siegel empfangen haben, beständiges Bemühen sollte dahin gehen, dieses Siegel nicht zu verwischen, sondern immerdar leuchtend und frisch zu erhalten.

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Studie 10

Der Geist des gesunden Verstandes

Der Geist Gottes treibt bei seinen Kindern den Geist der Furcht aus. - Die Menschheit ist im allgemeinen ungesund, sowohl in geistiger als auch in körperlicher Beziehung. - In welcher Hinsicht ist der heilige Geist ein Geist des gesunden Verstandes (oder Sinnes)? - Die Wirksamkeit, welche dieses Resultat erzeugt. - Die Beweise des Geistes des gesunden Verstandes

"Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und des gesunden Verstandes ("der Besonnenheit")." - 2. Tim. 1:7

So mannigfaltig der Wortlaut obiger Stelle in den verschiedenen Übersetzungen auch sein mag, so sehen wir darin doch deutlich, wie der Geist der Furcht einem anderen Geist gegenüber gestellt wird. Wenn nun der Geist der Liebe, der Kraft und des gesunden Verstandes eine Persönlichkeit oder gar drei Personen zugleich ist, dann muss ohne Zweifel auch der Geist der Furcht als eine Person betrachtet werden. Die Unrichtigkeit einer solchen Behauptung ist aber so augenscheinlich, dass es bloß eine einfache Untersuchung braucht, um dieselbe umzustoßen.

Je mehr die Kinder Gottes von seinem Geist oder Einfluss erfüllt sind und dadurch ihr Verständnis, ihre Erkenntnis, sich erweitert, desto weniger Raum haben sie für den Geist der Furcht. Dieser Geist der Furcht ist beim Christen nichts anderes als ein Geist des Zweifels; er verrät immer einen Mangel an Glauben, an heiligem Geist. Der Geist der Furcht ist eine ergiebige Quelle des Bösen, er verhindert das christliche Wachstum auf allen Seiten, sowohl bei einzelnen Gläubigen, als auch bei ganzen Versammlungen; sehr oft sind sogar auch körperliche Schwächen und Unfähigkeiten auf denselben zurückzuführen. Mit seinem eigenen, natürlichen "Selbst" verglichen, ist das vom heiligen Geist erfüllte Gotteskind ein wahrer Riese! Und warum wohl? Weil all seine Befürchtungen unterdrückt sind, und sein Herz fest geworden ist; weil sein Glaube gewurzelt und gegründet und seine Seele in den göttlichen Verheißungen fest und sicher verankert ist. Sie werden vor allen gefahrbringenden Felsenriffen bewahrt, auch wenn die Sturmwinde der Trübsal sie mit noch so großer Gewalt dagegen anzutreiben scheinen. So hat sich der heilige Geist in den Kindern Gottes schon oft als eine Kraft geoffenbart, die ihre Feinde geradezu in Staunen setzte.

Wir behaupten nicht, dass das Evangelium Christi besonders die geistig und körperlich Starken ergreife, so dass die ihm Angehörenden deshalb stark genannt werden; die tägliche Erfahrung sowohl, als auch die Schriftzeugnisse beweisen das gerade Gegenteil, nämlich dass vielmehr die Schwächeren, d.h. solche, die sich ihrer Schwachheit bewusst sind, vom Evangelium ergriffen werden, weil dieselben eher ein Bedürfnis nach Hilfe empfinden. Der Sinnes ändernde Einfluss des heiligen Geistes ist aber ein so mächtiger, dass die, welche ihn empfangen, gerade durch ihre Schwachheit stark gemacht werden können. Die Schwachen dieser Welt werden auf solche Weise "stark in Gott" (Durch den Geist, die Kraft Gottes), so dass sie Festungen der Sünde und des Irrtums zu bezwingen vermögen und fähig sind, als tüchtige Kriegsleute Jesu Christi einen guten Kampf siegreich zu bestehen - zur großen Überraschung solcher, die ihnen von Natur weit überlegen sind. - 1. Kor. 1:27; 2. Kor. 10:4; 2. Tim. 2:3, 4

Schon zu Anfang unseres Zeitalters war das der Fall, als die Schwachen in der Welt das Evangelium freudig aufnahmen und demselben bis zu ihrem Ende treu blieben trotz all den schwersten Leiden und Prüfungen, die sie als Märtyrer von Seiten der Stärksten und Größten dieser Welt standhaft erduldeten. In unserer Zeit sind freilich die Verhältnisse hinsichtlich Verfolgung wesentlich anders geworden; deswegen gilt es aber nicht weniger "teilzunehmen an den Mühsalen als gute Kriegsleute" und das Leben hinzugeben für die Brüder; und dabei machen die Schwachen, die Unedlen und Verachteten, die sich Gott erwählt hat, auch heute noch die Weisheit und Macht der Welt zunichte. - 1. Kor. 1:27, 28

Dieser in uns wohnende Geist Gottes ist aber nicht allein ein Geist der Kraft, sondern auch ein Geist der Liebe, sagt der Apostel. Hier ist aber nicht von der natürlichen Liebe die Rede, wie wir sie in gewissem Grade bei allen Menschen, ja sogar bei den Tieren vorfinden, und die im wesentlichen auf den Geist der Selbstsucht zurückzuführen ist. In denen, welche den heiligen Geist der Liebe empfangen, soll diese natürliche Liebe lebendiger und stärker werden und mehr und mehr ihren eigennützigen Charakter verlieren, sie soll sich zu einer freigiebigen, selbst aufopfernden Liebe entwickeln, die nicht auf Selbstsucht, sondern auf Grundsätzen der Gerechtigkeit, der Wahrheit und Güte beruht - die auf den Besitz des Geistes, der Gesinnung Gottes zurückzuführen ist. Und dieser Geist der Liebe soll wachsen und je länger je mehr vorherrschen, bis das Vollkommene gekommen und das, was stückweise ist, weggetan sein wird. - 1. Kor. 13:10

Eine der wundervollsten Offenbarungen des heiligen Geistes in den Kindern Gottes ist wohl "Der Geist des gesunden Sinnes", wie sie der Apostel in unserem Text benennt. Die Kinder Gottes besitzen von Natur so wenig gesunden Sinn wie die Kinder der Welt; im Gegenteil, wie wir schon gesehen, erreicht das Evangelium weit eher die Unvollkommeneren (welche ihre Ohnmacht erkennen und der Gnade und Kraft von oben bedürftig sind), als dass es die beeinflussen würde, welche kräftigere und gesundere Sinne haben - die einen Geist der Selbstbefriedigung und Selbstgerechtigkeit besitzen.

Wenn aber die Wahrheit in gute und aufrichtige Herzen aufgenommen wird und daselbst ihre anerkannten Früchte hervorbringt, wenn die Kinder Gottes seines heiligen Geistes teilhaftig werden, dann erlangen sie auch den "Geist des gesunden Sinnes" (oder der Besonnenheit), seien sie von Natur nun stark oder schwach - ihr Urteil wird klarer, wahrhafter und zuverlässiger, weil sie sich in ihrem Tun und Lassen in erster Linie von den in der Schrift geoffenbarten göttlichen Vorschriften leiten lassen - von Vorschriften, die sich fast auf jede Angelegenheit des Lebens erstrecken. Wer irgend den Herrn als seinen Ratgeber und Lehrer annimmt und seinen Weisungen Folge leistet, der besitzt den Geist der Besonnenheit - er verlässt sich nicht mehr auf sein eigenes Urteil, auf seinen Verstand, und durch das Befolgen des göttlichen Willens bleibt er in dem Wechsel des Lebens vor all den Schwierigkeiten und Schlingen bewahrt, in welche sich diejenigen verwickeln, welche eine Leitung durch übermenschliche Weisheit entbehren müssen.

Als eine Folge des Sündenfalls und der damit verbundenen Verdammnis zum Tode ist das ganze Menschengeschlecht ungesund geworden und zwar sowohl geistig als auch körperlich - die Stufen der Gesunkenheit sind freilich verschieden, je nach Umständen und Abstammung. So wie die einen körperlich weniger gesund sind als die anderen, so sind auch in geistiger Beziehung manche weniger gesund als andere, aber ungesund sind sie alle, so erklärt es die heilige Schrift: "Da ist nicht ein Gerechter (Vollkommener, Gesunder, in körperlicher Hinsicht so wenig als in geistiger), auch nicht einer" (Röm. 3:10). Bildlich gesprochen sind alle mit Wunden, Striemen und Eiterbeulen bedeckt - geistig und körperlich (Jes. 1:5, 6). Der Fluch der Sünde hat seine schwere Hand auf den ganzen Menschen gelegt, sowohl auf seinen Verstand als auch auf seinen Leib.

Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass wenn ein Glied des Leibes leidet, dadurch der ganze Leib samt dem Gemüt in Mitleidenschaft gezogen wird. Das Gemüt oder der Geist kann nicht vollkommen gesund sein, während er in einem ungesunden Leib wohnt und von demselben ernährt wird. Ein kranker Magen beeinflusst nicht bloß das Gemüt, sondern auch das ganze körperliche System. Ein Lungenschwindsüchtiger kann es nicht verhindern, dass mit der Entwicklung seiner Krankheit nicht auch seine geistigen Kräfte schwinden und sein Gemüt darunter leidet. Und ähnlich verhält es sich mit anderen Organen: Die sicheren Folgen einer mangelhaften Herz-,Leber-oder Nieren-Tätigkeit sind verdorbenes Blut und ein zerrüttetes Nervensystem, dessen Zentrum das Gehirn ist. Und wenn das Gehirn von Schmerzen belästigt wird oder durch mangelhafte Funktion der Absonderungs- Organe in Fieberzustand geraten ist, dann leiden sicherlich auch alle seine Tätigkeiten, und es ist nicht imstande, so richtig und logisch zu denken, wie in gesundem Zustand. Störungen des Geistes oder des Verstandes sind aber so allgemein, dass dieses Wort nur in Ausnahmefällen (wo die Störung den allgemeinen Gemütszustand der Menschheit noch weit übertrifft) zur Anwendung kommt. Diese Schlussfolgerungen wird keiner in Frage stellen, der irgend welche Erfahrungen besitzt und mit richtigem Urteilsvermögen begabt ist.

Mit Recht wird hier nun mancher fragen: Auf welche Weise oder inwiefern kann denn das Innewohnen des heiligen Geistes dem Christen zur Wiederherstellung seines Verstandes dienen, so dass von ihm gesagt werden kann, er besitzt den Geist des gesunden Sinnes?

Die Antwort ist einfach: Der göttliche Sinn ist vollkommen, "gesund", und in dem Verhältnis nun, wie der Gläubige seinen eigenen Sinn, seinen Verstand beiseite lässt um dafür den göttlichen Sinn, den göttlichen Willen und das göttliche Urteilsvermögen in sich aufzunehmen - in dem Verhältnis wird er den Geist des gesunden Sinnes, den Sinn Gottes haben. Wir meinen nicht, dass dadurch das Gehirn des Gläubigen eine Änderung erleide, oder in eine andere Art Tätigkeit übergehe, sondern er lernt unter der Leitung des heiligen Geistes, des Geistes der Wahrheit, nach und nach die Irrtümer seines eigenen Verstandes in Bezug auf all die verschiedenen, vor ihn kommenden Fragen korrigieren und mit den im Worte Gottes geoffenbarten Lehren des heiligen Geistes in Einklang bringen. Stellen wir uns, um das zu illustrieren, eine Uhr vor, und zwar eine recht armselige ohne jegliche Reguliervorrichtung. Angenommen, wir hätten aber häufig Gelegenheit, einen absolut genau gehenden Chronometer zu sehen, der uns beweist, dass unsere Uhr täglich 30 Minuten zurückbleibt, so würden wir bald lernen, dieselbe richtig zu stellen, indem wir den Zeiger einfach jeden Tag um 30 Minuten vorrücken; und bald wären wir auch imstande, zu jeder Tageszeit sofort die Differenz herauszufinden. So verhält es sich auch mit unserem Urteilsvermögen und mit den Dingen und Angelegenheiten des Lebens. Wenn wir sie mit der vollkommenen Richtschnur vergleichen, so finden wir bald heraus, dass wir entweder zu schnell oder zu langsam "gehen", und dass wir uns zu wenig oder zu stark erregen lassen. Während wir nun nicht imstande sind, unsere Denkungs- und Handlungsweise so zu ändern, dass dieselbe vollkommen wird und in jeder Hinsicht mit derjenigen unseres Vorbildes, des Herrn Jesu übereinstimmt, so haben wir doch Gelegenheit, unser Denken und Handeln nach unserem Vorbild zu richten und zu regulieren und zwar auf solche Weise und in solch einem Grade, dass niemand es weder zu würdigen noch nachzuahmen vermag, wenn er dieses vollkommene Vorbild nicht auch besitzt und sich nach demselben zu richten sucht.

Wer hat nicht schon an seinen Freunden und Nachbarn (wie auch an sich selbst) zahlreiche Beweise von einem ungesunden Sinn wahrgenommen, wenn sie - nicht imstande ihre eigenen Angelegenheiten zu besorgen, trotzdem in andere Leute Sachen sich zu mischen suchen und dadurch viel Ärgernis verursachen? In ihrem Eigendünkel richten sie die anderen und sind geschäftig, deren Angelegenheiten auszukramen, trotzdem sie sich zur Bewältigung ihrer eigenen Geschäfte als durchaus untüchtig erweisen. Ist das nicht ein Beweis eines ungesunden Sinnes, eines gewissen Grades von Geistesgestörtheit? Bemerken wir diesen Grundzug nicht in fast allen Fällen, wo die Sinnesstörung so weit entwickelt ist, dass die betreffende Person in eine Anstalt versetzt werden muss! Eigendünkel, Beifallsucht und Furcht bilden größtenteils die Hauptursachen der Sinneszerrüttung, und von den übrigen Fällen ist ein geringer Teil dämonischer Besessenheit zuzuschreiben. Betreten wir irgend eine Irrenanstalt, so begegnen wir immer solchen Insassen, die in dem Wahn leben sie seien reich oder sie seien Könige, oder Königinnen, oder Fürsten und Edelleute; solche sind natürlich voller Stolz und Reizbarkeit, und sehr bald glauben sie sich beleidigt. Andere wollen viel Unrecht erlitten haben; sie bilden sich ein, man wisse sie samt ihren Fähigkeiten nicht zu schätzen, und ihre Freunde seien bemüht, sie aus dem Wege zu schaffen, aus Furcht vor ihrem Einfluss, oder um ihre Geschicklichkeit zu verheimlichen und ihnen so die Gelegenheit zu nehmen, sich ein Vermögen zu erwerben. Andere werden von Furcht gequält, sie haben Angst, man trachte nach ihrem Leben; sie halten die ganze Welt für verrückt und nur sich allein für gesund; oder sie glauben, Gott sei gegen sie ergrimmt, weil sie unverzeihbare Sünden begangen hätten, und nun sei ewige Qual ihr Schicksal.

All das sind bloß Extreme von Geisteszuständen, wie sie der aufmerksame Beobachter in seiner Umgebung alle Tage wahrnehmen kann. Die Tendenz der Welt und des Geistes der Welt (mit seinem Ehrgeiz und Stolz, seinem Irrtum und Aberglauben und mit seiner Furcht) geht dahin, die natürlichen, ungesunden Gemütszustände der Menschheit noch zu verschärfen - als Resultat und Beweis davon müssen wir denn auch mit Schrecken gewahr werden, dass sich die Fälle von ausgeprägter Geistesgestörtheit in der ganzen zivilisierten Welt sehr rasch vermehren.

Was solche Leute bedürfen, und was auch wir und die ganze Menschheit nötig haben, sind gesunde Sinne. Aber die Zeit für eine allgemeine Heilung der körperlichen und geistigen Gebrechen der Menschheit ist noch nicht da, und sie wird erst anbrechen, wenn das tausendjährige Reich völlig aufgerichtet sein wird; und auch dieses Reich kann nicht aufgerichtet werden und die ersehnte Befreiung nicht kommen, bis zu "seiner Zeit". Mittlerweile jedoch empfängt die auserwählte Evangeliums Kirche durch ihren Herrn und sein Wort seinen heiligen Geist, den Geist seines gesunden Sinnes, welcher auch der Sinn oder Geist des Vaters ist. In dem Verhältnis nun, wie jedes einzelne Glied von seinen Vorrechten in dieser Hinsicht Gebrauch macht, wird es auch für seine körperlichen und geistigen Nöten, mit denen es, wie alle übrigen Menschen, bedrängt wird, Erleichterung und Hilfe finden.

In Röm. 12:3 lesen wir: "Denn ich sage ... jedem, der unter euch ist, nicht höher von sich zu denken, als sich zu denken gebührt, sondern so zu denken, dass er besonnen sei (nicht nach dem Fleisch, sondern gemäß seiner neuen Natur), wie Gott einem jeden das Maß des Glaubens zugeteilt hat." Manche haben ihr Leben lang gegen eine zu hohe Schätzung ihrer selbst zu kämpfen, damit sie hinsichtlich ihrer Fähigkeiten den Geist eines gesunden Sinnes empfangen möchten; bei solchem Streben, d.h. bei der Bekämpfung ihres Stolzes, werden sie aber unterstützt durch die Worte ihres Meisters und durch die Ermahnungen der Apostel: "Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde ererben"; "Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade"; "So demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, auf dass er euch erhöhe zur rechten Zeit." - Matth. 5:5; Jak.. 4:6; 1. Petr. 5:5, 6

Als eine Tatsache müssen wir freilich erkennen, dass es nicht viel Edle, nicht viel Weise dieser Welt (die sich selbst für weise halten) gibt, welche Gott berufen hat, sondern vielmehr die Armen dieser Welt, reich an Glauben - die sich weder auf ihre eigene Weisheit noch auf ihre Gerechtigkeit verlassen, sondern Christum als ihre Weisheit, ihre Rechtfertigung, als ihr Ein und Alles annehmen.

Andere haben mehr gegen den "Geist der Furcht" zu kämpfen; aber auch für diese ist Hilfe und Unterstützung reichlich vorhanden: "Der Geist der Wahrheit", der "Geist der Liebe", ist ein treffliches Mittel gegen den "Geist der Furcht", denn "die vollkommene Liebe treibet die Furcht aus" (1. Joh. 4:18). Wenn sie den liebreichen himmlischen Vater und den in seinem göttlichen Wort geoffenbarten gnadenvollen Plan der Zeitalter erkennen lernen, dann fängt das große Furcht- und Schrecken- Gespenst, von welchem so viele geplagt werden, sofort zu weichen an, und anstatt voller Furcht und Angst werden sie voller Hoffnung, Hoffnung die nicht zuschanden der den lässt, denn die Liebe Gottes ergießt sich in ihre Herzen, durch den heiligen Geist, den Geist des gesunden Sinnes.

So sehen wir, wie die allzu bescheidenen (solche, die aus gänzlichem Mangel an Selbstvertrauen es im Leben nie zu etwas bringen) durch den gleichen Geist ermutigt und ermuntert werden, der andererseits alle solche zurechtweist und straft, die sich selbst überheben und überschätzen. Die ersten werden ermutigt durch die Versicherungen göttlicher Hilfe, die letzteren werden zurückgehalten, zur Bescheidenheit und zur Unterwürfigkeit angehalten: "Wenn jemand sich dünkt, er erkenne etwas (sich auf sein Wissen etwas einbildet), so hat er noch nicht erkannt, wie man erkennen soll" (1. Kor. 8:2). Lasst uns aber bedenken, dass solche Charakter- und Sinnesänderungen nicht durch ein bloßes Herr-Herr-Sagen erreicht werden, noch auch durch den Besitz einer Bibel oder durch ein Sichanschließen an eine menschliche Organisation, Kirche genannt. O nein! Dazu ist eine innige Gemeinschaft mit Christo erforderlich und der Besitz des Geistes der Wahrheit und der Heiligkeit - der Besitz seines und des Vaters heiligen Geistes.

Jeder Mensch, der durch Gottes Gnade und durch sein eigenes Annehmen dieser Gnade in den Besitz jenes Geistes des gesunden Sinnes gekommen ist, hat in jeder Hinsicht einen großen Vorteil gegenüber dem Rest der Menschheit; denn der Geist des gesunden Sinnes ist auch ein Geist der Weisheit. Solch einer weiß die Dinge dieses Lebens - Reichtum, Ruhm, soziale Stellung 2c) .- richtiger zu beurteilen als alle anderen. Von seinem neuen Standpunkt aus sieht er all diese scheinbar so begehrenswerten Dinge mit Folgen verbunden, welche die anderen gar nicht beobachten, oft sogar nicht beachten wollen. Sein vom Worte Gottes belehrter Verstand sagt ihm, dass, wenn es ihm auch gelingen würde, alle Reichtümer der Welt zusammenzuhäufen, er doch bei seinem Tod gar nichts mitnehmen könne. Er sieht ein, dass Ehre und Ruhm bei den Menschen oft auf recht wackligen Füßen stehen und veränderlicher sind als das Wetter, und dass in dem geschäftigen Treiben des Lebens auch die berühmtesten Leute gar bald nach ihrem Tod vergessen werden. Auch an einer hohen gesellschaftlichen Stellung kann ihm nichts gelegen sein, sieht er doch, wie oft die einem höher Gestellten gegenüber bezeugte Achtung nur geheuchelt ist, und wie häufig ein auf dem Gipfelpunkt seiner Laufbahn sich befindender Bürger vom Tod überrascht wird, wenn nicht ein finanzieller Krach seinen Glanz schon vorher in ein jähes Auslöschen gestürzt. Kurzum, er sieht, dass "das Spiel die Kerze nicht wert" ist (wie ein englisches Sprichwort sagt). Und in der Tat ist das Leben, auch vom weltlichen Standpunkt aus betrachtet, nichts als ein Kartenspiel, - unbefriedigend in all seinen Resultaten, weil auch der am meisten Begünstigte schließlich nichts davon zu tragen vermag.

Den durch den heiligen Geist für Die "hohe Berufung" gezeugten Kinder Gottes wird andererseits aber auch etwas dargeboten, das ihre Sinne völlig abzulenken vermag von dem eitlen Dichten und Trachten, womit die Gemüter der Menschen allgemein befangen sind, und das schon oft zum Wahnsinn geführt hat. Ihnen sind höhere Freuden in Aussicht gestellt, ihr Streben ist auf ein höheres Ziel gerichtet - ihrer warten himmlische Reichtümer und ein ewiges Königreich! Der durch diese himmlischen Verheißungen in ihnen erzeugte Ehrgeiz ist ein heiliger Ehrgeiz, voller Barmherzigkeit und guter Früchte, der nach den Grundregeln der Liebe wirksam ist, während bei allen Bestrebungen des irdischen Ehrgeizes die treibende Kraft in der Selbstsucht liegt.

Jeder Mensch, dessen Ziel nicht mehr auf irdischen Verlockungen und auf zeitliche Güter und "Herrlichkeiten", sondern auf himmlische Dinge gerichtet ist, ist sicherlich weit besser imstande, ein gesundes Urteil in Bezug auf die Angelegenheiten dieses Lebens abzugeben, weil er dieselben von einem verhältnismäßig interesselosen, neutralen Standpunkt aus betrachtet. Er ist wohl in der Welt und verpflichtet zu leben, er hat also für seine Bedürfnisse in anständiger und ehrbarer Weise aufzukommen; da er aber von unmäßigen Begierden nach irdischen Dingen frei ist, so vermag ihn auch der Drang der Habsucht und Ehrfurcht verhältnismäßig wenig zu beeinflussen, er ist deshalb um so besser imstande, gerecht zu denken und zu handeln und seine Liebe und sein Mitgefühl gegen alle auszuüben. Dieser in dem erfahrenen Christen wohnende Geist des gesunden Sinnes oder besser, des gesunden Urteils, darf aber nicht als dessen verbesserte irdische oder fleischliche Gesinnung betrachtet werden, sondern es ist eine durch die großen und köstlichen Verheißungen des göttlichen Wortes von oben gezeugte neue Gesinnung (2. Petr. 1:4). Dieselbe gereicht ihm in jeder Hinsicht zur Hilfe und zum Vorteil, und in dem Maße, wie er diese neue Gesinnung, den heiligen Geist, empfängt, wird auch seine eigene Gesinnung gesund werden, und das kann um so schneller geschehen, wenn seine Liebe für den Herrn und seine Gerechtigkeit eine brennende ist.

Unser Meister hat selbst die Frage gestellt: "Was wird ein Mensch geben als Lösegeld für seine Seele (seine Existenz, sein Leben)?" (Matth. 16:26) Ein mit gesundem Verstand begabter Mensch wird das wertvollste, das er besitzen kann, sein Wesen; um keinen Preis hergeben, weder für Reichtum, noch für Ehre oder Ansehen. Betrachten wir aber die Menschheit im allgemeinen, so nehmen wir an ihr das gerade Gegenteil wahr und haben somit den Beweis von ihrem geistig ungesunden Zustand. Die Welt hält diejenigen für Weise, welche ihre Zeit und Kräfte für Dinge verwenden, die doch niemanden zu befriedigen vermögen, nämlich für das Anhäufen von Reichtümern, in dem Kampf um Ehre, um soziale Stellung und Bevorzugung, in prahlerischer Entfaltung von Luxus und in sündhaften Vergnügungen. In den Augen derer, die den Geist des gesunden Sinnes haben, müssen solche Lebensläufe aber als höchst unweise verurteilt werden, sogar auch wenn es kein zukünftiges Leben gäbe, denn die große Mehrzahl der Menschen verbrauchen ihr Leben, um einmal die Früchte ihrer Mühen genießen zu können, und dann legen die sich aufs Todbett, mit dem Bewusstsein, dass sie nicht erlangt, was sie gesucht haben, und dass Reichtum und Ruhm, die sie hinterlassen, sich bald verflüchtigen oder als Zeugnis ihrer Torheit, ihrer Habsucht und ihres ungesunden Sinnes zurückbleiben werden.

Das der vernünftigen Ziele und Bestrebungen bare Weltleben bezeichnet der Apostel als: "Euren eiteln (fruchtlosen) von den Vätern überlieferten Wandel" (1. Petr. 1:18). Die Gewohnheit, für unwürdige Ziele zu arbeiten, ist erblich, und die Menschen pflegen sich in ihrem Lauf nicht aufzuhalten, um sich von dem Erfolg ihres Strebens Rechenschaft zu geben, sondern sie folgen ohne Überlegung den Pfaden, die schon ihre Väter ausgetreten haben. Auch wir sind von Natur geneigt, diesen Pfaden zu folgen, und wenn wir nun unsere Richtung verändert haben, so geschah das deshalb, weil wir durch die Gnade Gottes vernommen haben, dass wir durch das kostbare Blut Christi von diesem eiteln Wandel erlöst worden sind. Das Wort der Gnade ist es, durch welches wir erkennen lernen, dass der Lauf der Welt eitel ist, und dass alle, die diesem eiteln Laufe folgen, durch ihre Gesunkenheit und ihren ungesunden Sinn dazu getrieben werden. Wenn wir aber von der großen Befreiung vernommen haben, so weihen wir uns mit Freuden dem, der uns erlöst hat, damit wir auch von seinem Geiste, dem Geist des gesunden Sinnes empfangen.

Betrachten wir das gegenwärtige Leben durch den heiligen Geist im Lichte des göttlichen Wortes, so erscheint es uns bloß als eine Schulzeit, als eine Vorbereitung auf ein zukünftiges Leben für diejenigen, welche jenes Kleinod erblicken und den "Ruf" vernehmen können. Nur solche jedoch, die mit inneren Augen zu sehen anfangen, können erkennen, wie unweise der Wandel der größten Mehrzahl ist, die, weit davon entfernt, ihre selbstsüchtigen Neigungen zu bezähmen und die besseren und edleren Eigenschaften ihrer Natur zu pflegen, ihren Charakter vielfach noch untergraben, so dass sie, wenn sie zur Zeit ihres Sterbens die Welt verlassen, an Charakter schwächer sind, als da sie geboren wurden, und die Nachkommen auf diese Weise ein größeres Maß von Schwachheiten erben, als ihre Väter.

Während nun das Wort Gottes und der Geist dieses Wortes einerseits unsere Begierden nach irdischen Reichtümern dämpfen und uns zur Überzeugung bringen, dass "Geiz (Habsucht) eine Wurzel alles Übels" ist, so werden wir dabei aber auch vor dem anderen Extrem - vor Nachlässigkeit und Faulheit - bewahrt, indem das Wort Gottes jeden Gläubigen ermahnt, auf eine vor allen Menschen ehrbare Weise für die eigenen und besonders auch für seiner Angehörigen Bedürfnisse aufzukommen: "Seid im Fleiße nicht säumig; inbrünstig im Geist" (Röm. 12:11). So werden wir unter der Leitung des heiligen Geistes vor den Torheiten derer, die ihr Leben für das Sammeln von wertlosen "Schätzen" vergeuden, wohl behütet, und nicht weniger auch vor jedem Zustand der Trägheit, und wir werden auch ermuntert "zu jedem guten Werk", das der Menschheit nützen kann und vom Herrn als "für ihn getan" anerkannt wird unter seiner Zusicherung eines reichen Lohnes im ewigen Leben.

Der Geist des gesunden Sinnes sieht in diesem Leben Gelegenheiten, für die Ausbildung des Charakters und für das Sammeln von Schätzen, welche weder Motten noch Rost zu verzehren vermögen, sondern die da bleiben in Ewigkeit. Nicht dass wir durch den Geist des gesunden Sinnes verleitet würden, in der Zukunft zu leben und dabei das Gegenwärtige zu vernachlässigen, sondern wir lernen vielmehr, in der Gegenwart weislich zu leben, indem wir beständig an die Zukunft denken.

Der Geist des gesunden Sinnes erweitert und befestigt den Charakter in allen seinen guten Seiten, und er verhilft dem ihn Besitzenden zu richtigem Urteil, nicht nur in Bezug auf ihn selber, sondern auch auf seine gefallenen Mitmenschen, und erhöht dadurch sein Mitgefühl. Er erkennt die durch den Sündenfall herbeigeführte Unvollkommenheit seines eigenen Körpers und Verstandes und sein eigenes Bedürfnis nach Gnade und Hilfe sowohl, wie die Entartung der ganzen Menschheit und deren Bedürfnis nach mitfühlender Liebe und wiederherstellender Hilfe. Und so wie er die Fehler und Ungereimtheiten seiner eigenen Gesinnung zu verbessern lernt, vermag er auch um so mehr mit anderen zu fühlen, welche dieses zurechtleitende Element, den Geist des gesunden Sinnes nicht besitzen und nicht annehmen können, weil der Widersacher, der "Gott dieser Welt", ihre Sinne verblendet, "damit ihnen nicht ausstrahle der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus" und sie dadurch in den Besitz des Geistes des gesunden Sinnes gelangen möchten. - 2. Kor. 4:4

Und in dem Verhältnis, wie die durch den Geist der Sohnschaft in ihm gezeugte "neue Kreatur in Christo Jesu" sich entwickelt, wird er auch geduldiger, gütiger, liebreicher, gottähnlicher. Und diese Charaktergüte erstreckt sich nicht bloß auf seine äußerlichen Lebenstätigkeiten, sondern auch auf seine Worte und Gedanken; und in dem Maße, wie seine heilige Gesinnung jede unehrbare und unredliche Handlung verurteilt, missbilligt sie auch jedes unehrliche Wort gegen einen Freund oder Nachbarn oder sogar gegen einen Feind, ja nicht bloß jedes böse Wort, sondern auch jeden ungerechten oder lieblosen Gedanken.

Der Geist des gesunden Sinnes wird deshalb allmählich aber sicher aus einem Ehegatten einen besseren Ehegatten, aus einem Vater einen besseren Vater, aus einem Sohn einen besseren Sohn, aus einer Gattin eine bessere Gattin, aus einer Mutter eine bessere Mutter, aus einer Tochter eine bessere Tochter machen; und zwar alles deshalb, weil die Grundlage alles Denkens, Redens und Handelns von Selbstsucht in Liebe verwandelt worden ist. Wer den Geist des gesunden Sinnes, den heiligen Geist oder den Geist der Liebe besitzt, wird sicher je länger je weniger empfindlich in Bezug auf seine eigenen Rechte und Vorzüge, dafür aber um so rücksichtsvoller in Bezug auf die Rechte und Gefühle der anderen. Der Wille des Herrn muss ihm natürlich als erstes Gebot gelten, aber nächst der Erfüllung desselben wird es ihm zur Freude gereichen, auch denen zu gefallen, mit welchen er in Verbindung steht, besonders den Angehörigen seiner Familie: Und mit diesem seinem Begehren - aufs erste dem Herrn, dann den Glaubensgenossen und allen Menschen (so viel an ihm liegt) zu dienen und zu gefallen - werden schließlich all seine Gedanken und Worte übereinstimmen, und demgemäss wird auch sein Betragen sich gestalten.

Hieraus dürfen wir freilich nicht schließen, dass die den Geist des gesunden Sinnes Besitzenden in jeder Hinsicht die besten Ehegatten, die besten Brüder, Schwestern, Eltern und Kinder seien, denn die Wirkung des Evangeliums von Christo erstreckt sich, wie wir schon gesehen haben, hauptsächlich auf die Schwachen und Geringen dieser Welt, damit dieselben zubereitet und emporgehoben werden möchten - in dem Verhältnis wie sie sich dem Herrn weihen und den Geist des gesunden Sinnes empfangen. Die auf höherer, besserer Stufe Geborenen und Erzogenen sind eben eher zur Selbstgerechtigkeit geneigt, und sie verzichten gerne auf die vom Herrn dargebotene Hilfe; nichtsdestoweniger mögen sie ganz edle Ehegatten, Eltern und Kinder sein, schon wegen ihrer edleren Geburt - weil sie von christlichen Eltern besseren Verstand und größere Weisheit ererbt haben. Wenn solche aber den Erlöser und mit ihm die neue Gesinnung nicht annehmen, so wird ihre Gütigkeit samt all ihren noblen Eigenschaften sicherlich bald zu einem bloßen äußerlichen Schein entarten, zu einem Deckmantel innerer Selbstsucht, die sich erst recht in ihren Nachkommen offenbart und dieselben deshalb auf eine moralisch tiefere Stufe versetzt.

Der Hauptgedanke, dem wir durch all das Gesagte besonderen Nachdruck verleihen möchten, ist der: in wie tiefer moralischen Gesunkenheit und Unwissenheit ein Mensch sich befindet, wenn die Gnade und Wahrheit Gottes ihn erreicht, so wird sie aus ihm einen edleren, reineren, gütigeren und in Bezug auf andere rücksichtsvolleren Menschen machen - stets in dem Verhältnis, wie er diese "neue Gesinnung", den Geist des gesunden Sinnes, in sich aufnimmt.

Die Verdorbenheit des menschlichen Verstandes im allgemeinen wird schon durch die sorg- und rücksichtslose Vermehrung des Menschengeschlechtes illustriert. Es wird dabei fast keine Rücksicht auf die Gesetze der Gesundheit genommen, fast keine Rücksicht auf eine richtige Versorgung der Nachkommen, und die Gesetze der Natur, wie sie bei der Fortpflanzung von Tieren wie Rindvieh, Schafen, Pferden 2c) zu Tage treten, werden in höchstem Grade missachtet. Kein Wunder, dass der Apostel die Männer ermahnt, in Bezug auf ihre höchste, natürliche Kraft - das Fortpflanzungsvermögen - den gesunden Verstand zu gebrauchen, indem er sagt: "Ihr Männer, wohnet bei (handelt mit) ihnen (den Frauen) nach Erkenntnis". Wenn dieser Rat befolgt würde, wenn der Geist eines gesunden Verstandes vorherrschte, wie viel mehr Rücksicht würden die Männer ihren zarten und überbürdeten Frauen gegenüber erzeigen, so sie dieselben wirklich lieben - "bei ihnen wohnend nach Erkenntnis?"

Bis jetzt können freilich nur die Knechte und Mägde des Herrn diesen heiligen Geist Gottes besitzen. Aber Gottlob! die Zeit ist nahe, wo durch den Dienst dieser mit ihrem König verherrlichten Knechte und Mägde die ganze Menschheit gesegnet werden soll, und wo der Herr seinen heiligen Geist - den Geist eines gesunden Verstandes - ausgießen wird "auf alles Fleisch".

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Studie 11

Der heilige Geist der Aussöhnung

Scheinbare Widersprüche

Scheinbare Widersprüche betrachtet. - "Den Geist löscht nicht aus." - "Betrübet nicht den heiligen Geist." - "Der Geist der Wahrheit." - "Der Tröster." - "Erfüllt mit dem heiligen Geist." - "Dem heiligen Geist lügen." - "Den Geist des Herrn versuchen." - "Die Sünde wider den heiligen Geist." - "Der Geist sprach." - "Es hat dem heiligen Geist gut geschienen." - "Von dem heiligen Geist verhindert." - "Der heilige Geist bezeugt." - "Der heilige Geist hat euch als Aufseher gesetzt." - "Gelehrt durch den heiligen Geist." - "Die Salbung von dem heiligen Geist." - "Der Geist, der uns vertritt mit unaussprechlichen Seufzern." - Wie der Geist die Welt überführt. - "Hieran erkennt ihr den Geist Gottes" und den "Geist des Antichrists".

Der Umstand, dass es Trinitarier (Anhänger der Dreieinigkeitslehre) gewesen, die die Bibelübersetzungen besorgt haben, hat einer Anzahl Stellen eine Form verliehen, welche dieselben in Widerspruch zu bringen scheint mit dem, was sich aus dem Vorhergehenden als schrift- und vernunftgemäß herausgestellt, nämlich dass der heilige Geist vom Vater durch den Sohn in den Kindern Gottes der Geist der Aussöhnung ist. Wie wollen deshalb im folgenden eine größere Anzahl dieser Stellen untersuchen, von denen allen wir voraussetzen können, dass sie, d.h. ihre mangelhafte Übersetzung oder trinitarische Auslegung den einen oder anderen verwirren könnten. Der Leser mag sie mit uns untersuchen, mit demselben Entschluss wie wir im Herzen, dem Worte Gottes vollen Glauben zu schenken und uns nur und allein vom Geist der Wahrheit leiten zu lassen. Haben wir diese scheinbaren Steine des Anstoßes aus dem Wege geräumt, dann werden wir noch weitere Seiten unseres Gegenstandes betrachten können.

"Den Geist löscht nicht aus."
- 1. Thess. 5:19 -

Das griechische Wort, das in dieser Stelle mit "löscht aus" übersetzt ist, kommt im Neuen Testament acht Mal vor, und immer ist dabei von einem Feuer oder Licht die Rede. Da wir nun, wenn wir den heiligen Geist (oder Sinn) Gottes haben, der uns erleuchtet, deshalb das "Licht der Welt" genannt werden (Matth. 5:14), so will der Apostel mit obigen Worten den Thessalonichern und allen Heiligen sagen, dass wenn wir durch den Geist dieser Welt (dieses Zeitalters) zur Weltlichkeit verleitet würden, dies den Schein oder das Licht des heiligen Sinnes oder Geistes Gottes auslöschen würde das von uns auf andere ausgeht. Damit stimmt die Redeweise unseres Herrn (Matth. 6:23): "So nun das Licht, das in dir ist, Finsternis (ausgelöscht) ist, wie groß die Finsternis!"

"Betrübet nicht den heiligen Geist Gottes, durch welchen ihr versiegelt seid auf den Tag der Erlösung."
- Eph. 4:30 -

Siegeln heißt, wie wir am Schluss des 9. Kapitels gesehen haben, soviel als abstempeln zum Beweis der Echtheit. Kinder Gottes und Kinder der Welt können an bestimmten Zeichen, Charakterzügen, die ihnen einen bestimmten Stempel aufdrücken, erkannt werden. Der Stempel der einen ist der Geist (die Gesinnung, Denkungsart, Willensrichtung) dieser Welt (dieses Zeitalters), der Stempel der anderen ist der Geist (die Gesinnung, Denkungsart, Willensrichtung) Gottes. Vom Tage der wahren Weihung an können an den Kindern Gottes die Zeichen (Stempel) ihrer Geistesrichtung an ihren Gedanken, Worten und Werken wahrgenommen werden. Diese Zeichen werden immer deutlicher, je mehr die neue Gesinnung in der Gnade, Kenntnis und Liebe Fortschritte macht. Mit anderen Worten, in dem Maße, wie wir unseren menschlichen Willen oder Sinn aufgeben und uns in allen Dingen dem Willen oder Sinn Gottes unterwerfen, wird der Geist (Sinn) Gottes eben auch unser Geist (Sinn). Darum werden wir aufgefordert, den selben Geist, der in Christo Jesu unserem Herrn war, den Sinn, der einzig des Vaters Willen zu tun entschlossen ist, in uns wohnen zu lassen. Daher ist unser neuer Sinn oder Geist heilig, von Gott geleitet. In obiger Schriftstelle (Eph. 4:30) ermahnt uns der Apostel dringend, nichts zu tun oder zu unterlassen, was einen Bundesbruch unserseits bedeuten würde, was unseren neuen Sinn betrüben und unser Gewissen als neue Kreaturen verletzen würde. Betrübet nicht den heiligen Geist, die göttliche Gesinnung in euch, welche ist das Siegel (der Stempel) eurer Gotteskindschaft.

"Der Geist der Wahrheit wird nicht aus sich selbst reden, sondern was irgend er hören wird, wird er reden, und das Kommende wird er euch verkündigen."
- Joh. 16:13 -

Die Jünger unseres Herrn Jesu hatten, da sie Juden und gewöhnliche Menschen waren, die Dinge vom irdischen Standpunkt aus angesehen, eine menschliche Erlösung, ein irdisches Königreich mit gefallenen Menschen an der Spitze erwartet. Unser Herr hatte zu ihnen zwar vom Königreich Gottes gesprochen, aber erst jetzt hatte er ihnen erklärt, dass er sterben, sie verlassen und in ein fernes Land gehen müsse, um dort die königliche Gewalt zu empfangen und dann von dort hierher zurückzukehren, sein Reich hier aufzurichten und seine Getreuen als Miterben an diesem Reich mit ihm zu verherrlichen. (Luk. 19:12) Um sie in der von dieser Kunde entstandenen Enttäuschung zu trösten, gibt er ihnen nun die Versicherung, dass sie nicht ganz allein gelassen werden sollen, sondern dass ihnen der Vater, der ihn zur Erfüllung einer bestimmten Aufgabe hierher gesandt, während seiner Abwesenheit ihnen einen anderen Tröster in seinem Namen, einen Stellvertreter senden werde. Der neue Tröster werde aber nicht ein anderer Messias sein, er werde nicht aus sich selbst reden, werde nicht unabhängig von ihm oder gar im Widerspruch mit ihm (Jesus) lehren, sondern was irgend er hören werde, dass werde er reden. Der Tröster werde also nur der Verbindungskanal zwischen dem Vater und dem Sohn einerseits und den treuen Jüngern anderseits sein. Der Geist der Wahrheit werde als sein (Jesu) Stellvertreter verschiedene Wahrheiten, die ihnen schon gesagt, aber von ihnen noch nicht ganz erfasst worden seien, deutlicher und eindringlicher machen, Wahrheiten, welche erst dann für die Jünger ganz begreiflich sein würden, wenn er Jesus) das Lösegeld bezahlt haben, zum Vater zurückgekehrt sein und ihm das Sühnopfer gleichsam vorgezeigt haben werde. Dann werde er - so sei es des Vaters Absicht - befähigt werden, ihnen durch den Tröster geistliche Güter zukommen zu lassen, für die sie jetzt noch nicht empfänglich seien, und auf die sie auch noch dein Recht hätten, da ihr Lösegeld noch nicht bezahlt sei. Wenn es dann aber an der Zeit sein werde, zukünftige Dinge zu verstehen, so werde der Geist des Vaters, sein Geist, um seines Verdienstes willen und in seinem Namen gesandt, sie Schritt für Schritt leiten bis zum vollen Verständnis alles dessen, was sie verstehen sollten. "Er (des Vaters heiliger Geist, Einfluss, Macht) wird mich verherrlichen, denn von dem meinen wird er empfangen und es euch zeigen. Alles, was der Vater hat, ist mein (seine und meine Absichten stimmen vollständig überein), darum sagte ich euch, er werde von dem meinen empfangen und es euch zeigen" (Joh. 16:14). Sie (die Jünger) sollten demnach nicht neue, die Lehre Jesu umstoßende Lehren, sondern im Gegenteil weitere Entwicklungen der bereits empfangenen Belehrungen erwarten; denn jede Belehrung des kommenden Tröster werde mit seiner (Jesu) Lehre übereinstimmen und dazu bestimmt sein, sie noch deutlicher erkennen zu lassen, dass Jesus der Messias gewesen sei. Auch brauchten sie an der Richtigkeit der Belehrungen dieses Tröster nicht zu zweifeln; denn er werde gerade der Geist der Wahrheit sein und vom Vater her zu ihnen kommen. Dieser Geist der Wahrheit werde sein (Jesu) Bote sein, der ihnen seine (Jesu) Lehren überbringen und zukünftige Dinge zeigen werde.

Gerade so ist es gekommen. Der Geist der Wahrheit hat der Herauswahl das ganze Evangeliums Zeitalter hindurch die Notwendigkeit des Leidens Christi und der Teilnahme eines jeden Gliedes des Leibes an diesem Leiden immer begreiflicher gemacht, den Weg immer deutlicher gewiesen, den wir in der Nachfolge unseres Erlösers und Herr zu gehen haben, uns gezeigt, welch hohe Ehre sein großer Lohn für uns sei, was es heiße, Erben Gottes, Miterben Jesu Christi unseres Herrn zu sein, "so wir anders mitleiden, damit wir auch mit verherrlicht werden" können. Jehova, der Lebensgeber aller, ist auch der Urheber all dieser Wahrheit, von ihm also, von dem jede gute und vollkommene Gabe kommt, haben wir auch alles erhalten, was uns in diesem Zeitalter zu teil geworden ist. Er hat seine Wahrheit durch die längst bereitgestellten Kanäle an uns gelangen lassen, durch das prophetische Wort und die vorbildlichen Lehren der Vergangenheit, zu deren Verständnis uns die eingegebenen Worte unseres Herrn Jesu und seiner inspirierten Apostel verholfen haben; und wenn wir den heiligen Geist in unsere Herzen aufnehmen und nach dem Worte und Plan des Vaters wandeln, so werden wir befähigt, die Dinge zu würdigen, welche Gott für diejenigen in Bereitschaft hält, die ihn lieben, und im Glauben nicht im Schauen zu wandeln trachten.

"Der Tröster, welches ist der heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird."
- Joh. 14:26 -

Diese allgemein bekannte Schriftstelle sagt ausdrücklich, der heilige Geist werde vom Vater gesandt werden. Er steht mithin vollständig unter des Vaters Herrschaft und ist ihm also nicht an Rang und Macht gleich, wie die von Menschen verfassten Glaubensbekenntnisse behaupten. Er ist überhaupt keine Person, sondern eine Fähigkeit Gottes, und Gott verfügt genau so vollständig über alle seine Fähigkeiten, als wir über unsere Fähigkeiten verfügen. Darum heißt es, der Vater werde seinen Geist senden, oder, wie der Prophet es ausdrückt: "Ich werde meinen Geist in euer Inneres geben." Zudem sagt die Stelle, der heilige Geist sei im Namen Jesu gesandt worden - gerade wie unter Menschen ein Diener im Namen seines Herrn geschickt wird und nicht in seinem eigenen Namen. Auch diese Tatsache tritt der schriftwidrigen Lehre von der Dreieinigkeit, der Einheit dreier an Rang und Macht gleicher Gott-Personen entgegen. Die Stelle wahrt dem Vater den ersten Rang; der heilige Geist ist des Vaters Geist (Macht, Einfluss); er wird gesandt an Stelle und im Namen Jesu unseres Erlösers. Warum im Namen Jesu? Weil das ganze Werk der Erlösung des Sünders vom Tod (durch die Auferweckung) und der Wiederherstellung zum Leben (durch das "Gericht"), das ganze Werk der Aussöhnung der Menschen mit Gott dem Sohn anvertraut worden ist; der heilige Geist des Vaters ist der Kanal, durch welchen der Sohn den Menschen die Segnungen zufließen lässt, die er durch sein teures Blut für sie erworben hat.

Als der heilige Geist vom Vater auf unseren Herrn Jesus kam bei seiner Taufe und Weihung, war es freilich eine Stärkung, ein großer Segen für ihn. Gleichwohl bedeutete dies für ihn den Verzicht auf jede irdische Genugtuung und Hoffnung bei der Vollziehung des göttlichen Planes. Wäre unser Herr anders gesinnt gewesen, eigenwillig, selbstsüchtig, so hätte ihn die Führung des heiligen Geistes nicht gestärkt, sondern beunruhigt, sein Herz wäre voll Unzufriedenheit, Missvergnügen und Widersetzlichkeit gewesen. So ist es auch mit den Kindern Gottes: je mehr vom Geist (von der Gesinnung) Gottes der natürliche Mensch zu erkennen vermag, um so unglücklicher und unruhiger wird er, weil Gottes Geist seinen Geist (Sinn, Willen) missbilligt und sich ihm widersetzt. Der "neuen Kreatur in Christo" aber, deren eigener Wille tot ist, und die den Willen des Vaters zu kennen und zu tun sucht, ist ein deutliches Verstehen des Willens und Planes Gottes, die Führung durch die göttliche Vorsehung und die damit Hand in Hand gehende Belehrung aus dem Worte Gottes eine wahre Stärkung, ein Labsal, das da Frieden, Freude und Zufriedenheit verleiht, selbst mitten in Trübsal und Verfolgungen. Darum sagt auch der Apostel, dass der Geist des Wortes der Wahrheit aufgenommen und geschätzt werden muss, wenn er trösten soll. Seine Worte sind (Röm. 15:4): "Alles, was zuvor geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, auf dass wir durch Ausharren und Trost aus den Schriften Hoffnung haben."

"Sie waren alle erfüllt mit dem heiligen Geist und begannen in anderen Zungen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen."
- Apg. 2:4 -

Hier ist von zweifacher Wirkung des heiligen Geistes die Rede. Zuerst wirkte der Geist (Sinn) Gottes in den Jüngern als Geist der Sohnschaft, indem er ihre Herzen mit dem Vater und dem erhöhten Erlöser eins werden ließ. Sodann bewirkte Gottes heiliger Geist (Einfluss) an den Jüngern besondere, wunderbare Gaben als Zeugnis vor der Welt und zur Gründung der Herauswahl. Während es ganz vernunftwidrig ist, von einem Gott zu sagen, dass er persönlich in einen, und noch viel unvernünftiger ist, zu sagen, dass er persönlich in viele (hundert, tausend) Menschen eintrete, so ist es nicht im geringsten unvernünftig zu denken, dass die Macht des Allerhöchsten die Macht, der Geist, der Einfluss Jehovas in und auf Hunderten und Tausenden sei. Deshalb braucht er nicht seine Wohnung auf dem Thron des Weltalls zu verlassen.

"Ananias, warum hat Satan dein Herz erfüllt, dass du den heiligen Geist belogen und von dem Kaufpreis des Feldes beiseite geschafft hast?"
- Apg. 5:3 -

Satan füllte das Herz des Ananias in gleicher Weise, wie Gott das Herz seiner Kinder erfüllt - durch seinen Geist, seinen Einfluss. Satans Geist ist ein Geist der Begehrlichkeit und Selbstsucht, der vor Betrug nicht zurückschreckt, wenn damit seine Zwecke erreicht werden können. Petrus, dem die "Gabe der Unterscheidung von Geistern" in besonderem Maße verliehen worden, war befähigt, die Gedanken des Herzens zu lesen und in vorliegendem Fall zu sehen, dass Ananias und Saphira unredlich handelten, etwas anderes zu tun vorgaben, als was sie wirklich taten. Man beachte bei dieser Erzählung, dass Petrus die Worte "Gott" und "heiliger Geist" im gleichen Sinn braucht, indem er Vers 3 sagt, sie hätten "dem heiligen Geist", Vers 4 aber, sie hätten Gott belogen. Der Gedanke ist auch tatsächlich derselbe. Gottes heiliger Geist, der durch die Apostel handelte, war, in der vollsten Bedeutung des Wortes, Gottes Stellvertreter; wenn daher Ananias und Saphira die Apostel belogen, die Gott und seinen heiligen Geist vertraten, so belogen sie Gott, belogen sie seinen heiligen Geist, dessen Werkzeug und Stellvertreter Petrus war.

"Was ist's, dass ihr übereingekommen seid, den Geist des Herrn zu versuchen?"
- Apg. 5:9 -

Diese Worte Petrus bedeuten dasselbe, wie die in Vers 3 wiedergegebenen, nur heißt hier der Geist, der versucht wird, der "Geist des Herrn", womit der Apostel wahrscheinlich den Herrn Jesus meinte. Auch diese Bezeichnung ist durchaus vernünftig. Der Geist vom Vater, der heilige Geist, war in besonderer Weise in der Herauswahl, der Vertreter aber des Herrn oder Hauptes der Herauswahl war in diesem Fall der vom Geist erfüllte und getriebene Apostel, der durch den Geist (Sinn) seines (des Christus) Leibes handelte.

"Wer wider den heiligen Geist spricht, dem wird es nicht vergeben werden, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt (Zeitalter)."
- Matth. 12:32 -

Die Trinitarier, die im heiligen Geist eine Person sehen, leiten aus dieser Stelle die Lehre her, dass der heilige Geist eine viel wichtigere Person sei als Gott der Vater und Gott der Sohn. Wir haben aber bereits gesehen, dass dies schriftwidrig ist. Die Schrift anerkennt nirgends mehr als einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind, und der höher ist als alles, - als einen Herrn, Christum Jesum, durch den alle Dinge sind, der im Range dem Vater am nächsten kommt und zu diesem Range durch des Vaters Macht erhoben worden ist. Der heilige Geist ist also vom Vater und durch den Sohn und könnte, wenn er eine Person wäre, nicht höher stehen als diese beiden. Aber er ist ja gar keine Person, sondern er ist eben der Geist einer Person, eines Wesens, der Geist des Herrn, sein Einfluss, seine Macht, und in diesem Sinne des Wortes der Herr selbst, Vertreter, Werkzeug all seiner Weisheit, Hoheit, Macht und Liebe.

Was bedeutet denn also diese Stelle? Aus den vorgehenden Versen ersehen wir, dass unser Herr Jesus eben seine göttliche Macht, den ihm vom Vater verliehenen heiligen Geist gebraucht hatte, um einen Teufel auszutreiben. Die Pharisäer, die das Wunder gesehen und nicht leugnen konnten, suchten die Bedeutung desselben zu verdrehen, indem die dreist behaupteten, es sei durch teuflische Macht vollbracht worden. In Erwiderung hierauf lehnte unser Herr es unmissverständlich ab, das Wunder aus eigener Kraft vollbracht zu haben, und schrieb dasselbe der Macht, dem Einfluss, dem Geist Gottes zu: "Ich treibe die Teufel aus durch den Geist Gottes." Hierauf tadelte er die Pharisäer dafür, dass sie so böswillig waren, einer bösen Macht zuzuschreiben, was sie nicht anderes denn als ein gutes Werk betrachten konnten, bei dem keine Sünde, keine Selbstsucht, kein Ehrgeiz mit unter lief. Er nennt sie eine Otternbrut und bezeichnet sie als Leute, die so verbohrt sind in die Überlieferungen ihrer Nationalkirche, dass ihr Erkenntnisvermögen selbst im Angesicht der allereinfachsten und handgreiflichsten Tatsachen versagte. Es war ganz wohl ersichtlich, dass die Macht oder der Geist, der über den Besessenen verfügt hatte, teuflisch, böse war. Austreiben konnte ihn daher nur ein Geist, der mit dem im Besessenen im Gegensatz stand. Diese Lehrer des Volkes hatten mithin keine Entschuldigung, wenn sie ohne jeden Grund behaupteten, das Wunder sei durch Satans Macht vollbracht worden.

Nun wies der Herr weiter darauf hin, dass, wenn sie auch weder Jehova noch ihn selbst gelästert, sie doch die heilige Macht, den heiligen Geist, der in ihm wirkte, gelästert hätten. Den unsichtbaren Gott missverstanden und unrichtig dargestellt zu haben, wäre ihrerseits eine viel weniger schwere Beleidigung gewesen, und Böses von unserem Herrn Jesus gesagt und seine Beweggründe missverstanden, ihm zugemutet zu haben, dass er nur nach einem Thron, nach Erhöhung seiner Macht strebe, wäre ebenfalls eine verhältnismäßig leichte Beleidigung gewesen, da sie dabei den Herrn nur mit dem Maßstab ihres eigenen Ehrgeizes und Hochmuts gemessen und darnach beurteilt hätten. Aber was sie getan, war viel schlimmer: nachdem sie Augenzeugen gewesen waren bei einer Kundgebung der göttlichen Macht, die einen ihrer Mitmenschen aus der Macht des Teufels befreit hatte, lästerten sie diese heilige Macht und verrieten dadurch einen viel höheren Grad von Bosheit und Feindschaft gegen Gott, als zu den anderen Beleidigungen die notwendige Voraussetzung gewesen wäre. In ihrer Unwissenheit und Blindheit hätten sie den Herrn Jesus und seine Worte und Bemühungen missverstehen können, hätten sie auch manche von Gottes Verfügungen missverstehen und Böses davon sagen können. Aber nachdem sich einmal die Macht Gottes direkt im Gegensatz zur Macht des Teufels vor ihnen deutlich bezeugt hatte, so bewies ihre Lästerung dieser Macht unmissverständlich, dass ihre Herzen sehr unheiliger Gesinnung waren. Sünden aus Unkenntnis können den Menschen vergeben werden, ja sie werden den Menschen vergeben werden, weil die Unkenntnis eine Folge des Falles ist, und das Sühnegeld für alle bezahlt worden ist, die vom Fall Adams und dem darauf lastenden Fluch erreicht worden sind. Aber Sünde wider deutliche Kundgebungen der göttlichen Gnade kann nicht der Schwachheit des Fleisches noch der Erbsünde zu lasten geschrieben, sondern muss absichtlicher Bosheit des Herzens zugeschrieben werden, die nicht vergeben werden kann.

Absichtliche Sünde kann nie vergeben werden, weder in diesem noch im kommenden Zeitalter. Gott will keinen Menschen zwingen, sich mit ihm auszusöhnen. Aber nachdem nun das Lösegeld bezahlt worden, will er jedem eine Gelegenheit geben, zur Erkenntnis zu gelangen und durch Vermittlung seines heiligen Geistes Zeuge seiner (Gottes) Güte zu werden: wer dann noch in einem Widerspruch mit dem Heilsplan Gottes beharrt, der erweist sich als ein absichtlicher Sünder, als bewusster Widersacher der heiligen Macht Gottes: für solche hat der Herr keine Gnadenmittel mehr.

Ob nun die Schriftgelehrten und Pharisäer schon zu einer genügend klaren Erkenntnis von Gottes heiliger Macht gelangt waren, dass ihre in dieser Erzählung erwähnte Sünde für sie den zweiten Tod nach sich zog, diese Frage können wir nicht entscheiden, weil wir in ihren Herzen nicht lesen können, und der Herr diese Frage in seiner Zurechtweisung auch nicht entschieden hat. Hatten sie volle Erkenntnis, dann können wir für sie keine Rettung (Auferstehung) mehr erhoffen, da sie Gottes Gnade absichtlich von sich gestoßen hätten. Hatten sie aber die volle Erkenntnis nicht, so steht ihnen noch (in der Auferstehung) eine Gelegenheit bevor, zur vollen Erkenntnis zu gelangen, bevor sie zum zweiten Tod verurteilt werden können.

Aber jede Sünde wider den heiligen Geist, volles Licht, volle Kenntnis der göttlichen Macht, ist nicht vergebbar, weil sie willentlich ist. Wer gegen ein geringeres Maß Licht sündigt, der muss unfehlbar zur Strafe "Streiche" leiden, und je größer das Maß Licht, gegen das gesündigt wird, um so stärker und zahlreicher die Streiche. Ist aber das Maß Licht und Erkenntnis voll, kann gut und böse vollständig unterschieden werden und wird dennoch dem Geist Gottes widerstanden, dann gibt es nur eine Strafe, den zweiten, unwiederbringlichen Tod, den ganzen Sold (Saldo) der Sünde. Die durch das Lösegeld erkaufte Vergebung deckt wohl die aus Unkenntnis oder Schwachheit begangenen Sünden, als die Folgen des Falles, nicht aber persönliche, absichtliche, wohlüberlegte Vergehungen gegen volles Licht. Doch vergessen wir nicht, dass viele Sünden, die in gewissem Grad absichtlich gegangen werden, zum anderen Teil von Schwachheiten oder teilweiser Unkenntnis der göttlichen Rechtsgrundsätze oder von beidem herrühren. Soweit dies der Fall, ist jede Sünde vergebbar durch die Gnade Gottes in Christo, durch gläubige Annahme des Versöhnungswerkes; so weit es aber nicht der Fall, muss sie, wie wir eben gesehen, gebüßt werden, - durch Streiche leiden solange noch vergebbare Elemente mitspielen, durch den zweiten Tod, wenn keine vergebbare Elemente mehr darin zu finden sind.

Von dem Gesichtspunkt aus ist jede absichtliche Sünde, Sünde gegen Erkenntnis, gegen den heiligen Geist und kann nicht Vergebung finden.

"Der Geist sprach zu Philipper: Tritt hinzu und schließe dich diesem Wagen an."
- Apg. 8:29 -

Auch hier ist es ganz unnötig, den Geist persönlich, als Gott-Person aufzufassen. Die Stelle bleibt verständlich, auch wenn wir sie so erklären, dass der Herr durch seinen Geist (Einfluss, Macht) den Apostel auffordert, sich zum Wagen des Kämmerers heranzunahen. Wie der Geist dies bewirkte, darüber gibt uns die Schrift nicht Auskunft, und es wäre töricht, da Vermutungen aufzustellen. Gott hat alle möglichen Mittel zur Hand, um den Seinen Kenntnis von seinen Wünschen zu geben. (vergleiche Vers 39)

"Der Geist sprach zu Petrus: Siehe drei Männer suchen dich"
- Apg. 10:19 -

Das oben gesagte gilt auch von dieser Stelle. Wie es zuging, tut durchaus nichts zur Sache. Das wichtigste ist, zu wissen, dass der Herr es war, der den Apostel leitete, und zwar in einer dem Apostel verständlichen Weise. Dass er richtig verstanden, ergibt sich aus der Erzählung, die auf die Worte folgt.

