Band 6 - Die Neue Schöpfung


Inhalt:


SCHRIFTSTUDIEN

"Der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht,
das stets heller leuchtet bis zur Tageshöhe." (Spr. 4:18)




BAND 6




DIE NEUE SCHÖPFUNG

"Daher kennen wir von nun an niemanden nach dem Fleisch; wenn wir
aber auch Christum nach dem Fleische gekannt haben, so kennen
wir ihn doch jetzt nicht mehr also. Daher, wenn jemand
in Christo ist, da ist eine Neue Schöpfung;
das Alte ist vergangen, siehe,
alles ist neu geworden."
- 2. Kor. 5:16, 17 -

INTERNATIONALE VEREINIGUNG ERNSTER BIBELFORSCHER

Dem König
aller Könige und Herrn aller Herren

zum Besten
seiner ihm geweihten "Heiligen",
die da warten auf die Kindschaft,
und
"aller, die an allen Orten den Namen unseres Herrn
Jesus Christus anrufen",
"der Hausgenossen des Glaubens"
und
"der harrenden Kreatur, die zusammenseufzt
und in Geburtswehen liegt, wartend
auf die Offenbarung der Söhne Gottes",

ist dieses Werk gewidmet.




"Alle zu erleuchten, welches die Verwaltung des Geheimnisses sei,
das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott." "Nach dem
Reichtum seiner Gnade, welche er gegen uns hat überströ-
men lassen in aller Weisheit und Einsicht, indem er
uns kundgetan hat das Geheimnis seines Willens
nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorge-
setzt hat in sich selbst, für die Verwaltung
der Fülle der Zeiten: alles unter ein
Haupt zusammenzubringen
in dem Christus."

(Epheser 3:4, 5, 9; 1:8-10)




Original: THE NEW CREATION

Erfasst von Charles Taze Russell im Jahr 1904




Neu bearbeitete Auflage, Dortmund, Juli 2002




DAWN BIBLE STUDENTS ASSOCIATION

Band VI - "Die Neue Schöpfung"

Letztes Vorwort des Verfassers

Viel von dem Werke jedes Knechtes Gottes geschieht im Verborgenen. Gleich dem Weber eines schönen Teppichs stehen wir im Hintergrund, indem wir wenig Erfolg unserer Arbeit sehen, aber doch zuversichtlich hoffen, dass wir, wenn des Herrn Zeit gekommen sein wird, sein "Wohlgetan" hören und einige Früchte sehen werden. "Ich werde gesättigt sein, wenn ich erwache mit deinem Bilde."

Dennoch hat der Herr uns in seiner Gnade Ermunterung zuteil werden lassen in bezug auf den Einfluss, den dieser Band in verschiedenen Teilen der Welt auf das Herz seiner Kinder ausgeübt hat. Es ist uns die Freude zuteil geworden zu hören, wie viele durch ein besseres Verständnis der Rechtfertigung, Heiligung und Errettung, welche der Kirche im Worte Gottes verheißen sind, Segen empfangen haben. Viele andere berichten uns, wie sie durch den biblischen Rat, den wir Gatten und Gattinnen, Eltern und Kindern über die Wege des Friedens, der Gerechtigkeit und des Wachstums in der Gnade gegeben haben, gesegnet worden sind. Viele haben uns auch mitgeteilt, dass sie viel Segen und Hilfe in ihren Pflichten und Vorrechten als Älteste und Diakone nach der biblischen Ordnung der Versammlung empfangen haben. Wir freuen uns all dessen und vertrauen darauf, dass das gute Werk unter göttlicher Leitung zur Verherrlichung unseres Herrn und zum Wohle und zur Auferbauung seines Volkes weitergehen wird.

Wir lenken die Aufmerksamkeit darauf, dass, seitdem dieser Band geschrieben worden ist, das Licht über die großen Bündnisse Gottes noch heller geworden ist. Wir sehen jetzt, dass der Gesetzesbund den Neuen (Gesetzes-)Bund vorschattete, welcher beim zweiten Kommen Jesu aufgerichtet werden wird durch den großen Mittler, Jesus das Haupt und die Kirche sein Leib, das Gegenbild Mose, welcher schrieb: "Einen Propheten wird euch der Herr, euer Gott, aus euren Brüdern erwecken, gleich mir." Mose war nur das Vorbild des größeren Propheten, und der Gesetzesbund, den er vermittelte, war nur ein Vorbild des größeren Gesetzes-Bundes des Millenniums-Zeitalters.

Gott erweckte das Haupt des großen Mittlers zuerst, als er Jesum vom Tode auferweckte. Seit der Zeit erweckt dieser die Kirche als Neue Schöpfung; und wenn alle Glieder des Leibes Christi, durch die Wahrheit aus der Welt gesammelt, durch den Heiligen Geist geheiligt, durch Treue bis zum Tode als würdig erfunden und durch die Macht Gottes von irdischen zu himmlischen Zuständen als Glieder des Leibes Christi erhoben sein werden, dann wird der gegenbildliche Melchisedek vollendet sein, ein Priester auf seinem Thron; der große Mittler des Neuen Bundes wird in die göttliche Macht eingesetzt werden. Dann wird der Neue Bund in Kraft treten, wie Gott zum Volke Israel sagte: "Siehe, Tage kommen, spricht Jehova, da ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen Neuen Bund machen werde."

Nachdem der gegenbildliche Mittler der göttlichen Gerechtigkeit völlig und für alle Zeiten das Lösegeld für Adam und sein Geschlecht bezahlt haben wird, wird er die volle Herrschaft an sich nehmen, und unter dem Neuen Bund, der so besiegelt worden ist, wird das Werk der Segnung und Wiederherstellung aller Willigen und Gehorsamen des Geschlechtes Adams beginnen. Alle, die in Harmonie mit dem Herrn zu kommen wünschen, werden als ein Teil des irdischen Samens Abrahams angesehen werden, bis schließlich, am Ende des Millenniums, alle, die Glauben und Gehorsam üben, vom Herrn als der Same Abrahams anerkannt werden.

Versehentlich ist die Bezeichnung Neuer Bund, welcher dem Handeln Gottes mit der Menschheit während des Millenniums zukommt, für den Bund, der während des Evangeliums-Zeitalters mit der Kirche besteht, angewandt worden. Natürlich ist unser Bund ein neuer in dem Sinne, dass er sich von dem jüdischen Bund, der am Sinai geschlossen wurde, unterscheidet, er ist jedoch nicht der Neue Bund. Der Bund der Kirche wird in der Schrift als ein "Bund über Opfer" bezeichnet. Dieses im Gedächtnis zu behalten, wird den Lesern dieses Bandes von Vorteil sein. Alle diese Bündnisse stehen in Beziehung zueinander. Sie alle wurden in Abraham und dem Bund, den Gott mit ihm schloss, vorgeschattet. Die Kirche wird der geistige Same Abrahams genannt und mit den Sternen des Himmels verglichen. Das Menschengeschlecht wird, wenn es in Harmonie mit Gott kommt, der irdische Same Abrahams werden - "wie der Sand am Ufer des Meeres." Der geistige Same wird für den natürlichen den Kanal der Segnung bilden.

Der Gegenstand der Rechtfertigung hat sich nicht geändert, er ist jedoch erweitert und klarer gestellt worden. Wenn der Verfasser den Band heute schreiben würde, würde er einige kleine Abänderungen vornehmen, welche die Sprache betreffen, nicht aber die Bedeutung und Wirksamkeit des Wortes Rechtfertigung.

Wir erkennen jetzt, dass Rechtfertigung zum Leben ein Ding ist, und Rechtfertigung zu einer mehr oder weniger engen Freundschaft ein anderes. So waren Abraham und die Gläubigen vor Pfingsten zum Beispiel dazu gerechtfertigt, in Freundschaft mit Gott zu stehen, und mehr oder weniger Gemeinschaft mit ihm durch das Gebet zu haben usw.; sie konnten jedoch keine völlige Rechtfertigung erlangen, bevor das versöhnende Blut vergossen worden und der göttlichen Gerechtigkeit, dem Vater, dargebracht und von ihm angenommen war. Genau so könnte man in der Gegenwart von einem Sünder, der sich Gott nähert, sagen, dass er auf dem Wege zur Rechtfertigung ist - er wird mehr Gunst bei Gott finden, als wenn er sich der Sünde zuwenden würde.

Wir bezeichneten bisher einen Sünder, der sich in diesem Zustand befindet, als gerechtfertigt, weil er an Jesum als an seinen Erlöser glaubte und sich zu einer völligen Weihung anschickte. Jetzt sehen wir, dass, während der Zustand des Sünders als "probeweise gerechtfertigt" bezeichnet werden könnte, dieser doch nicht eher den Zustand einer völligen und vollständigen Rechtfertigung erreichen kann, als bis er sich völlig in der Weihung dem großen Hohenpriester Jesus dargestellt hat und von ihm im Namen des Vaters angenommen worden ist.

Es ist zum Besten derer, welche von Jesu gehört und zum Teil an ihn geglaubt haben, dass ihre Stellung dem Herrn gegenüber nicht die einer völligen Rechtfertigung ist, dass Gott sich weigert, sie völlig zu rechtfertigen, bevor sie durch Weihung seine Jünger, Nachfolger in seinen Fußstapfen, werden. Das geschieht, weil dereinst jeder nur die Rechtfertigung persönlich empfängt, und wenn jemand diese Rechtfertigung missbrauchen und verfehlen sollte, ewiges Leben zu erlangen, so würde er sich in einer schlimmeren Lage befinden, als wenn er niemals gerechtfertigt worden wäre. Wenn er in der gegenwärtigen Zeit nicht gerechtfertigt und geistgezeugt ist, so gehört er nicht zur Kirche, er wird aber Anteil haben am Verdienst des Opfers Christi und an der Rechtfertigung, welche sein Königreich jedem Glied des Menschengeschlechtes bieten wird, außer der Kirche, welche das Bessere empfängt, was Gott in Bereitschaft hält für die, welche ihn lieben - Herrlichkeit, Ehre, Unsterblichkeit, die göttliche Natur.

Manchen würden diese feinen Unterscheidungen über den Gegenstand der Rechtfertigung nicht als der Erwähnung wert erscheinen, und doch macht es uns Freude, da wir eine tiefere Würdigung des göttlichen Planes erlangt haben, dieselben allen darzulegen, welche hungern und dürsten nach Gerechtigkeit - allen Bibelforschern überall.

Möge der Herr diesen Band weiterhin zum Besten seines Volkes segnen, das ist das Gebet des Verfassers.

Charles T. Russell
Brooklyn, N.Y., den 1. Oktober 1916

nach oben

DIE NEUE SCHÖPFUNG

Studie 1

"Im Anfang"

Verschiedene "Anfänge." - Die Erde war. - Eine Schöpfungswoche für ihre Anordnung. - Die Länge der Epochentage. - Professor Dana und die unsicheren Vermutungen der Gelehrten. - Die Evolutionstheorie durch die Beständigkeit der Arten widerlegt. - Die Tauben von Doktor Darwin. - Eine Lehre von der Weltentstehung. - Zeugnis der Professoren Silliman und Dana. - Die ersten sechs Schöpfungs-"Tage". - Der Mensch, der Herr der Erde, am Anfang des siebenten Zeitabschnittes erschaffen. - "Übereinstimmung von Geschichte und Geologie" von Dr. Dawson. - Der siebente Epochentag der Schöpfungswoche. - Seine Dauer, seine "Ruhe", sein Zweck und seine Folge. - Das große himmlische und irdische Jubeljahr ist am Ende des siebenten Tages fällig.

Zahlreich sind Jehovas Diener und ungezählt seine Hilfsmittel, die mit dem einen oder anderen Zug seiner Schöpfung verbunden sind; aber hinter ihnen allen steht seine eigene schöpferische Weisheit und Macht. Er allein ist der Schöpfer, und nach dem Zeugnis der Schrift ist "all sein Werk vollkommen." Er mag zulassen, dass böse Engel oder Menschen sein vollkommenes Werk verkehren und missbrauchen; aber er gibt uns die Zusicherung, dass er dem Bösen nicht für lange Zeit gestatten wird, Schaden und Unheil zu stiften, sondern dass er es nur dafür zugelassen hat, wenn er Menschen zu versuchen, zu prüfen, zu läutern und zu schleifen, und seinen eigenen heiligen, gnädigen Charakter und Plan umso mehr in den Augen aller seiner verständigen Geschöpfe wider strahlen zu lassen.

Wenn wir im ersten Buch Mose lesen: "Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde", so müssen wir bedenken, dass dies nicht der Anfang des Weltalls, sondern der Anfang unseres Planeten war. Damals geschah es, dass die Morgensterne zusammen sangen und dass die Engelsöhne Gottes "jubelten vor Freude, als der Herr die Grundfesten der Erde legte, das Gewölk zu ihrem Gewand und Wolkendunkel zu ihrer Windel machte." - Hiob 38:4-11

Aber ein noch früherer Anfang wird in der Bibel erwähnt, ein Anfang vor der Erschaffung jener Engelsöhne Gottes, wie wir lesen: "Im Anfang war das Wort (der Logos), und der Logos war bei dem Gott und der Logos war ein Gott; derselbe war im Anfang bei dem Gott. Alles ward durch denselben und ohne denselben ist nichts gemacht, das gemacht ist." (Joh. 1:1-3; Schriftstudien, Band 5) Da Jehova selbst von Ewigkeit zu Ewigkeit ist, hatte er keinen Anfang: der Eingeborene hat vor allen anderen die hohe Auszeichnung, "der Anfang der Schöpfung Gottes", "der Erstgeborene aller Kreatur" zu sein. (Offb. 3:14; Kol. 1:15) Andere Anfänge kamen an die Reihe, als die verschiedenen Engelordnungen, eine nach der anderen, erschaffen wurden; und diese Anfänge lagen in der Vergangenheit, so dass ihre Heerscharen vor Freude jubeln konnten, als die im ersten Buch Mose berichtete Erschaffung der Erde ihren Anfang nahm.

Wenn wir die Bibelaussage genau untersuchen, so gewahren wir, dass ein Unterschied gemacht wird zwischen der Erschaffung von Himmel und Erde (Vers 1) und ihrer darauf folgenden Einrichtung oder Anordnung, und den ferneren Erschaffungen des Pflanzen- und Tier-Lebens. Es sind jene späteren Wirkungen, die als das göttliche Werk von sechs Epochentagen beschrieben worden sind. Der zweite Vers sagt ausdrücklich, dass bei Beginn des ersten Tages die Erde schon war. Sie war aber "wüste und leer" und lag in Finsternis. Dieses wichtige Zeugnis sollte genau beachtet werden. Wenn einmal richtig erfasst, bestätigt es zum großen Teil das Zeugnis der Geologie, und da wir in einigen Punkten die Schlüsse der Geologie anfechten müssen, so ist es gut, dass wir bereitwillig anerkennen und ausschalten, was nicht zur Verteidigung der Bibel bestritten werden muss. Die Bibel sagt nicht, wie viel Zeit zwischen dem "Anfang", in welchem Gott Himmel und Erde schuf, und dem Anfang der Schöpfungswoche, die dazu diente, die Erde für den Menschen bewohnbar zu machen, verstrich. Die Geologen ihrerseits sind in dieser Beziehung auch uneinig; ein paar Extremisten geben sich wilden Spekulationen über "Millionen von Jahren" hin.

Lasst uns denn mit der Schöpfungswoche beginnen, der Zubereitung der Verhältnisse in unserem Himmel und auf unserer Erde zur Vorbereitung des Paradieses Gottes zu des Menschen ewiger Heimat.

Wir bemerken, dass diese "Tage" niemals als Vierundzwanzigstundentage erklärt werden, und deshalb fühlen wir uns nicht verpflichtet, sie so zu begrenzen. Wir finden in der Bibel, dass das Wort Tag eine Epoche oder Zeit bezeichnet. Die Tatsache, dass es am häufigsten auf einen Vierundzwanzigstunden-Zeitabschnitt angewandt wird, bedeutet nichts, solange wir den Bericht haben über "den Tag der Versuchung in der Wüste ... vierzig Jahre" (Psalm 95:8-10) und zuweilen über einen "Tag" oder eine "Zeit", die einen Jahresabschnitt darstellen (4. Mose 14:33, 34; Hes. 4:1-8), und auch des Apostels Aussage: "Ein Tag bei dem Herrn ist wie tausend Jahre." (2. Petr. 3:8) Sicherlich waren diese Epochentage keine Sonnentage; denn nach dem Berichte war die Sonne bis zum vierten Tage, der vierten Epoche, überhaupt nicht sichtbar.

Die Leser werden wohl mit uns darüber einig sein, dass, wenn auch die Bibel nichts über die Länge der Schöpfungsperioden sagt, wir doch aus der genauen Gleichartigkeit aller Glieder einer Schöpfungswoche schließen dürfen, dass diese Perioden alle gleich lang gewesen sind. Wenn wir also einen vernünftigen Beweis für die Dauer eines dieser Tage finden, so glauben wir berechtigt zu sein, den anderen "Tagen" gleiche Dauer beizumessen. Nun finden wir, wie wir weiter unten zeigen werden, einen befriedigenden Nachweis dafür, dass der eine dieser "Tage" siebentausend Jahre währte. Mithin wäre die Dauer der Schöpfungswoche 7 x 7000 = 49.000 Jahre. Diese Periode ist im Vergleich mit verschiedenen geologischen Vermutungen zwar unendlich klein, aber wir halten sie für hinreichend zur Durchführung der in sie fallenden Geschehnisse der Gestaltung und Füllung der Erde, die schon vorhanden, aber wüste (ohne Ordnung) und leer war.

Professor Dana sagt in einem seiner Werke über die Methoden, aus denen Wissenschaftler ihre Vermutungen schöpfen, und über die Rechnungsweise, die von ihnen angewandt wird:

"Die Berechnung vergangener Zeiten aus der Dicke geologischer Schichten ist immer sehr ungewiss, denn sie setzt ein ruhiges und regelmäßig forschreitendes Einsinken des Festlandes voraus. In Schätzungen, die anhand der Alluvialablagerungen (vom Wasser abgelagerter Boden) gemacht werden, wird die ganze Berechnung durch berechtigte Zweifel beeinflusst, die sie, wenn nicht ganz, so doch teilweise, wertlos machen, wenn sich die Angaben auf die Ablagerungen in einer gegebenen Zeit, sagen wir der letzten 2000 Jahre, gründen ... Wenn sich die Schätzung auf die Menge des von einem Strom abgelagerten Gerölls gründet, so ist sie von größerem Wert, doch selbst hier besteht Ursache zu großem Zweifel."

Wir wollen uns die Sache vom biblischen Standpunkt aus ansehen, die Bibel als göttliche Offenbarung gelten lassen und deshalb da, wo das Zeugnis der Bibel von den Vermutungen der Geologie abweicht, die letzteren für irrig halten, da ihre Weisheit noch keine wahre wissenschaftliche Grundlage oder Entfaltung erlangt hat.

Andererseits brauchen wir auch nicht vorauszusetzen, dass der Verfasser alle Einzelheiten der von ihm erzählten Geschehnisse - die Länge dieser Tage und ihre genauen Folgen - gekannt habe. Wir nehmen einfach den Bericht im ersten Buch Mose als einen Teil der großen Offenbarung Gottes, als welche sich die Bibel darstellt, an, und finden, dass seine in wenigen Sätzen ausgedrückten erhabenen Aussagen von den sorgfältigsten wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigt werden. Im Gegensatz dazu enthalten die Religionsbücher der Heiden nur sinnwidrige Sagen über diesen Gegenstand.

Mit einer erhabenen Einfachheit lässt Gott seine Offenbarung beginnen - "Im Anfang schuf Gott." Diese Darstellung beantwortet die erste Frage der Vernunft: Woher komme ich, und wem bin ich verantwortlich? Es ist ein Jammer, dass in unseren "aufgeklärten" Tagen einige der hellsten Köpfe sich von der Annahme eines intelligenten Schöpfers abgewandt und der Meinung zugewandt haben, dass eine blinde Kraft unter dem Gesetz der Fortentwicklung und Zuchtwahl wirke. Und leider hat diese Theorie nicht nur allgemeine Aufnahme in den höheren Lehranstalten gefunden, sondern wird allmählich den Textbüchern unserer Volksschulen einverleibt.

Freilich, offen den Schöpfer leugnen, sind wenige keck genug, aber selbst die Frommen unter denen, die diese Theorie angenommen haben, untergraben den ganzen Bau ihres eigenen Glaubens als auch den ihrer Mitmenschen, wenn sie behaupten, dass die Schöpfung weiter nichts sei als das Regieren eines Naturgesetzes. Um nicht noch weiter zurückzugehen, bilden sie sich ein, dass unsere Sonne kolossale Massen von Gasen abwarf, die sich schließlich verdichteten und unsere Erde bildeten; dass sich endlich Protoplasma formte, und dass es sich, man weiß nicht wie, zu einer Made, einem Keimwesen, ausgestaltet habe. Sie müssen zwar zugeben, dass selbst dieser winzige Anfang des Lebens der Einwirkung einer höheren Macht zugeschrieben werden müsste, suchen aber auch hierfür eifrig nach einem Naturgesetz, um so überhaupt keines Schöpfers mehr zu bedürfen. Man behauptet, dass diese Entdeckung jetzt beinahe erreicht sei. Der bekannte Louis Pasteur musste sich jahrelang darüber verspotten lassen, dass er die Unmöglichkeit einer solchen Entdeckung vertrat und den Beweis dafür zu erbringen suchte, dass eine so unwissenschaftliche "Entdeckung" gar nicht gemacht werden könne. Diese "Weisen" setzen die Natur an die Stelle Gottes - sprechen von ihren Werken, ihren Gesetzen, ihrer Vergeltung usw. - in der Tat ein blinder und tauber Gott.

Sie sagen, dass unter den Naturgesetzen Protoplasma sich zu Keimwesen oder Maden entwickelte, die sich krümmten und wanden und wieder ihre eigenen Gattungen hervorbrachten, und die dann, als sie Gebrauch dafür fanden, einen Schwanz entwickelten. Ein noch gescheiterer Nachkomme fand, dass Schuppen und Flossen ihm nützlich wären und entwickelte sie. Später bekam noch ein anderer, der von einem hungrigen Bruder in die Flucht gejagt wurde und mit einem Satz aus dem Wasser sprang, den Gedanken, dass seine Flossen, wenn weiter entwickelt, Flügel abgeben würden, und da er den neuen Stil sehr gerne hatte, so blieb er aus dem Wasser draußen und kam zu dem Schluss, dass Beinchen und Zehchen auch eine Annehmlichkeit sein würden, und entwickelte sie. Andere der Familie sind anderen Einfällen gefolgt, von denen sie scheinbar einen unerschöpflichen Vorrat gehabt haben, wie aus der großen Mannigfaltigkeit der Tiere, die wir um uns herum sehen, hervorgeht. Dennoch schwebte zur rechten Zeit dem Sinne eines dieser Nachkommen der ersten Made, der bereits den Affengrad der Entwicklung erreicht hatte, ein edles Ideal vor: - er sagte zu sich selbst: Ich will meinen Schwanz ablegen, meine Hände nicht mehr als Füße gebrauchen und mein Haarkleid abstreifen; ich will mir eine Nase bilden, sowie eine Stirn und ein Gehirn, das sittliche Gedanken haben und überlegen kann. Alsdann will ich mir Kleider schneidern lassen und einen Zylinderhut aufsetzen und mich Darwin, Doktor der Naturwissenschaft, nennen und die Geschichte meiner Fortentwicklung schreiben.

Dass Darwin ein sehr begabter Mann war, hat der Erfolg bewiesen, indem er seine Mitmenschen mit seiner Lehre betrog. Aber ein gläubiges Kind Gottes, das an einen persönlichen Schöpfer glaubt, und das nicht so leicht die Ansicht preisgibt, dass die Bibel seine Offenbarung ist, wird bald die Trugschlüsse in der Lehre Darwins erkennen. Ihm genügt es nicht, dass Darwin Varianten in seiner Taubenzucht zu erzeugen vermochte - Tauben mit gefiederten Füßen, mit Kronen auf den Köpfen usw. - anderen ist das auch gelungen mit Hühnern, Pferden, Hunden usw. und den Gärtnern besonders mit Blumen und Früchten. Das Neue an der Lehre Darwins war die Theorie, dass alle Lebensformen sich aus einem gemeinen Anfang fortentwickelt hätten.

Die Experimente Darwins und aller anderen Variantensucher haben vielmehr die Richtigkeit der Aussage der Bibel kundgetan, wonach Gott jedes Geschöpf nach seiner Art geschaffen hat. Innerhalb jeder Art können allerlei Varianten erzeugt werden, aber die Arten können nicht vermengt und neue Arten nicht gebildet werden. Jedermann weiß, dass man wohl durch Kreuzung von Esel und Pferd den Maulesel erzeugen kann, dass ihm aber die Fortpflanzungsfähigkeit fehlt. Außerdem muss Darwin, so gut wie andere, bemerkt haben, dass er seine Spielarten von den übrigen Tauben sorgfältig getrennt halten musste, sonst verloren sie ihre Eigentümlichkeiten sehr rasch. In der Natur dagegen sehen wir die verschiedenen Gattungen "je nach ihrer Art" gänzlich voneinander getrennt, und zwar werden sie durch das Gesetz ihres Schöpfers in ihrer Art erhalten ohne künstliche Absonderung. Wir, die wir an einen persönlichen Schöpfer glauben, können dessen gewiss sein, dass menschliches Nachdenken insofern an der Wahrheit vorbeigegangen ist, als unser Gott, und vor allen Dingen seine Weisheit und seine Macht, wie sie im 1. Buch Mose geschildert werden, ausgeschaltet worden sind.

Nichts hat vielleicht mehr dazu beigetragen, den Glauben an Gott als den Schöpfer und an den Bericht des 1. Buches Mose als an seine Offenbarung zu untergraben, als die irrtümliche Annahme, unter den Epochetagen des ersten Buches Mose seien Vierundzwanzigstundentage zu verstehen. Die verschiedenen Schichten der Gestein- und Lehmarten beweisen unwiderleglich, dass lange Perioden nötig gewesen waren zu den gewaltigen Veränderungen, die sie darstellen. Wenn wir nun finden, dass die Bibel selbst von Epoche-"Tagen" spricht, so sind wir darauf vorbereitet zu hören, dass das Gestein ein Zeugnis ablegen wird, welches in genauer Übereinstimmung steht mit dem Bericht der Bibel, und unser Glaube an sie wird bedeutend gestärkt werden; denn wir gewahren, dass wir nicht auf unsere eigenen oder anderer Menschen Vermutungen trauen, sondern auf das durch die Tatsachen in der Natur reichlich bestätigte Wort Gottes.

Eine Weltentstehungstheorie

Zum Vorteil einiger unser Leser wollen wir eine der Ansichten über die Schöpfungsperiode, die als die "Valian"- oder "Ring-Theorie" bekannt ist, und dem Verfasser besonders annehmbar erscheint, mitteilen: Wir werden versuchen, eine Harmonie dieser Ansicht und der Erzählung von 1. Mose 1:1, 2; 3 nachzuweisen.

Wenn wir mit dem in 1. Mose 1:2 erwähnten Zustand, "die Erde war wüst und leer" und dunkel, anfangen, so wird der Weise nicht versuchen zu erraten, was Gott betreffs früheren Sammelns der Erdatome nicht geoffenbart hat. Das Nichtgeoffenbarte gehört Gott, und wir tun wohl, geduldig auf seine weiteren Offenbarungen, die uns zur rechten Zeit schon noch gegeben werden, zu warten.

Mittels Pickel und Schaufel und eines Auges, das unterscheiden kann, hat der Mensch herausgefunden, dass die Erdkruste aus verschiedenen, übereinanderliegenden Schichten besteht, die alle andeuten, dass sie einst weich und feucht waren. Unter diesen mehr oder weniger regelmäßig aufgebauten Schichten liegen Grundsteine, die gleichfalls erkennen lassen, dass sie einst infolge großer Hitze weich und flüssig waren, und im allgemeinen wird von den Wissenschaftlern angenommen, dass gar nicht weit unter diesen Felsschichten das Erdinnere noch heiß und in glutflüssigem Zustand sei.

Da diese zuunterst liegenden Gesteine (Granit, Basalt usw.) einst so heiß gewesen sein müssen, dass sie alles Brennbare verzehrten, und da sie eben Grundgesteine sind, so können wir mit Gewissheit annehmen, dass es eine Zeit gegeben hat, wo die Erde weißglühend war. Zu jener Zeit, so folgert man, müssen Wasser und Mineralien, die jetzt in den oberen Lagen und Schichten gefunden werden, und damals im Wasser enthalten waren, als Gase verdunstet sein, und einen undurchdringlichen "Ring" gebildet haben, der die Erde in jeder Richtung hin meilenweit umgab. Die Umdrehung der Erde um ihre Achse muss sich in ihrer Wirkung bis auf die Gase hin ausgedehnt haben, und die Wirkung bestand darin, dass diese Gasmassen sich hauptsächlich um den Äquator sammelten. Mit der allmählichen Abkühlung der Erde vollzog sich gleichzeitig die Abkühlung dieser Wolkenschichten und auf diese Weise fielen die schweren Mineralien, schichtweise wieder flüssig oder fest in der Richtung des Erdkerns nieder.

Die Erde mag wohl zu jener Zeit dem gegenwärtigen Aussehen des Planeten Saturn mit seinen "Ringen" geähnelt haben.

In dem Maße wie die Abkühlung voranschritt, erlangten diese sich bildenden und verschieden schweren Ringe allmählich eine Rotation, die von der des Erdkerns verschieden war, und näherten sich somit dem letzteren immer mehr. Nach der Bildung der "Veste", "Ausdehnung" oder "Atmosphäre" erreichten dann die Überschwemmungen der zusammenstürzenden "Ringe" den Erdkern von der Richtung der Pole aus, wo der geringste Widerstand war, weil dieselben am weitesten vom Äquator, an dem die Zentrifugalkraft am wirksamsten ist, entfernt liegen. Das Zusammenstürzen dieser Ringe in sehr langen Zwischenräumen erzeugte eine Reihe von Überflutungen, deren jede die sich um den brennenden Kern nun bildende Erdoberfläche mit einer neuen Schicht oder Ablagerung bedeckte. Der Wasserstrom lagerte auf seinem Weg von den Polen zum Äquator die mitgeführten festen Teile (Sand, Erde, Gesteine) in sehr verschiedener Weise ab und bedeckte allmählich die ganze Erdoberfläche, genau, wie es in der biblischen Schöpfungsgeschichte geschrieben steht.

Im Laufe dieser langen siebentausendjährigen Tage vollzog sich je ein Schöpfungswerk, wie die Bibel es berichtet. Möglicherweise endete jeder Tag mit einem Ringeinsturz, der erneut starke Veränderungen hervorbrachte und auf diese Weise die Erde schrittweise weiter schöpferisch zubereitete und sie ihrer eigentlichen Bestimmung, als Wohnsitz des Menschen zu dienen, näher brachte. Diese "Valian"-Theorie nimmt an, dass der letzte dieser Ringe am freiesten von allen Mineralien und Unreinigkeiten, nur aus reinem Wasser bestand; dass er jedoch am Tag der Erschaffung Adams noch nicht zerbrochen und niedergestürzt ist, sondern sich als durchsichtiger Schleier oberhalb der Atmosphäre vollständig über die Erde breitete. Er diente, wie die weiß angestrichenen Scheiben eines Gewächshauses, zum Ausgleich der Temperatur, so dass das Klima an den Polen von dem des Äquators kaum merklich, wenn überhaupt, verschieden war. Unter solch gleichmäßigen Verhältnissen gediehen, wie die Geologie es uns bezeugt, Tropenpflanzen überall, und von raschem Temperaturwechsel herrührende Stürme müssen damals völlig unbekannt gewesen sein, und aus denselben Gründen konnte es auch keinen Regen geben.

Dies stimmt vollständig mit der Schrift überein, die bezeugt, dass es bis zur Sintflut nicht regnete, und dass die Pflanzen von einem vom Boden ausgehenden Nebel - ein feuchter, treibhausähnlicher Zustand - befeuchtet wurden. (1. Mose 2:5,6) Nach der Sintflut, zu Noahs Zeiten, fanden große Veränderungen statt, begleitet von einer allgemeinen Verkürzung des menschlichen Lebens. Mit dem Zerreißen des Wasserschleiers hört nämlich der Treibhauszustand auf: der Äquatorpfad der Sonne wurde heißer, während der Wechsel an den Polen schrecklich gewesen sein muss - ein beinahe augenblicklicher Übergang von einer Treibhaustemperatur zur eisigen Leblosigkeit.

Zeugnisse von diesem plötzlichen Temperaturwechsel sind in den Nordpolregionen gefunden worden; man fand zum Beispiel zwei Mastodonten völlig im Eise, durch welches sie augenscheinlich schnell erstarrten, eingebettet. Fangzähne von Elefanten sind tonnenweise im frostigen Sibirien, das, soweit die Geschichte reicht, für Elefanten, Mastodonten usw. keine Lebensmöglichkeit bietet, gefunden worden. Eine Antilope wurde gleicherweise in einem großen Eisblock gebettet in jener eisigen Zone gefunden. Dass sie plötzlich überwältigt wurde, geht deutlich aus der Tatsache hervor, dass in ihrem Magen unverdautes Gras gefunden wurde, was beweist, dass das Tier nur wenige Augenblicke nach dem Genuss des grünen Grases in den, an den Polen sofort zu Eis erstarrenden Wassermassen der einstürzenden Ringe erfroren ist. Die Pole müssen also einstens ebenso grün bewachsen gewesen sein, wie die gemäßigte Zone.

Der plötzliche Einsturz der Wasserhülle, die die Sonnenwärme bis dahin gleichmäßig über die Erde verteilt hatte, erzeugte an den Polen die Eisgefilde, aus denen nun Jahr für Jahr Hunderte von Eisbergen sich loslösen und dem Äquator zustreben. Dies ist wohl seit Jahrhunderten so, aber scheinbar nimmt diese Bewegung immer mehr ab. In der Eiszeit oder Gletscherperiode der Geologen mögen diese Eisberge über den nunmehrigen nordamerikanischen Kontinent und Nordwesteuropa hinweggeschwemmt worden sein, auf den Gebirgszügen deutliche, noch jetzt sichtbare Spuren hinterlassend. Aber nicht so in Südeuropa, oder in Armenien und angrenzenden Ländern. - Armenien ist vermutlich die Wiege unseres Geschlechtes, wo auch die Arche gebaut wurde, und wo sie sich endlich auf dem Berge Ararat niederließ. Das Zeugnis von Professor Wright und von Sir T. W. Dawson ist, dass in der Gegend von Arabien eine allgemeine Senkung des Bodens und eine nachherige Hebung stattgefunden habe. Das Zeugnis im allgemeinen scheint anzudeuten, dass die Arche in einem verhältnismäßig stillen Wasserwirbel trieb, abseits von dem allgemeinen Toben der Fluten. Dies schließt man aus der außerordentlich dicken Alluvialablagerungsschicht der ganzen Gegend. Augenscheinlich war die ganze Erde vom Nordpol aus von Wasser überschwemmt, während die Wiege unseres Geschlechtes eine besondere Behandlung erfuhr, indem sie zunächst gesenkt und dann zur geeigneten Zeit wieder emporgehoben wurde.

Man bemerke darüber die Worte des berühmten Geologen Professor G. F. Wright, von der Oberliner (Ohio) Universität, wie das "New York Journal" vom 30. März 1901 berichtet:

Die Sintflut bestätigt

Professor George Frederick Wright, ein ausgezeichneter Geologe der Oberliner Universität, ist von Europa zurückgekehrt. Er schrieb über "Das Eis von Nord-Amerika" und andere geologische Studien und Erforschungen der Eisperiode. Er hat eine wissenschaftliche Reise um die Erde gemacht. Die meiste Zeit brachte er mit dem Studium der geologischen Bildungen und Zeichen in Sibirien zu, obgleich ihn seine Erforschungen auch zu anderen Teilen Asiens und Afrikas brachten. Professor Wrights Hauptabsicht war, wenn möglich eine unter Geologen langbestrittene Frage zu beantworten, nämlich, ob Sibirien jemals, wie Nordamerika und Teile von Europa, während der Eisperiode mit Eis bedeckt gewesen ist.

Viele Geologen, einschließlich vieler hervorragender russischer Gelehrter, glauben, dass Sibirien mit Eis bedeckt gewesen sei.

Als Folge seiner gegenwärtigen Studien ist Professor Wright fest davon überzeugt, dass während der zurückliegenden Zeit, in der Nordamerika mit Eis bedeckt war, ganz Sibirien mit Wasser überflutet war.

Das Wasser und das Eis waren praktisch Phasen der biblischen Sintflut. Man lese zuerst eine sehr abgekürzte Beschreibung der Sintflut im ersten Buch Mose:

"Und die Flut kam vierzig Tage lang über die Erde. Und die Wasser mehrten sich und hoben die Arche empor; und sie erhob sich über die Erde.

"Und die Wasser nahmen überhand und mehrten sich sehr auf der Erde, und es wurden bedeckt alle hohen Berge, die unter dem ganzen Himmel sind.

"Fünfzehn Ellen darüber nahmen die Wasser überhand, und die Berge wurden bedeckt.

"Und alles, in dessen Nase ein Odem des Lebenshauches war, starb ... und es blieb nur Noah übrig und wer mit ihm in der Arche war. Und die Wasser nahmen überhand auf der Erde hundertfünfzig Tage." - 1. Mose 7:17-24

Nun höre man Professor Wrights Aussage:

"Ich fand südlich vom 56. Breitengrad keine Spur von einer Eiszeit. Weiter nach Norden ging ich nicht, aber ich glaube nicht, dass das Land mit Eis bedeckt war wie Amerika, wo die Spuren davon noch bis weit südlich von New York zu finden sind. Sehr wichtig ist auch der Umstand, dass in dieser ganzen Gegend nichts auf ausgedehnte Senkungen hindeutet, was neues Licht auf diesen Gegenstand wirft.

"In Trapezunt, am Strand des Schwarzen Meeres, zeigen Kieslager auf den Hügeln eine Bodensenkung von siebenhundert Fuß an. Im Innern von Turkestan müssen die Wasser am höchsten gewesen sein. Denn man findet dort heute Kiesschichten, welche zweitausend Fuß über dem Meeresspiegel liegen.

"Südrussland ist mit derselben schwarzen Erdlage bedeckt, die wir in Turkestan finden.

"Es wurden noch andere Beweise dafür gefunden, dass die Wasser diesen Teil der Erdkugel bedeckt haben. Einer davon ist der, dass sich noch jetzt im Baikal-See in Sibirien, 1.600 Fuß über dem Meeresspiegel, Robben befinden. Die Robben, welche dort leben, gehören zu der nördlichen Gattung, wie sie im Kaspischen Meere gefunden wird. Die einzige Erklärung hierfür ist die, dass sie dort abgeschnitten wurden, als die Wasser sich verliefen.

"Dass diese gewaltige Überschwemmung den Menschen schon auf Erden fand, beweist der Umstand, dass in der Stadt Kiev am Nippur steinerne Gerätschaften unter einer 53 Fuß dicken Schicht Schwarzerde gefunden wurden. Dies befähigt uns also, das Alter dieser Bodensenkung zu bestimmen. Es zeigt, dass, nachdem Menschen sich dort ansiedelten, bei Trapezunt eine Bodensenkung von 750 Fuß und in Südturkestan die Wasser über 2000 Fuß tief gewesen sind. Gleiche Gerätschaften hat man in Nordamerika in der Gegend gefunden, in welcher die Vereisung stattfand. Wir dürfen also annehmen, dass zur Zeit dieser Gletscherlawine in Nordamerika die Bodensenkung in Vorderasien Platz griff. Tatsächlich war das, praktisch, die Sintflut."

Das Ende von Anbeginn kennend, hatte Jehova den Zeitpunkt der Erschaffung des Menschen so festgesetzt, dass der Einsturz des letzten Wasserringes gerade rechtzeitig erfolgte, um das verderbe Geschlecht der Tage Noahs zu vernichten und damit das neue Zeitalter anbrechen zu lassen, das in der Schrift "die jetzige arge Welt" genannt wird. Die Entfernung der Wasserhülle führte nicht nur den Wechsel von Sommer und Winter herbei und ermöglichte durch die ungleiche Verteilung der Temperatur die Stürme, sondern machte auch den Regenbogen möglich, der zum ersten Mal nach der Flut gesehen wurde, weil bis dahin Sonnenstrahlen die die Erde umgebende Wasserhülle nicht in der Weise durchdringen konnten, um das Sichtbarwerden des Regenbogens zu bewirken. - 1. Mose 9:12-17

Nachdem Vorstehendes geschrieben wurde, zitieren wir aus dem "Scientific American" folgende kurzgefasste Darlegung aus der Feder Professors Vails:

Das erfrorene Mammut

An den Redakteur des Scientific American:

"Ich habe mit großem Interesse in Ihrer Ausgabe vom 12. April die Bemerkung über die kürzlich gemachte Entdeckung eines Mammutkörpers in Kaltlagerung gelesen, der von Dr. Herz in den eishaltigen Regionen Ostsibiriens gefunden wurde. Meines Erachtens ist das wichtiger auf dem Pfad der Geologie als 'ein Stein von Rosetta'. Es liefert das stärkste Zeugnis zur Unterstützung der Behauptung, dass alle Eisepochen und alle Überflutungen, die die Erde je sah, durch das fortschreitende und aufeinander folgende Sinken ursprünglicher Erddünste, die unseren Planeten umgaben, verursacht wurden, wie die Wolkendünste des Planeten Jupiter und Saturn noch heute jene Körper umgeben.

"Es sei mir gestattet, meinen Kollegen vom Fach der Geologie die Annahme vorzuschlagen, wonach Überreste dieser feuchten Erddämpfe sich noch in geologisch sehr neuer Zeit um die Erde herum befunden hätten, wie die Wolkendecke den Jupiter noch jetzt umgibt. Solche Dämpfe mussten hauptsächlich in den Polarländern, woselbst die Anziehung am stärksten und die Zentrifugalkraft am schwächsten war, sich sammeln und dann als gewaltige Eismassen auf die Erde fallen. Solange hingegen die Dampfschicht bestand und die Erde gleichsam überdachte, musste sie das Klima bis in die Polargegend hinein mild machen, dass der Boden zu einer Weide für Mammute und ihre Verwandten werden konnte - es war gewissermaßen wie eine Gewächshauserde unter einem Gewächshausdach. Wenn dies zugegeben wird, so kann man die Größe und Wirksamkeit der eine Welt voll reichen Lebens vernichtenden Eis- und Schneemassen nicht begrenzen. Das Mammut scheint mit so vielen anderen, die man mit unverdautem Futter im Magen aufgefunden hat, zu beweisen, dass es plötzlich vom Eis verschüttet wurde. Das ungekaute Gras in seinem Maul ist davon ein unwiderleglicher Zeuge. Glauben wir diesem Zeugnis, so können wir dem Eis seine Herrschaft nachweisen; wir brauchen nicht mehr bei der unwissenschaftlichen Annahme stehen zu bleiben, die Erde sei kalt geworden, um ein Schneebild zu erhalten, sondern sie erhielt das Schneekleid und wurde kalt.

"Während der Feuerzeit verdampften die Ozeane samt einer ungeheuren Menge von Mineralien und Metallen, und wenn wir zugeben, dass diese Dünste in ein Ringsystem geformt waren und im Laufe der Zeitalter in großen Abschlägen niederfielen, und einige sogar bis in das Zeitalter des Menschen hinein sich um die Erde lagerten, so können wir uns viele Dinge erklären, die heute dunkel und verwirrend sind.

"Schon 1874 habe ich einige dieser Gedanken in Broschürenform veröffentlicht, und dass ich heute die Ringtheorie erwähnte, geschieht mit der Hoffnung, die Denker des zwanzigsten Jahrhunderts möchten sie sich ansehen.

Isaac N. Vail."

Die Schöpfungswoche

Mit dieser allgemeinen Ansicht über die Schöpfung vor Augen wollen wir nun zum Bericht der Bibel zurückkehren und versuchen, diese Vermutungen in Einklang mit den biblischen Darlegungen zu bringen.

Erstens bemerken wir, dass die Schöpfungswoche in vier Teile geteilt wird. Die ersten zwei "Tage" (nach unserer Annahme 14.000 Jahre) dienten zur Zubereitung der Erde zum Wohnplatz lebendiger Wesen. Die zwei folgenden "Tage" (wiederum 14.000 Jahre) dienten zur Erzeugung der Pflanzen und der niedrigsten Tiere (Muscheltiere usw.) und zur Anlage großer mineralischer Vorräte (Kohlen usw.) Die zwei letzten Tage endlich (wieder 14.000 Jahre) brachten Tiere hervor, die sich bewegten, im Wasser und auf dem Land. Unterdessen machte auch die Pflanzenwelt Fortschritte. Alles war so vorbereitet, um den Menschen, das irdische Ebenbild seines Schöpfers, "gekrönt mit Herrlichkeit und Ehre", bestimmt, der König der Erde zu sein, einzuführen. Endlich erfolge am Ende des sechsten und beim Anbruch des siebenten Tages die Erschaffung des Menschen, als Schlussakt, wie geschrieben steht: "Und am siebenten Tag beendete Gott sein Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte" (d.h. hörte auf, schöpferisch tätig zu sein).

Zwei Zustimmungen von Gelehrten

Prof. Silliman: "Jeder große Zug im Aufbau unseres Planeten stimmt mit der Reihenfolge der von der Schrift erwähnten Geschehnisse überein ... Der biblische Bericht ist gleich wichtig für die Religion und Philosophie, und wir finden auf dem Erdball selbst den Beweis dafür, dass der biblische Bericht die Wahrheit ist."

Prof. Dana: "Wenn auch die Wissenschaft die Reihenfolge der Geschehnisse der Schöpfung, wie sie der biblische Bericht aufstellt, heute bestätigt, so wäre sie bei all ihren Fortschritten doch nie dazu gelangt, einen so einfachen und gleichzeitig so systematisch prophetischen Bericht zu verfassen, wie ihn die Bibel enthält. Kein Mensch war Zeuge jener Ereignisse, und kein Mensch hätte im so weit zurückliegenden Altertum über jene Ereignisse einen solchen Bericht abfassen können, er sei denn mit übermenschlicher Einsicht begabt gewesen. Kein Mensch würde die Sonne, die für die Erde die Quelle des Lichtes ist, so weit hinter die Erschaffung des Lichtes, nämlich auf den vierten Tag, setzen, und, was gleich merkwürdig ist, zwischen die Erschaffung der Pflanzen und Tiere, wo sie so wichtig für beide ist, und niemand hätte die Tiefe der Weisheit ergründen können, die in diesem Plan dargelegt ist."

Der erste Schöpfungstag

"Und der Geist Gottes brütete über den Wassern. Und Gott sprach: "Es werde Licht! und es ward Licht."

Die Natur und physikalische Ursache des Lichtes ist auch heutzutage nur unvollständig bekannt. Eine völlig befriedigende Antwort auf die Frage: Was ist Licht? ist noch nie erteilt worden. Wir wissen jedoch, dass in der ganzen Natur das Licht von großer Bedeutung ist, und sind daher keineswegs überrascht zu hören, dass, als die Zeit gekommen war, wo die Kraft Gottes begann, die wüste und leere Erde für den Menschen vorzubereiten, die Schöpfung mit der Hervorbringung des Lichtes ihren Anfang genommen habe. Das mit "Brüten" bezeichnete Wirken göttlicher Energie scheint "beleben" zu bedeuten, möglicherweise sind elektrische Energien und Lichter, wie die Nordlichter gemeint. Oder vielleicht brachte gewaltige Energie einige der schweren wasser- und mineralhaltigen Ringe zum Einsturz, und wurden dadurch Licht und Finsternis, Tag und Nacht, unterscheidbar, obwohl weder Sterne, Mond noch Sonne im geringsten Grade durch die schweren Ringe oder Wickelbänder, die noch die Erde umhüllten, erkennbar waren.

"Abend und Morgen - der erste Tag." Wie der hebräische Sonnentag, so beginnt auch der Schöpfungs-"Tag" am Abend, das ihm angewiesene Schöpfungswerk allmählich vollbringend, bis ein neuer Siebentausendjahrtag, dem ein anderes Werk vorbehalten ist, erst dunkel beginnt und in seinem Werk zur Vollkommenheit voranschreitet.

Die wissenschaftliche Bezeichnung dieses "Tages" ist "azoische (leblose) Periode."

Der zweite Schöpfungstag

"Und Gott sprach: Es werde eine Ausdehnung inmitten der Wasser, und sie scheide die Wasser von den Wassern! Und Gott machte die Ausdehnung und schied die Wasser, welche unterhalb der Ausdehnung von den Wassern, die oberhalb der Ausdehnung sind. Und es war also. Und Gott nannte die Ausdehnung Himmel."

Dieser zweite siebentausendjährige Schöpfungstag war ganz der Bildung einer Atmosphäre gewidmet. Das ging vermutlich in ganz natürlicher Weise zu, wie die meisten wunderbaren Werke Gottes überhaupt natürlich geschehen; doch geschah alles nach seinem Plan, in seiner Ordnung, nach seinem schöpferischen Wort. Das Einstürzen der Wasser- und Mineralringe, wodurch ermöglicht wurde, dass das Licht während des ersten Epochentages wie ein Dämmern zur Erde durchdrang, brachte durch Berührung der noch heißen Erde und ihrer siedenden und dampfenden Oberflächengewässer mannigfache Gase hervor, die, aufsteigend, ein Polster oder eine "Ausdehnung", die Atmosphäre um die ganze Erde bildeten und dazu dienten, die übriggebliebenen Gewässer der Ringe von der Erde fernzuhalten. Dieser "Tag" gehört, wie die Schrift zeigt, auch zu der azoischen oder leblosen Periode; aber die Geologie erhebt hier den Einwand, dass das Gestein dieser Zeit Spuren von Würmern und Unmengen kleiner Muscheltiere, deren Überreste in den großen Kalksteinlagern gefunden würden, aufweist. Man nennt dies das paläozoische Zeitalter des ersten Lebens - das silurische Zeitalter. Das ist nicht im Widerspruch mit dem biblischen Bericht, der diese niedrigsten Lebensformen - weil unbedeutend - nicht erwähnt.

"Abend und Morgen - der zweite Tag", endete mit der völligen Durchführung des ihm angewiesenen Teiles des Planes Gottes, der Scheidung der Wolken und Dämpfe von dem unteren Wasser durch einen Luftraum.

Der dritte Schöpfungstag

"Und Gott sprach: Es sammeln sich die Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort, und es werde sichtbar das Trockene! Und es war also. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meere. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras hervorsprossen, Kraut, das Samen hervorbringe, Fruchtbäume, die Frucht tragen nach ihrer Art, in welcher ihr Same sei auf der Erde! Und es war also."

Die Geologie bestätigt diese Erklärung. Als die Oberfläche der Erde sich abkühlte, bewirkte das Gewicht der Wasser allerlei Unebenheiten, indem hier Senkungen entstanden, dort allmählich Bodenfalten (Gebirgszüge) hervorgetrieben wurden usw. Es ist nicht anzunehmen, dass diese Veränderungen auf die 7.000 Jahre des "dritten Tages" beschränkt blieben, sondern vielmehr, dass sie die ersten Vorbereitungen zum Anfang der Vegetation darstellen; denn die Geologie glaubt festgestellt zu haben, dass einige Bildungen jener Periode geologisch recht neuen Datums sind. Selbst innerhalb des letzten Jahrhunderts haben wir kleine Beispiele dieser Macht gehabt, und es würde uns nicht überraschen, wenn uns die nächsten Jahre neue Naturerschütterungen bringen würden, denn wir befinden uns in einer Übergangsperiode - der Eröffnung des Millenniums-Zeitalters, für das veränderte Zustände erforderlich sind.

Wie sich die Wasser nun in Meeren sammelten, sprosste auch die Pflanzenwelt, jede Klasse nach ihrer Art, mit eigenem Samen zur Wiedererzeugung ihrer eigenen Art, und zwar nur dieser. Dies ist durch die Gesetze des Schöpfers so festgelegt, so dass die Gärtnerei bei all ihrer Mühe, Neues zu erzeugen, wohl viele vorübergehende Spielarten einer bestimmten Gattung, nicht aber neue Arten erzeugen kann. Die verschiedenen Pflanzenfamilien lassen sich ebenso wenig verwischen und vermischen wie die verschiedenen Tierarten. Dies weist auf einen Schöpfer hin, der es so beabsichtigte, d.h. auf einen vernunft- und willensbegabten Schöpfer.

Die Geologie gibt weiter zu, dass die Pflanzenwelt höheren Formen des Tierlebens vorausging. Sie lehrt ferner, dass Moose, Farne und Schlingpflanzen riesig groß wurden und sehr rasch wuchsen. Das kam daher, weil der Luftraum mit kohlen- und stickstoffhaltigen Dämpfen erfüllt war, die die Atmosphäre für atmende Wesen unbewohnbar machten. Pflanzen, die jetzt sogar am Äquator nur wenige Zoll oder Fuß hoch werden, wurden, wie aus Versteinerungen ersichtlich ist, damals 40 - 80 Fuß hoch und ihre Stiele 2 - 8 Fuß dick. Unter den Bedingungen, die, wie wir wissen, damals geherrscht haben, musste ihr Wachstum gewaltig und schnell vor sich gehen.

In dieser Periode wurden, wie die Geologen behaupten, unsere Kohlenlager gebildet: Pflanzen und Moose, die eine große Affinität zu Kohlensäure haben, speicherten in sich den Kohlenstoff auf, indem sie sowohl unsere jetzigen Kohlenlager vorbereiteten als auch die Atmosphäre für das Tierleben der späteren Epochentage zu gleicher Zeit reinigten. Die gewaltigen Torfmoore und Mooslager wurden im Lauf der Zeit von Sand, Lehm usw. bedeckt, der sie durch weitere Hebung und Senkung der Erdoberfläche, durch Flutwellen und neu einstürzende Ringe des Wassers oberhalb der Atmosphäre überschwemmte. Dass dies sich vielfach wiederholte, ist aus dem Umstand ersichtlich, dass Kohlenlager gefunden wurden, die übereinander liegen und durch Schichten von Lehm, Sand, Kalkstein usw. getrennt sind.

"Abend und Morgen - der dritte (7.000-jährige) Tag". Auch er vollendete das ihm zugewiesene Werk der Zubereitung der Erde göttlichem Plan gemäß. In der Geologie heißt dieser Tag die Kohlenzeit, weil sie die Kohlenlager und Ölquellen schuf.

Der vierte Schöpfungstag

"Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Ausdehnung des Himmels, um den Tag von der Nacht zu scheiden, und sie seien zu Zeichen und zur Bestimmung von Zeiten und Tagen und Jahren; und sie seien zu Lichtern an der Ausdehnung des Himmels, um auf die Erde zu leuchten! Und es war also. Und Gott machte (das hier gebrauchte hebräische Wort ist von dem in Vers 1 mit "schuf" übersetzten verschieden, Gott machte oder ließ scheinen) die zwei großen Lichter: Das große Licht zur Beherrschung des Tages, und das kleine Licht zur Beherrschung der Nacht, und die Sterne."

Das Werk des einen Tages wurde auf den nächsten übertragen, und wir sind berechtigt, anzunehmen, dass das Licht des ersten Tages während der zwei nächsten Tage deutlicher und deutlicher wurde, da ein Ring der Wasser oberhalb der Atmosphäre nach dem anderen herabstürzte in die Wasser unterhalb derselben, bis dann am vierten Tag die Sonne, der Mond und die Sterne sichtbar wurden - nicht sofort so klar wie nach der Sintflut, wo dann der letzte Ring einstürzte - aber dennoch deutlich unterscheidbar infolge des durchsichtig gewordenen Wasserschleiers, etwa wie heute an einem nebligen Tag oder in einer nebligen Nacht. Die Sonne, der Mond und die Sterne hatten seit langem auf den äußeren Erdring geschienen, doch jetzt kam die Zeit, da diese Lichter in der Atmosphäre sichtbar wurden, da die Tage, die bis dahin durch ein mattes graues Licht bestimmt waren, (so wie wir es an einem dunklen regnerischen Morgen beobachten können, wo die Sonne, der Mond und die Sterne durch Wolken verhüllt sind) schärfer begrenzt werden sollten, so dass der Lauf der Gestirne für Menschen und Tiere, wenn sie erschaffen sein würden, die Zeit bestimmte und zugleich die Sauerstoffatmung begünstigend, die Luft so für atmende Tiere vorbereitete. Später an demselben 7.000-Jahrtag erschienen auch der Mond und die Sterne, um Ebbe und Flut zu beeinflussen und während der Nacht zur Orientierung der Menschen die Zeit anzugeben.

Es ist nicht anzunehmen, dass die Entwicklung des Pflanzenlebens während des vierten Tages aufhörte, sondern eher, dass sie fortschritt - der wachsende Einfluss von Sonne und Mond diente dazu, weitere Arten von Gras, Pflanzen und Bäumen hervorzubringen. Auch die Geologie zeigt Fortschritte in dieser Periode: Insekten, Schnecken, Krabben usw., ja, selbst Fischgräte und Schuppen werden in den Kohlenschichten gefunden, aber das stört nicht etwa den geäußerten Gedanken, denn die Bildung von Kohlenbetten dauerte augenscheinlich auch nach dem dritten Tag noch fort, so in die Reptilienperiode übergreifend. Dieser Tag stimmt auffallend mit dem überein, was die Geologie die "Trias-Periode" bezeichnet. "Abend und Morgen - der vierte Tag" oder 28.000 Jahre seit Beginn dieses Werkes schloss auch diese Periode mit einem großen Fortschritt der Zubereitung der Erde für den Menschen.

Der fünfte Schöpfungstag

"Und Gott sprach: Es wimmeln die Wasser vom Gewimmel lebendiger Wesen, und Gevögel fliege über der Erde angesichts der Ausdehnung des Himmels! Und Gott schuf die großen Seeungeheuer und jedes sich regende lebendige Wesen, wovon die Wasser wimmeln, nach ihrer Art, und alles geflügelte Gevögel nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war."

Wie die noch warmen Gewässer von lebendigen Wesen - vom Muscheltier bis zum Walfisch - wimmelten, davon kann man sich einen Begriff machen, wenn man das Leben, welches jetzt noch in den lauen südlichen Meeren herrscht, beobachtet. Auch Reptilien und Amphibien, Tiere, die teils im Wasser, teils auf dem Land leben, gehören jener Epoche an, in der die heutigen Kontinente und Inseln allmählich emporstiegen und wieder sanken, bald von einstürzenden größeren oder kleineren Ringen, bald von Flutwellen der Gewässer überschwemmt. Reste von Muscheltieren findet man deshalb auch auf den höchsten Bergen, und es gibt dort Kalksteinlager, die wahre Friedhöfe für Muscheltiere sind (sogenanntes Muschelkalk), weil sie fast ausschließlich aus zusammengepressten Muscheln bestehen. Welch ein Gewimmel muss gewesen sein, als unzählbare Trillionen dieser kleinen Wesen geboren wurden und sterbend ihre Muscheln aneinander reihten! "Und Gott segnete sie und mehrte sie" - lesen wir. Ja, selbst eine so niedrige Lebensstufe, eine so kurze Lebensdauer ist eine Gunst, ein Segen.

Nun wollen wir nicht mehr verfechten, als in der Schrift geschrieben steht. Diese sagt nicht, dass Gott die unzähligen Wassertierarten besonders und einzeln geschaffen habe, sondern dass der Geist, die Kraft Gottes über den Gewässern "brütete", und dass nach Gottes Plan das Meer seine verschiedenartigen Bewohner hervorbrachte. Über das "Wie" sagt die Schrift nichts. Die wechselnden Verhältnisse mögen verschiedene Arten aus einer gemacht, das Protoplasma mag bald diesen, bald jenen Entwicklungsgang gehabt haben. Darüber weiß der Mensch nichts, und es ist unklug, dogmatisch zu sein. Ja, auch darüber haben wir nicht zu streiten, ob das Protoplasma des Urschlammes sich auf chemischem Wege in den mineralreichen Gewässern bildete. Was wir behaupten, ist nur, dass dies alles nicht zufällig, sondern infolge göttlicher Absicht und Anordnung geschah, dass es Gottes Schöpfung war, welches auch die angewandten Mittel und Wege gewesen sein mögen. Wir behaupten ferner, dass die Natur ebenso deutlich wie die Schrift erklärt, dass die Wassertiere, wie sie auch entstanden sein mögen, zu dem Zustand in ihrer Art, in dem sie sich jetzt befindet, gebracht worden sind, dass ihre Schranken nicht überschritten werden können. Das ist Gottes Werk, durch welches Mittel es auch immer ausgeführt worden ist.

Dieser fünfte Schöpfungstag entspricht genau der Reptilienperiode der Wissenschaft. "Abend und Morgen - fünfter Tag." An seinem Ende waren bereits 35.000 Jahre auf die Zubereitung der Erde als Heim und Reich des Menschen verwendet worden.

Der sechste Schöpfungstag

"Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Wesen nach ihrer Art: Vieh und Gewürm und Getier der Erde nach seiner Art! Und es war also. Und Gott machte das Getier der Erde nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art, und alles, was sich auf dem Erdboden regt, nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war."

Als es soweit war, kam das Schöpfungswerk auf Erden in ruhigere Bahnen. Die Erdkruste war um Hunderte von Metern dicker geworden, indem Sand, Lehm, Muscheln, Kohle und verschiedene Mineralien sich in Schichten übereinander lagerten; dazu kamen große Lager von allerlei Gestein, die von der Zerbröckelung durch Erdbeben, zerstoßener Felsmassen, dem Einsturz des die Erde umgebenden Ringsystems oder auch von versteinerten Tier- und Pflanzenablagerungen herrührten. Außerdem musste sich die Erde in diesen 35.000 Jahren auch stark abgekühlt haben, so dass es nun hinreichend Festland mit geregelten Wasserläufen zwischen den Gebirgszügen gab, um Landtiere beherbergen zu können, die hier in drei Arten unterschieden werden: 1. Kaltblütige, atmende Reptilien, wie Eidechsen, Schnecken usw.; 2. wilde Tiere (Tiere des Feldes) und 3. als Gehilfen und Gefährten des Menschen besonders geeignete Tiere (Haustiere). Um ihnen die Existenz zu ermöglichen, muss der Luftraum von den für atmende Tiere tödlichen Stoffen (Stickstoff, Kohlensäure usw.), also zunächst soweit nötig, gereinigt worden sein. Dies hatten am dritten Schöpfungstag (der Kohlenzeit) teilweise schon die Pflanzen besorgt, während die kleinen Muscheltiere den Ozean von den überschüssigen Kohlehydraten gesäubert und dadurch den atmenden wimmelnden Tieren im Wasser (Fischen) das Leben ermöglicht hatten.

Auch hier brauchen wir nicht mehr als nötig mit den Evolutionisten rechten. Gott vermochte, wenn dies sein Wille wäre, die verschiedensten Tierarten durch Entwicklung des einen aus der anderen, oder aber auch jeder Art für sich aus dem Urschlamm hervorgehen zu lassen. Jedoch, wir wissen nicht, welche Methode er vorgezogen hat; denn Bibel und Geologie sagen darüber nichts. Aber eins ist ausdrücklich geoffenbart, nämlich, dass Gott der Entwicklung ein Ende und die Arten beständig machte, sobald das gewollte, vorbestimmte Ziel erreicht war. Und so beständig sind die Arten geworden und geblieben, dass bis zur Stunde kein menschlicher Versuch, sie zu verändern, gelang. Das ist des weisen Schöpfers Stempel auf seinen Werken; denn wäre die Natur oder eine blinde Kraft der Schöpfer gewesen, so sähen wir sie jetzt noch als planlose Kraft an der Arbeit, bald fortentwickelnd, bald rückwärts gehend; wir sähen bestimmt nicht die Unveränderlichkeit der Arten, wie wir sie jetzt rings um uns herum erblicken.

Wir dürfen wohl annehmen, dass, sobald der sechste "Tag" zu Ende war, Gott den Menschen schuf. Denn die Erschaffung des Menschen war der letzte Schöpfungsakt und es ist ausdrücklich gesagt, dass Gott sein Schöpfungswerk nicht am sechsten, sondern am siebenten Tag vollendete; das letzte Werk war wohl die Teilung der Natur Adams in zwei Wesen - Mann und Weib.

"Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen in unserem Bilde, nach unserem Gleichnis; und sie sollen herrschen über die Fisch des Meeres und über das Gevögel des Himmels und über das Vieh und über die Erde und über alles Gewürm, das sich auf der Erde regt."

Da wir oben gesagt haben, der biblische Schöpfungsbericht stehe der Annahme, dass Pflanzen, Wasser- und Landtiere sich zu ihrer nunmehrigen Art heran entwickelt oder entfaltet haben, nicht im Wege, ist es notwendig, hier auf die ganz anders klingende Ausdrucksweise, die beim Bericht über die Erschaffung des Menschen gebraucht wird, aufmerksam zu machen. Er erklärt, dass eine direkte Ausübung der schöpferischen Macht Gottes bei der Erschaffung des Menschen stattfand, während die Ausdrücke: "Die Erde lasse Gras hervorsprossen usw." - "Es wimmeln die Wasser vom Gewimmel usw." - "Die Erde bringe hervor lebendige Seelen nach ihrer Art usw." das nicht behaupten, sondern eher den Gedanken an eine Entwicklung enthalten.

Die Bibel enthält zwei Berichte über die Schöpfung. Den einen haben wir soeben betrachtet; er behandelt den Gegenstand nur allgemein und in der Reihenfolge der verschiedenen Epochen. Der zweite steht in 1. Mose 2:4-25 (Kap. 2 sollte demnach erst mit Vers 4 beginnen) und bildet eine Ergänzung des ersten, indem er einige Einzelheiten erläutert. "Dies sind die Geschlechter" oder die Entwicklung der Himmel und der Erde und ihrer Geschöpfe, von der Zeit an, da es noch keine Pflanzenwelt gab. Der erste hauptsächlichste Bericht gebraucht das Wort "Gott", ganz allgemein nur, wenn er vom Schöpfer spricht, aber der zweite, der erläuternde Bericht, deutet an, dass es Jehova Gott war, der das ganze Werk tat - "an dem Tag", da er die Himmel und die Erde machte - so ist also das Ganze wieder als ein noch größerer Epochentag betrachtet, der das Werk der sechs schon aufgezählten Tage einschließt.

Das Wort "Gott" im ersten Kapitel ist von dem allgemeinen hebräischen Worte "Elohim" genommen, ein Mehrzahlwort, das mit Götter übersetzt werden könnte, und das, wie wir gesehen haben, "Mächtige" bedeutet. Der "Eingeborene" vom Vater war sicher sein tätiger Werkführer in diesem Schöpfungswerk, er hatte möglicherweise Engelscharen bei seiner Arbeit beschäftigt, auf die hier, wie auch anderswo in der Schrift das Wort Elohim angewendet wird. Es ist darum ganz am Platz, wenn der zweite Bericht zu verstehen gibt, dass, wessen Gott sich auch als des ausführenden Instrumentes bediente, doch er selbst, Jehova, der Vater, der eigentliche Schöpfer war.

Beachten wir nun, was der zweite Schöpfungsbericht über die Erschaffung des Menschen sagt:

"Jehova Gott bildete den Menschen, Staub von dem Erdboden, und hauchte in seine Nase den Odem des Lebens; und der Mensch wurde eine lebendige Seele."

Gott war verherrlicht in all seinen Werken, in jedem seiner Geschöpfe, so unbedeutend es auch sein mochte, und obwohl keines von ihnen danksagen, ihn schätzen oder auch nur kennen konnte. Göttlicher Vorsatz hatte dies alles von Anfang an vorgesehen; die ganze vergangene Schöpfung was eine Vorbereitung für den Menschen, der dann das Meisterwerk der irdischen animalischen Schöpfung sein sollte. Vom Menschen heißt es nicht, wie von den Landtieren: "Die Erde bringe hervor", sondern seine Erschaffung wird als besondere Schöpfung seines Schöpfers bezeichnet, "in seinem Bilde gemacht." Es macht nichts aus, ob darunter das Bild der "Elohim" oder das Bild Jehovas verstanden wird. Denn waren nicht die Elohim "Söhne Gottes" und hinsichtlich Vernunft und sittlichem Verständnis sein Ebenbild?

So dürfen wir das Ebenbild nicht körperlich, sondern müssen es geistig und sittlich verstehen, in Gestalt seiner irdischen Natur und Bestimmung angepasst. Und das Gleichnis bezieht sich ohne Zweifel auf des Menschen Herrscherrecht: Er sollte König der Erde und ihrer Geschöpfe sein, wie Gott König des Weltalls ist. Hier setzt der Widerstreit zwischen dem Worte Gottes und der sogenannten modernen Wissenschaft ein, der Wissenschaft, vor der sich alle Welt, besonders die Gelehrten, einschließlich führender Geistlicher und Professoren der Theologie, sowie Prediger an allen bedeutenden Kanzeln beugen, indem sie den wissenschaftlichen Gott, genannt "Evolution" oder Fortentwicklung, verehren. Beide Lehren schließen sich gegenseitig aus: ist die Evolutionslehre zutreffend, so ist die Bibel vom ersten bis zum letzten Blatt Irrtum; hat aber die Bibel recht, wie wir glauben, so ist jede Folgerung der Evolutionslehre mit Bezug auf unser Geschlecht und seine Entstehung irrig.

So kraftvoll auch das erste Buch Mose bezeugt, dass der Mensch zum Ebenbild Gottes erschaffen wurde, so ist doch dieser Bericht nicht der einzige Schriftbeweis; die ganze Bibel setzt vielmehr diesen Bericht voraus und steht oder fällt damit. Wäre der Mensch nicht rein, vollkommen und geistig wohl veranlagt erschaffen worden, so hätte er nicht in Wahrheit "ein Bild Gottes" genannt werden können; sein Schöpfer hätte ihn auch nicht hinsichtlich seiner Würdigkeit, ewig zu leben, in Eden auf die Probe stellen können; auch hätte sein Ungehorsam, das Essen der verbotenen Frucht, nicht als Sünde angesehen und mit dem Tode bestraft werden können; auch wäre es alsdann nicht notwendig gewesen, ihn vom Tode zurückzukaufen.

Außerdem wird "der Mensch Christus Jesus" als der Gegenwert (Antilytron, als das Lösegeld oder entsprechender Preis), für die Schuld des ersten Menschen bezeichnet. Er muss demnach als ein Muster und Bild von dem betrachtet werden, was der erste Mensch war, bevor er sündigte und dem Todesurteil unterstellt wurde.

Wir wissen auch, dass es heute, wie in der Vergangenheit, viele edel gesinnte, natürliche Menschen gibt, die jedoch alle vor Gott als Sünder gelten und von Jehova nicht anerkannt werden können, es sei denn, dass sie sich ihm reumütig nahen, sich auf Christi Verdienst berufen und darum Vergebung empfangen. Die Stellung aller, die so zu Gott kommen, wird als eine Gnade bezeichnet, erhältlich im Kleid der Gerechtigkeit Christi. Und das Ergebnis dieser Stellung muss, so belehrt uns die Schrift, eine Auferstehung oder Wiederherstellung des Menschen zur Vollkommenheit sein, bevor er persönlich vor dem Schöpfer bestehen kann. Und doch war es dieser gleiche Schöpfer, der mit Adam vor seiner Übertretung verkehrte, ihn seinen Sohn nannte, aber nun erklärt, dass Adam und wir, sein Geschlecht, Kinder des Zornes und um der Sünde willen dem Urteil unterstellt worden seien; von alledem wusste Adam nichts, als er als ein Sohn Gottes erschaffen wurde. - Luk. 3:38

So sicher, wie "alle heiligen Propheten von Anbeginn der Welt" das kommende Millennium als die "Zeit der Wiederherstellung aller Dinge" bezeichneten, so sicher steht die Fortentwicklungslehre im Gegensatz zu den Aussprüchen Gottes, die er durch den Mund aller heiligen Propheten gegeben hat. Denn Wiederherstellung, weit davon entfernt, ein Segen für das Menschengeschlecht zu sein, wäre geradezu ein Verbrechen an ihm, falls die Evolutionslehre richtig wäre. Wenn der Mensch durch eine blinde Kraft oder durch irgendeinen Entwicklungsgang die Leiter emporgestiegen wäre, langsam und mühsam, vom Protoplasma zur Auster, von der Auster zum Fisch, vom Fisch zum Kriechtier, vom Kriechtier zum Affen, vom Affen zum Urmenschen, vom Urmenschen zu dem, was wir sind, dann wäre es für das Geschlecht ein schwerer Schaden, wenn Gott es zum dem wiederherstellen wollte, was Adam in diesem Fall gewesen wäre, oder gar noch weiter gehen und uns zum Protoplasma "wiederherstellen" wollte. Eine Mittelstellung kann in dieser Frage nicht eingenommen werden, und je eher sich Gottes Volk auf die Seite des göttlichen Wortes stellt, umso besser wird es davor beschützt werden, sich irgendeiner Lehre hinzugeben, die das Lösegeld leugnet und den Menschen durch Fortentwicklung besser werden lassen will, Lehren, die jetzt kursieren und suchen, wenn es möglich wäre, selbst die Auserwählten zu verführen. Gott muss wahrhaftig bleiben, wenn auch dadurch jeder Evolutionist als Lügner erwiesen würde. - Röm. 3:4

Wir können hier nicht ins Einzelne gehen und bei der Erschaffung Adams von seinem Körperbau oder Lebensodem ausführlich schreiben. Wie die Vereinigung beider ein lebendiges Wesen, eine Seele ergab, haben wir im zwölften Kapitel des fünften Bandes gesehen.

Die Fruchtbarkeit des Menschen rührt keineswegs vom Fall her, wie einige vermutet haben; sie ist ein Teil göttlichen Segens. Der Fall und seine Strafe hatte nur eine Vermehrung der Empfängnisse und die Schmerzen der Mutter zur Folge, die der Arbeit des Mannes im Schweiße seines Angesichts entsprachen. Die Mühseligkeit lastete um so schwerer auf dem Geschlecht, je mehr dieses entartet und körperlich sowie geistig schwächer wurde. Ihren Zweck wird die Fruchtbarkeit erfüllt haben, sobald eine genügende Anzahl von Menschen geboren sein wird, um die Erde reichlich zu bevölkern, ohne sie zu überfüllen. Eine sehr große Zahl ist freilich schon geboren, möglicherweise sind es 50.000 Millionen, deren weitaus größter Teil im großen Gefängnis des Todes schläft. Aber es sind derer nicht zu viele; denn allein die Landoberfläche unserer Tage würde, nachdem, wie es geschehen soll, jeder Teil bewohnbar gemacht worden ist, für zwei- bis dreimal so viele Menschen Raum bieten. Dabei bleibt immer noch die Möglichkeit, dass neue Kontinente aus dem Meeresgrund emporgehoben werden können, wie die gegenwärtigen Erdteile einst aus dem Meeresgrund emporgestiegen sind.

Zweifelsüchtige Wissenschaftler haben oft zu beweisen gesucht, dass der Mensch lange vor der Zeit, die die Bibel angibt, auf der Erde gewesen sei und jeder Knochen, der sich in den tieferen Kiesschichten vorfindet, wird studiert mit der Absicht, jenen Teil der Wissenschaft, der das Wort Gottes Lügen strafen und den Beweis hierfür zu erbringen sucht, weltberühmt zu machen. Wir haben schon auf die Unzulänglichkeit solcher Beweisführungen, die auf die Auffindung von Pfeilspitzen in alten Kiesschichten und ähnliches aufgebaut werden, aufmerksam gemacht. (Anmerkung: Wir wissen wohl, dass die Lehre verfochten wird, es habe schon Menschen vor Adam gegeben, und dass man versucht hat, auf diese Weise den Rassenunterschied des Menschengeschlechtes zu erklären. Dem gegenüber halten wir fest an der Bibel, die wir als göttliche Offenbarung betrachten und darum höher stellen als alle menschlichen Vermutungen. Das Wort Gottes sagt uns in durchaus unzweideutiger Sprache, dass das Menschengeschlecht eines sei. "Gott hat aus einem Blut jede Nation der Menschen gemacht." (Apg. 17:26) Es bezeichnet ferner Adam als den ersten Menschen. (1. Kor. 15:45, 47) Der Sintflutbericht ist ein weiterer Beweis dafür. Nur acht Menschen wurden damals in der Arche behalten, und es war die Familie Noah, die von Adam abstammte. Die Verschiedenheit der Menschenrassen muss dem Einfluss des Klimas, der Nahrung, der Lebensgewohnheiten zugeschrieben werden, und die Verschiedenheiten erhielten sich durch den Umstand, dass die Völker getrennte Gebiete bewohnten. Europäer, die lange in Indien und China wohnen, fangen an, den dortigen Menschen zu gleichen; bei ihren dort geborenen Kindern ist die Ähnlichkeit noch weit merklicher in Hautfarbe und Gesichtszügen, infolge der Umgebung, in der die Mutter in der Schwangerschaft war. Eine Erläuterung dieser Umwandlung wird durch die Chinesen eines Bezirkes geliefert, die sich als Juden erwiesen, die bei der Drangsal, mit der das jüdische Zeitalter um 70. n. Chr. schloss, sich zerstreuten. Diese Juden sind so vollständig Chinesen, dass man sie nicht mehr als Juden, die zäheste aller Rassen, erkennen kann).

In einigen Fällen hat sich nämlich herausgestellt, dass die Pfeilspitzen die Arbeit moderner Indianer waren, die sie nahe beim Fundort von dazu brauchbaren Feuersteinen hergestellt hatten. (Band 2)

Bei einer Sitzung des "Viktoria-Institutes der Philosophie" wurde bekannt gegeben, dass verschiedene Professoren (Stokes, Bennett, Beale und andere) die verschiedenen Theorien der Evolutionslehre nachgeprüft hätten, dass aber kein wissenschaftlicher Beweis dafür, dass der Mensch sich von einer niederen Tierstufe empor entwickelt habe, gefunden worden sei. Virchow seinerseits erklärte, dass auch unter den Ausgrabungstypen keine auf niedrigerer Stufe stehenden Urmenschen gefunden worden seien, und dass jede neue Entdeckung auf dem Gebiet vorgeschichtlicher Anthropologie einen Schritt weiter von dem Beweis hinweggeführt habe, dass der Mensch mit den letzten Phasen des Tierreiches in Verbindung stehe. Der große Paläontologe Barraude bestätigt dies und fügt hinzu, dass er bei allen seinen Forschungen nie Übergangsstadien zwischen zwei ausgegrabenen Arten gefunden habe. Es wollte tatsächlich scheinen, als ob noch kein Wissenschaftler das fehlende Glied zwischen Mensch und Affen, Fisch und Frosch, Wirbeltieren und wirbellosen Tieren gefunden habe. Ferner gäbe es keinen Beweis, dass irgendeine ausgegrabene oder noch lebende Art ihre besonderen Eigenschaften verloren hätte, um neue zu erwerben, die anderen Gattungen eigen sind. So ähnlich zum Beispiel Hund und Wolf seien, so kenne man doch kein Übergangsglied zwischen beiden, oder zwischen den noch lebenden und den ausgestorbenen Arten. Zudem scheine es, als seien die ersten Tiere, die auf Erden gelebt haben, gar nicht als tiefer stehend zu betrachten.

Hierzu eine kurze Anführung aus Professor Dawsons "Übereinstimmung zwischen Geologie und Geschichte". Er sagt:

"Wir haben kein Bindeglied zwischen dem Menschen und den Tierarten, die vor ihm waren, gefunden. Er taucht vor uns auf wie ein völlig neuer Ausgangspunkt in der Schöpfung, ohne direkte Beziehung zu dem instinktiven Leben der niedrigeren Tiere. Die ersten Menschen waren ebenso sehr Menschen wie ihre Nachkommen; soweit ihre Hilfsmittel reichten, machten sie Erfindungen, Neuerungen, änderten ihre Lebensweise, genau wie es heute vor sich geht. Wir haben die Spur des Menschen nicht einmal bis zum sündlosen goldenen Zeitalter (im Paradies), geschweige denn weiter, zurückverfolgen können. Schon am Höhlenmenschen finden wir den Beweis, dass der Mensch gefallen ist. Er liegt im Streit mit seiner Umgebung; er ist der Feind seiner Mitgeschöpfe und stellt Waffen zu deren Vernichtung her, die gefährlicher sind als jene, welche die Natur den fleischfressenden wilden Tieren verlieh. ... Der Mensch gehört dem Körper nach in das Tierreich, das heißt auf die Erde; er gehört zu der Abteilung der Wirbeltiere, zu der Klasse der Säugetiere; aber in dieser Klasse bildet er nicht nur eine eigene Art oder Gattung, sondern auch deren einzige Familie oder Ordnung. Ein Abgrund trennt ihn sogar von den ihm zunächst stehenden Tieren, und selbst wenn wir die noch unbewiesene Lehre von der Entwicklung einer Art niedriger Tiere aus der anderen annehmen, sind wir nicht in der Lage, das "fehlende Glied", das den Menschen mit irgendeiner anderen Tierart verbinden würde, aufzuweisen. Keine wissenschaftliche Tatsache ist sicherer aufgestellt worden, als das Auftreten des Menschen in spätgeologischer Zeit. In den älteren geologischen Formationen findet sich keine Spur des Menschen, noch der ihm am nächsten stehenden Tiere, und die Zustände auf Erden in jener Zeit erscheinen auch für den Aufenthalt des Menschen als völlig ungeeignet. Wenn wir, wie es die Geologen tun, die Geschichte der Erde in vier Perioden teilen, anfangend von den ältesten und bekannten Felsen, der azoischen oder archäischen Periode, bis zu der geologisch neuesten Zeit, so finden wir Spuren des Menschen oder seines Wirkens erst in der vierten Periode und zwar in dem letzten Teil derselben. Es ist Tatsache, dass jeder unbestreitbare Beweis für das frühere Vorkommen des Menschen bis in die neuere Zeit hinein fehlt. Es gibt übrigens nur eine Gattung "Mensch", wenn auch in derselben viele Rassen und Spielarten zu verzeichnen sind; aber auch diese Rassen und Spielarten scheinen sich sehr früh herausgebildet zu haben und seither fast unveränderlich geblieben zu sein ... Die im ersten Buche Mose gegebene Geschichte ist der modernen Geschichte zuvorgekommen; dieses alte Buch ist in jeder Beziehung glaubwürdig und steht himmelhoch über den Sagen und Legenden der alten Heidenwelt."

Der große Bakteriologe Pasteur war ein ausgeprägter Gegner des Darwinismus. Er sagt:

"Die Nachwelt wird einmal lachen über die Torheit der neuen materialistischen Philosophen. Je mehr ich die Natur ergründe, umso mehr steigt meine Bewunderung für die Werke des Schöpfers. Während meiner Arbeit im Laboratorium bete ich."

Auch Professor Virchow, der doch gewiss nicht als Christ gelten wollte, war Gegner der Lehre Darwins von der Entstehung organischer Wesen aus anorganischer Materie. Hinsichtlich des Menschen im besonderen erklärte er: "Jeder Versuch, den Übergang vom Tiere zum Menschen zu finden, hat gänzlich fehlgeschlagen. Das Mittelglied ist nicht gefunden worden und wird nicht gefunden werden. Der Mensch stammt nicht vom Affen ab. Es ist der durchaus unumstößliche Nachweis erbracht worden, dass die Menschheit in den letzten 5.000 Jahren keine wahrnehmbaren Änderungen erfahren hat."

Auch andere Naturforscher haben ihre Stimme gegen die Lehre Darwins erhoben.

Wie töricht angesichts dieser Tatsachen die gelegentlichen Versuche von Doktoren und Professoren, die sich den Schein großer Gelehrsamkeit zu verschaffen suchen, indem sie über das "fehlende Glied in der Kette" diskutieren oder die Vermutung aussprechen, die kleine Zehe des menschlichen Fußes sei nutzlos geworden und werde von der Natur bald abgestoßen werden, wie schon der Schwanz des Affen abgestoßen worden sei. Haben wir nicht annähernd viertausend Jahre alte vortrefflich erhaltene Mumien? Haben wir nicht heute noch annähernd gleiche Leiber wie jene? Ist ihre kleine Zehe verschieden von der unseren? Hat nicht die ganze Natur - jetzt in der Zeit der Sünde - Neigung, zurückzugehen? Bedarf es bei Pflanzen und Tieren nicht weiser Vorkehrung des Menschen, ihre vollkommenste Art zu erhalten? Und bedarf es beim Menschen nicht der Gnade Gottes, ihn aufzurichten und Verfall zu verhindern, wie wir diesen im "dunkelsten Afrika" finden? Und stimmt das nicht mit der Schrift überein? - Röm. 1:21, 24, 28

Des Herrn Volk tut wohl daran, sich der Warnung des Apostels Paulus an Timotheus zu erinnern: "O Timotheus, bewahre das anvertraute Gut, indem du dich von den ungöttlichen, eitlen Reden und Widersprüchen des fälschlich sogenannten Wissens wegwendest." (1. Tim. 6:20) Um irgendeine Wahrheit richtig zu erkennen, müssen wir den Standpunkt göttlicher Offenbarung einnehmen. Wir müssen "Licht in seinem Lichte sehen." Dann wird die Beobachtung der Natur unter Anleitung des Schöpfers der Natur, Herz und Verstand erweitern und uns mit Staunen und Ehrerbietung füllen, weil wir dann die Herrlichkeit, Erhabenheit und Macht des allmächtigen Schöpfers wie in einem Panorama erblicken werden.

"Abend und Morgen, der sechste Tag." An dessen Schluss, also 42.000 Jahre nachdem das Werk begonnen wurde, war die Erde genügend vorbereitet, damit der Mensch sie sich untertan mache; sie war jedoch im großen und ganzen für ihn noch nicht passend (und deshalb der Unterwerfung harrend). Zum voraus wissend, dass der Mensch nicht gehorchen werde, und im Besitz eines Planes, demzufolge der verurteilte Mensch einstens wieder erkauft, von Sünde und Tod befreit, und schließlich, wenn er sich von seinen Erfahrungen würde belehren lassen, wiederhergestellt werden sollte, wartete Gott nicht mit der Erschaffung des Menschen, bis die Erde ganz bereitet war, ihm als Wohnsitz zu dienen, sondern bereitete nur ein Paradies, einen Garten in Eden, den er in jeder Hinsicht vollkommen machte, für die kurze Prüfungszeit des vollkommenen Paares, den Menschen gleich Insassen einer zu erziehenden Sträflingskolonie, die Arbeit der Unterwerfung der Erde überlassend, damit sie hierbei wertvolle Erfahrungen machen und das Nötige lernen möchten.

Der siebente Tag der Schöpfungswoche

"Und Gott hatte am siebenten Tage sein Werk vollendet, das er gemacht hatte; und er ruhte am siebenten Tage von all seinem Werk, das er gemacht hatte."

Wenn wir die ansteigende Aufeinanderfolge der sechs Schöpfungstage beachten und dessen eingedenk sind, dass die Zahl sieben an sich Vollendung und Vollkommenheit bedeutet, so möchte es ganz natürlich sein zu erwarten, dass der siebente Schöpfungstag noch wunderbarer ist als seine Vorgänger. Und in der Tat ist es auch so; nur ist dessen wichtige Aufgabe eine Zeitlang - bis zur "rechten Zeit" - vor den Augen unseres Verständnisses verborgen durch die Worte: "Gott ruhte am siebenten Tage von all seinem Werk". Wie befremdlich, dass Gott sein Schöpfungswerk gerade an einem Punkte unterbrechen sollte, wo es der Vollendung so nahe war, als wenn ein Baumeister sein Baumaterial bereitete und dann den beabsichtigten Bau nicht ausführen wollte!

Aber die ganze Lage wird uns klar, wenn wir begreifen, dass Jehova Gott sein Schöpfungswerk unterbrach, seine Arbeit nicht fortsetzte, weil er in seiner Weisheit voraussah, dass seine Absichten am besten durch andere Mittel und Wege verwirklicht werden würden. Gott sah, dass es das Beste sei, wenn sein Geschöpf Adam gemäß eigenem Willen in der Versuchung fallen und die gerechte Strafe des Ungehorsams, den Tod und 6.000-jährige Sträflingszeit des Dahinsterbens und Unterliegens im Kampf mit schlechter Umgebung, durchmachen würde. Gott sah, dass es zum Besten des Menschen dienen würde, ihm als Sträfling der Sünde einen Anteil an der Unterwerfung der Erde zu überlassen; er sah, dass es unter diesen Umständen gut sein werde, es den Menschen zu überlassen, die Erde als Ganzes ihrer vorausgesagten paradiesischen Gestaltung entgegenzuführen, ja, dass es von Nutzen sein werde, wenn der Mensch die Grundsätze der göttlichen Gerechtigkeit und die außerordentliche Sündhaftigkeit der Sünde kennen lerne, um dadurch auf die Gnade vorbereitet zu werden, die zur rechten Zeit der Welt zuteil werden soll.

Wie dem auch sei, einer der Hauptgründe, warum Jehova sein Schöpfungswerk unterbrach, war ohne Zweifel, dass es von einem anderen zu Ende geführt werden sollte, nämlich, von dem eingeborenen Sohn Gottes, und das in einer Weise, die nicht nur den Sohn, sondern auch den Vater verherrlichen würde, indem dabei die Vollkommenheit der Eigenschaften Gottes in ein so helles Licht gerückt werden würde, wie keine andere Methode es ermöglicht hätte. Diese Methode bestand in der Hingabe des Sohnes Gottes zum Lösegeld für die Menschheit, die nicht nur eine Kundgebung göttlicher Gerechtigkeit war (deren Grundsatz: "Der Lohn der Sünde ist der Tod" unter keinen Umständen verletzt werden kann), sondern gleichzeitig eine Kundgebung der göttlichen Liebe und des Mitleids mit seinen gefallenen Geschöpfen; eines Mitleids, das selbst davor nicht zurückschreckte, den eigenen Sohn in den Tod zu geben, um dadurch der Menschheit zu helfen. Und endlich wird auch Gottes Weisheit und Macht in einem jeden Zug seines Planes, wenn dieser vollendet ist, kund werden.

Es mag eingewendet werden, dass das Zurücktreten des Vaters von dem Schöpfungsplan, und dass die Vollendung dieses Werkes während des Millenniums mittels der Wiederherstellung sich nicht sehr unterscheide von der früheren schöpferischen Tätigkeit, die auch vom Vater, und zwar durch den Sohn, ohne den auch nicht eines ward, das geworden ist, ausgeübt wurde. Wir können aber diesen Einwand nicht gelten lassen. Im Wiederherstellungswerk des siebenten Schöpfungstages, an dessen Schluss die Erde vollkommen sein wird, ist die Stellung des Sohnes wesentlich verschieden von der, welche er in den vorangehenden Schöpfungstagen einnahm. In den letzteren handelte der Sohn einfach für Jehova, verfügte über Machtmittel, die nicht die seinen waren. Im kommenden Millennium aber wird er über eigene Machtmittel verfügen, die ihn vierunddreißig Jahre der Demütigung und endlich den schmachvollen Kreuzestod kosteten. Durch diese Vereinbarung, die des Vaters Weisheit und Liebe für den Sohn ausdachte, "kaufte" er die Welt, Vater Adam und seine Nachkommen, sowie ihr Eigentum - die Erde - und ihren Anspruch, Könige der Erde zu sein "im Bilde Gottes". Es war des Vaters Wohlgefallen, den "Erstgeborenen" zu ehren, und deshalb ordnete er es so an und ruhte oder trat zurück von seinem Schöpfungswerk, auf dass der Sohn durch seine Vollendung ihn ehre und von ihm geehrt würde.

Gott "ruhte" nicht, um sich etwa von Müdigkeit zu erholen, sondern ruhte einfach in dem Sinn, dass er nicht weiter schöpferisch tätig war. Er sah den Fall und die Beschädigung seines edelsten irdischen Geschöpfes durch die Sünde; aber er traf keine Maßregeln, um den Vollzug des Todesurteils zu verhindern und begann auch kein Wiederherstellungswerk. Durch das erlassene Gesetz schloss er jede Gelegenheit, an Adam und seinem Geschlecht Gnade und Milde zu üben, aus, es sei denn zuvor ein Lösegeld bezahlt worden. Da Tod die Strafe war, ewiger Tod, ewige Vernichtung, und Gott nicht lügen, der oberste Richter des Weltalls sein eigenes gerechtes Gesetz nicht umstoßen kann, war es dem Schöpfer unmöglich geworden, selbst der Wiederhersteller des Menschengeschlechtes zu werden, sein Schöpfungswerk an dem gefallenen Menschen oder seinem Besitztum, der Erde, weiterzuführen.

Jehova Gott bewies aber ein großes Vertrauen in seinen eigenen großen Plan der Zeitalter und seinen eingeborenen Sohn, dem er die Hinausführung dieses Planes zugedacht hatte. Dieses Vertrauen des Vaters zum Sohne wird vom Apostel als ein Vorbild dafür gebraucht, wie auch unser Glaube den Gesalbten so ergreifen soll, dass wir ihm alle und jede Angelegenheit überlassen können, betreffe sie uns selbst, unsere lieben Freunde oder die Menschheit im allgemeinen. Der Apostel sagt: "Wir, die wir geglaubt haben, gehen in die Ruhe ein ... Wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ist auch zur Ruhe gelangt von seinen Werken, gleichwie Gott von seinen eigenen". (Hebr. 4:10) Glaubende, die wie Gott glauben, haben volles Vertrauen zur Befähigung und Bereitwilligkeit Christi, alle großen Absichten Gottes betreffs unseres Geschlechtes hinauszuführen, und ruhen deshalb, nicht von körperlicher Müdigkeit, sondern von Besorgnis, Ängstlichkeit, ja, von jedem Wunsche, Christo die Aufgabe abzunehmen, von jedem Versuche, dessen Ziel durch andere Mittel zu erreichen.

Wenn unseres Schöpfers Ruhen oder Zurücktreten, sein Verzug bei der Erlösung seiner gefallenen Geschöpfe, für einige vielleicht den Anschein der Gleichgültigkeit oder Nachlässigkeit hat, so ist es doch in Wirklichkeit nicht so, sondern nur eine Folge der Anwendung der weisesten, wirksamsten Mittel, um dem Menschen durch einen Mittler zu helfen. Dem Einwand, dass das Wiederherstellungswerk früher hätte beginnen sollen, begegnen wir mit dem Hinweis darauf, dass die 6.000jährige Periode der Herrschaft der Sünde und des Todes nicht zu lang gewesen ist, um einer genügenden Anzahl Menschen - zwecks Anfüllung der Erde - Zeit zu lassen, geboren zu werden; nicht zu lange, um alle über die außerordentliche "Sündhaftigkeit der Sünde" und ihren harten Lohn zu belehren, nicht zu lange, um die Menschen einen Versuch mit "Selbsthilfe" machen und zur Einsicht kommen zu lassen, dass sie zu ihrer Aufrichtung nicht hinreicht. Das erste Kommen unseres Herrn, das dem Zwecke diente, die Welt zu erlösen (zu erkaufen), gab ihm einen gerechten, völligen Anspruch darauf, zu segnen, wiederaufzurichten und wiederherzustellen, wer immer seine Gnade annehmen möchte. Dieses Kommen fand zwar mehr als 4.000 Jahre nach der Entstehung des Schadens, den Sünde und Tod gebracht hatten, statt; aber die Schrift erklärt, es war zu der von Gott bestimmten Zeit: "Zur bestimmten Zeit sandte Gott seinen Sohn." Ja, sogar damals wäre es noch zu früh gewesen, hätte Gott nicht noch Zeit haben wollen, die Herauswahl zu berufen, zu sammeln, zu reinigen und bereit zu machen, damit sie an des Erlösers Werk, die Welt im Tausendjahrreiche zu segnen, Anteil nehmen möchte. Da Gott voraussah, dass das ganze Evangeliums-Zeitalter zur Errettung dieses Zweckes notwendig sein werde, sandte er seinen Sohn zur Bezahlung des Lösegeldes schon lange Zeit vorher und zwar früh genug.

Die Epoche der Ruhe Gottes, seines Zurücktretens von schöpferischer Wirksamkeit auf Erden

Wie lange ist es her, dass Jehova sein Schöpfungswerk unterbrach? Etwas mehr als 6000 Jahre. Wie lange wird diese Unterbrechung noch dauern? Bis an das Ende des Tausendjahrzeitalters, während der große Mittler herrscht und die Wiederherstellung herbeiführt, von welcher Gott geredet hat durch den Mund aller heiligen Propheten von jeher. (Apg. 3:21) Wird das Vertrauen, das Jehova auf die Durchführung seines Planes durch Jesum gesetzt hat, gerechtfertigt werden? Wird das Ergebnis der Fürsorge Jesu befriedigend sein? Jehova, Gott, der das Ende von Anfang an kennt, versichert uns: "Ja", und erklärt, dass der Sohn, auf dessen Kosten der Plan durchgeführt wird, "von der Mühsal seiner Seele Frucht sehen und sich sättigen wird". (Jes. 53:11) Ja, alle Glaubenden, die im Glauben an das vergangene und zukünftige Wirken ihres Erlösers ruhen, mögen dessen sicher sein, dass "kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat, und in keines Menschen Sinn gekommen ist, was Gott für diejenigen in Bereitschaft hält, die ihn lieben" - insbesondere für die Herauswahl. Doch auch allen Nichterwählten wird die Länge und Breite, Höhe und Tiefe seiner Liebe und seines Erbarmens, sowie seiner Wiederherstellungssegnungen kund werden, wenn sie in ihrer tausendjährigen Gnadenzeit sich die wunderbar herrlichen Vorkehrungen Gottes unter den von Gott aufgestellten Bedingungen zunutze machen.

Die 6.000 vergangenen und die 1.000 zukünftigen Jahre der "Ruhe" Jehovas führen uns zu dem Zeitpunkt, an dem des Sohnes tausendjährige Herrschaft zu Ende sein wird, weil sie alsdann ihren Zweck erreicht hat, nämlich die Wiederherstellung der Willigen und Gehorsamen unter den Menschen zum Bilde Gottes und die Unterwerfung der Erde unter des Menschen, ihres Besitzers und Königs, Herrschaft. Alsdann wird, nachdem die Herrschaft des Mittlers ihren Zweck erreicht hat und alle Beschädigter der Erde vernichtet worden sind, der Sohn das Königreich Gott dem Vater übergeben, indem er es an die Menschheit, für die es ursprünglich bestimmt war, abtritt, wie in Matth. 25:31,34 geschrieben steht: "Dann wird der König zu ihnen sagen: ... Kommet her, Gesegnete (Erprobte) meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an" - seit der Schöpfung. - 1. Kor. 15:25-28; siehe Band 1, Band 4 und Band 5

Die Länge des siebenten Schöpfungstages, die durch Geschichte und Weissagung so deutlich gegeben ist, gibt uns den Schlüssel zur Bestimmung der Länge der anderen Epochentage der Schöpfungswoche. Und die ganze Periode von siebenmal siebentausend oder 49.000 Jahren wird, wenn vollendet, zu dem großen fünfzigsten Jahrtausend führen, das wir in der Schrift angetroffen haben (Band 2, Kapitel 6), als Merkstein großer Zeitabschnitte im Plane Gottes. Sieben von Israels Sabbattagen führten zum fünfzigsten, zum Pfingsten, mit seiner Glaubensruhe; sieben von Israels Sabbatjahren führten zum fünfzigsten oder Jubeljahr, und der Zyklus 50 mal 50 Jahre führt zum Tausendjahrreich, dem großen Jubeljahr der Erde. Und nun finden wir schließlich das Sabbat- oder Siebentagsystem in einem noch größeren Maßstabe, zur Messung der Schöpfungszeit für die Erde, von deren Anfang bis zu deren Vollkommenmachung. Sieben mal siebentausend Jahre gleich 49.000 Jahre führen zu der großen Epoche, wo es weder Klagen noch Seufzen, weder Mühsal noch Tod mehr geben wird, weil alsdann das Schöpfungswerk Gottes, soweit es die Erde betrifft, vollendet sein wird. Kein Wunder, dass jene Zeit als ein Jubiläumsdatum gekennzeichnet wird.

Die Söhne Gottes "jauchzten" (Hiob 38:7) beim Beginn der Schöpfungswoche und, nachdem sie Zeugen der Schrittweisen Entwicklung der Erde gewesen waren, sahen sie, wie deren König, der Mensch, zum Bilde Gottes geschaffen wurde. Dann kam der Ungehorsam, der Fall in Sünde und Tod; es kamen die schrecklichen Strafen für die gefallenen Engel, die ihre erste Behausung (Natur) nicht bewahrt hatten, und die Geschichte der Menschheit von Selbstsucht und Blutvergießen infolge der Herrschaft von Sünde und Tod. Dann folgt der Loskauf, die Herauswahl des Gesalbten (Haupt und Leib) durch das Opfer und die Aufrichtung des messianischen Königreiches mit ihrer wunderbaren Wiederherstellung aller Dinge, von welcher Gott durch den Mund aller seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat. Kein Wunder, dass alsdann im Himmel und auf Erden großer Jubel sein wird, wenn alle vernunftbegabten Geschöpfe Jehovas die Länge und Breite und Höhe und Tiefe nicht nur der Liebe Gottes, sondern auch seiner Weisheit und Macht gewahren werden.

Gewisslich wird zu jener Zeit das neue Lied von allen Geschöpfen Gottes im Himmel und auf Erden gesungen werden können. - Offb. 15:3, 4:

"Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, Allmächtiger!
Gerecht und wahrhaftig deine Wege, o König der Nationen!
Wer sollte nicht dich, Herr, fürchten und deinen Namen verherrlichen?
Denn du allein bist heilig;
Denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten;
Denn deine gerechten Taten sind offenbar geworden."

"So spricht Jehova, der die Himmel geschaffen, er ist Gott, der die Erde gebildet und sie gemacht hat, er hat sie bereitet; nicht als eine Öde hat er sie geschaffen, um bewohnt zu werden hat er sie gebildet". - Jes. 45:18

"Und jedes Geschöpf, das in dem Himmel und auf der Erde ... und auf dem Meere ist, ... hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm die Segnung und die Ehre und die Herrlichkeit und die Macht in die Zeitalter der Zeitalter!" - Offb. 5:13

Seit Obiges geschrieben worden ist, haben wir in einer Zeitschrift vom 19. Nov. 1902 folgenden Artikel von Professor G. F. Wright über den mosaischen Schöpfungsbericht gefunden:

Der biblische Schöpfungsbericht

"Das erste Kapitel des ersten Buches Mose ist eine sehr bemerkenswerte Urkunde. Sie ist sowohl bemerkenswert wegen der Geschicklichkeit, mit der sie es vermeidet, mit wissenschaftlichen Entdeckungen in Widerspruch zu geraten als auch wegen ihrer großen Wirkung auf literarischen Gebiete. Die Literatur weist kaum ein Schriftstück auf, das sich in dieser Beziehung mit dem ersten Buche Mose vergleichen ließe. Der Zweck dieses Schöpfungsberichtes ist offenbar, Vielgötterei zu bekämpfen und zu betonen, dass es nur einen Gott gibt. Dies geschieht, indem der Schöpfungsbericht die Existenz mehrerer Götter verneint und die Erschaffung Himmels und der Erde, sowie alle Dinge, die Götzendiener sonst noch zu verehren pflegen, dem einen und ewigen Gott Israels zuschreibt. Außerhalb des Einflussbereiches dieses Kapitels herrscht Vielgötterei und Götzendienst vor. Die Einheit Gottes und dessen Ehrung als Schöpfer aller Dinge wird nur von solchen Völkern festgehalten, die dieses Kapitel als Wahrheit, als göttliche Offenbarung gelten lassen.

Es verträgt sich mit der Wissenschaft

"Der Fortschritt der Wissenschaft hat unsere Bewunderung für diesen merkwürdigen Teil des großen Buches göttlicher Offenbarung gesteigert, nicht vermindert. In seinen weiteren Rubriken ist tatsächlich Raum für jede Entdeckung der Wissenschaft. Die Ausdrucksweise des Kapitels ist so weislich gewählt, vermeidet so geschickt, mit der modernen Wissenschaft in Widerspruch zu geraten, dass selbst ein so berühmter Geologe wie Prof. Dana von der Yale-Universität nachdrücklich behauptet, dies sei nur durch göttliche Eingebung zu erklären.

"Der erste Vers weicht jeder Streitfrage über das Alter der Erde und des Sonnensystems durch den einfachen Ausdruck aus: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Über das "Wann" dieses Anfangs schweigt er; dass aber unser Sonnensystem einen Anfang gehabt hat, ist durch die neue Wissenschaft mit solcher Klarheit nachgewiesen worden, dass der keckste Evolutionist es nicht leugnen kann. Die neue Theorie von der Erhaltung der Kraft beweist, dass die gegenwärtige Ordnung der Dinge nicht immer da gewesen ist. Die Sonne kühlt sich ab. Ihre Wärme strahlt in den leeren Raum und geht da verloren. Kurz gesagt, das Sonnensystem verbraucht sich und es ist klar, dass dieser Prozess nicht von jeher sich hat abspielen können. Selbst die Nebular-Hypothese setzt einen Anfang voraus, und kein Menschenwitz hat je einen besseren Ausdruck, wie ihn der erste Vers der Bibel bietet, für diese Tatsache gefunden."

Die Schöpfung ging stufenweise vor sich

"Das ganze erste Kapitel der Bibel gründet sich auf den Grundsatz des Fortschritts des Schöpfungswerkes. Das All wurde nicht plötzlich geschaffen. Es war nicht vollständig da von Anbeginn. Im Anfang hatten wir nur die Naturkräfte, deren Entfaltung und Wirksamkeit allmählich den ganzen Bau durch einen Fortentwicklungsprozess aufführten. Das ist und bleibt wahr, welchen Sinn wir auch dem Worte Tag (hebräisch "vom") geben wollen. Warum brauchte ein allmächtiger Schöpfer sechs Tage zur Erschaffung der Welt? Der Schöpfer ist aber nicht nur allmächtig, sondern auch allweise und hat deshalb gewusst, dass es am besten sei, eine Schöpfungsweise zu gebrauchen, die zuerst den Halm, dann die Ähre und dann erst den vollen Weizen in der Ähre entstehen lässt.

Dass diese Entwicklung (Anmerkung: Nur hinsichtlich der Erschaffung des Menschen widerspricht die Evolutionslehre der Schrift) nach einem göttlichen Plan vor sich ging, erhellt aus dem ganzen Kapitel. Die Schöpfung begann mit der Herstellung der Materie und ließ dann auf ihr die Kräfte in Wirksamkeit treten, die Licht erzeugen. Darauf folgten die Absonderungen auf dem Erdball: die Trennung von Land und Wasser und der Wasser auf Erden von den Wassern in der Luft usw. Wenn jemand wegen des Wortes "Firmament" (Ausdehnung) Schwierigkeiten machen und darauf bestehen wollte, dass damit der Sternhimmel gemeint sei, so ist dieser Einwand unvereinbar mit dem unten folgenden Bericht (1. Mose 1:20), dass die Vögel durch diese Ausdehnung flogen. Die Stütze der oberen Wasser war also so geartet, dass die Vögel darin fliegen konnten."

Die Pflanzenwelt

"Im dritten Stadium bedeckte sich das Land mit Pflanzen, welche bekanntlich die niedrigste Stufe des Lebens repräsentieren und zwar trotz aller Mannigfaltigkeit ihrer Entwicklungsformen. So umfassend ist die Ausdrucksweise der Schrift beim Bericht der Erschaffung der Pflanzen, dass sie sogar Raum hat für die Lehre der chemischen Erzeugung des Lebens. Wie bemerkenswert sind, so betrachtet, doch die einfachen Worte: Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras hervorsprossen ... Und die Erde brachte Gras hervor.

"Die gleiche Ausdrucksweise findet sich im Bericht über den fünften Tag, wo wir lesen: Und Gott sprach: Es wimmeln die Wasser vom Gewimmel lebendiger Seelen, und auch über den sechsten Tag, wo es heißt: Die Erde bringe hervor lebendige Seelen nach ihrer Art. Eine buchstäbliche Auffassung dieser Ausdrucksweise ergäbe eine Lehre, die weder Wissenschaft noch Theologie annehmen würde.

Ein besonderer Schöpfer

"Sobald aber der Bericht der Bibel zur Erschaffung des Menschen gelangt, wird eine ganz andere Ausdrucksweise gebraucht. Er sagt, Gott habe den Menschen in seinem Bilde gemacht und ihm den Odem des Lebens eingehaucht. Wie viel dies mit Bezug auf die näheren Umstände bei der Erschaffung des Menschen bedeuten mag, ist hier nicht der Ort zu untersuchen. Aber trefflich passt der Ausdruck auf die hohe Ausnahmestellung, die der Mensch in der Tierwelt einnimmt. Die bemerkenswertesten Charaktereigenschaften des Menschen sind sowohl in diesem als auch in dem darauffolgenden Bericht ins rechte Licht gerückt, wo der Anfang der Tätigkeit des Menschen geschildert wird. Nicht nur, dass er im Bilde Gottes geschaffen war, lesen wir, sondern auch, dass er befähigt war, über die Tiere des Feldes zu herrschen, dass er sprechen, ihnen Namen geben konnte usw. Zudem hat er Willensfreiheit, kennt den Unterschied zwischen Recht und Unrecht; kurz, er ist im Besitz einer Natur, die ihm eine bestimmte Stellung in der Schrift anweist.

"Dass uns so vieles, und doch nichts Verkehrtes, Phantastisches, so wenig mit der modernen Wissenschaft schwer Vereinbares über die Schöpfung berichtet ist, beweist sehr klar die göttliche Eingebung des mosaischen Berichtes. Selbst Milton mit aller seiner Gelehrsamkeit und den sich daraus ergebenden Vorteilen vermochte seine Einbildungskraft nicht hinreichend zu zügeln, dass nicht seine Auffassung von der Erschaffung des Tierreiches unter seiner Feder zur entstellenden Verzerrung geworden wäre. Was anders hätte den Verfasser des ersten Kapitels der Bibel so gelenkt und geführt, als eben göttliche Eingebung?

Der Mensch erschaffen, nicht fortentwickelt

"Es besteht ein großer Unterschied zwischen Ausbildung und Umfang des Gehirns des Menschen und dem der niedrigeren Tiere seiner Ordnung; nicht weniger groß ist der Unterschied in körperlicher und geistiger Beziehung. Der Mensch kann nach grammatischen Regeln sprechen, kann seine Gedanken in Sätze kleiden und in beliebigen Schriftzeichen auf Papier oder anderem Material niederschreiben. Der Mensch hat ein Ohr für Harmonie in der Musik, wie kein Tier es hat. Dies setzt einen überaus feinen Bau seines Hörorgans voraus. Die Fähigkeit, wissenschaftlich, logisch zu denken, tritt, wenn mit jener der Tiere verglichen, ganz besonders hervor. In seinem großen Werk über "geistige Entwicklung" sagt Romanes, er finde beim Tier zwar alle Anfänge der geistigen Fähigkeiten des Menschen, aber diese Anfänge seien so klein, dass sie eine Riesenkluft zwischen Mensch und Tier lassen. Nachdem er alle Beweise geistiger Befähigung in der Tierwelt zusammenstellte, findet er, dass sie alle zusammen ungefähr den geistigen Fähigkeiten eines Kindes im Alter von fünfzehn Monaten gleichkommen. Aber keine Tierart hat etwa für sich allein soviel, sondern die eine hat diese, die andere jene Fähigkeit weiter entwickelt.

Vernunft gegen Instinkt

"So fein auch der Geruchsinn des Hundes sein mag, er ermöglicht ihm nicht, Geologie zu lernen, so wenig wie den Adler sein Scharfblick befähigt, Astronomie zu studieren. Umsonst würde man einen Hund in der ganzen Welt herumführen, um ihm die Ausdehnung des Eismantels, der die Erde zur Eiszeit umgab, begreiflich zu machen. Denn sein Denkvermögen reicht nicht hin, um den Zusammenhang von Fundstücken aus den Vereinigten Staaten oder russischen Steppen mit den Gebirgen in Kanada oder Skandinavien, von wo sie durch in Bewegung geratenes Eis weggeführt wurden, in Zusammenhang zu bringen.

Religiöses Empfindungsvermögen

"Auf keinem anderen Gebiet aber ist die Überlegenheit des menschlichen Geistes greifbarer als in der Befähigung, aus Büchern religiöse Begriffe zu schöpfen. Man hat zwar schon Schweine dressiert, so dass sie einige Buchstaben auf Blöcken unterscheiden und einige einfache Wörter buchstabieren konnten. Aber kein Tier kann verständlich sprechen lernen. Selbst der Papagei macht keine Ausnahme; seine Worte sind nur eine Wiederholung von Tönen, die er hörte, ohne sie zu verstehen. Keinem Tier kann das Lesen beigebracht, keines so weit gebracht werden, dass es verständnisvoll eine Predigt anhören könnte.

"Andererseits ist die Bibel wahrlich eine Sammlung literarischer Schönheit. In diesem Buch befinden sich die poesievollsten Verse als Beispiele höchster Beredsamkeit, sowie Ausdrücke der erhabensten Begriffe von Gott und einem zukünftigen Leben, die in fast allen menschlichen Sprachen übersetzt, dennoch in jeder die geeigneten Ausdrücke gefunden haben, um ihre Gedanken wirksam wiederzugeben.

"So, vom höchsten intellektuellen Standpunkt aus betrachtet, tritt des Menschen besondere Stellung in der Tierwelt am deutlichsten hervor. Hinsichtlich seiner Vernunftbegabtheit steht er einzig da. Der naturwissenschaftliche Name der Ordnung, zu der er gehört, ist "Homo" (Mensch), aber die Gattung ist "Homo sapiens", das heißt ein im Besitz menschlicher Vernunft stehendes Wesen von menschlichem Körperbau.

"Alfred Russell Wallace hat, unabhängig von Darwin, das Gesetz der natürlichen Zuchtwahl gefunden und sein grundlegendes Buch, unabhängig von Darwin herausgegeben. In ihm macht er verschiedene körperliche Besonderheiten des Menschen namhaft, die sich durch bloße Zuchtwahl nicht erklären lassen, sondern auf das Eingreifen einer höheren, leitenden Macht hindeuten.

Kleider und Werkzeuge

"Unter diesen Besonderheiten nennt er das Fehlen jeder "natürlichen", schützenden Kleidung. Der Mensch allein unter den Tieren trägt Kleider. Er webt aus Pflanzenfasern eine Decke oder nimmt anderen Tieren das Fell und hängt es über seinen bloßen Rücken zum Schutz gegen Unbill der Witterung. Die Vögel haben ihr Gefieder, die Schafe ihre Wolle, andere Tiere haben einen sich vortrefflich zu ihrem Schutz eignenden Pelz. Der Mensch allein steht ohne solchen Schutz da, es sei denn, er wisse sich ihn zu verschaffen. Bevor wir einmal darüber nachgedacht haben, werden wir uns gar nicht bewusst, wie viel Intelligenz des Menschen Bemühen, sich Kleider zu verschaffen, voraussetzt. Selbst zur Gewinnung eines so elementaren Kleidungsstückes, wie ein Tierfell es darstellt, musste er vorher das Werkzeug ersinnen. Kein Tier ist je gehäutet worden, ohne dass dabei von irgendeinem Messer Gebrauch gemacht worden wäre.

"Dies führt uns zu einer neuen guten Klassifizierung des Menschen als zum Werkzeug brauchenden Wesen. Die höchste Leistung der Tiere auf diesem Gebiet ist der Gebrauch einer Bürste, die der Elefant mit dem Rüssel fassen und ihm sonst unerreichbare Teile seines Körpers bürsten kann, und die Anwendung eines Stockes durch den Affen, um eine Tür aufzusprengen. Aber niemals hat ein Tier ein Werkzeug angefertigt, während es keinen, noch so tiefstehenden Menschenstamm gibt, der nicht die eigentümlichsten und kompliziertesten Werkzeuge herstellt. Zum Beispiel sind die Boote, selbst der tiefstehenden Rassen, sehr geschickt geformt und den an sie gestellten Forderungen aufs vollkommenste angepasst. Gefundene Gerätschaften aus behauenem Feuerstein setzen weitsehende Absicht, Übung und Geschicklichkeit bei ihrer Anfertigung voraus. Die Methode der Wilden, durch Reibung Feuer zu gewinnen, würde einem zivilisierten Menschen alle Ehre machen, während der Gebrauch des Bogens, der Schlinge und des Bumerangs (Anmerkung: Handgeschoss einiger wilder Volksstämme in Gestalt eines gekrümmten Holzes, das, wenn richtig geworfen, ungefähr an den Punkt zurückkehrt, von dem der Wurf ausging) eine sehr große Erfindungsgabe verrät, mit der sich in der Tierwelt gar nichts vergleichen lässt.

Musikalische Begabung

"Wallace zählt weiter die menschliche Stimme zu den Dingen, die durch Zuchtwahl nicht ausgebildet werden konnten. Affen haben keine Singstimme und kein musikalisches Gehör, während selbst die tiefstehenden Menschenrassen beides haben. Die sogenannten Volkslieder sind die Hauptquelle, aus der unsere leitenden Musiker die Themata zu ihren Stücken schöpften. Der verstorbene Komponist Th. F. Seward sagt von den Gesängen der Plantagenneger, die er umgearbeitet hat, dass sie in harmonischer und komponistischer Beziehung den wissenschaftlichen Regeln der Kunstkomposition entsprächen. Von wie großem Nutzen auch die musikalische Begabung für den voll entwickelten Menschen sein mag, so ist gar nicht einzusehen, welchen Nutzen es für ein Tier, das auf so tiefer Entwicklungsstufe steht, wie der Affe, haben sollte. Musik, die dem Affen etwas ist, mag wenig Ähnlichkeit haben mit der Musik, die dem Menschen etwas ist.

"Ferner steht der Umfang des menschlichen Gehirns in keinem Verhältnis zu den geistigen Bedürfnissen selbst der höchststehenden Tiere, für die ein so großes Gehirn geradezu eine Verlegenheit bedeutete, falls sie nicht auch die menschliche Intelligenz dazu besäßen. Beide müssen darum gleichzeitig entstanden sein und sich gegenseitig als Vorteil, den die Zuchtwahl festhalten und weiterentwickeln konnte, erwiesen haben.

"Es ist schwer einzusehen, was für Vorteile es einem Affen gebracht hätte, die Daumen seines Hinterbeines in große Zehen auszubilden, mit denen er nichts mehr fassen, und die er nur für aufrechten Gang gebrauchen konnte; oder seine Vorderbeine abzukürzen, damit menschliche Arme daraus würden; oder die Stellung des Hüftbeines und des Halswirbels zu ändern, so dass ihm das Gehen auf allen Vieren unmöglich würde und er nur noch auf zwei Beinen hätte gehen können.

"In allen diesen Zusammenhängen wird es immer schwerer zu begreifen, wie der Mensch durch Zuchtwahl hätte entstehen können, weil wir ja genötigt sind, uns die Entwicklung als eine sehr langsame zu denken, ja, als eine so langsame, dass die ersten Schritte auf dem Wege zur menschlichen Vollkommenheit so unmerklich gewesen wären, dass sie keinen fühlbaren Vorteil bedeutet hätten. Die ersten Änderungen hätten, um als Vorteile empfunden zu werden, schon sehr beträchtlich sein müssen, und geistige, wie körperliche Veränderungen hätten entsprechend einem zuvor entworfenen harmonischen Plan herbeigeführt werden müssen.

"Weder Darwins Hypothese, noch die Evolutionslehre haben das Geheimnis der Entstehung des Menschen enthüllt. Es wird allgemein zugegeben, dass, geologisch gesprochen, der Mensch das letzte Wesen ist, das der Bewohnerschaft der Erde hinzugefügt worden ist. Dabei steht er aber geistig so hoch über allen Tieren, dass er schon allein wegen seiner geistigen Überlegenheit, wenn nicht auch noch aus anderen Gründen, eine Ordnung für sich bildet. Das Geheimnis ist: Wie kam er in den Besitz so hoch entwickelter Geisteskräfte und eines so gut angepassten Körperbaues? Wer behauptet, dass sie auf irgendeine Weise von den niederen Tieren auf ihn übergegangen seien, findet auf seinem Gedankengang zehnmal größere Schwierigkeiten, als wer das schlichte Zeugnis der Bibel annimmt, dass sein Leben ihm von Gott eingehaucht wurde, dass er das Ebenbild Gottes ist."