"Der heilige Geist sprach: Sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werke aus, zu welchem ich sie berufen habe."
- Apg. 13:2 -

Auch hier wird uns nicht gesagt, wie der Geist (als Vertreter Gottes) sprach. Das brauchen wir auch nicht zu wissen. Es genügt, wenn wir uns daran erinnern, dass alle Geweihten berufen sind, der Wahrheit als Boten zu dienen, und zwar treu und wirksam mit all ihren Fähigkeiten und bei jeder Gelegenheit. Durch die allgemeine Aufforderung: "Was stehet ihr hier müßig? Gehet auch hin in meinen Weinberg!" werden alle diese gerufen. Und jede besondere Befähigung, jede günstige Gelegenheit sollte als ein besonderer Ruf des Herrn verstanden werden, im Dienste der Wahrheit noch mehr öffentlich zu wirken. Doch wenn auch die geistigen Anlagen von Barnabas und Saulus gleichsam einen besonderen Ruf des Geistes an sie bedeuteten, so ist doch wahrscheinlich, dass jenesmal der heilige Geist sich eines jener Mittel bediente, die zu jener Zeit in der Herauswahl vorhanden waren, des Mittels der Weissagung. So mag einer von den Propheten, von denen Vers 1 die Rede ist, Gottes Willen in dieser Hinsicht kundgetan haben.

Dass Paulus seine Berufung nicht auf den heiligen Geist als eine dritte Gott-Person zurückführt, ersehen wir aus Gal. 1:1, wo er schreibt: "Paulus, Apostel, nicht von Menschen, noch durch einen Menschen, sondern durch Jesum Christum und Gott den Vater, der ihn auferweckt hat aus den Toten." Wäre der heilige Geist diejenige Gott-Person, der wie es die Trinitarier wollen, die Berufung der Diener der Wahrheit besonders obliegt, so wäre dessen Nichterwähnung in obigem Vers unverständlich. Sehen wir aber die Dinge richtig, ist aber, wie die Schrift lehrt, der heilige Geist eben der Einfluss, die Macht Gottes des Vaters und des Sohnes, welche eines Sinnes sind, dann herrscht Übereinstimmung zwischen Gal. 1:1 und Apg. 13:2

"Es hat dem heiligen Geist und uns gut geschienen."
- Apg. 15:28 -

Die Apostel waren zu einer Beratung zusammengetreten, um auf einige Fragen zu antworten, welche von der Herauswahl in Antiochien an sie gerichtet worden hinsichtlich der Verbindlichkeit des jüdischen Gesetzesbundes für diejenigen Brüder, welche von Geburt nicht Juden waren. Die getroffene Entscheidung war, wie in obigem Vers festgestellt wird, nicht allein die Ansicht der Apostel selber, sondern der Herr hatte in irgend einer Weise seine Zustimmung zu dieser Ansicht erklärt, und zwar in einer Weise, dass sie es deutlich erkennen konnten. Die Rede des Apostels Jakobus, die die wichtigste bei der Beratung war; zeigt uns nun, wie Gottes Wille und Absicht bei diesem Anlass erkannt wurde; es war dieselbe Weise, wie sie der ganzen Herauswahl anempfohlen war und von den Geweihten noch heutzutage gebraucht wird. Sie bestand im Forschen in der Schrift im Licht der göttlichen Vorsehung. So konnte denn Jakobus die Absicht des Herrn ableiten, indem er die besondere Führung der Vorsehung nochmals betrachtete, welche Petrus zu Kornelius geleitet hatte, und alsdann an eine noch unerfüllte Weissagung erinnert, die er anführte (Vers 17). Der von Jakobus vorgeschlagenen Anwendung dieser Weissagung auf den vorliegenden Fall stimmte die Herauswahl zu, sicher, dass der heilige Geist sie so lehre.

"Nachdem sie von dem heiligen Geist verhindert worden waren, das Wort in (der Provinz) Asien zu verkündigen."
- Apg. 16:6 -

Auch hier erscheint auf den ersten Blick der heilige Geist als eine redende, verbietende Person. Allein aus dem Zusammenhang erkennen wir, dass wiederum von dem heiligen Einfluss oder Wirken von Jehova Gott und unserem Herrn Jesu Christo die Rede ist, durch welches der Wille des Vaters und des Sohnes auf diesem oder jenem Wege den Geweihten zur Kenntnis gebracht wird. Wir erfahren darüber nichts, wie der Apostel und seine Gefährten verhindert wurden, das in Kleinasien begonnene Missionswerk dort fortzusetzen. Vermutlich verhinderten widrige Umstände sie daran, in denen sie eine Führung des Geistes erblickten. Doch wie dem auch sei, für uns ist nur wichtig, zu wissen, dass Gott selbst sein eigenes Werk betrieb, und dass die Leitung und Führung der Apostel Sache seiner Oberaufsicht war, die sich unsichtbarer Mittel bediente, um sie als seine Diener zu verwenden. Auf jeden Fall war des Herrn Führung dieses Mal mehr als ein Eindruck auf das Gemüt der Apostel. Eines der Mittel z.B. war das Nachtgesicht Paulus (Vers 9). Dieser letzte Wink machte ihnen völlig klar, was sie zu tun hatten, und sofort trafen sie alle nötigen Anstalten, um ihm folgen zu können.

Wir haben hier ein Beispiel dafür, dass Gott in den Tagen der Apostel seine Diener in ganz ähnlicher Weise führte, wie auch heute noch. Solche indirekte, unpersönliche Führung wird mit Recht als ein Wirken des heiligen Geistes des Herrn bezeichnet. Hätte ein Engel dem Paulus die Botschaft überbracht, wie seiner Zeit dem Petrus im Gefängnis (Apg. 5:19; 12:7), oder hätte unser Herr persönlich Paulus angeredet, wie er es auf dem Wege nach Damaskus tat (Apg. 9:4; 1. Kor. 15:8), dann würde es die hier betrachtete Stelle auch ausdrücklich sagen und nicht allgemein vom Geist reden.

"Der heilige Geist bezeugt und sagt mir von Stadt zu Stadt, dass Bande und Drangsale meiner warten."
- Apg. 20:23 -

Dass der heilige Geist hier nicht als Person gemeint ist, und in welcher Weise er dies dem Paulus bekannt machte, sehen wir am deutlichsten Apg. 21:11. Zu der Herauswahl in Cäsarea zählte ein Mann, namens Agabus, der die damals unter den Auserwählten ziemlich häufige Gabe der Weissagung, hatte. "Als der zu uns kam, nahm er (unter den abgelegten Gürteln, ohne ihn zu kennen) den Gürtel des Paulus, band sich die Hände und die Füße und sprach: Dies sagt der heilige Geist: den Mann, dem dieser Gürtel gehört, werden die Juden in Jerusalem also binden und in die Hände der Nationen überliefern." Die Freunde der Sache suchten infolgedessen erst, den Apostel davon abzubringen, nach Jerusalem hinaufzuziehen. Aber Paulus war entschlossen, den Absichten des Herrn mit ihm nicht auszuweichen. Darum erklärte er denn auch, er sei bereit, nicht nur gebunden zu werden, sondern auch in Jerusalem zu sterben für den Namen des Herrn Jesu. (vergl. Vers 13)

Merke, dass der Apostel nicht sagt: Im Namen des heiligen Geistes. Auch seine Freunde, als sie sahen, dass sie ihn nicht überreden konnten, sagten: "Der Wille des Herrn geschehe!" (Vers 14) So wurde bei jedem Anlass das Zeugnis des heiligen Geistes von der ersten Herauswahl als der Wille unseres Herrn Jesu angesehen, der auch der Wille des Vaters war.

"Habet nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher euch der heilige Geist als Aufseher gesetzt hat, die Herauswahl Gottes zu weiden (nähren)."
- Apg. 20:28 -

Diese Worte richtete Paulus an die Ältesten der Herauswahl zu Ephesus. Er will sie damit aufmerksam darauf machen, dass ihre Stellung als Diener der Wahrheit innerhalb der Herauswahl nicht aus eigener Machtvollkommenheit, nicht einzig infolge Auftrags seitens der Herauswahl inne hatten, sondern dass der Herr bei ihrer Bestellung mitgewirkt hatte durch seinen heiligen Geist. Sie sollten sich dessen bewusst werden, dass ihre Auszeichnung darin bestand, dass Gott sie als Aufseher anerkannt habe, und dass sie Diener der Herauswahl seien infolge einer Berufung des Herrn durch seinen heiligen Geist (Wirken), der bei ihrer Bezeichnung als Älteste mitgewirkt und geleitet hatte. So sagt der Apostel an anderer Stelle, die ebenfalls nur die Herauswahl, nicht die Welt angeht: "Einem jeden aber ist die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben. ... Gott hat etliche in der Herauswahl gesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer; ... und es sind Verschiedenheiten von Wirkungen, aber es ist derselbe Gott, der alles in allem wirkt." - 1. Kor. 12:7, 28, 6

Durch diese Worte zeigt der Apostel, dass alle Diener der Herauswahl ihre Stellung von Gott haben, mittelst Kundmachung durch seinen heiligen Geist. Es ist nicht die Rede von einem Werk, das der heilige Geist neben demjenigen des Vaters und des Sohnes betreibt. Gott übt in Christo die Oberaufsicht über seine Kinder, der Herauswahl Angelegenheiten durch seinen Geist aus, durch sein heiliges, allmächtiges, auf Allwissenheit gegründetes Wirken. Durch dieses hatte er denn auch erzielt, dass zu Ältesten der Herauswahl in Ephesus unter denen, die sich zum Dienst des Herrn geweiht hatten, gerade diejenigen erwählt wurden, die sich ihrer persönlichen Eigenschaften wegen am besten als Diener, Lehrer oder Aufseher eigneten. Und wiewohl durch Menschen berufen, hatten sie doch ihr Amt als ein ihnen von Gott bestimmtes und übertragenes betrachtet und sollten ihr Verantwortlichkeitsgefühl hiernach richten.

"Uns aber hat es Gott geoffenbart durch seinen Geist, denn
der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes,
welche Dinge wir auch reden, nicht in Worten gelehrt durch
menschliche Weisheit, sondern (in Worten)
gelehrt durch den Geist." - 1. Kor. 2:10-13

Aus dieser Stelle ersehen wir, dass, wie wir schon oft zu verstehen gegeben, der heilige Geist oder Sinn Gottes seine Kinder, wenn sie ihm Aufnahme gewähren, vorbereitet und befähigt, seinen Plan zu begreifen. Einzig indem wir zu voller Übereinstimmung mit Gott gelangen durch das Wort der Wahrheit und dadurch, dass uns der Geist oder die volle Bedeutung dieses Wortes klar wird, werden wir befähigt, die Tiefen Gottes zu begreifen. Merke, dass der Apostel in obigen Versen "den Geist, der von Gott ist", der in uns wirkt, dem "Geiste dieser Welt" gegenüberstellt, welcher im natürlichen Menschen wohnt und ihn beeinflusst. So wenig nun dieser Geist der Welt eine Person ist, sondern eine weltliche Gesinnung, so wenig ist auch der Geist Gottes, der in seinen Kindern wohnt, eine Person, sondern vielmehr Gottes Wirken und Gesinnung in ihnen.

"Der natürliche Mensch nimmt die Dinge des Geistes Gottes
nicht an, denn sie sind für ihn Torheit, und er kann
es (deren Wert) nicht erkennen, weil es
geistlich unterschieden wird."
- 1. Kor. 2:14 -

Diese sehr deutliche Aussage steht in vollem Einklang mit allem, was wir schon gesehen haben. Wer mit dem Geist dieser Welt erfüllt ist, ist in dem Maße auch nicht vorbereitet, die tiefen, verborgenen, herrlichen Dinge Gottes, "die Gott in Bereitschaft hält für diejenigen, so ihn lieben", zu sehen und zu würdigen. Diese tiefen Dinge, die unser Herr als Perlen bezeichnet, sind nicht für die "Schweine" (die noch Selbstsüchtigen, vom Geist der Welt Erfüllten), sondern für die, so gereinigt sind durch die Waschung mit Wasser (Wahrheit) durch das Wort, die nahe zum Herrn gebracht worden sind durch den Glauben an sein teures Blut, die geheiligt, gänzlich dem Herrn geweiht sind. Diesen gefällt es Gott, seine tiefen Dinge, ja alle Reichtümer zu offenbaren, Schritt für Schritt, indem er ihnen die verschiedenen Züge der Wahrheit einen nach dem anderen klar macht als "Speise zur rechten Zeit".

Diese Stelle unterscheidet also scharf zwischen dem gefallenen Menschen und der neuen geistigen Kreatur. Wer für die tieferen geistigen Wahrheiten blind ist, dem fehlt das hier erwähnte Zeugnis für die Sohnschaft, für seine Beziehungen zum himmlischen Vater und seine Treue bei diesen Beziehungen. Wem die Dinge, von denen der Apostel sagt, dass Gott sie für diejenigen in Bereitschaft halte, so ihn lieben, gleichgültig sind, der mag aus dieser Gleichgültigkeit den Schluss ziehen, dass er den Geist des Herrn nicht hat. Und doch haben wir Männer gekannt, die sich für Lehrer in der Kirche ausgaben und ihre Unkenntnis dieser Dinge nicht nur eingestanden, sondern sich derselben erst noch rühmten! Durch dieses Geständnis bezeugen sie, dass sie nicht die Gesinnung Gottes haben, seine Absichten nicht kennen und mithin nicht viel von seinem Geist, dem Geist der Wahrheit haben und dementsprechend auch nicht viel von der Wahrheit haben können.

Diese Stelle ist somit ein Prüfstein für uns, damit wir an unserer Befähigung, die Dinge Gottes zu unterscheiden und zu würdigen, ermessen können, ob wir den Geist haben. Denn der Welt sind diese Dinge verborgen; "Gott hat sie uns durch seinen Geist kundgetan."


"Ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisset alles."
"Die Salbung, die ihr von ihm
empfangen habt, bleibt in euch, und ihr bedürfet nicht, dass euch
jemand belehre, sondern wie dieselbe Salbung euch über
alles belehrt und wahr ist und keine Lüge ist, und
wie sie euch belehrt hat, so werdet ihr in
ihm bleiben." - 1. Joh. 2:20, 27

Das Wort "Salbung" erinnert denkende Bibelforscher an das Öl, welches auf das Haupt der Hohenpriester und Könige Israels ausgegossen wurde bei ihrem Amtsantritt. Wie nun Israel nach dem Fleisch ein Vorbild war von "Israel nach dem Geist", dem wahren Volke Gottes, so sind Israels Priester und Könige ein Vorbild des Christus, des großen gegenbildlichen Hohenpriesters und Königs, und wie jene Könige und Priester bei der Einführung in ihr Amt mit dem heiligen Salböl gesalbt wurden, so wurde auch unser Herr Jesus zur Zeit seiner Weihung mit dem heiligen Geist gesalbt. So wurde er eben der Christus, d.h. der Gesalbte Jehovas.

Die auserwählte Kirche ist bestimmt, eine königliche Priesterschaft unter ihrem Herrn und Haupt, der Leib des Gesalbten (Christus) zu werden. Die Salbung ging nun vom Haupt auf den Leib über, als am Pfingsttage unser Herr mit des Vaters Einwilligung den heiligen Geist der Salbung, den er bei seiner Taufe im Jordan empfangen, auf die Jünger ausgoss. Seither werden die Gläubigen, die am Leibe (des Christus) bleiben, vom Worte Gottes als die Auserwählten anerkannt, von Gott bereits gesalbt (in Christo) zur einstigen Übernahme der Herrschaft über die Welt, nachdem sie erst unter der Leitung des sie salbenden Geistes von Gott das Nötige gelernt haben, damit ihre Herrschaft der Welt auch zum Segen gereiche, damit sie gleichen Sinnes sein können wie ihr Haupt, Jesus, dem, als er auferweckt wurde aus den Toten durch den heiligen Geist, das Wirken des Vaters, alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben wurde. - Matth. 28:18; Eph. 1:19, 20

Das Salböl war ein wohlriechendes Öl. Wie schön und eindrucksvoll versinnbildlicht doch diese Eigenschaft die Wirkung des Einflusses (Geistes) Gottes, die da erzeugt Heiligkeit, Freundlichkeit, Geduld, Bruderliebe, Liebe! Welch süßen, reichen Geruch verbreitet doch diese Salbung mit dem heiligen Geist über alle, die sie annehmen! Mag der sichtbare Mensch (das irdene Gefäß) noch so wenig einnehmend, noch so rau, ungebildet und unwissend sein, wie rasch erhält er doch seinen Anteil an dem besänftigenden und reinigenden Einfluss, der von dem Schatz des neuen Herzens, der neuen Gesinnung ausgeht, die gesalbt ist mit dem heiligen Geist und in Einklang gebracht ist mit allem, was wahr ist und ehrbar und gerecht und rein und lieblich. - Phil. 4:8

Ist aber, wie aus den obigen Betrachtungen hervorgeht, die Salbung mit dem Geist gleich dem Wirken, Einfluss, einer unsichtbaren Kraft Gottes, die durch seine Gebote, Verheißungen oder sonst wie wirkt, so können wir erst recht den heiligen Geist nicht als eine Person auffassen. Wie könnte jemand mit einer Person gesalbt werden?

Dass der Heilige (1. Joh. 3:20), welcher salbt, nicht ein persönlicher heiliger Geist (wie die Trinitarier das verstehen), sondern der Vater ist, ergibt sich aus der Pfingsterzählung. Petrus erklärt, er (der heilige Geist) sei ausgegossen werden (als ein Salböl; von einer Person musste er sagen, sie sei ausgesandt worden). Seine Worte sind: "Nachdem er (Jesus) vom Vater den (im Propheten Joel) verheißenen heiligen Geist empfangen hatte, hat er dies ausgegossen, was ihr sehet und höret" (Apg. 2:33), nämlich diese wunderbare Wirkung, die sich auf verschiedene Weise kundgab, durch Zungen von Feuer, durch Befähigung ungebildeter Menschen, ihre Gedanken so recht lebendig auszudrücken und in fremden Sprachen zu reden. Auch in Joel lesen wir: "Ich (Gott) will meinen Geist ausgießen." Könnte der Prophet von einer Person so geredet haben? Könnte in unserer Stelle mit dem Worte "dies", das ausgegossen und von den Juden gehört und gesehen wurde, eine Person und noch zudem die angeblich höchste der angeblich drei Gott-Personen bezeichnet werden? Das wäre doch sehr respektlos geredet.

Nun entsteht aber eine Schwierigkeit. Vers 20 lesen wir, dass die, welche die Salbung des Geistes haben, alles wissen. Wie viele wahre Kinder Gottes haben jedoch gar zu klar empfunden, dass sie nicht alles wissen, und deshalb an ihrer Salbung gezweifelt. Die Schwierigkeit verschwindet, wenn, gestützt auf die Lesart der ältesten griechischen Handschriften, übersetzt wird: "ihr alle wisset es". Ja wohl, alle wahren Kinder Gottes wissen sehr wohl, welch ein Unterschied besteht zwischen dem natürlichen Herzen oder Willen und dem neuen von Liebe und Gerechtigkeit geleiteten Herzen und Willen.

Und wie viele von Gottes liebsten und demütigsten Kindern haben mit Erstaunen die Worte gelesen: "Ihr bedürfet nicht, dass euch jemand lehre!" Wehe, sagen sie, eine Salbung, die uns der Notwendigkeit überhebt, dass uns jemand belehre, haben wir nicht an uns erfahren, denn wir bedürfen im Gegenteil sehr dass irgend ein Mensch uns belehre, und wissen so viel nichts, außer was uns, sei es direkt, sei es indirekt, durch menschliche Vermittlung zugekommen. Und diese demütigen Seelen würden sich sehr gedrückt und entmutigt fühlen infolge ihrer ehrenhaften Denkungsart, sähen sie nicht, dass selbst die Allerbesten unter den Heiligen ihrer Bekanntschaft menschliche Lehrer benötigen und zu schätzen wissen. Andere, weniger Aufrichtige, weniger Geheiligte dagegen suchen sich selbst und ihre Mitmenschen zu täuschen, indem sie vorgeben, sie hätten von Menschen nichts gelernt, sondern verdanken alles, was sie wussten, einzig und allein der direkten Eingebung des heiligen Geistes. Sie sehen nicht, dass sie damit den Anspruch auf Unfehlbarkeit all ihrer Worte und Gedanken erheben. Sie bemerken nicht, dass, wenn sie dafür, dass sie in einem Gedanken, Worte oder Werke fehlen, dies der vollen Eingebung des heiligen Geistes zuschreiben, sie dadurch den heiligen Geist zum Urheber ihrer Irrtümer und Verkehrtheiten machen.

Wir müssen also den wahren Sinn der Stelle aus den Zeitumständen und dem Zusammenhang, in dem sie steht, herauszufinden suchen; denn herausgerissen widerspricht sie dem allgemeinen Zeugnis der Schrift. Der Apostel Paulus erwähnt ausdrücklich unter den Gaben des Geistes an die Herauswahl Apostel, Propheten (Redner), Hirten, Lehrer, Evangelisten. Wozu diese der Herauswahl geben, wenn dieselbe nicht bedarf, dass ein Mensch sie belehre? Welchen Zweck haben vielmehr diese Gaben an die Herauswahl? Nach Eph. 4:11-13: "Die Vollendung (volle Befähigung) der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes Christi, bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes." (vergl. 1. Kor. 12:28-31)

Wir denken nicht daran, wie es die Schriftgelehrten tun, anzunehmen, dass Johannes dem Apostel Paulus und den anderen Aposteln widersprechen wolle. Alle Apostel waren Lehrer und belehrten die Herauswahl, dass und wie sie in Erfahrung bringen sollten, von welchen Menschen in ihrer Mitte der Geist sehe, dass sie sich als Hirten, Lehrer oder Aufseher am besten eigneten, sie belehrten sie, dass sie ihren so herausgefundenen Führern unterwürfig sein sollten; denn dieselben wachten über ihre Seelen, als die da dem Herrn darüber Rechenschaft geben mussten (Hebr. 13:17). Die Herauswahl bedurfte gerade nach Paulus Anschauung dienender Menschen, die geeignet waren, zu lehren (1. Tim. 3:2), mit der gesunden Lehre zu ermahnen und auch die Widersprechenden zu überführen und nötigenfalls streng zurückzuweisen, auf dass sie gesund seien im Glauben (Titus 1:9, 13; 2. Tim. 2:25). Und Petrus fügt bei, sie sollten als Unterhirten Männer anerkennen, die über die Herauswahl, die Erben Gottes, "nicht herrschen würden als über ihr Besitztum", sondern die Herde weiden, d.h. mit Speise zur rechten Zeit nähren würden, es stets vermeiden, solche Männer zu Aufsehern zu machen, deren Herz nach Volkstümlichkeit und deren Ohren nach Schmeichelei gelüsteten.

Zudem war der Apostel Johannes selber Lehrer, und gerade in der Epistel, in der wir die hier betrachtete Stelle finden, lehrt er, was er und wir als gesunde Lehre, die gelehrt werden muss, hochschätzen. Kein Leser der Johannes Briefe wird dieselben als gewöhnliche Unterhaltungsbriefe betrachten, die nicht belehren wollen. "Was wir gesehen und gehört haben", so schreibt er Einleitungsweise (1. Joh. 1:3), "verkündigen (lehren) wir euch, auf dass auch ihr mit uns Gemeinschaft habt." Und wiederum sagt er (1. Joh. 2:1): "Diese Dinge schreibe ich euch (euch zu lehren), dass ihr nicht sündigt", und "ein neues Gebot (Lehre) schreibe ich euch". (1. Joh. 2:8) Und wiederum: "Kindlein, lasst niemanden euch irreführen (sondern bleibt bei meiner Lehre); wer die Gerechtigkeit tut, ist gerecht". (1. Joh. 3:7) Und wiederum: "Wir sind aus Gott; wer Gott kennt, hört uns (gehorcht unseren Anweisungen, Belehrungen)". Und wiederum: "Dies habe ich euch geschrieben..., auf dass ihr wisset (darüber belehrt seit) 2c) (1. Joh. 5:13) Und der Schlussvers der Epistel selber enthält eine sehr wichtige Belehrung: "Kindlein, hütet euch vor Abgötterei (lasset niemanden und nichts euch lieber und geehrter sein als Gott)".

Hieraus ersehen wir, dass der Apostel nicht so verstanden werden kann, als hätte er sagen wollen, die Herauswahl bedürfe menschlicher Lehrer nicht. Wir sehen, dass er vielmehr menschliche Lehrer ausdrücklich als Werkzeuge des heiligen Geistes, die in der Herauswahl gerade diese Aufgabe des Belehren haben, anerkennt. Was kann er also wohl mit den Worten gemeint haben: "Ihr bedürfet nicht, dass euch irgend ein Mensch belehre", und "die Salbung des Geistes lehrt euch alle Dinge?"

Die Antwort auf diese Frage finden wir durch Heranziehung des Zusammenhangs und der Zeitumstände. Um das Jahr 90 n. Chr., in welchem nach der Ansicht der Gelehrten der 1. Johannes Brief verfasst worden, war das Christentum schon ziemlich bekannt geworden in der Welt. Es hatte den Überrest von Israel nach dem Fleisch in die Scheunen gesammelt und seinen Anhängern Hass und Verfolgung durch die große Mehrheit des Judenvolkes zugezogen, wodurch die Christen in alle Teile der damaligen zivilisierten Welt zerstreut wurden. Hier kamen sie mit den Heiden in Berührung, und die Gebildeten unter diesen, die Anhänger der griechischen Philosophie, fanden in der christlichen Lehre manches, was ihnen zusagte, so dass sie es mit ihrer heidnischen Philosophie zu vereinigen suchten, um christliche Philosophen oder philosophische (weltweise) Christen zu werden. Der Apostel Paulus kannte diese Neigung auch schon und warnt deshalb (1. Tim. 6:20) vor dieser weltlichen, fälschlich sogenannten "Weisheit". Diese Philosophen waren ganz bereit, Jesum als einen guten Menschen, als einen weisen Lehrer anzuerkennen. Was sie ablehnten, war die Anerkennung Jesu als Sohn Gottes, der seine gottähnliche Gestalt, seine geistige Natur, verlassen hatte und Mensch geworden war, auf dass er der Erlöser der Menschheit (aus dem Tod) und der Urheber ewigen Lebens für alle diejenigen werden möchte, die ihm gehorchen würden. Da ihre Philosophie nun die Lehre von einem zukünftigen Leben auch kannte, freuten sie sich, eine solche Lehre in Christum auch zu finden, übersahen aber die Tatsache, dass ihre fälschlich sogenannten "Weisen" (Platon u.a.) das ewige Leben als eine menschliche Eigenschaft, die jedem innewohne, als Unsterblichkeit auffassten, während das Christentum dies ausdrücklich verneinte und das ewige Leben als eine Gabe Gottes in Christo bezeichnete, die nur denen zu teil werde, die Christum annehmen. - Röm. 2:7; 5:15, 21; 6:23; 2. Kor. 9:15

Diese griechischen Philosophen sagten ungefähr so zu den Christen: Es freut uns, euch als so achtungswerte, gewissenhafte und freie Leute kennen zu lernen. Euer großer Lehrer Jesus hat euch in der Tat von vielen Gebräuchen und vom Aberglauben der Juden freigemacht, wofür wir euch beglückwünschen. Aber ihr seid doch noch in gewissen Fesseln. Wenn ihr unsere Lehren werdet studiert haben, so werdet ihr noch mehr Freiheit haben, noch viele Punkte finden, in denen ihr mit den Juden übereinstimmt, die wie ihr auf ein Messias-Reich hoffen und an einen einzigen Gott glauben. Diese Anschauungen, sowie eure fixe Idee, dass euer Lehrer Jesus der eingeborene Sohn Gottes sei, werdet ihr, wenn ihr unsere Weisheit euch angeeignet haben werdet, als alten Kram beiseite legen, wie ein Kind seine verwachsenen Kleider. - 2. Petr. 2:19; Judas 4

Die Christen gegen solche Einflüsterungen zu schützen, ist einer der Zwecke der Epistel. der Apostel ermahnt sie (1. Joh. 2:24) festzuhalten an der Lehre, die sie von Anfang an gehört, und derart philosophische Belehrungen als Lügen, und deren Vertreter als Vertreter des Antichrists zu betrachten, von dem sie oft gehört hätten, er werde inmitten der Herauswahl offenbar werden. (2. Thess. 2:3-7; 1. Joh. 2:18) Er sagt ihnen: "Diese Dinge habe ich euch geschrieben betreffs derer, die euch (zu) verführen (von Christo abwendig zu machen suchen)" (1. Joh. 2:26). Und nun kommt Vers 27, der folgendermaßen umschrieben werden kann: Aber nun, Geliebte, wisset, dass wahre Kinder Gottes sich durch solche Philosophien nicht täuschen lassen können. In unseren Herzen kann keine Philosophie den Platz Christi ausfüllen. Keine Lehre könnte uns veranlassen, die Fülle und Wahrheit der großen Botschaft in Zweifel zu ziehen, die wir als das Evangelium unseres Herrn Jesu Christi, des himmlischen Vaters geliebten und gesalbten Sohnes, empfangen haben. Nicht nur ist dereinst den Heiligen überlieferte Glaube vernunftgemäß, sondern er hat auch unter euch Wundergaben verteilt, so dass einige von euch mit Zungen reden, Wunder verrichten können 2c), von denen freilich jene Philosophen behaupten, die Fakire Indiens könnten es euch darin gleich tun. Aber daneben dem habt ihr ein anderes Zeugnis für die Wahrheit der alten Lehre darin, dass sie euch neue Herzen gegeben, durch Salbung eure Gesinnung umgewandelt und erneut und in eurem täglichen Leben Früchte des Geistes der Heiligung erzeugt hat, worin die Fakire es euch nicht gleich tun können, und gleichwohl können die Philosophen, die euch abtrünnig machen wollen, nicht leugnen, dass es sich bei euch so verhält.

Über diese Grundlagen unseres heiligen Glaubens, darüber, dass Christus der Sohn Gottes und unser Erlöser ist und nicht ein Betrüger, dass ewiges Leben nur haben kann, wer in Übereinstimmung mit ihm lebt, darüber bedürfet ihr keiner Belehrung mehr, weder von den genannten Irrlehren, noch auch von mir. Und so lang ihr diesen heiligen Geist in euch wohnend habt, wird euch derselbe bewahren, durch derartige gotteslästerliche, widerchristliche Lehren verleitet zu werden. So lange ihr euch erinnert, dass ihr den Frieden von Gott, welcher alles Verstehen übersteigt, dadurch ins Herz bekommen habt, dass ihr Jesum als den Sohn Gottes und den einzigen Weg zur Freimachung aus den Banden des Todes anerkannt habt, so lange wird euch auch dieser Geist festzubleiben ermöglichen. Und ihr werdet finden, dass diese selbe Prüfung eurer Treue, eures Beharren in der heiligen Gesinnung (Liebe), die ihr vom Vater und vom Sohne erhalten habt, euch in allen Lagen und Fragen Licht geben wird: denn was auch immer diesem Geist der Liebe widerspricht oder ihn unberücksichtigt lässt, ist ein unheiliger Geist, eine Irrlehre. Und erinnert euch daran, dass der heilige Geist lehrt, dass, wenn wir irgend eine Belohnung empfangen wollen, wir in ihm bleiben müssen. Christum den Abschied geben heißt also alles verlieren.

"Der Geist verwendet sich für uns mit unaussprechlichen Seufzern; und der die Herzen erforscht, weiß, was die Meinung des Geistes ist."
- Röm. 8:26, 27

Diese Worte, welche bestimmt sind, den Kindern Gottes die Liebe und Fürsorge des himmlischen Vaters für sie verständlich zu machen, sind von vielen in bedauerlicher Weise missverstanden worden. Die einen wollen uns glauben machen, der heilige Geist seufze für sie zum Vater. Andere versuchen, die Seufzer selber doch auszusprechen. Noch andere vermuten, dass je mehr sie sehr seufzen, sie um so mehr dem heiligen Geist helfen, indem sie dann dasjenige ausdrücken, was er nicht äußern könne. Wie das zugehe, können sie freilich sich nicht vorstellen.

Es wäre in der Tat verwunderlich, wenn der heilige Geist eine Person, und dazu noch nach dem Katechismus eine dem Vater und dem Sohn an Macht gleiche Person wäre, dass er dann den Vater und den Sohn zu Gunsten der Kinder Gottes anflehen müsste und dabei nicht die Worte fände. Die Annahme ist zudem schriftwidrig. Unser Herr Jesus sagte vielmehr, wir sollten uns direkt an ihn oder an den Vater wenden; der Vater habe uns lieb. Wir brauchen also nach der Schrift keinen neuen Vermittler, und herrschte die trinitarische Lehre nicht vor, nie wäre jemand auf diese sonderbare Auslegung verfallen. Im weiteren sind Seufzer, die nicht geäußert werden können, eben keine Seufzer.

Aber auch wenn wir den Geist unpersönlich fassen, im übrigen aber dieser sonderbaren Auslegung zustimmen würden, so käme kein mit der Schrift und der Vernunft in Einklang zu bringender Sinn heraus. Wie? Die Meinung, der Wille, der Geist Gottes, der in vergangenen Zeiten so reichlich Ausdruck fand in den Worten und Taten der Propheten, wäre heutzutage nicht mehr imstande, sich klar und verständlich auszudrücken?

Wo liegt nun der Fehler bei der Auslegung? Darin, dass verstanden wird, es sei Gottes Geist, der seufze. Es ist vielmehr unser Geist, der Geist der Heiligen, der für uns Gott bittet und sich oft nicht in zutreffender Weise zu äußern vermag. Ein Blick auf den Zusammenhang, in dem der Vers steht, wird die Richtigkeit dieser Auslegung an den Tag bringen. Der Apostel hatte soeben von der sündbeladenen Menschheit geschrieben, die in ihren Banden seufzt, und aus diesen Banden befreit werden soll, wenn einmal die Herauswahl, die Söhne Gottes, unter Anführung des "Herzogs ihrer Errettung" verherrlicht sein werden (Vers 19-21). Von den Seufzern der Welt geht nun der Apostel über zu unseren Seufzern (Vers 23). Dieselben sind auch Äußerungen der Sehnsucht unserer einst weltlichen, nun aber erneuten und umgewandelten Gesinnung nach der Befreiung, die bei uns aber, solange wir nach dem Fleisch Menschen sind und an der Erbsünde teilhaben, nicht tatsächlich eintreten kann; sondern erst durch unsere Teilnahme an der Ersten Auferstehung werden wir Christo gleich werden. Nach Vers 24 können wir aber durch den Glauben unsere menschliche Natur für tot und unsere neue Kreatur für vollkommen rechnen. So können wir denn "in Hoffnung" befreit sein. Nun, nachdem der Apostel uns gezeigt, wie wir uns rechnen dürfen, erklärt er uns, dass wir von Gottes Standpunkt aus als erneute, heilige, geistige Wesen gerechnet werden. Gott sehe an uns nicht das Fleisch und seine Schwachheiten, sondern den Geist, die Gesinnung, die Absichten, den Willen, der zum Dienst Gottes geweihte "neue Kreatur". Gott weiß, wann unser heiliger Geist (neue Gesinnung) willig und das Fleisch schwach ist, und er beurteilt uns dann nicht nach dem schwachen Fleisch, sondern nach dem Grade der Willigkeit unseres Geistes.

In diese Stellung zu Gott bringt uns unsere Zeugung durch den Geist und die völlige Weihung (Unterwerfung) unseres Willens unter den Willen des Herrn. Diese beiden Vorgänge erzeugen auch in uns diese neuen Hoffnungen, in denen wir fröhlich sein können, und "desgleichen nimmt sich auch der Geist (unsere neue, heilige Gesinnung) unserer (körperlichen, adamitischen) Schwachheiten an (d.h. macht gut, was diese verfehlt). Denn wir wissen nicht (einmal), was wir bitten sollen, wie es sich gebührt (noch viel weniger sind wir imstande zu tun, was wir gerne möchten); aber der Geist selbst (unsere heilige Gesinnung) verwendet sich für ("uns" fehlt in den ältesten griechischen Handschriften) mit Seufzern, die nicht (mit Worten), geäußert werden können. Der aber die Herzen erforscht (Gott), weiß was (unser) Geist meint, denn er bittet für die Heiligen gemäß (der Meinung) Gottes".

Mit anderen Worten, Gott ist gütig genug, die Wünsche des Herzens seiner Kinder anzusehen, sowohl beim Beten als beim Handeln sie nicht nach der durch das Fleisch (irdene Gefäß) verschuldeten Unvollkommenheit der Worte und Werke, die das, was sie sagen und tun möchten, nicht ganz erreichen, zu beurteilen.

Das ist ein großes Glück für die Kinder Gottes. Denn oftmals bitten sie ganz verkehrt. Jedes Mal, wenn wir Kinder Gottes bitten hören, sie möchten mit heiligem Geist und mit Feuer getauft werden, denken wir daran. Denn das Gebet entströmt nur einem guten Gewissen, nur dem Wunsche, gesegnet zu werden, würde sie aber Gott nach dem Sinn der Stelle hören, die von diesen Betern vollständig missverstanden wird, so erhielten sie erst einen Segen und dann einen Fluch. Denn die Taufe mit heiligem Geist von der Johannes der Täufer in obiger Bibelstelle spricht, kam freilich am Pfingsttage auf die Herauswahl und nachher auf alle, die zum Christus kamen, den Überrest Israels, die Taufe mit Feuer aber bestand in der vollständigen Vernichtung Israels als eines zusammenwohnenden Volkes im Jahre 70 n.Chr.

Andere sind durch den Widersacher mittelst einer Schwachheit der gefallenen menschlichen Natur zu einem Fehltritt verleitet worden. Sie fühlen sich sehr entmutigt, wenn sie dem Thron der himmlischen Gnade im Gebet nahen. Sie können ihren Gefühlen nicht in Worten Ausdruck geben, sie seufzen nur unter ihrer Last zu Gott in ihrem Geist (Gemüt). Aber der himmlische Vater besteht nicht darauf, dass sie erst ihre Bitten in genau zutreffende Worte kleiden, bevor er sie erhört, er hört vielmehr in Gnaden auf ihrer Herzen Wünsche, die unaussprechlichen Seufzer, mit welchen sie Vergebung, Segen und Trost suchen. Und siehe da, Gott gewährt Stärkung und Segen und gibt zu verstehen, dass er vergeben habe.

Das ist es, was der Apostel mit den Worten "Der Geist verwendet sich für (uns) mit unaussprechlichen Seufzern" meint, und am Schluss des Kapitels fasst er es noch einmal zusammen: "Was sollen wir denn sagen (im Angesicht der Tatsache, dass Gott alle Vorkehrungen zu unseren Gunsten getroffen hat, unsere Schwachheiten und Unvollkommenheiten übersieht, und sofern dieselben unserer Gesinnung zuwider sind, sie als nicht vorhanden betrachtet, die Unbeholfenheit oder Verkehrtheit unserer Bitten oder beim Beten gebrauchter Worte übersieht und uns nach den Wünschen unserer (erneuten) Herzen segnet, denen wir im Gebet nicht den richtigen Ausdruck zu verleihen vermögen)? Ist Gott (so) für uns, wer kann wider uns sein?" - Röm. 8:31

"Und wenn er (der Geist der Wahrheit) gekommen ist, wird er die Welt von Sünde, von Gerechtigkeit und Gericht überführen."
- Joh. 16:8 -

Einige Ausleger haben dieser Stelle den Sinn untergeschoben, als bedeute sie, der heilige Geist sei in Sündern tätig für ihre Bekehrung. Wir bestreiten die Richtigkeit dieser Auslegung auf das aller entschiedenste; denn die Schrift als Ganzes genommen und richtig verstanden, lehrt, dass der heilige Geist nur den geheiligten Gläubigen zu teil wird, dass er Ungläubigen nicht verliehen wird und mithin nicht in ihnen tätig sein kann, wenigstens in der Weise, wie es allgemein verstanden wird. Im Gegenteil, die Kinder dieser Welt haben den Geist dieser Welt, und nur die Kinder Gottes haben den Geist Gottes, den heiligen Geist (Gesinnung, Willen). "Der Geist der Welt, der Geist des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott". Auch kann ein fleischlich (weltlich) Gesinnter die Dinge des Geistes Gottes nicht verstehen, weil dieselben geistlich verstanden werden (d.h. nur von denen begriffen werden können, welche den heiligen Geist haben). Darum macht auch, wo wir ihn immer finden mögen, der heilige Geist der Übereinstimmung mit Gott und des Gehorsam (der Ergebung in seinen Willen, seine Vorkehrungen), die Wiedergeburt, die Zeugung zu Neuheit des Lebens offenbar. Der Apostel sagt ausdrücklich: "Wenn jemand den Geist (die Gesinnung) Christi nicht hat, so ist er nicht sein." Die den Geist Christi nicht haben und also nicht sein sind, bilden die Welt im allgemeinen. Sie sind nicht Christi, weil sie nicht von des Vaters Geist empfangen haben.

Der Geist von Gott ist durch die Früchte, die er trägt, und durch das Zeugnis, das er durch das Wort gibt, der Beweis, dass wir wiedergeboren (gezeugt) sind. Denn es ist sofort für jedermann ersichtlich, dass der heilige Geist, der in der Herauswahl ist, nicht der Geist ist, der in den Kindern der Welt ist, in den "fleischlich Gesinnten", die in der Schrift auch "Kinder des Zorns" oder "Kinder ihres Vaters, des Teufels" genannt werden. Dabei dürfen wir aber nicht außer acht lassen, dass der "Geist der Wahrheit", der "Geist der Liebe" den Geist der Welt in hohem Maße umgestaltet hat. Der Geist der Welt ist zwar seinem Wesen nach immer noch ein Geist der Finsternis, der Selbstsucht, ein fleischlicher Geist, aber soweit er es vermag, gibt er sich nach außen gerne den Anschein, dieselben guten Eigenschaften zu haben wie der heilige Geist. Es wäre in der Tat befremdlich, wenn die Vorzüge des heiligen Geistes, als da sind Freundlichkeit, Gütigkeit, Geduld, auf die Ungläubigen nicht Eindruck gemacht hätten.

Nicht wenige Weltleute pflegen diese Vorzüge des Geistes, weil sie zu den Annehmlichkeiten des Lebens, den Zeichen guter Erziehung und guten Geschmacks 2c) gerechnet werden; andere wiederum, deren Herzen mit den Grundsätzen des Geistes gar nicht einverstanden sind, ahnen diese Vorzüge nach, sich ihrer gleichsam als Vergoldung des weniger edlen Metalls bedienend, aus dem - um beim Bilde zu bleiben - die gefallene, nicht wiedergezeugte, nicht geheiligte, selbstsüchtige, mit dem Herrn und dem Geiste seiner Heiligkeit durchaus nicht im Einklang stehende menschliche Natur besteht. Wir müssen also scharf unterscheiden zwischen denen, die bloß die äußere Form ihres Wandels vergolden und denen, deren Herzen durch den Geist des Herrn umgewandelt worden sind. Die letzteren allein sind die Söhne Gottes, die seiner Gunst teilhaftig sind, und bald des verheißenen Segens, ihrer Erhöhung teilhaftig werden sollen.

Wenn nun also der Geist des Herrn nur denen mitgeteilt wird, die sein sind, und zwar um ihres Glaubens an Christum und ihrer Weihung willen, was kann dann der Herr mit dem hier besprochenen Ausspruch gemeint haben?

Das wird uns klar, wenn wir seine Erklärung heranziehen, wonach seine Nachfolger, auf welche sein Geist kommen und in welchen er um so reichlicher wohnen würde, je mehr Glauben und Gehorsam sie beweisen, das Licht der Welt sein würden. Es ist dieses Licht der Wahrheit, das von der Herauswahl, der Gemeinde der wahrhaft Geweihten ausgeht und seine Strahlen auf die Welt und die weltlich Gesinnten im Schoss der Namenkirche wirft, welches diese von ihrer Finsternis überführt. Unser Herr sagt von sich selber, nachdem er einmal mit dem Geist Gottes gesalbt worden: "Ich bin das Licht der Welt" und "So lange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt" (Joh. 8:12; 9:5). Und zu seiner Herauswahl des Evangeliums-Zeitalters gewendet, die durch den gleichen heiligen Geist geheiligt ist, sagt er: "Ihr seid das Licht der Welt" und "Lasset euer Licht leuchten vor Menschen" (Matth. 5:14-16). Und der Apostel Paulus spricht zu dem selben Leib des Christus: "Ihr wart einst Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht in dem Herrn; wandelt als Kinder des Lichts" (Eph. 5:8; 1. Thess. 5:5), und "Denn Gott (der Geist Gottes, der Geist der Wahrheit) hat in unsere Herzen geleuchtet, um die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes hell werden zu lassen" (2. Kor 4:6). Das Licht der göttlichen Wahrheit also, der heilige Geist (Gesinnung, Willensrichtung) strahlt mithin auf die Welt aus, nachdem er unsere Herzen erleuchtet hat; darum heißt es auch: "Tut alles ohne Murren und zweifelnde Überlegung, auf dass ihr tadellos und lauter seid, unbescholtene Kinder Gottes, inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechtes, unter welchen ihr scheinet wie Lichter in der Welt." - Phil. 2:14, 15

Der heilige Geist scheint mithin nicht direkt, sondern als Widerschein auf die Welt. Es ist nicht etwa der ihr mitgeteilte, in ihr wirksame Geist Gottes, sondern der in den Kindern Gottes wirksame heilige Geist, der diese versiegelt (abgestempelt) hat, welcher sein Licht auf die Finsternis der Welt wirft.

So finden wir auch in den Worten des Apostels eine Erklärung dafür, in welcher Weise die Welt durch den heiligen Geist in der Gemeinde der Geweihten überführt wird. Er schreibt nämlich (Eph. 5:8, 11, 13): "Wandelt als Kinder des Lichts ... und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, vielmehr stellt sie bloß (deckt sie auf) .... Alles, was bloßgestellt wird, wird offenbar gemacht (aufgedeckt, als böse entlarvt) durch das Licht". Das Licht der Wahrheit Gottes, das da ist der Ausdruck seiner Meinung (seines Geistes), wenn es von einem gottgeweihten Leben ausstrahlt, ist der heilige Geist, welcher die Finsternis der Welt bloßstellt (beweist, dass die Welt Finsternis ist), indem es denen, die es sehen, zeigt, was Sünde und was Recht ist. Und diese Erleuchtung wird der Welt die Überzeugung aufnötigen, dass einst ein Tag des Gerichts kommen wird, an welchem das Recht belohnt, die Sünde bestraft werden wird. Ein gottseliges Leben ist immer eine Bloßstellung für ein ungöttliches, selbst da, wo ein Wort der Wahrheit nicht geäußert werden kann oder nicht am Platze ist.

Gerade weil der heilige Geist in den Kindern Gottes den unheiligen, selbstsüchtigen Geist in der sie umgebenden Welt aufdeckt, dringt der Apostel darauf, dass die Geheiligten sich erinnern sollen, dass sie lebendige Briefe sind, allen bekannt und von allen gelesen (2. Kor. 3:2). Die gerechtfertigte und geheiligte Herauswahl war zu allen Zeiten, indem sie in den Fußstapfen Christi wandelte, ein Licht in der Welt, und dies auch dann, wenn ihr Licht nicht immer so viel wirkte als sie gewünscht hätte. So erging es schon unserem Herrn; denn er erklärt, dass alle, die vom Geist der Finsternis sind, ihn um so mehr hassten, weil sein Geist des Lichts ihren Geist der Finsternis offenbar machte (bloßlegte, aufdeckte). Deshalb musste nicht allein unser Herr, der große Lichtbringer, Verfolgung erdulden bis in den Tod, sondern müssen auch die kleineren Lichtbringer, die in Jesu Fußstapfen wandeln, an seinen Leiden, seiner Verfolgung teilhaben. - Joh. 16:3; Röm. 8:17, 18

Neben der Hauptaufgabe, die die Herauswahl hatte, an ihrer eigenen Entwicklung zu arbeiten ("Erbaut euch auf euren allerheiligsten Glauben". Judas 20), hatte sie in zweiter Linie die Aufgabe, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen, ihr Licht scheinen zu lassen, das die Welt überführte. Und dieser Überführung (Bloßlegung, Aufdeckung) galt notwendigerweise mehr den bloßen Bekennern (den "Frommen") als den eingestandenermaßen Weltlichen. Schon in den Tagen unseres Herrn strahlte sein Licht auf diejenigen, die als fromm und heilig galten und deckte ihre Finsternis auf. Dieses Licht haben wir stets fort scheinen zu lassen, denn der Herr sagt uns: "Wenn das Licht, das in dir ist, Finsternis ist (wird), wie groß die Finsternis!" (Matth. 6:23), sowohl für die Seele selbst, in welcher das Licht ausgegangen ist, als auch für die Welt, auf welche es nicht mehr fällt. Satan feiert keinen größeren Triumph, als wenn es ihm gelingt, eine Seele, die einmal von der Wahrheit erleuchtet und geheiligt worden, irre zuführen. Der schlechte Einfluss solch eines Menschen ist mehr als doppelt so groß, als wenn er nie erleuchtet gewesen wäre. "Wer da denkt, er stehe, der sehe zu, dass er nicht falle", und sein Licht unter einen Scheffel stellen, ist ein großer Schritt in der Richtung nach dem Falle,

"Hieran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, ist aus Gott; und jeder Geist, der nicht bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, ist nicht aus Gott; und das ist der Geist des Antichrists."
- 1. Joh. 4:2, 3; 2. Joh. 7 -

Dass mit "Geist" hier nicht eine Person, sondern eine Lehre gemeint ist, braucht nicht erst gesagt zu werden; denn in Vers 3 ist jedenfalls von keiner Person die Rede, auch in Vers 1 ist klar und deutlich nicht von Personen, sondern von Lehren die Rede, welche den Kindern Gottes als Wahrheit angeboten werden, und die sie auf die Probe stellen sollen, ob sie gut oder böse, von Gott oder vom Widersacher, der Geist (Lehre) der Wahrheit oder des Irrtums sind. Beide haben ihre Propheten oder Lehrer. Unser Herr, die Apostel und die da in ihren Fußstapfen wandelten, säten den Samen der Wahrheit (Weizenkörner), der geweihte Gläubige zeugte zu Neuheit des Lebens und Heiligkeit der Gesinnung. Der Feind und seine Knechte säten den Samen des Irrtums (Scheinweizen), welcher der Namenkirche (dem Acker) eine Menge Scheinweizen zuführte, die nicht den heiligen Geist Gottes, sondern nur einen verkappten, überzuckerten Geist dieser Welt besitzt. Daher muss jeder, der sich als Lehrer ausgibt und den Anspruch erhebt, ein Diener der Wahrheit zu sein und den heiligen Geist zu haben, auf die Probe gestellt werden, ob er die Wahrheit oder den Irrtum lehre, den Geist der Wahrheit oder den des Irrtums vermittle. Das Wort Gottes muss den Maßstab abgeben, der darüber entscheidet, ob er als Lehrer der Wahrheit Aufnahme finden oder als Lehrer des Irrtums zurückgewiesen werden soll; "denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen".

Der Apostel gibt nun einen trefflichen Prüfstein in die Hand, mit dessen Hilfe wir unterscheiden können zwischen wahrem und falschem Glauben, wahren Lehrern und Irrlehrern, dem Geist der Wahrheit und dem Geist des Irrtums, dem heiligen Geist Christi, der in alle Wahrheit leitet, und dem unheiligen Geist des Antichrists, der in allen Irrtum leitet, den einst den Heiligen überlieferten Glauben zerstört und dazu führt, dass geleugnet wird, dass der Herr uns erkauft hat mit seinem eigenen teuren Blut (2. Petr. 2:1). Dieser Prüfstein war die Frage: Lehrt oder leugnet der betreffende Geist (Lehrer, Prophet), dass der Messias im Fleisch gekommen ist? Das war und ist auch heute noch ein untrüglicher Prüfstein, die Erprobung der Stellung des Propheten zur Lehre von der Erlösung (aus dem Tod, - vom Rückkauf des Menschengeschlechts). Jede Lehre, die diese Grundwahrheit leugnet, ist vom Gegner der Wahrheit, vom Anti- oder Widerchrist. Jede Lehre, die diese Grundwahrheit außer acht lässt. ist Irrtum, nicht aus Gott, mag sie sonst noch so trefflich aussehen, sie ist gefährlich; jede Lehre, die zu dieser Grundwahrheit steht, ruht auf richtiger Grundlage, ist von Gott und schlägt die gute Richtung ein.

Sehr frühe schon eröffnete der Widersacher seine Angriffe auf den vom Herrn und von seinen Aposteln verkündeten wahren Glauben. Er ging dabei von zwei ganz entgegengesetzten Punkten aus, in beiden Fällen leugnend, dass der Messias im Fleisch gekommen sei.

1. Die heidnischen Philosophen, vor denen der Apostel Paulus noch ausdrücklich warnt(1. Tim. 6:20, 21), erkannten Jesum als großen Propheten und Lehrer an und stellten ihn ihren eigenen Lehrern an die Seite. (Noch heutzutage werden Sokrates, der Erfinder der Irrlehre, wonach der natürliche Mensch eine unsterbliche Seele hat, und Jesus gerne in Parallele gestellt). Aber sie bestanden darauf, dass er ebenso wenig Gottes Sohn war, als die anderen Söhne Gottes gewesen waren, dass er nicht der Messias der Juden gewesen sei, deren Hoffnungen und Weissagungen sie lediglich auf die menschlichen Elemente, Engherzigkeit und Nationalstolz zurückführten, Elemente, die Jesu vollständig fremd gewesen seien, der sogar ihren Anspruch nicht habe gelten lassen, dass sie vor Gott ein Vorzugsrecht hätten. In dieser Weise leugneten sie die Existenz unseres Herrn vor seiner Menschwerdung, sein Kommen im Fleisch, leugneten sie, dass er etwas anderes gewesen als ein Spross des gefallenen Geschlechts, wenn auch ein sehr schöner Spross.

2. Die "Kirchenväter", die "christlichen" Philosophen aber stellten die Behauptung auf, der Messias sei überhaupt kein Mensch gewesen; er sei vielmehr Gott in eigener Person, der Vater gewesen, der nur vorgegeben habe, eine Zeitlang Fleisch zu sein, dabei alle göttlichen Eigenschaften beibehalten und sich des Leibes von Fleisch nur bedient habe, um seine Herrlichkeit zu verbergen und den Schein zu erwecken, als könne er weinen, hungern, dürsten, sterben, entgegen dem Zeugnis des Johannes (1:14), wonach der Logos Fleisch wurde.

Wie trefflich es dem Widersacher gelungen ist, zwischen diesen beiden Extremen die Wahrheit zu verbergen, davon gibt unsere Gegenwart beredtes Zeugnis, indem heutzutage die Mehrheit der Namenchristen an der einen oder an der anderen dieser schriftwidrigen Lehren des Antichrists festhält. Und wer unter den Namenchristen die Lehren verwirft, weiß nichts an ihre Stelle zu setzen, ist in Verwirrung, Verlegenheit, sieht die Wahrheit in Sachen nur undeutlich und kann sich daher nicht fest auf die Grundlehre der Erlösung (aus dem Tode) stützen. Denn alle, die nicht klar sehen können, dass der Logos Fleisch wurde, der Mensch Jesus Christus wurde, können ebenso wenig das Lösegeld sehen als diejenigen, welche in Jesu einen unvollkommenen Menschen, gezeugt von einem irdischen Vater, sehen.

So einfach also das Mittel, das der heilige Geist durch seinen Apostel uns zur Verfügung stellt, um die Geister zu prüfen, so zuverlässig und untrüglich klärt es uns sofort darüber auf, ob eine Lehre von Gott oder vom Teufel, vom heiligen Geist oder vom Geist des Antichrists sei.

Nur zwei Worte noch über die Differenz zwischen 1. Joh. 4:2 und 2. Joh. 7. An erster Stelle steht im griechischen Text das Partizipium der Vergangenheit (Perfekt) "elelythota", gekommen seiend, an letzter das Partizipium der Gegenwart "erchomenon", kommend. der Unterschied des Urtextes wird auch in der verbesserten (Elberfelder) Bibelübersetzung festgehalten, ohne hierzu durch den griechischen Sprachgebrauch genötigt zu sein. Das Partizipium der Gegenwart bedeute nicht die Gegenwart des lesenden oder Schreibenden, sondern vertritt ebenso den Indikativ der Vergangenheit (des Imperfekts) als den der Gegenwart. Nun geht ein Indikativ der Vergangenheit voraus im Wort "eiselthon" (sind ausgegangen), diesem folgt ein Partizipium der Gegenwart im Wort "homologuntes", welches besagt, dass die da ausgegangen sind, gelehrt haben, und noch lehren, und nun folgt das andere Partizpium der Gegenwart - "erchomenon", das mit kommend übersetzt ist, aber eben auch "gekommen seiend" besagt. Hingegen kann man den Wechsel, den Johannes macht, ganz gut nachahmen und dabei vollständig beim griechischen Urtext bleiben, indem übersetzt wird: lehrend, dass Jesus Christus nicht im Fleisch kam (statt "gekommen ist").

Und noch eins. Gerade wie der Glaube an die Fleischwerdung Christi bei seiner ersten Gegenwart die unentbehrliche Voraussetzung für einen brauchbaren Glauben an das Lösegeld bildet, und eine Leugnung dieser Fleischwerdung der Leugnung der Erlösung gleichkommt, weil Christus dann ein gleichwertiges Lösegeld nicht hätte erlegen können, so bedeutet auch der Glaube, wonach Christus seit seiner Auferstehung immer noch ein Mensch ist und ein zweites Mal als Mensch gegenwärtig sein wird, eine Leugnung des Lösegeldes. Denn wenn unser Herr immer noch ein Mensch ist, so hat er entweder seine menschliche Natur gar nicht als Lösegeld hergegeben, oder aber dasselbe nach drei Tagen (bei seiner Auferstehung) wieder zurückgenommen. Ein Kauf aber, bei dem der bezahlte Preis zurückgenommen würde, wäre kein Kauf, die Menschheit wäre mithin gar nicht erkauft.

Doch Gott sei gelobt, der Kauf ist gültig, der Preis ist bezahlt, endgültig bezahlt, und die menschliche Natur unseres Herrn (eben der Kaufpreis) ist niemals zurückgenommen worden! Vielmehr hat ihn, Christus, Gott hoch erhöht sind ihm einen Namen und eine Natur gegeben, die weit höher sind und ihm einen Namen und eine Natur gegeben, die weit höher sind als Engel, Fürstlichkeiten und Gewalten, als alle Namen, die genannt werden (den des himmlischen Vaters allein ausgenommen). Nein, er ist nicht mehr ein Mensch, ist uns in keiner Weise mehr gleich, vielmehr sollen wir, wenn wir treu bleiben, verwandelt und ihm gleichgemacht werden und ihn sehen, wie er ist. - 1. Joh. 3:2

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Studie 12

Der Gegenstand der Versöhnung:

Der Mensch

Was ist der Mensch? - Antwort der "Rechtgläubigen". - Antwort der Wissenschaft. - Die biblische Antwort. - Der Leib des Menschen. - Des Menschen Geist. - Die menschliche Seele. - Durch falsche Übersetzung hervorgerufene Verwirrung. - Das Erzeugen, bzw. Fortpflanzen von Seelen. - Was ist der "Schoel", "Hades", wohin alle Seelen nach dem Tod bis zur Auferstehung gehen. - Eine genaue Untersuchung aller diesbezüglichen Schriftaussagen.

"Was ist der Mensch, dass du sein gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du auf ihn acht hast? Denn ein wenig hast du ihn geringer gemacht als die Engel; und mit Herrlichkeit und Pracht hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrscher gemacht über die Werke deiner Hände; alles hast du unter seine Füße gestellt: Schafe und Rinder allesamt und auch die Tiere des Feldes, das Gevögel des Himmels und die Fische des Meeres, was die Pfade der Meere durchwandert." - Psalm 8:4-8

Welch ein großes Wesen ist denn der Mensch, dass der Schöpfer des Weltalls so sehr um sein Wohlergehen bekümmert ist und so reichliche Fürsorge zu seiner Versöhnung getroffen hat - dabei sogar seines eigenen Sohnes nicht verschonend? Diese höchste aller irdischen Kreaturen Gottes sollten wir eigentlich so gründlich als möglich kennen: und doch ist unser Urteilsvermögen so beschränkt, und unser Wissen so begrenzt, dass wir in Bezug auf diesen Gegenstand fast allein auf das angewiesen sind, was unser lieber Schöpfer in seinem Wort uns offenbart. Obwohl das Erforschen des Menschen als höchste Wissenschaft fast allgemein anerkannt ist, so müssen wir doch zu unserem Befremden zugestehen, dass es kaum einen Gegenstand gibt, worüber so viel Verwirrung herrscht, als gerade in Bezug auf den Menschen. Untersuchen wir die Sache etwas näher, so begegnen wir zwei Hauptansichten, von denen wir aber keine als die richtige und biblische anerkennen können. Obwohl die beiden gewisse Wahrheiten enthalten, so sind sie doch beide ganz bedenklich falsch und irreleitend, so dass sogar solche, die von denselben noch nicht ganz irregeführt sind, doch so sehr von diesen Irrtümern beeinflusst werden, dass viele Wahrheiten ihnen als haltlos und ungereimt erscheinen, während sie andererseits manchen Trugschluss für wahr und unumstößlich halten. Unser Gegenstand muss daher allen wichtig sein, welche die Wahrheit zu erkennen begehren und den vollen Segen bringenden Einfluss derselben in ihren Herzen und Leben verspüren möchten. Ganz besonders wichtig ist er aber in Bezug auf unser Hauptthema, die Versöhnung. Wer nicht deutlich erkennt, was der Mensch ist, der wird schwerlich ein klares Verständnis der biblischen Lehre erlangen, welche sich auf das Lösegeld für die Sünde des Menschen und auf die Resultate dieses Lösegeldes beziehen.

Wir wollen zuerst die allgemeine, sogenannt "rechtgläubige" (orthodoxe) Antwort auf die Frage, Was ist der Mensch? betrachten, dann die streng wissenschaftliche und schließlich die biblische Ansicht, die wohl sehr von den anderen abweicht, aber trotzdem viel verständiger ist als beide zusammen, und die zugleich auch die einzige Grundlage bietet, auf welcher die beiden anderen Ansichten sich vereinigen lassen

Die Ansicht der Orthodoxie

Befragen wir die Vertreter der sogenannt orthodoxen Theologie über das Wesen des Menschen, so wird uns ungefähr folgende Antwort (deren Richtigkeit wir jedoch bestreiten) zu teil:

Der Mensch besteht aus drei Teilen, Leib, Seele und Geist; der Leib wird auf gewöhnliche animalische Weise geboren, mit dem Unterschied jedoch, dass Gott bei der Geburt dazwischen tritt und in den Leib eine Seele und einen Geist pflanzt, die beides Teile von ihm selbst sind: und als Teile von Gott können sie selbstverständlich nicht zerstört und nicht vernichtet werden, sie sind also gleich Gott unsterblich. Diese beiden Teile, Seele und Geist, bilden zusammen den eigentlichen Menschen, während der Leib bloß die sichtbare Hülle des eigentlichen Menschen ist, worin derselbe während der Zeit seines irdischen Lebens wie in einem Hause wohnt. Beim Tode, sagen sie werde er von seinem fleischlichen Gefängnis befreit und er erreiche deshalb erst von da an einen ihm angemessenen Zustand.

Mit anderen Worten ausgedrückt, behauptet die "Orthodoxie", dass der eigentliche Mensch kein irdisches, sondern ein Geistwesen sei, das im Grunde nicht für diese Erde passe. Ja, man ist, in der Theorie wenigstens, so weit gegangen, dass man den Tod, wo der Mensch von seiner "Hülle" befreit werde, als einen großen Segen betrachtet; trotzdem scheuen aber die Menschen keine Anstrengung, um die Zeit ihres Wohnens im fleischlichen Hause soviel als möglich zu verlängern, indem sie sich der Medizin bedienen, Erholungsreisen unternehmen und alle möglichen Gesundheitsregeln befolgen. Viele betrachten "die Befreiung" oder "Erlösung" (genannt "Tod") als eine weitere Stufe im Entwicklungsprozess; sie halten die Verwandlung vom irdischen in den himmlischen, vom animalischen in den geistigen Zustand für ein vernünftiges, logisches Endergebnis der wissenschaftlichen Theorie, laut welcher der Mensch ursprünglich nicht als Mensch erschaffen worden sei, sondern sich während vielen fast endlosen Zeitaltern vom Urgebilde (Protoplasma) bis zum Affen und vom Affen schließlich bis zum Menschen empor entwickelt habe. Und in Übereinstimmung mit dieser Lehre wird ferner behauptet, die frühesten Generationen der Menschheit seien gegenüber der heutigen ganz gewaltig im Rückstand gewesen; die Fortentwicklung bringe die Menschen vorwärts, und die nächste Stufe (für jedes menschliche Wesen) sei eine Verwandlung oder Weiterentwicklung zum geistigen Zustand, zu Engeln und Göttern, oder aber zu Teufeln.

Dies alles scheint dem Hochmut des 19. Jahrhunderts sehr zu schmeicheln (trotzdem man dadurch andererseits die denkbar schmählichste und unwürdigste Herkunft anerkennt). Man misst sich selbst die höchsten Errungenschaften der Gegenwart sowohl als auch eine zukünftige Erhöhung bei. Diese Anschauung ist zwar nicht bloß in den zivilisierten Ländern zu finden, sondern unter allen heidnischen Völkern, sogar die Wilden offenbaren in der Praxis den gleichen Gedanken, betreffend den Menschen, nur dass sie dessen Herkunft nicht so weit zurück verfolgen. Die Ansicht wird von allen heidnischen Philosophen unterstützt, und in beträchtlichem Maße stimmen ihr auch unsere heutigen wissenschaftlichen Theoretiker bei, die, obwohl sie den Gegenstand ganz anders definieren, sich dennoch gerne der Hoffnung auf ein zukünftiges, der Fortentwicklung entsprechendes Leben hingeben; sie erwarten damit eine Befriedigung ihrer Eitelkeit - auf eine Art und Weise, die freilich gar nicht mit ihren "Entdeckungen" und Mutmaßungen bezüglich des Lebenskeimes des Menschen übereinstimmt.

Wie die Wissenschaft den Menschen beurteilt,

kann in ungefähr folgenden Worten kurz zusammengefasst werden: Der Mensch ist die bis jetzt höchst entwickelte Gattung des Tierreichs; sein Körper unterscheidet sich von denjenigen anderer Tiere durch seine schönere Gestalt, durch seine edlere Ausbildung. Sein Gehirn gleicht dem der Tiere, ist aber ebenfalls besser entwickelt, von einer feineren Substanz und mit größerer Fassungskraft ausgerüstet, wodurch der Mensch von Natur aus befähigt ist, über die niedere Kreatur zu herrschen. Der Mensch besitzt den gleichen Odem oder Geist des Lebens wie die anderen Tiere; sein Organismus sowie sein Lebenskeim stammen von seinen Eltern, gleich wie auch die Tiere ihr Leben und ihre Leiber von ihren Eltern erhalten.

Die Wissenschaft anerkennt jeden Menschen als eine Seele - ein fühlendes Wesen; was aber die Zukunft, den Zustand des Menschen in der Ewigkeit anbetrifft, ist sie nicht imstande, mit klarer Auskunft aufzuwarten, da sie eben keinen Grund für eine Schlussfolgerung, ja nicht einmal für eine vernünftige Vermutung finden kann. Ohne sich mit dem Gegenstand näher zu befassen, erwartet die Wissenschaft jedoch, dass die Zukunft den Grundsätzen der Fortentwicklung entsprechen werde, welche sie in der Vergangenheit nachweisen zu können behaupten. Auf die durch ihren Gott, "das Gesetz der Natur", schon erreichte Entwicklungsstufe ist die Wissenschaft nicht wenig stolz, und sie hegt die Hoffnung, dass durch das fernere Wirken des Naturgesetzes (die Existenz eines persönlichen Gottes leugnet sie) die Menschheit schließlich in einen noch vollkommeneren gottähnlicheren Zustand gelangen werde, als sie es jetzt schon sei.

Der Mensch vom biblischen Standpunkt aus betrachtet

Wie schon früher erwähnt, stimmt die Bibel in einigen Punkten mit den soeben betrachteten Anschauungen überein, in der Hauptsache jedoch widerspricht sie beiden durchaus. Die Bibel bietet uns keinen Anlass zum Grübeln; als Stimme der Offenbarung Gottes spricht sie vielmehr mit Autorität und Nachdruck und gibt uns nicht bloß über die Vergangenheit und Gegenwart, sondern eben sowohl über die Zukunft des Menschen klaren Aufschluss. Die biblische Anschauung ist für uns die allein maßgebende; sie ist aber auch die einzig wahrhaft wissenschaftliche und "rechtgläubige" Anschauung über diesen Gegenstand.

Dem menschlichen Stolz schmeichelt die biblische Darstellung freilich gar nicht; sie stellt den Menschen nicht als seinen eigenen Entwickler dar, noch auch schreibt sie das einem Gott der Natur zu, da es eben keinen solchen gibt. Die Bibel lässt in Bezug auf die Erschaffung des Menschen Gott allein die Ehre, indem sie klar und deutlich lehrt, dass Adam (der Stammvater der ganzen Menschheit) als Ebenbild Gottes erschaffen wurde. Und wenn der Mensch nun verfehlt hat, diese Gottähnlichkeit beizubehalten, wenn er sich durch den Sündenfall geistige, körperliche und moralische Entartung bis zum schließlichen Tod zugezogen hat, so ist er selbst allein daran schuld und dafür verantwortlich. Wiederum gibt die Bibel Gott die Ehre durch die Offenbarung seiner Gnade und Großmut gegen den gefallenen Menschen, indem wir durch ihr Zeugnis vernehmen, wie Gott für eine Erlösung des Menschen und für dessen Wiederherstellung zu seinem ursprünglichen Zustand gesorgt hat - durch die Vermittlung seines Sohnes, während des Millenniums.

Wenn christliche Leute sich mit unserem Gegenstand befassen und untersuchen wollen, was die heilige Schrift darüber sagt, so verfehlen sie gewöhnlich den Unterschied zu erkennen zwischen der Menschheit im allgemeinen und der Kirche - der kleinen Herde, welche sich Gott während des jetzigen Zeitalters aus allen Völkern zusammen beruft, um sie für einen neuen, übermenschlichen (einen geistigen) Zustand zu erziehen und vorzubereiten - und gerade dieses Nichterkennen eines so bedeutenden Unterschieds ist zum guten Teil schuld an der großen Verwirrung, welcher wir hinsichtlich unseres Themas unter Christen leider überall begegnen. Da sie "das Wort der Wahrheit recht zu teilen" verfehlen, so wenden sie die Weissagungen und Verheißungen der heiligen Schrift, Alten und Neuen Testamentes auf alle Menschen an, trotzdem besonders die letzteren ausschließlich an die Kirche (Herauswahl) gerichtet sind und mit den der Welt verheißenen Wiederherstellungssegnungen nichts gemein haben. So wahr und zutreffend diese "überaus großen und herrlichen Verheißungen" in Bezug auf die Kirche (Herauswahl) sind, so unpassend und falsch sind sie in Bezug auf die Welt. So werden z.B. des Apostels Worte, "Der Leib ist zwar tot der Sünde wegen, der Geist aber Leben der Gerechtigkeit wegen" (Röm. 8:10), die sich doch nur auf die Kirche (Herauswahl) anwenden lassen - so werden die besonderen und eigentümlichen Bedingungen der während dieses Zeitalters vor sich gehenden Berufung der Kirche dahin ausgelegt, als wären sie eben sowohl auch auf die übrige Menschheit anwendbar. Die Worte "tot" und "Leben" werden hier in Bezug auf solche gebraucht, die, nachdem sie durch die Gnade Gottes durch den Glauben gerechtfertigt worden, fortan als von der Todesstrafe freigesprochen betrachtet werden, damit sie ihre Leiber als lebendige Opfer darbringen mögen, indem sie dieselben, was irdische Vorteile und Interessen anbelangt, als tot rechnen und dem gemäß behandeln: sich also nicht mehr als fleischliche oder menschliche Wesen, sondern als "neue Kreaturen" betrachten - zu einer neuen Kreatur gezeugt durch die Verheißungen Gottes. Auf gerechtfertigte und geheiligte Gläubige (welche durch den Glauben und den Gehorsam in Christo einen neuen Lebensgeist empfangen haben) beziehen sich also die angeführten Worte "tot" und "Leben" und absolut nicht auf die Welt; letztere besitzt ja keine andere Natur als die menschliche, kann man doch nicht sagen, dass sie in irgend einem Sinn wieder- gezeugt worden wäre.

Eine andere Stelle, die auch oft fälschlicherweise in Bezug auf die Welt gebraucht wird, aber nur für die geweihten Kinder Gottes Gültigkeit hat, ist die folgende: "Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die Überschwenglichkeit der Kraft sei Gottes und nicht aus uns" (2. Kor. 4:7). Dies bezieht sich offenbar nur auf die Kirche (Herauswahl) - auf solche, die den Schatz, d.h. die neue Gesinnung, die neue Natur, empfangen haben. Sie bewahren diesen Schatz (die neue Natur) in ihrem natürlichen Leib, der als tot gerechnet und hier als "irdenes Gefäß" bezeichnet wird. Die Illustration ist für die Klasse, auf welche sie sich bezieht - auf die Kirche (Herauswahl)- sehr zutreffend; es wäre aber ganz falsch, sie auf die allgemeine Menschheit anzuwenden, mit der Voraussetzung, dass jedes menschliche Wesen einen himmlischen Schatz oder eine neue Natur besitze, und dass also jeder menschliche Leib als ein "irdenes Gefäß", als ein Behälter solch einer neuen Natur betrachtet werden müsse. Die Welt hat, wie schon gesagt, nur eine Natur - die menschliche; eine neue Natur besitzt sie in keiner Hinsicht, und es ist auch gar kein Anhaltspunkt dafür vorhanden, dass sie je eine solche erhalten werde. Das höchstmögliche Ziel, das der Menschheit eröffnet werden wird, ist die Wiederherstellung zur vollkommenen Menschennatur, welche in Eden verloren ging, aber auf Golgatha zurück erkauft wurde. - Apg. 3:19-23

Wir könnten eine große Menge neutestamentlicher Schriftzeugnisse anführen, die sich alle nicht auf die allgemeine Menschheit beziehen, sondern nur auf die geheiligte Kirche (Herauswahl), welche durch den heiligen Geist zu einer neuen Natur gezeugt worden ist. So wäre es für jeden interessant und von nutzen, wenn er z.B. nur alle die Grüße, womit die Apostel ihre verschiedenen Epistel einleiten, aufmerksam betrachten würde: sie sind nicht, wie es so viele glauben, an die ganze Menschheit gerichtet, sondern an die Kirche (Herauswahl), an "die Geheiligten", an den "Haushalt des Glaubens".

Behalten wir also im Gedächtnis, dass wir in diesem Kapitel, "Was ist der Mensch?", nicht untersuchen wollen, was die Kirche (Herauswahl), die neue Kreatur in Christo Jesu, noch auch die Geistes-Natur sei, wozu die Herauswahl jetzt schon durch den Geist gezeugt ist, und deren sie in der Ersten Auferstehung im vollsten Maße teilhaftig werden soll, so sie bis ans Ende treu bleibt. Im Gegenteil, der Gegenstand unserer Betrachtung ist der erste Adam mit seiner Nachkommenschaft. Wir möchten wissen, wer und was und welchen Geschlechts wir von Natur sind. Was ist der Mensch? So verstehen wir dann auch am Besten, wovon der Mensch gefallen, wohin er gefallen, wovon er erlöst worden ist, und was ihm die verheißene Wiederherstellung bringen wird.

Der Mensch - Leib, Seele, Geist

Wenn wir die maßgebende Erklärung des Wortes "Tier" (Animal - ein lebendes, empfindungsfähiges Wesen) gelten lassen, so müssen wir den Menschen ohne Zögern als das Haupt, als den König aller Tiere der Erde anerkennen, und soweit stimmt die heilige Schrift auch völlig mit den Folgerungen der Wissenschaft überein. Beachte nur die Stelle am Anfang dieses Kapitels: der Prophet David hebt dort besonders hervor, dass der Mensch in seiner Natur niedriger sei als die Engel, aber ein König und Haupt über alle irdischen Kreaturen, der Stellvertreter Gottes gegenüber allen niedrigeren Gattungen lebender Wesen.

Die Bibel sagt nirgends, weder direkt noch indirekt, dass jeder menschlichen Kreatur ein Stück, ein Teil oder ein Lebenskeim des göttlichen Wesens mitgeteilt werde. Das ist eine grundlose Behauptung von Seiten solcher, die gerne ein Lehrgebäude aufrichten möchten und das nötige Material nicht aufzutreiben vermögen. Und diese haltlose Hypothese (Vermutung), dass jedem Menschen bei seiner Geburt ein Stück aus Gott mitgeteilt werde, bildet die Grundlage einer ganzen Anzahl falscher Lehren, durch welche der göttliche Charakter - die göttliche Weisheit, Gerechtigkeit, Allmacht und Liebe - grob geschändet wird.

Diese Behauptung (dass ein Lebenskeim des göttlichen Wesens jedem Menschen bei seiner Geburt mitgeteilt werde) ist es, welche die Lehre von einer Hölle mit ewiger Qual unbedingt nötig gemacht hat. Man glaubte, wenn der Mensch erschaffen worden wäre, wie die anderen Tiere, so würde er auch sterben, wie alle anderen Tiere - ohne Furcht vor einer Ewigkeit in Qual. Wenn aber Gott dem Menschen einen Keim seines eigenen Lebens eingepflanzt habe, so müsse der Mensch ewig leben, weil Gott unsterblich sei; und deshalb sei es dem "Allmächtigen" nicht möglich, sein Geschöpf zu zerstören, selbst wenn ihm dessen Vernichtung erwünscht wäre. Wenn der Mensch aber unzerstörbar ist, so muss er in alle Ewigkeit irgendwo existieren: und da die große Mehrzahl der Menschen böse ist und nur eine "kleine Herde" heilig und gottgefällig lebt, so ist man zu der Behauptung gelangt, dass in der Ewigkeit die vielen Unheiligen in gleichem Verhältnis bestraft und gequält werden, wie die wenigen Heiligen belohnt und gesegnet werden. Anderseits wird freilich angenommen, dass es mehr im Interesse der Menschheit liegen und mehr zur Ehre Gottes und zum Frieden und Gedeihen des ganzen Universum gereichen würde, wenn alle Gottlosen vernichtet werden könnten. Man behauptet aber, dass Gott wohl die Macht habe zu erschaffen, aber nicht imstande sei, den Menschen als ein Geschöpf wieder zu vernichten, weil ihm eben auf eine gewisse, unerklärliche Weise ein Keim göttlichen Lebens beigebracht worden sei. Wir hoffen beweisen zu können, dass dieses ganze Lehrgebäude lauter Trug ist und nicht nur jeglicher biblischen Stütze entbehrt, sondern von der heiligen Schrift als ein aus den finsteren Jahrhunderten stammendes Machwerk auf das bestimmteste widerlegt wird.

Den Aussagen der Bibel gemäß besteht der Mensch aus zwei Elementen - aus Leib und Geist. Aus der Vereinigung dieser Elemente entsteht die Seele, das fühlende Wesen, die Intelligenz - der eigentliche Mensch. Der Begriff "Leib" bezieht sich bloß auf den physischen Organismus, er kann also weder auf die den Organismus belebende Kraft noch auch auf das aus dieser Belebung entstehende fühlende Wesen angewendet werden. Ein Leib ist nicht ein Mensch, trotzdem es ohne den Leib keinen Menschen geben könnte. Gleicherweise ist auch der Geist des Lebens nicht der Mensch, obwohl ein Mensch ohne diesen Geist des Lebens nicht existieren könnte. Das in den alttestamentlichen Schriften vorkommende Wort "Geist" ist eine Übersetzung des hebräischen Wortes "Ruach", das in erster Linie Odem bedeutet; darum begegnen wir ziemlich oft dem Ausdruck "Odem des Lebens" oder "Geist des Lebens", weil der einmal eingepflanzte Lebenskeim durch die Atmung erhalten bleibt.

Der Ausdruck "Geist des Lebens" bedeutet jedoch mehr als nur Odem; er bezieht sich auf den eigentlichen Lebenskeim, ohne welchen der Odem gar nicht denkbar wäre. Diesen Lebenskeim empfangen wir von unseren Vätern, während derselbe durch unsere Mütter ernährt und entwickelt wird. (siehe Studie 4) Es ist ganz falsch, zu glauben, dass der Keim des menschlichen Lebens auf eine wunderbare Weise mitgeteilt werde - anders als der Lebenskeim der niedrigeren Kreaturen. Die untergeordneten Geschöpfe wie Pferde, Hunde 2c) werden von den Eltern ihrer Art auf ganz gleiche Weise gezeugt und geboren wie die Menschenkinder; und es gibt in der Bibel keine einzige Stelle, die dieser Tatsache widersprechen würde. Es ist rein menschliche, zur Unterstützung falscher Lehren bestimmte Erfindung, wenn behauptet wird, dass bei der Geburt eines menschlichen Wesens eine göttliche Dazwischenkunft stattfinde. Dass Gott der direkte Schöpfer jedes in die Welt geborenen Menschenkindes sei, ist eine dem gesamten Schriftzeugnis scharf zuwiderlaufende Vermutung, denn in diesem Fall wäre ja Gott selbst der Urheber der Sünde, der Unordnung und Unvollkommenheit, während die Bibel erklärt: "Vollkommen ist sein Tun" (5. Mose 32:4). Nein, nein, die geistig, körperlich und sittlich Gefallenen sind keine Erzeugnisse aus Gottes Hand. Sie sind weit entfernt und tief gefallen von dem Zustand ihrer vollkommenen Stammeltern, Adam und Eva, für deren Erschaffung allein Gott die Verantwortlichkeit trägt. Die, welche behaupten, dass Gott jedes menschliche Wesen direkt erschaffe, machen dadurch den Schöpfer für alle in der Welt existierende Geistesschwäche und Dummheit, für allen Irrsinn und Blödsinn verantwortlich. Aber die Wissenschaft sowohl wie die heilige Schrift erklärt einstimmig, dass die Kinder die Laster und Tugenden, die Schwächen und Talente von ihren Eltern ererben. So erklärt der Apostel mit größter Bestimmtheit: "Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde (als Folge der Sünde) der Tod: und also ist der Tod auf alle Menschen durchgedrungen, weil sie alle (durch Vererbung) gesündigt haben." Der Prophet bezieht sich auf ganz dieselbe Tatsache, wenn er fragt: "Die Väter haben Herlinge (Sünde) gegessen, und die Zähne der Söhne sind stumpf geworden" - sie sind alle ausgeartet. - Röm. 5:12; Jer. 31:29, 30; Hes. 18:2

Aber, möchte jemand hier einwenden, wäre es denn nicht möglich, dass Gott einen Keim seiner unsterblichen Gottheit unseren ersten Eltern eingepflanzt hätte, und dass dieser Keim dann unwillkürlich auf ihre Nachkommen übergegangen wäre? Lasst uns das diesbezügliche Schriftzeugnis untersuchen, dabei nicht vergessend, dass es über diesen Punkt sonst gar keine Offenbarung gibt als die biblische, jedermann verständliche Schilderung. Wir können folglich daraus weit mehr vernehmen, als irgend jemand anders über diesen Punkt zu wissen vermag. Was finden wir in der Schöpfungsgeschichte? Wir finden in der Tat, dass die Schöpfung des Menschen ganz besonders erwähnt wird, während die der niedrigeren Wesen nicht so ausführlich beschrieben ist. Wir bemerken aber auch, dass all die Zeugnisse in höchst einfache und deutliche Sprache gekleidet sind und nicht im geringsten der Vermutung Raum lassen, dass dem Menschen irgend ein übernatürlicher Lebenskeim mitgeteilt worden sei. Wenn der Mensch der übrigen Kreatur auch sehr überlegen ist, so besteht (dem Zeugnis der Schrift gemäß) sein Vorrang dennoch nicht in einer vornehmeren Art von Odem oder Lebensgeist, sondern in seiner edleren Körpergestalt, seinem feineren Organismus, und hauptsächlich auch im Besitz eines viel besser entwickelten Gehirns, das ihn zu einer Denkkraft befähigt, welche die Intelligenz der untergeordneten Tiere bei weitem übersteigt. Kurz, wir finden in der Bibel, dass der Mensch in dieser Hinsicht als ein irdisches, fleischliches Ebenbild seines Schöpfers erschaffen wurde, welcher ein Geistwesen ist. Joh. 4:24

Der Geist des Menschen

Wie wir schon früher gesehen, stammt das in unseren gewöhnlichen Übersetzungen vorkommende Wort "Geist" vom hebräischen Ruach und dem griechischen Pneuma. Wollen wir also vom Worte "Geist" in der Bibel einen richtigen Begriff erhalten, so dürfen wir nie vergessen, welche Bedeutung den ursprünglichen Worten zu Grunde liegt. Wie wir gefunden haben, bedeutet "Geist" in erster Linie Wind, das gleiche Wort kann aber auch in Bezug auf irgend eine unsichtbare Kraft gebraucht werden. Wird es in Verbindung mit Gott gebraucht, so will es uns sagen, dass er mächtig aber unsichtbar ist, und wenn es sich auf den Einfluss und das Wirken Gottes bezieht, so bedeutet es, dass dieses Wirken von einer unsichtbaren Kraft stammt. Das Wort "Geist" bedeutet auch öfters Verstand, weil diese Kraft weder sichtbar noch greifbar ist; so sind auch Worte unsichtbar und manchmal doch recht mächtig, und das alles durchdringende Leben ist gleich der Elektrizität eine gänzlich unsichtbare Kraft. Darum finden wir das Wort "Geist" auf all diese verschiedenen Dinge angewendet. So spricht die Bibel von dem Geist unseres Verstandes als von der unsichtbaren Kraft des Verstandes; vom Geist des Menschen - dem Willen und den geistigen Kräften eines Menschen; vom Geist des Lebens - der Kraft des Lebens, welche unsere Leiber und die ganze Schöpfung bewegt; vom Geist Gottes als von der Kraft oder dem Einfluss, welchen Gott bald auf leblose, bald auf lebendige Gegenstände ausübt. Wir lesen vom Geist der Weisheit und verstehen darunter einen weisen Sinn; vom Geist der Liebe und erkennen darin eine von Liebe durchdrungene Gesinnung. Der "Geist der Bosheit" bezeichnet einen von Bosheit durchwirkten Sinn; der "Geist der Wahrheit" bezieht sich auf den Einfluss und die Kraft, welche von der Wahrheit ausgehen in gleicher Weise wie "der Geist der Welt" sich auf die Kraft und den Einfluss beziehen, welche die Welt ausübt. Wir sehen also aus all diesen Beispielen, dass sich das Wort "Geist" wie schon gesagt, auf irgend eine unsichtbare Kraft oder einen Einfluss beziehen kann. Im Einklang mit dieser Tatsache stellt die Bibel himmlische Wesen als Geistwesen, d.h. als unsichtbare, mit Kraft und Intelligenz ausgerüstete Wesen dar; das bezieht sich aber nicht auf Gott den Vater, allein, von welchem unser Herr Jesus erklärte, "Gott ist ein Geist", sondern auch auf unseren Herrn Jesum selbst, sowie auf die Engel und alle Glieder des Leibes Christi, indem jedem Überwinder bei der Ersten Auferstehung ein "geistiger Leib" zu teil werden soll; auch Satan und seine Engel werden in der Schrift als Geistwesen bezeichnet, indem auch sie unsichtbare und doch mächtige Wesen sind.

"Geist" und "neue Kreatur" im Neuen Testament

Wenn wir den Gebrauch des Wortes "Geist" in Verbindung mit dem Menschen einer sorgfältigen Betrachtung unterziehen, so werden wir gewahr, dass

1. im Neuen Testament die Worte "Geist" und "geistig" sich sehr oft auf (a) den Willen, insbesondere den neuen Willen der durch das Wort und den Geist Gottes gezeugten "Heiligen" beziehen. Die "neuen Kreaturen" sind berufen, ihre menschliche Natur daranzugeben, damit sie die geistige erlangen, und wenn sie treu bleiben, so sollen sie der göttlichen Verheißung gemäß in der Ersten Auferstehung -

b) "geistige Leiber" empfangen, ähnlich dem Auferstehungsleib Christi und dem herrlichen Leib des Himmlischen Vaters. Diese Hoffnung und Verheißung der Kirche wird als

c) die geistige und himmlische bezeichnet, im Gegensatz zu den Verheißungen, welche die allgemeine Menschheit im Millennium ererben wird. "Geist" wird auch -

d) zur Bezeichnung von Engeln gebraucht, welche von Natur geistige, nicht fleischliche Wesen sind. Überall aber, wo die Worte "Geist" und "geistig" vorkommen, deuten sie in erster Linie die Unsichtbarkeit des betreffenden Wesens oder Gegenstandes an, was wir hier mit einigen geeigneten Schriftstellen noch illustrieren möchten:

a) "Paulus setzte sich vor in seinem Geiste (Pneuma, Willen, Sinn) . nach Jerusalem zu reisen." - Apg. 19:21

a) "Paulus Geist (Pneuma, Gesinnung, Gefühle) wurde erregt, da er die Stadt voll von Götzenbildern sah." - Apg. 17:16

a) "Denn Gott ist mein Zeuge, welchem ich diene in meinem Geiste (Pneuma, meiner neuen Gesinnung, meinem neuen Herzen, meinem neuen Willen) in dem Evangelium seines Sohnes." Röm. 1:9

a) "Ein sanfter und stiller Geist (Pneuma, Gesinnung)." - 1. Petr. 3:4

Siehe auch Apg. 18:5, 25; 1. Kor. 5:3; 6:20, wo dem Worte "Geist" stets die Bedeutung von Wille, Sinn oder Gesinnung zu Grunde liegt.

b) "Es wird gesät ein natürlicher Leib, es wird auferweckt ein geistiger (pneumatikos) Leib. Wenn es einen natürlichen Leib gibt, so gibt es auch einen geistigen (pneumatikos) Leib ... Aber das Geistige (pneumatikos) war nicht zuerst, sondern das Natürliche, darnach das Geistige (pneumatikos)." - 1. Kor. 15:44, 46

c) "Die Gesinnung des Geistes (Pneuma - eine vom göttlichen Geist oder Willen geleitete Gesinnung besitzen) ist Leben und Frieden." - Röm. 8:6

c) "Der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi hat uns gesegnet mit jeder geistigen Segnung (pneumatikos - Segnungen geistiger, unsichtbarer Art) in himmlischen Örtern in Christo." - Eph. 1:3

c) "Ihr seid aufgebaut, ein geistliches Haus (pneumatikos - eine Familie, eine Haushaltung geistiger Art oder Ordnung)". - 1. Petr. 2:5

d) "Eine gewisse Magd, die einen Geist (Pneuma - eine unsichtbare Kraft) des Wahrsagen besaß" - durch Gemeinschaft mit gefallenen Geistwesen. - Apg. 16:16

d) "Paulus .. wandte sich um und sprach zu dem Geiste (Pneuma - dem bösen Geistwesen, von dem das Weib besessen war): Ich gebiete dir ... auszufahren." - Apg. 16:18

d) Ähnliche Stellen, wo für das Wort "Geist" (Geistwesen oder Engel) im Griechischen Pneuma steht, sind auch Apg. 19:12, 13, 15; 23:8, 9 und andere mehr.

Im Alten Testament wird das Wort "Geist"

2. besonders auf die Menschheit im allgemeinen angewendet, aber immer mit Bezug entweder auf (e) den Geist des Lebens, den Lebenskeim, welchen Gott ursprünglich dem Adam schenkte, und der sich seither (durch Vererbung) auf dessen ganze Nachkommenschaft fortpflanzte - eine unsichtbare Kraft oder Eigenschaft, oder aber (f) auf den Geist des Verstandes, den Willen, der ebenfalls eine unsichtbare, die verschiedenen Taten des Lebens beherrschende Kraft ist.

Ruach, Pneuma - eine belebende Kraft

Wo von der Schöpfung des Menschen die Rede ist, bedeutet der Geist des Lebens nichts anderes als Odem des Lebens, und dass dieser selbe Geist des Lebens nicht bloß dem Menschen, sondern allen Kreaturen Gottes innewohnt, wird uns von der heiligen Schrift genügend verbürgt. Von den vielen einschlägigen Stellen seien hier nur einige angeführt.

e) "Alles Fleisch, in welchem ein Hauch des Lebens ist (Ruach - der Lebenskeim oder Odem alles Fleisches)." - 1: Mose 6:17; 7:15

e) "Alles, in dessen Nase ein Odem des Lebenshauches war (Ruach - der Geist oder die Kraft des Lebens)." - 1. Mose 7:22

e) "Und der Geist Jakobs, ihres Vaters lebte auf (Ruach - die Lebenskräfte Jakobs erwachten wieder)." - 1. Mose 45:27

e) "Und Simson trank und sein Geist (Ruach) kehrte zurück, und er lebte wieder auf (seine Kräfte, seine Energie, kamen wieder zurück)." - Richter 15:19

e) "In dessen Hand .. der Geist (Ruach) alles menschlichen Fleisches ist (der Geist des Lebens aller Menschen ist der göttlichen Macht unterworfen)." - Hiob 12:10

e) "Gott, du Gott der Geister (Ruach - Lebenskraft, Geist des Lebens) alles Fleisches! Der eine Mann sündigt und du solltest über die ganze Gemeinde zürnen?" - 4. Mose 16:22

Die Lehre, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier in einem verschiedenartigen Lebensgeist oder Odem bestehe und beim Tod der Geist des ersteren aufwärts und derjenige des letzteren abwärts fahre, scheint unter den Philosophen schon sehr alt zu sein, darum hören wir denn auch Salomo, den Weisen, fragen:

e) "Wer weiß (wer kann beweisen) von dem Odem der Menschenkinder, ob er aufwärts fährt, und von dem Odem der Tiere, ob er niederwärts zur Erde hinabfährt?" (Pred. 3:19-20) Wie Salomo diesen Gegenstand betrachtete, erfahren wir aus der gleichen Stelle (Vers 19), indem er sagt:

e) "Denn was das Geschick (den Tod) der Menschenkinder und das Geschick der Tiere betrifft, so haben sie einerlei Geschick: wie diese sterben, so sterben jene, und einen Odem (Ruach - Geist des Lebens, Odem des Lebens) haben sie alle; und da ist kein Vorzug des Menschen vor dem Tier." Wenn in dieser Hinsicht (in der Art des Lebensgeistes) der Mensch vor dem Tier also keinen Vorrang besitzt, so muss derselbe anderswo zu suchen und auch zu finden sein, wie wir später sehen werden.

e) "In deine Hand befehle ich meinen Geist (Ruach - Geist des Lebens oder der Lebenskraft)." - Psalm 31:5

Das war eine prophetische Äußerung der Worte unseres sterbenden Heilandes. Er hatte den Geist des Lebens vom Vater als eine Gabe empfangen: er war, im Gehorsam gegen den göttlichen Plan, Mensch geworden, um die Menschheit zu erlösen: und als er seinen Lebensgeist oder seine Lebenskraft aufgab, bezeugte er mit den erwähnten Worten sein festes Vertrauen in die Verheißung Gottes, der ihm den Geist des Lebens durch eine Auferstehung wiedergeben wollte.

Die Menschheit hat den Geist des Lebens von Gott, dem Urquell alles Lebens, erhalten, durch Vater Adam. Adam verwirkte aber durch Ungehorsam sein Recht auf den Geist des Lebens oder die Lebenskraft, welche er dann allmählich verlor, indem er während 930 Jahren langsam dahinstarb. Bei seinem Tode wurde der Leib wieder zu Staub, wovon er bei der Schöpfung genommen wurde, und der Geist des Lebens, das Recht zu leben, die Kraft oder Erlaubnis zum Leben, kehrte zu Gott zurück, der ihm dieses Vorrecht, diese Kraft, gegeben hatte: gerade wie jedes auf gewissen Bedingungen beruhende Vorrecht oder Geschenk auf den Geber zurückgeht, sobald diesen Bedingungen nicht nachgelebt wird (Pred. 12:7). Diese Stelle sagt nichts von einem Zurück-"Fliegen" oder "Schweben" zu Gott (wie man daraus zu schließen geneigt ist), denn der Geist des Lebens ist keine "Intelligenz", keine Person, sondern einfach eine Kraft, ein Vorrecht, das verwirkt worden und deshalb an den ursprünglichen Geber zurück geht. Der begangenen Sünden wegen hat der Mensch also keine Lebensrechte mehr: dieselben gehen an Gott zurück, sein Fleisch kehrt sich wieder in Staub - das heißt klar und deutlich: Der Mensch verfällt genau demselben Zustand in dem er vor der Schöpfung gewesen.

Aber gleichwie unser Herr Jesus, gemäß der göttlichen Verheißung, bestimmt auf eine Rückkehr seines "Lebensgeistes" oder seiner Lebenskräfte und -Rechte hoffen konnte, so sind, Kraft des Versöhnungsopfers unseres Herrn, für die ganze Menschheit gewisse Hoffnungen und Verheißungen eröffnet worden, durch "Jesum, den Mittler des Neuen Bundes" (Hebr. 12:24). Die Gläubigen sind deshalb nicht "betrübt, wie die anderen, die keine Hoffnungen haben." Unser Erlöser hat den Lebensgeist oder die Lebenskraft, welche Vater Adam für sich und sein ganzes Geschlecht verwirkte, zurückgekauft, und darum können nun Gläubige ihren Geist, ihre Lebenskraft (und durch eine Erkenntnis des göttlichen Planes auch denjenigen anderer) in Gottes Hand befehlen, wie unser Herr und wie Stephenus es getan, voll Glaubens an eine sichere Auferstehung. Auferstehung wird für die Welt eine Wiederherstellung des menschlichen Körpers bedeuten und dessen Erweckung oder Belebung mit Energie, dem Lebensgeist (hebr.: Ruach, griech.: Pneuma). Für die Evangeliums-Kirche, die Teilhaber der Ersten Auferstehung bedeutet sie die Einpflanzung des Lebensgeistes, oder von Lebensenergie in einem geistigen Körper. - 1. Kor. 15:42-45

In jenem wunderbaren Bilde irdischer Auferstehung, das der Prophet Hesekiel uns vor Augen malt, ist das Verhältnis zwischen dem Körper und dem Geist des Lebens, dem "Odem", sehr deutlich dargestellt, und wenn der Prophet das Bild auch bloß als ein Symbol gebraucht, so finden wir darin dennoch trefflich nachgewiesen, dass ein menschlicher Organismus kein Leben besitzen kann, bis er den Ruach empfängt, den Odem des Lebens, der, wie wir anderweitig gezeigt haben, auch allen Tieren gemein und zum Leben unbedingt nötig ist. Lasst uns Hesekiels Beschreibung einmal genau untersuchen:

e) "Siehe, ich bringe Odem (Ruach, Geist des Lebens) in euch, dass ihr lebendig werdet.

e) "Und ich werde ... Fleisch über euch wachsen lassen und euch mit Haut überziehen, und Odem (Ruach, Geist des Lebens, Lebensenergie) in euch legen, dass ihr lebendig werdet."

e) "Und ich sah, und siehe, Sehnen kamen über sie, und Fleisch wuchs, und Haut zog sich darüber oben her; aber es war kein Odem (Ruach, Lebensgeist, Lebenskraft) in ihnen."

e) "Und er sprach zu mir: Weissage dem Odem (Ruach, Geist des Lebens) und sprich zu dem Odem (Ruach): So spricht der Herr, Jehova: Komme von den vier Winden (Ruach) her, du Odem (Ruach, Odem oder Geist des Lebens) und hauche diese Getöteten an, dass sie lebendig werden." (Bis der Odem sie anhaucht, sind es also noch "Getötete").

e) "Und ich weissagte, wie er mir geboten hatte: und der Odem (Ruach, Geist des Lebens, Odem des Lebens, Lebensenergie) kam in sie, und sie wurden lebendig."

e) "Und ihr werdet wissen, dass ich Jehova bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Gräbern heraufkommen lasse, mein Volk. Und ich werde meinen Geist (Ruach, Geist des Lebens, Odem des Lebens) in euch geben, dass ihr lebt."

Wäre Adam gehorsam geblieben, so hätte er das Recht gehabt, den von seinem Schöpfer empfangenen Geist des Lebens oder die Kraft des Lebens für immer zu behalten. Er verwirkte aber dieses Recht durch Ungehorsam, und das Recht zu leben ging an den großen Geber zurück. Weder als Person noch als Sache, sondern als ein Recht oder Privileg kehrt der Geist des Lebens zu Gott zurück, welcher dieses Recht oder Privileg verschenkt hatte - unter gewissen Bedingungen, die vom Empfänger verletzt wurden. - Pred. 12:7

e) "Kein Mensch hat Macht über den Wind (Ruach, Geist des Lebens, Lebenskeim), den Wind (Ruach, Geist oder Odem des Lebens) zurückzuhalten." - Pred. 8:8

Durch Gottes Gnade sind alle jene Lebensrechte oder Privilegien, welche die Menschen bei ihrem Tod Gott zurückerstatten müssen, durch das teure Blut zurück erkauft worden, und der Käufer wird nun im Evangelium als der neue Leben - Geber proklamiert, als der Wiederhersteller oder Vater des Menschengeschlechtes, welcher allen volles Leben schenken wird, die ihn schließlich annehmen.

Vom Neuen Testament führen wir bloß ein Beispiel an:

e) "Der Leib ohne Geist (Pneuma - Lebenskeim, Odem des Lebens) ist tot." - Jak. 2:26

Ruach, Pneuma - der Verstand, der Wille

Da der Verstand oder Wille auch eine unsichtbare Kraft ist, so wird derselbe in beiden, der griechischen und hebräischen Sprache mit den gleichen Wörtern bezeichnet, wie wir aus den folgenden Beispielen ersehen können:

f) "Und Hannah antwortete und sprach: Nein, mein Herr! ich bin ein Weib beschwerten Geistes (Ruach - Gemüt, Stimmung, Verstand)." - 1. Sam. 1:15

f) "Der Tor lässt seinen ganzen Unmut (Ruach - Pläne, Absichten, Verstand) herausfahren." - Spr. 29:11

f) "Mein Geist (Ruach, Mut, Verstand) ermattete." - Psalm 77:3

f) "Mein Geist (Ruach, Verstand) forschte." - Psalm 77:6

f) "Wer aber treuen Geistes ist (Ruach, Gesinnung)." - Spr. 11:13

f) "Alle Wege eines Mannes sind rein in seinen Augen, aber Jehova wägt die Geister (Ruach, Gedanken, Absicht, Willen)." - Spr. 16:2

f) "Hoffart geht dem Sturz und hoher Mut (Ruach, Gesinnung, Wille) dem Fall voraus." - Spr. 16:18

f) "Besser, niedrigen Geistes (Ruach, Gesinnung, Gemüt) sein." - Spr. 16:19

f) "Vorschnell in deinem Geiste (Ruach, Willen, Stimmung)." - Pred. 7:8, 9

Beachten wir auch einige Beispiele vom Neuen Testament:

f) "Das Kindlein wuchs und ward stark (gut entwickelt) im Geist (Pneuma, Verstand, Charakter)." - Luk. 1:80

f) "Im Fleiße nicht säumig; inbrünstig im Geist (Pneuma, Gesinnung, Charakter)." - Röm. 12:11

f) Wir haben nicht den Geist (Pneuma, Neigung, Sinn) der Welt empfangen." 1. Kor. 2:12

f) "Ich hatte keine Ruhe in meinem Geiste (Pneuma, Gesinnung)." - 2. Kor. 2:13

f) "Werdet erneuert in dem Geiste (Pneuma, Charakter, Neigung) eurer Gesinnung." - Eph. 4:23

f) "In dem Schmuck des sanften und stillen Geistes (Pneuma, Gesinnung)." - 1. Petr. 3:4

Wir sehen aus der biblischen Anwendung dieser Wörter, dass das Wort Geist unserer deutschen Sprache deren Bedeutung sehr gut wiedergibt, denn wir reden nicht nur vom Geist des Lebens, sondern auch von einem guten oder sanften Geist, von einem bösen, aufgebrachten oder von einem bitteren Geist und von einem feurigen Geist, und wir bedienen uns dieser Ausdrücke sowohl in Bezug auf die Tiere als auch auf den Menschen. Die Tatsache, die wir beweisen wollen, ist somit hinlänglich erklärt, nämlich, dass der Geist nicht der eigentliche Mensch und auch nicht ein anderer Mensch ist, sondern dass dieses Wort, wo es sich auf die Schöpfung des Menschen bezieht, einfach den Lebenskeim, oder die Lebenskraft bezeichnet, welche er mit allen Tieren gemein hat.

Neschamah - der Odem des Lebens

Trotzdem das Wort Ruach ziemlich häufig mit "Odem" übersetzt wird, so hatten die Hebräer doch noch ein anderes, besonderes Wort für Odem, nämlich Neschamah, das im Alten Testament 26 Mal vorkommt und auch meistens mit Odem übersetzt wird. Als Beispiele von der Bedeutung dieses Wortes und als Beweis dafür, dass dasselbe bloß Lebenskraft und niemals ewiges Leben oder Unsterblichkeit bedeutet, mögen folgende Stellen dienen:

"Und Jehova Gott bildete den Menschen, Staub von der Erde, und hauchte in seine Nase Odem (Neschamah) des Lebens (Chajah)." - 1. Mose 2:7

Und es verschied alles Fleisch, das sich regt auf der Erde, an Gevögel, an Vieh, an Getieren und an allem Gewimmel, das auf der Erde wimmelt, und alle Menschen; alles, in dessen Nase ein Odem (Neschamah) des Lebenshauches (Chajah) war, von allem das auf dem Trockenen war, starb." - 1. Mose 7:21, 22

Schon diese beiden Schriftstellen, in denen das Wort Neschamah zuerst vorkommt, beweisen die Richtigkeit unserer Behauptung aufs deutlichste: dass das Wort nicht den geringsten Bezug auf Unsterblichkeit oder auf irgend einen unsterblichen "Urstoff" hat, sondern ganz einfach Lebensfähigkeit oder Lebenskraft bezeichnet. Diese Lebenskraft ist, gemäß dem Zeugnis der ersten Stelle, dem Adam verliehen, worden, und aus der zweiten Stelle geht unstreitig hervor, dass dieselbe Lebenskraft ebenso wohl auch in allen auf dem Trockenen lebenden Tieren vorhanden war: in allem Getier, Vögeln und Gewimmel und in allen Menschen, und so kann es uns denn nicht wundern, wenn auch alle diese "Seelen" oder lebenden Wesen dem gleichen Schicksal verfielen, als sie durch das steigende Wasser ihres Odems beraubt wurden: - Alle (Menschen und Vieh) starben; und sie starben alle desselben Todes, mit der Ausnahme jedoch, dass die göttliche Vorsehung für den Menschen ein Sühnopfer bestimmt hatte, Kraft dessen er "zu seiner Zeit" durch eine Auferstehung des Wesens oder der Seele aus der Gewalt des Todes befreit werden soll.

Eine menschliche Seele

Beim Betrachten der Schöpfungsgeschichte in 1. Mose haben wohl manche bemerkt, dass, nachdem Gott den Menschen aus dem Staube der Erde gebildet und ihm den Lebensodem mitgeteilt hatte, es heißt: "Und der Mensch wurde zu einer lebendigen Seele." Will der gewöhnliche Leser nun dieses Zeugnis mit seinem falschen Begriff von der Bedeutung des Wortes Seele (den ihm solche beibrachten, die ihn richtig hätten unterweisen sollen) in Verbindung bringen, so fängt gleich die Verwirrung an, und er sieht sich veranlasst zu glauben, dass es für den vorherrschenden Irrtum irgend eine Grundlage geben müsse, die ihm selbst freilich unbegreiflich, die aber, nach seiner Vermutung, von den erwählten Lehrern der Theologie gründlich erforscht und klargelegt worden sei.

Von denen, welche die Bedeutung des Wortes Seele nicht verstehen, nehmen sich viele die Freiheit, dieses Wort ganz rücksichtslos zu gebrauchen und infolgedessen auch diesbezügliche Schriftaussagen zu verdrehen; statt der Bibel zu glauben, dass der Mensch eine lebendige Seele ist, behaupten sie ganz dreist und kühn: Der Mensch hat eine lebendige Seele; was doch wahrlich nicht einerlei ist! Möchte deshalb jeder Wahrheitsforscher seinen Geist so viel als möglich von allen Vorurteilen befreien und besonders von solchen, die sich auf Dinge und Angelegenheiten beziehen, die er zugestandenermaßen selbst nicht begreift, denn leicht ist man geneigt, Eigenschaften und Kräfte solchen Dingen zuzuschreiben, die einem geheimnisvoll und unbegreiflich erscheinen. Und so ist man allgemein zum Glauben gelangt, die Seele sei überaus intelligent, mit wunderbaren Kräften ausgerüstet, dazu noch unverwüstlich, unantastbar, ein unbegreifliches Wesen.

Ein Methodisten-Bischof soll von der Seele einmal folgende Schilderung veröffentlicht haben: "Sie ist ohne Inneres, ohne Äußeres, hat weder Körper, Gestalt noch Bestandteile, und eine Million könnte man in eine Nussschale tun." Diese Schilderung entspricht den sogenannt orthodoxen Theorien gewiss sehr gut, so absurd sie bei näherer Betrachtung auch erscheinen mag. Den Lehren der Orthodoxie zufolge wäre die Seele das eigentliche Wesen, ein göttlicher Lebenskeim mit göttlichen Eigenschaften und Intelligenz ausgerüstet, vom Körper unabhängig; denselben nur für eine gewisse Zeit bewohnend, indem sie sich desselben als Haus bediene, das sie wieder verlassen könne, wenn es baufällig werde. Da aber bisher kein Mensch je eine Seele in einen Leib einziehen sah, und dieselbe während ihrem "Wohnen" im Körper sich trotz der genauesten Untersuchung mit den besten Mikroskopen, ja selbst mit Röntgen Strahlen absolut nicht finden lässt, so ist man einfach auf die Vermutung geraten, dass sie ohne Körper, ohne Gestalt und ohne Bestandteile sein müsse, und wenn sie zu all dem, wie man vermutet, auch noch so klein ist, dass sie selbst mit einem Mikroskop nicht unterschieden werden kann, so dürfe man dreist behaupten, dass in einer Nussschale 50 Millionen solcher "Wesen" eben sowohl Raum fänden wie 1 Million, und dass dann immer noch Platz übrig bliebe! Ja wahrlich, eine bessere Umschreibung von einem "Nichts" hätte der Bischof unmöglich geben können.

Aber, möchten wir fragen, wo liegt denn der Grund, die Ursache, zu solch ausschweifenden Vermutungen? Wir brauchen nicht lang zu forschen, so entdecken wir, dass sie das Resultat menschlicher Grübeleien sind. Die klugen Menschen haben sich bezüglich des zukünftigen Lebens ihre eigenen Ansichten gebildet, um damit die einschlägigen Bibelzeugnisse, den göttlichen Plan, zu verwerfen. Menschliche Lehre hält ein zukünftiges Leben für unmöglich, wenn nicht ein bestimmtes Etwas, das nie sterben kann, schon vorhanden sei. Gottes Wort aber sagt, dass derselbe Gott, der im Anfang den Menschen erschuf, sehr wohl imstande sei, auch Tote wieder zu beleben. Hier haben wir die zwei Gegensätze zwischen dem Wort Gottes einerseits und all den Menschenlehren (zivili­sierter sowohl als auch barbarischer Völker) andererseits. Die letzteren stimmen alle miteinander dahin überein, dass der Mensch nicht sterbe und deshalb weder eines Lebensgebers noch einer Auferstehung bedürfe. Die Bibel lehrt uns dagegen: Der Mensch stirbt, und ohne einen Lebensgeber, ohne eine Auferstehung würde mit dem Tode wirklich alles aufhören und ein zukünftiges Leben unmöglich sein.

Die Welt bezweckt lediglich die Verteidigung ihrer eigenen Theorie, wenn sie in all ihren religiösen Büchern (und hier müssen wir leider auch die meisten über diese Gegenstände handelnden, von bekennenden Christen verfassten Werke einschließen) die Unsterblichkeit der Seele behauptet - dass im Menschen eine Seele wohne, die ein vom Körper unabhängiges Leben besitze und unsterblich, unzerstörbar und deshalb für eine Ewigkeit in Schmerz oder Wonne bestimmt sei. Wir sehen uns somit veranlasst zu fragen:

Was ist die Seele?

Wenn wir diese Frage vom biblischen Standpunkt aus untersuchen, so finden wir, dass der Mensch einen Leib hat und einen Geist hat, aber eine Seele ist, und hiermit stimmt auch das Zeugnis der Wissenschaft überein. Das in der Schrift vorkommende Wort "Seele" bedeutet empfindungsfähiges Wesen, oder ein mit Sinneskräften, mit Empfindungsvermögen begabtes Wesen. So lasst uns denn ohne Vorurteil die Geschichte von der Schöpfung des Menschen nochmals näher betrachten und uns merken, dass aufs erste ein Organismus oder Körper gebildet wurde, und dass zweitens der Geist des Lebens, auch Odem des Lebens genannt, diesem Körper mitgeteilt wurde, woraus dann drittens als Ergebnis eine lebendige Seele entstand. Dies ist doch sicher sehr einfach und leichtverständlich. Wir sehen daraus, dass der Leib nicht die Seele ist und auch der Lebensodem nicht, sondern dass erst nach der Vereinigung dieser beiden Teile durch den Schöpfer ein lebendiger Mensch hervorging - eine lebende, mit Empfindungsvermögen ausgerüstete Seele. In der ganzen Schilderung finden wir gar nichts Geheimnisvolles, auch keine Andeutung, dass dem Menschen ein göttlicher Lebensfunke eingepflanzt worden wäre, was dann seinen Vorrang über die niedrigeren Tiere bedingt hätte. Und wenn wirklich auch die Schöpfung der niedrigeren Tiere nicht besonders ausführlich beschrieben ist, so wissen wir dennoch, dass der Erschaffungsprozess bei den letzteren ziemlich der gleiche gewesen sein muss, wie beim Menschen. Wir wissen doch wohl, dass z.B. kein Hund bestehen könnte, ohne einen hündischen Organismus oder Leib einerseits und den diesen Körper belebenden Geist oder Odem des Lebens andererseits. Ein nie lebendig gewesener Körper eines Hundes wäre kein Hund; erst muss dieser Körper mit dem Lebenskeim oder Odem des Lebens erfüllt sein, dann entsteht daraus ein wirklicher Hund, und ganz dasselbe könnte man von den übrigen Tieren sagen.

In völliger Übereinstimmung mit dem Gesagten möchten wir nun auf eine Tatsache aufmerksam machen, die vielleicht manchen Leser überraschen wird: dass nämlich laut der heiligen Schrift jeder Hund, jedes Pferd, jede Kuh, sämtliche Vögel und alle Fische - lebendige Seelen sind! Das will sagen, es sind alle sich selbst bewusste, mit Empfindungsorganen begabte Wesen. Dieselben stehen freilich nicht alle auf gleicher hoher Stufe, aber das Wort "Seele" bezieht sich mit biblisch begründetem Recht sowohl auf die niedrigeren Geschöpfe als auch auf das höchste und edelste, den Menschen - also auf Fische, Reptilien, Vögel, Säugetiere und auf Menschen. Das sind alles Seelen. Beachte wohl, wir sagen nicht, dass diese alle eine Seele haben, im gewöhnlichen oder falschen Sinn dieses Wortes, und doch hat jedes dieser Geschöpfe Seele, im Sinne von Leben, Bestand haben - sie sind lebendige Seelen, und das wollen wir beweisen.

In 1. Mose, im ersten, zweiten und neunten Kapitel des hebräischen Urtextes werden die Worte "lebendig Seele" neunmal in Bezug auf die niedrigeren Tiere gebraucht; aber um die allgemein verbreitet, jedoch grundfalsche Seelenlehre, die der heidnische Prophet Platon ausgebrütet, möglichst sorgfältig zu schützen, scheinen die Übersetzer und "Verbesserer" der lutherischen Bibel versucht zu haben, vor dem gewöhnlichen Leser die Tatsache zu verbergen, dass das Wort "Seele" sich auch auf Tiere beziehen kann, und dass es im inspirierten Gotteswort auch wirklich auf Menschen und Tiere angewendet wird. Warum hätten sie sonst in all diesen neun Stellen und auch an zahlreichen anderen Orten die richtige Übersetzung sorgfältig vermieden, indem sie sich anderer Wörter bedienten zur Wiedergabe des gleichen hebräischen Wortes, das sie, wenn auf den Menschen angewendet, mit "Seele" übersetzt haben? Ja, man hat so sorgfältig aufgepasst, dass in der Luther Bibel das Wort "Seele" nur an ganz vereinzelten Stellen in Bezug auf die niedrige Kreatur gebraucht wird, so z.B. in 4. Mose 31:28, und hier offenbar nur weil der merkwürdigen Satzstellung halber keine andere vernünftige Übersetzung möglich war. Die Stelle lautet folgendermaßen:

"Und sollst dem Herrn heben von den Kriegsleuten, die ins Herr gezogen sind, je von fünf Hunderten eine Seele, beides an Menschen, Rindern, Esel und Schafen."

Eine andere Stelle, die der Aufmerksamkeit der Übersetzer wahrscheinlich entgangen, ist Psalm 74:19: "Du sollst nicht dem Tiere geben die Seele deiner Turteltaube."

Hier springt dem Leser die für Menschen und Tiere gemeinsame Anwendung des Wortes "Seele" geradezu in die Augen; so wäre es aber auch in allen anderen Fällen, wenn sich die Übersetzer bei der Arbeit nicht durch ihre vorgefassten falschen Meinungen zu willkürlichen Textvergewaltigungen hätten verleiten lassen.

Lasst uns auch den neun Stellen in 1. Mose, wo das hebräische Wort für "Seele" (Nephesch) in Verbindung mit den niedrigeren Tieren gebraucht wird, etwas näher treten: (Vergleiche die Übersetzung der Elberfelder Bibel)

"Gott sprach: Es errege sich das Wasser mit webenden und lebendigen (Nephesch, Seele) Tieren." (1. Mose 1:20) Man beachte, dass dies schon in der vierten Schöpfungsperiode geschah, also lange vor der Erschaffung des Menschen.

"Und Gott schuf große Walfische und allerlei Tiere (Nephesch, Seele), das da lebt und webt und vom Wasser erregt wird" 1. Mose 1:21. Es waren dies also Fisch-Seelen, die am fünften "Tag" und ebenfalls schon lange vor dem Menschen entstanden.

"Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Tiere (Nephesch, Seele) ein jegliches nach seiner Art; Vieh, Gewürm und Tiere" 1. Mose 1:24. Hier begegnen wir Landtier-Seelen, in ihrer Art schon auf höherer stufe als die Fische; menschliche Seele oder menschliches Leben existierte aber auch da noch nicht.

"Und allem Tier auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das da lebt (Nephesch, Seele), dass sie allerlei grün Kraut essen" 1. Mose 1:30. Hier werden die niedrigeren Kreaturen sogar von einander unterschieden mit der ausdrücklichen Bemerkung, dass dies alles lebendige Seelen sind.

"Denn als Gott der Herr gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Felde und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, ... denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere (Nephesch, Seele) nennen würde, so sollten sie heißen" (1. Mose 2:19). Hier ist eine Erklärung überflüssig, kann doch die Tatsache nicht bezweifelt werden, dass das Wort Seele nicht bloß auf den Menschen, sondern auf jegliche der fühlenden, empfindungsfähigen Kreaturen, von der niedrigsten bis zur höchsten, sich bezieht,

"Alles was sich regt und lebt das sei eure Speise; ... allein, esset das Fleisch nicht, das noch lebt (das Fleisch mit Nephesch, Seele) in seinem Blute" 1. Mose 9:3, 4. Hier wird nicht nur erklärt, dass alle genießbaren Tiere Seele oder Leben haben, sondern ihr Blut wird als ihr Leben, Wesen oder ihre Seele bezeichnet, und darum ist es dem Menschen verboten, das Blut als Speise zu genießen und dadurch den Blutdurst zu erregen.

"Siehe ich richte mit euch (Noah) einen Bund auf, und mit eurem Samen nach euch, und mit allem lebendigen Tier (Nephesch, Seele) bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf Erden" 1. Mose 9:9, 10. Hier ist ein fernerer, klarer Beweis, dass alle lebendigen Tiere ebenso wohl Seelen sind wie der Mensch, trotzdem sie hinter ihm in Natur, Organismus 2c) weit zurückstehen.

"Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich gemacht habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Tier (Seele, Nephesch)" 1. Mose 9:12. Auch dieses Zeugnis steht all den bereits erwähnten an Klarheit nicht nach!

"Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Tier (Seele, Nephesch) in allerlei Fleisch" 1. Mose 9:15.

Der gleiche Ausdruck wird auch im folgenden, 16. Vers wiederholt, und wenn der von falscher Übersetzung herrührende Schleier einmal gelüftet ist, so erfassen wir mit Leichtigkeit den Gedanken, den Gott uns in seinem Worte zu verstehen geben will, und so bleibt zur Kritik der Wort Bedeutung auch nicht der geringste Anhaltspunkt.

Es wären natürlich auch in anderen biblischen Büchern zahlreiche ähnliche Beispiele anzuführen; wir hoffen aber, jedem aufrichtigen Leser schon mehr als genügend bewiesen zu haben, dass im biblischen Sprachgebrauch der Begriff Seele eben sowohl für Tiere wie für den Menschen anwendbar ist. Jegliche Behauptung oder Lehre, die sich auf die Idee stützt, dass des Menschen Hoffnung auf ein zukünftiges Leben sowohl wie auch seine jetzige Erhabenheit über die niedrigere Kreatur daher rühre, dass er eine Seele besitze und sie nicht, ist somit grundfalsch, und wir sollten uns verpflichtet fühlen, solchem "Machtwerk" schonungslos entgegenzutreten, sobald wir die Tatsachen vom wahren Standpunkt göttlicher Offenbarung erkennen.

Es soll uns aber niemand falsch verstehen und etwa glauben, weil alle lebendigen, sich regenden Kreaturen - von der Mücke bis zum Elefanten und vom Frosch bis zum Walfisch - lebendige Seele sind, so müsse auch für sie ein zukünftiges Leben bereit sein, sei es eine zukünftige Auferstehung oder eine Verwandlung in einen geistigen Zustand. Solches zu glauben, wäre krasser Unsinn, Verrücktheit. Milliarden lebendiger Seelen auf den niedrigsten Tierstufen werden jede Minute geboren, während gleichzeitig andere Milliarden sterben.

Wir behaupten vielmehr, dass der Mensch eine Seele oder ein Wesen der höchsten Ordnung ist, der König und Herr über alle anderen Arten von Seelen oder fühlenden Wesen, aber keinem dieser letzteren gleich. Er ist eine irdische, menschlich - animalische Seele und doch ursprünglich so herrlich gebildet (Adam), dass es mit Recht von ihm heißt, er sei Gott ähnlich, das Ebenbild seines Schöpfers gewesen.

Der Mensch als eine Seele unterscheidet sich von den geringeren Tieren oder Seelen durch seinen feineren Organismus und seine aufrechte Gestalt; aber auffallender noch tritt uns die Überlegenheit in seinen geistigen Fähigkeiten entgegen - denn in seinen moralischen, geistigen Kräften hat hauptsächlich die Ähnlichkeit mit seinem Schöpfer bestanden. Während viele Tiere niedrigerer Stufe zu Denken Imstande sind und ihre Vernunft in tausenderlei weise kundtun, so hat doch ein jedes seine oft recht engen Schranken, welche zu überschreiten ihm unmöglich ist. Die Denkkraft des Menschen dagegen ist eine fast unbegrenzte, eben weil er als ein Ebenbild Gottes erschaffen wurde - in der Ähnlichkeit seines Schöpfers. Aber trotz dem Sündenfall des Menschen und der darauffolgenden, Jahrtausend lang dauernden Finsternis und Entartung ist es mit der Gottähnlichkeit noch nicht gar aus - besonders bei denen nicht, welche Christi Amt der Versöhnung mit Gott angenommen haben, die wieder "Söhne Gottes" geworden sind, und deren Bestreben es geworden ist, dem Bilde des Sohnes gleichförmig zu werden.

Versuchen wir das Gesagte noch besser zu illustrieren: Den Pferden, Hunden, manchen Vögeln 2c) können wir die Bedeutung vieler Wörter beibringen, so dass sie manche zum Alltagsleben gehörende Dinge verstehen lernen. Sie bekunden ihr Denkvermögen recht oft, und einige sind Imstande zu zählen - sogar bis auf zwanzig. Wer aber wollte versuchen, einem Pferde, einem Hund oder Vogel auch nur die Anfangsbegriffe von der Geometrie, Algebra oder Astronomie beizubringen? Wir sind auch Imstande, verschiedenen Tieren höherer Gattung einen gewissen Grad von Sittsamkeit anzuerziehen, so dass sie z.B. ihrem Meister gehorchen und nicht ausschlagen, beißen oder andere Tiere töten 2c), wer wollte aber versuchen, die stummen Tiere die 10 Gebote zu lehren? Wir vermögen in ihnen auch eine gewisse Art Liebe und Anhänglichkeit gegen ihre Meister und deren Freunde zu erzeugen; wer aber würde nur daran denken, ihnen etwas von Gottesliebe und Verehrung oder von Feindesliebe beibringen zu wollen! Beachten wir also, dass all diese Unterschiede nicht daher kommen, dass die geringeren Tiere eine andere Art Odem oder Lebensgeist besitzen, denn wir haben gesehen, dass sie "alle einerlei Odem haben" Pred. 3:19; noch auch daher, dass der Mensch eine Seele sei und das stumme Tier nicht, denn es hat sich herausgestellt, dass sie alle Seelen sind. Wir haben aber gefunden, und das müssen alle zugeben, dass jede Tiergattung einen besonderen und verschiedenen Organismus besitzt, der einer jeden ihren Charakter verleiht, und durch den allein die höhere oder geringere Intelligenz einer Gattung bedingt wird. Es sei aber bemerkt, dass nicht die Ausdehnung oder das Gewicht des Körpers für den Grad der Intelligenz und geistigen Überlegenheit maßgebend ist, sonst wären wohl Elefant und Walfisch die Herren der Schöpfung. Der Unterschied liegt vielmehr in der "organischen Qualität", welche hauptsächlich durch das Gehirn, dessen Oberfläche und Fähigkeit bestimmt wird.