"Denn so spricht Jehova, der die Himmel geschaffen (er ist Gott), der die Erde gebildet und sie gemacht hat (er hat sie bereitet; nicht als eine Öde hat er sie geschaffen, um bewohnt zu werden, hat er sie gebildet): Ich bin Jehova, und sonst ist keiner!" - Jes. 45:18

nach oben

Studie 2

Die Neue Schöpfung

Die Neue Schöpfung ist von allen anderen verschieden und abgesondert. - Warum sie unter den Menschen und nicht anderswo auserwählt wird. - Der Zweck ihrer Auserwählung. - Ihre gegenwärtige und zukünftige Bestimmung. - Ihre Zeugung und Geburt zur neuen Natur. - Die nahe Verwandtschaft all ihrer Glieder untereinander und mit ihrem Anführer, Haupt und Bräutigam. - Entwicklung und Erprobung zur Mitgliedschaft. - Der sechste oder geistige Sinn der Neuen Schöpfung zur Wahrnehmung geistiger Dinge. - Nach wem soll sich die Neue Schöpfung benennen, um dem Haupt treu und von keinem der Brüder getrennt zu sein?

Die Herauswahl des Evangeliums-Zeitalters wird an vielen Stellen der Schrift eine Neue Schöpfung genannt. Ihre schließlichen Glieder, die Überwinder, werden als "Neue Schöpfungen in Christo Jesu" bezeichnet. (2. Kor. 5:17) Unglücklicherweise ist es jedoch sowohl unter völlig geweihten wie auch unter anderen Christen gebräuchlich geworden, die Worte göttlicher Eingebung in flüchtiger, oberflächlicher Weise zu lesen, wodurch man sich ihrer wirklichen Tragweite nicht bewusst wird und sich vielen Segens und Trostes, ja, vieler Belehrung beraubt, die allen zuteil würde, wenn sie nur verständiger handeln wollten und mehr mit dem Jüngerschaftsgeiste, mit dem Wunsche, die göttliche Offenbarung zu erfassen, erfüllt wären. Uns scheint es, als ob die Hauptschwierigkeit darin bestände, dass die gewöhnlichen Leser des Wortes nicht erwarten, dadurch belehrt zu werden, sondern es gleichsam mehr gewohnheitsmäßig lesen, als erfüllten sie damit ein Pflicht. Andere lesen es zur Erholung; und wenn sie Auskunft über den Plan Gottes wünschen, so nehmen sie Bibelauslegungen oder Katechismen zur Hand. Diese sowohl als auch die lebendigen Lehrer sollten Handleitungen sein, die Pilgrime Zions zu einer klareren Erkenntnis des göttlichen Planes und Charakters zu führen, aber leider ist oft das Gegenteil der Fall, indem sie das Urteil verwirren und verdunkeln und dem Worte einen Sinn geben, den es nicht hat, und wer ihnen traut, wird weiter vom Lichte hinweg, anstatt näher hinzugeführt.

Diese Irreführung ist nicht absichtlich. Sowohl Prediger als auch Schriftsteller geben, so sollten wir es auffassen, ihren Hörern und Lesern natürlich das Beste, was sie haben. Die Trübung des Wassers ist sehr alt; sie erfolgte nahe an der Quelle. Vor achtzehnhundert Jahren, als die Apostel "entschliefen", bekam der Feind, Satan, freie Hand in der Kirche, dem Weizenfeld des Herrn, und säte, wie es in des Herrn Gleichnis vorausgesagt ist, Unkraut unter den Weizen. (Matth. 13:24, 36-43) Dieses Unkraut (Irrlehren) verunstaltete beinahe jede Wahrheit göttlicher Offenbarung, und die Folge davon war, dass schon vor Anbruch des vierten Jahrhunderts des Herrn Weizenfeld tatsächlich ein Scheinweizenfeld geworden war, in dem der wahre Weizen in verhältnismäßig geringer Minderzahl war. Die Nacht des Irrtums senkte sich mehr und mehr auf die Kirche herab, und zehn Jahrhunderte lang herrschte das "Geheimnis der Bosheit" und dichte Finsternis bedeckte die Völker. Jene zehn Jahrhunderte werden heutzutage von vielen der erleuchtetsten Leute der "christlichen Welt" als das "finstere Mittelalter" bezeichnet, an dessen Ende die Reformationsbewegung ihren Anfang nahm. Das Licht der Reformatoren fing an, in die Finsternis hineinzuleuchten, und, Gott sei dank, dieses Licht wurde seither heller und heller. Es darf uns nicht wundern, dass die Reformatoren, die noch in der Finsternis erzogen waren, von ihr mehr oder weniger beibehielten und es nicht dazu brachten, alle ihnen anhaftenden Irrtümer loszuwerden; es käme uns viel wunderbarer, ja, als ein unbegreifliches Wunder vor, wenn sie aus ihrer dichten Finsternis sofort hinübergelangt wären in die volle ganze Erkenntnis des Charakters und Planes Gottes.

Für die Nachfolger der Reformatoren war in den letzten drei Jahrhunderten die Schwierigkeit die, dass sie es als verdienstlich ansahen, die in der Reformationszeit aufgestellten "Bekenntnisse" anzunehmen und hochzuhalten, dass sie auf diese sich etwas zugute taten und jeden weiteren Schritt dem Lichte zu als nicht rechtgläubig ansahen. Sie und wir sollten zwar die Reformatoren sowie ihre Treue und Festigkeit in Ehren halten, sollten uns aber auch daran erinnern, dass sie nicht Lichter der Herauswahl und ihr nicht als Leiter bestimmt waren, sondern allerhöchstens ihre Helfer sein sollten. Als Führer hatte Gott vor allem unseren Herrn und sodann die eigens zu diesem Zweck inspirierten, erwählten und geleiteten Apostel bestimmt und drittens die heiligen Männer in der Vergangenheit, die redeten und schrieben, wie sie der Geist Gottes trieb, zu unserer Ermahnung. Dadurch, dass der Herr die Reformatoren einen Strahl des wahren Lichtes schauen ließ, wurden sie befähigt, teilweise zu erkennen, welch große Finsternis sie umgab, und den heldenmütigen Versuch zu machen, ihr zu entrinnen und zurückzugelangen in das Licht der Erkenntnis Gottes, das leuchtet im Angesichte unseres Herrn Jesu Christi und durch sein und seiner Apostel Wort uns als unseres Fußes Leuchte und als Licht auf unserem Weg gegeben ist, so dass es den Pfad der Gerechten immer heller erstrahlen lässt, bis es vollkommener Tag ist. Wer jetzt ein Nachfolger des Herrn und seines Lichtes sein will, muss acht darauf haben, dass er, ohne menschliche Hilfsmittel in Wort oder Schrift zu übersehen, von ihnen nur jene Belehrungen annimmt, die ihn das Wort Gottes wertzuschätzen behilflich sind; "wenn sie nicht nach diesem Worte reden, so ist es, weil kein Licht in ihnen ist."

In früheren Betrachtungen haben wir gesehen, dass unser Herr Jesus, lange bevor er "der Mensch Christus Jesus" wurde, der "Anfang der Schöpfung Gottes" war. Wir haben eine allmähliche Entwicklung der Schöpferwerke Gottes, die der geliebte Sohn ausführte, bemerkt: Cherubim, Seraphim, Engel und jene verschiedenen Klassen von Geistwesen, über die uns nur wenig geoffenbart worden ist. Im vorigen Studium haben wir die irdische Schöpfung betrachtet, eine Schöpfung, die von den Engeln und Menschen verschieden ist. Der himmlische Vater hat Wohlgefallen an jeder Einzelheit seines Schöpfungswerkes, denn "all sein Werk ist vollkommen", und jeder Teil davon ist vollkommen, oder wird es im großen Jubeljahr, von dem im vorigen Studium die Rede war, werden. Die Erschaffung verschiedener Gattungen darf also nicht als Beweis dafür betrachtet werden, dass Gott mit seinem Werk unzufrieden war und Besseres, Befriedigenderes zu machen versuchte, sondern wir sollten hierin eine weitere Illustration der "gar mannigfaltigen Weisheit Gottes" erblicken. Die Mannigfaltigkeit in der Pflanzen- und Tierwelt offenbart die Weisheit; alles ist in seiner Ordnung vollkommen. Es war nicht Unzufriedenheit mit der Rose, die Gott zur Erschaffung der Veilchen und Stiefmütterchen veranlasste; aber die Verschiedenheit der Blumen in Form, Farbe und Geruch gestattet uns einen Einblick in die Länge, Breite, Höhe und Tiefe des göttlichen Geistes. Übereinstimmung bei aller Mannigfaltigkeit, Schönheit und Vollkommenheit finden ihren Ausdruck in verschiedener Form, Gestalt und Farbe. So ist es auch mit den vernunftbegabten Schöpfungen, den Söhnen Gottes auf den verschiedenen Daseinsstufen.

Von diesem Standpunkt aus begreifen wir, dass, wie mannigfaltig auch die Schöpfung Gottes sein mag, doch kein Anlass zur Eifersucht unter ihr gegeben ist. Denn jedes Wesen ist auf seiner Stufe, in seiner Art, mit seinen Daseinsbedingungen voll und ganz zufrieden und zieht sie tatsächlich allen anderen vor. Ein Fisch ist lieber Fisch als Vogel, und umgekehrt ist auch ein Vogel mit seiner Natur zufrieden; so wird auch die zur paradiesischen Vollkommenheit wiederhergestellte Menschheit mit ihrer Lage durchaus zufrieden sein und nicht begehren, der Engelnatur oder gar der allerhöchsten, der "göttlichen Natur" teilhaftig zu sein. (2. Petr. 1:4) Auch werden die Engel keinerlei Begehren tragen nach der Natur und den Existenzbedingungen der Cherubim, Seraphim oder der Menschen, ja, nicht einmal nach der göttlichen Natur. Alle werden schließlich verstehen, dass die göttliche Natur die höchste ist, dass sie Eigenschaften und Fähigkeiten hat, die ihr weitaus den ersten Rang verschaffen; aber unter Gottes Fürsorge wird jede Naturstufe so völlig zufrieden mit ihren eigenen Existenzbedingungen und ihrer Umgebung sein und zu solcher Vollkommenheit gelangen, dass sie eben damit nichts anderes wünschen wird.

Als Jehova Gott beabsichtigte, die "Neue Schöpfung" - Teilhaber der göttlichen Natur (2. Petr. 1:4), - Teilhaber seiner eigenen "Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit" (Röm. 2:7) - ins Leben zu rufen, erkannte er, dass niemand direkt zu so hoher Stellung erschaffen und alsdann einer Prüfung unterworfen werden könne, sondern dass vielmehr alle, die dieser Klasse der Neuen Schöpfungen angehören sollten, zuerst geprüft und hinsichtlich ihrer Ergebenheit ihrem Schöpfer gegenüber, ihres Festhaltens an seiner Gerechtigkeit, aufs gewisseste erprobt sein müssten, bevor sie zu einem so hohem Stand, der Neuen Schöpfung göttlicher Natur, erhöht werden könnten. Wir haben eben gesehen, wie für die Prüfung und Erprobung des Menschen hinsichtlich seiner Würdigkeit, ewig zu leben, gesorgt wurde; wir hörten von der ursprünglichen Vollkommenheit des Menschen, seinem Fall, seiner Erlösung und der Wiederherstellung aller derer des menschlichen Geschlechtes, die sich dessen würdig erweisen werden. Wir haben gesehen, wie die Engel heilig und vollkommen erschaffen und danach einer Prüfung unterworfen wurden; aber es ist leicht ersichtlich, dass dieses Vorgehen bei der Erschaffung der "Neuen Schöpfung" nicht angängig ist, dass die "Neue Schöpfung göttlicher Natur" nicht zuerst vollkommen erschaffen und danach auf die Probe gestellt werden konnte. Warum nicht? Weil eine der wichtigsten Eigenschaften der göttlichen Natur die Unsterblichkeit ist. Wenn wir einmal begriffen haben, dass Unsterblichkeit "nicht zu zerstörendes Leben" vom Tod bedeutet (Anmerkung: siehe Band 5), so erkennen wir auch, dass die Erschaffung von Wesen göttlicher Natur, also unsterblicher Wesen, und deren nachherige Prüfung, im Fall des Nichtbestehens der Prüfung zur Folge gehabt hätte, dass unsterbliche Missetäter, die nicht hätten vernichtet werden können, lebten. Das ewig währende Vorhandensein von Übertretern, Sündern, würde so viele Flecken auf der Schöpfung des Weltalls, die Gott schließlich ganz rein haben will, bedeuten, wie Neue Schöpfungen diese Probe nicht bestanden hätten. So begreifen wir denn die tiefe Weisheit des von Gott angenommenen Planes bezüglich seiner Absichten mit der bevorzugtesten Klasse aller seiner Geschöpfe. Wir begreifen, warum er sie peinlich prüft, solange sie noch sterblich, Angehörige einer anderen, vom Tode erreichbaren Natur sind.

Wenn wir im Geiste uns in die Gedanken des großen Schöpfers hinein versenken, als wären wir seine vertrauten Freunde, und versuchen, uns seine Vorkehrungen für die Neue Schöpfung vorzustellen, so könnte Jehova Gott ungefähr folgendermaßen bei sich selbst überlegt haben: "Welcher Kategorie meiner Söhne soll ich das Vorrecht anbieten, zur obersten Ordnung meiner Geschöpfe erhöht zu werden? Jede dieser Ordnungen ist schon in meinem Bilde geschaffen: der Mensch, die Engel, die Cherubim, die Seraphim und Erzengel; alle werden, wenn einmal mein Plan durchgeführt ist und die Erprobungen ein Ende haben, in ihrer eigenen Natur und Vollkommenheit außerordentlich glücklich sein. Welchen von ihnen soll ich nun diese großen Segnungen anbieten, diese große Gelegenheit geben, Teilhaber der göttlichen Natur zu werden?" Natürlich war der Erstgeborene auch der Erste, an den der Vater dachte; er war schon der Höchststehende, der "Ausgezeichnetste unter Zehntausenden", im Range ihm zunächst stehend, der Mächtige, durch den er alle Dinge erschaffen hatte, und der in jeder Beziehung sich dem Vater und Schöpfer treu und ergeben erwiesen hatte; ihm also musste die Gelegenheit, die göttliche Natur, Ehre, Herrlichkeit und Unsterblichkeit zu erhalten, zuerst geboten werden. "Denn es war das Wohlgefallen des Vaters, dass die ganze Fülle in ihm wohne, auf dass er in allen Dingen den Vorrang habe." (Kol. 1:18,19) Er stand schon über allen anderen Geschöpfen, und da er von seinem Vorrang einen rechten Gebrauch machte, kam er auch in erster Linie für die Beförderung zu weiterer Ehre und Würde, die der Vater zu vergeben hatte, in Frage. "Wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe." Treue erhält ihren Lohn, auch wenn dabei vorausgesetzt wird, dass sie zunächst auf die denkbar schwersten Proben gestellt wird. Wiewohl er der Sohn war, ja, ein sehr gehorsamer und ergebener Sohn, konnte ihm ein Anteil an der göttlichen Natur nicht zugesichert werden, bevor seine Treue und Ergebenheit sich nicht in den aller schwersten Prüfungen als standhaft erwiesen hatte.

Diese Begrenzung der Neuen Schöpfung und diese Bestimmung des Eingeborenen, Herr und Haupt der Neuen Schöpfung zu werden, nachdem er sich in allen Prüfungen, Demütigungen und anderen notwendigen Erfahrungen würdig erwiesen hatte, war im Ratschluss Gottes schon eine beschlossene Sache, bevor der Mensch erschaffen war. Gott wusste voraus, dass der Mensch fallen würde; er hatte beschlossen, dass die Strafe dafür der Tod sein, und zuvor bestimmt, dass die Probe, auf die sein Eingeborener gestellt werden solle, dahin gehe, dass er aus freiem Willen der Erlöser und Rückkäufer der Menschheit werden und durch das große Opfer, das ihn dies kostet, seine Treue und seinen Glauben gegenüber dem Vater beweisen werde. So war er denn in dem göttlichen Vorsatz "das Lamm, geschlachtet von Grundlegung der Welt an." Von diesem Standpunkt aus gewahren wir, dass er keineswegs gezwungen wurde, der Erlöser der Menschen zu werden, dass der Vater nichts Ungerechtes von seinem Sohn verlangte, dass dies vielmehr des Vaters Weg war, um den Sohn hoch über Engel, Fürstentümer und Gewalten und jeden Namen zu erhöhen, um ihn zum Teilhaber seiner eigenen Natur und seines eigenen Thrones zu machen. - Hebr. 1:4; Eph. 1:21; Offb. 3:21

So gesehen, wundert es uns nicht mehr, wenn der Apostel sagt, dass der Herr es auf sich genommen habe, um der vor ihm liegenden Freude willen unser Erlöser zu werden. (Hebr. 12:2) Die Freude war nicht nur ein Vorgeschmack des Ehrenplatzes, den er in der Neuen Schöpfung einnehmen sollte, hoch über allen anderen Geschöpfen, sondern dieser Vorgeschmack war auch ein Teil seiner Freude. Dennoch bemerken wir in unseres Erlösers Gebet, dass er, solange er den Prüfungen unterworfen war, mit bezeichnender Bescheidenheit sich nichts auf diese große Würde und Ehre, auf die ihm verheißene und von ihm erhoffte Unsterblichkeit zugute tat; in ansprechender Demut bat er vielmehr nur, er möchte zu seiner früheren Ehrenstellung wiederhergestellt werden, als achtete er es schon als der Ehre genug, vom Vater als Werkzeug zur Durchführung weiterer Züge des göttlichen Planes erwählt worden zu sein, wie er schon das geehrte Werkzeug gewesen war in der Schöpfung aller Dinge, die gemacht sind. (Joh. 1:3) Seine Worte sind: "Und nun verherrliche du, Vater, mich bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war." (Joh. 17:5) Aber des Vaters Antwort war sehr bedeutungsvoll, als die Stimme vom Himmel herabkam: "Ich habe ihn verherrlicht und ich werde ihn nunmehr verherrlichen." - Joh. 12:28; Codex Vatikanus

Aber der Vater hatte sich vorgenommen, dass die Neue Schöpfung nicht nur aus einer einzigen Person bestehen, sondern "Brüder" haben sollte. (Hebr. 2:17) Wer sollten nun diese Brüder sein? Unter welchen Geschöpfen sollten sie herausgewählt werden? Unter den Cherubim? Den Seraphim? Den Engeln? Oder unter den Menschen? Woher sie auch genommen werden sollten, mussten sie zuvor genau denselben Erprobungen unterstellt werden, wie sie der Eingeborene hatte bestehen müssen, weil sie wie er Ehre, Herrlichkeit und Unsterblichkeit erhalten sollten. Die Probe, auf die er gestellt wurde, war Gehorsam "bis zum Tode." (Phil. 2:8) Demnach müssen alle, die als Neue Schöpfungen mit ihm der göttlichen Natur teilhaftig werden wollen, auch seine Erprobung und Prüfung durchmachen, sich getreu erweisen bis in den Tod. Wäre das Angebot einem Angehörigen der einen oder anderen Engelklasse gemacht worden, so hätte dies einen anderen Plan Gottes vorausgesetzt als den, dessen Ausführung wir jetzt sehen können. Wir haben gesehen, dass die heiligen Engel ihre Erkenntnis und Erfahrung aus der Beobachtung und nicht aus der Berührung mit Sünde und Tod schöpfen; und anzunehmen, dass der Tod unter den Engeln existierte, würde voraussetzen, dass auch die Sünde unter den Engeln herrsche, dass einer den anderen verfolge usw.; denn nur dies hätte den Tod herbeigeführt; oder aber, es hätte vorausgesetzt, dass einige Engel, wie unser Herr Jesus es tat, ihre höhere Natur abgelegt und Menschen geworden wären, um den Tod zu schmecken. Gott aber hatte dies nicht vorgesehen; aber da er bestimmt hatte, dass die Menschheit erfahren solle, was die Sünde und ihr Sold, der Tod, sei, beschloss er, dass auch die übrigen Angehörigen der Neuen Schöpfung aus den Menschen erwählt würden. So stand nicht nur die Erprobung des Eingeborenen im Zusammenhang mit der menschlichen Natur und der unter den Menschen herrschenden Sünde und dem Tode, sondern gleicherweise würden alle, die Miterben der neuen Natur mit ihm werden wollten, gleiche Gelegenheiten, Erfahrungen und Prüfungen haben. So wurde der Eingeborene, der erst den Namen Jesus, hierauf den Titel Christus, das heißt Gesalbter, erhielt, ein Vorbild für die anderen Glieder der Neuen Schöpfung, von denen verlangt wird, dass sie ihm in der Gesinnung gleich, das heißt "dem Bilde seines Sohnes gleichförmig" werden. (Röm. 8:29) Hierin wie anderswo sehen wir, wie sparsam Gott in den verschiedenen Teilen seines Planes zu Werke geht: Sünde und Tod sollten in einem einzigen Teil seiner vernunftbegabten Schöpfung wirksam sein; und zwar so, dass es nicht nur die Menschen, sondern auch die Engel belehren, und dennoch eine überaus schwere Erprobung für jene bedeuten würde, die einst würdig erfunden werden sollen, Anteil zu haben an der Neuen Schöpfung.

Viele haben nicht beachtet, dass die Schriften des Neuen Testamentes, die Lehren Jesu und der Apostel, an diese Neue Schöpfung gerichtet sind, oder an solche, die den Glauben und Gehorsam als jene Bedingungen, die ihnen einen Platz in der Neuen Schöpfung einbringen können, ins Auge fassen. Das hat zur Folge gehabt, dass viele der Lehre der Schrift entgegen glauben, Gott beabsichtige mit allen Menschen dasselbe. Sie haben übersehen, dass die Berufung des gegenwärtigen Evangeliums-Zeitalters eine hohe Berufung, eine himmlische Berufung genannt wird. (Hebr. 3:1; Phil. 3:14) Dass nicht erkannt worden ist, dass Gott seinen Plan zur Rettung der ganzen Welt und daneben eine besondere Errettung für die Herauswahl dieses Evangeliums-Zeitalters bereitet hat, hat manche Ausleger verwirrt, die den Unterschied nicht sahen zwischen der auserwählten Klasse und deren Verheißungen einerseits und der viel zahlreicheren nicht auserwählten Klasse und den Segnungen, die durch die auserwählte Klasse ihr zuteil werden sollen. Man hat vermutet, dass Gottes Plan zu Ende gehen wird, wenn die Herauswahl vollständig ist, anstatt zu sehen, dass er dann hinsichtlich der menschlichen Natur und der für die Welt im Großen bestimmten Wiederherstellungserrettung - für alle, die sie unter des Herrn Bedingungen annehmen werden - erst beginnen wird.

Diese Unklarheit in der Auffassung, die Verwechslung zwischen zwei Errettungen - nämlich jener der Kirche zu einer neuen, der göttlichen Natur, und dieser der Menschheit zur Wiederherstellung zu menschlicher Vollkommenheit; dies hat in den Köpfen jener Schriftgelehrten viel Verwirrung angerichtet. Sie denken von diesen Erretteten bald eines, bald das andere. Einige halten diese Erretteten für Geistwesen, und doch verwechseln sie diese Geistwesen bei aller Ehre, Herrlichkeit und Unsterblichkeit, die sie ihnen zutrauen, mit menschlichen Wesen, die auch Fleisch und Bein in geistiger Natur (verklärtes Fleisch?) haben. Andere machen aus der menschlichen Wiederherstellung den Mittelpunkt ihrer Gedankenwelt und versetzen in das irdische Paradies auch den Herrn und seine Heiligen, wiewohl in Geistesleibern. Sie verstehen eben nicht recht, was das Wort "geistig" bedeutet, sonst würden sie begreifen, dass ein geistiger Leib nur zur geistigen Natur passt und durch Fleisch und Bein nur behindert würde. Andererseits würden sie auch begreifen, dass der menschliche oder irdische Leib eben den Verhältnissen auf Erden angepasst ist und nicht vergeistigt werden kann, ohne dabei ein Zwitterding zu werden.

Die Schönheit und Symmetrie des göttlichen Planes kann nur deutlich gesehen werden, wenn man erkennt, was die Neue Schöpfung ist, wenn man begreift, dass die zukünftigen Mitglieder dieser Neuen Schöpfung von Gott berufen werden, etwas ganz anderes als Wesen menschlicher Natur zu werden. Darum heißt eben diese Berufung die himmlische oder hohe Berufung. Solche Berufene haben zunächst ihre Berufung und Erwählung festzumachen, dann haben sie aber auch ein zweifältiges Werk zu verrichten mit Bezug auf die Menschheit, aus der sie herausgewählt werden. Erstens sollen sie Gottes Werkzeuge sein, um die erwählte Klasse zu sammeln, und vor der Welt ein Zeugnis abzulegen als Mitglieder der Versöhnungs-Priesterschaft, und geduldig die Leiden ertragen, die ihnen ihre Treue einerseits und die Blindheit der Welt andererseits einbringen. Danach sollen sie mit ihrem Herrn und Haupt eine göttliche, königliche, geistige Priesterschaft werden, in deren Hände die Angelegenheiten der Welt gelegt werden sollen. Als Mittler zwischen Gott und den Menschen werden sie allen denjenigen des menschlichen Geschlechtes helfen und sie aufrichten, die sich gehorsam erweisen, und unter ihnen ein Reich der Gerechtigkeit nach Gottes Plan aufrichten, das die Menschen belehren und wiederherstellen soll.

Es ist leicht einzusehen, dass keine andere Klasse von Wesen sich zur Beherrschung und Segnung der Welt gemäß den Absichten Gottes so gut eignete wie die Neue Schöpfung. Sie war vordem den Menschen gleich, "Kinder des Zornes", wie die anderen, wohlbekannt mit ihren Schwachheiten, Unvollkommenheiten, bösen Neigungen und Versuchungen, denen die Menschheit infolge der Erbsünde ausgesetzt ist. Dies bereitet sie zu maßvollen Herrschern und barmherzigen Priestern vor, da ihre absolute Vollkommenheit in der göttlichen Natur sie befähigen wird, durchaus gerecht und dennoch liebevoll zu sein in allen ihren Entscheidungen, die sie an jenem Tag des Gerichtes des Herrn als Richter der Welt zu treffen haben werden.

Obwohl nun dieses große und wichtige Werk der Hebung, Beherrschung und Segnung der Menschheit und der gefallenen Engel, sowie deren Beurteilung in den Proben, denen sie unterstellt werden - obwohl dieses Werk insbesondere den Neuen Schöpfungen der göttlichen Natur anvertraut werden wird, und keine anderen Wesen im Weltall für dieses Werk so wohl vorbereitet sind, da sie eine eigene dafür bestimmte Schule unter göttlicher Leitung durchgemacht haben, so wird dies gleichwohl keineswegs die einzige Aufgabe sein, die ihrer wartet. Im Gegenteil: ihre tausendjährige Herrschaft über die Erde wird nur ein Anfang ihres Regimentes in Ehre, Herrlichkeit und Unsterblichkeit sein. Wenn am Ende dieser tausend Jahre das Reich Gottes dem Vater übergeben werden wird und der Menschheit als den herrlich gemachten Vertretern des Vaters die Erde zur Beherrschung überlassen wird, dann wird sich für die Neue Schöpfung ein noch viel größeres Wirkungsgebiet eröffnen, auf dem sie in Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit wird tätig sein können. Denn steht nicht geschrieben, dass der himmlische Vater seinen Sohn zum Teilhaber nicht nur der eigenen göttlichen Natur, sondern auch seines Thrones gemacht habe, und dass der Sohn sich mit dem Vater auf seinen Thron gesetzt habe? (Offb. 3:21) Selbst wenn er in bestimmtem Sinne diese Stellung während des Tausendjahrreiches aufgibt, um sich der besonderen Verwaltung seines irdischen Besitzes und Herrschergebietes ausschließlich zu widmen, bedeutet das sicherlich nicht, dass er nach der Vollendung des ihm anvertrauten Werkes weniger Ehre haben und eine Stellung einnehmen werde, die jener untergeordnet wäre, die er bei seiner Himmelfahrt empfing, nachdem er durch die Hingabe seiner selbst das Lösegeld für unsere Sünden dargebracht hatte.

Wir wissen nicht, welch große Werke unser Schöpfer für seinen eingeborenen und geliebten Sohn, den er zum Erben aller Dinge gemacht hat, noch in Aussicht genommen hat, aber wir wissen aus dem Munde unseres Meisters, dass, wenn wir herrlich gemacht sein werden, wir ihm gleich sein, ihn sehen werden wie er ist, Teilhaber an seiner Herrlichkeit, und bei dem Herrn sein werden allezeit. Welches also die zukünftige Tätigkeit des Eingeborenen in seiner Eigenschaft als Erbe aller Dinge auch sein mag, so werden wir mit ihm sein, teilhaben an seiner Tätigkeit, Herrlichkeit und Natur. Soviel lehrt uns das geschriebene Wort Gottes. Doch kann es nicht unrecht für uns sein, im Lichte des göttlichen Planes auch in das Buch der Natur zu blicken, das Wort Gottes gleichsam als Teleskop zu gebrauchen, um zu sehen, dass die verschiedenen Planeten und Welten im Universum nicht zwecklos gebildet worden sind. Es könnte also eine Zeit kommen, wo auf diesen ein Schöpfungswerk zu beginnen hätte. Alsdann wird er, der in allen Dingen den Vorrang hatte, auch wiederum den Vorrang haben und göttliche Schöpferkräfte wie zuvor ausüben. Wir brauchen nicht gerade annehmen, dass die Erfahrung mit der Sünde, die auf der Erde vorgenommen wurde, sich auf anderen Planeten wiederholen müsse. Wir können im Gegenteil dessen sicher sein, dass diese eine Erfahrung zur Darlegung der außerordentlichen Sündhaftigkeit der Sünde und deren schrecklichen Folgen genügen und vom Herrn als ewige Lektion auch für die Wesen, die auf anderen Welten in seinem Bilde geschaffen werden könnten, benutzt wird, und dass jene Wesen nicht durch Erfahrung, sondern durch Beobachtung und Belehrung lernen werden.

Zu jener Zeit werden Satan und seine Engel und jeder böse, schädliche Einfluss zerstört sein; die herrlich gemachte Herauswahl wird durch Erfahrung weise und wohl befähigt worden sein, vollkommene Geschöpfe anderer Welten zu belehren. Vielleicht werden Menschen dieser Erde sogar hinüberverpflanzt als Lehrer; Menschen, die die Sünde gekannt und geschmeckt haben und hernach durch den Herrn geheilt, gehoben und gesegnet worden sind. Wie weise mögen alsdann jene neuen Geschöpfe werden! Wie gut werden sie wissen, was gut und böse und welches der Lohn dafür ist! Ihre Lehrer werden in der Lage sein, ihnen die Geschichte von der Empörung Satans, des großen Verführers der Menschheit, von dem schrecklichen Fall der Menschheit in Sünde und Elend, von dem großen Erlösungswerk, von der Belohnung des Erlösers und seiner Miterben, und von den Wiederherstellungs-Segnungen, die der Menschheit zuteil wurden, zu erzählen. Sie werden versichern können, dass diese Belehrung und Beispiele aus der Geschichte dazu bestimmt seien, für alle Ewigkeit zum Nutzen der ganzen Schöpfung Gottes zu dienen. Diese Belehrungen werden machtvoll genug sein, um neue Geschöpfe davon abzuhalten, in Sünde zu fallen, und ihnen zu zeigen, wie notwendig es ist, dass jedes Geschöpf einen Charakter entwickelt, der mit dem göttlichen Gesetz der Liebe in Übereinstimmung ist. Im gegenwärtigen Zeitalter ist die Aufgabe dieser Neuen Schöpfung, wie wir schon gezeigt haben, eine zweifache. Ihre Zeugung durch den Heiligen Geist macht sie zu Priestern; aber nur ihre Gesinnung ist von neuem gezeugt. Der Leib ist noch von dieser Erde, irdisch, und daher sagt der Apostel: "Wir haben aber diesen Schatz (die neue Natur) in irdenen Gefäßen, auf dass die Überschwenglichkeit der Kraft sei Gottes und nicht aus uns." (2. Kor. 4:7) Die neugezeugte Gesinnung, der Wille, ist alles, was gegenwärtig die neue Natur ausmacht, und zwar so lange, bis in der ersten Auferstehung dieser neue Wille einen für ihn geeigneten Körper empfangen wird, einen geistigen Leib, vollkommen gemacht und durchaus im Einklang mit dem Willen Gottes. Bis dies der Fall sein wird, wirkt in uns die Macht Gottes, der Heilige Geist, der in unserer Gesinnung vorherrscht und uns dadurch zu Neuen Schöpfungen und Priestern macht und uns anleitet, Opfer darzubringen. Diese Opfer umfassen alle unsere natürlichen Interessen, Bestrebungen, Ziele usw., wo immer sie in irgendeinem Grad mit den von Gott für die "Neuen Schöpfungen" vorgesehenen Bedingungen im Widerspruch stehen. So erringt die Neue Schöpfung den Sieg um den Preis der eigenen menschlichen Natur, und dieser Sieg ehrt Gott und seine Macht, der sowohl das Wollen als auch das Wirken durch seine Verheißungen in uns zu vollbringen vermag. Er könnte in dieser Weise nicht geehrt werden, wenn unsere natürlichen Verhältnisse in Übereinstimmung wären mit seinen Anforderungen, so dass ein Opfer nicht erforderlich wäre.

Wie der Glaube, die Weihung und das Opfer der Neuen Schöpfung ein Gegenbild ist von den Opfern Aarons und seines Hauses in Israel, ein Gegenbild, das in allen Zügen dem Vorbild genau entspricht, so wird, wie der Apostel erklärt, das zukünftige Priestertum dieser Neuen Schöpfung dargestellt und vorgeschattet durch das glorreiche Priestertum Melchisedeks. Melchisedek war nicht ein Priester, der im weißen Kleid Opfer darbrachte; er war ein Priester, der zugleich König war, "ein Priester auf seinem Thron." Darum ist seine Stellung als Vorbild höher als die Aarons, denn Aaron war der Nachkomme Abrahams, und Abraham bei all seiner Größe, zahlte Melchisedek den Zehnten und wurde von ihm gesegnet. Wie der Apostel erklärt, nimmt die opfernde Priesterschaft eine niedrigere Stellung ein als die königliche Priesterschaft in Ehre und Herrlichkeit, und deshalb sind die Neuen Schöpfungen in ihrer glorreichen Aufgabe, die ihrer im Tausendjahrreiche wartet, vorgeschattet durch Melchisedek. Wie dieser, werden auch sie nicht mehr zu opfern haben, sie werden herrschen, segnen, helfen und vollständig dazu befähigt sein, die Verheißungen Gottes in Erfüllung gehen zu lassen, dass durch sie alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollen. Sie werden Gottes Werkzeuge sein, durch deren Vermittlung ein jeder, der nur will, zur vollen Übereinstimmung mit dem Schöpfer und seinen Gesetzen zurückgebracht werden wird. - 1. Mose 22:18; Gal. 3:16, 29

Alle die verschiedenen Bilder und Gleichnisse, durch welche der Herr die Beziehungen beleuchtet, die zwischen dem Eingeborenen, dem Erlöser, und der Herauswahl, der zukünftigen Neuen Schöpfung, den zukünftigen Miterben der göttlichen Natur, bestehen, zeigen sehr deutlich, wie eng und herzlich diese Beziehung, wie vollständig diese Übereinstimmung zwischen beiden Teilen ist. Gleich als hätte der Herr - wie es ja der Fall ist - zuvor gewusst, dass die Demütigen unter seinen menschlichen Geschöpfen in ihrem Glauben zagen müssten beim Nachdenken über das grenzenlose Interesse und diese Liebe des Schöpfers für sie, ob es auch möglich sei, dass er sie berufe zur höchsten Stufe der ganzen Schöpfung, dem Vater und Sohne zunächst, finden wir die Verheißung oft und unter verschiedenen Bildern wiederholt, damit in uns ja kein Zweifel und keine Furcht sich festsetze, auf dass wir ja nicht in Frage ziehen möchten, ob er denn auch ein so großes Versprechen halten werde, ob die "hohe Berufung" denn auch für uns wirklich bestimmt und ernst gemeint sei.

Wir wollen hier einige dieser Bilder in Erinnerung rufen. In dem einen erscheint der Herr als Eckstein an der Spitze einer Pyramide und die Herauswahl als die lebendigen Steine, die zu ihm gezogen, behauen und bereitet werden nach den durch die Kanten und Flächen angedeuteten Richtlinien seines Charakters, auf dass sie Glieder der großen Pyramide werden möchten, welche Gott das ganze Evangeliums-Zeitalter hindurch aufbaut, und die im kommenden Zeitalter die Welt segnen und in Ewigkeit Gott Ehre machen wird.

Dieses Bild der Pyramide ist jenem vom Tempel ähnlich. Wir werden belehrt, dass Salomos Tempelbau ein Vorbild war für den mit größerer Weisheit ausgeführten geistigen Tempelbau Gottes. (1. Petr. 2:5) Wie im Vorbild jeder Baumstamm und jeder Stein für einen bestimmten Platz in Aussicht genommen und demgemäss behauen wurde, so werden auch die Glieder der Herauswahl, der Neuen Schöpfung, für die Stellung, die sie einnehmen sollen, jetzt zubereitet. So wie die Ausführung des vorbildlichen Tempelbaues erfolgte (ohne Lärm und Aufregung), ohne dass ein Hammerschlag gehört wurde, so soll auch die Herauswahl, vollkommen als Neue Schöpfung, am Ende des Evangeliums-Zeitalters aus den Toten auferstehen, wie der Herr, ihr Haupt, am Anfang dieses Zeitalters bei seiner Auferstehung der Erstgeborene aus den Toten war. - 1. Kön. 6:7

Ein weiteres Bild ist das des menschlichen Leibes mit seinen verschiedenen Gliedern. Der Apostel Paulus ist es, der uns die engen Beziehungen der Auserwählten zum Herrn als dem Haupt des Leibes, der da ist die Kirche (Herauswahl), besonders klar und deutlich zeigt. (Röm. 12:4, 5; 1. Kor. 12:12) Wie das Haupt den Leib regiert, für ihn denkt und sorgt und ein Glied des Leibes in den Dienst des anderen stellt, so überwacht auch der Herr in seiner Herauswahl ein jedes Glied und stellt es hin, wohin es ihm gefällt. Er überwaltet so weislich die Angelegenheiten all derer, die ihre Berufung und Erwählung festzumachen suchen, dass sie ganz sicher sein können, dass, solange sie in der richtigen Herzensstellung verharren, demütig und gläubig bleiben, ihnen "alle Dinge zum Guten mitwirken", weil "sie Gott lieben und nach seinem Vorsatz berufen sind."

Von den anderen Bildern, die das Verhältnis zwischen Christus und seiner Kirche beleuchten (er der Heerführer, wir die Kriegsknechte, er der Hirte, wir die Schafe usw.) gibt keines einen vollständigeren, umfassenderen Begriff von des Meisters Liebe und Interesse für seine Auserwählten als jenes vom Bräutigam und der Braut. Jawohl, der Eingeborene ist ein herrlicher Bräutigam für alle, deren Augen des Verständnisses geöffnet wurden, so dass sie seine Charaktergröße und Wahrhaftigkeit erkennen. Darum legt auch der Prophet der Herauswahl, die sein Leib ist, das Lob ihres Bräutigams in den Mund: "Du bist der Schönste unter Zehntausend". (Hohel. 5:10) Der Apostel gebraucht dieses Bild in 2. Kor. 2, wo wir lesen: "Ich habe euch einem Manne verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau dem Christus darzustellen." Nach dem damaligen jüdischen Brauch, auf den der Apostel Bezug nimmt, sagt das mehr, als eine in der Namenchristenheit gebräuchliche Verlobung vorschatten würde. Heutzutage ist die Verlobung eine Verbindung auf Probe, die aufgelöst werden kann, wenn der eine Teil sie für töricht und unvorteilhaft betrachtet. Anders war die Verlobung bei den Juden, die offenbar ein Vorbild der Verlobung Christi und seiner Braut zu werden bestimmt war. Bei den Juden ist die Verlobung schon der Heirat gleich; sie wird meist gestützt durch schriftliche Abmachung zwischen den Vertretern des Bräutigams und der Braut, hinsichtlich Ausstattung usw. Und diese Abmachungen gelten als verbindlich, auch wenn die Hochzeit erst ein Jahr später stattfindet. So verhält es sich auch mit den Abmachungen, dem Vertrag zwischen dem Herrn, dem himmlischen Bräutigam, und denen, die er als Braut anerkannt hat. Sie müssen beiderseits als gültig betrachtet werden; sie bekunden eine Verbindung der Herzen und Interessen und setzen Liebe und Hingebung voraus. Es wäre eine ernste Sache für uns, diesen Abmachungen zuwiderzuhandeln; und vom Bräutigam bezeugt der Apostel: "Treu ist, der euch ruft; der wird es auch tun." (1. Thess. 5:24) Auf uns also kommt es an, ob auch wir treu sein und uns an die Abmachungen halten wollen.

Am Ende des Zeitalters kehrt der Bräutigam zurück; aber er wird nur "kluge Jungfrauen" annehmen. Jene, die nach ihrer Verlobung töricht und unachtsam gewandelt haben, werden nicht würdig geachtet, zur Hochzeit geführt zu werden; die Tür wird vor ihnen geschlossen werden (Matth. 25:1-12); sie gehen der großen Vorrechte, die ihr Teil geworden sein könnten, wenn sie treu geblieben wären, verlustig. Doch freut es uns zu wissen, dass, obwohl ihre Untreue schuld daran ist, dass sie die große Trübsal durchmachen müssen und ihren Anteil am Reiche und der göttlichen Natur verlieren, sie deshalb doch nicht in die ewige Qual gehen müssen. Nein, Gott sei gedankt, das Licht des Wortes ist jetzt hell genug, dass wir sehen können, dass etwas so Grässliches ihnen nicht widerfahren wird. Das Festmachen der Berufung und Erwählung bringt jenen, denen es gelingt, große ewige Gnadengüter ein; und ihr Verlust wird an und für sich schon eine sehr harte Strafe dafür sein, dass die Törichten ihren Verpflichtungen nicht sorgfältig genug nachkamen und von der Welt und ihrem Geiste befleckt wurden.

Wiewohl nun die "Neuen Schöpfungen in Christo Jesu" meist in den unteren Schichten der Gesellschaft gesucht werden und die Welt uns deshalb nicht kennt, gleichwie sie ihn nicht kannte, so schätzt dennoch Gott, der nicht auf äußere Erscheinung, sondern auf Herzensstellung sieht, seine Auserwählten, die jetzt ausgesucht und für die Neue Schöpfung zur Entwicklung gebracht werden, sehr hoch. Er redet nicht nur im allgemeinen von seiner Überwaltung ihrer Angelegenheiten, wobei er dafür sorgt, dass alle Dinge zu ihrem Besten dienen, sondern er erklärt uns auch in etwa, wie sich diese Fürsorge geltend macht: Engel seien dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, welche die Seligkeit ererben sollen; der Engel des Herrn lagere sich um die, welche sein sind, und befreie sie, und diese Schutzengel der kleinen Herde sehen allezeit das Angesicht des himmlischen Vaters, und bildlich gesprochen, kein Haar könne ihnen gekrümmt werden ohne das Vorwissen des Vaters. In voller Übereinstimmung mit diesen zärtlichen Zusicherungen göttlicher Fürsorge lesen wir: "Der Herr kennt die sein sind", und: "Sie werden mein sein an jenem Tage, da ich meine Kleinodien sammeln werde." - 2. Tim. 2:19; Mal. 3:17

Es liegt nahe, hier auch noch die Frage der Wiedergeburt zu betrachten, da ja die "Neue Schöpfung" zur Neuheit des Lebens berufen ist. Die natürliche Geburt der menschlichen Natur ist hier als Bild benutzt für eine neue Geburt, nämlich die Geburt der Neuen Schöpfung. Wie der natürlichen Geburt die Zeugung und das Wachstum des eingepflanzten Embryos vorausgeht, so finden wir denselben Vorgang auch bei der Neuen Schöpfung; sie muss erst vom Geist Gottes mittels des Samens des Wortes gezeugt werden; dann muss sie wachsen unter dem Einfluss des Geistes der Wahrheit, den sie empfangen hat, und wenn dieses Wachstum voranschreitet, wenn das Wort Gottes reichlich in ihr wohnt, wenn sie weder müßig noch unfruchtbar wird, wird sie sich auswachsen bis zur Geburt, das heißt zu einer Teilhaberschaft an der ersten Auferstehung als Glied am Leibe Christi. Über jene Auferstehung und die vollständige Verwandlung von natürlicher, menschlicher, irdischer Natur zu geistigen, himmlischen Wesen, der göttlichen Natur, werden wir später mehr zu sagen haben; hier aber betrachten wir insbesondere nur die Zeugung. Das Wort sagt hier unmissverständlich, dass die Zeugung der Söhne Gottes nicht aus Geblüt, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes geschieht, sondern durch Gott. (Joh. 1:13) Das deutet auch der Apostel an, wenn er in einer Darlegung von der aus-erwählten Klasse der "Neuen Schöpfung" und ihrem Haupt, Jesus Christus, und der Ehrenstellung, zu der sie berufen ist, schreibt: "Niemand nimmt sich selbst die Ehre, sondern als von Gott berufen, gleichwie Aaron." - Hebr. 5:4

Die Schrift unterscheidet immer scharf zwischen diesen auserwählten "Neuen Schöpfungen" und dem Menschengeschlecht überhaupt. Hierfür nur zwei Beispiele. Wenn der Apostel von der Erlösung der Welt spricht, macht er sogar eine zweifache Anwendung des Sühnopfers von Golgatha: und zwar eine für die Herauswahl, und die andere für die Welt. "Er ist eine Sühnung für unsere (das heißt der Herauswahl) Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt", lesen wir in 1. Joh. 2:2. Und wiederum, wenn von den Beschwerden und Hoffnungen der Herauswahl und der Welt die Rede ist, lesen wir (Röm. 8:23): "Nicht allein aber sie (die ganze Schöpfung, die ganze Welt, seufzt zusammen usw., Vers 22), sondern auch wir selbst (die Herauswahl), die wir die Erstlinge des Geistes haben, auch wir seufzen in uns selbst, erwartend die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes" - des einen Leibes, der Herauswahl, von der Christus das Haupt ist, und der verheißen ist, dass sie in der ersten Auferstehung bei der zweiten Gegenwart Christi befreit werden soll. Wir seufzen nicht äußerlich wie die Welt; denn wir haben durch unsere Zeugung durch seinen Geist einen Trost erhalten in allen Enttäuschungen, Prüfungen und Beschwerden der jetzigen Zeit. Es sind eben jene herrlichen Hoffnungen und Verheißungen, die ein Anker sind für unsere Seelen, der auch in das Innere des Vorhangs hineinreicht. In unseren mannigfaltigen Beschwerden und Prüfungen sorgen wir uns nicht wie andere, die keine Hoffnung haben. Die Welt aber, "die ganze Schöpfung seufzt zusammen in Geburtswehen"; sie hat nur wenig Mittel, um die Wunden und Schmerzen zu heilen, die einen Teil dieser Zeit der Geburtswehen ausmachen; sie lernt nur aus Erfahrung die außerordentliche Sündhaftigkeit der Sünde und das Weh der darauf gesetzten Strafe des Dahinsterbens und des Todes kennen. Aber der Apostel sagt uns, dass die Welt wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes. (Röm. 8:19, 22) Sie wartet nicht darauf in der Hoffnung, sich selbst zu diesen Söhnen Gottes gezählt zu sehen, sondern sie wartet auf die Segnungen, die jene Glieder der Neuen Schöpfung, bekleidet mit der Herrlichkeit und Macht des Tausendjahrreiches, über die Erde ausgießen werden nach der Verheißung Gottes, wonach alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollen.

Das Kennzeichen der Mitgliedschaft, der Zugehörigkeit zur Neuen Schöpfung, ist nicht abhängig von der Zugehörigkeit zu irgendeiner irdischen Gemeinschaft, sondern die Verbindung mit dem Herrn als Glied seines Leibes beruht auf dem Grundsatz, den der Apostel beschreibt: "Ist jemand in Christo, so ist er eine Neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden." (2. Kor. 5:17) Um überhaupt als ein Glied am Leibe Christi gelten zu können, müssen wir alle alten oder irdischen Dinge - Ehrgeiz, irdische Hoffnungen, Stolz, Eitelkeit und Narrheit - aus unserem Willen ausgemerzt haben, auch dann, wenn sie uns bis zu einem gewissen Grad noch anhaften, eben weil sie für das Fleisch in gewissem Maße angenehm sind. Die neue Gesinnung ist es, die der Herr als "Neue Schöpfung" anerkennt: das Wachstum und Erstarken der neuen Gesinnung ist es, worauf der Herr sieht und eine Belohnung setzt.

Die Schrift zeigt deutlich, dass zum Bleiben in Christo mehr notwendig ist als Weihung. Die letztere öffnet die Tür, hilft uns den richtigen Standpunkt einnehmen, bringt uns in Beziehung zu Gott, sichert uns einen Rückhalt an den ermutigenden Verheißungen Gottes, ermöglicht uns also, die Früchte des Geistes zu pflegen und Miterben zu werden mit unserem Herrn an der himmlischen Herrlichkeit. Aber seinen Platz am Leibe Christi behauptet nur, wer Früchte hervorbringt, wer Beweise seiner Liebe und seiner Hingabe gibt, wie wir in einem Gleichnis unseres Meisters lesen: "Jede Rebe in mir, die Frucht bringt, die reinigt er, auf dass sie mehr Frucht bringe." (Joh. 15:2) Wer einmal vom Herrn als Neue Schöpfung in Christo Jesu angenommen worden ist, von dem scheint also vorausgesetzt zu werden, dass er mehr oder weniger wachse in Gnade, Erkenntnis und in den Früchten des Geistes; sonst geht der Anspruch auf die Sohnschaft verloren, und ein anderer nimmt den Platz unter den Auserwählten ein; die Krone, die für ihn bereitgehalten war, wird einem anderen zuteil, der sein Vorrecht besser zu würdigen weiß, der sich mehr darum bemüht, der herrlichen Dinge teilhaftig zu werden, die Gott denen, die ihn lieben, verheißen hat, der also williger ist, alle irdischen Dinge für Verlust, ja, für Kehricht zu halten, auf dass er Christum, einen Platz in der gesalbten Klasse, gewinnen möge. Dieses Feststehen in Christo wird nicht nur bezeugt durch eine Mehrung der Früchte des Geistes, sondern der Apostel Petrus gibt uns außerdem die Zusicherung: "Wenn ihr diese Dinge tut, so werdet ihr niemals straucheln. Denn also wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi." (2. Petr. 1:10, 11) Das bedeutet jedoch, dass, wie der Apostel Paulus es ausdrückt, die neue Gesinnung, die "Neue Schöpfung", dem Willen Gottes so durchaus gleichförmig ist, dass sie täglich bestrebt ist, "den alten Menschen mit seinen Lüsten und Begierden abzulegen." Denn die Neue Schöpfung ist im Bilde dargestellt durch einen neuen Menschen, dessen Haupt Christus, dessen Leib die Herauswahl ist. Dieser Leib muss sich Auferbauen und zum vollen Wuchse eines Mannes in Christo Jesu hingelangen, jedes Glied muss voll entwickelt sein, sein Maß ausfüllen, nicht in unserer eigenen Kraft, im Fleische, sondern in ihm, der unser lebendiges Haupt ist, und dessen Gerechtigkeit für unsere unabsichtlichen Fehler aufkommt.

Die Menschheit beurteilt ihre Angelegenheiten mittelst der fünf Sinne: Gesicht, Geruch, Gehör, Geschmack, Gefühl. Diese Sinne zu gebrauchen haben die Neuen Schöpfungen volle Freiheit, solange sie ihren Schatz in irdenen Gefäßen tragen. Aber diese Sinne sind nicht genügend für die Neue Schöpfung, die weiterer Sinne bedarf, um geistliche Dinge wahrzunehmen, die der menschliche Organismus nicht zu sehen, noch zu riechen, noch zu schmecken, noch zu fühlen vermag. Diesem Bedürfnis wird durch die Verleihung des Heiligen Geistes entsprochen, wie der Apostel sagt: "Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird. Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist (durch die gewöhnlichen Sinne der Wahrnehmung), was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben; uns (der Neuen Schöpfung) aber hat Gott es geoffenbart durch (seinen) Geist, denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes." - 1. Kor. 2:9, 10, 14

Dieser geistliche Sinn mag der sechste Sinn der zur Neuen Schöpfung Gezeugten genannt werden, oder man könnte auch sagen, die Neue Schöpfung sei im Besitz eines vollständigen Systems geistlicher Sinne, die den leiblichen Sinnen entsprechen und sie ergänzen. Allmählich gehen ihnen die "Augen des Verständnisses" weiter und weiter auf für Dinge, die das natürliche Auge nicht sieht; allmählich nimmt das Gehör des Glaubens zu, das ihnen schließlich jede gute Verheißung des Wortes Gottes bedeutsam und wirksam erscheinen lässt; unterdessen kommen die Neuen Schöpfungen in Berührung mit dem Herrn und seinen unsichtbaren Kräften; mit der Zeit schmecken sie auch, dass der Herr sehr gütig ist, und schließlich gelangen sie dahin, jene Opfer und Weihrauchgebete zu schätzen, die dem Herrn ein lieblicher Geruch sind. Wie die natürlichen, so können auch die geistlichen Sinne geübt werden, und ihre Übung (oder wenigstens die Bemühungen, sie zu üben) ist ein Merkmal, sozusagen ein Barometer, für unser Wachsen in der Gnade, unsere Entwicklung als Neue Schöpfungen, die der ersten Auferstehung als ihrer Geburt entgegensehen, in der unser neues Selbst mit der Ehre, Herrlichkeit und Unsterblichkeit der göttlichen Natur bekleidet werden soll.

Unter welchem Namen soll die Neue Schöpfung bekannt sein?

Auf den ersten Blick ist die Frage sonderbar, befremdend. Wenn wir bedenken, dass die Herauswahl dem Herrn als Braut verlobt ist, so scheint es sonderbar, erst zu fragen, welchen Namen sie haben soll. Für die Braut geziemt sich sicherlich kein anderer Name als der des Bräutigams, und schon der bloße Gedanke an einen anderen Namen verrät eine unrichtige Auffassung der Beziehungen zwischen dem Herrn und seinen Geweihten, den Gliedern seines Leibes, der Braut, dem Weibe des Lammes. Der biblische Name dafür sollte genügen: Ekklesia (Herauswahl), der Leib, die Versammlung Christi. Werden weitere Namen gewünscht, so finden wir in der Schrift folgende Bezeichnungen: die Herauswahl Christi, die Herauswahl Gottes. (Röm. 16:16; Apg. 20:28) Beide Namen sind gleichbedeutend, da der Vater und unser Herr der Herauswahl das gleiche Interesse entgegenbringen. Wie die Herauswahl den Leib Christi bildet, von dem er das Haupt ist, so ist die ganze Herauswahl, Haupt und Leib, die Schar oder Gruppe oder der Gesalbte des Vaters, durch den es ihm gefällt, alle großen, wundervollen Züge seines Erlösungswerkes, von denen er uns schon in seinen großen und kostbaren Verheißungen einen Umriss gegeben hat, hinauszuführen. Eine noch nähere Bezeichnung der Getreuen finden wir in des Apostels Ausdruck "die Versammlung des lebendigen Gottes", als sollte die Herauswahl, deren Haupt Christus ist, dadurch unterschieden werden von anderen Körperschaften oder religiösen Systemen, die den wahren Gott nicht richtig kennen und von ihm auch nicht als seine Kirche betrachtet werden.

Die Neigung, sich andere Namen beizulegen als die vom Herrn und seinen Aposteln gegebenen, offenbarte sich schon sehr früh. Wie in heutiger Zeit die Christen sich etwa Lutheraner, Kalvinisten, Wesleyaner, Darbyisten, Irwinginaner usw. nennen, und doch alle beanspruchen, Christo anzugehören, so war es schon in der ersten Kirche, wie wir in 1. Kor. 1:12; 3:4-6 lesen. Der Partei- oder Sektengeist war in die Brüder zu Korinth gefahren; der Name Gottes und Christi genügte ihnen nicht mehr, und so suchten sie andere Namen beizufügen und nannten sich paulinische, petrinische oder apollonische Christen. Der inspirierte Apostel tadelte dies und zeigt, dass dies nicht der Heilige Geist, sondern fleischliche Gesinnung sei, was zur Teilung des Leibes Christi und zur Menschen-Nachfolge führt. Seine Frage: Ist denn Christus zerteilt? bedeutet: Gibt es mehrere Leiber Christi? Gibt es mehrere Kirchen Christi oder nur eine? Und wenn es nur eine gibt, warum sie zerteilen? Wer ist denn Paulus? Wer ist Apollos? Wer Petrus? Sie waren nur Diener des Hauptes der Herauswahl, die er zum Segen seines Leibes benutzte, der da ist die Versammlung. Wären sie hierzu nicht bereit, so hätte er andere, die das tun würden, was sie taten. Preis und Ehre für alle Segnungen, die durch die Apostel vermittelt wurden, gebühren also dem Haupt der Herauswahl, der diese Fürsorge für die Bedürfnisse seines Leibes traf. Dies bedeutet nicht, dass nicht auch wir jene anerkennen und ehren, die der Herr anerkannt und geehrt hat; aber es bedeutet, dass wir sie nicht als Häupter der Kirche betrachten, nicht die Herauswahl in Parteien und Sekten zerteilen, nicht hinter Menschen herwandeln sollen, und wären es auch Paulus oder Petrus. Die Apostel, oder wen der Herr auch sonst als Werkzeuge gebraucht hat, haben niemals die Herauswahl zu zerteilen, sondern vielmehr die einzelnen Glieder zu sammeln, die verschiedenen geweihten Gläubigen um so fester mit dem einen Haupt und dem einen Herrn zu verbinden gesucht, durch den einen Glauben und durch die eine Taufe.

Was würde wohl der Apostel sagen, wenn er heute im Fleische unter uns lebte und die Zerteilung der Namenchristenheit in zahlreiche verschiedene Benennungen sähe? Sicher würde er sagen, dass dieser Zustand ein großes Maß fleischlicher Gesinnung, des Geistes dieser Welt, verrate. Das will nicht heißen, dass alle, die noch in diesen Systemen sind, persönlich fleischlich gesinnt sind und des Geistes des Herrn gänzlich ermangeln. Aber es zeigt, dass, je mehr wir vom Geiste des Herrn haben, und je mehr wir freigemacht sind von fleischlicher Gesinnung, je weniger wir uns von ihr leiten und beeinflussen lassen, umso weniger werden wir Wohlgefallen finden an der Teilung um uns herum, an den verschiedenen Kirchenbezeichnungen; und je reichlicher der Geist des Herrn in uns wohnt, umso ungenügender wird uns jeder andere Name als der des Herrn erscheinen, bis wir schließlich unter der Führung des Geistes dahin gelangen, nur die eine Kirche anzuerkennen, nur die eine Gliederung, nur die Versammlung der Erstgeborenen, deren Namen im Himmel angeschrieben sind; nur den einen Weg zu dieser Versammlung, die Taufe in des Meisters Leib, der da ist die Versammlung, die Taufe in seinen Tod. So werden wir alle eins und gleichgesinnt mit ihm und untereinander.

Es ist nicht unsere Aufgabe, die Christenheit jetzt dahin zu bringen, dass sie ihre Anschauungen über diesen Gegenstand den unseren anpasst. Zu solcher Aufgabe reichen menschliche Kräfte nicht hin. Für uns alle gilt es nur, persönlich dem Bräutigam treu zu bleiben; für einen jeden, der den Namen Christi nennt, gilt es abzustehen von der Ungerechtigkeit, von jedem Unrecht im Glauben, Handel und Wandel. Solche werden nicht wünschen, bei irgendeinem anderen Namen genannt zu werden als dem des Bräutigams, und wenn man sie nach ihrem Namen fragt, werden sie sich zu seinem Namen und nur zu diesem allein bekennen, zu dem einzigen Namen, der unter dem Himmel oder unter den Menschen gegeben ist, durch den wir errettet werden können. Dem Geist dieser Wahrheit gemäß werden wir abseits stehen von jedem Namen und jedem Rahmen einer Sekte, damit wir im Herrn frei dastehen können! Das bedeutet nicht, dass wir uns trennen sollen von solchen Menschen, die, obwohl sie die Gesinnung des Herrn haben, noch im Rahmen einer Sekte oder "Kirche" stehen. Die Worte des Herrn "Gehet aus ihr hinaus, mein Volk, auf dass ihr nicht ihrer Sünden mitteilhaftig werdet, auf dass ihr nicht empfanget von ihren Plagen" - setzen vielmehr voraus, dass einige seiner Kinder in Babylon zurückgeblieben, also noch nicht zur Klarheit hinsichtlich der Namen und Rahmen der Sekten gelangt sind. An uns ist es nur, unser Licht leuchten zu lassen und das übrige dem Herrn anheim zustellen.

Wir verwerfen nicht nur die Benennung der Herauswahl nach irgendeinem menschlichen Namen, sondern jeden Namen, der einige Kinder Gottes von anderen Kindern Gottes trennen würde. Wir würden Bezeichnungen wie "Christliche Kirche" oder "Versammlung Gottes" vermeiden, da solche Namen zur Bezeichnung besonderer Gruppen oder Glaubensschattierungen unter dem Volke des Herrn dienen. Eher würden wir uns nach allen in der Schrift gegebenen Namen nennen, Jünger, Herauswahl Christi, Versammlung des lebendigen Gottes, Versammlung zu Korinth usw. (Nach letzterem Beispiel würden wir dann sagen: Versammlung in Brooklyn, London, Magdeburg, Bern usw.) Wir werden es nicht vermeiden können, dass viele uns hierin nicht verstehen können. Auch sollten wir es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie, dem Brauch unter den Namenchristen folgend, auch für uns einen Sondernamen bereithalten. So mögen sie uns "Tagesanbrüchler" oder "Wachttürmler" nennen; wir aber sollten uns solche Namen nicht selbst beilegen. Dennoch sollte uns der Geist der Sanftmut, der Geduld, des Friedens und der Liebe davon abhalten, uns durch solche Bezeichnungen beleidigt zu fühlen. Wir sollten voraussetzen, dass keine bösen Absichten oder doch keine absichtlichen Verleumdungen in diesen Namen liegen; wir sollten daher diese Namen freundlich, nicht barsch ablehnen und zeigen, dass wir verstehen, wir seien damit gemeint, so kurz und freundlich wie möglich erklären, dass wir es vorziehen, keinen Sekten- und Parteinamen zu tragen, kurz und gut Christen zu heißen im weitesten und vollsten Sinne des Wortes, was bedeutet, dass wir kein anderes Haupt haben als unseren Herrn Jesus Christus, und keine andere Organisation anerkennen als die von ihm ins Leben gerufene, die eine Versammlung des lebendigen Gottes, die Herauswahl oder der Leib Christi, deren Namen im Himmel angeschrieben sind.

nach oben

Studie 3

Die Berufung der Neuen Schöpfung

Die Berufenen allein wählbar. - Wann begann die Berufung zu dieser großen Errettung? - Die Berufung der Reue ist noch nicht die Berufung zur göttlichen Natur. - Die Berufung im jüdischen Zeitalter. - Die Berufung im Evangeliums-Zeitalter. - Warum nicht viele Weise, Große und Mächtige berufen sind. - Erhöhung ist der Lohn für wahre Demut. - Charakter ist eine Bedingung für die Berufung. - Im Millennium wird die Welt nicht berufen, sondern ihr wird befohlen. - Die Zeit für die hohe Berufung hat ein Ende. - Die "Neue Schöpfung" vom Vater gezogen oder berufen. - Christus unsere Weisheit. - Christus unsere Gerechtmachung. - Unterschied zwischen der zugerechneten und der tatsächlichen Gerechtigkeit. - Bedarf die "Neue Schöpfung" der Gerechtmachung? - Die Grundlage der Gerechtmachung. - Die Gerechtmachung der Alttestamentlichen Überwinder ist verschieden von der unseren. - Die Gerechtmachung im Tausendjahrreich. - Christus unsere Heiligung. - Die Heiligung im Tausendjahrreich. - Die levitischen Vorbilder zwei verschiedener Weihungen. - Keine der vorbildlichen Klassen erhielt einen Anteil an dem Land Kanaan. - Die Große Schar. - Die zwei Teile der Heiligung. - Der Teil des Menschen. - Der Teil Gottes. - Die Erfahrungen je nach dem Charakter verschieden. - Heiligung nicht nur vorübergehendes Gefühl, aber auch nicht Vollkommenheit. - "Der da heilet alle deine Gebrechen." - Der Thron der Gnade ist unentbehrlich. - Zusammenhang zwischen Rechtfertigung und Heiligung. - Weihung seit dem Ende der hohen Berufung. - Die Errettung der Herauswahl.

Die Gelegenheit, Glieder der Neuen Schöpfung zu werden und teilzunehmen an deren Vorrechten und Aufgaben, an deren Glück und Herrlichkeit, ist nicht der Menschheit im allgemeinen angeboten, sondern nur einer "berufenen" Klasse. Das ist in der Schrift sehr bestimmt gesagt. Israel nach dem Fleisch war vom Herrn berufen, sein besonderes Volk zu sein, abseits von anderen Völkern und Nationen, wie geschrieben steht: "Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt (anerkannt)." (Amos 3:2) Israels Berufung war nicht die "hohe" oder "himmlische", und darum finden wir auch in den an jenes Volk gerichteten Verheißungen keine himmlischen Dinge erwähnt. Ihre Berufung war ein Vorbereitungsstadium, das einen Überrest des Volkes befähigen sollte, die hohe Berufung der großen "Errettung" zu vernehmen und auszunutzen, "welche den Anfang ihrer Verkündigung durch den Herrn empfangen hat und uns von denen bestätigt worden ist, die es gehört haben." (Hebr. 2:3) Nach den Bedingungen der hohen und himmlischen Berufung müssen wir also nicht im Alten, sondern im Neuen Testamente suchen, wiewohl wir, wenn uns die Augen des Verständnisses aufgehen, so dass wir die Tiefen Gottes gewahren, in dem Schicksal Israels nach dem Fleisch gewisse vorbildliche Belehrungen schöpfen mögen, die für den geistigen, mit der himmlischen Berufung bedachten Samen von Nutzen sein können. Denn der Apostel weist uns selbst darauf hin: Israel nach dem Fleisch, seine Gesetze, Gottes Handlungsweise mit ihm, waren Schatten oder Vorbilder der besseren Dinge, die für jene bestimmt sind, die zur Neuen Schöpfung berufen werden.

Da in Gottes Plan Jesus in allen Dingen den Vorrang haben sollte, so musste auch er der erste zur Neuen Schöpfung Berufene, das Haupt, der Hohepriester, der Führer jener neuen Klasse von Söhnen Gottes, der Anführer ihrer Errettung, ihr Vorbild werden, nach dem sie sich richten, ihr Vorläufer, in dessen Fußstapfen sie treten konnten. Demnach konnte den Heiligen des Alten Bundes ein Anteil an der Neuen Schöpfung nicht gegeben werden. Von Johannes dem Täufer sagt unser Herr selbst: "Wahrlich ich sage euch, unter den von Weibern Geborenen ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer; der Kleinste aber im Reich der Himmel ist größer als er." (Matth. 11:11) Und der Apostel erklärt, nachdem er von dem Glauben und dem edlen Charakter seiner Brüder des vergangenen Zeitalters ein begeistertes Lob gesungen hatte: "Gott hat für uns etwas Besseres vorgesehen, auf dass sie nicht ohne uns vollkommen gemacht würden." - Hebr. 11:40

Außerdem müssen wir uns daran erinnern, dass niemand berufen werden kann, solange er noch um der Sünde Adams willen verurteilt ist. Um jener "hohen Berufung" teilhaftig werden zu können, muss erst die Freisprechung von dem über Adam gefällten Urteil erfolgt sein, und diese konnte dem Volke Israel durch das Blut der Stiere und Böcke nicht zuteil werden, weil es die Sünde nicht hinwegnehmen konnte. Jene Opfer waren nur Vorbilder der besseren Opfer, die gegenwärtig den von der Gerechtigkeit gegen uns erhobenen Ansprüchen genügen. Die himmlische Berufung konnte also nicht beginnen, bevor unser Herr Jesus das Lösegeld bezahlt und uns mit seinem eigenen kostbaren Blut erkauft hatte. Selbst die Apostel waren nur versuchsweise zur Neuen Schöpfung berufen und als solche gerechnet, bis der Erlöser den Loskaufpreis bezahlt, zum Himmel gefahren und daselbst das Lösegeld dargebracht hatte. Erst dann erkannte der Vater sie am Tage der Pfingsten und zeugte sie durch seinen Heiligen Geist zu "Neuen Schöpfungen." Unser Herr sagte freilich zu den Pharisäern: "Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder." (Matth. 9:13) Aber es ist ein großer Unterschied zwischen Berufung von Menschen zur Buße und Berufung zur himmlischen Natur und Miterbschaft mit Christo. Zu letzterer werden Sünder nicht berufen, darum müssen wir, die wir "von Natur Kinder des Zornes" sind, erst von aller Schuld freigesprochen sein um des kostbaren Blutes Christi willen.

Darum lesen wir auch in der Einleitung des Römerbriefes (1:7), dass er gerichtet ist "an alle Geliebten Gottes, berufene Heilige, die in Rom sind" (an alle, die berufen sind, Heilige zu sein, Teilhaber der göttlichen Natur zu werden), und in der Einleitung des ersten Korintherbriefes (1:2): "Der Versammlung Gottes, die in Korinth ist, den Geheiligten in Christo Jesu, den berufenen Heiligen, samt allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesu Christi anrufen." Die Beschränkung der Berufung auf diese Klasse wird noch weiter betont in Vers 9, der Gott als den Berufer bezeichnet: "Gott ist treu, durch welchen ihr berufen worden seid in der Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn." Dies setzt eine Gemeinsamkeit, Einigkeit voraus; die Berufung bezweckt also, unter den Menschen etliche zu finden, die als "Neue Schöpfungen" mit ihrem Erlöser eins werden, Miterben werden sollen an der Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit, die er als Lohn für den erwiesenen Gehorsam empfing.

Hier werden wir an die Worte des Apostels erinnert, die zu verstehen geben, dass wir unter ganz bestimmten Bedingungen Miterben Christi werden können: "Wenn wir anders mitleiden, auf dass wir auch mitverherrlicht werden." (Röm. 8:17) Im ersten Kapitel des ersten Korintherbriefes zeigt der Apostel, dass die Berufung, die er bespricht, keineswegs dieselbe ist, wie sie eine Zeitlang an die Juden allein erging, und seine Worte zeigen weiter, dass nicht alle berufen sind. Wir lesen Vers 24: "Den Berufenen selber aber, sowohl Juden als Griechen (predigen wir) Christum (nicht wie den unberufenen Juden und Griechen als Ärgernis oder Torheit, sondern) Gottes Kraft und Gottes Weisheit." Im Hebräerbrief endlich hebt der Apostel in Kapitel 9:15, 16 hervor, dass die Berufung dieses Evangeliums-Zeitalters nicht ergehen oder wirksam werden konnte, bevor nicht der Herr, durch seinen Tod, eine Bürgschaft des Neuen Bundes wurde. "Darum ist er Mittler eines neuen Bundes, damit, da der Tod stattgefunden hat zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten (Gesetzes-) Bund, die Berufenen die Verheißung des ewigen Erbes empfingen." - Hebr. 7:22

Nicht viele Große, Weise oder Gelehrte berufen

Wir könnten nun natürlicherweise annehmen, dass diese besondere Berufung, wenn sie so eingeschränkt war, vorab beschränkt worden wäre auf die Besten des gefallenen Geschlechtes, auf die Edelsten, Tugendhaftesten, Begabtesten. Dem widerspricht aber der Apostel, wenn er schreibt: "Sehet eure Berufung, Brüder, dass es nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Edle sind, sondern das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, auf dass er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache der Welt hat Gott auserwählt, auf dass er das Starke zuschanden mache; und das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott auserwählt, das, was nicht ist, auf dass er das, was ist, zunichte mache, damit sich vor Gott kein Fleisch rühme." (1. Kor. 1:26-29) Als Grund hierfür gibt der Apostel an, dass Gott nicht wollte, dass irgendein Mensch sich rühme, er habe die ihm verheißenen großen Segnungen irgendwie verdient. Das ganze Verfahren soll dazu dienen, Engel und Menschen erkennen zu lassen, wie machtvoll Gott ist, so dass er niedrige, verachtete Charaktere in edle und reine zu verwandeln vermag, nicht mit Gewalt, sondern vermittelst der reinigenden Wirkung der Wahrheit, indem er in den Berufenen durch die Verheißungen und vor sie gesetzten Hoffnungen beides wirkt, sowohl das Wollen als auch das Wirken nach seinem Wohlgefallen. Diese Vorkehrung Gottes wird nicht allein zu seiner Ehre dienen, sondern auch jene, die er segnen will, demütig machen und daher zu ihrem ewigen Besten dienen. Wiederholt hebt das Neue Testament hervor, dass diese Berufung, diese große Errettung, nicht von Menschen ist, noch durch menschliche Macht bewirkt wird, sondern eine Gnadengabe Gottes ist. Auch ist es nicht schwer einzusehen, warum diese Berufung verhältnismäßig wenig Anziehungskraft hat für die Hochstehenden und mehr für die Ungebildeten.

Hochmut ist eine wirksame Kraft der gefallenen Natur, mit welcher immer gerechnet werden muss. Jene, die weniger tief gefallen sind als die Mehrheit ihrer Mitmenschen und deshalb von Natur aus über dem Durchschnitt der Menschen stehen, sind befähigt, dieses ihres Vorzuges sich bewusst zu sein, und daher ihre Überlegenheit zu fühlen und stolz darauf zu sein. Solche könnten auch, wenn sie den Herrn suchen und seinen Segen, seine Gunst wünschen, sich versucht fühlen zu erwarten, dass der Herr sich mit ihnen auf einen anderen Fuß stelle als mit ihren tiefer gefallenen, weniger edlen Mitmenschen. Gottes Maßstab aber ist Vollkommenheit; was diesem Maßstab nicht entspricht, ist verurteilt, und jeder Verurteilte ist auf den einen Erlöser angewiesen, mag er mehr oder weniger vom Schaden Adams geerbt haben. Eine solche Bedingung ist natürlich für die Kleinen in dieser Welt, für die tiefer Gefallenen, anziehender als für die Edleren. Die Schwachen empfinden eher, dass sie eines Erretters bedürfen, denn ihre Unvollkommenheiten sind ihnen viel fühlbarer. Die weniger tief Gefallenen, die darüber eine gewisse Selbstzufriedenheit empfinden, sind nicht besonders geneigt, sich vor dem Kreuz Christi tief zu beugen und von dorther Rechtfertigung als freie Gnadengabe zu empfangen, auf sie allein gestützt dem Thron der himmlischen Gnade zu nahen und von dort Begnadigung und gnädige Hilfe entgegenzunehmen. Sie sind eher geneigt, sich auf ihr eigenes Verstehen zu verlassen und mit sich selbst so zufrieden zu sein, dass sie nicht eingehen können durch die enge Pforte und nicht auf dem schmalen Wege wandeln.

Gott setzt eine Belohnung aus für die Demut, die von denen erwartet wird, die eingeladen werden, Glieder der Neuen Schöpfung zu werden. Der Apostel sagt (1. Petr. 5:6): "So demütiget euch nun unter die mächtige Hand Gottes, auf dass er euch erhöhe zur rechten Zeit." Er weist auf das Vorbild hin, Christum Jesum, der sich selbst erniedrigte, verachtet wurde, eine geringere Natur annahm und den Tod, ja, den schmachvollen Kreuzestod erlitt, und der wegen dieser Demut und dieses Gehorsams so hoch erhöht wurde. Denn "Gott widersteht dem Hochmütigen, dem Demütigen aber gibt er Gnade." (1. Petr. 5:5) Ihr seht eure Berufung, Brüder, dass nicht viele Große und Weise und Gelehrte berufen sind, sondern meist solche, die in den Augen der Welt arm, aber an Glauben reich sind. Wie auf die Demut, so setzt Gott auch auf den Glauben eine Belohnung. Für seine Neue Schöpfung sucht er solche, die ihm ganz zu vertrauen gelernt haben, sich an seiner Gnade genügen lassen und in der Kraft, die er verleiht, die Vorbedingung zu ihrer Erhöhung erfüllen, das heißt den Sieg, zu dem er sie beruft, davontragen.

Dennoch ist Charakter eine Vorbedingung für die Berufung

Wenn nun Gott auch nicht die Großen, Weisen und Gelehrten beruft, so dürfen wir daraus nicht schließen, dass sein Volk nun niedriger Gesinnung und unwissend sei im Sinne von heruntergekommen, verderbt und böse. Im Gegenteil; der Herr beurteilt, die er ruft, nach dem denkbar erhabensten Maßstab. Sie sind berufen zur Heiligkeit, zur Reinheit, zur Treue, zur Gerechtigkeitsliebe. Sie sollen diese Dinge für sich selbst von Herzen hochschätzen und danach wandeln, zur Ehre dessen, der sie berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. (2. Petr. 1:3; 1. Petr. 2:9) Die Welt mag sie nur nach dem Fleische kennen, und nach dem Fleische mögen sie nicht edler und feiner sein als andere, oftmals weniger edel und fein; aber ihre Annahme bei dem Herrn erfolgte nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist, nach ihrem Herzen und ihren Absichten. Folglich sind sie von dem Augenblick an, da sie die Gnade Gottes in Christo und die Vergebung ihrer Sünden annehmen und sich dem Herrn weihen, gerechnet, als wären sie den Schaden, der ihnen als Kinder Adams anhaftet, losgeworden; sie werden gerechnet, als ob ihr Fleisch in das Kleid des Verdienstes Jesu Christi gehüllt wäre, das alle ihre Gebrechen deckt. Die neue Gesinnung, der neue Wille ist die von Gott angenommene, berufene Neue Schöpfung; mit dieser allein handelt er.

Gewiss, die neue Gesinnung wird sich beim Erstarken als edel, ehrenhaft und aufrichtig ausweisen, und immer mehr Beherrschung über das Fleisch gewinnen, so dass jene, die da draußen sind und die Neue Schöpfung nicht erkennen, wie sie auch den Herrn nicht erkannt haben, sich schließlich wundern über die guten Werke, den heiligen Wandel, den Geist eines gesunden Sinnes jener Neuen Schöpfungen, auch dann noch, wenn sie dieselben auf unedle Beweggründe zurückführen. Trotz des allmählichen Wachstums der neuen Gesinnung, trotz ihrer allmählichen Annäherung an die Gesinnung des Herrn, mögen sie vielleicht niemals zur vollen Beherrschung des sterblichen Leibes, in welchem sie wohnen, gelangen; doch muss es der Zweck aller ihrer Bemühungen sein, Gott auch in ihrem Leibe zu verherrlichen, so gut wie in ihrem Geist, ihrer Gesinnung, die sein Eigentum sind. - 1. Kor. 6:20

Lasst uns einige Charakterzüge der "Neuen Schöpfung" hier anführen. Der Apostel richtet an sie eine Ermahnung, die wert ist, beherzigt zu werden: "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, zu welchem du berufen worden bist." (1. Tim. 6:12) Diese Neuen Schöpfungen sollen nicht erwarten, den Sieg und den darauf gesetzten großen Preis zu erringen ohne Kampf mit dem Widersacher, der sie überall umgebenden Sünde und der Schwachheit ihres eigenen Fleisches, wiewohl jene gemäß den Bestimmungen des Gnadenbundes durch Christi Verdienst zugedeckt ist.

Wiederum ermahnt der Apostel diese Klasse: "Wandelt würdig des Gottes, der euch zu seinem eigenen Reich und seiner eigenen Herrlichkeit beruft." (1. Thess. 2:12) Die Neue Schöpfung darf sich nicht darauf beschränken, ihre Berufung und schließliche Belohnung in der Herrlichkeit des Königreiches zu erkennen; sondern sie muss sich dessen bewusst sein, dass sie im gegenwärtigen Leben ein Vertreter Gottes und seiner Gerechtigkeit geworden ist, auf dass sie demgemäss zu wandeln suche. So lesen wir auch: "Wie der, welcher euch berufen hat, heilig ist, seid auch ihr heilig in allem Wandel; denn es steht geschrieben: Seid heilig, denn ich bin heilig." (1. Petr. 1:15, 16) Und wiederum: "Verkündigt die Tugenden dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht." - 1. Petr. 2:9

Neue Schöpfungen, Israeliten nach dem Geiste, sind keinen besonderen Gesetzen, wie die Israeliten nach dem Fleische es waren, unterworfen. Sie stehen unter dem "Gesetz der Freiheit", auf dass sie ihre Liebe für den Herrn nicht nur darin erweisen können, dass sie freiwillig alle Dinge vermeiden, von denen sie wissen, dass der Herr sie missbilligt, sondern auch darin, dass sie menschliche Rechte und Interessen darangeben im Dienste der Wahrheit und Gerechtigkeit, für den Herrn und die Brüder. Darum sagt der Apostel: "Gott hat uns nicht berufen zur Unreinigkeit, sondern zur Heiligkeit." (1. Thess. 4:7) Und wiederum: "Ihr seid zur Freiheit berufen worden, Brüder; allein gebrauchet nicht die Freiheit zu einem Anlass für das Fleisch" (Gal. 5:13), zu üblem Tun; gebrauchet eure Freiheit vielmehr zum Hingeben gegenwärtiger Rechte zugunsten der Wahrheit und des Dienstes an ihr, auf dass ihr so opfernde Priester der königlichen Priesterschaft sein möget, die mit der Zeit im Reiche Gottes herrschen werden als Miterben Christi, um der Welt die Segnungen Gottes auszuteilen.

Zahlreich sind die Schriftstellen, welche zeigen, dass die Berufung der "Neuen Schöpfung" eine Berufung zur Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit ist. (Phil. 3:14; 2. Petr. 1:3 usw.) Aber stets zeigt der Herr, dass der Weg zu dieser Herrlichkeit schmal ist und durch Opfer, Prüfungen und Erprobungen führt. Nur wer von seinem Geist gezeugt, ja, davon erfüllt ist, wird schließlich ein Überwinder werden und die herrlichen Dinge erreichen können, zu denen er berufen war. Der Weg zu ihnen ist für die Berufenen gangbar gemacht worden durch den, der verheißen hat: "Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht."

Wir dürfen nicht glauben, dass es verschiedene Berufungen gebe, sondern müssen eingedenk sein der Erklärung des Apostels: "Ihr seid berufen worden in einer Hoffnung eurer Berufung." (Eph. 4:4) Wer also denkt, er habe die Wahl in dieser Angelegenheit, der irrt. Im zukünftigen Zeitalter wird es für die Welt keine Berufung geben; Gott wird alsdann keine besondere Klasse mehr herauswählen, die er absondern, auszeichnen und zu einer besonderen Stellung führen könnte. Im Tausendjahrreich wird der Herr die Welt nicht einladen, sondern ihr befehlen, den Gesetzen und Grundsätzen der Gerechtigkeit zu gehorchen, jeder einzelne wird der Regierung des Tausendjahrreiches zu gehorchen gezwungen, nicht nur eingeladen werden. Ungehorsame werden Streiche empfangen und Unverbesserliche werden aus der Mitte ausgerottet werden, wie geschrieben steht. (Apg. 3:23) Sie werden den zweiten Tod sterben, von dem es keine Wiederherstellung, kein Wiederaufleben, gibt.

Wenn es auch keine zweite Berufung während des Evangeliums-Zeitalters gibt, wie wir gesehen haben, so gibt es doch eine zweite Klasse Geretteter während dieses Zeitalters - die Große Schar, "deren Zahl niemand zählen kann". (Offb. 7:9-14) Sie wird Gott dienen in seinem Tempel und vor dem Thron, während die Braut auf dem Thron sein wird, bestehend aus den Gliedern oder lebendigen Steinen des Tempels. Die Glieder der Klasse der Großen Schar haben keine besondere Berufung. Sie hätten es ebenso leicht und in einer sie selbst besser befriedigenden Weise zu der Herrlichkeit der göttlichen Natur gebracht, wenn sie freudigeren, volleren Gehorsam geleistet hätten. Sie werden schließlich auch Überwinder, was durch die Palmen in ihren Händen angedeutet ist; aber ihr Mangel an Eifer ließ sie der Teilhaberschaft an der Überwinderklasse verlustig gehen, der Miterbschaft an der ewigen Herrlichkeit der Neuen Schöpfung, und schon vorher des größten Teiles der Freude, des Friedens und der Zufriedenheit, die schon in diesem Leben das Teil der Überwinder sind. Der Rang, den sie einnehmen werden, wird, wie wir schon früher zeigten, in manchen Punkten dem der Engel ähnlich sein.

Die Berufung zur Neuen Schöpfung ist auf eine bestimmte Zeit beschränkt, wie der Apostel erklärt: "Jetzt ist die wohlangenehme Zeit; siehe, jetzt ist der Tag des Heils" (2. Kor. 6:2), und: "Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht." (Hebr. 3:15) Dieser Tag, dieses Jahr, dieses Zeitalter der Annahme begann mit der Weihung unseres Herrn Jesu. Er wurde berufen. Er nahm sich nicht selbst die Ehre, und so ist es auch seither gehalten worden: "Niemand nimmt sich selbst die Ehre". (Hebr. 5:4) Gar zu dreist wäre ein Mensch, wenn er einen Anspruch auf seine Verwandlung zur göttlichen Natur erheben wollte, seine Verwandlung aus einem Glied der Familie Adams, einem Erben seiner Schuld zu einem Miterben Christi an allen Gütern und Herrlichkeiten und Ehren, deren Erbe Jesus wurde, nachdem er der Berufung gefolgt und der rechtmäßige Erbe aller dieser Güter für alle Ewigkeit wurde.

Diese Berufung, dieser "Tag des Heils", diese "Zeit der Annahme" wird ebenso sicher einmal enden, wie sie zur bestimmten Zeit begann. Gott hat es so geordnet, dass eine festbestimmte Zahl Menschen zur Neuen Schöpfung gelangen soll; sobald diese Zahl voll ist, wird der Zweck des Evangeliums-Zeitalters vollbracht sein. Wir dürfen auch bemerken, dass, sobald die genügende Zahl berufen ist, die Berufung aufhören muss; denn es wäre nicht vereinbar mit der Weisheit Gottes, auch nur einen einzigen Menschen mehr zu berufen, als er zuvor bestimmt hat, auch wenn er zuvor wüsste, wie viele Berufene des Gehorsams ermangeln und verfehlen würden, ihre Berufung und Erwählung festzumachen, und die daher ersetzt werden müssten. Es wäre des Allmächtigen nicht würdig, mit seinen Geschöpfen mutwillig zu scherzen und auch nur eine einzige Einladung mehr ergehen zu lassen, als durchgeführt werden könnte, wenn sie angenommen wird. Die Schrift bezeugt, dass für jedes Glied der festbestimmten zuvor beschlossenen Zahl zukünftiger Priesterkönige eine Krone vorhanden ist, und dass für jeden, der des Herrn Berufung annimmt und sich dem Herrn weiht, eine dieser Kronen in Bereitschaft liegt. Wir können nun wohl nicht annehmen, dass der Herr, nachdem ein Berufener die Berufung angenommen hat, ihm mitteilen würde, es sei jetzt keine Krone mehr verfügbar, er müsse warten, bis ein bereits Angenommener sich als untreu erwiesen und sein Kronenrecht verloren habe. Unseres Herrn Ermahnung: "Halte fest was du hast, auf dass niemand deine Krone nehme", scheint nicht nur diese bestimmte Zahl Kronen, sondern auch am Ende des Zeitalters eine Zeit vorauszusetzen, da die ihren Bundesverpflichtungen nicht gewissenhaft Nachkommenden verworfen und andere Anwärter auf ihre Kronen anerkannt würden. - Offb. 3:11

Nach unserem Verständnis hat die allgemeine Berufung zur Miterbschaft mit unserem Erlöser, zur Gliedschaft der Neuen Schöpfung im Jahre 1881 aufgehört. Aber wir nehmen an, dass von den damals Geweihten eine große, sich auf alle Teile der Namenchristenheit verteilende Zahl - etwa 20.000 bis 30.000 - sich bis zum Ende der Übergangszeit nicht werden getreu erwiesen haben. Diese werden, wenn ihre Erprobung durchgeführt und zu ihrem Nachteil ausgefallen ist, einer nach dem anderen aus der Schar der Berufenen ausgemerzt, um anderen, die sich, seitdem die direkte Berufung aufhörte, geweiht haben, Platz in der Familie Christi und seiner Miterben zu machen. Diese werden nun ebenfalls auf die Probe gestellt und, wenn unwürdig befunden, wiederum durch andere ersetzt, die sich in einer der Geweihten würdigen Herzensstellung befinden. Da bedurfte es seit 1881 keiner allgemeinen Berufung mehr. Den jetzt Zugelassenen kann die Gelegenheit, der Vorrechte teilhaftig zu werden, geboten werden, wenn sie auch nicht unter der allgemeinen Berufung gekommen sind, die seit 1881 nicht mehr ergeht. Sie werden auf Probe zugelassen, je nachdem sich Gelegenheit bietet, entstandene Lücken auszufüllen. Wir erwarten, dass dieses Gehen und Kommen weitergehen wird, bis das letzte Glied der Neuen Schöpfung würdig befunden worden sein wird, bis alle Kronen bleibend verteilt sind.

Der Apostel erklärt: "Ihr aber, Brüder, seid nicht in Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb ergreife." (1. Thess. 5:4) Gestützt auf die verschiedenen angeführten Schriftstellen sind wir geneigt anzunehmen, dass in dieser Erntezeit des Evangeliums-Zeitalters ein gewisses Maß Erkenntnis der Wahrheit über den Plan Gottes, die Gegenwart des Menschensohnes und das Erntwerk allein Geweihten des Herrn gegeben wird. Wir nehmen an, dass auf diese Weise die "gegenwärtige Wahrheit" eine gute Erprobung der wahren Herzensstellung eines jeden Geweihten bewirken kann, gerade wie die Verkündigung der Gegenwart des Herrn und der Ernte am Ende des jüdischen Zeitalters die Probe für Israel nach dem Fleische war. Wir glauben ferner, dass die, welche in dieser Erntezeit zu einer klaren Erkenntnis der Wahrheit kommen und Beweise der Aufrichtigkeit ihres Glaubens an das kostbare Blut und ihrer völligen Weihung geben, wenn ihnen ein klarer Einblick in den Plan Gottes geschenkt ist, als solche angesehen werden sollten, die das Zeugnis haben, dass sie vom Herrn angenommen sind als voraussichtliche Miterben Jesu Christi, auch wenn sie sich erst nach 1881 geweiht haben. Hat ihre Weihung schon stattgefunden, bevor die Berufung aufhörte, so können wir verstehen, dass sie nach so langer Zeit in die richtige geweihte Stellung gekommen sind, und dass die Erkenntnis der gegenwärtigen Wahrheit ihnen als eine Gnadengabe geschenkt wurde, als ein Zeugnis dafür, dass sie den Geist Gottes haben. Gehörten sie im Jahre 1881 noch nicht zu den Geweihten, so dürfen wir schließen, dass sie jetzt Eintritt in die Klasse der Berufenen erlangt haben, weil ihnen die Plätze früherer Berufener angewiesen wurden, die es an Eifer fehlen ließen, die weder kalt noch warm waren, und die deshalb ausgewiesen und in die Finsternis draußen verstoßen wurden, wo sie den ihnen gebührenden Teil der kommenden Drangsal schmecken und, weil sie auf das Wort nicht haben hören wollen, nun mit Schlägen gezüchtigt und erzogen werden müssen. Diese werden nach einer Zeit schwerer Trübsal zu einem Platz in der Großen Schar gelangen, während sie, hätten sie willig und freudig gelitten, zu einem Platz neben Christo auf dem Thron hätten gelangen können.

Wie Gott beruft

"Aus ihm aber seid ihr in Christo Jesu, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung." - 1. Kor. 1:30

Christus unsere Weisheit

Die Weisheit wird hier als der erste und insofern als der wichtigste Schritt auf dem Wege der Errettung bezeichnet. Salomos Zeugnis stimmt damit überein, wenn er sagt: "Weisheit ist das wichtigste; mit all deiner Kraft erwirb Verständnis." Wie gut unsere Vorsätze auch sein mögen, seien wir stark oder schwach, wir bedürfen der Weisheit, um den richtigen Weg einzuschlagen. Das ist ein allgemein anerkannter Grundsatz. Alle, auch selbst weniger intelligente Menschen suchen nach mehr Kenntnis und Weisheit; selbst solche, die die verkehrten Wege einschlagen, tun dies, weil sie ihnen am Anfang keineswegs verkehrt schienen. So war es schon bei Mutter Eva der Fall. Sie hatte Verlangen nach Kenntnis und Weisheit; und allein in der Tatsache, dass der Genuss der verbotenen Frucht ihr als ein Weg zur Weisheit erschien, bestand die Versuchung zum Ungehorsam dem Schöpfer gegenüber. Wie sehr bedürfen wir also einen weisen Berater, um uns auf die Wege der Weisheit und des Friedens zu führen!

Und wie Mutter Eva in ihrer Vollkommenheit eines weisen Führers bedurfte, wie viel mehr wir, ihre gefallenen unvollkommenen Kinder! Unser himmlischer Vater hat, als er uns zur Gliedschaft der Neuen Schöpfung berief, unsere Mängel vorausgesehen. Er wusste, dass unsere eigene Weisheit unzulänglich sein werde; dass des Widersachers List und seine fälschliche Weisheit uns betören könnte, um uns Licht als Finsternis und Finsternis als Licht erscheinen zu lassen. Darum musste uns Christus zur Weisheit gemacht werden. Um zu Gott zu gelangen, um des Verdienstes Jesu Christi und danach der Sohnschaft teilhaftig zu werden, bedürfen wir der Hilfe, der Anleitung, der Weisheit, der Öffnung der Augen unseres Verständnisses, damit wir die Vorkehrungen Gottes in seinem Sohn zu unseren Gunsten erkennen können.

Um für die Weisheit von oben hörende Ohren zu haben, bedarf es zunächst einer ernsten Gesinnung. Wir müssen ein gutes Maß Demut besitzen, damit wir nicht mehr von uns denken, als sich zu denken gebührt, damit wir unsere Schwachheiten, Gebrechen und unsere Unwürdigkeit mit Gottes Augen betrachten lernen. Wir müssen ferner bis zu einem gewissen Grad offen und ehrlich sein, um die durch die Demut erkannten Mängel zuzugeben und als solche zu erkennen. Wer in dieser Selbsterkenntnis sich umsieht, nach Gerechtigkeit, nach Übereinstimmung mit Gott, den führen Gottes Vorkehrungen hin zu Jesus als dem Retter. Wie unvollständig wir auch zuerst die Lehre der Versöhnung verstehen mögen, das müssen wir wenigstens begreifen, dass wir "von Natur Kinder des Zornes sind, gleichwie die übrigen" - Sünder; dass Christi Opfer ein gerechtes und hinreichendes war, dass er das von Gott ausersehene Opferlamm war (1. Mose 22), und dass Gott sein Opfer annahm; dass wir durch seine Striemen geheilt, durch seinen Gehorsam vom Vater angenommen werden können; dass unsere Sünden auf ihn gelegt wurden, dass er sie wegnahm, dass seine Gerechtigkeit, sein Verdienst uns angerechnet werden kann und unsere Mängel wie ein Kleid verhüllt. Das müssen wir einsehen - Christus muss uns zur Weisheit gemacht sein, bevor wir dieser Kenntnis entsprechend handeln und durch aufrichtige Annahme seines Verdienstes in den Augen des Vaters gerecht gemacht, angenommen und geheiligt, und zu seiner Zeit frei und herrlich gemacht werden können. Aber Christus hört nicht auf, unsere Weisheit zu sein, wenn wir einen Schritt weitergehen, wobei er dann unsere Gerechtigkeit wird. Nein; wir bedürfen seiner immer noch als unsere Weisheit, als unseres weisen Beraters. Unter seiner Leitung müssen wir einsehen lernen, wie weise es ist, sich ganz zu weihen und dieser Weihung gemäß ein Leben in Heiligung zu führen, in völliger Unterwerfung unter den Willen des Vaters. Bei jedem Schritt, den wir weiter tun, ist Weisheit die Hauptsache, und durch dieses ganze Leben der Hingabe oder Heiligung, bei jedem Schritt auf der Pilgerfahrt nach der himmlischen Stadt, bedürfen wir der Weisheit von oben, von der der Apostel sagte, sie sei "zuerst rein, sodann friedsam, gelinde, folgsam, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ungeheuchelt." (Jak. 3:17) Irdische Weisheit handelt nach den Erfordernissen der Selbstsucht, des Eigenwillens, des Hochmuts, der Selbstgerechtigkeit, der Selbstgenügsamkeit, und diese Dinge führen, wie der Apostel zeigt, zu bitterer Eifersucht und zu Streit, weil solche Weisheit nicht von oben kommt, sondern irdisch, sinnlich, teuflisch ist. Die himmlische Weisheit stimmt im Gegenteil überein mit der himmlischen Liebe, die nicht groß tut, sich nicht aufbläht, sich nicht unanständig gebärdet, nicht das Ihrige sucht, sich nicht der Ungerechtigkeit freut, sondern sich mit der Wahrheit freut. (1. Kor. 13:5, 6)

Diese Weisheit handelt auch nach den Grundsätzen der Ordnung, denn wenn sie auch alle Eigenschaften, die der Apostel Jakobus erwähnt, in sich schließt, so weist sie doch diesen Eigenschaften ihren besonderen Platz an. Wenn auch der Geist der Weisheit von oben friedsam ist, das heißt, den Frieden wünscht und ihn zu fördern sucht, so gibt er doch dem Frieden nicht den ersten Platz, sondern der Reinheit. Es ist irdische Weisheit, die Frieden um jeden Preis anrät und das Gewissen schweigen heißt, nur um Frieden zu haben. Die Weisheit, die rein ist, ist harmlos, ehrenhaft und offen, sie liebt das Licht, sie ist nicht von der Finsternis, von der Sünde; sie fordert nicht, was verborgen werden müsste; sie hält das Verborgene meist für Werke der Finsternis, die heimlichen Dinge meist für böse Dinge. Sie ist friedsam, soweit dies vereinbar ist mit Ehrenhaftigkeit und Reinheit, sie wünscht Frieden, Eintracht und Einigkeit. Aber da der Friede nicht zuerst kommt, so kann sie nur mit den Dingen von Herzen zufrieden und in voller Übereinstimmung sein, die ehrbar, rein und gut sind.

Die himmlische Weisheit ist gelinde, nicht barsch, rau, weder in ihren Absichten noch in ihren Methoden. Dennoch kommt die Gelindigkeit nicht an erster, sondern erst an dritter Stelle, nach der Reinheit, nach der Friedsamkeit. Jene, die sie haben, sind nicht zuerst gelinde und dann rein und friedsam, sondern zuerst rein, geheiligt durch die Wahrheit. Weil sie Frieden zu haben und zu finden wünschen, sind sie gelinde und gerne zum Frieden bereit; aber sie können nur mit dem Frieden machen, was rein, friedsam und gelinde ist; sie können mit einem bösen Werk nicht ausgesöhnt werden; einen solchen Weg verbietet der Geist der himmlischen Weisheit.

Himmlische Weisheit ist voller Barmherzigkeit und guter Früchte. Sie freut sich der Barmherzigkeit, von der sie sieht, dass sie einen Hauptzug des Charakters Gottes bildet, den sie sich anzueignen bestrebt ist. Barmherzigkeit und alle guten Früchte des Geistes unseres Herrn gehen sicherlich aus einem Herzen hervor, das von der Weisheit von oben erleuchtet ist, und diese Früchte werden auch reif. Aber diese Barmherzigkeit, die Rücksicht nimmt auf unwissentliche und unwillentliche Verfehlungen und solchen Mitmenschen gerne und hilfsbereit beispringt, kann keine Gemeinschaft haben mit solchen, die wissentlich Böses tun, weil der Geist der Weisheit nicht in erster Linie barmherzig, sondern in erster Linie rein ist. Darum kann die Barmherzigkeit dieser Weisheit sich auch unwillentlichen und unwissenden Übeltätern gegenüber bekunden.

Die Weisheit von oben wird auch als unparteiisch bezeichnet; Parteilichkeit ist Ungerechtigkeit; und die Reinheit, Friedsamkeit, Milde, Barmherzigkeit und die guten Früchte des Geistes der Weisheit von oben bringen uns dahin, dass wir die Person nicht ansehen, sie nach nichts anderem beurteilen als nach ihrer Gesinnung und in dieser allein ihren Wertmesser sehen. Die äußere Erscheinung des natürlichen Menschen, die Hautfarbe usw., hat für den Geist des Herrn, für den Geist der Weisheit von oben nichts zu bedeuten. Er ist unparteiisch; er sucht, was rein, friedsam, milde und wahr ist, wo immer es auch zu finden sei, und unter welcherlei Begleiterscheinungen es auch auftreten mag.

Die Weisheit von oben ist ferner ohne Heuchelei. Sie ist so rein, so friedsam, so milde, so barmherzig gegen alle, dass die Heuchelei ganz überflüssig ist, wo jene Weisheit herrscht. Sie unterhält kein Einvernehmen, keine Vorliebe, keine Gemeinschaft mit dem, was sündhaft ist, weil sie Gemeinschaft und Vorliebe hat für alles, was rein ist oder Reinheit, Frieden und Freundlichkeit fördert. Hierbei ist kein Raum für Heuchelei.

Gott hat uns in allen diesen Punkten die himmlische Weisheit durch seinen Sohn gegeben, nicht allein in der Ankündigung seines Erlösungswerkes, sondern auch dadurch, dass uns der Sohn die Gnadengaben des Geistes und den Gehorsam gegenüber dem Vater vorgelebt hat. So belehrte er uns durch sein Wort und durch sein Vorbild. Außerdem kommt die Weisheit von oben zu uns durch die Apostel als Christi Vertreter, durch ihre Schriften, und ferner durch alle, die diesen Geist der Weisheit von oben schon empfangen haben und täglich bestrebt sind, ihr Licht in einer Weise scheinen zu lassen, die ihrem Vater im Himmel Ehre macht.

Christus unsere Rechtfertigung

Wir haben schon im 15. Kapitel des 5. Bandes die Versöhnung des Menschen mit Gott, deren Grundsatz ist, dass das Verdienst unseres Herrn Jesu allen denen zur Rechtfertigung angerechnet wird, die es annehmen, besprochen. Hier wollen wir nun den Sinn des gebräuchlichen Wortes Rechtfertigung oder Gerechtmachung genauer untersuchen; denn er scheint von der Mehrheit der Kinder Gottes nur unvollkommen verstanden zu werden.

In dem Wort "Rechtfertigung" liegen drei Gedanken: 1. der Gedanke der Gerechtigkeit, des Rechtsmaßstabes; 2. dass etwas mit diesem Maßstab nicht übereinstimmt, dem vollen Maß nicht entspricht; 3. dass die Person oder die Sache, die mangelhaft ist, gerecht gemacht werden soll. Wir denken an folgendes Bild: In den Schalen einer Wage liegen auf der einen Seite die Gerechtigkeit, auf der anderen Seite der Gehorsam des Menschen. Dieser sollte das genaue Gegengewicht bilden, aber der Gehorsam eines jeden ist mehr oder weniger mangelhaft; er bedarf eines Zugewichts, um dem Gewicht der Gerechtigkeit voll zu entsprechen. Adam war vollkommen erschaffen, er war eins mit Gott, ihm gehorsam. Dies war ein richtiger, von Gott gewollter, gerechter Zustand, in dem er hätte bleiben sollen. Durch seinen Ungehorsam aber kam er unter den göttlichen Fluch und wurde sofort verworfen, weil er das von Gott gewollte Maß nicht mehr erfüllte. Seine Nachkommen sind alle in Sünde geboren und in Ungerechtigkeit empfangen; sie sind auf niedrigerer Stufe stehend ins Leben gekommen als ihr Vater Adam; sie weichen noch mehr von dem ursprünglichen Ebenbild Gottes, das die Gerechtigkeit fordert, ab. Es ist demnach nutzlos für irgendeinen Nachkommen Adams, vor Gott hinzutreten, um ihn aufzufordern, ihn zu messen und zu wägen, damit er erfahre, ob er auch vollwertig sei und den göttlichen Maßstab absoluter Gerechtigkeit erreiche. Da der vollkommene Mensch sein Vollgewicht durch seinen Ungehorsam einbüsste, wie viel weniger können wir, die wir das Vollgewicht nie besaßen, die wir unvollkommen, gefallen, herabgekommen sind, hoffen, die Anforderungen der Gerechtigkeit ganz zu erfüllen, um uns vor Gott zu rechtfertigen? Wir haben alle gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten, der Herrlichkeit, in der Adam einst erschaffen wurde.

Wenn wir also einsehen, dass wir als Geschlecht alle ungerecht und unvollkommen sind und niemand durch Werke den Anforderungen der Gerechtigkeit genügen könnte, so begreifen wir auch, dass niemand etwas übrig hat, was er als Lösegeld für seinen Bruder Gott darbringen könnte. (Psalm 49:7) Niemand kann für den Mangel eines anderen aufkommen; nicht nur für andere, nein, auch für sich selbst hat er zu wenig; denn wir haben alle gesündigt und ermangeln der vollkommenen Gerechtigkeit. Kann also Gott Sünder, gefallene Menschen, annehmen, mit ihnen verkehren, nachdem er sie doch schon verurteilt, seiner Gunst und des Lebens unwürdig und des Todes schuldig erklärt hat? Er zeigt uns selbst den Weg, auf dem dies möglich ist, auf dem er gerecht bleiben und doch jeden gerecht machen kann, der an Jesum glaubt. Er zeigt, dass er Christum zum Mittler des Neuen Bundes bestellt, und dass Christus die Welt durch sein eigenes kostbares Blut erkaufte; dass zur rechten Zeit (während des Tausendjahrreiches) Christus seine große Macht an sich nehmen, die Erde als König beherrschen und alle Geschlechter der Erde mit einer Erkenntnis der Wahrheit segnen und den, der da will, zum Ebenbild Gottes, wie es in Adam vertreten war, wiederherstellen werde; letzteres aber wird durch die Erfahrungen des Falles und der Wiederherstellung noch besonders befestigt sein. Dieses Werk der Zurückbringung der Menschen zur Vollkommenheit wird das Werk der tatsächlichen Rechtfertigung sein, zur Unterscheidung von der zugerechneten "Gerechtigkeit aus Glauben" der Herauswahl im Evangeliums-Zeitalter. Diese tatsächliche Gerechtmachung beginnt mit der tausendjährigen Herrschaft unseres Herrn; sie wird allmählich fortschreiten, bis jeder einzelne die denkbar günstigste Gelegenheit gehabt haben wird, in den Besitz dessen zurückzugelangen, was in Adam verloren ging, und noch dazu in den Besitz der Erfahrungen, was für ihn von großem Nutzen sein wird. Gott sei gedankt für diese Zeit der tatsächlichen Gerechtmachung, der Zurechtbringung, der Zurückführung der Willigen und Gehorsamen aus unserem Geschlecht von der Unvollkommenheit zur Vollkommenheit, körperlicher, geistiger und sittlicher Vollkommenheit.

Jetzt sprechen wir aber insonderheit von der Neuen Schöpfung und von den Maßnahmen Gottes zur Rechtfertigung dieser kleinen Zahl aus den Menschen, die er berufen hat zur göttlichen Natur, zur Herrschaft und Unsterblichkeit. Diese bedarf der Rechtfertigung ebenso sehr wie die Welt; denn von Natur "waren wir Kinder des Zornes wie die übrigen." Solange sie als Sünder dem Todesurteil unterworfen waren, konnte Gott mit denen, die er zur Neuen Schöpfung beruft, ebenso wenig verkehren wie mit der Welt. Wenn die Welt gerechtfertigt, vollkommen gemacht werden muss, bevor Gott ihr seine Gunst wieder zuwenden kann, wie kann er mit der Herauswahl verkehren und sie zur Miterbschaft seines Sohnes berufen, bevor sie gerechtfertigt worden ist? Es muss zugegeben werden, dass Rechtfertigung eine notwendige Vorbedingung unserer Berufung zur Neuen Schöpfung ist. Aber wie kann das geschehen? Müssen wir tatsächlich zu leiblicher, geistiger und sittlicher Vollkommenheit wiederhergestellt werden? Nein, Gott hat nicht eine tatsächliche Gerechtmachung im Fleisch für uns vorgesehen, sondern eine zugerechnete, die in der Schrift als "Rechtfertigung aus Glauben" bezeichnet wird. Alle jene, die, solange die Herrschaft der Sünde und des Todes fortdauert, auf die Botschaft der Gnade und des Erbarmens in Christo hören und mit der Weisheit von oben so übereinstimmen, dass sie zugeben, sie seien Sünder, die dann an des Herrn Botschaft von der Gnade und des Erbarmens in Christo glauben, ihre Sünde bereuen und, soweit dies möglich, gutmachen, bringt Gott nicht zur tatsächlichen menschlichen Vollkommenheit zurück, sondern handelt mit ihnen, als wären ihre Mängel durch das Verdienst Christi gutgemacht. Wenn er mit ihnen handelt, so tut er es, als wären sie recht und gerecht, indem er sie durch Glauben rechtfertigt.

Diese Glaubensgerechtigkeit wird uns aber nur so lange zugerechnet, wie wir Glauben haben. Sie wird bezeugt durch unsere Bemühungen, des Herrn Willen zu tun. Sobald Glaube und Gehorsam aufhören, wird auch die Glaubensgerechtigkeit nicht mehr zugerechnet. Dagegen hört die Glaubensgerechtigkeit nicht auf, wenn wir einen Schritt weiter tun, nämlich den der Heiligung oder Weihung. Sie geleitet die Neuen Schöpfungen, macht jeden Schaden gut, der uns des Todesurteils Adams teilhaftig machen würde, und kommt auf für alle Schwachheiten und Mängel in Worten, Gedanken und Werken, die uns zur Last fallen, insofern sie nicht absichtlich, sondern Folgen der ererbten Unvollkommenheit sind. Sie geleitet die Neuen Schöpfungen bis an das Ende ihrer Pilgerfahrt, in allen Prüfungen und Proben, deren sie bedürfen, um sich als der Neuen Schöpfung würdig auszuweisen. Darum sagt auch der Apostel: "Also ist jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste wandeln" (Röm. 8:1, 4) - ungeachtet dessen, dass wir den Schatz der neuen Natur in irdenen Gefäßen haben, und daher fortwährend ungewollte Mängel vorhanden sind, deren geringster uns des ewigen Lebens auf jeder Stufe, auf menschlicher wie auch auf geistiger, unwürdig machen würde, wenn wir nicht bedeckt wären durch unser hochzeitliches Kleid, das Kleid der Gerechtigkeit Christi, durch die zugerechnete oder Glaubensgerechtigkeit. Wir bedürfen ihrer, und sie bleibt unser Kleid, solange wir in Christo bleiben und noch im Fleische sind; aber sie wird aufhören, sobald unsere Erprobung endet, sobald wir als Überwinder angenommen und der ersten Auferstehung teilhaftig geworden sind. Wie der Apostel erklärt: Es wird gesät in Verwesung, Unehre und Schwachheit, aber es wird auferweckt in Unverweslichkeit, Herrlichkeit und Kraft (1. Kor. 15:42, 43), im Ebenbild unseres Herrn, des lebendig machenden Geistes, der selbst das Ebenbild des Vaters ist. Wenn diese Vollkommenheit einmal erreicht ist, dann bedürfen wir der zugerechneten Gerechtigkeit nicht mehr, weil wir dann tatsächlich vollkommen sein werden. Für die Gerechtigkeit an sich bedeutet es keinen Unterschied, dass die Vollkommenheit der Neuen Schöpfung auf höherer Stufe erreicht wird, als die Vollkommenheit der Welt; die Menschen werden, wenn sie Gottes Gnade annehmen, am Ende des Wiederherstellungswerkes auch gerecht oder vollkommen sein, wenn auch auf niedrigerer Stufe als die Neue Schöpfung - ein jegliches vollkommen in seiner Art. Diejenigen, welche jetzt zur göttlichen Natur berufen und durch Glauben zuvor gerechtfertigt sind, damit sie berufen und erprobt werden können, werden nicht tatsächlich gerecht und vollkommen sein, bevor sie in der ersten Auferstehung jene Fülle des Lebens und der Vollkommenheit erreicht haben, in der keine Spur mehr von der jetzigen Unvollkommenheit, die jetzt durch die zugerechnete Glaubensgerechtigkeit nicht beseitigt, sondern nur zugedeckt ist, zu finden sein wird.

Der Grund oder die Grundlage unserer Rechtfertigung

Es hat in manchen Köpfen Verwirrung angestiftet, dass unterlassen worden ist, die verschiedenen Aussagen Gottes über diesen Gegenstand miteinander zu vergleichen. Einige haben aus der Erklärung des Apostels, dass wir aus Glauben gerechtfertigt sind (Röm. 3:28; 5:1; Gal. 3:24), den Schluss gezogen, der Glaube sei so wertvoll in Gottes Augen, dass er unsere Unvollkommenheit aufwiege. Andere verstehen die Erklärung des Apostels, dass wir aus Gnade gerechtfertigt sind (Röm. 3:24; Titus 3:7), so, dass Gott gerecht und rein mache, wen er wolle, ganz willkürlich, ohne Rücksicht auf den Glauben und die Eigenschaften des Menschen. Wieder andere leiten aus der Erklärung, dass wir gerechtfertigt sind durch sein Blut (Röm. 5:9; Hebr. 9:14; 1. Joh. 1:7), ab, der Tod Christi habe alle Menschen gerechtfertigt, ob sie glauben und gehorchen oder nicht. Wieder andere schreiben wegen Röm. 4:25 der Auferstehung Christi die Rechtfertigung aller Menschen zu. Endlich gibt es solche, die aus Jak. 2:24 schließen, dass es auf unsere Werke ankomme, ob Gott uns seine Gnade zuwenden könne oder nicht.

Alle diese Aussagen der Schrift sind Wahrheit, aber sie sind verschiedene Seiten ein und derselben Frage. Es ist gerade so, als wenn wir ein großes Gebäude von allen Seiten betrachten, in dieser Weise zeigen auch die Apostel bald die eine, bald die andere Seite ihres Gegenstandes. Um ein richtiges Gesamtbild zu erhalten, müssen wir somit alle diese Aussagen zusammenstellen.

Zunächst sind wir gerechtfertigt aus Gnade. Es bestand durchaus keine Verpflichtung Gottes, etwas für unsere Wiederherstellung zu tun, nachdem er uns gerechterweise verurteilt hatte. Es war ein Akt freier Gunst oder Gnade, dass Gott, den Fall voraussehend, bevor der Mensch erschaffen wurde, aus Mitleid das geschlachtete Lamm vor Grundlegung der Welt zum Brandopfer und Lösegeld ausersah. Unsere Aussöhnung mit dem Vater und die Art und Weise, wie er sie hinausführen wollte, ist in seine freie Entscheidung gestellt.

Sodann sind wir gerechtfertigt durch das Blut Christi, durch sein Erlösungswerk, seinen Tod, das heißt die Gnade Gottes uns gegenüber wurde dadurch kund, dass er für uns die Fürsorge traf, dass "Jesus Christus durch Gottes Gnade den Tod für jedermann schmeckte" und so die Strafe für Adam bezahlte. Und da die ganze Welt wegen Adams Schuld unter den Fluch kam, so soll die endliche Wirkung das Ausstreichen der Schuld der ganzen Welt sein. Lasst uns auch diesen zweiten Punkt festhalten wie den ersten: Gottes Gnade bedient sich nur dieses einen Kanals, so dass, "wer den Sohn hat, Leben hat; wer aber den Sohn Gottes nicht hat, auch das Leben nicht hat, ... sondern der Zorn (das Todesurteil) Gottes bleibt auf ihm." - 1. Joh. 5:12; Joh. 3:36

Drittens war es ein Teil des Planes Gottes, dass Christus Jesus nicht nur der Erlöser des Geschlechtes, sondern auch der Segner und Wiederhersteller aller derer werden sollte, die mit Gott ausgesöhnt zu werden wünschen. War also einerseits der Tod Jesu unumgänglich notwendig, um die Möglichkeit unserer Aussöhnung zu schaffen, so hätte er nicht der Kanal zu unserer Segnung und Wiederherstellung werden können, wenn er tot geblieben wäre. Er ist also zu unserer Rechtfertigung auferstanden. Der Vater, der ihn als Schlachtopfer ausersah, damit er unser Lösegeld würde, hat ihn auch wiederum aus den Toten auferweckt, auf dass er, wenn seine Zeit gekommen ist, die Menschen gerecht machen und zu einem gerechten Zustand zurückbringen, mit Gott aussöhnen könne.

Viertens sind wir (die Kirche) aus Glauben gerechtfertigt in dem Sinne, dass Gott während des gegenwärtigen Zeitalters nicht für eine tatsächliche Gerechtmachung oder Wiederherstellung, sondern nur für eine zugerechnete Gerechtigkeit aus Glauben Vorsorge getroffen hat. Diese kann natürlich nur solchen zugerechnet werden, die diesem Glauben gemäß leben. Ob wir daran glauben oder nicht, Gottes Vorkehrungen, die er sich vorgesetzt hat, nach welchen er handelt, und die schließlich zur rechten Zeit ihren Zweck erfüllen werden, bleiben bestehen; aber unsere Teilnahme an den uns vor der Welt angebotenen Vergünstigungen ist nur möglich, wenn wir glauben, und nicht, wenn wir nicht glauben. Während des Tausendjahr-Zeitalters wird allen die Länge und Breite des göttlichen Erlösungsplanes geoffenbart werden. Das Königreich Gottes wird in der Welt aufgerichtet sein, und der die Menschheit erkauft hat und mit der nötigen Macht ausgerüstet worden ist, um alle zu segnen und zur Erkenntnis der Wahrheit zu bringen, wird alle tatsächlich gerecht machen und zur Vollkommenheit wiederherstellen, die die Gnade Gottes unter Gottes Bedingungen wünschen und annehmen werden.

Freilich, Glaube wird auch wesentlich sein, solange die Wiederherstellung zur tatsächlichen Gerechtmachung fortschreitet; denn "ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen", und die Wiederherstellungs-Segnungen werden unter Bedingungen verliehen werden, die Glauben voraussetzen. Aber der Glaube, der alsdann als Bedingung für jeden weiteren Schritt der Wiederherstellung entgegen verlangt werden wird, wird grundverschieden sein von dem Glauben, der jetzt von denen, die zu "Heiligen", "Miterben Jesu", "Neuen Schöpfungen" berufen sind, verlangt wird. Wenn das Reich Gottes aufgerichtet, Satan gebunden sein und die Erkenntnis des Herrn die Erde füllen wird, werden alle sehen, dass Gottes Verheißungen in Erfüllung gegangen sind. Vieles, was jetzt nur dem Auge des Glaubens sichtbar ist, wird alsdann tatsächlich gesehen und erkannt werden können. Aber des Glaubens werden dennoch alle bedürfen, die auf dem Wege zur Wiederherstellung wandeln wollen, und so wird die tatsächliche Gerechtmachung am Ende des Tausendjahr-Zeitalters nur von denen erreicht werden, die zuvor im Glauben und in Werken ausgeharrt haben. Wenn auch von jener Zeit geschrieben steht: "Die Toten werden gerichtet werden nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken" im Gegensatz zum Gericht der Herauswahl, das jetzt nach ihrem Glauben erfolgt, so werden doch die Werke jener nicht ohne Glauben sein, ebenso wenig wie unser Glaube ohne die Werke, die wir zu tun imstande sind, bleiben kann.