Der Mensch ist also die höchste aller irdischen Kreaturen - "von der Erde, irdisch", und seine Erhabenheit besteht in seinen großen, geistigen Fähigkeiten. Diese letzteren sind aber nicht das Ergebnis einer Entwicklung, sondern eine Gabe des Schöpfers

"Die Seele, welche sündigt, soll sterben."

Wenn wir in der heiligen Schrift über die sündigende Seele wiederholt das Todesurteil ausgesprochen finden, so wird das oben Gesagte damit nur bestätigt. Mit den gewöhnlichen Anschauungen will diese Tatsache freilich gar nicht übereinstimmen, denn wie sollte die Seele sterben können, welche sowohl die menschliche Philosophie als auch die gesamte Gesangbuchtheologie ganz dreist als unsterblich, unzerstörbar erklärt! Wir lesen aber, dass unser Herr, als er unser Lösegeld bezahlte, "seine Seele als Schuldopfer stellte", und dass er "seine Seele ausgegossen in den Tod" Jes. 53:10, 12. Das war nötig, weil Adams Seele zum Tode verurteilt war, und die der Menschheit gegebene Verheißung auf eine Erlösung der Seele oder des Wesens aus der Gewalt des Todes lautete. "Gott aber wird meine Seele erlösen von der Gewalt des Scheols (Todeszustandes)" Psalm 49:15. Und da durch die eine Erlösung alle Seelen erlöst sind, wie wir früher gesehen haben, so heißt es von all unseren Freunden - von der ganzen Menschheit, - dass sie "in Jesu schlafen". - 1. Thess. 4:14

Wir möchten bloß bemerken, dass in dieser Stelle, "Gott wird die in Jesu geschlafen habenden herausführen" (dies ist der genaue Wortlaut im griechischen), der Apostel nicht nur die Heiligen gemeint haben kann, wie wenn er von denen spricht, welche "in Christo sind"; denn wenn von "neuen Kreaturen" die Rede ist, so geht es immer nur die an, welche von Gott durch den Geist zur Miterbschaft mit Christo gezeugt worden sind - als Christi Braut, Glieder seines Leibes. Aber der Ausdruck "die in Jesu geschlafen habenden" schließt das ganze Menschengeschlecht ein, denn unser Herr Jesu war die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unserigen, sondern auch für die der ganzen Welt, und Kraft jenes Sühnopfers ist er nun unser Lebensgeber geworden, nicht allein aber der unsere, sondern auch der Lebensgeber für die ganze Welt - wovon das Zeugnis und die Gelegenheit zur Annahme für die meisten freilich erst zukünftig ist. - 1. Joh. 2:2; 1. Tim. 2:4-6

Dass der Apostel diesen Gedanken verfolgte, geht aus dem Zusammenhang unzweideutig hervor: er ermahnt hier die Gläubigen, sich nicht zu bekümmern wie diejenigen, welche keine Hoffnung haben, und als Grund der Hoffnung erwähnt er die Tatsache, dass Jesus für die Sünde des Menschen gestorben und um dessen Rechtfertigung willen wieder auferstanden sei, und dass folglich alle in Jesu schlafen, d.h. von der Todesstrafe gesetzlich befreit sind und Jesu angehören, damit er sie durch die göttliche Kraft aus der Todesgewalt heraus führe. Hätte der Apostel gesagt, dass nur die Gläubigen auf diese Weise durch Jesum gesegnet werden können, so hätten die Thessalonicher und alle seither Gläubigen wohl geringen Trost in seinen Worten finden können; denn die große Mehrzahl von Freunden und Angehörigen der Heiligen konnten und können nicht zu den Heiligen gezählt werden: und wenn der Segen einer Auferweckung aus dem Todesschlaf nur für die Heiligen bestimmt wäre, so würde der Gedanke statt Trost nur das Gegenteil, nämlich Angst und Kümmernis hervorrufen. Aber der Apostel schließt hier die ganze Welt ein - als in Jesu schlafend, obgleich diese Tatsache von niemandem richtig erkannt wird als vom himmlischen Vater und seinen geweihten Kindern, welche er durch das Wort der Wahrheit von seinen gnädigen Zukunftsplänen unterrichtet hat, damit sie sich freuen mögen über die Länge und Breite und Höhe und Tiefe der göttlichen Güte und sich "nicht betrüben wie die übrigen, die keine (so feste) Hoffnung haben". 1. Thess. 4:13

Wie der gesunde natürliche Schlaf eine gänzliche Bewusstlosigkeit bedingt, so verhält es sich auch mit dem Tode, dem bildlichen Schlaf; er ist eine Periode gänzlicher Bewusstlosigkeit - noch mehr ein Zeitraum absoluter Existenzlosigkeit. Für die zur Wiederherstellung Gelangenden wird das Erwachen vom Tode folglich nichts anderes bedeuten, als eine Wiederbelebung des Bewusstseins, von genau dem gleichen Moment und Standpunkt an, wo das Bewusstseins, von genau dem gleichen Moment und Standpunkt an, wo das Bewusstsein im Tode aufhörte. Das Gedächtnis wird die Auferweckung als das erste Ereignis nach dem Augenblick des Todes wahrnehmen, denn die Zwischenzeit hat auch nicht den geringsten Eindruck auf dasselbe zu machen vermocht.

Dieser gleiche Zustand kann auch an Personen beobachtet werden, deren Gehirn (infolge von Verletzungen am Kopf ) durch die Gehirnschale beengt oder bedrückt wird, und die deshalb zeitweise das Bewusstsein verlieren, ohne dass dadurch ihr Leben erlischt. Durch operatives Eingreifen kann ein solcher Druck gewöhnlich beseitigt werden, und da wissen nun die Ärzte von zahlreichen Fällen zu berichten, wo der auf solche Weise plötzlich wieder zur Besinnung gelangte Patient einen Satz beendigte, in welchem er durch die erlittene Gehirnerschütterung unerwartet unterbrochen worden war. So wird die göttliche Kraft all die Gehirnfaltungen in den einzelnen Menschen wieder zu erzeugen und dessen verschiedenste Erinnerungen und Gedanken wieder zu beleben völlig imstande sein, und darum wird die allgemeine Menschheit in der Auferstehung mit den gleichen Worten und Gedanken erwachen, mit denen sie in den Tod ging. Man vergesse aber nicht, dass wir uns hier ausschließlich auf die allgemeine Menschheit beziehen und nicht auf die Auserwählten, auf die aus allen Völkern heraus gesammelte besondere Klasse, die Kirche oder den Leib Christi, denn dieselben haben teil an der Ersten Auferstehung, die sich von der allgemeinen in mancher Hinsicht unterscheidet.

Während nun, Kraft des Lösegeldes, der adamische Tod von einer Vernichtung in eine Unterbrechung des Lebens, genannt Schlaf, verwandelt worden ist, so bezeugt die heilige Schrift dennoch klar und deutlich, dass es nach der Auferweckung vom Todesschlummer dann auf jeden einzelnen ankommt, ob er unter dem Regiment, der Leitung und dem Einfluss des verherrlichten Christus zu Leben und Vollkommenheit gelangen, oder aber willentlich, mit Bedacht und Hartnäckigkeit seinen früheren Sündenweg weiterverfolgen wird. Sollte er das letztere erwählen, so zieht er sich dadurch die ursprünglich über Adam verhängte Strafe, den Tod zu, aber nicht mehr den adamitischen Tod, die Strafe für Adams Sünde, sondern den "anderen" oder zweiten Tod. Dieser zweite Tod wird nirgends als Schlaf bezeichnet, und wir finden in der ganzen Bibel auch nicht die leiseste Andeutung auf ein Wiedererwachen von demselben - er wird vielmehr als "das ewige Verderben vom Angesicht des Herrn" dargestellt. - 2. Thess. 1:9

Auf diese erlöste und auferweckte Klasse, deren Prüfung hauptsächlich im Millennium stattfinden wird, bezieht sich die biblische Erklärung: "Die Seele, welche sündigt, soll sterben" Hes. 18:20. Dass diese Weissagung auf unser jetziges Zeitalter nicht anwendbar ist, erhellt aus folgenden Umständen:

1. Während des Evangeliums-Zeitalters starben und sterben alle Menschen - sowohl die Heiligen als auch die Sünder - ohne Ausnahme, so dass unser Schriftwort für sie kraftlos sein würde.

2. Die Drohung bezieht sich auf die Handlungen jedes einzelnen und passt somit auch in dieser Hinsicht nicht auf die Jetztzeit, weil wir alle um "eines Menschen Ungehorsam" willen sterben - weil die über ihn verhängte Todesstrafe sich auf sein ganzes Geschlecht erstreckt hat. - Röm. 5:12

3. Wie wir aus dem Zusammenhang ersehen, geht die Stelle in erster Linie diejenigen an, welche befreit worden sind von der adamitischen Erbsünde, die heutzutage noch überall vorherrscht. Das Wort muss also dem nächsten Zeitalter, dem Millennium, angehören. Man lese nur das ganze Kapitel (Hes. 18) und vergesse dabei nicht, dass die Bedingungen des Neuen Bundes während des Millenniums in jeder Weise dem jüdischen Gesetzesbund entsprechen werden, mit der Ausnahme jedoch, dass der Neue Bund einen besseren Mittler haben wird, der dann willig und imstande ist, allen denen, welche in Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit zu wandeln suchen, Beistand und Hilfe zu gewähren, ohne ihre unabsichtlichen Fehler und Gebrechen in Anrechnung zu bringen. In dem erwähnten Kapitel (Hes. 18) finden wir die Erklärung, das es in Israel nicht mehr heißen soll, "Die Väter essen Herlinge, und die Zähne der Söhne werden stumpf", sondern es wird im Gegenteil jeder einzelne für sich selbst vor Gott verantwortlich sein, und "Die Seele, welche sündigt, soll sterben. Ein Sohn soll nicht die Ungerechtigkeit des Vaters mit tragen und ein Vater nicht die Ungerechtigkeit des Sohnes mit tragen; die Gerechtigkeit des Gerechten soll auf ihm sein und die Gesetzlosigkeit des Gesetzlosen soll auf ihm sein" - Hes. 18:2, 4, 20 Diese Zeit ist offenbar noch nicht gekommen. Die Kinder haben immer noch stumpfe Zähne, weil ihre Väter Herlinge der Sünde gegessen haben; wir stehen noch unter der Erbsünde; alle sterben wegen Adams Sünde und nicht wegen ihrer eigenen. Als Beweis hierfür brauchen wir bloß an die unbestrittene Tatsache zu erinnern, dass fast die Hälfte der Menschen schon in der Kindheit sterben, also ohne ein Alter zu erreichen, wo sie vernünftigerweise für ihr Betragen verantwortlich gemacht werden können. Wer dürfte behaupten, dass ein Kind, das nach wenigen Tagen oder Monaten erkrankt und stirbt, um seiner eigenen Sünden willen sterbe? Stirbt es nicht vielmehr, weil es dem adamitischen Geschlecht angehört, welches immer noch dem gegen Adam ausgesprochenen Fluch - "sterbend sollst du sterben" - unterstellt ist? Es hat sich durch Vererbung den Fluch zugezogen, wird aber auch durch Christum den Segen Gottes ererben - in der kommenden Auferstehung, die Kraft des auf Golgatha vollendeten Sühnopfers der ganzen Menschheit zugesichert ist.

Wenn wir uns zu Jeremia 31:29-34 wenden, so finden wir dort eine weitere Bezugnahme auf ganz die gleichen Zustände, wie sie der Prophet Hesekiel erwähnt, nur dass Jeremia noch mehr Einzelheiten anführt, die auf das deutlichste beweisen, dass dieses Verhältnis nicht dem gegenwärtigen, sondern einem kommenden Zeitalter angehören. Jeremia erklärt:

"In jenen Tagen wird man nicht mehr sagen: Die Väter haben Herlinge gegessen, und die Zähne der Söhne sind stumpf geworden, sondern ein jeder wird für seine Missetat sterben: jeder Mensch, der Herlinge isst, dessen Zähne sollen stumpf werden."

Die Worte, "in jenen Tagen", beziehen sich ohne Zweifel auf die zukünftigen Zeiten der Wiederherstellung unter der Herrschaft Christi und nicht auf dieses Zeitalter, wo Satan, Sünde und Tod das Regiment führen. Der Prophet geht übrigens noch weiter in der Beschreibung der dem kommenden Zeitalter angehörenden Verhältnisse; er spricht von einem neuen Bund, den Jehova mit Israel und Juda aufrichten werde, von dem ewigen Bund, unter welchem sie ihr lang ersehntes Teil an den Segnungen und Verheißungen Abrahams empfangen werden. (vergl. Röm. 11:26-31)

Der gleiche Gedanke, nämlich dass im Millennium der Tod wiederum der Sünde Sold sein und allen vom adamitischen Tod Befreiten gedroht werden wird, die die einmal erkannte Gnade Gottes von sich stoßen und somit vergeblich empfangen haben, wird von den eigenen Worten unseres Herrn bestätigt: "Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen (fürchtet euch nicht vor denen, die euch das gegenwärtige Leben nehmen, das ohnehin schon der Todesstrafe verfallen ist; bedenkt vielmehr, dass ihr erlöst worden seid, dass ein zukünftiges Leben in eurem Bereich liegt, und dass kein Mensch euch dessen berauben kann, was Gott durch die Erlösung in Christo Jesu euch in Aussicht gestellt hat); fürchtet aber vielmehr den, der sowohl Seele als Leib zu verderben (wörtlich: gänzlich zu vernichten) vermag in der Hölle (Gehenna)". - Matth. 10:28

Hier wird die Macht Gottes, die Seele oder das Leben zu zerstören, aufs deutlichste bestätigt und zwar von einer unantastbaren Autorität. Wir haben wohl bemerkt, dass eine verschrobene Theologie die Schrift zu verdrehen gesucht hat und, um ihre falsche Lehre zu stützen, diese Stelle nun so deutet, als sei Gott freilich imstande, die Seligkeit der Seele in der Gehenna zu zerstören, die Seele selbst aber nicht! Es ist das eine Wortverdrehung, welche sicher nicht verfehlen wird, schlimme Folgen für alle diejenigen nach sich zu ziehen, welche an Gottes Wort Betrug üben! Wir haben schon anderswo gezeigt, ("Was sagt die heilige Schrift über die Hölle?") dass das hier gebrauchte Wort Gehenna den zweiten oder anderen Tod" - die gänzliche Vernichtung - bedeutet, für alle Seelen, welche den großen Propheten Gottes nicht hören wollen, wenn er zu seiner Zeit mit allem Volk klar und deutlich reden wird - statt wie in der Jetztzeit, in Gleichnissen und dunkeln Reden, die nur von der Kirche, der kleinen Herde, verstanden werden können - Apg. 3:23; Matth. 13:11

Wir behaupten also, dass die heilige Schrift unzweideutig Folgendes erklärt: Der Mensch ist eine Seele oder ein Wesen; sein Lebensrecht wurde jedoch durch seine Sünde verwirkt, und so steht er unter dem Fluch der göttlichen Strafe - dem Tod. Die Güter und Vorrechte des Menschen sind aber alle zurückgekauft worden von dem Menschen Christus Jesus, der sich selbst dahin gab als Lösegeld für jedermann, was zur Folge hatte, dass der Tod von da an nicht mehr als eigentlicher Tod oder Vernichtung betrachtet werden konnte, sondern vielmehr als ein temporärer "Schlaf", von welchem die Menschheit durch ihren Erlöser am Auferstehungsmorgen wiedererwachen wird.

Verwirrung infolge unrichtiger Übersetzung

Denken wir an die groben Irrtümer bezüglich der Frage, "Was ist die Seele, der Geist , der eigentliche Mensch?"; wie sie von den Übersetzern unserer gewöhnlichen Bibel festgehalten wurden und noch werden, so soll es uns nicht überraschen, wenn dieselben in ihrer oft großen Verlegenheit durch ihr Bemühen, die Übersetzung gewisser Schriftstellen ihren vorgefassten Meinungen anzupassen, den gewöhnlichen Leser mannigfaltig verwirrt haben. Sie haben die Bedeutung gewisser Wörter so vertuscht und verdreht, dass es dem gewöhnlichen Leser fast unmöglich ist, sich ein klares Urteil zu bilden, indem er gegen eine zweifache Schwierigkeit zu kämpfen hat: 1. gegen die falsche Lehre über den betreffenden Gegenstand und 2. gegen die unrichtigen Übersetzungen, welche diese falsche Lehre unterstützen.

Dank der göttlichen Vorsehung leben wir jetzt aber in einer Zeit, wo es durch zahlreiche Hilfsmittel verschiedener Art auch dem "Laien" möglich geworden ist, sich über den ganzen Gegenstand sogar ein besseres Urteil zu bilden, als zu ihrer Zeit die Übersetzer selbst.

Ein Wort, das in gewöhnlichen Bibeln die mannigfaltigste Übersetzung erfahren hat, ist wohl unstreitig das im Alten Testament etwa 700mal vorkommende hebräische Nephesch, welches freilich in der Mehrzahl der Stellen mit "Seele", je nach Umständen aber auch auf dutzenderlei andere Weise wiedergegeben worden ist. Beispiele haben wir oben gegeben.

Das im Neuen Testament an die Stelle des hebräischen Nephesch tretende griechische Wort heißt Psyche und bedeutet ebenfalls Seele, empfindungsfähiges Wesen. In den deutschen Übersetzungen ist es hauptsächlich auf zweierlei Weise wiedergegeben worden - mit "Seele" und mit "Leben", und gerade diese letztere Übersetzungsweise hat denn auch zur Verdeckung der Wahrheit sehr viel beigetragen, indem dadurch der gewöhnliche Leser den Eindruck empfangen musste, dass Seele und Leben zwei ganz verschiedene Dinge seien, und dass ein Mensch deshalb sein Leben verlieren könne, ohne dabei seine Seele zu verlieren. Die Stellen, wo das Wort Psyche mit "Leben" übersetzt worden ist, wo aber viel Verwirrung hätte vermieden werden können, wenn es richtig mit Seele oder Wesen übersetzt worden wäre, sind die folgenden:

"Sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben (Psyche, Seele, Wesen) trachteten." - Matth. 2:20

"Seid nicht besorgt für euer Leben (Psyche, Seele, Wesen), was ihr essen sollt ... Ist nicht das Leben (Psyche, Seele, Wesen) mehr als die Speise?" - Matth. 6:25; Luk. 12:22, 23

"Wer sein Leben (Psyche, Seele) findet, wird es verlieren, und wer sein Leben (Psyche, Seele) verliert um meinetwillen, wird es finden." - Matth. 10:39; 16:25; Luk. 9:24; 17:33

"Des Menschen Sohn ist gekommen, .. sein Leben (Psyche, Seele) zu geben als Lösegeld für viele." - Matth. 20:28

"Ist es euch erlaubt ... das Leben (Psyche, Seele) zu retten oder zu töten?" - Mark. 3:4; Luk. 6:9

"Denn wer irgend sein Leben (Psyche, Seele) erretten will, wird es verlieren; wer aber irgend sein Leben (Psyche, Seele) verliert um meinet- und des Evangeliums willen, wird es erretten. Denn was wird es einem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewönne und seine Seele (Psyche) einbüßte?" Denn was wird ein Mensch als Lösegeld geben für seine Seele (Psyche)?" (Wie sollte da der gewöhnliche Leser merken, dass der griechische Text viermal "Seele" (Psyche) gebraucht, und nicht zweimal "Seele" und zweimal "Leben"?!) - Mark. 8:35-37

Der dieser Schriftstelle und deren Parallelen zu Grunde liegende Gedanke ist folgender: Gottes Kinder sollen sich erinnern, dass ihr gegenwärtiges Leben oder Dasein ohnehin unter der Strafe des Todes steht; dass die göttliche Vorsehung jedoch für eine Erlösung gesorgt hat - nicht für ein Fortleben, sondern für eine Auferstehung, ein Wiederleben. Die Gläubigen dieses Zeitalters sind berufen, dem Vorbild ihres Erlösers gemäß, ihr Leben als lebendiges Opfer im Dienste des Herrn niederzulegen, wogegen ihnen, nach treuem Ausharren, die Mitherrschaft mit Christo und die göttliche Natur verheißen ist - in der Ersten Auferstehung. So werden sie dann ihre Seele, ihr Leben oder Dasein zurück empfangen und werden "Leben (Zoe) in Überfluss haben." - Joh. 10:10

"Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht (liebt nicht weniger) seinen Vater und seine Mutter und sein Weib und seine Kinder und seine Brüder und Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben (Psyche, Seele), so kann er nicht mein Jünger sein". - Luk. 14:26

"Der gute Hirte lässt sein Leben (Psyche, Seele) für die Schafe (Unser Herr hat "seine Seele ausgeschüttet in den Tod; seine Seele hat das Schuldopfer gestellt" - Jes. 53:10, 12) - Joh. 10:11

"Ich lasse mein Leben (Psyche, Seele, Wesen) für die Schafe." - Joh. 10:15

"Ich lasse mein Leben (Psyche, Seele), auf dass ich es (Kraft der göttlichen Verheißung durch die Auferstehung) wieder empfange." - Joh. 10:17

"Wer sein Leben (Psyche, Seele) liebt, wird es verlieren; und wer sein Leben (Psyche, Seele) in dieser Welt hasst, wird es zum ewigen leben (eis Zoen Aionion) bewahren." - Joh. 12:25

(Unter dieser "gegenwärtigen argen und bösen Welt" Treue gegen Gott beweisen, heißt soviel wie die gegenwärtigen Zustände missbilligen, die Vorrechte oder Vorteile dieses Zeitlaufes gering schätzen und bereit sein, dieselben alle im Dienste Gottes und der Gerechtigkeit wie auch zum Nutzen der Mitmenschen aufzuopfern, denn wer so handelt, wird gemäß göttlicher Verheißung der Existenz unter den günstigeren Verhältnissen der kommenden Heilszeitordnung würdig geachtet. Wer aber die gegenwärtigen Verhältnisse und Zustände "liebt" und die Genüsse und Vergnügungen dieser Zeit höher schätzt als die Gerechtigkeit und den Gehorsam gegen Gott, der erweist sich selbst als der von Gott uns angebotenen zukünftigen Existenz unwürdig; er ist nicht wert, dass seine Seele, sein Wesen in der Ersten Auferstehung zu höherem Leben erneuert werde).

"Dein Leben (Psyche, Seele, Wesen) willst du für mich lassen?" - Joh. 13:38

"Größere Liebe hat niemand, als diese, dass jemand sein Leben (Psyche, Seele, Wesen) lässt für seine Freunde." - Joh. 15:13

"Männer, die ihr Leben (Psyche, Seele, Wesen) hingegeben haben." - Apg. 15:26

"Aber ich nehme keine Rücksicht auf mein Leben (Psyche, Seele, Wesen, Existenz) als teuer für mich selbst, auf dass ich meinen Lauf vollende." - Apg. 20:24

(Der Apostel hatte gelernt, die gegenwärtige Existenz richtig zu beurteilen und sie - im Vergleich zu der in der Auferstehung verheißenen zukünftigen - als wertlos zu halten. Er hielt sie nicht für teuer und kostbar, in dem Sinne, dass er sie höher geschätzt hätte als den Herrn und seine Gnade - höher als die Gelegenheit, am Werk des Herrn dienen zu dürfen. Er war willig in seines Meisters Dienst alles daran zu geben und selbst geopfert zu werden, in der zuversichtlichen Hoffnung, dass er dafür zur Ersten Auferstehung gelangen möge - wie er es in Phil. 3:8-11 uns klar und mit großer Freudigkeit schildert.)

"Männer, ich sehe, dass die Fahrt mit Ungemach und großem Schaden, nicht nur der Ladung und des Schiffes, sondern auch unseres Lebens (Psyche, Seele) geschehen wird." - Apg. 27:10

"Denn kein Leben (Psyche, Seele) von euch wird verloren gehen." - Apg. 27:22

"Ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten nach meinem Leben (Psyche, Seele)." - Röm. 11:3

"Welche für mein Leben (Psyche, Seele, Wesen) ihren Hals preisgegeben haben." - Röm. 16:4

"Denn um des Werkes willen ist er dem Tode nahe gekommen, indem er sein Leben (Psyche, Seele, Wesen) wagte, auf dass er den Mangel in eurem Dienste gegen mich ausfüllte." - Phil. 2:30

"Hieran haben wir die Liebe erkannt, dass er für uns sein Leben (Psyche, Seele) dar gegeben hat ("dass er seine Seele ausgeschüttet hat in den Tod" und "seine Seele als Schuldopfer gestellt"); auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben (Psyche, Seele) darzulegen." - 1. Joh. 3:16

"Und es starb der dritte Teil der Geschöpfe, welche im Meere waren, die Leben (Psyche, Seele) hatten." - Offb. 8:9

"Sie haben ihr Leben (Psyche, Seele) nicht geliebt bis zum Tode." - Offb. 12:11

Wenn wir einmal klar begriffen haben, in welcher Beziehung die Wörter Nephesch und Psyche von den inspirierten Verfassern der heiligen Schrift gebraucht worden sind, dann verschwinden all die "Geheimnisse", welche hinter den dunkeln Wörtern Seele und Geist zu stecken schienen, und die nicht nur dem Ungebildeten, sondern auch manchem Gelehrten - als unbeschreiblich und unbegreiflich - viel Kopfzerbrechen verursacht haben.

Es soll sich aber niemand zum Glauben verleiten lassen, der Leib sei die Seele: Das wäre ein Irrtum, denn unser Herr erklärt deutlich: "Gott vermag beides, Leib und Seele zu verderben (wörtlich: gänzlich zu vernichten)." Andererseits kann aber keine Seele, kein empfindungsfähiges Wesen ohne einen Leib - sei derselbe nun himmlischer oder irdischer, geistiger oder animalischer Art - bestehen.

Wenn wir zur Erschaffung des Menschen (1. Mose 2) zurückkehren, so sehen wir dort, dass wohl der Leib zuerst gebildet wurde; damit war derselbe aber nicht ein Mensch, eine Seele oder ein Wesen, bis er belebt wurde. Er hatte Augen und sah nichts, Ohren und hörte nichts, einen Mund, der nicht reden konnte, eine Zunge, die nicht schmeckte; er hatte eine Nase und roch nichts, ein Herz, das nicht schlug, Lungen, die sich nicht bewegten, Blut, das leblos in den Adern und Gefäßen stand - kurz, er war nicht ein Mensch sondern ein Körper, ein lebloser Leib.

Die nun folgende Arbeit in der Schöpfung des Menschen musste darin bestehen, dem "gebildeten" und in jeder Hinsicht zubereiteten Leib Lebenskraft zu verschaffen, und das wird uns mit den Worten gesagt: "Und (Gott) hauchte in seine Nase Odem des Lebens." Man hat schon die Erfahrung gemacht, dass ertrunkene Personen, trotz ihrer Leblosigkeit, wieder zu Leben und Besinnung gebracht werden konnten, indem durch anhaltendes Bewegen der Arme und Bearbeiten des Brustkorbes der Odem nach und nach wieder in Nase und Lunge zurückkehrte. Bei Adam brauchte es seitens des Schöpfers selbstverständlich keine derartigen Anstrengungen um den vollkommenen Organismus zu veranlassen, den belebenden Sauerstoff der Atmosphäre einzuatmen. Als der belebende Odem einströmte, dehnten die Lungen sich aus, die dort vorhandenen Blutkörperchen kamen mit Sauerstoff in Verbindung und flossen gegen das Herz, welches dieselben nach allen Gliedern und Organen des Leibes zu treiben begann und dadurch alle die zubereiteten, bisher aber noch schlummernden Nerven zum Fühlen und Wirken anregte. Im Augenblick hatte das belebende Element auch das Gehirn erreicht und dasselbe zum Empfinden und Denken befähigt - Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch, Gefühl folgten unmittelbar; mit einem Wort: aus dem leblosen menschlichen Organismus wurde ein Mensch, ein sich selbst bewusstes Wesen, oder wie der Text sagt: eine "lebendige Seele." Der Ausdruck "lebendige Seele" bedeutet somit nichts mehr und nichts weniger als "empfindungsfähiges Wesen", d.h. ein Wesen, das fühlen, wahrnehmen und denken kann. Beachten wir aber ferner, dass es für Adam, trotz der Vollkommenheit seines Organismus, nötig war, sein Leben - seine Seele oder sein empfindendes Wesen - zu unterhalten durch den Genuss der Früchte von den Lebensbäumen. Und als er sündigte, ließ ihn Gott aus dem Garten treiben, "damit er seine Hand nicht ausstrecke und nehme auch von dem Baume (Mehrzahl: den Bäumen) des Lebens und esse und lebe ewiglich (durch den beständigen Genuss dieser Früchte)." - 1. Mose 3:22

Wie doch die Nebel und Geheimnisse verfliegen und verschwinden vor dem Licht der Wahrheit, das uns aus dem göttlichen Worte so hell entgegen leuchtet!

Trotzdem der Mensch von seiner ursprünglichen Vollkommenheit weit abgekommen ist (durch seinen Fall in Sünde und Tod), und durch sein beständiges Sinnen auf niedrige und gemeine Dinge viele seiner geistigen Fähigkeiten vernachlässigt und ganz verkümmert wurden, so sind doch alle seine ursprünglichen Fähigkeiten noch in seinem Gehirn vorhanden, wenn auch schlummernd, und sie können entwickelt werden, was bei den auch jetzt noch fast vollkommenen Exemplaren des Tierreiches nicht der Fall ist. So sehen wir, dass der Schöpfer den Menschen mit einem viel feineren Organismus ausrüstete und ihn dadurch hoch über das Tierreich erhob. Menschen und Tiere besitzen ähnliches Fleisch und Gebein, sie atmen dieselbe Luft, trinken vom gleichen Wasser, genießen ähnliche Nahrung und sind alle mit Intelligenz begabte Seelen oder Geschöpfe. Dank seinem besseren Körper oder feineren Organismus besitzt der Mensch aber Fähigkeit zu höherer Intelligenz, und er wird von seinem Schöpfer auf eine ganz andere Weise behandelt. In dem Verhältnis, wie die Sünde den Menschen von seiner ursprünglichen Schöpfer-Ähnlichkeit degradiert, kann von ihm gesagt werden, er sei "tierisch" - eher den Tieren ähnlich, weil aller feineren Gefühle beraubt.

Wem nun über diesen Gegenstand die Augen des Verständnisses aufzugehen beginnen, und wer erkennt, dass das Wort "Seele" Intelligenz, Wesen bezeichnet, und die Worte "Odem" und "Geist des Lebens" die göttliche Kraft zum Leben bedeutet, der wird aus dem Vorhergesagten deutlich ersehen, dass jede ihres Lebens bewusste Kreatur aufs erste einen Leib oder Organismus besitzt und zweitens den diesen Leib belebenden Geist oder Lebensodem, woraus drittens, als Ergebnis der beiden ersten, die Existenz oder Seele entsteht. Zum leichteren Verständnis der Leser erinnern wir an die Ähnlichkeit zwischen Seele und Hitze. Wenn ein Stück Kohle unter günstigen Verhältnissen dem Sauerstoff der Atmosphäre ausgesetzt und dann entzündet wird, so entsteht dabei etwas Drittes, nämlich die Hitze. Die Kohle ist nicht die Hitze, trotzdem sie Eigenschaften hat, welche unter günstigen Verhältnissen Hitze erzeugen würden; aber auch der Sauerstoff ist nicht Hitze, obwohl er unter geeigneten Umständen ein Hitze erzeugendes Element sein kann. Ziehen wir nun den Vergleich, so ergibt sich, dass der Leib nicht die Seele ist, trotzdem er Eigenschaften besitzt, die zur Seele unentbehrlich sind; andererseits ist auch der Odem nicht die Seele sondern die von Gott kommende Kraft, die zur Erzeugung der empfindungsfähigen Geschöpfe unbedingt notwendig ist. Aber wenn der Leib unter geeigneten Umständen mit dem Odem oder Geist des Lebens in Verbindung kommt, dann entsteht daraus etwas Neues - ein Wesen, eine Seele, ein fühlendes Geschöpf.

Der Prozess der Auflösung, der Tod, bestätigt das oben Gesagte aufs deutlichste, denn sobald der Odem des Lebens ausgeht, so erfolgt unmittelbar der Tod. Aber was stirbt nun? Der Odem des Lebens? Sicherlich nicht, denn der Odem war nie ein fühlendes Wesen, er ist ein Prinzip oder eine Kraft, wie z.B. die Elektrizität; er hat weder Gedanken noch Empfindungen und kann an und für sich also weder leben noch sterben. So muss doch der Leib sterben!? Nein, auch der Leib nicht! Der Leib kann wohl das Leben, womit der Vater ihn ausgerüstet, verlieren; aber der Leib ohne Odem oder Geist des Lebens ist bewusst und gefühllos. Man hat also ebenso wenig Grund zu behaupten, dass der Leib sterbe; er war leblos, bevor der Geist des Lebens eintrat, und wird wieder leblos, wenn der Geist des Lebens ihm entzogen wird.

Aber was stirbt denn eigentlich? Nun, die Antwort liegt auf der Hand: - Die Seele stirbt, das empfindungsfähige Wesen hört auf zu bestehen. Vergessen wir also nicht, dass das empfindungsfähige Wesen durch die Vereinigung des Lebensodems oder -Geistes mit dem Organismus entstanden ist, und dass eine Auflösung oder Trennung dieser beiden Elemente das Aufhören des Wesens oder der Seele, d.h. den Tod bedingt. Dass dies bei der niedrigen Kreatur der Fall ist, wird niemand auch nur einen Augenblick bezweifeln; aber trifft es nicht eben sowohl beim Menschen zu, bei der höchsten Gattung des Tierreiches, die nach des Schöpfers Ebenbild und in dessen moralischer Ähnlichkeit erschaffen wurde? Ja wohl, es trifft beim Menschen nicht weniger zu, und dass dem also sein muss, wird jeder nachdenkende Leser als selbstverständlich betrachten. Wir sind uns freilich bewusst, dass einige wenige Schriftstellen verdreht und fälschlich so verständen werden können, als würden sie unserer Behauptung direkt zuwiderlaufen. Wir werden die betreffenden Stellen jedoch später in Betracht ziehen und herausfinden, dass sie mit dem Gesagten in schönstem Einklang stehen.

Um die Verwandtschaft zwischen dem menschlichen und tierischen Leib, Geist und Seele noch besser zu zeigen, möchten wir den lieben Leser an die Kerze erinnern: Die nicht angezündete Kerze kann mit dem unbelebten, menschlichen Leib oder Körper verglichen werden, während das Anzünden der Kerze der ursprünglichen Einpflanzung des Lebenskeimes durch den Schöpfer entspricht. Die Flamme oder das Licht ist ein schönes Bild für das empfindungsfähige Wesen, die Intelligenz oder Seele, und die den Sauerstoff enthaltende Luft, welche in Verbindung mit dem Brennstoff der Kerze die Flamme unterhält, stellt uns trefflich den Odem oder Geist des Lebens dar, der, mit dem physischen Organismus verbunden, intelligentes Wesen oder Seele erzeugt. Wird nun durch irgend einen Zufall die Kerze zerstört, so erlischt die Flamme selbstverständlich, und so verhält es sich auch mit Mensch und Tier: Wenn der Leib durch Krankheit oder Unfall zerstört wird, so hört die Seele, das Wesen - Intelligenz und Persönlichkeit - auf. Oder wenn wir andererseits der Kerze den Luftzufuhr abschneiden, sei es durch Aufsetzen eines Löschhütchens oder durch Untertauchen der Kerze ins Wasser, so ersticken wir dadurch die Flamme, trotzdem die Kerze dabei nicht im geringsten beschädigt worden ist. Gleicherweise hört auch die Seele, das Leben, die Existenz bei Mensch und Tier sofort auf, wenn ihnen der Odem des Lebens (durch Ersticken oder Ertrinken) entzogen wird, so unversehrt der Leib auch geblieben sein mag. Die angezündete Kerze kann unter günstigen Verhältnissen auch andere entzünden, ist aber die Flamme einmal erloschen, so vermag sie weder sich selbst noch andere Kerzen wieder anzünden: so kann auch der Mensch oder das Tier als lebendige Seele nach göttlicher Einrichtung andere Seelen oder Wesen erzeugen - Nachkommen; ist aber der Lebenskeim einmal ausgegangen, so hört die Seele oder das Wesen auf und damit auch jegliche Fähigkeit zu denken, zu fühlen oder sich fortzupflanzen. Im Einklang mit dem Gesagten lesen wir bezüglich Jakobs Kinder: "Und es waren alle Seelen, die aus den Lenden Jakobs hervorgegangen waren, siebzig Seelen" 2. Mose 1:5. Jakob hatte seinen Lebenskeim sowohl wie auch seinen physischen Organismus und somit auch das Erzeugnis dieser beiden Elemente, nämlich seine Seele, sein intelligentes Wesen von Isaak und also von Adam empfangen, welch letzterer einzig sein Leben direkt vom Schöpfer empfing. Jakob pflanzte Leben, Organismus und Seele wieder weiter, auf seine Nachkommen, und so verhält es sich mit der ganzen Menschheit.

Eine erloschene Kerze kann von irgend jemand, der über die nötigen Mittel verfügt, wieder angezündet werden; der des Lebenskeimes entblößte menschliche Leib dagegen muss dem göttlichen Gesetz gemäß "vergehen", wieder zu Staub werden, wovon er genommen ist, und sein Lebenskeim kann nicht wieder "entzündet" werden, es sei denn durch göttliche Kraft - durch ein Wunder. Die verheißene Auferstehung bedeutet somit eine "Wiederentzündung" oder Wiedererweckung animalischer Existenz oder Seele, da nun kein Wesen oder Seele ohne einen Leib bestehen kann, so erhellt daraus, dass bei einer Auferweckung von Wesen oder Seelen neue Leiber, neue Organismen, mit inbegriffen sind. So versichert uns die Schrift, dass die zum Staub zurückkehrenden menschlichen Körper nie wiederhergestellt werden, sondern dass Gott in der Auferstehung einem jeden einen Leib geben wird nach seinem Gutfinden. - 1. Kor. 15:37-40

Der Apostel erklärt in diesen Versen, dass in der Auferstehung eine besondere Klasse einer neuen Natur wird würdig erachtet werden - der geistigen Natur, statt der menschlichen oder fleischlichen, und dass diese große Naturverwandlung, wie wir erwarten sollten, darin bestehen wird, dass die Glieder dieser Klasse eine andere Art Leib empfangen. Die Kerze kann uns auch hier zum Beispiel dienen. Angenommen, die fleischliche oder menschliche Natur werde durch die Talgkerze vertreten, so könnte der neue Leib durch die heller brennende Wachskerze oder besser noch durch eine elektrische Bogenlampe dargestellt werden.

Wäre uns die Auferstehung nicht durch unseren allmächtigen und allweisen Schöpfer verbürgt, so könnten wir mit Recht irgend einen Missgriff befürchten, wobei die Identität (die Persönlichkeit) des einzelnen verloren gehen würde, besonders bei solchen, denen eine Natur-Verwandlung gewährt wird durch ihr Teilhaben an der Ersten Auferstehung als Geistwesen. Wir dürfen aber auch diese Angelegenheit, wie alle anderen, Ihm überlassen, mit dem wir es zu tun haben. Er kennt all unsere Gedanken und ist imstande, dieselben im neuen Gehirn wiederzuerzeugen, so dass auch keine einzige unserer hier empfangenen Lektionen und gemachten wertvollen Erfahrungen verloren sein wird. Er ist zu weise, als dass er sich irren könnte, und zu gut, um hart oder lieblos zu sein; und was er verheißen hat, wird er auf eine Art und Weise erfüllen, die dann all unser Bitten und Erwarten weit übersteigt.

Manche scheinen zu glauben, dass die beerdigten Leiber in allen ihren Teilen wiederhergestellt werden sollen; dass aber dem nicht also ist, bezeugt des Apostels Wort: "Du säest (in den Tod) nicht den Leib, der werden soll." Die Seele oder das empfindungsfähige Wesen ist es, was Gott durch seine Erweckungskraft wiederherzustellen beabsichtigt, und er wird in der Auferstehung jeder Person (jeder Seele oder jedem fühlenden Wesen) einen solchen Leib geben, wie ihn seine unendliche Weisheit vorgesehen hat: der Kirche - der in diesem Zeitalter auserwählten "Braut" - geistige Leiber, und der übrigen Menschheit (der Wiederherstellungsklasse) menschliche Leiber, doch nicht die, welche sie im Tode verloren. - 1. Kor. 15:37, 38

Wie bei Adams Erschaffung die Vereinigung eines Organismus (Körpers) mit dem Odem des Lebens ein fühlendes Wesen oder eine Seele erzeugte, so bewirkt die durch irgend eine Ursache hervorgerufene Trennung dieser beiden Elemente das Ende jedes fühlenden Wesens - das Aufhören aller Gedanken und Empfindungen. Die Seele (das fühlende Wesen) hört auf zu bestehen; der Leib zerfällt in Staub, wovon er genommen ist, währenddem der Geist oder Odem des Lebens zurückkehrt zu Gott, welcher ihn dem Adam und durch denselben der ganzen Menschheit mitgeteilt hat (Pred. 12:7). Er kehrt in dem Sinne zu Gott zurück, dass er fortan nicht mehr unter der menschlichen Gewalt steht, wie bei der Zeugung, und dass er nur durch die göttliche Kraft den Menschen je wieder gegeben werden kann. Wenn wir als vom Herrn Belehrte uns dieser Tatsache stets erinnern, so setzen wir als natürliche Folge davon unsere Hoffnung auf zukünftiges Leben durch die Auferstehung allein auf Gott und auf Christum, seinen nun erhöhten Stellvertreter (Luk. 23:46; Apg. 7:59). Wenn Gott also für das zukünftige Leben des Menschen nicht durch ein Lösegeld und eine verheißene Auferstehung Vorsorge getroffen hätte, so würde der Tod für die Menschheit das Ende jeglicher Hoffnung bedeutet haben. -1 . Kor. 15:14-18

Gott hat aber für unser Wiederleben Vorkehrungen getroffen, und seit dem er seine gnädigen Ratschlüsse bekannt gegeben, haben alle seine inspirierten Schriftsteller, Propheten sowohl wie Apostel, den Zustand der Menschen zwischen ihrem Tod und dem Auferstehungsmorgen nie anders als einen "Schlaf", d.h. als eine Zeit gänzlicher Bewusstlosigkeit dargestellt, was jeder denkende Mensch auch selbstverständlich finden muss. Der Vergleich dieses Zwischenzustandes mit dem Schlaf ist übrigens ein ganz vortrefflicher, denn die Menschen werden den Augenblick ihrer Auferweckung als den nächsten Moment nach ihrer Auflösung empfinden. So sprach z.B. auch unser Herr vom Tode des Lazarus: "Lazarus, unser Freund, ist eingeschlafen; aber ich gehe hin, auf dass ich ihn (von seinem Schlafe) aufwecke." Nachher aber, als er sah, dass seine Jünger ihn nicht verstanden hatten, sagte er: "Lazarus ist gestorben" (Joh. 11:11). Angenommen, die Lehre, dass die Menschen ihr Bewusstsein auch im Tode beibehalten, sei richtig, ist es dann nicht merkwürdig, dass Lazarus nicht das Geringste von seinen Erfahrungen erzählte, die er während jenen vier Tagen gemacht hatte? Es wird doch niemand behaupten wollen, er sei in einer "Hölle" und in der Qual gewesen, denn unser Herr hieß ihn ja seinen "Freund". Wäre er aber in himmlischer Seligkeit gewesen, so hätte ihn unser Herr nicht wieder zurückgerufen, denn damit hätte er ihm wahrlich keinen Freundesdienst erwiesen. Wie unser Herr erklärte, hat Lazarus aber geschlafen, und der Herr erweckte ihn zu Leben und Bewusstsein, er wurde wieder ein fühlendes Wesen, eine Seele; und dieses ganze Wunderwerk Jesu ist sowohl von Lazarus wie auch von seinen Freunden augenscheinlich als eine große Gnade anerkannt und gewürdigt worden.

Der Gedanke, dass wir uns jetzt in der Nacht des Sterbens und des Schlafens befinden im Vergleich mit dem Morgen der Auferweckung und Auferstehung, durchzieht die ganze Bibel. "Während einer Nacht dauert das Weinen, aber am Morgen kommt die Freude" (Psalm 30:5 engl. Übers.) - am Auferstehungsmorgen, wenn die Schläfer aus ihren Gräbern hervorkommen werden, wie der Prophet es schildert: "wachet auf und jubelt, die ihr im Staube (der Erde) lieget!" - Jes. 26:19.

Auch die Apostel bedienten sich häufig dieser passenden und hoffnungsvollen Redensart. so sagt Lukas von Stephanus, dem ersten Märtyrer, "er entschlief"; den gleichen Ausdruck legt er auch dem Paulus in den Mund, indem er dessen Rede zu Antiochien wiedergibt und in Bezug auf David schreibt, "er entschlief" Apg. 7:60; 13:36. Petrus braucht die gleiche Redensart, indem er sagt: "Die Väter sind entschlafen" (2. Petr. 3:4). Und Paulus selbst bediente sich derselben öfters, wie wir aus den folgenden Stellen zur genüge ersehen können:

"Wenn aber der Mann entschlafen ist.". - 1. Kor. 7:39

"Von denen die meisten bis jetzt übriggeblieben, etliche aber auch entschlafen sind.". - 1. Kor. 15:6

"Wenn es aber keine Auferstehung gibt, ... dann sind auch die, welche in Christo entschlafen sind, verloren gegangen." - 1. Kor. 15:13-18

"Nun aber ist Christus aus den Toten auferweckt, der Erstling der Entschlafenen." - 1. Kor. 15:20

"Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: wir werden nicht alle schlafen." - 1. Kor. 15:51

"Wir wollen aber nicht, Brüder, dass ihr, was die Entschlafenen betrifft, unkundig seid." - 1. Thess. 4:13

"Gott wird die durch Jesum Entschlafenen mit ihm bringen (griechisch "herausführen" - aus dem Tode)." - 1. Thess. 4:14

Wenn das Königreich und die Zeit der Auferstehung hereinbricht, "werden wir, die übrigbleiben, in der Ankunft (Gegenwart, griechisch Parusia) des Herrn, den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen." - 1. Thess. 4:15

Der gleiche Gedanke liegt auch in Daniels Beschreibung der Auferstehung: "Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden erwachen" Dan. 12:2. Aus dieser Stelle ergibt sich demnach, dass bei den Schäfern beides, die guten und die bösen inbegriffen sind. Sie "entschliefen" im Frieden, um auf den Tag Christi - den Tausendjahrtag - zu warten, in der festen Überzeugung; "dass er (Christus) mächtig ist, das ihm von mir (ihnen) anvertraute Gut auf jenen Tag zu bewahren". - 2. Tim. 1:12

Im Alten Testament kommt dieser Gedanke nicht minder häufig vor, und von jener Zeit an, da Gott dem Abraham zum ersten Mal das Evangelium von einer Auferstehung verkündigte, hat sich der Ausdruck "mit seinen Vätern entschlafen" im Alten Testament so zu sagen eingebürgert. Hiob kleidet den Gedanken in ganz besonders deutliche Sprache, wenn er sagt: "O, dass du in dem Scheol mich versteckst, mich verbirgst, bis dein Zorn sich abwendete (vorüber wäre)". Die gegenwärtige Zeit des Sterbens ist die Zeit des Zornes Gottes, indem um Adams Sünde willen der Fluch des Todes auf der ganzen Menschheit lastet. Es ist uns aber verheißen, dass der Fluch zu einer bestimmten Zeit aufgehoben werden wird, und dass durch den Erlöser ein Segen auf alle Geschlechter der Erde kommen soll; und so fährt denn Hiob weiter: "All die Tage der mir verordneten Zeit will ich warten, bis meine Wandlung kommt; (dann) wirst du rufen (Joh. 5:25), und ich will dir antworten, du wirst dich sehnen nach dem Werk deiner Hände" (Hiob 14:14, 15 engl. Übers.) Und die wir dem Neuen Bunde angehören, lesen die entsprechende Antwort des Herrn: "Alle, die in den Gräbern sind, werden die Stimme des Sohnes Gottes hören (sie werden erwachen und zu voller Erkenntnis Gottes kommen und somit zu reichlicher Gelegenheit, das ewige Leben zu erlangen)." - Joh. 5:25, 28, 29; 6:45

Dieser Todesschlaf ist eine Periode der vollständigsten Bewusstlosigkeit, so dass die Auferweckten keine Ahnung von dessen Zeitdauer haben werden. Der "Schlaf" ist allerdings hier ein bloß angepasster, d.h. bildlicher Ausdruck, denn die Toten sind wirklich tot, gänzlich vernichtet, ausgenommen, dass Gott in seiner Weisheit ihre Identität (ihr Gedächtnis) aufbewahrt und durch Christum ihre Auferweckung verordnet hat - ihre Neugestaltung und Auferstehung. Und das wird in der Tat eine Neuschöpfung sein - eine größere Offenbarung der göttlichen Macht als es die ursprüngliche Erschaffung Adams und Evas war, indem diese Neuschöpfung die ungeheure Zahl von 50 Milliarden einschließen wird, statt nur zwei Personen - eine Wiedererzeugung unendlicher Verschiedenheit, statt der ursprünglichen Einheit in Adam. Ja, allein unser Gott besitzt solch unbegrenzte Weisheit und Allmacht, und er ist beides, fähig und willig, das großartige Werk hinaus zuführen. In der Ausrottung des von Gott eine Zeitlang zugelassenen Bösen werden all die herrlichen Einzelheiten des göttlichen Charakters zu Tage treten, wie sie sonst nicht offenbar und erkannt worden wären. So werden vor Engeln und Menschen die Gerechtigkeit und Liebe, die Allmacht und Weisheit Gottes hervor leuchten, und alle seine Geschöpfe werden einen so herrlichen Charakter bewundernd anerkennen und sich dessen Einzelheiten anzueignen suchen.

Das Zeugnis der heiligen Schrift betreffend die Notwendigkeit einer Auferstehung der Toten ist ganz klar und bestimmt - wie könnte aber von einer Auferweckung die Rede sein, wenn niemand tot wäre, sondern, wie viele es behaupten, "alle, die zu sterben scheinen, viel lebendiger werden als sie es zuvor waren?" Eine solche Behauptung widerspricht nicht nur den fünf Sinnen eines jeden denkenden Wesens, sondern auch der bestimmten Erklärung der Schrift: "Denn für einen jeden, der all den Lebenden zugesellt wird, gibt es Hoffnung; denn selbst ein lebendiger Hund ist besser daran als ein toter Löwe. Denn die Lebenden (auch die mit Vernunft am wenigsten begabten) wissen, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen gar nichts, und sie haben keinen Lohn mehr, denn ihr Gedächtnis ist (in den allermeisten Fällen) vergessen. Sowohl ihre Liebe als auch ihr Hass und ihr Eifern sind längst verschwunden, und sie haben ewiglich (hebr.: Olam, für eine lange unbestimmte Zeit) kein Teil (kein Interesse) mehr an allem, was unter der Sonne geschieht ... Alles, was du zu tun vermagst mit deiner Kraft, das tue; denn es gibt weder Tun noch Überlegung, noch Erkenntnis noch Weisheit im Scheol (Scheol ist der Zustand der Toten und betrifft die Seele, im Gegensatz zu "Grab", dem Orte, wo die toten Leiber hingelegt werden, und wofür im Hebräischen "Gebar" steht. Siehe Psalm 30:3; 49:15; 89:48; im Gegensatz zu 2. Chron. 34:28; Hiob 10:19; Psalm 88:5. Die Seele unseres Herrn ging in den Scheol, den Zustand des Todes (Psalm 16:10; Apg. 2:27), währenddessen sein Leib im Grabe eines Reichen gelegen hat. Jes. 53:9.) wohin du (die Seele, das fühlende Wesen) gehst." - Pred. 9:4-10; Jes. 26:14

"Du machst zu Nichte die Hoffnung der Menschen. Du überwältigst ihn für immer, und er geht dahin; sein Angesicht entstellend, sendest du ihn hinweg. Seine Kinder kommen zu Ehren, und er weiß es nicht, und sie werden gering, und er achtet nicht auf sie." - Hiob 14:19-21; Jes. 63:16

Beachte auch die Bedeutung der Apostelworte in dem bekannten, über die Auferstehung handelnden Kapitel, 1. Kor. 15:12-54. Er sagt:

"Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er aus den Toten auferweckt sei, wie sagen etliche unter euch, dass es keine Auferstehung gibt?"

Wenn die Toten nicht tot sondern "lebendiger sind als zuvor", dann gibt es ja überhaupt keinen Toten, und somit wäre die Auferstehung der Toten ein Ding der Unmöglichkeit. Der Apostel glaubte aber an keine derartige Lehre, sondern bezeugt im Gegenteil, dass die Toten vergehen wie die niedrigere Kreatur, und verloren wären, wenn Gott sie nicht auferwecken würde, und dass all unsere Hoffnungen für sie vergeblich wären, wenn sie nicht Auferstehungshoffnungen seien. Beachte jedes Wort dieser kräftigen Beweisführung Paulus, als eines der größten Logiker, welche die Geschichte aufzuweisen vermag:

"Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, so ist auch Christus nicht auferweckt (sondern immer noch tot); wenn aber Christus nicht auferweckt (sondern noch tot) ist, so ist also auch unsere Predigt vergeblich, aber auch euer Glaube vergeblich (weil ein toter Christus nichts wissen und niemandem helfen könnte). Wir werden aber auch als falsche Zeugen Gottes erfunden (wir sind gottlose Betrüger anstatt von Gott gesandte Lehrer); weil wir in Bezug auf Gott gezeugt haben, dass er den Christus auferweckt habe, den er nicht auferweckt hat, wenn wirklich Tote nicht auferweckt werden. Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, so ist auch Christus nicht auferweckt."

Man sollte beachten, dass Paulus in seiner Beweisführung nicht auf eine Auferweckung des Leibes abgesehen hat, sondern auf eine Auferweckung des Wesens oder der Seele; - dass "seine Seele dem Scheol (Hades) nicht gelassen werde" Psalm 16:10; Apg. 2:31, 32). Hätte Paulus der heutzutage im Schwange gehenden Auferstehungslehre gehuldigt, so würde er sich wohl etwa geäußert haben: Einige von euch reden von einer Auferstehung des Leibes, als wäre dieselbe ohne Bedeutung; sie ist aber sehr wichtig, denn der Leib ist in Wirklichkeit ein "Hindernis", ein Gefängnis" für die Seele, welche viel besser daran wäre, wenn sie davon "befreit bliebe". Die Auferstehung des Leibes wird, wann irgend sie stattfinden mag, als ein Unglück empfunden werden, indem sie das "Wiedergefangen nehmen" der Seele und infolgedessen eine Beschränkung ihrer Fähigkeiten nach sich zieht.

Der Apostel sagt aber gar nichts Derartiges, weil er damit der Wahrheit ins Gesicht geschlagen hätte. Er lehrte eine Auferstehung der Seele oder des fühlenden Wesens vom Zustand der Bewusstlosigkeit, des Todes; die Auferstehung des gestorbenen Leibes jedoch bestritt er, indem er sagt: "Du säest nicht den Leib, der werden soll:... (In der Auferweckung des Wesens oder der Seele) gibt Gott ihm einen (neuen) Leib, wie er gewollt hat und einem jeden der Samen seinen eigenen (den für ihn passenden) Leib" 1. Kor. 15:37, 38. Die Massen der Menschheit (des menschlichen Samens) werden menschliche Leiber empfangen, doch nicht die gleichen Leiber, die in der Erde vermoderten, und deren Bestandteile sich in unendlich kleine pflanzliche oder tierische Organismen verwandelten. Die Glieder der Kirche werden geistige Leiber empfangen, gleich demjenigen ihres auferstandenen Herrn und gänzlich verschieden von ihren irdischen Leibern - wie denn auch der Apostel erklärt: "Es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass, wenn er offenbar werden wird, wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist" - nicht wie er war. - 1. Joh. 3:2

Lasst uns aber die Beweisführung des Apostels weiter verfolgen. Er erklärt:

"Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist euer Glaube eitel; ihr seid noch in euren Sünden. Also sind auch die, welche in Christo entschlafen sind, verloren gegangen." - Vers 17, 18

Denjenigen, welche behaupten, dass die Seele nicht sterben kann und wirklich nicht stirbt, welche somit die Auferweckung der Seele oder des fühlenden Wesens leugnen und infolgedessen genötigt sind, alle die Auferweckung betreffenden Schriftzeugnisse nur auf den Leib anzuwenden, verursachen diese Worte des inspirierten Apostels große Verlegenheit. Wenn sie behaupten, dass Christus während jenen drei Tagen (von welchen er selbst erklärt: "Ich war tot") lebendig gewesen sei - "lebendiger als je" - und dass sein Auferstehungsleib derselbe sei, den man als verwundet und vernarbt in Josephs Grab gelegt, wie wollen sie denn beweisen, dass der Glaube an einen Christus, der ja doch nicht gestorben (sondern bloß seinen Leib für drei Tage beiseite gelegt hatte), ein eitler Glaube sei? Wie können sie zugeben, dass solch ein Glaube nicht von der Verdammnis befreit? Wie wollen sie beweisen, dass der von seinem Leibe "befreite" und deshalb nur "um so lebendigere" Christus ohne seine Auferstehung den Sündern nicht helfen könnte, und also alle in Christo Schlafenden "verloren" seien?

Ihre ganze Theorie steht in argem Gegensatz zu der von der heiligen Schrift bestätigten Tatsache. Sie leugnen, dass irgend eine Seele sterben (griech.: apollymi - vernichtet werden) könne, während der Apostel sagt, dass es geschehe, und selbst unser Herr erklärt: "Gott vermag beides, Leib und Seele, gänzlich zu zerstören." Sie leugnen mit ihrer Theorie, dass es in Christo Entschlafene gibt, da sie ja nicht zugeben wollen, dass der Tod ein Schlaf sei, dem am Auferstehungsmorgen ein Erwachen folgen werde, trotzdem sowohl unser Herr selbst wie auch seine Apostel und alle heiligen Propheten einstimmig den Tod als einen Schlaf erklären, von dem allein durch Gottes Macht die Seele oder das fühlende Wesen wieder zum Bewusstsein, zum Leben erweckt werden kann. Auch die, welche in der Ersten Auferstehung die Verwandlung zur göttlichen Natur erfahren, werden so sicher Seelen sein, als sie es in ihrer irdischen Natur gewesen sind. Ist doch Gott selbst eine Seele wenn jemand sich zurückzieht, so wird meine Seele (Psyche, fühlendes Wesen) kein Wohlgefallen an ihm haben". - Hebr. 10:38

Die platonische Philosophie (wonach der Mensch nicht sterben kann, sondern bei seinem Tode nur zu sterben scheint) hatte sich zur Zeit des ersten Advents in ganz Griechenland eingebürgert und bildete für die Verbreitung des Evangeliums unter den Heiden ein großes Hindernis. So lesen wir z.B., dass, als Paulus in Athen predigte, ihm die Philosophen als einem großen Lehrer willig Gehör schenkten, bis er auf die Auferstehung der Toten zu sprechen kam - da war es genug; sie hatten sodann kein Interesse an seiner Lehre, indem sie ihren Glauben als einen großen Vorsprung hielten, im Vergleich zu der jüdischen Idee, wonach die Toten ohne eine Auferstehung keine zukünftige Existenz zu erwarten hätten. "Als sie aber von Toten-Auferstehung hörten (und daraus erkannten, dass Paulus mit ihrer Lehre von der Unsterblichkeit der Seele nicht einig ging), spotteten die einen, die anderen aber sprachen: Wir wollen dich darüber auch nochmals hören." - Apg. 17:32

Die heidnische Idee, dass der Tod nicht ein Aufhören der Existenz, sondern eine Stufe zu vollkommenerem Leben bedeute, hatte zur Zeit des ersten Advents den jüdischen Glauben nicht im geringsten verscheucht. Die Pharisäer bildeten die Hauptsekte unter den Juden, und unser Herr erkannte sie als Nachfolger und Vertreter des mosaischen Gesetzes an, indem er erklärte: "Die Schriftgelehrten und Pharisäer haben sich auf Moses Stuhl gesetzt" (Matth. 23:2). Die an Zahl geringere Sekte der Sadduzäer stand in Bezug auf ihren Einfluss den Pharisäern am nächsten; sie waren eigentliche Ungläubige, Materialisten. Sie leugneten jede zukünftige Existenz und glaubten, der Mensch sterbe genau wie das Tier, indem sie keine Auferstehung der Toten zugaben. Sie glaubten nicht an all die messianischen Verheißungen und leugneten das Dasein jeglicher übermenschlicher Wesen, wie Engel 2c) Josephus sagt freilich etwas von einer Sekte, welche der unter den Heiden allgemein verbreiteten platonischen Lehre huldigte, laut welcher der Mensch in Wirklichkeit nie sterbe, sondern in der als Tod bekannten Krisis nur einen Fortschritt in seiner Lebensentwicklung mache. Vergessen wir aber nicht, dass Josephus seine jüdische Geschichte schrieb, während er am römischen Hofe weilte, und dass er damit das Interesse des Kaisers und seines Hofes für die jüdische Nation zu gewinnen suchte. Die Römer hatten die Juden als ein "halsstarriges und aufrührerisches Volk" kennen gelernt, und sie schrieben ihren Charakter zu guten Teil ihrer sonderbaren Religion zu. In gewisser Beziehung war dies eine richtige Vermutung, denn es ist eine unbezweifelte Tatsache, dass die Wahrheiten göttlicher Offenbarung in ihren Verehrern einen gewissen Geist der Freiheit erwecken - indem sie die großen Unterschiede zwischen Priesterschaft und gewöhnlichem Volk und zwischen Königen und Untertanen ganz beträchtlich verringern, denn laut dem Worte Gottes gilt bei dem höchsten Richter und König kein Ansehen der Person - alle müssen vor ihm offenbar werden. Josephus wünschte aber diesem biblischen Charakterzug seines Volkes und damit auch der jüdischen Religion entgegenzutreten; er tat deshalb der Wahrheit Gewalt an, indem er dem römischen Hof zu zeigen suchte, dass die Religion seines Volkes mit verschiedenen heidnischen Religionen 1. in Bezug auf das Bewusstsein der Toten, und 2. in Betreff des Glaubens an eine ewige Qual (An die ewige Qual glaubten die Juden nie, einige wenige ausgenommen; die römischen Kaiser begünstigten diese Theorie, indem dieselbe den kaiserlichen Einfluss auf das gewöhnliche Volk vermehrte. Später legten sich die Kaiser den Titel "Pontifex Maximus" (höchster religiöser Herrscher) bei, welcher Titel nachher von der röm. katholischen Kirche den Päpsten verliehen wurde.), völlig übereinstimme. Um das zu beweisen, erwähnt er die Sekte der Essenier, als wäre sie die maßgebende unter den Juden gewesen. In Wirklichkeit war diese Sekte aber so unbedeutend, dass sie im ganzen Neuen Testament nur gar nirgends erwähnt ist und augenscheinlich auch nie, weder mit dem Herrn noch mit den Aposteln in Berührung kam, während auf die Pharisäer und Sadduzäer beständig und häufig Bezug genommen ist.