Die Bedeutung der Aussage des Apostels, dass Gott die Nationen durch Glauben rechtfertigen werde (Gal. 3:8), geht aus dem Zusammenhang klar hervor. Er zeigt, dass die Versöhnung der wiederhergestellten Menschheit mit Gott nicht eine Frucht des Gesetzesbundes sein wird, sondern ein Akt der Gnade, der von der Erfüllung der Bedingungen des Neuen Bundes abhängt, an die geglaubt und denen nachgelebt werden muss von allen, die Vorteile davon genießen wollen. Der Unterschied zwischen der Rechtfertigung jetzt und im neuen Zeitalter ist der, dass die Gläubigen des jetzigen Zeitalters, wenn sie den wahren Glauben haben, durch zugerechnete Gerechtigkeit sofort Zutritt zum Vater erhalten, während Glaube und Gehorsam unter den günstigeren Verhältnissen des nächsten Zeitalters nicht zugerechnete Gerechtigkeit einbringen, sondern - am Ende der tausend Jahre des Königreiches - tatsächliche Gerechtigkeit und Gemeinschaft mit Gott herbeiführen werden. Bis dies der Fall ist, wird die Welt unter der Leitung des Mittlers stehen, dessen Aufgabe es sein wird, ihr den Willen Gottes klarzumachen, überhaupt mit ihr zu verkehren, die Gehorsamen zu bessern und wiederherzustellen, bis er sie tatsächlich vollkommen gerecht gemacht haben wird. Wenn dies einmal geschehen ist, wird er die Menschen ohne Fehl und Makel dem Vater vorstellen und alsdann die Herrschaft wieder Gott dem Vater übergeben. - 1. Kor. 15:24.

Gegenwärtig sucht der Herr sich nur eine besondere Klasse aus, die die Neue Schöpfung zu werden bestimmt ist. Zu dieser himmlischen Bestimmung wurde niemand berufen, der nicht zuvor zur Erkenntnis der Gnade Gottes in Christo gebracht und dadurch befähigt worden wäre, an diese Anordnung Gottes zu glauben, auf das großartige Endresultat des Planes Gottes ein so vollständiges Vertrauen zu setzen, dass es einen bestimmenden Einfluss auf alle seine Entscheidungen im gegenwärtigen Leben ausübt und das zukünftige Leben ihm so überaus wertvoll und im Vergleich damit das gegenwärtige Leben mit allen seinen Interessen als Verlust, als Unrat erscheint. Alle, welche in dieser dunklen Zeit der Vorherrschaft des Bösen den Glauben an die Weisheit, Liebe und Macht des Schöpfers festhalten, gelten vor Gott so, als hätten sie das ganze Tausendjahrreich hindurch gelebt, und als wären sie zur menschlichen Vollkommenheit wiederhergestellt worden. Dieser Zustand der Rechtfertigung wird ihnen in der Absicht gewährt, sie zu befähigen, jene menschliche Vollkommenheit, zu der sie endlich gelangen würden, als Opfer darzubringen, so dass sie ihre als vollkommen gerechneten Leiber und alle ihre Wiederherstellungsvorrechte, irdische Hoffnungen, Bestrebungen und Interessen als Gott angenehme Schlachtopfer darstellen können. Solche vertauschen die Hoffnung auf irdische Herrlichkeit mit der Hoffnung auf die Verheißung der göttlichen Natur, der Miterbschaft mit Christo, an die zur Erprobung unserer Aufrichtigkeit Bedingungen geknüpft sind, die uns jetzt Leiden, Schaden und Unehre bei den Menschen einbringen.

Endlich muss diese jetzt aus Glauben gerechtfertigte Klasse auf der Hut sein, ihren Glauben nicht durch eigenwillige, dem göttlichen Willen zuwiderlaufende Werke zu vernichten. Die Glieder dieser Klasse müssen wissen, dass Gott in seiner Güte ihnen zwar ihren Glaubensstandpunkt anrechnet, ihre Übertretungen als durch das Opfer auf Golgatha gesühnt betrachtet - sie zudeckt - sie nach ihrem Geist, Sinn und Willen und nicht nach ihrem Fleisch und dessen Handlungen beurteilt hat, dass er aber dennoch erwartet, das Fleisch werde soweit wie möglich, soviel an uns ist, der neuen Gesinnung untertan gemacht und zu jedem guten Werk benutzt werden, wo immer sich Gelegenheit bietet; und soweit haben natürlich unsere Werke mit unserer Rechtfertigung zu tun. Sie sind eine Bestätigung, ein Beweis der Aufrichtigkeit unserer Weihung. Nichtsdestoweniger beurteilt uns Gott nicht nach unseren Werken, sondern nach unserem Glauben. Wollte er uns nach unseren Werken beurteilen, so würden wir alle als solche erfunden, die des Ruhmes ermangeln, den wir vor Gott haben sollten. Aber nach ihren Herzen, ihren Absichten beurteilt, können die Neuen Schöpfungen vor dem göttlichen Maßstab dank der Vorkehrung des Gnadenbundes bestehen, indem das Verdienst des Opfers Christi für ihre unabsichtlichen Verfehlungen aufkommt. Sicherlich kann niemand etwas dagegen haben, dass der Herr von uns erwartet, dass wir solche Früchte der Gerechtigkeit hervorbringen, wie sie jetzt unter der Herrschaft der Unvollkommenheit überhaupt möglich sind. Mehr als das fordert Gott nicht; weniger aber sollten wir nicht als vor ihm annehmbar und einer Belohnung würdig betrachten.

Zur Erläuterung der Gnadenvorkehrung zur Rechtfertigung aus Glauben und der Beziehungen, in denen unsere Werke zu ihnen stehen, diene die elektrische Straßenbahn. Die Kraftstation entspricht ungefähr der Quelle unserer Rechtfertigung, der Gnade Gottes. Der Draht oder die Kraftleitung entspricht - allerdings nur sehr unvollkommen - unserem Herrn Jesu, der des Vaters Mittel zu unserer Rechtfertigung ist; der Wagen ist zu vergleichen mit den Gläubigen, und den Leitstangen, die am Draht laufen, entspricht der Glaube. 1. Die ganze Einrichtung spielt nur, wenn die Kraftstation Strom liefert. 2. Der Strom gelangt nur zu dem Wagen durch den Draht. 3. Ohne den Arm des Glaubens, der sich nach dem Herrn Jesus, dem Kanal unserer Rechtfertigung, ausstreckt und ihn festhält, können wir keinen Segen empfangen. 4. Der durch das Festhalten am Herrn Jesu empfangene Segen entspricht der Erleuchtung des Wagens durch den elektrischen Strom; sie beweist, dass er vorhanden ist und benutzt werden kann. 5. Der Motorführer und sein Hebel entsprechen dem menschlichen Willen und 6. der Motor selbst unseren Fähigkeiten, die der Kraft, die aus dem Glauben kommt, zur Verfügung stehen. Diese sechs Teile müssen zusammenwirken, wenn wir Fortschritte machen sollen, wenn wir den uns verordneten Lauf vollenden und schließlich am Ziel angelangen sollen, das in diesem Bild unseren Platz als Neue Schöpfungen in unseres Vaters Haus mit seinen vielen Wohnungen (seinen Existenzbedingungen für die Söhne verschiedener Natur) darstellt.

Die Rechtfertigung und die Alttestamentlichen Überwinder

Die Aussagen der Apostel zeigen, dass es, schon bevor das kostbare Blut zu unserer Erlösung vergossen war, Heilige gegeben hat. Es werden Henoch, Noah, Abraham, Isaak, Jakob, David und verschiedene andere heilige Propheten namhaft gemacht, die aus Glauben gerechtfertigt worden seien. Da sie nicht an das kostbare Blut glauben konnten, welches war wohl der Glaube, der sie rechtfertigte? Wir antworten mit der Schrift: "Sie glaubten Gott, und das wurde ihnen zur Gerechtigkeit (Rechtfertigung, Gerechtmachung) gerechnet." Zwar offenbarte ihnen Gott nicht die Methode seines Planes, wie er es uns gegenüber tat, so dass sie nicht, wie wir, sehen konnten, wie Gott gerecht bleiben und doch jene rechtfertigen kann, die an Jesum glauben. Und, wenn dies so ist, dann kann ihnen auch nicht zur Last gelegt werden, dass sie nicht glaubten, was ihnen gar nicht geoffenbart wurde. Was Gott ihnen aber offenbarte, das glaubten sie, und jene Offenbarungen enthielten, wenn auch nur in Keimform, schon alles, was wir jetzt haben, ungefähr so, wie die Eichel schon den ganzen Eichbaum enthält. Henoch verkündigte das Kommen des Messias und die Segnungen, die sich daraus ergeben würden. (Judas 14,15) Abraham glaubte Gott, dass sein Sohn das große Vorrecht haben sollte, alle Geschlechter der Erde zu segnen. Dies setzt eine Auferstehung der Toten voraus, weil damals schon viele Geschlechter ins Grab gesunken waren. Abraham glaubte, dass Gott imstande sei, die Toten aufzuerwecken, und dieser Glaube war stark genug, ihn willig zu machen, selbst Isaak, in dem doch die Verheißungen erfüllt werden sollten, daranzugeben, indem er folgerte, dass Gott ihn auch aus den Toten auferwecken könne. Wie viel Abraham und andere von der Methode Gottes, die Aufrichtung seiner Herrschaft auf Erden und die Gerechtmachung aller Gehorsamen betreffend zu erkennen vermochten, das können wir nicht bestimmt wissen, aber wir haben das Zeugnis unseres Herrn dafür, dass Abraham sich vom Tausendjahrreich einen genügend klaren Begriff machen konnte, um sich darauf zu freuen. (Joh. 8:56) Vielleicht konnte er sich sogar vorstellen, dass der Herr das große Sühnopfer darbringen werde.

Die Rechtfertigung der Heiligen im vorigen Zeitalter ermöglichte Gottes Freundschaft; dagegen ermöglicht die Rechtfertigung der Heiligen des jetzigen Zeitalters Leben. Trotz dieser Verschiedenheit ist Glaube zu beiden Rechtfertigungen notwendig. Alle waren dem Todesurteil von Rechts wegen unterworfen, und darum konnte niemand als freigesprochen gelten, "zum Leben gerechtfertigt sein" (Röm. 5:18), bevor nicht von unserem Erlöser das große Sühnopfer dargebracht worden war. Der Apostel erklärt, das Opfer sei vorher notwendig gewesen, damit Gott gerecht bleiben und dennoch die vorher geschehenen Sünden hingehen lassen und alle rechtfertigen könne, die des Glaubens an Jesum sein würden. (Röm. 3:25, 26) Voraussehend, dass das Lösegeld bezahlt werden würde, konnte die Gerechtigkeit nichts dagegen einwenden, dass es zuvor denen verkündet werde, die solcher Gunst Gottes - eben, weil sie seinem Worte glaubten, und deren Glaube stark genug war, um sie so weit gerecht und zu Freunden Gottes zu machen - für würdig befunden werden würden.

Der Apostel bezeichnet (Röm. 5:18) die "Rechtfertigung zum Leben" als die Vorkehrung Gottes durch Christum, von der einst alle werden Nutzen ziehen können. Diese "Rechtfertigung zum Leben" ist es auch, die jetzt den zur Neuen Schöpfung Berufenen um ihres Glaubens willen vor den übrigen Menschen zugerechnet wird. Die Rechtfertigung der Auserwählten aber bleibt nicht stehen bei der Ermöglichung des Einvernehmens und Umganges mit Gott als dessen Freunde und nicht Fremde und Feinde, sondern den Auserwählten wird durch denselben Glauben das Anrecht auf Wiederherstellung (zur menschlichen Vollkommenheit) zuteil, gesichert durch das Opfer des Erlösers und dadurch werden sie in die Lage versetzt, dieses Anrecht auf Wiederherstellung daranzugeben, zu opfern, um auf diese Weise Unterpriester und Mitopferer Jesu Christi, des großen Hohenpriesters unseres Bekenntnisses zu werden.

War es den Heiligen des alten Bundes möglich, mit Gott in Harmonie zu kommen durch den Glauben an die Ausführung eines Planes, der ihnen nicht vollständig enthüllt wurde und dessen Ausführung noch nicht einmal begonnen hatte, so war es für die göttliche Gerechtigkeit unmöglich weiterzugehen, bevor das Lösegeld tatsächlich bezahlt und Christus gestorben war. Darum sagt der Apostel (Hebr. 11:40), dass "Gott für uns (die Herauswahl des Evangeliums-Zeitalters, die Neue Schöpfung) etwas Besseres vorgesehen habe, auf dass sie (die demütigen und glaubenden Heiligen der Vorzeit) nicht ohne uns vollkommen gemacht würden". Darum auch erklärt unser Herr Jesus, dass, obwohl kein größerer Prophet aufgestanden sei als Johannes der Täufer, er trotzdem, weil er starb, bevor das Lösegeld tatsächlich bezahlt war, der Kleinste in der Königreichs-Klasse des Himmelreiches in der Neuen Schöpfung größer sein werde als Johannes, und zwar deshalb, weil diese Klasse zum Leben gerechtfertigt und berufen ist, erst mit Christo zu leiden und danach zu herrschen. - Matth. 11:11

Wir haben schon darauf hingewiesen, dass Christus und die erhöhte Herauswahl während des Tausendjahr-Zeitalters die Welt gerecht machen und wiederherstellen werden, und dass diese Rechtfertigung nicht, wie die unsere, eine zugerechnete, sondern eine tatsächliche sein wird, eine Rechtfertigung durch Werke in dem Sinne, dass der Glaube zwar auch erforderlich, aber die Werke ausschlaggebend sein werden. (Offb. 20:12; Matth. 25:35, 36) Gegenwärtig muss die Neue Schöpfung im Glauben wandeln, nicht im Schauen; ihr Glaube wird erprobt; er muss ausharren, als sähe er den Unsichtbaren; er muss an Dinge glauben, die, äußerlich betrachtet, für den gewöhnlichen Verstand unwahrscheinlich, unvernünftig sind. Dieser Glaube muss durch unsere wenn auch unvollkommenen Werke bewiesen werden; für das Fehlende kommen die vollkommenen Werke unseres Herrn auf. Unser Glaube ist vor Gott deshalb annehmbar, weil Gott darauf Rücksicht nimmt, dass wir, wiewohl unvollkommen, nach Kräften suchen, Gott zu gefallen und dadurch Teilhaber der Gesinnung Christi zu werden. Freuen wir uns, um der Gerechtigkeit willen zu leiden, so gilt dies als Beweis dafür, dass wir auch unter angenehmeren Verhältnissen die Gerechtigkeit lieben und ihr treu bleiben werden. Wenn einmal die Erkenntnis des Herrn die ganze Erde erfüllen wird, wenn das Dunkel und der Nebel, die jetzt des Herrn Getreue umgeben, verschwunden sein werden, wenn einmal die Sonne der Gerechtigkeit die Welt erleuchten wird mit Wahrheit, richtiger Erkenntnis Gottes, seines Charakters und seines Planes, wenn einmal die Menschen die Beweise von Gottes Liebe und Gnade und Versöhnung durch Christum sehen werden in der Schrittweisen Hebung derer, die so mit ihm eins zu werden suchen, wenn die Wiederherstellung in leiblicher und moralischer Beziehung wird beobachtet werden können, dann wird der Glaube ziemlich verschieden sein von dem jetzt notwendigen blinden Glauben, dann werden die Menschen nicht mehr wie in einem Spiegel sehen, dunkel und unklar; dann wird das Auge des Glaubens sich nicht abmühen müssen, um Beweise von den herrlichen Dingen zu sehen, die Gott in Bereitschaft hat für die, die ihn lieben. Diese herrlichen Dinge werden vielmehr den Menschen mehr oder weniger deutlich gezeigt werden. Ihr Glaube an Sichtbares wird also wesentlich verschieden sein von dem Glauben, der jetzt von der Neuen Schöpfung gefordert wird. Aber dieser Glaube an das Unsichtbare ist in Gottes Augen kostbar, und darum hat Gott auch eine so hohe Belohnung darauf gesetzt, welcher nur eine kleine Schar, die sie im Glauben erfasst, nachjagt. Wenn aber, was sie geglaubt, im Tausendjahr-Zeitalter vor aller Augen offenbar ist und nicht mehr wird geleugnet werden können, dann wird es nicht mehr am Platze sein, jene besonders auszuzeichnen, deren Zweifel dann erst schwinden.

Wenn einmal die Erkenntnis des Herrn die Erde erfüllen und nicht mehr einer zu seinem Nächsten sagen wird: "Erkenne den Herrn", dann werden die Menschen nicht mehr nach ihrem Glauben, der dann nichts Verdienstliches mehr sein kann, sondern nach ihren Werken und ihrem Gehorsam beurteilt werden; denn es wird geschehen, dass die Seele, die nicht auf jenen großen Propheten hören wird, ausgerottet werden wird aus der Mitte des Volkes. (Apg. 3:23) In der gegenwärtigen Zeit, wo die Erfüllung der Absichten Gottes noch zukünftig und mithin im Verborgenen ist, wo die Sünde vorherrscht und Satan der Fürst der Welt ist, belohnt der Herr den Glauben, wie geschrieben steht: "Euch geschehe nach eurem Glauben" (Matth. 9:29), und: "Dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube." (1. Joh. 5:4) Hinsichtlich der Prüfung der Welt aber im Tausendjahrreich lesen wir, dass die Werke maßgebend sein werden, wenn auch der Glaube erforderlich sein wird. Ihnen wird geschehen nach ihren Werken; diese werden sie am Schluss der tausend Jahre bestehen lassen oder verurteilen. - Offb. 20:12

Rechtfertigung bedeutet, wie wir schon gesehen haben, die völlige Versöhnung der Sünder mit Gott. Nirgends lesen wir, dass der Sünder vor Christo gerecht gemacht werden müsste; wohl aber muss der Sünder durch das Verdienst Christi vor dem Vater gerechtfertigt werden. Die Untersuchung dieses Punktes ist vielleicht ein Beitrag zum Verständnis der ganzen hier untersuchten Frage.

Der Schöpfer hält sich an das von ihm verkündete Gesetz, wonach Adam und sein Geschlecht sich ewigen Lebens und der Gunst Gottes erfreuen sollten, solange sie gehorsam blieben, indes Ungehorsam den Tod und den Verlust der Gunst Gottes als Strafe zur Folge haben würde. Diese Anordnung bleibt bestehen. Bevor die Menschheit wieder mit Gott verkehren und durch seine Gunst ewiges Leben erhalten kann, muss sie erst auf irgendeine Weise wieder mit dem Schöpfer ausgesöhnt, wieder zur Vollkommenheit, die im vollen göttlichen Licht bestehen und vollen Gehorsam leisten kann, zurückgeführt werden. So liegt die Welt gleichermaßen jetzt außerhalb des Bereiches des Allmächtigen. Dieser hat die Dinge so geordnet, dass seine eigene Gerechtigkeit die Menschen nicht erreicht und Raum lässt für seinen Rechtfertigungs- und Wiederherstellungsplan, der es gestattet, die Willigen und Gehorsamen durch den Erlöser zur Vollkommenheit zurückzubringen. Bis dies geschehen wird, dient der Erlöser als Mittler zwischen Gott und dem Sünder.

Der Mittler ist zwar selbst vollkommen gerecht, aber er ist durch kein Gesetz oder Urteil, das er wider Adam und sein Geschlecht gefällt hätte, abgehalten, mit den Menschen zu verkehren, mit ihren Unvollkommenheiten Erbarmen zu haben. Er hat ja die Welt wissentlich in diesem verdorbenen Zustand gekauft. Er nimmt die Menschheit, wie sie ist, und im Tausendjahrreich wird er sich dann eines jeden Einzelnen in wirksamer Weise annehmen, von den Schwachen wenig, von den Stärkeren mehr verlangen, sich selbst und die Gesetze seines Reiches den verschiedenen Eigenheiten, Gebrechen und Schwächen seiner Untertanen anpassen, denn "der Vater ... hat das ganze Gericht dem Sohne gegeben." (Joh. 5:22) Der Sohn wird den Menschen die unverkürzte Forderung des göttlichen Gesetzes in hellem Licht zeigen, so dass sie wissen werden, wohin sie es schließlich bringen müssen, bevor sie vor Gott am Ende des Tausendjahrreiches gerecht und annehmbar sein können. Aber er wird nicht sofort den verwerfen, der diesen Forderungen nicht gleich nachkommt, sondern den Übertretern für unabsichtliche Fehler sein eigenes Verdienst in freier Gnade zurechnen, ihre Schulden aus seinem Vermögen bezahlen.

Christus hat den Preis schon durch Hingabe seiner selbst beschafft. In einer bestimmten Weise hat er jenes Verdienst schon zugunsten des Haushaltes des Glaubens benutzt, und am Schlusse dieses Zeitalters wird er es zugunsten der ganzen Menschheit anwenden. Das wird "die Freude sein, die allem Volke widerfahren wird." Gott hat durch die Vorbilder des Versöhnungstages gezeigt, dass er das Opfer annehmen wird, und dass dann Christus und die Herauswahl die Herrschaft antreten und strenge Gesetze einführen werden, das heißt eine Alleinherrschaft, bei der die gewöhnlichen Gesetze der augenblicklichen Bedürfnisse wegen unterbrochen und schärfere Gesetze angewendet werden, die für vollkommene, gerechte, mit den Gesetzen des Reiches Jehovas einverstandene Untertanen überflüssig wären, aber den revolutionären, anarchistischen Zuständen, die die Sünde der Welt herbeigeführt hat, angepasst sein werden.

Diese unbeschränkte Herrschaft, bei der der König zugleich Richter und Priester sein wird, bezweckt, wie wir oben gesehen haben, die Welt tatsächlich, nicht nur gerechneterweise, gerecht und auch fähig zu machen, gerechte Werke im Glauben zu vollbringen und mit diesen in der Schlussprüfung zu bestehen. Die tatsächliche Rechtfertigung wird aber erst am Ende, nicht schon am Anfang des Tausendjahrreiches erreicht sein.

Die Rechtfertigung aus Glauben in der Jetztzeit bezweckt, einigen wenigen, die Gott in besonderer Weise in seinen Dienst zu stellen beabsichtigt, die Teilnahme am abrahamitischen Bund als Same der Verheißung, als Jesu Mitopferer und Miterben, zu ermöglichen. Selbst mit diesen kann Gott nicht direkt verkehren; auch nachdem sie aus Glauben und durch die Zurechnung des Verdienstes Jesu gerecht geworden, werden sie als unzulänglich behandelt und unterrichtet, dass sie einzig in dem Geliebten angenommen sind, in Christo; stünde dieser für ihre Bundesverpflichtungen nicht gut, so wären dieselben wertlos.

Da der einzige Zweck des Evangeliums-Zeitalters der ist, aus der Menschheit eine kleine Zahl auszuerwählen, die Glieder der Neuen Schöpfung werden sollen, so war diese Rechtfertigung "zum Leben" notwendig, um den Bewerbern zur Neuen Schöpfung zu ermöglichen, die Bedingungen auf sich zu nehmen, die von solchen Bewerbern gefordert werden müssen. Diese Bedingungen lassen sich zusammenfassen in der Aufforderung, sich selbst zu opfern; und da Gott nicht als Opfer annimmt, was unvollkommen ist, so können Angehörige des gefallenen, verurteilten Geschlechtes nicht als Opfer angenommen werden, sie seien denn zuvor als von aller Sünde freigesprochen gerechnet worden. Dies ermöglicht uns, wie der Apostel es in Röm. 12:1 ausdrückt, "unsere Leiber Gott als lebendige Opfer darzustellen, heilig, annehmbar - welches unser vernünftiger Dienst ist."

Was haben wir nun von solchen zu halten, die es zwar bis zum Glauben an Gott und zu der zugerechneten Gerechtigkeit bringen, aber nunmehr vor dem Weitergehen auf dem Weg des Herrn zurückschrecken, weil sie gewahr werden, dass der Eintritt durch die schmale Pforte und der Wandel auf dem schmalen Pfad der völligen Weihung bis in den Tod die Verleugnung und Hingabe des eigenen Ichs erfordert?

Ist Gott zornig über sie? Wir glauben, nein; vielmehr müssen wir glauben, dass sie, soweit sie auf dem Wege der Gerechtigkeit Fortschritte machen, Gott wohlgefällig sind. Ja, der Apostel bezeugt, dass solche auch einen Segen bekommen. "Sind wir nun aus Glauben gerechtfertigt, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesum Christum." (Anmerkung: Es ist die spätere Ansicht des Autors gewesen, dass diese Schriftstelle betrachtet werden mag, dass sie sich auf die lebendgebende Rechtfertigung bezieht). Solcher Friede setzt wenigstens eine teilweise Kenntnis des Planes Gottes und seiner Absicht, des Gläubigen Schuld irgend einmal in Zukunft zu tilgen, voraus. (Apg. 3:19) Ferner setzt er voraus, dass der Gläubige mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit schon in hohem Grade einverstanden ist, denn gerechtmachender Glaube wirkt immer bessernd. Wir freuen uns für alle, die es soweit bringen; wir freuen uns, dass sie dieses Vorrecht vor der Masse der Menschheit haben, die der Fürst dieser Welt vollständig blind gemacht hat, so dass sie gegenwärtig die Gnade Gottes in Christo nicht sehen noch würdigen kann. Wir möchten alle solche herzlich ermuntern, bis zu völligem Gehorsam fortzuschreiten und sich so der Gunst Gottes zu erfreuen.

Empfanget die Gnade Gottes nicht umsonst

Doch wie sehr wir uns auch mit solchen freuen und, wie viel Friede und Freude auch solche Gläubige empfinden mögen, indem sie auf dem Pfad der Gerechtigkeit zu wandeln bestrebt sind, so müssen wir doch, um aufrichtig zu sein, solchen sagen, dass sie, wenn sie den schmalen Weg des Opferns vermeiden, "die Gnade Gottes umsonst empfangen". (2. Kor. 6:1) Warum? Weil die Gnade Gottes, bestehend in der ihnen zugerechneten Gerechtigkeit Christi, bezweckt, der Ausgangspunkt zu noch größeren Vorrechten und Segnungen zu werden, nämlich zur Berufung der Neuen Schöpfung. Wird nun von dieser Gelegenheit kein Gebrauch gemacht, so ist die Gnade Gottes umsonst empfangen worden. Diese Gelegenheit ist nie zuvor geboten worden und wird wohl auch nie wieder geboten werden; wenigstens sagt die Schrift nichts darüber. Die Gelegenheit, wiederhergestellt zu werden, wird allen, Gerechtfertigten und Nichtgerechtfertigten, im kommenden Zeitalter angeboten; die ersteren werden, sofern das Ergebnis des Wiederherstellungsverfahrens in Betracht gezogen wird, vor den letzteren nichts voraus haben, nur die Dauer des Verfahrens wird wohl kürzer sein. In dieser Hinsicht haben sie also die Gnade Gottes so gut wie umsonst empfangen; sie bringt sie nicht weiter als zur menschlichen Vollkommenheit. Gottes Gnade zeigt ihnen im gegenwärtigen Zeitalter seine der Welt verborgen bleibende Güte, damit sie ihre Rechtfertigung dazu benutzen, den Ruf anzunehmen und den Lauf nach dem herrlichen Preis anzutreten, der den Auserwählten, der königlichen Priesterschaft, verheißen ist.

Die Mehrheit der aufrichtigen Gläubigen in der Namenchristenheit ist anscheinend nie über den ersten Schritt, den der Rechtfertigung, hinausgekommen. Sie haben "geschmeckt, dass der Herr freundlich ist", und das genügt ihnen. Besser wäre es für sie gewesen, wenn sie von diesem Schmecken einen größeren Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, nach Wahrheit, nach mehr Kenntnis des Charakters und Planes Gottes, nach weiterem Wachstum in Gnade, Erkenntnis und Liebe, nach tieferem Ermessen dessen, was Gott von ihnen wollte und mit ihnen beabsichtigte und worüber im nächsten Abschnitt, der der "Heiligung" gewidmet ist, ausführlicher gesprochen werden soll, bekommen hätten.

Soweit wir sehen können, haben solche gerechtfertigte Gläubige nur im gegenwärtigen Leben von ihrer Rechtfertigung einen Nutzen. Sie empfinden es als eine Erleichterung, dass sie von Gottes Güte und seinem beabsichtigten Verfahren mit ihnen etwas wissen. Aber ihre Kenntnis ist zu unvollkommen, um einen sicheren Grund für ihre Empfindungen abzugeben; darum singen sie auch zuweilen:

"Oft machet mir der Zweifel Pein,
Ob ich denn auch wirklich sein."

Wiewohl Christus ihnen insofern zur Weisheit gemacht ist, dass sie ihr Bedürfnis nach einem Retter und einem Teil der durch Christum ihnen zugänglich gemachten Errettung erkennen, so ist es doch nach Gottes Plan nicht zulässig, dass er ihnen noch weiter zur Weisheit gemacht werde und sie in die Kenntnis der Tiefen Gottes einführe, es sei denn, dass sie durch Weihung und völlige Hingabe Nachfolger Christi werden, die in seine Fußstapfen zu treten bereit sind. Der gerechtfertigte Gläubige ist noch keineswegs eine Neue Schöpfung, selbst dann nicht, wenn er, einiges von den Wegen und Anforderungen Gottes erkennend, einen anständigen, vernünftigen, ehrenhaften Wandel zu führen bestrebt ist. Er ist noch von der Erde, irdisch; er hat nie seine irdischen, menschlichen Rechte, die Jesus ihm zurückkaufte, für die himmlischen Dinge darangegeben, zu denen der Herr durch die Rechtfertigung den Zugang eröffnete. Wie im Vorbild die Leviten niemals das Innere der Stiftshütte betreten noch auch die dort aufgestellten Geräte sehen durften, so können auch im Gegenbild die nur Gerechtfertigten nicht in die Tiefen Gottes dringen, noch deren Herrlichkeit sehen oder würdigen, es sei denn, dass sie zu Gliedern der königlichen Priesterschaft auf Hoffnung werden durch völlige Weihung ihrer selbst.

Zu erwarten, dass der Herr solche Gläubige im Tausendjahrreich bevorzugen und besonders begünstigen werde, nachdem sie die Gnade Gottes im gegenwärtigen Leben umsonst empfingen, hieße ein besonderes Vorrecht erwarten, nachdem man ein anderes Vorrecht nicht wertgeschätzt und keinen Gebrauch davon gemacht hat. Würde es nicht viel besser zu dem Verfahren Gottes in der Vergangenheit und Gegenwart passen, wenn solche, die im Evangeliums-Zeitalter nicht besonders begünstigt worden sind, im kommenden Zeitalter besonders begünstigt werden? Würde das nicht sehr gut übereinstimmen mit den Worten des Herrn: "Es sind Letzte, die werden Erste sein, und Erste, die werden Letzte sein"? Ja, der Apostel deutet unmissverständlich darauf hin, dass, wenn einmal die Neue Schöpfung vollzählig und das Tausendjahrreich angebrochen sein wird, Gottes Gunst sich zuerst dem Volke Israel nach dem Fleisch zuwenden werde, von dem sie am Anfang des Evangeliums-Zeitalters gewichen ist. - Röm 11:25-32; Apg. 15:16; Amos 9:11, 12

Den Alttestamentlichen Überwindern, die ihren Glauben und die daraus sich ergebende Rechtfertigung vor Gott festhielten und zum Lohn dafür als "Fürsten über die ganze Erde" eingesetzt werden sollen, brachte ihre Festigkeit den Verlust irdischer Vorteile ein. (Hebr. 11:35) Die Heiligen der jetzigen Zeit, die von ihrer Rechtfertigung Gebrauch machen wollen, müssen es auf Kosten des Fleisches tun. Die kleine Herde wird aus den Allertreuesten unter ihnen bestehen, die ihr Leben im Dienst der Wahrheit und der Brüder hingeben und so dem Anführer unserer Errettung ähnlich werden. Die übrigen, die anderswo (Offb. 7:9) als die "große Schar" bezeichnet werden, müssen ihren Lohn (die geistige Natur) ebenfalls auf Kosten des Fleisches verdienen; aber weil sie in der Darangabe des Lebens nicht eifrig genug waren, kommen sie um den großen Lohn der Neuen Schöpfung, um die Königswürde. Diese drei Klassen scheinen die einzigen zu sein, die aus den besonderen Gelegenheiten des jetzigen Zeitalters, aus der Rechtfertigung aus Glauben, im kommenden Zeitalter Nutzen ziehen werden.

Die Wirkungen des Königreiches, die unter dem Licht einer vollen Erkenntnis stehen und in der Richtung der Charaktere der Menschen sich zeigen werden, werden sich aus verschiedenen Gründen zunächst am stärksten an Israel nach dem Fleisch offenbaren, das, wenn seine Blindheit gewichen ist, für des Herrn Gesalbten außerordentlich eifrig sein und, wie es in der Prophezeiung dargestellt ist, sagen wird: "Siehe da, unser Gott, auf den wir harrten, dass er uns retten würde." (Jes. 25:9) Bald darauf aber werden die Segnungen und Gelegenheiten zur Wiederherstellung der ganzen Welt zugänglich werden, damit alle Nationen Kinder Abrahams werden in dem Sinne, dass sie an seinen Verheißungen Anteil erhalten, wie geschrieben steht: "Ich werde dich zum Vater vieler Nationen machen; in deinem Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden."

Christus ist uns gemacht zur Heiligung

Wie die Weisheit und Erkenntnis Gottes uns zuteil wird als Frucht des zu unseren Gunsten angewendeten Opfers unseres Herrn Jesu, und wie unsere Rechtfertigung, als wir an sein Lösegeld glaubten und uns von der Sünde ab- und der Gerechtigkeit zuwandten, durch sein Verdienst erfolgte, so kommt auch unsere Heiligung durch ihn. Kein Mensch kann sich in dem Sinne heiligen, dass er sich selbst gut genug macht, um in Gottes Familie, der von seinem Geist gezeugten Neuen Schöpfung als Glied aufgenommen zu werden.(Joh. 1:13; Hebr. 5:4) Wie das Verdienst Christi zu unserer Rechtfertigung notwendig war, so bedürfen wir auch als Glieder seines Leibes, als königliche Unterpriester, seiner Annahme, wenn wir unsere Berufung und Erwählung fest machen möchten. Der Apostel tadelte etliche, weil sie "das Haupt nicht festhalten" (Kol. 2:19), und wir begreifen, dass eine solche Anerkennung Christi Jesu, nicht nur als Befreier von Sünde, sondern zudem als Haupt, Vertreter, Führer, Belehrer und Bewahrer seines Leibes, der da ist die Herauswahl, für ein jedes Glied derselben sehr wichtig ist. Der Herr Jesus selbst deutet auf die Notwendigkeit unseres Verbleibens unter seiner Obhut hin, indem er wiederholt mahnt: "Bleibet in mir ... Gleichwie die Rebe nicht von sich selbst Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstock, also auch ihr nicht, ihr bleibet denn in mir. Wenn ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen." (Joh. 5:4, 7) Der Apostel weist ebenfalls hin auf die Notwendigkeit unseres Verbleibens in Christo, wenn er sagt: "Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen." (Hebr. 10:31) Was damit gemeint ist, zeigt er durch die Anführung der alttestamentlichen Stelle: "Denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer." Gottes Liebe und Gerechtigkeit brennt wider alle Sünde, und "alle Ungerechtigkeit ist Sünde." "Er kann die Sünde nicht sehen" (oder ertragen); darum hat er nicht für die Erhaltung, sondern für Zurechtbringung, Wiederherstellung des Sünders, für dessen Erlösung von der Strafe der Vernichtung gesorgt.

Dies gibt uns im Einklang mit verschiedenen Aussagen der Schrift die Zusicherung, dass eine Zeit kommen wird, da es weder Sünde noch Sünder, weder Leiden noch Kümmernisse geben wird. Gott sei Dank, dass wir uns selbst über den Zug des göttlichen Charakters freuen können, der uns zeigt, dass Gott ein verzehrendes Feuer ist, wenn wir wissen, dass er in Christo Jesu für uns eine Zuflucht bereitet hat, nach welcher unsere unwissentliche Unvollkommenheit zugedeckt wird - wenn wir wissen, dass er für unsere schließliche Befreiung von Sünde, Tod und jeglicher Schwachheit, für unsere Verwandlung in sein Bild gesorgt hat. Die Neue Schöpfung wird die Ebenbildlichkeit Gottes in der Vollkommenheit und Fülle göttlicher Natur erhalten; die "große Schar" aber in einer den Engeln ähnlichen Vollkommenheit, die sie befähigt, das Gefolge der erhöhten Herauswahl, die "Jungfrauen, die ihr folgen", zu sein (Psalm 45:14). Die Alttestamentlichen Überwinder werden in menschlicher Vollkommenheit Gottes ebenbildliche Söhne im Fleisch, Vertreter des himmlischen Reiches auf Erden, Kanäle zur Vermittlung des göttlichen Segens auf alle Geschlechter der Erde sein dürfen. Schließlich, wenn die Prüfungen und Gelegenheiten des Tausendjahr-Zeitalters alle Willigen und Gehorsamen zur Vollkommenheit gebracht haben werden und ihre Treue Gott gegenüber bewiesen sein wird, dann werden auch sie zu menschlicher Vollkommenheit gelangen, als Ebenbilder Gottes im Fleisch. Alle diese werden alsdann den Willen Gottes so vollkommen und von Herzen erfüllen, dass Gott nicht mehr ein verzehrendes Feuer sein braucht, weil alle Ungerechtigkeit unter der Zucht des Mittlers, dem Gottes Weisheit und Liebe alles übergab, beseitigt worden sein wird. Christus wird alsdann "von der Mühsal seiner Seele Frucht sehen und sich sättigen", das heißt mit dem Ergebnis zufrieden sein.

Heiligung bedeutet, etwas zu heiligem Dienst weihen und absondern. Sünder werden nicht zur Weihung aufgefordert, sondern zur Buße, und reuige Sünder werden ebenfalls nicht zur Weihung aufgefordert, sondern zum Glauben an den Herrn Jesum Christum, auf dass sie gerechtfertigt werden. Weihung wird nur von der Klasse verlangt, die an Gottes Verheißungen in Christo und deren Gewähr durch das Lösegeld glaubt. Damit soll nicht etwa gesagt sein, dass Heiligung nicht für alle Menschen das richtige wäre; nein, nur hat Gott vorausgesehen, dass, solange ein Mensch die Sünde liebt, es durchaus zwecklos ist, ihn einzuladen, ein heiliges Leben zu führen. Der Mensch muss erst einsehen, dass er ein Sünder ist und der Sinnesänderung bedarf. Auch soll damit nicht gesagt sein, dass sich der reuige Sünder nicht weihen, nicht ein Leben in Heiligkeit zu führen bestrebt sein solle; wohl aber bedeutet es, dass Weihung erst mit erfolgter Rechtfertigung Wert besitzt. Nach Gottes Anordnungen müssen wir erst begreifen lernen, wie gütig er ist, indem er für eine Sühnung unserer Sünden gesorgt hat. Wir müssen seine Vergebung als freie Gabe in Christo annehmen, bevor wir in eine Herzensstellung gelangen, die uns gestattet, uns seinem Dienst zu weihen. Außerdem müssen wir uns daran erinnern, was der Zweck aller Vorkehrungen des Evangeliums-Zeitalters ist. Die Berufung zur Sinnesänderung, die Verkündigung der guten Botschaft, die Rechtfertigung durch den Glauben daran und die Aufforderung an die so Glaubenden, sich selbst Gott zu weihen, sind Teile des einen großen Planes, den Gott jetzt hinausführt, um die Neue Schöpfung zu entwickeln. Gott hat zuvor bestimmt, dass alle, die zur Neuen Schöpfung gehören möchten, erst Opferer sein müssen; es muss ein jeder etwas haben, das er Gott opfern kann, gerade wie unser Hohepriester, der sich selbst Gott opferte. (Hebr. 7:27; 9:14) Die Unterpriester müssen ebenfalls ihr eigenes menschliches Leben opfern; wie der Apostel ermahnt: "Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer, welches euer vernünftiger Dienst ist." (Röm. 12:1) Nun merke, dass, da unsere Leiber nicht tatsächlich heilig sind, sie gerechneterweise heilig gemacht werden müssen, bevor sie vor Gott annehmbar, als heilig bezeichnet werden können. Wir müssen also aus Glauben an Christum gerechtfertigt sein, bevor wir irgend etwas Heiliges und Annehmbares auf Gottes Altar zu legen imstande sind, und unser Opfer muss im Namen unseres großen Hohenpriesters geschehen und um seinetwillen angenommen werden, bevor wir als "seine" königliche Priesterschaft betrachtet werden können. (Anmerkung: Hier ist zur rechten Erkenntnis der Feinheiten der Lehre von Weihung und Rechtfertigung genau zu beachten, was der Verfasser im Vorwort zu diesem Band sagt, wenn er abschließend bemerkt, dass Rechtfertigung erst nach erfolgter Weihung erfolgt, wobei wir verstehen, dass die Annahme der Weihung durch Gott, welch letztere mit der Übergabe an den Herrn Jesus als den Hohenpriester erfolgte, natürlich erst nach erfolgter Rechtsprechung vor sich geht.

Der Gang ist folgender: Der Sünder hört von Jesus und kommt willigen Herzens zu ihm, sagend: "Herr Jesus ich will Dir folgen, wohin Du gehst." Das ist eine Weihung. Damit derjenige, welcher sich so dem Hohenpriester Jesus übergab, als Mitopferer vom Vater angenommen und erkannt werde, stellt der Hohepriester den Geweihten dem Vater dar, sich mit seinem Verdienst für ihn verbürgend. Infolgedessen erkennt der Vater einen solchen als gerechtfertigt an, was aber wohlverstanden nicht geschehen würde, wenn er sich nicht vollends geweiht hätte. Rechtfertigung oder Gerechtsprechung durch Gott erfolgt nur nach Zurechnung des Verdienstes Christi; über dieses Verdienst und seine Zurechnung verfügt bis heute aber noch der Herr Jesus allein und er rechnet natürlich niemand sein Verdienst zu, der sich ihm nicht vorher zu diesem Zweck, zur Nachfolge in seinen Fußstapfen völlig übergibt, und diese völlige Übergabe an ihn ist die Weihung; denn es steht geschrieben: "Niemand kommt zum Vater denn durch mich." Es ist also völlig klar, dass Rechtfertigung oder Rechtsprechung nach der Weihung erfolgt. Wir empfehlen dringend, vor Fortsetzung des Studiums Bruder Russells letztes Vorwort zu diesem Band sorgfältig und ganz zu lesen).

Heiligung wird der große König natürlich auch während des Tausendjahr-Zeitalters verlangen. Die ganze Welt wird aufgefordert werden, sich zu heiligen von jeglicher Unreinheit, von Sünde jeder Art abzulassen, dem göttlichen Willen zu gehorchen, der durch die Gesetze des neuen Reiches und seiner Fürsten kundgemacht werden wird. Dann kann es geschehen, dass einige das Äußerliche ihres Lebens, aber nicht ihr Herz reinigen; solche mögen wohl in geistiger, sittlicher oder körperlicher Hinsicht Fortschritte machen; sie dürfen die Segnungen der Wiederherstellung, die Vollkommenheit jener herrlichen Zeit, bis zu deren Ablauf genießen. Wenn aber ihre Heiligung am Ende des Zeitalters nicht auch ihre Gedankenwelt, ihre Herzen, erreicht haben wird, so werden sie als nicht geeignet betrachtet werden für die ewigdauernden Verhältnisse jenseits des Tausendjahr-Zeitalters, unter denen nichts bestehen wird, was nicht in absoluter Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ist, sowohl Gedanken als auch Worte und Werke betreffend.

Aber lasst uns, während wir die Heiligung als Grundsatz, dem sich die ganze Welt im kommenden Zeitalter wird anpassen müssen, erkennen, nicht außer Acht lassen, dass die Schrift zuerst zu "unserer" (das heißt der Neuen Schöpfung) Ermahnung geschrieben ist. Wenn die Zeit angebrochen sein wird, da die Welt, Heiligung betreffend, unterrichtet werden wird, dann wird sie den großen Propheten zum Lehrer haben und die Sonne der Gerechtigkeit wird mit der Erkenntnis Gottes die Welt erleuchten. Alsdann wird es keinen Wirrwarr einander widersprechender Lehren und Anschauungen mehr geben; denn der Herr hat mit Bezug auf jenes Zeitalter verheißen: "Alsdann werde ich die Lippen der Völker in reine Lippen umwandeln, damit sie alle den Namen Jehovas anrufen und ihm einmütig dienen." (Zeph. 3:9) Der Apostel wendet sich ausschließlich an "Neue Schöpfungen" wenn er schreibt: "Christus ist 'uns' gemacht von Gott zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Befreiung." Darum lasst uns auf diese Dinge um so mehr achten, da sie zu unserer Ermahnung geschrieben und uns unentbehrlich sind, um unsere Berufung und Erwählung zur Teilnahme an der Neuen Schöpfung festzumachen.

Wie der Herr einst zum Volk Israel sprach: "Heiliget euch", und "ich werde euch heiligen" (3. Mose 20:7, 8; 2. Mose 31:13), so fordert er auch die geistlichen Israeliten auf, sich zu weihen, ihre Leiber als lebendige Opfer darzustellen, sich Gott darzustellen auf Grund des Sühnopfers Christi. Nur diejenigen, die es jetzt, zur annehmbaren Zeit, tun, nimmt der Herr an und sondert sie ab als ein ihm geheiligtes Volk, trägt sie in das Lebensbuch des Lammes ein (Offb. 3:5) und hält für einen jeden von ihnen eine Krone in Bereitschaft, die Krone der Ehre, Herrlichkeit und Unsterblichkeit, die sie erhalten werden, sofern sie ihren Bundesverpflichtungen getreulich nachkommen, was "ihr vernünftiger Dienst" ist. - Röm. 12:1; Offb. 3:11

Wie im Vorbild die Weihung die Leviten verpflichtete, der Gerechtigkeit zu folgen, nicht aber zu opfern, so war die Weihung Aarons und seiner Nachkommen zur Priesterwürde ein Vorbild der Weihung derer, die Gottes Berufung zur königlichen Priesterschaft annehmen. Die äußeren Zeichen der Priesterweihe waren die weißen Kleider, als Sinnbild der Rechtfertigung, ferner die Salbung mit Öl und die Darbringung der Opfer, an denen alle Priester Anteil hatten. - Hebr. 8:3

So unterscheidet denn das levitische Vorbild deutlich zwei verschiedene Weihungen: zunächst die allgemeine, die die Leviten überhaupt betraf, und sodann jene besondere, die einige Leviten zur Priesterwürde erhob. Die erstere stellt eine allgemeine Weihung zu heiligem Leben und Gehorsam gegenüber Gott dar, wie alle Christen vertrauen, dass ihnen durch Gottes Gnade, durch Christum, probeweise "Rechtfertigung zum Leben" wurde, was ihnen Frieden mit Gott bewirkt. Dies erfahren und verstehen alle wahren Gläubigen in diesem Zeitalter in großem Maß. Aber der Apostel erklärt, dass "das Endziel des Gebotes Liebe aus reinem Herzen" ist. (1. Tim. 1:5) Das heißt: Gott hat vorausgesehen, dass uns unser Einverständnis mit der ersten Weihung, mit den jetzigen Bedingungen unserer Rechtfertigung, zu einem weiteren Schritt veranlassen wird, nämlich, dem der Weihung zum Opferdienst.

Warum? Weil ein heiliger Wandel und Gehorsam gegenüber Gott Liebe aus reinem Herzen für Gott und unsere Mitmenschen einschließt. Reine Liebe zu Gott ist Liebe aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit allen unseren Kräften; und eine solche Liebe wartet nicht erst auf Befehle, sondern bittet um Gelegenheit, zu dienen und spricht: "Herr, was willst du, dass ich tun soll?" Jeder aufrichtige, "wahre Israelit" zur Zeit der ersten Gegenwart hatte die erste, durch die allgemeine Levitenweihe vorgeschattete Weihung hinter sich: an solche richtete der Herr seine besondere Berufung, sich in den Tod zu weihen, ihre irdischen Interessen für himmlische daranzugeben, in den Fußstapfen des Anführers unseres Heils auf dem schmalen, zur Ehre, Herrlichkeit und Unsterblichkeit führenden Wege zu wandeln. Wer dieser Einladung folgte, der wurde als Priester angenommen, als Glied des Leibes des Hohenpriesters unseres Bekenntnisses, als Sohn Gottes gerechnet. - Joh. 1:12

Gerade so ist es das ganze Evangeliums-Zeitalter hindurch gewesen. Der durch die Leviten vorgeschatteten Weihung zum Gehorsam und zur Gerechtigkeit folgt erst die Erkenntnis, dass Gerechtigkeit höchste Liebe zu Gott und den Wunsch bedeutet, seinen Willen zu kennen und zu tun; dann die Erkenntnis, dass die ganze Schöpfung so in Verwirrung und in Gegensatz zu Gott geraten ist, dass Übereinstimmung mit Gott Gegensatz zu aller Ungerechtigkeit in uns und um uns bedeutet; indem wir zu Gott aufsehen und beten, um zu erfahren, warum er uns berufen, unsere Weihung angenommen und für sie doch keine andere Form möglich gemacht hat als die der Selbsthingabe antwortet der Herr: "Ihr seid berufen worden in einer Hoffnung eurer Berufung" (Eph. 4:4), und dass diese Berufung zur Miterbschaft an der Ehre, Herrlichkeit und Unsterblichkeit unseres Herrn in seinem Reich sei (Luk. 12:32; Röm. 2:7), und dass der Weg dazu schmal und mühselig sei, weil das Ertragen dieser Prüfungen für jene unentbehrlich ist, die er zu so hoher Ehre führen will. (Matth. 7:4; Röm. 8:17) Wenn wir dann endlich der Berufung Gottes durch den Mund des Apostels: "Ich ermahne euch, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, welches eurer vernünftiger Dienst ist" - gehorchen, wenn wir uns in den Tod geweiht haben, dann werden wir als Priester, Glieder der königlichen Priesterschaft, Unterpriester des großen Hohenpriesters unseres Bekenntnisses, Jesu Christi, als Neue Schöpfung betrachtet.

Solche Gläubige aber, die, nachdem sie erkannt haben, dass "das Endziel des Gebotes Liebe aus reinem Herzen" ist, sich weigern, bis dahin fortzuschreiten und der Aufforderung zum Opfer Folge zu leisten, erfüllen den von Gott bestimmten Zweck einer Rechtfertigung aus Glauben nicht, handeln insofern ihrer Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber der Gerechtigkeit zuwider und verwerfen damit die "eine Hoffnung unserer Berufung." Empfangen diese nicht die Gnade Gottes umsonst? Können wir im Hinblick auf die Heiligen der früheren Zeitalter, daran gedenkend, was es sie kostete, ein gutes Zeugnis zu empfangen, Gott durch Glauben zu gefallen und so ihre Rechtfertigung zur Gemeinschaft mit Gott festzuhalten (Hebr. 11:5, 32-39), erwarten, dass die den gegenbildlichen Leviten des Evangeliums-Zeitalters ermöglichte Rechtfertigung zum Leben bei weniger Ergebenheit an den Herrn und seine Gerechtigkeit werde erfolgen können? Sicherlich müssen wir schließen, dass jene, die als gerechtfertigte Gläubige (gegenbildliche Leviten) angenommen werden, und, wenn sie die "Kosten der Jüngerschaft berechnet" haben (Luk. 14:27, 28), die ihre Weihung mit sich bringt, dann ablehnen, Glauben an des Herrn verheißene Hilfe zu üben, und sich weigern, ihren "vernünftigen Dienst" durch vollständige Weihung bis zum Tod auszuführen oder diese Weihung vernachlässigen - dass jene zwecklos begünstigt worden sind. Gewiss können sie nicht weiter als solche gelten, die Rechtfertigung zur Gemeinschaft mit Gott besitzen. Sie verlieren die den gegenbildlichen Leviten angebotenen Vorrechte und sollten nicht länger als solche angesehen werden.

Unter jenen aber, die Gottes Gunst zu würdigen wissen, deren Herzen für diese Vorrechte dankbar und zum vernünftigen Dienst der vollen Weihung entschlossen sind, und welche die Verpflichtung zum Gehorsam Gott und seiner Gerechtigkeit gegenüber, zum Gehorsam bis in den Tod, auf sich nehmen, gibt es auch zwei Klassen:

Die erste besteht aus jenen gegenbildlichen Leviten, die freudig und willig ihr Leben daran geben, Mittel und Wege suchen, dem Herrn, den Brüdern und der Wahrheit zu dienen, und es als lauter Freude und Ehre achten, irdische Annehmlichkeiten, Zeit, Einfluss, Mittel, kurz, alles daranzugeben, was das gegenwärtige Leben ausmacht. Die freudigen, willigen Opferer, die gegenbildlichen Priester, werden binnen kurzem erhöht werden und mit ihrem Herrn die königliche Priesterschaft bilden, sie werden alsdann nicht mehr opfern, und sonach nicht mehr durch Aaron und sein Haus, das für sein Volk Opfer darbringt, vorgeschattet sein, sondern sie werden das große Gegenbild Melchisedeks, des Priesters auf seinem Thron, sein und während des Tausendjahr-Zeitalters der Welt die Segnungen austeilen, die durch die besseren Opfer während des gegenbildlichen Versöhnungstages, des Evangeliums-Zeitalters, sichergestellt wurden.

Die andere Klasse besteht aus Gläubigen, die zwar dem Herrn von Herzen zugetan sind, freudig ihr Alles dem Herrn und seinem "vernünftigen Dienst" weihen und dadurch ihre Würdigkeit erweisen, gegenbildliche Leviten zu sein, weil sie Gottes Gunst nicht vergeblich empfangen haben, deren Liebe und Eifer aber, wiewohl sie der Berufung folgen und so der einen Hoffnung unserer Berufung und aller Vorrechte der Auserwählten teilhaftig werden, nicht stark genug sind, um sie anzutreiben, das Opfer, zu dem sie sich verpflichteten, nun auch zu vollenden. Solche verfehlen, ihr Opfer auf den Altar zu binden, um es dort zu lassen; deshalb können sie nicht als genaues Abbild unseres großen Hohenpriesters gerechnet werden, dem es eine Freude ist, des Vaters Willen zu tun; sie verfehlen, zu überwinden und können mithin nicht zu den "Überwindern" gezählt werden, die mit ihrem Herrn als Glieder der "königlichen Priesterschaft" das Königreich der Himmel ererben sollen; sie verfehlen, ihre Berufung und Erwählung durch genaue Einhaltung der eingegangenen Verpflichtungen festzumachen.

Was geschieht nun mit diesen? Haben sie alles verloren, weil sie zwar wohl um den Preis gelaufen sind, aber es an dem nötigen Eifer haben gebrechen lassen, so dass sie das Ziel nicht erreichten? Nein, Gott sei Dank, nein! Selbst wenn ihr Glaube und Eifer sich in den schwersten Proben als unzureichend erwies, um zur Priesterklasse zu gehören, so erwies doch der Umstand, dass sie wenigstens Glauben und Eifer genug hatten, um sich in den Tod zu weihen, ihre Aufrichtigkeit und Würdigkeit zum Levitendienste. Dennoch war es nicht genug, dass sie sich völlig weihten; sie müssen auch den Beweis erbringen, dass sie den Herrn von Herzen lieben und ihn um keinen Preis verleugnen würden; dies müssen sie, auch wenn sie nicht treu genug sind, um in seinem Dienste Opfer darzubringen. Welches ist die Probe, die sie bestehen müssen, um sich der Levitenstellung im Königreiche würdig zu erweisen? Und auf welche Weise werden sie auf die Probe gestellt werden?

Wir haben schon von der Großen Schar der dem Herrn wahrhaft Geweihten gesprochen, von der in Offb. 7:13-15 die Rede ist. "Dies sind die, welche aus der großen Drangsal kommen, und sie haben ihre Gewänder gewaschen und haben sie weiß gemacht in dem Blute des Lammes. Darum sind sie vor (und nicht auf) dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht (das heißt: fortwährend) in seinem Tempel (seiner Herauswahl); und der auf dem Throne sitzt, wird sein Zelt über ihnen errichten", wird ihnen die geistige Natur verleihen und ihnen Gelegenheit geben, ihm und der herrlichen Braut zu dienen. Törichte Jungfrauen! Sie haben die Gelegenheit, Glieder der Braut zu werden, verpasst; aber dennoch sind sie Jungfrauen reinen Herzens. Sie verlieren den Preis, aber sie gewinnen später, nach schweren Prüfungen, Anteil am Hochzeitsmahl des Bräutigams und der Braut als die Gefährtinnen, die ihr folgen; auch sie werden dem König vorgestellt werden. "Sie werden geführt werden unter Freude und Jubel, sie werden einziehen in den Palast des Königs." (Psalm 45:14,15) Als Leviten haben sie verfehlt, den Preis der königlichen Priesterschaft zu erringen, aber Leviten sind sie dennoch und können Gott in seinem herrlichen Tempel der Herauswahl dienen, obwohl sie daselbst weder Säulen noch lebendige Steine sein können. - Offb. 3:12; 19:6-7; Psalm 45:14, 15

Der Vers, der auf die letzte Stelle folgt, erinnert uns an die vorbildlichen Leviten der früheren Zeit, die im Volk Israel als "die Väter" bezeichnet wurden, und gibt uns die Zusicherung, dass sie dadurch belohnt werden sollen, dass sie Fürsten über die ganze Erde werden.

Gleicherweise scheinen die drei Söhne Levis (Kehath, Gerson und Merari) vier Klassen vorzuschatten. 1. Die Zelte Moses, Aarons und der ganzen Priesterfamilie Amram (des Sohnes Kehaths) standen vor der Stiftshütte auf der Ostseite. Diese Familie war mit allen religiösen Angelegenheiten betraut; alle anderen Leviten waren in dieser Beziehung ihre Diener und Helfer und wurden darum hoch geehrt. 2. Südlich von der Stiftshütte lagerte die Familie Kehath, die nächste Verwandtschaft der Familie Amram; ihrer Obhut waren die heiligen Gegenstände anvertraut, die Altäre, der Leuchter, der Tisch und die Bundeslade. 3. Nördlich von der Stiftshütte lagerte die Familie Merari, der Familie Kehath im Range folgend; sie bewahrte die mit Gold bezogenen Bretter, Pfosten und Sockel auf. 4. Auf der Rückseite der Stiftshütte lagerte die Familie Gerson, die die untergeordnetsten Dienste zu leisten hatte; sie hatte die Schnüre der äußeren Vorhänge usw. in Verwahrung.

Diese vier Levitenfamilien mögen auch vier unterschiedliche Klassen der gerechtfertigten Menschheit zur Zeit, da die Versöhnung mit Gott zur Tatsache geworden sein wird, darstellen: die königliche Priesterschaft, die Alttestamentlichen Überwinder, die große Schar und die Geretteten der Welt. Es scheint nicht ungewöhnlich, dass bei Vorbildern auch die Namen von Bedeutung sind. So bedeutet Amran "erhöhtes Volk". Welch ein passender Name für das Vorbild der "kleinen Herde", deren Haupt Christus Jesus ist! Die Schrift bezeichnet diese Priester als "hoch erhöht", "sehr erhaben". Kehath bedeutet "Verbündeter" oder "Gefährte". Aus der Familie Kehath stammten Amram und die Priester. Sie mag daher das Vorbild der Alttestamentlichen Überwinder sein, deren Glaube, Ergebenheit und Gehorsam gegenüber Gott und deren Willigkeit, um der Gerechtigkeit willen zu leiden, so voll bezeugt ist, und mit denen wir uns so nahe geistig verwandt fühlen. Sie waren in Wahrheit des Herrn Verbündete und unsere Gefährten und stehen in mancher Beziehung dem Christus näher als irgendwelche anderen. Merari bedeutet "Bitterkeit"; dies passt auf die Familie Merari als Vorbild der Großen Schar, der zur geistigen Natur Gezeugten, die den Preis der königlichen Priesterschaft nicht erhalten, aber "gerettet werden, doch so wie durchs Feuer", kommend aus großer Trübsal und bitterer Erfahrung zu ehrenvoller Dienerstellung, die ihr bestimmt ist. Gerson endlich bedeutet "entflohen", "gerettet"; der Name passt gut auf das, was uns als Vorbild der geretteten Menschheit erscheint. Allen Menschen wird zur Flucht und Freiheit verholfen, zur Befreiung aus den Banden des Widersachers, aus Blindheit und Knechtschaft.

Die erste Stellung und den ersten Rang unter den gegenbildlichen Leviten, den Gerechtfertigten, wird also die königliche Priesterschaft einnehmen; ihrer ist das Reich mit seiner Würde und Verantwortlichkeit. Zu ihrer Rechten stehen ihre nächsten Verwandten, die Alttestamentlichen Überwinder, die sie zu "Fürsten über die ganze Erde" machen werden. Zu ihrer Linken stehen ihre getreuen Brüder der Großen Schar.(Anmerkung: Der spätere Gedanke des Verfassers ist der, dass gewisse Schriftstellen zu lehren scheinen, dass die Alttestamentlichen Überwinder den Vorrang nicht haben werden, sondern während des Millenniums im Range niedriger stehen werden als die große Schar, dass sie aber am Ende desselben zur geistigen Natur und höheren Ehren gelangen werden.) Und hinter ihnen endlich steht die im Tausendjahrreich aus Sünde und Tod befreite Menschheit, deren Ergebenheit sich in der schweren Prüfung am Ende des Tausendjahr-Zeitalters erwiesen haben wird. - Offb 20:7-9

Alle vier Klassen werden aus gegenbildlichen Leviten bestehen, die sich als von Herzen Gott ergeben ausgewiesen haben werden. Dies bedeutet indes nicht, dass die im voraus vor der Welt aus Glauben Gerechtfertigten, die sich weigern oder verfehlen, weiterzugehen und das Endziel des Gebotes - Liebe aus reinem Herzen - zu erfüllen, die also insofern die Gnade Gottes umsonst empfangen, nun jede Gelegenheit verscherzt haben. Wenn, nachdem sie die Kosten einer Teilnahme am Priesterdienst überschlagen, sie das Anerbieten ablehnen, so können sie natürlich nicht dafür gelobt und belohnt werden, dass sie den "vernünftigen Dienst" nicht zu würdigen verstanden; aber andererseits können sie gerechterweise auch nicht dafür bestraft werden; sonst wäre die Berufung zur Ehre, Herrlichkeit und Unsterblichkeit nicht mehr eine Gnade, sondern ein Zwang, nicht mehr eine Einladung, sondern ein Befehl, nicht mehr ein freiwilliges Opfer, sondern eine Verpflichtung. Auch wenn sie aus ihrer Rechtfertigung keinen Nutzen zu ziehen verstanden, bleiben sie ein Teil der erkauften Welt, genau wie sie es waren, bevor sie an Christum glaubten; aber ihre Verantwortlichkeit hat freilich zugenommen, seit sie Recht von Unrecht zu unterscheiden gelernt haben. Mit anderen Worten: Es werden gegenwärtig nur jene endgültig daraufhin geprüft, ob sie ewigen Lebens würdig oder ewigen Todes wert sind, die sich dem Herrn freiwillig "bis in den Tod" weihen. Alle anderen kommen noch nicht ins Gericht und werden es nicht kommen, bis das Tausendjahrreich aufgerichtet ist. Unterdessen ist jedoch jeder Mensch, nach dem Maßstab des ihm gewordenen Lichtes, im Begriff, seine Existenzbedingungen im Tausendjahrreich und seine Aussichten auf ewiges Leben zu verbessern oder zu verschlechtern, je nachdem er seinem Gewissen und der ihm gewordenen Erkenntnis gemäß oder dagegen handelt.

Bei den völlig Geweihten jedoch liegen die Dinge anders. Durch ihre völlige Weihung bis in den Tod verzichten sie auf das irdische Leben überhaupt, durch Hingabe für das himmlische, das ihr Teil werden wird, wenn sie treu bleiben bis in den Tod, sonst nicht. Für solche bedeutet also Untreue den ewigen Tod, so sicher wie für die Ungehorsamen und Abfallenden am Ende des Tausendjahrreiches.

Keine Levitenklasse hat Anteil an Land Kanaan. Dies ist eine deutliche Vorschattung der Tatsache, dass die unvollkommenen Zustände der jetzigen argen Welt nicht das Erbteil derer sind, die ihr Alles dem Herrn geweiht haben und mit seiner Gerechtigkeit von Herzen einverstanden sind. Kanaan stellte die Widrigkeiten der Prüfungszeit dar, die Besiegung der Feinde, die Überwindung des Bösen, vornehmlich während des Tausendjahrreiches. Gott hat für alle, die er als gegenbildliche Leviten völlig gerecht macht, ein besseres, sündloses, vollkommenes Erbe in Bereitschaft. Die Priester werden die ersten sein, die dieses Erbe antreten; dies wird bei der ersten Auferstehung geschehen, bei der sie die göttliche Natur erhalten werden. Dann werden die Alttestamentlichen Überwinder an die Reihe kommen; sie werden das Erbe menschlicher Vollkommenheit gleich bei ihrer Auferstehung antreten. Hiernach folgt die Große Schar derer, die auf geistiger Stufe vollkommen gemacht werden soll, und endlich die Gerson-Klasse, die übrige Menschheit, deren Erziehung, Hebung und Erprobung das Tausendjahr-Zeitalter ausfüllen werden. Sie wird schrittweise diesem Erbe näher geführt und allmählich vom Tode zum Leben aufgerichtet werden, dessen sie sich am Ende des Millenniums wird würdig erweisen können.

Auch dass einzig jene Gläubigen, die sich vollständig bis in den Tod weihen, vom Heiligen Geist gezeugt sind und als Glieder des großen Hohenpriesters gelten, ist im Vorbild vorgeschattet; nicht die Leviten überhaupt, sondern nur die Opferer, die Priester, erhielten von dem heiligen Öl, das den Heiligen Geist darstellt. Die Priester wurden alle mit Öl besprengt, das mit Blut vermengt war, womit angedeutet ist, dass der Heilige Geist nur dank des Vergießens von Blut das Teil der Glieder des Christus wird, dank des blutigen Sühnopfers Jesu Christi, das sie rechtfertigt, und infolge ihrer freiwilligen Verpflichtung, Mitopferer Christi zu sein, um ihr Leben in seinem Dienst niederzulegen. - 2. Mose 29:21

Die Salbung des Hohenpriesters war noch eine besondere Sache. Sie stellte die Einheit der auserwählten Kirche dar. Denn diese Salbung kam nur auf den einen, der das Hohepriesteramt bekleiden sollte, zuerst auf Aaron, danach der Reihe nach auf jeden seiner Söhne, die ihm in der Würde folgten. (2. Mose 28:41; 40:13, 15) Unser Herr Christus Jesus wurde als "das Haupt der Versammlung, die da ist sein Leib", gesalbt, "mit dem Öl der Freude (dem Heiligen Geist) über (als Haupt über) seine Genossen", seine Miterben, die Unterglieder der königlichen Priesterschaft. Das ganze Öl wurde auf ihn ausgegossen, und "aus seiner Fülle (von seinem Überfluss) haben wir empfangen Gnade um Gnade." Es ist eine unsagbar große Gabe, dass uns um des Verdienstes seines Sühnopfers willen unsere Sünden vergeben und wir gerecht gemacht worden sind; und ebenso liegt es fast jenseits der Grenze des Glaubhaften, dass wir berufen worden sind, das Reich mit ihm zu ererben, dass unsere Weihung durch die Besprengung mit seinem Blut und Öl besiegelt werden kann, und dass wir an der Salbung unseres Hauptes teilhaben können.

Der Prophet David gibt uns unter des Herrn Leitung eine Beschreibung der Salbung, wie alles Öl über unser Haupt ausgegossen wurde und von ihm auf alle Glieder herabfließen musste. (Psalm 133:1-3; 45:7; Luk. 4:18) Die Glieder der Herauswahl sind die Brüder, deren Gesinnung sie antreibt, einträchtig beieinander zu wohnen. Alle, die mit dem Haupt eins sind, müssen Zuneigung haben zu den übrigen Gliedern seines Leibes, der da ist die Versammlung, und je nach dem Grad dieser Zuneigung erhalten sie mehr oder weniger von dem Heiligen Geist der Salbung. (Band 5, Kapitel 9) Dieses heilige Salböl stellt den Heiligen Geist dar und die Erleuchtung, die er allen denen verleiht, die Gott als "Glieder auf Probe" der königlichen Priesterschaft, der Neuen Schöpfung, annimmt, deren jedes versiegelt ist, gleichsam gezeichnet vom Heiligen Geist, der ihm verliehen worden ist. (Band 5, Kapitel 9)

Die in dieser Weise vom Heiligen Geist als voraussichtliche Glieder der Neuen Schöpfung bezeichneten Gläubigen erhalten vom Herrn die Zusicherung: "Sie sind nicht von der Welt, gleichwie ich nicht von der Welt bin." "Ich habe euch auserwählt (aus der Welt ausgewählt) und euch gesetzt, auf dass ihr hingehet und Frucht bringet, und eure Frucht bleibe." "Wenn ihr von der Welt wäret, würde die Welt das Ihrige lieben, weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt auserwählt habe, darum hasst euch die Welt." (Joh. 15:16, 19; 17:16) Obwohl diese Zeichen der Heiligung bis zu einem gewissen Grad von der Welt bemerkt werden können, dürfen wir doch nicht erwarten, dass sie uns Ehre und Bewunderung und Billigung bei der Welt eintragen; sondern vielmehr müssten wir erwarten, dass diese Kundgebungen des Heiligen Geistes an den Neuen Schöpfungen als Zeichen von Schwäche und Unmännlichkeit angesehen werden. Die Welt würdigt und billigt, was ihr als ein kraftvolles, energisches, nicht allzu sehr rechtliches, gewissenhaftes Leben erscheint. Unser Herr erklärt uns, warum die Welt seine Nachfolger nicht billigt, nämlich weil Finsternis das Licht hasst, weil der Maßstab seiner königlichen Priesterherrschaft für Gedanken, Worte und Werke ein anderer, erhabener ist als der der Menschen überhaupt, und daher als eine Verurteilung ihrer eigenen Anschauungen erscheint. Die Welt zieht es vor, gebilligt und geschmeichelt zu werden; und was immer sie im geringsten in den Schatten stellt, dem geht sie so weit wie möglich aus dem Weg oder widersteht ihm. Diese Missbilligung durch weltlich Weise unter den Namenchristen bildet einen Teil der Prüfung der königlichen Priesterschaft, und wessen Weihung nicht durchaus von Herzen kommt, der wird die Gemeinschaft der Welt vermissen und suchen, ihre Billigung zu erhalten, und dabei verfehlen, in richtiger Herzensstellung das Opfer der irdischen Interessen hinauszuführen, das er zu bringen begonnen hatte. Er wird verfehlen, Priester, Glied der Neuen Schöpfung, zu werden. Dennoch mag der Herr, mit Rücksicht auf ihre guten Absichten, solche retten durch feurige Trübsale, in denen das Fleisch, das zu opfern sie nicht eifrig genug gewesen waren, zerstört werden wird; so mögen sie dann würdig erachtet werden, Anteil zu haben an den Segnungen und Belohnungen der Großen Schar, die aus großer Drangsal kommt, um vor dem Thron zu dienen, auf dem die kleine Herde mit ihrem Herrn sitzen wird.

Die Heiligung besteht nicht nur aus zwei Handlungen, einerseits der völligen Weihung seiner selbst seitens des Menschen, andererseits der völligen Annahme des Geweihten durch Gott, sondern sie schreitet fort. Unsere Weihung, obwohl sie völlig und aufrichtig gemeint sein muss, wenn sie überhaupt vor Gott annehmbar sein soll, ist anfangs durch eine verhältnismäßig geringe Erkenntnis und wenig Erfahrung gestützt.

Wir müssen also in gleichem Masse an Heiligkeit zunehmen, wie die Erfahrung und Erkenntnis zunimmt. Anfangs sind unsere Herzen wohl voll, nachdem aller Eigenwille ausgetrieben ist; aber unsere Herzen vermögen eben im Anfang nur wenig zu fassen. Wenn sie sich dann erweitern, muss die Weihung Schritt halten und auch den großen Raum füllen, wie der Apostel ermahnt: "Seid erfüllt mit dem Geiste", und wiederum: "Lasst die Liebe zu Gott in eure Herzen ausgegossen werden und mehr und mehr überfließen." Die Vorkehrung, die diese Erweiterung unserer Herzen gestattet, ist in den Worten des Gebetes unseres Erlösers für uns ausgedrückt: "Heilige sie durch die Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit." - Joh. 17:17

Das Wort oder die Botschaft Gottes, die Weisheit von Gott in Christo ist es, die uns zuerst die Gnade Gottes uns gegenüber bemerken lässt und die uns Schritt für Schritt zur Weihung anleitet und treibt; dasselbe Wort, dieselbe Botschaft Gottes durch Christum ist es auch, die unsere Herzen erweitert und erfüllt. Aber wenn es auch Gottes Sache ist, die Wahrheit zu geben, die uns erfüllen und heiligen soll, so bleibt dennoch unserer Pflicht bestehen, der Weihestellung unserer Herzen gemäss zu handeln, zu hungern und zu dürsten nach dieser heiligenden Wahrheit, uns täglich davon zu nähren, und so im Herrn und seiner Kraft zu erstarken. Die Weihung zum Herrn allein genügt nicht; der Herr will nicht bloße "Bewerber" für die Neue Schöpfung haben. Die Bewerber müssen vielmehr geschult, erzogen und erprobt werden, damit sie die verschiedenen Charakterzüge der Neuen Schöpfung zur Entwicklung bringen und jeder Charakterzug muss auf seine Festigkeit und Gottergebenheit hin geprüft werden, damit sich Gott gleichsam dessen vergewissern kann, dass diese Neuen Schöpfungen, nachdem sie in allen Stücken geprüft wurden, dem treu bleiben werden, der sie berufen hat, und mithin würdig sind, durch einen Anteil an der ersten Auferstehung zur großen Freude ihres Herrn einzugehen.

Wie schon die Rechtfertigung aus Glauben die große Gabe des "Friedens mit Gott" einbringt, so bedeutet auch dieser weitere Schritt der völligen Weihung, der Überlassung aller Angelegenheiten dieses Lebens an Gott, der Verzicht auf jede irdische Hoffnung und Bestrebung und ihr Ersetzen durch die himmlischen Hoffnungen und Bestrebungen, die der Neuen Schöpfung in Aussicht gestellt sind, eine große Erleichterung, großen Frieden im Herzen, und zwar um so mehr, je mehr wir von den außerordentlich großen Verheißungen Gottes an die Neue Schöpfung erfassen und auf uns anwenden. Diese Verheißungen werden in Röm. 8:28 in den Worten zusammengefasst: "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach Vorsatz berufen sind."

Diese Sicherheit ist die "zweite Gnadengabe" Gottes im eigentlichen Sinne dieses Wortes. Jedoch nicht so, dass sie den Augen des Fleisches sichtbar wäre; aber sie gibt unseren Herzen wahre Ruhe, sie erfüllt sie mit unbegrenztem Vertrauen zu Gott und gestattet uns, die außerordentlich großen und kostbaren Verheißungen der Schrift auf uns anzuwenden.

Da unsere natürlichen Charaktere verschieden sind, so werden auch die Erfahrungen, die jeder einzelne mit seiner vollen Weihung macht, verschieden sein. Bei einigen wird die volle Übergabe an den Herrn, die Erkenntnis, dass er in besonderer Weise für sie sorgt, als voraussichtliche Glieder der auserwählten Kirche, nur wahren Herzensfrieden erzeugen; bei anderen, die mitteilsamerer Natur sind, wird die Freude sich laut durch Jubeln und Lobpreisungen kundgeben. Wir müssen dieser Verschiedenheit der natürlichen Charaktere stets eingedenk sein und auch die Brüder zu verstehen suchen, deren Erfahrungen von den unseren verschieden sind. Auch unter den zwölf Aposteln bestanden solche Unterschiede. Einige, besonders Petrus, Jakobus und Johannes, konnten ihre Erfahrungen besser zum Ausdruck bringen als die anderen. So blieb es sogar auch nach Pfingsten noch, nach der Ausgießung des Heiligen Geistes. Die feurigen Brüder mögen die vom Apostel geforderte Mäßigung lernen, und die kalten, gar zu nüchternen mögen beten, dass sie die Gnadengaben Gottes höher schätzen und ihre Gefühle besser äußern, lauter den preisen lernen, der uns berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. Jakobus und Johannes, zwei der Lieblingsjünger Jesu, die wegen ihrer Feurigkeit und ihres Eifers "Donnersöhne" genannt wurden, bedurften, einmal wenigstens, der Zurechtweisung und Ermahnung, damit sie sich daran erinnerten, wes Geistes Kinder sie seien. (Luk. 9:54, 55) Petrus, der wegen seiner raschen Anerkennung des Messias gelobt worden war, musste ein anderes Mal wegen einer Verirrung seines Eifers als Widersacher bezeichnet werden. Dennoch zeigte der Herr seine Vorliebe für die warmen, feurigen Charaktere dieser drei Apostel; die drei Genannten waren allein mit ihm im Sterbezimmer der Tochter des Jairus und auf dem Berg der Verklärung; sie begleiteten ihn auch in der Passionsnacht im Garten Gethsemane weiter als die anderen. Eifer ist also dem Herrn wohlgefällig und bringt uns ihm näher; aber allezeit muss dieser Eifer ihn als Haupt anerkennen und sich durch sein Wort und seinen Geist leiten lassen.

Heiligung bedeutet nicht menschliche Vollkommenheit, wie einige irrtümlich ausgelegt haben. Sie ändert die Eigenschaften oder den Zustand unserer geistigen Fähigkeiten nicht; sie lässt die Schäden unseres Leibes nicht auf wunderbare Weise verschwinden. Sie betrifft nur den Willen, der durch Christum als vollkommen angenommen wird; sie ist eine Hingabe des Leibes als Opfer - bis in den Tod. Dieser Leib wird, wie wir gesehen haben, durch die Rechtfertigung aus Glauben auch nicht tatsächlich, sondern nur gerechneterweise, gemäss unserem Willen, unserer Herzensstellung, unseren Absichten, gerecht gemacht. Der neue Wille sollte, wie der Apostel ermahnt, jede Fähigkeit, jede Gelegenheit, die sich ihm in diesem Leben bietet, in volle Übereinstimmung mit dem Herrn zu bringen suchen. Er sollte versuchen, seinen Einfluss bei allen Menschen, mit denen er in Berührung kommt, in derselben Richtung wirksam zu machen. Damit ist nicht gemeint, dass er in den wenigen kurzen Jahren des gegenwärtigen Lebens imstande sein werde, seinen armen unvollkommenen Leib oder den anderer vollkommen zu machen. Im Gegenteil, der Apostel versichert uns, indem er von der Herauswahl spricht, dass gesät werde in Verweslichkeit, in Schwachheit, in Unehre, ein unvollkommener natürlicher Leib, und dass wir nicht vor der Auferstehung neue Leiber empfangen, die stark, vollkommen, herrlich, unsterblich sind. Erst dann werden wir die Vollkommenheit erreicht haben, die wir suchen, und die der Herr uns verleihen wird, wenn wir im gegenwärtigen Zustand der Schwäche und Unvollkommenheit von Herzen kommende Treue kundgeben.

Dennoch bedeutet Herzenstreue gegenüber dem Herrn eine fortgesetzte Bemühung unsererseits, unseren ganzen Wandel, ja, jeden unserer Gedanken, und alle Absichten unserer Herzen dem göttlichen Willenunterzuordnen. (Hebr. 4:12) Das ist unsere erste und beständige Pflicht; das bleibt bis ans Ende unsere Pflicht, denn "dies ist Gottes Wille: eure Heiligung" und "seid heilig, denn ich (der Herr) bin heilig." - 1. Thess. 4:3; 1. Petr. 1:16

Absolute Heiligkeit muss das Ziel sein, dem unsere Gesinnung freudig und völlig nachzujagen sich bestrebt. Sie muss es bleiben, wiewohl wir sie niemals tatsächlich erreichen, solange wir den Gebrechen unserer gefallenen Natur und den Verführungen der Welt und des Widersachers ausgesetzt sind. Aber Tag für Tag, je mehr wir von Gott gelehrt werden, je mehr unsere Erkenntnis über seinen herrlichen Charakter wächst, je mehr wir dies schätzen lernen, um so mehr wird die neue Gesinnung Einfluss über uns und Stärke in uns gewinnen, um die Schwachheiten des Fleisches, welcher Art sie auch sein mögen, zu überwinden.

Wahre Heiligung des Herzens bedeutet auch Eifer im Dienst des Herrn; sie bedeutet Verkündigung der guten Botschaft; sie bedeutet, dass einer den anderen in dem allerheiligsten Glauben auferbaut; sie bedeutet, dass wir allen Menschen, je nachdem sich Gelegenheit bietet, insonderheit aber dem Haushalt des Glaubens, Gutes erweisen; sie bedeutet, dass auf diese mannigfache Weise unser dem Herrn geweihtes Leben für die Brüder Tag für Tag geopfert werden soll, bei jeder Gelegenheit, die sich uns bietet (1. Joh 3:16); sie bedeutet, dass unsere Liebe für den Herrn, für unsere Brüder, für unsere Angehörigen, für die Menschheit überhaupt, mehr und mehr unsere Herzen fülle, je mehr wir in Gnade, Erkenntnis und Gehorsam gegenüber dem göttlichen Wort und Vorbild wachsen.

Dennoch sind alle Ausübungen unserer Kräfte im Dienst anderer nichts weiter als Mittel, durch die der Herr es uns möglich macht, unsere Weihung vollständig zu machen. Wie Eisen das Eisen schärft, so bringen uns unsere Bemühungen im Dienst anderer manchen Segen ein. Doch während wir der hohen Stellung, in der wir unsere Nächsten lieben wie uns selbst (insbesondere den Haushalt des Glaubens), näher und näher kommen, muss die Quelle hierfür unsere alles übertreffende Liebe zu unserem Schöpfer und Erlöser und der Wunsch sein, zu handeln und zu sein, wie es ihm wohlgefällt. Wir müssen also zunächst vor allem Gott geweiht sein; er muss in Herz und Gemüt die erste Stelle einnehmen, und unsere Liebe zu ihm muss sich dann kundgeben darin, dass wir unsere Brüder und alle Menschen lieben und ihr Bestes suchen.

Geheiligt durch die Wahrheit

Wir haben bereits bemerkt, dass die von Gott geforderte Heiligung, das heißt die Heiligung, die die Voraussetzung für die Erlangung eines Platzes in der Neuen Schöpfung ist, nur solchen erreichbar ist, die in der Schule Christi sind, von ihm lernen und durch die Wahrheit geheiligt werden. Weder Irrtum noch Unwissenheit heiligt. Andererseits aber müssen wir nun auch nicht auf die Annahme verfallen, dass jede Wahrheit heiligt. Wiewohl die Wahrheit im allgemeinen allen bewundernswert erscheint, die sie lieben und den Irrtum hassen, so lautete doch des Herrn Ausspruch nur: "Deine (das heißt des Vaters) Wahrheit heiligt." Die ganze zivilisierte Welt ist auf der Jagd nach Wahrheit; ihre Jäger heißen Geologen, Astronomen, Physiker, Chemiker. Auch die Staatsmänner beteiligen sich an diesem Suchen nach dem, was recht ist. Aber wir gewahren, dass diese Wahrheitsbestrebungen nicht heiligen, dass sie vielmehr meist in entgegengesetzter Richtung wirken, wie denn auch der Apostel sagt, dass die Welt durch Weisheit Gott nicht erkennt. (1. Kor. 1:21) Es ist eine Tatsache, dass die Kürze unseres Lebens und unsere vom Fall herrührende Unvollkommenheit und Entkräftung einen Versuch unsererseits, die ganze Wahrheit zu umfassen, als Zeitvergeudung erscheinen lässt. Darum sind es auch in der Welt nur die Spezialisten, die Erfolg haben. Wer seine Aufmerksamkeit der Astronomie widmet, findet für seine Zeit und seine Kräfte auf diesem Gebiet allein Beschäftigung genug; er wird wenig Zeit übrig haben für andere Wissenschaften, auch für deren höchste nicht: "Deine Wahrheit" - den göttlichen Plan der Zeitalter. Deshalb ermahnt auch der Apostel Paulus, der ein gebildeter Mann war, den Timotheus, sich zu hüten vor der fälschlich sogenannten Wissenschaft. Wissenschaft bedeutet Wahrheit, und sicherlich dachte der Apostel nicht daran, die Aufrichtigkeit der Forscher seiner Zeit zu bestreiten und sie als absichtliche Fälscher hinzustellen. Vielmehr lesen wir in seinen Worten einen Gedanken, den die von der Wissenschaft durchlaufene Bahn voll und ganz bestätigt, dass nämlich, wenn auch jede Wissenschaft ein Stück Wahrheit enthält, doch alle menschlichen Lehren nicht unbedingte, unvermengte Wahrheit sind. Sie sind nur die besten Vermutungen derer, die die Wahrheit, ein jeder auf seinem Gebiet, suchen; oft hat eine Vermutung der anderen widersprochen. Wie die Gelehrten vor 50 Jahren die Vermutungen der Gelehrten früherer Zeiten verwarfen, so verwerfen die Gelehrten der Gegenwart die Ansichten ihrer Vorgänger.

Der Apostel Paulus war nicht nur ein weiser und völlig geweihter Mann, ein Glied der königlichen Priesterschaft, von Natur besser ausgerüstet als viele seiner Gefährten, um in den Fußstapfen des großen Hohenpriesters zu wandeln, sondern er stand außerdem, in seiner Eigenschaft als einer der erwählten zwölf Apostel des Lammes (in Ersetzung des Judas Iskariot), unter besonderer göttlicher Leitung - insbesondere hinsichtlich seiner Lehren - und war von dem Herrn dazu bestimmt, das ganze Evangeliums-Zeitalter hindurch der Belehrer des Haushaltes des Glaubens zu sein. Die Worte eines solchen Glaubenshelden und Vorbildes, das er uns durch seine Weihung vorlebte, sollten daher bei uns sehr ins Gewicht fallen, wenn wir die Laufbahn betrachten, die wir als geweihte und angenommene Glieder der königlichen Priesterschaft betreten haben. Er ermahnt uns, jede Bürde und die leicht umstrickende Sünde abzulegen und mit Ausharren zu laufen den vor uns liegenden Wettlauf, hinschauend auf Jesum, den Anfänger unseres Glaubens, bis er auch der Vollender desselben werden wird. (Hebr. 12:1, 2) Anderswo spricht er zu unserer weiteren Ermahnung von seinen Erfahrungen: Ich habe gefunden, dass meine volle Weihung für den Herrn mir nicht gestattet, meine geistigen Kräfte in verschiedenen Richtungen zu betätigen oder sie im Aufsuchen verschiedener Wahrheiten zu zersplittern. Die Wahrheit der göttlichen Offenbarung hat mich, seitdem sie in mein Herz gekommen und meine schon geweihten und geheiligten Fähigkeiten mehr und mehr in Anspruch nimmt, immer klarer erkennen lassen, dass, wenn mir daran gelegen ist, den großen Preis zu gewinnen, ich ihm meine ganze Aufmerksamkeit widmen muss, genau wie jene, die nach irdischen Zielen laufen, sie stets im Auge behalten müssen. "Eines aber tue ich: Vergessend was dahinten (meine einstigen Bestrebungen als Forscher, meine einstigen Aussichten als römischer Bürger und als ein Mann von mehr als Durchschnittsbildung, vergessend die Anziehungskraft der verschiedenen Wissenschaften und Lorbeeren, die sie ihren Jüngern verheißen), und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist (das Auge meines Glaubens unablässig richtend auf das, was ich hoffe, liebe, dem ich mich geweiht habe, nämlich das große Anerbieten, Miterbe mit meinem Herrn zu werden, der göttlichen Natur und seines großen Werkes der Segnung der Welt durch sein Reich), jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christo Jesu." - Phil. 3:13, 14

Rührung ist nicht Heiligung

Manche Christen sind nicht recht klar darüber, worin die den treuen Opferern dieses Zeitalters verheißenen Beweise des Herrn, dass sie angenommen sind, bestehen. Einige erwarten mit Unrecht äußerliche Zeichen, wie sie zu Pfingsten der ersten Kirche zuteil wurden. (Band 5, Kapitel 9) Andere erwarten innerliche, frohe Gemütsbewegungen und sind daher ihr Leben lang hinsichtlich ihrer Annahme durch den Herrn im Ungewissen, wenn diese Erregungen ausbleiben. Ihre Erwartungen stützen sich auf Erfahrungen anderer Brüder, die davon Zeugnis abgelegt haben. Es ist daher wichtig, sich dessen bewusst zu werden, dass die Schrift solche Erregungen nirgends verheißt, dass wir alle in der einen Hoffnung unserer Berufung berufen sind, und dass die Verheißungen der Vergebung der früheren Sünden, des ermutigenden Lächelns des Vaters, seiner Gnade, die uns bei unserem Lauf aufrecht hält, uns ans Ziel gelangen und den großen Preis erlangen hilft, seiner in jeder Zeit der Not ausreichenden Gnade, Gemeingut aller derer sind, die die Bedingungen der hohen Berufung angenommen haben. Was aber sehr verschieden ist, das ist die Art und Weise, in der die verschiedenen Kinder Gottes diese sowie jede Verheißung annehmen, sie sei zeitlicher oder geistiger Natur, sie komme von Menschen oder von Gott. Die einen sind sehr erregbar und empfindsam und bezeugen und beschreiben daher ihre Empfindungen in lebhafter Weise. Auch das Verfahren des Herrn selbst ist nicht bei allen seinen Kindern dasselbe. Sehen wir uns die Sache gerade beim Haupt der Herauswahl, unserem Herrn Jesus, an. Als er sich im Alter von dreißig Jahren völlig weihte, bis in den Tod, des Vaters Willen zu tun, und nachdem er mit dem Heiligen Geist ohne Maß gesalbt worden war, da war er nicht, soweit die Schrift berichtet, mit außerordentlich froher Erregung erfüllt. Ohne Zweifel erhielt er wohl die Gewissheit, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, vom Vater gebilligt zu sein und von Gottes Segen geleitet zu werden, was auch die Erfahrungen sein möchten, die er machen würde. Dennoch wurde er vom Geist nicht auf den Gipfel eines Berges der Freude geführt, sondern in die Wüste getrieben, und die ersten Erfahrungen, die er als Neue Schöpfung machte, waren sehr ernstliche Versuchungen. Dem Widersacher wurde gestattet, ihn zu versuchen, um zu sehen, ob er sich davon abbringen lasse, des Vaters Willen zu tun; ob er sich bewegen lasse, zu versuchen, das Werk, zu dessen Hinausführung er ins Fleisch gekommen war, auf eine Weise zu vollenden, die ihm den Opfertod ersparen würde. So geht es, glauben wir, wohl auch einigen der Nachfolger des Herrn in der ersten Zeit nach ihrer Weihung. Sie empfinden Furcht und Zweifel, die der Widersacher in ihnen erregt, indem er ihnen glaubhaft zu machen versucht, dass es gegen Gottes Liebe und Weisheit verstoße, die Hingabe irdischer Rechte und Ansprüche zu verlangen. Lasst uns in diesem Punkt nicht einer den anderen richten! Wenn einer seiner Freude lauten Ausdruck zu verleihen vermag, lasst uns alle mit ihm uns freuen. Und wenn ein anderer nach seiner Weihung viel Anfechtung und Kummer zu erdulden hat, lasst uns alle Mitleid mit ihm haben, andererseits aber uns freuen, dass seine Erfahrungen denen unseres Herrn so ähnlich sehen.

Jene beiden lieben Gottesmänner, John und Charles Wesley, waren beide zweifellos geweihte Männer; und doch tat ihre Auffassung der Weihung nicht nur einigen wohl, sondern sie fügte anderen in gewissem Maße Schaden zu, indem sie eine unschriftgemäße Erwartung schuf, die nicht bei allen eintrat und dadurch durch Entmutigung Böses bewirkte.

Es war ein schwerer Missgriff ihrerseits, zu glauben und zu lehren, dass die Weihung bei allen Geweihten den gleichen Grad freudiger Erregung hervorbringe. Die Kinder gläubiger Eltern, welche von Kind auf christliche Lebensluft geatmet, alle Dinge dieses Lebens im Licht des Glaubens ihrer Eltern und im Licht der Worte Gottes beurteilen gelernt und daher von jeher versucht haben, den göttlichen Willen zu erkennen und zu tun, sollten nicht erwarten, wenn sie einmal das Alter der Verantwortlichkeit erreicht und sich persönlich dem Herrn geweiht haben, dieselbe überströmende Freude zu empfinden, wie ein anderer, der bis zu dem Zeitpunkt ein "verlorener Sohn" gewesen ist, ein Fremdling, der von den heiligen Dingen nichts wusste.

Die Bekehrung eines solchen bedeutet eine gründliche Änderung, ein Hinwenden zu Gott von allen menschlichen Bestrebungen, die ihn bisher von Gott abgezogen hatten und ihn zum Sklaven der Sünde und Selbstsucht machten. Jener dagegen, dessen ganze Gefühls- und Gedankenwelt von Kindesbeinen an durch christliche Eltern auf Gott und seine Gerechtigkeit hingewiesen wurde, kann keine plötzliche Änderung oder Umwälzung seiner Gefühle empfinden und sollte daher nichts derartiges erwarten. Ein solcher sollte vielmehr erkennen, dass er von Jugend auf bis zur Reife der persönlichen Verantwortlichkeit von Gott begünstigt wurde, dass seine Annahme zur Zeit seiner Weihung die vollbewusste Übernahme seiner bisherigen Stellung zu Gott, eine völlige Weihung jeglicher Gaben und Fähigkeiten in den Dienst des Herrn, seiner Wahrheit und seines Volkes bedeutet, dass seine Weihung sein "vernünftiger Dienst" ist, und dass, nachdem er sein ganzes schon als gerecht gerechnetes irdisches Ich dem Herrn nun bewusst geweiht, er die außerordentlich großen und herrlichen Verheißungen auf sich beziehen darf, die nur die Geweihten und ihre Kinder angehen. Wenn einem solchen alsdann ein klarer Einblick in den Plan Gottes oder wenigstens dessen Anfänge zuteil wird, so sollte er daraus erkennen, dass die auf das Evangeliums-Zeitalter beschränkte hohe Berufung an ihn ergeht, und sich darüber freuen.

Die Aussage des Apostels: "Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen" - gilt für die ganze Herauswahl des Evangeliums-Zeitalters. Der Herr wünscht unseren Glauben so zu fördern, dass wir ihm auch da vertrauen, wo wir ihn nicht begreifen können. Zu diesem Zweck lässt er manche Dinge teilweise geheimnisvoll bleiben, wenigstens für das natürliche Auge und Urteil, und dadurch wird der Glaube viel sicherer gefördert, als es durch äußere Zeichen und Wunder geschehen könnte. Die Augen unseres Verständnisses für göttliche Dinge müssen durch die Verheißungen der Schrift geöffnet werden, durch ein Unterscheiden und Verstehen lernen seiner Wahrheit, damit wir uns im Glauben an Dingen erfreuen lernen, die wir jetzt nicht mit Augen sehen noch mit unserer natürlichen Vernunft begreifen können.

Auch die Öffnung der Augen unseres Verständnisses geht nach des Apostels Zeugnis schrittweise vor sich. Er bittet für die, die bereits zur Herauswahl Gottes gehören, die er als Geweihte, Heilige anredet, dass die Augen ihres Verständnisses geöffnet werden möchten, damit sie mehr und mehr erkennen mögen mit allen Heiligen (in einer Weise, wie andere es nicht vermögen) die Länge und Breite und Höhe und Tiefe der Weisheit und Liebe Gottes. Der Gedanke, dass die geistigen Güter der Neuen Schöpfung, die ihr nach der Weihung zuteil werden, nicht den natürlichen Sinnen, sondern nur dem Glauben erkennbar sind, ist in den Vorbildern der Stiftshütte auch schon angedeutet. Der äußere Vorhang verhüllte den Leviten die heiligen Geräte (tiefere Wahrheiten). Diese wurden nur von denen gesehen, die als Priester ins Heiligtum Eintritt hatten, wie die tieferen Wahrheiten auch nur von denen erkannt werden, deren Wunsch, zur königlichen Priesterschaft zu gehören, stark genug ist, um sie anzutreiben, sich in den Tod zu weihen. (siehe "Die Stiftshütte")

Die freudige Erregung kommt denen, bei denen sie natürliche Anlage des Temperaments ist, nicht selten wieder abhanden. Was solche aber immer als Gnadenerfahrung und Erregung empfinden können, wenn sie im Herrn bleiben und in seinen Fußstapfen zu wandeln suchen, das sind die Freuden des Glaubens, die irdische Wolken und Kümmernisse nicht zu verdunkeln vermögen. Die Freude soll, so ist es des Herrn Wille, nicht von ihnen genommen werden, es sei denn für einen Augenblick, wie es bei unserem Herrn Jesu der Fall war, als er am Kreuze ausrief: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Da unser Meister, indem er Adams Stelle einnahm, alle Erfahrungen des Sünders über sich ergehen lassen musste, so musste er eben, wenn auch nur für einen Augenblick, die Abtrennung des Sünders von Gott empfinden. Und wer weiß, ob solch ein dunkler Augenblick nicht auch der Würdigsten unter den Nachfolgern des Lammes wartet? Solche Erfahrungen würden freilich nicht auf lange Zeit zugelassen werden, und die Seele, die in dem dunklen Augenblick auf den Herrn zu vertrauen fortfährt, wird für diesen Glaubens- und Vertrauensbeweis reichlich belohnt werden, wenn die Wolke sich verzogen hat und der Sonnenschein der Gegenwart des Herrn wieder leuchtet.

Eine andere Ursache teilweiser Verfinsterung deutet ein Dichter an, der darum betete, dass nicht von der Erde aufsteigendes Gewölk den Herrn seinen Blicken entziehen möge. Die meisten Wolken, die zwischen den geweihten Gotteskindern und ihrem himmlischen Vater und älteren Bruder auftauchen, sind solch irdisches Gewölk. Sie entstehen, wenn wir uns an irdische Dinge hängen, anstatt unsere Gedanken auf himmlische Dinge zu lenken, wenn wir unser Weihegelübde vernachlässigen, wenn wir im Opfer und Geopfertwerden lässig sind, wenn wir nachlassen, uns in den Dienst der Brüder zu stellen oder allen Menschen nach Möglichkeit Gutes zu tun. Zu solchen Zeiten, wo der Blick vom Herrn und seiner Führung abgewendet ist, sammeln sich die Wolken rasch, und der Sonnenschein der Gemeinschaft, des Glaubens, des Vertrauens und der Hoffnung wird dementsprechend verdunkelt. Das ist eine Zeit seelischer Krankheit und Unruhe. In seiner Gnade lässt der Herr solche Trübsal zu, ohne uns deshalb aus seiner Gunst zu verstoßen. Wenn er uns sein Antlitz verhüllt, so geschieht es, damit wir zu unserer Belehrung erfahren, wie verlassen und in welch unbefriedigender Lage wir wären, wenn nicht seine Gegenwart mit seinem Sonnenschein unseren Weg erleuchten und jegliche Last dieses Lebens uns leicht erscheinen lassen würde.

"Der da heilet alle deine Gebrechen"

"Preise Jehova, meine Seele, und vergiss nicht alle seine Wohltaten! Der da vergibt alle deine Ungerechtigkeit, der da heilt alle deine Krankheiten; der dein Leben erlöst von der Grube, der dich krönt mit Güte und Erbarmungen; der mit Gutem sättigt dein Alter; deine Jugend erneuert sich wie die des Adlers." - Psalm 103:2-5

Wenn der Herr einerseits zulässt, dass die Neue Schöpfung solche Krankheiten erdulden muss, wie wir sie eben angedeutet haben, so ist er andererseits auch stets bereit, ihnen abzuhelfen, wenn der Leidende in die richtige Herzensstellung kommt. Der Leidende muss, wenn er seine Mängel empfindet, vor den Thron der Gnade hintreten, mit der Bitte, dass der Mattigkeit seiner Neuen Schöpfung abgeholfen werde, dass frisches Leben und Gesundheit im Lichte der Gnade Gottes wiederkehren möge. Der Apostel ermahnt uns (Hebr. 4:16), "mit Freimütigkeit hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe." Alle Neuen Schöpfungen machen Erfahrungen dieser Art, und wenn sie sie richtig verwerten, so werden sie immer stärker im Herrn und in der Macht seiner Stärke, so dass selbst die Fehltritte und Schwachheiten, ihre Hilfsbedürftigkeit, ihr Anlehnen im Glauben auf den Arm des Herrn, zu ihrem geistigen Vorteil ausschlagen, so dass sie wachsen und erstarken in einer Weise, wie es nicht möglich wäre, wenn sie aller Prüfungen und Widrigkeiten enthoben wären, oder wenn gar der Herr sein Antlitz nicht vor ihnen verbergen würde, wenn ihre Herzen erkalten oder erschlaffen oder sie ihre geistigen Vorrechte missachten. Jedes Mal, wenn die Neue Schöpfung das Bedürfnis empfindet, Vergebung und Hilfe zu suchen, dient ihr dies dazu, ihr von neuem einzuprägen, dass des Erlösers Sühnopfer und Versöhnungswerk notwendig war. Sie empfindet alsdann, dass Christi Opfertod nicht nur für die vergangenen Sünden (die Sünden Adams sowohl als auch unsere eigenen, begangen, bevor wir durch den Sohn zum Vater kamen) genug getan, sondern dass seine Gerechtigkeit durch sein einmaliges Opfer für jedermann hinreichend ist, alle unsere geistigen, sittlichen und leiblichen Mängel gut macht, sofern sie nicht von uns selbst gewollt sind. So wird die Neue Schöpfung während ihrer ganzen Reise auf dem schmalen Pfad beständig daran erinnert, dass sie um einen Preis erkauft wurde, nämlich mit dem kostbaren Blut Christi, und ihre Erfahrungen und Fehltritte drängen sie näher und näher an den Herrn heran, indem sie immer höher schätzen lernt, was Christus einst als Erlöser getan, und was er jetzt als Helfer und Erlöser zu tun bereit ist.

Manche Neuen Schöpfungen haben nicht gelernt, aus solchen geistigen Beschwerden oder Gebrechen den von Gott beabsichtigten Nutzen zu ziehen, sondern sind eher geneigt, in ihren Herzen zu sprechen: "Ich habe mich wieder vergangen; jetzt kann ich nicht mehr vor den Thron Gottes hintreten, wenn ich nicht zuerst dem Herrn meine guten Absichten durch das Erringen eines Sieges bewiesen habe." So schieben sie auf, was sie gerade in erster Linie tun sollten. Sie suchen in eigener Kraft einen Sieg zu erringen; da sie aber durch die Erkenntnis ihrer vorigen Schwachheit entmutigt worden sind, sind sie nicht in der geeigneten Verfassung, einen guten Kampf des Glaubens zu kämpfen, weder gegen ihr eigenes Fleisch, noch gegen den Widersacher. So gehen sie einer sicheren Niederlage entgegen und, was schlimmer ist, sie verlieren mehr und mehr die Gewohnheit, sich bei dem Herrn nach Hilfe umzusehen, und so wird das Gewölk, das ihnen den Sonnenschein der göttlichen Gnade verhüllte, immer dichter und dichter, bis es den Bedauernswerten schließlich als unvermeidliches Übel erscheint.

Gerade umgekehrt sollte es gehalten werden. Sobald der Fehler in Wort oder Tat erkannt und der dadurch gestiftete Schaden, soweit wie möglich, gutgemacht worden ist, sollte der Thron der Gnade aufgesucht werden, aber im Glauben, nicht im Zweifel. Wir dürfen von unserem Herrn nicht denken, dass er einen Anlass wider uns sucht und uns barsch anfahren wird, sondern uns vielmehr daran erinnern, dass seine Güte und sein Erbarmen groß genug waren, um ihn zu veranlassen, für unsere Erlösung zu sorgen, als wir noch Sünder waren. Sicherlich ist seine Liebe für uns, nachdem wir seine Kinder geworden und vom Geist gezeugt worden sind, und seitdem wir in seinen Wegen - nach dem Geist, nicht nach dem Fleisch - zu wandeln suchen, um so überschwenglicher, so sehr wir auch straucheln mögen. Sicherlich muss er uns noch mehr lieben, als da wir "noch Kinder des Zornes waren gleich wie die übrigen." Wir müssen des eingedenk sein, dass, gleichwie ein rechter irdischer Vater sich seiner Kinder erbarmt, so auch der Herr sich derer erbarmt, die Ehrfurcht vor ihm haben. Wir müssen an unsere besten Freunde und ihre Liebe und Teilnahme für uns denken und uns dann Gott noch unendlich viel liebevoller, gütiger und treuer vorstellen, als die Besten unter seinen Geschöpfen. Solchen Glauben, solches Vertrauen fordert er, aber er belohnt es auch. Alle, die Glauben genug hatten, um ein erstes Mal zum Herrn zu kommen, haben auch, wenn sie nur wollen, Glauben genug, um sich bei Gott Zugang zu verschaffen, Tag für Tag, in allen Prüfungen, Schwierigkeiten und Vergehungen. Lassen sie aber die Wolken immer mehr zwischen sich und den Herrn treten, lehnen sie es ab, nach der Ermahnung der Schrift, vor dem Thron der Gnade um Frieden und Wiederherstellung der Gemeinschaft zu bitten, dann werden sie schließlich nicht würdig befunden werden, der besonderen Klasse, die der Herr jetzt auserwählt, zugezählt zu werden. Der Vater sucht solche Anbeter, die ihn ehren - das heißt, die ihn lieben und ihm trauen - und "ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen"; "dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube." - Joh. 4:23; Hebr. 11:6; 1. Joh. 5:4

Es gibt natürlich auch Schwierigkeiten auf dem Wege, aber der Herr hat für die notwendige Hilfe und den nötigen Rat Sorge getragen; sowohl in seinem Wort als auch in den Brüdern, die er in der Versammlung, die da ist sein Leib, dazu "gesetzt" hat. (1. Kor. 12:18) Schon das zum Beispiel ist eine Hilfe, wenn wir einsehen, worin unsere Abirrung besteht, wenn wir erkennen, dass die Verschiebung unseres Hinzutretens vor den Thron der Gnade, bis wir etwas Eigenes zu unserer Rechtfertigung vorbringen können, ein Beweis dafür ist, dass wir die große Belehrung, die Gott seit Jahrhunderten gegeben, nicht völlig zu erfassen vermögen; dass wir nämlich alle untüchtig sind, das zu tun, was wir möchten, dass wir mithin des Erlösers bedürfen, der gekommen ist, uns aufzurichten. Wer damit umgeht, sich selbst zu rechtfertigen, der versucht etwas Unmögliches, und je schneller er dies erkennt, um so besser für ihn. Wir sollten täglich dem Herrn Rechenschaft geben, ob es uns leicht oder schwer fällt. Wenn das Herz des Geweihten weich und an ununterbrochene Gemeinschaft mit dem Herrn gewöhnt ist, so werden wir Erleichterung finden, wenn wir, so oft irgendeine Schwierigkeit auftaucht, gleich vor den Thron der Gnade hintreten und nicht erst den Abend abwarten. Jedenfalls sollte keine Schwierigkeit über Nacht behalten werden; der Zugang zum Thron der Gnade steht uns immer offen, und davon keinen Gebrauch zu machen, würde eine Herzensstellung zeigen, die mit dem Wort des Herrn unvereinbar ist.

Einzelne bemerken mit Schmerzen, dass sie, nachdem sie vor den Thron der Gnade getreten sind, nicht den Segen empfanden, den sie erwarteten - die Vergebung der Sünden und die Aussöhnung mit dem Vater. Dies mag eine der folgenden drei Ursachen haben: 1. Sie können es an Glauben haben fehlen lassen, und da in der gegenwärtigen Zeit der Herr alles nach dem Glauben beurteilt, kann ohne Glauben nichts erhalten werden. "Dir geschehe nach deinem Glauben." - 2. Sie mögen das Unrecht, das sie vor Gott bekennen, nicht gut gemacht, nicht dafür um Verzeihung gebeten haben. Oder aber, wenn sie sich gegen den Herrn vergingen, mögen sie es ihm verschwiegen und nicht um seine Verzeihung gebeten haben; dann suchen sie natürlich den Frieden umsonst. - 3. Nicht selten hatten wir Gelegenheit zu bemerken, dass der Mangel an Frieden von der unvollständigen Weihung des Betenden herrührte. Solche suchen bei Gott Freude und Frieden und den Sonnenschein der Gnade - geistige Güter, die in der Stiftshütte durch Schaubrote und den Schein des goldenen Leuchters vorgeschattet waren - während sie in Wirklichkeit noch außerhalb der Weihung stehen, mithin nicht zur königlichen Priesterschaft gehören, nur Leviten sind, die bis jetzt die besondere Gnade, das Vorrecht des gegenwärtigen Zeitalters, umsonst empfangen haben.

Das beste Heilmittel gegen Mangel an Glauben besteht im Studium des Wortes Gottes, im Nachdenken über Gottes Güte in der Vergangenheit und Gegenwart, in dem Bemühen, zu erkennen, dass er gnädig ist, außerordentlich viel gütiger, als wir es je zu wünschen oder zu denken vermocht hätten. Das Heilmittel im zweiten Fall wäre das sofortige unumwundene Bitten um Vergebung, ein Gutmachen des begangenen Unrechtes, soweit dies möglich ist, und dann eine Rückkehr zum Thron der Gnade in voller Glaubenszuversicht. Im dritten Fall liegt das Heilmittel in der Vollendung der Weihung oder Hingabe, die der Herr von allen verlangt, die an den besonderen Vergünstigungen des gegenwärtigen Evangeliums-Zeitalters Anteil haben wollen.

Ferner soll hier noch von einer anderen Art Kranker unter den Geweihten die Rede sein. Es sind jene, die, wiewohl allem Anschein nach gerechtfertigt und aufrichtig geweiht, in der Beherrschung des Fleisches wenig oder gar keine Fortschritte zu machen scheinen. Ja, es sieht manchmal so aus, als hätte sie ihr Glaube an Gottes Güte und Barmherzigkeit durch Austreibung der Furcht den Versuchungen durch das Fleisch zugänglicher gemacht, als sie vordem waren, da sie den Herrn noch weniger gut kannten. Solche machen Erfahrungen, die nicht für sie allein, sondern für den ganzen Haushalt des Glaubens, dem sie angehören, sehr betrübend sind. Ihr Wandel erscheint wie eine Reihe von Fehltritten und Reuebezeugungen; die einen handeln verkehrt in der Verwaltung irdischer Güter, die anderen fehlen in sittlicher oder gesellschaftlicher Beziehung.

Die Arznei, deren solche bedürfen, ist der Hinweis darauf, dass die Neue Schöpfung nicht aus solchen bestehen wird, die nur Selbstverleugnung, Darangabe irdischer Dinge, Ablassen vom Wandel nach dem Fleisch und einen Wandel nach dem Geist versprechen, sondern aus solchen, die infolge ihres Ausharrens in der Bereitwilligkeit, ihr Versprechen zu erfüllen, als Überwinder von ihm, der im Herzen liest, anerkannt werden können. Sie sollten daran erinnert werden, dass das für alle Geweihten richtige Verfahren darin besteht, die Freiheit, mit der Christus sie freigemacht hat, zu benutzen und allen Fleiß und alle Sorgfalt darauf zu verwenden, dass sie aller der Weihung verheißenen Segnungen teilhaftig werden möchten, und müssten sie deswegen auch Sklaven werden (indem sie sich selbst im Handel und Wandel, im Denken und Reden bestimmte Schranken setzen), ernstlich den Herrn um die Hilfe bittend, die er durch des Apostels Worte verheißen hat. "Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht." Jedes Mal, wenn sie sich bei einer Übertretung ertappen, sollten sie die davon Betroffenen um Entschuldigung bitten, aber nicht nur das, sondern ihren Fehltritt auch vor dem Herrn bekennen und so durch Glauben seine Vergebung erlangen. Sie sollten ihm versprechen, in Zukunft sorgfältiger zu sein, und ihrer Freiheit noch weitere Beschränkungen auferlegen, und zwar gerade in der Richtung, in der sie gefehlt haben. Von solchen Brüdern und Schwestern dürfte gelten, was der Apostel als "unordentlich wandeln" bezeichnet, ein Benehmen, das mit dem des Herrn und seiner Apostel nicht übereinstimmt.

Wenn sie jedoch wachen und beten und über jedes ihrer Werke und Worte wachen und "jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam des Christus" (2. Kor. 10:5), dann wird es sicherlich nicht lange dauern, bis sie selbst und auch die Brüder von der Aufrichtigkeit ihrer Herzen überzeugt sein werden, und ihr Wandel wird so vorsichtig sein, dass alle ihnen anmerken werden, nicht nur, dass sie mit Jesu gewandelt, sondern auch, dass sie von ihm gelernt, seine Hilfe gesucht und benutzt haben, um Siege über ihre Schwachheiten davonzutragen.

In einem späteren Abschnitt werden wir die Weisungen des Herrn hinsichtlich der Behandlung sehen, die die Brüder solchen angedeihen lassen sollten, die nach dem Fleisch wandeln, des Herrn Sache in Verruf bringen und ihr Schande machen. Hier bemerken wir jedoch gleich, dass, solange sie von ihrer Reue über ihren falschen Wandel, von ihrem Wunsch, richtig zu wandeln und dem Herrn zu glauben und zu trauen, sichere Beweise geben, sie als Brüder geachtet werden sollten. So nötig es sein mag, sich von ihnen so lange fernzuhalten, bis sie irgendeinen greifbaren Beweis dafür bringen, dass die Macht der Gnade in ihren Herzen genügend erstarkt ist, um die Schwachheiten ihres Fleisches einigermaßen im Zaume zu halten, sollten sie doch ermutigt werden, zu glauben, dass der Herr barmherzig und von großer Güte ist für jene, die ihm vertrauen und von Herzen seine Wege zu gehen wünschen. Freilich dürfen sie nicht in dem Glauben bestärkt werden, dass sie würdig erfunden werden könnten, den Überwindern beigezählt zu werden, es sei denn, dass es ihnen mit ihrem Eifer für die Gerechtigkeit so ernst wird, dass in unzweideutiger Weise ersichtlich wird, dass ihr Fleisch der neuen Gesinnung unterworfen ist.

Wir haben schon Geweihte des Herrn gefunden, deren neues Leben dem Erlöschen nahe war. Sie wünschten zwar sehnlichst die Gemeinschaft mit dem Herrn, aber es fehlte ihnen an der nötigen Erkenntnis, wie diese Gemeinschaft herbeigeführt und festgehalten werde. Sie hatten zwar die Bibel, aber ihre Aufmerksamkeit war von ihr abgelenkt; sie waren gewohnt, sich nach Lehren umzusehen, Katechismen nachzuschlagen usw. So wandelten sie nach den Überlieferungen der Menschen und nicht nach der Gesinnung, nach dem Geist Gottes, und entbehrten infolgedessen der richtigen geistigen Nahrung. Die Folge davon war, dass sie zwar wohl dem Formenwesen abgeneigt waren, aber nicht wussten, wie sie es machen sollten, sich mehr mit ihrem ganzen Herzen dem Herrn zu nahen. Es fehlte ihnen eben die Erkenntnis seiner Güte, des Reichtums seiner Gnade in Christo Jesu, des großen Planes zur einstigen Errettung der Welt und der Berufung der Herauswahl zur neuen Natur. So schwer Erkrankte bedürfen vor allem der reinen unverfälschten Milch des Wortes und dann der "starken Speise" der göttlichen Offenbarung. Sie sollten nicht verachtet oder vernachlässigt werden, auch dann nicht, wenn sie, nachdem ihnen die Hohlheit des Kirchentums zum Bewusstsein gekommen ist, einen Ersatz dafür in weltlichen Zerstreuungen und dergleichen gesucht haben. Wir haben solche gekannt, die in geistiger Beziehung ganz gleichgültig geworden waren, nachdem sie in verschiedener Richtung vergeblich nach Herzensbefriedigung gesucht hatten, die aber sofort erstarkten, sobald ihnen die "gegenwärtige Wahrheit" angeboten wurde. Wir glauben, dass es in den verschiedenen Namenkirchen noch mehr solche gibt. Ihnen die Hand zu reichen, um sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht zu führen, aus geistigem Hungertod zu überströmender Gnade und Wahrheit, ist ein großes Vorrecht jener, die das Licht der gegenwärtigen Wahrheit schon empfangen haben. Damit uns aber der Herr brauchen kann, solche zu segnen, müssen wir Weisheit und Gnade von oben in seinem Worte suchen und sie in freundlicher und beständiger Weise und mit gläubigem Herzen anwenden.

Probeweise Rechtfertigung sollte zur Heiligung führen.

Wir haben schon gesehen, dass die Gerechtmachung nicht nur darin besteht, dass wir daran glauben, dass Christus als Erlöser für die Menschheit gestorben, und infolgedessen eine Wiederaussöhnung des Geschlechtes mit Gott und eine bestimmte Segnung möglich sei, sondern um ein aus Glauben Gerechtfertigter zu werden, ist vielmehr eine gewisse Weihung erforderlich. Rechtfertigung aus Glauben schließt die Erkenntnis in sich, dass die Sünde außerordentlich sündhaft ist (Röm. 7:13), und den Wunsch, von ihr loszukommen, sowohl von ihrer Herrschaft als auch von der darauf gesetzten Strafe - den Wunsch also, gerecht zu sein, eines Sinnes mit dem gerechten Schöpfer, in Übereinstimmung mit allen Gesetzen der Gerechtigkeit. Rechtfertigung aus Glauben setzt ferner voraus, dass der Gläubige sich vorgenommen hat, in allen Dingen dieses Lebens Gerechtigkeit walten zu lassen. So weitgehende Heiligung bringt in Verbindung mit dem Glauben an das Lösegeld die probeweise Rechtfertigung, setzt aber noch kein Opfer voraus. Gott hat ein Recht zu fordern, dass alle seine Geschöpfe die Gerechtigkeit gutheißen und die Ungerechtigkeit hassen, und andernfalls sie als Fremde, als Feinde zu betrachten. Aber Gott verlangt nicht von uns, dass wir unser Leben in seinem Dienst oder sonst für irgendeine Sache opfern. Das Opfer wird in der Schrift als etwas Freiwilliges hingestellt, als etwas, das das Gesetz nicht fordert, obwohl es nach des Apostels Erklärung ein "vernünftiger Dienst" ist, indem er uns auffordert, unsere Leiber als lebendige Opfer darzustellen, Gott annehmbar. - Röm. 12:1

Bei einigen mag nun die Weihung zum Opfer sehr bald, nachdem sie den Glauben an den Herrn fanden und der Wunsch in ihren Herzen entstand, in seinen gerechten Wegen zu wandeln, eintreten. Aber vorausgehen kann diese Weihung nicht, weil wir, wie bereits gesehen, erst aus Glauben probeweise gerechtfertigt sein müssen, um etwas zu haben, was wir Gott anbieten können, und das er auf seinem Altar neben dem Opfer unseres teuren Erlösers brauchen kann.

Andere verharren einige Zeit in der Stellung dieser Probeweisen "Rechtfertigung aus Glauben", ohne dem Gedanken, sich völlig zu weihen oder irdische Interessen für den Herrn und seine Sache daranzugeben, auch nur Näherzutreten. Aber bei den heutigen Verhältnissen wird, wer den Pfad hin zur Rechtfertigung, der Gerechtigkeit, der Übereinstimmung mit Gott betritt, nicht weit auf ihm voranschreiten brauchen, um auf Widerstand zu stoßen, sei es seitens des Fleisches, der Welt oder des Widersachers. Sie gewahren, dass der Pfad allmählich steigt, steiler und schwieriger wird. Wer auf ihm weiter wandeln will, inmitten der heutigen, von der Sünde beherrschten Verhältnisse, wird bald merken, dass ihm sein Wandel irdischen Nutzen, irdische Bestrebungen, Freundschaften usw. kostet. Hier ist der Kreuzweg erreicht: Zu der einen Abzweigung, dem aufwärts führenden Pfad zu Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit, kann der Pilger nur gelangen, wenn er eintritt durch die Tür der Demütigung, Selbstverleugnung und Selbsthingabe. Einmal eingetreten bemerkt der Pilger, dass der Weg rau und schwierig ist, dass ihm aber dennoch ungesehen helfende Geister zur Seite stehen, dass die köstlichen Verheißungen Christi, des Anführers, hier und dort als Lichter zu seiner Ermutigung dienen, ihm versichernd, dass er hinreichende Gnade und Beistand bis zum Ende der Reise empfangen wird. Wenn er ausharrt, wird er bemerken, dass alle Dinge zu seinem Besten mitwirken, zur künftigen Gliedschaft der Neuen Schöpfung, zum Anteil an dem glorreichen Werk des tausendjährigen Königreiches.

Vor diesem Tor, das volle Weihung zum Opfer, ja, zum Tode bedeutet, steht mancher probeweise aus Glauben Gerechtfertigte eine kleine Weile still und überschlägt die Kosten, bevor er eintritt, bevor er der Einladung des Wortes folgt; er nimmt seinen Mut zusammen, um die Reise anzutreten, zu der ihn die guten Zusicherungen ermutigen.

An diesem Tor vorbei führen zahlreiche Nebenwege, auf denen viele, die bis hierher gekommen sind, auf leichtere Weise zu Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit zu gelangen suchen. Umsonst! Es gibt dieser Nebenwege Hunderte. Die einen führen eine Zeitlang aufwärts und erfordern ein wenig Selbstverleugnung; andere schwenken gleich ab und führen abwärts zu den Vorteilen und Aussichten dieser Welt. Auf keinem von diesen Nebenwegen aber findet der Wanderer die ermutigenden Verheißungen, die nur für jene sind, die durch die enge Pforte der Weihung eintreten. Sie sind Lichter auf dem schmalen Weg der Nachfolge Christi, in der auf irdische Bestrebungen verzichtet wird, damit sie den höchsten Grad der Gemeinschaft mit Christo Jesu und den Anteil an der zukünftigen Herrlichkeit erreichen.

Freude und Friede kommen von dem Augenblick an, da wir an den Herrn glauben, seine Versöhnung annehmen, den Entschluss fassen, nach Gerechtigkeit zu streben und Sünde zu meiden. Diese Freude und dieser Friede bleiben ungetrübt bis vor die enge Pforte am Anfang des schmalen Weges; aber der Gerechtigkeit weiter nachzujagen erfordert Selbstverleugnung, Selbsthingabe; wird dieses Opfer nicht gebracht, tritt man nicht durch die enge Pforte ein, dann verdunkeln sich auch der Friede und die Freude über die Gunst Gottes. Ganz werden sie freilich nicht verschwinden, solange der probeweise aus Glauben Gerechtfertigte auf anderen Wegen der Gerechtigkeit zu folgen sucht, sie weiterhin liebt und die göttliche Gunst wertschätzt, auch dann nicht, wenn er vor dem Eintritt durch die enge Pforte zurückschreckt, aber volle Freude und voller Friede kann solchen nicht zuteil werden, solange sie nicht erkennen, dass volle Weihung aller ihrer Kräfte nur ein "vernünftiger Dienst" ist (Röm. 12:1), die schuldige Anerkennung und Gegenleistung für die bereits empfangene, in der Sündenvergebung bestehende Gunst Gottes.

In dieser schwachen Herzensverfassung verbleiben viele recht lange, indes andere die Wege der Welt einschlagen. Weder die einen noch die anderen werden Bewerber um die Neue Schöpfung, wenn sie nicht durch die enge Pforte der Selbsthingabe eingehen. Lange Zeit schneidet sie der Herr nicht ab von besonderen Vorrechten, die dazu bestimmt sind, sie zur engen Pforte zu führen. Dadurch aber, dass sie durch sie einzutreten verfehlen, stellen sie sich als solche dar, die "die Gnade Gottes (die Vergebung ihrer Sünden und ihre Hinleitung zu der engen Pforte) umsonst empfangen haben", weil, einmal soweit gebracht, sie sich "der einen Hoffnung unserer Berufung" zu versichern verfehlen oder sich weigern. Mit Recht könnte der Herr zu solchen sagen: Ich nehme euch wieder alle Vorzugsrechte weg; ihr seid ihrer nicht würdiger als die übrigen Menschen, mit denen ihr während des Tausendjahr-Zeitalters euren Teil an Gelegenheit und Gnade haben möget. Aber besondere Bevorzugung, Barmherzigkeit, Obhut, Fürsorge usw. meinerseits gibt es für euch hinfort nicht mehr. - Aber der Herr tut dies nicht sofort und hat mit vielen sehr lange Geduld.

Die außerordentlich großen und herrlichen Verheißungen des göttlichen Wortes, wie zum Beispiel, dass alle Dinge denen zum Guten mitwirken, die Gott lieben, haben nur für solche Geltung, die, nachdem sie von Gott bevorzugt und vor die schmale Pforte der Selbsthingabe gestellt worden sind, nun auch freudig durch sie eintreten, für solche, die Gott im höchsten Grade lieben, mehr als sich selbst. "Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes." (1. Kor. 3:23) Sie sind in die Schule Christi eingetreten; in dieser Schule werden alle Lehren, Ermutigungen und Zuchtmittel, die das Leben bietet, so überwaltet, dass sie die Schüler für die Königswürde vorbereiten. Außerhalb dieser Schule haben die Lehren des Lebens keinen so großen Segen im Gefolge für solche, die es ablehnen, einzutreten und ihren Willen unter den des großen Lehrers zu beugen.

Denen, die die Gnade Gottes umsonst empfangen haben, gebricht es, genau genommen, auch an einem Zugang zum Vater, an einer Grundlage, dem Vater im Gebet zu nahen. Denn wie sollen solche besondere Fürsorge und Bevorrechtung seitens Gottes erwarten, wenn sie jede Gegenleistung für die bereits empfangenen Segnungen zu geben verfehlen? Haben solche, die bereits vom Herrn gesegnet wurden, indem Christus ihnen zur Weisheit und Probeweisen Rechtfertigung gemacht wurde, das Recht zu denken, Gott sei nun verpflichtet, ihnen noch mehr zu schenken? Sollten solche nicht vielmehr erkennen, dass, nachdem sie solcher Gnade teilhaftig wurden, von der die übrigen des erkauften Geschlechtes nichts wissen, sie schon mehr als ihren gebührenden Teil empfangen haben? - dass weitere Erbarmungen und Vergünstigungen Gottes, wenn sie dem Willen des Herrn weiter zu folgen verfehlen, an ihnen vorbei und zu solchen übergehen werden, die bis jetzt vom Herrn nicht in gleichem Maße bevorzugt wurden und daher das gnädige Anerbieten Gottes noch nicht in gleichem Maße verschmäht haben? Wie der Dichter im Hinblick auf die große Drangsal es ausdrückt:

Welch ein schreckliches Erwachen
Harrt auch derer, die da träumten,
Ihre Auswahl festzumachen,
Bei den Schlafenden versäumten!

Aber der Herr ist voller Mitleid und von großer Güte, und daher mögen wir erwarten, dass, solange jemand wenigstens den Glauben festhält, Gott ihn nicht völlig verwerfen wird.

Was wäre das Heilmittel für jene, die in Obigem ihren eigenen Fall erkennen und völlig des Herrn zu sein und völlig seiner Gunst teilhaftig zu werden wünschen? Unseres Erachtens wäre es eine völlige Weihung, die völlige Ergebung in den Willen des Herrn in allen Dingen. Ihre Bestrebungen, ihre Hoffnungen, ihre Aussichten, ihre Mittel, ja, selbst ihre irdischen Freundschaften sollten sie dem Herrn hingeben und dafür die Führung seines Wortes und Geistes und seiner Vorsehung als ihr Gesetz eintauschen, als Richtschnur für ihren künftigen Wandel. Sie sollten dabei dessen sicher sein, dass auf diese Weise nicht nur ihre Aussichten im zukünftigen Leben um so herrlicher werden, sondern auch im gegenwärtigen Leben größerer Herzensfriede ihr Teil sein wird.

Wie sollten sie dies tun? Von Herzen, in Ehrfurcht und im Gebet. Der Bund mit dem Herrn sollte fest gemacht werden, womöglich mit hörbarer Stimme; und dabei sollte um Gottes Gnade, Erbarmen und Segen gebetet werden, weil wir deren bei der Hinausführung unseres Opfers bedürfen.

Und was sollte geschehen, wenn jemand nach Gott tastet, aber sich nicht völlig bereit fühlt, seinen Willen ganz daranzugeben? Er sollte, meinen wir, die Sache dem Herrn im Gebet vortragen, ihn bittend, dass er das Forschen nach der Wahrheit segne, damit er erstens mehr und mehr die Vernünftigkeit solchen Dienstes zu erkennen, sodann die Sicherheit des sich daraus ergebenden Segens und endlich des Herrn Treue im Halten seiner großen, an die opfernde Klasse gerichteten Verheißungen wahrzunehmen vermöge. Er sollte ferner den Herrn bitten, ihn zu befähigen, irdische Dinge richtig abzuschätzen und abzuwägen, um zu erkennen und nötigenfalls zu erfahren, wie vergänglich und unbefriedigend alles das ist, wonach die Selbstsucht im gegenwärtigen Zeitalter strebt und der natürliche Sinn begehrt, auf dass er dadurch auch befähigt werde, eine Weihung zu vollziehen und den Vorzug zu würdigen, der darin besteht, seinen Sinn auf das zu richten, was droben ist, anstatt auf das, was unten ist, die Dinge dieser Welt darangeben, um jener der anderen Welt teilhaftig zu werden.

Da nun aber die hohe Berufung (Band 3, Kapitel 6) nicht mehr ergeht, ist da der sich Weihende sicher, noch eine Gelegenheit zu haben, den großen Preis der neuen Natur mit der Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit zu erringen? Oder sollte er, wenn er nicht sicher wäre, dass diese Gelegenheit noch weiter besteht, sich darum weniger weihen? Unseres Erachtens sollte, selbst wenn diese Unsicherheit bestünde, der Glaubende sich weihen. Weihung ist in Gottes Augen unter allen Umständen das richtige. Völlige Weihung wird auch von denen gefordert, die der Freuden und der Segnungen des Tausendjahrreiches teilhaftig werden wollen. Hinsichtlich des großen Lohnes aber verweisen wir auf früher Gesagtes. Unseres Erachtens werden noch viele zum Laufe in den Schranken zugelassen, um die Plätze solcher einzunehmen, die sich zwar geweiht haben, aber dann nicht so gelaufen sind, dass sie das Kleinod erreichten und deshalb nicht mehr als Bewerber angesehen werden. Niemand wird indes auf einem anderen Wege in die Rennbahn gelassen als durch die enge Pforte der Weihung, der Hingabe seiner selbst.

Wahrscheinlich haben alle, die durch die enge Pforte eingetreten sind, die großen und reichen Segnungen, die Gott für seine treue Neue Schöpfung in Bereitschaft hält, zuerst nicht so klar und völlig verstanden. Sie sahen wohl erst nur, dass es ein vernünftiger Dienst ist, und erst danach erfuhren sie mehr von der Länge, Breite, Höhe und Tiefe der Güte Gottes und der Vorzugsrechte, zu denen die hohe Berufung zu führen bestimmt ist. So geht es auch denen, die jetzt eintreten. Sie können die himmlischen, geistigen Dinge nicht völlig würdigen, es sei denn, sie seien zuvor soweit gekommen, sich völlig zu weihen, was auch dann ihr vernünftiger Dienst bleibt, wenn die Vollzahl der Überwinder gefunden wäre. Wir dürfen dessen gewiss sein, dass der unendlich reiche Herr für solche, die sich, nachdem die himmlische Klasse vollzählig ist, dem Herrn und seiner Sache weihen, eine Fülle von Segnungen irgendwelcher anderer Art in Bereitschaft hält, wie sie nur Geweihten und sich Opfernden zuteil werden können. Es ist möglich, dass sie den Alttestamentlichen Überwindern zugerechnet werden, die die Gott wohlgefällige Opferwilligkeit schon hatten (siehe 1. Mose 22; Hebr. 11), bevor die hohe Berufung erging.

Irrige Ansichten über Heiligung

Bei der Unklarheit, die in der Namenchristenheit hinsichtlich des Planes Gottes fast allgemein herrscht, ist es nicht zu verwundern, dass auch hinsichtlich des Begriffes "Heiligung" viel Verwirrung herrscht.

Eine irrige Anschauung, die freilich von ganz wenigen Kindern Gottes zu ihrem eigenen Schaden festgehalten wird, ist, dass sie tatsächlich gerecht und heilig seien, dass sie sich bei einem Rückblick das Zeugnis geben können, sie hätten seit Jahren nicht mehr gesündigt. Diese finden ihr Vorbild in den Pharisäern zur Zeit unseres Herrn, "die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien, und die übrigen für nichts achteten" (Luk. 18:9) und ob dieser Selbstgerechtigkeit achtlos an den Gnadengaben und Vorrechten vorbeigingen, die das Erlösungswerk unseres Herrn in ihren Bereich stellte.

Die Aufmerksamkeit dieser sogenannten "Heiligen" und "Sündlosen" wird in hohem Grad von dem Glauben an den Herrn und sein Lösegeld, von dem Vertrauen auf das Verdienst seines Opfers usw. abgelenkt. Denn wozu sollten sie dessen bedürfen, da sie doch das Gesetz Gottes voll und ganz zu erfüllen imstande sind? Es ist einerseits eine zu geringen Meinung vom Herrn und andererseits eine zu hohe Meinung von sich selbst, die sie irreführt. Würden sie den Herrn hochachten, wie er es verdient, so würden sie auch seine Größe, seine Herrlichkeit und die Heiligkeit und Vollkommenheit seines Charakters erkennen; und eine richtige Einschätzung ihrer selbst würde sie bald belehren (wie sie andere belehrt), dass sie in Worten, Werken und Gedanken weit hinter dem göttlichen Maßstab zurückbleiben.

Eine andere Klasse solcher "Heiligen" geht nicht ganz so weit, sich als sündlos zu erklären, aber hält sich bei aller Anerkennung ihrer Unvollkommenheit für vollständig heilig, weil sie die Sünde zu vermeiden, sündlos zu leben versucht. Wie schon gezeigt, sind wir mit diesen insoweit einverstanden, dass wir denken, dass alle wahrhaft Geweihten versuchen sollen, nach Kräften die Sünde zu meiden; jene "Heiligen" irren darin, dass sie wähnen, die Vermeidung der Sünde sei der einzige Zweck der Weihung. Sie haben den Gegenstand vollständig missverstanden; kein Geschöpf Gottes hat ein Recht zu sündigen; sich der Sünde enthalten, etwas nicht tun, was man nicht tun darf, kann keineswegs als Opfer bezeichnet werden. Nirgends fordert uns das Wort Gottes auf, Sünde zu opfern. Jene lieben Freunde, deren Weihung nicht mehr bedeutet als die Vermeidung der Sünde, sind gerade soweit gekommen, als alle Gerechtfertigten kommen sollten; sie sind noch nicht eingetreten durch die enge Pforte der Darangabe der Dinge, die erlaubt, die recht sind, auf die freiwillig verzichtet werden soll, damit wir dem Herrn und seiner Sache besser dienen können.

Christus unsere Erlösung

Das Wort "Erlösung" bedeutet hier Errettung, Befreiung, als das Ergebnis des Erlösungswerkes, der Verwirklichung dessen, wofür das Lösegeld gebracht worden ist. Der in diesem Wort liegende Gedanke führt uns bis zur Verwirklichung des Sieges der Herauswahl, zur tatsächlichen Geburt der Neuen Schöpfung, obwohl an der hier besprochenen Stelle das Werk auch sehr wohl auf die vielen Hilfeleistungen angewendet werden dürfte, die den Gläubigen auf dem schmalen Wege zuteil werden, und die sie schließlich mittels Teilnahme an der ersten Auferstehung zu der "großen Errettung", zu Ehre, Herrlichkeit und Unsterblichkeit, bringen werden.

Der Apostel versichert uns, dass unseres Herrn Opfer für uns eine "ewige Errettung", eine dauernde Errettung aus der Knechtschaft der Sünde und deren Strafe, dem Tode, bewirkt hat. (Hebr. 7:25; 9:12) Diese Erlösung ist freilich für die ganze Welt, und schließlich wird unser Herr alle, die sich mit dem göttlichen Gesetz in Übereinstimmung bringen lassen, auf immer von Sünde und Tod retten. Aber im gegenwärtigen Zeitalter ist, wie wir in der Broschüre "Die Stiftshütte" gezeigt haben, diese ewige Errettung, die im Millennium allen zugänglich gemacht werden wird, indem alle zur Erkenntnis der Wahrheit gebracht werden sollen, nur dem Haushalt des Glaubens zugänglich, und auch davon nur denen, die jetzt als Opferer in den Fußstapfen des Hohenpriesters als Glieder der königlichen Priesterschaft wandeln. Wenn diese einst von Sünde und Tod auf immer befreit sind, werden sie Angehörige der Neuen Schöpfung sein, gekrönt mit Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit.

Lasst uns hier noch einige andere Stellen betrachten, in denen das griechische Wort "Apolytrosis" (Befreiung, Errettung) mit "Erlösung" übersetzt ist. Unser Herr spricht, indem er auf die alsdann fällige Errettung durch die erste Auferstehung hinweist, zu den am Ende des Zeitalters lebenden Zeugen, welche die Zeichen der Zeit wahrnehmen: "Wenn aber diese Dinge anfangen zu geschehen, so blicket auf und hebet eure Häupter empor, weil eure Erlösung naht." (Luk. 21:28) Zu der gleichen Klasse Neuer Schöpfungen spricht der Apostel: "Betrübet nicht den Heiligen Geist Gottes, durch welchen ihr versiegelt worden seid auf den Tag der Erlösung." (Eph. 4:30) Diese beiden Schriftstellen beziehen sich nicht auf den Teil des Erlösungswerkes, der auf Golgatha geschah, sondern auf die Ergebnisse jenes Teiles, die in der Vollendung und Erhöhung der Herauswahl, "die da ist sein Leib", durch die erste Auferstehung, bestehen.

In Epheser 1:7 erklärt der Apostel: "Wir haben die Erlösung durch sein Blut." Hier spricht er offenbar von den Segnungen, deren wir im gegenwärtigen Leben teilhaftig werden durch das Verdienst des Opfers unseres Herrn, das unsere Mängel bedeckt und für uns ein weit überwiegendes und ewiges Gewicht von Herrlichkeit bewirkt, indem es in uns wirkt sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach Gottes Wohlgefallen.

Christus ist uns also schon im gegenwärtigen Leben zur Erlösung gemacht, indem er uns in den gegenwärtigen Kämpfen den Sieg gibt, wie er uns schließlich den endgültigen Sieg geben wird, wenn er uns zu seinem eigenen Bild vollkommen machen wird. Denselben Gedanken äußert Paulus in Röm. 3:24, wo wir lesen: "Wir werden umsonst gerechtfertigt durch seine (Gottes) Gnade (und sie erhält uns in der Gerechtigkeit, solange wir in Christo bleiben), durch die Erlösung, die in Christo Jesu ist." Diese Erlösung wird vollendet sein, sofern wir dafür in Betracht kommen, wenn wir ihm gleichförmig gemacht sein und ihn sehen, wie er ist, und teilhaben werden an seiner Herrlichkeit am Tage der Erlösung (Befreiung). In Röm. 8:22, 23 spricht der Apostel wiederum von der Vollendung unserer Erlösung oder Befreiung, auf welche wir warten müssen bis zur von Gott zuvor bestimmten Zeit: "Die ganze Schöpfung seufzt zusammen und liegt in Geburtswehen bis jetzt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlinge des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst, erwartend die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes" (d.h. natürlich des Leibes Christi, der da ist die Versammlung, dessen Haupt Jesus ist, und dessen voraussichtliche Glieder wir sind). Dies erst wird für uns die Vollendung der Erlösung sein, denn obwohl wir unterdessen mancher Segnung und Errettung teilhaftig werden, wird unsere Befreiung doch nicht vollständig sein, bevor der Leib Christi erlöst und wir mit ihm erhöht sein werden. - Röm. 8:20-23

Von unserer jetzigen Lage, unserem jetzigen Anteil an der Erlösung sagt unser Herr: "Wer an mich glaubt, hat ewiges Leben" (Joh. 6:47), und der Apostel sagt: "Wer den Sohn hat, hat das Leben." (1. Joh. 5:12) Wir dürfen aber nicht meinen, dass der Glaube, von dem hier die Rede ist, nur die Zustimmung unseres Verstandes zu bestimmten Tatsachen des göttlichen Heilsplanes ist. Nein, dieser Glaube an das Lösegeld muss derart sein, dass er unseren ganzen Wandel beeinflusst und uns in Gegensatz zur Sünde bringt, ein lebendiger Glaube, der sich in von Herzen kommendem Gehorsam kundgibt. Andererseits dürfen wir die zweite oben angeführte Stelle auch nicht so verstehen, dass die Gläubigen ewiges Leben im vollen Sinne des Wortes schon jetzt hätten, in dem Sinne, dass ihnen die Teilnahme an der ersten Auferstehung garantiert ist. Vielmehr müssen wir verstehen, dass geweihte Gläubige zu neuem Leben gezeugt sind, den Keim zu neuem Leben in sich tragen, in dem Sinne, dass Gott ihre neue Gesinnung als den Keim zur Neuen Schöpfung, als welche sie bei der ersten Auferstehung vollendet sein werden, betrachtet.

Wir finden diese Stellen in voller Übereinstimmung mit der Aussage des Apostels: "Denn in (auf) Hoffnung sind wir errettet worden" (durch Glauben gerechneterweise, nicht tatsächlich gerettet). Darum müssen wir (wie der Landmann, der sät, wie die junge Mutter) geduldig warten auf die Vollendung des guten Werkes, das Gott in uns angefangen, "auf die Gnade (Errettung), die uns gebracht wird bei der Offenbarung Jesu Christi" (1. Petr. 1:13) - "wenn er kommen wird, um in seinen Heiligen verherrlicht zu werden." - 2. Thess. 1:10

Die Erlösung, die in Christo Jesu ist - diese sowohl, deren wir uns jetzt erfreuen, als auch jene, deren wir mit der Zeit teilhaftig werden sollen - wird in der Schrift immer mit dem Sühnopfer unseres Herrn in Zusammenhang gebracht: sein Tod war die Sühnung für unsere Schuld. Aber auch seine Auferstehung ist von allergrößter Wichtigkeit; denn ein toter Retter hätte die von ihm Erkauften zu dem, was sie verloren haben, nicht zurückbringen können. Die Erfahrungen, die unser Herr während seiner Opferzeit machte, befähigen ihn umso mehr zu dem großen Werk der Befreiung der seufzenden Schöpfung, die er durch sein Blut zurückgekauft hat. "Worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, vermag er denen zu helfen, die versucht werden." (Hebr. 2:18) "Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, dass ihr sie ertragen (in der Probe bestehen) könnt." - 1. Kor. 10:13

Und wenn er zulässt, dass wir straucheln, so mag dies zu Zeiten ein Mittel sein, durch das er uns unsere Schwachheit zum Bewusstsein bringt, uns daran erinnert, dass wir seiner als Hirten wie auch als Erlöser bedürfen, damit seine Kraft in uns Schwachen mächtig werden könne. Er wird in seinem Wort dargestellt als unser Hohepriester, der Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten, der aber machtvoll ist, uns in der Stunde der Versuchung zu helfen. Es wird ausdrücklich von ihm gesagt, dass er Mitleid habe mit den Unwissenden und Verirrten, und befähigt sei, völlig jene zu erretten, die durch ihn zum Vater kommen und durch lebendigen Glauben in ihm bleiben, d.h. nach Kräften seinen Willen tun.

So dürfen wir uns unseres Erlösers freuen als unseres Befreiers im gegenwärtigen Leben und als unseres Befreiers aus dem Tode durch die erste Auferstehung. - Hebr. 2:17, 18; 4:15, 16; 5:2; 7:25, 26

nach oben

Studie 4

Die Zuvorbestimmung der Neuen Schöpfung

Allgemeine Ansichten über Auserwählung. - Der richtige Begriff. - Den Nichterwählten widerfährt kein Unrecht. - Unterschied zwischen "Erwählten" und "Auserwählten." - "Eine Sünde zum Tode." - "Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen." - Die Große Schar. - Die Waschung ihrer weißen Kleider im Blute des Lammes. - Der auserwählte Weinstock und seine Reben. - Verschiedene Erwählungen in der Vergangenheit. - Keine von ihnen war für ewig. - Die Vorbilder Jakob und Esau. - "Jakob habe ich geliebt, und Esau habe ich gehasst." - Pharao. - "Gerade darum habe ich dich erweckt." - Gott legt dem Willen keine Fesseln an. - Pharao hiervon keine Ausnahme. - "Gott verstockte das Herz Pharaos." - Israel das auserwählte Volk. - "Was ist nun der Vorteil der Juden? Viel auf jede Weise." - Die auserwählte "Neue Schöpfung". - Was bedeutet "Gnade"? - Als Erläuterung die königliche Garde. - "Zuvorbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein." - "Die nach Vorsatz berufen sind." - Eigenschaften und Kennzeichen der Berufenen. - "Ist Gott für uns." - Umschreibung der Beweisführung des Apostels. - Das Festmachen unserer Berufung und Erwählung. - Der Lauf in der Rennbahn. - "Ich jage ihm aber nach." - "Wissend eure Auserwählung von Gott."

Die allgemeine Auffassung über die Auserwählung ist sehr wenig befriedigend. Sie setzt Parteilichkeit und Ungerechtigkeit von Gott voraus. Daran ist aber schuld, dass das Wort Gottes in diesem Punkt ganz missverstanden wird. Die biblische Lehre von der Auserwählung hingegen, die wir hier darzulegen uns bemühen werden, ist geradezu großartig, was jeder zugeben muss, der gewahrt, dass die Auserwählung nicht auf Gnade allein, sondern auch auf Gerechtigkeit und Billigkeit gegründet und durchaus unparteiisch ist.

Die irrige Auffassung ist kurz gefasst folgende: Gott habe, da das ganze Geschlecht zu ewiger Qual verurteilt sei, eine kleine Herde auserwählt, die allein dem Verderben entrinnen werde, während alle übrigen einem unsäglich grauenhaften Schicksal entgegengehen, wozu sie die göttliche Vorsehung vor Grundlegung der Welt zuvor bestimmt habe. Das Glaubensbekenntnis von Westminster z.B., das dieser falschen Anschauung den geschicktesten Ausdruck gibt, fügt außerdem noch bei, dass "die erwählte kleine Herde" nicht wegen irgendeines Verdienstes oder wegen ihrer Würdigkeit, sondern lediglich durch Gottes souveränen Willen gerettet werde.

Die biblische Lehre der Auserwählung aber ist, wie wir zeigen werden, das gerade Gegenteil dieser Ansicht. Nach der Schrift ist der Tod (nicht ewiges Leben in Qual), der alle Menschen um des Ungehorsams des Einen willen ereilt, der Sünde Sold. Nach der Schrift offenbart sich die Gnade Gottes in der Erlösung, die in Christo Jesu ist, in dem Rückkauf der ganzen Menschheit durch sein Blut, das "die Sühnung ist für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die (der ganzen) Welt." (1. Joh. 2:2) Gott hatte bestimmt, dass sein eingeborener Sohn das Vorrecht haben sollte, die Menschheit für den Preis seines eigenen Lebens zurückzukaufen und zum Lohn dafür hoch erhöht zu werden, die göttliche Natur zu erhalten. (Band 5, Kapitel 5) Der Sohn soll auch schließlich alle Geschlechter auf Erden segnen, indem er sie zunächst vom Tode auferweckt, sie alsdann zu voller Erkenntnis der Wahrheit bringt und die Willigen und Gehorsamen zu voller menschlicher Vollkommenheit, zu Verhältnissen, die noch herrlicher sind als das Paradies in Eden, zurückführen wird.

Weiter hatte Gott bestimmt, dass sein Eingeborener eine Anzahl Miterben an der Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit der Neuen Schöpfung und dem Werk, die Menschheit durch volle Wiederherstellung zu segnen und glücklich zu machen, haben solle. Solche Miterben nennt die Schrift "Heilige". Das Evangeliums-Zeitalter hatte nicht den Zweck, die Welt zu segnen oder wiederherzustellen, sondern nur aus der Welt eine kleine Herde herauszuwählen, deren Gliedern die Gelegenheit gegeben wird, ihren Glauben, ihre Liebe und ihren Gehorsam zu bewähren und dadurch ihre Berufung und Erwählung festzumachen. (2. Petr. 1:10) Aber diese Erwählung bedeutet für die Nichterwählten nichts Schreckliches noch Unbilliges. Sie werden nicht bestraft dafür, dass sie nicht auserwählt worden sind. Bei Wahlen in einer Republik geschieht denen, die nicht erwählt werden, auch kein Schade oder Unrecht. Die Wahlen haben nur den Zweck, die passenden Personen in Amt und Würden einzusetzen mit dem Auftrag, durch weise Gesetzgebung und Verwaltung das Gesamtwohl zu fördern. So gereicht auch die Wahl Gottes der Menschheit nicht zum Schaden, sondern zum Segen; denn die Erwählten sollen die königlichen Richter werden, die Könige und Priester des Tausendjahrreiches, unter deren Herrschaft alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollen.

Die Schrift macht einen Unterschied zwischen "Erwählten" und "Auserwählten". Zu den ersten dürften alle zu zählen sein, die einerseits zu Gott in bestimmte Beziehungen treten - Beziehungen, die sie zur Hoffnung auf die Unsterblichkeit, auf einen Platz in der herrlich gemachten Herauswahl berechtigen, die aber andererseits doch noch abfallen und dann aus der Liste der Erwählten gestrichen werden können. Mit anderen Worten: Alle Geweihten, die die hohe Berufung Gottes zur Neuen Schöpfung annehmen, werden als Erwählte gerechnet, wenn sie in das Lebensbuch des Lammes eingetragen sind und eine Krone für sie in Bereitschaft gestellt worden ist. Werden solche untreu, werden ihre Namen im Buche des Lammes ausgelöscht und ihre Kronen anderen gegeben (Offb. 3:5, 11), so hören sie eben auf, zur erwählten Klasse zu gehören. Die Auserwählten hingegen sind solche, die des Lohnes teilhaftig werden können, den Gott den Getreuen des Evangeliums-Zeitalters verheißen hat, jene, die ihre Berufung und Erwählung dadurch festmachen, dass sie die Bedingungen, an die diese geknüpft ist, getreulich bis in den Tod erfüllen.

Unter denen, die verfehlen, ihre Berufung und Erwählung festzumachen, unterscheidet die Schrift zwei Klassen. Eine Klasse - die jedoch, wie wir Grund haben zu glauben, nicht zahlreich ist - wird nicht nur den besonderen Lohn der Auserwählten, sondern auch das Leben überhaupt verlieren und vom zweiten Tod ereilt werden. Von diesen schreibt Johannes, wenn er hinsichtlich der Herauswahl sagt: "Es gibt Sünde zum (zweiten) Tod; nicht für diese sage ich, dass er bitten soll." - 1. Joh. 5:16

Es ist nutzlos, für solche, welche die Sünde zum (zweiten) Tod begehen, zu beten und zu hoffen. Die Sünde wird in der Schrift als die Sünde wider den Heiligen Geist bezeichnet. Sie ist nicht unabsichtlich oder unwissentlich begangen; sie ist das Ergebnis des Beharrens in dem, was, zu Anfang wenigstens, deutlich als unrecht erkannt wurde, später aber zu grober Selbsttäuschung wird. Wer eigenwillig darin beharrt, den übergibt der Herr schließlich dem Irrtum, dem jener vor der Wahrheit den Vorzug gegeben hat. - 2. Thess. 2:10-12

Petrus und Judas erwähnen diese Klasse mit fast denselben Worten. Alle, von denen dort (Judas 11-16 und 2. Petrus 2:10-22) die Rede ist, haben einmal zur Herauswahl gehört. Niemand von ihnen gehörte zur Welt, da diese jetzt nicht gerichtet (auf die Probe gestellt), sondern ihre Prüfungszeit im kommenden Tausendjahrreich haben wird. Statt nach dem Geist in den Fußspuren des Herrn auf dem Pfad der Opferung zu wandeln, "wandeln sie nach ihren Lüsten; und ihr Mund redet stolze Worte, und vorteilshalber bewundern sie Personen" - sie suchen Menschen zu gefallen, weil dies Vorteil bringt; sie sind weit entfernt davon, ihren Bund zu halten, ihr Opfer bis in den Tod darzubringen. (Judas 16) Petrus beschreibt diese Klasse noch deutlicher. Er sagt, dass sie solche waren, die "entflohen sind den Befleckungen der Welt durch die Erkenntnis des Herrn und Heilandes Jesu Christi", aber wiederum in diese verwickelt, davon überwältigt werden (Vers 20), "wie der Hund zu seinem eigenen Gespei zurückkehrt und die gewaschene Sau sich im Kote wälzt." (Vers 22) Er vergleicht sie mit Balaam, der von dem geraden Weg abgeirrt ist, weil er den Lohn der Ungerechtigkeit liebte. (Vers 15) Petrus scheint anzunehmen, dass diese Klasse hauptsächlich unter den Lehrern der Herauswahl zu finden sein werde, insbesondere am Ende des Zeitalters, und dass ein Teil ihrer Verkehrtheit darin bestehe, dass sie Herrlichkeiten lästern (Vers 1 und 10), das heißt von solchen Böses reden, die Gott geehrt und in der Kirche "gesetzt" hat.

Im Hebräerbrief haben wir zwei Beschreibungen von denen, die abfallen, die aufhören, zu den Erwählten gezählt zu werden. In der ersten (6:4-9) spricht der Apostel von solchen, die, nachdem sie die himmlische Gabe und die Güter des zukünftigen Zeitalters geschmeckt, den Heiligen Geist empfangen haben und als Glieder der auserwählten Klasse angenommen wurden, in Sünde fallen - nicht in Sünde, wie sie bei der Schwachheit des Fleisches und der Täuschung durch den Widersacher unvermeidlich ist, sondern in absichtliche, willentliche Abweichung vom geraden Weg. Von diesen sagt der Apostel, es sei unmöglich, sie zur Buße zu erneuern. Sie haben ihren Anteil an den besonderen Gütern, die das Sühnopfer Jesu uns erwarb, gehabt; sie haben aber diese Bevorzugung durch Gott gering geschätzt; sie haben ihren Anteil missbraucht und verbraucht; sie haben also nichts mehr; und da sie dies mit Willen getan haben, so werden hinfort die Anforderungen zur Gerechtigkeit bei ihnen wirkungslos bleiben.

In der zweiten Stelle (Hebr. 10:26, 27, 31) scheint der Apostel eine andere Klasse Abfallender zu meinen, die zwar nicht auf den Sündenpfad abschweifen, noch der Ehrenhaftigkeit zuwider leben, aber den Glauben fahren lassen, der sie gerecht gemacht hatte, und dessen Festhalten Vorbedingung zur Gemeinschaft mit Gott ist.

In beiden Fällen besteht die Schwere des Falles in der Absichtlichkeit: "Wenn wir mit Willen sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben (nachdem wir von Gott soweit begünstigt worden sind, dass er uns Christum zur Weisheit, Rechtfertigung und Heiligung gemacht hat), so bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig." (Vers 26) Das von Jesu dargebrachte Opfer löschte die Schuld Adams und den Anteil, den alle Menschen von ihrem Stammvater ererbt haben und der sich in allerlei Schwachheit kundgibt, aus. Für irgendeine absichtliche Schuld unsererseits aber hat unser Herr nichts bezahlt; sündigen wir also absichtlich, so ist infolgedessen kein Teil des Verdienstes Christi, der uns für unsere absichtlichen Vergehungen angerechnet werden könnte, mehr übrig. Wir müssten also die Strafe für absichtliche Sünden selbst bezahlen. Und wenn die Sünden ganz absichtlich gewollt sind, d.h. Schwachheit oder Versuchung keinen Teil daran haben, wenn sie begangen sind, nachdem wir unsere Stellung, unsere Beziehung zum Herrn, klar erkannt haben, dann wird es Sünde zum (zweiten) Tod sein, dann ist jede Hoffnung verloren und nur ein furchtvolles Erwarten des Gerichtes und ein Feuereifer bleibt übrig, der die Widersacher verschlingen wird (Vers 27), alle, die ihm, seiner Gerechtigkeit und seinem Plan wissentlich widerstehen, ihm, der jene Gerechtigkeit ermöglichte durch die Erlösung, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn.

Im 29. Vers scheint der Apostel solche im Auge zu haben, die, nachdem sie das Erlösungswerk Christi verstanden haben, es für nichts achten, das Blut, durch das der Bund besiegelt worden ist, für gemein (gewöhnlich) halten und so den Geist der Gnade, der Gnade Gottes, der diese Sühne und Gelegenheit zur Aussöhnung mit ihm durch das Opfer und die Belohnung unseres Erlösers beschafft hat, verschmähen. Jemand, der das Gesetz Moses verworfen hat, stirbt ohne Barmherzigkeit (Vers 28), wenn auch nicht den unwiederbringlichen Tod; wer aber den gegenbildlichen Mose und seinen mit seinem Blut versiegelten Bund und somit Gott verachtet, der diese Vorkehrung zu seinen Gunsten getroffen hat, wird viel größerer Strafe wert geachtet werden als jene, die über die Übertreter des Gesetzesbundes kam. Diese Strafe wird insofern größer sein, als es von diesem zweiten Tod keine Auferstehung gibt. Kein Wunder also, dass uns der Apostel darin so ernst ermahnt, ja nicht die Vorkehrungen der göttlichen Gnade abzulehnen; sich außerhalb derselben zu stellen, bedeutet nichts Geringeres, als in die Hände des allmächtigen Gottes zu fallen, des großen Richters, der Sünde nicht entschuldigen kann, dessen einzige, aber auch hinreichende Gnadenvorkehrung für den Sünder in der Erlösung durch unseren Herrn Jesum Christum besteht.

Die Große Schar

Doch gehen nicht alle, die aus der Liste der Erwählten gestrichen werden, in den zweiten Tod. Außer diesen gibt es, wie oben angedeutet, eine viel zahlreichere Klasse, deren Glieder verfehlen, ihre Berufung und Erwählung festzumachen. Sie gehen nicht in den zweiten Tod, weil sie sich weder absichtlich einem sündigen Wandel ergeben, noch das Verdienst des kostbaren Blutes Jesu leugnen. In dieser Klasse glauben wir die ungezählte Schar derer zu erkennen, die aus großer Trübsal kommen und ihre Kleider gewaschen und weiß gemacht haben im Blute des Lammes. Sie erhalten zwar die geistige Natur und einen großen Segen, sie werden auch Eingeladene sein, Gäste beim Hochzeitsmahl des Lammes, aber sie verlieren den großen Preis, der nur den Auserwählten zuteil wird, den getreuen Überwindern, denen, die freudig und willig in die Fußspuren Jesu treten. (Offb. 7.) Diese "Große Schar" verliert ihren Platz unter den Erwählten; sie verfehlt, zu den Auserwählten zu gehören aus Mangel an Eifer für den Herrn, seine Wahrheit und seine Brüder, weil bei ihr die Sorgen um das gegenwärtige Leben überwiegen. Doch da ihre Herzen ihrem Erlöser treu bleiben, da sie ihren Glauben an das kostbare Blut festhalten und nicht verleugnen, wird der Herr Jesus, unser Fürsprecher, der Anführer unseres Heils, der die Auserwählten auf dem Pfad der freiwilligen Darangabe zur Herrlichkeit führt, jene zu einem anderen geistigen Glück, zur Vollkommenheit geistiger Wesen niedrigeren Ranges führen, weil sie ihm vertraut und seinen Namen und sein Werk nicht verleugnet haben.

Von der Herauswahl der "Neuen Schöpfung" spricht unser Herr Jesus in dem Gleichnis vom Weinstock, wo er sagt, dass er der Weinstock und seine getreuen geweihten Nachfolger, die in seinen Fußstapfen wandeln, die Reben seien. Er sagt uns durch dieses Gleichnis, dass den Reben keineswegs die Prüfungen und Schwierigkeiten erspart werden, sondern dass im Gegenteil der Vater, der große Weingärtner, dafür sorgen wird, dass ihre Treue, ihr Glaube, ihre Geduld und Ergebenheit durch Prüfungen erprobt werden. Auf diese Weise werden wir gereinigt und dahin gebracht werden, dass wir unser Herz je länger je weniger an die Dinge dieser Welt, deren Hoffnungen und Bestrebungen hängen, dass wir umso reichlicher Früchte des Geistes hervorbringen, welche sind: Milde, Geduld, Freundlichkeit, Langmut, brüderliche Liebe, allgemeine Liebe; dass diese Dinge in uns sein und immer überströmender in uns werden mögen, und dass uns so als Neuen Schöpfungen der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi reichlich dargereicht werde. - 2. Petr. 1:11

Aber der Herr warnt uns zugleich und sagt, dass es nicht genügt, nur an dem wahren Weinstock eine Rebe zu sein. Die Kraft des Weinstockes muss in uns sein, der Wunsch, die Früchte des Weinstockes zu tragen, muss unsere Herzen erfüllen. Darum gestattet uns der Weingärtner, eine angemessene Zeit Reben am Weinstock zu sein, damit er erkennen kann, ob wir auch Anstrengungen machen, die rechten Früchte hervorzubringen. Er verwirft uns nicht sofort als ungeeignet; er wird an jungen Reben nicht gleich reife Trauben, ja, nicht einmal grüne Herlinge suchen. Er wird zunächst vielmehr nach den Fruchtknospen Ausschau halten, alsdann schauen, ob sie sich zu Blüten entwickeln, und hierauf erst, ob aus den Blüten grüne Beeren geworden sind. Der Weingärtner hat lange Geduld; er lässt der Entwicklung dieser Frucht des Weinstockes, den "meines Vaters rechte Hand gepflanzt" (Psalm 80:15), reichlich Zeit; verstreicht aber diese ergebnislos, so schneidet er die unfruchtbaren Reben, die den Saft und die Kraft des Weinstockes nur zu eigenem Wachstum in sich aufnehmen, aber die Früchte, die dieser Saft zu erzeugen bestimmt ist, nicht hervorbringen, als Schmarotzer ab. So deutet unser Herr unmissverständlich an, dass wir unsere Berufung und Erwählung, deren Ende oder Lohn ewiges Leben ist, durch Hervorbringen von Früchten zur Heiligung festmachen müssen.

Verschiedene Erwählungen in der Vergangenheit

Lasst uns noch unsere Aufmerksamkeit einigen anderen Erwählungen, die in der Schrift erwähnt sind, zuwenden, damit wir unsere diesbezüglichen Kenntnisse erweitern und vertiefen mögen, bevor wir weiter von jener Erwählung reden, die unser Hauptaugenmerk auf sich zieht - nämlich der Erwählung zur Neuen Schöpfung. Wir müssen scharf unterscheiden zwischen den Erwählungen, die vor der ersten Gegenwart unseres Herrn stattfanden, und der Erwählung der Neuen Schöpfung unter ihm als ihrem Haupt und Führer. Von dieser letzteren gilt: "Ihr seid alle berufen in der einen Hoffnung eurer Berufung", während die früheren Erwählungen verschiedene Zwecke Gottes verfolgten. Abraham wurde erwählt, ein Vorbild Jehovas zu sein, sein Weib Sara, damit sie den abrahamitischen Bund vorschattete, kraft dessen der Messias kommen sollte. Hagar war erwählt, den Gesetzesbund, und Ismael war erwählt, das Volk Israel nach dem Fleisch vorzuschatten, das, obwohl vorher geboren, doch nicht Miterbe Isaaks, des Sohnes der Verheißung, werden sollte. Isaak wurde erwählt, ein Vorbild Christi zu sein, und Rebekka das der Herauswahl, der Brautklasse, des Weibes des Lammes. Der Knecht Abrahams, Elieser, war erwählt, den Heiligen Geist vorzuschatten, der die Herauswahl einladet (beruft), leitet und schließlich, samt den Jungfrauen, die ihr folgen, dem Bräutigam zuführt.

Diese Erwählungen hatten mit der ewigen Bestimmung der Erwählten nichts zu tun; wir dürfen aber annehmen, dass sie, weil sie vom Herrn als Vorbilder benutzt wurden, für das, was sie etwa, in ihrer Eigenschaft als Vorbilder, hatten darangeben müssen, zeitliche Vergütungen erhalten haben, und je weiter sie sich in die leitenden Gedanken des Planes Gottes vertieften, um so größer dürfte ihr Trost und ihre Freude gewesen sein. Wo der Apostel die Erwählung bespricht (Röm. 9-11), bemüht er sich zu zeigen, dass Israel nach dem Fleisch keine Ungerechtigkeit erfuhr, als Gott sich zur Vervollständigung der Neuen Schöpfung an die Nationen wandte. Er weist darauf hin, dass der Allmächtige Gunst bezeugen kann, und dass es in seinem Belieben stehe, wem er sie zuwenden wolle. Der Apostel zeigt, dass Gott dem Volk Israel als einer Nation gewisse Vorrechte zuwendete, und dass er dasselbe tat mit einigen Stammvätern Israels als Einzelwesen, die er als Vorbilder gebrauchte und darum auszeichnete und segnete, dass er aber andererseits nicht als verpflichtet gelten wollte, den Israeliten ihre Vorzugsrechte immer zuzuwenden und andere davon auszuschließen, die ihrer nicht weniger würdig seien. Im Gegenteil sei es ganz natürlich, dass der Herr denen, die davon keinen Gebrauch machen, seine Vergünstigung entziehe und anderen zuwende.

Außerdem wollte der Apostel, dass wir erkennen möchten, dass der Herr zuvor wusste, was aus der Bevorrechtung des Volkes Israel hervorgehen werde, wie es, ein Überrest ausgenommen (Röm. 9:27-32), wenn seine Zeit gekommen sei, gar nicht in einer Herzensstellung sein würde, welche die Zuwendung der allergrößten Gnadengabe - die Neue Schöpfung auszumachen - ermöglicht hätte. Zur Beleuchtung dieser Tatsache lenkt der Apostel unsere Aufmerksamkeit darauf, dass Gott, indem er eine Auswahl zwischen den zwei noch nicht geborenen Söhnen Rebekkas traf, damit einen Beweis erbrachte dafür, dass er wusste, wie sich die Verhältnisse einige Jahrhunderte später gestalten würden. Der Herr machte die Zwillingsbrüder Esau und Jakob zu Vorbildern, den letzteren für seine Getreuen, die Neue Schöpfung, den ersteren für Israel nach dem Fleisch, das den Dingen des gegenwärtigen Lebens den Vorzug geben und seine himmlischen Vorrechte für ein Linsengericht (irdische Güter) verkaufen würde. Im Fall Jakobs und Esaus erwies sich sicherlich die Erwählung Jakobs zum Vorbild der Überwinder als ein Segen für ihn, obwohl es ihm viel kostete; aber die Erwählung Esaus zum Vorbild jener, deren Aufmerksamkeit auf die natürlichen Dinge gerichtet sein würde, die irdische Vorteile himmlischen Gütern vorziehen würden, schadete Esau selbst auch keineswegs. Es bedeutet für ihn weder ewige Qual im zukünftigen, noch irgendein Leiden im gegenwärtigen Leben. Im Gegenteil, er wurde bei all seiner Weltlichkeit mit Irdischem gesegnet. Natürlichen Menschen wird auch heutzutage von Seiten Gottes manches Gute zuteil, das er in seiner Gnade den zur Neuen Schöpfung Erwählten vorenthält, weil es für ihre geistigen Interessen weniger förderlich wäre, wie er auch Jakob einige irdische Vorteile vorenthielt, damit er hierin ein Vorbild der erwählten Klasse werden könne. Andererseits aber hatte Jakob viel Freude und Segen, die Esau nicht erhielt, die Esau auch nicht zu würdigen verstanden hätte, wie auch die Neue Schöpfung jetzt, inmitten ihrer Prüfungen und Enttäuschungen sich eines Friedens, einer Freudigkeit und einer Segnung erfreut, von denen die Welt nichts weiß.

Die in Röm. 9:13 aus dem Alten Testament angeführte Stelle: "Den Jakob habe ich geliebt und den Esau habe ich gehasst" ist für viele "eine harte Rede", weil der Ausdruck "gehasst" von Seiten Gottes eine Gegnerschaft vorauszusetzen scheint, die Esau, soweit menschlicher Verstand die Sache zu erfassen vermag, nicht in höherem Maße verdiente als andere Menschen, und weil dieser "Hass" Gottes ihn betroffen hätte, bevor er etwas Gutes oder Böses getan. Das Wort "gehasst" bedeutet hier, wie in 5. Mose 21:15-17, sicherlich soviel wie "weniger geliebt." Der Gedanke ist, dass Jakob von Gott mehr begünstigt wurde als Esau, und darin sind beide Vorbilder des natürlichen und geistlichen Israel. Die Gunst, die Gott dem natürlichen Israel, dargestellt durch Esau, erwies, war, wiewohl sehr groß (Röm. 3:1,2), doch weniger groß, als die dem geistlichen Israel erwiesene, dargestellt durch Jakob. So verstanden ist alles harmonisch und miteinander in Übereinstimmung.

"Eben hierzu habe ich dich erweckt"

Zum Beweis seiner Behauptung, dass der Herr jederzeit in den Angelegenheiten der Menschen seine Macht hat mitspielen lassen, und dass er hierzu durchaus berechtigt war, führt der Apostel den Fall jenes Pharao an, der zur Zeit der Befreiung Israels auf dem Throne Ägyptens saß. Er zitiert die Botschaft, die Mose diesem Herrscher von Seiten Jehovas ausrichten musste: "Eben hierzu habe ich dich erweckt, damit ich meine Macht an dir zeige, und damit mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde." (2. Mose 9:16) "So denn, wen er will, begnadigt er, und wen er will, verhärtet er." - Röm. 9:18

Vor einiger Zeit gab die französische Regierung einige zum Tode verurteilte Verbrecher zu wissenschaftlichen Versuchen frei und stellte an ihnen fest, wie groß der Einfluss der Furcht auf die Lebenstätigkeit des Menschen sei. Der eine wurde nach seiner Verurteilung in eine Zelle gebracht, von der man ihm sagte, es sei in ihr in der Nacht zuvor ein Gefangener an den schwarzen Blattern gestorben, und er werde vermutlich vor dem kommenden Morgen an derselben Krankheit sterben. Der Fall traf tatsächlich so ein, wiewohl kein Blatternkranker in der Zelle gewesen war. Einem anderen wurde gesagt, man werde ihn verbluten lassen, um zu sehen, wie lange es dauern würde, um den Tod durch eine Blutung aus einer Pulsader herbeizuführen. Man verband ihm die Augen, sein Arm wurde durch eine dünne Scheidewand gestoßen und nur geritzt, der Verbrecher verlor nur einige Tropfen Blut; aber man ließ warmes Wasser an seinem Arm herab und über seine Finger in ein Becken laufen, so dass er es plätschern hörte. Der Mann starb innerhalb weniger Stunden.

Während solch ein Verfahren mit den dem Gesetz gehorchenden Bürgern sich nicht rechtfertigen ließe, liegt hier der Fall insofern anders, als diese zwei Männer bereits rechtlich zum Tode verurteilt waren. Genauso verhält es sich bezüglich des Verfahrens des Herrn mit dem menschlichen Geschlecht. Wäre der Mensch gehorsam geblieben, so wäre kein Todesurteil über ihn ergangen, und er hätte vor dem Gesetz Gottes bestimmte Rechte, die er jetzt nicht mehr hat. Wir sind als Adams Geschlecht alle schuldig befunden und zum Tode verurteilt (Röm. 5:12), und dem Herrn hat es gefallen, an verschiedenen seiner Sträflinge seine Macht und Weisheit in verschiedener Weise zu erzeigen. So befahl er den Israeliten, die Amalekiter, Hethiter und Kanaaniter auszurotten, wobei Israel die erhöhte Herauswahl und ihre Feinde die absichtlichen Sünder und Feinde der Gerechtigkeit im zukünftigen Zeitalter vorschatteten. So verbrannte er Sodom und Jericho und ließ Tausende von Israeliten an Seuchen sterben, tötete Usa, der nur seine Hand ausgestreckt hatte, um die Bundeslade am Fallen zu verhindern; denn in der Berührung der Bundeslade seitens eines Israeliten lag eine Missachtung ihrer Heiligkeit und des Gebotes Gottes.

So benutzte der Herr auch den Pharao, die zehn Plagen Ägyptens, namentlich die zehnte, die Tötung aller männlichen Erstgeburten bei Mensch und Vieh, und schließlich die Ertränkung des ägyptischen Heeres im roten Meer als Vorbilder. Die Ägypter waren als Nachkommen Adams zum Tode verurteilt, so dass ohne die geringste Ungerechtigkeit das Todesurteil an ihnen auch vollstreckt werden konnte, damit der Name und die Macht Gottes, mit der er sein vorbildliches Volk Israel befreite, kund würde.

Auf der anderen Seite verwendete Gott andere Verurteilte (Abraham, Mose usw.) als Vorbilder für die guten Dinge, die er in nächster Zukunft zu verwirklichen gedenkt, ohne darum diesen Vorbildern, ebenso wenig wie den anderen gegenüber das Todesurteil aufzuheben. Dies überließ er unserem Erlöser und Rückkäufer Jesus Christus.

Nachdem wir nun erkannt haben, dass Gott seine Herrscher- und Richtergewalt an seinen Verurteilten ausübt, wie er will, dass er den einen diese, den anderen jene Erfahrungen machen ließ, dass alle diese Erfahrungen aber, wie der Apostel zeigt, Vorbilder des Verfahrens der Erwählung der Neuen Schöpfung waren, bleibt uns noch übrig zu erkennen, dass Gott bei keiner seiner Erwählungen dem Willen des Menschen Gewalt antat. So etwas wäre mit dem Verfahren Gottes unvereinbar. Als er Abraham, Isaak, Jakob, Mose und andere mehr erwählte, damit sie Vorbilder seien, erwählte er Menschen, deren Gesinnung mit der seinigen und mit seinen Absichten und Offenbarungen ungefähr übereinstimmte. Aber er tat nichts, das sie gehindert hätte, etwas Anderes zu wollen als er, wenn sie es vorgezogen hätten. Genauso benutzte er andere Menschen, wie Ismael, Esau, die Kanaaniter, die Ägypter, die Sodomiter usw. zu anderen Vorbildern, einfach durch Benutzung ihrer natürlichen Anlagen. Er zwang sie ebenso wenig, Böses zu tun, wie er die anderen zwang, seinem Willen zuzustimmen. Mit jeder Klasse verfuhr der Herr einfach gemäss ihren Neigungen.

Wenn wir also lesen: "Eben hierzu habe ich dich (den Pharao) erweckt", so dürfen wir das nicht so verstehen, dass Gott in dem Pharao einen schlechten Charakter geschaffen, dass er ihn gezwungen hätte, böse zu sein. Vielmehr müssen wir die Sache so verstehen, dass Gott unter den verschiedenen Thronerben Ägyptens gerade diesen auf den Thron brachte (indem er vielleicht die anderen sterben ließ), weil er ein solch verstockter Mensch war, dass seine Hartnäckigkeit beim Widerstand gegen Gott und beim Bedrängen Israels billiger- und gerechterweise zu den zehn Plagen führen musste, die Gott zuvor verordnet hatte, nicht nur zur Bezeugung seiner Vergünstigung Israels für dessen treues Festhalten an den Verheißungen, die Abraham, Isaak und Jakob zuteil geworden waren, sondern auch als Vorbild der Plagen, mit denen das gegenwärtige Zeitalter enden wird, den drei ersten und den "sieben letzten Plagen." - Offb. 15:1

Am meisten befremdet jedoch manche in diesem Fall der Ausdruck, dass "Gott das Herz des Pharao verhärtete, dass er das Volk nicht ziehen ließ." Auf den ersten Blick scheint das dem zu widersprechen, was wir eben sagten, nämlich dass Gott den Willen des Menschen nicht vergewaltigte. Wir halten jedoch dafür, dass dieser Widerspruch sofort beseitig ist, wenn wir daran erinnern, in welcher Weise der Herr das Herz Pharaos verhärtete. Was tat Gott, das diese Verhärtung zur Folge hatte? Er zeigte sich gütig; er erhörte die Fürbitte Moses zur Befreiung des Pharao von den Plagen und nahm seine Versprechungen ernst. Gottes Barmherzigkeit wirkte bei einem Charakter wie dem Pharaos aber verstockend. Hätte Gott die erste Plage so lange dauern lassen, bis das Volk Israel ausgezogen wäre, so hätte sie genügt. Aber so oft der Herr die Plage über Land und Volk aufhob, dachte Pharao, es sei jetzt vorbei, und es komme keine neue Plage. So trieb ihn Gottes Barmherzigkeit Schritt für Schritt zu größerem Widerstand. So gesehen, erscheint der Wille Pharaos als durchaus frei und der Herr bei dem ungerechten Tun seines Widersachers als unbeteiligt. "All sein Werk ist vollkommen", auch dann noch, wenn die Güte Gottes, die die Menschen zur Bußfertigkeit anleiten sollte, infolge der vorherrschenden Unvollkommenheit der gegenwärtigen Verhältnisse zuweilen gerade das Gegenteil bei ihnen bewirkt.

Die Erwählung des Volkes Israel

Dass Gott das Volk Israel unter allen Nationen der Welt auserwählt hat, um sein Volk zu sein und das geistliche Israel vorzuschatten, wird von allen Christen, die ihre Bibel kennen, zugegeben werden. Die Aussage des Propheten Amos ist in dieser Beziehung durchaus klar: "Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt (anerkannt)". (Amos 3:2) Durch den Mund Jes.(45:4) spricht der Herr zu Cyrus, dem Mederkönig, der den Israeliten die Rückkehr aus der Gefangenschaft gestatten sollte: "Um Jakobs, meines Knechtes, und Israels, meines Auserwählten, willen rief ich dich bei deinem Namen." Die Tatsache, dass diese Worte vorbildlich auf Christum und die Befreiung des geistlichen Israels aus dem gegenbildlichen Babylon bezogen werden können, darf nicht damit verwechselt werden, dass in dieser Stelle das vorbildliche Israel als "auserwählt" bezeichnet wird. In seiner klaren und einleuchtenden Auseinandersetzung hinsichtlich des Überganges der Gunst Gottes vom natürlichen zum geistlichen Israel (Röm. 9-11) zeigt Paulus deutlich, dass Gottes Gunst eine Zeitlang dem Volk Israel zugewendet war, wiewohl der Herr vorher wusste und voraussagte, dass es aus der besonderen Gnade (Bevorzugung) werde hinausgestoßen werden, und dass ein anderes Volk, das geistliche Israel, in die bevorzugte Stellung, die durch die Erwählung Jakobs vorgeschattet worden war, vorrücken werde.

Der Apostel zeigt, wie die Israeliten, als Gottes begünstigte oder auserwählte Nation, für eine Zeit auf jede Weise große Vorteile davon hatten im Vergleich zu allen sie umgebenden Nationen in der Welt, indem ihnen die Verheißungen Gottes anvertraut worden waren. Sie waren einst Zweige am echten Ölbaume, und Gott brach aus ihm nur jene Zweige heraus, die sich mit der Wurzel der Verheißung und mit dem Stamm, vorgeschattet durch Abraham, Isaak und Jakob, in Widerspruch setzten. "Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; aber die Auswahl (die Würdigen - Joh. 1:12,13) hat es erlangt, die Übrigen aber sind verstockt worden." Obwohl die ganze Nation ursprünglich auserwählt war, um Gottes auserlesene Gunst zu empfangen, so waren doch nur die gläubigen Israeliten in der richtigen Herzensstellung, um, als die Zeit hierfür gekommen war, geistliche oder gegenbildliche Israeliten zu werden. Die letzteren waren die Auserwählten jener Nation; sie wurden würdig erachtet, am Ende des vorhergehenden Zeitalters in das neue Zeitalter, zur hohen Berufung aus dem Haus der Knechte in das der Söhne hinüberzugehen. (Hebr. 3:5; Joh. 1:12) Wir, die wir von Natur aus den Nationen waren und keinen Anteil hatten an den Bündnissen mit dem vorbildlichen Israel und den darauf sich beziehenden Verheißungen, haben nun durch Gottes Gnade Gelegenheit, einen dem Abraham gleichen Glaubensgehorsam zu entwickeln und der Braut Christi, dem wahren Samen Abrahams, zugezählt zu werden, eingepfropft zu werden an den Stellen, wo die natürlichen Zweige des Ölbaumes ausgebrochen worden sind, im Plan Gottes die Stellen der natürlichen Zweige einzunehmen und ihrer Verheißungen teilhaftig zu werden. Die ausgebrochenen Zweige wurden während des Evangeliums-Zeitalters zwar als Feinde gehalten, aber "um der Väter willen sind sie Geliebte, denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar." - Röm. 11:28, 29

So belehrt uns der Apostel, dass gewisse Züge der ursprünglichen Erwählung Israels diesem Volk zu eigen verbleiben, ungeachtet seiner Verwerfung als Volk, die zur Folge hatte, dass ihm die Hauptgunst, nämlich das geistliche Israel zu werden, verloren ging. Da sich die Verheißungen an Abraham, Isaak und Jakob und an den Propheten erfüllen werden, wenn sie während des ganzen Tausendjahr-Zeitalters "Fürsten" auf Erden oder Vertreter des geistigen Königreiches sein werden, so wird dies ein großer Vorteil für die meisten Israeliten sein, die jetzt noch ihrem Gott entfremdet sind und im Finstern sitzen. Sie können und werden mit ihren einstigen irdischen Vorbildern und Führern leichter eins werden als die übrigen Völker, und so wird Israel am Anfang des Tausendjahr-Zeitalters den ersten Rang unter den Völkern einnehmen. "Gott hat alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, auf dass er alle begnadige." - Röm. 11:32

Die Erwählung der "Neuen Schöpfung"

So treten wir denn an den wichtigsten Teil unseres Gegenstandes heran, nachdem wir mit einiger Kenntnis der Erwählungen der Vergangenheit und deren vorbildlicher Bedeutung als Hinweise auf jenes große Werk Gottes, die Erwählung der Neuen Schöpfung, ausgerüstet worden sind. Wir haben schon gesehen, dass diese Erwählung für die übrigen (nicht erwählten) Menschen keinen Nachteil, sondern vielmehr einen Segen bringen wird, wenn nur erst die rechte Zeit dafür gekommen ist. Wir können in diesem Zusammenhange hinzufügen, dass weder Gerechtigkeit noch Liebe einen Widerspruch gegen die Gewährung einer besonderen Gunst für einige, die anderen nicht gewährt würde, erheben könnte, selbst wenn die Begünstigten nicht dazu bestimmt wären, Segenskanäle der weniger Begünstigten oder nicht Begünstigten zu sein. Jemandem Gnade oder Gunst erweisen, heißt etwas tun, wozu die Gerechtigkeit nicht verpflichtet. In diesem Sinn wird auch in der ganzen Schrift die Herauswahl als "begnadigt" oder "begünstigt" bezeichnet. "Aus Gnaden seid ihr errettet." Diese und ähnliche Stellen machen es uns recht eindrücklich, dass seitens des Allmächtigen eine Verpflichtung, auch nur einen Nachkommen Adams vom Todesurteil wieder freizumachen oder auch nur einem die Gelegenheit zu geben, ewiges Leben zu ererben, nicht bestand. Um so weniger konnte Gott verpflichtet sein, einige gefallene Menschen durch die himmlische Berufung zu ehren, sie als Glieder der Neuen Schöpfung in Aussicht zu nehmen. Das ist alles göttliche Vergünstigung: "Gnade um Gnade", Gunst um Gunst, und wer sich dessen nicht klar bewusst ist, der wird auch niemals recht zu würdigen wissen, was gegenwärtig vor sich geht.

Der Apostel Petrus versichert, dass die Herauswahl nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, auserwählt sei, aber er fügt gleich hinzu: "Durch Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi." (1. Petr. 1:2) Dies will besagen, dass Gott die "Neue Schöpfung" als eine besondere Klasse voraussah, dass er, schon bevor sie gezeugt war, die Absicht hatte, sie durch Glauben an das Blut Christi gerecht zu machen, und dass er wusste, dass eine hinreichende Anzahl Menschen gehorsam sein und durch die Wahrheit geheiligt werden würde, um die zuvor bestimmte Vollzahl zu erreichen. Aber keine Schriftstelle zwingt zu der Annahme, dass Gott auch die Einzelwesen, die zu dieser Vollzahl gehören würden, zuvor gekannt habe. Wer deren Haupt sein sollte, das freilich war zuvor bestimmt; uns wird gesagt, dass Gott Jesum als seinen Auserwählten zuvor gekannt habe. Wir möchten freilich nicht so verstanden sein, als meinten wir, Gott vermöchte nicht zuvor zu wissen, welche Wesen die Herauswahl ausmachen würden; wir sind nur der Ansicht, dass, welcherlei Macht Gott in dieser Beziehung auch habe, doch nicht erklärt sei, ob er von diesem Können Gebrauch zu machen beabsichtigte. Er verordnete, dass Christus der Erlöser der Welt und zum Lohn dafür das erste Glied, das Haupt, der Herr und Meister der Neuen Schöpfung werden sollte. Er verordnete, dass eine bestimmte Anzahl Menschen als seine Miterben und Teilhaber am Reich, als weitere Glieder der "Neuen Schöpfung", auserwählt werden sollten. Wir haben allen Grund, anzunehmen, dass diese bestimmte Anzahl die in der Offenbarung erwähnten 144.000 "aus den Menschen Erkauften" sind. - Offb. 7:4; 14:1

Die Zuvorbestimmung vor Grundlegung der Welt, dass eine solche Zahl auserwählt werden sollte, dürfte in der gleichen Weise zu verstehen sein, wie die Zuvorbestimmung einer bestimmten Abteilung der englischen Armee, die als "des Königs Leibgarde" bezeichnet wird, oder wie die ähnlichen Bestimmungen über die preußischen Gardegrenadiere. Diese Truppen bestanden aus besonders großen und kräftig entwickelten Männern, deren Mindestmass, Schwere und Vollzahl bestimmt war, schon bevor sie geboren wurden. Wie die englischen und preußischen Könige diese körperlichen Erfordernisse und die Zahl der zu ihrer Garde zugehörenden Mannschaften zuvor verordneten, so bestimmte auch ein aus königlicher Machtvollkommenheit erlassenes Gesetz des Schöpfers die Zahl derer, die zur "Neuen Schöpfung" gehören sollten, und anstatt körperlicher machte er Herzens- oder geistige Eigenschaften zur Vorbedingung, um ihr zugezählt zu werden. So wenig es nötig war, die Namen derer zuvor zu bestimmen, die die "Leibgarde des Königs" von England oder preußische Gardegrenadiere werden sollten, ebenso wenig ist es nötig, dass unser Schöpfer die Namen der Einzelwesen zuvor bestimmte, die durch Erfüllung der von ihm kund gemachten Erfordernisse als Neue Schöpfungen in Christo vor ihm annehmbar werden sollten.

Dass dies so ist, wird durch Röm. 8:29 besonders klar gemacht: "Denn welche er zuvor erkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig (d.h. dem Sohn ähnlich) zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern."

Eine solche Zuvorbestimmung ist sehr verschieden von der Gnadenwahl, wie sie vornehmlich von Calvin verfochten wurde. Um dessen Lehren zu stützen, müsste die Stelle lauten: "Die hat er auch zuvor bestimmt, der ewigen Qual zu entrinnen und ewiges Leben in himmlischer Herrlichkeit zu genießen." Da lautet denn doch die Schrift ganz anders und viel vernünftiger. Gott hat zuvor bestimmt, dass sein Eingeborener das Haupt der Neuen Schöpfung sein soll, und dass einzig jene Menschen Glieder der Neuen Schöpfung werden können, die seinem Sohn ähnlich werden. Wie schön und vernunftgemäß ist diese biblische Lehre von der Gnadenwahl! Wer könnte noch an der Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe der Auserwählten zweifeln, wenn, um ihnen beigezählt zu werden, die Ähnlichkeit mit Jesu als entscheidender Faktor für das Vorrecht des Mitwirkens bei der Wiederherstellung und Segnung aller Geschlechter auf Erden gefordert wird?

"Die nach Vorsatz berufen sind"
(Römer 8:28-30)

Wir könnten diese Stelle nicht besser als mit des Apostels eigenen Worten erläutern. In den vorhergehenden Versen, (22 und 23) erklärt er, was Gott mit der Berufung der Neuen Schöpfung bezweckt: nämlich, sie außerordentlich zu segnen, damit sie andere segnen könne, nämlich die seufzende Schöpfung, die in Geburtswehen liegt und auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes wartet. (Vers 21 und 22) Hierauf zeigt der Apostel, dass alle Dinge denen zum Guten dienen, die er zur Neuen Schöpfung beruft, dass für die Gegenwart Enttäuschungen, Prüfungen, Widrigkeiten, der Widerstand von Fleisch, Welt und Widersacher dazu bestimmt sind, in uns friedsame Früchte der Gerechtigkeit zu erzeugen und dadurch ein weit überwiegendes ewiges Gewicht von Herrlichkeit für uns zu bewirken, jener Herrlichkeit, zu der wir berufen sind, und nach der wir uns strecken dürfen. Der Apostel bezeichnet uns die Vorkehrung des Herrn zugunsten der Berufenen, denen alle Dinge zum Guten mitwirken. Wir dürfen an diese Berufung gar nicht anders denken als in Verbindung mit dem Gedanken an unseren älteren Bruder. Niemand konnte ihm zuvorkommen; einzig wer dessen Fußstapfen sieht und in sie tritt, kann überhaupt hoffen, Teilhaber der himmlischen Herrlichkeit zu werden. Die Zuvorbestimmung Gottes, dass alle diese Brüder Christi ihrem älteren Bruder ähnlich sein müssen, wenn sie an der Neuen Schöpfung Anteil haben wollen, würde jedem Menschen alle und jede Aussicht, Teilhaber dieser Herrlichkeit zu werden, rauben, wenn Gott dafür nicht durch die Erlösung, die in Christo Jesu ist, Vorsorge getroffen hätte, dass die Schwachheiten des Fleisches, die in uns wohnen, und die wir nicht völlig beherrschen können, alle durch das Verdienst des Opfers des Erlösers bedeckt werden. Durch diese Vorkehrung kann Gott übersehen, dass wir im Fleisch nicht getreue Bilder seines Sohnes sind, sofern wir durch Beherrschung des Fleisches mittels des Willens, soweit es uns möglich ist, diese Gesinnung auch beweisen; für das, was jenseits unseres Könnens liegt, für unabsichtliche Schäden und Verfehlungen, kommt unser Herr Jesus durch seine hinreichende Gnade auf.

In seiner Beschreibung der berufenen Klasse sagt der Apostel weiter: "Welche er aber zuvor bestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht." (Vers 30) Diese Stelle wird meist missverstanden, weil sie auf die meisten Leser den Eindruck macht, der Apostel erwähne hier die Erfahrungen des Christen in der üblichen, aufeinander folgenden Ordnung, wie dies z.B. in der im vorigen Studium besprochenen Stelle der Fall ist. Aber hier beginnt der Apostel offensichtlich am anderen Ende. Er fasst die Herauswahl bereits als vollzählig, erhöht und herrlich gemacht ins Auge, und von hier aus verfolgt er den Werdegang der Entwicklung der Neuen Schöpfung rückwärts, indem er zeigt, dass niemand herrlich gemacht wird, er sei denn zuvor durch Gottes Gnade berufen worden, und dass niemand berufen wird, er sei denn zuvor aus Glauben gerechtfertigt; denn nur Glaubende werden zum Wettlauf nach dem Kleinod zugelassen. Und alle diese Gerechtgemachten sind zuvor von Gott dadurch geehrt oder ausgezeichnet ("verherrlicht" ist eine unzutreffende Übersetzung), dass er es ihnen ermöglichte, ihn und seinen geliebten Sohn, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, zu erkennen.

Es ist eine viel größere Ehre, als viele glauben, in der gegenwärtigen Zeit von der Gnade Gottes reden zu hören. Wie die Wiederherstellung eine Gabe Gottes ist, die im Tausendjahrreich der Welt zugänglich gemacht werden wird, so ist es eine besondere Ehre, des Herrn Gnade zu kennen und in der gegenwärtigen Zeit eine Gelegenheit zu haben, sich vor der Welt mit ihm auszusöhnen. Denn nachdem wir so geehrt wurden und die zu einer Rechtfertigung aus Glauben notwendige Erkenntnis erlangt haben, bietet sich uns Gelegenheit, einen weiteren Schritt zu tun, uns dem Ruf gemäss zu weihen und, wenn wir treu bleiben, zu der Herrlichkeit zu gelangen, die an uns geoffenbart werden und uns zu Gliedern der auserwählten Neuen Schöpfung machen soll.

"Ist Gott für uns"

Dem Apostel in seiner Betrachtung der Neuen Schöpfung weiter folgend, umschreiben wir seine Ausdrucksweise wie folgt: Sehen wir nicht, Brüder, dass Gott einen großen und wundervollen Plan hat, den er hinausführt? Sehen wir nicht, dass, um seine Absicht verwirklichen zu können, eine gewisse Klasse auszuerwählen und ihr an der Durchführung seines Planes Anteil zu geben, er uns dadurch begünstigt hat, dass er uns die Voraussetzungen und Bedingungen geoffenbart hat, unter denen ein solcher Anteil möglich und erreichbar ist, indem er uns gerecht gemacht und mit der himmlischen Berufung berufen hat? Bedeutet das nicht, dass Gott für uns ist, dass er wünscht, gerade wir möchten zu der auserwählten Klasse gehören, dass er seine Maßregeln gerade so getroffen hat, dass uns die Erreichung dieses Zieles möglich sei? Empfinden wir auch gelegentlich, dass der Herr für uns, der Widersacher, die Welt und die Erbsünde aber wider uns sind und uns Fallen stellen und Hindernisse in den Weg legen, o dann lasst uns bedenken, dass, da der Allmächtige unser Bundesgenosse ist, wir ob dieser Widerstände nicht zu erschrecken noch zu erzittern brauchen! Er ist reichlich stark genug, um uns sicher hindurchzubringen. Blicken wir zurück und bedenken, wie gnädig er schon gegen uns war, da wir noch Sünder waren, indem er damals, ohne dass wir es wussten, die Erlösung beschaffte, die in Christo Jesu ist. Tat er dies, da wir noch Sünder waren, wie viel mehr wird er es noch zu tun bereit sein, nachdem wir seine Kinder geworden sind, jetzt, da wir seine Stimme gehört, an seinen Sohn geglaubt, auf ihn vertraut haben, durch sein Verdienst gerecht gemacht worden sind, jetzt, da wir seine himmlische Berufung gehört und uns geweiht haben, indem wir das Wenige, was wir sind und haben, auf seinen Altar gelegt haben. Gewiss wird Gott nun noch viel mehr als zuvor für uns tun, uns noch viel größere Gunst erweisen, wiewohl wir uns gar nicht vorstellen können, wie Gott noch mehr tun kann, als er durch die Hingabe seines Sohnes schon tat. Wir können dessen sicher sein, dass er, der immer derselbe ist, uns auch jetzt noch liebt, auch jetzt noch für uns ist und alle Dinge zu unserem geistlichen Besten, d.h. dazu wird mitwirken lassen, dass wir einen Platz in der Neuen Schöpfung erhalten, wenn wir anders im Glauben an ihn, in der Liebe zu ihm und im Gehorsam verharren, ungeachtet der Unvollkommenheit des Erfolges unserer Bemühungen, die adamitische Natur niederzuhalten. Lasst uns dessen gewiss sein, dass, nachdem Gott uns seinen Sohn gegeben und uns dadurch einen Weg geöffnet hat, auf dem wir der Berufung zur Neuen Schöpfung folgen können, er auch für die Befriedigung aller Bedürfnisse gesorgt hat, die etwa auf dieser Pilgerreise sich einstellen könnten. Denn in ihm hat er uns alle Dinge reichlich gegeben.

Sollte jemand auf den Gedanken kommen, das Gesetz werde uns gegen den Willen Gottes verdammen? O, lasst uns doch bedenken, dass es derselbe Gott ist, der einst alle unter sein Gesetz eingeschlossen und als oberster Richter verurteilt hat, der nun auch unsere Rechtfertigung verkündigt, uns von allen Dingen, von denen das Gesetz uns nicht rechtfertigen konnte, aus freiem Willen gerechtfertigt hat, durch seine Gnade, durch Christum Jesum, unseren Herrn. Angesichts dieser Tatsachen, wer kann da Anklage erheben gegen die Auserwählten Gottes, die er so hoch begünstigt hat? Wer kann uns wegen unwillentlicher Schwachheiten und Verfehlungen verdammen? Solchen würden wir antworten: "Christus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch für uns verwendet", der genügend von seinem eigenen Verdienst zur Löschung aller unserer Schuld verwendet hat. - Röm. 8:34

Wird noch eingewendet, dass etwas eintreten könnte, das uns von der Liebe Gottes und von Christo und seiner Liebe und Gnade trennen würde, und dass wir mithin noch Gefahr laufen, uns selbst überlassen zu werden, an unserem Glauben Schiffbruch zu leiden und so um unsere zukünftige Herrlichkeit als Neue Schöpfung gebracht zu werden? Nein! Christus hat eine große Liebe zu uns, sonst hätte er uns nicht erkauft. Alles, was er uns tut, geschieht aus Liebe, und wir wollen nicht glauben, dass uns etwas von dieser Liebe scheidet. Drangsale z.B. sollten uns umso näher zu ihm hinziehen, da er allein uns helfen kann. Wenn uns Angst oder Verfolgung oder Hungersnot oder Blöße oder sonst eine Gefahr heimsuchen sollte, sollten wir aus Furcht davor aufhören, den Herrn zu lieben, seinen Namen und seine Sache verleugnen, in seinen Fußstapfen zu wandeln aufhören und bequemere Wege durchs Leben suchen? Nein, solche Erfahrungen sind gerade dazu bestimmt, uns Gelegenheit zu geben, Überwinder zu werden. Wie könnten wir dies werden, wenn es nichts zu überwinden gäbe, wenn der Weg angenehm und ohne schwierige Stellen wäre? Wir sind zu Gefäßen der Erbarmung und der Gnade Gottes gemacht worden, und nun stellt er uns auf die Probe, um zu sehen, bis zu welchem Grade wir würdig sind, in seiner Liebe und Gnade zu bleiben. Sein Wille ist, dass wir darin bleiben, und er hat alles Nötige vorgesehen, um dies zu ermöglichen; aber zwingen will er uns nicht. Ich bin überzeugt und vertraue, dass wir entschlossen sind, keinem Ding zu gestatten, uns von der in Christo geoffenbarten Liebe Gottes zu trennen, weder der Furcht vor dem Tod noch der Liebe zum Leben; und dass unter den anderen Geschöpfen Gottes keines die Liebe Gottes von uns abwenden und abschneiden kann, weder Engel noch Fürstentümer, weder gegenwärtige noch zukünftige Gewalten. In allen diesen Dingen sind wir mehr als Überwinder; wir sind durch den, der uns geliebt hat, als Söhne Gottes zu göttlicher Natur angenommen.

Bestrebt, unsere Berufung und Erwählung festzumachen
- 2. Petrus 1:10, 11 -

"Darum, Brüder, befleißiget euch umso mehr, eure Berufung und Erwählung fest zu machen; denn wenn ihr diese Dinge (von denen in den vorhergehenden Versen die Rede ist) tut, so werdet ihr niemals straucheln. Denn also wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi."

Bei der Erwählung, um die es sich hier handelt, tut Gott das Wichtigste: 1. Er hat zuvorbestimmt, dass es eine solche Neue Schöpfung geben soll; 2. er hat einige berufen, die für die Neue Schöpfung nötigen Charaktereigenschaften zu entwickeln; 3. er hat die Dinge so geordnet, dass die Berufenen in eine ihrer Berufung entsprechende Stellung kommen können.

Andererseits haben aber auch die, die berufen werden, wichtige Schritte zu tun: 1. Sie müssen, wenn sie erwählt werden wollen, erkennen, dass alle Vorkehrungen Gottes zu ihren Gunsten getroffen worden sind; sie müssen also die Berufung annehmen und sich völlig weihen. 2. Sie müssen vom Geist ihrer Berufung und von dem hohen Wert der daran geknüpften Belohnung so durchdrungen werden, dass sie die Bedingungen der Berufung mit Eifer erfüllen.

Wir haben schon gesehen, dass diese Bedingungen sich zusammenfassen lassen in das Wort: Gesinnt sein wie Jesus Christus auch war. Aber wenn wir uns nun diese Gleichförmigkeit näher ansehen, so bemerken wir, wie der Apostel Petrus es hier ausdrückt, dass diese Gleichförmigkeit im Hervorbringen der Früchte des Geistes der Heiligung besteht. Gott ist heilig, und so müssen seine Erwählten auch seinen Geist, seine Gesinnung haben, der Gerechtigkeit nachstreben und sie lieben und das Böse hassen und verabscheuen. Der Apostel zeigt uns in obiger Schriftstelle die verschiedenen Elemente der göttlichen Gesinnung und gibt uns zu verstehen, dass wir nicht schon am Anfang unseres Laufes volle Charakterähnlichkeit (vollkommene Liebe) erreichen, sondern dass diese vielmehr das Kennzeichen für das Ende der Laufbahn ist; haben wir sie erreicht, so ist unser Lauf zu Ende und das geforderte Maß unserer Gottähnlichkeit voll. Liebe schließt alle übrigen hier erwähnten Eigenschaften in sich; sie sind alle in Wirklichkeit Teile der Liebe. Milde, Freundlichkeit, Gottseligkeit, brüderliche Liebe sind Äußerungen ein und derselben großen Eigenschaft: der allgemeinen Liebe. Es hat jemand folgende Begriffsbestimmung der Früchte der Liebe gegeben, der wir völlig zustimmen:

  1. Freudigkeit - sich lebhaft äußernde Liebe.
  2. Friede - ruhende Liebe.
  3. Langmut - ertragende Liebe.
  4. Freundlichkeit - gesellschaftliche Liebe.
  5. Gütigkeit - handelnde Liebe.
  6. Glaube - Liebe mitten im Kampf des Lebens.
  7. Milde - gottergebene Liebe.
  8. Mäßigkeit - Liebe zur Zucht.

Als wir unseren Lauf begannen, entschlossen, es zu versuchen, weil Gott uns durch seine Gnade gerechtfertigt und zur Teilnahme an diesem Wettlauf um den großen Preis der Zugehörigkeit zur Neuen Schöpfung eingeladen hatte, da sagten wir zu uns selbst: Wir wollen alle Hindernisse und Hemmschuhe (irdische Bestrebungen) beseitigen, unseren Willen gänzlich dem Herrn weihen und dies eine tun: nämlich den Gütern nachjagen, zu denen er uns berufen hat, und sie durch des Herrn Gnade zu erreichen suchen. Gleichzeitig entschlossen wir uns, soviel an uns ist, die leicht umstrickende Sünde abzulegen, was es auch sein möge, und treu im Wettlauf nach dem großen Preis zu laufen.

Unsere Weihung entsprach dem Antreten des Wettlaufes. Damals weihten wir uns dem Herrn, damit in Zukunft sein Geist der Liebe in uns regieren möge, doch gewahrten wir, dass uns infolge des Falles die Charakterzüge fehlten, die des Vaters Wohlgefallen haben. Dennoch laufen wir und strecken uns nach dem Ziel der Gleichförmigkeit mit der Gesinnung des Sohnes aus, denn das ist sein Gebot für uns und die Vorbedingung der Gemeinschaft mit ihm. In diesem Punkt sind wir allerdings von unserem Herrn verschieden; denn da er vollkommen war, hatte er diese schrittweise Entwicklung zur vollkommenen Liebe nicht durchzumachen. Er war von Anbeginn seiner irdischen Laufbahn mit dem Geist erfüllt; er stand schon vor Anbeginn an dem Ziel, nach dem wir laufen. Seine Prüfung bezweckte, ihm Gelegenheit für den Beweis zu geben, dass er auf dem von Anfang an eingenommenen Standpunkt vollkommener Liebe zu Gott, seinem Volk und seinen Feinden feststehen wolle. Wir aber müssen laufen und kämpfen, damit wir auch dieses Ziel erreichen möchten.

Wir können den Wettlauf in vier Perioden einteilen. In der ersten erkennen wir in der Liebe eine Forderung Gottes und suchen sie uns anzueignen, weil uns dies als Pflicht erscheint. Wir haben also zunächst eine Pflichtliebe zu Gott, weil er als unser Schöpfer Anspruch auf unseren Gehorsam, unsere Liebe und Ergebenheit hat, eine Pflichtliebe zu unserem Herrn Jesu, weil er uns zuerst geliebt und mithin ein Recht auf unsere Gegenliebe hat, eine Pflichtliebe zu unseren Mitmenschen, weil wir dies als Gottes Willen erkennen.

In der zweiten Periode sind wir dem Ziel ein wenig näher. Wir betrachten die Dinge, die wir aus Pflichtgefühl taten, nicht mehr ausschließlich als Müssen, Müssen, sondern teilweise als ein Vorrecht. Wir erkennen jetzt, dass die Dinge, die Gott als Recht und Pflicht von uns fordert, gute Dinge sind, dass er uns die edelsten Grundsätze, Liebe und Weisheit, die der Herr uns anbefiehlt, als zu erreichendes Ziel, das wir seit jener Zeit zu würdigen anfangen, vorsteckt. Jetzt fangen wir an, Gott zu lieben, nicht nur, weil es unsere Pflicht unserem Schöpfer gegenüber ist, sondern außerdem besonders deshalb, weil wir erkennen, dass er im Besitz der großen Charaktereigenschaften ist, die er bei uns zur Entwicklung bringen möchte, dass er die Verkörperung aller Güte und Barmherzigkeit ist. Wer es dahin bringt, der liebt auch den Herrn Jesum nicht mehr nur aus Gegenliebe, weil er uns zuerst geliebt hat, sondern weil ihm über die Charaktergröße Jesu die Augen aufgegangen sind, so dass er etwas von der Länge und Breite, Höhe und Tiefe der Gerechtigkeit, Weisheit, Liebe und Macht seines Schöpfers zu erkennen anfängt.

In die dritte Periode gehört die Liebe zu den Brüdern. Zuerst lieben wir die Brüder aus Pflicht, wie den Vater, aber in weniger hohem Grade, weil sie weniger für uns getan haben; wir erkannten sie an, weil der Vater es gebot. Aber wenn wir dazu gekommen sind, die Grundsätze der Gerechtigkeit zu erkennen, den Vater hochzuschätzen, zu sehen, dass uns der Vater trotz unserer unwillentlichen Schäden liebt, dann beginnen unsere Herzen sich zu weiten und zu vertiefen; es gibt darin mehr Raum für Bruderliebe, und wir werden mehr und mehr befähigt, der Brüder ungewollte Schwachheiten und Verfehlungen zu übersehen, wenn wir ihnen anmerken, dass sie von Herzen wünschen, in Jesu Fußstapfen und in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des göttlichen Charakters zu wandeln. So wird die Bruderliebe in unserem Wandel ersichtlich. Aber ach, nicht wenige liebe Kinder Gottes haben es in ihrem Lauf nach dem großen Preis noch nicht so weit gebracht! Die brüderliche Liebe, die Langmut, die Geduld, die die Schrift betont, bedürfen einer sehr kräftigen Förderung; dazu bietet sich auch im Umgang mit den Brüdern mehr Gelegenheit als im Umgang mit dem Herrn Jesu und dem himmlischen Vater. Die Vollkommenheit, das Fehlen jeglicher Unvollkommenheit, können wir am Vater und am Sohn sehen; wir können ihre Großmut würdigen und empfinden, wie weit wir selbst dahinter zurückbleiben. Bei den Brüdern aber sehen wir bald diese, bald jene Schwäche; da tritt gar oft die Versuchung an uns heran, zu dem Bruder zu sagen: "Lass mich den Splitter aus deinem Auge ziehen!" Aber eine solche Neigung zur Splitterrichterei, zum Aufsuchen der Fehler anderer, sollte uns beweisen, dass wir selbst einen gewaltigen Balken von Ungeduld und Lieblosigkeit mit uns herumtragen. Je mehr wir uns dem Markstein der dritten Periode nähern, um so weiter ziehen wir den Balken aus unserem eigenen Auge; wir fangen an, unsere eigenen Schwachheiten zu bemerken, und dann kommt uns die Gunst, die der Herr uns erwiesen, immer größer vor. Das erzeugt in unserem Herzen immer mehr den Geist der Milde, Geduld und Freundlichkeit gegen alle, so dass wir befähigt werden, eine Menge von Sünden, eine Menge Unvollkommenheit bei den Brüdern zu übersehen oder zu bedecken, solange wir an ihrem Glauben an das kostbare Blut, an ihrem Bemühen, denselben Wettlauf nach demselben Ziel zu laufen, erkennen können, dass sie Brüder sind.

Der letzte Markstein in unserem Wettlauf ist die vollkommene Liebe zu Gott, den Brüdern und zu allen Mitmenschen; und diesen Punkt müssen wir mit allem Ernst und sobald wie möglich zu erreichen suchen. Wir sollten uns nicht bei den drei vorhergehenden Marksteinen aufhalten, sondern mit aller Geduld, Ausdauer und Energie dem letzten zustreben. In einem gewissen Sinne sollen wir freilich die Welt nicht lieb haben, noch was in ihr ist; in einem anderen Sinne aber sollen wir sie lieben und allen Gutes erweisen, wo wir Gelegenheit haben, am meisten aber den Hausgenossen des Glaubens. (Gal. 6:10) Solche Liebe schließt sogar die Feinde ein. Diese Liebe verdrängt oder vermindert jedoch keineswegs unsere Liebe zum Vater und zu seiner Gerechtigkeit; sie steht auch der Liebe zu den Brüdern nicht im Wege. Im Gegenteil, sie steigert sie, und diese Stärkung der Liebe befähigt uns, Liebe, Wohlwollen und Mitleid zu empfinden für die ganze seufzende Schöpfung, die in Geburtswehen liegt und auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes wartet. "Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen und betet für die, die euch beleidigen und verfolgen", ist des Meisters Gebot für uns. Solange wir diesen Grad der Liebe nicht erreicht haben, solange wir unsere Feinde nicht lieben, dürfen wir uns auch keinen Augenblick dem Wahn hingeben, dass wir das Ziel erreicht haben, das der Herr seinen Nachfolgern gesteckt hat. Solange wir diesen Markstein nicht erreicht haben, sind wir Gottes geliebtem Sohn nicht gleichförmig.

Wir müssen diesen Markstein erreichen, bevor wir eines Platzes in der Neuen Schöpfung würdig erachtet werden können; und wir dürfen uns ja nicht dem Wahn hingeben, als ob dieser Markstein von allen Nachfolgern des Herrn gerade im Augenblick des letzten Atemzuges erreicht werden sollte. Im Gegenteil müssen wir suchen, diesen Markstein in unserem Leben als Christen so früh wie möglich zu erreichen, und dann gilt des Apostels Mahnung: "Wenn ihr alles ausgerichtet habt, stehet!" (Eph. 6:13), d.h. gehet dann nicht wieder rückwärts. Wir bedürfen der Erprobung unserer Liebe, wenn wir sie einmal haben, und unser Stehen bei diesem Markstein, unser Bemühen, die Liebe zum bestimmenden Faktor unseres Wandels zu machen, wird unseren Charakter überhaupt stärken. Insbesondere in diesem Stück werden unsere Erfahrungen mit denen unseres Herrn übereinstimmen; denn während er nicht erst nach dem Ziel zu laufen brauchte, musste er doch, am Ziel stehend, den guten Kampf des Glaubens kämpfen, damit er nicht von ihm abgedrängt werde und den verschiedenen Anfechtungen der Welt und des Widersachers erliege. "Ich halte mich fest an das Ziel (Markstein)" (engl. Übers.), sagt der Apostel, und so muss sich auch ein jeder von uns sich selbst an diesen Markstein am Ende des Laufes anklammern und sehen, dass er aus allen Prüfungen, in die er durch des Herrn Zulassung geführt wird, als Überwinder hervorgeht, nicht in eigener Kraft, sondern in der unseres teuren Erlösers.

Versuchungen werden an uns herantreten, um uns von der vollkommenen Liebe zum Vater abwendig zu machen, so dass wir ihm nicht die ganze schuldige Ehrfurcht, noch den ganzen schuldigen Gehorsam bezeugen. Versuchungen vom Widersacher werden an uns herantreten, die unsere Beziehungen zu den Brüdern zu trüben vermögen, dadurch, dass wir aufhören, durch unsere Liebe eine Menge von Sünden zu bedecken, dadurch, dass wir uns mit denen zu streiten anfangen, die wir lieben und mit deren Schwachheiten wir Mitleid zu haben gelernt haben. Versuchungen werden kommen, die unsere Feindesliebe erschüttern sollen, indem uns der Widersacher einflüstert, es gebe besondere Fälle, Ausnahmen, auf die sich unsere Feindesliebe nicht erstrecken sollte. Wohl uns, wenn wir uns fest an den Markstein der vollkommenen Liebe anklammern und danach streben, die schon erreichte Stellung zu behaupten - den guten Kampf des Glaubens kämpfend - festhaltend das ewige Leben, das um Jesu willen schon als unser gerechnet wird.

"Wissend eure Auserwählung von Gott"

"Wissend, von Gott geliebte Brüder, eure Auserwählung. Denn unser Evangelium war nicht bei euch im Worte allein, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geiste und in großer Gewissheit." - 1. Thess. 1:4, 5

An anderer Stelle haben wir gezeigt, worin die Zeichen, die Beweise, dafür bestehen, dass wir Kinder Gottes sind: nämlich die Zeugung und Versiegelung durch den Heiligen Geist. Wir wollen das dort Gesagte hier nicht wiederholen, sondern nur im allgemeinen auf die Tatsache aufmerksam machen, dass, wer an dieser Erwählung Anteil hat, an verschiedenen Anzeichen es selbst erkennen und von den Brüdern, mit denen er in Berührung kommt, als erwählt erkannt werden kann. In dieser Erwählung liegt sowohl eine Botschaft als auch eine Kraft. Die Erwählungsbotschaft oder die Berufung, das Wort, ist für die Erwählten nicht nur eine gute Botschaft, sondern auch eine Kraft zu wollen und zu vollbringen, was Gott wohlgefällt. Sie bringt den Erwählten den Heiligen Geist und große Gewissheit, so dass sie bereit sind, um jeden Preis das Wort Gottes zu verkündigen.

Der Apostel schreibt den Kolossern Kap. 3:12-14 über die zur Neuen Schöpfung Erwählten, dass sie die vorige Wertschätzung alter Dinge ablegen und sich ein ganz neues Urteil bilden sollten, das ihnen gestattet, die Glieder der Herauswahl nicht nach Nationalität oder kirchlicher Zugehörigkeit, sondern als alle eins in Christo, und sie allein als erwählte Neue Schöpfungen, zu erkennen. Seine Worte sind: "Ziehet nun an, als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Langmut, einander ertragend und euch gegenseitig vergebend, wenn einer Klage hat wider den anderen; wie auch der Christus euch vergeben hat, also auch ihr. Zu diesem allem aber ziehet die Liebe an, welche das Band der Vollkommenheit ist."

Unser Herr gibt in einer Stelle, wo er von der Herauswahl als Ganzes spricht, zu verstehen, dass verschiedene Prüfungen und Erprobungen an sie herantreten, dass sie am Ende des Zeitalters besonders schwer sein und durch Gottes Zulassung alsdann einen Grad erreichen würden, dass sie alle, mit Ausnahme der Auserwählten, zu Falle bringen werden. (Matth. 24:24; siehe Band 4, Kapitel 12) Hierin liegt eine Ermutigung. Es setzt nicht voraus, dass die Auserwählten alsdann höhere geistige Fähigkeiten besitzen werden, die sie befähigen, an jenem bösen Tag die verschiedenen Schlingen des Widersachers zu erkennen; es setzt auch nicht voraus, dass sie zu jener Zeit ihre irdenen Gefäße so völlig zu beherrschen imstande wären, dass sie nicht mehr fehlgehen können; aber es bedeutet, dass denen, die in Christo bleiben, in der Zeit der Not genügend Gnade, Weisheit und Hilfe zuteil werden wird. Welch ein Trost liegt hierin für alle, die ihre Zuflucht zu der vor uns liegenden Hoffnung genommen haben! Welch eine Zuversichtlichkeit gibt es uns, zu fühlen, dass unser Anker ins Innere des Vorhangs reicht, uns auf Christum verankert! Solch eine Zuvorbestimmung ist stärkend und tröstend, wie der Apostel erklärt: "Er hat uns auserwählt in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir (schließlich) heilig und tadellos seien vor ihm in Liebe; und er hat uns zuvor bestimmt zur Sohnschaft durch Jesum Christum für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens ... das er sich vorgesetzt hat in sich selbst für die Verwaltung der Fülle der Zeiten: alles unter ein Haupt zusammen zu bringen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist, in ihm, in welchem wir auch ein Erbteil erlangt haben, die wir zuvor bestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Rate seines Willens, damit wir (die Neue Schöpfung) zum Preise seiner Herrlichkeit seien, die wir zuvor auf den Christus gehofft haben." - Eph. 1:4-11

"Wir müssen durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen."

Die Notwendigkeit für die Anstrengungen und das Überwinden in der Charakterbildung, die Gott an die Berufung der "auserwählten" Neuen Schöpfung knüpft, ist in der Natur nicht ohne Parallelen. Folgendes diene zur Erläuterung:

"Es wird von einem Mann erzählt, der seiner Insektensammlung eine Kaisermotte hinzuzufügen wünschte, dass er durch einen Glücksfall einen Kokon erhalten hatte und ihn den ganzen Winter durch in seiner Bibliothek aufhing. Im Frühling fand er, dass die Motte herauszukommen versuchte. Die Öffnung war so klein, und die Motte mühte sich, wie es schien, so hoffnungslos gegen die zähe Faser ab, dass er das Loch mit seiner Schere größer schnitt. Wohl kam die schöne Motte heraus, aber sie konnte niemals fliegen. Jemand erzählte ihm später, dass die Kämpfe nötig waren, um den Körpersaft in die großen Flügel des Insekts hineinzuzwingen. Sie vor diesen Kämpfen zu bewahren, war eine verfehlte Freundlichkeit. Die Anstrengung war zu der Motte Heil bestimmt. Die Nutzanwendung ist einleuchtend. Die Kämpfe, welche Menschen für zeitlich Gutes machen müssen, entwickeln den Charakter, wie er niemals ohne sie entwickelt werden könnte. Es ist auch gut, dass man für geistige Bereicherung kämpfen muss."

Wir haben schon in Band 1, Studie 6, gezeigt, dass die Schrift ausdrücklich die Lehre von der "freien Gnade" lehrt, die eröffnet werden wird, sobald die Herauswahl vollendet, verherrlicht sein wird. Während des tausendjährigen Reiches soll sie ("der Same Abrahams") alle Geschlechter der Erde mit einer völligen Gelegenheit segnen, vollkommene Charaktere, vollständige Wiederherstellung und ewiges Leben zu erhalten.

nach oben

Studie 5

Die Organisation der Neuen Schöpfung

Die "lebendigen Steine" für den geistigen Tempel. - Die angebliche und wirkliche Neue Schöpfung. - Das "Geheimnis Gottes" und das "Geheimnis der Bosheit." - Die Organisation des Antichristen. - Die Schrift ist zuverlässig. - Freiheit der Welt und der Namenchristenheit. - Ordnung in die Verwirrung. - "Alles zu seiner Zeit." - Die Enden der Zeitalter. - Der vom Vater gepflanzte Weinstock. - Die "zwölf Apostel des Lammes." - Paulus, der Nachfolger Judas. - Die Beschränkung auf zwölf Apostel. - Der den Aposteln gegebene Auftrag. - Die Charakterstärke der Apostel. - Paulus den Elfen gleichgestellt. - Die Inspiration der Zwölf. - Die göttliche Überwaltung ihrer Schriften. - "Auf diesen Felsen will ich meine Versammlung bauen." - Übereinstimmung der Evangelien. - Die Schlüssel der Autorität. - Die Unfehlbarkeit der Apostel. - "Einer ist euer Meister." - Die wahre Kirche und die "Herde Gottes." - Apostel, Propheten, Evangelisten, Lehrer. - Die Vollständigkeit der vom Herrn der Herauswahl gegebenen Organisation. - Er ist selbst ihr Oberhaupt. - Das Aufhören der Gaben des Geistes, als sie nicht mehr notwendig waren. - Einheit des "einst den Heiligen überlieferten Glaubens." - Einheit der Macht des Antichristen. - Bischöfe, Älteste, Diakone (Diener). - Was bedeutet "Prophet"? - Die Notwendigkeit der Demut bei den Ältesten. - Andere Anforderungen an sie. - Die Diener. - Die Lehrer in der Herauswahl. - Viele sollen fähig sein zu lehren. - "Seid nicht viele Lehrer, meine Brüder." - "Ihr bedürfet nicht, dass euch jemand belehre." - Der Lernende und der Lehrer. - Die Frau in der Versammlung. - Ihr Mitwirken. - "Lass sie sich bedecken."

Wie die Neue Schöpfung ihre Vollkommenheit oder Vollendung nicht vor der ersten Auferstehung erreichen wird, so wird auch ihre Organisation erst dann vollkommen sein. Das Tempelvorbild stellt dies dar, wie der Apostel erklärt (1. Petr. 2:5): Wir kommen zu Jesu, der, als des Vaters Stellvertreter, uns für unsere Plätze in dem herrlichen Tempel der Zukunft behaut, bemeißelt, zubereitet und poliert, wo selbst Gott und die Welt einander wieder werden begegnen können. Wie bei dem vorbildlichen Tempel, der von Salomo erbaut wurde, jeder Stein schon im Steinbruch am Hermon für seinen Platz im Tempelbau fertig zu behauen wurde, so wird auch im Gegenbild das Behauen allein im gegenwärtigen Leben besorgt. Wie im Vorbild jeder Stein an seinen Platz kam, ohne dass ein Hammerschlag ertönte, so werden sich im Gegenbild die lebendigen Steine, die sich jetzt freudig der Zubereitung durch den Herrn fügen, alle unter ihm als dem Eckstein in bester Ordnung zusammenfinden, wenn sie durch den Vorhang gegangen sind, ohne weiterer Zubereitung zu bedürfen.

Dennoch erkennt die Schrift eine Einheit, bestimmte Beziehungen dieser lebendigen Bausteine während der Periode ihrer Zubereitung, an. Ja, sie geht noch einen Schritt weiter und erkennt eine vorübergehende Organisation an, die jedem voraussichtlichen Glied des Königreiches die Möglichkeit verschafft, mit dem großen Lehrer und Baumeister an dessen Vorbereitungswerk Anteil zu haben, indem wir "einander auferbauen in unserem allerheiligsten Glauben", einander in der Ausbildung des Charakters nach dem Vorbild unseres Herrn Jesu helfen.

Wenn wir an eine Untersuchung der göttlichen Anordnungen für die gegenwärtige Zeit herantreten, so dürfte es manchen verwundern zu entdecken, wie viel Freiheit der Herr jedem einzelnen Glied der Neuen Schöpfung gelassen hat; wenn wir uns aber daran erinnern, dass er freiwillige Anbeter, freiwillige Opferer sucht, die durch ihre Liebe zum Herrn und seiner Gerechtigkeit getrieben werden, ihr Leben in den Dienst der Brüder zu stellen, seine Mitarbeiter zu werden, dann wird klar, dass die Methode Gottes, die die größte Freiheit lässt, die beste ist, dass sie die Aufrichtigkeit unserer Liebe und Treue am sichersten prüft, den Charakter am völligsten entwickelt und unsere Bereitwilligkeit, gegenseitig Liebe zu üben und jeder dem anderen das zu tun, was er von ihm erfahren möchte, am sichersten erweist.

Solche Freiheit ist dem vom Herrn in dieser Zeit verfolgten Zweck, eine kleine Herde auszuwählen, ihren Charakter auszubilden, durchaus angepasst. Dagegen wäre die Methode total verkehrt und unzureichend, wenn sie, wie allgemein angenommen wird, die Bekehrung der Welt bezweckte. Gerade weil fast allgemein angenommen wird, Gott habe die Kirche mit der Eroberung der Welt und Unterwerfung aller Dinge unter sich in diesem Zeitalter beauftragt, haben sich viele sonst ganz vernünftige, urteilsfähige Leute über die Einfachheit der vom Herrn und den Aposteln geschaffenen kirchlichen Organisation gewundert. In der durchaus richtigen Erkenntnis, dass mit einer solchen Organisation die Welt nicht bekehrt werden könne, sind die Organisationen geschaffen worden, die in den verschiedenen Namenkirchen der Christenheit in Erscheinung treten. Die vollendetste und machtvollste unter diesen Organisationen ist die Papstkirche. Auch die bischöfliche Methodistenkirche ist eine meisterhafte Organisation und steht auf höherer Stufe; sie beherrscht eine andere Klasse von Menschen. Die Vervollkommnung ihrer Organisation hat diesen beiden Kirchen ihren großen Erfolg und ihre große Macht in der "christlichen Welt" verschafft. Wir werden im Laufe unserer Untersuchung sehen, dass diese, wie alle menschlichen "Kirchen", ganz anders organisiert sind als die vom Herrn eingesetzte Herauswahl. Ihre Wege sind so wenig seine Wege, wie ihre Absichten seine Absichten sind, denn soviel höher der Himmel ist als die Erde, soviel höher sind auch des Herrn Wege und Absichten als die der Menschen. (Jes. 55:8, 9) Binnen kurzem werden die Aufrichtigen unter ihnen erkennen, wie weit sie abgeirrt sind, als sie die Einfachheit Christi verließen und versuchten, in der Ausführung seines Werkes weiter zu sein als Gott. Das Ergebnis wird zeigen, dass der Mensch unweise und Gott weise war.

Die angebliche und die wirkliche Neue Schöpfung

Wie im Vorbild alle Nachkommen Jakobs Israeliten waren, aber wenige nur "wahre Israeliten", so dürfen wir uns auch nicht verwundern, im Gegenbild neben der wahren eine angebliche Kirche oder Neue Schöpfung zu finden. Von dem Augenblick an, wo das "Christentum" volkstümlich wurde, drang der Scheinweizen in das Weizenfeld und gab sich für Weizen aus. Wie schwer es auch für den Menschen, der die Herzen nicht kennt, sein mag, das Wahre vom Falschen, den Weizen vom Scheinweizen zu unterscheiden, so versichert uns doch der Herr, dass er die Herzen, dass er die Seinen kennt. Von uns erwartet er freilich, dass wir wahre Schafe von Wölfen in Schafskleidern, wahre fruchttragende Reben von Dornen und Disteln, die sich für Reben ausgeben mögen, unterscheiden können. Aber weiterzugehen als diese Unterscheidung des zutage tretenden Charakters gestattet der Herr den Seinen nicht; er ermahnt sie vielmehr: "Richtet nicht etwas vor der Zeit." Wir sollten nicht zu bestimmen versuchen, wie viel Zeit der oder jener, in dem wir eine wahre Rebe am wahren Weinstocke erkennen, bis zum Hervorbringen reifer Früchte brauchen werde. Wir müssen dies dem Vater, dem Weingärtner überlassen, der jede Rebe reinigt und schließlich die wegschneidet, die keine Frucht bringen. Lassen wir also den Herrn die Zurechtweisung aller wahrhaft geweihten Glieder der Herauswahl, und wenn nötig, den Ausschluss des einen oder anderen besorgen, indem wir erkennen, dass er es ist, der gepflanzt und bewässert und die Reben am wahren Weinstock zum Sprossen gebracht hat. Der Geist des Weinstockes muss in jeder Rebe erkennbar sein, und jede Rebe sollte in ihrem Wachstum gefördert und ermutigt werden. Dies geschieht, wenn Liebe die Beziehungen unter den einzelnen Reben regelt. Nur soweit ein Wort Gottes besteht, kein Strichlein weiter, hat eine Rebe das Recht, eine andere Rebe zu beurteilen, zu tadeln, zu reinigen oder irgendwie zu maßregeln. Der Geist der Liebe sollte uns vielmehr zu Erbarmen, Gütigkeit, Langmut und Geduld antreiben, und zwar bis an die Grenzlinien, die vom himmlischen Vater recht weit gezogen sind, damit eine jede Rebe Raum habe, sich recht zu entwickeln.

Je weiter sich nun menschliche Organisationen von diesem einfachen Merkmal entfernt haben, um so mehr sind sie auch von der wahren Kirche verschieden. Sie haben willkürliche Regeln aufgestellt, nach denen die Glieder oder Reben am Weinstock erkannt und als Glieder anerkannt werden sollen. Sie haben Steuern auferlegt und verschiedene Vorschriften erlassen, von denen die Schrift nichts weiß. Sie haben Glaubensbekenntnisse verfasst, wie sie in der Schrift nicht zu finden sind. Sie haben Strafen auf Abweichungen von diesen Bekenntnissen gesetzt, von denen die Schrift nichts sagt. Sie haben den Ausschluss von Mitgliedern in einer Weise geregelt, die zu dem, was der wahren Kirche, dem Leib Christi, dem wahren Weinstock, der Neuen Schöpfung, gestattet ist, im schärfsten Gegensatz steht.

Wir haben schon (Band 1, Kapitel 5) darauf hingewiesen, dass die Herauswahl Christi in der Schrift das "Geheimnis Gottes" genannt wird, weil, im Gegensatz zu der allgemeinen Erwartung, die Herauswahl die messianische Körperschaft sein wird, die unter Jesu, ihrem Haupt, die Welt beherrschen und segnen soll. Dieses jetzt den Heiligen enthüllte Geheimnis ist in den vergangenen Zeitaltern und Welten verborgen gehalten worden (Eph. 3:3-6) und liegt, wenn es jetzt in kurzem vollendet sein wird, in der Vollendung der Neuen Schöpfung am Ende des Evangeliums-Zeitalters. Wir haben ferner darauf aufmerksam gemacht, dass die Schrift "Babylon" als Täuschungssystem bezeichnet (Babylon - Mutter und Töchter, deren einige nicht ganz so verderbt sind wie das Muttersystem) und es das "Geheimnis der Bosheit" nennt. Wir dürfen die Sache nicht so verstehen, dass die Gründer dieser Systeme bezweckten, das Volk Gottes zu verleiten, sondern müssen uns daran erinnern, dass die Schrift Satan selbst als den Betrüger der ganzen Welt bezeichnet, indem er gut als böse, böse als gut, Licht als Dunkel, Dunkel als Licht darstellte. Satan "wirkt jetzt in den Söhnen des Ungehorsams" (Jes. 5:20; Eph. 2:2), wie er Jesu seine Mitwirkung anbot. Es ist seine Lust, in allen Nachfolgern Christi, die er davon abbringen kann, in den Fußstapfen des Meisters zu wandeln, zu wirken. Wie er unseren Herrn zu überzeugen suchte, es gebe bessere Wege - Wege, die weniger Selbstverleugnung erfordern als die des Vaters, um alle Geschlechter auf Erden zu segnen, so ging er auch das ganze Evangeliums-Zeitalter hindurch darauf aus, die Gottgeweihten zu überreden, es mit seinen Methoden zu versuchen, statt genau auf des Vaters Plan und Methoden zu achten. Er möchte die Kinder Gottes dazu verleiten, weiser von sich zu denken, damit sie meinen, dem Herrn auf anderen als den in der Schrift angegebenen Wegen besser dienen zu können. Er möchte sie mit Eifer für ihre menschlichen Systeme, die Werke, die sie tun, und die von ihnen ins Leben gerufenen Organisationen erfüllen und sie stolz darauf machen. Bei dem Meister hatte der Widersacher keinen Erfolg, stets erhielt er die Antwort: "Es steht geschrieben." Anders ist es bei seinen Nachfolgern. Viele, viele gehen achtlos an dem vorbei, was geschrieben steht, an des Meisters Vorbild und Wort, an den Worten und dem Beispiele der Apostel, willens, für Gott einen Plan durchzuführen, von dem sie hoffen und glauben, er werde Gottes Wohlgefallen finden und zu seinem Lob und Preis ausschlagen.

Wie erstaunt über ihren Irrtum werden sie sein, wenn sie einmal das Reich so aufgerichtet sehen, wie Gott es von Anfang an beabsichtigte, und wenn sie erkennen werden, dass er die ganze Zeit hindurch nach seiner Weise an der Durchführung seines Planes gearbeitet hat! Alsdann werden sie entdecken, wie viel besser es ist, auf das acht zu haben, was Gott uns lehren will, als zu versuchen, den Herrn zu belehren, es sei besser, sein Werk doch nach einer Methode zu betreiben, die er nicht anerkennt. Aber der Erfolg, den solche menschlichen Methoden wie das Papsttum, der Methodismus u.a. haben, hilft dazu, "kräftige Irrtümer" aus ihnen zu machen.

Der Herr hat dem Wachstum des Scheinweizens auf dem Weizenfeld während des Evangeliums-Zeitalters keine Hindernisse in den Weg gelegt. Er hat vielmehr sein Volk angewiesen zu erwarten, dass beides zusammen bis zur "Ernte" am Ende des Zeitalters wachsen werde, wo er selbst gegenwärtig sein und die Trennung überwachen werde, den Weizen in seine Scheune (die verherrlichte Stellung) sammeln, und den Scheinweizen in Bündel binden lassen werde für die Zeit der großen Drangsal am Ende des Zeitalters, die die Bündel ihrer Scheinweizennatur, oder Scheines, als seien sie Neue Schöpfungen, berauben wird, ohne darum die einzelnen Menschen, die sie bilden, auf ewig zu vernichten. Viele von der Scheinweizen-Klasse sind in der Tat ehrenwerte, brave, wie die Welt zu sagen pflegt, "gute Leute." Auch unter den Heiden gibt es gute Menschen, wenn sie vielleicht dort auch weniger häufig anzutreffen sind als unter den Namenchristen, die von ihrer Berührung mit wahren Christen und der teilweisen Erkenntnis der göttlichen Gesinnung darin einen großen Segen und Vorteil vor den Heiden voraus haben.

Das "Geheimnis der Bosheit" ("Babylon", Verwirrung, Namenchristentum) reicht nach des Apostels Erklärung mit seinen Anfängen in die Zeit des Apostel Paulus zurück; aber offenbar wirkte es nur schwach, solange die Apostel lebten und die Gläubigen vor falschen Lehrern, die der Widersacher im Geheimen benutzte, mittels verwerflicher Irrlehren den Glauben zu untergraben und die Gläubigen von den Hoffnungen, den Verheißungen und der Einfalt des Evangeliums abzubringen, warnen konnten. (2. Petr. 2:1) Der Apostel Paulus nennt unter denen, die die Werke der Ungerechtigkeit begannen, Hymenäus, Philetus und andere, die von der Wahrheit abgeirrt seien und den Glauben einiger zerstört hätten. (2. Tim. 2:17, 18) Von diesen Irrlehrern und ihren Irrtümern redete Paulus ferner zu den Ältesten in Ephesus, besonders betonend, dass nach seinem Tode "grimmige Wölfe, die der Herde nicht schonen", aufkommen werden. (Apg. 20:29) Dies letztere stimmt besonders gut mit den Voraussagen des Herrn im Gleichnis (Matth. 13:25,39) überein. Unser Herr gibt deutlich zu verstehen, dass Irrlehrer und Irrlehren Mittel in der Hand des Widersachers sind, der den Scheinweizen unter den vom Herrn und seinen Aposteln gesäten Weizen streut. Seine Worte sind: "Während aber die Menschen (die besonderen Diener, die Apostel) schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut."

Sicherlich dauerte es nicht lange, nachdem die Apostel entschlafen waren, bis der Geist des Ehrgeizes unter der Leitung des Widersachers Schritt für Schritt zu der Organisation führte, die schließlich in einem großen antichristlichen System - im Papsttum - gipfelte. Es entstand, wie in Band 2, Kapitel 9, gezeigt worden ist, nicht plötzlich, sondern sehr allmählich, schon vom 4. Jahrhundert an. Es gewann solche Macht, dass alle Berichte aus jener Zeit bis zur Reformation niemand als Christ gelten ließen, der sich nicht zu ihm bekannte. "Kirchen" konnten neben der "alleinseligmachenden" gar nicht existieren, oder höchstens im Geheimen; und wenn es bekannt geworden wäre, hätte sie der Bann getroffen. Hat es je Berichte über solche gegeben, so sind sie offenbar vernichtet worden. Es ist aber viel wahrscheinlicher, dass es solche Berichte nicht gab; denn wie es heute noch ist, wird es wohl auch zu jener Zeit gewesen sein, dass die im Lichte der Wahrheit Wandelnden so wenig zahlreich und so unbedeutend hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Stellung waren, dass niemand sie der Erwähnung wert erachtete neben dem großmächtigen System, dem sie zu entrinnen suchten, und das so rasch dem Gipfelpunkt seiner weltlichen und geistlichen Macht zusteuerte.

Seit der Reformation hat der Widersacher wiederum seine Schlauheit dadurch erwiesen, dass er jeden neuen Anlauf, zur Wahrheit zu gelangen, so zu lenken wusste, dass ein neuer Antichrist daraus entstand. So haben wir heute neben der ursprünglichen "Mutter der Huren" auch zahlreiche "Töchter". (Band 3)

Angesichts dieser Tatsachen wollen wir nach Berichten über die wahre Kirche nirgends anders forschen, als im Neuen Testament, wo sie uns sichtlich sehr rein erhalten worden sind. Wir wollen hier einige Beweisführungen anbringen, aus denen nicht nur die wirkliche Reinheit der neutestamentlichen Berichte, sondern auch die Tatsache hervorgeht, dass die vielen Systeme, die sich als vom Herrn und den Aposteln gegründet ausgeben, gänzlich verschieden sind von der Kirche, die diese tatsächlich gegründet haben, und über die uns im Neuen Testament Berichte erhalten sind.

1. Wenn die erste Kirche nach Art der päpstlichen oder heutigen Systeme organisiert worden wäre, so müssten die Berichte darüber ganz anders lauten, als die uns erhaltenen. Sie würden erzählen, wie unser Herr im Ornate dagesessen hätte wie ein Papst und die Apostel im Ornate vor ihm erschienen wären, wie die Kardinäle vor dem Papst. Wir würden strenge Weisungen hinsichtlich der Feier des Freitags durch Enthaltung von Fleischspeisen finden. Es würde uns erzählt werden, wie der Herr die Apostel oder diese die Volksmenge mit Weihwasser besprengten, oder wie sie das Kreuz schlugen. Maria, die Mutter unseres Herrn, wäre sicherlich nicht vergessen worden. Ein Bericht über ihre unbefleckte Empfängnis müsste vorhanden sein; sie wäre als "Mutter Gottes" bezeichnet worden, und Jesus hätte sie in eine hervorragende Stellung eingesetzt, die Apostel angewiesen, sich ihrer bei ihrem Verkehr mit ihm als Mittelsperson zu bedienen. Wir fänden Anweisungen über Zeit, Art und Weise des Gebrauchs heiliger Kerzen, über Anrufung der Heiligen, über Feier der Messe; über die Anerkennung des Apostels Petrus als Papst seitens der übrigen Apostel, über deren Verbeugungen vor ihm, über die Messen des Apostels Petrus zugunsten der anderen Apostel; wir fänden einen Hinweis auf die Fähigkeit des Apostel Petrus, Jesu Leib in der Form von Brot und Wein neu zu erschaffen und für die persönlichen Sünden neu zu opfern. Wir fänden einen Bericht über das Begräbnis Stephanus, aus dem sich entnehmen ließe, wie Petrus oder die anderen Apostel ein Grab für ihn weihten, damit er in geweihter Erde ruhen möchte, wie sie ihm eine heilige Kerze in die Hand legten und über ihm bestimmte Formeln beteten. Wir fänden weiterhin Vorschriften über die verschiedenen Klassen der Geistlichkeit, zu der die Laien nicht im Verhältnis der Brüderschaft, sondern der Unterwürfigkeit zu stehen hätten. Wir fänden für die verschiedenen Geistlichen Rangstufen angedeutet: Titel wie Ehrwürden, Hochwürden, Bischof, Erzbischof, Kardinal, Papst wären gegeben; es wäre gesagt, wie man von Stufe zu Stufe steigen könne, indem man Ehre voneinander nehme, und wer der Größte sein werde.