"Für ihn leben alle."
- Luk. 20:37, 38 -

Kurz nachdem unser Herr die Doktoren des Gesetzes und die Pharisäer und Schriftgelehrten durch Beantwortung ihrer Fragen in Verwirrung gebracht hatte, kamen die Sadduzäer mit einer Frage und hofften damit die Lehren des Herrn widerlegen zu können und ihre Stellung als Ungläubige zu rechtfertigen. Diesen Sadduzäern, welche behaupteten, die Toten bleiben für immer tot, entgegnete unser Herr: "Dass aber die Toten auferstehen, hat auch Mose angedeutet in dem Dornbusch, wenn er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. Er ist aber nicht Gott der Toten, sondern der Lebendigen: denn für ihn leben alle."

Jesus brachte dies als einen selbst redenden Beweis, "dass die Toten auferstehen", indem sich Gott sicherlich nicht auf Wesen berufen würde, die gänzlich und für immer von jeder Existenz abgeschnitten sind. Er beweist damit ferner, dass Gott in seinem Plan eine Auferstehung bestimmt hatte, und dass diejenigen, welche von den Menschen "tot" genannt werden, "für ihn alle leben". Von Gottes Standpunkt aus betrachtet, "schlafen" sie nur. Und deshalb spricht das Wort Gottes von solchen als von "Entschla­fenen" und nicht als von Vernichteten. Die ursprüngliche Strafe lautete allerdings auf Vernichtung, aber diese Strafe ist durch das Lösegeld nun aufgehoben. So spricht deshalb Mose: "Du läsest zum Staub zurückkehren den Menschen, und sprichst (in der Auferstehung): Kehret zurück, ihr Menschenkinder!" Psalm 90:3; 103:4. Indem er sagt: "Ich bin der Gott Abrahams", spricht Gott nicht nur von vergangenen Dingen als wären sie noch gegenwärtig, sondern auch zukünftigen als wären sie schon da. - Röm. 4:17

Geist, Seele und Leib der Kirche (Herauswahl)
- 1. Thess. 5:23 -

Die Ausdrücke Geist, Seele und Leib werden hier im bildlichen Sinn in Bezug auf die gesamte Kirche (Herauswahl) gebraucht. Paulus bittet den Herrn: "Euer ganzer Geist und Seele und Leib werde tadellos bewahrt auf die Gegenwart unseres Herrn Jesu Christi." Dieses Gebet müssen wir als sich auf die erwählte Kirche, auf die, deren Namen im Himmel angeschrieben sind. Der wahre Geist der "kleinen Herde" ist erhalten geblieben, und auch ihr Leib (Körper) kann trotz der Unmasse von Scheinweizen (Lolch), die ihn zu verstecken und zu ersticken droht, noch heute unterschieden werden. Und ihre Seele, ihre Intelligenz, ihre Tätigkeit, ihr empfindendes Wesen offenbart sich überall und zeugt vor allem Volk von dem Kreuz, von der Versöhnung.

Anders lassen sich diese Worte des Apostels nicht auslegen; denn so sehr auch die Ansichten betreffend die Erhaltung der persönlichen "Geister" und "Seelen" der hier angeredeten Leute von einander abweichen mögen, so stimmen doch alle darin überein, dass ihre Leiber nicht erhalten geblieben, sondern auch zu Staub und Asche geworden sind, wie diejenigen aller übrigen Menschen. Zudem ist zu beachten, dass in dieser Stelle die Worte "Geist, Seele und Leib" in der Einzahl und nicht in der Mehrzahl gebraucht werden.

Was bedeutet Scheol oder Hades, wohin alle Seelen gehen?

Da es von den Seelen oftmals heißt, sie gehen in den Scheol oder Hades, so hat man die Theorie aufgestellt, es müsse nach der Auflösung des Menschen - nach der Trennung des Odem oder Lebensgeistes vom Organismus oder Leib - die Seele als ein wirkliches, seines Daseins bewusstes Wesen weiterbestehen; es ist deshalb nur am Platz, wenn wir auch hierüber das Wort Gottes zu Rate ziehen, und an Hand desselben untersuchen, was Scheol und Hades ist.

Das hebräische Wort Scheol kommt im Alten Testament 65 mal vor und ist in der gewöhnlichen Luther-Bibel einige Mal mit Grube und Grab, meistens aber mit Hölle übersetzt worden. Diese Übersetzungen erweisen sich aber alle drei als falsch, wenn man den Sinn der heute gebräuchlichen Wörter Grube, Grab und Hölle mit demjenigen des Wortes Scheol vergleicht. (Die Elberfelder-Bibel hat die Worte Scheol und Hades überall unübersetzt beibehalten). Die Bedeutung des hebräischen Wortes Scheol und des ihm genau entsprechenden griechischen Hades kann nämlich mit keinem deutschen Worte genau wiedergegeben werden; der Sinn der Wörter ist verborgen, oder ausgelöscht, oder dunkel - der Zustand des Todes: sie bezeichnen nicht einen Ort, sondern einen Zustand, und es würde deshalb das Wort Vergessensein den Ausdrücken Scheol und Hades vielleicht besser entsprechen als irgend ein anderes deutsches Wort. In den Wörtern Scheol und Hades liegt nicht die geringste Andeutung von Freude oder Leid oder von irgend einem Gefühl; der Zusammenhang kann uns allein als Wegleitung dienen. Das klare Zeugnis der heiligen Schrift geht dahin, dass die ganze Menschheit dem Scheol, Hades, dem Vergessensein anheimfallen muss, und dass dieser Zustand jegliches Licht, jegliche Erkenntnis, Weisheit und Überlegung gänzlich ausschließt; da gibt es weder Lob des Herrn noch Lästerung seines Namens; es ist ein Zustand gänzlicher Stille, in keiner Hinsicht wünschenswert, ausgenommen, dass damit eine Hoffnung der Auferstehung verbunden ist.

Wir werden uns überzeugen können, dass beiderlei "Seelen", gute und böse, in den Scheol, in den Zustand des Vergessenseins gehen, um dort auf den Morgen des Tausendjahrtages zu warten, wo der Ruf des Lebensgebers ihrem Vergessensein ein Ende machen wird. Es kann nicht geleugnet werden, dass die Übersetzer und Verbesserer der gewöhnlichen Luther-Bibel sich in Bezug auf die Verdeutschung von Scheol und Hades vielerorts widersprechen. Trotzdem ihre Inkonsequenz der Unehrlichkeit oft recht verdächtig ähnlich sieht, wollen wir ihnen dieselbe nicht gänzlich zur Last legen, sondern sie eher als das Ergebnis der bezüglich dieses Gegenstandes allgemein herrschenden Verwirrung betrachten, die in den finsteren Jahrhunderten durch falsche Lehren erzeugt wurde und großenteils bis auf den heutigen Tag unterhalten wird. Es ist übrigens auch möglich, dass das von Luther so viel gebrauchte "Hölle" in der altdeutschen Sprache mehr den Sinn von "hüllen" in sich barg und somit von der heutigen "Hölle", dem angeblichen Orte ewiger Qual, wesentlich unterschied.

Der Leser möge die hiernach angeführten Stellen, in welchen das hebräische Wort Scheol vorkommt, nun recht sorgfältig prüfen und sich überzeugen, welch schreckliche Schlussfolgerung man einerseits daraus ziehen müsste, wenn mit Luthers Hölle immer "höllisches Feuer" oder "Ort ewiger Qual" gemeint wäre, und wie andererseits die gleichen Stellen so schön und harmonisch klingen und dem Zusammenhang so trefflich entsprechen, wenn das Wort Scheol überall mit Vergessenheit oder Vergessensein übersetzt wird. Im letzteren Fall bezeugen sie alle einstimmig, dass die "Seelen" dem Scheol, der Vergessenheit anheimfallen - nicht um dort zu leiden oder sich zu freuen, auch nicht um irgend etwas zu lernen oder zu tun - sondern um in der Vergessenheit zu bleiben bis zum Ertönen der "Stimme des Erzengels und der Posaune Gottes". Betrachten wir nun folgende Schriftzeugnisse:

"Leidtragend werde ich hinabfahren zu meinem Sohne in den Scheol (in die Vergessenheit)." - 1. Mose 37:35

So beweinte Jakob seinen Sohn Joseph, den er eines gewaltsamen Todes gestorben glaubte.

"Begegnete ihm (Benjamin) ein Unfall auf dem Wege, auf dem ihr zieht, so würdet ihr mein graues Haar mit Kummer hinabbringen in den Scheol (in die Vergessenheit)." - 1. Mose 42:38 Dies waren die Worte Jakobs, als er seinen Benjamin nach Ägypten ziehen lassen sollte; er befürchtete, Benjamin möchte auch getötet werden, wie er es von Joseph vermutete.

Die gleichen Worte finden wir in 1. Mose 44:29 wieder, als die Brüder Joseph erzählten, was ihnen bei der Abreise ihr Vater bezüglich Benjamins eingeschärft hatte. Und im 31. Vers bestätigen sie es selbst mit den Worten: "Und deine Knechte werden das graue Haar deines Knechtes, unseres Vaters, mit Kummer hinabbringen in den Scheol (Vergessensein)."

Hier haben wir vier Beispiele, wo in den gewöhnlichen Bibelübersetzungen das Wort Scheol mit "Grube" wiedergegeben ist. Man beachte, wie ganz unpassend es wäre, wenn hier das Wort "Hölle" mit seinem gewöhnlichen, Feuer, Angst und Qual einschließenden Sinn stehen würde. Augenscheinlich haben die Übersetzer eingesehen, dass Jakob und seine Söhne sich nicht in der Hölle befinden können und auch nie erwarteten, dorthin zu gelangen; so mussten sie für das hebräische Wort Scheol einen anderen Ausdruck wählen, und so übersetzten sie es mit "Grube". Trotzdem glaubten sie dabei aber nicht, noch tut es die große Mehrzahl, dass Jakob in die Grube ging, oder irgend daran dachte, in die Grube zu gehen. Der Patriarch bezog sich dabei auch selbst nicht auf die Beerdigung seines Leibes in ein Grab, denn sonst würde er sich ohne Zweifel desselben hebräischen Wortes bedient haben, das er anderwärts in Bezug auf Rahels Grab gebraucht, nämlich Queburah (1. Mose 35:20), oder aber des Wortes Queber, welchen Ausdruck sein Sohn Joseph bezüglich des Grabes Jakobs brauchte, das sich der letztere schon zu seinen Lebzeiten hatte zubereiten lassen. (1. Mose 50:5) Wir sehen aber im Gegenteil, dass Jakob von ihm selbst als einem Wesen, einer Seele sprach - dass der Verlust Benjamins ihn in seinem nun hohen Alter und seiner schwachen Gesundheit hinabbringen würde in die Vergessenheit, in den Zustand des Todes.

"Wenn aber Jehova ein Neues schafft, und der Erdboden seinen Mund auftut und sie verschlingt, und alles, was sie haben, und sie lebendig hinabfahren in den Scheol (in die Vergessenheit) ... Und sie ... fuhren lebendig hinab in den Scheol (Vergessenheit); und die Erde bedeckte sie; und sie kamen um aus der Mitte der Versammlung." - 4. Mose 16:30, 33

Diese zwei Texte beziehen sich auf Korah, Dathan und Abiram und zeigen, wie diese Männer umkamen. Luther gebraucht hier dass Wort "Hölle"; wäre aber damit die sogenannte Feuerhölle gemeint, so hätten wir hier den Beweis, dass sich der angebliche Ort der Qual gerade unter der Oberfläche unserer Erde befinde. Wie einfach und klar sind aber die beiden Stellen, wenn sie richtig verstanden werden: die Erde öffnete ihren Mund und verschlang sie, und sie fuhren mitten aus des Lebens Tätigkeit hinab in die Vergessenheit, in die Bewusstlosigkeit.

"Denn ein Feuer ist entbrannt in meinem Zorn und wird brennen bis in den untersten Scheol, und es wird verzehren die Erde und ihren Ertrag und entzünden die Grundfesten der Berge." (5. Mose 32:22)

Hier ist allerdings von einem Feuer die Rede, aber von keinem buchstäblichen Feuer. Der ganze Zusammenhang beweist, dass es sich um den Feuereifer Gottes handelt; man lese nur die darauffolgenden Verse: "Sie vergehen vor Hunger und sind aufgezehrt von Fieberglut und giftiger Pest. ... Draußen wird das Schwert rauben und in den Gemächern der Schrecken." Wie diese Weissagung sich erfüllte, brauchen wir nicht bloß zu vermuten, denn der unter dem Einfluss des heiligen Geistes redende Apostel Paulus bezieht sich auf diese selbe Stelle und wendet sie auf das fleischliche Israel an und auf die Trübsal, welche über sie als Nation hereinbrach, als sie den Herrn Jesum verworfen hatten und deshalb dann selbst auch vom Herrn verworfen wurden. Der Apostel erklärt, dass "der Zorn Gottes völlig (bis zum Ende) über sie gekommen" sei (1. Thess. 2:16): Der göttliche Zorneseifer entbrannte wider sie und hörte nicht auf zu brennen, bis sie als Volk für ihre Nationalsünde aufs äußerste gezüchtigt worden waren. Wenn Gott seinen Zorn an ihnen völlig ausgeübt haben wird, sie dabei bis in das tiefste Vergessensein (Scheol) immer wieder heimsuchend, dann wird er wieder freundlich zu ihnen reden und zur Herauswahl (seiner wahren Kirche sprechen: "Tröstet, tröstet mein Volk! Redet zum Herzen Jerusalem und rufet ihr zu, dass ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist, dass sie von der Hand Jehovas Zwiefältiges empfangen hat für alle ihre Sünden". (Jes. 40:1, 2) Dann wird auch die von Paulus bestätigte Errettung Israels kommen, Kraft des göttlichen Ausspruches: "Dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde" (Röm. 11:26, 27). Den gleichen Gedanken, dass nach diesem Brennen des göttlichen Zornes gegen Israel bis in ihr tiefstes Vergessensein wieder göttlicher Segen folgen wird, finden wir auch in später folgenden Versen unseres Textes. (siehe 5. Mose 32:26-43)

"Jehova tötet und macht lebendig, er führt in den Scheol (in die Vergessenheit) hinab und führt herauf (durch eine Auferstehung aus dem Vergessensein, aus dem Scheol)." - 1. Sam. 2:6

"Die Bande des Scheols (der Vergessenheit) umringten mich." - 2. Sam. 22:6

Der Prophet David bezeugt in diesen Worten, wie sehr sein Leben in Gefahr gewesen sei, wie ihn aber Gott von der Hand Sauls errettet habe. Aus dem weiteren Zusammenhang ersehen wir jedoch ganz deutlich, dass der Psalmist in prophetischer Weise von dem Christus spricht und der Zeit der völligen Erlösung des Leibes Christi (der kleinen Herde) aus der gegenwärtigen argen Welt in die Herrlichkeiten des zukünftigen Zeitalters, indem er in den Versen 8-18 zeigt, dass die Befreiung des Leibes Christi gerade vor der großen Trübsal stattfinden werde - vor der Offenbarung der göttlichen Macht und Entrüstung wider alle Gottlosigkeit.

"Lass sein graues Haar nicht in Frieden hinabfahren in den Scheol (den Zustand der Vergessenheit), ... sondern bringe sein graues Haar mit Blut hinab in den Scheol." (1. Kön. 2:6, 9)

In der hier angeführten Stelle erinnert David seinen Sohn Salomo an Joab, den gefährlichen, blutdürstigen Mann, dem noch vor seinem Tode eine gerechte Vergeltung gehöre. In Luthers Übersetzung steht auch hier das Wort "Hölle", trotzdem nach allgemeiner Kirchenlehre die Haare und der übrige physische Leib des Menschen begraben werden und nur die nackte Seele in die Hölle wandert. Den Übersetzern anderer Bibeln muss dieser Widerspruch wohl etwas zu denken gegeben haben, indem Stier z.B. das Wort Scheol hier ausnahmsweise mit "Totenreich" wiedergibt. Wenn wir aber die Stelle richtig verstehen, so wird es uns kaum schwer werden, zu glauben, dass sowohl die grauen Haare Jakobs wie auch die grauen Haare des Joab miteinander in den Scheol gingen - dem Vergessensein anheim fielen, zumal "graue Haare" ein Symbol des hohen Alters sind.

"Die Wolke schwindet und fährt dahin; so steigt, wer in den Scheol (Vergessenheit) hinabfährt, nicht herauf." (Hiob 7:9)

Hiob hebt hier die gänzliche Vernichtung des menschlichen Wesens oder Seele durch den Tod hervor. In Vers 21 schließt er jedoch seine Aussage mit der Erklärung: "Nun lege ich mich schlafen in den Staub; und du wirst mich suchen am Morgen, aber ich werde nicht sein" (nach engl. Übers.). Der Zustand zwischen Tod und Auferstehung ist hier als Schlaf geschildert; während der Tausendjahrtag mit dem Morgen verglichen ist. Das gegenwärtige Zeitalter ist die Nacht des Weinens, der Trübsal und des Sterbens. Der Herr wird am Morgen mit seiner Auferstehungskraft den Hiob suchen, und wenn er auch nicht mehr da ist - wenn gleich der Tod seine gänzliche Vernichtung bewirkt hat, so liegt seine Auferstehung nicht außerhalb der göttlichen Allmacht, und wenn die Zeit des Herrn gekommen ist, so "wird er sich sehnen nach dem Werk seiner Hände". Wenn der Tag des Zornes des Herrn vorüber sein wird, und die Zeiten der Erquickung gekommen sind, - dann wird Er rufen und Hiob sowohl wie auch alle anderen werden ihm antworten. (siehe Hiob 14:14, 15)

"Himmelhoch (sind die Tiefe Gottes und das Wesen des Allmächtigen) - was kannst du tun? tiefer als der Scheol (Vergessenheit) - was kannst du wissen? (Hiob 11:8)

Dies sind Worte Zophars, eines der "leidigen Tröster" Hiobs, den der Herr nachher zurechtwies. Zophar versuchte damit dem Hiob zu beweisen, dass die göttlichen Regierungsgrundsätze für die Menschheit unerforschlich seien; als Beispiel, wie dem Menschen die Erkenntnis Gottes gänzlich fehle, bezieht er sich auf den Scheol; gleichwie es im Scheol keine Erkenntnis gebe, also, behauptet er, gebe es für den Menschen auch keine Erkenntnis der göttlichen Weisheit und seines Planes.

"O dass du in dem Scheol (in der Vergessenheit) mich verstecktest, mich verbärgest, bis dein Zorn sich abwendete, mir eine Frist setztest und dann meiner gedächtest!" (Hiob 14:13)

Hier haben wir die einfachste und deutlichste Bestätigung von Hiobs Hoffnung. Es war ihm nicht daran gelegen, dass seine gegenwärtigen Verhältnisse mit Sünden und Sorgen, Trübsal und Schmerz immer fortdauern sollten, sondern er war ganz willig, in der Vergessenheit verborgen zu sein, bis auf die Zeit, wo der Fluch, der "Zorn" von der Erde weggenommen und an dessen statt die Zeit der Erquickung gekommen sein wird. Er wünscht also nicht für immer vertilgt zu sein. O nein! In seinem Vertrauen, dass Gott durch eine Auferstehung für ein zukünftiges Leben gesorgt habe, bittet er, dass Gott zu seiner Zeit, nachdem der Fluch der Sünde beseitigt, seiner gedenken und ihn aus der Vergessenheit wieder ins Leben rufen möge - Kraft des Wiederherstellungswerkes, welches dann durch den Christus vollbracht werden soll. - (siehe Apg. 3:19-21)

"Wenn ich hoffe (warte), so ist der Scheol (die Vergessenheit) mein Haus, in der Finsternis bette ich mein Lager. Zur Verwesung rufe ich: Du bist mein Vater! zu dem Gewürm: Meine Mutter und meine Schwester!" - Hiob 17:13, 14

Welch ein Nachdruck liegt in diesem Ausspruch! Vergessenheit ist das Haus oder Bett und ist voller Finsternis - Hiobs Seele, sein Wesen, schläft, liegt bewusstlos im Tode und wartet auf den Auferstehungsmorgen, während sein Leib in Verwesung übergeht.

"Wo denn also ist meine Hoffnung? ja, meine Hoffnung, wer wird sie schauen? Sie fährt hinab (engl. Übers.: "sie fahren hinab" - die Menschen) zu den Riegeln des Scheols (Vergessenheit), wenn wir miteinander im Staube Ruhe haben." - Hiob 17:15, 16

Hiob bezieht sich hier als Knecht Gottes auf seine persönliche Hoffnung, sein Vertrauen, fragt aber, wie viel andere wohl solch ein Vertrauen haben können. Er hat seiner Hoffnung, dass sein Tod nur ein Schlaf sein werde, aus welchem er "am Morgen" wiedererwachen dürfe, schon Ausdruck gegeben, will aber mit obigen Worten sagen, dass, wenn auch alle Menschen einzeln in den Scheol, in die Vergessenheit gehen, so werden doch alle miteinander im Staube Ruhe haben, ob sie diese Hoffnung haben oder nicht.

"In Wohlfahrt verbringen sie ihre Tage, und in einem Augenblick sinken sie in den Scheol (in die Vergessenheit) hinab." - Hiob 21:13

Hiob beschreibt hier das Wohlergehen solcher Leute, die nicht in Gottes Wegen wandeln, und vergleicht es mit den Prüfungen und Leiden, welche viele von den Kindern Gottes durchmachen müssen, weil diese unter der erziehenden Zucht Gottes stehen, um für kommende, bessere Verhältnisse zubereitet zu werden.

"Dürre und Hitze raffen Schneewasser hinweg: so der Scheol (die Vergessenheit) die gesündigt haben." - Hiob 24:19

Alle Menschen haben gesündigt, darum sind sie auch alle dem Tode verfallen und fahren hinab in das Vergessensein. Die einzige Hoffnung liegt in ihm, der uns vom Tode erlöst hat, und der uns gemäß seiner gnädigen Verheißung "am Morgen" von dem Zustand des Vergessensein befreien wird. Hiob nimmt an dieser Stelle jedoch besonders auf die Übeltäter Bezug, die durch einen schlechten Lebenswandel ihren Tod beschleunigen.

"Der Scheol (die Vergessenheit) ist nackt vor ihm, und keine Hülle hat der Abgrund (Abaddon - die Zerstörung)." - Hiob 26:6

Hiob hebt hier die Allwissenheit des Schöpfers hervor, dem das Ende vor dem Anfang bekannt, und vor dessen alles durchdringendem Blick auch jedes, längst der Vergessenheit anheim gefallenes Geheimnis offenbar ist.

"Denn im Tode ist deiner kein Gedächtnis; im Scheol (Vergessenheit), wer wird dich preisen?" - Psalm 6:5

Welch ein klares und bestimmtes Zeugnis für die Bewusstlosigkeit des Menschen im Tode! Man sollte auch beachten, dass sich dasselbe nicht auf die Gottlosen sondern auf die Knechte Gottes bezieht, die ihm für empfangene Gnaden danken und ihn preisen möchten. Auch wird hier nicht auf das tote Fleisch Bezug genommen, das im "Queber" begraben wird, sondern auf die Seele, die in den Scheol (Vergessenheit) geht.

"Es werden zum Scheol (zur Vergessenheit) umkehren die Gesetzlosen, alle Nationen, die Gottes vergessen." - Psalm 9:17

Das Wort "umkehren" bedeutet an, dass die hier erwähnten gesetzlosen vom Scheol, von der Vergessenheit, befreit waren, aber um ihrer Boshaftigkeit und Gottesvergessenheit dahin zurückkehren müssen. Die allgemeine Befreiung der Menschheit aus dem Scheol wird am Tausendjahrtag stattfinden, als Folge des auf Golgatha bezahlten Lösegeldes. Diejenigen aber, welche, nachdem sie auferweckt worden und zur Erkenntnis der Wahrheit gekommen sind, absichtlich in Bosheit verharren, werden wieder in die Vergessenheit fahren müssen - diesmal in den "Zweiten Tod", von welchem es keine Erlösung gibt.

Dass diese Stelle nicht auf die Massen der Menschheit (auf die Heiden), welche Gott nie erkannt haben, angewendet werden kann, liegt auf der Hand, denn ihrem eigenen Wortlaut gemäß bezieht sie sich auf solche, die Gottes vergessen, nachdem sie zu seiner Erkenntnis gekommen sind und dementsprechende Verantwortung tragen.

"Denn meine Seele wirst du dem Scheol (der Vergessenheit) nicht lassen, wirst nicht zugeben, dass dein Frommer die Verwesung sehe." - Psalm 16:10

Der mit dem heiligen Geist erfüllte Apostel Petrus erklärt uns in seiner Pfingstrede die wahre Bedeutung dieser Weissagung, indem er hervorhebt, dass sie sich unmöglich an David selbst erfüllt habe, weil Davids Seele im Scheol gelassen sei, und sein Fleisch die Verwesung gesehen habe. Er erklärt, "dass David sowohl gestorben als auch begraben ist, und sein Grab ist unter uns bis auf diesen Tag." "David ist nicht in den Himmel gefahren." - Apg. 2:27-34

Diese Worte des Apostels sind voll Nachdruck und in doppelter Hinsicht völlig überzeugend: dass 1. die Seele Davids in den Scheol, in die Vergessenheit gegangen und dort geblieben und bis zur Zeit von Petrus Predigt nicht in den Himmel gegangen war; 2. dass die Seele Jesu Christi auch in den Scheol, in die Vergessenheit ging, aber nicht darin gelassen, sondern am dritten Tag auferweckt wurde - und später in den Himmel aufstieg.

Diese deutlichen, aus inspirierter Quelle stammenden Zeugnisse sollten alle Wahrheitssucher über diesen Gegenstand völlig aufklären. Wir sehen daraus folgende Tatsachen: 1. Die Seele (das Wesen ) unseres Herrn Jesu verfiel bei seinem Tode der Vergessenheit, dem Scheol. 2. Er war während 3 Tagen (während Teilen dreier Tage) tot. 3. Am dritten Tag stand er auf - er wurde aus der Vergessenheit zurückgerufen und zur göttlichen Natur verwandelt, durch die Kraft des heiligen Geistes Gottes, und wurde so "der Erstling unter denen, welche schliefen." Das Wesen oder die Seele unseres Herrn hatte während der Zeit seines Todes aufgehört zu bestehen: "Er hat seine Seele ausgeschüttet in den Tod" und "seine Seele als Schuldopfer gestellt." Aber seine Seele (sein Wesen) wurde in der Auferstehung wieder lebendig gemacht, und er empfing einen neuen, geistigen Leib. (siehe Band 2, Studie/Kapitel 5) "Die Bande des Scheols (der Vergessenheit) umringten mich, es ereilten mich die Fallstricke des Todes." - Psalm 18:5

Dies ist ein bildlicher Ausdruck höchster Angst und Todesfurcht.

"Jehova! du hast meine Seele heraufgeführt aus dem Scheol (Vergessenheit), hast mich belebt." - Psalm 30:3

Ein Dankgebet Davids für seine Genesung von schwerer Krankheit, die ihn dem Tode nahe gebracht hatte.

"Lass beschämt werden die Gesetzlosen, lass sie schweigen im Scheol! Lass verstummen die Lügenlippen." - Psalm 31:17, 18

Wie an anderer Stelle, so drückt der Psalmist auch hier sein Verlangen aus, dass die Erde von allen solchen gesäubert werden möchte, welche die Bosheit lieben und ausüben. Von einem zukünftigen Leben ist hier nichts erwähnt noch auch von einer Auferstehungshoffnung. Wenn der Herr unter den Nationen regieren wird, wenn die Gesetze der Wahrheit und Gerechtigkeit aufgerichtet sein werden und durch die göttliche Barmherzigkeit und Liebe für jede Kreatur Gelegenheit für volle Erkenntnis und Befreiung von Sünde vorhanden sein wird, dann mag es sein, dass etliche von denen, die hier Gesetzlose waren, nach Recht und Gerechtigkeit suchen und nach der Gnade der Gerechtigkeit Christi verlangen und durch ihn schließlich noch zu ewigem Leben gelangen werden. Weder der Prophet David noch irgend jemand anders könnte wider solch eine Sinnesänderung etwas einwenden, noch auch wider die Gabe des ewigen Lebens an die gründlich Bekehrten, welche mit Gott wieder in Einklang gekommen sind.

"Man legt sie in den Scheol (in die Vergessenheit) wie Schafe, der Tod weidet sie; und am Morgen herrschen die Aufrichtigen über sie; und ihre Gestalt wird der Scheol (Vergessenheit) verzehren, fern von ihrer Wohnung. Gott aber wird meine Seele erlösen von der Gewalt des Scheols (der Vergessenheit)." - Psalm 49:14, 15

Dass in diesen Versen nicht von "Hölle" die Rede sein kann, ist offenbar, denn es wird niemand glauben wollen, dass auch Schafe in die Hölle gehen. Andererseits kann aber auch nicht "das Grab" im gewöhnlichen Sinn gemeint sein, sondern das Vergessensein, wie wir Scheol übersetzen; denn die Schafe werden nicht begraben, aber alle Schafe verfallen der Vergessenheit, werden so vergessen, als ob sie nie gewesen wären. Der Prophet bezeugt hier seinen persönlichen Glauben an die Auferstehung - dass Gott seine Seele vom Scheol, aus der Vergessenheit erlösen werde. Dies stimmt auch völlig mit Petrus Zeugnis, dass David nicht in den Himmel gefahren sei. Davids Seele ging in den Scheol, in die Vergessenheit, und seine einzige Hoffnung ist die Befreiung seiner Seele aus dem Scheol, aus dem Vergessensein ins Leben - durch den Erlöser in der Auferstehung. Übrigens sollen sogar die, welche gleich Schafen der Vergessenheit anheimfallen, wieder hervorkommen, denn aus dieser Stelle geht deutlich hervor, dass am Auferstehungs- "Morgen", am Morgen des Tausendjahrtages, die "Aufrichtigen" über sie herrschen und sie in Gerechtigkeit richten werden. Darum sagt auch der Apostel, "dass die Heiligen die Welt richten werden." - 1. Kor. 6:2

"Der Tod überrasche sie, lebendig mögen sie hinabfahren in den Scheol (in die Vergessenheit)! Denn Bosheiten sind in ihrer Wohnung, in ihrem Innern." - Psalm 55:15

Wie an fast allen Orten, so hat Luther das Wort Scheol auch hier mit "Hölle" übersetzt; die Stelle wird denn auch gewöhnlich falsch verstanden, ist aber schon manchem Kind Gottes zum Stein des Anstoßes geworden. Sie haben sich gesagt: - Wie kann ein guter Mensch, wie David, bitten, dass seine Feinde in die Hölle - in die ewige Qual - kommen möchten. Ein frommer Mann würde nicht also beten, und dies war auch nicht der Grundton von Davids Gebeten. Wie wir gesehen haben und immer aufs neue uns überzeugen können, enthält das Wort Scheol nicht die leistete Andeutung, weder von Feuer, noch von Flammen, weder von Qual noch irgend etwas Derartigem. Es bedeutet einfach "Vergessensein", Auslöschen des Lebens. Davids Gebet oder Wunsch bezüglich seiner Feinde, den Gegnern der Gerechtigkeit, ist somit in jeder Hinsicht gerechtfertigt und entspricht auch völlig den Gesetzen der höchst zivilisierten Völker unseres aufgeklärten Zeitalters. Die heutigen Gesetze zivilisierter Völker verlangen die Hinrichtung aller Mörder und bestimmen dazu im allgemeinen die mutmaßlich leichteste und schmerzloseste Todesart. Das Gesetz spricht also, wie David: Lasst die Verbrecher dem Scheol, der Vergessenheit verfallen - lasst sie sterben. Nichtsdestoweniger hat aber Gott in seiner Gnade, durch das teure Blut Christi den am tiefsten gefallenen Sünder ebenso wohl erlöst wie den am wenigsten gefallenen, denn "Christus Jesus schmeckte durch Gottes Gnade den Tod für jedermann." "Er gab sich selbst zum Lösegeld für alle, wovon das Zeugnis zu seiner Zeit verkündigt werden soll."

Wenn manche unserer Mitmenschen auch verkehrter sein mögen, als wir es sind, so ist dies sehr oft dem Umstand zuzuschreiben, dass Satan seinen verblendenden Einfluss ganz besonders auf sie ausübt (2. Kor. 4:4), oder dass sie schon durch Vererbung und Erziehung, ohne ihr Verschulden, dem Bösen viel weniger zu widerstehen vermögen. In jedem Fall hat Gott dafür gesorgt, dass jedem Glied des menschlichen Geschlechtes eine gute, unverkürzte Gelegenheit geboten werden wird, seine Wahl treffen zu können, sei es für Gerechtigkeit und Leben, oder für Ungerechtigkeit und den Zweiten Tod - die Rückkehr zum Scheol. Für dies alles bietet uns der auf das Verdienst Christi gegründete und mit seinem teuren Blut versiegelte Neue Bund vollständige Gewähr.

"Denn deine Güte ist groß gegen mich, und du hast meine Seele errettet aus dem untersten Scheol (Vergessensein)." - Psalm 86:13

Der unterste Scheol bedeutet hier die Tiefe des Vergessenseins. Wir dürfen mit Recht annehmen, dass der Prophet hier, wie in vielen anderen Psalmen, den Standpunkt des Herrn Jesu einnimmt, und dann haben die Worte, "Tiefe des Vergessenseins", eine ganz besondere Bedeutung. Für die Menschheit bedeutet der Tod nur einen Schlaf, und ihr Vergessensein ist bloß ein vorübergehendes, wovon sie in der Auferstehung wieder erwachen wird - als Folge des Sühnopfers. Bei unserem Herrn Jesus war die Sachlage jedoch eine andere: Da er an die Stelle des Sünders (Adam) getreten war, musste der Tod für ihn die äußerste Strafe der Sünde, nämlich ewiges Vergessensein bedeuten, wenn er nicht durch des Vaters Macht und Gnade aus den Toten auferweckt worden wäre, damit er der Befreier derer würde, welche er erlöste.

"Denn satt ist meine Seele vom Leiden, und mein Leben ist nahe am Scheol (dem Vergessensein)." - Psalm 88:3

Auch dies ist eine kurze, poetische Beschreibung von Kummer und Todesnot.

"Welcher Mann lebt und wird den nicht sehen, wird seine Seele befreien von der Gewalt des Scheols (Vergessenheit)?" - Psalm 89:48

Wie schön stimmt doch diese Frage und die zugleich darin enthaltene Antwort mit alledem überein, was wir über diesen Punkt bis jetzt gefunden haben, und wie unvereinbar sind diese Worte mit den entsprechenden, allgemein herrschenden Ansichten! Nach überall anerkannter Kirchenlehre ist keine menschliche Seele dem Tod unterworfen, den Augenblick des Sterbens hält man vielmehr für einen Übergang zu vermehrten und freierem Leben; die Seele wäre somit der Gewalt des Scheols, der Vergessenheit völlig überlegen - da sie angeblich nicht sterben kann - und stände es also außer Frage, ob die Seele sich von des Scheols Gewalt befreien könnte, wenn ja doch der Scheol nicht die geringste Gewalt an der Seele auszuüben vermöchte. Wie klar und verständlich ist doch die heilige Schrift und die Wahrheit, und wie ungereimt und absurd die allgemein verbreitete platonische Philosophie!

"Es umfingen mich die Bande des Todes, und die Bedrängnisse des Scheols (Vergessenheit) erreichten mich, ich fand Drangsal und Kummer." (Psalm 116:3) - Eine sprechende, poetische Schilderung von Todesnot.

"Wohin sollte ich gehen vor deinem Geiste (Macht - der göttlichen Allmacht entgehen, oder mich vor ihr verbergen), und wohin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich auf zum Himmel, du bist da, und bettete ich mir in dem Scheol (in der Vergessenheit) siehe, du bist da." - Psalm 139:7, 8

In der Luther-Bibel steht auch hier für Scheol das Wort "Hölle"; der vorherrschenden Ansicht gemäß wäre also aus dieser Stelle zu schließen, dass Gott in dieser schrecklichen Folterkammer der Hölle seine beständige Wohnung aufgeschlagen habe. Der Prophet will jedoch in den obigen Worten die göttliche Macht schildern und bezeugen, dass es im ganzen Weltall kein Plätzchen gibt, das nicht von Gottes Allmacht und Allwissenheit erfüllt sei. Sogar die Vergessenheit des Todes ist ihm unterworfen, indem er erklärt: "Ich habe die Schlüssel des Todes und des Hades (der Vergessenheit)." Und gerade auf diese seine Allmacht und Allweisheit gründet sich unser Glaube an die Auferweckung der Toten.

"Wie einer die (auf der) Erde schneidet und spaltet, so sind unsere Gebeine hingestreut am Rachen des Scheols (der Vergessenheit)." - Psalm 141:7

Die Bedeutung dieser Stelle ist eine ziemlich dunkle, sie begünstigt jedoch in einem Fall die Annahme, dass mit Scheol ein Ort der Höllenqual gemeint sei, zudem sind es ja Davids und seiner Freunde Gebeine, die "am Rachen der Hölle hingestreut sind."

"Wir wollen sie lebendig verschlingen wie der Scheol (die Vergessenheit)." - Spr. 1:12

Diese Worte werden hier den Mördern in den Mund gelegt, welche ihre Opfer schnell zu verderben suchen, und sie von ihrem Angesicht und aus ihrem Gedächtnis weg (in die Vergessenheit) schaffen möchten.

"Ihre Füße steigen hinab zum Tode, an dem Scheol (der Vergessenheit) haften ihre Schritte." - Spr. 5:5

Mit diesen poetischen Worten schildert uns der weise Salomo die Versuchung der Hurerei mit ihren verderblichen Folgen: ihre Wege führen ins Verderben, zum Tode - in die Vergessenheit.

"Ihr Haus sind Wege zum Scheol (Vergessenheit), die hinabführen zu den Kammern des Todes." - Spr. 7:27

Dass auch hier mit Scheol nicht eine Hölle mit flammendem Feuer gemeint sein kann, ist offenbar, zumal von den finsteren Kammern des Todes - des Vergessenseins - die Rede ist.

"Er weiß nicht, dass dort die Schatten (buchstäblich: die Hingestreckten) sind, in den Tiefen des Scheols (des Vergessenseins) ihre Geladenen." - Spr. 9:18

Hier sind in biblischer Sprache die Gäste der Hure als Tote geschildert, als solche, die alles Selbstvertrauen, alle Menschenwürde eingebüßt haben. Ohne Zweifel befinden sich solche auf dem Weg des Todes, denn jegliche Ausschweifung begünstigt die Krankheit und beschleunigt den Tod. Sie befinden sich auf dem Pfad zur Vergessenheit, nicht nur in körperlicher Hinsicht, sondern verlieren auch Achtung und Einfluss unter Menschen.

"Scheol (Vergessenheit) und Abgrund (Abaddon-Untergang, Verlorensein) sind vor Jehova, wie viel mehr die Herzen der Menschenkinder!" - Spr. 15:11

Auch in dieser Stelle erinnert nichts an eine ewige Qual, sondern es wird Scheol (Vergessensein) dem Untergang zur Seite gestellt.

"Der Weg des Lebens ist für den Einsichtigen aufwärts, damit er dem Scheol (dem Vergessensein) unten entgehe." - Spr. 15:24

Die Weisen wandeln auf dem aufwärts, nach der Gerechtigkeit führenden Pfad, damit sie Kraft der Auferstehung dem Vergessensein entgehen - von demselben befreit werden mögen.

"Du schlägst ihn (den Knaben) mit der Rute und du errettest seine Seele von dem Scheol (Vergessensein)." - Spr. 23:14

Es ist wohl nicht nötig zu sagen, dass diese Stelle nicht dahin zu verstehen ist, als sollte man nach dem Tode den Körper schlagen, auf dass die Seele "von der Hölle errettet" werde. Der Sinn dieser Stelle ist aus dem Zusammenhang leicht ersichtlich: Wenn man dem Kinde die nötigen Rutenstreiche nicht vorenthält - ihm, mit anderen Worten, eine richtige Erziehung angedeihen lässt, so kann dadurch sein Leben um Jahre nützlichen Daseins verlängert werden - seine Seele wird vor frühzeitigem Dahinschwinden in die Vergessenheit und möglicherweise auch vor dem Zweiten Tod - vor einer Rückkehr in die Vergessenheit - bewahrt.

"Scheol und Abgrund sind unersättlich; so sind unersättlich die Augen des Menschen." - Spr. 27:20

Aus dem Wortlaut der gewöhnlichen Bibelübersetzungen zu schließen, wäre mit dieser Stelle das Vorhandensein einer Feuerhölle von solch großer Ausdehnung, dass sie nie voll werden könne, bestätigt. Die Stelle sagt aber nichts anderes, als dass der Tod, das Vergessensein, die Vernichtung keine Grenzen kennen, also nie überfüllt werden können.

"Drei sind es, die nicht satt werden, vier die nicht sagen: Genug! Der Scheol (die Vergessenheit) und der verschlossene Mutterleib, die Erde, welche des Wassers nicht satt wird, und das Feuer, das nicht sagt: Genug." - Spr. 30:15, 16

Diese Worte haben denselben Sinn wie die vorhergehende Stelle: Der Tod, die Vergessenheit ist an keinen Raum gebunden - kennt keine Schranken, kann somit nie voll werden.

"Alles, was du zu tun vermagst mit deiner Kraft, das tue, denn es gibt weder Tun noch Überlegung noch Kenntnis noch Weisheit im Scheol (in der Vergessenheit), wohin du gehst." - Pred. 9:10

Hier haben wir eines der deutlichsten Zeugnisse betreffend den Scheol (oder die "Hölle", wie Luther auch hier übersetzt hat). Es gibt nicht bloß die Gottlosen, sondern auch die Gerechten - alle, die dem Tod verfallen - an. Es geschieht weder Gutes noch Böses, es ertönt weder Lobgesang noch Fluchen, es gibt weder gute noch böse Gedanken, weder himmlische noch irgend andere Erkenntnis und Weisheit im Scheol, in der Vergessenheit des Todes. Wahrlich, eine an Klarheit fast unübertreffliche Schilderung über den Zustand des Vergessenseins!

"Liebeseifer (Eifersucht) ist unerweichlich wie der Scheol (die Vergessenheit)." - Hohelied 8:6

An dieser Stelle wird der Zustand des Todes, des Vergessenseins als die Verkörperung von Gefühllosigkeit und Härte geschildert. Unerbittlich verschlingt er das ganze Menschengeschlecht und berücksichtigt dabei weder Charakter noch Ansehen der Person.

"Darum sperrt der Scheol (die Vergessenheit) weit auf seinen Schlund und reißt seinen Rachen auf ohne Maß." - Jes. 5:14

Der Prophet gebraucht das Wort Scheol, um den über Israel gekommenen Ehrverlust und ihre Schmach und Schande drastisch darzustellen. Sie waren geworden wie die Toten, zu großen Scharen waren sie in die Vergessenheit versunken. Die Stelle hat weder mit dem buchstäblichen Grab noch mit dem Feuersee irgend etwas zu tun.

"Der Scheol (die Vergessenheit) drunten ist in Bewegung um deinetwillen, deiner Ankunft entgegen." - Jes. 14:9

In höchst bildlicher Sprache schildern diese Worte das, wie wir glauben, in nächster Zukunft fällige Schicksal Babylons (siehe Band 4, Studie 1) Babylon, die Große soll verschlungen werden, soll wie ein ins Meer geworfener Mühlstein vor aller Augen verschwinden und nie mehr gefunden werden - sie fährt in die Vergessenheit, in den Scheol. - Offb. 18:21

"Hinabgestürzt in den Scheol (in die Vergessenheit) ist deine Pracht, das Rauschen deiner Harfen!" - Jes. 14:11

Dies ist die Fortsetzung desselben Bildes von der Zerstörung der geistlichen Babylon, deren Größe bald der Vergangenheit angehören und in der Vergessenheit (nicht in einer brennenden Hölle) liegen wird.

"Denn ihr sprecht: wir haben einen Bund mit dem Tod geschlossen und einen Vertrag mit dem Scheol (Vergessenheit) gemacht." - Jes. 28:15

In diesem und den folgenden Versen ist von schrecklicher Trübsal, von Anlaufen und Fallen die Rede, das alles über diejenigen kommen wird, welche sich durch falsche Lehren verleiten lassen, das Zeugnis der Schrift zu verwerfen, laut welchem der Tod der Sünde Sold ist. Die Zeit der Vergeltung wider die, so das Schwert Gottes betrügerisch gebrauchen und die, statt von der Wahrheit sich heiligen zu lassen, den Irrtum vorziehen, ist nahe, ja vor der Tür. Satan hat sich den über diesen Punkt vorherrschenden Glauben zum Nutzen gemacht, um die Welt in hierauf sich gründende und deshalb ebenso falsche Lehren zu verstricken. So hat er schon lange die ganze Heidenwelt und besonders auch die Römisch-Katholische Kirche zu Gebeten und Messelesungen für die Toten verleitet, weil man dieselben nicht tot, sondern lebendig in den Qualen des Fegefeuers glaubt. Und heutzutage betrügt derselbe Widersacher durch Spiritismus, Theosophie und dergleichen Künste nun auch die Protestanten, weil auch sie nicht glauben, dass die Toten tot sind, und deshalb für solche Betrügereien empfänglich sind.

Die Christen der verschiedenen Denominationen haben "mit dem Tod einen Bund gemacht" und erklären ihn als einen Freund, während die Bibel denselben als den größten Feind der Menschheit - als den Sold ihrer Sünde darstellt: mit der Bedeutung des Grabes sind die Namenchristen einverstanden; sie betrachten es als Aufbewahrungsort für den irdischen Leib, den die Seele nach dem sogenannten Tod nicht mehr bedürfe. Indem sie zu erkennen verfehlen, dass Tod (Vergessensein) der Sünde Sold ist, sind sie bereit Satans Lüge zu glauben, wonach ewige Qual der Sünde Sold sein soll. Nicht glaubend, dass der Tod der Sünde Sold ist, leugnen sie infolgedessen auch, dass der Tod Christi das Heilmittel, der entsprechende Kaufpreis für des Menschen Erlösung ist, und darum sind all die gnädigen Vorkehrungen des göttlichen Planes der Versöhnung und Wiederherstellung vor ihren Augen ganz oder zum großen Teil verborgen - unverständlich.

"Euer Bund mit dem Tod wird zunichte werden, und euer Vertrag mit dem Scheol (Vergessenheit) nicht bestehen." - Jes. 28:18

So erklärt der Herr, dass er die Welt schließlich von der Wahrheit der Schriftzeugnisse betreffend den Zustand des Todes und der Vergessenheit überzeugen werde; doch nicht anders als durch eine Zeit größter Trübsal und Verwirrung, die besonders schwer über alle solche hereinbrechen wird, welche unter diesem Betrug stehen und sich über diesen Gegenstand vom Worte Gottes nicht belehren lassen wollten.

"Ich sprach: In der Ruhe meiner Tage soll ich hingehen zu den Pforten des Scheols (der Vergessenheit), bin beraubt des Restes meiner Jahre." - Jes. 38:10

So hat Hiskia, der fromme König Judas gesprochen, um welches willen Jehova ein Wunder geschehen ließ, zur Verlängerung seiner Tage. Wir sehen aus seinen Worten deutlich, was er in seiner Krankheit gedacht hat. Gewiss glaubte Hiskia nicht, dass er in eine Hölle mit ewiger Qual gekommen wäre, und mancher aufrichtige Bibelleser hat sich schon mit Recht an dem bezüglichen Wortlaut der Luther-Übersetzung gestoßen: "Nun muss ich zur Höllen Pforten fahren." Der König erklärt einfach, dass er sich dem Tode, der Vergessenheit nahe fühlte und sich des Restes seiner Tage beraubt glaubte, der ihm nach menschlichem Dafürhalten noch gehört hätte.

"Denn nicht der Scheol (die Vergessenheit) preist dich, der Tod lobsingt dir nicht." - Jes. 38:18

Dies sind ebenfalls Worte Hiskias und bilden einen Teil der gleichen Beschreibung seiner Krankheit und Todesfurcht und seiner Schilderung von der Güte und Barmherzigkeit des Herrn, welcher er die Verlängerung seines Lebens verdankte. Er erklärt: "Du, du zogest liebevoll meine Seele aus der Vernichtung Grube"; er stellt den Tod und das Vergessensein (den Scheol) nebeneinander, braucht die beiden als gleichbedeutende Begriffe und fährt dann weiter: "Der Lebende, der Lebende preist dich, wie ich heute." Mit anderen Worten: ein lebender Mensch kann den Herrn preisen; wenn der Mensch aber tot, wenn seine Seele in den Scheol, in die Vergessenheit gegangen ist, dann hört aller Lobgesang auf; seine Erinnerung an empfangene Wohltaten ist gänzlich unterbrochen bis - laut Hiobs Zeugnis - der Herr am Auferstehungsmorgen rufen wird, dann werden alle ihm antworten.

"Du zogest mit Öl zum König ... und erniedrigst dich bis zum Scheol (Vergessenheit)." - Jes. 57:9

Der Prophet stellt hier das Haus Israel als ein Weib dar, das ihren Gatten, den Herrn vernachlässigt, um mit den Königen der Erde sich zu verbinden - sich dabei aber so sehr erniedrigte, dass der Herr sie als tot, als der Vergessenheit verfallen betrachten musste - indem sie den Herrn und seine Wahrheit und die auf Glauben beruhende Gerechtigkeit ganz vergessen hatte.

"An dem Tage, da er in den Scheol (die Vergessenheit) hinabfuhr, machte ich ein Trauern ... Von dem Getöse seines Falles machte ich die Nationen erbeben, als ich ihn in den Scheol (Vergessenheit) hinabfahren ließ. ... Auch sie fuhren mit ihm in den Scheol (Vergessenheit) hinab, zu den vom Schwert erschlagenen." - Hes. 31:15-17

In bildlicher Sprache verkündigt Jehova durch den Propheten hier den Fall Babylons. Wie wir bereits gesehen, hat sich dieser Fall und die bezüglich ergreifende Schilderung am buchstäblichen Babylon zum Teil erfüllt; der größere Teil der Weissagung geht jedoch auf die nahe Zukunft und wird sich erst beim gänzlichen Sturz des geistlichen Babylon erfüllen. Die ehemalige Stadt Babylon wurde von den Medern und Persern eingenommen und zerstört und ist längst in die Vergessenheit versunken, Ähnlicherweise wird auch die heutige Babylon in die Vergessenheit versinken um nie wieder aufzustehen.

"Aus der Mitte des Scheol (der Vergessenheit) reden von ihm die Helden mit seinen Helfern." - Hes. 32:21

Diese Stelle handelt von Ägyptens Fall in die Vergessenheit. Die schon vor Ägypten untergegangenen starken Nationen werden hier dargestellt, als redeten sie miteinander über den Sturz der "Menge Ägyptens". So sagen auch wir von der Geschichte, dass sie uns dies oder das erzählt.

"Sie liegen nicht bei den Helden der Unbeschnittenen, die gefallen sind, welche in den Scheol (in die Vergessenheit) hinabfuhren mit ihren Kriegswaffen" - Hes. 32:27

Der Prophet weissagt hier von der Zerstörung Mesechs und Thubals, wie auch sie in die Vergessenheit fahren werden samt ihren Kriegswaffen. Nach Luthers Übersetzung kämen also auch die Kriegswaffen in die Hölle, was wohl jedermann lebhaft bezweifeln wird; dass sie aber der Vergessenheit verfallen können, ist in der Tat leicht möglich, und wir danken dem Herrn, dass deren Wiederherstellung im kommenden, herrlichen Zeitalter, wenn Immanuel sein Königreich eingesetzt haben wird, in keiner Weise vorgesehen ist; denn die bestimmte Verheißung Gottes lautet: "Er beschwichtigt die Kriege bis ans Ende der Erde." (Psalm 46:9), und: "Sie werden den Krieg nicht mehr lernen." - Jes. 2:4

"Von der Gewalt des Scheols (der Vergessenheit) werde ich sie erlösen, vom Tode sie befreien! Wo sind, O Tod, deine Seuchen? wo ist, O Scheol (Vergessenheit), dein Verderben?" - Hosea 13:14

Um dem Leser den Vergleich zu erleichtern, führen wir diese Stelle auch nach dem Wortlaut der Luther-Bibel an: "Ich will sie erlösen aus der Hölle und vom Tode erretten. Tod, ich will dir ein Gift sein; Hölle, ich will dir eine Pestilenz sein." Wer sich also noch nicht hat überzeugen können, dass Scheol nicht einen Ort der Qual bedeutet, kann doch wenigstens aus dieser Stelle Trost schöpfen, da der Herr hier unzweideutig erklärt, dass der Scheol vernichtet werden soll. Wenn irgend jemand noch glaubt, es sei damit ein Ort der Qual gemeint, den lasst aber auch glauben, dass er nicht in alle Ewigkeit bestehen soll, zumal der Herr selbst dessen Vernichtung verordnet hat.

Aber wie wunderbar klar und mit sich selbst übereinstimmend präsentiert sich dieses ganze Zeugnis, wenn vom richtigen Standpunkt aus betrachtet! Das Lösegeld ist von unserem teuren Heiland schon bezahlt worden, und das Werk der Befreiung der Menschheit vom Scheol, von der Vergessenheit des Todes, lässt nur noch lange auf sich warten, bis die Herauswahl der Kirche, des Leibes Christi, aus allen Völkern vollendet und die so genannte "kleine Herde" mit ihrem Herrn und Haupt, mit Christo Jesu verherrlicht sein wird. Sobald die Auferstehung der Kirche (die Erste Auferstehung) vollendet ist, "dann (erklärt der Apostel) wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: Verschlungen ist der Tod in Sieg. Wo ist, O Tod, dein Stachel? wo ist, O Tod, dein Sieg?" - 1. Kor. 15:54, 55

Das Verschlungenwerden des Todes in Sieg wird das Werk des Tausendjahrtages bilden und sich allmählich vollziehen, gerade wie der Tod die Menschheit auch allmählich verschlungen hat. Die jetzt noch auf den Menschen lastende Todesstrafe und der die Menschheit immer noch gefangen haltende Scheol - die Vergessenheit - werden schließlich ganz verschwinden, weil alle von ihrer Gewalt erlöst werden sollen. Unter den neuen Verhältnissen, dem Neuen Bunde mit seiner reichlichen Heilsgelegenheit, wird niemand dem Tode (der Vergessenheit) wieder anheimfallen, es sei denn "dass er absichtlich und wider besseres Wissen in der Sünde verharre. Dies wird der Zweite (jegliche Hoffnung auf Erlösung ausschließende, unwiederbringliche) Tod sein.

"Wenn sie in den Scheol (die Vergessenheit) einbrechen, wird von dort meine Hand sie holen." - Amos 9:2

Mit diesen stark biblischen Worten bezeugt der Herr seine unbegrenzte Macht und Gewalt über die Menschen, hier im besonderen über das Volk Israel. Es war ihnen, sowohl persönlich, wie auch als Nation, unmöglich, den göttlichen Gerichten zu entgehen, und wenn sie auch persönlich und als Volk dem Tode anheimfallen würden so sollten dennoch die göttlichen Verheißungen sowohl als auch seine Drohungen an ihnen sich erfüllen. Nachdem der Herr ihnen jedoch den gänzlichen Fall und ihre Zerstreuung unter die Nationen, wie wir sie heute vor unseren Augen erfüllt sehen, gedroht hatte, fährt er weiter (in Vers 11-15) mit der Verheißung: "An jenem Tage (am Morgen des Tausendjahrtages) werde ich die verfallene Hütte Davids aufrichten, ... und ich werde die Gefangenschaft meines Volkes Israel wenden; ... und sie sollen nicht mehr herausgegriffen werden aus ihrem Lande, das ich ihnen gegeben habe, spricht Jehova, dein Gott". Es wird wohl niemandem in den Sinn kommen, in einen Ort der ewigen Qual einzubrechen; zu nationalem Vergessensein hat jedoch Israel seinen Weg gefunden, doch wird sie die göttliche Hand von dort herausholen.

"Ich schrie aus dem Schosse des Scheol (des Vergessenseins), du hörtest meine Stimme." - Jona 2:2

Der Schoss des Scheol, oder der Hölle, wie Luther auch hier sagt, in welchem Jona sich befand, und aus dem er wieder befreit wurde, war der Bauch des großen Fisches, welcher ihn verschlungen hatte. Wenn Gott ihn nicht errettet hätte, so wäre der Fischbauch für ihn tatsächlich zum Schoss des Vergessenseins, der Vernichtung, des Todes geworden.

"Der Wein ist treulos; der übermütige Mann, der bleibt nicht, er, der seinen Mund weit aufsperrt wie der Scheol (die Vergessenheit), und er ist wie der Tod und wird nicht satt, und er rafft an sich alle Nationen und sammelt zu sich alle Völker." - Hab. 2:5

Diese Worte beziehen sich allem Anschein nach auf ein eroberungssüchtiges Volk. Man könnte sie trefflich auf unsere heutigen großen Nationen anwenden, die fast keine Mittel und keinen Verlust an Menschenleben scheuen, wenn es gilt, sich ein kleineres, weniger zivilisiertes Volk zu unterwerfen, oder dasselbe unter ihr "Protektorat" zu bringen. Ebenso gut passen sie aber auch auf den "Menschen der Sünde" und seinen weltenweiten Einfluss, wodurch er sich seine Einkünfte aus allen Völkern unter der Sonne zuzieht. Der Sinn der Stelle bleibt in jedem Fall sich gleich: Die Habgier ist unersättlich wie der Tod, sie wird nie befriedigt, und auch ihr Rachen kann nie gestopft werden.

"Hades" im Neuen Testament

Das im Neuen Testament vorkommende griechische Wort Hades entspricht genau dem hebräischen Scheol. Den sichersten Beweis hierfür bietet uns die Tatsache, dass die Apostel beim Anführen alttestamentlicher Stellen das Wort Scheol immer mit Hades wiedergeben. Wir führen hier sämtliche Stellen des Neuen Testamentes an, in welchen das Wort Hades vorkommt:

Und du, Kapernaum, die du zum Himmel erhöht worden bist, bis zum Hades (Vergessenheit) wirst du hinabgestoßen werden." - Matth. 11:23

Wie das Wort Scheol im Alten, so ist in der Luther-Bibel auch das Wort Hades im Neuen Testament überall mit "Hölle" übersetzt worden. Dass aber Kapernaum in die ewige Qual gegangen, ist doch gewiss nicht wahr, ebenso wenig versank die Stadt in ein Grab, im gewöhnlichen Sinn des Wortes; dass sie aber bis auf den Grund zerstört wurde und in gänzliche Vergessenheit verfallen ist, bleibt wohl eine unbestrittene Tatsache (nicht einmal ihr Standort war, wenigstens in den sechziger Jahren, genau bekannt).

"Aber auch ich sage dir, dass du bist Petrus; und auf diesen Felsen will ich meine Versammlung bauen, und des Hades (der Vergessenheit) Pforten werden sie nicht überwältigen." - Matth. 16:18

Petrus hatte soeben das gute Bekenntnis abgelegt, dass der Herr Jesus der Gesalbte, der Sohn des lebendigen Gottes - der Messias - sei, und diese Wahrheit ist der mächtige Fels, auf welchen die ganze Kirche oder Herauswahl Christi als lebendige Steine aufgebaut werden muss, denn "es ist kein anderer Name den Menschen gegeben", und "einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus." Unser Herr erklärte Petrus als einen dieser lebendigen Steine ("Petrus" bedeutet "ein Stein"), und Petrus selbst bezeugt (1. Petr. 2:5), dass alle geweihten Gläubigen ebenfalls solche lebendige Steine seien, aufgebaut auf den unerschütterlichen Felsen - auf Christum, den Gesalbten. Diese lebendigen Steine bilden, wenn einst alle vollendet und zusammengefügt, den herrlichen Tempel, in welchem Gott durch seinen Geist wohnen wird und durch welchen er dann alle Geschlechter der Erde segnen will. Trotz dieser Tatsache, dass Gott eine gewisse Zahl von Gläubigen in Christo angenommen hat und sie als Glieder seines zukünftigen Tempels betrachtet, lässt er jedoch zu, dass der Tod jetzt seine Kinder überwältigt, dass dieselben scheinbar wie alle anderen dem Tod, der Vergessenheit anheimfallen, und darum muss der Herr sie ermutigen durch seine Versicherung, dass der Tod nicht über sie zu triumphieren, und die Vergessenheit ihre Pforten nicht für immer über ihnen verschlossen zu halten vermöge, sondern dass - gleich wie er (symbolisch gesprochen) die Pforten des Todes sprengte und durch des Vaters Allmacht auferweckt wurde - auch seine Kirche von der Gewalt des Todes und der Vergessenheit befreit werden und an seiner, an der Ersten Auferstehung teilhaben sollen. Dies stimmt deutlich mit dem ganzen Zeugnis der Schrift überein, und anders lassen sich die angeführten Worte des Herrn nicht auslegen, ohne mit der Schrift selbst in Widerspruch zu geraten.

"Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhöht worden bist, bis zum Hades (Vergessensein) wirst du hinab gestoßen werden." - Luk. 10:15

Kapernaum war hoch erhöht und in großem Maß bevorzugt, weil unser Herr eine Zeitlang daselbst wohnte; die Stadt hatte somit besonders reichliche Gelegenheit, seine Lehren zu vernehmen und seine Wundertaten zu sehen, und dies war, bildlich gesprochen, ihre Erhöhung bis zum Himmel. Da sie aber diese hohen Vorrechte und Gelegenheiten richtig zu schätzen und zu gebrauchen verfehlte, musste unser Herr der Stadt ein um so größeres Gericht verkündigen - den gänzlichen Zerfall, den Sturz in die tiefste Vergessenheit. Und diese Drohung hat sich auch wirklich erfüllt.

"Und im Hades (Zustand des Vergessenseins) seine Augen aufschlagend, als er in Qualen war." - Luk. 16:23

Hier haben wir die einzige Stelle der heiligen Schrift, welche die Möglichkeit des Denkens und Fühlens, der Qual oder der Freude im Hades oder Scheol andeutet. Aufs erste scheint sie dem Zeugnis Salomos, dass es im Scheol weder Tun, noch Überlegung, noch Kenntnis, noch Weisheit gebe, schnurstracks zu widersprechen, und sie kann auch nur dann richtig verstanden werden, wenn sie als das betrachtet wird, was sie ist, nämlich als Gleichnis. Wir haben uns schon anderswo (Siehe "Was sagt die Heilige Schrift über die Hölle?") mit der Betrachtung dieses Gleichnisses und dessen Einzelheiten befasst und dort gezeigt, dass der reiche Mann, der in die Vergessenheit fiel und, trotzdem er in der Vergessenheit war, noch gequält wurde, die jüdische Nation darstellt. Israel ist sicherlich der Vergessenheit verfallen; als Nation, sind sie tot, aber die unter alle Völker zerstreuten Splitter Israels leben weiter, und durch dieselben hat Israel seit seiner Verwerfung des Messias fortwährend Qual gelitten und wird weiter leiden müssen, bis es "Zwiefältiges empfangen hat für seine Sünden", und seine Trübsal sich in göttliche Gunst verwandeln wird, gemäß den Bestimmungen des göttlichen Bundes. - Röm. 11:26-29

"Du wirst meine Seele nicht im Hades (in der Vergessenheit) zurücklassen." - Apg. 2:27

Dies ist die Stelle aus den Psalmen, mit welcher wir unsere gegenwärtige Betrachtung eröffnet haben, um uns zu vergewissern, ob es die Seele oder nur der Leib sei, der in den Hades oder Scheol, in die Vergessenheit fährt. Der angeführte Text lehrt mit vollem Nachdruck, dass die Seele unseres Herrn dem Hades, dem Zustand des Vergessenseins verfiel und durch eine Auferweckung wieder davon befreit wurde. Der Zusammenhang beweist uns, dass auch Davids Seele dem Scheol anheim fiel, dass dieselbe bis jetzt aber noch nicht vom Scheol befreit worden ist und den Bestimmungen des göttlichen Planes gemäß auch nicht befreit werden kann, bis die ganze Herauswahl, der Leib Christi, zuerst befreit und die Erste Auferstehung vollendet sein wird. - Apg. 2:29, 34; Hebr. 11:32, 39, 40

"David hat voraussehend von der Auferstehung des Christus geredet, dass er nicht im Hades (in die Vergessenheit) zurückgelassen worden ist." - Apg. 2:31

Mit diesem bestimmten Zeugnis wird das, was wir eben gesehen haben, noch weiter bestätigt.

"Wo ist, O Tod, dein Stachel? wo ist, O Hades (Vergessenheit), dein Sieg?" - 1. Kor. 15:55

Der Apostel erwähnt diese alttestamentliche Stelle zur Bekräftigung seiner Beweisführung, dass die einzige Hoffnung der Toten auf einer Auferstehung beruht - nicht auf einer Auferstehung des Leibes, denn nach Vers 37 und 38 ist der begrabene Leib nicht der, welcher auferweckt wird: Die Auferstehungshoffnung bezieht sich auf das Wesen, auf die Seele, ungeachtet welcher Art der Leib sei, den ihr Gott nach seinem Wohlgefallen geben wird. Es heißt nicht, "wenn der Leib nicht auferweckt wird, so ist euer Glaube eitel sondern wenn Tote nicht auferweckt werden, so ist euer Glaube eitel ... dann sind auch die, welche in Christo entschlafen sind, verloren gegangen." (Vers 16-18) Das, was entschläft, soll wieder erweckt werden und auferstehen, aber nicht das, was in Verwesung übergeht.

"Und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig in die Zeitalter der Zeitalter und habe die Schlüssel des Todes und des Hades (der Vergessenheit)." - Offb. 1:18

Den Kindern Gottes sollen diese Worte zur Ermutigung dienen; das Wort Hades kann deshalb sicher auch hier nicht "Hölle", d.h. einen Ort der Qual bezeichnen, denn worin würde sonst die Kraft dieses Ausspruches bestehen? Die Stelle deutet an, dass auch die Kinder Gottes, wie die andern, dem Hades (der Vergessenheit) verfallen müssen, mit der Hoffnung jedoch, dass unser großer Erlöser zu seiner Zeit dieses bildliche Gefängnis des Todes aufschließen und all die Gefangenen aus dem Grab, aus dem Scheol oder Hades, aus dem Vergessensein hervorbringen wird. Hierin liegt die Bedeutung seiner Aussage, dass er die Schlüssel, d.h. die Macht und Autorität über den Hades besitze - er kann öffnen und schließen; alle Gewalt liegt in seiner Hand.

Aus Luk. 4:18 ersehen wir, wie unser Herr die Weissagung Jesaja: "Er hat mich gesandt, Gefangenen Befreiung auszurufen, ... Zerschlagene in Freiheit hinzusenden" (Jes. 61:1), auf sich selbst anwendet und dies als das Evangelium erklärt. Es ist das Evangelium von der Auferstehung, die frohe Botschaft von der Befreiung aller Gefangenen aus der Vergessenheit des Todes und aus der Gewalt des Widersachers, aus den Schlingen "dessen, der des Todes Gewalt hat, das ist der Teufel." Von welch wunderbarer Bedeutung sind doch diese Schriftzeugnisse, wenn vom richtigen Standpunkt aus betrachtet, und wie verwirrend und absurd müssen sie von jedem anderen Standpunkt aus erscheinen, wenn die Finsternis nicht so dick wäre, dass dadurch all die Ungereimtheiten und Widersprüche zugedeckt und verborgen blieben.

"Sein Name war Tod und der Hades (Vergessenheit) folgte ihm. Und ihm wurde Gewalt gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit dem Schwert und mit Hunger und mit Tod und durch die wilden Tiere der Erde." - Offb. 6:8

Eine unbegrenzte Einbildungskraft wäre unumgänglich nötig, wenn man diese Stelle mit der allgemein verbreiteten Ansicht in Einklang bringen wollte, wonach der Hades ein Ort der Qual sei, und zwar von solch ungeheurer Ausdehnung, dass er die fünfzigtausend Millionen der unseligen Menschen alle zu fassen vermöge. Und welches wäre wohl die Bedeutung dieser Worte, wenn solch ein Ort im Symbol als auf einem Pferde reitend dargestellt sein sollte? Lassen wir aber dem Wort Hades seine richtige Bedeutung, so gewinnt das ganze Bild viel an Verständlichkeit: Der Tod und sein Begleiter, der Hades - der Zustand des Todes, die Vernichtung, Vergessenheit, Bewusstlosigkeit - durchstreifen die Erde und fegen die Menschen in großer Menge vom Erdboden weg. Wir begnügen uns, hier bloß die vernünftige Bedeutung der Stelle zu zeigen, ohne uns auf eine Erklärung der einzelnen Symbole einzulassen.

"Und der Tod und der Hades (die Vergessenheit) gaben die Toten, die in ihnen waren, und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken." - Offb. 20:13

Als Folge des ersten Sündenfalles in Eden kam die Todesstrafe auf die ganze Menschheit. Wohl fünfzigtausend Millionen Menschen sind schon in den Scheol, in den Hades, in die Vergessenheit gegangen, und Hunderte von Millionen, die wir noch zu den Lebenden zählen, sind wahren Sinne des Wortes nicht lebendig, sondern zu neun Zehnteln tot, indem sie alle der Todesstrafe verfallen sind und deren Folgen deutlich zu verspüren bekommen. Als ein Resultat des auf Golgatha bezahlten Lösegeldes soll nun aber jedem Glied des Menschengeschlechtes eine Gelegenheit zu einer neuen Prüfung angeboten werden, welche als besondere Gnade in diesem für die Herauswahl der Kirche bestimmten Zeitalter nur einer kleinen Minderheit zu teil werden sollte. Die ursprüngliche Todesstrafe wird aufgehoben und alle Menschen werden persönlich auf die Probe gestellt, ob sie sich, je nach ihren Werken - ihrem Gehorsam oder Ungehorsam - des ewigen Lebens würdig erweisen oder nicht. Die hier erwähnte Schriftstelle zeigt uns, dass zur geeigneten Zeit nicht nur den Toten, welche wohl unter der Todesstrafe stehen, aber noch nicht ins Grab gegangen sind, volle Gelegenheit geboten wird, sich als des ewigen Lebens wert oder unwürdig zu erweisen, sondern dass auch alle die, dem Scheol, dem Hades, der Vergessenheit Verfallenen aus ihrer Bewusstlosigkeit, aus ihrem Todesschlummer erwachen sollen, um gerichtet zu werden - um ihre persönliche Prüfung zu bestehen. Dieses Werk der Prüfung gehört laut vielfachem Schriftzeugnis ins tausendjährige Reich, das "der Tag des Gerichts" für die Welt ist, während die Herauswahl ihre Prüfung in dem Evangeliums-Zeitalter zu bestehen hat.

"Und der Tod und der Hades (die Vergessenheit) wurden geworfen in den Feuersee. Dies ist der Zweite Tod, der Feuersee." - Offb. 20:14

In Luther-Übersetzung steht auch hier für Hades "die Hölle"; wer nun darauf bestehen will, dass Hades einen Ort ewiger Qual bezeichne, der muss beim Betrachten dieser Stelle unwillkürlich in große Verwirrung geraten. Wie vernünftig und harmonisch erscheint sie aber, wenn vom richtigen Standpunkt aus betrachtet! Der Feuersee (Gehenna) ist das Bild gänzlicher Vernichtung; er ist "Der Zweite Tod", der schließlich alles Böse gänzlich vertilgen wird. "Tod und Hades", die hier als durch den Zweiten Tod vernichtet dargestellt werden, sind dieselben Begriffe, die wir soeben anlässlich des vorhergehenden 13. Verses beschrieben haben. Der gegenwärtige Zustand der Verdammnis - die Folge der adamitischen Übertretung - wird "Tod und Hades" genannt - der sterbende Zustand derer, die wir lebendig heißen, und der bewusstlose Schlaf der wirklich Gestorbenen.

Wie der 13. Vers erklärt, dass zu seiner Zeit alle Menschen aus diesen Zuständen befreit werden und zu einer Prüfung gelangen sollen, so bezeugt dieser 14. Vers, dass der adamische Tod und der damit verbundene Schlaf in der Vergessenheit nach dem tausendjährigen Reich nicht mehr vorhanden sein werden, weil dann alles durch den Zweiten Tod, den Zustand ewiger Vernichtung, werde verschlungen worden sein. In der Zukunft wird niemand mehr wegen Adams Sünde sterben: dieselbe fällt in der zukünftigen Prüfung gänzlich außer Betracht. Der einzige Tod wird der Zweite Tod sein, und diesem werden nur die verfallen, welche persönlich die Sünde tun, nicht aber deren Eltern, noch auch ihre Kinder. "Die Seele, welche sündigt, die soll sterben." Trotzdem dieselben mit Schwachheiten der adamitischen Natur behaftet sein werden, von denen sie sich nicht erholt haben, weil sie die während des Millenniums durch den Mittler des Neuen Bundes in ihren Bereich gestellten Hilfsmittel und Gelegenheit verschmähten, so werden nach den Bedingungen dieses Neuen Bundes jene Schwachheiten doch nicht wider sie in Rechnung gebracht, indem dieselben durch das Opfer ihres Erlösers gänzlich beseitigt wurden. Wenn also nach der Zeit, da diese volle Heilsgelegenheit jedem einzelnen zuteil geworden sein wird, ihnen noch adamische Gebrechen und Unvollkommenheiten anhaften, so werden sie nicht des adamitischen, sondern des Zweiten Todes schuldig erachtet; - denn wenn sie während dieser günstigen Zeit keine Fortschritte gemacht haben, so wird das die Folge ihrer eigenen Halsstarrigkeit und Bosheit sein und nicht das Resultat von Adams Übertretung oder ihrer vererbten Schwächen.

Wir haben nun jede Schriftstelle in Betracht gezogen, worin die Wörter Scheol und Hades vorkommen, und haben uns vergewissern können, dass es die Seelen der Menschen sind, welche beim Tode in diesen Zustand kommen; wir sagen Zustand, weil wir uns ebenfalls überzeugen konnten, dass damit nicht ein Ort gemeint ist, trotzdem derselbe in bildlicher Sprache hin und wieder einem Ort, einem Gefängnis verglichen wird, aus welchem am Auferstehungsmorgen alle Gefangenen hervorkommen werden. Wir haben gefunden, dass es ein Zustand der Finsternis und der Stille ist, und dass für die, welche diesem Zustand des Vergessenseins anheimfallen, jegliches Bewusstsein, alles Denken, Reden und Handeln, sowohl Fluchen als Gott-Loben, gänzlich ausgeschlossen ist. Ihre einzige Hoffnung ruht im Herrn, - dass er durch das Opfern seiner Seele ihre Seelen von der Vernichtung erlöst hat, und dass er sie zu seiner Zeit befreien, sie aus der Vergessenheit aufwecken wird in günstigere Verhältnisse, als es die gegenwärtigen sind - wenn sein Zorn, der Fluch, vergangen sein und das tausendjährige Zeitalter des Segens begonnen haben wird.

Dass die Übersetzer und Verbesserer der allgemein gebräuchlichen Luther-Bibel und damit verwandten Übersetzungen vielfach von den falschen Ansichten beeinflusst waren, welche in Bezug auf die Natur des Menschen, auf die Zeit und den Ort seiner Belohnung und auf seinen Zustand in der Zwischenzeit des Todes, allgemein vorherrschen, müssen wir leider als eine Tatsache erkennen; und es sollte uns deshalb nicht überraschen, wenn sie sich haben verleiten lassen, gewissen Schriftstellen Gewalt anzutun, um dieselben mit ihren falschen Begriffen in Einklang zu bringen. Die so vergewaltigten Schriftzeugnisse haben aber schon manchem Wahrheitssucher zum Anstoß gereicht, und es ist somit gewiss recht und billig, solche Hindernisse näher zu betrachten und aus dem Wege zu räumen; damit wir aber den eigentlichen Gegenstand unserer Betrachtung nicht unterbrechen, verschieben wir dies auf den folgenden Band unseres Werkes.

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Studie 13

Die Hoffnung auf ewiges Leben und Unsterblichkeit und ihre Sicherstellung durch das Versöhnungswerk

Die Erwartungen und Hoffnungen der seufzenden Kreatur. - Diese bilden jedoch keine Beweise. - Wohl aber die Verheißungen Gottes und die Vollstreckung des Versöhnungswerkes. - Der Unterschied zwischen ewigem Leben und Unsterblichkeit. Hat die Menschheit Unsterblichkeit oder wird sie sie jemals erlangen? - Sind Engel, ist Satan unsterblich? - Leben und Unsterblichkeit durch das Evangelium ans Licht gebracht. - Die Hoffnung der Welt im Gegensatz zur Hoffnung der Herauswahl.

"Wenn ein Mann stirbt, wird er wieder leben? Alle Tage meiner Dienstzeit (meines mühseligen Lebens) wollte ich harren, bis meine Ablösung (Verwandlung) käme." - Hiob 14:14

"Unser Heiland Jesus Christus hat den Tod zunichte gemacht aber (ewiges) Leben und Unverweslichkeit (Unsterblichkeit) ans Licht gebracht durch das Evangelium." - 2. Tim. 1:10

In allen Menschen wohnt eine sehnliche Hoffnung, dass der Tod nicht allem Dasein ein Ende mache. Es ist freilich eine ganz unbestimmte Hoffnung, dass irgendwie und irgendwo das jetzige Leben eine Fortsetzung erfahren werde. Bei einigen gestaltet sich diese Hoffnung zu einer Furcht. Das Gefühl der Unwürdigkeit für eine glückliche Zukunft weckt die Furcht vor einer unglücklichen Zukunft. Je größer die Furcht hier vor für sich und andere, um so fester die Überzeugung, dass es eine solche unglückliche Zukunft gebe.

Diese unbestimmte Hoffnung und diese (glücklicherweise grundlose) Furcht haben beide ihren Ursprung in dem Urteil, das der Herr nach Adams Fall über die Schlange ausgesprochen, wonach der Same des Weibes einmal den Kopf der Schlange zertreten sollte. Ohne Zweifel wurde das so verstanden, dass ein Teil des Geschlechtes Adams schließlich über Satan und damit über Sünde und Tod, in die er die Menschen verstrickt, triumphieren würde. Ohne Zweifel bestärkte Gott diese Hoffnung in wiederum sehr unbestimmter Weise durch Henoch, welcher weissagte: "Siehe, der Herr kommt mit zehntausend seiner Heiligen!" und durch Noah am Ende des früheren Zeitalters. Aber das Evangelium (die gute Kunde) von einer Befreiung aus dem Tode, das einst in von Gott vorherbestimmter Zeit der ganzen Menschheit angeboten werden soll, scheint erst dem Abraham deutlich mitgeteilt worden zu sein. Der Apostel sagt: "Das Evangelium ist vordem dem Abraham verkündet worden" und zwar mit den Worten: "Durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden." Diese Verheißung war die Grundlage für die Auferstehungshoffnung der Juden. Denn da viele Geschlechter der Menschheit ins Grab gesunken waren, ohne gesegnet (glücklich gemacht) worden zu sein, und andere ebenso dahinstarben, so setzte die Verheißung, dass alle gesegnet werden sollten, deren Rückkehr auf Erden, wo sie gesegnet werden sollten, ein zukünftiges Leben, mithin eine Auferstehung voraus. Und diese Hoffnung nahmen die Juden in alle Länder mit, in die sie zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft zerstreut wurden.

Gewiss ist, dass, ob infolge eines Zusatzes heidnischer Hoffnung zu den eigenen Wünschen oder infolge natürlicher Anlage der Menschen, das wollen wir dahingestellt lassen, alle Welt an ein zukünftiges Leben und dessen ewige Dauer glaubt. Diesen allgemeinen Glauben bezeichnet der Apostel als "standhaftes Erwarten der Kreatur", der seufzenden Kreatur.

Aber Hoffnungen und Erwartungen sind keine Beweise für eine Lehre, und die Verheißungen im Alten Testament waren zu allgemein gehalten, als dass sie als Grundlage eines klaren Glaubens hätten dienen können, und noch weniger konnten sie es als Grundlage für eine Dogmatik (ein Lehrsystem).

Erst wenn wir im Neuen Testament die klaren Aussagen unseres Herrn und hernach seiner Apostel über das ewige Leben lesen, fangen wir an, die unbestimmte Hoffnung gegen einen klaren Glauben auszutauschen. Nicht nur finden wir dort deutlich gesagt, dass jedem eine Gelegenheit gegeben werden soll, ewiges Leben zu haben, sondern auch welches der Weg ist, auf dem jeder dazu gelangen soll.

Viele haben die Klarheit der im Neuen Testament gegebenen Lehre nicht betrachtet und sind deshalb im Glauben schwach. So wollen wir denn die ganze Lehre zusammen betrachten und dadurch unsere Überzeugung neu stärken, dass dank der Vorkehrungen unseres großen und allweisen Schöpfers jedem die Möglichkeit geboten werden wird, ewiges Leben erhalten.

Allein wir finden in dieser neutestamentlichen Lehre vom ewigen Leben zu unserer Verwunderung, dass sie damit beginnt, uns daran zu erinnern, dass nichts in uns ist oder aus uns kommt, das uns die Hoffnung auf ein ewiges Leben verbürgen würde. Vielmehr stellt die Lehre fest, dass das Leben unseres Geschlechts durch den Ungehorsam Adams verwirkt ist, dass Adam zwar für ewiges Leben vollkommen organisiert erschaffen worden, dass aber seine Sünde ihm nicht nur ihren Sold, den Tod, eintrug, sondern auch den Keim des Todes auf seine ganze Nachkommenschaft sich vererben ließ. Gottes Gesetz ist, wie er selbst, vollkommen; so war auch Adam als sein Geschöpf vollkommen, bevor er sündigte, denn es steht geschrieben: "Sein Werk ist vollkommen." Und vor Gottes Gesetz hat nur Bestand, was vollkommen ist, und alles Unvollkommene ist zur Vernichtung bestimmt. So hat denn Adams Geschlecht, "geboren in Sünden und empfangen in Ungerechtigkeit", kein Recht, auf ein ewiges Leben zu hoffen, zu dem es nicht unter den im Neuen Testament entwickelten, gute Botschaft genannten Bedingungen gelangen würde. Die gute Kunde aber lautet, dass ein Weg eröffnet worden ist, auf dem alle Nachkommen Adams, die es wollen, durch Christum zur Vollkommenheit, zur Gnade vor Gott, zu ewigem Leben zurückkehren können.

Den Grundton gleichsam dieser Hoffnung auf Wiederaussöhnung mit Gott und damit auf die Möglichkeit, ewig zu leben, geben die Worte: 1. "Christus ist für unsere Sünden gestorben" und 2. "für unsere Gerechtmachung wieder auferstanden"; denn "der Mensch Christus Jesus gab sich hin als ein Lösegeld (Loskauf­preis) für alle." Adam und sein Geschlecht, das, als er sündigte, noch in seinen Lenden war und dadurch von der über ihn verhängten Todesstrafe mit betroffen wurde, sind "erlöst (zurück­gekauft) durch das teure Blut (den Tod) Christi." - 1. Petr. 1:19

Doch wiewohl des Herrn Heilsvorkehrung für alle hinreichend ist, so kann sie doch keinem einzigen zugute kommen, es sei denn, dass dieserseits gewisse Bedingungen erfüllt werden. Jeder, der gerettet werden will, muss 1. Christum als Erlöser annehmen und 2. darnach trachten, die Sünde zu meiden und hinfort in Übereinstimmung mit Gott und seiner Gerechtigkeit zu leben. Darum sagt die Schrift: "Die Gnadengabe Gottes ist ewiges Leben durch Jesum Christum unseren Herrn." (Röm. 6:23) Vergleiche noch folgende Schriftstellen, die helles Licht auf unseren Gegenstand werfen:

"Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben (d.h. ein Recht, einen Anspruch auf Leben als eine Gabe Gottes); aber wer dem Sohne nicht glaubt, wird das (vollkommene, nicht mit Tod bedrohte) Leben nicht sehen." - Joh. 3:36; 1. Joh. 5:12

Niemand kann ewiges Lebens teilhaftig werden als durch Christum den Erlöser, der von Gott als Geber des neuen Lebens bestellt ist; und die Wahrheit, welche uns gestattet, Glauben und Gehorsam zu erweisen und so eine Sicherheit für ewiges Leben in die Hand zu kommen, heißt darum das "Wasser des Lebens" oder das "Brot des Lebens." (Joh. 4:14; 6:40, 54) Aber nur denen wird das ewige Leben werden, die, nachdem sie einmal gelernt haben, was es ist, und wie es als Gabe Gottes sich sichern können, darnach trachten, es zu ererben, indem sie gemäß dem Geist der Heiligkeit leben. Die sollen es erhalten als einen Lohn. (Röm. 6:23; Gal. 6:8) Um diesen Lohn zu erhalten, müssen wir des Herrn "Schafe" werden und auf die Stimme (Belehrung) des Hirten hören. (Joh. 10:26-28; 17:2, 3) Niemandem wird dieser Lohn aufgezwungen werden; es muss im Gegenteil darnach getrachtet, gleichsam darauf Beschlag gelegt werden. (1. Tim. 6:12, 19) Was wir jetzt bekommen, ist also eher eine Hoffnung, als wirkliches Leben, die Hoffnung nämlich, dass wir schließlich zu diesem wirklichen Leben gelangen, weil Gott einen Weg eröffnet hat, auf dem er gerecht bleiben und doch der Rechtfertiger aller werden kann, die wahrhaftig an Christum glauben und ihn annehmen. Durch Gottes Gnade kaufte uns nicht nur unser Herr Jesus vom Tode los, indem er sein Leben als ein Sühnopfer für das unserige verwirkte hingab, sondern er wurde auch unser großer Hohepriester und als solcher der Urheber (Ursprung, Born) ewigen Heils für alle, die ihm gehorchen (Hebr. 5:9). "Und dies ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben." - 1. Joh. 2:25

"Und dies ist das Zeugnis: dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat (jetzt durch Glauben und Hoffnung und dann tatsächlich, "wenn er, der unser Leben ist, erscheinen wird"), und dieses Leben ist in seinem Sohne. Wer den Sohn hat, der hat Leben, wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht" - 1. Joh. 5:11, 12

Dieses ewige Leben, zu dem Adam und seinem ganzen Geschlecht von unserem Schöpfer durch unseren Erlöser der Zutritt ermöglicht wurde, das aber für diejenigen bestimmt ist und nur denjenigen verheißen ist, die Glauben und Gehorsam erweisen, und das diesen letzteren jetzt auch nur als eine Hoffnung gegeben ist, wird den Gläubigen in der Auferstehung tatsächlich zu teil werden. Die deutlichen Verheißungen des Wortes Gottes sind von den Einbildungen der Welt über diesen Gegenstand grundverschieden. Diese letzteren zielen dahin, dass der Mensch einem zukünftigen ewigem Leben entgegengehe, weil er darauf hoffe oder (in den meisten Fällen) sich davor fürchte. Aber Hoffnungen und Befürchtungen sind keine Beweise. Auch ist der Anspruch unbegründet, dass etwas im Menschen ewig leben müsste; dieses "etwas" kann nicht gefunden, noch einem bestimmten Organ zugewiesen, noch als vorhanden dargetan werden.

Die Schriftlehre über diesen Gegenstand hingegen kann von dieser Seite nicht angefochten werden. Es ist durchaus vernunftgemäß, unser Leben, wie es in der Schrift auch dargestellt ist, als Gabe Gottes und nicht als eigenes, unveräußerliches Gut zu betrachten. Die heidnische Lehre, wonach der natürliche Mensch eine unsterbliche Seele hat, hätte, wenn sie richtig wäre, zur Folge, dass nicht diejenigen ewiges Leben hätten, die davon einen guten Gebrauch machen würden und glücklich wären, sondern auch diejenigen, die keinen guten Gebrauch davon machen würden und unglücklich wären.

Ihre Konsequenzen schießen mithin über das Ziel hinaus. Die Schrift lehrt hingegen, dass nur diejenigen jener großen und unschätzbaren Gabe (des ewigen Lebens) teilhaftig werden, die an den Erlöser und Lebensgeber glauben und ihm gehorchen. Die anderen, für die ewiges Leben ein Unglück wäre, werden es ebenso wenig erlangen, als sie es jetzt schon besitzen: "Der Sünde Sold ist der Tod; aber die Gnadengabe Gottes ist ewiges Leben durch Jesum Christum unseren Herrn." (Röm. 6:23) Die Bösen aber, d.h. alle diejenigen, welche, nachdem sie zu voller Erkenntnis der Wahrheit gelangt sind, derselben absichtlich widerstehen, werden durch den zweiten Tod aus der Mitte des Volkes Gottes hinweg gerafft werden. "Sie werden sein, als wären sie nicht gewesen." "Sie sollen gänzlich umkommen." Unwiederbringliche Vernichtung wird ihre ewige Strafe sein, ein Tod, aus dem es keine Erlösung gibt. Sie werden alles dasjenige verlieren, ewiges Leben, ewige Freude, ewiges Glück, was die Gläubigen gewinnen werden. - Apg. 3:23; Psalm 37:9, 20; Hiob 10:19; 2. Thess. 1:9

Gottes Gabe, das ewige Leben, ist für sein ganzes Volk kostbar, und ein festes Ergreifen desselben durch die Hand des Glaubens ist unentbehrlich für eine richtige, ordentliche Lebensanschauung. Einzig wer in dieser Weise gleichsam Beschlag gelegt hat auf das ewige Leben, indem er Christum angenommen und seinem Dienst allein sich geweiht hat, ist imstande, in den jetzt rasenden Lebensstürmen so zu bestehen, wie es sich gebührt, und so, dass er einen Nutzen davon hat.

Der Unterschied zwischen ewigem Leben und Unsterblichkeit

Wir haben im vorhergehenden nur die Hoffnung auf Unsterblichkeit (dieses Wort in der engeren Bedeutung von "ewiges Leben" genommen) betrachtet und dabei gefunden, dass ewiges Leben das Teil aller derer sein wird unter Adams Nachkommen, welche die zur Erlangung desselben seid Geltung des Neuen Bundes nötigen Bedingungen erfüllen. "Unsterblichkeit" bedeutet aber mehr als einfach "ewiges Leben", mehr als die meisten Leute meinen. Nach der Schrift wird dieselbe nur einer bestimmten Zahl, einer "kleinen Herde" verliehen werden, indes ungezählte Millionen des ewigen Lebens werden teilhaftig werden.

Unsterblichkeit ist eine Eigenschaft, die ausschließlich der göttlichen, nicht aber der menschlichen, auch nicht der Natur der Engel, noch irgend einer anderen Natur zukommt. Nur weil Jesus Christus und seine Braut, die kleine Herde, der göttlichen Natur teilhaftig werden sollen, werden sie unsterblich sein und daher unter allen Geschöpfen im Himmel und auf Erden eine Ausnahme bilden." - 2. Petr. 1:4

Hat die "Menschenseele" Unsterblichkeit oder wird sie sie jemals erlangen?
Sind Engel, ist Satan unsterblich?

Nachdem wir bereits gesehen haben, dass die "Menschenseele" (das Wesen) in der Verbindung des lebendigen Odems mit einem menschlichen Körper besteht, genau wie es bei den niedrigeren Tieren ist, nur dass das Leben (der Odem) im menschlichen Körper über viel höhere Fähigkeiten verfügt, müssen wir also die Frage stellen: "Sind alle lebendigen Wesen (alle Seelen) unsterblich?" Nachdem wir diese Frage verneint haben werden, entsteht die neue Frage: "Was hat der Mensch vor den Tieren voraus, das ihm erlaubt, auf Unsterblichkeit (ewiges Leben) zu hoffen?"

Salomos Beobachtung deckt sich hinsichtlich der ersten Frage vollständig mit derjenigen der wissenschaftlichen Gegenwart. Der Mensch ist, wie die niedrigeren Tiere, dem Tode verfallen. "Wie diese sterben, so sterben jene, und einerlei Odem haben sie alle." (Pred. 3:19) Die Begräbnisplätze vor den Ortschaften und manches andere erinnert uns täglich daran, dass der Mensch stirbt und deshalb nicht unsterblich ist, denn unsterblich ist nur der, welchem der Tod nichts anhaben kann. Welcher Art die Hoffnung des Menschen auf Unsterblichkeit auch sein mag, so viel bleibt bestehen, dass diese Unsterblichkeit keine gegenwärtige Eigenschaft der Menschen, sondern nur eine Hoffnung auf irgend eine göttliche Vorkehrung für die Zukunft sein kann. Bevor wir diesen Gedanken weiter verfolgen, wollen wir kurz die Bedeutung der Worte "sterblich" und "unsterblich" betrachten, da in dieser Hinsicht die gröbsten Missverständnisse obwalten, die viel Verwirrung anrichten.

Unsterblich ist einer, der nicht sterben kann, der gegen den Tod gefeit ist, der nicht umkommen, nicht der Vernichtung, nicht der Verwesung verfallen kann. Jedes lebendige Wesen, dessen Existenz in irgend einer Weise von einem anderen, und dessen Leben von Nahrung, Luft, Licht abhängt, ist nicht unsterblich. Unsterblich war von Anbeginn nur Jehova Gott, wie geschrieben steht: "Der Vater hat Leben in sich selbst" (Joh. 5:26), d.h. sein Dasein ist kein verursachtes noch von äußerlichen Hilfsmitteln abhängiges. Er ist der ewige, unsterbliche, unsichtbare König (1. Tim. 1:17). Demnach wissen wir ganz bestimmt, dass weder Menschen, noch Engel, noch Erzengel, noch auch der Sohn Gottes vor und während der Zeit, da er Fleisch war und unter den Menschen wohnte, unsterblich waren. Alle waren vielmehr sterblich.

Sterblich will nicht sagen, dass einer sterben muss, sondern dass einer sterben kann, dass er lebt, so lange Gott das Notwendige für die Unterhaltung der Lebenskraft darreicht. So könnten z.B. Engel sterben, von Gott vernichtet werden, wenn sie sich gegen Gottes weise, gerechte und liebevolle Herrschaft empören sollten. Sie leben und weben und sind in Ihm (von seiner Vorsehung). Ja, von Satan, der solch ein Engel des Lichts war und sich empörte, ist ausdrücklich gesagt, dass er zu seiner Zeit wird vernichtet werden (Hebr. 2:14). Dies beweist nicht nur die Sterblichkeit Satans, sondern auch die der (anderen) Engel (des Lichts); so wie er, könnten auch sie von ihrem Schöpfer vernichtet werden. Der Mensch aber ist um ein wenig geringer als die Engel (Psalm 8:5) und mithin ebenfalls sterblich. Dies beweist vorab die 6000-jährige Erfahrung der Menschheit und sodann die an die Heiligen gerichtete Aufforderung, darnach zu ringen, die Unsterblichkeit zu erlangen (Röm. 2:7). Dass die gewöhnliche Erklärung von sterblich: sterbend, und von unsterblich: mit ewigem Leben begabt, falsch ist, wird aus der Untersuchung der Frage erhellen:

Ist Adam als ein sterbliches oder als ein unsterbliches Wesen erschaffen worden?

Wäre Adam unsterblich erschaffen worden, wie könnte ihm denn mit Tod gedroht, wie konnte er zum Tode verurteilt werden? Wie konnte er sterben, wenn er unsterblich, gegen den Tod gefeit war? Warum vertrieb ihn Gott zur Strafe aus dem Garten Eden, "auf dass er nicht (weiter) esse vom Baume des Lebens und lebe ewiglich?" - 1. Mose 3:22

Wäre aber Adam als ein (wie die niedrigeren Tiere) für den Tod bestimmtes Wesen erschaffen worden, worin hätte dann die Strafe für den gegangenen Ungehorsam bestanden, wenn dieselbe (der Tod) ihm schon vor seinem Ungehorsam zugedacht war? Wie konnte Gott erklären, dass Adam den Tod durch seinen Ungehorsam verschuldet habe, wenn er (Adam) auch ohne Ungehorsam hätte sterben müssen?

Wir entrinnen aller Verlegenheit in dieser Frage durch Anwendung der richtigen Bedeutung der Worte unsterblich: "der nicht sterben kann", und sterblich: "der sterben kann, der zum Tode verurteilt, mit dem Tode bestraft werden kann."

Demnach ist Adam sterblich erschaffen worden. Er konnte sterben, er konnte aber auch ewig leben, je nachdem er seinem weisen, gerechten und liebreichen Schöpfer zu Gefallen lebte oder nicht. Wäre er gehorsam geblieben, er lebte heute noch, er lebte für immer, und wäre gleichwohl die ganze Zeit über sterblich, mit Tod strafbar gewesen im Falle des Ungehorsams und wäre es noch. Dieses ewige Leben wäre für ihn auch keinen Augenblick in Frage gestanden, denn Gott, von dem es abhing, ist unveränderlich. Ewiges Leben wäre Adam mithin so lange zugesichert gewesen, als er selbst in seiner richtigen ursprünglichen Stellung des Gehorsams und der Aufrichtigkeit zu Gott verharrt hätte. Was könnte vernünftigerweise noch mehr verlangt werden?

Adams Leben vor seinem Ungehorsam war, was das Leben der heiligen Engel jetzt noch ist; er hatte volles Leben, dauerndes Leben. Auf ihn allein kam es an, es weiter dauern zu lassen; es bedurfte hierzu seinerseits bloß des Gehorsams gegen Gott, der für das übrige sorgte. Aber eben, weil er nicht unsterblich, nicht gegen den Tod gefeit war, nicht Leben in sich selbst hatte, sondern dieses unter bestimmten von Gottes Wohlgefallen abhängigen Bedingungen aus Gott bezog - eben deshalb war die Drohung, dass er im Falle des Ungehorsams sterben würde, eine ernste Warnung. Sie bedeutete den Entzug, den Verlust des Lebens, des lebendigen Odems, ohne den der Leib in Staub zerfällt und die lebendige Seele, das Wesen zu existieren aufhört. Wäre Adam unsterblich gewesen, so wäre Gottes Todesurteil eine leere Drohung gewesen. Aber er starb vielmehr tatsächlich noch am gleichen (Tausendjahr) Tag seines Ungehorsams. - 2. Petr. 3:8

Wer etwa glauben sollte, die Bibel rede auf jeder Seite von der unsterblichen Seele des natürlichen Menschen, dem raten wir, eine Konkordanz zur Hand zu nehmen und sich zu überzeugen, dass die Bibel die Bezeichnung "unsterbliche Seele" oder andere gleichwertige Ausdrücke gar nicht kennt. Dies wird aufrichtige Wahrheitssucher augenblicklich überzeugen, dass jahrhundertlang die ernsten Christen, in Gedanken wenigstens, zum Wort des Lebens hinzugefügt haben - und dies zu ihrem eigenen Nachteil, zu ihrer eigenen Verwirrung.

Nach der Schrift haben die Engel ewiges Leben, sind aber sterblich, d.h. ihr ewiges Leben ist nicht eine Folge ihrer Unsterblichkeit, ihrer Gefeitheit gegen den Tod, sondern des Wunsches ihres Schöpfers, sie so lange leben zu lassen, als sie mit ihm und seinen gerechten und liebreichen Vorkehrungen im Einklang bleiben und demgemäß leben. Dies ist leicht nachzuweisen. Denn war nicht Satan einer der heiligen Engel bevor er aus Hochmut und Ehrgeiz sündigte? Wurde er nicht auf diese Weise einer der Bösen (die Gott absichtlich, mit Willen widerstehen), von denen geschrieben steht: "Alle Gesetzlosen vertilgt er", und "Welche Strafe leiden werden, ewiges Verderben (Vernichtung)?" - Psalm 145:20; 2. Thess. 1:9

Und was in Hebr. 2:14 vom Teufel geschrieben steht, dass er durch den Tod vernichtet werden soll, gilt in gleicher Weise von allen, die auf seinem bösen Weg wandeln und die Vorkehrungen Gottes wissentlich und willentlich verwerfen.

Auch in indirekter Weise lehrt die Bibel, die sich fast ausschließlich mit den Beziehungen des Menschen zu Gott beschäftigt, die Sterblichkeit der Engel. Denn sie erklärt, dass Christus allein Unsterblichkeit hat (1. Tim. 6:16), der Vater immer ausgenommen (1. Kor. 15:27). Diese Unsterblichkeit, die eine Eigenschaft der göttlichen Natur ist, erhielt unser Herr Jesus bei seiner Auferstehung (als Geistwesen, nicht bei seiner Himmelfahrt) und als Lohn für die im Gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz bewiesene treue und Ergebung in des Vaters Willen. Diese Verleihung der Unsterblichkeit bedeutete für ihn eine große Erhöhung; stand er schon von Anbeginn im Range höher als alle anderen (Geistwesen), so machte nun seine Erhöhung den Rangunterschied um vieles größer. - Eph. 1:21

So ist es denn klar, so belehrt uns denn Gottes Offenbarungswort, dass zur Zeit, da die Apostel ihre Briefe schrieben, der Vater und sein Eingeborener Sohn allein Unsterblichkeit hatten. Vorher hatte sie der Vater allein; denn hätte sie der Eingeborene Sohn vor seiner Erhöhung auch schon gehabt, so hätte er nicht der Erretter der Menschenwelt werden können. Denn er hätte nicht sterben können; nach Gottes Plan aber musste er, um unser Erlöser zu werden, sterben. So heißt es denn: "Christus ist für unsere Sünden gestorben" und hernach (zur Belohnung hierfür) zur Unsterblichkeit erhoben worden.

Ewiges Leben ist im Alten Testament in unbestimmter Weise in Aussicht gestellt, Unsterblichkeit aber ist nicht einmal erwähnt. Darum erklärt denn auch der Apostel, unter der Leitung des heiligen Geistes, dass unser Herr Jesus den Tod zu Nichte gemacht (seine Herrschaft über die Menschheit zeitlich beschränkt) hat und

Leben und Unsterblichkeit durch sein Evangelium ans Licht gebracht hat.
- 2. Tim. 1:10 -

Diese Stelle lehrt zweierlei: erstens, dass Leben, vollkommenes, dauerhaftes Leben von Unsterblichkeit unterschieden werden muss; und zweitens, dass keine dieser beiden großen Segnungen vor dem Evangelium zugänglich war, vor "der großen Errettung, die zuerst von unserem Herrn verkündigt wurde." - Hebr. 2.3

Was war es nun, das unseres Herrn gute Kunde ans Licht brachte hinsichtlich dieser zwei großen Segnungen (ewiges Leben und Unsterblichkeit)?

a) Sie zeigte, wie durch Gottes Gnade unser Herr die ganze Nachkommenschaft Adams zurückkaufte und so für jeden einzelnen Menschen eine Gelegenheit schuf, vom Tode zum Leben zurückzukehren. Sie wies, mit anderen Worten, auf das Kommen der "Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge" hin, "von welchen Gott geredet hat durch den Mund aller seiner heiligen Propheten seit Anbeginn der Welt". Diese Wiederherstellung bedeutet nicht nur eine Herausführung der Wiederherzustellenden aus dem Grabe (des Vergessenseins), sondern auch eine solche aus den verschiedenen Graden des Todes (Unvollkommenheit, Krankheit), eine Zurückbringung zum Leben, zu dauerndem Leben, wie dasjenige Adams vor dem Falle war. Das Evangelium (die gute Kunde) Christi gibt uns die Zusicherung, dass eine volle Gelegenheit, diesen Segen, dieses Leben zu erhalten, allen geboten werden soll unter den vernünftigen Bedingungen des Neuen Bundes und "zu seiner Zeit." - 1. Tim. 2:6

b) Das von Christi guter Kunde verbreitete "Licht" lässt außerdem im Plan Gottes eine besondere Vorkehrung für eine besondere Berufung, Erprobung und Zubereitung einer kleinen Zahl seiner Geschöpfe erkennen, die zu mehr als sittlicher und intellektueller Gottes-Ebenbildlichkeit gelangen sollen, eine Einladung, sich so sehr dem Willen des Vaters zu unterwerfen und von ihrem absoluten Gehorsam so volle Beweise zu geben, dass neue Kreaturen aus ihnen gemacht werden können, dem erhöhten Erlöser gleich, wie er, der Unsterblichkeit, der göttlichen Natur teilhaftige Personen.

Und wenn wir nun mit Staunen die Frage stellen, welchen unter Gottes heiligen Geschöpfen, den Cherubinnen, den Seraphinen, diese hohe Ehre zugedacht ist, so finden wir in Christi Evangelium die Antwort, dass Engel derselben überhaupt nicht teilhaftig werden sollen, sondern allein der Sohn des Menschen und seine "Braut", die aus der Zahl derjenigen, die er mit seinem eigenen teuren Blut erkauft hat, also aus den gefallenen Menschen, auserwählt werden soll.

"Schaut auf ihn, welcher, der Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende (ihm in Aussicht gestellte) Freude das Kreuz erduldete und (nun zum Lohn) sich gesetzt hat (auf den Ehrenplatz) zur Rechten des Thrones Gottes" (Hebr. 12:2). "Da er reich war, aber um unsertwillen arm wurde" (2. Kor. 8:9). Da er Menschen zurückkaufen sollte, musste er als Rückkaufpreis eine menschliche Natur hergeben. Darum erniedrigte er sich selbst und nahm Knechtsgestalt an und, nachdem er dem Menschen gleich geworden, erniedrigte er sich noch weiter bis zum Tod, ja bis zum allerschimpflichsten Tode, zum Verbrechertod am Kreuz. Darum hat Gott ihn auch bei seiner Auferstehung (nicht bei seiner Himmelfahrt) hoch erhoben zu der ihm als Lohn verheißenen göttlichen Natur und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist (Jehovas Namen ausgenommen). - 1. Kor. 2:8, 9-Phil.2:8,9

"Würdig ist das Lamm, das geschlachtet worden ist, zu empfangen Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit und Segnung!" - Offb. 5:12

Der unaussprechliche Reichtum der Gnade Gottes hätte nun stehen bleiben können bei der Erhöhung dieses Größten und Würdigsten. Aber sie geht weiter. Gott der Vater hat bestimmt, dass Christus als Anführer eine Anzahl Söhne Gottes zu Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit führen soll (Hebr. 2:10; Röm. 2:7). Doch muss ein jeder dieser Söhne ein geistiges Abbild des Erstgeborenen sein. Und diese Ehre, des Lammes Braut und Miterbe zu werden, ist, als eine großartige Belehrung über Gottes Erhabenheit und eine kräftige Widerlegung aller Entwicklungslehren, nicht den schon hochstehenden Engeln zugedacht, sondern einigen unter den Sündern, die durch das köstliche Blut des Lammes zurückgekauft worden. Gott erwählte diese Zahl und bestimmte zuvor, welches die Anforderungen sein sollten, denen sie entsprechen müssten, um fest zu machen ihre Berufung und Erwählung zu einem Platz unter der so hoch zu ehrenden Schar. Alles weitere ist Christo überlassen, der jetzt wirkt, wie der Vater bisher gewirkt hat. - Joh. 5:17

Das zwischen dem Pfingsttage und der Aufrichtung des Reiches Gottes bei der zweiten Gegenwart Christi liegende Evangeliums-Zeitalter ist die Zeit für die Herauswahl dieser "Brautklasse", die auch als Versammlung (Ekklessia), Leib des Christus, königliche Priesterschaft, Samen Abrahams (Gal. 3:29) bezeichnet wird. Während dieses ganzen Zeitalters wird die Herrschaft des Bösen deshalb zugelassen, damit diese Glieder des Leibes des Christus hinsichtlich ihrer Herzensstellung auf die Probe gestellt werden können und eine Gelegenheit haben, ihr kleines, von Jesu erkauftes Alles im Dienste dessen zu opfern, der sein teures Blut für sie hingegeben hat, und dadurch in ihren Herzen Jesu Ebenbild zu entwickeln, damit, wenn am Ende des Zeitalters sie durch ihren Herrn und Erlöser dem Vater vorgestellt werden, Gott in ihnen das Ebenbild seines Sohnes sehen könne. - Kol. 1:22; Röm. 8:29

Wie der Lohn der Herrlichkeit, Ehre, Unsterblichkeit und der anderen Eigenschaften der göttlichen Natur dem Erstgeborenen nicht zu teil wurde, bevor er seinen Lauf vollendet durch Ergänzung seines Opfers und Gehorsams im Tode, so geht es auch der Herauswahl, der "Braut", die als eins gerechnet und als Ganzes behandelt wird. Unser Herr, der Erstgeborene und Anführer, trat seine Herrlichkeit bei seiner Auferstehung an (nicht bei seiner Himmelfahrt); indem er "aus den Toten geboren", "vom Geiste geboren" wurde; damals ward er hoch erhöht, erhoben auf den Thron, an die erste Ehrenstelle (zur Rechten) Gottes. In gleicher Weise, so hat er es verheißen, wird seine Herauswahl, seine Braut bei der Auferstehung verwandelt werden, durch Gottes Macht die menschliche Natur austauschen gegen die Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit der göttlichen Natur. - Hebr. 13:20; 2. Petr. 1:4

Darum steht mit Bezug auf die (Erste) Auferstehung, die der Herauswahl, geschrieben: "Es wird gesät verweslich, es wird auferweckt in Unverweslichkeit (Unsterblichkeit). Es wird gesät in Unehre, es wird auferweckt in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit, es wird auferweckt in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher (menschlicher, wörtlich: animalischer, seelischer) Leib, es wird auferweckt ein geistiger Leib. Und wie wir das Bild dessen von Staub getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen." - 1. Kor. 15:42-44, 49

Die Bedingungen, die von denjenigen gefordert werden, welche ihre Berufung und Erwählung zu dieser hohen Stellung fest machen wollen, sind sehr schwere, entsprechen jedoch gleichwohl einem "vernünftigen Gottesdienst". Den Treu- und Festbleibenden wird zum Endgeld die Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit der göttlichen Natur verheißen. Sie sollen mithin des Erlösers hoher Erhöhung weit über Engel teilhaftig werden, so sie auch seine Schmach teilen, indem sie in seinen Fußstapfen, nach seinem Vorbild wandeln in dieser gegenwärtigen Zeit, wo noch dem Bösen die Vorherrschaft gelassen ist.

Einzig und allein dieser Herauswahl gelten die im Worte Gottes dargebotenen Verheißungen und die Hoffnung auf Unsterblichkeit. Diese ist es, wovon wir in Joh. 5:26 lesen: "Wie der Vater Leben in sich selbst hat (Leben, das nicht der Unterhaltung bedarf, Unsterblichkeit), so hat er auch dem Sohne gegeben, Leben in sich selbst (Unsterblichkeit) zu haben" und es weiter zu geben, an wen er wollte, an seine Braut, seine Herauswahl, die Glieder seines Leibes - Eph. 3:6

Mit dem Worte "Unsterblichkeit" (1. Kor. 15:53, 54; 1. Tim. 6:16) wechselt das Wort "Unsterblichkeit" (resp. "unverweslich"). (Röm. 2:7; 1. Kor. 15:42, 50, 53, 54; 2. Tim. 1:10; Röm. 1:23; 1. Kor. 15:52; 1. Tim. 1:17; 1. Petr. 1:4, 23; 3:4). Unverweslich heißt, was nicht verwesen, zerfallen, seinen Wert verlieren kann. Unverweslichkeit ist mithin, wenn von Personen ausgesagt, gleichbedeutend mit Unsterblichkeit. Denn was Leben hat und gegen den Tod gefeit ist, kann in Wahrheit "unverweslich" genannt werden.

Die Hoffnung der Welt im Gegensatz zur Hoffnung der Herauswahl

Die kecksten und gelehrtesten unter den Naturforschern und Philosophen, unter ihnen die Anhänger der Entwicklungslehre, haben den Beweis zu erbringen gesucht, dass des Menschen Leben nicht eine Gabe des Schöpfers sei. Sie haben Mensch und Tier mittelst des Entwicklungsprozesses abgeleitet von einer Zelle, ja von dem Protoplasma in derselben. Sie möchten nun gerne den Schöpfer und Lebensgeber überhaupt weg leugnen, allein da sie keine Erklärung dafür geben können, wie die leblose Materie dem Protoplasma Leben verschafft, so müssen sie das Vorhandensein einer großen, obersten Lebensquelle zugeben.

Leute aber, die die Bibel gerne erforschen, sollen ohne Bedenken die Belehrung der Schrift annehmen können, nach welcher Gott selber und er allein die große "letzte" Ursache, der Born des Lebens ist, aus dem alles Leben auf jeder Stufe stammt; oder wie es der Apostel ausdrückt: "Alle Dinge sind vom (aus dem) Vater, und alle Dinge sind durch den Sohn und wir sind durch ihn." (1. Kor. 8:6) Der Christ findet nicht nur im Buche der Natur Beweise vom Vorhandensein eines Schöpfers, sondern er findet auch in der Bibel die ausdrückliche, eingehende Kundmachung dieses Schöpfers und die Erklärung woher die Schöpfung kommt. Er hält die Erschaffung des ersten Menschenpaares durch Gott für eine Tatsache und glaubt auch, dass Gott es gewesen, der ihnen Leben und die Fähigkeit geschenkt, lebende Wesen, wie sie selber, hervorzubringen, genau wie der Tierwelt auch.

Im Paradies sehen wir Adam und Eva in ihrer Vollkommenheit, im Besitz sittlicher und intellektueller Eigenschaften, die denen ihres Schöpfers ähnlich waren. Sie waren daher ihren Untertanen, der Tierwelt, weit überlegen, Wesen, Seelen höherer Ordnung dank ihrem höheren, feineren Organismus.

Was war nun Gottes Absicht für sie? War ihm wie den Tieren bestimmt, einige Jahre zu leben und dann zu sterben, um anderen Wesen seiner Gattung Platz zu machen? Oder war dem nicht so, trotzdem er die Eigenschaft der Unsterblichkeit, wie wir gesehen haben, nicht besaß? Nein, sicherlich nicht! Aber dafür finden wir Zeugnisse genug, dass Gott das nötige vorgekehrt hat, damit diejenigen, die den Erfordernissen entsprechen, ewig leben können. Diese Vorkehrung bestand nicht in der Verleihung der Unsterblichkeit, sondern in dem guten Willen und Vorsatz des Schöpfers, in dem "wir leben und weben und sind".

Gelegentlich könnte jemand den Schluss ziehen, der Mensch sei unsterblich, unzerstörbar, weil die Wissenschaft dargetan habe, dass die Materie unzerstörbar sei. Aber das wäre ein Trugschluss; denn Materie ist nicht Mensch, und das Leben, die Seele, ist nicht Materie. Wohl ist der Leib Materie, aber um den Leib des Menschen zu bilden, muss die Materie einen zweckgemäßen besonderen Aufbau haben, und dann muss erst noch Odem, Lebensgeist dazukommen, damit dieser zweckgemäße Aufbau der Materie eine Seele, ein Mensch werde. Niemand wird behaupten wollen, dass ein Organismus unzerstörbar sei. Es kann daher jeder denkfähige Mensch einsehen, dass das von einer bestimmten Beschaffenheit und Funktion des Organismus abhängige Wesen (Seele) eben wie der Organismus selbst zerstört werden kann. Dies verneinen würde übrigens der Analogie wegen auch den niedrigsten Lebewesen (Insekten, Kriechtieren) Unsterblichkeit, Unzerstörbarkeit zuerkennen. Es ist eben ein sehr großer Unterschied zwischen Vernichtung (Zunichtemachung) von Materie und von Leben.

Gott erklärte nach dem biblischen Bericht unserem Vater Adam, dass er seines Lebens sicher sei und es so lange sein werde, als er ein gehorsamer Sohn Gottes sei, dass nur Ungehorsam ihn (sein Wesen, seine Seele) dem Tode aussetzen würde. Allein unsere ersten Eltern fielen und wurden zur Strafe hierfür zum Tode verurteilt. Hierzu konnten sie nur als lebendige Wesen, als Seelen verurteilt werden; das Urteil traf daher nicht den an sich leblosen Leib, noch die unpersönliche Lebenskraft, sondern das Produkt ihrer Vereinigung, die Seele; die sollte sterben.

Nun hätte der Herr das Todesurteil sofort nach der Übertretung des göttlichen Gebotes vollstrecken können. Allein statt dessen entrückte er nur die Vorkehrungen für die fortdauernde Unterhaltung des Lebens dem Bereich Adams, so dass dieser allmählich starb. Diese Vorkehrungen bestanden in der Hervorbringung von genießbaren Früchten durch den "Baum des Lebens", deren Genuss das Leben fort erhielt, indem dadurch die Einbuße und Abnutzung jedes Tages wieder gutgemacht wurde. Von diesem Baum (oder Baumgruppe) wurde der Mensch sofort nach seiner Übertretung abgeschnitten, und so geriet er in die Gewalt des Todes, wie die niedrigeren Tiere. Beim Menschen jedoch wird der Tod ausdrücklich als ein Fluch, eine Strafe bezeichnet, die er sich durch Verletzung göttlicher Bestimmungen zugezogen. Dieser Fluch, der auf dem König der Erde lastet, wurde zu einem Fluch über das ganze Herrschaftsgebiet und alle Untertanen, die niedrigeren Tiere, denn nachdem der König seine Vollkommenheit eingebüßt, riss Unordnung in seinem Herrschaftsgebiet ein.

Zudem traf der Fluch die Kinder Adams, da sie von ihm, ihrem Vater, Ansprüche, Vorrechte und leibliche Vollkommenheit nicht mehr erben konnten, nachdem er sie verwirkt und verloren hatte. Nun sind wir, wie auch die Schrift erklärt, alle in Adam zum Tode verurteilt und als zur Gottebenbildlichkeit bestimmte, vernunftbegabte und den Wert ewigen Lebens zu schätzen vermögende Geschöpfe darauf angewiesen, unsere Augen zu Gott zu erheben, um zu sehen, ob seine unendliche Weisheit, Liebe, Gerechtigkeit und Macht eine Methode, einen Plan zu entdecken imstande, nach welchem Gott gerecht bleiben und dennoch der Gerechtmacher aller derer werden kann, die an Jesum glauben. - Röm. 3:26

Diese Erwartung unserseits ist nicht trügerisch. Gottes Vorkehrung durch Christum besteht, wie die Schrift lehrt, in der Auferweckung der Toten, in der Wiederherstellung des Menschen zu seiner ursprünglichen Vollkommenheit. Zwar sind Schranken und Bedingungen da, und nicht alle werden Gottes Gunst finden; aber eine Gelegenheit, sie zu finden, wird allen geboten werden, wobei wir des frohen Glaubens leben, dass die Mehrzahl der Nachkommen Adams, wenn sie einmal die Wahrheit kennen, Gottes Gnadenvorkehrung durch Christum sich dankbar zu nutze machen und ihren Wandel durch Glauben an den Erlöser so gestalten werden, dass er mit den Anforderungen des Neuen Bundes in Einklang kommt.

Es ist jedoch nicht an uns oder an jemand anderem, die Frage: "Werden wenige errettet werden?" zu beantworten, nachdem unser Herr Jesus sich weigert, die Antwort darauf zu geben (Luk. 13:23). Darauf aber dürfen wir und müssen wir hinweisen, dass unser Herr ein Lösegeld für alle bezahlt hat, und dass zur rechten, vorbestimmten Zeit alle zur Erkenntnis dieser großen Wahrheit kommen und somit eine Gelegenheit erhalten sollen, ewiges Leben zu empfangen von Ihm, dem großen Licht, der jeden erleuchten soll, der in diese Welt kommt (1. Tim. 2:4-6; Joh. 1:9). Wir rufen daher immer wieder, so lange dieses Zeitalter noch währt, allen denen, die Ohren haben zu hören, des Meisters Worte zu: "Ringet darnach, durch die enge Pforte einzugehen; denn viele, sage ich euch, werden einzugehen suchen und es nicht (mehr) vermögen, von da an, wenn der Hausherr aufgestanden ist und die Tür verschlossen hat" (Luk. 13:24, 25). Der einzige Ruf, der im jetzigen Evangeliums-Zeitalter ergeht, ist der, auf dem schmalen Weg der Selbstaufopferung zu wandeln. Da sollte denn kein irdischer Vorteil uns blenden und unseren Blick abziehen von dem großen Preis der Unsterblichkeit, der jetzt noch angeboten wird denen, die den Lauf vollenden. Wenn einmal die Vollzahl der Nationen eingegangen, die Zahl der Auserwählten voll ist, und die große Trübsal am Ende dieses Zeitalters beweist, dass die Herauswahl vollzählig und erhöht ist, dann wird es viele geben, welche die Angelegenheiten dieser Welt, die jetzt ihre Aufmerksamkeit ablenken und sie hindern, ihre Weiheverpflichtungen zu erfüllen, mit ganz anderen Augen ansehen werden.

Gottes Heilsplan für die Nachkommen Adams im allgemeinen besteht darin, einem jeden während des Millenniums oder Tausendjahrtages das ewige Leben anzubieten unter den Bedingungen des neuen Bundes, der mit dem teuren Blut des Lammes versiegelt ist. Unsterblichkeit, göttliche Natur aber wird dann nicht mehr zu erhalten sein; das sind Gaben, die der Herauswahl dieses Evangeliums-Zeitalters, der kleinen Herde, der Braut, des Lammes Weib, vorbehalten sind. Für die anderen bedeutet das Anerbieten ewigen Lebens Wiederherstellung (Apg. 3:19-21) zu Leben und Gesundheit und Vollkommenheit der menschlichen Natur, wie sie Adam, als Ebenbild Gottes, besaß vor seinem Fall aus der Gnade in Sünde und Tod.

Wenn dann am Ende des Millenniums alle gehorsamen Menschen erhalten haben werden, was durch Adam verloren ging und von Christo zurückgekauft wurde, dann werden auch alle, nachdem sie nun volle Erkenntnis gewonnen und deshalb in den Stand gesetzt sind, die Prüfung zu bestehen, einzeln (wie Adam) einer strengen Prüfung unterzogen werden (Offb. 20:7-10), und nur die, welche sich bei dieser Prüfung als von Herzen und im äußerlichen Wandel mit Gott und seinen gerechten Anforderungen einverstanden erweisen, werden über das Millennium hinaus in die ewige Zukunft des Zeitalters ohne Ende hinein leben. Die übrigen wird der Zweite Tod auf immer dahin raffen - aus der Mitte des Volkes. - Apg. 3:22

Wenn nun auch kein Tod, kein Seufzen und kein Weinen mehr sein soll, so wird das nicht etwa die Folge der Verleihung der Unsterblichkeit an die Überwinder des Tausendjahr-Zeitalters sein, sondern die Folge davon, dass die Menschen zwischen gut und böse und den Früchten beider zu unterscheiden gelernt und dadurch einen Charakter entwickelt haben werden, der sie mit Gott und seiner Gerechtigkeit in vollem Einklang stehen lassen wird, die Folge davon, dass sie eine Prüfung werden bestanden haben, die beweist, dass sie auch dann nicht zu sündigen wünschten, wenn sie dazu Gelegenheit erhielten und keinerlei Strafe sie dafür treffen würde. Sie werden nicht Leben in sich selbst haben, sondern noch abhängen von Gottes Vorkehrungen zur Erhaltung des Lebens (Nahrung). - Offb. 21:4, 6, 8; 7:16; Matth. 5:6

Wie der Fluch den Tod der Menschheit nach sich zog, so bedeutet die Aufhebung des Fluches die Aufhebung aller gesetzlichen Hindernisse für die Rückkehr des Menschen zu den Segnungen, deren er in Eden teilhaftig werden sollte. Aber jetzt ist der Mensch geistig, sittlich und körperlich so herunter gekommen, dass er nicht fähig ist, wie Adam es war, sich der Vollkommenheit eines Lebens im Paradies zu freuen. Darum hat Gott für Zeiten der Wiederherstellung, für ein Tausendjahr-Reich gesorgt, in welchem die Menschheit, für deren Sünden unser Herr Jesus durch seinen Tod die Strafe bezahlt hat, von Ihm, dem Lebensspender und Befreier zurückgebracht werden wird aus den Banden des Todes und der Sünde zur Freiheit vollkommener Gottesebenbildlichkeit. So ist es denn Gottes Wille, dass des Menschen Bekanntschaft mit der Sünde für ihn eine ewige Warnung vor deren "außerordentlichen Sündhaftigkeit" und ihrem Sold, dem Tod, bilden soll, damit, wenn er im Laufe des Millenniums mit der Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Güte, Liebe und den anderen Eigenschaften des Charakters Gottes bekannt geworden, er sich unterwerfen und gehorchen und das Vorrecht ewigen Lebens in einer Weise würdigen lerne, wie es Vater Adam nie zu würdigen vermocht hätte, da er das Gegenteil davon nicht durch gekostet hätte, wenn er nicht gefallen wäre.