Dass hiervon auch nicht eine Spur in der Schrift vorhanden ist, beweist augenscheinlich, dass die Systeme, die die Kirche derart organisierten, keineswegs von den Aposteln oder unter deren Leitung geschaffen wurden, noch von dem Herrn, der die zwölf Apostel bestellt und ihr Tun gutgeheißen hatte. - Joh. 15:16; Apg. 1:2; Offb. 21:14

2. Das völlige Fehlen aller dieser Anweisungen in der Schrift beweist, dass sie nicht von diesen weisen Organisatoren verfasst oder aufgestellt worden sind, sonst hätten sie sicherlich alle die darin vermissten Weisungen hinein verflochten.

3. Nachdem wir dadurch Gewissheit erlangt haben, dass weder das "Mutter" - System, noch die zahlreichen "Tochter" -Systeme unserer Zeit vom Herrn und seinen Aposteln eingesetzt wurden, sondern aus der Verdrehung der einfachen Lehren der letzteren hervorgegangen und mithin nur menschlichen Ursprungs sind, Versuche von Menschen, weiser zu sein als Gott und besser zu verstehen als er, was zu tun sei - lasst uns um so festeres Vertrauen zum Worte Gottes fassen und um so genauer auch auf die kleinsten Winke acht geben, sowohl auf diesem als auch auf anderem Gebiet.

Sechstausend Jahre lang hat Gott die Menschheit auf eigene Rechnung versuchen lassen, die verschiedenen Lebensfragen zu beantworten oder zu lösen. Der natürliche Mensch wurde mit geistigen Eigenschaften erschaffen, die ihn dazu anspornen sollen, seinen Schöpfer zu ehren und anzubeten. Diese Eigenschaften sind durch den Fall nicht gänzlich verloren gegangen; "gänzliche Verdorbenheit" ist sicherlich nicht der Fall des Geschlechtes überhaupt. Wie Gott den Menschen gestattete, ihre geistigen Fähigkeiten nach eigenem Gutdünken zu verwenden, so ließ er auch ihren sittlichen Eigenschaften oder Mängeln einfach freien Lauf. Außer dem natürlichen und dem geistlichen Israel und deren Einflusskreisen hat Gott die Welt sich selbst überlassen und sie ihr Möglichstes zur Selbstentwicklung tun lassen. Aber in seiner Unwissenheit und Blindheit fiel der Mensch in mancher Hinsicht den Täuschungen Satans und der gefallenen Engel zum Opfer, die die Massen durch manchen Aberglauben, durch falsche Religionen, Zauberkünste und dergl., weit von der Wahrheit ablenkten. Der Apostel erklärt dies und sagt, dies sei geschehen, weil, als sie Gott noch kannten, die Menschen ihm nicht die gebührende Ehre und den geziemenden Dank gaben; sie verfielen in ihren Überlegungen in Torheit und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert, und Gott überließ sie sich selbst, damit sie die Folgen ihrer Erniedrigung zu kosten bekämen und daraus Belehrung schöpfen möchten, und damit ihrer Verkommenheit beweise, wie außerordentlich sündhaft die Sünde und wie unweise es sei, irgendeinem anderen Berater als dem Schöpfer Gehör zu schenken.

Wie wir schon gesehen haben, beabsichtigt der Herr gar nicht, die Menschen in diesem gefallenen und schwachen Zustand zu lassen; vielmehr wird zu der von ihm zuvor bestimmten Zeit die Erkenntnis des Herrn durch Vermittlung der Neuen Schöpfung jedes Glied der menschlichen Familie erreichen, so dass jedermann Gelegenheit haben wird, die Wahrheit kennen zu lernen und aller Segnungen teilhaftig zu werden, die durch das Lösegeld den Menschen gesichert sind.

Wie seinerzeit die Heidenvölker, so hat Gott auch die sogenannte Christenheit ihre eigenen Wege gehen lassen. Er gestattet solchen Menschen, die einen Teil des Lichtes göttlicher Offenbarung empfangen haben, von ihm nach Gutdünken Gebrauch zu machen; er lässt sie versuchen, am Plan Gottes herumzubessern, er lässt sie zu diesem Zweck Systeme (Kirchen und Sekten) gründen usw. Dies alles bedeutet aber keineswegs, dass er nicht die Macht hätte einzuschreiten, oder dass er gar die verschiedenen, untereinander sich widersprechenden, mehr oder weniger schädlichen Erfindungen und Einrichtungen der Menschheit und der Namenkirche gutheißen würde. Diese Versuche sind nur eine weitere Belehrung, die mit der Zeit die Menschen davon überzeugen werden, dass sie sich geirrt haben; sie werden alsdann die herrliche Hinausführung des Planes Gottes erkennen und sehen, wie Gott sich stets an seinen Plan hielt und ihn durchführte, dabei an den Methoden und Erfindungen der Menschen vorübergehend, ja, sie zuweilen als Mittel zur Durchführung seiner eigenen Zwecke anstatt der von den Menschen ins Auge gefassten benutzend. So handelte er z.B. am Ende des jüdischen Zeitalters, wo er seine Absichten durch seine Feinde, die Jesum kreuzigten und die Apostel verfolgten, ausführen ließ, und wie damals unter diesen seinen Feinden sich "wahre Israeliten" befanden, die später mit Erkenntnis gesegnet, zum Licht geführt und der Leiden des Christus teilhaftig gemacht wurden, auf dass, wenn die Zeit gekommen ist, auch sie seine Herrlichkeit ererben möchten, so gibt es auch jetzt wahrscheinlich "wahre Israeliten", die einst, wie Paulus, den Verwirrungen, in die der Widersacher sie hineinführte, entrinnen werden.

Noch eines: Der Herr hat eine bestimmte Zeit, seine Herrschaft anzutreten, eine bestimmte Zeit mithin, innerhalb der seine auserwählte Neue Schöpfung zur vollen Entwicklung gebracht und für ihre Aufgabe völlig ausgerüstet werden soll. Nun scheint es ein Teil seines Planes zu bilden, dass zu Beginn und am Ende dieser Vorbereitungszeit besonders helles Licht leuchten sollte. Das scheint der Apostel sagen zu wollen, wenn er in 1. Kor. 10:11 schreibt: "Alle diese Dinge ... sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf welche die Enden der Zeitalter gekommen sind." Es geschah beim Ablauf des jüdischen und Beginn des Evangeliums-Zeitalters, dass der Weg, die Wahrheit und das Leben offenbar gemacht wurden; dann folgten dunkle Jahrhunderte; jetzt aber, am Ende des Evangeliums-Zeitalters und Beginn des Millenniums leuchtet das Licht wie nie zuvor auf "Neues und Altes." Wenn wir auch annehmen dürfen, dass am Anfang des Zeitalters der Herr die Seinen mit besonderem Licht segnete, und dass auch jetzt, am Ende des Zeitalters, solche das Licht gegenwärtiger Wahrheit empfangen werden, damit sie dadurch geheiligt werden, so glauben wir doch nicht, dass in den vergangenen Jahrhunderten, von denen einige das "finstere Mittelalter" genannt werden, zur Heiligung so viel Licht nötig war wie jetzt. Und doch war der Herr nie ohne Zeugen, wenn auch kein Blatt der Geschichte von ihnen zu berichten weis. Dies hat seinen Grund wohl darin, dass jene Zeugen in den Augen der Welt keine hervorragenden Leute waren und zu den großen antichristlichen Systemen nicht in freundschaftlicher Beziehung standen, selbst dann nicht, wenn sie selbst dazu gehörten. Der jetzt geltende Ruf des Herrn zeigt deutlich, dass wir erwarten sollen, noch viele vom Volk des Herrn in Babylon, verwirrt durch dessen widersprechende Lehren, anzutreffen: "Gefallen, gefallen ist Babylon, die große ... Gehet aus ihr hinaus, mein Volk, auf dass ihr nicht ihrer Sünden mitteilhaftig werdet, und auf dass ihr nicht empfanget von ihren Plagen." - Offb. 18:2, 4

Nach diesem flüchtigen Überblick über die Geschichte der Herauswahl lasst uns nun die Einrichtungen des Herrn in ihr genauer ins Auge fassen. Wie es nur einen Geist des Herrn gibt, den alle besitzen müssen, die des Herrn sein wollen, so gibt es auch nur ein Haupt, nur einen Mittelpunkt der Herauswahl, Jesum Christum. Dabei müssen wir uns doch daran erinnern, dass er bei allem, was er tat, dem Vater die Ehre gab, sein Werk als in des Vaters Namen und Auftrag getan bezeichnete. "Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerottet werden." (Matth. 15:13) "Die wahre Kirche", die Neue Schöpfung, ist vom Vater gepflanzt. "Ich bin der wahre Weinstock ... ihr seid die Reben ... und mein Vater ist der Weingärtner." Im Gegensatz hierzu wird der "Weinstock der Erde" (eine Namenkirche) erwähnt, der nicht vom Vater gepflanzt ist und daher ausgerottet werden wird. Die Frucht am wahren Weinstock ist Liebe, dem Vater angenehm; die Frucht des Weinstockes der Erde aber ist Selbstsucht in verschiedenen Erscheinungsformen und wird schließlich in der großen Drangsal, mit der das gegenwärtige Zeitalter schließen wird, gesammelt werden. - Joh. 15:1-6; Offb. 14:19

Jeder Bibelforscher hat sicher bemerkt, dass unser Herr und seine Apostel keine Trennung innerhalb der Herauswahl anerkannten, weder dem Namen nach noch tatsächlich. Für sie war die Herauswahl eins und unteilbar, wie es auch nur "einen Glauben, einen Herrn und eine Taufe" gibt. Darum spricht die Schrift auch nur von der Versammlung Gottes, der Versammlung des lebendigen Gottes, der Versammlung der Herauswahl Christi, der Versammlung der Erstgeborenen, von "Brüdern", "Jüngern", "Christen." Mit allen diesen Bezeichnungen wird stets nur die wahre Kirche als Ganzes oder eine kleine Versammlung von zweien oder dreien oder einzelne in Jerusalem, in Antiochien oder sonst wo bezeichnet. Dass die Bezeichnungen wechseln, beweist, dass keine von ihnen als Eigenname gelten sollte, sie zeugen alle von der großen Tatsache, auf die unser Herr und seine Apostel immer hinwiesen, dass die Versammlung (Gesamtheit) der Nachfolger des Herrn seine Herauswahl ist, erwählt, jetzt an seinem Kreuz teilzuhaben, zu lernen, was notwendig ist, um mit der Zeit Teilhaber seiner Herrlichkeit zu werden.

So hätte es nun stets gehalten werden sollen. Doch in den Jahrhunderten, da Dunkel die Völker bedeckte, wurde es anders. Der Irrtum gewann die Oberhand und mit ihm hielt der Sektengeist seinen Einzug, und infolgedessen kamen die verschiedenen Namen auf, wie: Römische Kirche, Baptistenkirche, Lutherische Kirche, Englische Hochkirche, Katholische Kirche usw. Dies war, nach des Apostels Zeugnis (1. Kor. 3:3, 4), ein Zeichen der fleischlichen Gesinnung dieser Christen, und in dem Maße, wie die Neue Schöpfung aus der Finsternis, die so lange das Erdreich bedeckt hat, herauskommt, geht ihr auch in diesem speziellen Punkt ein Licht auf, so dass sie den Irrtum und bösen Schein erkennt und nicht nur das Sektenwesen vermeidet, sondern sich auch weigert, mit einem solchen Sektennamen bezeichnet zu werden, dabei aber fest zur Bibel steht.

Wir treten nun an die Einzelbetrachtungen der vom Herrn gelegten Grundlagen der einen und unteilbaren Kirche heran.

Die zwölf Apostel des Lammes

Der Apostel erklärt, dass kein Mensch einen anderen Grund legen kann als der gelegt ist: Jesus Christus. (1. Kor. 3:11) Auf diesen Grund begann unser Herr, als des Vaters Stellvertreter, die Kirche zu bauen. Er begann mit der Berufung von zwölf Aposteln. Diese Zahl ist ebenso wenig zufällig wie die Zwölfzahl der Stämme Israels; beides geschah nach der Anordnung des göttlichen Planes. Der Herr beschränkte sich nicht darauf, zwölf und nicht mehr Apostel zu erwählen, sondern er erteilte auch niemandem den Auftrag, weitere zu erwählen. Ein Beweis dafür ist, dass, nachdem Judas Iskarioth sich der Apostelwürde unwert gezeigt hatte, er vom Herrn selbst durch Paulus ersetzt wurde.

Wir bemerken, mit wie großer Sorgfalt der Herr über die Apostel wachte. Er betete für Petrus in der Stunde seiner Versuchung; er legte ihm danach dringend seine Schafe und Lämmlein ans Herz, er willfahrte Thomas, damit dieser doch ja von seiner Auferstehung sich überzeugen möchte. Von den Zwölfen verlor er keinen außer dem Sohn des Verderbens; dass einer der Zwölfe abfallen würde, war dem Herrn aus der Weissagung bekannt. Wir können die in der Apostelgeschichte erzählte Erwählung des Matthias durch die Jünger nicht als des Herrn Wahl anerkennen. Er war sicherlich ein frommer Mann; aber zu seiner Wahl hatten die Elfe keinen Auftrag. Sie hatten den Befehl empfangen, in Jerusalem zu bleiben und auf die Kraft von oben zu warten, die ihnen die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten bringen sollte. In diese Zeit des Wartens, vor ihrer Ausrüstung mit der Kraft von oben, fällt ihre Erwählung des Matthias durch das Los; sie war sicher eine Verirrung. Der Herr strafte sie nicht für ihre unberufene Einmischung in seine Angelegenheiten, sondern er beschränkte sich darauf, ihre Wahl als nicht geschehen zu betrachten und berief dann, als die Zeit erfüllt war, den Apostel Paulus zu seinem "auserwählten Rüstzeug." Der Apostel selbst erklärt, er sei von seiner Mutter Leibe an zu einem besonderen Diener abgesondert worden, und er stehe in nichts den ausgezeichneten Aposteln nach. - Gal. 1:15; 2. Kor. 11:5

Aus dem eben Gesagten wird klar, dass wir im schärfsten Gegensatz stehen zu den Ansichten der Papstkirche, der protestantisch-bischöflichen Kirche, der neu-apostolischen Kirche und der Mormonen, die alle behaupten, die Zahl der Apostel sei nicht auf zwölf beschränkt, und die Apostel hätten seither bis in die jetzige Zeit Nachfolger gehabt, die mit gleicher Autorität wie die zwölf geredet und geschrieben hätten. Wir stellen dies in Abrede und führen zum Beweis an, dass der Herr gerade die Zwölf auserwählte, und erinnern daran, dass die Zwölfzahl in heiligen Dingen öfter vorkommt, besonders bei der Herauswahl; am meisten hervortretend ist dies in der in Offenbarung 21 gebotenen bildlichen Beschreibung der verherrlichten Kirche. Dort wird das neue Jerusalem - das Bild für die Regierung des Tausendjahrreiches, bestehend aus Christo und seiner Braut - ausführlich beschrieben und besonders hervorgehoben, dass die zwölf Grundlagen der Mauer kostbar seien, und dass auf ihnen die Namen der "zwölf Apostel des Lammes" geschrieben sind - nicht mehr und nicht weniger. Bedürfen wir sonach noch weiterer Beweise dafür, dass es nicht mehr als zwölf Apostel gegeben hat, und dass alle, die sich als solche ausgaben, "falsche Apostel" waren, vor denen Paulus warnte? - 2. Kor. 11:13

Auch wüssten wir nicht, wozu wir weitere Apostel bedürften. Die Zwölf sind in ihren schriftlichen Zeugnissen und der Frucht ihrer Bemühungen heute noch bei uns. In dieser Beziehung haben wir sogar einen Vorzug vor ihren Zeitgenossen. Die Schrift erzählt uns von ihren Diensten, gibt uns ihre Berichte über des Herrn Worte, Wunderwerke usw. Ihre Auseinandersetzungen über die verschiedenen Punkte christlicher Lehre sind uns in ihren Briefen in denkbar befriedigendster Gestalt erhalten. Diese Dinge sind "hinreichend", wie der Apostel erklärt, dass der Mensch Gottes vollkommen sei. (2. Tim. 3:17) In Apg. 20:27 erklärt er: "Ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen." - Was braucht es mehr?

Unmittelbar nach seinem vierzigtägigen Aufenthalt in der Wüste und seiner Versuchung durch den Widersacher ging unser Herr, seiner Methode nun sicher, daran, die Verkündigung vom kommenden Reich zu verbreiten und Jünger zu berufen. Aus der Zahl dieser Jünger erwählte er dann später die zwölf Apostel. (Luk. 6:13-16) Sie stammten alle, wie wir sagen würden, aus den unteren Schichten der Gesellschaft, von denen, natürlich nicht im Sinne eines Tadels, in Apg. 4:13 bemerkt ist, dass sie "ungelehrte Leute" waren. Einige von ihnen waren Fischer. Die Zwölf hatten sich nur durch öffentliches Zeugnis zum Herrn und seiner Sache bekannt, zunächst, wie alle Jünger, ohne ihre Beschäftigung zu verlassen. Als sie aber aufgefordert wurden, Teilhaber am Dienst des Evangeliums zu werden, verließen sie alles, um ihm zu folgen. (Matth. 4:17-22; Mark. 1:16-20; 3:13-19; Luk. 5:9-11) Die später einmal als Prediger ausgesandten Siebzig wurden nie als Apostel anerkannt. Lukas gibt uns einen besonderen Bericht über die Auswahl der zwölf Apostel, indem er uns unterrichtet, dass diese getroffen wurde, nachdem sich der Herr zuvor auf einen Berg zurückgezogen hatte, um zu beten, sicherlich um die Hilfe des Vaters zu erflehen. Er brachte die ganze Nacht im Gebet zu, und am Morgen versammelte er seine Jünger (das hier gebrauchte griechische Wort "Mathetes" bedeutet: "Schüler") um sich, und aus ihnen erwählte er nun die zwölf Apostel (d.h. Gesandte). Auf diese Weise zeichnete er die Zwölf vor seinen übrigen Jüngern aus. - Luk. 6:12, 13, 17

Die anderen, nicht zu Aposteln berufenen Jünger liebte der Herr auch, und ohne Zweifel billigten sie voll und ganz die vom Herrn getroffene Wahl der Zwölfe, weil sie erkannten, dass sie im Interesse ihrer Sache lag. Der Bericht sagt nicht, worauf der Herr seine Wahl gründete, aber in seinem hohepriesterlichen Gebet sagt er: "Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben", und wiederum: "Keiner von ihnen ist verloren, als nur der Sohn des Verderbens". (Judas). In welchem Sinne und bis zu welchem Grade der Vater die Wahl der Zwölf getroffen hatte, ist für uns ohne Bedeutung. Jedenfalls war eine ihrer Eigenschaften Demut, und ohne Zweifel hatte Gott ihre bescheidenen Lebensstellungen und ihre früheren Erfahrungen benutzt, dass sie nicht nur demütig, sondern auch festen Charakters, entschlossen und beharrlich wurden in einem Maße, wie es andere, leichtere Lebensstellungen nicht in gleicher Weise bewirkt hätten. Wir erfahren, dass die Erwählung der Zwölf damals, statt erst zu Pfingsten (dem Tag der Zeugung der Kirche), stattfand, damit sie Augen- und Ohrenzeugen der Taten und Reden des Herrn und so in die Lage versetzt würden, zur gegebenen Zeit, uns mit allen Kindern Gottes aus erster Hand die Wunderwerke Gottes und die wunderbaren Worte des durch Jesum geoffenbarten Lebens zu bezeugen. - Luk. 24:44-48; Apg. 10:39-42

Der den Aposteln gegebene Auftrag

Nirgends findet sich auch nur die leiseste Andeutung dafür, dass die Apostel Herrscher über das Erbe des Herrn werden sollten, dass sie berechtigt gewesen wären, sich als etwas Besseres als die übrigen Gläubigen zu betrachten, als befreit vom Gesetz Gottes, als besonders begünstigt oder sicher, ihr ewiges Erbe anzutreten. Sie sollten sich im Gegenteil jederzeit daran erinnern, dass sie alle Brüder und einer ihr Meister sei, nämlich Christus. Sie sollten stets dessen eingedenk sein, dass sie ihre Berufung und Erwählung fest machen müssen, dass sie, wenn sie nicht dem Gebot der Liebe gehorsam und demütig wie Kinder seien, nicht "in das Reich eingehen" könnten. Sie erhielten keinen besonderen Titel, sie wurden nicht angewiesen, sich in besonderer Weise zu kleiden, besonders zu benehmen, sondern nur, in allen Stücken der Herde mit gutem Beispiel voranzugehen, damit andere ihre guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen möchten; damit andere, die in ihre Fußstapfen treten würden, auch in des Führers Fußstapfen wandeln und schließlich mit ihnen Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit ererben möchten, ihren Anteil an der göttlichen Natur, ihre Gliedschaft in der Neuen Schöpfung.

Der den Apostel gegebene Auftrag war zu dienen - sie sollten einander und dem Herrn dienen und ihr Leben im Dienst der Brüder niederlegen, besonders in Verbindung mit der Verkündigung des Evangeliums. Sie waren Teilhaber jener Salbung, die schon über ihren Meister gekommen war, die über alle Neuen Schöpfungen, alle königlichen Priester, kommt und vom Propheten wie folgt dargestellt ist: "Der Geist des Herrn, Jehovas, ist auf mir, weil Jehova mich gesalbt hat, um den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen ... Freiheit auszurufen den Gefangenen." - Jes. 61:1, 2; Luk. 4:17-21; Matth. 10:5-8; Mark. 3:14, 15; Luk. 10:1-7

Obwohl diese Salbung erst zu Pfingsten über sie kam, so hatten sie doch vorher schon einen Vorgeschmack davon, indem der Herr einen Teil seiner vom Heiligen Geist stammenden Macht auf sie übertrug, als er sie zum Predigen aussandte. Aber selbst in diesem Stück nahm ihnen der Herr irgendwelche Ursache für Selbstgefälligkeit und Hochmut, indem er später einmal siebenzig aussandte und ihnen denselben Auftrag, die gleiche Macht, in seinem Namen Wunder zu tun, verlieh. Das den Aposteln ausschließlich vorbehaltene Werk begann also erst zu Pfingsten, als sie mit dem Heiligen Geist ausgerüstet wurden. Damals kam eine besondere Kundgebung der göttlichen Macht über sie, nicht nur der Heilige Geist und dessen Gaben, sondern auch die Macht, diese Gaben an andere weiterzugeben. Von jetzt an waren sie durch diese Macht vor allen anderen Erwählten ausgezeichnet. Andere Glaubende wurden wohl als Glieder des gesalbten Leibes Christi gerechnet, wurden Teilhaber seines Geistes und von jenem Geist zur Neuheit des Lebens gezeugt, aber keiner empfing eine der besonderen Gaben des Geistes, es sei denn durch die Apostel. Aber diese Wundergaben, dieses Reden und Auslegen fremder Sprachen, nahm nicht etwa, das mögen wir nicht vergessen, die Stelle der Früchte des Geistes ein. Jene müssen bei jedem Gläubigen durch Gehorsam den göttlichen Anweisungen gegenüber zur Entwicklung und Reife gebracht werden, je nachdem jemand in Gnade, Erkenntnis und Liebe wächst. Die Fähigkeit, diese Gaben, die jemand empfangen und dabei doch ein tönendes Erz bleiben konnte, zu übertragen, zeichnete dennoch die Apostel als besondere Diener und Vertreter des Herrn aus, die den Auftrag hatten, die Kirche zu gründen. - 1. Kor. 12:7-10; 13:1-3

Durch die Erwählung und Belehrung der Apostel beabsichtigte der Herr die Segnung und Belehrung aller seiner Nachfolger bis an das Ende des Zeitalters. Das geht klar aus seinem Gebet am Ende seiner Dienstzeit hervor, wo er zu den Aposteln redend sagte: "Ich habe deinen Namen geoffenbart den Menschen, die du mir aus der Welt gegeben hast (d.h. den Aposteln). Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Jetzt haben sie erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist; denn die Worte (Lehren), die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen ... Ich bitte für sie; nicht bitte ich für die Welt, sondern für die, welche du mir gegeben hast, denn sie sind dein ... Aber nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben (die ganze Herauswahl); auf dass sie alle eins seien (in Absicht, in Liebe), gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, auf dass auch sie in uns eins seien." - Und nun mit Bezug auf den Zweck der Erwählung der Zwölf und der ganzen Neuen Schöpfung sagt er weiter: "Auf dass die Welt glaube (die von Gott schon in ihrer Sünde geliebt und durch Jesu teures Blut erkauft wurde), dass du mich gesandt hast" - nämlich sie zu erkaufen und wiederherzustellen. - Joh. 17:6-9, 20, 21

Die Apostel hatten, wenn sie auch ungelehrte Leute waren, doch einen starken Charakter, und durch des Herrn Schulung wurde ihnen reichlicher Ersatz dafür, was ihnen an Weisheit und Bildung dieser Welt abging, indem sie dafür "den Geist des gesunden Sinnes" empfingen. Darum ist auch nichts Auffallendes dabei, dass diese Männer der ersten Kirche als unbestrittene Leiter auf dem Wege des Herrn erschienen, als besonders bestellte Lehrer, als "Pfeiler der Kirche", an Autorität dem Herrn zunächst stehend. Der Herr bereitete sie in mannigfacher Hinsicht auf diese Stellung vor. Sie waren stets um ihn und konnten somit Zeugen aller Einzelheiten seines Dienstes auf Erden sein, Zeugen seiner Lehren, seiner Wunder, seiner Gebete, seines Mitleids, seiner Heiligkeit, seiner Selbsthingabe bis in den Tod, und schließlich seiner Auferstehung. Nicht nur die erste Kirche bedurfte aller dieser Zeugnisse, sondern alle, die der Herr seitdem zur Neuen Schöpfung berufen hat, die die Berufung angenommen, die ihre Zuflucht zu der herrlichen Hoffnung genommen haben, die in seinem Charakter, seinem Opfertod, seiner Erhöhung, im Plan Gottes, den er hinausführen soll, verankert ist. Alle, die ihre Zuversicht auf diese Dinge setzten, bedurften solch persönlicher Zeugnisse, damit ihr Glaube und ihr Trost stark werde.

Das Werk der siebzig Jünger, die der Herr einmal aussandte, um seine Gegenwart und die Ernte des jüdischen Zeitalters zu verkündigen, war in mancher Hinsicht von dem Werk der Zwölf verschieden. In jeder Weise sonderte der Herr seine Apostel so aus, dass wir mit der ganzen Herauswahl ihnen vollstes Vertrauen entgegenbringen können. Sie allein waren bei ihm am letzten Passahmahl bei der Einsetzung des neuen Gedächtnismahles; sie allein waren Zeugen seiner Gefangennahme in Gethsemane; sie allein empfingen noch nach seiner Auferstehung manche eindrückliche Belehrung aus seinem Munde, ihrer allein bediente er sich als Mundstücke des Heiligen Geistes am Pfingsttag. Die Elf waren "Männer aus Galiläa", wie denn auch einige ihrer Hörer bemerkten: "Sind diese nicht alle Galiläer?" - Apg. 2:7; Luk. 24:48-51; Matth. 28:16-19

Wenn sich auch der Herr nach seiner Auferstehung einmal 500 Brüdern auf einmal offenbarte, so verkehrte der Auferstandene doch nur mit den Aposteln noch in besonderer Weise, und nur sie waren die bestellten Zeugen alles dessen, was er sowohl im Land der Juden als auch in Jerusalem getan hat; "den sie auch umgebracht haben, indem sie ihn an ein Holz hängten. Diesen hat Gott am dritten Tage auferweckt ... und er hat uns befohlen, dem Volk zu predigen" usw. - Apg 10:39-45; 13:31; 1. Kor. 15:3-8

Der Apostel Paulus war zwar nicht wie die Elf ein direkter Augen- und Ohrenzeuge, aber er wurde doch zu einem Zeugen der Auferstehung Jesu gemacht, indem ihm ein Blick in die jetzige Herrlichkeit des Herrn gegeben wurde, wie er selbst sagt (1. Kor. 15:8, 9): "Am letzten aber von allen, gleichsam der unzeitigen Geburt, erschien er auch mir." Der Apostel Paulus hatte keinen Anspruch darauf, die Herrlichkeit des Herrn früher zu schauen als die übrigen Auserwählten bei seiner zweiten Gegenwart, wo alle Getreuen verwandelt und ihm gleich gemacht sein und ihn sehen werden, wie er ist. Aber damit er ein Zeuge werden könne, wurde ihm dieser Blick und noch weitere Gesichte und Offenbarungen gewährt, mehr als allen anderen. Dies dürfte als reichlicher Ersatz gelten dafür, dass er vorher mit dem Meister keinen Umgang gehabt hat. Seine besonderen Erfahrungen kamen aber nicht ihm allein zugute, sondern vor allem der Herauswahl.

Sicher steht fest, dass die besonderen Erfahrungen, Traumbilder und Offenbarungen, die dem Apostel gewährt wurden, der den Platz Judas einnahm, viel hilfreicher als die der anderen Apostel gewesen sind.

Seine Erfahrungen gestatteten ihm, nicht nur die "Tiefen Gottes" zu erkennen und zu würdigen - darunter sogar Dinge, die er nicht sagen durfte (2. Kor. 12:4), sondern das Licht, das sie dem Geist des Apostels verschafften, strahlte auch durch seine Schriften zurück auf die ganze Herauswahl von seinen Tagen bis auf unsere Zeit.

Dank der ihm zuteil gewordenen Gesichte und Offenbarungen vermochte Paulus die durch Bezahlung des Lösegeldes geschaffene Lage, das neue Zeitalter, die Länge, Breite, Höhe und Tiefe des Charakters und Planes Gottes in so vollem Maße zu erfassen und zu würdigen. Und weil er sie selbst so klar erkannte, konnte er diese Dinge in seinen Reden und Briefen auch so klar zur Darstellung bringen, dass der ganze Haushalt des Glaubens bis herab auf unsere Tage seinen Segen davon empfing. Tatsächlich würde es für die Herauswahl unserer Tage einen geringeren Schaden bedeuten, die Schriften und Zeugnisse aller anderen Apostel zu verlieren als die des Paulus. Dennoch sind wir froh, dass das ganze Zeugnis auf uns gekommen ist, froh, dass wir es in seinem ganzen Umfang würdigen und die edle Denkungsart aller Zwölf so hoch schätzen können.

Die Stellen, die die Apostelstellung des Paulus bezeugen, sind: Zuerst die Worte des Herrn: "Dieser ist mir ein auserwähltes Gefäß, meinen Namen zu tragen, sowohl vor Nationen als Könige und Söhne Israels." (Apg. 9:15) Dann Paulus eigene Aussagen: "Ich tue euch aber kund, Brüder, dass das Evangelium, welches von mir verkündigt wurde, nicht nach dem Menschen ist. Denn ich habe es weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi." (Gal. 1:11, 12) "Der, welcher in Petrus für das Apostelamt der Beschneidung gewirkt hat, hat auch in mir in bezug auf die Nationen gewirkt." (Gal. 2:8) Nicht nur bezeugt sein Eifer für den Herrn und die Brüder, seine Bereitwilligkeit, sein Leben im Dienst der Brüder niederzulegen, um seine Zeit und Kraft zu ihrem Besten zu verwenden, dass er Anspruch hat, mit den übrigen Aposteln als gleichberechtigt zu gelten, sondern wenn jemand seine Apostelstellung innerhalb der Herauswahl in Zweifel zog, so wies er selbst mit großer Freimütigkeit auf die Beweise hin, die er selbst gegeben, sowie auf die Auszeichnungen, deren der Herr ihn für würdig gehalten hatte, damit beweisend, dass er den Aposteln in nichts nachstehe. - 1. Kor. 9:1; 2. Kor. 11:5, 23; 12:1-7, 12; Gal. 2:8; 3:5

Des Herrn Absicht war nicht, dass das Werk der Apostel auf die Juden beschränkt bleibe, er belehrte im Gegenteil die Elf, dass sein Werk und ihre Botschaft einmal für die ganze Menschheit gelten werde. In Jerusalem sollten sie nur auf ihre Ausrüstung mit Kraft von oben warten; dort sollten sie auch ihr Werk beginnen: "Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde." (Apg. 1:8) Dieses Zeugnisablegen dauerte nicht nur, solange die Apostel lebten, es dauert auch heute noch fort. Sie reden heute noch zu uns, sie belehren heute noch die Glaubenden; sie ermutigen, ermahnen und tadeln; ihr Abscheiden machte ihrem Dienst kein Ende. Noch reden sie, noch zeugen sie, noch sind sie die Mundstücke des Herrn für die Glaubenden.

Die Inspiration der Apostel

Es ist wichtig für uns, das Vertrauen zu haben, dass die Apostel wahrhaftige Zeugen, wahrheitsgetreue Geschichtsschreiber sind. Ihre Schriften tragen in der Tat den Stempel der Wahrhaftigkeit; denn sie suchten weder zeitlichen Gewinn, noch Ehre bei Menschen, sondern ließen in ihrem Eifer für den auferstandenen und herrlich gemachten Meister alle Rücksicht auf irdische Vorteile fahren. Wenn schon ihr Zeugnis nur deshalb ins Gewicht fiele, so wäre es ganz unschätzbar. Aber die Schrift selbst gibt den Aposteln noch das Zeugnis, dass der Herr sich ihrer als inspirierter Werkzeuge bediente; dass er sie besonders leitete und bei dem Zeugnis, das sie in der Herauswahl ablegen, bei den Lehren, die sie verbreiten, bei den Gebräuchen, die sie festsetzen würden, überwachte. Sie bezeugten nicht nur Dinge, die sie gehört und gesehen hatten, sondern auch solche, die sie durch den Heiligen Geist gelernt hatten. Darin erwiesen sie sich als treue Haushalter: "Dafür halte man uns: für Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes." (1. Kor. 4:1) Denselben Gedanken hatte der Herr, als er den Zwölfen sagte: "Ich will euch zu Menschenfischern machen", oder: "Weidet meine Schafe! Weidet meine Lämmlein!" Der Apostel bezeugt ferner: "Das Geheimnis (die tiefen Wahrheiten des Evangeliums über die hohe Berufung der Neuen Schöpfung, des Christus), welches in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden, ist jetzt geoffenbart worden seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geiste, ... und alle zu erleuchten, welches die Verwaltung des Geheimnisses (welches die Bedingung zum Teilhaben an der Neuen Schöpfung) sei, das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott." (Eph. 3:3-11) Und hinsichtlich der Auferbauung der Herauswahl auf den Eckstein Jesum Christum sagt der Apostel: "Deshalb bin ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch, die Nationen." - Eph. 2:20, 22; 3:1

Der "Tröster" war den Aposteln verheißen; er sollte sie alles lehren, sie an alles erinnern, was der Herr zu ihnen gesagt hatte; er sollte ihnen auch das Kommende verkündigen. (Joh. 14:26; 16:13) Bis zu einem gewissen Grade gilt dies zweifellos für die ganze Herauswahl, insbesondere aber gilt es den Aposteln, und durch deren Vermittlung wirkt es auf die übrigen Auserwählten, indem sie aus den Worten der Apostel alte und neue Dinge lernen. Die Inspiration der Apostel dürfen wir daher als eine dreifache bezeichnen: 1. wurde ihre Erinnerung aufgefrischt, so dass sie des Herrn eigene Lehren aus dem Gedächtnis wiederzugeben vermochten; 2. wurden sie angeleitet, die Wahrheit über den göttlichen Plan der Zeitalter zu erkennen; 3. wurden ihnen besondere Offenbarungen über zukünftige Dinge zuteil, solche Dinge betreffend, von denen ihnen der Herr gesagt hatte (Joh. 16:12): "Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen."

Nun dürfen wir nicht denken, dass die Auffrischung des Gedächtnisses der Apostel soweit ging, dass sie sich auf alle Redewendungen und Reihenfolge der Reden Jesu erstreckt hätte. Die Schriften der Apostel verraten kein solches Diktat durch den Heiligen Geist. Dennoch ist die Verheißung unseres Herrn eine Garantie dafür, dass die Schriften der Apostel die Dinge richtig wiedergeben. Jedes der vier Evangelien bietet eine Geschichte des Lebens und Dienstes Jesu; aber jedes Evangelium trägt den Stempel der Individualität seines Verfassers. Jedes erzählt in seinem eigenen Stil solche Einzelheiten, die dem Verfasser am wichtigsten schienen, und der Herr überwaltete diese Arbeiten so, dass ihre verschiedenen Berichte zusammengenommen eine so vollständige Geschichte ausmachen, wie sie für die Begründung des Glaubens der Herauswahl daran, dass Jesus der Messias ist, an die Erfüllung der messianischen Weissagungen, an die Tatsachen seines Lebens und seiner Lehre notwendig waren. Wäre die Inspiration der Apostel eine verbale gewesen, wären ihre Schriften Wort für Wort eingegeben worden, so wäre es nicht notwendig gewesen, dass mehrere Menschen dieselbe Geschichte erzählten. Bei aller Freiheit aber, die den verschiedenen Verfassern in der Wahl des Ausdrucks oder der Auswahl der Begebenheiten, die sie erzählen wollten, gelassen wurde, hat der Herr die ganze Angelegenheit so überwaltet, dass nichts Wichtiges unerwähnt blieb, dass alles Notwendige wahrheitsgemäß berichtet ist, "auf dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt." (2. Tim. 3:17) Besonders ergänzt der Bericht des Johannes die Berichte der drei anderen, und er behandelt vorab wichtige Umstände und Vorfälle, die die anderen übergangen haben.

Des Herrn Vorsatz, die Apostel durch den Heiligen Geist und durch die Apostel die ganze Neue Schöpfung in alle Wahrheit zu leiten, setzt voraus, dass diese Anleitung einen allgemeinen Charakter hatte und nicht eine spezielle Anleitung jedes einzelnen sein sollte. Die Ereignisse haben dies auch bewiesen. Obwohl die Apostel, ausgenommen Paulus, ungebildete, ungelehrte Männer waren, so ist doch ihre Schriftauslegung sehr bemerkenswert. Sie waren imstande, die Weisheit der weisen Theologen ihrer Zeit und der späteren Jahrhunderte zunichte zu machen. Wie groß auch die Beredsamkeit des Irrtums sein mag, er vermag nichts gegen die Logik ihrer Folgerungen aus dem Gesetz, den Propheten und den Lehren des Herrn. Die jüdischen Schriftgelehrten merkten das und erkannten, dass die Apostel mit Jesu gewesen waren. - Apg. 4:5, 6, 13

Die Briefe der Apostel bestehen also aus logischen Beweisführungen mittelst der inspirierten Schriften des Alten Testamentes und der Worte des Herrn; und alle, die das Evangeliums-Zeitalter hindurch an demselben Geist teilhatten, indem sie den Erörterungen derer folgten, die der Herr als seine Mundstücke gebraucht hatte, kamen auf diesem Wege so sehr zu den gleichen wahrheitsgemäßen Schlüssen, dass unser Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gotteskraft beruht. (1. Kor. 2:4, 5) Trotzdem haben wir in den Briefen ebenso wenig wie in den Evangelien den Eindruck einer Verbal-Inspiration in dem Sinne, als wären die Verfasser nur die schreibende Hand Jehovas, wie es die Propheten des alten Bundes gewesen sind. (2. Petr. 1:21) Die klaren Begriffe der Apostel rührten vielmehr von einer allgemeinen und dauernden Erleuchtung ihre Geistes her, die sie befähigte, die Absichten Gottes deutlich zu sehen, richtig zu würdigen und daher auch klar in verständliche Worte zu fassen. Auf diese edle Weise vermochten seither alle vom Volke Gottes in der Gnade, Erkenntnis und Liebe zu wachsen und so allmählich mit allen Heiligen zu erfassen, "welches sei die Breite und Länge und Tiefe und Höhe, und die Liebe des Christus zu erkennen, die alle (menschliche) Erkenntnis übersteigt." - Eph. 3:18, 19

Dennoch halten wir uns für vollberechtigt zu der Annahme, dass alle Schriften der Apostel so vom Herrn überwacht wurden, dass unpassende Ausdrücke vermieden sind und die Wahrheit in solcher Form wiedergegeben ist, dass sie für den Haushalt des Glaubens seit ihrer Zeit bis auf den heutigen Tag "Speise zur rechten Zeit" war. Diese göttliche Überwaltung ist in den Worten des Herrn angedeutet: "Was irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und was irgend ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein." (Matth. 18:18) Wir verstehen das nicht so, dass der Herr auf seinen Vorrang verzichten und sich den Entscheidungen der Apostel unterwerfen wollte, sondern dass die Apostel durch den Heiligen Geist in der Weise bewahrt und geführt werden würden, dass ihre Entscheidungen in der Herauswahl richtig sein würden, sei es, dass sie etwas als Verpflichtung, sei es, dass sie etwas Anderes als dem freien Ermessen des einzelnen Gläubigen anheim gestellt fordern würden. Es war wichtig, dass die Herauswahl im allgemeinen wusste, dass die Dinge so geordnet seien, dass die Entscheidung der Apostel stets so fallen würde, als wäre sie vom Herrn selbst getroffen.

Auf diesen Felsen will ich meine Versammlung bauen

Damit stimmen voll und ganz die Worte des Herrn überein, die er, nachdem der Apostel Petrus seinen Glauben daran, dass Jesus der Messias sei, bezeugt hatte, sprach: "Glückselig bist du, Simon, Sohn Jonas, denn Fleisch und Blut haben es dir nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der in dem Himmel ist. Aber auch ich sage dir, dass du bist Petrus (ein Stein, ein Fels); und auf diesen Felsen (petra - Felsmasse; diesen Grundstein der Wahrheit, den du eben geäußert) will ich meine Versammlung bauen." Der Herr selbst ist der Erbauer, wie er auch selbst als der Grundstein bezeichnet wird: "Einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus." (1. Kor. 3:11) Er ist der große Felsen und seine Anerkennung als solcher durch Petrus ist ein felsenfestes, wahrhaftiges Zeugnis, eine Anerkennung der Grundlage des Planes Gottes. Der Apostel Petrus hat es selbst so verstanden; davon zeugen seine Worte. (1. Petr. 2:5, 6) Er erklärt, dass alle wahrhaft geweihten Gläubigen "lebendige Steine" sind, die zu dem großen Grundfelsen des göttlichen Planes, Jesu Christo, hinzukommen, um auferbaut zu werden als ein heiliger Tempel Gottes durch die Verbindung mit ihm, dem Grundstein. Petrus also lehnte - wie es auch recht war - ab, selbst der Grundstein zu sein, und zählte sich zu den "lebendigen Steinen" der Kirche, wiewohl ein "Fels" größer ist als ein gewöhnlicher Baustein und alle Apostel als "Grundlagen" (Offb. 21:14) im Plane Gottes von größerer Wichtigkeit sind als ihre Brüder.

Die Schlüssel der Autorität

In ähnlichem Zusammenhang sagt der Herr zu Petrus: "Ich werde dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was irgend du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein" usw. Dieselbe Autorität also, die den Aposteln im allgemeinen verliehen wurde, wurde dem Apostel Petrus besonders angekündigt, und er wurde dadurch besonders geehrt, dass ihm die Schlüssel, d.h. das Recht zu öffnen, verliehen wurden. Wir erinnern uns daran, wie Petrus die Eingänge zum neuen Zeitalter öffnete, erst für die Juden zu Pfingsten, und dann für die Heiden im Haus des Kornelius. Vom Pfingsttag, da der Heilige Geist ausgegossen wurde, lesen wir: "Petrus stand auf mit den Elfen." Er ging also zuerst vor; er öffnete und die anderen folgten, und nun erging die hohe Berufung des Evangeliums-Zeitalters an die Juden. Im Fall des Kornelius sandte der Herr Boten zu Petrus und bereitete ihn durch ein Gesicht noch in besonderer Weise vor, so dass er der Einladung des Kornelius folgte und in dessen Haus die zweite Tür der Begnadigung und Befreiung, durch die von nun an die Nationen eingehen und ihren Lauf nach dem hohen herrlichen Ziel der Teilnahme an der Neuen Schöpfung beginnen konnten, aufschloss. Dies ist in voller Übereinstimmung mit den Absichten, die den Herrn bei der Auswahl der Zwölf geleitet hatten. Und je klarer des Herrn Volk erkennt, dass diese Zwölf die besonderen Kanäle zur Vermittlung der Wahrheit über die Neue Schöpfung sind, um so bereitwilliger wird es auch sein, ihre Worte anzunehmen, um so weniger wird es sein Ohr den Lehren solcher leihen, die sich mit den Lehren der Apostel in Widerspruch setzen. "Wenn sie nicht nach diesem Worte sprechen, so gibt es für sie keine Morgenröte." - Jes. 8:20

Der letzte Satz der hier besprochenen Verheißung unseres Herrn heißt: "Er (des Vaters Heiliger Geist) wird euch das Zukünftige verkündigen." Das setzt eine besondere Inspiration der Apostel voraus (und indirekt eine Segnung und Erleuchtung aller vom Volk des Herrn bis ans Ende des Zeitalters, sofern sie die Lehren der Apostel annehmen). Sie sollten also nicht nur heilige Apostel sein, sondern auch Propheten und Seher, die der Herauswahl zukünftige Dinge mitteilen. Es ist nicht notwendig anzunehmen, dass alle Apostel im gleichen Grade auf allen Teilen des ihnen zugewiesenen Wirkungsgebietes verwendet wurden. Die Schrift zeigt vielmehr, dass einige unter ihnen besonders ausgezeichnet wurden, sowohl in ihrer Eigenschaft als Apostel als auch in ihrer Eigenschaft als Seher. Der Apostel Paulus z.B. verkündete den großen Abfall, das Offenbarwerden des Menschen der Sünde, das Geheimnis über die zweite Gegenwart des Herrn, die Herrlichmachung der Heiligen der letzten Generation im Augenblick des Abbruches der irdischen Hütte, das in den vergangenen Zeiten und Zeitaltern verborgene Geheimnis von der Miterbschaft der Herauswahl, einschließlich derer aus den Nationen, an den dem Samen Abrahams geltenden Verheißungen, von der Segnung aller Geschlechter der Erde durch diesen Samen usw. Paulus verkündigte ferner, dass am Ende des Zeitalters schwierige Verhältnisse innerhalb der Herauswahl vorherrschen, dass die Menschen das Vergnügen mehr lieben würden als Gott, dass viele eine Form der Gottseligkeit haben, aber deren Kraft verleugnen werden, dass es in der Herauswahl solche geben werde, die ihren Bund (ihr Weihegelübde) brechen, dass verderbliche Wölfe ("höhere Kritiker") der Herde des Herrn nicht schonen werden. Alle Schriften des Paulus sind hell durchleuchtet von den ihm als Seher zukünftiger und zu seiner Zeit noch nicht fälliger Dinge (2. Kor. 12:4) zuteil gewordenen Gesichten und Offenbarungen. Einige dieser Dinge, von denen Paulus noch nicht reden durfte, sind jetzt den Heiligen durch die Vorbilder und Weissagungen des Alten Testamentes, die im Licht der Worte des Apostels verständlich wurden, offenbar geworden, weil die rechte Zeit hierfür gekommen ist.

Der Apostel Petrus seinerseits verkündigte das Auftreten von Irrlehrern in der Herauswahl, die im Geheimen, ohne dass es beachtet würde, schädliche Lehren einführen, ja, sogar die Lehre des Lösegeldes leugnen würden. Mit Bezug auf unsere heutige Zeit sagt er: "In den letzten Tagen werden Spötter mit Spötterei kommen ... und sagen: Wo ist die Verheißung seiner (Christi) Gegenwart? (Parusia nicht Ankunft, sondern Gegenwart)." Er weissagte ferner, dass der Tag des Herrn kommen werde wie ein Dieb in der Nacht usw.

Jakobus weissagte hinsichtlich des Endes des Zeitalters: "Wohlan nun, ihr Reichen, weinet und heulet über euer Elend, das über euch kommt! ... ihr habt Schätze gesammelt in den letzten Tagen."

Der vornehmste Seher und Prophet unter den Aposteln ist jedoch Johannes; seine uns in der Offenbarung erhaltenen Gesichte skizzieren in ganz hervorragender Weise die zukünftigen Dinge.

Die Unfehlbarkeit der Apostel

Aus dem Vorhergehenden glauben wir mit Recht schließen zu dürfen, dass die Apostel vom Herrn durch den Heiligen Geist so geführt wurden, dass alle ihre öffentlichen Äußerungen von Gott zur Ermahnung der Herauswahl eingegeben und nicht weniger maßgebend waren als die Äußerungen der Propheten des Alten Bundes. Aber während wir der Wahrhaftigkeit ihres Zeugnisses und dessen, dass alle ihre Äußerungen an die Kirche göttliche Billigung haben, gewiss sind, tun wir doch wohl, sorgfältig fünf verschiedene im Neuen Testament erwähnte Umstände zu beachten, die mit der Annahme, die Apostel hätten sich in ihren Lehren nicht geirrt, als im Widerspruch stehend betrachtet zu werden pflegen.

1. Die Verleugnung des Herrn durch Petrus. Es ist nicht zu bestreiten, dass Petrus sich da einen sehr schweren Fehltritt zuschulden kommen ließ, den er später aufrichtig bereute. Aber wir sollten nicht vergessen, dass dieser Fehltritt, zwar nach seiner Berufung zum Apostel, aber vor seiner Salbung mit dem Heiligen Geist, die erst zu Pfingsten erfolgte und seine völlige Ernennung als Apostel besiegelte, stattfand. Außerdem beschränken wir die Unfehlbarkeit der Apostel auf ihre "öffentlichen" Lehren und Schriften; wir dachten dabei keineswegs an eine Unfehlbarkeit in allen Kleinigkeiten und sonstigen Vorfällen des Lebens. In dieser Hinsicht hatten sie ohne Frage teil am Fall Adams, wie alle anderen Menschen; ihre "irdenen Gefäße" waren eben auch schadhaft. Des Apostels Worte: "Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen" gelten sowohl ihm selbst und den anderen Aposteln als auch allen sonstigen Auserwählten, Gefäßen des Heiligen Geistes. Unser Anteil als Einzelwesen an dem großen Versöhnungswerk unseres Meisters deckt diese Schwächen des Fleisches zu, die den Wünschen der Neuen Schöpfung widerstreben.

Der Dienst der Apostel für den Herrn und seine Herauswahl stand mit den Schwachheiten des Fleisches in keinem Zusammenhang. Er wurde ihnen anvertraut, nicht weil sie vollkommene Menschen waren, sondern "obwohl sie Menschen von gleichen Empfindungen" wie wir selbst waren. (Apg. 14:15) Ihr Dienst brachte ihnen nicht Wiederherstellung - Vollkommenheit im Fleisch - sondern nur eine neue Gesinnung und den Heiligen Geist, der sie leitete. Er machte ihre Gedanken und Handlungen nicht vollkommen, sondern überwaltete sie nur in der Weise, dass die "öffentlichen Lehren" der Zwölf das Wort des Herrn - d.h. unfehlbar sind. Dieser Art ist auch die vom Papst beanspruchte Unfehlbarkeit, dass er nämlich, wenn er ex cathedra oder von Amtes wegen redet, derart von Gott geleitet werde, dass er nicht irren könne. Diese Unfehlbarkeit wird für die Päpste beansprucht, weil sie angeblich auch Apostel seien. Aber die diesen Anspruch erheben, übersehen, dass die Schrift bezeugt, es gebe nur "zwölf Apostel des Lammes".

2. Von Petrus wird ein Fall erwähnt, wo er heuchelte, sich zweideutig benahm. (Gal. 2:11-14) Darauf wird wiederum verwiesen, um zu zeigen, dass die Apostel in ihrem Wandel nicht unfehlbar waren. Wir geben dies ohne weiteres zu, da die Apostel es übrigens selbst anerkannten (Apg. 14:15), und wir nur der Ansicht Ausdruck verliehen haben, dass nicht zugelassen worden sei, dass diese Schwachheiten des Fleisches ihr Werk oder ihre Brauchbarkeit als Apostel beeinträchtigten, die "die gute Botschaft verkündigten mit dem vom Himmel gesandten Heiligen Geist" (1. Petr. 1:12; Gal. 1:11, 12), nicht mit Menschenweisheit, sondern mit Weisheit von oben. (1. Kor. 2:5-16) Aus dieser Verirrung brachte Gott Petrus rasch wieder durch den Apostel Paulus zurecht, der ihm freundlich, aber mit Festigkeit ins Angesicht widerstand, weil er zu tadeln war. Petrus nahm die Belehrung an und überwand rasch seine Schwachheit, seine Vorliebe für die Juden, völlig. Das ist aus seinen beiden Briefen klar ersichtlich, in denen sich keine Spur von Schwanken in diesem Punkt oder eines Mangels am Festhalten der Anerkennung des Herrn findet.

3. Es wird behauptet, die Apostel hätten des Herrn Wiederkunft sehr bald, ja, schon zu ihren Lebzeiten erwartet; hierin hätten sie sich eines Lehrfehlers schuldig gemacht, der das Vertrauen in ihre Lehre überhaupt erschüttern müsse. Darauf antworten wir, dass der Herr die Apostel hinsichtlich der Zeit seiner Wiederkunft und der Aufrichtung seines Reiches in Ungewissheit ließ, und ihnen wie allen anderen nur befahl zu wachen, damit, wenn der Augenblick gekommen sei, sie es erkennen und nicht wie die Welt im Dunkeln sein möchten. Als sie ihn nach seiner Auferstehung danach fragten, erhielten sie den Bescheid: "Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat." Können wir nun daraus den Aposteln einen Vorwurf machen, dass sie etwas nicht wussten, das Gott noch für einige Zeit als Geheimnis erklärte? Sicherlich nicht! Um so weniger, als wir bemerken, dass die Führung des Heiligen Geistes bei den Aposteln, wenn sie von den zukünftigen "Dingen" redeten, besonders an der Wahl der Ausdrücke bemerkbar ist. Ihre Worte nötigen nicht zur Annahme, dass das Ereignis in ihren Tagen stattfinden müsse, um sich als Erfüllung ihrer Weissagung auszuweisen, sondern das Gegenteil.

Petrus sagt z.B. ausdrücklich, dass er seine Briefe zu dem Zweck geschrieben habe, damit sein Zeugnis auch nach seinem Tod der Herauswahl verbleibe. (2. Petr. 1:15) Dies beweist klar, dass er nicht bis zur Aufrichtung des Reiches zu leben erwartete. Paulus erklärt freilich, die Zeit sei nahe, aber er sagt nicht wie nahe. Von Gottes Standpunkt aus, da sieben Tausendjahrtage eine Woche ausmachen, deren siebter Tag das Königreich bringen würde, war zur Zeit der Abfassung der Briefe des Paulus mehr als zwei Drittel der Zeit des Wartens schon vorbei. Genauso sagen wir am Donnerstag, die Woche sei bald um. Paulus redet ferner von der Zeit seines Abscheidens, von seiner Bereitwilligkeit, sein Leben zu lassen, von seinem Wunsch, es möchte ein Ende nehmen. Er betont, dass der Tag des Herrn wie ein Dieb in der Nacht kommen werde. Einigen unrichtigen Auffassungen tritt er mit den Worten entgegen: "Lasset euch nicht schnell erschüttern in der Gesinnung, noch erschrecken, weder durch Geist, noch durch Wort, noch durch Brief als durch uns, als ob der Tag des Herrn da wäre. Lasst euch von niemandem auf irgendeine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall komme und geoffenbart worden sei der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens ... Erinnert ihr euch nicht, dass ich dies zu euch sagte, als ich noch bei euch war? Und jetzt wisset ihr, was zurückhält, dass er zu seiner Zeit geoffenbart werde." - 2. Thess. 2:2, 3, 5, 6

4. Es wird geltend gemacht, Paulus habe sich einer Abweichung von seiner Anschauung schuldig gemacht, als er den Timotheus veranlasste, sich beschneiden zu lassen (Apg. 16:3), da er doch selbst schreibe: "Ich, Paulus, sage euch, dass, wenn ihr beschnitten werdet, Christus euch nichts nützen wird." (Gal. 5:2) Ob er sich denn da nicht einer Irrlehre schuldig gemacht habe, der er selber zuwider gehandelt habe, fragt man uns? Keineswegs. Timotheus war als Sohn eines jüdischen Weibes an den Brauch der Juden, sich beschneiden zu lassen, der älter als das Gesetz Moses war, gebunden. Dieser Brauch erhielt sich auch nachher fort, nachdem "Christus dem Gesetz(-esbund) ein Ende gemacht hatte, indem er es ans Kreuz nagelte." Die Beschneidung wurde Abraham als Bundeszeichen gegeben für ihn und seinen Samen, 430 Jahre bevor Israel als Nation am Sinai sein Gesetz erhielt. Petrus war als Apostel der Beschneidung bestimmt, d.h. für die Juden, Paulus als Apostel bei der Vorhaut, d.h. bei den Nationen. (Gal. 2:7, 8) Sein Ausspruch in Gal. 5:2 war nicht an die Juden gerichtet, sondern an die Nationen, und bei diesen konnte der Wunsch, sich beschneiden zu lassen, keinen anderen Ursprung haben, als den, dass gewisse Irrlehrer sie verwirrt und sie glauben gemacht hatten, sie müssten, nachdem sie Christum angenommen hätten, sich diesem jüdischen Brauch unterwerfen. Damit verleiteten jene Irrlehrer sie, den Gnadenbund zu übersehen. Der Apostel zeigt in der angeführten Stelle, dass, wenn sie sich wegen solcher Irrlehren beschneiden ließen, dies für sie bedeute, dass sie den Gnadenbund ablehnen und mithin das ganze Werk Christi verwerfen. Bei den Juden hingegen hatte er nichts gegen das Festhalten an ihrem Brauch einzuwenden; das geht nicht nur aus seinem Verhalten gegenüber Timotheus, sondern auch aus 1. Kor. 7:18, 19 hervor. Nicht etwa, dass es für Timotheus oder irgendeinen anderen Juden notwendig gewesen wäre, sich beschneiden zu lassen. Aber da Timotheus vielfach mit Juden zu tun haben sollte, war es nicht unpassend, dass er sich ihnen in diesem Punkt gleichstellte, denn es erwarb ihm ihr Zutrauen. Im Fall des Titus hingegen, der ein Grieche war, widerstand er aufs kräftigste denen, die ihn aus Missverständnis beschnitten wissen wollten. - Gal. 2:3-5

5. Was in Apg. 21:20-26 von Paulus berichtet wird, wird als mit der von ihm vertretenen Wahrheit in Widerspruch stehend und als Grund dafür bezeichnet, dass so viel Gefangenschaft über Paulus gekommen sei. Da sehe man, dass er sich hinsichtlich seiner Lehren und seines Verhaltens geirrt habe. Aber die Schrift gestattet diese Schlussfolgerung keineswegs. Sie zeigt vielmehr, dass sich Paulus während dieser ganzen Zeit der Zustimmung der anderen Apostel und der Gnade bei Gott erfreute. Was er damals tat, geschah gerade auf Anraten der anderen Apostel. Dass ihn in Jerusalem Bande und Gefängnis erwarteten, war ihm schon vorher geweissagt worden (Apg. 21:10-14), doch aus Überzeugungstreue ging er ohne Zögern den angekündigten Widerwärtigkeiten entgegen. Und mitten in ihnen stand ihm der Herr bei und sprach zu ihm: "Sei guten Mutes! denn wie du von mir in Jerusalem gezeugt hast, so musst du auch in Rom zeugen." (Apg. 23:11) Und von einer weiteren Gunstbezeugung Gottes lesen wir (Apg. 27:23, 24): "Ein Engel des Gottes, dessen ich bin und dem ich diene, stand in dieser Nacht bei mir und sprach: Fürchte dich nicht Paulus! du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir alle geschenkt, die mit dir fahren."

Angesichts dieser Tatsachen müssen wir nach einer Erklärung für Paulus Gelübde suchen, die mit seinem sonstigen mutigen und vornehmen Verhalten vereinbar ist, da Gott selbst dies Gelübde nicht nur nicht tadelte, sondern direkt guthieß. Aus Apostelgeschichte 21:21 erfahren wir, dass Paulus keineswegs gelehrt hatte, gläubig gewordene Juden sollten ihre Kinder nicht beschneiden, dass er das Gesetz Moses keineswegs verwarf, sondern im Gegenteil hochhielt, als er zeigte, welche großen Dinge dadurch vorgeschattet seien. "Das Gesetz ist gerecht und heilig und gut" sind seine eigenen Worte; aus dem Gesetz lernen wir die Verabscheuungswürdigkeit der Sünde noch besser kennen; das Gesetz war so erhaben, dass kein gefallener Mensch es völlig zu halten vermochte, dass Christus dadurch, dass er es hielt, sich den verheißenen Lohn sicherte. Infolgedessen kann er unter dem Gnadenbund ewiges Leben und Glück als freie Gabe solchen anbieten, die nicht fähig sind, das Gesetz zu halten, aber durch Glauben seinen vollkommenen Gehorsam und seinen Opfertod als Deckung für ihre Unvollkommenheit annehmen und ihm auf dem Pfad der Gerechtigkeit nachzuwandeln suchen.

Einige der jüdischen Zeremonien wie das Fasten, die Beachtung der Neumonde, des Sabbats und des Sabbatjahres, die Feier der Feste, waren Vorbilder von geistigen Wahrheiten des Evangeliums-Zeitalters. Der Apostel zeigt deutlich, dass das Evangelium des Gnadenbundes das Halten dieser Zeremonien weder befiehlt noch verbietet; die einzigen Symbole, die uns das Evangelium zur Pflicht macht, sind die Wassertaufe und das Gedächtnismahl. - Kol. 2:16, 17; Luk. 22:19; Matth. 28:19

Einer dieser jüdischen Bräuche, die "Reinigung", war es nun, den Paulus und seine vier Gefährten auf sich nahmen. (Apg. 21:20-26) Als Juden hatten sie ein Recht darauf, wenn sie wollten, nicht nur sich selbst Gott in Christo zu weihen, sondern auch das Vorbild dieser Reinigung zu wiederholen. Die vier Gefährten des Paulus fügten noch das Gelübde hinzu, sich vor dem Herrn und den Menschen durch Abschneiden ihrer Haare zu demütigen. Vermutlich waren diese vorbildlichen Maßnahmen mit einigen Kosten verbunden, die den Betrag dessen ausmachten, was jeder zum Unterhalt des Tempels beizusteuern verpflichtet war.

Niemals belehrte Paulus die Juden, sie seien frei vom Gesetz; im Gegenteil: er erklärte, dass das Gesetz Gewalt über einen jeden von ihnen habe, solange er lebe, dass aber, wenn ein Jude Christum annehme und "mit ihm sterbe", dies der Macht des Gesetzes über ihn ein Ende und ihn selbst zu einem freien Menschen Gottes in Christo mache. (Röm. 7:1-4) Die Gläubigen aus den Nationen aber belehrte er, dass sie nie unter dem jüdischen Gesetzesbund gestanden hätten, dass also Versuche ihrerseits, durch Beobachtung jüdischer Bräuche das Gesetz zu halten, voraussetzen, dass sie auf jene Vorbilder, statt nur auf das Verdienst Christi ihr Vertrauen setzten, um errettet zu werden. Damit waren alle Apostel einverstanden. - Apg. 21:25; 15:20, 23-29

So sind wir also der Überzeugung, dass Gott sich der zwölf Apostel in wunderbarer Weise bediente, dass er sie zu fähigen Dienern der Wahrheit machte, dass er sie bei der Abfassung ihrer Schriften auf übernatürliche Weise leitete, so dass nichts wegfiel, was für den Menschen Gottes nützlich und notwendig war, so dass sie bei der Auswahl ihrer Worte mit einer Weisheit zu Werke gingen, von der sie selbst nichts wussten. Gott sei für die Beschaffung dieses festen Grundes unseres Glaubens gedankt.

Die Apostel nicht Herren über Gottes Erbteil

Sollen die Apostel in irgendeinem Sinne als die Herren der Herauswahl angesehen werden? Mit anderen Worten:

Als der Herr, das Haupt, von ihnen schied, nahm einer von ihnen da die Stelle des Hauptes ein? Oder bildeten sie ein zusammengesetztes Haupt mit der Aufgabe, die Zügel der Regierung zu ergreifen? Oder waren sie oder einige unter ihnen, was die Päpste in Rom zu sein beanspruchen - Stellvertreter Christi in der Kirche, die da ist sein Leib?

Auf solche Fragen antwortet Paulus mit einem deutlichen Nein, wenn er schreibt: "Da ist ein Leib" und "ein Herr" (Eph. 4:4, 5); welches daher auch die verhältnismäßige Wichtigkeit einzelner Glieder an diesem einen Leib sein mag, nur einer wird als Haupt anerkannt, nämlich der Herr Jesus. Dies lehrt auch der Herr selbst sehr deutlich, wenn er zu den Jüngern und dem versammelten Volk sagt: "Die Schriftgelehrten und die Pharisäer lieben ... von den Menschen Rabbi genannt zu werden. Ihr aber, lasst ihr euch nicht Rabbi nennen; denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder." (Matth. 23:1, 2, 6-8) Und an anderer Stelle sagt Jesus zu den Aposteln allein: "Ihr wisset, dass die, welche als Regenten der Nationen gelten, über dieselben herrschen, und ihre Großen Gewalt über sie üben. Aber also ist es nicht unter euch; sondern wer irgend unter euch groß werden will, soll euer Diener sein, und wer irgend von euch der erste sein will, soll aller Knecht sein. Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele." - Mark. 10:42-45

So haben wir denn auch keine Andeutung davon, dass die erste Kirche jemals die Apostel als ihre Herren angesehen hätte, oder dass die Apostel selbst sich eine solche Stellung angemaßt hätten. Ihr Gebaren war sehr verschieden von dem, was die Päpste später für ihr Recht auf Herrschaft hielten, und von den Anschauungen der hervorragendsten "Geistlichen" der verschiedenen namenchristlichen Kirchen. Niemals z.B. nannte sich Petrus selbst bei dem ihm von den Päpsten zugedachten Titel "Fürst der Apostel". Ebenso wenig gaben sich die Apostel überhaupt gegenseitig irgendwelche Titel oder ließen sich solche seitens der Herauswahl geben. Sie nannten sich einfach bei ihrem Namen oder setzten ein "Bruder" davor, wie sie dies auch den anderen Heiligen gegenüber taten. (Apg. 9:17; 21:20; Röm. 16:23; 1. Kor. 7:15; 8:11; 2. Kor. 8:18; 2. Thess. 3:6, 15; Philemon 7, 16) Auch steht geschrieben, dass sogar der Herr selbst sich nicht schämt, sie alle "Brüder" zu nennen (Hebr. 2:11), so weit entfernt ist er von einem Geltendmachen seiner doch tatsächlichen und als solche anerkannten Stellung als Herr und Meister.

Auch ging keiner dieser leitenden Diener der ersten Kirche im Priesterornate einher oder mit einem Kruzifix, einem Rosenkranz oder dergleichen in Händen, die Verehrung der Leute herausfordernd. Vielmehr hielten sie es gemäss den Worten des Herrn für eine Folge und ein Vorrecht ihrer hervorragenden Stellung, auch am meisten zu dienen. Als die Verfolgung in Jerusalem die dortige Versammlung zerstreute, blieben die Elf mutig in Jerusalem zurück, bereit, zu tun, was irgend zu tun sein würde, mit dem Gedanken daran, dass in dieser Prüfungszeit die Herauswahl während der Zeit der Zerstörung von den in Jerusalem Zurückgebliebenen Ermutigung und Hilfe erwarten würde. Wären auch sie geflohen, so hätte sich wohl der ganzen ersten Kirche ein Unbehagen, ja, ein lähmender Schrecken bemächtigt. Sie blieben auch, als Jakobus mit dem Schwert getötet, als Petrus ins Gefängnis geworfen und an zwei Soldaten gekettet worden war. (Apg. 12:1-6) Paulus und Silas ihrerseits ertrugen bei ihrem Dienst für die Wahrheit viele Streiche; sie wurden ins Gefängnis geworfen und ihre Füße in den Stock gelegt. Paulus ertrug überhaupt unsägliche Mühsale. - Apg. 16:23, 24; 2. Kor. 11:23-33

Sehen solche Menschen danach aus, als hätten sie die Herren gespielt? Bestimmt nicht!

Petrus ist in diesem Punkt sehr deutlich, wenn er den Ältesten rät, die Herde Gottes zu hüten. Er redet nicht von ihrer Herde, von ihren Leuten, von ihrer Kirche, wie viele "Geistliche" heutzutage sagen, sondern er redet von der Herde Gottes. Tut es, sagt er, "nicht als Herrschende über ihre Besitztümer, sondern indem ihr Vorbilder der Herde seid" - Vorbilder in Demut, Treue, Eifer und Gottseligkeit. (1. Petr. 5:1-3) Und Paulus seinerseits sagt: "Mich dünkt, dass Gott uns, die Apostel, als die Letzten dargestellt hat, wie zum Tode bestimmt; denn wir sind der Welt ein Schauspiel geworden, sowohl Engeln als Menschen. Wir sind Narren um Christi willen ... wir sind verachtet ... wir leiden sowohl Hunger als Durst und sind nackt und werden mit Fäusten geschlagen und haben keine bestimmte Wohnung und mühen uns ab, mit unseren eigenen Händen arbeitend. Geschmäht, segnen wir; verfolgt, dulden wir; gelästert, bitten wir, als Auskehricht der Welt sind wir geworden, ein Auswurf aller bis jetzt." (1. Kor. 4:9-13) Nicht wahr, das sieht in keiner Weise nach Herrschaft aus? Und einigen Brüdern widerstehend, die dem Anschein nach über Gottes Erbe zu herrschen suchten, sagt Paulus mit Ironie: "Schon seid ihr gesättigt, schon seid ihr reich geworden; ihr habt ohne uns geherrscht." Dann aber ernst werdend, rät er zum rechten Weg, zu dem Weg der Demut: "Ich bitte euch nun, seid meine Nachahmer! Dafür halte man uns: für Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes." - 1. Kor. 4:1, 8, 16

Und wiederum schreibt derselbe Apostel: "So wie wir von Gott bewährt worden sind, mit dem Evangelium betraut zu werden, also reden wir, nicht um Menschen zu gefallen, sondern Gott, der unsere Herzen prüft. Denn niemals sind wir mit einschmeichelnder Rede umgegangen, wie ihr wisset, noch mit einem Vorwand für Habsucht, Gott ist Zeuge; noch suchen wir Ehre von Menschen, weder von euch noch von anderen, wiewohl wir als Christi Apostel euch zur Last sein konnten; sondern wir sind in eurer Mitte zart gewesen, wie eine Amme ihre eigenen Kinder pflegt." (1. Thess. 2:7) Die Apostel veröffentlichten keine Bullen, taten niemanden in den Bann, sondern: "Gelästert, bitten wir" (1. Kor. 4:13); und: "Ich bitte dich, mein echter Jochgenosse" (Phil. 4:3); und: "Einen Ältesten fahre nicht hart an, sondern ermahne ihn." - 1. Tim. 5:1

Mit Recht schätzte die erste Kirche die Frömmigkeit und Überlegenheit der Apostel an Weisheit und Erkenntnis der geistlichen Dinge sehr hoch. Sie betrachtete sie als das, was sie tatsächlich waren, nämlich als vom Herrn besonders auserwählte Boten. Darum saß sie auch zu ihren Füssen und lernte. Doch taten dies die ersten Christen nicht gedanken- und kritiklos, sondern vielmehr in der Absicht, die Geister zu prüfen und ihr Zeugnis zu untersuchen. (1. Joh. 4:1; 1. Thess. 5:21; Jes. 8:20) Und die Apostel ermunterten sie bei ihrer Belehrung auch dazu; sie sahen diese Geistesrichtung gern, die nach einer Grundlage ihrer glorreichen Hoffnung forschte; sie waren bereit, auf solche Fragen zu antworten, "nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit (mit menschlichen Vermutungen), sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft", auf dass der Glaube der Herauswahl "nicht beruhe auf Menschen-Weisheit, sondern auf Gottes-Kraft." (1. Kor. 2:4, 5) Sie bildeten nicht eine blinde und abergläubische Verehrung für sich selbst.

Von den Beröern lesen wir, dass sie waren "edler, als die in Thessalonich; sie nahmen mit aller Bereitwilligkeit das Wort auf, indem sie täglich die Schriften untersuchten, ob dies sich also verhielte." (Apg. 17:11) Stets bemühten sich die Apostel zu zeigen, dass die gute Botschaft, die sie verkündeten, die gleiche sei, wie die von den alten Propheten in dunklen Worten angekündigte, "welchen es geoffenbart wurde, dass sie nicht für sich selbst, sondern für euch die Dinge bedienten, die euch jetzt verkündigt worden sind durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist." (1. Petr. 1:10-12) Sie bemühten sich zu zeigen, dass ihre Botschaft gerade das Evangelium des Lebens und der Unsterblichkeit sei, das der Herr ans Licht gebracht hatte; und dass die größere Ausführlichkeit und Einzelheiten ihrer Botschaft dadurch möglich und mitteilbar geworden seien, dass der Heilige Geist sie anleitet, sei es auf natürliche Weise, sei es durch übernatürliche Mittel: "Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten." - Joh. 16:12, 13

Es war also durchaus am Platz, dass die Beröer die Schriften durchforschten, um zu sehen, ob das Zeugnis der Apostel mit dem des Gesetzes und der Propheten übereinstimmt, und auch das war recht, dass sie die Lehre des Herrn mit der Schrift verglichen. Unser Herr hat selbst dazu aufgefordert: "Erforschet die Schriften, ... sie sind es, die von mir zeugen." Das ganze göttliche Zeugnis muss übereinstimmen, sei es nun durch das Gesetz oder die Propheten, durch den Herrn oder die Apostel verkündigt. Seine vollständige Übereinstimmung ist der Beweis seiner göttlichen Eingebung. Dem Herrn sei Dank! Es stimmt überall, so dass die Schriften des Alten und Neuen Testamentes nach der Bezeichnung des Herrn selbst "die Harfe Gottes" ausmachen. (Offb. 15:2) Die verschiedenen Zeugnisse des Gesetzes und der Propheten sind die verschiedenen Saiten jener Harfe; werden sie durch den Heiligen Geist, der in unseren Herzen wohnt, abgestimmt und mit dem Finger der aufrichtigen Diener und Forscher angeschlagen, so geben sie die herrlichsten Akkorde, die je ein sterbliches Ohr gehört hat. Gott sei gelobt für diese erhabene Melodie des "Liedes Moses und des Lammes", das wir durch das Zeugnis der heiligen Apostel und Propheten, deren größter der Herr Jesus selbst ist, lernen!

Doch obwohl die Zeugnisse des Herrn und der Apostel mit dem des Gesetzes und der Propheten stimmen müssen, so müssen wir doch zu finden erwarten, dass sie neben dem Alten auch Neues bezeugen; darauf deuten die Propheten selbst hin. (Psalm 78:2; 5. Mose 18:15, 18; Dan. 12:9; Matth. 13:35, 52) So finden wir denn auch, dass sie nicht nur die verborgenen Wahrheiten der alten Weissagungen erschlossen, sondern auch neue, weitere Wahrheiten offenbarten.

Apostel, Propheten, Evangelisten, Lehrer

Nach den in der Namenchristenheit vorherrschenden Vorstellungen hätte der Herr für die Organisation der Herauswahl Vorschriften hinterlassen, die mit den von ihm verfolgten Zwecken unvereinbar wären, und von seinem Volk erwartet, dass es sich nach eigener Weisheit eine Organisation schaffe. So haben denn viele Köpfe mit vielen Sinnen mehr oder weniger straffe Organisationen geschaffen, so dass nun die Namenchristenheit der ganzen Welt nach verschiedenen Richtungen hin organisiert ist, und dies bald mit mehr, bald mit weniger Steifheit. Eine jede Organisation aber hält sich für besser als die übrigen. Das kommt aber von der unrichtigen, vernunftwidrigen Grundanschauung, als hätte Gott, der doch schon vor Grundlegung der Welt von dieser Neuen Schöpfung gewusst hat, in sträflicher Nachlässigkeit sein eigenes Volk ohne ein klares Verständnis seines Willens und ohne die diesem genau entsprechenden und zur Wohlfahrt der Neuen Schöpfung notwendigen Anleitungen gelassen.

Die Menschen neigen entweder zur Anarchie oder aber entgegengesetzt zu einer allzu festen Organisation. Die göttliche Weisheit vermeidet beide Extreme und bezeichnet für die Neue Schöpfung eine Organisation, die überaus einfach ist und jedem die größte Freiheit lässt. Die Schrift selbst ermahnt auch jeden einzelnen Christen: "Stehet nun fest in der Freiheit, mit welcher euch Christus freigemacht hat, und lasset euch nicht wiederum unter einem Joch der Knechtschaft halten." - Gal. 5:1

Um diese göttliche Anordnung klarzulegen, müssen wir uns jedoch auf das Studium des göttlichen Wortes beschränken und die Kirchengeschichte ganz unberücksichtigt lassen. Denn der zuvor verkündigte Abfall begann schon zu der Zeit der Apostel und machte nach deren Abscheiden sehr rasche Fortschritte, die nach wenigen Jahrhunderten zum Papsttum führten. Das Neue Testament soll unter Hinzufügung der Vorbilder des Gesetzes unsere einzige Quelle sein, doch müssen wir bei letzteren uns stets vor Augen halten, dass sie nicht nur Dinge des Evangeliums-Zeitalters, sondern auch solche des Tausendjahrreiches vorschatten. Zum Beispiel: Der Versöhnungstag schattete das Evangeliums-Zeitalter vor. An jenem Tag trug der Hohepriester nicht seine herrlichen Kleider, sondern nur das weiße Priesterkleid. Dies deutet an, dass während des Evangeliums-Zeitalters weder der Herr noch seine Herauswahl eine in den Augen der Menschen hervorragende Rolle zu spielen haben. Ihren Standpunkt, den der Gerechtigkeit, der Reinheit des Herzens (der Wünsche), schattet das weiße Kleid vor, das im Fall der Kirche die Gerechtigkeit unseres Herrn und Hauptes ist. Nach dem Versöhnungstag erst zog der Hohepriester seine herrlichen Kleider an, in denen er nun den herrlich gemachten Christus (Haupt und Leib) in seiner königlichen Würde, die er im Tausendjahrreich bekleiden soll, darstellte; das Haupt ist der Herr, der Leib sind seine Auserwählten, die herrlichen Kleider sind die großen Ehren, die der ganzen königlichen Priesterschaft zuteil werden sollen, wenn sie einmal erhöht ist. Die päpstliche Priesterschaft, die fälschlich beansprucht, dass die Herrschaft Christi durch Priesterherrschaft ausgeführt werde, dass die Päpste die Statthalter und die Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe die Kirche in Herrlichkeit und Macht darstellen, versucht, bürgerliche und religiöse Herrschaft über die Welt auszuüben und ahmt die Herrlichkeit und Würde der auserwählten Neuen Schöpfung durch das Tragen prächtiger Ornate nach. Die wahre königliche Priesterschaft indessen trägt nach wie vor nur das weiße Priesterkleid und harrt des wahren Herrn der Kirche, der die Seinen in Wahrheit und Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit kleiden wird, wenn einst das letzte Glied der Herauswahl seinen Anteil am Opferwerk vollendet haben wird.

Im Neuen Testament also müssen wir hauptsächlich nach der Organisation der Herauswahl in den Tagen ihrer Niedrigkeit und ihres Opferdienstes Umschau halten. Dass ihre Regeln nicht aneinander gereiht und nicht in Paragraphen abgeteilt sind, sollte uns nicht davon abhalten zu erwarten, dass das Nötige vollständig vorhanden ist. Wir müssen gegen verkehrte Vorstellungen ankämpfen und uns daran erinnern, dass der aus Söhnen Gottes bestehenden Herauswahl ein "vollkommenes Gesetz der Freiheit" gegeben ist, weil die, die zu ihr gehören, nicht mehr Knechte sind, sondern Söhne, und als Söhne Gottes lernen müssen, von ihrer Freiheit als Kinder des Hauses richtigen Gebrauch zu machen und dadurch zu zeigen, dass sie dem Gebot und den Anforderungen der Liebe durchaus gehorsam sind und zu entsprechen suchen.

Der Apostel stellt uns ein Bild der Neuen Schöpfung vor das geistige Auge, das den ganzen Gegenstand klar macht. Dieses Bild ist der menschliche Körper. Das Haupt an ihm entspricht dem Herrn, die übrigen Körperteile stellen die Herauswahl dar. Im 12. Kapitel des 1. Korintherbriefes ist dies im einzelnen erläutert und uns einfach die Erklärung gegeben: "Gleichwie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich viele, ein Leib sind: also auch der Christus (eine Körperschaft, bestehend aus vielen Gliedern). Denn auch in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie." (Verse 12, 13) Weiter macht der Apostel darauf aufmerksam, dass das Wohlbefinden eines menschlichen Leibes auf dem einheitlichen Zusammenwirken aller Organe beruht. So ist es auch mit der Kirche, dem Leib Christi. Wenn ein Glied Schmerzen, Erniedrigung oder Ungnade leidet, so werden, gewollt oder ungewollt, alle Glieder beeinflusst, und wenn ein Glied besonders gesegnet, getröstet oder erfrischt wird, so werden dementsprechend alle die Segnung teilen. Er zeigt (Vers 23), dass wir versuchen, Schäden und Schwächen unseres natürlichen Körpers zu verbergen, sie zu lindern und zu beseitigen, und dass es so auch mit der Kirche, dem Leib Christi, sein sollte: Die verletzten Glieder sollten um so reichlicher gepflegt und mit dem Mantel der Liebe zugedeckt werden, auf dass keine Spaltung in dem Leibe sei, sondern die Glieder "dieselbe Sorge füreinander haben möchten" (Vers 25), für die geringsten wie für die am meisten begünstigten Brüder.

Demgemäss ist die Organisation, die der Herr für die Herauswahl bestimmt hat, durchaus vollständig. Aber wie in der Natur, so ist auch in geistiger Beziehung kein Bedürfnis für Stützen und Binden vorhanden, wenn die Organisation vollständig ist. Ein Baum ist ein einheitlicher Organismus von der Wurzel bis zu den letzten Zweigen; aber seine verschiedenen Äste sind nicht durch patentierte Verschlüsse, durch Stricke, Schrauben, Regeln und Gesetze befestigt. In gleicher Weise bedarf auch der Leib Christi keiner äußerlichen Binde- oder Befestigungsmittel, wenn er sorgfältig nach den Richtlinien, die der Herr vorgezeichnet hat, aufgebaut und einheitlich gestaltet worden ist. Er bedarf keiner Vorschriften, keiner Glaubensbekenntnisse, keiner Vergnügungsveranstaltungen, um zusammengehalten zu werden. Der eine Geist ist das Band der Einigkeit, und solange der Geist des Lebens in den Gliedern bleibt, solange bleibt auch die Einheitlichkeit des Leibes bestehen, und das Band der Einigkeit wird in dem Maße stärker oder schwächer sein, als der Geist des Herrn mehr oder weniger reichlich in uns wohnt.

Weiter zeigt der Apostel, dass Gott alle Angelegenheiten dieser Körperschaft der Neuen Schöpfung, die er selbst vorgesehen und ins Dasein gerufen hat, überwacht: "Ihr aber seid Christi Leib, und Glieder insonderheit. Und Gott hat etliche in der Versammlung gesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, sodann Wunderkräfte, sodann Gnadengaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Regierungen, Arten von Sprachen." - Verse 27, 28

Das wird für manche, die gewohnt sind, sich selbst oder einander in Ehren- und Dienststellungen in die Kirche zu setzen, etwas Neues sein, zu hören, dass Gott verheißen hat, dies unter denen selbst zu besorgen, die sich nach seiner Führung umsehen und sich von seinem Wort und Geist leiten lassen. Wenn dies erkannt würde, wie wenige würden es dann wagen, nach den ersten Plätzen zu streben und sich nach Art der Politiker wählen zu lassen! Aber um die göttliche Fürsorge für die wahre Kirche zu erkennen, muss man erst die wahre Kirche von den Namenkirchen zu unterscheiden vermögen, und alsdann in ehrfürchtiger und demütiger Haltung den Willen Gottes hinsichtlich aller Einrichtungen, Dienststellungen und Diener in der wahren Kirche zu erkennen suchen.

Der Apostel fragt: "Sind etwa alle Apostel? alle Propheten? alle Lehrer?" (Vers 29), was in sich schließt, was jedermann zugeben wird, dass es nicht so ist, und dass jeder, der eine dieser Stellungen einnimmt, irgendeinen Beweis dafür aufweisen sollte, dass er von Gott dahin gesetzt sei, nicht um den Menschen, sondern dem großen Aufseher der Kirche - ihrem Haupt und Herrn - zu gefallen. Der Apostel macht uns darauf aufmerksam, dass diese Verschiedenheit in der Kirche der Verschiedenheit unter den Gliedern des natürlichen Leibes entspreche, deren jedes notwendig und keines zu verachten sei. Das Auge kann nicht zum Fuße sagen: Ich bedarf deiner nicht, noch zum Ohre: Ich bedarf deiner nicht, noch zur Hand: Ich bedarf deiner nicht. "Wenn aber alle ein Glied wären, wo wäre der Leib?" - Verse 19, 14

Gewiss, in der heutigen Zeit ist die Mannigfaltigkeit der Glieder am Leibe Christi nicht mehr so groß. Denn, wie der Apostel sagt, das "Zungenreden war ein Zeichen nicht für die, welche glauben, sondern für die Nichtglaubenden". So war es auch mit den Wundern. Nachdem die Apostel, die allein imstande waren, diese Gaben zu verleihen, gestorben waren, nachdem auch die ins Grab gesunken waren, die die Gaben von ihnen erhalten hatten, hörten, wie wir schon sahen, diese Gaben und Wunder in der Herauswahl auf, nicht aber die Gelegenheit für Mann oder Weib, dem Herrn, der Wahrheit und den anderen Gliedern des Leibes Christi nach Möglichkeit zu dienen. An die Stelle der Wunder trat der Unterricht in der Wahrheit, in der Erkenntnis des Herrn und in den Eigenschaften des Geistes. Schon damals, da diese geringeren Gaben des Heilens, Zungenredens, Auslegens und Wundertuns noch vorhanden waren, ermahnte der Apostel die Brüder, ernstlich nach den besten Gaben zu trachten. - Vers 31

Nach der Apostelschaft konnten sie nun nicht trachten, da es nur zwölf Apostel geben sollte; begehren oder wünschen konnten sie, Propheten (Ausleger) oder Lehrer zu sein: "Und einen noch vortrefflicheren Weg zeige ich euch", leitet der Apostel mit Vers 31 das folgende 13. Kapitel ein, in dem er zeigt, dass die Ehre, ein großes Maß des Geistes der Herrn - Liebe - zu haben, weit größer ist als alle jene Gaben in der Herauswahl. Er hebt hervor, dass das niedrigste Glied der Versammlung, wenn es vollkommene Liebe habe, in den Augen des Herrn höher stehe, als ein Apostel, Prophet oder Lehrer ohne Liebe stehen würde. Er erklärt, dass jede Gabe, auch die höchste, ohne Liebe in den Augen des Herrn hohl und ungenügend sei. Ja, wir können dessen gewiss sein, dass niemand vom Herrn als Apostel, Prophet oder Lehrer anerkannt wird, der nicht den Standpunkt vollkommener Liebe einnimmt oder doch wenigstens zu erreichen trachtet. Sonst würden solche irregehen und Lehrer des Irrtums anstatt der Wahrheit werden - Diener Satans, die Brüder zu sichten.

In seinem Brief an die Epheser wiederholt der Apostel seine Erklärungen hinsichtlich der Einheit der Kirche als eines Leibes von vielen Gliedern unter einem Haupt, das da ist Jesus Christus, und zusammengehalten durch einen Geist, den Geist der Liebe. Er ermahnt alle Glieder, ihrer Berufung würdig zu wandeln in aller Demut und Sanftmut, mit Langmut einander ertragend in Liebe, sich zu befleißigen, die Einheit des Geistes in dem Band des Friedens zu bewahren. (Verse 2 und 3) Dann zählt der Apostel die verschiedenen Glieder an jenem Leibe auf und zeigt uns ihren Zweck: "Er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes (im Tausendjahrreich an den übrigen Menschen), für die Auferbauung des Leibes Christi, bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Mann, zu dem Maße des vollen Wuchses der Fülle des Christus; auf dass wir ... die Wahrheit festhaltend in Liebe, in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus, aus welchem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung ... für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe." - Eph. 4:11-16

Wir gewahren das Bild, das der Apostel für uns entwirft: Das Bild von einem kleinen unentwickelten menschlichen Körper. Gottes Wille ist, dass sich alle Glieder voll und kräftig entwickeln. Der "volle Wuchs des Mannes" bedeutet die Herauswahl in ihrer richtigen voll entwickelten Form. Während der vergangenen Jahrhunderte ist ein Glied nach dem anderen entschlafen, wartend auf die Ausgestaltung des Leibes am Millenniumsmorgen bei der ersten Auferstehung. Doch traten immer wieder an die Stelle der Entschlafenen neue Gläubige, so dass es der Herauswahl nie ganz an Vertretern gebrach, wiewohl bald die Stärke, bald die Schwäche der Glieder vorherrschte. Dennoch musste zu jeder Zeit jedes Glied sich bemühen, alles zu tun, was in seinen Kräften stand, um den Leib aufzuerbauen, die Glieder zu stärken und in den Gnadengaben des Geistes vollkommen zu machen - "bis wir alle zur Einheit des Glaubens kommen."

Einheit des Glaubens ist wünschenswert; sie ist wert, dass wir uns darum bemühen; aber sie ist nicht das, was von der Namenchristenheit im allgemeinen gesucht wird. Die Einheit, die gesucht werden muss, ist die Übereinstimmung mit dem "einmal den Heiligen überlieferten Glauben" in seiner Reinheit und Einfachheit, wobei jedes Glied hinsichtlich seiner Auffassung untergeordneter Punkte frei bleibt, frei und unbeengt durch menschliche Lehrsysteme und dergleichen. Die Schrift gründet die Einheit auf die Hauptlinien des Evangeliums: 1. Unsere Erlösung durch das kostbare Blut und unsere Rechtfertigung aus Glauben, 2. unsere Heiligung, unsere Weihung, unseren Eintritt in den Dienst des Herrn und seiner Wahrheit; 3. wo die Einheit in diesen beiden Punkten fehlt, kann von einer Einigkeit, wie die Schrift sie versteht, nicht die Rede sein; in allen anderen Punkten soll jedem größte Freiheit gelassen werden, die aber auch dazu benutzt werden soll, den Plan Gottes in allen seinen Einzelheiten zu erkennen oder zu suchen, ihn anderen zu erklären. So ist jedes Glied am Leibe Christi, bei voller persönlicher Freiheit, dem Haupt und allen anderen Gliedern so ergeben, dass es ihm eine Freude sein wird, sein Alles, ja, sein Leben, in deren Dienst daranzugeben.

Wir haben schon gesehen, dass die Apostel eine besondere Aufgabe hatten, dass ihre Zahl auf zwölf beschränkt war, und dass sie ihren Dienst an der Herauswahl auch jetzt noch verrichten, indem sie als Mundstücke des Herrn durch das Wort der Schrift zu ihr reden. Nun wollen wir die anderen Dienststellungen etwas näher ins Auge fassen, von denen der Apostel als von Gaben redet, die der Herr seinem Leib, seiner Herauswahl, bestimmt hat.

Der Herr trifft Fürsorge für Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer zur Segnung des Leibes im allgemeinen betreffs seiner gegenwärtigen und zukünftigen Wohlfahrt. Jene, die sich ernstlich auf den Herrn als das Haupt, den Unterweiser und Führer der Kirche stützen, müssen seine Gaben in allen diesen Einzelheiten erwarten, nach ihnen ausschauen und sie bemerken; sie müssen sie annehmen und benutzen, wenn sie den verheißenen Segen haben wollen. Aufgezwungen werden sie der Herauswahl nicht, und wer sie gering schätzt, der verliert sie eben. Der Herr setzte sie einst in der ersten Kirche ein und stellte dadurch das Ideal der Organisation der Herauswahl vor unsere Augen; aber sein Volk blieb frei, sich an dieses Vorbild zu halten und dementsprechenden Segen davon zu haben, oder aber sich durch Abweichung von dem Vorbild allerlei Schwierigkeiten und Enttäuschungen zuzuziehen. Lasst uns, so wir anders vom Herrn geleitet und belehrt zu werden wünschen, zu erkennen suchen, wie der Herr ursprünglich die verschiedenen Glieder einsetzte, und welches die entsprechenden Gaben sind, die er seither seinem Volk zukommen ließ, damit wir sehen, was zu unserer Verfügung steht, und damit wir in Zukunft davon einen gewissenhafteren Gebrauch machen.

Der Apostel erklärt, dass es des Herrn Wohlgefallen sei, dass keine Spaltung an seinem Leibe sei. Menschliche Methoden aber führen unwillkürlich zu Spaltungen, und bei starkem Übergewicht der einen über die anderen, wie dies beim päpstlichen System der Fall ist, führt dies zur Verfolgung der nicht Einverstandenen. Dies mag eine Zeitlang äußerliche Einheit erzwingen, aber das war nicht die vom Herrn gewollte Einigkeit der Herzen. Wen der Sohn frei macht, der kann nicht von Herzen an menschlichen Systemen teilnehmen, die die persönliche Freiheit zunichte machen. Die Protestanten kranken in Tat und Wahrheit nicht daran, dass ihre größere Freiheit die Bildung vieler Teilkirchen ermöglichte, sondern daran, dass sie noch viel von dem Geist des Muttersystems behalten haben, aber der Machtmittel entbehren, die es jenem ermöglichten, die Gedankenfreiheit zunichte zu machen. Es wird ohne Zweifel viele überraschen, wenn wir uns auf den Standpunkt stellen, dass der Spaltungen dieser Art nicht zu viele sind, sondern dass die wahre Kirche Christi noch mehr Freiheit bedarf, bis jedes einzelne Glied völlig frei von allen menschlichen Fesseln, Glaubensbekenntnissen usw. dastehen kann. Wenn jeder einzelne Christ in der Freiheit stehen würde, mit der Christus ihn frei gemacht hat (Gal. 5:1; Joh. 8:32), und jeder einzelne Christ dem Herrn und seinem Wort treu verbunden bliebe, so würde die ursprüngliche Einheit, wie die Schrift sie vorgezeichnet hat, sofort bemerkbar werden, und alle wahren Kinder Gottes, alle Glieder der Neuen Schöpfung, würden sich zueinander hingezogen fühlen, vollständig frei und doch miteinander durch das Band der Liebe verbunden, das unendlich stärker ist als alle Fesseln menschlicher Systeme oder Religionsgemeinschaften. "Die Liebe des Christus drängt uns (hält uns zusammen)." - 2. Kor. 5:14

Alle Glieder der Familie Aarons waren als Priester wählbar, doch gab es gewisse Hindernisse für die Bekleidung der Priesterwürde. So ist es auch im Gegenbild, in der königlichen Priesterschaft. Alle sind Priester, alle sind Glieder der gesalbten Körperschaft, und diese Salbung bedeutet für jeden Einzelnen, der gesalbt ist, das Recht, die frohe Botschaft zu verkündigen und zu lehren, wie geschrieben steht: "Der Geist des Herrn, Jehovas, ist auf mir, weil Jehova mich gesalbt hat, um den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen, weil er mich gesandt hat, um zu verbinden die zerbrochenen Herzens sind" usw. (Jes. 61:1) Freilich beziehen sich diese Worte besonders auf das Haupt des Christus, der Neuen Schöpfung, der königlichen Priesterschaft; sie beziehen sich aber auch auf alle Glieder, und daher hat in gewissem Sinne jedes geweihte Kind Gottes durch seine Salbung mit dem Heiligen Geist den Auftrag oder die Berechtigung erhalten, das Wort zu predigen, "die Tugenden dessen zu verkündigen, der euch berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht." - 1. Petr. 2:9

Aber wie von den vorbildlichen Priestern gefordert wurde, dass sie von gewissen körperlichen Schäden frei sein und ein gewisses Alter erreicht haben mussten, so sind auch unter den Gliedern der königlichen Priesterschaft einige, denen die Eigenschaften für öffentlichen Dienst, die andere besitzen, fehlen. Jeder prüfe sich selbst, um Klarheit darüber zu bekommen, welches das Maß der ihm von Gott gewordenen Gnadengaben und somit, welches sein Dienst und seine Verantwortlichkeit sei. (Röm. 12:2, 3) Gleicherweise sollten auch alle Glieder die natürliche und geistigen Veranlagung eines jeden, und dadurch den Willen Gottes hinsichtlich der Stellung und Aufgabe eines jeden, zu erkennen suchen. Dem Alter im Vorbild entspricht im Gegenbild Erfahrung und Charakterfestigkeit; dem Gebrechen des Schielens ein Mangel an Einsicht und Verständnis geistiger Dinge, was für öffentlichen Dienst in der Herauswahl hinderlich sein würde. Gleicherweise würden andere körperliche Gebrechen verschiedene andere geistige Mängel in der gegenbildlichen Priesterschaft darstellen. Wie aber im Vorbild die körperlich entstellten Priester dennoch Anspruch auf ihren Anteil an den Schaubroten, am Opferfleisch und dergleichen hatten, so auch im Gegenbild. Jene geistigen Mängel, die das eine oder andere Glied des Leibes Christi für den öffentlichen Dienst unfähig machen, schließen es keineswegs von den übrigen Vorrechten aller königlichen Priester aus. Sie haben gleich allen anderen ein volles Recht auf einen Platz am Tische des Herrn, auf den Thron der Gnade, auf Weiterentwicklung ihrer geistigen Eigenschaften und auf Anerkennung seitens der anderen Glieder. Wie keiner im Vorbild Hohepriester werden konnte, er wäre denn körperlich wohlgebildet und hätte ein bestimmtes Altersjahr erreicht, so sollte, wer in Wort und Lehre der Wahrheit dienen möchte, kein Neuling sein, sondern ein Glied am Leibe, das sich durch Charakterreife, Erkenntnis und Früchte des Geistes als für solchen Dienst geeignet ausgewiesen hat. Solche sollten als Älteste anerkannt werden, ohne dass sie deshalb notwendigerweise auch der Zahl der Jahre nach Älteste wären; den Ausschlag sollten ihre Erfahrenheit und Reife in bezug auf die Wahrheit und ihre Fähigkeit, die Brüder gemäss dem Worte des Herrn zu belehren und zu ermahnen, geben.

Wenn wir die Bezeichnung "Älteste" so verstehen, tritt das Vernunftgemäße der Forderung der Schrift klar zutage, dass alle, die den geistigen Dienst an der Wahrheit versehen, als "Älteste" bezeichnet werden sollen, ob sie nun ihren Dienst tun als Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten oder Lehrer. Um eine dieser Stellungen zu bekleiden, muss einer zunächst von der Versammlung als Ältester anerkannt werden. So bezeichnen sich auch die Apostel als Älteste. - 1. Petr. 5:1; 2. Joh. 1

Wir kommen nun zu den Bezeichnungen der verschiedenen Ältesten in den verschiedenen Dienststellungen.

Älteste als "Bischöfe"

Diese Bezeichnung ist infolge ihrer unrichtigen Anwendung in verschiedenen Namenkirchen irreführend. Wir müssen daher zunächst feststellen, dass das griechische Wort für Bischof, episkopos, nichts weiter bedeutet als Aufseher. Jeder bestellte Älteste war als Aufseher eines kleineren oder größeren Werkes anerkannt. Demnach redet auch der Apostel die Ältesten der Versammlung in Ephesus als Aufseher (Bischöfe) an, indem er ihnen zum Abschied sagt: "Habet nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat." - Apg. 20:28

Unter des Herrn Vorsehung nun wurde einigen dieser Ältesten ein größeres Gebiet zur Beaufsichtigung und Beeinflussung zuerkannt; wir könnten sie daher etwa als Oberaufseher bezeichnen. Dazu gehören zunächst alle zwölf Apostel; der Apostel Paulus z.B. hatte die Oberaufsicht über die Versammlungen in Kleinasien und Südeuropa. Aber auf diese Zwölf blieb der Dienst der Oberaufseher nicht beschränkt; der Herr erweckte deren noch andere, der Versammlung zu dienen, "nicht um schnöden Gewinnes willen, sondern bereitwilligen Geistes", andere, die bereit waren, dem Herrn und den Brüdern zu dienen. Zuerst trat Timotheus solchen Dienst unter der Leitung des Apostels Paulus an, aber teilweise auch als sein Vertreter, und er wurde verschiedenen Versammlungen unter dem Volk Gottes als solcher empfohlen. Der Herr war und ist noch jetzt vollauf berechtigt, ja weise und überhaupt fähig, solche Aufseher zu erwecken, die er aussendet, um seine Herde zu leiten und zu ermahnen. Und das Volk des Herrn sollte durchaus in der Lage sein, den Wert oder Unwert der Leitung solcher Aufseher zu ermessen. Sie sollten sich durch einen gottseligen Wandel, demütiges Auftreten und den Geist der Opferwilligkeit ausweisen, durch Freisein von Ehr- oder Gewinnsucht, durch Belehrung, die vor der schriftgemäßen Erprobung standhalten kann. Die Herde sollte täglich in den Schriften forschen, um zu sehen, ob das, was die Aufseher vorgebracht, denn auch mit dem Buchstaben und Geist des göttlichen Wortes stimme. So wurden, wie wir sahen, die Lehren der Apostel erprobt, und die Apostel sahen es gerne und wiesen zur Nachahmung auf das Beispiel derer hin, die sorgfältig, aber weder hinterlistig noch splitterrichterlich forschten. - Apg. 17:11

Trotz dieser Anleitung trat, soweit uns die Geschichte der Namenkirche belehrt, der Geist der Eifersucht und Ehrliebe bald an die Stelle des Geistes demütiger Dienstbereitschaft und Selbsthingabe, und Aberglaube und Schmeichelgeist trat an die Stelle der Schriftforschung. Dies machte die Aufseher immer herrschsüchtiger; sie forderten mehr und mehr Gleichberechtigung mit den Aposteln. Schließlich fingen sie an, unter sich Ehre voneinander zu nehmen, und denen dies am besten gelang, die wurden dann Erzbischöfe genannt. Die Rangstreitigkeiten unter letzteren führten schließlich zur Erhebung eines unter ihnen zum Papst. Dieser Geist hat seither mehr oder weniger gewaltet, nicht in der Papstkirche allein, sondern auch unter allen denen, die, ohne zu ihr zu gehören, durch ihr Beispiel irregeleitet worden sind, weit weg von der Einfachheit der ursprünglichen Einrichtung. Infolgedessen gilt denn auch heutzutage eine Organisation, wie die der ersten Kirche, ohne Sektennamen und ohne Ehrenstellen, Würden und Beherrschung der vielen durch wenige, ohne Unterscheidung zwischen Geistlichen und Laien, überhaupt nicht als Organisation. Wir aber sind glücklich, uns unter diesen Verachteten zu befinden, dem Beispiel der ersten Kirche möglichst zu folgen und dementsprechend ähnliche Vorteile und Freiheiten zu genießen.

Wie die Ältesten in der Versammlung deren Aufseher, Besorger und Bewahrer sein sollten, bald in größerem, bald in geringerem Umfang, so kann ein jeder für sich, unter Anwendung seiner Fähigkeiten und Gelegenheiten, der Herde dienen; einer als Evangelist, dessen Aufgaben ihm zusagen und gestatten, den Anfängern in der Wahrheit weiterzuhelfen und die zu finden, die hörende Ohren haben; ein anderer als Hirte, wenn er sich durch seine Umgangsformen dazu eignet, für die persönliche, geistige Wohlfahrt der Kinder Gottes zu sorgen durch Hausbesuche, ermutigende, stärkende Worte, sie zusammenhaltend und vor den Wölfen in Schafskleidern schützend, die sie beißen und verschlingen würden.

Auch die "Propheten" müssen sich zu ihrem besonderen Dienst eignen. Das Wort "Prophet" wird heutzutage im allgemeinen nicht mehr in seinem weiten Sinne gebraucht, den es im Altertum hatte. Jetzt versteht man unter einem Propheten einen Seher, der die Zukunft voraussagt. Seiner Ableitung nach bezeichnet aber das griechische Wort "Prophet" einen Redner oder jemand, der öffentlich spricht. Ein Seher, jemand, der Offenbarungen empfängt, kann auch ein Prophet sein, wenn er seine Gesichte verkündet; aber die beiden Begriffe (Seher und Prophet) sind nicht gleichbedeutend und scharf auseinander zu halten. Im Falle Moses und Aarons war Mose, als Gottes Stellvertreter, der bedeutendere; darum sagte ihm auch der Herr: "Siehe, ich habe dich dem Pharao zum Gott (Elohim, zum Mächtigen, Überlegenen) gesetzt, und dein Bruder Aaron soll dein Prophet (Herold, Mundstück) sein." (2. Mose 7:1) Dass einige der Apostel in dem Sinne Seher waren, dass ihnen zukünftige Dinge zur Kenntnis gebracht wurden, haben wir schon gesehen; jetzt bemerken wir, dass sie fast alle auch Propheten, d.h. Redner waren, insbesondere Paulus und Petrus. Aber neben ihnen gab es viele andere öffentliche Redner (d.h. Propheten). Barnabas z.B. war einer, und in Apg. 15:32 lesen wir: "Und Judas und Silas, die auch selbst Propheten waren, ermunterten die Brüder mit vielen Worten."

Nirgends deutet die Schrift an, dass jemand, der sich für einen bestimmten Dienst nicht eignen würde, als von Gott dazu gesetzt gelten solle, wozu ihm die nötigen Eigenschaften fehlen. Es ist vielmehr soviel wie eine Pflicht, dass im Leib Christi ein jedes Glied dem anderen nach seinen Fähigkeiten diene, und jeder sollte bescheiden und demütig genug sein, "nicht mehr von sich zu halten, als sich zu halten gebührt, sondern nüchtern zu sein", die ihm von Gott gewordenen Pfunde richtig abzuschätzen. Auch sollte die Versammlung solche, die die Größten zu sein wünschen, nicht schon um dieses Wunsches willen als die Größten betrachten; im Gegenteil sollte Niedriggesinntsein (Demut) als Kennzeichen derer gelten, die als Älteste oder sonst zu einem Dienst berufen würden. Wenn also in einer Versammlung zwei Brüder gleich begabt sind, der eine aber ist ein ehrgeiziger Streber, der andere hält sich demütig zurück, dann wird der Geist des Herrn, der der Geist der Weisheit und des gesunden Sinnes ist, das Volk des Herrn treiben, den demütigen Bruder als jenen anzusehen, den der Herr besonders begünstigen wollte, und den Wunsch entstehen lassen, er möchte im Dienst eine hervorragende Stellung einnehmen.

Es scheint weniger verwunderlich, dass "Böcke" oder bockähnliche Schafe nach der Führerschaft in der Herde des Herrn streben, als dass die wahren Schafe, die die Stimme des Hirten und seinen Geist kennen und seinen Willen zu tun suchen, es zulassen, dass solche Böcke oder bockähnliche Schafe sich zu Führern aufwerfen. Es ist schon recht, dass wir nach Möglichkeit mit allen Menschen Frieden haben; aber wo wir um des Friedens willen das Wort und den Geist des Herrn übersehen, da werden wir sicher größeren oder kleineren Schaden davon haben. Es ist ganz recht, dass alle gelehrig sind und sich wie Schafe führen lassen; aber es ist auch notwendig, dass die Schafe Charakter und Urteil haben, sonst können sie nicht Überwinder werden, und wenn sie Charakter haben, sollten sie sich der Worte des Oberhirten erinnern: "Meine Schafe hören meine Stimme (gehorchen ihr) ... und folgen mir. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen ... weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen." (Joh. 10:27, 5) Es ist daher die Pflicht aller Schafe, auf die Botschaft und das Gebaren eines jeden Bruders zu achten, bevor sie dazu bereit sind, ihn zu einem Aufseher über eine oder mehrere Versammlungen zu machen. Sie sollten sich zuerst davon überzeugen, ob er auch die Eigenschaften hat, die ein Ältester in der Versammlung haben muss, dass er die Grundlehren des Evangeliums - die Versöhnung, Erkaufung durch das kostbare Blut Christi und die völlige Weihung zum Dienst für ihn, sein Wort und seine Brüder - auch recht erfasst habe. Sie sollten den Schwächsten unter den Lämmlein und allen geistig oder sittlich lahmen Schafen Mitleid und Liebe erzeigen: aber solche "lahmen Schafe" zu Führern und Ältesten zu erwählen, das wäre der göttlichen Anordnung entgegengehandelt. Sie sollten keine Zuneigung empfinden für Böcke oder Wölfe in Schafskleidern, die in die Versammlung eindringen und Autorität verlangen. Sie sollten erkennen, dass es für die Versammlung vorteilhafter ist, gar keinen öffentlich dienenden Bruder zu haben, als einen glattzüngigen "Bock" zum Leiter zu machen, der die Herzen nicht zur Liebe zu Gott anleiten, sondern auf Abwege führen würde. Vor solchen warnte der Herr die Versammlung; der Apostel sagt: "Aus euch selbst werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden (falsche, irreleitende Lehren vorbringen), um die Jünger abzuziehen hinter sich her" (sich Anhänger zu gewinnen), Leute, um welcher willen "der Weg der Wahrheit verlästert werden wird." - Apg. 20:30; 2. Petr. 2:2

So sehen wir es heute. Viele predigen sich selbst, anstatt die gute Botschaft vom Reich; sie ziehen Jünger hinter sich und ihren "kirchlichen" Bezeichnungen her, anstatt sie als Glieder des Leibes Christi ihrem Herrn zuzuführen und mit ihm zu verbinden. Sie trachten danach, als Häupter der Versammlungen angesehen zu werden, anstatt alle Glieder anzuweisen, auf den Herrn selbst als auf das Haupt zu sehen. Von allen solchen sollten wir uns wegwenden; die wahren Schafe sollten sie auf ihrem Irrwege nicht ermutigen. Sie sind es, von denen der Apostel (2. Tim. 3:5) sagt, dass sie eine Form der Gottseligkeit haben, aber deren Kraft verleugnen. Sie sind kraftvolle Verfechter für Feiertage, gottesdienstliche Formen und Veranstaltungen, "kirchliche" Obrigkeiten und dergleichen mehr, und werden dafür von ihren Mitmenschen hoch geehrt, aber dem Herrn sind sie ein Greuel, wie der Apostel sagt. Die wahren Schafe müssen nicht allein alle Sorgfalt anwenden, die Stimme des wahren Hirten zu erkennen und ihm zu folgen, sondern auch darauf Sorgfalt verwenden, denjenigen, die sich selbst suchen, nicht zu folgen, ihnen weder Unterstützung noch Ermutigung zukommen zu lassen. Wer als Ältester in der Versammlung in Frage kommen soll, muss des Zutrauens würdig sein; er darf, wie der Apostel sagt, nicht "ein Neuling" sein. Ein Neuling kann der Versammlung schaden und selber Schaden leiden, indem er sich aufblähen, vom Herrn und seinem Geist, dem schmalen, zum Reich führenden Pfad abirren könnte.

Der Apostel Paulus (1. Tim. 3:2; 5:17; 1. Thess. 5:12; Jak. 5:14) gibt ausführlich Bescheid auf die Frage, welche von der Versammlung als Älteste anerkannt werden sollen, indem er deren Charakter usw. beschreibt. (1. Tim. 3:1-7 und Titus 1:5-11). Und Petrus schreibt über diesen Gegenstand: "Die Ältesten, die unter euch sind, ermahne ich, der Mitälteste: ... Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr die Aufsicht führet ... nicht um schändlichen Gewinn, sondern bereitwillig, nicht als die da herrschen über ihre Besitztümer, sondern indem ihr Vorbilder der Herde seid." - 1. Petr. 5:1-3

Die Ältesten sollen edel denkende Menschen sein, die untadelig wandeln, nicht mehr als ein Weib haben, und wenn sie Kinder haben, so sollte an diesen beobachtet werden, wie viel guten Einfluss sie in ihren eigenen Familien haben. Denn es sollte vernünftigerweise geschlossen werden, dass, wenn es jemand mit seinen Pflichten seinen Kindern gegenüber nicht genau nehme, er auch an den Kindern des Herrn in der Versammlung, der Herauswahl, nachlässig und unklug handeln würde. Er sollte nicht doppelzüngig und streitsüchtig sein und auch von denen, die draußen sind, ein gutes Zeugnis haben; nicht in dem Sinne, dass die Welt die Heiligen je lieben oder richtig schätzen würde, aber doch so, dass sie nicht imstande sei, auf einen Mangel an Ehrenhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Sittlichkeit und Wahrhaftigkeit hinzuweisen.

Die Schrift beschränkt die Ältesten nicht auf eine bestimmte Anzahl in jeder Versammlung, wohl aber verlangt sie, dass der Älteste "fähig sei zu lehren", d.h. er muss imstande sein, den Plan Gottes darzulegen und zu erklären und dadurch der Herde Gottes in Wort und Lehre behilflich zu sein. Er braucht sich deshalb noch nicht zum öffentlichen Redner ("Propheten") eignen; es können sich in ein und derselben Versammlung mehrere befinden, die fähig sind zu lehren, Hausbesuche zu machen oder sonst Aufgaben eines Ältesten zu erfüllen, und die doch nicht die nötige Fähigkeit haben, den Plan Gottes in öffentlichen Vorträgen zu verkündigen. Jede Versammlung sollte es dem Herrn zutrauen, dass er soviel Diener wie notwendig sind, erwecken werde; da, wo er keine erweckt, sollte an der Notwendigkeit, Propheten zu haben, gezweifelt werden. Wir möchten hier beiläufig bemerken, dass sich solche Versammlungen ohne Propheten gerade unter den blühendsten befinden, was daher kommt, dass in solchen das Bibelforschen Regel und nicht Ausnahme ist. Die Schrift zeigt deutlich, dass es in der ersten Kirche so gehalten wurde. Wenn sie zusammenkamen, wurde jedem eine Gelegenheit geboten, gerade mit seiner Gabe den anderen zu dienen; der eine sprach, andere beteten, und viele, wenn nicht alle, konnten singen. Die Erfahrung scheint zu beweisen, dass die Versammlungen, die sich am genauesten an dieses Vorbild halten, auch am meisten Segen haben und starke Charaktere heranbilden. Wo nur zugehört wird, da macht der Vortrag, auch wenn er noch so gut und formvollendet ist, nicht soviel Eindruck auf das Herz, als wenn der einzelne auch über das Gehörte mitreden darf, wozu er in jeder richtig geleiteten Versammlung die Lust und den Mut finden sollte.

Andere Älteste sind vielleicht weniger geeignet zu lehren, aber um so mehr öffentlich zu beten und Zeugnis abzulegen, was in den verschiedenen Zusammenkünften des Volkes Gottes auch stattfinden sollte. Wer das Ermahnen und Aufmuntern gut versteht, sollte dies üben, anstatt sich auf anderen Gebieten abzumühen, für die er sich nicht besonders eignet. Der Apostel sagt: "Es sei, der da ermahnt, in der Ermahnung" (Röm. 12:8), d.h. er soll die ihm verliehene Gabe in den Dienst der Versammlung stellen; "der da lehrt, in der Lehre" (Röm. 12:7), d.h. wer es versteht, die Wahrheit verständlich zu machen, der benutze jede Gelegenheit, es zu tun.

Wie die Bezeichnung "Bischof" oder Aufseher sehr umfassend ist, so auch die Bezeichnung "Hirte". Nur ein Ältester ist in der Lage, ein Hirte zu sein. Ein Hirte ist ein Aufseher der Herde; beide Bezeichnungen sind somit soviel als gleichbedeutend. Der Herr Jehova ist unser Hirte im weitesten Sinne des Wortes (Psalm 23:1); und sein eingeborener Sohn, unser Herr Jesus, ist der große Hirte und Bischof (Aufseher) unserer Seelen, aller Schafe der Herde, wo immer sie seien. (1. Petr. 2:25) Die allgemeinen Aufseher (die "Pilgrime") sind alle Hirten, indem sie die Interessen der Gesamtversammlung wahrnehmen, und jeder Älteste einer örtlichen Versammlung ist ein Hirte für die "Schafe" seines Wohnortes. So ist leicht zu erkennen, dass bestimmte allgemeine Eigenschaften für die Ältestenstellung erforderlich sind, und dass unter den als Ältesten anerkannten Gliedern der Herde dann die natürlichen Anlagen eines jeden bestimmen sollten, mit welchem Dienst er betraut werden kann, damit die Sache des Herrn den größten Vorteil davon habe. So werden die einen als Evangelisten (Verkündiger der guten Botschaft in der Welt), die anderen als Hirten derer, die die gute Botschaft schon gehört und angenommen haben, sei es für eine oder mehrere Ortsversammlungen, Beschäftigung finden.

Wir lesen: "Die Ältesten, welche wohl vorstehen, lass doppelter Ehre würdig geachtet werden, sonderlich die da arbeiten in Wort und Lehre." (1. Tim. 5:17) Gestützt auf diese Worte hat die Namenkirche eine Kaste von Vorstehern eingesetzt und verlangt, dass ihnen mehr oder weniger ausgedehnte Herrscherrechte gegenüber den Brüdern zuerkannt werden. Das "Vorstehen" so aufzufassen, ist aber durchaus schriftwidrig. Timotheus, der die Stellung eines Oberaufsehers einnahm, wird z.B. von Paulus ermahnt: "Einen Ältesten fahre nicht hart an, sondern ermahne ihn als einen Vater." "Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten, sondern gegen alle milde sein." (1. Tim. 5:1; 2. Tim. 2:24) Das sieht nicht nach Ausbeutung von Herrscherrechten aus; Milde, Freundlichkeit, Langmut, brüderliche und allgemeine Liebe müssen an allen wahrgenommen werden, die als Älteste gelten sollen. Sie müssen in jeder Beziehung Vorbilder der Herde sein. Wären sie herrschsüchtig, so gäben sie mithin der ganzen Herde das Beispiel der Herrschsucht; sind sie aber milde, langmütig, geduldig, freundlich und liebevoll, so werden sie eben der Herde diese Eigenschaften vorleben. Die eben angeführte Stelle (1. Tim. 5:17) deutet im griechischen Text an, dass die Ältesten um so größerer Ehre würdig geachtet werden sollen, je treuer sie der von ihnen übernommenen Aufgabe obliegen. Wir dürfen daher die Stelle so umschreiben: Die hervorragenden Ältesten lass doppelter Ehre würdig geachtet werden, besonders jene, die unter der Last des Predigens und Lehrens beinahe erliegen.

Die Diener - Diakone

Das griechische Wort "Diakon" (Diener) hat eine ähnliche Wandlung seiner Bedeutung erlebt, als das Wort "Episkopos" (Aufseher). Wie aus diesem "Bischof" geworden ist, was soviel wie Kirchenfürst bedeutet, so aus jenem "Dekan", der Titel eines anderen geistlichen Würdenträgers. Die Auffassung des Apostels von der Aufgabe eines "Diakons" ist wesentlich von dem verschieden, was später von einem Dekan erwartet wurde. Sehen wir uns einige einschlägige Stellen an. In 2. Kor. 6:4 nennt Paulus sich selbst und Timotheus "Diakone (d.h. Diener) Gottes", in 2. Kor. 3:6 "Diakone (d.h. Diener) des Neuen Bundes". Wenn das von Paulus und Timotheus gilt, so dürfen wir annehmen, dass alle wahrhaften Ältesten in der Herauswahl solchermaßen Diener waren - Diener Gottes, der Wahrheit und der Herauswahl; sonst wären sie kaum als Älteste anerkannt worden.

Wir möchten indes keineswegs den Anschein erwecken, als hielten wir dafür, es habe in der Urkirche keinen Unterschied hinsichtlich des Dienstes gegeben. Ganz und gar nicht. Aber das ist uns wichtig zu zeigen, dass selbst die Apostel und Propheten, die Älteste der Versammlung waren, sämtlich deren Diener waren, wie unser Herr es zuvor erklärt: "Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein." (Matth. 23:11) Der Charakter und die Treue eines Diakons sollten den Maßstab dafür abgeben, wie hoch ein jeder in den Versammlungen der Neuen Schöpfung geachtet werden sollte.

Da es nun in den Versammlungen Diener gab, die nicht durch besondere Gaben gekennzeichnet waren, sich wegen Mangel an Lehrfähigkeit oder Erfahrung nicht dazu eigneten, von den Versammlungen als Älteste erwählt zu werden, so fanden sie so Verwendung, dass die Apostel und Propheten (Lehrer) solche zuzeiten als Diener (Gehilfen) heranzogen; so Paulus und Barnabas den Johannes Markus, Paulus und Silas den Lukas usw. Diese Diener betrachteten sich nicht als den Aposteln und anderen Ältesten mit größeren Gaben und Erfahrung ebenbürtig, sondern freuten sich nur des Vorrechtes, Gehilfen derer sein zu dürfen, deren Fähigkeit zu Dienern Gottes und der Wahrheit sie freudig anerkannten. Die Wahl dieser Gehilfen durch die Apostel wurde ebenso wenig von der Versammlung bestätigt, als die Wahl der Ältesten durch die Versammlungen von den Aposteln bestätigt wurde. Auch wurde niemand zu solchem Dienst gezwungen, vielmehr wurde er durchaus freiwillig übernommen. Wir dürfen sicherlich annehmen, dass Johannes Markus und Lukas urteilten, sie würden in dieser Stellung dem Herrn besser dienen können als in irgendeiner anderen ihnen zugänglichen; sie nahmen daher diese Dienststellungen sicher ganz aus freiem Willen und ohne den geringsten Zwang an. Es hätte ihnen ebenso gut freigestanden, diesen Dienst abzulehnen, falls sie geurteilt hätten, dass sie ihre Gaben in anderer Weise noch ausgiebiger verwenden könnten.

Neben diesen Gehilfen gab es nun in der ersten Kirche eine Klasse von Brüdern, die der Versammlung als Diener nützlich und dementsprechend geehrt waren, sich aber nicht als Älteste eigneten. Zu dem speziellen Dienst, der ihnen übertragen wurde, waren sie nur wahlfähig, wenn sie sich über guten Charakter, Festhalten an der Wahrheit und Eifer im Dienst des Herrn und seiner Herde ausgewiesen hatten. So übernahmen z.B. die Apostel zuerst selbst die Verteilung der Lebensmittel usw. unter die Armen der ersten Versammlung in Jerusalem; als aber ein Murren entstand und die Anklage erhoben wurde, dass einige bei der Verteilung zu kurz kämen, beriefen die Apostel die Versammlung und forderten sie auf, für diesen Dienst geeignete Männer auszuerwählen, damit sie selbst (die Apostel) ihre Zeit, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in den Dienst des Wortes stellen könnten. - Apg. 6:2-5

Unter den sieben so erwählten Männern befand sich Stephanus, der der erste Blutzeuge wurde und die Ehre hatte, der erste zu sein, der bis in den Tod in des Meisters Fußspuren wandeln durfte. Die Wahl des Stephanus zum Diener hinderte ihn keineswegs, das Wort zu predigen, wo immer sich Gelegenheit dazu bot. Da sehen wir wiederum, welch vollständige Freiheit in der Urkirche herrschte. Die ganze Versammlung mochte irgendein Glied, indem sie Gaben wahrzunehmen glaubte, bitten, ihr dementsprechende Dienste zu leisten; aber weder diese Bitte noch der Dienst seitens des Gebetenen bedeuteten eine Fessel, einen Zwang; jeder blieb frei, seine Gaben auf andere Weise zu verwenden, wenn sich dazu Gelegenheit bot. Der Diener Stephanus z.B., wiewohl treu in der Bedienung der Tische, in der Besorgung der Geldgeschäfte der Gesamtheit, fand nebenbei Gelegenheit, seinen Eifer und seine Gaben durch Verkündigung der guten Botschaft in mehr öffentlicher Weise zu verwenden. Seine Laufbahn zeigt, dass der Herr ihn als einen Ältesten anerkannte, bevor die Brüder seine Befähigung dazu bemerkt hatten. Hätte er länger gelebt, so hätten zweifellos die Brüder seine Fähigkeit zum Ältesten und zum Ausleger der Wahrheit ebenfalls bemerkt und ihn ebenfalls anerkannt.

Wir wollen hier recht eindrücklich machen, dass jeder einzelne volle Freiheit hat, seine Gaben nach seiner Befähigung als Evangelist, als Verkünder der guten Botschaft, zu verwenden, sei er nun von der Versammlung der Neuen Schöpfung berufen worden oder nicht. (In der Herauswahl zu lehren, dazu hätte Stephanus freilich des Auftrags der Versammlung bedurft). Diese absolute Freiheit des Gewissens und der Fähigkeit des Einzelnen, das Fehlen jeder Behörde, die zu verbieten berufen gewesen wäre, ist eines der Merkmale der Urkirche, das im Denken und Handeln nachzuahmen wir wohltun würden. Wie die Herauswahl der Ältesten bedarf, die fähig sind zu lehren, und der Evangelisten, die sich zur Verbreitung der guten Botschaft unter denen eignen, die noch draußen sind, so bedarf sie auch der Diener, die ihr in anderer Weise dienen (als Verwalter des Geldes usw.). Auch diese sind Diener Gottes; es ist ein Dienst an der Versammlung, und sie haben Anspruch auf die Hochachtung der Glieder; die Ältesten sind ebenfalls Diener, wenn auch ihr Dienst höherer Ordnung ist; es ist ein Dienst in Wort und Lehre.

Lehrer in der Versammlung

Wie wir eben gesehen haben, ist die Befähigung zum Lehren ein Erfordernis zur Bekleidung einer Ältestenstellung in der Versammlung. Wir könnten viele Stellen anführen, die zeigen, dass der Apostel Paulus sich nicht nur zu den Aposteln, Ältesten und Dienern, sondern auch zu den Lehrern rechnet, "nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist." (1. Kor. 2:13) Er war nicht Sprach- oder Mathematiklehrer, nicht Professor der Astronomie oder sonst einer Wissenschaft, ausgenommen jene große Wissenschaft, die die Verkündigung der guten Botschaft zum Gegenstand hat. Das ist die Bedeutung der oben angeführten Worte des Apostels, und des Herrn Volk tut wohl, sich dies stets gegenwärtig zu halten. Nicht nur die da lehren und die da predigen, auch die da zuhören, müssen aufs genaueste darauf achten, dass es nicht Menschenweisheit, sondern göttliche Weisheit sei, die verkündigt werde. So ermahnt Paulus den Timotheus: "Predige das Wort" (2. Tim. 4:2); "dieses gebiete und lehre" (1. Tim. 4:11); "dieses lehre und ermahne." (1. Tim. 6:2) Den Gedanken weiter verfolgend, zeigt der Apostel, dass jedes Glied der Versammlung, nicht die Ältesten allein, darauf acht geben sollten, dass Irrlehrer, Lehrer menschlicher Weisheit, "fälschlich sogenannter Wissenschaft" nicht als Lehrer in der Herauswahl anerkannt werden. "Wenn jemand anders lehrt" usw. (1. Tim. 6:3-5; Gal. 1:8), so ziehet euch von solchen zurück, leiht eure Unterstützung nicht einem anderen Evangelium als dem, das ihr empfangen habt, das euch überliefert worden ist von denen, welche euch das Evangelium verkündet haben mit dem Heiligen Geist, der vom Himmel herabgesandt ist.

Es gibt nun solche, die wohl imstande sind, andere zu lehren, ihnen den Plan Gottes im Privatgespräch klarzumachen, aber nicht die Fähigkeit besitzen, als "Propheten" öffentlich zu reden. Wer befähigt ist, für den Herrn und seine Sache zu reden, soll nicht entmutig, sondern vielmehr ermutigt werden, alle und jede Gelegenheit zu benutzen, solchen, die ein Ohr haben zu hören, zu dienen, das Lob unseres Herrn und Königs zu verkündigen. Wir müssen aber zwischen "lehren" und "predigen" unterscheiden. (Apg. 15:35) Letzteres geschieht öffentlich; jenes ist meist im kleinen Kreis wirksamer - in einem Beröerstudium oder im Privatgespräch. Die geschicktesten öffentlichen Redner oder "Propheten" haben gelegentlich bemerkt, dass ihr öffentliches Werk am besten gedeiht, wenn es durch weniger öffentliche Besprechungen unterstützt wird, durch das Ausbreiten der Tiefen Gottes vor einer kleineren Versammlung. (Anmerkung: Aus diesem Grund befürworten wir, dass bei Pilgrimbesuchen nur eine oder zwei Versammlungen dem "Prophezeien" oder öffentlichen Predigen gewidmet werden, während die übrige Zeit im kleineren Kreis mit Lehren, Hausversammlungen der tiefer Interessierten, oder, wenn das unmöglich sei, mit privatem Besuch und Lehren ausgefüllt werden soll).

Die Befähigung zum Evangelisten, die Fähigkeit, Herz und Gemüt der Menschen zu bewegen, welche die Wahrheit suchen, ist eine besondere Gabe, die heutzutage ebenso wenig wie in der ersten Kirche alle besitzen. Außerdem haben die veränderten Verhältnisse auf die Art und Weise, wie heute die Evangelisation vor sich gehen kann, mehr oder weniger Einfluss ausgeübt. Die allgemeine Verbreitung der Lesekunst ermöglicht es, durch Drucksachen das Evangelium zu predigen. In der Verbreitung von Schriften sind heutzutage viele beschäftigt; die einen, indem sie Traktate oder Wachttürme versenden, die anderen, indem sie Schriftstudien von Haus zu Haus zum Kauf anbieten. Dagegen, dass diese Evangelisten nach modernen Methoden arbeiten, kann ebenso wenig eingewendet werden als dagegen, dass sie nicht zu Fuß oder auf Kamelen, sondern per Bahn das Land durchqueren. Das Wesentliche an der Evangelisation ist die Verkündigung der Wahrheit, des göttlichen Planes der Zeitalter, der "Botschaft von der großen Freude für alles Volk." Soweit wir urteilen können, ist kein Evangelisationswerk wirksamer als die Verbreitung von Drucksachen. Und dabei gibt es noch manche, die die Fähigkeit besäßen, in diese Arbeit einzutreten, die es aber noch nicht getan haben - Arbeiter, die noch nicht in den Weinberg gegangen sind, um deretwillen wir beständig beten, der Herr möchte doch Arbeiter in seine Ernte senden, den Unentschlossenen zeigen, welche Vorrechte und welch einen großen Lohn die Teilnahme an der Verbreitung der guten Botschaft einbringen kann.

Nachdem Philipper, der Evangelist, alles für Samaria getan hatte, was in seinen Kräften stand, wurden Petrus und Johannes hingesandt. (Apg. 8:14) So machen auch unsere Mitarbeiter erst alle unter ihren Zuhörern aufmerksam, die da reinen Herzens sind, und hiernach legen sie ihnen "Schriftstudien" und "Wachtturm" mit dem Hinweise vor, dass dies Lehrer seien, auf die sie hören dürfen, und aus denen sie noch mehr über die Wege des Herrn erfahren könnten. Wie Petrus und Paulus, Jakobus und Johannes als des Herrn Boten und Vertreter an den Haushalt des Glaubens Briefe richteten und so seine Herde hüteten und ermutigten, so besucht heutzutage der "Wachtturm" seine Freunde, jeden Einzelnen oder in der Versammlung, in regelmäßigen Zeitabschnitten, um sie im Glauben zu befestigen und ihren Charakter gemäss der vom Herrn und seinen Aposteln niedergelegten Richtlinien auszubilden.

Viele sollten fähig sein zu lehren

"Der Zeit nach (da ihr die Wahrheit kennt), solltet ihr Lehrer sein; aber (infolge eures Mangels an Eifer für den Herrn und infolge Eindringen des Geistes dieser Welt) bedürfet ihr wiederum, dass man euch lehre, welches die Elemente des Anfangs der Aussprüche Gottes sind" - schreibt Paulus. (Hebr. 5:12) Dies setzt voraus, dass nach des Apostels Meinung die ganze Herauswahl, die ganze Priesterschaft, alle Glieder der Neuen Schöpfung, wenigstens in allgemeiner Weise, in ihres Vaters Wort so bewandert sein sollten, dass sie "jederzeit bereit wären zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft von ihnen fordert über die Hoffnung, die in ihnen ist, aber mit Sanftmut und (Ehr)furcht". (1. Petr. 3:15) Daraus ersehen wir wiederum, dass nach der Schrift das Lehren nicht ausschließlich Recht eines "geistlichen Standes" ist, dass vielmehr ein jedes Glied der Neuen Schöpfung ein Glied der königlichen Priesterschaft ist, "gesalbt (mit Heiligem Geist) zu predigen", mithin voll berechtigt ist, die gute Botschaft denen zu verkündigen, die ein Ohr haben zu hören; und zwar ein jedes Glied, soweit es imstande ist, es in einer verständlichen und wahrhaften Weise zu tun. Wie haben wir nun angesichts dieses allgemeinen Grundsatzes die Ermahnung des Jakobus zu verstehen:

"Seid nicht viele Lehrer, meine Brüder"?
(Jakobus 3:1)

Jakobus gibt die Antwort darauf selbst: "Da ihr wisset, dass wir eine schwereres Gericht empfangen werden" - d.h. wissend, dass, je wichtiger unsere Aufgaben im Schosse der Herauswahl sind, um so schwerer unsere Verantwortung, um so gefährlicher unsere Versuchungen sind. Der Apostel ermahnt nicht, dass niemand Lehrer werden sollte, sondern er möchte nur, dass ein jeder, der von sich hält, dass er einige Befähigung zum Belehren der anderen habe, dessen eingedenk sei, dass es ein verantwortungsvolles Unterfangen ist, in mehr oder weniger hervorragender Weise ein Mundstück Gottes zu sein, dass ein jeder Lehrer dessen gewiss sein sollte, dass er auch nicht ein Wort äußere, das den Charakter und den Plan Gottes verkehrt darstellen, Gott verunehren und denen schaden würde, die es hören mögen.

Es wäre für die Herauswahl sehr vorteilhaft, wenn alle diesem Rat folgten, ihn als aus Weisheit von oben gegeben anerkennen würden. Vielleicht würde dann bedeutend weniger oft gelehrt, als es jetzt geschieht; aber die Wirkung auf Lehrer und Hörer wäre größer, der Herr und die Wahrheit, sein Wort, würden höher geschätzt und die Kinder Gottes wären freier von verwirrenden Irrtümern. Demgemäss ist auch ein Wort unseres Meister zu verstehen, nach dem einige am Reiche Anteil haben werden, deren Lehre nicht ganz mit dem Plan Gottes übereinstimmte; dass aber ihre Stellung im Reiche eine weniger hohe sein werde, als wenn sie darauf geachtet hätten, nichts anderes zu lehren als die Botschaft (das Wort) Gottes. Wir meinen die Stelle in Matth. 5:19: "Wer irgend nun eines dieser geringsten Gebote auflöst und also die Menschen lehrt, wird der Geringste heißen im Reiche der Himmel."

"Ihr bedürfet nicht, dass euch jemand belehre"

"Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr bedürfet nicht, dass euch jemand belehre, sondern wie dieselbe Salbung euch über alles belehrt und wahr ist und keine Lüge ist, und wie sie euch belehrt hat, so werdet ihr in ihm bleiben. Und ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisset alles." - 1. Joh. 2:27, 20

Angesichts der vielen Stellen, die die Auserwählten auffordern zu lernen, zu wachsen in Gnade und Erkenntnis, einander aufzuerbauen in dem allerheiligsten Glauben, zu erwarten, dass der Herr Apostel, Propheten, Evangelisten, Lehrer erwecke usw., erscheint die obige Stelle befremdlich, solange sie nicht richtig verstanden wird. Sie ist für einige ein Stein des Anstoßes gewesen; doch sind wir dessen gewiss, dass der Herr es nicht zugelassen hat, dass solche, deren Herzen sich in richtiger Stellung zu ihm befanden, daran Schaden litten. Der Grundton der Schrift sowohl als auch die Erfahrungen im Leben reden eine Sprache, die deutlich genug ist, um einen jeden, der demütig ist, zu überzeugen, dass entweder in obiger Stelle ein sinnstörender Übersetzungsfehler vorliegt, oder aber die daraus gezogenen Schlussfolgerungen irrig sind. Jene, die davon Schaden leiden, sind gewöhnlich selbstbewusste Menschen, deren hohe Meinung von sich selbst sie veranlasst, zu glauben, sie hätten ein Recht darauf, vom Herrn anders als die übrigen Glieder der Neuen Schöpfung behandelt zu werden. Solche Meinung steht aber im schärfsten Widerspruch zu der Lehre der Schrift, der zufolge der Leib einer ist und viele Glieder hat, die miteinander verbunden sind in ihm, und dass dargebotene Nahrung durch einen Teil der Glieder hingeführt werde zu den anderen Gliedern zum Gedeihen und Erstarken aller. Der Herr wollte in dieser Weise die Glieder der Herauswahl voneinander abhängig machen, damit keine Spaltung am Leib (Christi) entstehe. Darum ermahnt er uns auch, durch des Apostels Wort, dass wir unsere Versammlungen nicht versäumen sollen, da er ein besonderes Wohlgefallen daran habe, mit der Versammlung, die da ist sein Leib, zusammenzukommen, wo es auch sei und wenn es auch nur zwei oder drei seien, die sich in seinem Namen versammeln.

Wenn wir obigen Text genauer untersuchen, so gewahren wir, dass der Apostel einen in seinen Tagen herrschenden Irrtum bekämpfen will, einen groben Irrtum, der im Namen der Lehre und Nachfolge Christi wirksam war und die ganze Offenbarung ungültig zu machen trachtete. Er erklärt, dass dieser grobe Irrtum nichts mit der Herauswahl und ihrem Glauben zu tun habe, dass er vielmehr antichristlich, Christo feindlich sei, obwohl er sich selbst als christliche Lehre bezeichne; er segle eben unter falscher Flagge. Von den Vertretern dieses Irrtums sagt er: "Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns (sie waren nie wahre Christen oder haben aufgehört, es zu sein); denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein." Ihr Irrtum bestand nach der Meinung des Apostels darin, dass sie behaupteten, die Weissagungen betreffend einen Messias seien bildlich zu verstehen und niemals durch die Menschheit zu erfüllen; dies sei eine vollständige Verneinung der Lehre der Schrift, der zufolge der Sohn Gottes Fleisch ward, bei seiner Taufe mit dem Heiligen Geist zum Messias gesalbt wurde und unser Lösegeld beschaffte.

Der Gedanke des Apostels ist, dass, wer Christ geworden sei, wer den Plan Gottes wenigstens einigermaßen verstanden habe, darüber im Klaren sein müsse, dass er, wie alle Menschen, ein Sünder sei und eines Erlösers bedürfe, und dass Jesus, der Gesalbte (Christus), ihn um den Preis seines Lebens erkauft habe. Der Apostel erklärt dann weiter, dass solche nicht nötig haben, dass sie irgend jemand über diese Grundlehren der Wahrheit belehre. Wenn sie nicht schon wüssten, dass Christus für ihre Sünden gestorben und für ihre Gerechtmachung auferstanden sei, dass ihre Rechtfertigung, Weihung und Hoffnung auf zukünftige Herrlichkeit auf dem Verdienst des stellvertretenden Opfers Christi beruhe, so wären sie überhaupt keine Christen. Wiewohl es früher, d.h. bevor der Sohn geoffenbart wurde, möglich gewesen sei, an den Vater zu glauben und ihm zu vertrauen, so leugne jetzt, wer den Sohn leugne, auch den Vater; und niemand könne den Sohn Gottes bekennen, ohne zugleich den Vater und dessen Plan zu bekennen, in dem der Sohn die Hauptperson sei.

So können wir denn heute deutlich sehen, was der Apostel meinte: nämlich, dass, wer vom Heiligen Geist gezeugt worden sei, schon zuvor an den Herrn Jesus habe glauben, in ihm den Eingeborenen vom Vater habe sehen und habe glauben müssen, dass der Sohn im Fleisch geoffenbart worden, aber heilig, unbefleckt und getrennt von den Sündern gewesen sei, dass er sich als Lösegeld für uns hingegeben, dass der Vater dieses Opfer angenommen und den Sohn dadurch als glorreichen König und Befreier anerkannt habe, und dass er ihn aus den Toten auferweckte. Ohne diesen Glauben könne niemand den Heiligen Geist, die Salbung, empfangen; wer also die Salbung schon habe, bedürfe nicht erst, dass jemand Zeit damit verliere, mit ihm über die Frage zu reden, ob Jesus der Sohn Gottes, der Erlöser, der Messias, der einzige Hinausführer der köstlichen Verheißungen der Schrift sei oder nicht. Wenn die Salbung, die wir empfangen haben, in uns bleibt, werden wir aller dieser Dinge gewiss sein; "wie dieselbe Salbung euch über alles belehrt hat, so werdet ihr in ihm bleiben." Wer nicht in ihm, am Weinstock, bleibt, kann dessen gewiss sein, dass er, wie die abgehauene Rebe, verdorren wird; wer aber in ihm bleibt, kann dessen gewiss sein, dass er auch in seinem Geist bleiben wird und ihn nicht verleugnen kann.

"Ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisset es alle." (1. Joh. 2:20, Diaglott-Übers.) Das Vorbild des Heiligen Geistes im jüdischen Zeitalter war das heilige Öl, das auf das Haupt des Hohenpriesters ausgegossen wurde und von da über den ganzen Leib hinab rann. So ist auch ein jedes Glied des Leibes Christi unter der Salbung, unter dem Einfluss des Geistes, und wo der Geist des Herrn ist, da ist es lieblich und freundlich. Da besteht die Neigung, mit allen Menschen Frieden zu haben, soweit dies möglich ist, und soweit das Festhalten an den Grundsätzen göttlicher Gerechtigkeit es gestattet; da besteht Abneigung gegen Reibereien, Zorn, Bosheit, Hass und Streit; da besteht dankbares Annehmen der Belehrung durch den Herrn. Solche nörgeln nicht an seinem Plan und seiner Offenbarung herum, sondern nehmen sie gerne an und haben auch den Vorteil davon: Salbung, Freundlichkeit, Frieden, Freude und Heiligkeit der Gesinnung.

Wer in dieser Weise den Geist des Herrn empfangen und daher Friede, Freude und Einvernehmen mit Gott im Herzen hat, der weis, dass dies eine Frucht des Verfahrens des Herrn mit ihm ist, und dass er diese Gaben empfangen hat, seit er an den Herrn Jesum geglaubt und ihn als seinen Heiland angenommen hat. Diese Salbung ist mithin nicht nur für jeden einzelnen Gesalbten ein Beweis, sondern in hohem Grade auch für die anderen, dass er ein Glied am Leib Christi ist, indes der Mangel an Friede und Freudigkeit, ein Herz voll Bosheit, Hass und Streit, voll Kritik und Nörgelei ein Beweis dafür ist, dass der Geist des Herrn, die Salbung, die alle diese Härten aufweicht, fehlt. Gewiss, wir sind nicht alle gleich, und bei dem einen mag es länger gehen als bei dem anderen, ehe sich die Milde in den äußerlichen Dingen zeigt: aber gleich zu Beginn der Schulung durch Christum sollte wenigstens die Milde im Herzen als ein Zeichen dafür angestrebt werden, dass wir tatsächlich bei dem Herrn gewesen, von ihm gelernt und seinen Geist empfangen haben, und dann sollte es auch gar nicht lange dauern, bis sich diese Milde in den Dingen des täglichen Lebens zeigt.

So sehen wir denn, dass keine Stelle dem Grundton der Schrift widerspricht, demzufolge Lehrer notwendig sind, durch die der Wille des Herrn zum Ausdruck gebracht werden muss. Wir meinen nicht, dass Gott von diesen Lehrern abhängig, und damit keine Spaltung am Leib sei und jedes Glied lerne, mit den anderen im Einvernehmen zu leben, den anderen Dienste und Hilfe zu leisten, nicht imstande wäre, die Glieder der Neuen Schöpfung auf andere Weise zu belehren und aufzuerbauen.

Wir haben schon gesehen, dass diese Lehrer nicht als unfehlbar betrachtet werden sollen, sondern dass ihre Worte auf der Wage und am Maßstab der Worte Gottes, des Herrn, seiner Apostel und der heiligen Propheten früherer Zeiten geprüft werden sollten; denn auch die Propheten des Alten Bundes redeten und schrieben, wie sie vom Heiligen Geist getrieben wurden, zu unserer Ermahnung, auf welche die Enden des Zeitalters gekommen sind.

Wer "unterwiesen wird" und wer "unterweist"

"Wer in dem Worte unterwiesen wird, teile aber von allerlei Gutem dem mit, der ihn unterweist." - Gal. 6:6

Diese Stelle zeigt in Übereinstimmung mit allen anderen, dass Gott eine gegenseitige Belehrung inmitten seines Volkes beabsichtigt hat. Selbst der Geringste der Herde soll selber denken, um so einen eigenen Glauben und eine eigene Sinnesart herauszubilden. Wie schade, dass dieser so wichtige Punkt unter den Namenchristen gänzlich außer acht gelassen worden ist. Obige Stelle unterscheidet freilich Lehrer und Schüler; aber letztere sollen sich frei fühlen, den Lehrern alles und jedes mitzuteilen, zur Kenntnis zu bringen, was zu ihrer Kenntnis kam und ein weiteres Licht auf den behandelten Gegenstand zu werfen geeignet ist, ohne dabei den Anspruch zu erheben, selbst Lehrer zu sein; vielmehr nur wie ein begabter Schüler, der mit seinem älteren Bruder, der auch Schüler ist, reden würde. Die Hörer sollen nicht Maschinen sein, sollen sich nicht scheuen, ihre Gedanken mitzuteilen; durch das Stellen von Fragen, die die Aufmerksamkeit auf etwas richten, was ihnen als irrige Auslegung erscheint, sollen sie das ihrige dazu beitragen, die Herauswahl und ihre Glaubenslehre rein zu erhalten. In dieser Weise sollen sie Kritiker sein; auch soll sie niemand davon abzubringen suchen, zu fragen, den Lehrer zu kritisieren und seine Darlegungen in Frage zu stellen; vielmehr sollen sie hierzu aufgefordert und ermuntert werden.

Nicht zwar, als ob der Herr gewünscht hätte, dass wir Splitterrichter seien, oder darauf ausgingen, Fehler der anderen herauszufinden. Eine solche Gesinnung ist mit dem Heiligen Geist nicht vereinbar und wäre sehr gefährlich. Denn wer, nur um einen Lehrer zu verwirren oder Gelegenheit zu einer Debatte zu erhalten, eine Frage aufwirft, an deren wahrheitsgemäßer Beantwortung ihm gar nicht gelegen ist, der wird sicherlich Schaden davon haben, und dieses bedeutet auch für die anderen eine Gefahr. Man muss es mit der Wahrheit ernst nehmen, wenn man Fortschritte darin machen will; dem, was man für wahr hält, selbst zu widersprechen und zum Schein oder zum Scherz einen Irrtum zu verfechten, ist wie eine Beleidigung des Herrn und wird dem Betreffenden sicherlich eine Vergeltung zuziehen. Ach, wie viele haben sich schon unterfangen, zu versuchen, wie viel gegen eine Lehre gesagt werden könne, an deren Richtigkeit sie selber doch glaubten; und wie sind sie dann bei der Verfolgung dieses Laufes auf Abwege geraten, völlig gefesselt und verblendet worden! Nächst dem Herrn ist die Wahrheit das Köstlichste auf der Welt; sie ist kein Spielzeug zum Zeitvertreib, und wer sich in dieser Beziehung nicht in Acht nimmt, wird Schaden erleiden. ( 2. Thess. 2:10, 11)

Das Wort "mitteilen" in unserem Text (Gal. 6:6) ist ein vieldeutiges; es meint nicht nur das Mitteilen von Gedanken, Meinungen usw., sondern es kann auch bedeuten, dass, wer belehrt wird und geistige Güter empfängt, bereit sein sollte, in irgendeiner Weise zum Unterhalt derer beizutragen, die lehren, indem er für den Herrn, für die Brüder, für die Wahrheit von der Frucht seiner Arbeit und seiner Fähigkeiten darangibt. Dies ist der Kern der heiligen Gesinnung der Neuen Schöpfung. Schon zu Beginn seines Wandels als Neue Schöpfung erfährt ein jeder die Richtigkeit des Wortes unseres Heilandes: "Geben ist seliger als Nehmen." Darum freuen sich alle, die des Geistes sind, irdische Dinge in den Dienst der Wahrheit zu stellen, und zwar um so mehr, je mehr geistige Güter sie mit aufrichtigem, geradem Herzen angenommen haben. Die Frage, wie gegeben werden soll, welche Weisheit beim Geben walten soll, behalten wir für ein späteres Studium auf.

Die Frau in der Versammlung

Dieser Gegenstand könnte in gewisser Beziehung besser untersucht werden, nachdem wir das Verhältnis zwischen Mann und Frau nach Gottes Ordnung behandelt haben; aber ein Punkt in diesem Gegenstand scheint uns hierzu zu gehören, und was später über den Gegenstand überhaupt gesagt werden wird, wird dazu dienen, zu bestätigen, was wir hier sagen möchten.

Nichts ist klarer, als dass der Herr bei der Auserwählung der Neuen Schöpfung keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern macht. Männer und Frauen werden in den einen Leib getauft, dessen Haupt Jesus ist. Beide sind somit gleicherweise zu einem Anteil an der ersten Auferstehung, Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit, zu der sie führt, "so wir anders mitleiden, damit wir auch mit ihm herrschen können", auserwählbar. Von Frauen sprechen der Herr und die Apostel mit ebenso großer und warmer Anerkennung als von Männern. Daher müssen die Einschränkungen, die der Frau hinsichtlich der Art und des Bereiches, in denen sie dem Evangelium dienen kann, sich nur auf die gegenwärtige Zeit, auf das Leben im Fleisch, beziehen, und es muss für sie eine Erklärung gefunden werden. Denn eine Bevorzugung der Männer von Seiten Gottes ist sicher nicht beabsichtigt. Wir werden zu zeigen versuchen, dass die Unterschiede, die hinsichtlich des Geschlechtes gemacht werden, die Bedeutung von Vorbildern haben, indem der Mann Christum Jesum, das Haupt der Versammlung, darstellt, das Weib aber die Herauswahl, die Braut, unter dem von Gott eingesetzten Haupt.

Der Evangeliumsbericht zeigt deutlich, dass unser Herr seine Mutter, Maria, Martha und andere ehrbare Frauen, die ihm mit ihrer Habe dienten, liebte; es steht übrigens in Joh. 11:5 ausdrücklich geschrieben. Dennoch überging er sie bei der Auserwählung der zwölf Apostel und der späteren Siebenzig. Wir können nicht annehmen, dass dies ein Versehen war, so wenig wie es in den 16 Jahrhunderten des levitischen Vorbildes ein Versehen war, dass die Frauen aus dem Stamm Levi an den öffentlichen Diensten der Leviten keinen Anteil hatten. Noch können wir den Gegenstand durch die Annahme erklären, dass es den Frauen an der nötigen Bildung gefehlt hätte, um dem Herrn zu dienen, denn von den erwählten Männern heißt es, dass man ihnen gleich angesehen hätte, dass sie ungelehrte Leute waren. Wir müssen also schließen, dass es Gottes Absicht war, nur Männer zu öffentlichem Dienst am Evangelium, zur Verkündigung der guten Botschaft, zu verwenden. Und hier bemerke man, dass die göttliche Einrichtung das Gegenstück der Methode des großen Widersachers ist, der zwar seine Werkzeuge nimmt, wo er sie findet, aber eine Vorliebe für Frauen hat. Schon das erste Weib war Satans erstes Werkzeug, durch das er den ersten Menschen zu Fall brachte. Die Hexen der Vergangenheit, die Medien der Spiritisten und Scientisten sind weitere Beispiele dafür, dass Satans Propaganda sich mit der gleichen Vorliebe der Frau bedient, wie Gott des Mannes. Das Weibliche wird vom natürlichen Menschen überhaupt auf religiösem Gebiet höher geschätzt, wie dies aus der Verbreitung des Kultus der "Göttinnen" Isis, Astarte, Diana, Venus usw., wie auch des Marienkultus, dem heutzutage noch zwei Drittel der sogenannten Christenheit huldigen, erhellt. Dem steht der deutlich hervortretende Zug im Plan Gottes schroff gegenüber, dass Männer als Mundstücke und Vertreter des Herrn in der Versammlung gesetzt worden sind.

Abgesehen von der vorbildlichen Bedeutung der Frau gibt das Wort Gottes für den Unterschied, der in dieser Weise zwischen den beiden Geschlechtern gemacht wird, keinen Grund an. Unsere Vermutungen in dieser Beziehung können daher ebenso unrichtig wie richtig sein; dennoch wollen wir sie hier äußern. Unseres Erachtens machen nämlich gerade jene Eigenschaften des Geistes und Gemütes, die sich in den edelsten Frauen vereinigt finden, die Frau für öffentlichen Dienst in der Versammlung untüchtig. Z.B. ist jede Frau von Natur, glücklicherweise, von dem Wunsch erfüllt zu gefallen, gebilligt und gepriesen zu werden. Diese Eigenschaft ist ein großer Segen für jedes Heim und macht dieses soviel wohnlicher als eine Junggesellen- oder Altjungfernwohnung. Das wahre Weib ist in seinem Bemühen, die Familie glücklich zu machen, selbst glücklich, und freut sich, wenn diese ihre Befriedigung über das bereitete Mahl usw. äußert; niemals sollte ihr diese kleine Lobpreisung verweigert werden; man ist sie ihr schuldig, und sie hungert danach, und sie bedarf ihrer, um gesund zu bleiben und Fortschritte zu machen.

Wenn jedoch eine Frau aus ihrem naturgemäßen Wirkungskreis heraustritt, der schon so groß und wichtig ist, dass der Dichter sagt:

"Die Hand, die die Wiege schaukelt,
Regieret auch die Welt",

wenn sie mit Vorträgen oder Schriftstellerei in die Öffentlichkeit tritt, dann befindet sie sich in einer für sie sehr gefährlichen Stellung. Denn einige ihrer Eigenschaften (deren eine wir eben angeführt), die sie zum echten Weib und sie selbst allen echten Männern wohlannehmlich machen, werden ihr unter den ihrer Natur nicht angemessenen Verhältnissen die Weiblichkeit rauben und sie "männlich" machen. Die Natur hat jedem Geschlecht das seinige zugemessen, nicht nur in der äußeren Erscheinung, der Haartracht usw., sondern auch in der Eigenschaft des Geistes und des Gemütes, und es ist so eingerichtet, dass eines das andere ergänzt, eines am anderen Gefallen findet. Die Gesetze der Natur zu übersehen oder zu durchkreuzen, führt schließlich zu Schaden, wenn es auch anfangs gar nicht danach aussieht.

Das Bedürfnis, gebilligt zu werden, das die Natur dem Weib in so hohem Grade verliehen, und das ihm in seiner Aufgabe, die Familie glücklich zu machen, so nützlich ist, ist ein Fallstrick, sobald die Frau öffentlich wirkt; denn in der Öffentlichkeit sucht sie dann ebenfalls zu gefallen, sei es der Versammlung oder der Welt. Der Wunsch, weiser und geschickter als andere zu erscheinen oder größere Weisheit und Geschicklichkeit möglichst ins Licht zu rücken, ist eine Gefahr, die immer mit dem öffentlichen Auftreten verbunden ist; dieser Gefahr sind schon viele Männer erlegen, die sich in diesem Bestreben aufblähten und in die Fallen gerieten, die ihnen der Widersacher legte. Viel gefährlicher ist es für die Frau, deren echte Weiblichkeit sie gerade der Gefallsucht anheimfallen lässt, so dass sie strauchelt und andere straucheln macht. Aus ihren eigenen Bahnen heraus und in fremde Bahnen geworfen, wird sie vom Widersacher eine unechte Salbung erhalten, deren trügerischer Schein andere von den Wegen des Herrn ablenken kann. Darum ist die Warnung des Apostels: "Seid nicht viele Lehrer, meine Brüder, da ihr wisset, dass wir in schwereres Urteil empfangen werden" (Jak. 3:1) - für die Schwestern noch viel wichtiger. Ja, für sie ist dies so gefährlich, dass überhaupt keine Frau als Lehrer bestellt wurde, wie geschrieben steht: "Ich erlaube aber einem Weibe nicht, zu lehren, noch über den Mann zu herrschen, sondern stille zu sein; ein Weib lerne in der Stille in aller Unterwürfigkeit." - 1. Tim. 2:12, 11

Dies kann jedoch nicht so verstanden werden, als hätten die Schwestern der Neuen Schöpfung nie Gelegenheit, durch Verkündigung des Evangeliums eines Segens teilhaftig zu werden. Der Apostel erwähnt im Gegenteil voller Anerkennung mehrere Frauen als Mitarbeiter, die ihn im Dienst unterstützt hatten, z.B. Aquila und Priscilla. (Röm. 16:3) Dies bedeutet mehr, als dass sie ihn in ihr Haus aufnahmen und für seinen Unterhalt sorgten: es bedeutet, dass sie mit ihm arbeiteten, nicht nur im Teppichwirken, sondern bei seinem Hauptberuf als Diener der guten Botschaft. Den gleichen Ausdruck braucht der Apostel später (Vers 9) von Urbanus; und dass im dritten Verse Priscilla vor Aquila erwähnt wird, gestattet den Schluss, dass sie eifriger als ihr Gatte mitarbeitete. In Vers 12 werden ferner Tryphöna und Tryphosa anerkennend erwähnt, sowie Persis, und in anderer Hinsicht (Vers 6) eine Maria.

Jede Schlussfolgerung aus den Worten des Apostels, wonach den Schwestern eine Gelegenheit, für den Herrn zu arbeiten, genommen wäre, würde mithin irrig sein. Nur in der Versammlung der Herauswahl (ob es zwei oder drei oder mehr seien) zum Zweck der Lobpreisung, des Gebetes und der gegenseitigen Auferbauung sollten die Schwestern einen untergeordneten Platz einnehmen und nicht versuchen, Leiter oder Lehrer zu sein. Dies würde einen Versuch bedeuten, über den Mann zu herrschen, den der Herr von Natur und durch Vorschrift für die Stellen bestimmt hat, die eine Verantwortlichkeit in sich schließen. Gewiss hatte der Herr hierfür gute Gründe, ob wir nun damit einverstanden sein können oder nicht.

Des Apostels Einschränkungen beziehen sich sicherlich auf Versammlungen, wie die in 1. Korinther 14 beschriebenen. An diesen Versammlungen nahmen die Schwestern teil, und sie hatten gewiss viel Segen davon. Sie stimmten in die Lieder, Lobgesänge und geistlichen Lieder ein und beteten mit.

Der Apostel wollte nur betonen, dass in diesen Versammlungen eine gewisse Ordnung herrschen müsse, damit alle um so mehr Nutzen davon hätten. Er empfiehlt, dass nicht mehr als ein Redner auf einmal weissagen, und dass alle anderen Acht geben sollen; dass nicht mehr als zwei oder drei Redner in der gleichen Versammlung auftreten, damit nicht zuviel untereinander vermischte Gedanken vorgebracht werden, und dass, wer die Gabe des Sprachenredens habe, schweigen solle, es sei denn jemand anwesend, der auslegen könne.

In solchen Versammlungen sollten Frauen überhaupt nicht reden, sondern vor oder nach der Versammlung oder zu Hause sollten sie ihre eigenen Männer (Gatten, Brüder oder Söhne) fragen, und was sie zu sagen hätten, sollten sie diesen oder ihnen sonst näher bekannten Brüdern auf dem Nachhauseweg oder sonst wie mitteilen. Das für "zu Hause" stehende griechische Wort bedeutet "im Bekanntenkreis". Dort mag die Frau ihre Fragen stellen oder ihre Gedanken vorbringen. Der Apostel sagt ausdrücklich: "Es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, sondern unterworfen zu sein, wie auch das Gesetz sagt." - 1. Kor. 14:34

Offenbar gab es in der Versammlung zu Korinth "Frauenrechtlerinnen", die sich auf den Standpunkt stellten, in der Versammlung seien die Rechte beider Geschlechter gleich. Der Apostel begnügt sich nicht damit, dies zu verneinen, sondern er tadelt es an den Korinthern, dass sie es wagten, Neuerungen einzuführen, die anderen vom Volk Gottes unberechtigt erschienen. "Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? oder ist es zu euch allein gelangt? Wenn jemand sich dünkt, ein Prophet zu sein oder geistlich, so erkenne er, was ich euch schreibe, dass es ein Gebot des Herrn ist" (1. Kor. 14:36, 37), nicht meine persönliche Meinung oder Eigenheit. So sollen denn auch wir nicht, ebenso wenig wie die Korinther, nach unserem eigenen Belieben handeln, sondern des Apostels Vorschriften als Gottes Gebote annehmen. Und wenn jemand des Apostels Leitung in diesem Punkt verwirft, dann möge er der Konsequenz wegen gleich das Apostelamt des Paulus bestreiten.

Es ist angebracht, die Aufmerksamkeit hier auf die Worte des Apostels zu lenken, die er in Bezug auf die Gaben des Herrn an die Herauswahl seit Pfingsten spricht. Der Apostel sagt hierüber: "Er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes Christi." (Eph. 4:11, 12) Da das Griechische das Geschlecht durch den Artikel unterscheidet und hier, ausgenommen vor dem Worte "Lehrer" (vielleicht gleichbedeutend mit "Gehilfe", siehe auch in 1. Kor. 12:28), der männliche Artikel steht, so wird klar, dass uns der Heilige Geist durch das geschriebene Wort eine sichere Anleitung hinsichtlich der Frage der Stellung der Frau geben wollte. Möglich auch, dass das Fehlen des Artikels vor dem Wort "Lehrer" nur andeuten sollte, dass Gott die Apostel, Propheten, Evangelisten und Hirten als Lehrer gegeben habe.

Lasst uns hier aber beifügen, dass es nicht als Lehren bezeichnet werden kann, wenn eine Schwester die Aufmerksamkeit der Versammlung auf Worte des Herrn oder der Apostel richtet, die die in Behandlung befindliche Frage beleuchten; wenn sie dabei nicht ihre eigene Meinung vorträgt, ist das kein Herrschen über den Mann, sondern eine Berufung auf anerkannte Lehrer. So wäre es auch keine Belehrung durch die Frau, wenn sie die Schriftstudien anderen vorlesen würde, vielmehr wäre dies eine Belehrung durch deren Verfasser. Daraus geht hervor, dass der Herr seine Herde hütet und bewahrt und gleichzeitig reichlich für ihre Bedürfnisse sorgt. Alle können dem Gebot Gottes gehorchen, aber begreifen werden es nur die, die sich dessen bewusst sind, dass in der Bildersprache der Bibel das Weib die Herauswahl und der Mann den Herrn, das Haupt oder den Meister der Herauswahl, vorschattet. (Eph. 5:23; 1. Kor. 11:3) Wie sich die Herauswahl nicht anmaßen soll, den Herrn zu belehren, so soll sich auch die Frau nicht zum Beherrscher des Mannes aufwerfen. Angesichts der angeführten symbolischen Bedeutung kann sich kein Weib zurückgesetzt fühlen und kein Mann sich wegen dieser Anordnung der Schrift aufblähen; vielmehr wird ein jedes dessen eingedenk sein, dass der Herr der einzige Lehrer ist, und dass die Brüder nicht ihre eigene Weisheit hervorzubringen suchen, sondern nur den Geschwistern das vorlegen sollen, was ihr Haupt als Wahrheit bezeichnet hat. Lasst uns 1. Tim. 2:11, 12 auf unser Verhältnis zum Haupt anwenden und deshalb lesen: "Eine Versammlung lerne in der Stille, in aller Unterwürfigkeit. Ich erlaube aber einer Versammlung nicht zu lehren, noch über Christum zu herrschen, sondern stille zu sein."

"Lass sie sich bedecken"

Wir haben schon in der "Stiftshütte" gezeigt, dass der Hohepriester, der Christum, den Hohenpriester unseres Bekenntnisses, vorschattete, allein unbedeckten Hauptes blieb, wenn er im Ornate seines Amtes waltete, indes die Unterpriester, die die Herauswahl, die königliche Priesterschaft vorschatteten, eine Kopfbedeckung trugen. Dieses Vorbild ist in voller Harmonie mit dem, was wir eben gesehen haben; denn in den Versammlungen der Herauswahl schatten die Brüder den gegenbildlichen Hohenpriester vor, die Schwestern aber die Herauswahl. Deshalb sollen letztere zum Zeichen der Unterwerfung der Herauswahl unter ihr Haupt Christus eine Kopfbedeckung tragen. Die Einzelheiten finden wir in 1. Kor. 11:4-7, 10-15

Der Annahme, dass der Apostel unter dieser Bedeckung das lange Haar verstehe, widerspricht Vers 5, wo ausdrücklich verlangt wird, dass sich die Frau außer mit dem langen Haar auch sonst wie das Haupt bedecken soll. Diese Kopfbedeckung wird in Vers 10 als ein Zeichen der Unterwerfung unter den Mann bezeichnet, was die Unterwerfung der ganzen Herauswahl unter das Gesetz des Christus vorschattet.

Vers 5 scheint auf den ersten Blick im Widerspruch zu der Forderung zu stehen, dass das Weib in den Versammlungen schweigen soll. Wir denken, dass es so zu verstehen ist, dass in allgemeinen Versammlungen das Weib wegen des öffentlichen Charakters dieser Versammlungen nicht auftreten solle, dass aber der Apostel nichts dagegen einzuwenden habe, wenn Frauen bedeckten Hauptes in Hausversammlungen für gemeinsames Gebet und Zeugnisablegen, nicht aber zum Lehren, das Wort ergreifen.

Doch beachte man, dass der Apostel die Forderung der vorbildlichen Bedeckung der Frau in der Versammlung nicht als ein göttliches Gebot aufstellt, sondern es nur dringend empfiehlt. Im Gegenteil, er fügt hinzu (1. Kor. 11:16): "Wenn es aber jemanden gutdünkt, streitsüchtig zu sein (das eben Gesagte zu bestreiten), so haben wir solche Gewohnheit (Sitte, bestimmtes Gesetz in der Herauswahl) nicht, noch die Versammlungen Gottes." Es sollte nicht als wesentlicher Punkt betrachtet werden, obwohl alle, welche des Herrn Willen zu tun suchen, auch in diesem Stück alle Sorgfalt anwenden würden, sobald sie dessen symbolische Bedeutung erkannt haben. Die Worte "um der Engel willen" (1. Kor. 11:10) scheinen sich auf die erwählten Ältesten in der Herauswahl zu beziehen, welche in besonderer Weise den Herrn, das Haupt der Herauswahl, vorschatten. - Offb. 2:1

Das Gesagte noch einmal zusammenfassend, raten wir, den inspirierten Worten des Apostels in Bezug auf die Freiheit der Schwestern in den Angelegenheiten der Herauswahl eine möglichst weite Erklärung zu geben. Unsere Ansicht darüber würde folgendermaßen sein:

1. Die Schwestern haben hinsichtlich der Erwählung der Diener der Herauswahl, der Ältesten und Diakone, dieselbe Freiheit wie die Brüder.

2. Die Schwestern können in der Herauswahl nicht als Älteste oder Lehrer dienen, weil der Apostel sagt: "Ich erlaube aber einem Weibe nicht zu lehren." (1. Tim. 2:12) Dies sollte jedoch nicht so verstanden werden, als ob es die Schwestern daran hinderte, sich an Versammlungen, die den Charakter des Lehrens und Predigens tragen, zu beteiligen, ebenso wie an Gebets- und Zeugnisversammlungen, Beröer-Bibelstudien usw., obgleich der Apostel sagt, dass, wenn sie betet oder weissagt (spricht), sie ihr Haupt bedecken sollte, was ihre Erkenntnis der Tatsache vorschattet, dass der Herr, der große Lehrer, besonders durch die Brüder vorgeschattet wird. (1. Kor. 11:5, 7, 10) Solche Teilnahme braucht nicht als Lehren aufgefasst zu werden; auch nicht alle Brüder sind Lehrer, wie der Apostel sagt: "Sind etwa alle Lehrer?" Nein, die Lehrer und Ältesten werden besonders gewählt, allerdings nur aus der Mitte der Brüder. - Eph. 4:11; 2. Tim. 2:24; 1. Kor. 12:28, 29

nach oben

Studie 6

Ordnung und Disziplin in der Neuen Schöpfung

Die Bedeutung der Ordination. - Nur die zwölf Apostel bevollmächtigt. - "Geistliche" und "Laien". - Erwählung von Ältesten in jeder Versammlung. - Wer hat dabei mitzuwirken? - Wie und wann soll diese Wahl vorgenommen werden? - Eine bloße Mehrheit nicht genügend. - Verschiedene Dienste. - Ein bezahltes Amt? - Zucht in der Versammlung. - Falsch verstandene Berufung zum Predigen. - "Weiset die Unordentlichen zurecht." - Das Ermahnen kein allgemeiner Befehl. - Öffentlicher Tadel selten. - "Sehet zu, dass niemand Böses mit Bösem vergelte." - Anreizung zur Liebe. - Unsere Versammlungen. - Verschiedenheit und Art unserer Zusammenkünfte. - Die Lehre ist noch immer unentbehrlich. - Gelegenheit zum Stellen von Fragen. - Beispiele nützlicher Zusammenkünfte. - "Ein jeder aber sei in seinem eigenen Sinne völlig überzeugt." - Begräbnisfeiern. - Zehnten, Kollekten, Almosen.

Bei der Betrachtung dieses Gegenstandes tun wir wohl daran, die Einheit der Herauswahl deutlich im Sinne zu behalten, und dass, während die ganze Herauswahl in aller Welt eins ist, so doch in einem anderen Sinne des Wortes jede einzeln genommene Versammlung oder jede Schar von Gläubigen eine Vertretung des Ganzen bildet. Jede einzelne Ekklesia hat darum den Herrn als ihr Haupt zu betrachten und die zwölf Apostel als die zwölf Sterne, die Leuchten, die Lehrer, die der Herr besonders in seiner Hand hielt und lenkte, die er als seine Mundstücke zur Unterweisung seiner Herauswahl benutzte, an jedem Platze, in jeder Versammlung, das ganze Zeitalter hindurch.

Jede Versammlung oder Ekklesia, selbst wenn sie nur aus zweien oder dreien besteht, sollte den Willen des Hauptes betreffs aller Angelegenheiten zu erkennen trachten. Sie muss eine Einheit mit allen Versammlungen "desselben kostbaren Glaubens" an das Opfer des Erlösers und die Verheißungen Gottes empfinden, wo immer sie ist.

In jeder Versammlung sollte Freude herrschen, wenn von dem Gedeihen der anderen Kunde kommt, wenn erkennbar wird, dass der Herr, als Oberaufseher über sein Werk, heute wie zu jeder Zeit sich sowohl besonderer Werkzeuge zum Dienste an der Herauswahl als Ganzes, als auch in jeder kleineren örtlichen Versammlung gewisser brauchbarer Glieder zu deren Dienst bedient. So auf den Herrn blickend, um den Charakter derer, die er wohl als Diener gebrauchen möchte, zu erkennen, deren mit Demut und gutem Ruf gepaarter Eifer, deren klare Auffassung der Wahrheit und sichtliche Salbung mit dem Geiste sie als vom Herrn gewünschte Vorsteher erkennbar machen, wird jede Versammlung dazu kommen, solche Werkzeuge zum Dienste an der ganzen Herauswahl zu erwarten und einen Anteil an der allgemeinen Segnung und Bedienung der ganzen Herauswahl mit der uns vom Herrn verheißenen Speise zur rechten Zeit zu wünschen. Jede Versammlung wird sich insonderheit auch daran erinnern, dass der Herr für das Ende des Zeitalters besondere Segnungen verheißen hat (Luk. 12:37), dass er dem Haushalte des Glaubens durch geeignete Werkzeuge seiner eigenen Wahl (Matth. 24:45-47) Altes und neues verschaffen werde. - Matt. 13:52

Diese Werkzeuge wird der Herr selbst beaufsichtigen und führen. Alle mit dem Haupte verbundenen Glieder müssen ihm vertrauen und nach der Erfüllung seiner Versprechen Ausschau halten. Dabei müssen sie "die Geister prüfen" und die vorgetragenen Lehren, woher sie auch kommen mögen, an der Schrift erproben. Dieses Erproben bedeutet kein Misstrauen gegen die als Werkzeuge Gottes erkennbaren Kanäle der Wahrheit, sondern vielmehr ein Festhalten am Herrn und seiner Wahrheit, die über allen Lehrern und allen Äußerungen derselben steht; es bedeutet ferner, dass sie ihr Ohr nicht Menschenworten leihen, sondern auf die Stimme des Oberhirten lauschen wollen, dass dessen Worte für sie Wohlgeschmack haben, dass sie wünschen, diese Nahrung zu kauen und zu verdauen. Glieder, die so handeln, erstarken rascher im Herrn und in der Kraft seiner Stärke als andere, weil sie auf die Leitung und Belehrung des Herrn genauer acht haben.

Diese Einheit des Ganzen, dieses allgemeine Zusammenhalten, diese Belehrung aller durch ein gemeinsames Werkzeug, das der Herr zu dem Zwecke beschafft hat, seine Kleinodien bei seiner zweiten Gegenwart zu sammeln (Mal. 3:17; Matth. 24:31), macht eine gewisse Ordnung innerhalb jeder kleineren Versammlung oder Ekklesia keineswegs überflüssig. So klein eine Versammlung auch sein mag, es sollte Ordnung in ihr herrschen. Mit dem Worte "Ordnung" meinen wir nicht Steifheit oder Formenwesen. Jene Ordnung ist die beste und befriedigendste, die ohne Lärm aufrecht erhalten wird, gleich einem den Blicken entzogenen Räderwerke. Auch in Versammlungen von drei, fünf und mehr Gliedern sollte im Aufblick zum Herrn zu bestimmen gesucht werden, wer in der Gruppe in der Wahrheit an besten vorgeschritten sei und sonst die verschiedenen Eigenschaften habe, die ihn gemäß den Andeutungen der Heiligen Schrift als Ältesten kennzeichnen: ob er imstande sei, die Wahrheit zu lehren, ob er tadellos wandle, ob er es verstehe, ohne Reibung Ordnung aufrecht zu erhalten, was an seiner Familie beobachtet werden kann usw.

Richtet sich die kleine Versammlung Denken und Handeln nach dem Worte und Geiste des Herrn, so sollte das Ergebnis einer gemeinsamen Entscheidung, wie sie in der Wahl der Diener zum Ausdruck gebracht worden ist, in dem betreffenden Falle als der Wille des Herrn anerkannt werden. Die Wahl wird der Wahrscheinlichkeit nach auf die besten und geeignetsten Mitglieder der Versammlung fallen. Immerhin muss darauf geachtet werden, dass solche Wahlen nie ohne Überlegung und Gebet getroffen werden. Sie sollten daher immer zum voraus angesagt werden. Natürlich muss auch darauf gesehen werden, dass nur Glieder der Neuen Schöpfung, Brüder und Schwestern, dem Willen des Herrn durch ihre Stimmabgabe Ausdruck zu geben versuchen, Glieder, die die Schritte der Bereuung der Sünde, des Gutmachens nach Kräften, der Annahme des Sühnopfers Jesu als Grundlage ihres Einvernehmens mit Gott und der völligen Weihung an den Herrn durchlaufen haben und so der Salbung mit dem Geiste und aller Vorrechte des "Hauses der Söhne" teilhaftig geworden sind. Solche allein sind in der Lage, den Willen des Hauptes zu erkennen und zum Ausdruck zu bringen. Diese allein machen die Versammlung, den Leib Christi, aus, indes andere, die den Schritt der Weihung noch nicht vollzogen haben, aber ihr Vertrauen auch auf das kostbare Blut setzen, als Glieder des "Haushaltes des Glaubens" gerechnet werden mögen, auf deren Fortschritte gerechnet wird, und für deren Wohlergehen gesorgt werden muss.

Einsetzung (Ordination) von Ältesten in jeder Versammlung

"Als sie ihnen aber in jeder Versammlung Älteste gewählt hatten, beteten sie mit Fasten und befahlen sie dem Herrn." - Apg. 14:23 Diese Stelle, sowie die vielen anderen, wo von Ältesten in allen Versammlungen die Rede ist, rechtfertigt die Annahme, dass es in der ersten Kirche Allgemein so gehalten wurde, wie es in unserer Stelle von Ikonium, Lystra und dem pisidischen Antiochien gesagt ist. Die Bezeichnung "Älteste" umfasst, wie wir schon sahen, Evangelisten, Hirten, Lehrer und Propheten (öffentliche Redner); darum ist es wichtig zu wissen, auf welcher Grundlage die Ältesten sich als "gewählt" oder "verordnet" betrachten sollten. Das griechische Wort, das mit "gewählt" (Luther "geordnet") übersetzt ist, gibt erschöpfenden Aufschluss; es heißt "cheirotoneo", d.h. die Hand aufheben. Die Gläubigen bezeichneten also ihre Ältesten durch das Aufheben der Hände in öffentlicher Abstimmung.

Anders verhält es sich mit der Einsetzung der Apostel, von welcher in Joh 15:16 die Rede ist: "Ich habe euch auserwählt und euch gesetzt." Dort steht auch ein anderes griechisches Wort (tithemi), wie auch in 1. Tim. 2:7, wo der Apostel von seiner Einsetzung oder Ordination spricht: "Ich bin bestellt worden als Prediger und Apostel", womit angedeutet ist, dass das Apostelamt nicht von Menschen ist, sondern "durch Jesum Christum und Gott, den Vater." - Gal. 1:1

Alle Glieder des gesalbten Leibes, welche mit dem Haupte verbunden und seines Geistes teilhaftig sind, sind mithin in gleicher Weise gesetzt oder ordiniert, nicht zum Apostelamte, sondern zum Dienste an der Wahrheit, ein jeglicher nach seinen Kräften und Gelegenheiten. (Jes. 61:1) Die Zwölfe allein waren von Gott dem Vater und Jesu Christo als "Bevollmächtigte" auserwählt, "eingesetzt" oder ordiniert. Doch kehren wir zur Wahl, Ordination oder Anerkennung der Ältesten durch die Versammlungen (Ekklesia) der Neuen Schöpfung zurück. Das Wählen durch Handaufheben war damals allgemeiner Brauch. Der Apostel gebraucht dasselbe griechische Wort, wo er sagt, wie Titus sein Gehilfe wurde. Er schreibt: "Er ist auch von den Versammlungen gewählt (durch Handaufheben) worden zu unserem Reisegefährten." (2. Kor. 8:19) Das Wörtchen "auch" in diesem Text deutet an, dass der Apostel ebenso gewählt wurde. Nicht zum Apostel wurde er gewählt - der er schon war -, sondern zum Abgesandten der Versammlung zu Antiochien (Apg. 13:2), die ohne Zweifel für die Kosten dieser ersten Missionsreise aufkam. Die späteren Reisen Pauli scheinen ohne Beschluss der Christen von Antiochien und daher auch nicht auf ihre Kosten erfolgt zu sein. (2. Tim. 1:15) In der Urkirche waren alle frei, ihre Fähigkeiten nach eigenem Ermessen in den Dienst der Sache zu stellen. Die Versammlungen konnten beschließen oder ablehnen, den Aposteln besondere Aufträge zu geben, und die Apostel ihrerseits konnten solche Aufträge ablehnen oder übernehmen; beide Teile erfreuten sich der gleichen Gewissensfreiheit.

Aber erwähnt denn das Neue Testament hinsichtlich der Ältesten nichts anderes als deren Wahl durch Handaufheben? Gab es keine sogenannte Ordination, war keine Ermächtigung zum Predigen, Lehren usw. nötig? Wir wollen diese Frage untersuchen.

Auf den ersten Blick scheint Titus 1:5 unserer obigen Anschauung zu widersprechen: "Deswegen ließ ich dich in Kreta, dass du, was noch mangelte, in Ordnung bringen und in jeder Stadt Älteste anstellen (Luther: einsetzen) möchtest, wie ich dir geboten hatte." Man sollte meinen, Titus sei ermächtigt gewesen, Älteste einzusetzen, ohne auf die Wünsche der Versammlungen Rücksicht zu nehmen. So fasst es auch die bischöfliche Kirche auf, und sie handelt demgemäß. Katholiken, Episkopale und bischöfliche Methodisten erkennen den Bischöfen ein apostolisches Recht zu, Älteste in den Versammlungen einzusetzen, ohne diese abstimmen zu lassen.

Genauer betrachtet, lässt jedoch dieser Vers erkennen, dass er dies nicht meinen kann. Titus sollte die Ältesten anstellen, wie Paulus ihm geboten hatte. Wenn nun Paulus selber die Ältesten durch Handaufheben (Abstimmung) bezeichnen ließ (Apg. 14:23), so hat er sicherlich Titus nicht geboten, es anders zu machen.

Ohne Zweifel war den Brüdern der Rat des Apostels und des Titus, den er ihnen als treuen Diener der Wahrheit aufs Wärmste empfohlen hatte, sehr erwünscht, und solche Ratschläge sind gewiss eingeholt und dann auch befolgt worden. Gleichwohl suchten die Apostel, und die ihrem Beispiele folgten, die Verantwortlichkeit da, wo Gott sie hin verlegt hat: nämlich bei der Versammlung. An dieser war es, "die Geister (Lehren und Lehrer) zu prüfen, ob sie von Gott seien." (1. Joh. 4:1) "So jemand nicht nach diesem Worte redet, so ist es, weil kein Licht in ihm ist" und "von solchen wende dich hinweg", rät der Apostel. Solche sollten nicht gewählt und in keiner Weise als Lehrer, Älteste usw. anerkannt werden.

In allen Fällen war die Mitwirkung der Versammlung (Ekklesia) erforderlich, ob sich diese, wie Apg. 14:23 sagt, durch eine Abstimmung kundgab oder nicht. Setzen wir den Fall, Titus hätte Älteste eingesetzt, die den Brüdern nicht gepasst hätten. Wie lange hätte da wohl Friede geherrscht? Was hätten solche Älteste den Versammlungen für Dienste leisten können? Gar keine!

Die Scheidung der Christen in zwei Klassen, Geistliche und Laien, stammt nicht vom Herrn noch von seinen zwölf Aposteln; sie ist vielmehr ein frommer Betrug. Dieser hat den Antichristen erzeugt, dessen Geist auch heutzutage noch durch die "Geistlichkeit" über das Erbe Gottes zu herrschen versucht und dies um so besser vermag, je dicker die Finsternis ist, in welcher die Versammlung sitzt. Der Herr und die Apostel anerkannten nicht die Ältesten, sondern die Versammlung (Ekklesia), als den Leib Christi. Wie hoch auch treue Älteste als Diener des Herrn und der Versammlungen geehrt und geschätzt werden mochten, so geschah es nicht etwa, weil sie selbst oder andere Älteste sie dieser Ehre würdig gehalten hätten. Die Wahlversammlung musste sie anerkennen; sie musste im Lichte des Wortes Gottes erkennen, ob sich solche auch der Eigenschaften, Gnadengaben oder Fähigkeiten erfreuten, die sie für die Ältestenstellung kennzeichneten. Wo es an diesen gebrach, sollten die Versammlungen sie dieser Ehre nicht würdig erachten. Kein Ältester kommt mithin durch Selbstwahl zu seiner Stellung. Hätte jemand die Neigung, die Versammlung, die da ist der Leib Christi, zu übersehen und sich selbst und seine Meinung höher zu schätzen als das Ganze, so wäre er schon an diesem Mangel an Demut, am Sinn für die Einheit des Leibes, als ungeeignet, Ältester zu sein, erkennbar.

Selbst dann, wenn kein Zweifel über die Wählbarkeit eines Bruders möglich ist, sollte ein solcher eine öffentliche Stellung in der Versammlung (als Leiter, Abgesandter usw.) nicht anders als nach erfolgter Wahl annehmen. Die schriftgemäße Methode zur Bestellung der Ältesten ist die Wahl durch die Versammlung. Es ist eine Tat des Gehorsams gegen ein Gebot der Schrift, wenn ein Bruder verlangt, dass er in aller Form rechtlich gewählt werde. Dies gibt einerseits den Ältesten einen sicheren Halt, und andererseits erinnert es die Versammlung an ihre Pflicht, Älteste im Namen und Geiste des Herrn zu bestellen, d.h. durch die Wahl Gottes Willen zum Ausdruck zu bringen. Nach der Schrift bleiben die Glieder der Versammlung für alles Reden und Handeln der Ältesten als ihrer Diener und Repräsentanten verantwortlich. Dies steht so recht im Gegensatze zu der vorherrschenden Anschauung, dass die Ältesten über die Versammlung zu verfügen und zu herrschen hätten, und macht allen Redensarten ein Ende, die darauf hinauslaufen, dass die Versammlungen das Volk der Ältesten seien, anstatt "das Volk Gottes, dem ich diene".

Warum versteht man diese doch so klaren Angaben der Schrift nicht besser und stellt sie so wenig in den Vordergrund? Weil es menschlich ist, nach Würde und Vorrang zu haschen, weil jedermann diesem Hange gerne nachgibt; weil die verkehrten Verhältnisse seit 17 Jahrhunderten als richtig gegolten haben; weil die Leute diese Verhältnisse bequem finden und den Freiheiten vorziehen, mit denen Christus frei macht. Endlich gibt es viele, die so felsenfest davon überzeugt sind, die Gebräuche Babylons seien richtig, dass es ihnen nie in den Sinn gekommen ist, auch einmal das Wort Gottes darüber zu befragen.

Der Zeitraum der Ältestenschaft

Über die Dauer des Dienstes, für welche ein Ältester gewählt werden soll, sagt die Schrift nichts; wir sind mithin frei, diese Frage nach eigenem Denken und Urteilen zu entscheiden. Viele im Schosse der Versammlung können als fortgeschrittene Brüder den Ältesten gleich geachtet werden, mögen sehr nützlich sein und hochgeschätzt werden, auch wenn sie nicht von der Versammlung als Älteste, als Evangelisten, Hirten oder Lehrer eingesetzt werden. Dazu gehören auch die "älteren Frauen", welche die Apostel öfter rühmend erwähnen, ohne dabei im geringsten anzudeuten, dass sie als Älteste oder Lehrer in der Versammlung bezeichnet worden wären. Andererseits können auch solche, die seinerzeit gewählt wurden, aufhören, die Eigenschaften zu besitzen, um derer willen sie einst als Älteste bezeichnet wurden, oder sie können sich auch so kräftig entwickeln, dass sie zu größeren Dienstleistungen in der Herauswahl berufen erscheinen. Wir würden demnach vorschlagen, die Ältesten, wenn noch wenig geprüft, auf ein viertel oder halbes Jahr, wenn schon besser bewährt und vorteilhaft bekannt, auf ein ganzes Jahr zu wählen. Da aber ein Gebot hierüber oder auch ein Rat, eine Andeutung, nicht gegeben ist, muss es den Versammlungen anheimgestellt werden, jede für sich den Willen des Herrn zu erkennen zu suchen.

Die Zahl der Ältesten

Die Zahl der Ältesten ist durch die Schrift nicht festgelegt. Diese, scheint uns, sollte zur Zahl der Mitglieder der Versammlung im richtigen Verhältnis stehen, unter Berücksichtigung des Umstandes, ob sich auch in ihrem Schosse geeignete Persönlichkeiten befinden. (Von niemandem sollte blindlings vorausgesetzt werden, er sei gläubig und geweiht; von beidem muss er durch Wort und Tat unmissverständliche Beweise gegeben haben, lange bevor er zum Ältesten gewählt wird.) Wir halten es für das Richtigste, dass so viele gewählt werden, wie die nötigen Eigenschaften besitzen, und dass die verschiedenen Aufgaben dann unter dieselben verteilt werden. Sind sie vom richtigen Eifer beseelt, so wird irgendeine Art Mitarbeit an der Verbreitung der Erntewahrheiten bald einige in Anspruch nehmen und Teile der Zeit von manchen mit Beschlag belegen. So sollte jede Versammlung eine Art theologisches Seminar sein, von dem wirksame Lehrer stets auf größere Arbeitsfelder ausgehen. Ein Ältester, der sich als eifersüchtig erweisen und versuchen würde, andere am Dienen zu hindern, sollte abberufen werden; aber an seine Stelle sollte nicht ein Ungeeigneter oder ein Neuling zur Befriedigung seiner Eitelkeit gewählt werden. Die Versammlung (als Glied am Leibe Christi) muss so wählen, wie sie denkt, dass der Herr es gern sähe.

Vielleicht ist es nicht unnütz, davor zu warnen, dass in Ermangelung eines geeigneten Ältesten ein ungeeigneter gewählt werde: besser gar keiner als ein solcher. In der Zwischenzeit, d.h. bis sich ein zweiter Bruder findet, können ja die Zusammenkünfte dazu dienen, das Einfachste zu lernen. Dabei hätte die Bibel als Textbuch zu dienen und die Stelle des Lehrers könnten die Bände der "Schrift-Studien" oder Nummern des "Wachtturms" vertreten. Dies beschließen wäre gleichbedeutend mit einer Wahl Br. Russells zum Ältesten. Tauchen dabei Fragen auf, die das geistige Wohlergehen eines der Versammelten betreffen, und auf die die Heilige Schrift eine Antwort geben kann, so wird es den Verfasser stets freuen, wenn sie per Post an ihn gerichtet werden.

Wer hat dabei mitzuwirken?

Die Wählerschaft besteht einzig aus der Herauswahl, den Brüdern und Schwestern der Neuen Schöpfung. Der allgemeine "Haushalt des Glaubens", die uneingeweihten Gläubigen, haben keinen Anteil an solch einer Wahl, denn dieselbe soll den Willen des Herrn zum Ausdruck zu bringen suchen, was nur durch seinen Leib, der seinen Geist hat, geschehen kann. alle Geweihten sollten sich an der Wahl beteiligen, und jeder mag Vorschläge machen, womöglich an einer eigens dazu einberufenen Versammlung, etwa acht Tage vor der Wahl, damit Zeit zum Überlegen bleibt.

Einige haben in Vorschlag gebracht, Stimmzettel zu gebrauchen, damit sich ein jeder freier fühlte, seinem persönlichen Wunsche Ausdruck zu geben. Allein wir halten dafür, dass dadurch ein großer Vorteil der offenen Abstimmung verloren gehe: der erzieherische Wert, die Förderung des Charakters. Jeder sollte lernen, offen und gerade und gleichzeitig liebevoll und freundlich zu sein. Das Wahlergebnis, des sei ein jeder eingedenk, ist der Wille des Herrn, der durch die Glieder seines Leibes nach Maßgabe ihres Könnens und Vermögens zum Ausdruck gelangt ist. Niemand ist frei, seiner Pflicht auszuweichen oder einen dem anderen vorzuziehen, es sei denn, er halte diese Bevorzugung für den Ausdruck der Meinung des Herrn.

Die Mehrheit genügt nicht

In den Dingen dieser Welt entscheidet meist die absolute Mehrheit der Stimmenden oder Wählenden. Aber es ist klar, dass es in der Versammlung, die da ist sein Leib, nicht so gehalten werden kann. Vielmehr sollte, soweit tunlich, die Einstimmigkeit der Wähler erstrebt werden. Ein mit knapper Mehrheit gewählter Bruder könnte sich nicht wohl fühlen, nicht sicher sein, dass die Wahl den Willen des Herrn zum Ausdruck gebracht hat; auch die Versammlung könnte es nicht. Es sollte vielmehr nach einem anderen Bruder Umschau gehalten und acht Tage nach dem ersten Wahlgange ein zweiter veranstaltet werden, um zu sehen, ob sich Einstimmigkeit oder sehr große Mehrheit für ihn findet. Dies sollte, je in Abständen von einer Woche, so lange fortgesetzt werden, bis sich das erwünschte Resultat fände. Würde mit dieser Methode nichts erreicht, so sollte die Wahl überhaupt aufgegeben oder zwei bis drei gewählt werden, die dann abwechselnd den Dienst versehen würden, damit alle zu ihrem Rechte kommen. Wo aber die Liebe für den Herrn und die Wahrheit groß ist, wo um die göttliche Führung gebetet wird, wo jeder den anderen höher schätzt als sich selbst, wird auch bei gleich guter Eignung mehrerer Kandidaten eine Einigung darüber, welches wohl der Wille des Herrn sein möchte, meist zu erzielen sein. "Tut nichts aus Parteisucht oder eitlem Ruhm." (Phil. 2:3) "Bewahret die Einheit des Geistes (der Gesinnung) in dem Bande des Friedens." - Eph. 4:3

Gleicherweise wie die Ältesten sollten auch die Gehilfen und Gehilfinnen auf Grund eines untadeligen Rufes einer Wahl würdig erachtet werden. (1. Tim. 3:8-13) Gehilfen sollten für jede notwendige Dienstleistung gewählt werden, und sie sollten soviel als möglich von den Eigenschaften der Ältesten, den Gnadengaben des Geistes, haben, fähig sein zu lehren und ansprechendes Auftreten haben.

Die verschiedenen Dienstleistungen

Wie wir schon gesehen haben, können Älteste besondere Gaben, der eine in dieser, der andere in jener Richtung, haben. Die einen besitzen die Gabe des Aufmunterns, die anderen die Gabe des Lehrens; noch andere sind gute öffentliche Redner; die einen verstehen es, noch nicht Glaubende zu interessieren (Verkündiger der guten Botschaft, Evangelisten); die anderen, für die Wohlfahrt der Herde an ihrem Wohnorte oder im allgemeinen zu sorgen (Hirten). Was Paulus den Ältesten der Versammlung von Ephesus sagt, gibt uns einen allgemeinen Überblick über die verschiedenen Dienstleistungen, für die sich ein Ältester eignen kann, und die ein jeder nach Maßgabe seiner Fähigkeiten ausüben soll. Seine Worte sind es wert, von einem jeden, der sich für irgendeine Dienstleistung wählen lässt, mit Sorgfalt und Gebet betrachtet zu werden. Wir lassen diese Worte hier folgen: "Habet nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung (Ekklesia) Gottes zu hüten." (Apg. 20:28) Jawohl, die Ältesten haben vor allem auf sich selbst acht zu geben, damit sie das bisschen Ehre ihrer Stellung nicht hochmütig und herrisch mache, damit sie sich nicht die Autorität und Ehre anmaßen, die allein dem Haupte, dem Oberhirten, gebührt. Die Herde zu weiden, das ist des Herrn Vorrecht, wie geschrieben steht: "Er wird seine Herde weiden wie ein Hirt." (Jes. 40:11) Wenn also jemand zum Ältesten gewählt wird, so geschieht es, damit er den Oberhirten vertrete, damit er dessen Werkzeug oder Kanal sei, auf dass der große Hirte der Herde den Seinigen durch ihn "Speise zur rechten Zeit", "Altes und Neues", senden könne.

"Wehe den Hirten, welche die Schafe meiner Weide zu Grunde richten und zerstreuen! spricht Jehova. Darum spricht Jehova, der Gott Israels, also über die Hirten, die mein Volk weiden: "Ihr habt meine Schafe zerstreut und sie vertrieben, und habt nicht nach ihnen gesehen; siehe, ich werde die Bosheit eurer Handlungen an euch heimsuchen, spricht Jehova ... Ich werde Hirten über sie erwecken, die sie weiden werden; und sie sollen sich nicht mehr fürchten und nicht erschrecken." - Jer. 23:1, 2, 4

Das Auflegen der Hände

1. "Vernachlässige nicht die Gnadengabe in dir, welche dir gegeben worden ist durch Weissagung mit Hände-Auflegen der Ältestenschaft." - 1. Tim. 4:14

2. "Sie stellten die sieben (Diakone) vor die Apostel; und als sie gebetet hatten, legten sie ihnen die Hände auf." - Apg. 6:6

3. "In Antiochien, in der dortigen Versammlung ... sprach der Heilige Geist: Sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werke aus, zu welchem ich sie berufen habe. Da fasteten und beteten sie; und als sie ihnen die Hände aufgelegt hatten, entließen sie sie." - Apg. 13:1-3

4. "Die Hände lege niemandem schnell auf und habe nicht teil an fremden Sünden." - 1. Tim. 5:22

5. "Als Paulus ihnen die Hände aufgelegt hatte, kam der Heilige Geist auf sie, und sie redeten in Sprachen und weissagten." - Apg. 19:6

6. "Dann legten sie (die Apostel) ihnen die Hände auf, und sie empfingen den Heiligen Geist." - Apg. 8:17-19

7. "Fache an die Gnadengabe Gottes, die in dir ist durch das Auflegen meiner Hände." - 2. Tim. 1:6

Wir haben hier die Stellen, wo vom Hände-Auflegen in der Versammlung der Neuen Schöpfung die Rede ist, zusammengestellt. Die drei letzten (5, 6, 7) handeln von der Verleihung der Gaben, welche in der Urkirche gebräuchlich waren. Die Apostel legten den Geweihten die Hände auf, und dies verlieh den Gläubigen eine oder mehrere Gaben: Zungenreden usw. "Ein bestimmtes Maß des Geistes ist jedem gegeben zum allgemeinen Nutzen." (Band. 5, Kap. 8.) Die vier ersten Stellen (1, 2, 3, 4) zeigen, dass das Hände-Auflegen auch ein Zeichen der Billigung war, nicht aber ein Zeichen, dass der die Hände Auflegende nun dem anderen etwas gestattete (Ordination im Sinne der Namenkirche).

1. Timotheus, Paulus Adoptivsohn im Dienste, war schon getauft worden und hatte durch die Hand des Apostels Paulus schon eine Gabe des Heiligen Geistes empfangen (siehe 7), als er diesen nach Jerusalem geleitete. (Apg. 21:15-19) Ohne Zweifel war es dort und damals, dass Jakobus und alle Ältesten (wohl in diesem Falle die Apostel), die Weihung des Timotheus und enge Geistesverwandtschaft mit Paulus bemerkend, diesen segneten, ihm zum Zeichen der Billigung die Hände auflegten; und der Bericht gibt zu verstehen, dass dies nicht der allgemeine Brauch war, nach der alle Gefährten des Paulus so ausgezeichnet wurden. Im Falle des Timotheus handelten sie "durch Weissagung" (wohl infolge erhaltener Weisung vom Herrn).

2. Die sieben Diakone wurden dadurch, dass ihnen die Apostel die Hände auflegten, nicht ermächtigt, zu predigen. Einerseits waren sie gar nicht zu Predigern, sondern zur Bedienung der Tische gewählt worden; andererseits waren sie infolge ihrer Salbung mit dem Heiligen Geiste berechtigt, soweit sie es konnten und Gelegenheit dazu fanden, zu predigen. So finden wir denn auch in Stephanus, ohne dass im geringsten erwähnt würde, er sei dazu von jemandem ermächtigt oder ordiniert worden, einen so eifrigen Prediger, dass er der erste Nachfolger des Meisters war, der sein Zeugnis mit seinem Blute besiegelte. Das Hände-Auflegen der Apostel im Falle der Diakone bedeutete einfach, dass die Apostel die

Wahl der Versammlung guthießen, und deshalb segneten sie die Gewählten.

3. Das Hand-Auflegen bei Barnabas und Paulus konnte wiederum nicht bedeuten, dass diese von nun an das Recht hätten, zu predigen. Denn sie waren bereits als Älteste anerkannt und hatten schon mehr als ein Jahr lang in Antiochien gelehrt. Außerdem hatten sie zuvor auch schon anderswo gepredigt. (Apg. 9:20-29; 11:26) Das Hände-Auflegen bedeutete demnach lediglich, dass die Versammlung die Missionsreise der beiden Abgesandten guthieß, dass sie von Herzen daran teilnahmen und vermutlich für die Kosten aufkam.

4. In diesem Falle deutet der Apostel an, dass, wenn Timotheus einem Mitarbeiter im Weinberge die Hände auflegte, er für diesen die Verantwortlichkeit der Herde gegenüber auf sich nahm, sodass, wenn der Betreffende sich dann nicht bewährt hätte, Timotheus davon betroffen worden wäre. Er sollte also darauf achten, niemanden bei der Versammlung zu empfehlen, der dann hernach den Schafen Gottes im Wandel oder in der Lehre Schaden zufügen würde.

Es sollte nicht leichthin auf Gefahr gehandelt werden. Vorsicht ist geboten, wenn wir einen Empfehlungsbrief mitgeben oder öffentlich zu jemandem stehen. Das ist für alle Kinder Gottes ratsam und zwar um so mehr, je größer ihr Einfluss ist. Übrigens beachte, dass das Hand-Auflegen des Timotheus, die Ordination durch denselben, nicht erforderlich war, um jemandem zum Predigen zu ermächtigen; das Recht zu predigen, je nach eigenem Vermögen, ist vom Herrn allen verliehen, welche den Heiligen Geist der Salbung empfangen haben.

Ein bezahltes Amt?

Das bezahlte Predigeramt, das jetzt gebräuchlich und von vielen als unvermeidlich bezeichnet ist, war in der ersten Kirche unbekannt. Unser Herr und die Zwölfe waren, soweit wir aus der Schrift zu schließen vermögen, arm; Jakobus, Johannes und Matthäus vielleicht ausgenommen. Daran gewöhnt, für die Leviten zu sorgen, schien es vermutlich den Juden ganz natürlich, für alle religiösen Zwecke beizusteuern. Die Jünger hatten einen Kassierer, Judas (Joh. 12:6; 13:29) und litten offenbar nie Mangel, wiewohl sie auch andererseits niemals um Almosen baten. Hierüber finden wir in den Worten unseres Herrn auch nicht die leiseste Andeutung. Er vertraute einfach auf die Vorsehung seines Vaters, und einige ehrbare Frauen dienten ihm mit ihrer Habe. - Matth. 27:55, 56; Luk. 8:2, 3

Hätte unser Herr in seinen Predigten und Gleichnissen Aufrufe zum Kollektieren gebracht, so hätten diese sie entkräftet. Nichts ist so ansprechend, wie die zutage tretende Selbstlosigkeit des Meisters und seiner zwölf Auserwählten, Judas ausgenommen, den dieser Mangel zu Fall brachte. (Joh. 12:5, 6) Die Geldliebe, der Hang zu prunken, und das Kollektenwesen in Babylon tragen viel dazu bei, seinen sonst starken Einfluss abzuschwächen; und dass die heutigen Getreuen des Herrn diesen Geist nicht unter sich wohnen haben, so wenig wie die Gläubigen zur Zeit seiner ersten Gegenwart, spricht sehr zu ihren Gunsten bei denen, die draußen sind und ihren Wandel beobachten, ohne ihre Lehre völlig würdigen zu können. In sehr bemerkenswerter Weise hat der Herr bisher für das Nötige in seinem Erntewerk gesorgt, und wir sind gewiss, dass es dabei bleiben wird, indem wir dafür halten, dass dies des Herrn Absicht ist.

Mögen jene, denen die Güter und Annehmlichkeiten dieser Welt wünschenswert erscheinen, dieselben im Handel oder in einträglichen Berufen suchen! Niemand möge ein Diener des Evangeliums Christi werden, es sei denn aus Liebe zu Gott, seiner Wahrheit und zu den Brüdern, aus Liebe, die auf äußerliches Wohlsein, Reichtum und Ehre bei den Menschen freudig, nicht murrend, verzichtet. Aber ach, die Namenchristenheit ist groß und weltlich geworden; ihre Diener tragen Titel wie Ehrwürden, Hochwürden, Hochehrwürden, Exzellenz, Doktor der Theologie; und diese Titel werden nicht nach Maßgabe der Bedürfnisse, sondern, wo das Freikirchensystem mächtig aufgeblüht, wie in England und in den Vereinigten Staaten, nach Maßgabe der Geschicklichkeit der Geistlichen, seiner Gemeinde starken Zuzug, namentlich von reichen Leuten, zu schaffen, verliehen. Die natürlichen Folgen dieses Verfahrens sind nicht ausgeblieben: "Seine Priester lehren um Lohn, und seine Propheten wahrsagen um Geld; und sie stützen sich auf Jehova und sagen: Ist nicht Jehova in unserer Mitte? kein Unglück wird über uns kommen!" - "Seine Wächter sind blind, sind alle ohne Erkenntnis; sie alle sind stumme Hunde, die nicht bellen können; sie träumen, liegen da, lieben den Schlummer. Und die Hunde sind gefräßig, kennen keine Sättigung; und das sind Hirten! Sie haben kein Verständnis; sie alle wenden sich auf ihren eigenen Weg, ein jeder von ihnen allen seinem Vorteil nach." "Sie werden sich selbst Lehrer aufhäufen nach ihren eigenen Lüsten, indem es ihnen in den Ohren kitzelt, und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren und zu den Fabeln sich hinwenden." - Micha 3:11; Jes. 56:10, 11; Phil. 3:2; 2. Tim. 4:3

Einige mögen einwenden, dass beide Extreme (zu große Besoldungen und gar keine Besoldungen), vermieden werden sollten. Solche können sich auf Stellen berufen wie: "Der Arbeiter ist seines Lohnes wert", und "wenn wir euch das Geistliche gesät haben, ist es ein Großes, wenn wir euer Fleischliches ernten?" Aber selbst diese kräftigsten Stellen der Schrift handeln nicht von fürstlichen Gehältern, sondern nur von dem absolut Notwendigen. Der Apostel deutet dies an durch die Anführung des Gebotes: "Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden." Der Ochse sollte seinen Hunger stillen können, mehr nicht. Den Grundton seines eigenen Dienstes gibt der Apostel an, wenn er schreibt: "Ich werde euch nicht zur Last fallen, denn ich suche nicht das Eure, sondern euch ... Ich will aber sehr gern alles verwenden und völlig verwendet werden für eure Seelen, wenn ich auch, je überschwenglicher ich euch liebe, um so weniger geliebt werde." - 2. Kor. 12:14, 15

Weder die Fußspuren Jesu noch diejenigen Pauli führen uns zum Grundsatze der Besoldung. Paulus zeigt zwar, dass es der Gerechtigkeit nicht zuwiderlaufen würde, für geistliche Dienste irdischen Lohn zu fordern; aber von sich selbst sagt er: "Ich habe niemandes Silber oder Gold oder Kleidung begehrt. Ihr selbst wisset, dass meinen Bedürfnissen und denen, die bei mir waren, diese Hände gedient haben. Ich habe euch alles gezeigt, dass man, also arbeitend, sich der Schwachen annehmen und eingedenk sein müsse der Worte des Herrn Jesu, der selbst gesagt hat: Geben ist seliger als nehmen." - Apg. 20:33-35

"Als ich bei euch anwesend war und Mangel litt, fiel ich niemandem zur Last, (denn meinen Mangel erstatteten die Brüder, die aus Mazedonien kamen), und ich hielt mich in allem euch unbeschwerlich, und werde mich also halten." - 2. Kor. 11:9

"Wir haben aber dieses Recht nicht gebraucht, sondern wir ertragen alles, auf dass wir dem Evangelium des Christus kein Hindernis bereiten." - 1. Kor. 9:12

Wir sind darin genau so frei wie die Apostel; und das Feststehen zur Sache sollte uns dazu führen, auch in diesem Stücke in ihre Fußstapfen zu treten. Der Herr, die Apostel und deren Genossen, welche reisten und ihre ganze Zeit in den Dienst der Wahrheit stellten, nahmen freiwillige Gaben von ihren Brüdern an, um ihre Bedürfnisse zu bestreiten, und, wie schon gesagt, das Auflegen der Hände der Versammlung von Antiochien bei der Aussendung des Paulus und Barnabas scheint anzuzeigen, dass die Versammlung die Kosten auf sich nahm und sich in dieser Weise an dem Werke beteiligte, genau wie die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, wenn sie "Pilgrime" aussendet und für deren Ausgaben aufkommt.

Dafür hingegen gibt es keine Andeutung, dass die Ältesten, welche der Versammlung zu Hause dienten, dafür einen Gehalt oder Entschädigungen bezogen hätten; und wir halten dafür, dass es sich für jede Ortsversammlung als vorteilhaft erweisen würde, freiwillige Dienste, seien es viele oder wenige, bedeutende oder unbedeutende, von ihren eigenen Mitgliedern anzunehmen. Die schriftgemäße Methode ist der geistigen Wohlfahrt zuträglich; sie geht darauf aus, alle Glieder zur Ausübung der verschiedenen Fähigkeiten, die ihnen zuteil geworden, zu veranlassen, und führt eher dazu, dass alle auf den Herrn als den wahren Hirten sehen, als wenn Unterhirten in Sold genommen werden. Nimmt die Zahl der fähigen Mitglieder zu, nun, so kann ja das Beispiel der Versammlung von Antiochien befolgt, können einige als Missionare, Pilgrime usw. ausgesandt werden. Wenn in diesem Falle eine Versammlung das Arbeitsfeld, auf dem sie sich nützlich machen kann, als sehr groß erkennt und einen Bruder unter sich hat, der seine ganze Zeit nutzbringend auf demselben zubringen kann, und nun von sich aus beschließt, seine Bedürfnisse zu bestreiten, kennen wir keine Stelle in der Schrift, welche die Annahme eines derartigen Anerbietens untersagen würde. Aber sowohl der dienende Älteste als auch die seine Bedürfnisse bestreitende Versammlung sollten darauf achten, dass die bewilligte Summe nicht weiter als zur Deckung der notwendigen Ausgaben des Ältesten und derer reiche, die ordentlicherweise auf ihn angewiesen sind. Ferner sollten beide Teile darauf achten, dass alle Glieder der Versammlung ihre Fähigkeiten üben, insonderheit diejenigen, welche sich zur Ältestenstellung eignen; sonst wird sicherlich der Geist Babylons, die Namenkirchlichkeit, aufblühen.

Zucht in der Versammlung
(Matth. 18:15-18)

Das Anwenden von Zuchtmitteln ist nicht ausschließlich Sache der Ältesten, sondern auch die der ganzen Versammlung. Wenn einer abzuirren oder in Sünde zu fallen scheint, so sollte er zunächst nur von demjenigen darauf aufmerksam gemacht werden, dem er unrecht getan, oder der die Sünde bemerkt zu haben glaubt. Vermag sich der Getadelte nicht zu rechtfertigen, oder beharrt er auf dem bösen Wege, dann sollten zwei oder drei Brüder, die in der Sache nicht voreingenommen sind, gebeten werden, sich dieselbe vorlegen zu lassen, um dem Tadler wie dem Getadelten mit ihrem Rate beizustehen. Es können dies nun Älteste sein oder nicht; ihre Ältestenschaft würde ihnen in diesem Falle nicht mehr Autorität verleihen, ausgenommen insofern, als ihr Urteil für reifer gehalten und von ihrem Rate größerer Nutzen erwartet wird. Entscheidet dieses kleine Komitee einstimmig zugunsten des einen, so sollte sich der andere fügen und die ganze Angelegenheit als erledigt betrachtet werden, nachdem der Ermahnung nachgekommen oder das begangene Unrecht nach Möglichkeit gutgemacht worden ist. Sollte aber eine der streitenden Parteien auch jetzt noch in dem beharren, was als unrecht betrachtet wurde, so darf derjenige, welcher die Sache in Fluss gebracht, oder einer von den zugezogenen Zeugen, oder am liebsten diese alle zusammen dann, aber erst dann, die Angelegenheit vor die Versammlung bringen. Daraus ist klar ersichtlich, dass die Ältesten nicht die Richter und Regenten der Glieder sind; das Recht, zu verhören und zu urteilen wird von unserem Herrn selbst der Versammlung zuerkannt.

Wenn nun also in einem Streithandel die beiden ersten Schritte getan worden und die Ältesten sich dessen vergewissert haben, dann ist es deren Pflicht, die ganze Versammlung der Geweihten als Gerichtshof einzuberufen, damit sie von der Angelegenheit bis ins einzelne Kenntnis nehme und im Namen des Hauptes eine Entscheidung treffe. Und es sollte so völliges Licht in die Angelegenheit gebracht und der Schuldige so großmütig behandelt werden, dass die Entscheidung einstimmig oder wenigstens mit sehr starker Mehrheit getroffen werden könnte. So wird der Friede und die Einigkeit der Versammlung gewahrt bleiben. Umkehr des Schuldigen muss bis zum Augenblick der Urteilsfällung durch die Versammlung möglich bleiben; ja, es ist gerade der Zweck der verschiedenen Schritte, den Schuldigen zur Umkehr zu bringen. Nicht die Strafe ist der Zweck des Verfahrens; sie ist nicht unsere, sondern Gottes Sache. "Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr." (Röm 12:19) Wann auch der Schuldige seinen Fehler bereuen und sich bessern mag, es soll immer für alle, die des Herrn Geist besitzen, eine Ursache sein, zu danken und sich zu freuen; denn andere sind nicht Glieder seines Leibes. - Röm 8:9

Wenn sich nun der Schuldigbefundene der Entscheidung der Versammlung nicht unterwerfen will, so soll keine andere Strafe über ihn verhängt werden als die, dass die Brüder sich von ihm zurückziehen, die brüderlichen Beziehungen zu ihm abbrechen, ihn als Heiden und Zöllner behandeln. - Matth. 18:17

Nie während des ganzen Verfahrens sollen die Verfehlungen des Schuldigen allgemein kundgemacht und dadurch Schande auf diesen, die Versammlung und den Herrn selbst gebracht werden. Auch dann sollte nicht lieblos von dem Schuldigen geredet werden, nachdem die Brüder sich von ihm zurückgezogen haben, so wenig wie wir von Heiden und Zöllnern Böses aussagen, sondern jedermann Gutes erweisen sollten. (Titus 3:2; Gal. 6:10) Was aber das Gebot der Liebe "allen Menschen" gegenüber fordert, wie viel mehr muss das einem Bruder gegenüber gelten, einem Gliede des Leibes Christi, der da ist die Versammlung. Wie viel weniger darf solch einer durch unrichtige oder übertriebene Aussagen geschädigt werden! Ja noch mehr; seine Schwachheiten, Mängel oder Sünden sollten sorgfältig verdeckt werden, nicht nur vor der feindlichen Welt, sondern auch vor dem Haushalte des Glaubens und sogar vor der Herauswahl, solange es nicht absolut notwendig ist, die Versammlung zu benachrichtigen. Der Geist der Liebe hofft allezeit, dass der Schuldige unter dem Einflusse eines Missverständnisses handelte, und betet um Gnade und Weisheit von oben, damit es ihm vergönnt sei, einen Bruder von dem Irrtum seines Weges zurückzuführen und so (möglicherweise) eine Seele (Neue Schöpfung) vom (zweiten) Tode zu erretten. - Jak. 5:20

Möchte doch der Heilige Geist, der Geist der Liebe, so reichlich in jedem Mitgliede der Herauswahl wohnen, dass es ein jedes schmerzt, irgend etwas Ungünstiges über irgend jemand, insbesondere über einen Bruder, zu hören! Dies würde sofort der Hälfte aller Reibung oder mehr ein Ende machen. Die Gefahr, dass die Befolgung der in Matth. 18:15-18 gegebenen Methode des Herrn zahlreiche Gerichtssitzungen der Herauswahl nötig macht, besteht nicht. Sie bezweckt nur die Beseitigung der Anlässe zu Streiterei und die Erzeugung des Respekts vor der Entscheidung, welche die Versammlung im Namen des Herrn zu treffen berufen werden könnte. Wenn übrigens Ordnung und Liebe vorherrscht, wird jeder suchen, soweit wie möglich auf sich selbst acht zu haben, anstatt seinen Bruder zu missbilligen oder zu bekritteln oder vor dem kleinen Komitee oder der ganzen Versammlung zu verklagen, ohne dass die Sache wichtig genug ist, um den Schuldigen, die Versammlung oder die Wahrheit ernstlich zu gefährden.

Ohne Frage haben die weitaus meisten Schwierigkeiten in der Herauswahl (wie in der Familie oder in der menschlichen Gesellschaft überhaupt) ihre Ursache keineswegs in einem Wunsche, unrecht zu tun, oder in einem absichtlich begangenen Unrechte, sondern in Missverständnissen und teilweise unrichtigen Auslegungen von Absichten und Beweggründen. Die Zunge richtet dabei das größte Unheil an. Es ist daher ein Teil des Geistes des gesunden Sinnes, über seine Lippen ebenso sehr zu wachen wie über sein Herz, aus dem die lieblosen Gedanken aufsteigen, die, wenn die Lippen ihnen Ausdruck geben, böse Leidenschaften entzünden und oft viele schädigen. Die Neue Schöpfung - die Herauswahl - hat von ihrem Herrn und Haupte in diesem Stücke sehr genaue Weisungen empfangen. Der Geist der Liebe sollte einen jeden so sehr erfüllen, dass er allein zu seinem Beleidiger geht, ohne sich vorher mit irgend jemand anders besprochen zu haben. Dabei sollte nicht bezweckt werden, den Übertreter zu beschämen, zu beschimpfen oder sonst wie zu bestrafen, sondern nur einem Unrecht eine Ende zu machen und, wenn möglich, für erlittenen Schaden Entschädigung zu fordern. Anderen davon zu erzählen, vorher oder nachher, ist lieblos, unfreundlich und läuft dem Worte und Geiste unseres Hauptes zuwider. Nicht einmal zum Zwecke des Ratsuchens sollte davon gesprochen werden; wir haben den Rat des Herrn, welcher vollständig genügt; wir brauchen ihn nur zu befolgen. Ist der Fall besonders schwierig, so mag der Weiseste unter den Ältesten zu Rate gezogen werden, jedoch so, dass derselbe nicht erfährt, um wen es sich handelt.

Ist die Sache nicht ernstlicher Natur, so sollte es mit dem persönlichen Schritte bei dem Übertreter sein Bewenden haben, ob er nun höre und nachgebe, oder nicht. Scheint der zweite Schritt notwendig, so soll der Fall dem Komitee nur in Gegenwart beider Teile vorgetragen werden. So würde üble Nachrede vermieden, und das Komitee träte ohne Voreingenommenheit an die Sache heran und wäre um so besser imstande, beiden Teilen weise Ratschläge zu erteilen. Denn der Fehler kann ebenso gut ganz oder teilweise auf Seiten des Klägers liegen. Jedenfalls wird der Beschuldigte durch eine so offene Behandlung zugunsten des Komitees gestimmt und leichter nachgeben, wenn er sieht, dass auch das Komitee findet, er habe Unrecht. Aber ob er nun nachgebe oder nicht, so bleibt die Sache so lange ein Geheimnis, worüber zu niemandem geredet wird, bis sie, falls sie wichtig genug ist, vor die Versammlung gebracht und dort endgültig entschieden wird. Dann erst erhalten alle Heiligen davon Kenntnis, und je weiter diese in der Heiligung fortgeschritten sind, um so mehr werden sie wünschen, nicht mehr als durchaus notwendig zu irgend jemandem von den Schwachheiten oder Vergehungen eines anderen zu reden.

Der einzelne muss sich nun selber einen klaren Begriff von der Richtigkeit der Entscheidung der Versammlung machen; denn er hat von sich aus dementsprechend zu handeln. Der Entzug der Gemeinschaft und des Umganges hat den Zweck, den Schuldigen zu bessern; dies wird vom Herrn selbst vorgeschrieben. Es dient der Herauswahl als Schutz, sich von solchen fernzuhalten, die unordentlich und nicht dem Geiste der Liebe gemäß wandeln. Dieser Entzug soll übrigens nur so lange dauern, bis der Betreffende sein Unrecht eingesehen und nach Möglichkeit gutgemacht hat.

Anklagen gegen Älteste

"Wider einen Ältesten nimm keine Klage an, außer bei zwei oder drei Zeugen" - 1. Tim. 5:19 -

In diesem Verse bringt der Apostel zwei Grundgedanken zum Ausdruck: 1. Dass jemand, den die Versammlung als Ältesten berufen hat, dadurch schon als im Besitz eines guten, edlen Charakters stehend und als besonders eifrig für die Wahrheit und ergeben in Gott anerkannt worden ist; 2. dass solche Personen infolge ihrer hervorragenden Stellung in der Versammlung den Angriffen des Widersachers besonders ausgesetzt sind. Sie werden leichter als andere der Gegenstand des Neides und Hasses, wie es auch der Herr voraussagte: "Wundert euch nicht, Brüder, wenn die Welt euch hasst"; "wenn die Welt euch hasst, so wisset, dass sie mich vor euch gehasst hat"; "haben sie den Hausherrn Beelzebub geheißen, wie viel mehr seine Hausgenossen!" (1. Joh. 3:13; Joh. 15:18; Matth. 10:25) Je treuer und fähiger ein Bruder, je ähnlicher er dem Meister, um so richtiger ist es, wenn er zum Ältesten gewählt wird; und je pflichttreuer ein Ältester, um so sicherer kann er sein, Feinde zu haben, nicht nur Satan und seine Engel, sondern auch solche, welche Satan irrezuführen und zu täuschen vermag.

Dies sollte einen Ältesten davor schützen, auf die Aussage eines einzelnen hin verurteilt zu werden, sofern sein Wandel sonst richtig erscheint. Auf bloße Gerüchte ist überhaupt nicht zu hören; denn kein wahrer Mitberufener, der des Herrn Anordnung (Matth. 18:15) kennt, wird ein Gerücht in Umlauf setzen oder solchen glauben, die dies tun und sich dadurch als ungehorsam erweisen. Um auch nur gehört zu werden, müssen die Ankläger in der Lage sein, als Ohren- oder Augenzeugen aufzutreten. Doch gilt auch im Falle der Ältesten das allgemeine Verfahren. Der erste, der etwas Unrichtiges zu bemerken glaubt, sollte, wenn eine persönliche Unterredung nutzlos geblieben, zwei oder drei Brüder mitnehmen und diese zu Zeugen des Widerstandes des Ältesten machen. Erst dann, wenn der Älteste sich nicht bessern würde, sollte Timotheus oder irgend sonst jemand die Angelegenheit der Versammlung unterbreiten.

Der Umstand, dass die Anschuldigung vor zwei oder drei Zeugen verlangt wird, genau wie für alle Glieder, lässt vermuten, dass der Apostel nichts weiter wollte, als dem Ältesten alles und jedes Recht sichern, dessen sich alle Brüder erfreuten. Es mag sein, dass einige aus der Forderung, dass ein Ältester nicht bei den Brüdern allein, sondern auch außerhalb der Versammlung einen guten Ruf haben müsse, den Schluss zogen, ein Ältester müsse gerade wegen seiner einflussreichen Stellung auf die Anschuldigung hin vor die Versammlung gestellt werden. Doch die Worte des Apostels stellen fest, dass sich ein Ältester der gleichen Rechtsgelegenheiten erfreuen soll wie andere.

Jede Neue Schöpfung sollte sich dies wohl einprägen und daran denken, dass sie sich nur als Zeuge ein Urteil bilden soll. Was andere zu wissen vorgeben und leichthin erzählen, dem sollte keiner Glauben noch auch Beachtung schenken. Wenn zwei oder drei nach des Herrn Vorschrift jemanden vor der Versammlung beschuldigen, nicht leichthin und in böser Absicht, sondern der vom Worte Gottes erhaltenen Belehrung gemäß, auch dann noch soll ihnen nicht ohne weiteres geglaubt, sondern beide Teile sollen gehört werden, der eine in Gegenwart des anderen, und die Entscheidung und Ermahnung der Versammlung sollte nach dem Geiste Gottes sein und in Worte gefasst, welche dem Übertreter auf den rechten Weg zurückhelfen und ihn nicht in die Finsternis draußen stoßen.

Falsch verstandene Berufung zum Predigen

Viele Leute behaupten, sie seien vom Herrn berufen worden, das Evangelium zu predigen. Zuweilen fügen sie auch im nächsten Augenblick hinzu, sie hätten nie gewusst, warum, und sie fühlten sich zu diesem Dienste gar nicht fähig, oder die Umstände hätten sie immer verhindert, dem Ruf Folge zu leisten. Werden sie nun gefragt, wie denn der Ruf an sie ergangen sei, so kommt schließlich an den Tag, dass sie sich nur einbildeten oder vermuteten, berufen zu sein. Der eine hatte einmal (vielleicht bevor er überhaupt ein Christ war) den Eindruck, er sollte sich ganz Gott und seinem Dienste weihen, und sein höchster Begriff von dem Dienst für Gott und "Predigen" ist von dem Einflusse desjenigen Predigers der Namenkirche hergeleitet, dessen Vorträge er samt seinen Familienangehörigen anhörte. Ein anderer wünschte anderen zu Gefallen Prediger zu werden und sagte zu sich selber: Wie gut würde mir doch der Kanzelrock stehen, und wie angenehm wäre es, mich der Achtung, des Titels und des Gehaltes eines Geistlichen, selbst zweiten oder dritten Ranges, zu erfreuen! Hat einer ein gut Stück guter Meinung von sich selbst, so hat er möglicherweise noch den weiteren Eindruck, dass, wie die erwählten Apostel ungelehrte und unwissende Leute waren, Gott möglicherweise gerade deshalb an ihn gedacht habe, weil es ihm an Begabung und Bildung gebreche. Aber, Gott hat vielen solchen, und seiner Kirche zumal, dadurch einen Dienst geleistet, dass er ihnen den Weg verlegte, auf dem ihr Ehrgeiz, den sie für göttliche Berufung hielten, zu wandeln begehrte.

Wie schon gezeigt, ist ein jedes Glied der Neuen Schöpfung zum Predigen berufen - nicht durch seine Einbildungskraft oder seinen Ehrgeiz, sondern durch das Wort, welches alle, die die Gnade Gottes nicht umsonst empfangen haben, auffordert, die Tugenden dessen zu verkündigen, der sie aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte berufen hat. (1. Petr. 2:9) Dieser Ruf umschließt mithin alle, die vom Geiste der Wahrheit gezeugt sind: Mann und Weib, Sklaven und Freie, Reiche und Arme, Gebildete und Ungebildete, Schwarze, Braune, Rote, Gelbe und Weiße. Was bedarf es weiteren Auftrages als: "Er hat ein Lied in meinen Mund gelegt" - eben "die Gütigkeiten Jehovas"? - Psalm 40:3; 107:43.

Gewiss, der Herr erwählte und berief die zwölf Apostel in besonderer Weise, aber auch zu einem besonderen Dienste; gewiss, er hat sich auch vorgenommen, soweit sein Volk auf seine Worte zu hören bereit ist, die verschiedenen Glieder seines Leibes nach seinem Gutdünken zu "setzen", das eine zu diesem, das andere zu jenem Dienste, "ein jedes nach seiner eigenen Fähigkeit." (Matth. 25:15) Aber er zeigt uns auch deutlich, dass viele suchen werden, sich selber als Lehrer einzusetzen; dass es Pflicht der Herauswahl sei, beständig auf ihn als ihr Haupt und ihren Führer zu schauen, und nicht ehrgeizige Brüder zu begünstigen, die dabei das Ihre suchen; dass, wenn sie es in diesem Stücke fehlen lassen, dies einer Vernachlässigung des Wortes Gottes, einem Mangel an Liebe und Gehorsam gleichkomme und schließlich zum ernstlichen Schaden einer solchen Versammlung und der selbstherrlichen Lehrer ausschlagen werde.

Die Regel, nach welcher der Herr handelt ist deutlich in Luk. 14:11 ausgedrückt, wo wir lesen: "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden." Danach hat sich die Herauswahl in allen Stücken, in denen sie den Willen des Herrn zu erforschen und ihm zu gehorchen suchen soll, zu richten. Der Herr stellt solche in den Vordergrund, deren Eifer, Treue und geduldiges Ausharren im Gutestun sich in kleinen Dingen ausgewiesen hat. "Wer im Geringsten treu ist, ist auch in vielem treu." (Luk. 16:10) "Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen." (Matth. 25:21, 23) Schon auf der untersten Stufe der Leiter ist reichlich Raum zur Betätigung des Eifers und der Treue. Wer nur recht will, wird nicht lange vergeblich nach Gelegenheit suchen, dem Herrn, der Wahrheit und den Brüdern auf unscheinbare Weise, die den Hochmütigen nicht gut genug ist, weil sie nach Dienstleistungen trachten, die ihnen mehr Ehre bei den Menschen einbringen, zu dienen. Die Treuen aber werden jeden Dienst mit Freuden leisten. So muss dem Willen Gottes als einer Kundgebung seiner Weisheit von jedem Gliede der Neuen Schöpfung gewissenhaft nachgelebt werden, insbesondere bei Abstimmungen in den Versammlungen, welche den Willen des Hauptes zum Ausdruck bringen sollten.

Ein sich selbst suchender Bruder sollte, auch wenn er sich sonst eignen würde, nicht als Ältester gewählt und ein weniger befähigter ihm vorgezogen werden, wenn er demütig ist. Der hierin für den Übergangenen liegende stumme Tadel sollte allen gut sein, auch ohne ein Wort über die Ursachen des Wahlergebnisses zu verlieren. Und wenn sich ein wohl befähigter Ältester als herrschsüchtig auszuweisen, sich als über der Versammlung stehend, eine eigene Klasse bildend und sein Recht zum Lehren als von der Versammlung unabhängig (oder wie manche sagen, als direkt vom Heiligen Geiste empfangen) zu betrachten anfinge, so wäre es einem solchen gegenüber gütig und pflichtgemäß zugleich gehandelt, wenn er eine Zeitlang mit weniger hervorragendem oder auch gar keinem Dienst betraut würde, bis er sich die darin liegende Missbilligung merkt und so den Fallstricken des Widersachers entrinnt.

Alle sollten dessen eingedenk sein, dass Strebsamkeit in der Herauswahl ebenso notwendig ist wie in der Welt, nur dass in der Neuen Schöpfung nicht danach gestrebt wird, groß und vornehm zu sein, sondern dem Herrn und seinen Brüdern, selbst den geringsten, zu dienen. Wir wissen alle, wie der Hochmut Satan zu Fall brachte, aus einem bei Gott in Gunst stehenden Diener einen Feind seines Schöpfers und Gegner aller Gerechtigkeit machte. Gleicherweise werden alle, welche in seine Wege treten und sprechen: "Ich will hinaufsteigen hoch über die Sterne Gottes (mich setzen über die anderen Söhne Gottes) ... mich gleich machen dem Höchsten" (ein Herrscher unter ihnen, der sich göttliche Autorität anmaßt, ohne von Gott dazu bestellt zu sein, eine Stellung einnimmt, die der göttlichen Ordnung zuwiderläuft) - von Gott missbilligt und ihm dadurch in entsprechendem Maße entfremdet werden. Der Einfluss solcher ist gleich demjenigen Satans ein schädlicher. Wie Satan ein unsicherer Lehrer wäre, geradeso würde von seinem Geiste Geleitetes in Finsternis geraten, anstatt zum Lichte zu gelangen, denn sie befänden sich nicht in der richtigen Herzensstellung, um selber Licht zu empfangen und als Boten, die es an andere weitergeben könnten, gebraucht zu werden.

Wenn sich ein Bruder je berufen fühlen sollte, einigermaßen öffentlich zu predigen, auch dann noch, wenn sich die Gelegenheit hierzu nicht in der angegebenen Weise geboten hätte, wenn er Neigung dazu zeigen sollte, sich der Versammlung, ohne dazu gewählt worden zu sein, aufzudrängen, oder wenn ein erwählter Leiter oder Ältester seine Stellung festzuhalten und sie als ein wohlerworbenes Recht zu betrachten versuchen sollte, ohne sich einer Wiederwahl zu unterwerfen, so können wir sicher sein, dass er entweder nicht gemerkt hat, wie er zu handeln hätte, oder aber, dass er die böse, sich selbst suchende Gesinnung hat, mit welcher kein Dienst in der Versammlung vereinbar ist. In beiden Fällen wird es notwendig sein, bei der ersten Gelegenheit eine Neuwahl vorzunehmen; und zwar, wie wir schon angedeutet, etwa am ersten Sonntage eines Jahres oder eines Quartals.

"Weiset die Unordentlichen zurecht"

"Wir ermahnen euch aber, Brüder: Weiset die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, nehmet euch der Schwachen an, seid langmütig gegen alle. Sehet zu, dass niemand Böses mit Bösem vergelte, sondern strebet allezeit dem Guten nach gegeneinander und gegen alle." - 1. Thess. 5:14, 15

Diese Ermahnung gilt nicht den Ältesten allein, sondern der ganzen Versammlung mit samt den Ältesten. Sie anerkennt, dass, wenn auch die ganze Versammlung, als Gottes Neue Schöpfung, vor ihm als die Gesamtheit Neuer Schöpfungen in Christo Jesu vollkommen dasteht, doch ein jeder einzelne seine Unvollkommenheiten nach dem Fleische habe. Sie zeigt ferner, was wir alle erkennen, dass diese Unvollkommenheiten nicht bei allen gleicher Art und gleicher Tragweite sind; gerade wie in Kindern nach dem Fleische die Neigungen verschieden sind, und daher das Verfahren der Eltern auch je nach denselben verschieden sein muss, so gibt es auch in der Familie Gottes große Verschiedenheiten, sodass es nötig ist, dass darauf gegenseitig Rücksicht genommen werde. Aber nicht in der Weise, dass wir Freude empfänden, die Unvollkommenheiten des anderen zu entdecken. Eine solche Stellung würde uns sehr schaden, indem sie in unseren Herzen die Sucht erstarken lassen würde, andere zu bekritteln, unseren Blick für die Schwachheiten und Unvollkommenheiten der anderen schärfen und uns vielleicht in dem Maße für unsere eigenen Mängel blind machen würde. Solches Kritisieren liegt dem Geiste und der Absicht des Apostels in obiger Ermahnung durchaus fern. Diese richtet sich an solche, die vom Geiste der Wahrheit, vom Geiste der Heiligkeit, vom Geiste der Demut, vom Geiste der Liebe gezeugt sind. Wer infolge dieser Zeugung in den Gnadengaben des Geistes heranwächst, fürchtet und sieht zuerst seine eigenen Mängel, indem seine Liebe für die anderen ihn dazu führen wird, die der anderen in seinem Herzen soviel wie möglich zu entschuldigen. Aber wenn auch dieser Geist der Liebe Recht hat, die Fehler und Schwachheiten der Brüder zu verzeihen, so muss er gleichwohl darauf acht haben, ihnen Gutes zu tun, nicht durch barsche Worte, Zank und Streit, gegenseitige Bekrittelung und üble Nachrede, sondern in einer mit der goldenen Regel der Liebe verträglichen Art und Weise. Er wird mit Freundlichkeit, Milde, Langmut und Geduld den Schwachheiten des anderen Rechnung tragen, aber gleichzeitig dem anderen nach Kräften helfen, diese Schwachheiten loszuwerden, indem er sich dessen erinnert, dass er deren auch verschiedene abzulegen hat.

Die Unordentlichen sollen also auf ihrem bösen Wege nicht ermutigt und unterstützt werden, sondern liebevoll und freundlich sollen sie daran erinnert werden, dass Gott ein Gott der Ordnung ist; dass also, je mehr wir ihm ähnlich und von ihm begünstigt zu werden wünschen, wir um so genauer auf Ordnung acht haben müssen. Sie sollten daran erinnert werden, dass Gottes Anordnung nichts ferner liegt als Anarchie. Wie die Weltleute darin einig sind, dass die denkbar schlechteste Regierungsform besser ist als Anarchie, so sollte auch das Volk Gottes, welches den Geist des gesunden Sinnes, den Heiligen Geist empfangen hat, diesem Grundsatze innerhalb der Versammlung huldigen. So ermahnt uns denn auch der Apostel, einer dem anderen zum Besten der Gesamtheit und der Sache des Herrn untertan zu sein. Wären wir alle vollkommen, so würden wir alle genau gleich denken und bedürften nicht, dass sich einer dem anderen unterordne. Aber da unser Bestreben ungleich ist, ist es notwendig, dass ein jeder auf den anderen und dessen Standpunkt im Beobachten und Urteilen Rücksicht nehme, und dass ein jeder im Interesse des allgemeinen Friedens suche, in einem, ja jedem Stücke nachzugeben, wo dies zur Erhaltung der Einheit des Geistes im Bande des Friedens notwendig ist, ausgenommen natürlich, wenn dadurch Grundsätze preisgegeben werden müssten.

Die Unordentlichen sind vielleicht wegen ihrer Eigenschaft nicht ganz zu tadeln. Viele sind von Jugend an unordentlich und bleiben es später in Kleidung und in allen irdischen Angelegenheiten. Ihre Unordentlichkeit ist mithin ein Teil ihrer Schwachheit. Dann sollte derselben voller Mitleid und Freundlichkeit gedacht werden; nur darauf muss geachtet werden, dass ihre Unordentlichkeit der Versammlung Gottes keinen Schaden zufügt, die Versammlung an ihrer Nützlichkeit zum Erforschen der Wahrheit und zum Dienste an der Wahrheit beizutragen, nicht hindert. Es ist nicht Gottes Wille, dass sein Volk vor lauter Milde im Verkehr mit Unordentlichen schwach werde. Freundlich und liebevoll, aber fest zugleich, sollte solchen gezeigt werden, dass Ordnung das erste Gesetz im Himmel ist und es mithin auch denen wichtig sein müsse, welche himmlische Gesinnung haben; und dass es für eine Versammlung sündhaft sein würde, einem, zwei oder mehreren Gliedern zu gestatten, die göttliche Regel zu missachten, welche im Worte Gottes ausgedrückt und im allgemeinen von der Versammlung, welcher sie angehören, verstanden wird.

Das Ermahnen kein allgemeiner Befehl

Es wäre jedoch ein schwerer Irrtum zu glauben, dass der Apostel auch an dieser Stelle, wo er ganz allgemein redet, der Meinung wäre, dass ein jedes Mitglied der Versammlung ermahnen sollte. Weislich und hilfreich zu ermahnen ist eine sehr schwere Sache, und gar wenige haben diese Gabe. Darum ist die Wahl von Ältesten durch die Versammlung so zu verstehen, dass sie diejenigen an die Spitze stellen sollte, welche, verbunden mit natürlicher Veranlagung, die fortgeschrittenste geistige Entwicklung zeigen, nicht nur zum Leiten der Zusammenkünfte usw., sondern auch zur Aufrechterhaltung von Ordnung und weiser, gütiger, aber nicht schwächlicher, sondern fester Ermahnung der Unordentlichen. Dass es der Apostel so meint, geht deutlich aus den vorhergehenden Versen hervor, welche wir hier ebenfalls anführen wollen:

"Wir bitten euch aber, Brüder, dass ihr die erkennet, die unter euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen und dass ihr sie über die Maßen in Liebe achtet, um ihres Werkes willen. Seid in Frieden untereinander." - 1. Thess. 5:12, 13

Wenn bei der Wahl der Ältesten mit göttlicher Weisheit verfahren wurde, so folgt daraus, dass die Erwählten in hoher Achtung stehen; und da Neulinge nicht gewählt werden sollten, so folgt weiter, dass die Erwählten um ihrer Werke willen geschätzt und auserkoren, dass an ihrem ganzen Gebaren erkannt worden ist, dass sie nebst gewissen natürlichen Gaben und Anlagen ein besonders reichliches Maß Heiligen Geistes der Liebe, Weisheit und Niedriggesinntheit haben. "Seid in Frieden untereinander", wie der Apostel ermahnt, bedeutet, dass die Versammlung, nachdem sie Älteste zu ihren Vertretern gewählt, von ihnen nun auch erwartet, dass sie die Dienste verrichten, zu denen sie gewählt, und dass dann nicht ein jeder versuchen soll, nur Leiter, Vertreter, Ermahner usw. zu sein. Wie wir schon gesehen, soll nicht ein jeder den anderen selber richten; nur die Versammlung als Ganzes kann einen von der Gemeinschaft und der Teilnahme an den Zusammenkünften ausschließen. Und auch diese Maßregel soll erst Platz greifen, wie schon ausgeführt, nachdem die verschiedenen Schritte mehr vertraulicher Art getan wurden und alle Bemühungen, Besserung zu erzielen, nutzlos geblieben sind, sodass eine längere Duldung des Unordentlichen die Interessen der Gesamtheit gefährden würde. In den zuletzt angeführten Versen ermahnt der Apostel, dass die Versammlung die erkenne (d.h. anerkenne), und von denen, die sie gewählt hat, erwarten soll, dass sie die Interessen der Herauswahl wahrnehmen und die Unordentlichen so lange zurechtweisen, bis es ernst genug wird, um die Entscheidung der Versammlung anzurufen.