Dieser Erfahrung zuliebe musste unser Geschlecht den Tod langsam kosten und wird es auch die Auferstehung (Wiederherstellung) langsam zu kosten bekommen. Zoll für Zoll wird es gehoben, herausgezogen werden aus dem Sumpf der Sünde, aus dem schrecklichen Abgrund der Verkommenheit und des Todes, empor zu der großartigen Höhe des Lebens und der Vollkommenheit, von der es in der Person Adams fiel. Hiervon machen nach der Schrift nur die wenigen Ausnahme, die zuvor mit Gott in Übereinstimmung gebracht worden sind, der Same Abrahams nach dem Fleisch und nach dem Geist. - Gal. 3:29; Hebr. 11:39, 40

So, im Lichte der Schrift betrachtet, erscheint die Unsterblichkeit in ihrem vollen Glanz. Sie vertritt nicht den Weg "dem ewigen Leben, der Gabe Gottes", welche bestimmt ist für alle, die es von ihrem Erlöser unter den einzigen Bedingungen, unter denen es für sie ein Glück bedeutet, werden annehmen wollen. Sie machen es unmöglich, nicht für die des ewigen Lebens Unwürdigen die gerechte Strafe, die der große Richter aller verkündet:

"Der Sünde Sold ist der Tod." - Röm. 6:23

"Die Seele, die da sündigt, die soll sterben." - Hes. 18:4, 20

"Wer dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes (der Fluch, Tod) bleibt über ihm." - Joh. 3:36

So ist denn auch in dieser Frage, wie anderswo, die Weisheit des Wortes Gottes tiefer und klarer und viel vernunftgemäßer als die heidnischen Lehrsysteme und Lehrsätze. Gelobt sei Gott, dass er sein Wort der Wahrheit beschafft und Herzen zubereitet hat, die es gerne als die Kundmachung der Weisheit und Macht Gottes annehmen! Den Kleingläubigen aber, der da zweifelt, dass Gott in der Auferstehung die Millionen Menschen so genau werde wiederherstellen können, dass sie sich selbst wiedererkennen und aus den Erfahrungen ihres ersten Lebens werden Nutzen ziehen können, möchten wir nur an die Tatsache erinnern, dass selbst der Mensch imstande ist, mittelst des Phonographen seine eigenen Worte festzuhalten und wiederzugeben. Wie viel mehr muss unser Schöpfer imstande sein, für unser ganzes Geschlecht Gehirn-Organismen wieder zu erzeugen, die jedes Gefühl, jeden Gedanken, jede Erfahrung wiedergeben werden. Von dieser Macht scheint David im 139. Psalm zu reden. (siehe Vers 14-16)

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Studie 14

Die Notwendigkeit der Versöhnung

Der Fluch

Der Fluch ist ein gegenwärtiges, kein zukünftiges Übel. - Wann und warum kam derselbe auf alle Menschen? - Wann wird dieser "Zorn" Gottes gegen die Sünde vorüber sein? - Das gegenwärtige und das zukünftige "Entrinnen". - Der von Gott entworfene Heilsplan erfordert die Versöhnung. - Der Mensch als Beispiel für die Engel und die zukünftigen Geschöpfe.

"Und keinerlei Fluch wird mehr sein." - Offb. 22:3

Unser Text stimmt aufs schönste mit dem Grundton des gesamten Schriftzeugnisses überein, laut welchem es eine Zeit geben wird, da das Versöhnungswerk gänzlich vollendet und infolgedessen der Mensch sowohl wie auch seine Wohnstätte, die Erde, vom Fluch völlig befreit sein wird. Daraus geht aber hervor, dass der Fluch jetzt noch nicht beseitigt, sondern noch da ist und auf der Erde und der Menschheit lastet. Und wir müssen ferner aus der Stelle schließen, dass dieser Fluch nicht immer vorhanden war, sondern zu einer gewissen Zeit hereinkam und seine Wirkung an allen auszuüben begann.

Wer irgend sich die Mühe nimmt, der Sache seine volle Aufmerksamkeit zu schenken, der wird in der Schrift hinsichtlich dieser drei Punkte solch wundervolle Harmonie finden, dass er darüber staunen und sich überzeugen lassen muss, dass die heilige Schrift nicht menschlichen Ursprungs sein kann, dass trotz den verschiedenen Verfassern und dem zwischen der Entstehung der ersten und letzten Bücher liegenden Zeitraum von zweitausend Jahren ihr Zeugnis vollkommen einstimmig und in keinem Punkt so bestimmt, konsequent und überzeugend ist, als gerade in Bezug auf den Fluch - wie er hereingekommen und gewirkt, wie er ungültig gemacht und schließlich ganz aufgehoben werden wird.

Wie man allgemein zu lehren und zu glauben gewohnt ist, wäre der über die Menschheit ausgesprochene Fluch eigentlich nicht ein gegenwärtiges, sondern ein zukünftiges Unglück, bestehend in ewiger Qual. Nach der heiligen Schrift ist es aber ein gegenwärtiger Fluch - der Tod, - welcher in der Zukunft aufgehoben werden soll. Wir dürfen aber unter dem Fluch des Todes nicht bloß den Moment des eigentlichen Sterbens, die Tage oder Stunden des Todeskampfes, oder den Augenblick, da der Lebensodem uns ausgeht, verstehen. Im Gegenteil, um die volle Bedeutung des Fluches (des Todes) zu erfassen, müssen wir uns den ersten, vollkommenen Menschen vorstellen, mit all seinen Körper und Geisteskräften - das Bild seines Schöpfers, von demselben "sehr gut" geheißen, sowohl hinsichtlich seiner geistigen und physischen Fähigkeiten, als auch seines moralischen Zustandes. - 1. Mose 1:31

Der sehr kurz gehaltene, geschichtliche Bericht im 1. Buche Mose, sowie die Tatsache, dass die Sintflut alle von der Erfindungs- und Tatkraft unseres Stammvaters und seiner frühesten Nachkommenschaft zeugenden Werke vernichtet, machen uns eine richtige Berechnung und Beurteilung seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten unmöglich. Soviel wissen wir jedoch, dass er als Gottes Werk vollkommen war (5. Mose 32:4), dass er aber von seiner "Gradheit" fiel und viele Berechnungen und Ausklügelungen suchte. (Pred. 7:29) Und von den physischen Fähigkeiten - von der körperlichen Widerstandskraft unseres Stammvaters können wir uns einen Begriff machen, wenn wir bedenken, dass er trotz dem Fluch, trotz all den ungünstigen Verhältnissen, die ihn nach seiner Vertreibung aus dem Garten Eden umgaben, eine Periode von neunhundertdreißig Jahren lang am Leben zu bleiben vermochte. - 1. Mose 5:5

Wenn wir nun diese physische Lebenskraft mit der Tatsache vergleichen, dass heutzutage mehr als die Hälfte der Menschen in der Kindheit sterben, und der Durchschnitt eines Menschenalters kaum noch 33 Jahre beträgt - trotz all den Entwicklungen und jahrhundertlangen Erfahrungen in Medizin und Wissenschaft und trotz all den getroffenen Vorkehrungen zur Förderung der Gesundheit, welche Vorteile den frühesten Generationen erst noch abgingen - dann bekommen wir eine Ahnung, wie sehr uns der Fluch in körperlicher Hinsicht geschwächt hat. Und da wir wissen, dass die geistigen und körperlichen Kräfte des Menschen sich in hohem Grade entsprechen, dass, je gesunder der körperliche Organismus ist, desto stärker und ausgeprägter auch die geistigen Kräfte und Fähigkeiten sind - so empfangen wir auch hinsichtlich der geistigen Größe einen nicht geringen Respekt vor unserem Vater Adam, welchen der große Schöpfer als vollkommen, als "sehr gut" proklamierte und ihn würdig achtete, sein Sohn zu heißen - sein Ebenbild in geistiger und moralischer Beziehung. - Luk. 3:38

Adam war aber nicht nur körperlich und geistig, sondern auch sittlich vollkommen - die ihm unter den damaligen Verhältnissen der Schöpfung geschenkte körperliche und geistige Vollkommenheit musste seine sittliche Vollkommenheit unbedingt mit einschließen; die heilige Schrift erklärt übrigens, dass noch keine sittlichen Gebrechen mit der daraus folgenden Entartung dazwischen gekommen waren, und zudem dürfen wir nicht annehmen, dass die Schrift den Menschen als "sehr gut", als Gottes Ebenbild bezeichnet hätte, wenn seine sittlichen oder moralischen Kräfte nicht mit seiner geistigen Entwicklung in vollem Ebenmaß gestanden wären. Denn einen Menschen körperlich und geistig vollkommen erschaffen, ohne ihm auch die entsprechende sittliche Kraft zu verleihen, hieße ihn zu einem sehr schlechten Menschen machen, nach dem Grundsatz: je größer die Fähigkeiten, desto größer der Bösewicht, wenn die zur Beherrschung der Fähigkeiten notwendige sittliche Kraft fehlt.

Die gegen Adam ausgesprochene Todesstrafe "sterbend wirst du sterben" (1. Mose 2:17, wörtlich übers.) - der "Fluch" - war nicht bloß gegen seinen Leib gerichtet, sondern gegen den ganzen Menschen, in geistiger ebenso wohl wie in körperlicher Beziehung, und dabei waren natürlich auch seine sittlichen Eigenschaften inbegriffen, weil dieselben einen Teil der geistigen Fähigkeiten bilden. Diese Wahrheit wird in ihrem ganzen Umfange von der unumstößlichen Tatsache bestätigt, dass der Mensch heutzutage wirklich als ein im vollen Sinn des Wortes gefallenes Wesen dasteht: Von seiner Körperkraft hat er soviel verloren, dass seine durchschnittliche Lebensdauer trotz allen hygienischen Bemühungen auf 33 Jahre zusammengeschmolzen ist; auch seine geistigen Kräfte sind weit zurückgegangen, trotzdem sie jetzt noch einer viel größeren Entwicklung fähig sind, als es die kurze Lebensdauer erlaubt, und was erst seinen sittlichen Zustand betrifft, so musste längst der Apostel erklären: "Da ist nicht ein Gerechter, auch nicht einer; ... alle sind abgewichen, sie sind allesamt untauglich geworden und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes." - Röm. 3:10, 23

Der Apostel hebt ferner hervor, dass Vater Adam, als er unter Gottes Zulassung geprüft wurde, nicht als ein betrogener oder verführter, sondern als ein absichtlicher Übertreter der Versuchung unterlag (1. Tim. 2:14). Wir sehen hieraus, dass er, was seine sittliche Kraft betrifft, völlig imstande gewesen wäre, den göttlichen Anforderungen gerecht zu werden - denselben zu gehorchen; es wäre übrigens von Gottes Seite ungerecht, ein Geschöpf versucht und um seines Fehlens willen verurteilt zu haben, das schon seiner unvollkommenen Erschaffung wegen nicht fähig gewesen wäre, solch eine Prüfung erfolgreich zu bestehen und seinem Schöpfer gehorsam zu bleiben. Die Tatsachen, dass Adam eine Prüfung auf ewiges Leben oder ewigen Tod zu bestehen hatte, und dass er sich durch bewussten und gewollten Ungehorsam von dem großen Richter die volle, gesetzmäßige Strafe zuzog, müssen jeden vorurteilsfreien und Recht denkenden Menschen überzeugen, dass Adam im vollsten Sinne des Wortes vollkommen und zum Widerstand gegen die Versuchung befähigt war.

Und wenn wir bedenken, dass Gott auch, nachdem das Lösegeld bezahlt ist, die Menschheit nicht wieder vor den gleichen, höchsten und unverletzbaren Gerichtshof stellen will, sondern sie in ihrem gefallenen Zustand als jeglicher Prüfung vor den Schranken seiner absoluten Gerechtigkeit unfähig erklärt, weil trotz unseren besten Taten sich niemand vor ihm rechtfertigen kann, - so werden wir um so völliger gewahr, dass unser Geschlecht sehr tief gefallen ist, und das Gott unseren Vater Adam gar nicht geprüft haben würde, wenn er nicht viel besser gewesen wäre als wir - wenn er als vollkommener Mensch nicht auch alle zum erfolgreichen Bestehen dieser Prüfung notwendigen Eigenschaften besessen hätte. Dies stimmt denn auch mit der Tatsache, dass Gott weder die Prüfung der Kirche in diesem Evangeliums-Zeitalter noch diejenige der ganzen Menschheit während dem Tausendjahrtag selbst besorgen will, sondern zu diesem Zweck einen Mittler bestellt hat - Christum: - "Denn der Vater richtet niemanden, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben." - Joh. 5:22

Betrachten wir den Menschen als Ganzes (geistig, sittlich und körperlich eins), wie die heilige Schrift es tut, so können wir erkennen, wie der Fluch, das Todesurteil, seine Wirkung an jedem Teil des menschlichen Wesens ausübt, und blicken wir um uns her, in der ganzen Welt herum, so finden wir lauter Bestätigungen zu dieser Wahrheit. Wie der Zerfall der körperlichen Kräfte bei den einen im Magen, bei den anderen am Muskel-, Knochen- oder Nervensystem sich besonders deutlich offenbart, so finden wir, dass die Entartung, der Kraftverlust bei den einen besonders den Geist, bei anderen die Sittlichkeit und bei wieder anderen den Leib betroffen hat, dass aber alle in jeder Hinsicht gebrechlich sind; alle sind unter diesem Fluch hoffnungslos verloren. Für keinen einzigen ist irgend Hoffnung vorhanden, dass er sich je von diesen Banden des Verderbens, in denen er geboren worden, wird befreien können, wie geschrieben steht: "Siehe, in Ungerechtigkeit bin ich geboren und in Sünde hat mich empfangen meine Mutter" (Psalm 51:5). Diesen Todesfluch bringen wir also schon mit auf die Welt, er ist somit nicht eine Folge unserer persönlichen, sondern vielmehr unserer angeerbten Sünden - ein Fluch oder Schaden, der durch Vererbung von Adam bis auf uns herab gedrungen ist.

Es ist gesagt worden, dass wir "sterbend geboren werden", und wie sehr das zutrifft, müssen wohl alle zugeben: Unwohlsein, Krankheit, Schmerzen, Schwächezustände sind nichts als Beweise des in uns wirkenden Todesprozess. Wäre nicht durch Satans betrügerische Verdrehungen des göttlichen Planes allgemeine Blindheit dazwischen gekommen, so würden die Menschen auf allen Seiten Zeugnisse des auf ihnen lastenden Fluches erkennen, wie der Apostel erklärt, "Es wird geoffenbart Gottes Zorn über alle Ungerechtigkeit", denn auch die geringste Ungerechtigkeit ist Sünde (Röm. 1:18). Der Apostel sagt nicht, dass in einem zukünftigen Leben in Flammen und Qual der Zorn Gottes geoffenbart werden wird, sondern er bestätigt ganz richtig, dass er sich in diesem Leben und in dieser Zeit offenbare und von allen erkannt werden müsse, welche offene Augen haben, um die entsprechenden, wahren Tatsachen zu sehen. Durch jeden Arzt, der irgend eine in unserem Geschlecht wuchernde und den Tod befördernde Krankheit konstatiert, wird der Zorn Gottes geoffenbart. Jedes Leichenbegräbnis, jeder Sarg, jeder Friedhof oder "Grabesacker", jeder Grabstein, ja jedes Trauerzeichen erinnert uns an die Tatsache, dass die Menschheit stirbt, dass der Zorn, der Fluch Gottes auf ihr liegt. Und dieser Zorn Gottes richtet sich nicht bloß gegen die gröbsten Sünder, sondern gegen alle, auch die geringste Ungerechtigkeit. Es gibt hier also kein Entweichen, denn da ist kein Gerechter, nicht einer, und Kinder wie Greise sind diesem "Zorn" oder "Fluch" unterworfen.

Der unter den Folgen des Fluches oder Zornes schwer leidende Prophet Hiob hat in seiner Not gerufen: "O dass du in dem Scheol (Vergessensein) mich verstecktest, mich verbärgest, bis dein Zorn sich abwendete, mir eine Frist setztest und dann meiner gedächtest!" "Du würdest (dann) rufen, und ich würde dir antworten; du würdest dich sehnen nach dem Werke deiner Hände." (Hiob 14:13, 15) Die Zeit des Zornes, die nun 6000 Jahre gewährt hat, soll in dem großen Tag der Rache ihr Ende erreichen; dieser Tag bringt aber noch vermehrte Trübsal auf die Menschen, besonders auf die Christenheit, weil dieselbe größere Gelegenheiten und Vorrechte versäumt und wider größeres Licht gesündigt hat. Darum wird dieser Tag der Rache und des besonderen vermehrten Zornes "eine Zeit der Trübsal" genannt, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht." Den Heiligen Gottes ist verheißen, dass sie würdig geachtet werden, all diesen über den Erdkreis kommenden Dingen zu entgehen und vor des Menschen Sohn zu stehen. Sie sollen diesem besonderen Zorn entgehen, jedoch nicht dem allgemeinen Zorn, der geoffenbart ist vom Himmel über alle Ungerechtigkeit. An dem letzteren nehmen sie mit der Welt in mancher Hinsicht Anteil, und dennoch besteht zwischen ihnen und der Welt ein Unterschied, den die heilige Schrift deutlich hervorhebt:

Wer in diesem Evangeliums-Zeitalter Christum annimmt und sich ihm völlig weiht, den betrachtet Gott als vom Tode zum Leben hindurch gedrungen, als dem Fluch und "dem Verderben, das in der Welt ist, entflohen". (2. Petr. 1:4; 2:18, 20) Sie sind freilich immer noch in der Welt und dem Tod unterworfen, noch nehmen sie mit der Welt Anteil an Krankheit und Schmerzen, an Kummer und Trübsal, so dass vom weltlichen Standpunkt aus hierin kein Unterschied bemerkbar ist, aber vom göttlichen Standpunkt aus betrachtet (auf welchem alle Gläubigen sich auch befinden sollten) lässt sich ein großer Unterschied konstatieren. Sie werden nicht länger als um des göttlichen "Fluches" oder "Zornes" willen sterbend betrachtet; sie sind gerechtfertigt und haben sich nachher als lebendige Opfer dargeboten, und so wird nun ihr Tod als ein Teil des Opfers Christi gerechnet. Wie der Apostel es erklärt, werden solche als Tote mit Christo, als Teilhaber an seinem Opfer betrachtet und nicht als den Tod Adams sterbend, wie die übrige Menschheit. "Wenn wir aber mit Christo gestorben sind, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden." - Röm. 6:8

Ähnlich verhält es sich mit unseren leiblichen Schmerzen und Gebrechen, die in Wirklichkeit Folgen der vererbten körperlichen Schwachheit sind. Wie allen Menschen, so begegnen auch uns allerlei Krankheiten und leibliche Trübsale; der Herr verhindert das nicht, aber er versichert uns, dass alle unsere derartigen Erfahrungen nicht länger Beweise seines Zornes gegen uns seien, sondern dass er sie nach seiner göttlichen Weisheit, Liebe und Macht so überwalten wolle, dass sie uns zum Guten dienen, dass wir dadurch um so mehr an seinem Geiste zunehmen und schließlich als seine Kinder für die zu ererbende Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit zubereitet sein würden - denn die gegenwärtige Züchtigung und das vorübergehende Leichte unserer Drangsal bewirken die friedsame Frucht der Gerechtigkeit und ein überschwängliches Gewicht von Herrlichkeit. (Phil. 2:13; Röm. 2:7; Hebr. 12:11; 2. Kor. 4:17; 2. Petr. 1:4-11) In dieser Hinsicht wandeln wir freilich völlig im Glauben, nicht im Schauen. Von außen betrachtet, haben wir nichts vor der Welt voraus; Gottes Kinder scheinen im Gegenteil oft größere Schwierigkeiten, größere Trübsale und Schmerzen durchkosten zu müssen als der natürliche Mensch, mit welchem Gott jetzt noch nicht handelt, weil derselbe noch nicht in den Zustand der Versöhnung mit Ihm gebracht worden ist. Es erfordert dieser Umstand also ein noch größeres Maß von Glauben und weist sich deshalb wiederum als ein Segen aus, als eine Gelegenheit zur Charakterbildung, zum Heranreifen guter Früchte des Geistes.

Wir betrachten aber unseren Gegenstand - die Notwendigkeit der Versöhnung - vom weltlichen menschlichen Zustand. Der Fluch, die Strafe oder das Urteil des göttlichen Gesetzes lautet gegen jede Unvollkommenheit auf den Tod, die Vernichtung. Gott hat alle Dinge "sehr gut" erschaffen, und dies ist auch der einzige Zustand, in welchem ihm irgend etwas gefallen kann. Die Tatsache, dass in der Jetztzeit unvollkommene Dinge, unvollkommene Wesen und unvollkommene Zustände vorhanden sein können, ist kein Beweis, dass Gott seinen Plan geändert hätte: Er hat diese Zeit der Unvollkommenheit zugelassen, weil er in seiner göttlichen Weisheit die Möglichkeit eines herrlichen Ausganges vorausgesehen hat und "alles wirkt nach dem Rate seines Willens" (Eph. 1:11). Er hätte z.B. Satan in dem Augenblick vernichten können, als derselbe ein Übertreter wurde, ebenso die gefallenen Engel und Menschen; dadurch hätte die Erzeugung eines unvollkommenen Geschlechtes verhütet werden können. Nach dem göttlichen Plan sollte jedoch das Unvollkommene und Sündhafte eine gewisse Zeit zugelassen werden, damit es seinen freien Weg gehe - in Sachen, welche den von Gott verordneten herrlichen Ausgang nicht verhindern - auf dass dadurch die abwärtsführende und verderbliche Wirkung der Sünde an Satan, an den gefallenen Engeln und an der Menschheit recht offenbar würde.

Der Fall der Menschheit unter die gerechte Strafe des Todes, der Vernichtung, ist das indirekte Resultat von Evas Mangel an Erkenntnis und ihrer daraus folgenden Verführung, und er schließt durch die Vererbung viele mit ein, welche das göttliche Gesetz nicht wissentlich und willentlich übertreten haben. Diese Tatsache erlaubte die Dazwischenkunft der göttlichen Liebe und Gnade und gibt uns nebenbei ein Bild von dem wunderbaren Zusammenwirken der göttlichen Eigenschaften, welche auf keine andere für uns verständliche Weise so völlig hätten offenbar werden können. Es lag also im ursprünglichen Vorhaben des Schöpfers, sich mit seinen Charaktereigenschaften seinen Geschöpfen zu offenbaren - und nicht nur der Menschheit, sondern auch den Heerscharen der Engel. Wenn der große Heilsplan einmal völlig hinaus geführt sein wird, so werden die himmlischen Engel sowohl als auch die versöhnten Menschen ohne allen Zweifel den göttlichen Charakter - die Liebe, Weisheit, Gerechtigkeit und Allmacht - in viel höherem Maße erkennen und würdigen, als es ihnen je zuvor möglich war und überhaupt hätte möglich werden können ohne die gründlichen Lehren, welche ihnen die Zulassung des Bösen und die nach dem göttlichen Plan verheißene Erlösung durch Christum gebracht haben. Der Apostel Petrus gibt uns in 1. Petr. 1:12 hiervon etwas zu verstehen, wenn er sagt, dass selbst Engel in diese Dinge hineinzuschauen begehren.

Wie wir gesehen haben, ist die über Menschheit verhängte Strafe eine absolut gerechte, und es bleibt ihr nicht das geringste Recht, dagegen Einspruch zu erheben. (Adam besaß eine genügende Erkenntnis seines Schöpfers, der von ihm unbedingten Gehorsam verlangte, und von Seiten Gottes war es eine gerechte Verfügung, dass jedes Leben verwirkt sein und weggenommen werden sollte, das nicht seinen gerechten und wohlwollenden Verordnungen gemäß benutzt würde). Wir sehen jedoch, dass Gott für den Menschen auch eine andere Strafe hätte bestimmen können, wobei ebenfalls keines der Prinzipien der Gerechtigkeit verletzt worden wäre. Den Beweis hierzu liefert uns seine Handlungsweise mit den gefallenen Engeln. Dieselben wurden nicht unter die Todesstrafe gestellt; die über sie verhängte Strafe besteht in der Beschränkung ihrer Freiheit: sie wurden "gebunden" und sind es noch, bis zu ihrer endgültigen Prüfung. - Judas 6

So hätte Gott auch den Menschen während den sechstausend Jahren seit seinem Sündenfall in Eden weiterleben lassen können, ohne dass sein Körpersystem dabei gelitten hätte - ohne ihn unter die Strafe und die Gewalt des Todes zu stellen. So hätte der Mensch sowohl wie die Engel, welche ihren ersten Zustand nicht bewahrten, lebendig bleiben können bis zum Gericht des großen Tages, wo ihr Fall endgültig erledigt werden soll. Aber Gott ist nicht beschränkt in seiner Handlungsweise: wie in der Natur jede Blume sich in ihrer Schönheit von der anderen unterscheidet, und eine Kreatur die andere an Mannigfaltigkeit übertrifft, so hat Gott in seiner "gar mannigfaltigen Weisheit" (Eph. 3:10) für die gefallenen Engel eine Handlungsweise vorgezogen und für die sündige Menschheit ein anderes Verfahren für gut befunden. Gegen beide ist Gottes Zorn geoffenbart: ein heiliger Zorn der Liebe und Gerechtigkeit, welche einerseits alle Sünde, alles Böse hassen und es vernichten muss, aber andererseits alles geschehen lässt, was für diejenigen der Übeltäter getan werden kann, die sich zu gehorsamen Knechten der Gerechtigkeit erziehen lassen, nachdem ihnen eine weitgehende Erfahrung mit Sünde und Gerechtigkeit und deren Folgen geworden ist.

In seinem Verfahren mit dem Menschen hat es Gott gefallen, das schließliche Ende der Sünde und der Sünder - die Vernichtung - darzustellen. Dies wird durch die verschiedenen an die Menschen gerichteten Drohungen bestätigt: "Die Seele, welche sündigt, die soll sterben"; "der Sünde Sold ist der Tod". Das heißt, in diesen, auf den Menschen sich beziehenden Erklärungen hat Gott bloß ein allgemeines Gesetz bestätigt, das binnen kurzem in seinem ganzen Reiche, bei allen seinen Kreaturen zur absoluten Regel werden wird, nämlich, dass alles Unvollkommene zerstört werden soll, und dass nur das ewig fortbestehen kann - zu seinem eigenen Segen, zur Ehre des Schöpfers und zum Wohl aller seiner Geschöpfe - was absolut vollkommen und mit dem göttlichen Willen in innigster Übereinstimmung ist. Während der Mensch freilich als ein Beispiel für die Wirkung dieses Grundsatzes dasteht, so dass jedes Glied des Menschengeschlechtes vom Leben abgeschnitten worden ist - "der Tod ist zu allen hindurch gedrungen", - so ist es trotzdem nicht die göttliche Absicht (indem sie auf diese Weise den Menschen als Beispiel braucht, um zu zeigen, wie streng die göttliche Gerechtigkeit es mit der Vertilgung des Bösen nimmt), die Menschheit besonders leiden zu lassen, damit sie in dieser Hinsicht um so besser als Muster dienen könne. Wir sehen im Gegenteil, dass nach Gottes Verordnung der Menschheit kein geringeres Maß von seiner Barmherzigkeit, seiner Gunst und Liebe zu teil werden soll als irgend einem anderen seiner Geschöpfe. So hat Gott zur rechten Zeit für eine allen geltende, den Erfordernissen des Falles völlig entsprechende Erlösung gesorgt, so dass, wie durch des einen Menschen (Adams) Ungehorsam die Vielen Sünder geworden sind, durch des einen Menschen (Christi) Gehorsam die Vielen gerecht würden. - Röm. 5:19

Damit ist aber gar nicht gesagt, dass die Vielen entweder während diesem Evangeliums-Zeitalter gerecht werden müssen, oder dann überhaupt nicht: die Schrift bezeugt im Gegenteil, dass es nur eine "kleine Herde" ist, die in der gegenwärtigen bösen Zeit gerecht werden - diejenigen nur, welche vom Vater besonders gezogen und der hohen Berufung der Miterbschaft mit seinem Sohne teilhaftig gemacht werden. Der große Überrest der Menschheit wird weder gezogen noch berufen, bis der ganze Christus (Haupt und Leib) erhöht sein wird, beides, in Leiden und in Herrlichkeit, nach dem eigenen Zeugnis unseres Herrn: "Und ich, wenn ich erhöht bin, werde alle zu mir ziehen." (Joh. 6:44; 12:32) Dieses allgemeine "Ziehen" gehört ins kommende 1000-jährige Reich und nicht ins gegenwärtige oder in die vergangenen Zeitalter; es wird sich auch nicht auf wenige, auf eine bestimmte Klasse, oder auf ein besonderes Volk beschränken, wie in der Vergangenheit, sondern wird die ganze mit dem teuren Blut freigekaufte Menschheit einschließen.

In diesem "Ziehen" liegt aber durchaus kein Zwang, denn gerade wie in unserem Zeitalter dem Ziehen des Vaters widerstanden werden kann, so dass wohl viele berufen sind, aber nur wenige auserwählt sein werden, so wird es für die allgemeine Menschheit im kommenden Zeitalter ebenso wohl möglich sein, dem Ziehen Christi zu widerstehen. Nach der Versicherung der heiligen Schrift soll aber der Weg so geebnet und die Verhältnisse so günstig sein, dass, nachdem jedermann zu einer Erkenntnis der Gerechtigkeit und Wahrheit gekommen ist, nur diejenigen, welche die Sünde lieben und absichtlich darin verharren, unter denen sein werden, welche dem Großen Propheten widerstehen und sich deshalb den Zweiten Tod, die ewige Vernichtung zuziehen. - Apg. 3:23

Wenn wir uns an das Ende des Tausendjahrtages versetzt denken und von da aus Gottes Handlungsweise mit der Menschheit betrachten, so sehen wir, dass Gottes Verfahren nicht nur jegliche Unfreundlichkeit und Härte gegen die Menschheit gänzlich ausschließt, sondern dass die Ausübung der vom göttlichen Gesetz diktierten strengen Strafe, zusammen mit dem Wirken der göttlichen Barmherzigkeit durch Christum, durch das Lösegeld und die Wiederherstellung, der Menschheit in der Tat zum großen Segen gereicht haben wird. Das können wir aber nur von diesem einen Standpunkt aus erkennen, und von da aus sehen wir nicht bloß Kummer, Trübsal und Schmerzen, nicht nur das Seufzen und Sterben der gegenwärtigen Zeit als die gerechte Strafe für die Sünde, sondern wir sehen auch die durch den Erlöser auf Golgatha verbürgte Befreiung der Menschheit von der Sünde und dem Fluch. Und diese Befreiung soll vom gleichen Erlöser an die Hand genommen werden - im Verein mit der Kirche, der Auserwählten, die nach dem göttlichen Plan in diesem Evangeliums-Zeitalter gesammelt, auserwählt wird, um dann als seine Braut das Königreich mitzuererben. Wie streng die für Adams Sünde ausgesprochene Strafe (samt all den damit verbundenen Sorgen, Schmerzen und Trübsalen dieses 6000-jährigen Sterbezustandes) uns auch erscheinen mag, so halten wir doch das Los des Menschen für günstiger, als dasjenige der Engel, welche ihren ersten Zustand nicht bewahrten, deren Strafe nicht den Tod bedingte, und die deshalb ihre Lebenskraft nicht durch Sterben und auch nicht durch Krankheit und Schmerzen einbüßten, sondern nur ihrer Freiheit und der Gemeinschaft mit allem, was heilig heißt, beraubt wurden. Wäre der Mensch gleich behandelt worden wie die Engel, wäre ihm die Kraft zum Weiterleben geblieben, so können wir uns ungefähr vorstellen, welch schreckliche Zustände in der Jetztzeit vorherrschen würden - wie das Böse sich selbst bis ins Grenzenlose vermehrt hätte, und wie durch die Übung und Gewandtheit im der Kummer und Jammer auf Erden aller Beschreibung Bösestun spotten würde. Genügt ja doch schon die kurze, den Menschen noch verbliebene Lebensfrist zur Entwicklung einer oft ganz erstaunlichen Geschicklichkeit und Weisheit, die der Mensch in seiner Selbstsucht zur Selbsterhöhung und zur Bedrückung seiner Mitmenschen benutzt. Wenn wir bedenken, dass manche unserer heutigen Millionäre arme Knaben waren, und wie sie ihre hundert und mehr Millionen in weniger als fünfzig Jahren zusammenhäuften, dann mag wohl die Frage in uns aufsteigen, was schließlich aus solchen Menschen würde, wenn ihnen zur Ausübung ihrer Geschicklichkeit Jahrhunderte zur Verfügung ständen? Ohne Zweifel würden solche Verhältnisse die Knechtung der großen Mehrheit und deren Entartung bis zur Bestialität herbeiführen - zum Vorteil einiger Meister in List.

Betrachten wir die Sache von diesem Standpunkt aus, dann müssen wir unwillkürlich unsere Herzen dankerfüllt zu Gott erheben für die Art der Strafe oder des "Fluches", welche er über uns hat kommen lassen: - "Sterbend sollst du sterben." Und wenn mittlerweile unsere gemachten Erfahrungen nicht nur uns, sondern auch den heiligen und den gefallenen Engeln zur Lehre gedient haben, dann können wir uns um so mehr freuen: denn was wissen wir, ob es nicht Gottes Absicht sein könnte, diese einzige, große Lektion von der "übermäßigen Sündhaftigkeit der Sünde" und deren unvermeidlichen Folgen auch anderen Welten jetzt noch nicht erschaffener Wesen zum Heil gereichen zu lassen? Und wer weiß, ob Gott nicht in der fernen Zukunft aus dem erlösten und wiederhergestellten Geschlecht dieser Erde Lehrer der Gerechtigkeit erwählen wird, zur Unterweisung jetzt noch unerschaffener Milliarden - weil diese Lehrer eine tatsächliche Erfahrung mit der Sünde gemacht haben und deshalb aus Erfahrung sprechen können, um andere auch vor den geringsten Abweichungen vom unbedingten Gottes-Gehorsam zu bewahren?

Als Beweis, wie der Herr bei solchen, die er als Vorbilder gebraucht, einen Schaden oft in einen Segen zu verwandeln vermag, dient uns das Volk Israel. Als Volk berief es Gott aus allen anderen Völkern um sich seiner als Vorbild zu bedienen. Ihr Gesetzesbund war scheinbar ein Vorzug, bedeutete aber genau genommen eine zweite Prüfung für sie, welche schlecht bestanden, ihnen eine zweite Verdammnis einbrachte, so dass sie nun als Volk unter scheinbar größerer Verdammnis stehen, als die übrige Menschheit, welche Gott (nach seinem Bund mit Abraham) durch Glauben zu rechtfertigen beabsichtigt, da durch Gesetzes Werke niemand sich zu rechtfertigen vermag. Israels Bund erheischte vollkommene Werke, da sie aber, der angeerbten Schwachheit des Fleisches halber, nicht imstande waren, vollkommene Werke zu erzeugen, so verfielen sie dem "Fluch" oder der Todesstrafe ihres eigenen Bundes. So hat sich jener Bund, der zum Leben gegeben war (der ewiges Leben zu geben beabsichtigte) als zum Tode erwiesen (Röm. 7:9-14). Obwohl nun Gott das Volk Israel als Vorbild brauchte, um an ihm die Tatsache zu beweisen, dass kein unvollkommener Mensch das vollkommene Gesetz Gottes zu halten vermag, so lässt er es doch nicht zu, dass ihre Verdammnis ihren ewigen Untergang nach sich zieht. Er hatte deshalb in seinem Plane vorgesehen, dass dasselbe Opfer, durch welches Christus die Menschheit loskaufte, auch für das besonders begnadigte Volk gelten sollte, welches durch nicht beachten seines Gesetzesbundes zum besonders verurteilten Volk geworden war. (Röm. 2:11-13; 3:19-23) Aus diesem Grund ist unser Herr unter dem Gesetzesbund geboren worden, damit er die durch das Gesetz Verurteilten mit dem gleichen Opfer loskaufen könne, womit er die ganze ursprünglich in Adam verurteilte Menschheit erlöste. - Gal. 4:4, 5

So sehen wir denn, wie die Notwendigkeit der Versöhnung zwischen Gott und den Menschen in der Tatsache liegt, dass Gott selbst die Quelle des Lebens ist, und dass, wenn irgend eine seiner Kreaturen ewiges Leben genießt, sie dasselbe von ihm als Gabe empfangen haben muss. "Die Gnadengabe Gottes ist ewiges Leben in Christo Jesu unserem Herrn." (Röm. 6:23) Gemäß den Grundsätzen seiner Regierung und seines Gesetzes kann Gott das Böse nicht im geringsten Grade gestatten (Hab. 1:13); er kann die Sünde nicht verzeihen, noch auch ihre Notwendigkeit in irgend einem Maße anerkennen. Da er selbst vollkommen ist, so können nach seiner Verordnung keine Unvollkommenen als seine Söhne betrachtet werden, für welche ewiges Leben vorgesehen ist. Und da nun der Mensch durch den Sündenfall nicht nur unter die Todesstrafe gekommen ist, sondern sich dazu noch selbst befleckt hat, entartet und verdorben ist und von seiner Gottähnlichkeit soviel verloren hat, so muss seine einzige Hoffnung auf ewiges Leben in einer gewissen Kraft oder Wirkung liegen, durch welche zweierlei vollbracht werden kann: 1) Die Befreiung der Menschheit von der Todesstrafe, welche die Gerechtigkeit ihr auferlegte, und 2) Das Emporheben der Menschheit aus der Gesunkenheit und Verdorbenheit der Sünde in den Zustand unbedingter Heiligkeit und Vollkommenheit, von welcher Adam gefallen ist. Wenn dieses Doppelziel erreicht werden kann, dann ist freilich Hoffnung vorhanden; lässt sich aber nicht beides vollziehen, so bleibt für den Menschen auch nicht die leistete Hoffnung auf ewiges Leben. Vergeblich schauen wir unter dem gefallenen Menschengeschlecht nach Hilfe aus, denn wenn auch die einen weniger tief gefallen, weniger verdorben sind als die andern, so haben sie doch alle gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes. Wenn irgend ein Gerechter unter den Menschen vorhanden wäre, dann könnte derselbe ein Lösegeld geben für seinen Bruder (für Adam und für alle um Adams Sünde willen Verurteilten) und auf diese Weise, unter göttlicher Verordnung, sein Geschlecht von der Strafe befreien - ja, wenn sich eben einer finden ließe! "Aber da ist kein Gerechter, auch nicht einer!" - Psalm 49:7; Röm. 3:10, 23

Gott hatte in seiner Weisheit dies alles vorhergesehen und seine bezüglichen Vorkehrungen getroffen, ehe er nur mit der Schöpfung des Menschen begann; und zu seiner Zeit offenbart er auch seinen Plan betreffend die Heilung des Menschen von seinem Schaden der Verdammnis und Verdorbenheit. Als sich nirgends ein mitleidsvoller Blick, nirgends eine helfende Hand finden ließ, da hat Gottes Arm uns Errettung gebracht, und dieser Arm (die Macht) des Herrn, der vom Himmel her der Menschheit dargereicht wurde, um ihn aus der grausamen Grube, aus dem Schlamm der Sünde und Verdorbenheit zu erretten, ist unser Herr Jesu (Psalm 40:2; Jes. 53:1). Durch ihn beabsichtigte Gott seinem Worte gemäß:

1. Die Erlösung der Menschheit von der Gewalt des Grabes, von der Todesstrafe, von dem "Fluch" und "Zorn", der gegenwärtig auf der Welt lastet. Das Lösegeld ist mit dem Tode unseres Herrn Jesu Christi ausbezahlt worden: der göttlichen Gerechtigkeit ist volle Genüge geleistet, und das ganze Menschengeschlecht ist als zugerechnetes Eigentum an den Herrn Jesum Christum übergegangen, der es mit seinem eigenen teuren Blut erkauft hat.

2. Die Erwählung der "Kleinen Herde" von Miterben, die er sich in diesem Zeitalter aus dem erlösten Geschlecht zusammen sucht und wegen ihrer selbstopfernden Hingabe an ihn als Teilhaber an den Leiden Christi betrachtet, damit sie auch an seiner himmlischen Herrlichkeit teilnehmen möchten und am zukünftigen Werk der Segnung der Menschheit - als der Frucht seines Versöhnungsopfers.

3. Das Werk der Wiederherstellung, welches durch diesen großen Erlöser und seine Miterben, seine Braut - die Kirche, die Herauswahl - hinaus geführt werden soll während "den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von welchen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat". (Apg. 3:19-21) Und wenn die hartnäckig böswilligen Verächter der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit nach den Bedingungen des Neuen Bundes durch dessen Mittler vernichtet und die übrigen der erlösten Menschheit wieder dem himmlischen Vater überantwortet sein werden, als vollkommene und gänzlich zu seinem Ebenbild wiederhergestellte Geschöpfe - begabt mit vermehrter Erkenntnis der Gottheit, der Gerechtigkeit und der Sünde (die sie sich durch Erfahrung sowohl unter der gegenwärtigen Herrschaft der Sünde als auch unter dem kommenden Regiment der Gerechtigkeit werden angeeignet haben - dann wird das große Versöhnungswerk vollendet sein. Alle, die dies klar erkennen, werden sich sofort von der Notwendigkeit der Versöhnung überzeugen: sie werden gewahr, dass eine Segnung der Menschheit unmöglich ist, es sei denn, dieselbe werde wieder in völligen Einklang mit ihrem Schöpfer gebracht, und dass solch eine Versöhnung zu allererst eine Erlösung des Sünders, eine Bezahlung seiner Strafe erfordert. Denn Gott muss gerecht sein, wenn er die Sünder rechtfertigt, sonst kann er sie überhaupt nie rechtfertigen. - Röm. 3:26

Wenn unser Herr sein Sühnopfer auch für alle Menschen dargebracht und dadurch den Fluch vom ganzen Geschlecht gesetzmäßig abgewälzt hat, so ist uns laut dem Vorhergesagten damit noch kein Kennzeichen gegeben, nach welchem wir die Zahl derjenigen zu schätzen vermöchten, die durch Glaubensgehorsam tatsächlich von der Sünde und deren Fluch befreit und mit dem himmlischen Vater versöhnt werden, indem sie die Gelegenheiten benutzen, die unser treuer Erlöser allen eröffnen wird. Kein Mensch wird je die göttliche Gnade und das ewige Leben durch Christum erlangen, wenn er nicht in völlige Herzenseinigkeit mit Gott und mit all seinen gerechten Gesetzen gekommen ist. Wir freuen uns aber, dass eine viel größere Erkenntnis Gottes und viel günstigere Gelegenheiten, als die Welt sie gegenwärtig genießt, "zur seiner Zeit" jeder Kreatur zu teil werden soll. - 1. Tim. 2:6

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Studie 15

Das "Lösegeld für alle" als einzige Grundlage für die Aussöhnung mit Gott

Keine Aussöhnung ohne Lösegeld. - Gefunden, nicht erzwungen. - Das Vorrecht, Erlöser zu sein. - "Lösegeld" und "Rückkauf". - Welch ein Lösegeld ist für die Menschen bezahlt worden? - Rechtfertigung durch den Glauben möglich gemacht. - "Ihr seid um einen Preis erkauft". - Durch wen? - Von wem? - Warum? - Zu welchem Zweck? - Wie Liebe und Gerechtigkeit zusammen wirkten. - Der Kaufpreis ist nicht zurückgenommen worden. - Erlösung nicht Vergebung. - Des Menschen Tod kein Lösegeld. - Verkehrte Schlussfolgerungen in Theorien der Universalisten. - Das Verhältnis der Gerechtigkeit zum Lösegeld. - "Kein anderer Name". - Lösegeld: Bürgschaft. - War ein anderer Heilsplan möglich?

"Es ist ein Gott, und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gab zum Lösegeld für alle, (wovon) das Zeugnis zu seiner Zeit (verkündigt werden soll)." - 1. Tim. 2:5, 6

Die Wiederaussöhnung des Menschen mit Gott hing ab von der Darbringung eines annehmbaren Sühnopfers für die Sünde des Menschen. So lange der Fluch, das göttliche Verdammungsurteil nicht von der Menschheit abgewendet werden konnte, so lange stand es der Wiederaufrichtung des Menschen, seiner Wiederbringung in die Gunst Gottes, seinem gehorsamen und daher ewigen Leben im Wege. Die göttliche Gerechtigkeit konnte und kann nur zum Menschen sagen: "Du bist ein Sünder, durch wissentlichen und willentlichen Ungehorsam in Eden ist Elend über dich heraufbeschworen worden; das Todesurteil, das ich damals ausgesprochen, ist gerecht, und ich kann es nicht aufheben, ohne mit meiner eigenen Gerechtigkeit, der Grundlage meines Thrones, meiner Herrschaft (Psalm 89:14) in Widerspruch zu geraten. Mein Urteilsspruch muss daher aufrecht erhalten bleiben; du hast dich davor zu beugen, es sei denn, dass ein annehmbarer Bürger deinen Platz vor diesem Urteil einnehme."

Wir haben gesehen, dass die über die Menschheit verhängte Strafe nicht ewige Qual war, sondern der Tod. Der Schöpfer hat dies Adam offen und unmissverständlich gesagt. Anzunehmen, es gebe noch ein andere Strafe für Ungehorsam, wäre sonach gleichbedeutend mit der Annahme, Gott habe Adam und Eva belogen oder falsch berichtet.

Wir haben ferner gesehen, dass der Tod eine gerechte Strafe für die Sünde ist. Da das Leben ausdrücklich an die Bedingung des Gehorsams geknüpft war, so war im Fall des Ungehorsams der Schöpfer vollständig im Recht, wenn er es wiederum entzog. Eine ewige Qual dagegen wäre keine gerechte Strafe für den Genuss der verbotenen Frucht durch Vater Adam gewesen, selbst unter Hinzurechnung der Absichtlichkeit und Wissentlichkeit seines Ungehorsams zu seiner Schuld; viel weniger wäre sie nun eine gerechte Strafe für die ungezählten Millionen Nachkommen Adams. Das Todesurteil hingegen (mit allem, was damit in Verbindung steht, Krankheit und Leid), das über Adam verhängt wurde, und das er auf seine Nachkommen vererbte, einer verunreinigten Quelle vergleichbar, die kein klares Wasser mehr hervorbringen kann, erscheint jedermann als vernünftig und gerecht, als ein Urteil, gegen das kein Mund sich auftun darf; so sehr beweist es die Gerechtigkeit und zugleich die Güte und Strenge Gottes.

Kennen wir nun aufs bestimmteste die wegen der Sünde verhängte Strafe, so können wir leicht sehen, was die Gerechtigkeit als Zahlung für diese Strafe verlangen musste, bevor der Fluch aufgehoben und der Verurteilte aus dem großen Gefängnis, dem Tode, heraus geführt werden konnte. (Jes. 61:1) Wie der Tod nicht deshalb kam, weil die ganze Nachkommenschaft sündigt, sondern weil ein Mensch gesündigt hatte, so dass das Todesurteil direkt nur über diesen einen, Adam ausgesprochen wurde und sich von ihm auf uns bloß vererbte, so konnte und musste die Gerechtigkeit sich darauf beschränken, als Loskaufpreis von der Strafe nur das Leben eines anderen zu fordern, bevor sie Adam und sein Geschlecht aus dem Kerker wieder entließ. Damit war die Strafe ganz aufgehoben; denn wie eine Sünde das ganze Geschlecht verderbte, so kaufte ein Sühnopfer das ganze Geschlecht los.

Adam, der vollkommene Adam, der Übertreter des göttlichen Gebots, der zum Tode verurteilte Adam war kein Engel, kein Erz­engel, kein Geist, sondern ein Mensch, ein wenig geringer als die Engel. Als Bürgen an seiner Statt konnte daher die genaueste Gerechtigkeit nur einen Menschen von Adams eigener Art anerkennen, einen Menschen, der, wie es Adam gewesen, vollkommen war und mithin dem Todesurteil nicht unterstand. Solch ein Bürge aber konnte unter den Menschen nicht gefunden werden, die alle von Adam abstammen und deshalb seine Strafe, seinen Fall geerbt hatten. Darum musste ein Wesen aus den himmlischen Örtern, ein Geistwesen die menschliche Natur annehmen und dann als Bürge dieselbe hingeben als Lösegeld für Adam und alle, die durch Adams Schuld das Leben verwirkt hatten.

Wer war hierfür gut und zuverlässig genug?

Unter den Engeln, die ihre erste Behausung behalten und Gott treu geblieben waren, hätte es sicher manche gegeben, die gerne des Vaters Willen zu erfüllen gesucht hätten und des Menschen Loskaufpreis geworden wären. Wer aber das wollte, musste sich auf die schwerste Prüfung seiner Treue gegen Gott gefasst machen, um dann, wenn er diese Prüfung bestand, zu der höchsten Stelle im Reiche der geistigen Söhne Gottes erhoben werden zu können, hoch über Engel, Fürstentümer und Gewalten und alle Namen, die genannt werden können. Gleichzeitig wollte Gott die Gelegenheit benutzen, um zu zeigen, dass, wer nach seinem eigenen selbstsüchtigen Ehrgeiz zu handeln sucht (wie Satan es tat), erniedrigt, dass aber, wer sich selbst erniedrigte, und ganz dem Willen des Vaters in Gehorsam sich unterwarf, entsprechend erhöht werden sollte. Gottes Plan war also, sein Erbarmen, seine Liebe für die Welt auf eine Weise kundzutun, die dem Eingeborenen vom Vater, seinem vielgeliebten Sohn, den er hoch ehren wollte, Gelegenheit gab, seine Liebe, Demut und seinen Gehorsam zu erweisen, um ihn des auf diesen Beweis gesetzten großen Lohnes teilhaftig werden lassen zu können.

Wie wir bereits gesehen, war unser Herr Jesus (vor seiner Menschwerdung der Erzengel, der höchststehende Bote, der Logos, der Eingeborene vom Vater voller Gnade und Wahrheit) Jehovas Vertreter im ganzen Schöpfungswerk. Als Erstgeborner war er mit dem Vater gewesen vor der Erschaffung aller andern Wesen, hatte ihn aufs genaueste gekannt, seine Herrlichkeit geschaut und war der Kanal, das Werkzeug seiner Macht gewesen. Nun wurde ihm auch noch, nach des Apostels Zeugnis, der Auftrag zuteil, Gottes Plan mit der Menschheit hinauszuführen. Dieser Auftrag war ein Beweis des absoluten Zutrauens, das er beim Vater genoss, und bedeutete eine Gunstbezeugung wegen des großen Lohnes, der auf die Erweisung von so viel Gehorsam, Demut und Hingabe gesetzt war. (Matth. 23:12; Jak. 4:10; 1. Petr. 5:6) Seinem Sohn zutrauend, dass er diesen großen Lohn verdienen werde, und wünschend, dass derselbe gerade ihm zukommen möchte, gab der Vater ihm zuerst Gelegenheit, die außerordentliche Erhöhung zu verdienen, ihm, der in der Vergangenheit die wichtigste Rolle im Regiment des Vaters gespielt hatte, gerade ihm, damit er diesen vornehmsten Rang behalte und an keinen andern verliere - "auf dass er in allen Dingen den Vorrang habe; denn es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle (des Vaters) in ihm zu wohnen und durch ihn alle Dinge mit sich zu versöhnen - indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes - durch ihn, es seien die Dinge auf der Erde oder die Dinge in den Himmeln (d.h. gefallene Menschen und gefallene Engel, so viel ihrer von der Gelegenheit, sich mit Gott auszusöhnen, Gebrauch machen würden)." - Kol. 1:18-20

Dass ein Geistwesen dazu bestimmt wurde, der Menschheit Erlöser (Rückkäufer) zu werden, bedeutet nicht, dass die Aufopferung des Lebens eines Geistwesens als Rückkaufpreis für das Leben eines irdischen Wesens gefordert war. Im Gegenteil: so wenig als die Hinopferung der Ochsen und Böcke war das Leben eines Geistwesens der Gegenwart des verwirkten Menschenlebens. Wenn Blut von Ochsen und Böcken des Menschen Sünde nicht wegnehmen konnte, weil es weniger wert war als Menschenblut, so hätte auch der Tod von Engeln oder Erzengeln Adams Sünde nicht weggenommen, wäre kein entsprechendes Sühnopfer gewesen, weil auch Engel und Erzengel anderer Natur sind als der Mensch. Was durch die Sünde verwirkt war, das war eines Menschen Leben; so war denn auch nur eines Menschen Leben als Rückkaufpreis, Loskaufsumme annehmbar. Deshalb musste unser Herr sich erniedrigen, seine himmlische Natur gegen die menschliche austauschen, um das Lösegeld zahlen zu können.

In diesem Wechsel der Natur aber bestand die Darlegung des Lösegeldes keineswegs. Er war nur die Vorbedingung, welche die Darlegung des Lösegeldes ermöglichte. "Fürwahr", schreibt der Apostel (Hebr. 2:16), "nicht der Engel nimmt er sich an, sondern des Samens Abrahams". "Weil nun die Kinder (deren Erlösung aus den Banden von Tod und Sünde Gott beabsichtigt) Fleisches und Blutes teilhaftig sind, so hat auch er gleicherweise an denselben (Fleisch und Blut, an der menschlichen Natur) teilgenommen, auf dass er durch (seinen) Tod zu Nichte machte den, der des Todes Gewalt hat, das ist den Teufel (Hebr. 2:14), und (auf dass er) alle befreite". "Wie durch einen Menschen der Tod (kam), so auch die Auferstehung der Toten" (1. Kor. 15:21). Dahin gehört auch des Johannes Zeugnis: "Der Logos wurde Fleisch." - Joh. 1:14

Dass es aber hiermit nicht getan war, gibt Jesus dem Nikodemus (und uns mit ihm) zu verstehen, wenn er sagt: "Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, auf dass er die Welt richte, sondern auf dass die Welt durch ihn errettet werde." (Joh. 3:17) Durch seine Menschwerdung hatte der Logos also die Welt noch nicht erlöst; sie bedeutete nur die Sendung eines Wesens, welches imstande sein sollte, die Welt zu erlösen durch Hingabe seiner selbst. Hierzu war der Anfang, dass, wie er selbst sagt, "des Menschen Sohn nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um (anderen) zu dienen und (schließlich) sein Leben zu geben als Lösegeld für viele" (Mark. 10:45). Das Erlösungswerk Jesu begann mithin nicht bei seiner Geburt (Menschwerdung), sondern zur Zeit, wo er, zur reifen Männlichkeit gelangt, im Alter von dreißig Jahren, sein Leben dem weihte, wozu er gekommen war, zu dienen anfing, nachdem er seine Weihung äußerlich durch das Wasserbad (die Taufe, Eintauchung) im Jordan kundgemacht hatte. So wurde, wie der Apostel zeigt, die alte Weissagung erfüllt: "Siehe, ich komme (in der Rolle des Buches ist von mir geschrieben) deinen Willen zu tun, O Gott". Er war gekommen, den Willen Gottes zu tun, das Sühnopfer für die Sünde darzubringen, hatte es mithin nicht schon gebracht. Er brachte es dar, als er sich weihte, sich als lebendiges Opfer in den Dienst Gottes stellte, bis zum Tode. Durch diese freiwillige Handlung seinerseits hat er nach des Apostels Zeugnis den vorbildlichen Gesetzesbund alt gemacht (beseitigt), um den neuen, gegenbildlichen Gnadenbund zwischen Gott und den Menschen aufrichten zu können durch das wirkliche Sühnopfer, die Aufopferung seiner selbst, mit seinem Blut (Tod) ihn besiegelnd und dadurch die Rolle des Mittlers des Neuen Bundes übernehmend. Darum sagt auch unsere Eingangs angeführte Stelle, dass der Mensch Jesus Christus sich selbst als Lösegeld für alle hingab, nicht der Logos in seiner himmlischen Herrlichkeit.

Verweilen wir noch ein wenig bei diesem

Ersten Schritt zur Ausführung des Heilsplanes

Der Apostel skizziert den selben kurz in Hebr. 2:5-9, und indem er auf die göttliche Verheißung der Wiederherstellung des Menschen weist, beruft er sich auf David (Psalm 8:4-8) dafür, dass es Gottes Absicht sei, die Menschheit vollkommen zu machen, ihr den zukünftigen Erdkreis mit allen seinen tiefer stehenden Bewohnern (Tiere), sie selbst aber den Gesetzen des göttlichen Schöpfers zu unterwerfen. "Jetzt aber sehen wir ihm (dem Menschen) noch nicht alles unterworfen." Wir sehen das Ebenbild Gottes noch nicht im Menschen verwirklicht, noch beherrscht er die Erde nicht vollständig; aber den ersten Schritt zur Verwirklichung dieses Programms sehen wir: Wir sehen Jesum ein wenig unter die Engel erniedrigt, damit er den Tod (des Menschen) schmecken könne, gekrönt mit (der) Herrlichkeit und Ehre (der menschlichen Natur in ihrer Vollkommenheit), so dass er durch Gottes Gnade (nicht für sich, sondern als Vertreter) den Tod schmeckte für jeden Menschen (und so die Wiederherstellung des Menschen ermöglichte). Jehova hat also die Ausführung seines Heilsplanes damit begonnen, dass er zunächst ein entsprechendes Lösegeld für unsern Rückkauf erbrachte(1. Mose 22:8), einen Menschen, an Herrlichkeit, Ehre und Vollkommenheit dem ersten Menschen, Adam, gleich, ein Wesen, das zum Zwecke der Erlösung der Menschen die Vorzüge einer höheren Natur preisgab und unter die Engel erniedrigt wurde, über denen es zuvor gestanden, erniedrigt, damit es den Tod schmecken könnte (als Vertreter) für jeden Menschen, ins Fleisch gekommen wegen des Leidens des Todes, der Strafe, die über unser ganzes Geschlecht verhängt war.

So können wir uns denn freuen, dass für die Durchführung der gütigen Absichten unseres himmlischen Vaters, seines Planes, uns loszukaufen, wiederaufzurichten und mit ihm auszusöhnen, aufs reichlichste gesorgt ist, und das auf der Grundlage der striktesten Gerechtigkeit, einer Grundlage, die es Gott gestattet, gerecht zu bleiben und gleichwohl alle gerecht zu machen, die an Jesum glauben.

Das Opfer, das unser Herr Jesus für die Sünde des Menschen brachte, war, also kein geistiges; es war nicht die Aufgabe seiner geistigen Natur, die kein annehmbares Sühnopfer gewesen wäre, weil sie nicht einen entsprechenden Loskaufpreis, ein in jeder Hinsicht gleichwertiges Lösegeld für Adam dargestellt hätte. Dies führt uns zur näheren Betrachtung der Begriffe:

"Lösegeld" und "Rückkauf"

Das Wort "Lösegeld" kommt im Neuen Testament nur zweimal vor und hat einen sehr bestimmten, eng begrenzten Begriff. Das eine Mal braucht es der Herr bei der Darlegung des Werkes, das er zu tun im Begriffe war, das andere Mal braucht es der Apostel bei einem Hinweis auf das vollbrachte Werk. Der Herr sagte (Mark. 10:45): "Der Sohn des Menschen ist gekommen, sein Leben als Lösegeld (Lytron) zu geben für (anti) viele." Der Apostel Paulus sagt: "Der Mensch Christus Jesus hat sich selbst dahin gegeben zu einem Lösegeld (Antilytron) für (hyper) alle, (wovon) das Zeugnis zu seiner Zeit (verkündigt werden soll)." - 1. Tim. 2:6

Diese Stellen lassen sich durchaus nicht "drehen und deuteln". Nur wer gewohnt ist, am Worte Gottes herum zumäkeln, kann sich stellen, als verstehe er nicht, was der Herr mit diesem seinem Zeugnis, dieser seiner Aussage betreffend sein großes Vermittlerwerk gemeint habe. Wer aber Gottes Wort ernst nimmt, dem erscheint, je mehr er über den Begriff des Lösegeldes, des entsprechenden Loskaufpreises nachdenkt, der Begriff immer kräftiger und lichtvoller, so dass das ganze Versöhnungswerk verständlicher wird. Der einzige mit dem Begriff verbundene Gedanke ist: wie Adam durch Ungehorsam sein Dasein, seine Seele, all sein Anrecht auf Leben auf Erden verwirkt, so hat Christus Jesus unser Herr, durch seinen (freiwilligen) Tod, durch Niederlegung eines entsprechenden Loskaufpreises die Seele, das Wesen Adams und seiner ganzen Nachkommenschaft, jede einzelne Menschenseele, die von Adam den Verlust geerbt, zurückgekauft. - Röm. 5:12

Denselben Gedanken geben viele andere Schriftstellen wieder, die unseres Herrn Werk als einen Kauf, Rückkauf bezeichnen. Die beiden obigen Stellen scheinen uns aber deshalb am wichtigsten, weil das darin enthaltene Wort "Lösegeld", Antilytron, den Gedanken am vollständigsten wiedergibt. Mit dem "Lösegeld" ist die Menschheit nicht nur erkauft, zurückgekauft, sondern außerdem in Freiheit gesetzt. Die anderen Stellen betonen bald mehr den erfolgten Kauf, die Darlegung des Kaufpreises, bald mehr die daraus folgende Befreiung (Erlösung) der Menschen. Auf die letztere legen die zahlreichen Leugner des Kaufpreises, deren Oberster Satan ist, das Hauptgewicht, damit die Christenheit möglichst aus den Augen verliere, dass die Vorbedingung der Erlösung gerade die Darlegung des Kaufpreises ist, die bei der Taufe im Jordan begann und auf Golgatha vollbracht wurde (Joh. 19:30). Wir wollen daher alle die fraglichen Stellen hier kurz besprechen, und damit jeder Leser volle Klarheit habe, gruppieren wir die Stellen nach den verschiedenen Wörtern des griech. Urtextes, die mit Bezug auf Jesu Erlösungswerk gebraucht werden, und deren Wechsel in den verbesserten deutschen Bibelübersetzungen (Elberfelder Übersetzung) ziemlich gut berücksichtigt ist.