Öffentlicher Tadel selten

Solche Ermahnung kann unter bestimmten Umständen öffentlich vor der Versammlung vorgenommen werden müssen, wie der Apostel an Timotheus schreibt: "Die da (offenkundig) sündigen, überführe vor allen, auf dass auch die übrigen Furcht haben." (1. Tim. 5:20) Ein solcher öffentlicher Tadel setzt notwendigerweise voraus, dass die begangene Sünde offenkundig und schwer gewesen ist. Bei verhältnismäßig leichten Verstößen gegen Regeln der Ordnung sollten die Ältesten der goldenen Regel, dem Gebote der Liebe, gemäß darauf achten, "einander anzureizen zur Liebe und zu guten Werken", und darauf achtend, werden sie erkennen, dass ein Wort im Vertrauen dem Übertreter viel hilfreicher ist als öffentlicher Tadel, der ein empfindsames Gemüt verwunden könnte, ohne dass eine Notwendigkeit dazu vorläge, und wo Liebe in solchen Fällen einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Doch auch, wenn eine schwere Vergehung öffentlichen Tadel durch einen Ältesten erfordert, sollte dieser liebevoll und mit dem Wunsche erteilt werden, dass der Getadelte sich bessern und den Rückweg finden möchte, und nicht etwa mit dem Bestreben, den Getadelten auszuschließen oder verhasst zu machen. Auch hat ein Ältester nicht die Befugnis, irgend jemanden von den Zusammenkünften auszuschließen. Eine solche Maßregel steht, wie schon gesagt, nur der Versammlung zu, und auch dieser nur, nachdem der Angeschuldigte volle Gelegenheit erhalten hat, sich zu verteidigen, zu bessern und um Verzeihung zu bitten. Die Versammlung der dem Herrn Geweihten vertritt den Herrn, der Älteste vertritt nur die Versammlung. sie war es, die bei der Ältestenwahl dem Willen des Herrn nach bestem Wissen und Gewissen Ausdruck zu verleihen suchte; sie ist die oberste Instanz in allen solchen Dingen, darum ist auch der Wandel eines Ältesten stets von der Versammlung, deren Anschauung den Willen des Herrn ausdrücken soll, zu beobachten und nötigenfalls zu berichtigen.

Wir möchten an dieser Stelle die Frage etwas näher untersuchen, wie weit sich die Pflicht der Versammlung, die Unordentlichen zurechtzuweisen oder durch die Ältesten zurechtweisen zu lassen oder auch von den Zusammenkünften auszuschließen, erstreckt. Zu einer Ausschließung auf immer ist die Versammlung nicht befugt. Der Bruder, welcher, nachdem er einem Mitbruder oder der Versammlung Unrecht getan, umkehrt und sagt: "Ich bereue meinen bösen Weg und verspreche, mich in Zukunft zu bemühen, richtig zu handeln", oder sonst etwas derartiges, muss völlige, herzliche Vergebung finden, wie wir sie selbst vom Herrn für alle unsere Übertretungen erhoffen. Einzig der Herr hat das Recht, auf immer auszuschließen, eine Rebe vom Weinstocke abzuschneiden. Die Schrift belehrt uns, dass es eine Sünde zum Tode gibt, für welche zu beten nutzlos ist (1. Joh. 5:16), und wir sollten erwarten, dass eine solche absichtliche Sünde, die den zweiten Tod nach sich zieht, so offenkundig wäre, dass, wer mit dem Herrn wandelt, sie leicht gewahr würde. Wir sollten niemanden wegen Dingen richten, die in seinem Herzen sein mögen, denn wir vermögen nicht in den Herzen zu lesen. Wenn aber jemand absichtlich Sünde zum Tode begeht, so wird es sicherlich offenbar werden: durch seine Lippen, wenn es sich um Verleugnungen z.B. der Grundlehren von der Versöhnung durch Christi kostbares Blut handelt; durch seine Handlungen, wenn er wieder nach dem Fleische wandelt, "wie die gewaschene Sau sich wieder im Kote wälzt". Von solchen handeln Hebr. 6:4-8 und 10:26-31; von solchen gilt des Apostels Warnung, dass wir keinen Verkehr mit ihnen haben, nicht mit ihnen essen, sie nicht ins Haus nehmen, sie nicht grüßen sollten (2. Joh. 9-11), weil solche, die noch Umgang mit ihnen pflegen, geachtet würden, als nähmen sie für die Feinde Gottes, für ihre bösen Taten oder ihre bösen Lehren Partei.

Hinsichtlich der wegen Unordentlichkeit Ausgeschlossenen gelten ganz andere Verhaltungsmaßregeln. Sie sollten nicht als Feinde behandelt noch als Feinde betrachtet werden, sondern als irrende Brüder, wie der Apostel sagt: "Wenn aber jemand unserem Worte durch den Brief nicht gehorcht (wenn er unordentlich ist, sich weigert, sich gesunden Anschauungen von der Liebe und edler Denkungsart eingegebenen Ordnungsregeln zu unterwerfen), den bezeichnet und habet keinen Umgang mit ihm, auf dass er beschämt werde; und achtet ihn nicht als einen Feind, sondern weiset ihn zurecht als einen Bruder." (2. Thess. 3:14, 15) Dieser Fall wäre bei offener und öffentlicher Widersetzlichkeit gegen die Ordnungsregeln, welche der Apostel als des Herrn Mundstück aufgestellt hat, gegeben. Solch offenkundiger Widersetzlichkeit sollte von der Versammlung, nachdem die Sache wirklich so befunden, durch einen Tadel begegnet werden. Nützt das nichts, und fährt der Betreffende fort, sich der uns vom Herrn durch den Apostel gegebenen Ordnung zu widersetzen, so sollte er als so vollständig im Widerspruch stehend betrachtet werden, dass es unpassend wäre, weiter mit ihm zu verkehren, bis er sich den vernünftigen Anforderungen unterworfen hat. Er soll auf der Straße nicht ungegrüßt bleiben, sondern nur von den Zusammenkünften der Glaubenden ausgeschlossen sein. Dies liegt in den Worten unseres Herrn: "Er sei dir wie ein Heide und ein Zöllner." Unser Herr meinte nicht, dass wir einen Heiden oder Zöllner beleidigen oder sonst wie unfreundlich behandeln sollen, sondern nur, dass wir nicht wie Brüder mit ihm umgehen, keine vertraulichen Beziehungen mit ihm unterhalten sollten. Der Haushalt des Glaubens muss durch gegenseitige Liebe und Anhänglichkeit und verschiedene Beweise dieser Gefühle zusammengehalten und gefestigt werden. Der Entzug dieser Beweise soll dem ausgeschlossenen Bruder Schmerz verursachen, damit das Bedürfnis in ihm erwache, sich zu bessern und dadurch wieder Zutritt zu den Zusammenkünften zu erlangen. Darin liegt eine Aufmunterung, Wärme, Herzlichkeit, aufrichtige Brüderlichkeit in den Beziehungen unter den verschiedenen Gliedern des Leibes des Herrn vorherrschen zu lassen.

"Tröstet die Kleinmütigen"

Indem wir mit der Untersuchung der Worte des Apostels in unserem Text fortfahren, bemerken wir, dass die Versammlung die Kleinmütigen trösten soll. Wir erkennen daran, dass der Heilige Geist unsere sterblichen Leiber keineswegs so umgestaltet, dass sie gar keine Schwächen mehr hätten. Es gibt manche mit schwachen Sinnen und andere mit schwachen Körpern, und ein jeder bedarf um seiner eigenen Schwachheit willen des Mitleids. Die Kleinmütigen werden nicht durch Wunder geheilt; auch sollten wir nicht annehmen, dass Kleinmütige, welche nicht die ganze Länge, Breite, Höhe und Tiefe des Planes Gottes erfassen können, deshalb nicht doch Glieder am Leibe des Herrn sein können. Im Gegenteil, so wenig der Herr für seine Herauswahl solche aussucht, die körperlich stark und gut entwickelt sind, ebenso wenig sucht er ausschließlich geistig Starke, die imstande sind, jede Einzelheit des Planes Gottes sofort völlig zu erfassen. Es wird natürlich auch solche am Leibe geben, aber andere sind kleinmütig und bringen es daher nicht einmal bis zur Durchschnittserkenntnis. Welchen Trost sollten wir solchen geben? Wir antworten, dass die Ältesten in ihren Darlegungen der Wahrheit, und alle Glieder der Versammlung in ihrer Beziehung zu solchen, dieselben trösten sollten, nicht gerade dadurch, dass sie ihre Schwachheit erwähnen und zu vergeben bereit sind, sondern dadurch, dass sie das, was sie sagen, dem Fassungsvermögen der Schwachen anpassen und sich nicht wundern, wenn nicht alle Glieder der Familie Gottes gleich rasche Fortschritte machen. Niemand sollte denken, dass Brüder von so schwachen Fähigkeiten nicht zum Leibe gehören. Der Sinn würde ziemlich derselbe bleiben, wenn die verbesserte Übersetzung "Tröstet die Verzagten" annehmen würde. Es gibt nun einmal solche, denen es von Natur an Mut und Widerstandskraft gebricht, und die daher mit dem besten Willen und treuesten Herzen nicht bis zum gleichen Grade wie andere "stark im Herrn" sind und "den guten Kampf des Glaubens" in offener Feldschlacht so kämpfen können. Der Herr aber sieht ihren Wunsch, ihre Absicht, mutig zu sein und treu zu ihm zu stehen, und das müssen auch die Brüder tun, wenn sie den Überwindern zugezählt zu werden wünschen.

Alle sollten erkennen, dass der Herr sein Volk nach seiner Herzensgüte beurteilt. Wenn also die Kleinmütigen Verständnis und guten Willen genug haben, die Grundlage des göttlichen Planes über die Erlösung durch Christum Jesum und ihre Rechtfertigung durch den Glauben an den Erlöser zu erfassen, und wenn sie, gestützt auf diese Erkenntnis, sich dem Herrn gänzlich weihen, dann müssen sie in jeder Hinsicht so behandelt werden, dass sie sich völlig und gänzlich als Glieder am Leibe Christi fühlen, und empfinden, dass ihre Unfähigkeit, jeden Zug des Planes Gottes selber zu erklären, klar zu erfassen, oder nach außen so fest zu verteidigen, wie andere es können, ihnen nicht so ausgelegt wird, als hätte der Herr ihre Weihung nicht angenommen. Sie sollten vielmehr zu weiterer Hingabe an den Herrn ermutigt werden, und angespornt werden, zu tun, was ihre Hand zur Ehre Gottes oder zum Segen der Brüder zu tun findet, in dem Gedanken Trost suchend, dass zur rechten Zeit alle, die in Christo bleiben, die Früchte des Geistes hervorbringen und den Weg des Opferns gehen, neue Leiber mit vollkommener Befähigung erhalten werden, in welchen alle Glieder imstande sein werden, zu erkennen, wie sie selbst erkannt worden sind. Bis dies möglich ist, versichert uns der Herr, dass seine Kraft in unserer Schwachheit mächtig ist.

"Nehmet euch der Schwachen an"

Diese Ermahnung setzt voraus, dass in der Versammlung die einen schwächer sind als die anderen, nicht nur körperlich, sondern auch geistig, in dem Sinne, dass ihre menschlichen Leiber vom Falle einen so großen Schaden davon getragen haben, dass sie als Neue Schöpfungen größere Schwierigkeiten haben, zu wachsen und sich zu entwickeln. Solche darf man nicht abstoßen, im Gegenteil, wir müssen bedenken, dass, wenn der Her sie würdig erachtet hat, seine große Gnade und Güte zu erkennen, er auch wohl imstande ist, sie durch den, der uns geliebt und mit seinem kostbaren Blute erkauft hat, zu Überwindern zu machen. Solchen gelten die Verheißungen, dass, wenn wir in uns selbst schwach sind, wir im Herrn und in der Macht seiner Stärke stark sein können, indem wir alle unsere Sorgen auf ihn werfen und uns im Glauben auf seine Gnade stützen, und dass sie in der Stunde der Versuchung oder der Schwachheit die Erfüllung seines Versprechens schmecken können: "Meine Gnade genügt dir; denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht." (2. Kor. 12:9) An diesem Ermuntern und Ertragen kann die ganze Versammlung teilnehmen, wiewohl natürlich die Ältesten den Schwachen gegenüber ihre besonderen Pflichten haben, weil sie die erwählten Vertreter der Versammlung sind. Der Apostel führt in 1. Kor. 12:28 neben den Propheten und Lehrern auch "Hilfeleistungen" an. Es ist sicherlich Gottes Wohlgefallen, dass jedes Glied der Versammlung bestrebt ist, nicht nur den Ältesten, sondern einem jeden Hilfe zu leisten, allen Menschen, wo sich Gelegenheit bietet wohl zutun, insonderheit aber dem Haushalt des Glaubens.

"Seid langmütig gegen alle"

Wenn die Neuen Schöpfungen der Ermahnung gehorchen, langmütig unter allen Umständen gegen alle zu sein, werden sie nicht nur sich gegeneinander benehmen, wie es sich für sie gebührt, sondern sie werden dabei auch eine der größten Gnaden des Geistes, die Geduld, üben. Geduld ist eine Gnadengabe des Geistes, zu deren Ausübung wir in allen Angelegenheiten des Lebens reichlich Gelegenheit finden, sowohl gegenüber solchen, die draußen sind, als auch gegenüber den Gliedern der Versammlung; und es ist gut, wenn wir uns erinnern, dass die ganze Welt auf unsere Geduld Anspruch hat. Wir bemerken dieses erst recht, nachdem wir einen deutlichen Einblick in die uns durch die Schrift geoffenbarte Lage der seufzenden Schöpfung erhalten haben. Wir erkennen dann, wie schwer der Fall die Menschheit geschädigt hat, wie geduldig Gott den Sündern gegenüber ist, wie liebevoll er sein muss, dass er für ihren Loskauf und ihre Wiederherstellung Vorsorge getroffen hat, wie er so glorreiche Gelegenheiten beschafft hat, dank denen nicht nur die Herauswahl aus dem Kot und Abgrund von Sünde und Tod herausgeholt werden, sondern die ganze Menschheit zur Vollkommenheit zurückkommen kann. Dann erkennen wir ferner, wie völlig bis jetzt die Welt vom Widersacher, "dem Gott dieser Welt", welcher sie noch verblendet und betrügt, irregeführt worden ist. - 2. Kor. 4:4

Diese Erkenntnis sollte uns sicherlich sehr geduldig machen! Und wenn wir nun mit der Welt Geduld haben, wie viel mehr sollten wir mit denen Geduld haben, die nicht mehr von der Welt sind, die durch Gottes Gnade Vergebung für ihre Sünden in Christo gefunden haben, aufgenommen worden sind in die Familie Gottes, und nun in Jesu Fußspuren zu wandeln bestrebt sind. Welche liebende, langmütige Geduld sollten wir gegen solche Mitschüler haben, gegen Glieder des Leibes des Herrn! Gewiss könnten wir uns ihnen gegenüber nicht anders als geduldig erweisen, und gewiss würde unser Herr und Meister unsere Ungeduld solchen gegenüber besonders missbilligen und in irgendeiner Weise tadeln. Außerdem bedürfen wir selber sehr der Geduld in unserem Kampfe gegen die Welt, das Fleisch und den Widersacher, den wir unter so ungünstigen Umständen kämpfen müssen. Die Erkenntnis alles dessen wird uns helfen, uns allen gegenüber geduldiger zu machen.

"Sehet zu, dass niemand Böses mit Bösem vergelte"

Das ist mehr als ein persönlicher Rat; es ist eine an die Herauswahl als Körperschaft gerichtete Aufforderung und gilt jeder Versammlung des Volkes Gottes. Es bedeutet, dass, wenn jemand vom Haushalte des Glaubens zur Rache, Vergeltung von Bösem mit Bösen geneigt ist, sei es an einem Mitgliede des Haushaltes oder an Draußenstehenden, die Versammlung sich nicht der Einmischung in fremde Händel schuldig mache, wenn sie dagegen einschreite. Es wird hier vielmehr als Pflicht der Versammlung bezeichnet, darauf zu sehen, dass solches nicht geschehe, dass niemand Böses mit Bösem vergelte, dass vielmehr die richtige Gesinnung in der Versammlung herrsche. Wenn also die Ältesten von Vorkommnissen hören, welchen obige Aufforderung gelten könnte, so ist es ihre Pflicht, die Schuldigen an das Wort des Herrn zu erinnern; und sollten diese nicht darauf hören, so ist es weitere Pflicht der Ältesten, die Angelegenheit der Versammlung zu unterbreiten. Dann ist es Sache der letzteren, darauf zu sehen, dass die Dinge in Ordnung gebracht werden. Dabei bleibt es aber einem jeden dringend anbefohlen, mit freundlicher Teilnahme die Interessen des anderen wahrzunehmen, einander nicht allein vor Rückschritten zu warnen und zu bewahren, sondern auch zu ermutigen, zu tun, was recht ist. Wir sollten uns über jeden Fortschritt eines Bruders freuen und ihn bei jedem weiteren Fortschritt ermutigen, indem wir sowohl einzeln als auch als Versammlung unsere Billigung zeigen. Wenn wir dies tun, freuen wir uns immer mehr, wie es der Apostel auch sagt, und das mit gutem Grund; denn, wenn wir einander so gegenseitig helfen, so wird der Leib des Christus an Liebe zunehmen, dem Haupte immer ähnlicher und für die Miterbschaft am Reiche immer geeigneter werden.

"Lasst uns aufeinander acht haben zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken"
- Hebr. 10:24 -

Welch ein lieblicher und herrlicher Gedanke ist hier ausgedrückt! Während andere ihre Mitgenossen beobachten, um sie über Fehler zu ertappen und zu entmutigen oder ihre Schwächen zu eigenem Vorteile auszunutzen, sollen die Neuen Schöpfungen im Gegenteil die Anlagen eines jeden zu dem Zwecke kennen zu lernen suchen, möglichst in Wort und Tat alles zu vermeiden, was sie verletzen oder ärgern könnte, und alles zu tun und zu sagen, was sie zu Liebe und zu gutem Verhalten anzureizen vermöchte.

Warum auch nicht? Fordert nicht die ganze Stellungnahme der Welt, des Fleisches und des Teufels zu Neid, Selbstsucht und Missgunst, zu Sünde in Gedanken, Worten und Werken auf? Warum sollten die Neuen Schöpfungen vom Leibe des Christus sich nicht nur solcher Handlungen untereinander und nach außen enthalten, sondern auch sich ermutigen, in der entgegengesetzten Richtung zu handeln, nämlich sich zu Liebe und guten Werken zu ermutigen? Gewiss ist, wie jede Ermahnung des Wortes Gottes, auch diese hier nicht nur vernünftig, sondern auch vorteilhaft.

Unsere Versammlungen

"Indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei etlichen Sitte ist, sondern einander ermuntern, und das um so mehr, je mehr ihr den Tag herannahen sehet." - Hebr. 10:25

Diese Ermahnung des Apostels steht in vollem Einklange mit der Verheißung des Herrn: "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte." (Matth. 18:20) Der Zweck des Zusammenkommens ist gegenseitige Förderung in geistigen Dingen. Da bietet sich Gelegenheit zur Ermunterung und Anreizung zu innigerer Liebe zum Herrn und zueinander, zu mehr und mehr guten Werken jeder Art, die unserem Vater Ehre machen und der Brüderschaft und selbst allen Menschen zugute kommen sollten. Wenn jemand sagt, er liebe Gott, hasst aber seinen Bruder, so weiß er nicht, was er sagt, und betrügt sich selbst. (1. Joh. 4:20) In ähnlichem Selbstbetruge befinden sich, glauben wir, die, welche sagen: "Ich sehne mich, bei dem Herrn zu sein, seiner Gesellschaft, seiner Segnungen teilhaftig zu werden", aber die Gelegenheiten versäumen, sich mit den Brüdern zu versammeln und sich nicht freuen, in ihrer Gesellschaft zu sein.

Alle menschlichen Wesen suchen Gesellschaft auf und zwar erfahrungsgemäß nach dem Grundsatze: "Gleich und gleich gesellt sich gern." Wenn uns also die Gesellschaft geistlich Gesinnter nicht erwünscht ist, wenn wir den Gelegenheiten dazu aus dem Wege gehen, dann können wir sicher sein, dass dies in bezug auf unseren geistlichen Zustand Zeichen von Krankheit sind. Der natürliche Mensch liebt die Gesellschaft Seinesgleichen, verabredet mit demselben Geschäfte oder Vergnügen, und dies zu Zwecken, welche im Vergleiche zu den außerordentlich großen und herrlichen Verheißungen der Neuen Schöpfung ganz geringfügig sind. Die Erneuerung unserer Gesinnung durch den Geist macht nun unserem Bedürfnisse nach Gesellschaft nicht ein Ende, sondern gibt ihm nur eine neue Richtung, in welcher wir andere Gesellschaft und andere Interessen finden, ein Interesse für die Geschichte der Sünde und der seufzenden Schöpfung in Vergangenheit und Gegenwart, für den Plan Gottes zum Rückkauf und zur bevorstehenden Befreiung der seufzenden Schöpfung; für unsere hohe Berufung zur Miterbschaft mit dem Herrn; für die Zeichen, die darauf deuten, dass sich unsere Erlösung naht usw. Das ist ein ausgiebiges Gebiet zum Nachdenken, zum Studieren und zu gemeinsamer Besprechung.

Kein Wunder, wenn wir sagen, dass, wer den Vorteil nicht zu würdigen weiß, der im Zusammenkommen und Besprechen dieser Dinge mit anderen liegt, in gewisser Beziehung geistig krank ist, ob er nun imstande ist, sein eigenes Gebrechen zu erkennen oder nicht. Er kann an einer Art geistlichen Hochmuts leiden, an geistiger Selbstherrlichkeit, die ihn dazu führt, zu denken: "Ich will nicht in die allgemeine Schule Christi gehen, um dort meinen Unterricht mit seinen anderen Nachfolgern zu empfangen; ich will zu Hause Privatunterricht empfangen; er wird mich allein belehren, tiefer in die geistigen Geheimnisse einführen." Einige wenige scheinen an dieser geistigen Selbstsucht zu kranken, sich für besser zu halten, als die übrigen Brüder des Herrn, zu wähnen, der Herr werde ihretwegen von seiner Methode abweichen, die wir in der Schrift skizziert finden, sie besonders bedienen, weil sie mehr von sich halten, als sich zu halten gebührt, und weil sie es so haben wollen. Solche Brüder sollten bedenken, dass ihnen keiner der Segensverheißungen des Herrn gilt, solange sie in dieser Herzensstellung verharren und demgemäss handeln. Im Gegenteil, "der Herr widersteht den Hochmütigen und erzeigt seine Gnade den Demütigen." Der Herr segnet, die seine Gebote hören und befolgen; "wenn ihr mich liebet, so haltet meine Gebote." Denen, die in der richtigen Herzensstellung sind, genügt es, dass der Herr das Zusammenkommen angeordnet hat, dass er seinen besonderen Segen auch da spendet, wo sich nur zwei oder drei in seinem Namen versammeln, dass die Herauswahl sein Leib ist und durch gegenseitige Dienstleistungen der Glieder gefördert wird, und dass sich die Glieder in allen Gnadengaben und Früchten des Geistes gegenseitig Auferbauen sollen.

Zuweilen liegt das Gebrechen nicht ausschließlich in der geistlichen Selbstherrlichkeit, sondern teilweise in dem Vernachlässigen des Wortes Gottes und in der Neigung zu nur menschlichem Verständnis, indem man annimmt, dass die Verheißung: "Sie werden alle von Gott gelehrt sein" eine Einzelbelehrung bedeute, die ein jeder besonders empfange. Der Brauch und die Lehre der Apostel und die Erfahrungen des Volkes Gottes widersprechen aber solchen Begriffen.

Auf der anderen Seite müssen wir nun nicht in den entgegengesetzten Fehler verfallen und nach unzähligen Versammlungen und Volkstümlichkeiten haschen, sondern eingedenk sein, dass der Herr seinen Segen nur dem Zusammenkommen der Seinigen verheißt, auch wenn es deren nur zwei oder drei sind, und dass der Apostel nur "unsere Versammlungen" im Auge hat. Es ist nicht Sektengeist, welchen der Herr und der Apostel hier pflanzen, wenn sie ermahnen, dass die Versammlungen, in welchen die Kinder Gottes mit anderen zusammenkommen, nicht weltlich sein sollen, sondern christlich, Versammlungen von solchen, welche des Herrn Gnade erkannt, angenommen, sich ihm gänzlich geweiht und in seinen Dienst gestellt haben. Weltkinder sollen nicht aufgefordert werden, zu diesen Versammlungen zu kommen. Sie sind nicht von euch, wie auch ihr nicht von der Welt seid; würden sie nur durch musikalische oder andere Veranstaltungen angelockt, so ginge der richtige Geist verloren; denn wo Weltlichkeit und der Wunsch vorherrscht, den Weltlichen zu gefallen und sie anzuziehen, da würde gar bald Zweck und Ziel unseres Zusammenkommens aus den Augen verloren werden. "Ihr aber, Geliebte, erbauet euch selbst auf euren allerheiligsten Glauben." (Judas 20) - "Erbauet einer den anderen." (1. Thess. 5:11) und "habt acht aufeinander zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken." - Hebr. 10:24

Lasst die zum Bösen Geneigten zusammenkommen, wenn sie wollen; lasst die zur Selbstgerechtigkeit Neigenden ihre eigenen Versammlungen haben; und lasst die Geistgezeugten zusammenkommen und sich gegenseitig nach den im Worte Gottes enthaltenen Vorschriften erbauen. Wenn sie diese übersehen, so macht dann nicht das Haupt der Kirche und die treuen Apostel dafür verantwortlich, wenn schlimme Folgen eintreten. Der Herr und die Apostel haben uns das richtige Verfahren vorgelegt.

Damit ist nun nicht gemeint, dass Draußenstehenden der Zutritt zu den Versammlungen der Herauswahl gewehrt werden sollte, wenn sie sich genug dafür interessieren, dass sie zu kommen wünschen, "eure Ordnung zu sehen" und einen Segen zu haben von eurer heiligen Unterredung, von eurer Ermunterung zur Liebe und zu guten Werken, von eurer Auslegung des göttlichen Wortes zur Verheißung usw. Das erhellt aus 1. Kor. 14:24. Das Wesentliche ist, dass "unsere" Versammlungen nicht Zusammenkünfte von Ungläubigen seien, wo fortgesetzte Anstrengungen gemacht würden, die Herzen der Sünder zu brechen. Der Sünder soll frei sein beizuwohnen, aber dabei in aller Muße die Ordnung und Liebe beobachten können, die unter den Geweihten des Herrn herrscht. Wenn er dies auch nur unvollständig versteht, so mögen seine Sünden doch durch Beachten des Geistes der Heiligkeit und Reinheit in der Kirche getadelt werden, und er mag sich von seinem Irrtume und Irrglauben durch Beachten der Ordnung und Harmonie der Wahrheit, welche unter dem Volke Gottes herrscht, überzeugen können. - 1. Kor. 14:23-26.

Der Charakter der Versammlungen

Wir bemerken zuerst, dass hierüber, wie über andere Gegenstände, dem Volke Gottes keine starren Regeln hinterlassen worden sind. Es herrscht volle Freiheit, sich den nach Zeit und Ort wechselnden Gebräuchen anzupassen, den Geist eines gesunden Sinnes zu gebrauchen, Weisheit von oben zu suchen und den Grad, bis zu welchem sein Volk dem Herrn in der Denkungsart ähnlich geworden ist, durch sein Verhalten dem Gebote der Liebe gegenüber zu bekunden. Dieses Gebot der Liebe wird in den Abänderungen der Gebräuche der ersten Kirche sicherlich zu größter Mäßigung führen; vor gründlichen Änderungen wird man sicher so lange zögern, bis sie als notwendig erkannt sind, und auch dann wird man die Neuerungen so genau wie möglich im Sinne und Geiste der ersten Kirche halten.

In der ersten Kirche haben wir die Apostel als besondere Lehrer. Wir haben Älteste, die den Versammlungsdienst, den Pilgerdienst und den Dienst als Propheten oder öffentliche Redner verrichteten, und aus 1. Kor. 14 dürfen wir schließen, dass jedes Glied der Kirche von den Aposteln aufgemuntert wurde, jede Gabe oder natürliche Anlage zur Verherrlichung des Herrn und zum Dienste an den Brüdern durch Ausübung seiner Fähigkeiten zu verwenden, im Herrn und in der Wahrheit zu erstarken, den anderen helfend und von den anderen Hilfe empfangend. Der Verlauf einer gewöhnlichen Versammlung in den Tagen der Apostel kann jedoch heutzutage nicht in jedem Stücke zum Vorbilde genommen werden, weil die besonderen Gaben des Geistes heutzutage nicht mehr erteilt werden. Sie wurden seinerzeit der ersten Kirche zuteil zur Überzeugung der Draußenstehenden, wie auch zur Ermutigung der Christen selbst in einer Zeit, wo es ohne diese Gabe für niemanden möglich gewesen wäre, gefördert und auferbaut zu werden. Dennoch können wir aus den vom Apostel gutgeheißenen Gebräuchen manches lernen, was mit Vorteil von den kleinen Versammlungen des Herrn allerorts angewendet werden kann.

Die wichtigste Vorschrift ist die gegenseitige Hilfeleistung, "einander auferbauend in dem allerheiligsten Glauben." Es war nicht Brauch, dass einer oder mehrere Älteste regelmäßig predigten oder überhaupt die ganze Auferbauung allein besorgten. Es war vielmehr Brauch, dass jedes Glied sein Teil dazu beitrug, wobei natürlich das Teil der Ältesten um so wichtiger war, je befähigter und begabter sie waren. Es ist leicht ersichtlich, dass dies ein Verfahren ist, bei welchem mancher, ob Hörer oder Beitragender, viel Segen empfangen kann. Und wer kann nicht bezeugen, dass selbst der ungeschickteste Redner, die ungebildetste Person, wenn nur das Herz von Liebe für den Herrn und Hingabe an ihn voll ist, Gedanken mitteilen kann, die zu hören gar köstlich sind. Versammlungen, wie die in 1. Kor. 14 beschriebene, waren sicherlich Regel. Wollen wir es heute ungefähr gleich halten, so mag an solchen Versammlungen einer ermahnen, einer die Wahrheit darlegen, einer beten, einer ein Lied vorschlagen, einer ein Gedicht vorlesen, das seine Gedanken und Gefühle ungefähr ausdrückt und mit dem gerade behandelten Gegenstande im Zusammenhange steht, so würde der Herr alle Glieder seines Leibes zu gegenseitiger Auferbauung verwenden.

Wir sind nicht der Meinung, dass in der ersten Kirche nie gepredigt worden sei. Im Gegenteil. Wo immer die Apostel hinkamen, wurden sie als besonders geeignete Ausleger des Wortes Gottes betrachtet, welche nur kurze Zeit verweilen würden. Es ist daher wahrscheinlich, dass während ihres Besuches sie allein öffentlich redeten, wiewohl wir nicht bezweifeln, dass neben den öffentlichen Versammlungen kleinere gesellige Zusammenkünfte stattfanden, an welchen alle reden konnten. Dem gleichen Brauche folgten ohne Zweifel andere, die nicht Apostel waren. Barnabas, Timotheus, Apollos, Titus; einige trieben damit Missbrauch und übten bösen Einfluss aus, wie Hymenäus, Philetus und andere.

Wo der Herr kein Gesetz erlassen hat, halten wir weder uns noch andere für berechtigt, Vorschriften zu machen. Das Folgende erhebt also nicht den Anspruch, etwas anderes als freundliche Ratschläge zu sein.

1. Belehrung ist notwendig, damit die Weissagungen und die Sittengebote kennen gelernt und die Gnaden des Christus zur Entwicklung gebracht werden.

2. Weil nicht jeder die Sprache gleich gut zu handhaben weiß, und weil nicht jeder gleich scharfen Verstand hat, und da auch das Erkenntnisvermögen, wie nach physischem, so nach dem geistigen Alter verschieden ist, so sollten bei den Versammlungen Gelegenheiten geboten werden, bei denen ein jeder dem, was er gelernt hat, Ausdruck geben könnte, damit ihm, wenn er nicht richtig verstanden hat, durch die Äußerung anderer zurechtgeholfen werden könnte.

3. Es sollten in regelmäßigen kurzen Zeitabschnitten Versammlungen stattfinden, in denen einem jeden Gelegenheit geboten wäre, Darlegungen der Wahrheit vorzubringen, welche möglicherweise von denen abweichen, welche sonst von der Versammlung gutgeheißen werden.

4. Es ist Erfahrungstatsache, dass es sehr vorteilhaft ist, wenn ein jeder beim Hören seiner Brüder selber, sei es durch Zeugnisablegen, sei es durch ein Gebet, seine Ergebung an den Herrn mit dem Mund bekennt.

Die Notwendigkeit der Lehre

Wir leben in einer Zeit, da man meist über die Lehre spottet, und viele behaupten, auf den Glauben an eine bestimmte Lehre komme es nicht an, sondern nur auf gute Werke und richtigen Wandel. Die Schrift sagt aber genau das Gegenteil und stellt den Glauben in erste, die Werke in zweite Linie. Unser Glaube ist unserem Herrn wohlannehmlich, und nach unserem Glauben wird er uns belohnen, wiewohl er mit Recht erwartet, dass der gute Glaube so viel gute Werke hervorbringen werde, wie dies bei der Schwachheit des irdenen Gefäßes möglich ist. So versteht die Schrift die Sache überall. "Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott wohlzugefallen", und "dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube." (Hebr. 11:6; 1. Joh. 5:4) Niemand kann also ein Überwinder werden, ohne Glauben an Gott und Gottes Verheißungen zu üben. Wer an Gottes Verheißungen glauben soll, der muss sie auch verstehen, und der Glaube wird um so stärker werden, je mehr der Lernende von dem göttlichen Plane der Zeitalter und den damit verknüpften außerordentlich großen und herrlichen Verheißungen versteht. Darum ist Belehrung notwendig. Das Volk Gottes soll von den göttlichen Dingen mehr wissen als die Welt, damit seine größere und bessere Erkenntnis auf seinen Wandel, seine Absichten und Hoffnungen einen heiligenden Einfluss ausüben kann. "Jeder, der die Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst" (1. Joh. 3:3), ist eine Schriftstelle, welche mit dem Vorhergehenden vollständig übereinstimmt. Wer seinen Wandel zu reinigen versuchen will, muss, wenn seine Bemühungen Erfolg haben sollen, mit der Reinigung des Herzens beginnen, wie die Schrift uns sagt; und das Reinigungsmittel ist der Glaube an die Verheißungen. Diese muss er also kennen lernen; sie sind die Lehrer Christi.

Wir müssen jedoch zwischen diesen und den Lehren von Menschen scharf unterscheiden. Die Lehren Christi sind das, was er und seine inspirierten Apostel im Neuen Testamente beurkundet haben. Die Lehren der Menschen hingegen sind in den Glaubensformeln der Menschen zusammengefasst, deren viele stark von den Lehren des Herrn und alle unter sich abweichen. Außerdem ist es nicht genügend, dass wir einmal belehrt wurden; denn wir nehmen, wie der Apostel es ausdrückt, die Schätze der Gnade Gottes in schadhafte irdene Gefäße auf, die sehr durchlässig sind. Wenn wir also aufzunehmen aufhören, so haben wir bald nichts mehr. Darum bedürfen wir "Gebot auf Gebot, Vorschrift auf Vorschrift," und beständiger Wiederholung und Durchsicht unseres Studiums des Planes Gottes, alle von der göttlichen Vorsehung in unseren Bereich gestellten Hilfsmittel dazu benutzend, und soweit wie möglich der Aufforderung des Apostels gehorchend, nicht "vergessliche Hörer, sondern Täter des Werkes" und so "Täter des Wortes" zu sein. - Jak. 1:22-25

Unser zweiter Rat mag vielleicht nicht sofort so völligen Anklang wie der erste finden. Es liegt nahe, dass viele wenn nicht alle, denken, diejenigen, welche die Wahrheit am deutlichsten, fließendsten, genauesten darstellen können, sollten auch die einzigen sein, die sie ausdrücken, und die anderen sollten hören und lernen. Dies ist in mancher Hinsicht ganz richtig. Wir meinen nicht, dass solche als passend betrachtet werden sollen, zu lehren, oder dass zu solchen als Lehrern aufgeblickt und ihre Worte als Belehrung betrachtet werden sollten, die gar nicht zu belehren fähig sind, und den Plan Gottes selber nicht völlig begreifen. Aber es besteht ein großer Unterschied, jemand zum einzelnen Lehrer einzusetzen - wie in dem Falle eines Ältesten - und einer Versammlung, bei der alle Mitglieder der Neuen Schöpfung eine Gelegenheit haben, irgendeinen Gedanken kurz auszudrücken oder Fragen zu stellen, wobei verstanden ist, dass solche Fragen, Zweifel oder Äußerungen nicht als jene der ganzen Versammlung gelten. Auf diese Weise können unrichtige Begriffe, z.B. in Form von Fragen, zur Kenntnis gebracht werden, und es bietet sich dann eben Gelegenheit, sie zu berichtigen, oder es können Gedanken geäußert werden, die würdig sind, der Versammlung empfohlen zu werden. Darum sollte es bei solchen Versammlungen niemals an jemandem fehlen, der in der Wahrheit vorgerückt genug ist, um seinen Glauben auf die Schrift zu gründen und den Weg des Herrn deutlicher zu zeigen. Wozu denn diese Fragen? Weil es oft schwierig und zuweilen unmöglich ist, die Dinge so einfach auszudrücken, dass alle, die aufrichtig sind, auch imstande sind, gleich aus einer einzigen Erläuterung klug zu werden. Die Fragen bieten dann Gelegenheit, die gleiche Wahrheit an verschiedenen Bildern zu erklären, eine Methode, von der unser Herr durch seine Gleichnisse vielfach Gebrauch gemacht hat. Wird der gleiche Gegenstand von verschiedenen Seiten beleuchtet, so wird seine Kenntnis auch vollständiger und harmonischer. So haben wir auch schon zu bemerken Gelegenheit gehabt, dass eine zuweilen ungeschickt ausgedrückte Wahrheit bei manchen Hörern Aufnahme fand, indes eine mehr logische Ausführung nicht verstanden wurde. Die Darlegungen des weniger fähigen Redners waren eben dem geringeren Fassungs- und Urteilsvermögen der Hörer angepasst. Wir sollen uns darüber freuen, wenn die gute Botschaft verkündigt wird und hungrige Herzen findet, welches auch die Werkzeuge seien, die diesem Zwecke dienen, wie geschrieben steht: "Etliche zwar predigen Christum auch aus Neid und Streit." Wir können uns nur freuen, wenn jemand zur richtigen Erkenntnis des Herrn gebraucht wird, auch wenn wir die unlauteren Beweggründe bedauern müssen, die zuweilen zur Verkündigung antreiben. Der Herr, seine Wahrheit und seine Brüder sind es, die wir lieben, und denen wir zu dienen wünschen. Darum können wir uns so einrichten, dass nichts der Verkündigung im Wege steht. Damit soll nicht gesagt sein, dass wir Unfähige und Unlogische zu Lehrern in der Versammlung machen sollten, oder dass wir die unlogischen Darstellungen der Wahrheit für besonders wirksam hielten, im Gegenteil! Aber gleichwohl dürfen wir solche nicht gänzlich außer acht lassen, sintemal sie sich bei diesem oder jenem oft als geeignete Kanäle erweisen und von der ersten Kirche benutzt wurden.

Wir kommen nun zu unserem dritten Vorschlag. So sicher wir uns auch fühlen mögen, die Wahrheit zu besitzen, so wäre es doch sicher unweise gehandelt, allen Fragen und abweichenden Meinungsäußerungen die Tür zu verschließen und zu verriegeln, damit ja nichts zu Gehör gebracht werde, was dem Vorsteher oder der ganzen Versammlung als Irrtum erscheint. Eine einzige Einschränkung sollte durchgeführt werden, nämlich, dass die Zusammenkünfte der Neuen Schöpfungen nicht der Betrachtung zeitlicher Angelegenheiten, weltlicher Wissenschaften oder menschlicher Lehren, sondern ausschließlich dem Studium göttlicher Offenbarung gewidmet werden. Bei diesem letzteren sollte die Versammlung stetsfort den Unterschied zwischen den Grundlagen der Lehren Christi (an welchen kein Mitglied rütteln noch dulden darf, dass sie in Frage gestellt werden) und der Besprechung von Lehren für Fortgeschrittene festhalten, welche selbstredend mit den Grundlehren vereinbar sein müssen. Letztere sollten jederzeit frei und ungehindert erörtert werden können; am besten in besonders zu diesem Zweck geweihten Zusammenkünften, doch nicht so, dass die gleiche Sache immer und immer wieder vorgebracht und so ein einzelnes Mitglied die ganze Versammlung verwirren und mit seiner persönlichen Liebhaberei hinhalten könnte. Möge ein solches seine Sache im rechten Augenblicke vorbringen, in Gegenwart von jemand, der in der Wahrheit wohl bewandert ist; und wenn dann die Versammlung die Sache als schriftwidrig abgelehnt hat und der, welcher sie vorgebracht, von der Schriftwidrigkeit derselben noch nicht überzeugt ist, so möge ihm wenigstens verboten werden, innerhalb längerer Frist (etwa vor Ablauf eines Jahres), die Versammlung wieder damit zu behelligen; bei Ablauf dieser Frist bliebe es wiederum der Versammlung vorbehalten, zu entscheiden, ob der Gegenstand einer neuen Besprechung wert sei oder nicht.

Gewähren wir solche Freiheit innerhalb der eben angegebenen Schranken nicht, so laufen wir eine zweifache Gefahr: einerseits in den gegenwärtigen Zustand der Namenchristenheit zu verfallen, in deren regelmäßigen Zusammenkünften keiner ein Wort reden darf; und die andere Gefahr ist die, dass jemand, dem irgendein Gedanke (mag er noch so falsch und vernunftwidrig sein) als Wahrheit erscheint, sich niemals befriedigt fühlen würde, solange man ihn nicht anhörte, während er, nachdem er in verständiger Weise angehört worden ist, auch dann, wenn er sich von der Besprechung nicht hat überzeugen lassen, zur Einsicht gelangen muss, dass es unpassend und nutzlos ist, mit seinem Gedanken immer wieder zu kommen.

Nun zu unserem vierten Vorschlag. Das Wachstum in der Erkenntnis führt leicht zu einer Verminderung der Ergebenheit, so seltsam sich dies auch anhören mag. Unsere Fähigkeiten sind so gering, und die Zeit, die wir auf religiöse Dinge verwenden können, ist so beschränkt, dass uns die Zuwendung unserer Aufmerksamkeit auf eine besondere Richtung anderen Gebieten fast ganz entrückt. Der Christ soll nicht Kopf ohne Herz, noch Herz ohne Kopf sein. Der "Geist eines gesunden Sinnes" weist uns an, alle Früchte der Gnade zu pflegen, damit sie an Rundung gewinnen und den Charakter vervollkommnen. In unseren Tagen strebt alles vielmehr dem Spezialisieren zu; ein Arbeiter besorgt dies, ein anderer jenes im gleichen Geschäft, sodass es heutzutage wenige Arbeiter gibt, die ein Handwerk in so umfassender Weise kennen, wie es ehedem der Fall war. Dieser Neigung muss die Neue Schöpfung entgegenarbeiten und "gerade Bahn machen für ihre Füße", damit sie es nicht, während sie eine Gnadengabe pflegt, an der richtigen Verwendung einer anderen Gabe Gottes völlig gebrechen lasse.

Jedem Menschen wohnt die Fähigkeit, seine Ergebenheit zu bezeugen, in mehr oder weniger hohem Grade inne. Sie stellt ihre Ansprüche an unser Gewissen und unser Hoffen. Lassen wir sie brach liegen, so laufen wir Gefahr, dass unser Interesse und unsere Liebe für die Wahrheit ausartet, uns nicht mit größerer Liebe zum Herrn und mit lebhafterem Wunsche erfüllt, ihm zu gefallen, sondern uns auf eine Stufe herabzieht, wo wir uns mit bloßer Erläuterung begnügen, und die Besprechungen mehr zum Austausche menschlicher Gedanken dienen, wobei es dann nicht fehlen kann, dass Zerstörungswut, Streitsucht, Ehrgeiz, Zank und Eitelkeit unter uns Platz greifen. Deshalb bedarf, glauben wir, die Neue Schöpfung nicht nur bei jeder Zusammenkunft des Gebetes und der Lobpreisung, sondern außerdem einer wöchentlichen Versammlung, die vorab diesem Zwecke dienen und Gelegenheit bieten müsste, von seinen christlichen Erfahrungen Zeugnis abzulegen, freilich nicht in der Weise, wie es meistens geschieht, durch Vorbringen von Erfahrungen aus den letzten zwanzig Jahren, durch Darstellung seiner Bekehrung usw., sondern durch Mitteilung der Herzenserfahrungen, die man seit der Versammlung der Vorwoche gemacht hat. Solche Erfahrungen sind denen, die davon hören, eine Hilfe; bald werden die Hörer ermutigt, wenn die erwähnten Erfahrungen günstiger Art sind, bald getröstet, wenn sie von Prüfungen, Schwierigkeiten und Verlegenheiten der anderen hören, indem sie daran erkennen, dass sie nicht die einzigen sind, die fehlgehen oder etwas zu ertragen haben.

Auf diese Weise mögen alle erfahren, wie recht der Apostel hat, wenn er schreibt: "Lasst euch das Feuer der Verfolgung unter euch, das euch zur Prüfung geschieht, nicht befremden, als begegne euch etwas Fremdes." (1. Petr. 4:12) Auf diese Weise werden wir erfahren, dass alle vom Volke Gottes ihre Widrigkeiten und Schwierigkeiten haben; das erweckt die Teilnahme des einen für den anderen, und mit der Teilnahme wächst die Hilfsbereitschaft und der Geist der Liebe, die heilige Gesinnung. Solche Versammlungen könnten mit großem Nutzen einen Gedanken zur Besprechung herausgreifen, der in der vorhergehenden Sonntagsver­sammlung angeregt worden ist; dieser Gedanke sollte im täglichen Leben stets gegenwärtig gehalten und die täglichen Erfahrungen mit ihm verglichen und in Zusammenhang gebracht werden. Das gibt für die Andachtsversammlung in der Woche reichlichen Stoff. Es ist ja sicher, dass ein jeder Christ reichlich Gelegenheit hat, Lehren aus seinem Leben zu ziehen. Aber die meisten denken nicht, merken nichts, lassen so diese wertvollen Belehrungen unbeachtet an sich vorübergehen und lernen erst, wenn sie besonders schwere und bittere Erfahrungen machen, was sie aus den täglichen, kleinen Botschaften des Herrn an sie hätten lernen können.

Ein Beispiel: Angenommen, in der Sonntagsversammlung sei der Text betrachtet worden: "Der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird euren Sinn bewahren." (Phil. 4:7) Da sollte nun bis zur nächsten Wochenversammlung jeder Bruder darauf achten, inwieweit dieses Wort sich an ihm selber erfüllt, die Dinge anmerken, die diesen Frieden unterbrechen oder verhindern und Unruhe und Unfrieden bringen. In der Wochenversammlung würde nun ein jedes seine Erfahrungen mitteilen und die Belehrung, die es für sich daraus geschöpft habe, und so könnte in der zweiten Hälfte der Woche ein jedes sich nicht nur die eigenen, sondern auch die Erfahrungen der anderen in der ersten Wochenhälfte zunutze machen. Die Zuneigung des einen für den anderen würde vertieft, und die Vorzüge des Friedens vor dem Streite träten immer deutlicher in die Erscheinung. Der Friede Gottes erfüllte mehr und mehr die Herzen, und immer ersichtlicher würde, wie es möglich ist, diesen Frieden selbst mitten im Trubel und Strudel des Lebens, über den wir keine Macht haben, zu bewahren. Der Charakter dieser Versammlungen wird für jeden ein weiterer Nutzen sein. Wer seine eigenen Fehler deutlich erkennt und ernstlich bemüht ist, in den Gnadengaben des Geistes zu wachsen, dem wird es auch mit der Ergebung an den Herrn, mit dem Wunsche, ihm zu gefallen und mehr und mehr von seinem Geiste zu haben, um so ernster sein.

Den größten Nutzen haben wir von solchen wie von anderen Versammlungen, wenn Ordnung herrscht; nicht eine Ordnung, die jedes Leben und Regen in der Zusammenkunft erstickt, sondern eine Ordnung, welche die Freiheit wahrt, der Planlosigkeit, der Anarchie wehrt, und eine weise, liebevolle, freundliche Regelung ermöglicht. Zum Beispiel sollte der Sonderzweck einer jeden Versammlung im Voraus vereinbart sein und der Leitende denselben festhalten, dabei aus Liebe alle zulässige Freiheit lassend. Es sollte gelten, dass an solchen Andachtsversammlungen nicht allgemein gefragt oder diskutiert, nicht gepredigt wird, da für diese Zwecke besondere Zusammenkünfte bestehen, wo dann ein jeder, der zu fragen oder mitzureden, oder eine Predigt anzuhören wünscht, herzlich willkommen ist. Darum sollte, um die allgemeine Diskussion zu vermeiden, bei diesen Andachtsversammlungen nur der Leitende (im Namen der Versammlung) antworten oder kritisieren, aber auch nur, wo es nötig ist. Der Leitende hat ferner darauf zu achten, dass nicht dieses oder jenes Zeugnisablegen zu lange dauert, dadurch ermüdend wirkt und anderen die Zeit und Gelegenheit wegnimmt, dass ferner die Zusammenkunft nicht länger dauert als die vorher ausgemachte Zeit. Diese Pflichten des Leitenden setzen voraus, dass er ein Ältester der Versammlung sei. Ein Neuling, dem es an der nötigen Erfahrung fehlte, könnte, selbst wenn er von den besten Absichten beseelt wäre, sich zu wenig oder dann zu fest an die gegebenen Regeln halten; er könnt durch seine Nachsicht den Nutzen der Zusammenkunft beeinträchtigen, oder durch ungeschicktes Ausdrücken und Anwenden richtiger Regeln diese oder jene würdigen Brüder oder Schwestern verletzen. Auch deshalb ist es wünschenswert, dass solche Versammlungen von einem Ältesten oder einem, der sich zur Ältestenschaft eignet, geleitet werden, weil der Leitende das Wort Gottes hinreichend kennen, in der Gnade erfahren und zur Belehrung befähigt sein sollte, damit er imstande sei, mit einem ermutigenden Worte oder hilfreichen Rat auf die verschiedenen Zeugnisse zu antworten. Denn "ein Wort zu seiner Zeit, wie gut!" (Spr. 15:23) - wie viel hilfreicher oft als lange Reden unter anderen Umständen.

Nachdem wir im Vorhergehenden länger bei einer der vier Arten von Zusammenkünften verweilt haben, die wir, nebenbei gesagt, als die förderlichste und wichtigste betrachten, möchten wir noch einige Vorschläge mit Rücksicht auf die anderen Zusammenkünfte machen. Diese sind verschieden, je nach Umständen, Verhältnissen und der Zahl der Teilnehmer. Sind es deren ungefähr fünfzig und einige unter ihnen besonders befähigt, öffentlich zu reden und die Wahrheit klar darzustellen, so glauben wir, dass ein Vortrag wöchentlich, zu dem dann Freunde, Nachbarn oder andere Außenstehende eingeladen werden können, von Vorteil ist. Wo aber der Herr für solche Redner nicht gesorgt hat, da sind wir der Ansicht, es sei besser, überhaupt keine Vortragsversammlungen zu veranstalten, sondern den Text von einigen Teilnehmern, die in gleichem Maße dazu befähigt sind, besprechen zu lassen, indem sie nacheinander abwechseln und die Ansprache halten. Je mehr Gelegenheit geboten wird, dass ein jeder nach Maßgabe seiner Befähigung mitwirken kann, vorausgesetzt, dass dies in aller Demut und mit der notwendigen Klarheit geschieht, um so besser werden unseres Erachtens die Interessen der Gesamtheit gewahrt.

Darum erscheint uns die Diskussions-Versammlung nach der Andachtsversammlung als die wichtigste. Der Vorsitz in derselben sollte wechseln. Dem Vorsitzenden der nächsten Versammlung sollte das Recht eingeräumt werden, den zu behandelnden Gegenstand oder Text unter einige leitende Brüder, etwa eine Woche im voraus, zu verteilen, damit ein jeder sein Stück vorbereiten kann und umso besser imstande ist, seine Gedanken darzulegen. Zur Vorbereitung leisten nächst der Heiligen Schrift die "Schriftstudien" und "Wachttürme" wertvolle Dienste. Die Redner mögen dann ihren Gedanken mit eigenen Worten oder durch Auszüge aus den "Schriftstudien", "Wachttürmen" usw. Ausdruck geben.

Nach Eröffnung der Versammlung durch Lobpreisung und Gebet sollte der Leitende die Redner der Reihe nach zum Sprechen auffordern und hernach die allgemeine Diskussion eröffnen, in welcher der Zustimmung Ausdruck gegeben oder Einwände erhoben werden können. Will die allgemeine Diskussion nicht in Fluss kommen, so sollte der Leitende dieselbe durch geschickte Fragestellung beleben. Der Leitende sollte, wenn er antwortet, nur zu dem sprechen, der eben geredet hat, das eben Gesagte mit der Wahrheit in Einklang bringen, wo es nötig ist, oder den Sprechenden einladen, seiner Ansicht noch weiteren Ausdruck zu geben. Andererseits sollten die verschiedenen Sprecher ihre Bemerkungen nur an den Leitenden richten, nicht einer an den anderen, damit keiner persönlich oder verletzend werde. An der Diskussion sollte der Leitende nur in der oben angedeuteten Weise teilnehmen, dennoch aber imstande sein, das Gesagte kurz zusammenzufassen, bevor die Zusammenkunft mit Lobpreisung und Danksagung geschlossen wird.

Jeder Punkt sollte gründlich durchgegangen und der ganze Gegenstand gut erörtert und erforscht werden, sodass er von allen klar erfasst wird. Oder bei einigen verwickelteren Gegenständen sollte besser der Leitende am Schlusse der Prüfung eines jeden Themas seine Ansichten zusammenfassen und dartun. Wir wissen für ein gründliches Studium in der Schrift keine bessere Art von Zusammenkünften als diese. Wir halten sie für das Volk des Herrn für viel vorteilhafter als die Vortragsversammlungen.

Sie werden den oben unter 1-3 gegebenen Anregungen gerecht. Wer zusammenhängend reden kann, findet dabei volle Gelegenheit, seine Fähigkeit zu betätigen; wer fragen oder mitreden möchte, der kann es, indem er sich über die behandelten Gegenstände äußert; endlich kann auf diese Weise die Versammlung selbst die Gegenstände bezeichnen, die das nächste Mal behandelt werden sollen, und das ist besser, als wenn es der Leitende tut. In solchen Zusammenkünften sollte sich ein jeder frei fühlen, Fragen zu stellen und einen Gegenstand zur Diskussion vorzuschlagen. Deshalb sollte der Geist der Liebe und des Erbarmens, der Hilfsbereitschaft und der Überlegung alle so durchdringen, dass sie einem jeden dieses Recht gönnen. Selbst dann, wenn der in Anregung gebrachte Gegenstand mit den in der betreffenden Versammlung vorherrschenden Anschauungen in Widerspruch stände, sollte, sofern derselbe mit den Grundlehren des Wortes Gottes vereinbar ist, dem Antragsteller das Recht eingeräumt werden, sich in einer dafür vorgesehenen Zusammenkunft auszusprechen. Je nach der Wichtigkeit des Gegenstandes und dem Interesse, das er für die Versammlung haben kann, mag dem Redner eine längere oder kürzere Frist für seinen Vortrag eingeräumt werden. Nachher sollte allgemeine Diskussion walten, nach welcher dem Vortragenden einige Minuten zur kurzen Wiederholung gegönnt würden. Der Leitende hätte dann das Ergebnis der Besprechung zusammenzufassen und die Versammlung zu schließen.

Sehr fördernd wirken auch erfahrungsgemäß die "Beröer-Bibelstudien". In ihnen werden nicht etwa die Bände der "Schriftstudien" nur vorgelesen, sondern der Plan Gottes Zug für Zug gründlich studiert. Die Bände der "Schriftstudien", in welchen der Plan Gottes in verständlicher Weise dargelegt ist, dienen dabei als Leitfaden durch die Bibel. Das bloße Lesen besorgen die lieben Freude mit ebenso großem und größerem Vorteile zu Hause. In den Zusammenkünften werden Teile eines jeden dort behandelten Gegenstandes durchgesprochen und in das Licht einschlägiger Schriftstellen gerückt. Dabei sollte sich womöglich ein jeder zu dem besprochenen Punkte äußern, bevor zu einem anderen Punkte übergegangen würde. Einzelne dieser Studien haben darin Stoff zur Besprechung für 1-2 Jahre gefunden. (In Verbindung mit der Versammlung zu Brooklyn gibt es 34 Versammlungen dieser Art, die in verschiedenen Räumlichkeiten und an für die Freunde passenden Abenden abgehalten werden. Sie werden von verschiedenen Ältesten geleitet.)

"Ein jeder aber sei in seinem eigenen Sinne völlig überzeugt"
- Römer 14:5 -

Wer klar denkt, dem ist es ein Bedürfnis und Genuss, in jedem Zuge der Wahrheit zu einer klaren Entscheidung zu gelangen. Und hiernach sollte auch nach des Apostels Forderung ein jegliches Glied der Herauswahl für sich selbst ringen - "in seinem eigenen Sinne." Es ist jedoch ein allgemeiner Fehler zu versuchen, das, was von dem einzelnen gilt, auf eine Versammlung anzuwenden; mit anderen Worten, zu versuchen, dass alle von den gleichen Voraussetzungen zu den gleichen Schlüssen gelangen, dass das Wort des Herrn vom einen wie vom anderen genau gleich verstanden wird. Natürlich wünschen wir, und das mit Recht, dass wir alle "Auge in Auge sehen"; aber zu erwarten, dass dies der Fall sein werde, ist vernunftwidrig, weil wir alle aus der Vollkommenheit des Leibes und Geistes gefallen sind, und zwar in verschiedenen Richtungen, wie sich aus der Beobachtung ergibt, dass, wo immer mehrere beisammen sind, auch die Auffassungen verschieden sind. Auch die Verschiedenheit der Erziehung und des Bildungsgrades erschwert oder verhindert die absolute Einheitlichkeit der Ansichten.

Aber fordert nicht der Apostel, dass wir alle einerlei gesinnt seien? Sagt er nicht, dass wir alle von Gott gelehrt sein werden, sodass wir alle den Geist eines gesunden Sinnes erhalten? Ermuntert er uns nicht zu hoffen, dass wir in der Gnade und Erkenntnis wachsen? Mahnt er uns nicht, einander aufzuerbauen in unserem allerheiligsten Glauben?

Gewiss, dies ist so. Aber andererseits sagt der Apostel nicht, dass diese Ziele im Verlaufe einer Zusammenkunft erreicht werden. Im Volke Gottes gibt es nicht allein verschieden entwickelte Sinne, Unterschiede der Erfahrung, Erziehung und Bildung, sondern auch Altersunterschiede der Neuen Schöpfungen, indem die einen noch Kindlein in Christo sind, wenn andere bereits Jünglinge und gereifte Leute sind. Darum dürfen wir uns nicht wundern, wenn einige langsamer verstehen als andere und daher mehr Zeit brauchen, ehe sie hinsichtlich einiger "Tiefen Gottes" zu einer völligen Überzeugung in ihrem eigenen Sinne hingelangen. Sie müssen zuerst die Elemente erfassen: Dass wir alle Sünder sind, dass uns Christus Jesus für den Preis der Hingabe seines menschlichen Lebens erkauft hat, dass wir jetzt in der Schule Christi sind, um zur Besorgung der Regierungsgeschäfte im Reiche Gottes ausgebildet und fähig gemacht zu werden, dass keiner in diese Schule eintreten kann, er habe denn sein Alles dem Herrn übergeben. Diese Dinge müssen alle sehen und glauben, wenn sie in der Neuen Schöpfung auch nur als Säuglinge sollen anerkannt werden können. Aber wir bedürfen alle der Geduld, einer des anderen, der Verträglichkeit gegenüber den Eigentümlichkeiten eines jeden, der Liebe für die Brüder, welche eine jegliche Gnadengabe des Geistes mehrt und sie dem Vollmaße näher und näher bringt.

Da dies so ist, werden alle Fragen, Antworten oder Bemerkungen in den Zusammenkünften, an deren sich verschiedene beteiligen, am besten an den Leitenden gerichtet, da sie allen Anwesenden (nicht einem einzelnen oder einem Teile der Anwesenden) Nutzen bringen sollen. Dem Leitenden sei es anheim gestellt, den Redner aufzufordern, selber zu den Versammelten zu sprechen. Wer seine Sache gesagt hat, soll die anderen ruhig anhören und nicht meinen, er habe auf alles zu erwidern und seine Meinung noch einmal kundzutun. Es muss dem Herrn zugetraut werden, dass er die Sache so führen und fügen werde, dass offenbar werde, was wahr und richtig ist. Niemand sollte alle dazu zwingen wollen, in allen Einzelheiten genau gleich zusehen, wie er selbst oder wie die Mehrheit sieht. "Im Wesentlichen einig, im Unwesentlichen verträglich", sei die Losung.

Dennoch sind wir ganz damit einverstanden, dass jeder Zug der Wahrheit seine Wichtigkeit hat, dass auch die kleinste Beirrung schädlich ist, und dass das Volk Gottes um Einheitlichkeit in der Erkenntnis beten und kämpfen sollte. Aber diese Einheit mit Gewalt zu erreichen, dürfen wir nicht hoffen. Einheit in den grundlegenden Anschauungen ist das Wesentliche: wo diese besteht, dürfen wir dem Herrn schon zutrauen, dass er alle Schritt für Schritt, wie es ein jeder bedarf, weiter führen wird; in diesem Stück bedürfen die Leiter der Herde Gottes besonderer Weisheit, Liebe, Festigkeit und Klarheit, damit ihre Zusammenfassungen der Diskussion den Gedanken der Schrift verständlich wiedergeben und alle unter dem segensreichen Einflusse des Wortes Gottes lassen. Diese Zusammenfassungen seien stets klar und liebevoll und nie dogmatisch, es sei denn, es handle sich um die Grundlehren des Glaubens.

Leichenfeiern

Bei Gelegenheiten von Leichenbegräbnissen, wenn es den Anwesenden mehr oder weniger feierlich zumute ist, spricht alles, der kalte, stille Leichnam, die verweinten Augen, die Trauerkleider usw. davon, dass der Tod nicht der Freund, sondern der Feind des Menschen ist. Solche Gelegenheiten eignen sich daher trefflich zur Darlegung der Wahrheit und sollten benutzt werden. Viele der jetzt Interessierten hörten zum erstenmal bei einer Leichenfeier von der gegenwärtigen Wahrheit reden. Denn manche sind zu voll von Vorurteil oder scheuen zu sehr den Spott oder den Widerstand ihrer Freunde, um einer regelmäßigen Versammlung beizuwohnen. Darum sollten solche Gelegenheiten so ausgiebig wie nur immer möglich ausgenützt werden. War der Verstorbene ein Glaubender, seine Familie der Wahrheit feindlich, so sollte er sterbend den Wunsch geäußert haben, dass einer aus der Wahrheit die Leichenrede halten möchte. Beim Tode eines Kindes entscheidet, wo nicht beide Eltern in der Wahrheit sind, die Stellung des Vaters, obwohl die Gattin ein vollkommenes Recht dazu hätte, ihre Wünsche anzubringen. Solchen sollte der Gatte Rechnung tragen, soweit es ohne Verletzung seiner Verantwortlichkeit, die er vor Gott als Haupt der Familie hat, geschehen kann.

In manchen kleinen Versammlungen finden sich Brüder, die wohl imstande sind, eine interessante und eindrucksvolle Leichenrede zu halten. Da wo es an einem solchen Bruder gebricht, mögen die folgenden Anregungen willkommene Dienste leisten.

Der Bruder, welcher die Leichenrede hält, sollte nicht ein naher Verwandter des Verstorbenen sein, wo es aber an einem anderen gebricht, sehen wir nichts Unpassendes darin, dass der Vater, der Sohn oder der Gatte es tut. Wenn der Redner zum öffentlichen Reden nicht fähig und seines Gegenstandes nicht ganz mächtig ist, so wird er gut daran tun, sich von den unten angegebenen Gedanken einiges anzueignen, sie abzuschreiben und dann der Trauerversammlung vorzulesen. Damit dies in eindringlicher, ansprechender Form geschehe, sollte die Abschrift mit schöner Handschrift oder mit der Schreibmaschine gemacht und vorher mehrere Male laut gelesen worden sein. Wir hätten auch nichts dagegen einzuwenden, dass in Ermangelung eines Bruders eine geeignete Schwester eine solche Rede vorlese, dabei trage sie jedoch eine passende Kopfbedeckung.

Unsere Anregungen setzen das Abscheiden eines Bruders in der Wahrheit voraus:

1. Zu Beginn der Feier sollte ein passendes Lied gesungen werden. ("Ew'ger Fels gespalten mir", "Näher, mein Gott, zu Dir", "Harre, meine Seele", "Jesus lebt! mit ihm auch ich" oder andere mehr.)

2. Befinden sich unter den Angehörigen des Entschlafenen Glieder irgendeiner Namenkirche, und wünschen sie, dass ihr Pfarrer an der Feier teilnehmen soll, so mag dieser gleich nach dem Gesang einige Schriftstellen vortragen, die auf die Auferstehung Bezug haben, oder ein Gebet sprechen oder beides. Wo ein solcher Wunsch nicht geäußert wird, beginne der Bruder gleich nach dem Gesang seine

Leichenrede

Liebe Freunde! Wir sind hier versammelt, um unserem Freunde und Bruder die letzte Ehre zu erweisen, bevor wir seine irdischen Überreste dem Schosse der Erde übergeben - Staub zu Staub, Asche zu Asche. Ist auch nichts in der Welt so allgemein verbreitet, wie das Sterben und was ihm vorausgeht und folgt, Krankheit, Schmerz und Kummer, so ist es uns als vernunftbegabten Wesen doch nicht möglich, uns an dieses schmerzliche Zerreißen der Bande der Liebe, der Freundschaft und der Familie zu gewöhnen. Wie viel Balsam wir auch auf die Wunde legen möchten, sie bleibt schmerzhaft, auch dann noch, wenn wir, wie der Apostel sagt, als Christen nicht trauern wie andere, die keine Hoffnung haben. Was würde sich heute besser zur Betrachtung eignen, als eben diese gute Hoffnung, die uns das Evangelium als den Balsam von Gilead bietet, der besser als alles andere imstande ist, irdisches Leid zu heilen.

Doch bevor wir die Hoffnung betrachten können, die uns durch die Schrift gegeben ist, die Hoffnung auf eine Auferstehung der Toten, auf ein zukünftiges Leben, unter viel glücklicheren Umständen als die gegenwärtigen, begegnet man uns ganz natürlich mit der Frage: "Wozu bedürfen wir solcher Hoffnung? Warum wird uns nicht vielmehr das Sterben erspart, statt dass man uns mit einem Auferstehungsleben tröstet? Warum gönnt uns Gott nur wenige Tage oder Jahre des Daseins, und noch dazu voller Mühe und Arbeit? Warum werden wir alsdann dahingerafft wie Gras, das verdorrt? Warum werden die Bande des Herzens zerrissen und die Familienverhältnisse durch diesen großen Feind unseres Geschlechtes, den Tod, zerstört, der seit 6000 Jahren alle ereilt hat, je nach der Schätzung 25 bis 50 Milliarden Menschen, unsere Brüder nach dem Fleische, als Nachkommen Adams?" Für denkende Gemüter gibt es kaum eine interessantere Frage als diese.

Der Unglaube behauptet: Da wir nur das Höchststehende unter den Tieren sind, so werden wir wie diese geboren, leben und sterben wie sie, und haben auf ein zukünftiges Leben nicht zu hoffen. Schaudernd ob dieses Gedankens und nicht imstande, das Gegenteil davon zu beweisen, sind wir als Kinder Gottes von Herzen dankbar, das Wort unseres Vaters gehört zu haben, das uns Frieden gibt durch Jesum Christum, unseren Herrn. Die Friedensbotschaft, die unser teurer Erlöser seinen Nachkommen gibt, leugnet nicht die Tatsächlichkeit von Leid und Kummer und Tod. Der Herr erklärt: "Ich bin die Auferstehung und das Leben" und "alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören und hervorkommen." O, wie wohltuend ist diese Erklärung der des Unglaubens gegenüber. Sie gibt Hoffnung; und Hoffnung bringt Frieden ein, und zwar um so mehr, je besser wir den Vater und den Sohn kennen lernen, je mehr wir dem vertrauen, dessen Worte wir gehört haben, und der des Vaters Gnadenabsichten verwirklicht.

Wenn sich aber Gott doch vorgenommen, die Toten aufzuerwecken, und uns durch die Kundmachung dieser seiner Absicht tröstet und Freude gibt, warum zerstört er denn erst die Menschen und lässt sie später wiederkommen, wie Moses in Psalm 90:3 sagt? Warum lässt er sie nicht am Leben bleiben? Warum verhindert er nicht den Tod und seine Begleiterscheinungen, Kummer und Leid? Auf diese Frage hat die Schrift, und nur die Schrift, eine Antwort. Sie allein bringt Licht in diese Sache. Sie erzählt, dass Gott den Menschen ursprünglich vollkommen erschaffen hat, in seinem Bilde, dass aber unsere ersten Eltern durch Ungehorsam aus der Gottähnlichkeit fielen und die Strafe für die Sünde, die da ist der Tod, erdulden mussten, dass das ganze Geschlecht diesen Fluch, der über Adam ausgesprochen wurde, geerbt hat. Die Sünde nahm von Geschlecht zu Geschlecht zu und mehrte so die Krankheit und das Leiden und beschleunigte den Tod mehr und mehr.

Wir sind alle einmal irrigerweise belehrt worden, dass die Strafe für Adams Sünde ewige Qual sei, dass die ganze Menschheit diese schreckliche Strafe geerbt habe, und dass nur diejenigen ihr entrinnen, welche Jesu Nachfolger werden. Aber, Gott sei Dank, liebe Freunde, die Schrift weiß nichts von solch einem unvernünftigen, ungerechten und lieblosen Plane Gottes. Die Schrift lehrt im Gegenteil ganz unzweideutig, dass der Tod der Sünde Sold und ewiges Leben eine Gabe Gottes ist, deren nur solche teilhaftig werden können, die mit Gottes geliebtem Sohne eins werden. Da also die Bösen nicht ewiges Leben erhalten, können sie auch nicht ewig leiden. Die Schrift erklärt vielmehr: "Jehova vertilgt alle Gesetzlosen." - Psalm 145:20

Beachte, wie deutlich dies Adam mitgeteilt wurde, als er auf die Probe gestellt wurde. Von der Erzählung dieser Begebenheit müssen wir erwarten, dass sie uns Aufklärung gibt darüber, was denn die Strafe für Ungehorsam ist. Aus dieser Erzählung erfahren wir, dass Gott mit den Früchten des Baumes des Lebens für unsere ersten Eltern wunderbare Vorsorge getroffen hatte und durch das Verbot, eine bestimmte Baumfrucht zu essen, ihren Gehorsam auf die Probe stellte. Der Ungehorsam zog die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradiese und die Abschneidung von den Leben erhaltenden Bäumen nach sich, und so gewann allmählich der Tod Gewalt über sie, und zwar in beständig wachsendem Maße, sodass das Leben der Menschen kürzer und kürzer wurde. Es ist allen offenbar, dass der Durchschnitt des menschlichen Lebens heutzutage viel kürzer ist als zur Zeit Adams, welcher 930 Jahre lebte.

Der Ausspruch des Herrn lautet diesbezüglich: "Welches Tages du davon issest, wirst du gewisslich sterben." Dieser Tag war ein Tag Gottes, von welchem der Apostel erklärt, er sei gleich tausend Jahren. Binnen eines solchen Tausendjahrtages starb Adam, und keiner seiner Nachkommen hat es auf mehr als tausend Jahre gebracht. Der Urteilsspruch aber, der gegen Adam gefällt wurde, zeigt, dass Gott keineswegs beabsichtigte, seine Geschöpfe zu quälen. Die Strafe geht nicht über den Tod, d.h. Zerstörung des gegenwärtigen Lebens und die damit verbundenen Schmerzen und Leiden hinaus. "Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zur Erde, denn von ihr nist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staube wirst du zurückkehren." - 2. Mose 2:17; 3:19; 2. Petr. 3:8

Wir haben gewiss allen Grund, uns darüber zu freuen, dass die Lehre der ewigen Qual als Irrlehre erkannt worden ist, welche nicht aus der Bibel, sondern dem finsteren Mittelalter stammt. In voller Übereinstimmung mit dem Berichte über den Sündenfall sagt Paulus in Röm. 5:12: "Gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen, und durch die (infolge der) Sünde der Tod, und also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben." Gibt es für den Tod eine vernünftigere und befriedigendere Erklärung als die eben angeführte der Schrift: nämlich, dass er eine Folge der Sünde ist, dass unser Vater Adam dadurch, dass er bei seiner Prüfung nicht bestand, sondern fiel (ungehorsam wurde), alle seine Rechte und Ansprüche verlor und unter den Fluch kam, der wiederum Krankheit, Leiden, Kummer, Not und ein langsames Dahinsterben nach sich zog; und dass wir nun, ohne einer Prüfung unterstellt zu werden, die zwecklos wäre, da wir infolge der angeerbten Schwachheit nicht bestehen könnten, Teilhaber dieser göttlichen Strafe, ein langsam dahinsterbendes Geschlecht, geworden sind? Diese Erklärung scheint uns befriedigend. Sie allein macht begreiflich, dass das Kindlein im Alter von einer Stunde, einem Tage, einer Woche, einem Monat ebenso wohl sterben muss, wie die, welche einige Jahre leben und ihr Teil zur Vermehrung der Sünde der Menschheit beitragen. "In Ungerechtigkeit bin ich geboren, und in Sünde hat mich empfangen meine Mutter", und "alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes".

Wo ist nun die Hoffnung? Welche Abhilfe gibt es für so traurige Zustände? Was kann für diejenigen geschehen, die jetzt in aller Welt leiden, sorgen und dahinsterben, und für die schon dahingesunkenen tausend Millionen, die ins Gefängnis des Todes, ins Grab, gewandert sind? Selbst können sie sich gewisslich nicht helfen. Seit 6000 Jahren kämpft die Menschheit gegen Krankheit, Leiden und Tod an und hat nichts dagegen zu tun vermocht. Von solchen Bemühungen haben wir somit nichts zu hoffen. Hilfe können wir nur vom Herrn, dem Gott unserer Errettung, erwarten. Er hat sich eine Errettung vorgenommen, und die Schrift ist die Offenbarung seines glorreichen Planes in dieser Beziehung, den er Schritt für Schritt hinausführt. Den ersten Schritt bildete die Beschaffung des Lösegeldes, die Bezahlung unserer Schuld durch den freiwilligen Tod des Erlösers, welcher starb als "der Gerechte für die Ungerechten, auf dass er uns zu Gott führe." Kein Angehöriger des verurteilten Geschlechtes konnte für sich allein, geschweige denn für andere, ein Lösegeld aufbringen, wie der Prophet es bezeugt: "Keineswegs vermag jemand für seinen Bruder ... ein Lösegeld zu geben." Aber des Menschen Verlegenheit wurde Gottes Gelegenheit. Er sandte Jesum, der für uns sein unverwirktes Leben hingab, ein heiliges, schuld- und sündloses Leben. Dieses Leben nimmt Gott an als Lösegeld, als Ersatz für das von Adam verlorene Leben; und darum kommt dieses Opfer uns allen zugute, weil wir nicht um unserer eigenen Sünde, sondern um Adams Sünde willen, durch den Ungehorsam des einen, verurteilt sind; darum kann Gott gerecht bleiben, indem er uns um des Gehorsams des einen willen aus der Strafe entlässt. Von diesem, Jesus Christus, steht geschrieben, dass "er sich selbst gab zum Lösegeld für alle, wovon das Zeugnis zu seiner Zeit verkündigt werden sollte." - 1. Tim. 2:6

Lasst uns beiläufig bemerken, liebe Freunde, dass unser Herr Jesus nicht die Herauswahl allein erkaufte. Die Schrift sagt vielmehr deutlich: "Er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt." (1. Joh. 2:2) Hier haben wir, Gott sei Dank, die Grundlage für die Hoffnung, welche uns befähigt, nicht zu trauern wie andere, die keine Hoffnung oder nur eine nebelhafte Hoffnung, für welche es in der Schrift keinen Grund gibt, haben.

Aber, mag jemand sagen, es ist schon lange her, dass Jesus starb. Warum lässt denn Gott zu, dass Sünde und Tod zu herrschen fortfahren, die Menschheit immer noch zu verschlingen? Wir fragen dagegen: Warum hat Gott mehr denn viertausend Jahre gewartet, ehe er das Lösegeld bezahlen ließ? Wie hierfür, so hat er eben auch für die Segnungen, die aus dem Sühnopfer Jesu hervorgehen sollen, eine zuvor bestimmte Zeit. Der Grund der Verzögerung ist ein doppelter:

Erstens sollte eine genügende Anzahl Menschen geboren werden, damit die Erde voll werde, wenn sie einmal zu einem Paradiese erblüht sein wird. Die in dieser Zeit geborenen Menschen haben eine wichtige Lektion zu lernen: nämlich die außerordentliche Sündhaftigkeit und Verwerflichkeit der Sünde. Sobald die zuvor bestimmte Zeit des Herrn hierfür gekommen ist - und wir glauben, dass sie nicht mehr fern ist -, wird er sein Wort einlösen, sein Reich aufrichten, Satan binden, den Mächten der Sünde und des Todes wehren und die Erkenntnis Gottes über die ganze Erde verbreiten. So wird Christus die Menschheit segnen und Schritt für Schritt der Vollkommenheit, der Gottebenbildlichkeit, in welcher der Mensch erschaffen war, entgegenführen. Die Zeit, in der dies geschehen soll, ist das Tausendjahrreich, um dessen Kommen wir zu beten gelehrt worden sind, und welches eine Zeit, eine Ewigkeit herbeiführen wird, da der Wille des Vaters auf Erden geschieht (befolgt wird), wie im Himmel, d.h. freiwillig. Die ganzen tausend Jahre werden nötig sein, um dieses Segens- und Wiederherstellungswerk zu verrichten, um herbeizuführen, dass die Gerechtigkeit festen Grund auf Erden bekomme, um die ganze Menschheit auf die Probe zu stellen - um zu sehen, wer ewigen Lebens (Dasein auf Erden) würdig sei, und wer nach Erlangung völliger Erkenntnis - weil er der Sünde trotzdem den Vorzug gab, zum zweiten Tode verurteilt werden müsse - "zur ewigen Vernichtung vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke". Dieser Segnungen werden nicht nur die Menschen der jetzigen Generation, sondern alle 50000 Millionen verstorbener Menschen teilhaftig werden, welche in ihrem Gefängnis, dem Grabe, die Stimme des Menschensohnes hören und hervorkommen werden, um von den Gelegenheiten des Reiches Segen zu empfangen, denn: "Ich habe die Schlüssel des Todes und des Hades" - sagt der Herr in Offb. 1:18

Zweitens, liebe Freunde, hat der Herr mit der allgemeinen Segnung der Welt gewartet, um sich während dieser Zeit, die wir das Evangeliums-Zeitalter nennen, aus der Menschheit, die er erkauft, ein Volk für seinen Namen herauszusuchen, d.h. ein Volk, das seinen Namen tragen soll, eine Braut, eine kleine Herde, eine auserwählte Klasse, Jünger, die in seine Fußstapfen treten, Heilige. Er sucht ein abgesondertes Volk, eine königliche Priesterschaft, die mit ihm im Tausendjahrreiche herrschen soll, die nicht an der Wiederherstellung zu irdischen Zuständen teilhaben wird, wie vollkommen und herrlich diese auch sein werden, die nicht in das Paradies zurückgeführt werden wird, wie wünschenswert dies auch sein möge, sondern einer viel höheren Gunst teilhaftig werden soll. Sie soll dem Herrn gleich werden, geistige Natur erhalten, Teilhaber der göttlichen Natur werden, hoch erhoben sein über Engel, Fürstentümer und Gewalten, Teilhaber der nunmehrigen Herrlichkeit des Herrn. Welch eine wunderbare Hoffnung! Wie ermuntert sie die, welche der Einladung ein williges Ohr geliehen, Jesu nachgefolgt sind und in seinen Fußstapfen zu wandeln gesucht haben. Welch ein Vorrecht wird es sein, zu solcher Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit, wie sie der Herauswahl durch die erste Auferstehung zuteil werden soll, hinzugelangen! Vereinigt mit dem Herrn den Segen Gottes mit vollen Händen über die ganze seufzende Schöpfung auszustreuen! Ja, alsdann, im Reiche Gottes, werden der Geist und die Braut (Christus und die am Ende des Evangeliums-Zeitalters durch die Hochzeit mit ihm verbundene Herauswahl) sagen: "Komm! Wer da will, nehme das Wasser des Lebens umsonst." - Off. 22:17

Ist dieser Zweck nicht den Verzug des Reiches wert? Sicherlich; und wir dürfen uns über die Gelegenheit, berufen zu werden, freuen, und unsere Berufung und Erwählung fest machen.

Dieser Art war, in wenigen Worten gesagt, die herrliche Hoffnung, die in dem lieben Bruder lebte, dessen Andenken wir heute ehren. Diese Hoffnung war wie ein Anker für seine Seele, welcher ihn befähigte, fest zum Herrn zu stehen und das Los derer zu teilen, welche Christum bekennen, ihr Kreuz auf sich nehmen und ihm folgen. Er hatte schöne Eigenschaften, welche ohne Zweifel viele von euch gar wohl bemerkt haben; aber unsere Freude und Hoffnung gründet sich nicht auf die Annahme, dass er vollkommen gewesen wäre, sondern auf die Tatsache, dass Christus Jesus sein vollkommener Erlöser war, und dass er auf ihn sein Vertrauen setzte. Und wir haben die gar köstliche Verheißung, dass, wer auf ihn vertraut, nicht zuschanden, sondern Überwinder werden soll. Die schönen Eigenschaften unseres Bruders sind sicher aller Nacheiferung wert; dennoch bedürfen wir keines irdischen Vorbildes. Gott selbst hat uns in seinem Sohne ein gar herrliches Vorbild vor Augen gestellt; dem ähnlich zu werden mögen wir uns alle bestreben, wie es unser lieber Bruder tat. Wohl uns, wenn wir nicht in unseresgleichen, sondern in Jesu unser vollkommenes Vorbild sehen! Wohl uns, wenn wir die natürlichen Schäden übersehen, die wir vom Falle Adams geerbt haben, und uns daran erinnern, dass sie bei den Nachfolgern Jesu durch das Kleid seiner Gerechtigkeit alle zugedeckt sind, sodass solche Nachfolger "vor Gott annehmbar werden können in dem Geliebten."

Endlich, liebe Freunde, lasst uns an diesem Sarge der Kürze des gegenwärtigen Lebens und der Vorrechte und der damit verbundenen besonderen Pflichten derer eingedenk werden, die schon jetzt von den großen Segnungen gehört haben, welche Gott für die Welt in Bereitschaft hält, die schon im gegenwärtigen Leben sehen und schmecken dürfen, wie freundlich der Herr ist. "Wer diese Hoffnung zu ihm hat, der reinigt sich selbst, gleichwie er rein ist", sagt der Apostel. Wenn wir hoffen, mit dem Herrn vereinigt zu werden, Teilhaber seiner Herrlichkeit und seines zukünftigen Werkes zu werden, so wissen wir auch, dass unsere Gesinnung verwandelt, unser Herz erneuert werden muss, dass wir nicht allein reinen (ungeteilten) Herzens, d.h. rein in unseren Absichten und Vorsätzen, sondern, soweit dies möglich, auch rein in Wort und Tat werden müssen, soweit es der neuen Gesinnung möglich ist, unsere vom Fall beschädigten Leiber zu unterwerfen und niederzuhalten. Wir müssen nicht nur in Jesu bleiben, bedeckt mit dem Kleide seiner Gerechtigkeit, sondern müssen in unserem Herzen mehr und mehr die Gnadengaben des Geistes pflegen, und gute Entschlüsse sind in dieser Beziehung sehr hilfreich. So lasst uns denn in dieser feierlichen Stunde und mit diesen ernsten und doch so frohen Gedanken in unserem Herzen den ernsten Entschluss fassen, soviel an uns liegt, uns hinfort zu bemühen, noch genauer den Fußstapfen des Meisters zu folgen, und durch unseren Wandel das Licht seiner Wahrheit und Gnade mehr und mehr leuchten zu lassen. Lasst uns danach streben, dass wir unseren Einfluss auf die Welt zu ihrem Troste und ihrer Ermunterung ausüben, und dass wir, soweit wie möglich, Gott in unserem Leibe und Geiste, die beide sein sind, Ehre machen. Amen."

Auf diese Ansprache mag ein Gebet folgen, das entweder vom Sprecher selber oder sonst einem befähigten Bruder in der Wahrheit gesprochen werden sollte. Niemals sollte ein außenstehender Geistlicher aufgefordert werden, nach der Ansprache zu beten. Es ist soviel wie sicher, dass ein solcher zu Menschen anstatt zu Gott beten und versuchen würde, den Eindruck zu verwischen, den obige Ansprache auf den einen oder anderen der Zuhörer gemacht haben könnte. In dem Gebete sollte Gott insonderheit für die uns in Christo Jesu erwiesene Gnade gedankt und Gottes Segen für alle Anwesenden, insbesondere für die Trauerfamilie, erbeten werden.

Die Feier mag mit ein oder zwei Versen eines passenden Liedes, wie zu Anfang angedeutet, geschlossen werden.

Am Grabe sollte, wenn überhaupt, nur ein ganz kurzes Gebet gesprochen werden, nachdem der Sarg herabgelassen ist.

Es liegt auf der Hand, dass obige Ansprache auch beim Abscheiden einer Schwester brauchbar ist; handelt es sich aber um einen Weltmenschen oder um jemand, der nicht zu den Geweihten gezählt zu werden wünschte, so müssten verschiedenen Änderungen angebracht werden, die sich jedem Befähigten von selbst ergeben werden.

Im Falle eines Kindes sollte die Ansprache ebenfalls in passender Weise abgeändert werden, mögen die Eltern gläubig oder ungläubig sein. Man mag Redewendungen gebrauchen wie die: "Unser junger Freund (unsere junge Freundin), welchen der unbarmherzige Schnitter Tod so früh dahingerafft", oder ähnliches. Handelt es sich um ein ganz kleines Kind, so erscheint uns Jer. 31:15-17 als passender Text. Bei solchen Gelegenheiten sollte ja nicht verfehlt werden, die unbestreitbare Tatsache hervorzuheben, dass kleine Kinder nicht Sünde zum Tode begehen können, und dass mithin die Schrift bestätigt wird, wonach durch EINES, nicht durch aller Menschen Ungehorsam die Sünde in die Welt kam, und mit der Sünde der Tod als ihr Sold.

Zehnten, Kollekten u. dgl.

Unseres Wissens veranstaltet keine der kleinen Versammlungen vom "Volke Gottes nach diesem Wege" (Apg. 22:4) öffentliche Kollekten. Wir waren diesen von jeher abhold, nicht etwa, weil wir etwas Sündhaftes darin erblickten, nicht etwa, weil in der Schrift etwas dagegen eingewendet würde, sondern deshalb, weil die Geldfrage in der ganzen Namenchristenheit derart in den Vordergrund getreten ist, dass es uns scheinen wollte, es könnte nur zur Ehre Gottes sein, wenn dieselbe bei uns gar keine Rolle spielte. Leute, die ihr Leben lang mit den Kollektenbüchlein oder -bogen begrüßt worden sind, kommen bald dahin, zu wähnen, das Predigen und Lehren geschehe großenteils um schnöden Gewinnes willen.

Die Aussage der Schrift, dass die Mehrzahl der Getreuen des Herrn Arme dieser Welt sein werden, wird durch unsere Erfahrung durchaus bestätigt. Wir zählen unter uns nur wenige Reiche, Große, Vornehme, aber um so mehr Arme dieser Welt, die aber reich, groß und hervorragend im Glauben sind. Nicht wenige dieser Armen haben sicherlich, als sie in unsere Versammlung kamen, erleichtert aufgeatmet, als sie gewahrten, dass in denselben nicht nach Geld und Gut gefragt wird, und einigen ist dieser Zug als eine Empfehlung des in jenen Versammlungen gepredigten Glaubens erschienen. Wessen Augen sich dem Lichte der gegenwärtigen Wahrheit öffnen, der wird so eifrig und energisch im Dienste derselben, der wünscht so sehr, sein Licht zur Ehre des Vaters und des Sohnes leuchten zu lassen, dass manche laue Christen zu fragen geneigt sind: "Was ist der Beweggrund, was der Zweck solchen Eifers? Was wird diesen das eintragen, welchen Vorteil werden sie davon haben, mich zu interessieren, mir Bücher zu leihen und ihre Zeit dazu zu verwenden, mein Interesse für diese Gegenstände zu erregen?" Wenn solche Frager dann an einer Zusammenkunft teilnehmen und bemerken, dass weder auf den Beutel geklopft noch kollektiert wird, dann gewinnen sie immer mehr die Überzeugung, dass es Liebe für den Herrn, seine Wahrheit und seine Schafe war, die zu den Bemühungen leitete, die Wahrheit in ihren Bereich zu stellen. Vorurteile gegen die Wahrheit werden durch nichts kräftiger erschüttert als durch solche Beweise der Aufrichtigkeit, des Wohlwollens und der Edelgesinntheit, welche als Ausflüsse des Geistes Gottes, des Geistes der Liebe, erscheinen.

Wiewohl wir nun mit der Unterlassung der Kollekten durchaus einverstanden sind und dies überall aufs wärmste empfehlen, halten wir es doch für unsere Pflicht, andererseits darauf aufmerksam zu machen, dass, wie unedel, selbstisch und kleinlich einer zur Zeit, da der Herr ihn annimmt und er sich dem Herrn weiht, sein mag, er nicht bleibend zu denen gerechnet werden kann, deren Namen im Himmel angeschrieben sind, er nicht beim Herrn, dem Haupte der Herauswahl, bleiben kann, er trage denn einen ersichtlichen Sieg über seine Eigenliebe davon. Wir wissen ganz gut, dass Selbstsucht und Geiz dem Geiste unseres himmlischen Vaters und unseres Herrn Jesu fremd sind. Darum müssen sie auch allen denen fremd sein, welche einst an der Familienähnlichkeit, deren Hauptmerkmal Liebe und Wohlwollen ist, als Kinder ihres Vaters werden erkannt werden. Wem ein gut Stück Selbstsucht angeboren oder anerzogen worden ist, der wird, nachdem er unter die "Mitglieder auf Probe" der Neuen Schöpfung aufgenommen wurde, sehr bald Gelegenheit finden, in diesem Stücke einen guten Kampf zu kämpfen. Das Fleisch gelüstet wider den Geist der Neuen Schöpfung, und diese muss den Sieg gewinnen, wenn sie einst den Überwindern zugezählt werden soll. Eigenliebe und Habsucht müssen überwunden, Gottseligkeit, Freigebigkeit und Edelgesinntheit müssen gepflegt, großgezogen und in die Tat umgesetzt werden. Möglicherweise wird dieser Kampf bis zur letzten Stunde dauern; aber niemals darf über die Haltung der Gesinnung, des erneuerten Willens, ein Zweifel bestehen; und wer solchen Kämpfern nahe steht, wird an ihrem Wandel wahrnehmen, ob die neue Gesinnung den Sieg über die Gesinnung des Fleisches und die Eigenliebe davongetragen hat.

Wenn wir also das Kollektieren in den Zusammenkünften der Herauswahl unterlassen, so geschieht es keineswegs, um vom Geben abzubringen. Im Gegenteil. Soweit wir beobachten können, empfangen diejenigen, welche dem Herrn am reichlichsten, aufrichtigsten und freudigsten geben, auch den meisten Segen in geistlichen Dingen. Wir sind aber nicht der Meinung, dass das Wort des Herrn: "Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb", nur denen gelte, welche Geld geben; wir verstehen unter solchen Gott und unserem Erlöser wohlgefälligen Gaben alles, was das Volk Gottes auf seinen Altar legen zu dürfen das Vorrecht genießt. Sooft wir daher gefragt wurden: "Soll ich das oder das einträgliche Geschäft übernehmen, welches mich in die Lage versetzen wird, einen großen Teil dessen, was meine Hand oder mein Kopf verdient, zur Bestreitung der Kosten daranzugeben, welche die Verbreitung der Wahrheit verursacht, oder soll ich mich vielmehr mit einer weniger einträglichen Stellung begnügen, die mir mehr Zeit und Kraft zur Verbreitung der Wahrheit unter meinen Freunden und Nachbarn ließe?" - antworten wir unabänderlich, dass unseres Erachtens die Opfer an Zeit und die Verwendung persönlichen Einflusses in Gottes Augen noch mehr wert seien als klingende Gaben.

Fühlt sich jemand sowohl zum Verkündigen der Wahrheit als auch zu ehrlichem Geldverdienen fähig, so ginge unser Rat dahin, dass er die Fähigkeit zum Geldverdienen nur in beschränktem Maße verwende, damit ihm um so mehr Zeit und Kraft bleibe zur Verwendung seiner noch höher stehen den Fähigkeit, der Wahrheit zu dienen, was auch durch Kolportieren oder Versenden von Druckschriften geschehen kann.

"Geben ist seliger als nehmen", ist ein Grundsatz, dessen Richtigkeit alle Kinder Gottes, die schon einigermaßen entwickelt sind, schätzen gelernt haben. Gott ist der große Geber; er gibt fortwährend. Die ganze Schöpfung ist in allen ihren Teilen ein Ergebnis der Freigebigkeit Gottes. Er gab seinem eingeborenen Sohn nebst dem Leben noch das Vorrecht, die Freude, mit ihm aufs engste verbunden zu sein. Er segnete die Engel mit unermesslichen Gütern. Er segnete die Menschen mit Leben und einer Intelligenz, die trotz des Schadens, den ihr der Fall Adams und seine Folgen gebracht, noch jetzt wunderbar ist. Er gab uns die fünf Sinne und schuf in unserer Umgebung alles, was sie erfreuen kann, von den Blumen und Früchten an bis zum glanzvollen Sternenhimmel.

Richten wir endlich unsere Aufmerksamkeit auf die Güter, die Gott für die "kleine Herde" Neuer Schöpfungen in Bereitschaft hält, so gewahren wir, dass sie alles weit übertreffen, was wir je hätten wünschen oder uns vorstellen können. "Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben; uns aber hat Gott es geoffenbart durch seinen Geist." Wohlwollen, Geben, Helfen, Segnen ist ein Teil des Charakters Gottes; kann es uns da noch wundern, dass Geben höher, vorzüglicher ist als Nehmen?

Je höher wir nun die geistlichen Güter schätzen lernen, je mehr Gemeinschaft wir mit dem Herrn haben, je mehr wir von seiner Gesinnung haben, je mehr Liebe, Güte und Freigebigkeit Gottes Geist in unsere Herzen gießt, um so mehr freut es uns, allen Menschen Gutes zu tun, besonders aber dem Haushalte des Glaubens. Die Liebe sucht nicht nur das eigene Wohlergehen, sondern hält immer Ausschau nach Gelegenheiten, das Wohlergehen anderer zu fördern, ein wenig Sonnenschein und Wärme in das Leben anderer hineinzutragen, sie in ihrem Kummer zu trösten, ihrem Mangel abzuhelfen. Je mehr von dieser Gesinnung in uns wohnt, je mehr wir durch die Erneuerung unseres Sinnes verwandelt werden, um so höher werden wir das große Werk zu schätzen wissen, das unser in der Zukunft harrt - die Hinausführung des Planes Gottes, die Segnung aller Geschlechter auf Erden, das Austeilen aller Güter, die Gott für die in Bereitschaft hält, die sich mit ihm aussöhnen werden. Darum finden die Neuen Schöpfungen, dass sie in dem Verhältnis, in dem sie in Gnade wachsen, - während sie wohl die verheißene, persönliche Herrlichkeit würdigen - eher mehr an die ihnen durch die Miterbschaft mit ihrem Herrn gewährten Vorrechte denken, der armen seufzenden Schöpfung die Wiederherstellung mit ihren vielfachen Segnungen bringen zu können - eine Aufrichtung aller Willigen zu menschlicher Vollkommenheit, von der alle in Adam fielen.

Dieser Geist der Liebe, dieser Wunsch, zu geben und zu helfen, führt bei seinem Erstarken schon in dieser Zeit dazu, anderen gegenüber Gutes nicht allein zu beabsichtigen, sondern auch zu tun, auf Kosten unserer Zeit, durch Aufbieten unseres Einflusses, damit auch sie mit dem Lichte der gegenwärtigen Wahrheit erleuchtet werden möchten, wie wir es einst wurden. Haben wir nun nicht die Gabe des Lehrens und Auslegens, so treibt uns dieser Geist je nach Zeit und Gelegenheit, Traktate zu verteilen oder mit einigen begleitenden Worten zu versenden. Und ist uns außerdem Geld und Gut beschert, so treibt uns derselbe Geist, es im Dienste des Herrn, zur Verbreitung der guten Botschaft zu verwenden. Wir sind in der Tat der Meinung, der Herr wisse auch heute noch, wie zu jeder Zeit, die Gesinnung zu schätzen, die die arme Witwe trieb, ihre zwei Scherflein in des Herrn Schatzkasten zu werfen. Die Selbstverleugnung, die zum Geben selbst eines so kleinen Betrages nötig war, stellte die Witwe in den Augen des Herrn und mithin auch des Vaters auf die oberste Stufe der Geber - nach seinem eigenen Herzen: "Diese aber hat von ihrem Mangel, den ganzen Lebensunterhalt, den sie hatte, eingelegt." - Luk. 21:4

Auf ihre Weise handelte sie nach demselben Geiste, wie unser Herr selbst, der nicht nur den Lebensunterhalt, sondern sein Leben selbst hingab, es täglich, ja stündlich im Dienste der anderen opferte und schließlich, am Kreuze verblutend, sein Werk vollendete.

Wir neigten einige Zeit dahin, uns darüber zu wundern, dass der Herr der Witwe nicht ein wenig zu verstehen gab, dass sie mehr als ihre Pflicht getan, dass sie die zwei Scherflein, oder doch eines davon, zur Bestreitung ihrer eigenen Bedürfnisse hätte behalten sollen. Wären es nicht der Herr und einer der Apostel, die die Handlungsweise der Witwe priesen, wir hätten uns frei gefühlt, in diesem Punkte zu einiger Vorsicht zu mahnen. Aber wir mussten im allgemeinen annehmen, dass nur sehr wenige erst zur Selbsterhaltung ermahnt werden müssen. Sehr wenige bedürfen einer Warnung, ihren ganzen Lebensunterhalt daranzugeben. Es mag solche geben, aber wir sind dessen sicher, dass sie der Herr für ihre übertriebene Freigebigkeit auf irgendeine Weise entschädigen wird. Es ist sicher besser, in dieser Richtung zu irren, als in der entgegengesetzten.

"Da ist einer, der ausstreut, und er bekommt noch mehr (wenn nicht in natürlichen, dann sicherlich in geistlichen Dingen); und einer, der mehr spart als recht ist (zuviel Sorgfalt anwendet, zu besorgt und geizig ist und zu sehr auf das Zusammenscharren bedacht], und es ist nur zum Mangel (manchmal zum Geldmangel, und sicherlich stets zu geistlichem Mangel)." - Spr. 11:24

Der Herr hat seinem Volke hinsichtlich seiner Opfergaben keine Vorschriften hinterlassen, sondern es dem Ermessen der ihm völlig Geweihten anheim gestellt, damit ihr Wandel, ihre Opfer und ihre Selbstverleugnung den Maßstab für ihre Weihung abgeben. So wird denn ein jeder von uns vor die Frage gestellt: "Wie viel von meiner Zeit, meinem Einflusse, meinem Gelde soll ich in den Dienst des Herrn stellen?" Für einen völlig Geweihten gibt es auf diese Frage nur eine Antwort: er hat nichts mehr zu geben: er hat dem Herrn schon alles gegeben. Hat er etwas zurückbehalten, so hat er sich nicht völlig geweiht und ist daher auch nicht völlig vom Herrn angenommen worden.

"Ja, wie sollen wir denn dieses Opfer vollziehen?" - Unseres Erachtens so, dass sich ein jeder hinfort als bloßer Verwalter seiner Zeit, seines Einflusses, seines Geldes betrachten und darauf bedacht sein soll, dies alles nach Kräften zur Ehre des Herrn zu verwenden. Und da er Zutritt zum Throne der Gnade hat, so kann er, wenn er je über die Verwendung seiner Talente im Zweifel ist, Gott um Weisheit bitten, der dem, der ihn darum bittet, seine Weisheit willig gibt und nichts vorenthält. Unter der Leitung der Weisheit von oben wird die täglich durch die Kenntnis der Wahrheit und die Erfüllung mit seinem Geiste wachsende Liebe zum Herrn mehr und mehr Zeit, mehr und mehr Einfluss, mehr und mehr andere Mittel zum Dienste an der Wahrheit verfügbar finden und nun darauf ausgehen, zu sehen, was er von persönlichen oder Familienpflichten und Rücksichten abkargen kann, um sein Opfer zu mehren.

Bekanntlich schrieb Gott den Juden vor, den Zehnten von aller Mehrung des Gutes (Getreide, Vieh, Geld usw.) zu heiligen Zwecken beiseite zu legen, als gehörte es dem Herrn. Aber das war eine Einrichtung für das "Haus der Knechte." Dem "Hause der Söhne" hat Gott keine solche Vorschrift gegeben. Setzt das nun etwa voraus, dass er von den Söhnen weniger als von den Knechten erwartet? Gewisslich nicht; vielmehr wäre der Sohn, der sich für des Vaters Sache weniger als der Knecht interessieren würde, der Sohnschaft unwürdig und sicher, sie zu verlieren und durch einen anderen ersetzt zu werden, der mehr von dem wahren Geiste der Sohnschaft hätte. Im Hause der Söhne ist nicht der Zehnte, sondern alles dem Herrn geweiht und geopfert, und alles ist im Dienste des Herrn und seiner Sache zu verwenden, wo und wie die Gelegenheit dazu wahrgenommen wird. So haben wir stets zu handeln, unser Leben, unser alles im Dienste der Wahrheit darangebend. (Die Pflichten der Geweihten gegenüber ihren Familien, und wie diese mit ihrer gänzlichen Weihung an den Herrn in Zusammenhang stehen, werden in Studie 8 betrachtet.)

In Phil. 4:17 schreibt der Apostel zu dieser Frage: "Nicht dass ich die Gabe suche, sondern ich suche die Frucht, die überströmend sei für eure Rechnung." Er wusste, dass, so gewiss sie vom Heiligen Geiste gezeugt waren, dieser in ihnen die Früchte guter Werke und der Barmherzigkeit hervorbringen werde; je mehr gute Werke er nun gewahrte, um so mehr Beweise ihres Wachstums im Geiste hatte er, und dieses Wachstum war es, was er wünschte. Und so ist es auch heute noch. Der Herr belehrt uns, dass alles Gold und Silber und das Vieh auf "tausend Hügeln" sein seien. Er bedarf weder unserer Bemühungen, noch unseres Geldes, aber weil es zu unserem Vorteile ist, weil es uns fördert, erlaubt er, dass sein Werk der Bemühungen aller derer, die wahrhaft Sein sind, und aller Hilfsmittel bedarf, welche anzuwenden die Seinen durch ihren Wunsch, ihn zu verherrlichen, getrieben werden.

Wie so voller Güte und Gnade ist doch diese Einrichtung! Wie viel Segen hat sie dem Volke Gottes schon eingebracht! Wir zweifeln nicht, dass es bis ans Ende unseres Laufes so bleiben wird, damit wir alle das Vorrecht haben möchten, unsere Talente (Gaben jeglicher Art) in den Dienst des Herrn zu stellen. So sind wir denn gewiss, dass, nach dem Beispiele der armen Witwe mit ihren zwei Scherflein, niemand zu arm ist, um dem Herrn den Wunsch seines Herzens kundzugeben. Des Herrn Maßstab scheint nach seinen eigenen Worten der zu sein, dass, wer im Geringsten treu ist, es auch im Großen sein wird, wer kleine Gelegenheiten zu benutzen weiß, auch große nicht unbenutzt lassen wird. Solchen wird er daher nicht nur die großen Gelegenheiten des zukünftigen Zeitalters verschaffen, sondern auch die gegenwärtigen mehren.

Unser Rat ist, soweit möglich (und wir glauben, dass es immer möglich ist), in allgemeinen Versammlungen der Herauswahl die Geldfrage gar nicht zu berühren und um so mehr die göttliche Gesinnung zu fördern. Wo diese reichlich vorhanden ist, wird sich ein jeder gedrungen fühlen, der Versammlung zu dienen, nicht nur durch einen Beitrag zu den laufenden Ausgaben (Miete oder dgl.), sondern auch durch Ausbreitung des Lichtes, dessen seine eigene Seele sich erfreut, über andere, die noch im Finstern sitzen. Unser Rat ist ferner, Draußenstehende zu diesen Zwecken nicht um Geld zu bitten; sollten solche aber dies anbieten, so sehen wir keinen Grund, es zurückzuweisen, Denn zum wenigsten wären solche Gaben ein Zeichen dafür, dass der Geber dem Werke freundlich gegenübersteht, und gewiss wird eine solche Gabe, sei es im jetzigen oder im zukünftigen Leben, Anerkennung und Lohn von Seiten dessen finden, der erklärt hat, dass selbst ein Becher kalten Wassers, der in seinem Namen einem seiner Jünger gereicht würde, nicht unbelohnt bleiben würde. - Matth. 10:42; Mark. 9:41

nach oben

Studie 7

Das Gesetz der Neuen Schöpfung

Der Erlass des Gesetzes setzt die Fähigkeit voraus, es zu halten. - Das ursprüngliche göttliche Gesetz. - Ein Gesetz des Lebens konnte dem gefallenen Geschlechte nicht gegeben werden. - Die Erlösung ist nicht vom Gesetze, sondern aus Gnade. - Der Gesetzesbund gehalten und der Neue Bund besiegelt durch das eine Opfer Christi. - Das Gesetz vom Sinai war nur Israel nach dem Fleische gegeben. - Das Gesetz des Neuen Bundes. - Das Gebot, unter welchem die Heiligen entwickelt werden. - Die Neue Schöpfung steht in ihren Beziehungen zu Gott und in ihrem Bundesverhältnis allein und abgesondert da. - Wachstum in der Wertschätzung des vollkommenen Gesetzes. - Das Laufen nach dem Ziele und das Festhalten bei demselben. - Die goldene Regel. - Das vollkommene Gesetz der Freiheit.

Der Erlass eines Gesetzes durch eine dazu berufene Behörde setzt voraus, dass diejenigen, für den Fall der Übertretungen Maßregeln für das Gutmachen der Vergehen getroffen sind. Der Erlass eines Gesetzes setzt immer die Möglichkeit voraus, dass es übertreten werde, darum enthält ein Gesetz immer Strafbestimmungen. Da Adam, der im Bilde Gottes erschaffen worden war, wegen Ungehorsams gegenüber dem göttlichen Willen bestraft wurde, so schließen wir, dass ihm ein Gesetz gegeben wurde, und dass dasselbe für ihn verständlich genug war, sonst wäre es unbillig gewesen, ihn zu verurteilen. Wir werden ausdrücklich belehrt, dass die Sünde in Eden in der Übertretung eines göttlichen Gebotes bestand. Soll nun das Todesurteil, das gegen Adam ausgesprochen wurde, und das sich auf seine ganze Nachkommenschaft vererbte, gerecht gewesen sein, so muss Adam das Gesetz, unter dem er stand, völlig verstanden und wissentlich übertreten haben, denn sonst wäre der Gesetzgeber im Unrecht. Dass Adam völlig in der Lage war, das göttliche Gesetz zu halten und ihm zu gehorchen, geht aus der Tatsache hervor, dass es keine Vorsehung für die Aussöhnung jenes Gesetzes - keinen Mittler - gab, sondern als Folge seiner Verletzung die volle Strafe auf Adam kam.

Der biblische Bericht sagt keineswegs, dass der Schöpfer unseren ersten Eltern ein auf Stein oder anderswo geschriebenes Gesetzbuch vorgelegt hätte. Da nun heutzutage eine Verbriefung der Gesetze allgemein üblich und wegen unserer Schwachheiten notwendig ist, so können sich manche nicht vorstellen, in welcher Weise der vollkommene Adam im Besitze eines vollkommenen Gesetzes war und durch seine Übertretung verurteilt wurde. Es ist irrig anzunehmen, dass Gesetze einer schriftlichen Abfassung bedürfen. Die Schrift spricht von einer höheren Art zu schreiben, nämlich in die Herzen. Das göttliche Gesetz war - und es soll einst wieder sein, im neuen Zeitalter - dem vollkommenen Menschen in der Weise ins Herz geschrieben, dass er bei seiner Erschaffung gänzlich mit seinem Schöpfer übereinstimmte. Ebenso ist das göttliche Gesetz Gott selbst und allen Engeln gleichsam ins Herz geschrieben. Solange dieser Zustand bei den ersten Menschen herrschte, solange neigten sie auch nicht zur Sünde, sondern vielmehr zur Gerechtigkeit. Sie waren gerecht, umgeben von gerechten und vollkommenen Zuständen, sich ihrer Verpflichtung zum Gehorsam dem Schöpfer gegenüber völlig bewusst, und wussten genau, nicht nur ungefähr, was er geboten hatte. Sie hatten mithin keine Entschuldigung für ihre Übertretung. Mitleid möchte wohl nach Entschuldigungen suchen und darauf verweisen, dass es ihnen an Erfahrung fehlte, dass sie nicht wussten, wie die Strafe sein würde; aber dies verhinderte sie keineswegs, zu wissen, welches der richtige Wandel war. Sie wussten, dass es recht sei, Gott zu gehorchen, und unrecht, ihm ungehorsam zu sein; das wussten sie, auch wenn sie die schrecklichen Folgen des Ungehorsams nicht kannten. Der Apostel sagt ausdrücklich, Adam sei nicht betrogen worden; er beging seine erste Übertretung mit Wissen und Willen und zog sich dadurch die vom Schöpfer angedrohte Todesstrafe zu.

Sehen wir uns heute in der Welt um, so gewahren wir, dass die Menschheit von ihrer Gottähnlichkeit, von der Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht leicht und sicher zu unterscheiden, sehr viel eingebüßt hat. Das einst den vollkommenen Menschen klar und deutlich ins Herz geschriebene göttliche Gesetz ist während der 6000 Jahre der Herrschaft der Sünde und des Todes gar sehr verwischt worden. Gott hat zwar, vermittelst seiner Mitteilungen an einzelne Menschen, in manchen Herzen sein Gesetz neu belebt, die verwischten Schriftzüge mehr oder weniger vertieft; trotzdem traut unter denen, die in der zivilisierten Christenheit am einflussreichsten sind, keiner seinem eigenen Urteile darüber, was in dieser oder jener Frage Recht und Unrecht sei. Wir bedürfen mithin immer der sicheren göttlichen Maßstäbe, zu denen wir unsere Zuflucht nehmen, und an denen wir die Richtigkeit unserer Schätzungen von Recht und Unrecht ermessen können, was uns gestattet, sie zu berichtigen, der göttlichen Schätzung näher zu bringen. Spuren von Gewissen, von der Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, finden wir freilich selbst bei den heruntergekommensten Völkern; es sind dies armselige Überreste von der ursprünglich den Menschen eigenen Gottähnlichkeit. Der Apostel spricht von diesen Spuren, wenn er von den Nationen sagt, dass ihre Gedanken einander bald anklagen, bald entschuldigen, und dass sie "das Werk des Gesetzes geschrieben zeigen" in ihren Herzen, - Überbleibsel des ursprünglichen Gesetzes, Bruchstücke, die beweisen, dass das Gesetz den Menschen einst angeboren war. - Röm. 2:15

Unter den menschlichen Gesetzen sind einige für Verbrecher und andere für solche bestimmt, die keine Verbrecher sind. Die letzteren sind im Besitze bürgerlicher Rechte; Leben, Friede und Freiheit ist ihnen garantiert; erstere sind durch das Gesetz der Freiheit beraubt und werden zuweilen als des Anspruches zum Leben verlustig erklärt, d.h. zum Tode verurteilt.

So steht es auch mit dem göttlichen Gesetze, unter dessen Herrschaft Adam einer Prüfung unterworfen war. Er war im Vollbesitze seiner Rechte und Vorzüge, er hatte Leben, Frieden, Glück und alles, was er zu seinem Unterhalte bedurfte. Dies war ihm verheißen, solange er seinem Schöpfer den schuldigen Gehorsam leisten würde, indes auf den Ungehorsam die Todesstrafe - "sterbend wirst du sterben" - gesetzt war, die er auf natürliche Weise auf seine Nachkommen vererben würde. Vom Augenblicke seines Ungehorsams an war Adam ein Sträfling, der bisherigen Lebensaussichten beraubt, von seiner Heimstätte in Eden und vom Verkehr mit seinem Schöpfer abgeschnitten. Die unfertige Erde war seine Strafanstalt, das Grab seine Gefängniszelle. Er stand hinfort nicht mehr unter dem Gesetze des Lebens; die Strafbestimmungen desselben hatten ihn vom Leben abgeschnitten, zum Tode verurteilt. Seine Kinder wurden nicht mehr unter der Herrschaft des Gesetzes des Lebens geboren; sie hatten keine Aussicht mehr, ewig zu leben; sie waren Sträflingskinder und Gefangene. Die Sünde und der Tod waren, bildlich gesprochen, ihre Häscher und Gefängniswärter.

Wenn aber auch das ursprüngliche Gesetz nicht länger über sie herrschen konnte, sondern seine Strafe gegen sie bereits ausgedrückt hatte, so unterstanden sie dennoch gewissermaßen natürlichen Gesetzen. Sie konnten merken, dass jede Vergewaltigung ihres Gewissens, jedes tiefere Eintauchen in das, was sie als Sünde erkannten, ihnen weitere Erniedrigung und rascheren Tod zuzog, und dass umgekehrt jede Bemühung, das Rechte zu tun, ihr Gefangenleben erträglicher gestaltete, ohne freilich die Befreiung zu bringen.

Der Apostel gibt zu verstehen, dass es Gott nicht möglich war, unserem gefallenen Geschlechte ein Gesetz des Lebens zu geben. Die Menschen waren von Rechts wegen zum Tode verurteilt, und solange das Todesurteil zu Recht bestand, konnte ihnen kein Gesetz gegeben werden, dessen Befolgung ihnen Befreiung vom Tode eingetragen hätte. Bevor dem Menschengeschlechte solch ein Gesetz des Lebens gegeben werden konnte, musste die Forderung des ersten Gesetzes erfüllt und die Strafe desselben aufgehoben werden. Erst dann konnten andere Anordnungen getroffen, konnte den Menschen für den Fall, dass sie bestimmte Bedingungen erfüllten, ewiges Leben angeboten werden. Zuvor aber musste die erste Übertretung gutgemacht und die durch dieselbe entstandene Schuld bezahlt sein. Der Herr deutete sofort seine Absicht an, ein Lösegeld für die Sünde bezahlen zu lassen und so an die Stelle der in Adam verlorenen eine andere Gelegenheit, sich ewigen Lebens würdig zu erweisen, zu setzen. Allein diese Verheißungen waren äußerst undeutlich; sie reichten gerade hin, um auch nur den Anfang einer Hoffnung zu erwecken; darum werden die Menschen, sofern sie Gefangene unter der Herrschaft der Sünde und des Todes sind, als Gefangene auf Hoffnung bezeichnet.

Eine dieser Andeutungen lag in den Worten des Herrn, welche das Todesurteil begleiteten, dass nämlich des Weibes Same der Schlange den Kopf zertreten würde. (1. Mose 3:15) In diesen dunklen, bildlichen Worten redete der Herr vom schließlichen Sturze der Macht des Bösen, von einem Siege, bei welchem die Menschenfamilie mitwirken, und der ihr zugute kommen würde. Dieser Same des Weibes ist, wie wir alle wissen, Christus. Viertausend Jahre nach dem Falle sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe (und dadurch ein Glied des verurteilten Geschlechtes, ihm in allem gleich, ausgenommen die Sünde), auf dass er durch die Gnade Gottes den Tod für jedermann schmeckte, die Schuld an Stelle eines jeden Schuldigen bezahlte, dadurch das Todesurteil aufhebe und für jeden Menschen einen Rechtszustand herbeiführe, in welchem ein Gesetz des Lebens erlassen werden könnte, dessen Einhalten ewiges Leben einbringen würde.

Doch bevor die Zeit kam, da Gott seinen Sohn sandte und durch ihn die Erlösung des Geschlechtes von der Todesstrafe bewirken ließ, hatte er besondere Beziehungen zu Abraham und seinem Samen nach dem Fleische, dem Volke Israel. Zunächst verkündete er Abraham, Isaak und Jakob, dass er sämtliche Geschlechter auf Erden segnen werde. Solch eine Botschaft aus dem Munde des großen Richters, der einst das Todesurteil gesprochen hatte, war höchst bedeutsam: entweder bedeutete sie eine Rechtsverletzung durch einfache Aufhebung des Fluches, der Strafe, oder sie bedeutete, dass der oberste Gerichtshof des Weltalls ein Vorgehen kannte, welches ihm gestatten würde, gerecht zu bleiben und dennoch Barmherzigkeit gegen diejenigen Angehörigen des Geschlechtes zu üben, welche sich derselben würdig erweisen würden, indem sie sich mit Gottes gerechten Anordnungen einverstanden erklären würden. Die Patriarchen freuten sich über diese Verheißungen und ahnten mehr oder weniger deutlich ein zukünftiges Leben durch eine Auferstehung aus den Toten, welches nicht nur ihnen selbst und ihren Nachkommen, sondern schließlich einem jeden Gliede des Geschlechtes zugute kommen würde.