Agorazo, Exagorazo

Beider Wörter Grundbedeutung ist "auf dem Markte kaufen" (Agora, Marktplatz - Matth. 20:3; Mark. 12:38; Luk. 7:32; Apg. 16:19). Das Erstere der zwei Wörter wird im Neuen Testament dreimal, nämlich Offb. 5:9; 14:3, 4, in Bezug auf Jesu Erlösungswerk gebraucht. Er bezeichnet den Vollzug eines öffentlichen Kaufes und alle anderen 28 Stellen, in welchen das Wort agoraza sonst noch vorkommt, bestätigen den durchaus "geschäftlichen" Begriff, der diesem Worte anhaftet. Es ist wichtig, dies festzuhalten, damit uns der einst den Heiligen überlieferte Glaube, dass ein Preis für unsere Befreiung bezahlt worden, nicht wie so vielen "Christen" auch abhanden komme.

In der Zusammensetzung exagorazo finden wir das Wort noch viermal; es fügt zum Begriff des Kaufes den des zu Händen Nehmens. Die Stellen sind folgende:

1. "Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist." - Gal. 3:13

Der Apostel will damit sagen, dass Christen, die zuvor Juden und folgerichtig dem jüdischen oder Gesetzesbund unterstellt gewesen waren, nicht nur von den Strafbestimmungen desselben losgekauft, sondern auch von den ihnen durch denselben auferlegten Verpflichtungen (Beschneidung, Sabbath, Unterscheidung reiner und unreiner Tiere) befreit worden seien. Der Bestandteil agorazo bezeichnet den ergangenen Kauf, das vollzogene Geschäft, die Vorsilbe ex die durch diesen Kauf herbeigeführte Befreiung von den (vorbildlichen) Bestimmungen des Gesetzes.

2. "Gott sandte seinen Sohn, geboren von einem Weibe, geboren unter Gesetz, auf dass er die unter Gesetz (Gesetzesbund) Befindlichen loskaufte, auf dass wir als Söhne angenommen werden könnten." - Gal. 4:4, 5

Auch hier ist von der Losmachung des Volkes Israels von dem Gesetz durch Freikauf die Rede, und von der Freimachung der Gläubigen unter diesem Volk, so dass sie Gottes Söhne werden konnten. - Joh. 1:12

3, 4 "Sehet nun zu, dass ihr sorgfältig wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise, die gelegene Zeit auskaufend, denn die Tage sind böse." - Eph. 5:15; Kol. 4:5

Auch hier ist der Begriff des Kaufens nicht zufällig hingesetzt, wie wir gleich sehen werden. Kinder Gottes wissen und fühlen, dass sie inmitten einer bösen Welt leben, deren Bestreben dahin geht, sie samt ihrer Arbeitslust, ihrem ewigen Einfluss, ihrer Zeit sündhaften oder törichten oder doch wenigsten, im Vergleich zu den ihnen als Kinder Gottes zunächst am Herzen liegenden, durchaus wertlosen Interessen dienstbar zu machen. Wir sollen nur aus dieser bösen Zeit heraus, trotz den entgegenstehenden Beeinflussungen, einen möglichst großen Teil heraus kaufen, um ihn höheren Zwecken, unserer geistigen Ernährung und Erstarkung und der Darreichung geistiger Güter an andere, dienstbar zu machen. Für diesen Kauf werden wir gelegentlich diese oder jene Ähnlichkeit als Preis hergeben müssen. Selbstverleugnung wird bestehen im Verzicht bald auf die Befriedigung natürlicher Triebe, bald auf die Billigung oder das Verständnis unserer Mitmenschen, die es befremdlich finden können, dass "wir nicht mitlaufen zu dem Treiben der Ausschweifung" wie ehedem. - 1. Petr. 4:4

Lytroo, Lytrosis, Apolytrosis
(16 Stellen)

Wir haben weiter oben gesehen, dass Lytron in Verbindung mit anti "entsprechender Kaufpreis, Lösegeld" bedeutet. Dem entspricht auch die Bedeutung der drei obigen Wörter; sie legen den Nachdruck auf die Freiheit. Die erste Stelle, wo dies besonders fühlbar wird, ist -

1. "Wir hofften, dass er der sei, der Israel erlösen sollte." - Luk. 24:21

Die Apostel und übrigen Jünger verstanden vor der Ausgießung des heiligen Geistes nicht, worin das Lösegeld bestehen und was losgekauft werden sollte. Sie dachten an eine Losmachung Israels von der römischen Herrschaft, indes hatte Gott nicht nur den Loskauf Israels, sondern der ganzen Welt beabsichtigt, nicht allein von der Herrschaft Roms, sondern auch von der des Teufels mit seinem großen Gefängnis, dem Tode. Der hierfür zu erlegende Preis war ein unverwirktes menschliches Leben, unser Herr Jesus allein konnte ihn bezahlen und hat ihn mit seiner Weihung und mit seinem Tode bezahlt, indem er -

2. "Sich selbst für uns gegeben hat, auf das er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit." - Tit. 2:14

Hier wird der Gedanke weitergesponnen. Der Preis, den unser Herr zu Gunsten der Menschheit darbrachte, genügt nicht nur, um der Großzahl der Menschen ein Erwachen aus dem Tode, in Gottes vorbestimmter Zeit, während des Millenniums, und eine Gelegenheit, zur Erkenntnis der Wahrheit und Aussöhnung mit Gott auf der Grundlage des Neuen Bundes zu sichern, sondern auch, um denen, die für die gute Botschaft jetzt ein offenes Ohr haben, die Möglichkeit zu verschaffen, der Knechtschaft der Sünde zu entrinnen, sodass wir nicht länger der Sünde als Sklaven dienen müssen, sondern dem dienen dürfen, der für uns gestorben ist und uns erkauft hat durch sein eigenes teures Blut.

3. "Ihr wisset, dass ihr erlöst worden seid, nicht mit verweslichen Dingen, als Silber oder Gold, von eurem eiteln, von den Vätern überlieferten Wandel, sondern mit dem kostbaren Blute Christi, als eines Lammes ohne Fehl und ohne Flecken." - 1. Petr. 1:18, 19

Auch diese Stelle behandelt nicht sowohl unsere schließliche Erlösung aus dem Tod durch die Auferstehung, als vielmehr unsere gegenwärtige Freimachung von einem bösen Wandel, von eitler Verkehrtheit, von törichten Unterhaltungen und Unrecht überhaupt. Diese Freiheit ist uns erworben worden durch das Blut Christi, gerade wie die größere noch zukünftige Freiheit in der Auferstehung. Ohne Darlegung des Lösegeldes, ohne Befriedung der Rechtsansprüche der Gerechtigkeit konnte Gott uns nicht als Söhne annehmen, mithin nicht mit uns handeln als mit Söhnen, uns nicht als seine Söhne versiegeln mit dem Geist der Aufnahme in seine Familie. Die verschiedenen Gnadenmittel, die jetzt den Gläubigen zugänglich und für uns das Wirken Gottes zu unserer Errettung sind, welches in unseren Herzen die Macht der Sünde bricht und an ihrer Stelle den Geist, die Gesinnung des Herrn als Herrschergewalt auf den Thron erhebt, diese Gnadenmittel wären nicht in unsere Nähe gerückt worden.

4. "Sie trat zu derselben Stunde hinzu, lobte den Herrn und redete von ihm zu allen, welche auf Erlösung warteten in Jerusalem." - Luk. 2:38

Hanna redete zu Leuten in Jerusalem, welche Befreiung vom römischen Joche erwarteten, aber nicht notwendigerweise verstanden, dass eine größere Befreiung bevorstand, für welche ein Lösegeld bezahlt werden musste.

5. "Christus, gekommen als Hohepriester ... ist, nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut ein für allemal in das Heiligtum eingegangen, wodurch er uns eine Befreiung auf ewig erwarb." - Hebr. 9:11, 12

Der Apostel spricht hier nicht von der Art und Weise, wie unser Herr unsere ewige Freiheit erhielt, und redet also nicht von dem bezahlten Preis. Er hat vielmehr nur die gegenwärtige und zukünftige Freiheit der Kinder Gottes im Auge und nicht den Weg, auf dem sie erworben worden vor dem Eingang unseres Herrn in das Heiligtum, den Weg, bestehend in der Weihung seiner selbst als Lösegeld für die Menschheit.

6. "Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, dass er besucht und Erlösung geschafft hat seinem Volke." - Luk. 1:68

Aus dem vorhergehenden Vers sahen wir, dass wir es hier mit einer Weissagung zu tun haben: noch nicht Erfülltes wird erwähnt, als wäre es schon erfüllt. Nur der erste Schritt zur Befreiung Israels war getan, und schon wird so freudig davon gesprochen, als wäre das ganze Werk schon getan. Dagegen deutet die Wendung keineswegs an, wie die Befreiung würde herbei geführt werden. Dass dies durch Darlegung eines Lösegeldes und durch Aufrichtung des Reiches Gottes geschehen würde, erfahren wir aus anderen Stellen.

7. "Wenn aber diese Dinge anfangen zu geschehen, so blicket auf und hebet eure Häupter empor, weil eure Erlösung naht." - Luk. 21:28

Auch hier wird das Lösegeld, die Vorbedingung zur Erlösung (Befreiung) der Herauswahl nicht erwähnt, sondern einfach die Tatsache ihrer Befreiung.

8. "Umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung (Befreiung), die in Christo Jesu ist."

Mit diesen Worten deutet der Apostel nicht auf das Lösegeld hin, sondern lediglich auf die Befreiung, deren sich die Kinder Gottes erfreuen, jetzt gerechneterweise und allmählich in nahe Aussicht gerückt, beim Herannahen der Auferstehung. Die Angelegenheit ist vom Standpunkt Gottes aus besprochen: wer glaubt, wird umsonst, bedingungslos gerechtfertigt, ohne dass er dabei auf irgend ein Verdienst seinerseits hinzuweisen berechtigt wäre. Dies ist vollbracht durch die Befreiung, für die Gott gesorgt hat in unserem Herrn Jesus Christus. Erst im folgenden Vers sagt der Apostel, wie die Befreiung bewerkstelligt wurde, indem er ausführt: "Welchen (Jesus) Gott dargestellt hat zu einem Gnadenstuhl (Begnadigungsmittel) durch Glauben an sein Blut (d.h. an das Opfer, das für die Sünden der ganzen Welt bezahlte Lösegeld)."

9. "Auch wir selbst, die wir die Erstlinge des Geistes haben (die Herauswahl) seufzen in uns selbst, erwartend die Sohnschaft (Annahme an Sohnes Statt), d.h. die Erlösung (Befreiung) unseres Leibes (d.h. der Herauswahl, die da ist der Leib Christi, der zu seiner Zeit herrlich gemacht werden soll, wie sein Haupt, Jesus, es jetzt schon ist)." - Röm. 8:23

Nicht die geringste Anspielung auf das auf Golgatha bezahlte Lösegeld, den Preis unserer Befreiung findet sich in dieser Stelle. Sie handelt vielmehr schlechthin von der Befreiung der Kirche, welche eines der Ergebnisse des auf Golgatha vollendeten Erlösungswerkes, eine der um das Lösegeld erworbenen Segnungen ist.

10. "Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung (Befreiung)1.Kor.1:30

Auch hier mit keiner Silbe des auf Golgatha bezahlten Lösegeldes gedacht. Der Apostel spricht nicht davon, was unser Herr bereits für uns getan hat, sondern davon, was er noch für uns tun will. Er ist unsere Weisheit in sofern, als wir unseren eigenen Willen beiseite stellen und seinen Willen allein annehmen und so den Geist eines gesunden Verstandes haben und "in Weisheit wandeln". Er ist unsere Gerechtigkeit insofern, als er sich als unser Vertreter hingab als Lösegeld für alle und jetzt in seiner Gerechtigkeit ebenfalls alle vertritt, die durch ihn zum Vater kommen. Er ist unsere Heiligung insofern, als wir durch sein Verdienst vom Vater als (gerechterweise vollkommene) lebendige Opfer angenommen werden, während es tatsächlich das Wirken Christi (durch den heiligen Geist) in uns ist, das uns befähigt, uns als lebendige Opfer darzubringen, in seinen Fußstapfen zu wandeln und unsere Bundesverpflichtungen zu erfüllen. Er ist unsere Befreiung insofern, als das Wiederleben dessen, der uns durch Gottes Gnade erkauft hat mit seinem kostbaren Blute, eine Garantie dafür ist, dass auch wir wieder leben sollen, dass er zu seiner Zeit seine Herauswahl, die er erkauft hat mit seinem eigenen Blut, aus den Banden der Verwesung und des Todes befreien wird. Von der Befreiung ist die Rede, nicht von der Bezahlung des Lösegeldes. Aber freilich hat ihm diese letztere das Recht gegeben, für jedermann Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Befreiung zu sein.

11. "Er hat uns begnadigt (angenommen) in dem Geliebten, in welchem wir die Erlösung (Befreiung) haben durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade." - Eph. 1:6, 7

Der Apostel bezieht sich mit dieser Stelle nicht auf den auf Golgatha bezahlten Kaufpreis, das für uns bezahlte Lösegeld. Im Gegenteil, er spricht von unserer Annahme beim Vater und erklärt, dass diese Annahme auf etwas beruht, das der Vater für uns getan hat in seinem Geliebten, unserem Herrn Jesus, durch dessen Blut (das Sühnopfer, Lösegeld) wir befreit sind. Der Satzbau zeigt deutlich, dass der Apostel sagen will, wir seien vom Todesurteil, der Strafe für die Sünde befreit, denn er erklärt, unsere Befreiung sei die "Vergebung der Vergehungen." Der Sinn der Stelle ist deshalb folgender: Der himmlische Vater, der schon zuvor die Annahme einer kleinen Herde von solchen beabsichtigt hat, die Söhne göttlicher Natur und Miterben des erstgeborenen und hochgeliebten Sohnes, unseres Herrn, sein sollten, tat auch die nötigen Schritte, um seine Gnadenabsichten an uns verwirklichen zu können. Er hat uns in dem Geliebten angenommen; denn in dem Geliebten, durch sein Blut, durch seinen Opfertod sind wir freigemacht von dem Fluch und Zorn Gottes, sind unsere Sünden vergeben, sind wir von unseren Sünden freigemacht oder gerechtfertigt.

12. "Das Unterpfand unseres Erbes, zur Erlösung (Befreiung) des erworbenen Besitzes." - Eph. 1:14

Der Besitz, das Eigentum, das Christus erworben durch das Opfer für die Sünden, das er als Vertreter des Menschen dargebracht, schließt sowohl die Menschheit im allgemeinen, so viel ihrer die Gabe unter den Bedingungen der guten Botschaft annehmen werden, als auch die Herauswahl, die Braut ein. Die Zeit der Befreiung ist sein 1000-jähriges Reich. Die Herauswahl sollte da zuerst gefreit werden, "früh am Morgen". Aber auch die Erde selbst, einst Eigentum der Menschheit, ist durch die Bezahlung des Lösegeldes zurückgekauft worden. Darum wird auch sie vom Fluch, der auf ihr gelastet, befreit werden und werden wie ein Garten des Herrn, ein Paradies. Der Preis ist erlegt, der Kauf ist perfekt, aber die Befreiung selbst steht an bis zu Gottes vorbestimmter Zeit.

13. "In welchem wir die Erlösung (Befreiung) haben durch sein Blut, die (da ist die ) Vergebung der Sünde." - Kol. 1:14; vergl. die unter 11 betrachtete Stelle Eph. 1:6, 7

Wir, die da glauben, haben schon die Befreiung, d.h. die Vergebung der Sünden, und sind deshalb mit dem Vater versöhnt. Die Stelle handelt nicht von dem Wege, auf dem unsere Freiheit erworben wurde, sondern von dem bereits erzielten Resultat. Immerhin deutet der Apostel den Weg an, indem er erklärt, dass unsere Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde durch des Herrn Blut, seinen Tod, sein Sühnopfer für die Sünde, durch die Bezahlung des Lösegeldes kam.

14. "Betrübet nicht den heiligen Geist Gottes (trübet nicht die Gesinnung, das Bild Gottes, das ihr an euch traget), durch welchen ihr versiegelt seid auf den Tag der Erlösung (Befreiung)." - Eph.4:30

Auch hier ist nicht die Rede von dem auf Golgatha vollendeten Sühnopfer. Doch kam der heilige Geist auf keinen Menschen, um ihm den Stempel als Sohn Gottes aufzudrücken, bevor das Sühnopfer vollendet, die Gabe im Allerheiligsten vorgelegt und vom Vater angenommen worden. Jetzt aber müssen die, welche versiegelt sind (den Stempel der Gesinnung Gottes tragen), dafür Sorge tragen, dass sie diesen Stempel behalten, ihn nicht verlieren; denn er ist das Embryo der ihnen verheißenen göttlichen Natur (Leiblichkeit). Dieses Embryo, die Vorfrucht, ist alles, was in diesem gegenwärtigen Leben verliehen wird; auf den Empfang der vollen aus Gnaden verliehenen göttlichen Natur müssen wir warten, bis die vom Vater bestimmte Zeit, der Tag unserer Befreiung kommt. Dieser Tag ist das Tausendjahr-Reich, mit Bezug auf welches die Schrift den Auserwählten, der Braut Christi verheißt: "Gott wird ihr helfen beim Anbruch des Morgens." (Psalm 46:5) Wer den heiligen Geist und sein Siegel (den Stempel der göttlichen Gesinnung) verliert, wird keinen Teil haben an der ersten Auferstehung am Morgen des "Tages der (vollständigen) Befreiung" aus der Gewalt der Sünde und des Todes.

15. "Darum ist er Mittler des neuen Bundes, damit, durch das Mittel des Todes für die Erlösung (Befreiung) von dem unter dem ersten Bund begangenen Übertretungen, die Berufenen die Verheißung des ewigen Erbes empfangen." - Hebr. 9:15

Für das Volk Israel bedeutete der Tod unseres Herrn mehr als für die Nationen, nämlich nicht nur Loskauf von Adams Übertretung und der dafür verhängten Strafe, dem Tode, sondern auch Befreiung vom Fluche, von der angedrohten Strafe des Gesetzesbundes, einer Strafe, die sie sich durch das Nichteinhalten der Bundesbedingungen zugezogen. Israel stand unter doppeltem Fluch; so ist auch seine Befreiung eine zweifache.

16. "Andere wurden gefoltert, da sie die Befreiung nicht annahmen, auf dass sie eine bessere Auferstehung erlangten." - Hebr. 11:35

In dieser Stelle hat der Sinn die Übersetzer gehindert, das Wort Apolytrosis mit "Erlösung" zu übersetzen, wie sie in den 9 vorhergehenden Stellen getan.




Im Alten Testament steht das Wort Gaal für loskaufen, erlösen, und seine Ableitungen. Wir zitieren nur einige Beispiele:

"Ich weiß, dass mein Erlöser lebt." - Hiob 19:25

"Gott der Höchste ihr Erlöser." - Psalm 78:35

"Der dein Leben erlöst vom Verderben." - Psalm 103:4

"Einer seiner Brüder mag ihn lösen (loskaufen), oder sein Oheim, oder seines Oheimes Sohn mag ihn lösen (loskaufen), oder kann er es, so mag er sich selbst lösen (loskaufen)." - 3. Mose 25:48, 49

"Umsonst habt ihr euch verkauft, so sollt ihr auch ohne Geld erlöst (losgekauft) werden." - Jes. 52:3; vergl. 1. Petr. 1:18

"Der Erlöser wird kommen für Zion." - Jes. 59:20




Wir haben oben alle diese Stellen aus dem Neuen Testament unter Zuziehung des griechischen Urtextes deshalb angeführt, weil die Übersetzung des griechischen Wortes mit "erlösen", "Erlösung" statt mit "befreien", "Befreiung" den Leugnern des Lösegeldes gestattet, Stellen anzuführen, die für ihre Anschauungen zu sprechen scheinen. Richtig übersetzt lassen sie jene anderen Stellen in voller Kraft bestehen, in denen der heilige Geist durch die Verfasser der Schriften des Neuen Testaments aufs unzweideutigste bezeugt, dass die Erlösung des Menschengeschlechtes ein Kaufgeschäft war, bestehend in der Darlegung des vollen Preises. Daraus können die Kinder Gottes die Zusicherung entnehmen, dass die Aufhebung der Strafe für die Sünde (die Aufhebung des Todes durch die Auferweckung) keine Verletzung des göttlichen Gesetzes der Gerechtigkeit war, sondern dadurch ermöglicht wurde, dass der Gerechtigkeit Genüge geleistet wurde, indem ein Sündloser, der sein Leben nicht verwirkt hatte, für die Sünder, die ihr Leben verwirkt hatten, starb. Die Gerechtigkeit und die Liebe Gottes wirken in voller Übereinstimmung zusammen. Sie haben selbst den großen Rückkaufpreis beschafft, mit dem die Menschheit und die Erde vom Tode und vom Fluch zurückgekauft worden. Die Kinder Gottes können also dessen getrost und sicher sein, dass Liebe und Gerechtigkeit das Weltall in alle Zukunft regieren werden, dass der Fluch, der Zorn Gottes von einem jeden wird genommen werden, der sich durch Jesum den Vermittler mit Gott aussöhnen wird, dass aber, wer sich nicht wird aussöhnen lassen, vom zweiten Tode wird verschlungen werden; denn "der Zorn Gottes bleibt über ihm." - Apg. 3:23; Joh. 3:36; Offb. 22:3

Für die Erkauften selber freilich ist es ganz einerlei, wie Gottes Liebe und Gerechtigkeit die Angelegenheit der Vergebung unserer Sünden geordnet haben. Für die Menschen ist diese Vergebung so oder anders immer eine freie Gabe, ein Geschenk, das wir nur erhalten können, wenn wir es als solches annehmen. Wir können sie nicht kaufen, können Gott keinen Preis dafür bezahlen.

Wenn sie nun eine Gabe ist, warum bemühen wir uns denn, darüber nachzuforschen? Warum ist dem Herrn daran gelegen, uns zu offenbaren, dass die Gabe für uns gekauft worden ist um einen Preis, den Tod Jesu? Warum betont die Schrift so ausdrücklich, dass dieser Tod Jesu genau der Preis, der volle Preis, nicht mehr und nicht weniger, war, der um unserer Sünden willen bezahlt werden musste? Das Geschieht alles, weil Gott uns durch den Einblick, den er uns in die Einzelheiten seines Liebesplanes tun lässt, erleichtern und ermöglichen will, ihn und seine Gesetze und deren wunderbares Zusammenwirken kennen zu lernen. Wir sollen eben verstehen, dass Gott sein Urteil gegen die Sünde weder zurücknimmt noch beiseite stellt, dass Gott niemals die Sünde für zulässig, erlaubt oder wenigstens entschuldbar hält. Wir sollen darüber ganz ohne Zweifel sein, dass seine Gerechtigkeit unabänderlich ist, dass selbst seine Liebe den Anforderungen seiner Gerechtigkeit nicht im Wege stehen kann, dass der einzige Weg, auf dem das gegen die Sünde und die Sünder gefällte Todesurteil aufgehoben werden konnte, darin bestand, dass durch Darlegung eines Lösegeldes, durch Bezahlung des Saldos den Anforderungen der Gerechtigkeit entsprochen wurde. Adam hatte gesündigt, war deshalb zum Sterben verurteilt worden und war gestorben. Keine Hoffnung blieb ihm, es sei denn, dass Gottes Liebe und Gnade einen Bürgen für Adam beschaffte. Und dieser Bürge musste, wie wir gesehen, von der gleichen Natur sein, als Adam gewesen war, musste menschlicher Natur sein, musste genau so frei von Sünde, vom Fluch und vom Zorn Gottes, genau so vollkommen, schuldlos, abgesondert von der Sünde und den Sündern, genau so Gott wohlgefällig, als Adam vor seiner Übertretung es gewesen war.

Darum wurde unser Herr Jesus Fleisch (nicht sündiges Fleisch), - doch vollkommen (heilig), schuldlos, abgesondert von Sündern (Kap. 3). Deshalb war der Mensch Christus Jesus ein vollkommener Mensch, die Reproduktion des ersten Menschen, der zweite Adam, und darum geeignet, unser Erlöser, unser Lösegeld zu sein, sein Leben und alle seine Ansprüche als Mensch hinzugeben als Kaufpreis zum Rückkauf Adams und seines Geschlechtes, die ihr Leben und ihre Ansprüche als Menschen verwirkt hatten. Unser Herr, der Mensch Jesus Christus, weihte, opferte und gab alles auf, was er hatte, um des Menschen willen. Er lässt darüber in seiner Lehre keinen Zweifel. Er ist jener Mann, der einen im Acker verborgenen Schatz fand, hinging und alles verkaufte, was er hatte, und den Acker kaufte (Matth. 13:44). Der Acker bezeichnet sowohl die Menschheit als die Erde (Eph. 1:14). Dort sah unser Herr einen Schatz; er sah mit dem Auge des Propheten das Ergebnis des Erlösungswerkes, die Befreiung vieler aus den Banden der Verderbtheit zur vollen Freiheit der Kinder Gottes (der Herauswahl im gegenwärtigen und der sich würdig Erweisenden im kommenden Zeitalter). Angesichts dieses Schatzes kaufte er den Acker. Und im Hinblick auf das Ergebnis der Darlegung des Lösegeldes und auf den Stand des Erlösungs- und Befreiungswerkes am Ende des Tausendjahr-Zeitalters, sagt der Prophet von unserem Herrn: "Von der Mühsal seiner Seele wird er Frucht sehen und davon befriedigt sein." (Jes. 53:11) Unser Herr war ganz zufrieden, sein Leben und alles, was er damals hatte, daran zu geben, um die Welt zu kaufen.

Welches Lösegeld ist nun für die Menschen bezahlt worden?

Was unser Herr für uns tat, was er an unserer Statt bezahlte, was er aufgab, indem er starb, musste, da es das Lösegeld für alle, der volle Kaufpreis war, genau dem entsprechen, wozu der Mensch verurteilt war. Unser Herr ging nicht in die ewige Qual. Dies ist ein unzweideutiges Zeugnis dafür, dass ewige Qual nicht der Sünde Sold, nicht der von dem großen Richter geforderte Gegenwert für die Sünde ist. Nein, die ewige Qual ist eine der Lügen des großen Widersachers, an die er einen großen Teil der Menschheit hat können glauben machen. So sicher als, was der Herr an des Menschen Statt, als sein Bürge erlitt, die volle Strafe war, die die Menschen sonst erleiden müssten, so sicher war auch ewige Qual niemals angedroht, beabsichtigt oder über Menschen verhängt worden. Wer Gottes Zeugnis in seinem Worte anerkennt, glaubt, dass "Christus für unsere Sünden starb", dass er "starb, der Gerechte für die Ungerechten, uns zu Gott zu bringen, dass er "die Genugtuung ist für unsere Sünden (die der Herauswahl), doch nicht für unsere allein, sondern auch für die Sünden der ganzen Welt"; dass "Gott unser aller Missetat auf ihn legte, auf dass wir durch seine Streiche (die Dinge, die er an unserer Statt litt, seine Selbstverleugnung bis zum Tode) geheilt würden". - 1. Kor. 15:3; 1. Petr. 3:18; 1. Joh. 2:2; Jes. 53:5, 6

Wie vernunftgemäß und untereinander übereinstimmend sind doch diese Zeugnisse der Schrift, und wie voller Widersprüche sind doch die schriftwidrigen Vorspiegelungen Satans, die wir überliefert bekommen haben, und die noch fast allgemein für wahr gehalten werden!

"Der Sünde Sold ist der Tod" und "die Seele, welche sündigt, die soll sterben" - erklärt die Schrift (Röm. 6:23; Hes. 18:4), und darauf zeigt sie uns, wie vollständig der Gegenwert zu unseren Gunsten aufgebracht und bezahlt worden ist, indem sie bezeugt: "Christus ist für unsere Sünden gestorben, nach den Schriften und um unserer Gerechtmachung willen wieder auferstanden." (1. Kor. 15:3; Röm. 4:25). Sein Tod war des Lösegeldes Bezahlung, aber diese Bezahlung machte uns noch nicht gerecht. Erst musste unser Herr dieses Lösegeld dem Vater zu unseren Gunsten vorlegen; das tat er als er gen Himmel fuhr, um daselbst für uns vor Gott zu erscheinen. Dort und an jenem Tage war es, dass er das Verdienst seines Sühnopfers für uns nutzbar machte. So ist denn Gerechtmachung das Ergebnis 1. der Bezahlung des Lösegeldes und 2. der Anwendung desselben auf alle Menschen, welche an Jesum glauben und ihm gehorchen werden. Die Auferstehung und die Himmelfahrt unseres teuren Erlösers waren also notwendig, damit sein Opfertod uns zu gute kommen könne. - Röm. 4:25

"Ohne Vergießung von Blut gibt es keine Vergebung der Sünden" (Hebr. 9:22). Das ganze Gesetzes - oder jüdische Zeitalter hindurch brachte Gott diesen Zug seines Gesetzes so recht zum Bewusstsein, indem er die Opferung von Stieren und Böcken anordnete. Nicht, dass diese Opfer Sünden hätten hinwegnehmen können; aber sie sollten in Gottes vorbestimmter Zeit erkannt werden als Vorbilder besserer Opfer, durch welche Sünden getilgt werden. Der Ausdruck "Vergießung von Blut" bezeichnet einfach Tod, Aufgeben des Lebens, wiewohl der Gedanke des Opfers, des Opfertodes durch den Ausdruck auch angedeutet wird, des Opfertodes im Gegensatz zu dem sogenannten natürlichen (unblutigen) Tod - wiewohl genau genommen der Tod für den Menschen überhaupt nicht natürlich ist. Die Natur des Menschen ist zum Leben bestimmt; der Tod des Menschen ist eine Durchbrechung, des Naturgesetzes, unter dem er stand, eine Durchbrechung, herrührend von der Übertretung, die er sich hatte zu schulden kommen lassen, und wofür er durch den Fluch, die Verurteilung zum Tode, bestraft wurde.

Den Anforderungen der göttlichen Gerechtigkeit wäre entsprochen worden, auch wenn die Juden Jesum auf andere Art getötet hätten. Das unausweichliche Erfordernis war die Hingabe eines schuldlosen (unverwirkten) Lebens als Lösegeld oder Bürge für ein mit Sünde behaftetes (verwirktes) Leben. Das Lösegeld wäre auch bezahlt gewesen, gewesen, wenn unser Herr nicht verwundet, sein Blut nicht vergossen worden wäre. Die Strafe für die Sünde ist der Tod, das Aufhören der Existenz. War es hierzu gekommen, so war die Strafe voll bezahlt. Der Tod am Kreuz und die Öffnung der Seite hatten andere Gründe.

Das auf die Erde, an den Fuß des Opferaltars fallende Blut bedeutete, dass nicht die Menschheit allein, sondern auch die Erde selbst zurückgekauft und mit Blut besprengt war (ein Symbol der Reinigung). Die Schmach der öffentlichen Kreuzigung als eines Verbrechers war notwendig, weil unser himmlischer Vater beschlossen hatte, den Gehorsam unseres Herrn Jesu auf die aller schwerste Probe zu stellen. Er wurde nicht nur daraufhin geprüft, ob er bereit sei, Mensch zu werden, sondern auch daraufhin, ob er willig sei, als des Menschen Bürge oder Lösegeld zu sterben, ja ob er willig sei, die aller größte Schmach auf sich zu nehmen, auf dass er unbestreitbar seine Würdigkeit erweise, von seinem Vater aufs höchste erhöht zu werden.

Der Apostel stellt die Sache in diesem Lichte dar. Denn, nachdem er uns berichtet, wie er (der Logos) seine himmlische Herrlichkeit um unsertwillen verlassen und ein Mensch geworden, fügt er (der Apostel) bei: "Und in (seiner) Haltung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tode - ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott hoch erhoben und ihm einen Namen (Ehrentitel) gegeben, der über jeden Namen ist"; des Vaters Namen oder Titel ausgenommen. - Phil. 2:8, 9; 1. Kor. 15:27

Jede Stelle der Schrift, in der von Rechtfertigung (Gerechtmachung) durch Glauben, von unserer Gerechtmachung durch das Blut Christi die Rede ist, zeugt zu Gunsten von dem weiter oben Gesagten, nämlich, dass Gott in Christo war, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend, sondern sie dem zurechnend, "der für uns gestorben und wieder auferstanden ist" (2. Kor. 5:19; 1. Thess. 4:14; 5:10). Die Schuld des Sünders wurde übernommen vom Erlöser, der den vollen Preis zur Tilgung unserer Schuld bezahlte, auf dass alle, die nach Gerechtigkeit trachten würden, um des Verdienstes von Jesu Opfer willen als gerecht gerechnet werden könnten (Röm. 5:17-19). Die Tatsache, dass wir der Gerechtmachung bedurften, beweist, dass wir ungerecht, böse waren in Gottes Augen. Die Tatsache, dass Menschen sich nicht selbst durch Werke rechtfertigen (im Sinn von "gerecht machen") können, wurde durch die Geschichte Israels unter dem Gesetzesbund klargemacht; sie beweist, dass das Böse, die Sünde der gefallenen menschlichen Natur anhaftet. Daher die Notwendigkeit, dass wir losgekauft und gerecht gemacht würden durch das Verdienst, das Opfer eines anderen, eines sündlosen Erlösers (Bürgen, Rückkäufers).

Gerecht oder vollkommen gemacht werden wir indes in diesem Leben nicht tatsächlich, sondern nur gerechneterweise, wenn wir an Christi Gerechtigkeit und sein stellvertretendes Opfer glauben und dessen Wirkungen für uns als freie Gabe annehmen. Überall in der Schrift wird die Befähigung unseres Erlösers, uns gerecht zu machen, als eine Folge seines Opfers an unserer Statt hingestellt. Dass unsere eigenen Werke uns nicht gerecht oder vor Gott annehmbar machen können, lesen wir in Gal. 2:16; Röm. 3:27, 28. Dass das Gesetz die ihm Unterstellten nicht gerecht machen konnte, lesen wir Gal. 5:4; Röm. 3:20. Dass allein der Glaube an das von Christus vollbrachte Werk gerecht macht, lesen wir in Gal. 2:17; 3:13, 14; Röm. 4:24, 25.

Verschiedene andere Stellen sprechen mehr oder weniger deutlich von unserer Waschung, Reinigung von der Sünde. Sie alle stützen die Lehre vom Lösegeld, indem sie das Blut Christi als das Reinigungsmittel unserer Reinigung, also als ein Verdienst unseres Herrn, der sich für uns dahin gegeben, bezeichnen. - 1. Joh. 1:7; Offb. 1:5; 1. Kor. 6:11; 2. Petr. 2:22; Tit. 3:5; Hebr. 9:14; 1. Petr. 1:19

Die Gerechtmachung wird im Gleichnis vorgeschattet durch ein Kleid der Gerechtigkeit, von reiner, weißer Leinwand, mit dem der Herr die Fehler und Unvollkommenheiten aller derer zudeckt, die er um ihres Glaubens an sein teures Blut willen annimmt. Alle Anstrengungen, die wir machen, um aus eigener Kraft gerecht zu werden, statt durch das Verdienst Christi, werden im Gleichnis "das unflätige Kleid" unserer eigenen Gerechtigkeit genannt (Jes. 64:6). Gewiss, bestimmte Stellen reden auch von unseren Bemühungen, gerecht zu sein, den göttlichen Geboten zu gehorchen, und bezeichnen sie als ein Reinigungswerk, welches während unserer ganzen Laufbahn auf Erden als Christen fortgeführt werden muss. So spricht der Apostel davon, dass wir "unsere Leiber mit reinem Wasser gewaschen haben", und dass die Herauswahl gereinigt wird "durch die Waschung mit Wasser durch das Wort" (der Wahrheit). Diese Stellen zeigen, wie die Reinigung unserer Herzen vor sich geht, der Schmutz des Fleisches entfernt wird. Das ist Arbeit für alle Tage unseres Lebens auf Erden. Aber all diese Reinigung der Gedanken, Worte und Werke, diese Bemühungen, unseren Leib dem Willen Gottes in Christo möglichst untertan zu machen, stellen ab auf die vorausgegangene Annahme Christi und den Glauben, dass wir durch sein Blut gerecht gemacht werden. Denn die Schrift lehrt, dass von dem Augenblick an, da wir Christum annehmen, alle unsere Fehler und Unvollkommenheiten vor des Herrn Augen gleichsam verdeckt sind um des Verdienstes des Sühnopfers willen. Das Jehovas Güte und Gnade beschafft hat, und das wir uns durch Glauben daran zu nutze machen können. Da einzig, was vollkommen ist, bei Gott annehmbar ist, und da wir, so sehr wir uns bemühen und reinigen, doch immer unvollkommen bleiben, so ist es klar, dass unsere Annahme durch den Vater nur möglich ist, wenn wir gleichsam eingehüllt sind in das Kleid der Gerechtigkeit Christi, wenn seine Vollkommenheit uns zugerechnet wird. So sind wir denn zunächst "angenommen in dem Geliebten" (Eph. 1:6), und dann beweisen wir unsere Liebe zur Gerechtigkeit, unseren Wunsch, dem Herrn zu gefallen, täglich dadurch, dass wir der Heiligkeit (Vollkommenheit) zustreben.

Wie oft spricht doch die Schrift von unserem Herrn als von einem Sühnopfer, "dem Lamm Gottes, dass die Sünde der Welt hinwegnimmt!" (Joh. 1:29) Alle Opfer, die im Gesetz vorgeschrieben waren, alles Blut, dass auf Israels Altären vergossen wurde, deuteten hin auf jenes große Opfer für die Sünde, das für uns geschlachtet werden sollte; denn "das Blut der Stiere und Böcke konnte niemals Sünden hinweg nehmen"; das konnte einzig das gegenbildliche Opfer, das kostbare Blut. - Hebr. 9:22; 10:10; Eph. 5:2; 1. Kor. 5:7; 1. Petr. 2:22-24; 2. Kor. 5:21

Dass dieses Opfer für die Herauswahl und für alle Menschen gebracht worden, bezeugt die Schrift ebenfalls aufs deutlichste. "Er (Jesus) schmeckte den Tod für jeden" - für Gerechte und Ungerechte, uns zu Gott zu bringen, für uns und alle Menschen einen Weg zu bereiten, auf dem wir zum himmlischen Vater zurückkehren, mit ihm ausgesöhnt werden können, einen Weg, auf dem wir zum ewigen Leben, der Gnadengabe des Vaters für alle, die wahrhaft seine Kinder sind, zurück gelangen können. - 1. Thess. 5:10; Röm. 5:8; 1. Kor. 15:3; 2. Kor. 5:14, 15; Joh. 10:15; 11:50-52; 1. Petr. 2:24; 3:18

Dass es der Tod des Menschen Christus Jesus, sein Blut war, was uns Befreiung aus Sünde und Tod garantiert, ist auch wiederum so unzweideutig in der Schrift bezeugt, dass es nur geleugnet werden kann, wenn die göttliche Eingebung der Schrift geleugnet oder "die Schrift verdreht" (2. Petr. 3:16) oder "das Wort Gottes unredlich gehandhabt wird". - 1. Petr. 1:2; Apg. 4:12; 20:28; Offb. 5:9; 1:5; Röm. 5:9; Hebr. 13:12

"Ihr seid erkauft um einen Preis" Durch wen? von wem? warum?

"Ihr seid erkauft um einen Preis, werdet nicht der Menschen Sklaven." - 1. Kor. 7:23

"Du hast uns erkauft für Gott durch dein Blut." - Offb. 5:9

"Es werden falsche Lehrer unter euch sein, welche verderbliche Irrlehren neben einbringen werden, den Gebieter verleugnend, der sie erkauft hat." - 2. Petr. 2:1

Da die Schrift so ausdrücklich bezeugt, dass der Mensch erkauft worden ist, und zwar, wie das griechische Wort zeigt, in gleicher Weise erkauft worden ist, wie die Geschäfte auf dem Markt abgeschlossen werden, so müssen wir nun den Fragen näher treten: 1. Wer hat ihn erkauft? 2. Wem wurde er abgekauft? 3. Wozu wurde der Mensch erkauft?

1. Die erste dieser Fragen ist rasch beantwortet. Die heilige Schrift bezeichnet den Herrn Jesus Christus selber als den Käufer und bezeugt, dass sein Blut, die Hingabe seines Lebens, der Tod des Menschen Christus Jesus, der sich hergab als ein Lösegeld für viele, der bei dem Kauf bezahlte Preis war.

2. Wem wurde der Mensch abgekauft? Gegner der Wahrheit fragen höhnisch, ob uns der Herr dem Teufel abgekauft habe oder nicht. Für sie gibt es niemanden anderes, dem das Lösegeld hätte bezahlt werden können; denn wer die Lehre vom Lösegeld verwirft, der verfällt in Trugschlüsse und kann nicht glauben, dass Gott eine der handelnden Parteien sei, glaubt vielmehr, Gott habe sich die Gefolgschaft der Menschheit zu erwerben gesucht und seit Alters her alles getan, was er vermocht, um den Menschen auszusöhnen und ihn so von Sünde und Tod zu befreien. Danach hätte Gott nicht die vorgängige Bezahlung eines Lösegeldes verlangt, bevor er den Menschen wieder losgelassen. Dies alles ist durch und durch schriftwidrig. Die Schrift lehrt freilich, dass Gott die Liebe ist und auch mit dem Sünder Erbarmen hat; sie lehrt aber gleichzeitig, dass Gott gerecht ist, und dass der Mensch, nachdem er gerechterweise verurteilt worden, nicht ebenfalls gerechterweise dem Verdammungsurteil entrückt werden könne, es denn ein Lösegeld für ihn bezahlt und dadurch die Schuld getilgt worden.

Nun setzt freilich die Schrift die Verhängung der Todesstrafe der Herrschaft des Teufels gleich, indem sie schreibt: "Weil nun die Kinder Fleisches und Blutes (der menschlichen Natur) teilhaftig sind, so hat auch er gleicherweise an denselben teilgenommen, auf dass er durch seinen Tod zunichte machte den, der des Todes Gewalt hat, das ist den Teufel" (Hebr. 2:14), und indem sie den Teufel als den Fürsten dieser Welt bezeichnet (Joh. 14:30). Aber nirgends lehrt die Schrift, dass der Teufel auf diese Herrschaft ein Recht hat. Im Gegenteil, die Schrift bezeichnet Satan als einen Usurpator (Machträuber), der mit Hilfe der gefallenen Natur des Menschen dessen Verständnis für göttliche Dinge geblendet, ihn selbst betrogen und mittelst Unwissenheit, Aberglauben und seinen eigenen Schwächen geknechtet hat. Satan ist der Urheber der Sünde, und dadurch hat er die Gewalt des Todes bekommen. Hätte die Menschheit nicht gesündigt, Satan hätte keine Herrschaft über sie ausüben können. Wegen wissentlicher Sünde wurde Adam aus der Gunst Gottes verstoßen; aber erst später, als die Menschheit deutlich zeigte, dass sie nicht danach fragte, an Gott zu denken, gab Gott sie hin in allerlei verderbliche Lüste. (Röm. 1:28) Mehr als angemaßtes Recht über die Menschheit, mehr als eine Tatsächliche, durch die Sünde ermöglichte Herrschaft über sie hat Satan nicht zu beanspruchen.

Da nun einmal das Urteil ergangen war: "Du wirst des Todes sterben", so erhielten eben Satan und irgend andere böse Mächte Anteil an der Vollstreckung des Urteils. Gott benutzt ja bisweilen, wie den Zorn böser Geister, so auch den Zorn eines Menschen, um seine wunderbaren Pläne auszuführen, und macht auf diese Weise, dass selbst der Grimm des Menschen ihn preist. (Psalm 76:10) Aber als rechtmäßigen Eigentümer des Menschengeschlechtes hat Gott den Teufel niemals anerkannt. Das Geschlecht war Gottes Schöpfung; alles verdankte es ihm und nur, weil es ihn nicht erkannt, ihm nicht gehorcht hat, kam es unter den Fluch, das göttliche Todesurteil zu stehen, unwürdig hinfort des Lebens. Unter diesem Fluch steht es noch heute.

Göttliche Gerechtigkeit war es, die über unsere ersten Eltern das Todesurteil verhängte. Göttliche Gerechtigkeit ist es, die das ganze Geschlecht noch im Gefängnis des Todes zurückhält. Da gibt es keine Hoffnung auf Befreiung, neues Leben, als durch den von Christo Jesu vollzogenen Loskauf. Da es also die göttliche Gerechtigkeit war, die des Menschen Leben als verwirkt erklärte, so musste auch der göttlichen Gerechtigkeit der Loskaufpreis bezahlt werden, wenn anders der Schuldige, Adam, und das mit ihm verurteilte Geschlecht, aus Schuld und Strafe sollte entlassen werden können.

So sehr er es auch gewünscht hätte, niemals hätte Satan seine Macht über die Menschen ausüben können, wenn es ihm nicht von dem obersten Gewalthaber Jehova gestattet worden wäre. Und niemals hätte Jehova zugelassen, dass die große Not des Todes, durch Satans Vermittlung oder anderswie, über die Menschen hereingebrochen wäre, es sei denn als eine Strafe für die Sünde, die Übertretung des Gesetzes Jehovas. Satans Gewalt ist wie die des Scharfrichters eine übertragene Gewalt. Der Scharfrichter ist nur ein Diener des von der obersten Staatsgewalt gegebenen Gesetzes, als solcher beauftragt, die im Gesetz vorgesehenen Strafen zu vollziehen. So ist Satan ein Diener des vom Herrscher über alle Kreatur erlassenen Gesetzes und für eine bestimmte Zeit als Vollzieher des Todesurteils über die Menschen bestellt.

Wollten wir eines Gefangenen Lösegeld zahlen, so würden wir dasselbe nicht dem Gefängniswärter oder Scharfrichter anbieten, sondern dem Gerichtshof, dessen Urteil das Lösegeld erforderlich gemacht hat. Genau so konnte das Lösegeld für die Sünde nicht dem Teufel bezahlt werden, sondern musste derjenigen Macht bezahlt werden, die die Sünde verurteilt, die Strafe verhängt und die Hinrichtung des Schuldigen angeordnet hatte, also Gott, dem Richter aller.

Bestätigt die Schrift dieses Erfordernis unseres gesunden Menschenverstandes? Sagt sie, dass das Opfer Christi Gott dargebracht wurde oder dem Teufel? Für uns ist diese Frage aufs deutlichste beantwortet, durch die vorbildlichen Opfer des jüdischen Zeitalters, welche das bessere Opfer vorschatteten, das die Sünden der Welt hinwegnimmt. Sie wurden alle Gott dargebracht von den Priestern, den Vorbildern unseres Herrn Jesu. - 3. Mose 4:3, 4, 24, 27, 31, 35; 5:11, 12; 9:2, 6, 7; 2. Mose 30:10; 2. Chron. 29:7-11, 20:24

Wem diese Zeugnisse nicht genügen, den verweisen wir auf des Apostels eigene Worte: "Wenn das Blut von Stieren und Böcken ... zur Reinigung des Fleisches heiligt, wie viel mehr wird das Blut des Christus, der durch den ewigen Geist sich selbst Gott geopfert hat ohne Flecken ... und darum ist er der Mittler des Neuen Bundes geworden." - Hebr. 9:13-15, 26; vgl. 7:27; 10:4-10, 12, 20; Eph. 5:2; Tit. 2:14; Gal. 1:4; 2:20; 1. Joh. 3:16; Joh. 1:19; 1. Petr. 1:19, 1. Kor. 10:20; Röm. 12:1

Diese Stellen führen für uns den Beweis der Schriftgemäßheit der Lehre, dass Gott den Tod Christi als Lösegeld für die Menschheit forderte und annahm.

3. Warum wurde der Mensch erkauft? Da die göttlichen Eigenschaften der Gerechtigkeit, Liebe, Weisheit und Macht in uns, als gefallenen und unvollkommenen Geschöpfen nur sehr unvollkommen vorhanden sind, haben viele von uns Mühe, die göttliche Methode zu begreifen, wonach ein Lösegeld gefordert und angenommen werden musste. Wer es nun nicht mit seinem Verstand begreifen kann, tut wohl daran, das Zeugnis des göttlichen Wortes anzunehmen und sich nicht davon aufhalten zu lassen, dass er auf das Warum und Wozu keine befriedigende Antwort weiß. Gleichwohl möchten wir hier einige Gedanken anbringen, die möglicherweise einigen helfen können, die Sache, die sie glauben, auch zu begreifen.

In uns als gefallenen, unvollkommenen Geschöpfen sind die Eigenschaften Weisheit, Liebe, Gerechtigkeit und Vermögen beständig mehr oder weniger im Widerstreit. Bei unserem himmlischen Vater hingegen sind sie in beständiger Übereinstimmung. Erst überschaute die Weisheit das Terrain (Gebiet) und legte dann den besten Plan zur Rettung der Menschheit vor, einen Plan, dem Liebe, Gerechtigkeit und Allmacht zustimmten. So wurde denn auf der Weisheit Antrag der Mensch sofort einem Gesetz unterstellt, auf dessen Übertretung die Todesstrafe, die Strafe, bestehend in Verwirken der Existenz und in allem Leid und Leiden, das dem Tode vorangeht oder ihn begleitet, gesetzt war. Die Weisheit wusste, dass der Mensch, der Erfahrung mangelnd, fallen würde, aber ihr Antrag rechtfertigte sich dadurch, dass der Mensch auf diese Weise wohltuende Belehrung erhalten würde. Sie zeigte den Weg, den die göttliche Vorsehung gehen würde, wie wir es in der Schrift geoffenbart finden.

Sobald der Mensch gefallen, trat die Gerechtigkeit vor, erklärte ihn für einen Empörer, der dem Todesurteil verfallen sei, und trieb ihn aus Eden, hinweg von der für ihn bereiteten Lebensquelle, und überlieferte ihn dem Satan, damit er mit Unannehmlichkeiten heimgesucht werde und schließlich die volle Strafe für seine Übertretung erdulde: "Sterbend sollst du sterben!" Während nun die Gerechtigkeit so mit dem Menschen handelte, war die Liebe zwar nicht gleichgültig, aber machtlos, und zwar aus zwei Gründen: einerseits konnte sie der Gerechtigkeit nicht widerstreiten, die Anwendung der Strafe nicht verhindern, den Menschen nicht der Gewalt der Gerechtigkeit entziehen, weil Gerechtigkeit die Grundfeste der göttlichen Herrschaft ist, und anderseits konnte die Liebe das Lösegeld damals noch nicht zahlen, weil dies im Widerspruch gestanden hätte mit dem von der Allweisheit bereits vorgelegten Heilsplan. So mussten denn Liebe und Allmacht Gottes zunächst an sich halten, konnten der Menschheit zunächst nicht helfen und mussten der Gerechtigkeit den Lauf lassen und der Allweisheit gestatten, dass sie der Gerechtigkeit sechstausend Jahre lang den Lauf ließ, was für die Menschheit Seufzen und Leiden und Sterben bedeutete. Die Liebe beschränkte sich denn demgemäss darauf, dem Menschen Trost zuzusprechen und ihn zu belehren, indem sie ihm Verheißungen gab und vorbildliche Opfer anordnete, welche die Art und Weise vorschatteten, wie die Liebe einst, in der von der Weisheit vorbestimmten Zeit, die Erlösung des Menschen bewerkstelligen werde. Die Liebe harrte also geduldig auf den richtigen Augenblick, in welchem sie unter Führung der Weisheit würde handeln und später noch die Allmacht zu Hilfe rufen können.

Dieser Augenblick, da die Liebe eingreifen konnte, kam schließlich, als die Zeit erfüllt war (Gal. 4:4), in Gottes vorbestimmter Zeit (Röm. 5:6), als Gott seinen Sohn aussandte als den Menschen Christus Jesus, auf dass er durch die Gnade (Güte) Gottes den Tod schmeckte für jedermann. (1. Tim. 2:5; Hebr. 2:9) Bis zu jenem Augenblick war die Liebe Gottes der Menschheit nicht kundgetan, wiewohl sie schon vorhanden war. Darum lesen wir auch: Hierin ist die Liebe Gottes geoffenbart worden, dass Christus für uns starb, da wir noch Sünder waren. - 1. Joh. 4:9; Röm. 5:8

Indem sie dem Gesetze Gottes gemäß Eingriff und den Anforderungen dieses Gesetzes genügte, geriet die göttliche Liebe nicht in Widerspruch mit der göttlichen Gerechtigkeit. Darum versuchte auch die Liebe nicht, das Urteil der Gerechtigkeit aufzuheben oder auch nur abzuschwächen, sondern sie beschaffte einen Bürgen, einen Vertreter, der für die Menschheit das Lösegeld zahlte. Durch Aufsichtnahme der von der Gerechtigkeit geforderten Todesstrafe, machte die Liebe die Menschheit frei von der Schuld Adams, vom Fluch, vom Tode. Dies war gleichzeitig ein Triumph für die Liebe wie für die Gerechtigkeit Gottes: Die Liebe triumphierte, indem sie der Gerechtigkeit das Lösegeld, Jesum, anbot, und die Gerechtigkeit trat so recht als dasjenige Element im Charakter Gottes in Erscheinung, das den göttlichen Anordnungen und Strafen ihre volle Kraft verleiht.

Freilich ist der Triumph der Liebe noch nicht vollständig. Sie hat wohl das Lösegeld beschafft, aber sie will mehr tun. Sie will für alle, die nach gemachten Erfahrungen willig sind, Gott wieder zu gehorchen und seinem Gesetz untertan zu sein, die Wiederherstellung herbeiführen. Doch wie der Verfügung der göttlichen Weisheit gemäß die Liebe mehr denn 4000 Jahre gewartet, ehe sie das Lösegeld aufbrachte und zahlte, so wartete sie wieder nahezu 2000 Jahre, bevor sie das Wiederherstellungswerk begann. (Apg. 3:19-21) Unterdessen gestattete die Weisheit der Liebe, sich an einer besonderen Klasse zu erweisen, an der kleinen Herde, der Auserwählten des Evangeliums-Zeitalters - auf dass sie aus den Erkauften heraus "ein Volk für seinen Namen", die Braut, die Miterben Christi, die Kirche (Herauswahl) sich erwählte.

Die Notwendigkeit des Rückkaufes des Geschlechts durch Christum ergab sich aus dem Umstand, dass Vater Adam sich selbst und sein Geschlecht der Sünde (und ihrem Sold, dem Tode) verkauft hatte um den Preis des Ungehorsams. (Röm. 7:14; 5:12) So bedurfte er denn, aus der Knechtschaft der Sünde zurückgekauft zu werden, und die Einzahlung des Lösegeldes war nötig, bevor irgend jemand aus der Strafe entlassen werden oder neu beginnen konnte mit dem Versuch, sich des ewigen Lebens würdig zu erweisen.

Doch nun lasst uns zum Schluss den vollzogenen Kauf in seiner ganzen Größe ins Auge fassen. Derselbe machte unseren Herrn Jesum nicht bloß in der Theorie, sondern tatsächlich zum Eigentümer, Regenten, Vater des Geschlechts, da er ja den Preis für dessen Erlösung bezahlt. Bei diesem Handel nahm er die Stelle Adams ein, der seiner Zeit sein Geschlecht verkauft hatte. Wie Adam durch seine Übertretung das Geschlecht in Selbstherrlichkeit, in Ungehorsam gegen Gott verkauft hatte, so hat der Mensch Christus Jesus durch Aufopferung seiner selbst in Gehorsam dem Willen des Vaters gegenüber, die da ein vollgültiges Lösegeld für Adam bedeutete, das Geschlecht wiederum erkauft. So sagt denn auch die Schrift: "Christus ist hierzu beides gestorben und auferstanden und wieder lebendig geworden, auf dass er herrsche beides über die Toten und die Lebendigen." (Röm. 14:9) Durch seinen Opfertod wurde unser Herr Eigentümer, Regent und Vater des Geschlechtes, erhielt er volle Verfügung über dasselbe als über seine eigenen Kinder, die er durch sein Opfer freigemacht vom Fluch des göttlichen Verdammungsurteils. In diesem Sinne ist unser Herr der zweite Adam geworden, denn er hat sich nun an die Stelle des ersten Adams gesetzt, ein neues Haupt (ein neuer Ausgangspunkt, Urheber) des Geschlechtes, das er durch Hinopferung seines eigenen Lebens erwarb, zurückkaufte. Doch war es auch der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld hingab, so konnte es andererseits nicht der Mensch Christus Jesus sein, der der Vater des Geschlechts würde. Der Mensch Christus Jesus gab alles, was er hatte, hin als Lösegeld für den Menschen Adam und sein Geschlecht, ein gleichwertiges Leben, einen Menschen für einen Menschen. Das Geschlecht Adams (zur Zeit der Übertretung Adams noch nicht geboren) war nicht direkt, sondern indirekt verurteilt; so bedurfte es auch nicht eines direkten Rückkaufs, ein indirekter genügte. Ein ungeborener Keim (Same) in den Lenden des Menschen Christus Jesus wurde zum Kaufpreis, zum Lösegeld für den zur Zeit des Sündenfalls gleichfalls ungeborenen Keim (Samen) Adams.

Der Kaufpreis ist nicht zurückgenommen worden.

Wie wir schon gesehen, lehrt die Schrift ausdrücklich, dass unser Herr im Fleisch getötet, aber im Geist wieder lebendig gemacht worden ist; er wurde getötet als ein Mensch, aber er stand auf aus den Toten als ein Geistwesen höchster Ordnung, göttlicher Natur. Nachdem er das Werk, um deswillen er Mensch geworden, vollbracht, seine Aufgabe in dem Vater wohlgefälliger Weise gelöst, wurde er auferweckt aus den Toten zu außerordentlicher Ehre und Herrlichkeit, weit über alle Engel und Fürstentümer und Gewalten und jeden Namen, der genannt wird.

Auch hätte unser Herr nicht als ein Mensch aus den Toten auferweckt und gleichzeitig unser Lösegeld in den Händen der Gerechtigkeit gelassen werden können. Um Adam (und sein mit ihm verurteiltes Geschlecht) vom Urteil und aus dem Gefängnis des Todes wieder frei zu machen, musste vielmehr der Mensch Christus Jesus nicht nur Sterben, sondern auch tot bleiben, als Lösegeld für uns in alle Ewigkeit.

Wäre unser Herr Jesus als Mensch wieder auferstanden, so hätte das zwei Nachteile gehabt: zu erst wäre damit unser Lösegeld zurückgenommen worden, und wir ständen nach wie vor unter dem Todesurteil; zweitens aber würde es für unseren Herrn den bleibenden Verlust der höheren Natur bedeutet haben, die er verlassen hatte, um Mensch zu werden und unser Erlöser (Rückkäufer) zu sein; sein Gehorsam bis zum Tode hätte somit zum Resultat gehabt, dass er auf ewig von der höheren geistigen zur niedrigeren menschlichen Natur degradiert worden wäre. Aber die göttliche Vorkehrung kennt keine solchen Verkehrtheiten. Unser Herr erniedrigte sich selbst, und wurde ein Mensch und gab Menschentum auf als Lösegeld (Rückkaufpreis) für die gefallene Menschheit, und zum Lohn für den dabei bewiesenen Gehorsam stellte ihn der himmlische Vater nicht allein wieder als bewusstes Wesen her, sondern er verlieh ihm nun eine Natur, die nicht nur höher war, als die menschliche; sondern auch höher als die, welche er vorher gehabt; er verlieh ihm die göttliche Natur mit ihren höchsten Eigenschaften und Würden. In seiner jetzigen erhöhten Stellung wäre der Tod unmöglich; er ist jetzt unsterblich. (siehe Studie 13)

Da der Mensch Jesus das Lösegeld war, welches für den Rückkauf Adams und seines Geschlechtes hatte bezahlt werden müssen, so kann auch nicht der Mensch Jesus der zweite Adam, der neue Vater des Geschlechtes an Adams Statt sein. Denn der Mensch Jesus ist tot, für immer tot und könnte mithin nicht Vater, Lebensgeber für die Menschenwelt sein. Nein, der sich den Titel "Vater der Menschenfamilie" zu eigen erworben, ist der auferstandene, herrlich gemachte Jesus, der Teilhaber an der göttlichen Natur. Er ist der zweite Adam.

Wie wir gesehen, war unser Herr Jesus im Fleisch nicht der zweite Adam. (siehe hierüber Studie 6) Er war im Fleisch nicht Vater eines Geschlechtes, sondern er kam lediglich zum Zwecke, Adam und sein Geschlecht zu erwerben und auf diese Weise der Vater zu werden. Und dies zu erwerben, kostete ihm alles, was er hatte; nichts wurde ihm gelassen. Dies ist die Auffassung der Schrift, wie der Apostel es ausdrückt: "Der erste Mensch ist von der Erde, von Staub (irdisch), der zweite Mensch (der zweite Adam ist der Herr) vom Himmel (während seiner zweiten Gegenwart im Tausendjahr-Reich) ... Wie wir das Bild dessen von Staub (des irdischen Adams) getragen haben, so werden wir (die Herauswahl, die Miterben Christi, die Teilhaber an der großen Verheißung - Röm. 8:17; 2. Petr. 1:4) auch das Bild des himmlischen (zweiten Adam) tragen. So steht auch geschrieben: Der erste Mensch Adam wurde eine lebendige Seele, der letzte (zweite) Adam ein lebendig machender Geist; aber das Geistige war nicht zuerst, sondern das Natürliche, danach (kam) das Geistige." - 1. Kor. 15:45-49

Wenn wir der Frage, weshalb die Menschheit gekauft wurde, weiter nachgehen, so finden wir bei dem Apostel die Erklärung, dass durch den vollzogenen Kauf unser Herr Jesus der Mittler des Neuen Bundes wurde (d.h. zu werden das Recht erwarb). (Hebr. 8:6; 9:14-16) Der Neue Bund ist eine Gnadenvorkehrung Gottes, die ihm Erbarmen mit dem gefallenen Geschlecht und Begnadigung (Hafterlassung) desselben möglich machen sollte. Der neue Bund bedurfte, um in Kraft treten zu können, eines Mittlers. Dieser Mittler musste Gott bestimmte Garantien zu Gunsten der Menschheit geben. Vor allem musste er dieselbe aus dem Tode zurückkaufen, indem er das volle hierfür geforderte Lösegeld zahlte. Dieses Opfer, welches unser Herr Jesus brachte, heißt deshalb das "Blut des Bundes", weil durch dasselbe der Bund in Kraft treten konnte. Nachdem er die Menschheit von dem wegen der Sünde über ihr bleibenden Todesurteil losgekauft und den Neuen Bund (Vertrag) versiegelt und anwendbar gemacht, ist der Mittler wohl ausgerüstet und vollberechtigt, für das erkaufte Geschlecht alles zu tun, was er vermag, es zurückzubringen zu voller, menschlicher Vollkommenheit, zu voller Übereinstimmung mit Gott, auf dass er sie ohne Fehl und Flecken dem Vater vorstellen könne, den sie alsdann lieben, und sie mithin nicht länger der Vermittlung eines besonderen Versöhnungsbundes, eines Mittlers bedürfen. Aber dieses Werk steht noch in seinen ersten Anfängen. Die Welt ist noch nicht annehmbar für den Vater, und es wird die ganze Wiederherstellungsarbeit des Tausendjahr-Zeitalters bedü