Wegen dieser Verheißungen an Abraham unterstellte der Herr das Volk Israel, Abrahams Nachkommen, dem Gesetze vom Sinai. Dieses Gesetz war die Grundlage des mit ihm abgeschlossenen Bundes. Durch das Halten dieses Gesetzes würde es alle Verheißungen ererben. Dieses Gesetz war in allen seinen Teilen vollkommen, gerecht und gut; aber da die Israeliten gefallen, unvollkommen waren, musste ihnen in Moses ein Mittler bestellt und sodann zur jährlich wiederkehrenden vorbildlichen Erlassung von Übertretungen Mittel und Wege gefunden werden, damit von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahr zu Jahr der Versuch, das Gesetz zu halten, erneuert werden könne. Diese Vorkehrungen (die Einsetzung des Mittlers und die vorbildlichen Opfer für die Sünde) bezeugten, dass Gott von dem Volke, dem er das Gesetz und den Bund gab, wusste, dass es nicht imstande sei, den Anforderungen absoluten Gehorsams nachzukommen. Da tritt der Gegensatz zum Gesetze in Eden scharf hervor: dort war kein Mittler bestellt und den Schwachheiten des Fleisches nicht Rechnung getragen. Diese Tatsache allein beweist uns, dass der erste Adam ein vollkommenes Bild seines Schöpfers und imstande war, dem Gesetze Gottes vollkommenen Gehorsam zu leisten. In der Zwischenzeit war das Geschlecht schon sehr gefallen, denn die Vorkehrungen des mosaischen Gesetzes sind für gefallene, heruntergekommene Geschöpfe angemessen.

Über dies alles haben wir die Aussage des Apostels, dass kein Jude, unser Herr Jesus allein ausgenommen, das Gesetz je gehalten hat, und dass also Jesus allein der Belohnung hätte teilhaftig werden können, die auf das Halten des Gesetzesbundes gesetzt worden war. Die Worte des Apostels sind: "Aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden." Jenes Gesetz hatte mithin einen doppelten Zweck: 1. zu zeigen, dass kein Glied des gefallenen Geschlechtes imstande war, das göttliche Gesetz zu halten und vor Gott annehmbar zu erscheinen; 2. zu zeigen, dass unser Herr Jesus vollkommen war, indem er das Gesetz, welches kein unvollkommener Mensch halten konnte, erfüllte. Indem er das Gesetz hielt, wurde er der einzige Erbe des Bundes mit Abraham und als der zuvor verkündete Same Abrahams gekennzeichnet, in welchem alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten. Damit nahm jener Bund, nachdem Christus Jesus ihn erfüllt hatte, insofern, als der verheißene Same der Segnung in Betracht kam, ein Ende. Allein, wenn wir nun die Bundesverheißung genauer ansehen, gewahren wir, dass sie, in gewisser Beziehung wenigstens, gleichsam doppelt, d.h. einer doppelten Erfüllung fähig war, dass sie neben dem irdischen einen geistigen Samen im Auge hatte, wie es in der Verheißung angedeutet war: "Dein Same wird sein wie die Sterne des Himmels und wie der Sand am Ufer des Meeres." - 1. Mose 22:17

Unser Herr Jesus ist, nachdem er die Bundesbedingungen erfüllte, vollständig frei in der Wahl der Mittel zur Segnung der Geschlechter auf Erden; da er jedoch mit dem Plane Gottes einverstanden ist, demselben gemäß bisher gehandelt hat und weiter handeln wird, so wird es schließlich sein Wohlgefallen sein, einige Israeliten nach dem Fleische, einige vom Samen Abrahams nach dem Fleische, als seine irdischen Werkzeuge bei der Segnung der Menschen zu verwenden. Darum ist der Bund mit Israel nach dem Fleische nicht gänzlich beseitigt; vielmehr harrt nach der Aufrichtung des Reiches bei der zweiten Gegenwart unseres Herrn dieses Volkes ein besonderer Segen. Des Apostels Aussagen über diesen Punkt sind: "Die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar." - "Hinsichtlich der Auswahl sind sie Geliebte, um der Väter willen." - "durch eure (der Kirche) Begnadigung mögen auch sie unter die Begnadigung kommen." - "Gott hat alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, auf dass er alle begnadige." Der Befreier, der aus Zion kommen soll, um die ganze Menschheit zu segnen, wird die Gottlosigkeit zuerst von Jakob (Israel nach dem Fleisch) abwenden, damit es bei der Segnung der Welt mitwirken könne. - Röm. 11:26-32

So gewahren wir denn, dass die Welt bis zur ersten Gegenwart unseres Herrn keinem anderen Gesetze als dem allgemeinen Naturgesetze, dem Gesetze unseres Sträflingszustandes, unterstand, welches ihr wohl gestattete, ihre Mühsale erträglicher zu gestalten, nicht aber, ihnen zu entrinnen, welches zwar gestattete, die Folgen des Fluches hinauszuschieben und weniger fühlbar zu machen, nicht aber dem Vollzuge des Todesurteils auszuweichen. Das einzige andere Gesetz, das Gott gegeben hatte, war dem Volke Israel gegeben, und Mose erklärt ausdrücklich, dass jenes Gesetz für andere Völker und Nationen keine Geltung hatte, indem er sagte: "Nicht mit unseren Vätern hat Jehova diesen Bund gemacht, sondern mit uns, die wir heute hier alle am Leben sind." (5. Mose 5:3) Aber das Gesetz konnte Israel nicht gerecht machen, Israel erwarb sich mithin die an die Erfüllung des Gesetzes geknüpften Segnungen nicht; alle fehlten dagegen mit der einzigen Ausnahme des Menschen Christus Jesus, unseres Herrn und Erlösers. Nun lasst uns weitergehen und untersuchen, wie das Gesetz Gottes jetzt wirksam ist.

Unser Herr Jesus hielt, d.h. erfüllte das göttliche Gesetz, wie es am Sinai zum Ausdrucke kam, durch seinen Tod. Die Zusammenfassung des Gesetzes ist: "Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt, und ganzer Seele und aus allen deinen Kräften, und deinen Nächsten wie dich selbst." Der Vater im Himmel hatte es so geordnet, dass sein geliebter Sohn, nachdem er die Herrlichkeit seiner geistigen Natur verlassen hatte und inmitten unter unvollkommenen Menschen ein vollkommener Mensch geworden war, vor allem des Vaters Willen schätzen lernte, demgemäss er der Erlöser und Rückkäufer des Menschen werden sollte. Es wurde ihm dies nicht aufgezwungen. Er war ganz frei, wenn er es gewollt hätte, sich selbst zu gefallen; aber alsdann hätte er das Gesetz vom Sinai nicht erfüllt, welches von allen, die ihm unterstellt sind, fordert, dass sie Gott aufs höchste lieben, mehr als sich selbst, und der Wille Gottes ihnen so köstlich ist, dass sie freudig ihren eigenen Willen, ja sich selbst, ihr Leben, darangeben, um ihn zu erfüllen.

Dies liegt in der oben angeführten Zusammenfassung des Gesetzes. Eine solche Liebe konnte nicht zögern, Leben, Sein und Kraft freiwillig dem Plane Gottes zu opfern. Das tat Jesus, der, nach des Apostels Worten, in seinen Gebärden als ein Mensch erfunden und über den Plan Gottes völlig im Klaren, sich rückhaltlos als Lösegeld für den Menschen hingab. Ja, er tat dies voller Freude, wie geschrieben steht: "Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust; und dein Gesetz ist im Innern meines Herzens." (Psalm 40:8) Liebe zu den Menschen, zu denen er durch seine Geburt in ein Verwandtschaftsverhältnis getreten war, gehörte auch zur Gesetzeserfüllung; aber andere wie sich selbst zu lieben, hätte nicht Selbsthingabe ihrerseits bedeutet. Solch ein Opfer bedeutet größere Liebe für andere als für sich selbst; es wurde aus Gehorsam gegenüber dem ersten Teile des Gesetzes gebracht. Das gehörte alles zum Halten des Gesetzesbundes, unter welchem er geboren, und an dessen Bestimmungen er gebunden war. Er konnte nicht Erbe der Verheißung an Abraham werden, es sei denn durch solchen Gehorsam bis zum Tode.

Allein durch seinen Tod wurde noch etwas anderes als die Erfüllung des Gesetzes vollbracht, durch welche er sich würdig erwies, der verheißene Same Abrahams zu werden, der die Welt segnen soll. Dieses andere ist der Loskauf Adams und seines Geschlechtes von dem über sie verhängten Todesurteile. Nach Gottes Anordnung geschah beides zugleich, durch dasselbe Opfer; es sind aber doch zwei wohl zu unterscheidende Dinge. Unser Herr hielt nicht nur den Gesetzesbund durch seinen Gehorsam bis in den Tod, sondern durch diesen seinen Tod verbürgte er außerdem einen neuen von Gott vorgesehenen Bund. Der Gesetzesbund erwies des Herrn Würdigkeit, der Same Abrahams zu sein; der Neue Bund aber bezieht sich auf die Menschen. Das ganze Geschlecht war dem Todesurteile unterstellt und konnte nicht auf ewig gesegnet werden, es sei denn zuvor den Anforderungen der Gerechtigkeit entsprochen worden. Nicht eher konnte jemand die Menschheit segnen oder berechtigt sein, es zu tun, sie "zurückzuführen aus dem Lande des Feindes", aus dem Tode, zu neuem Leben; denn solange das Urteil zu Recht bestand, konnte Gott es nicht unter Verletzung seines eigenen Gesetzes aufheben. Wie schön ist doch die Verwaltung Gottes, der zufolge ein und dieselbe große Tat einerseits den Erlöser auf seine Würdigkeit, der Wiederbringer und Segner des Geschlechtes zu sein, prüfte und andererseits zugleich das Lösegeld für Adam und seine Nachkommen, die seine Schuld geerbt, beschuf. Wir verweisen diesbezüglich auf Band 5, Kap. 15, wo dieser Gegenstand schon behandelt wurde.

Wir betrachten hier das göttliche Gesetz. Wir haben gesehen, dass das Gesetz vom Sinai nur für den natürlichen Samen Abrahams galt; dass der Rest der Welt ohne Gott, ohne Hoffnung, ohne Anregung, ohne Ermutigung, ohne Verheißung, gänzlich fremd war. (Eph. 2:12) Wir haben gesehen, dass der Bund vom Sinai seinen Zweck erfüllt hatte, als der Messias ihn erfüllte, die Probe bestand und sich dadurch des daraufgesetzten Preises würdig erzeigte. Wir haben ferner gesehen, dass durch das Blut Christi ein neuer Bund verbürgt (Hebr. 7:22) und verbrieft wurde. Nun wollen wir noch untersuchen, ob dieser Neue Bund in Kraft getreten ist oder nicht, und wenn so, ob ein neues Gesetz ihn begleitet oder nicht, so wie das Gesetz vom Sinai den alten Bund begleitete.

Da bemerken wir denn zuerst, dass, was die Welt anbetrifft, der Neue Bund noch nicht in Kraft getreten ist; sie steht ebenso außerhalb des Neuen Bundes, wie sie einst außerhalb des alten Bundes stand. Er wird für die Welt erst wirksam werden, wenn Christus sein Reich aufgerichtet hat. Alsdann werden die Juden, wie wir oben gesehen haben, unter den ersten Menschen sein, welche vom Neuen Bunde Nutzen haben werden.

Der Neue Bund wird nicht nur eine Friedensbotschaft für die einst Verurteilten sein, indem diesen (in der Auferstehung) verkündigt werden wird, dass der Erlöser ihre Schuld bezahlt hat, dass alle, indem sie durch den Mittler zum Vater kommen, fähig gemacht werden sollen, zu gehorchen (das Gesetz Gottes zu erfüllen), und dass sie, wenn sie nun tatsächlich gehorchen, zu dem Zustande, der vor der Verurteilung bestand, wiederhergestellt werden können, sondern er wird außerdem eine Begnadigung des Volkes Israel bewirken, das nicht unter dem Fluche im Paradiese allein, sondern noch unter einem Richterspruche wegen Nichthaltens des Gesetzesbundes stand. Jedes (vernunftbegabte) Geschöpf wird alsdann lernen, dass nicht nur ein Löse- oder Sühnegeld für die Sünden der Vergangenheit beschafft worden ist, sondern dass mit ihnen hinfort nach dem gehandelt werden wird, was sie tatsächlich sind, und dass ihnen durch die Gesetze des Mittler-Königreiches Christi geholfen werden wird, aus den gegenwärtigen Zuständen geistiger, moralischer und physischer Gesunkenheit zur vollen menschlichen Vollkommenheit aufgerichtet zu werden, in welcher sie fähig sein werden, die Prüfung vor dem Allmächtigen zu bestehen und ihre Würdigkeit für ewiges Leben unter den Gesetzen seines Königreiches zu beweisen. Dieser Neue Bund schließt daher alle Gnade und Gunst Gottes in sich, die er während des Millenniums-Zeitalters der ganzen Menschheit zuzuwenden gedenkt. Er ist der Bund der Vergebung, Segnung und Widerherstellung aller derer, welche, nachdem sie sehend und hörend gemacht worden sind, sich diese Gnade Gottes in Christo Jesu zunutze machen werden.

Das Gesetz des Neuen Bundes

Mit diesem Neuen Bunde wird auch ein Gesetz verbunden sein. Es wird das gleiche Gesetz Gottes sein, welches unabänderlich ist und nur zu verschiedenen Zeiten in verschiedener Weise zum Ausdruck kommt. Es wird nach wie vor Gottes Missfallen an der Sünde und Wohlgefallen an der Gerechtigkeit verkündigen. Diese Richtschnur ist unverrückbar, sie wird während des Tausendjahr-Zeitalters allezeit wahrnehmbar sein, und von jedem wird verlangt werden, dass er seinen Wandel so genau wie möglich nach ihr richte. Wer sich bemühen wird, diese Richtung einzuhalten, bei dem wird auf das ihm noch anhaftende Maß Schwachheit Rücksicht genommen werden, welches unter den köstlichen Wiederherstellungsbedingungen um so geringer werden wird, je mehr der Gehorsam geübt wird; wie geschrieben steht: "Dies ist der Bund, den ich mit dem Hause Israel machen werde nach jenen Tagen, spricht Jehova: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben; ... und ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken." - Hebr. 8:10; Jer. 31:33, 34

Hier haben wir das allmähliche Auslöschen der vergangenen Sünden und Ungerechtigkeiten und die allmähliche Wiederherstellung der das Gesetz Gottes enthaltenden Inschrift in den Herzen derjenigen Menschen, die es wollen: zwei große Aufgaben des Tausendjahrreiches, welches ja zur "Wiederherstellung aller Dinge bestimmt ist, von welchen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat", und welche an jenem großen Tage der Herrschaft Christi Platz greifen soll. Da wird es aber auch geschehen, dass "jede Seele, die auf jenen Propheten nicht hören (das Gesetz Gottes sich nicht ins Herz schreiben lassen) wird, soll aus dem Volke ausgerottet (vernichtet) werden." - Apg 3:19-21

Doch zurück zu unserem Gegenstande. Wir haben eben gesehen, wie das Gesetz des Neuen Bundes im Tausendjahr-Zeitalter wirken wird, da er, der die Welt erkauft hat, seine große Macht und Regierungsgewalt ausüben, die Welt wiederherstellen und das Gesetz in die Menschenherzen schreiben wird. Was geschieht nun vorher, wischen dem Wegtun des Gesetzesbundes durch die Erfüllung desselben durch Jesum Christum und die Einführung des Neuen Bundes im Tausendjahr-Zeitalter? Besteht da auch irgendein Bund, und ist ein Gesetz mit demselben verknüpft? Ja, für das neue auserwählte Volk, dessen Glieder der Herr während des Evangeliums-Zeitalters herauswählt. Um dies zu erkennen, müssen wir uns der Worte des Apostels erinnern, dass das Gesetz (vom Sinai) "der Übertretungen wegen hinzugefügt worden ist, bis der Same käme, dem die Verheißung gemacht war." (Gal. 3:19) Es war also ein Nachtrag zu einem früheren Bunde, und sehen wir rückwärts, so gewahren wir diesen: es ist der Bund mit Abraham, der 430 Jahre Bestand bevor die Gesetzgebung hinzugefügt wurde, und den das "430 Jahre danach entstandene Gesetz nicht ungültig machen" oder abschaffen konnte. - Gal. 3:17

Als mithin unser Herr Jesus den Gesetzesbund erfüllte, blieb der Bund mit Abraham in dem Umfange bestehen, den er hatte, bevor das Gesetz hinzugefügt worden war. Dieser Bund nun ist es, unter dem die Neue Schöpfung steht und zur Entwicklung gebracht wird. Seine Verheißung lautet: "In deinem Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden." Der Apostel erklärt, dass der Same, von dem die Rede ist, Christus sei - Christus Jesus, unser Herr, und er fügt hinzu: "Wenn ihr aber Christi sein (wenn ihr Glieder seines Leibes werdet), so seid ihr denn Abrahams Same und nach Verheißung (Bundesbestimmung) Erben." (Gal. 3:16, 29)

Und wiederum erklärt der Apostel: "Ihr aber, Brüder, seid, gleichwie Isaak, Kinder der Verheißung", d.h. eben in einem ganz anderen Sinne, als es die Juden unter dem Gesetze waren. Der Apostel macht den Unterschied deutlich klar zwischen dem geistlichen und fleischlichen Israel, indem er ausführt, dass die Nachkommen Jakobs nach dem Fleische nicht der in der Verheißung gemeinte Same Abrahams seien, sondern dass die Kinder des Glaubens als dieser Same gerechnet werden. Er erklärt, dass Abraham ein Vorbild für Gott, Sara, sein Weib, ein Vorbild des alten (abrahamischen) Bundes sei, aus dem einst so viel Segen hervorgehen soll; wie aber Sara, bevor sie den verheißenen Sohn gebar, eine Zeitlang verschlossen gewesen sei, so sei auch der von ihr vorgeschattete Bund fast zweitausend Jahre unfruchtbar geblieben und habe erst seine Erstlingsfrucht gebracht, als Jesus aus den Toten auferstand. Damals wurde das Haupt des Samens Abrahams geboren, und schließlich wird der ganze Leib des Christus, der gegenbildliche Isaak, durch die "Auferstehung aus den Toten" neu geboren und zur geistigen Natur gebracht werden. Alsdann wird der Same gekommen sein, der Bund oder die Verheißung wird erfüllt werden können, dass alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollen.

Während der Zeit nun, da der alte Bund unfruchtbar war, wurde der jüdische oder sinaitische oder Gesetzesbund hinzugefügt. Derselbe brachte Kinder hervor - einen Samen nach dem Fleische, nicht nach der Verheißung, nicht geeignet, die ursprüngliche Verheißung zu erfüllen. Diesen Gesetzesbund stellt, wie der Apostel ausführt, Hagar dar, und Ismael, ihr Sohn, schattet die Juden unter dem Gesetze vor. Wie nun Gott erklärt hat, dass der Sohn der Magd nicht mit dem Sohne der Freien erben solle, so sollten die Juden unter dem Gesetzesbunde nicht Erben der ursprünglichen, dem Abraham gegebenen Verheißung werden, welch letztere auf den geistigen Samen übergehen würde. Dies ist alles im 4. Kap. des Galaterbriefes bis ins einzelne klar dargelegt, in welchem der Apostel sich bemüht, die Irrlehre zu widerlegen, dass die Glaubenden aus den Nationen erst Juden werden und sich dem mosaischen Gesetze unterwerfen müssten, bevor sie Erben der Verheißung an Abraham werden könnten.

Paulus zeigt, dass im Gegenteile alle, die unter dem Gesetze sind, Sklaven seien, hingegen der geistige Same Abrahams frei sein müsse, wie Isaak es war und Ismael es nicht war, dass ein dem Gesetze nicht unterstellter Heide durch Unterwerfung unter den Bund vom Sinai vom wahren (geistigen) Samen Abrahams sich abschneide und ein gegenbildlicher Ismaelit werde. Wir lesen in Gal. 5:2-4: "Siehe, ich, Paulus, sage euch, dass, wenn ihr beschnitten werdet, Christus euch nichts nützen wird. Ich bezeuge aber wiederum jedem Menschen, der beschnitten wird (und sein Vertrauen auf die Gesetzeserfüllung setzt - d. Übers.), dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr seid abgetrennt von dem Christus, so viele ihr im Gesetz gerechtfertigt werdet; ihr seid aus der Gnade gefallen." Darum ermahnt der Apostel die Juden, die durch den Tod Christi vom Joche des Gesetzesbundes frei geworden waren, und die Nationen, die nie unter diesem Joche gestanden und Christum und den Gnadenbund angenommen haben: "Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht; stehet nun fest und lasset euch nicht wiederum unter einem Joche der Knechtschaft halten." - Gal. 5:1

So sehen wir denn, dass die Neue Schöpfung mit Jesu als ihrem Haupte der verheißene, im Bunde mit Abraham gemeinte Same Abrahams ist, und dass sie die von ihrem Haupte erkaufte Welt wiederherstellen soll. Es überrascht uns keineswegs, dass im Vorbilde wie in den bildlichen Ausdrücken des Herrn und seiner Apostel die Neue Schöpfung zuweilen als ein Mann von vollem Wuchse dargestellt ist, dessen Haupt Jesum Christum und dessen Glieder die Herauswahl darstellen. (Eph. 4:13; Kol. 1:18.) So "seid ihr, Brüder, gleichwie Isaak, Kinder der Verheißung" - Glieder des gegenbildlichen Isaak, dessen Haupt Jesus ist. (Gal. 4:28) Unser Herr stellt sich auch als Bräutigam dar, auf den die treue Kirche wartet, um von ihm als Braut zur Hochzeit geführt zu werden. Und der Apostel braucht dasselbe Bild, wenn er schreibt: "Ich habe euch einem Manne verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau dem Christus darzustellen." (Offb. 21:2; 2. Kor. 11:2) Dieses Bild findet sich auch schon im Vorbilde, denn Abraham sandte seinen Knecht Elieser (vorbildlich für den Heiligen Geist) aus, um für Isaak eine Braut zu suchen. Rebekka nahm den Antrag freudig an und wurde Isaak zugeführt und sein Weib, gerade wie wir zu Erben Gottes und Miterben Christi Jesu, unseres Herrn, berufen werden, Miterben des unvergänglichen, unbefleckten und unverwelklichen Erbes. Welches Vorbild wir auch betrachten mögen, stets finden wir dieselbe Lehre: dass der Christus, Haupt und Leib, (Bräutigam und Braut nach der Hochzeit) Erbe des abrahamischen Bundes und der daran geknüpften Verheißungen ist.

Der Apostel erklärt, dass der Berg Sinai und die Stadt Jerusalem Vorbilder des natürlichen Israels seien, das verfehlte, zu der geistigen Verheißung zu gelangen. Der dieser geistigen Verheißung würdige "Überrest" wurde von Israel nach dem Fleische getrennt und wurde ein Glied des wahren Israels Gottes, Miterbe mit dem Auferstandenen an den himmlischen Dingen, welche Gott in Bereitschaft hält für die, die ihn lieben. Dieser Überrest Israels und die Herauswahl aus den Nationen, die ihm beigesellt worden ist, haben andere, höhere Vorbilder als Sinai und Jerusalem; nämlich den Berg Zion und das himmlische Jerusalem, dessen bildliche Beschreibung wir in Offenbarung, Kap. 21, finden.

Nachdem uns so klar geworden ist, dass die Neue Schöpfung im Plane und in den Vorkehrungen Gottes neben der Welt und neben Israel nach dem Fleische eine Sonderstellung einnimmt, dass sie mithin nicht dem sinaitischen oder Gesetzesbunde, sondern dem ursprünglichen (abrahamischen) Bunde unterstellt ist, fragen wir nun: Welches Gesetz war an den Bund mit Abraham geknüpft? Die Antwort auf diese Frage wird uns auch sagen, unter welchem Gesetze die Neue Schöpfung steht. Der Apostel gibt diese Antwort: "Ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade." Was? Ist es möglich? Sind die Neuen Schöpfungen in Christo Jesu keinen Geboten unterstellt? Sind die zehn Gebote nicht verbindlich für sie? Diesem Einwande begegnen wir mit der Gegenfrage: "Bedurften Abraham und Isaak der auf Stein eingegrabenen zehn Gebote? Waren sie ihnen gegeben?" Wenn nein, so sind sie auch der Neuen Schöpfung nicht gegeben. Alle, die den Bund mit Abraham geerbt, und die als Glieder der geistigen Klasse, des "Leibes Christi", als "Neue Schöpfungen in Christo Jesu" in die Familie Gottes eintreten, sind frei von der Verdammnis, frei von dem Gesetzesbunde.

Diese Neue Schöpfung steht in einem ganz anderen Verhältnis zu Gott, seinem Gesetze usw. als alle anderen Menschen. Ihres Glaubens wegen rechnet sie Gott, wie wir schon gesehen haben, als gerecht. Diese ihnen auf Grund des Verdienstes Christi zugerechnete Gerechtigkeit macht nicht nur die Übertretungen der Vergangenheit gut, sondern deckt als gerechtmachendes Kleid der Gerechtigkeit alle Mängel in Gedanken, Worten und Werken, die nicht gewollt sind. Als Neue Schöpfungen sind sie alle - bildlich gesprochen - in weiße Kleider gekleidet, in die Gerechtigkeit der Heiligen, in die ihnen zugerechnete Gerechtigkeit ihres Erlösers und Hauptes. Diese Neuen Schöpfungen werden auf Grund ihres Bekenntnisses der Liebe als Glieder des Leibes Christi (der Familie Gottes) angenommen. Ihre Weihungserklärung bedeutet, dass sie Gottes Güte und Gnade, die er im Tode seines Sohnes geoffenbart hat, und die daraus hervorgehende Gerechtmachung aus Glauben so hoch schätzen und den Geber aller dieser Gnaden so sehr lieben, dass es für sie eine Freude ist, ihre Leiber gemäß der göttlichen Aufmunterung als lebendige Opfer darzustellen.

Diese Weihung, diese Darangabe irdischer Vorteile, Aussichten, Bestrebungen und Ziele wird nicht durch Furcht, noch durch eine eigennützige, auf Lohn zählende Liebe hervorgebracht, sondern durch reine Liebe, durch Wertschätzung der Liebe Gottes, durch eine Gegenliebe, welche wünscht, sich Gott durch Teilnahme an seinem ganzen wunderbaren Plane kundzugeben. Nach Annahme dieses Bekenntnisses der Liebe und Hingabe durch den Herrn wird uns sein Geist zuteil; solche werden als Söhne Gottes gerechnet, gezeugt vom Heiligen Geiste. "Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden (wie sehr wir werden verändert werden, wenn wir den verheißenen geistigen Auferstehungsleib erhalten); wir wissen (aber), dass, wenn er geoffenbart wird (Elberf. Randglosse), wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist (und dieser Gedanke befriedigt uns)." - 1. Joh. 3:2

Hat der himmlische Vater seine Söhne auf geistiger Stufe, die Engel, dem Gesetz vom Sinai unterstellt? Hat er ihnen verboten, andere Götter zu verehren, sich Bildnisse von Gott zu machen, zu stehlen, zu morden, falsches Zeugnis zu reden, sich gelüsten zu lassen? Gewiss nicht, solch ein Gesetz hatten die Engel nicht nötig; darum gab er es ihnen nicht. Warum sollte es denn den Neuen Schöpfungen gegeben sein? Hat sie der himmlische Vater nicht als Söhne angenommen? Hat er ihnen nicht von seinem Geiste (seiner heiligen Gesinnung) gegeben und bedarf, wer in Ersetzung der eigenliebigen Gesinnung, des Eigenwillens, den Heiligen Geist empfangen hat, bedarf ein solcher eines solchen Gesetzes? Wir können begreifen, dass man Knechte einem Gesetze unterstellt, dass sie möglicherweise nicht so von sich aus an der allgemeinen Wohlfahrt teilnehmen, und vom Geiste ihres Herrn nicht ganz erfüllt sein mögen; setzen wir aber einen vollkommenen Meister und vollkommene Söhne, die des Geistes des Meisters voll sind, voraus, Söhne, deren Freude es ist, des Meisters Willen zu tun, seine Mitarbeiter in all seinem Gnadenwerk zu sein, wie könnte da eine Notwendigkeit für einen solchen Vater bestehen, solchen Söhnen ein Gesetz zu geben?

"Moses zwar war treu in seinem ganzen Hause als Diener" (Hebr. 3:5) und dieses Haus der Knechte war unter jenem Gesetz ganz am Platz; denn das mosaische Gesetz wurde "hinzugefügt um der Übertretung willen, bis der verheißene Same käme". Jesus im Fleische strebte nicht nach hohen Dingen, sondern nahm Knechtsgestalt an, unterstellte sich dem Gesetze, auf dass er nicht nur die Gerechtigkeit des Gesetzes, sondern auch seine eigene Vollkommenheit im Fleische erwiese, die ihm ermöglichte, die Welt zu erlösen. Erst als er aus den Toten auferstanden, der Erstgeborene aus den Toten wurde, wurde er der Erstgeborene unter vielen Brüdern, das Haupt der Neuen Schöpfung. Nach dem Fleische stand er unter dem Gesetze, aber die Neue Schöpfung, der auferstandene Herr, steht nicht unter dem Gesetze, und er ist es, welcher das Haupt des neuen Hauses der Söhne geworden ist, "Christus aber als Sohn über sein Haus (das der Söhne), dessen Haus wir sind, wenn wir anders die Freimütigkeit und den Ruhm der Hoffnung bis zum Ende standhaft festhalten." (Hebr. 3:6) Und wenn wir auch als Neue Schöpfung noch im Fleische sind, so sind wir doch nicht von dem Fleische und werden nicht behandelt, als wenn wir Fleisch wären, nicht behandelt, wie die übrige Welt behandelt wird, sondern als Neue Schöpfungen, welche eine Zeitlang im Fleische wie in einem Zelte wohnen, erwartend die Sohnschaft, d.h. die Befreiung der gesamten Körperschaft (des Leibes Christi), um unserem herrlich gemachten Haupte gleich und beigesellt zu werden. "Ihr aber seid (von Gott) nicht (angesehen als wäret ihr) im Fleische, sondern im Geiste, wenn anders Gottes Geist in euch wohnt." - Röm. 8:8, 9

Niemand kann dies klar erfassen, als wer den Gegenstand von Gottes Standpunkt aus betrachtet. Wer dies aber tut, für den ist es selbstverständlich, dass diesen Neuen Schöpfungen, diesen vom Heiligen Geiste gezeugten Wesen der Gedanke gar nicht kommen kann, andere Götter neben dem Einen zu haben, sich Bilder zu machen und sie anzubeten, Gottes Namen zu missbrauchen, zu stehlen - denn das Geben ist ihnen viel natürlicher als das Nehmen - und falsch Zeugnis zu reden. Vielmehr treibt die Liebe, die in ihnen ist, sie an, die Schäden, nicht nur bei den Brüdern, sondern bei der Welt überhaupt zu bedecken und zu verbergen. Es kann ihnen auch gar nicht in den Sinn kommen, jemanden zu töten, vielmehr möchten sie ihren Mitmenschen Leben geben, und wenn möglich sogar in sehr reichlichem Maße; ja, ihre heilige Gesinnung treibt sie an, ihr Leben für die Brüder zu opfern, gerade wie die gleiche heilige Gesinnung den Anführer unserer Errettung veranlasste, sich selbst als Lösegeld für alle zu geben.

Ist es nach diesem allem nicht klar, dass Gott etwas Unpassendes getan haben würde, wenn er der Neuen Schöpfung, dem Hause der Söhne, ein Gesetz gegeben hätte, gleich demjenigen, das er dem Hause der Knechte gab? Von diesem Gesetze könnten die Glieder des Hauses der Söhne gar nicht betroffen werden, sie hätten denn zuvor die heilige Gesinnung verloren und aufgehört, Neue Schöpfungen zu sein; denn, "wenn jemand Christi Geist (Gesinnung, Charakter) nicht hat, so ist er nicht sein." - Röm. 8:9

Wie können nun aber diese Neuen Schöpfungen ohne Gesetz und ohne gewisse Vorschriften sein? Durch die Liebe, die da ist des Gesetzes Erfüllung. Gottes Gebote sind so umfassend, sie prüfen so sehr Herzen und Nieren, dass ihnen gar nicht völlig nachgelebt werden kann, als allein durch Liebe. Ein noch so genaues Beachten der Gebote kann ohne den Beweggrund der Liebe zu Gott nicht als Erfüllung des Gesetzes gelten. Die Liebe aber, die des Gesetzes Erfüllung ist, forscht allen Anforderungen des göttlichen Gesetzes nach und sucht ihnen nach Kräften zu entsprechen, nicht aus Zwang, sondern mit Freude.

Solche Liebe für Gott und seine Gerechtigkeit bekundete die Neue Schöpfung bei der Weihung. Damals wurde die Liebe ihr Gesetz; dieses Gesetz bleibt für sie verbindlich bis in den Tod. Jede Übertretung dieses Gesetzes ist eine Verletzung der übernommenen Vertragspflichten. Wie der Gehorsam gegenüber diesem Gesetze der Liebe, soweit die Erkenntnis und die Kräfte reichen, Selbsthingabe und Überwindung des Geistes dieser Welt, der Schwachheiten des Fleisches und des Widerstandes des Feindes bedeutet, wobei die Gnade des Herrn für unabsichtliche Verfehlungen aufkommt und solche Kämpfer zu Überwindern macht, so bedeutet absichtlicher Ungehorsam, beabsichtigte und fortgesetzte Übertretung des Gesetzes der Liebe den Verlust der Sohnschaft, das Auslöschen des Heiligen Geistes, den Tod der Neuen Schöpfung, den zweiten Tod.

Der Apostel redet in Römer 5 davon, wie die Gnade für unsere Unvollkommenheiten aufkommt, und fährt dann fort: "Sollten wir in der Sünde verharren, auf dass die Gnade überströme? Das sei ferne! Wir, die wir der Sünde gestorben sind, wie sollen wir noch in derselben leben?" (Röm. 6:1, 2) Durch unsere Annahme der Sündenvergebung in Christo bekunden wir, dass wir der Sünde müde waren, dass unser Wille der Sünde gestorben ist und ein neues Leben in Gerechtigkeit zu führen begonnen hat. Leben wir Gott und seiner Gerechtigkeit in unserer Eigenschaft als Neue Schöpfungen, so sind wir der Sünde gestorben; würden wir aber wieder der Sünde lebendig, in dem Sinne, dass unser Wille, unser Herz, unseres Liebe sich wieder der Sünde und der Ungerechtigkeit zuwendeten, so bedeutet das, dass wir als Neue Schöpfung gestorben, dass wir nicht mehr Glieder der Familie Gottes sind, als Neue Schöpfungen in Christo Jesu, für welche das Alte vergangen und, soweit Wollen und Wünschen in Betracht kommt, alles neu geworden ist.

Wir müssen jedoch hier wohl zwischen einem Fallen aus Schwachheit des Fleisches und einem absichtlichen Abfallen von der Gnade unterscheiden, nachdem wir die Güte des Wortes Gottes und die Kräfte des zukünftigen Zeitalters geschmeckt haben, nachdem wir des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind. Ein solcher Abfall ist unheilbar. (Hebr. 6:4-6; 10:26) Ein Fallen des Fleisches bedeutet nur, dass unsere irdischen Leiber von einem Fehler überrascht worden sind, sei es aus ererbter Schwachheit, sei es infolge Betörung durch den Widersacher; der Wille oder das Herz stimmt dabei gar nicht oder nur teilweise zu. Natürlich ist solches Fallen zu bedauern, und es ist unsere Pflicht, unser Möglichstes zu tun, um es zu verhüten. Aber durch die Gnade Gottes werden solche Sünden zuweilen Mittel zur Entwicklung eines Charakters. Wir lernen dadurch, nicht auf uns selbst zu trauen, auf unsere eigene Kraft zu pochen, sondern dass der Sieg, welcher die Welt überwindet, aus Glauben kommt. Wenn die Neue Schöpfung also bemerkt, dass ihr Fleisch in einem gewissen Stücke gefehlt hat, so muss sie in dem betreffenden Punkte in Zukunft auf der Hut sein und stärker werden im Herrn und in der Macht seiner Stärke, auf dass sie in den betreffenden Fehler weniger leicht hineinverfalle. So lernen wir als Neue Schöpfungen Schritt für Schritt unser Vertrauen nicht auf unser Fleisch zu setzen, sondern auf den Herrn zu sehen, von woher uns in jeder Zeit der Not Hilfe kommt, stets eingedenk des Umstandes, dass wir noch Neue Schöpfungen sind, und dass, solange wir durch Glauben unter dem Verdienste des Sühnopfers Christi verbleiben und uns bemühen, durch Selbsthingabe die Forderungen unseres Liebesbundes zu erfüllen, "der Vater selbst uns liebt". Lasset uns guten Mutes sein und bedenken, dass die Neue Schöpfung nicht sündigt, dass Sünde nicht der Neuen Schöpfung, sondern dem schwachen Fleisch zur Last gelegt wird; dass also, solange wir wider die Sünde ankämpfen, niemand die Auserwählten Gottes verklagen kann, da Gott es ist, der rechtfertigt, und weil Christus für uns gestorben ist. - Röm. 8:33, 34

Wachstum in der Würdigung des vollkommenen Gesetzes

Wenn auch das Gesetz der Liebe die Grundlage unseres Bundes (Vertrages) mit dem Herrn, unter welchem wir Neue Schöpfungen wurden, war, so erkannten wir doch nicht gleich von Anbeginn den ganzen Umfang dieses Gesetzes. Seit jenem Augenblicke sind wir vielmehr zu Christo in die Schule gegangen. Dort haben wir gelernt, was Liebe alles bedeutet, haben in der Erkenntnis zugenommen, sind in der Gnade gewachsen und haben uns neben dem Glauben die mannigfachen Eigenschaften der Liebe erworben, als da sind: Freundlichkeit, Geduld, brüderliche Liebe usw. Wir werden in dieser Schule immer gründlicher daraufhin geprüft, ob wir uns auch die Liebe angeeignet haben, und nur die, bei denen diese Prüfung befriedigend ausfällt, die sich über vollkommene Liebe ausweisen, Liebe, die sich selbst dahingibt, werden würdig erachtet werden, Glieder der Neuen Schöpfung, des Leibes Christi, zu sein.

Das Laufen nach dem Ziele und das Festhalten bei demselben

Der Apostel stellt in einem weiteren Bilde unsere Erfahrungen als einen Wettlauf dar, in welchem wir jede Bürde und die leicht umstrickende Sünde ablegen, jede Schwachheit des Fleisches bekämpfen und jedes irdische Ziel aus den Augen verlieren sollen, auf dass wir mit Ausharren den uns im Evangelium vorgezeichneten Wettlauf laufen und zum Kampfpreise der himmlischen Berufung hingelangen und, wenn wir alles getan haben, auch an dem erreichten Ziele der Vollkommenheit in Christo feststehen. - Phil. 3:13, 14; Eph. 6:13; Hebr. 12:1

Das sind Anspielungen auf einen Wettlauf in der Rennbahn, wo an verschiedenen Punkten vorbei und über verschiedene Hindernisse und Schwierigkeiten hinweg gekämpft werden muss. An einem solchen Wettlauf nehmen wir mit dem Wunsche teil, das letzte Ziel (die vollkommene Liebe) zu erreichen, wissend, dass, wenn wir es nicht erreichen, wir nicht Gottes geliebtem Sohne ähnlich werden und somit Gott nicht im weitesten Sinne wohlgefallen, nicht Miterben Jesu im Königreiche werden können. Der ganze Wettlauf von Anfang bis zu Ende ist Liebe. Wenn wir in die Rennbahn eintreten, geschieht es durch das Tor dankbarer Liebe zu Gott, der uns in Christo so sehr begnadigt hat, dass er uns unsere Sünden vergab. Diese geschuldete Gegenliebe treibt uns, unsere Leiber als lebendige Opfer darzustellen. Wir sagten uns, dass, wenn Gott soviel für uns getan hat, wir schuldig sind, ihm zu zeigen, dass wir es zu schätzen wissen. Wie Christus sein Leben für uns dahingegeben hat, so sind wir schuldig unser Leben für die Brüder niederzulegen.

Diese Pflichtliebe ist durchaus am Platze, aber sie ist nicht alles. Sie muss die Vorstufe zu einer höheren Liebe sein. Wir sind erst am Anfange unseres Wettlaufes und sind nun daran, nebst der Pflichtliebe noch der auf Würdigung gegründeten Liebe, dem ersten Merkpunkte, zuzustreben. Dies tun wir, nachdem wir anfangen, die Liebe Gottes höher zu schätzen, nachdem wir erkannt haben, dass dieselbe keineswegs selbstsüchtig, sondern der Ausdruck seines erhabenen, edlen Charakters ist. Wir gelangen dazu, ein wenig von der Gerechtigkeit, Weisheit, Allmacht und Liebe Gottes zu würdigen, und nachdem wir sie begriffen haben, fangen wir an, sie zu lieben, und üben alsdann Gerechtigkeit, nicht nur weil dies unsere Pflicht ist, sondern weil wir die Gerechtigkeit lieben.

Nun heißt es, dem zweiten Merkpunkte zuzustreben, indem wir nicht nur die Gerechtigkeit lieben, sondern auch die Sünde hassen, den Plan Gottes, welcher darauf ausgeht, die Flut der Sünde, welche die Welt überschwemmt hat, zurückzuwerfen, billigen und wertschätzen lernen. Dieses Einverständnis mit Gott macht uns lebendig, treibt uns an, zugunsten der Gerechtigkeit und wider die Sünde zu handeln.

Nun wächst die Liebe weiter und drängt uns dem dritten Merkpunkte entgegen, wo wir nicht mehr nur aus Pflicht lieben, wo unsere Liebe zur Gerechtigkeit nicht nur den Charakter Gottes liebt und alles Böse, das der Menschheit Schaden zufügt und dem Plane und Charakter Gottes zuwiderläuft, hasst, sondern wo wir anfangen, Gottes Denkungsart in der Weise zu teilen, dass wir nicht nur der Sünde widerstehen, sondern Liebe und Zuneigung zu allen fassen, die den Pfad der Gerechtigkeit und Heiligkeit zu wandeln suchen. Dies befähigt uns, die Brüder in einem anderen Lichte als zuvor zu betrachten. Wir können nun in ihnen die Neuen Schöpfungen sehen und einen Unterschied zwischen diesen und ihren irdischen Leibern, deren Mängel uns ersichtlich sind, machen. Wir lernen die Brüder als Neue Schöpfungen lieben und ihre verschiedenen Schwächen, falschen Entscheidungen des Fleisches usw. mitempfinden. So lauter wird unsere Liebe für sie, dass wir uns freuen, wenn wir unser Leben täglich, stündlich in ihrem Dienst niederlegen und unsere irdischen Interessen, Freuden oder Bequemlichkeiten darangeben, um unsere Zeit, unseren Einfluss oder sonst etwas dazu verwenden zu können, ihnen zu helfen oder zu dienen.

Aber der letzte Merkpunkt liegt immer noch vor uns; erst dort wird der Preis unser. Was kann das für eine Liebe sein? Was kann größer sein als die Liebe, die sich für die Brüder opfert, in voller Ergebung in Gott und die Forderungen der Gerechtigkeit und Liebe? Es ist die vom Herrn selbst geforderte Liebe zu unseren Feinden. Als wir Feinde waren, von Gott geschieden durch unsere bösen Werke, da liebte Gott die Welt so, dass er seinen eingeborenen Sohn gab. Das ist ein Merkpunkt der vollkommenen Liebe; wir dürfen nicht vor demselben stillstehen. Wer vom Herrn angenommen und ein Glied der Neuen Schöpfung in Herrlichkeit werden will, der muss diese Feindesliebe erreichen.

Jedoch nicht so sollen wir unsere Feinde lieben, wie wir unsere Brüder lieben. Gott liebte seine Feinde nicht in gleicher Weise wie seine Söhne, seine Freunde. Jesus selbst liebte seine Feinde nicht, wie er seine Jünger liebte. Aber Gott liebte seine Feinde so, dass er bereit war, für sie zu tun, was billigerweise für sie getan werden konnte, und Jesus liebte seine Feinde so, dass er von Herzen bereit war, ihnen Gutes zu tun - er erwidert ihren Hass nicht mit Feindschaft, er trägt ihnen denselben nicht nach, sondern er ist bereit, die Segnungen des Tausendjahrreiches über sie auszuschütten, sie alle zur Erkenntnis der Wahrheit zu bringen, auf dass selbst die, welche ihn durchstochen haben, zu ihm aufsehen und weinen werden, wenn Gott zur zuvor bestimmten Zeit den Geist der Gnade und des Flehens über sie ausgießen wird. (Sach. 12:10) Wir müssen jene Liebe für unsere Feinde haben, von welcher der Herr in der Bergpredigt sagte: "Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und betet für die, die euch beleidigen und verfolgen." (Matth. 5:44) Wir dürfen keine Bitterkeit, kein Übelwollen, keine Rachegedanken in unseren Herzen wohnen lassen; sie müssen vielmehr so voll Liebe sein, dass nicht einmal ein Feind in ihnen einen bösen Gedanken wecken kann.

O, wie viel Langmut und brüderliche Freundlichkeit setzt ein solcher Charakter voraus, den selbst ein Feind nicht zu Bosheit, Hass und Streit anregen kann! Das ist der Merkpunkt, dem wir als Neue Schöpfungen nachjagen müssen. Wir haben den Geist der Liebe zu würdigen vorgegeben; wir haben vorgegeben, dass wir uns ihm geweiht haben; wir haben unseren Wandel mit diesen Grundsätzen in Übereinstimmung gebracht; jetzt will der Herr erproben, wie ernst es uns mit dem allem gewesen ist, ob wir auch aufrichtig gewesen sind. Der Herr ist gütig und gnädig genug, uns zu diesem Wettlauf Zeit zu lassen, diese Sinnesart allmählich zu entwickeln. "Er kennt unser Gebilde, ist eingedenk, dass wir Staub sind." (Psalm 103:14) Dennoch müssen wir den uns verordneten Wettlauf zu Ende laufen, wenn wir als Mitglieder der Neuen Schöpfung Miterben mit Gottes geliebtem Sohne werden wollen.

Unser Herr Jesus, der Anführer unseres Heils, bedurfte dieses Wettlaufes nicht erst; er hatte es nicht nötig, diese verschiedenen Stufen der Liebe zur Entwicklung zu bringen. Er war vollkommen und besaß diese Eigenschaften von Anbeginn. Seine Prüfung bestand darin, ob er unter widrigen Umständen bei dem Merkpunkte der vollkommenen Liebe feststehen würde, ob er fortfahren würde, Gott und seine Gerechtigkeit aufs höchste zu lieben, die Brüder zu lieben und sein Leben in ihrem Dienste daranzugeben, seine Feinde zu lieben und sich zu freuen, ihnen Gutes zu tun. Wir wissen, dass er diese Prüfung in allen Stücken bestanden hat, dass er sein Leben hingab, nicht für seine Freunde allein, sondern auch für seine Feinde, welche ihn als Kreuz schlugen. So müssen auch wir bestehen. Wir müssen in unserer Gesinnung den Merkpunkt dieser vollkommenen Liebe erreichen, ungeachtet dessen, dass unser Fleisch nicht imstande ist, ihr vollkommenen Ausdruck zu verleihen.

Die einen mögen diesen Wettlauf rasch durchlaufen, rasch an den verschiedenen Merkpunkten vorbeikommen und den der vollkommenen Liebe erreichen. Andere haben weniger Eifer oder blicken weniger aufmerksam auf den Anfänger unseres Glaubens; solche machen weniger rasche Fortschritte und begnügen sich jahrelang mit Pflichtliebe oder Liebe für den Charakter und die Gerechtigkeit Gottes. Derer, die weiter kamen und die Liebe für die Brüder soweit entwickelt haben, dass es sie freut, sich selbst zu verleugnen, wenn dadurch den Brüdern gedient sein kann, derer sind nur wenige, und noch weniger sind derer, die die vollkommene Liebe erreicht haben, die ihre Feinde so lieben, dass sie vor dem bloßen Gedanken, ihnen durch Wort oder Tat Übles anzutun, zurückschrecken, ja, dass sie sich freuen, ihre Feinde zu segnen. Wenn der Herr mit uns solange Geduld gehabt hat, uns so reichlich Gelegenheit gegeben hat, ans Ziel zu gelangen, dann sollten wir für dieses sein Erbarmen dankbar und in unserem Ringen um den Preis um so eifriger sein, eingedenk, dass wir nur wenig Zeit haben, und dass nur die vollkommene Liebe uns ermöglicht, vom Vater als Neue Schöpfungen angenommen zu werden.

Wie unser Herr auf sein Feststehen an dem Ziele der vollkommenen Liebe hin geprüft wurde, so wird auch ein jeder von uns, nachdem wir es erreicht haben, geprüft werden. Wir dürfen daher nicht erwarten, dieses Ziel erst bei unserem letzten Atemzuge zu erreichen, nein, wir sollten es so schnell wie möglich zu erreichen suchen. Gerade die Eile, mit der wir dem Ziele zustreben, wird für Gott und für die Brüder den Maßstab abgeben, mit dem sie unsere Liebe und unseren Eifer messen.

Des Apostels Worte: "Nachdem ihr alles ausgerichtet habt, stehet!" (Eph. 6:13) setzen voraus, dass, nachdem wir am Merkpunkte der vollkommenen Liebe angelangt sind, wir an Erprobungen derselben keinen Mangel leiden werden: unser Glaube, unser Ausharren, unsere Liebe in allen Stücken werden auf die mannigfaltigsten Proben gestellt werden. Diese Welt ist nicht derart, dass sie uns in der rechten Richtung weiter helfen würde; Satan bleibt unser Widersacher und wird uns viel Widerstand erwecken, um uns von dem erreichten Ziele zurückzutreiben. Das ist unsere Erprobung. Wir müssen an allem, was wir erreicht haben, festhalten. Wir müssen uns fest an das Ziel anklammern, und wenn es uns unser irdisches Leben kosten sollte, das Niederlegen unseres Lebens im Dienste Gottes, für die Brüder und im Gutestun allen Menschen gegenüber, wie sich Gelegenheit bietet. "Treu ist, der euch ruft"; er hat uns Unterstützung und Hilfe auf diesem unserem Wege verheißen und wird sie uns zuteil werden lassen, sooft wir ihrer bedürfen. Seine Gnade genügt uns. - 1. Thess. 5:24; 2. Kor. 12:9

Das Gesetz der Liebe ist, wie wir schon gesehen haben, auch das Gesetz der Engel. Ihr Gehorsam gegen Gott und ihr Einverständnis untereinander beruhen auf dieser Liebe. Und wenn der Menschheit auch das Tausendjahrreich hindurch mannigfache Gebote gegeben werden, um sie zur Vollkommenheit zurückzuführen, so können wir doch dessen gewiss sein, dass diejenigen, welche am Ende dieses Reiches ewigen Lebens würdig erachtet werden, über den bloßen Gehorsam den Geboten gegenüber hinausgekommen sein werden. Das ursprüngliche Gesetz, Gehorsam, und das Gesetz der Liebe, die ein Teil des göttlichen Charakters ist, wird in ihre Herzen geschrieben sein. Die Söhne der Wiederherstellung, diese Söhne Gottes menschlicher Ordnung, werden alle diesen Geist der Liebe besitzen, ohne welchen es unmöglich ist, Gott zu gefallen, denn er sucht Anbeter, die ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. So sehen wir, dass, während Himmel und Erde ein Gesetz haben müssen, dem nachgelebt werden muss, der geforderte Gehorsam so weit über alle unsere irdischen und unvollkommenen Vorstellungen und Begriffe geht, dass das einzige Wort "Liebe" das ganze Gesetz ausdrückt, dem alle Söhne Gottes (Neue Schöpfungen, Engel und Menschen) unterworfen sein werden. Wie hoch erhaben und wunderbar ist doch der Charakter und Plan unseres Gottes! Liebe ist die Erfüllung seines Gesetzes, und wir können uns kein höheres Gesetz vorstellen.

Nachdem wir bis jetzt diesen Gegenstand im allgemeinen behandelt haben, müssen wir noch darüber reden, dass die Neue Schöpfung schon während ihres Wohnens im Fleische, und während sie mehr oder weniger unter der Schwachheit und dem Widerstande desselben zu leiden hat, ihr Verhalten zu den Brüdern und der Welt nach diesem Gesetz der Liebe einrichten muss, nach dem neuen Gebot, das der Herr allen denen gegeben hat, die seine Nachfolger werden. Dies soll geschehen in dem Abschnitt:

Die goldene Lebensregel

Gold ist, wie wir schon sahen, das Vorbild für Göttliches. Die goldene Lebensregel ist also die göttliche Lebensregel, und diese ist, wie wir eben ausgeführt haben, Liebe. Das Höchste, was der natürliche Mensch in der Richtung der Liebe erkennen kann, liegt ausgedrückt in dem Verse:

"Was du nicht willst, dass man dir tu',
Das füg' auch keinem andern zu."

Das ist nur negative Güte. Im Gegensatze dazu drückt sich die goldene Lebensregel, welche der Herr der Neuen Schöpfung jetzt gibt, und welche von niemand anders als von der Neuen Schöpfung völlig gewürdigt werden kann, positiv aus: "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen." Das ist positive Güte, lebendige, werktätige Liebe. Wenn Glieder der Neuen Schöpfung zuweilen verfehlen, dieser oder jener Vorschrift der goldenen Lebensregel, des Gesetzes ihres Wandels, gemäß zu handeln, so muss sie es, es sei denn, sei seien noch kleine Kindlein auf dem neuen Wege, bitter gereuen. Ist dies so, liegt darin der Beweis, dass die Verfehlung nicht absichtlich war, nicht aus dem Herzen kam, nicht ein Abweichen der Neuen Schöpfung von ihrem Gesetze war, sondern ein Nachgeben dem schwachen Fleische gegenüber, welches, mögen die Wünsche und Absichten des Geistes noch so gut sein, strauchelt und uns zu Fall bringt. Je mehr aber die neue Gesinnung Gott lebt und es sich angelegen sein lässt, seinen Willen zu tun, um so rascher und eifriger wird sie bei der Hand sein, um das "irdene Gefäß", in welchem sie wohnt, zu überwachen. Sie wird die Waffenrüstung Gottes anziehen, damit sie den guten Kampf wider die Schwachheiten des Fleisches zu kämpfen vermag. Sie wird darauf bestehen, dass ein begangener Fehler, in Wort oder Tat, mit hohem Zins gutgemacht werde, und zwar so schnell wie möglich. So wird das "irdene Gefäß" beschämt und dadurch in seinem Widerstande gegen die neue Gesinnung geschwächt.

Dieses Gesetz der Neuen Schöpfung ist die Grundlage ihrer Beziehung zu Gott. "Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüte, von ganzem Wesen und mit allen deinen Kräften." Da ist kein Raum mehr für Selbstliebe, es befinde sich denn dieses Selbst mit Gott in völliger Übereinstimmung. Dieses Gesetz ist ferner die Grundlage ihrer Beziehungen zu den Brüdern, denn wie kann jemand Gott lieben, den er nicht sieht (außer mit dem Auge des Glaubens), wenn er nicht die Brüder liebt, welche Gottes Sinnesart haben, und welche er mit den natürlichen Augen sieht? (1. Joh. 4:20, 21) Wenn er auf sein Verhalten den Brüdern gegenüber genau acht haben lernt, für sie und an ihnen tut, was er möchte, dass sie für ihn und an ihm tun möchten, so wird das in seinem Leben eine große Wandlung bedeuten. Er wird gewahren, dass dies keineswegs das Gesetz war, nach welchem sich ehedem sein Leben, sein Denken, Reden und Handeln richtete. Wie er wünscht, dass die Brüder gütig an ihm handeln und freundlich zu ihm sprechen, Geduld haben mit seinen Gebrechen und Schwachheiten, und den Mantel der Liebe über die menschlichen Fehler decken, gerade so, merkt er, sollte er es auch mit ihnen halten. Wie er wünscht, dass sie nicht Übles über ihn aussagen, selbst wenn es der Wahrheit entspräche, so sollte er liebenswürdig und freundlich zu ihnen sein und gegen niemand Böses aussagen, sondern jedermann Gutes tun, insonderheit den Hausgenossen des Glaubens. Er wird nicht mehr von anderen erwarten, als in ihrem Bereiche liegt zu tun, gleichwie er wünscht, dass man auch von ihm nicht Unmögliches erwartet. Nach denselben Grundsätzen wird sich auch sein Verhalten gegenüber der Welt richten. Dies gibt allmählich dem Leben eine ganz neue Richtung, und diese Wandlung vollzieht sich um so mehr, je mehr wir die Herrlichkeit des Herrn anschauen. (2. Kor. 3:18), je stärker der Wunsch in uns wird, Nachahmer der erhabenen göttlichen Sinnesart zu werden, deren Größe eben im Verhalten dieser goldenen Lebensregel, diesem Gesetze der Liebe gemäß, liegt.

Je mehr unsere vom Heiligen Geiste gezeugte neue Gesinnung sich entwickelt, um so mehr werden unsere Herzenseigenschaften "verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit"; und wenn wir so im Herzen und im Gemüte verwandelt werden (und soweit dies möglich, auch äußerlich), werden wir reif, gemäß der göttlichen Verheißung, für die große und endgültige Auferstehungs-Verwandlung, wo, was in Schwachheit und Verweslichkeit gesät worden ist, auferstehen wird in Kraft und Herrlichkeit, als Neue Schöpfung auf geistiger Stufe - der Gesalbte (Christus) Gottes. Manche guten und wirksamen Ratschläge, Ermahnungen und Anregungen werden uns von den Aposteln zuteil, und verschiedene Brüder haben dieselben wiederholt, um uns nützlich zu sein; allein das das Gesetz, das ganze Gesetz, dem die Neue Schöpfung von ihrem Haupte unterworfen worden ist, ist das Gesetz der Liebe, die Goldene Regel. Richtig verstanden, wird dieselbe bewirken, dass wir manche Dinge, die wir bisher getan haben, nicht mehr tun, und manchen Dingen, die wir bisher vernachlässigten, viel Beachtung schenken und Zeit und Kraft widmen.

"Das vollkommene Gesetz der Liebe"

Wenn jemand anfangs geneigt ist, zu denken, der Herr habe der Neuen Schöpfung zuviel Freiheit gelassen, zu wenig Regeln und Einschränkungen auferlegt, so ändert sich diese Ansicht in dem Maße, wie die Länge und Breite, der Umfang dieses im Worte "Liebe" zusammengefassten Gesetzes Gottes erkannt wird. Der Apostel nennt es (Jak. 1:25) "ein Gesetz der Freiheit"; aber Gott wendet dasselbe nur bei den vom Heiligen Geiste gezeugten Neuen Schöpfungen an. Auf andere findet dies Gesetz keine Anwendung. Andere sind entweder als Knechte, welche noch nicht reif sind für "die Freiheit, mit der uns Christus frei macht", dem Gesetze Moses, oder aber als Fremde, die keinen Gott und keine Hoffnung haben in dieser Welt, dem ursprünglichen Gesetze, dem Todesurteile, unterstellt. Solche wissen nicht einmal etwas von der Gnade Gottes, welche später der ganzen Welt helfen wird, jetzt aber nur wenigen kundgemacht worden ist, während die große Masse vom Widersacher verhindert wird, die Kunde von der Liebe und dem Heile Gottes zu hören. Er verblendet den Sinn der Mehrheit der Menschheit und stopft ihr die Ohren voll mit Lehren der Teufel usw. - 2. Kor. 4:4; 1. Tim. 4:1

Freiheit ist nicht für die Übelgesinnten. Das bezeugt auch die menschliche Gesellschaft, wenn sie dieselben einkerkert. So ist auch "das vollkommene Gesetz der Freiheit" nicht für Übelgesinnte, sondern nur für göttlich Gesinnte, für die Vollkommenen, passend. Während des Tausendjahrreiches wird die Welt noch nicht unter einem Gesetze der Liebe gelassen, sondern wird unter einem Gesetze des Gehorsams gegenüber den Forderungen des Königreiches mit Gerechtigkeit und Barmherzigkeit regiert werden. Erst am Ende jenes Reiches, wenn alle, die willentlich Böses zu tun fortfahren, vom zweiten Tode dahingerafft worden sind, wird das Menschengeschlecht, nachdem es sich als vollkommen und die Anforderungen Gottes erfüllend ausgewiesen hat, unter das Gesetz der Freiheit gestellt werden, unter die Goldene Regel - die Liebe. Solange die Menschen aber "minderjährig" sein werden, solange werden sie wie Knechte behandelt werden. (Hebr. 13:17) Die Neue Schöpfung wird anders behandelt, weil für sie "das Alte vergangen und alles neu geworden ist." Sie hasst die Sünde und liebt die Gerechtigkeit und braucht ihre Freiheit nicht zur Befriedigung, sondern zur Niederhaltung des Fleisches, nicht um der Sünde zu frönen, sondern um irdische Interessen daranzugeben, damit sie, vereint mit dem Herrn, die leicht umstrickende Sünde ablegen und einst auch die Welt von der Sünde und ihrem Solde, dem Tode, befreien helfen möge. Nur wer wiedergezeugt ist zu dieser neuen Sinnesart der Gesinnung Gottes, nur wer Schüler geworden ist in der Schule Christi und dort in seinen Fußstapfen wandeln lernt, nur der kann ohne Schaden dem "Gesetz der Freiheit" unterworfen werden. Wer aber alsdann den Geist der Sohnschaft verliert, der hört auf, zu den Söhnen der Familie Gottes zu gehören und steht nicht mehr unter dem "Gesetz der Freiheit".

Wer jetzt die Freiheit gebrauchen lernt, mit der Christus uns frei macht, wer jetzt durch die Weihung unter das vollkommene Gesetz der Liebe zu stehen kommt, wer sein Leben aus Liebe für die Brüder und für die Wahrheit und Gerechtigkeit in deren Dienst darangibt, wer in diesem Stücke treu bleibt bis in den Tod, der wird würdig erachtet werden, als Gottes Werkzeug und Miterbe des Geliebten Anteil zu erhalten an dem großen Werke der Segnung der Welt. Wie notwendig ist es offenbar, dass diejenigen, welche die Lehrer, Helfer, Richter und Herrscher der Welt, die Segner aller Geschlechter im Tausendjahrreiche werden sollen, die Liebe in sich völlig auswachsen lassen und in derselben erprobt werden, damit Gott sicher sein kann, dass er an ihnen treue und barmherzige königliche Priester haben werde!

nach oben

Studie 8

Der Sabbat oder die Ruhe der Neuen Schöpfung

Der Wechsel der göttlichen Handlungsweise datiert vom Kreuze an. - Das Predigen der Apostel am Sabbat in Synagogen keine Beipflichtung des jüdischen Sabbats oder Systems als verbindlich für die Neue Schöpfung. - Das Haus, in dem man das Evangelium verkündigt, hat nichts mit der Botschaft zu tun. - Der Tag auch nicht. - Ursprung des ersten Tages der Woche als christlicher Sabbat. - Er wurde lange vor der Zeit Konstantins gefeiert. - Fast alle Erscheinungen des auferstandenen Herrn geschahen am ersten Tage. - Die allgemeine Feier des ersten Tages ist dankenswert. - Es geschieht jedoch nicht auf göttliche Anordnung. - Frankreich und die Zahl sieben. - Israels Sabbat vorbildlich. - Wann der Sabbat der Neuen Schöpfung begann, und wie er fortdauert.

In den vorhergehenden Studien haben wir gesehen, dass es für diejenigen, die in Christo Jesu sind, kein anderes Gesetz gibt als das allumfassende Gesetz der Liebe. Wir sahen klar und deutlich, dass die Neue Schöpfung, das geistliche Israel, in keiner Hinsicht dem Gesetzesbunde unterstellt ist, welcher der Sünde wegen hinzugefügt wurde, 430 Jahre nach der Aufrichtung des Bundes, unter dem die Neue Schöpfung angenommen ist in dem Geliebten. Gewiss, als unser Herr Jesus im Fleische war, beobachtete er den Sabbat genau nach dem mosaischen Gesetze, wenn auch nicht nach verkehrten Satzungen der Pharisäer und Schriftgelehrten. Er tat dies, weil er dem Fleische nach ein Jude war, durch Geburt dem mosaischen Gesetze unterstand, welches er, wie der Apostel erklärt, erfüllte, indem er es ans Kreuz nagelte. Von da an unterstanden die Juden, die durch ihn zum Vater kamen, dem Gesetze nicht mehr. Alle Juden, die Christum nicht angenommen haben, sind noch durch sämtliche Vorschriften des Gesetzesbundes gebunden, und davon frei werden können sie nur, indem sie Christum als das Ende des Gesetzes annehmen, d.h. indem sie an ihn glauben. - Röm. 10:4

Die Nationen waren, wie wir schon gesehen haben, niemals dem Gesetze Moses unterstellt und konnten somit nicht von ihm freigemacht werden. Unser Herr Jesus, der bei seiner Taufe zur Neuen Schöpfung gezeugt und bei seiner Auferstehung aus dem Geiste geboren wurde, war der gegenbildliche Isaak, der Same Abrahams, der Erbe aller diesem Samen gemachten Verheißungen; und Juden wie auch Nationen, soviel ihrer durch Glauben zu ihm und durch ihn zum Vater kommen, werden, wenn einmal gezeugt von dem Heiligen Geiste, als Neue Schöpfungen und Jesus Miterben am Bunde mit Abraham gerechnet, von denen aber keiner dem hinzugefügten mosaischen oder Gesetzesbunde unterstellt ist. Darum hörte, obwohl der Mensch Jesus unter dem Gesetze stand und das Sabbatgebot als Teil desselben beobachten musste, diese Verpflichtung für ihn selbst und für seine Nachfolger auf, sobald er gestorben war und dadurch dem Gesetze von Rechts wegen ein Ende gemacht hatte für alle Juden, welche ihn annahmen, durch ihn dem Gesetzesbunde starben und für den abrahamischen Bund empfänglich wurden, wie er.

Es ist freilich nicht zu verwundern, dass sogar die Apostel einiger Zeit bedurften, um die Bedeutung des Zeitwechsels (vom Gesetz zur Gnade) völlig zu erfassen; - zu begreifen, dass der Tod Jesu die Scheidewand zwischen Juden und Nationen abgebrochen hatte, dass hinfort die Nationen ebenso wenig wie die Juden als unrein galten, weil Jesus Christus, durch die Gnade Gottes, den Tod geschmeckt hatte für Jedermann, und dass von nun an, wer immer zum Vater zu kommen wünschte, er sei Jude oder aus den Nationen, angenommen werden könne in ihm, dem Geliebten. Sogar noch einige Jahre nach der in Apostelgeschichte 15 berichteten Apostelberatung, in welcher Petrus und Paulus Zeugnis ablegten von der Gnade, die Gott auch den Nationen erweisen wolle, und obwohl denen aus den Nationen Gaben des Heiligen Geistes (Zungenreden usw.) zuteil wurden, wie seinerzeit den Juden als Zeichen dafür, dass sie vom Heiligen Geiste wiedergezeugt seien, finden wir Petrus noch schwankend und den Gläubigen aus den Juden insofern nachgebend, als er sich von den Gläubigen aus den Nationen trennte, so, als wären sie unrein. Er zog sich dadurch bekanntlich den Tadel des Apostels Paulus zu, welcher die durch die neue Einführung des Evangeliums-Zeitalters geschaffene Lage viel klarerer fasst zu haben schien als die übrigen Apostel. Wenn nun selbst ein Apostel des öffentlichen Tadels bedurfte, um über seine Rassenvorurteile hinwegzukommen, wie viel eher dürfen wir annehmen, dass die Großzahl der Gläubigen, fast nur Juden, während einiger Jahre über die gründliche Änderung, die seit Golgatha im Verfahren Gottes Platz gegriffen, sich in großer Verwirrung befand.

Die Juden in Palästina wie auch die in der Zerstreuung benutzten ganz richtigerweise den ihnen vom Gesetze gesicherten Ruhetag zum Lesen des Gesetzes und der Propheten sowie zum Predigen in den Synagogen. Dieser Ruhetag galt in Palästina für das ganze geschäftliche Leben und eignete sich daher vorzüglich für die ersten Christen zu Versammlungen zum Lesen und Durchforschen des Gesetzes und der Propheten im Lichte ihrer begonnenen Erfüllung und zu gegenseitiger Ermahnung, um so mehr festzustehen, je mehr sie den Tag herannahen sähen, den großen Tag des Herrn, den Tausendjahrtag, die Zeit der Wiederherstellung, von welcher alle heiligen Propheten von jeher geredet hatten. Die Apostel und Evangelisten, welche außerhalb Palästinas reisten, fanden ebenfalls am Sabbat die beste Gelegenheit, zu denjenigen zu reden, welche auf den Messias hofften; unter solchen Juden war es am wahrscheinlichsten, hörende Ohren zu finden, und kein Tüttelchen in der Schrift gibt es, das sie verhindert hätte, am Sabbat zu predigen anstatt am Sonntage oder sonst einem Wochentage. Wir können dessen sicher sein, dass diese ersten Missionare das Wort alle Tage verkündigten, wohin immer sie kamen, und wo immer sie willige Ohren fanden.

Der Apostel, welcher erklärte, dass Christo dem Gesetze dadurch ein Ende machte, dass er es ans Kreuz nagelte, redete, soweit unsere Berichte reichen, kein Wort zu den ersten Christen darüber, dass sie verpflichtet seien, den siebenten oder sonst einen Wochentag besonders zu beachten. Die Apostel hielten denn auch fest an dem Gedanken, dass die Herauswahl eine "Neue" Schöpfung sei, unter Christo, ihrem Haupte, dem ursprünglichen Bunde unterstehe, und dass ein solches Haus der Söhne nicht dem (hinzugefügten) Gesetze unterstellt sei, sondern der Gnade. Und Paulus zeigt ausdrücklich den Kolossern die Freiheit, deren sich die Neue Schöpfung erfreut, indem er schreibt (Kol. 2:16, 17): "So richte euch nun niemand über Speise oder Trank, oder in Ansehung eines Festes oder Neumondes oder von Sabbaten, die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper (die Substanz, Wirklichkeit) aber ist Christi."

Die Apostel wünschten, die Herauswahl möchte verstehen, dass all die verschiedenen Verordnungen, Feste, Fasten, Zeiten und Tage betreffend, nur Teile des großen vorbildlichen Systems seien, das Gott dem vorbildlichen Israel gab, dass sie aber nur Schatten der "besseren Dinge" seien, welche hernach kommen und für das gegenbildliche Israel verwirklicht werden sollten. Für die Juden waren jene Vorschriften Wirklichkeiten; sie waren ihnen durch das Gesetz vom Sinai auferlegt; für die Neue Schöpfung aber sind sie nur Schatten zukünftiger Dinge. Dass die Apostel die Gelegenheit benutzten, die ihnen der Sabbat bot, um in den Synagogen die gute Botschaft von Christo zu verkündigen, bedeutete keineswegs, dass sie nun auch der Neuen Schöpfung den Bund und das Gesetz aufladen wollten, welchem die Juden unterstellt waren. Auch heute noch würden wir, wenn uns die Gelegenheit geboten würde, in jüdischen Synagogen zu predigen, dies nicht nur am Sonntage, sondern mit großer Freudigkeit auch am Sabbat tun. Ja, wir würden Christum selbst in einem heidnischen Tempel und an einem heidnischen Festtage verkündigen und wären dabei keineswegs der Meinung, dass wir dadurch die Lehren oder den Festtag der Heiden zu dem unsrigen gemacht hätten.

Was nun den von den meisten Christen als Ruhetag betrachteten Sonntag betrifft, so ist es durchaus irrig, zu behaupten, dass derselbe von der römisch-katholischen Kirche eingesetzt worden sei. Wohl hatte zur Zeit Konstantins des Großen, mehr als zweihundert Jahre nachdem die Apostel entschlafen waren, das leere Formenwesen schon große Fortschritte unter den Christen gemacht; wohl hatten damals schon Irrlehrer die Nachfolger des Herrn der "Geistlichkeit" zu unterwerfen versucht; wohl übte diese infolge des Aberglaubens schon einen bedeutenden Einfluss aus, wohl wurde zu jener Zeit ein Gesetz erlassen, welches den Namenchristen vorschrieb, den Sonntag zu religiösen Werken zu gebrauchen und sich der Arbeit der Hände zu enthalten (ausgenommen in ländlichen Bezirken zur Erntezeit, da das Einbringen der Ernte als Notarbeit gelten könne); wohl hat dieser kleine Anfang der Fesselung der Christenheit und die dazu gegebene Erklärung, dass der christliche Sonntag den jüdischen Sabbat ersetze, allmählich zu der Anschauung geführt, als gälten sämtliche Vorschriften, die Gott den Juden hinsichtlich des Sabbats gab, hinfort auch für Christen hinsichtlich des Sonntages.

Die Beobachtung des Sonntages unter den Gläubigen reicht aber weit hinter Konstantin zurück, nur geschah dieselbe nicht aus Zwang, sondern freiwillig. Sie galt nicht als Last, sondern als Vorrecht. Die Tatsache allein, dass unser Herr am Sonntag auferstand, hätte diesen Wochentag schon in den Augen seiner Gefährten genügend ausgezeichnet; von jenem Tage an lebte ja ihre Hoffnung wieder auf. Aber außerdem fanden die meisten Erscheinungen des Herrn nach seiner Auferstehung auch an Sonntagen statt. Am Auferstehungstage selber erschien er der Maria Magdalena als Gärtner, den beiden Jüngern auf dem Wege nach Emmaus, "da ihr Herz brannte, als er ihnen die Schriften öffnete" (Luk. 24:32), den versammelten Aposteln am Abend bei verschlossenen Türen. Und dann zeigte er sich ihnen nicht eher als am folgenden Sonntag, diesmal den Elfen zur Überzeugung des Thomas. So ist es denn ganz verständlich, dass ohne besonderen Befehl seitens des Herrn oder seiner Apostel die ersten Christen sich daran gewöhnten, sich am Sonntage zu versammeln zur Erinnerung an die Freude, die sie über die Auferstehung des Herrn empfanden, zur Erinnerung daran, wie ihr Herz brannte, als er ihnen an einem Sonntage die Schrift öffnete.

Ja, so voller Freude war für sie die Erinnerung an den Ostersonntag, dass sie selbst das Brotbrechen an jenem Tage fortsetzten, nicht als Passah- oder Gedächtnismahl an den Tod des Herrn, sondern weil zweien von ihnen an einem Sonntage beim Brotbrechen die Augen geöffnet worden waren, und weil er den Elfen im Obergemach beim Brotbrechen Zeugnisse genug dafür bot, dass er es wirklich sei, wenn er auch ganz verändert war. (Luk. 24:30, 35, 41-43) Dieses Brotbrechen geschah mit Freude und Fröhlichkeit, lesen wir - nicht zum Andenken an seinen Tod, sondern zum Andenken an seine Auferstehung. Dieses Brotbrechen stellte nicht den gebrochenen Leib des Heilandes dar, sondern das Darreichen stärkender Speise für ihren Glauben; es war die nährende Wahrheit, welche ihre Herzen mit Freudigkeit erfüllte über die herrliche Hoffnung der Zukunft, deren Pfand seine Auferstehung aus den Toten war. (Dass es sich nicht um das Gedächtnismahl handelt, geht außerdem aus dem Umstande hervor, dass der Kelch bei diesem Brotbrechen nicht erwähnt wird.) Die Versammlungen am Sonntage erfolgten aus Freude darüber, dass durch die Auferstehung Jesu aus den Toten ein neues Zeitalter eingeführt worden war.

Je mehr sich nun die Kirche vom Judentum löste, insbesondere nachdem Jerusalem zerstört und der Judenstaat aufgelöst war, schwand der Brauch der Sabbatfeier mehr und mehr, und gewann der erste Tag der Woche, der durch die Auferstehung unseres Herrn zu Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit ausgezeichnet worden war, als Tag geistiger Ruhe und Erfrischung immer mehr Anhänger.

Den Heiden hat Gott keine besonderen Gesetze oder Gebote gegeben. Sie haben nur den Überrest des Gesetzes, das ursprünglich Adam ins Herz geschrieben wurde, und dieser Rest ist recht kümmerlich, nachdem Sünde und Tod so lange an der Auslöschung der Urschrift gearbeitet haben. Zu diesem Überrest hat Gott ein einziges Gebot hinzugefügt, nämlich: "Tut Buße!" (Ändert euren Sinn), weil eine neue Gelegenheit, zum Leben zu gelangen, geboten ist (jetzt oder dann im Tausendjahr-Zeitalter), und jede willentliche Handlung und Denkweise wird in Betracht gezogen werden, wenn einst abgewogen wird, ob und inwiefern von der gebotenen Gelegenheit Gebrauch gemacht worden ist. An diejenigen, welche Christo nicht angehören, ergeht kein weiteres Gebot, als: "Tut Buße!" Zu denjenigen aber, welche diesem Gebote nachkommen, spricht Gott weiter, je nachdem sie Ohren haben zu hören, und Herzen, die sich seinem Willen zu unterwerfen bereit sind.

Was nun die Namenchristenheit unserer Tage betrifft, so hat sie die wahre Tragweite der von Gott angebotenen Gunst und des gegenwärtigen Rufes an die Neue Schöpfung zu erkennen verfehlt. Ebenso fehlt ihr das Verständnis für das Gesetz der Neuen Schöpfung, ihre Freiheiten, ihre Symbole usw. Die Namenkirche lehrte die Welt falsche Theorien über die Taufe, das Abendmahl, den Sabbat, das göttliche Gesetz und den göttlichen Bund. Offenbar war es niemals die Absicht des Herrn, von der Namenkirche in diesen Stücken verstanden zu werden. Wie der Apostel sagt: "Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines (natürlichen) Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben", - ebenso wenig haben sie die Absichten Gottes mit der "kleinen Herde" zu erfassen vermocht - aber "Gott hat diese Dinge uns geoffenbart durch seinen Geist, denn der Geist erforscht alle Dinge, selbst die tiefen Dinge Gottes" (seine guten, annehmbaren, vollkommenen Absichten mit seinen Kindern, jetzt und in Zukunft). Wo der Sinn für die hohe Berufung und das "vollkommene Gesetz der Freiheit" fehlt, weil es am Geiste des Herrn (am Gesinntsein wie Gott) gebricht, da kann das Formel- und Formenwesen (Festtage, Bußeübungen, Enthaltungen dieser oder jener Art, Sonn- und Feiertage) aufblühen und die Namenchristenheit fesseln und ketten. Das ist ebenso wenig überraschend wie die Tatsache, dass einige wahre Kinder Gottes, Erwählte, zur kleinen Herde Gezählte, sich durch dieses alles derart in Banden schlagen ließen, dass sie ein gutes Teil der den Söhnen Gottes zugedachten Freiheiten einbüßten.

Wir wollen hiermit keineswegs gegen die Beobachtung des Sonntages Front machen. Im Gegenteil, wir freuen uns, dass Gott es so gefügt hat, dass dieser Tag in der ganzen zivilisierten Welt beobachtet wird. Denn dieser Brauch bietet den Geweihten des Herrn besondere Vorteile, die ihnen entgehen könnten, wenn der Sonntag weniger allgemein beobachtet würde. Die Neue Schöpfung kann sich nur von Herzen freuen darüber, dass ihr einer von sieben Tagen für Anbetung, zum Umgange mit Gleichgesinnten usw. zur Verfügung steht. Ein Abgehen der Welt von der Sonntagsruhe wäre auch für die Neue Schöpfung ein sehr ernster Verlust; darum allein schon, von anderen Gründen gar nicht zu reden, geziemt es sich für alle, die des Herrn sind, nicht nur, den Sonntag hochzuhalten und zu heiligen und zu geistlicher Übung und Freude zu benutzen, sondern außerdem noch ihren Einfluss zugunsten der Sonntagsruhe in die Wagschale zu werfen, durch kein Wort, keine Handlung die Beobachtung des Ruhetages zu gefährden.

Aber wenn es ein Trugschluss ist zu denken, dass der jüdische Sabbat alle übrigen Menschen verpflichte, so ist es gleichermaßen ein Irrtum, zu glauben, dass der christliche Sonntag eine Fessel sei, dass er äußerlich geheiligt werden müsse, wie es beim Sabbat der Fall war. Selbst religiös fast gleichgültige Leute halten sehr auf diese äußere Sonntagsheiligung und verlieren ihren Respekt vor Kindern Gottes, welche die ihnen am Sonntage gebotene Gelegenheit zu Gottesdiensten vernachlässigen und den Sonntag für weltliche Geschäfte verwenden. Wir sind nun hierin der Meinung, dass diejenigen, welche die Freiheit des Christus am besten verstehen, dieselbe nicht dazu missbrauchen sollen, um andere zu ärgern, sondern vielmehr die ihnen vom allgemeinen Brauch gebotene Gelegenheit benutzen sollten zur Förderung ihres Wachstums in der Gnade und Erkenntnis und in allen Früchten des Geistes. Wir sind der Meinung, dass die Gott Geweihten und, soweit ihr Einfluss reicht, auch ihre Familien, nicht nur die minderjährigen, sondern auch die erwachsenen Kinder, den Sonntag treulich beobachten sollten. Alle sollten darüber belehrt werden, dass es gut sei, einen Tag in der Woche für Gottesdienste zu bestimmen, und dass ein regelmäßig wiederkehrender Ruhetag nicht für die Kirche allein, sondern auch für die übrigen Menschen eine Notwendigkeit sei.

Wenn wir auch völlig frei sind vom Zwang des jüdischen Gesetzes, so können wir doch annehmen, dass, da die Vorschriften vom Herrn kamen, sie auch irgendeinen greifbaren Nutzen hatten. Das gilt insbesondere von den Speisegesetzen mit ihrer Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren. Nicht dass wir uns einer Sünde schuldig machen, wenn wir Schweinefleisch essen, denn wir stehen nicht unter dem jüdischen Gesetze. Allein der Umstand, dass es den Juden verboten war, legt doch den Gedanken nahe, dass es ungesund ist, und in dieser Beziehung sollten wir vorsichtig sein, weil wir verpflichtet sind, den Gesetzen der Gesundheit zu gehorchen, sofern wir dieselben erkennen.

Ähnlich können wir in der Ruhe des siebenten Tages, welche Gott für das Volk Israel verordnete, nicht nur ein Vorbild sehen, sondern auch eine unter den damaligen Umständen notwendige Vorkehr. Selbst religiös gleichgültige Leute geben zu, dass die alle sieben Tage stattfindende Unterbrechung der Arbeit für Menschen und Lasttiere nützlich sei. Ja, es gibt Leute, welche selbst leblosen Dingen dasselbe Ruhebedürfnis zuerkennen. Der "London Express" schrieb einmal in dieser Beziehung:

"Es mag befremden, wenn jemand von einer müden Stahlachse oder einer müden Eisenschiene spricht; allein auf der Eisenbahn und in Fabriken hört man so reden und wundert sich nicht darüber. Der Laie mag darüber lächeln; der Techniker aber bleibt dabei, dass die Metallteile der Maschine müde werden und der Ruhe bedürfen wie die Menschen. "Was hat den Achsenbruch verschuldet?" fragt der Fabrikherr. "Müdigkeit des Metalls", lautet die Antwort des Inspektors. Diese Antwort wird oft erteilt und ist in Übereinstimmung mit den Tatsachen. Oft bricht eine Achse oder springt ein Rad bei wenig mehr als üblicher Belastung, ohne dass die gewissenhafteste Untersuchung einen Schaden oder schwachen Punkt zu entdecken vermag. Darum reden die Ingenieure von müdem Metall, das seine Ruhe nicht hat; es verweigert schließlich die gewohnte Leistung und bringt Gefahr. Die Ingenieure führen diese Erscheinung darauf zurück, dass der Zusammenhang der Moleküle durch ununterbrochene Arbeit gelockert wird, bis der Punkt erreicht wird, wo das Metall bricht."

Der republikanische Kalender der französischen Revolution setzte an die Stelle der biblischen Periode von sieben Tagen die Dekade mit je einem Ruhetage nach neun Arbeitstagen; allein die Sache erwies sich bei allem Wunsche der Franzosen, das Dezimalsystem überall anzuwenden, als undurchführbar. Die Natur weist in unzweideutiger Weise immer auf die Zahl 7. Die kritischen Tage bei schweren Krankheiten fielen z.B. auf den 7., 14., 21. oder 28. Tag und ordneten sich dem französischen Dezimalsystem nicht unter.

Wir sind daher weit entfernt, das Aufheben der Sonntagsfeier zu empfehlen. Wir empfehlen im Gegenteil dringend, sie beizubehalten, weil sie nicht allein für den natürlichen Menschen, sondern auch für die Neue Schöpfung vorteilhaft ist. Wir empfehlen dringend, nichts zu tun, das diesen großen Segen, der durch das jüdische Gesetz auf uns gekommen ist, beeinträchtigen könnte. Freilich wären wir froh, wenn alle am Sonntag zur feiwilligen Anbetung Gottes sehen könnten; da dies aber bei den meisten Menschen nicht der Fall ist, so ist es einerlei, ob wir sie in ihrem harmlosen Irrtum hinsichtlich eines Sonntagsgebotes lassen oder nicht; da derselbe ja zu ihrem Vorteile ist.

Die Neue Schöpfung bedarf hinsichtlich des richtigen Gebrauches des Sonntags keiner besonderen Anweisungen. Ihr Leben ist ganz dem Herrn und seinem Dienste geweiht. Da sie nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste wandelt, wird sie eine so gute Gelegenheit, Gott im Leibe und Geiste, welche sein sind, zu verherrlichen, nicht unbedingt verstreichen lassen. Der Sonntag wird von ihr benutzt werden zu Lobpreisung und Danksagung, zur Betrachtung des Wortes Gottes, und zur Ermahnung im Anschlusse daran.

Doch sind wir wiederum nicht der Meinung, dass der Sonntag zu nichts anderem als zum Gottesdienste verwendet werden dürfe. Gott hat solches nicht geboten, und darum hat auch niemand ein Recht, solches zu gebieten. Wo aber unser Herz ist, wohin uns die Vorliebe zieht, da werden wir auch gerne weilen, und wir können zuversichtlich annehmen, dass jedes Mitglied der Neuen Schöpfung keine größere Freude und Lust kennt, als den Umgang mit dem Herrn und den Brüdern und daher selten die Versammlungen versäumen wird. - Hebr. 10:25

Was wir freiwillig tun, als dem Herrn, ohne dass es uns befohlen wird, das ist ein um so deutlicheres Zeichen dafür, dass wir ihn und die Seinen lieben, und das wird der Herr entsprechend wertschätzen. Viele Glieder der Neuen Schöpfung haben Kinder oder Untergebene; dieselben sollten hinsichtlich der Bedeutung des Sonntags aufgeklärt und ermutigt werden, von der gebotenen Ruhegelegenheit einen vernünftigen und vorteilhaften Gebrauch zu machen. Das Wort Gottes empfiehlt nirgends eine so knechtische Sonntagsfeier wie die puritanische, der zufolge es eine Sünde ist, am Sonntag zu lächeln, ein Verbrechen, sein Kind zu küssen, eine Entheiligung, einen Spaziergang zu machen oder unter einem Baume zu sitzen und Gottes herrliche Natur zu betrachten.

Wenn wir aber dieses Extrem vermeiden, werden wir wohl daran tun, nicht in das andere zu fallen, wie manche, indem sie es gutheißen, dass am Sonntage einer lauten Fröhlichkeit, dem Spiele, der weltlichen Musik gefrönt oder eine Arbeit verrichtet wird, die ebenso gut an einem Wochentage verrichtet werden kann. Die Kinder der Neuen Schöpfung sollten in jeder vernünftigen Weise den Widerschein des Geistes eines gesunden Sinnes tragen, welchen Gott ihren Eltern verheißen hat durch sein Wort der Wahrheit und durch die Erfüllung mit seinem Heiligen Geiste. Eine vernünftige, anständige Beachtung des Sonntags als eines Ruhetages, an welchem geistliche und sittliche Förderung, Umgang mit der Familie und den Gliedern der Familie Gottes, der Neuen Schöpfung gesucht wird, kann allen nur von großem Segen sein.

Ein anderer Grund für die Beobachtung des Sonntags liegt in der bestehenden Gesetzgebung, welche in vielen Staaten den Sonntag als Ruhetag vorschreibt. Die Kinder Gottes aber müssen nicht weniger, sondern mehr als andere Menschen den Gesetzen untertan sein, sofern dieselben nichts ihrem Gewissen Zuwiderlaufendes enthalten. Würde das bürgerliche Gesetz zwei oder drei Ruhetage in der Woche vorschreiben, so hätten die Neuen Schöpfungen dieselben zu beobachten und dafür zu sorgen, dass ihnen diese Ruhetage zur geistlichen Förderung dienen sollen. Doch weil es sich um ein Menschen- und nicht um ein Gottesgebot handeln würde, wären sie nicht verpflichtet, in ihrer Beobachtung über das hinauszugehen, was die Welt als hinreichend ansähe.

Israels Sabbat vorbildlich

Wir haben schon bemerkt, dass das Sabbatgebot vom Sinai keinem anderen Volke als Israel gegeben und mithin kein anderes Volk durch dasselbe verpflichtet worden ist. Die erste Beobachtung des Sabbats, von der die Schrift redet, ist die durch das Volk Israel nach seinem Auszug aus Ägypten. Da wurde ihm geboten, am siebenten Tage das Ausgehen zum Einsammeln des Mannas zu unterlassen. Adam, Henoch, Noah, Abraham, Isaak, Jakob war kein Sabbatgebot gegeben worden. Die einzige Erwähnung eines Sabbats vor dem Auszuge aus Ägypten findet sich im Schöpfungsbericht, wo erzählt wird, dass Gott am siebenten Tage ruhte (d.h. aufhörte, schöpferisch tätig zu sein). Das war aber nicht ein Tag von 24 Stunden, sondern, wie wir bereits gesehen haben, ein solcher von siebentausend Jahren.

Durch das Sabbatgebot stellte Gott die Ruhe des Volkes Israel an jedem siebenten Tage von 24 Stunden in eine Parallele mit seiner eigenen Ruhe nach einem ausgedehnteren höheren Maßstabe; und dies bringt uns auf den Gedanken, dass, abgesehen von dem Segen, den Israel von dieser Ruhe hatte, das Sabbatgebot eine vorbildliche Belehrung für die Neue Schöpfung enthält; wie wir denn überhaupt in allem, was Israel und sein Gesetz betrifft, vorbildliche Belehrungen sehen.

Der 7. Tag, der 7. Monat, das 7. Jahr waren im Gesetze alle hervorgehoben. Der 7. Tag diente zur Unterbrechung der Arbeit, zur körperlichen Ruhe; im 7. Monat fand der Versöhnungstag statt, an welchem für die Sünden des Volkes im Vorbilde Sühnung getan wurde, damit es Ruhe hätte von seinen Sünden; im 7. Jahre endete die Knechtschaft. Außerdem folgte nach 7 mal 7 Jahren das 50. oder Jubeljahr, in welchem alle Forderungen und Urteile verjährten und jede Familie zu ihrem Eigentume zurückkehrte, befreit von allem, was infolge früherer Verirrung oder Vergehung auf ihr lastete. Das Gegenbild dieses Jubeljahres(siehe Band 2, Kap. 6) ist das Tausendjahrreich, in welchem stattfinden wird "die Wiederherstellung aller Dinge, von welcher Gott geredet hat durch den Mund aller heiligen Propheten von jeher." Doch wird dieses Gegenbild nicht einem Volke allein, sondern der ganzen Menschheit zugute kommen. Lasst uns nun den vorbildlichen Sabbat näher betrachten und den Umstand, dass nach 7 mal 7 Tagen, also nach je 7 Sabbaten, der 50. oder Jubeltag folgte, welcher den Gedanken der Ruhe mit größerem Nachdruck zur Geltung brachte.

Welches ist die Segnung, deren die Neue Schöpfung als Gegenbild zum Sabbat der Israeliten teilhaftig wird? Darüber gibt uns Hebr. 4:1-11 Auskunft, wo wir lesen: "Fürchten wir uns nun, dass nicht etwa, da eine Verheißung, in seine Ruhe einzugehen, hinterlassen ist, jemand von euch scheine zurückgeblieben zu sein ... Denn wir, die wir geglaubt haben, gehen in die Ruhe (das Halten des Sabbats) ein ... Weil nun übrig bleibt, dass etliche in dieselbe eingehen, und die, welchen zuerst die gute Botschaft verkündigt worden ist, des Ungehorsams (Unglaubens) wegen nicht eingegangen sind ... so bleibt noch eine Sabbatruhe dem Volke Gottes übrig. Denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ist auch zur Ruhe gelangt von seinen Werken, gleichwie Gott von seinen eigenen. Lasst uns nun Fleiß anwenden, in jene Ruhe einzugehen, auf dass nicht jemand nach demselben Beispiel des Ungehorsams (Unglaubens) falle."

Hiermit lehrt uns der Apostel zweierlei, nämlich: 1. Dass es unser Vorrecht ist, jetzt zur Ruhe einzugehen, und tatsächlich erfreuen sich alle, welche den Herrn wahrhaftig angenommen haben, ihm vertrauen und ihm alles übergeben, jetzt schon des gegenbildlichen Sabbats, der Ruhe durch den Glauben, und 2. dass, um diese Ruhe zu behalten und einzugehen in den ewigen "Sabbat, welcher noch dem Volke Gottes übrigbleibt" (das Königreich der Himmel), wir in der Gunst beim Herrn bleiben und ihm fortwährend Vertrauen und Gehorsam erweisen müssen.

Den Gliedern der Neuen Schöpfung braucht man nicht erst zu sagen, wann und wie sie in die Ruhe des Glaubens eingegangen sind, wann und wie der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, in ihren Herzen zu herrschen und völliges Vertrauen auf ihn alle Furcht und Unzufriedenheit zu verscheuchen begann. Dies geschah bei der bewussten Annahme des Herrn Jesu als den Hohepriester, welcher das Opfer dargebracht, bei welcher Annahme unsere Schulden bedeckt wurden durch das uns zugerechnete Verdienst (Vermögen) unseres Erlösers, des Messias. Friede und Ruhe nahmen zu, als wir in ihm das Haupt der Neuen Schöpfung erkannten, den Erben der dem Abraham gegebenen Verheißung; als wir verstanden, dass wir von Gott zu Miterben an der Segensherrschaft des Hauptes berufen werden sollten. Die vollkommene Ruhe, die Sabbatfreude, aber kam, als wir unser Alles dem Herrn übergeben und uns freudig seiner verheißenen Führung auf dem schmalen Wege zum Königreiche anvertraut hatten. Von da an ruhten wir von unseren eigenen Werken, von aller Bemühung, uns selbst gerecht zu machen; wir bekannten, dass wir unvollkommen, der Gunst Gottes unwürdig und unfähig waren, uns selbst derselben würdig zu machen. Damals nahmen wir dankbar das göttliche Erbarmen an, welches uns geboten wurde in der Erlösung, die da ist in Christo Jesu, unserem Herrn; wir ergriffen die verheißene Hilfe in jeder Zeit der Not und unternahmen es, Schüler Jesu zu werden, seinen Fußspuren "bis in den Tod" nachzugehen.

Der Apostel erklärt, dass wir von unseren Werken ruhen, wie Gott "Ruhte von seinen eigenen Werken." Wir haben schon gesehen, dass Gott sein Schöpfungswerk unterbrach, nachdem er den Menschen zu seinem Bilde erschaffen hatte. Er hat es seither zugelassen, dass Sünde und Tod seine herrliche Schöpfung befleckten und beschädigten; er hat seinen mächtigen Arm nicht erhoben, um diesem Laufe der Dinge zu wehren, oder um Satan, den großen Betrüger, in seinem Schalten und Walten zu hindern. Gott hat alles Gericht dem Sohne übergeben und wartet nun, bis die Zeit gekommen ist, da der Messias alles wiederherstellen wird. Wir sind durch Glauben eingegangen in die Ruhe Gottes, wenn wir in Christo Jesu den Gesalbten Gottes erkennen, der Macht hat, es auszurichten, nicht nur zum Besten der Neuen Schöpfung, der Glieder seines Leibes, sondern zum Heil und Segen für alle Welt, zur Wiederherstellung aller derjenigen, welche die Gnade Gottes in ihm annehmen.

Wir sehen klar, wann unsere Ruhe als Neue Schöpfung begann, doch es wird von Nutzen sein, rückwärts zu blicken, um zu sehen, wann die Ruhe der Neuen Schöpfung als Ganzes begann. Die Apostel erfreuten sich eines gewissen Maßes von Ruhe und Frieden, als der Herr im Fleische bei ihnen war. Das war aber nicht vollkommener Friede. Sie freuten sich darüber, dass der Bräutigam in ihrer Mitte war, sie freuten sich in ihm, aber sie erkannten noch nicht die ganze Tragweite seiner Liebe und seines Dienstes. Als ihr Meister starb, gingen ihre Ruhe, ihre Freude und ihr Frieden in Trümmer, und der Grund für ihre Enttäuschung lag nach ihren eigenen Worten darin, dass sie gedacht hätten, er sei der, welcher Israel erlösen (von der Herrschaft Roms befreien) sollte. Darin hatten sie sich also getäuscht. Nachdem er aus den Toten auferstanden war, nachdem er sich ihnen gezeigt und seine Auferstehung bewiesen hatte, fingen Furcht und Zweifel an, der Hoffnung Platz zu machen. Aber Freude und Friede kehrten nicht in vollem Maße zurück. Noch herrschte einige Unklarheit in den Köpfen und Herzen der Apostel. Allein sie liehen doch den Wortes des Auferstandenen ihr Ohr und warteten, seiner Ermahnung gemäß, in Jerusalem, bis sie mit Kraft ausgestattet wurden.

Sie warteten und hielten Ausschau - wie lange? Sie warteten 7 mal 7 Tage und am folgenden fünfzigsten Tage, am Jubeltage, ließ Gott seine gnädige Verheißung in Erfüllung gehen und sorgte dafür, dass die, welche Jesum angenommen hatten, nun auch in seine Ruhe eingingen, in den großen Sabbat der Neuen Schöpfung. Dies geschah durch Verleihung des Pfingstsegens, des Heiligen Geistes, welcher Frieden gibt durch Jesum Christum. Dieser Heilige Geist belehrte sie, dass, wenn auch Jesus für die Sünder gestorben und der Auferstandene in den Himmel zurückgekehrt und jetzt ihren Augen entrückt war, er doch vor Jehova Wohlgefallen gefunden und ein vollgültiges Sühnopfer für die Sünde dargebracht hatte: so konnten sie nun ruhen im Verdienste des Werkes, das er vollbracht hatte, darüber völlig beruhigt zu sein, dass Gottes Verheißungen alle Ja und Amen seien in ihm und durch ihn, dass ihre Sünden vergeben und sie selbst von Gott angenommen seien. Dies gab ihnen völlige Sicherheit dafür, dass die außerordentlich großen und kostbaren Verheißungen, welche Jesum zum Mittelpunkte haben, auch in Erfüllung gehen würden, dass sie selbst teilhaben würden an seiner Herrlichkeit, wenn die Gnade ihre Herzen gereinigt haben würde, sofern sie selbst ihren Vertragspflichten getreulich nachgekommen wären, ihre Berufung und Erwählung fest gemacht hätten durch ihr Verbleiben in Christo, durch Gehorsam dem Willen Gottes gegenüber.

Alle Neuen Schöpfungen, die den Heiligen Geist (d.h. die heilige Gesinnung) empfangen haben, sind dadurch eingegangen in den gegenbildlichen Sabbat, und anstatt einen von sieben Tagen der körperlichen Ruhe zu weihen, feiern sie jeden Tag Sabbat, Ruhe des Herzens, des Gemütes, des Glaubens an den Sohn Gottes. Allein diese Ruhe aus Glauben ist noch nicht das Ende; sie ist nicht das volle Gegenbild des jüdischen Sabbats. Die große "Ruhe, die übriggeblieben ist dem Volke Gottes", wird am Ende des Laufes kommen - für alle, die ihn mit Freuden vollenden werden. Unterdessen muss unsere Ruhe aus Glauben anhalten; denn sie ist das Pfand, die Sicherheit für die Ruhe der Zukunft. Zur Erhaltung dieser Ruhe aus Glauben ist nicht allein Gehorsam in Gedanken, Worten und Werken erforderlich, soweit wir dessen fähig sind, sondern auch Vertrauen auf die Gnade des Herrn. So können wir stark sein im Herrn und in der Macht seiner Stärke und in seinen Fußspuren wandeln. Unsere Zuversicht muss sein, dass er sowohl fähig als auch willig ist, uns zu "mehr als Überwindern" zu machen, uns Anteil zu geben an dem großen Werke des gegenbildlichen Jubeljahres.

nach oben

Studie 9

Das Gericht der Neuen Schöpfung

Jehova ist der große Richter des Weltalls. - Alle Segnungen, Vergünstigungen usw. sind von Jehova, durch den Sohn. - Die Neue Schöpfung zukünftige Genossin und Miterbin Jesu Christi. - "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden." - Des Vaters Urteil über die Menschen ist schon gefällt. - Das Gericht während des Millenniums ist ein solches der Gnade und des Beistandes. - Das schließlich endgültige Gericht wird Gerechtigkeit sein ohne Gnade. - Die Beurteilung der Neuen Schöpfung während des Evangeliums-Zeitalters. - Die Neue Schöpfung nach Maßgabe des vollkommenen Gesetzes der Liebe beurteilt. - Das herrliche Haupt beaufsichtigt die ganze Körperschaft. - "Mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden." - Das richtige Selbstgericht. - "Der mich richtet, ist der Herr." - Die Kirche hat gelegentlich ein Urteil zu fällen. - "Wenn dein Bruder an dir sündigt." - "Vergib siebenzig mal siebenmal." - Verfehlungen gegen die Herauswahl. - "Wir müssen alle vor dem Richterstuhl Gottes geoffenbart werden."

Wir haben in Band 1, Kap. 7, ausgeführt, wie die ganze Menschheit des ewigen Lebens unwürdig erklärt wurde durch den obersten Gerichtsherrn, Jehova, als ihr Stammvater Adam in der Prüfung nicht bestand. "Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die (infolge der) Sünde (das Strafurteil) der Tod, und also ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben." (Röm. 5:12) Der Fall und die Verurteilung Adams besiegelten den Fall und die Verurteilung aller seiner Nachkommen. Sein Schade, seine Sünde, seine Schuld vererbten sich auf natürliche Weise auf seine Nachkommen und nahmen immer mehr zu an Wucht und Umfang. Das Urteil über die Menschheit war ein absolut gerechtes und ist darum unwiderruflich. Der große Richter des Weltalls konnte nicht, nachdem er den Menschen von Rechts wegen ewigen Lebens unwürdig erklärt hatte, sein eigenes Urteil aufheben, Unrecht für Recht und Unwürdige würdig erklären, ewig zu leben. Aber er hatte Mitleid mit uns, und in seinem gnadenvollen Plane, den er vor Grundlegung der Welt entworfen, hatte er eine Erlösung (einen Rückkauf) des ganzen Geschlechtes in Aussicht genommen und vorbereitet (Band 5), damit ein jeder einzelne für sich auf die Probe gestellt werden könne. Dabei war seinem geliebten Sohne, dessen Erlösungswerk die Aussöhnung des Menschen mit Gott ermöglichte, die Rolle des Mittlers in dieser Vorkehrung für die Segnung und Wiederherstellung unseres Geschlechtes zugedacht. Als die Zeit, da diese Segnung und Wiederherstellung der Gehorsamen stattfinden soll, haben wir seinerzeit das Tausendjahr-Zeitalter erkannt. Dasselbe ist der Tag, an welchem die Welt gerichtet wird, an welchem einem jeden Gelegenheit gegeben wird, nicht nur den Herrn zu erkennen und sich mit ihm auszusöhnen, sondern auch durch aufrichtigen Gehorsam sich ewigen Lebens würdig zu erweisen. Wie geschrieben steht: "Gott hat einen Tag gesetzt, an welchem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat allen den Beweis davon gegeben indem er ihn auferweckt hat aus den Toten.(Band 1, Studie/Kap. 8) - Apg. 17:31

Ohne alle Frage ist Jehova selbst der oberste Herrscher und Richter und sein Gesetz die höchste Richtschnur, mit welcher alle Entscheidungen betreffs ewigen Lebens übereinstimmen müssen. So redet der Apostel von "Gott, dem Richter aller", und dass damit der Vater gemeint ist, geht daraus hervor, dass er im gleichen Satze auf Jesum als den Mittler Bezug nimmt. (Hebr. 12:23, 24) Wiederum lesen wir: "Jehova wird sein Volk richten", und: "Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr." (Röm. 12:19; Hebr. 10:30) In diesen (aus Psalm 50:4 und 5. Mose 32:35, 36) zitierten Versen ist von Jehova die Rede; gleicherweise in Röm. 2:16 und 3:6, wo es heißt: "Gott wird das Verborgene der Menschen richten durch Jesum Christum." Jehova war der Gesetzgeber und Richter von jeher und wird in dieser Stellung seiner ganzen Schöpfung gegenüber verbleiben. Er wird seine Ehre keinem anderen geben. (Jes. 42:8) Gleicherweise zeigt er uns durch die Schrift, dass er der Hirte seines Volkes ist.

"Jehova ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." (Psalm 23:1) Anderswo bezeichnet er sich selbst als den Erlöser seines Volkes: "Alles Fleisch wird erkennen, dass ich, Jehova, dein Heiland bin." (Jes. 49:26) Im höchsten Sinne des Wortes ist Jehova selbst der Mittelpunkt seines ganzen Heilsplanes und aller seiner Teile. Jede andere Ansicht von Gott ist mangelhaft.

Dennoch gefiel es dem Vater wohl, alle Dinge durch den Sohn zu erschaffen (Joh. 1:1), den er zu seinem höchsten Werkzeuge machte. Aller Segen, alle Gewalt, alle Gunst kommt zwar vom Vater, aber durch den Sohn (zu uns), und da die Neue Schöpfung Miterbin des Sohnes werden soll, wird auch sie teilhaben an dieser ihm übertragenen Macht, zu richten, zu strafen und zu segnen. - Offb. 20:4

So vollständig ruht der himmlische Vater von "all seinem Werk" und braucht den Sohn als seinen hochgeehrten Vertreter, dass unser teurer Erlöser seinerseits sagen konnte: "Der Vater richtet niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohne gegeben." (Joh. 5:22) Unser Herr tat diese Äußerung, schon bevor er das Werk, das sein Vater ihm zu tun aufgegeben, auf Golgatha vollendet hatte. Er stellte sich dabei auf den Standpunkt des bereits vollendeten Werkes; das konnte er, weil er von seiner Taufe an auf Probe stand, und weil er seine Befähigung zum Richter durch Bestehen dieser Probe bis in den Tod erweisen musste. Durch seinen Opfertod bewies er dann einerseits seine Fähigkeit zu einem Hohepriester voller Treue und Barmherzigkeit; andererseits verbürgte er durch sein Blut einen Neuen Bund für die Menschheit und eröffnete den neuen Weg zum Leben und erhielt "die Schlüssel des Todes und des Hades", das Recht, zu den Gefangenen im großen Gefängnis des Todes zu sagen: "Kommet hervor!", zu segnen und wiederherzustellen, wer immer auf seine Stimme hören wird. Genau genommen war dem Sohne alles Gericht erst seit seiner Auferstehung übergeben; von da an war ihm gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden (Matth. 28:18), und seine erste Regierungstat war die Bestellung der Apostel als seine Stellvertreter, mit dem Auftrage, das Werk der Sammlung der Glieder der Brautklasse, der Kirche, der Herauswahl, der Glieder der Neuen Schöpfung, zu beginnen.

Des Vaters Urteil war längst gefällt; es lautete auf Tod gegen alle Angehörigen des gefallenen Geschlechtes, und anders kann dieses Urteil nicht lauten, da alle gesündigt haben und des Ruhmes ermangeln, den sie vor Gott haben sollten. "Da ist kein Gerechter, auch nicht einer", und vor Gott kann nur bestehen, was durchaus gerecht und vollkommen ist. Nach Gottes Plan und Vorkehrung wurde unser Herr Jesus der Mittler, der Bürge, welcher die Schuld des gefallenen Geschlechtes bezahlte, den Forderungen, welche die Gerechtigkeit an dasselbe stellte, genügte, und dadurch der Sachwalter desselben vor Gott wurde. Dies wird er bleiben, bis er seine Aufgabe als Mittler zu Ende geführt, bis er alle diejenigen mit Gott wieder ausgesöhnt hat, welche, nachdem sie zu einer völligen Erkenntnis des Schöpfers und seiner gerechten Gesetze gebracht worden sind, mit denselben völlig in Übereinstimmung zu stehen und ihnen entsprechen zu können wünschen. Ja noch mehr: Das "ganze Gericht", das ihm übergeben, umfasst auch die Vollstreckung des Urteils gegen diejenigen, "welche die Erde [menschliche Gesellschaft] verderben", die böswilligen Sünder; alle, welche auf seine Stimme, seine Befehle, seine Belehrungen nicht hören werden, wird er hinwegraffen aus der Mitte des Volkes, wenn er alle Sünde und Widersetzlichkeit, alle Feinde, den letzten (den Tod) inbegriffen, unterdrücken wird. - Apg. 3:23; 1. Kor. 15:25-28; Offb. 11:18; 2. Thess. 2:8; Hebr. 2:14

Die Amtsgewalt des Herrn wird während des Tausendjahr-Zeitalters zunächst die eines Mittlers sein. Er wird in dieser Eigenschaft den Schwachheiten der Menschen Rechnung tragen, strafen oder belohnen zum Zweck der Besserung, und sodann an Jehovas Statt, als dessen Stellvertreter, am Schlusse des tausendjährigen Reiches den Würdigbefundenen ewiges Leben als Lohn und den Unwürdigen ewige Vernichtung (den zweiten Tod) als Strafe erteilen. Dieses letzte Gericht wird nach den Richtlinien absoluter Gerechtigkeit ohne alle Nachsicht stattfinden. Was früher die Nachsicht bezweckte, wird die tausendjährige Herrschaft Christi erreicht haben, unter welcher jedem Gliede des gefallenen Geschlechtes von seinem Erlöser Gnade und Hilfe angeboten wird.

Der Leib Christi (d.h. die Körperschaft des Christus), die Herauswahl, wird Anteil haben an all den verschiedenen Aufgaben des Hauptes, am Helfen und Bessern, Segnen und Strafen, Richten und Regieren während des tausendjährigen Reiches der Gnade und Hilfe und möglicherweise auch an der Zuerkennung und Vollstreckung des ewigen Lohnes und der ewigen Strafe.

Bevor wir nun an die nähere Betrachtung des Gerichtes an der Neuen Schöpfung während des dem Tausendjahrreiche vorangehenden Evangeliums-Zeitalters herantreten, müssen wir uns gründlich einprägen, dass alle Maßnahmen des Millenniums vom Vater stammen und durch den Sohn und die Herauswahl vollstreckt werden. Darum besteht kein Widerspruch zwischen der Erklärung, dass, wie Gott unseren Herrn Jesus auferweckte durch seine eigene Macht, er auch uns auferwecken werde, und den Aussagen Jesu: "Ich will ihn auferwecken am letzten (siebenten) Tage (im siebenten Jahrtausend)"; - "Ich werde wiederkommen und euch zu mir nehmen"; - "Ich bin die Auferstehung und das Leben". - 1. Kor. 6:14; Joh. 6:39; 14:3; 11:25

Das Gericht an der Neuen Schöpfung (die Erprobung derselben) muss stattfinden, bevor das Tausendjahrreich in Macht aufgerichtet ist, weil die Neue Schöpfung, Haupt und Leib, die Regierungsherrschaft im Tausendjahrreich ausüben wird. Das Gericht an der Herauswahl findet somit im Evangeliums-Zeitalter statt. Darum sagt der Herr, dass sie nicht ins Gericht komme (mit der Welt, dass der tausendjährige Gerichtstag der Welt nicht auch ihr Gerichtstag sein werde), sondern (schon) aus dem Tode in das Leben hindurchgedrungen sei (vor der Welt), da sie aus Glauben und durch Gehorsam gerechtfertigt worden sei. (Joh. 5:24) So ist denn die gegenwärtige Zeit, das jetzige Leben, eines jeden Geweihten Gerichtstag, an welchem er geprüft wird, ob er sich unter den Bedingungen seiner Berufung und Weihung auch ewigen Lebens würdig zeige, wie der Apostel sagt: "Das Gericht (griech.: "krima", Entscheidung) muss anfangen (zuerst stattfinden) beim Hause Gottes." (1. Petr. 4:17) Es gibt der Neuen Schöpfung einen höheren Begriff von den Anforderungen Gottes, von den Bedingungen, an welche ewiges Leben geknüpft ist, wenn sie bedenkt, dass diejenigen, welche der Sünde den Rücken gekehrt und sich in ihren Herzen der Erkenntnis und der Befolgung des göttlichen Willens zugewandt haben, durch eine Prüfungszeit hindurchgehen müssen, damit sie erprobt werden, damit sie einen Charakter heranbilden können, an welchem der Herr Wohlgefallen finden kann.

Wer richtet die Neue Schöpfung, und nach welchem Gesetze oder Maßstabe wird sie gerichtet?

Wir antworten: Unser himmlischer Vater selbst richtet uns gemäß dem vollkommenen Gesetz der Liebe - wir sind durch ihn gerecht gemacht ("Gott ist es, welcher rechtfertigt"); unser Weihegelübde wurde an ihn gerichtet; und alle Neuen Schöpfungen, das Haupt sowohl als auch die Glieder, sind dem Vater als dem Richter verantwortlich. Allein, das ändert nichts an der Tatsache, dass, wenn er mit uns verkehrt und uns erlaubt, vor den Thron der himmlischen Gnade zu treten, dies nur deshalb der Fall ist, weil er uns annehmbar gemacht hat in dem Geliebten, unserem Herrn und Haupte, mit dessen Gerechtigkeit allein angetan wir Zutritt und Gnade beim Vater finden können. Alle Gewalt und Macht ist dem Sohne gegeben; er ist des Vaters Werkzeug oder Vertreter; und obgleich wir direkt mit dem Vater verkehren, wird uns der Zutritt zu ihm nur durch unseren Fürsprecher (1. Joh. 2:1) gewährt - etwa wie einem Angeklagten durch seinen Verteidiger bei einem menschlichen Gerichtshofe. Die Welt wird im Tausendjahr-Zeitalter weder Zutritt, noch direkten Verkehr mit dem Vater haben durch einen Fürsprecher, sondern sie wird im Gegenteil direkt mit dem Christus zu tun haben, bis dieser, am Ende seines Reiches, die Wiederhergestellten oder Vollkommengemachten dem Vater darstellen wird.

Die Neuen Schöpfungen sind alle vom Vater gezeugt, sie sind seine, nicht Christi Kinder, und der Vater ist es, der einen jeglichen Sohn züchtigt, den er annimmt. Auch werden wir angewiesen, zum Vater zu beten, nachdem uns Jesus, unser Erlöser (Rückkäufer), den Weg zu seinem Thron eröffnet hat. Darum bleiben die Worte unseres Erlösers doch durchaus wahr: "Niemand kommt zum Vater, denn durch mich." Das Verhältnis des Herrn Jesus zu der Herauswahl ist gleich dem des Hauptes zum Leibe: Das Haupt kennt, beurteilt und bestimmt alle Bedürfnisse des Leibes, es leitet ihn, schafft Schwierigkeiten aus dem Wege, gewährt Erleichterung, Hilfe und Trost, stützt und stärkt ein jegliches Glied und benutzt oft andere Glieder des Leibes zu solchen Hilfeleistungen. Dennoch darf dieses ganze Werk, da es doch in des Vaters Namen und auf seine Weisung hin geschieht, angesehen werden als vom Vater und durch den Sohn. - 1. Kor. 8:6

So lesen wir denn auch in 1. Petr. 1:17: "Wenn ihr den als Vater anrufet, der ohne Ansehen der Person richtet" - und (Joh. 15:1, 2): "Mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe in mir, die nicht Frucht bringt, die nimmt er weg; und jede, die Frucht bringt, die reinigt er, auf dass sie mehr Frucht bringe." Dabei wird aber voll anerkannt, dass alle diese Züchtigungen, Reinigungen usw. durch das Haupt an uns vollzogen werden; denn der Apostel sagt wiederum: "Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen." Damit belehrt er uns, dass wir nicht direkt in den Händen des lebendigen Gottes sind, nicht unmittelbar mit seinem unbeugsamen Gesetze in Berührung stehen. Wir sind vielmehr in Christo Jesu, gekleidet in sein Verdienst, behandelt als Glieder seines Leibes, unter den gnädigen Vorkehrungen des abrahamischen Bundes, auf uns anwendbar gemacht durch sein Blut.

Die Oberaufsicht des herrlichen Hauptes über den Leib

Wir können an der Liebe und Fürsorge unseres herrlich gemachten Hauptes zu seiner Kirche - dem Leibe, der Braut -, nicht zweifeln, auch wenn uns in diesem Stücke keine ausdrückliche Erklärung gegeben worden wäre. Trotzdem gibt es eine solche Erklärung in seiner letzten Botschaft an seine Getreuen; er zeigt ihnen, dass er es ist, der die gegenbildlichen Leviten einschließlich der königlichen Priesterschaft reinigt und läutert. Vernimm seine Worte zu den sieben Versammlungen in Kleinasien, den Stellvertretern der sieben Perioden in den Erfahrungen der einen Kirche:

"Gedenke nun, wovon du gefallen bist, und tue Buße; wenn aber nicht, so komme ich dir und werde deinen Leuchter aus seiner Stelle wegrücken ... Sei getreu bis zum Tode, und ich werde dir die Krone des Lebens geben ... Ich habe ein weniges wider dich ... tue nun Buße, wenn aber nicht, so komme ich dir bald und werde Krieg mit ihnen führen mit dem Schwerte meines Mundes. Dem, der überwindet, dem werde ich von dem verborgenen Manna geben ... Aber ich habe wider dich, dass du das Weib Jesabel duldest; ich gab ihr Zeit, auf dass sie Buße täte, ... ich werfe dich in große Drangsal ... und ihre Kinder werde ich mit Tod töten, und alle Versammlungen werden erkennen, dass ich es bin, der Nieren und Herzen erforscht; und ich werde euch einem jeden nach euren Werken geben ... Wer überwindet und meine Werke bewahrt bis ans Ende, dem werde ich Gewalt über die Nationen geben ... Ich habe deine Werke nicht völlig (vollkommen, vollgewichtig, d. Übers.) erfunden vor meinem Gott Wer überwindet ... dessen Namen werde ich nicht auslöschen aus dem Buche des Lebens ... Dieses sagt, der den Schlüssel des David hat, der da öffnet, und niemand wird schließen, und schließt, und niemand wird öffnen ... Siehe ich werde machen, dass die aus der Synagoge Satans kommen werden und sich niederwerfen vor deinen Füßen und erkennen, dass ich dich geliebt habe. Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird ... Wer überwindet, den werde ich zu einer Säule machen in dem Tempel meines Gottes ... Weil du lau bist und weder kalt noch warm, so werde ich dich ausspeien aus meinem Munde ... Ich rate dir, Gold von mir zu kaufen, geläutert im Feuer, auf dass du reich werdest ... Ich überführe und züchtige, so viele ich liebe; sei nun eifrig und tue Buße!" - Offb. 2 und 3

Wir erinnern uns ferner an die beiden Gleichnisse von den anvertrauten Pfunden und Talenten, in welchen der Herr zeigt, dass er bei seiner Rückkehr seine Getreuen belohnen und denen ewiges Leben geben wird, welche durch geduldiges Ausharren im Gutestun Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit gesucht haben. Die anderen erwartet Zorn am Tage des Zornes. Aus dem Gleichnis von den anvertrauten Pfunden ist zu schließen, dass der Lohn je nach dem Grade der Treue verschieden sein wird; mit den Feinden wird abgerechnet, nachdem die Treuen belohnt worden sind. Wenn der Apostel beides, das Belohnen und Strafen, dem Vater zuschreibt, so liegt hierin insofern kein Widerspruch, als eben der Vater und der Sohn "eins" sind und in voller Übereinstimmung wirken.

"Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet; denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden"
- Matth. 7:1, 2 -

Die allein zuständigen Richter der Herauswahl sind der Vater und der Sohn, der letztere in seiner Eigenschaft als des Vaters Vertreter, dem alles Gericht übergeben ist. (Joh. 5:22, 27) Die Neuen Schöpfungen sind nicht zuständige Richter, die fähig wären, eine über die andere zu richten, und zwar aus zwei Gründen: 1. weil nur wenige das göttliche Gesetz der Liebe, das alles regiert, völlig erfassen und beherrschen; 2. weil nur wenige auch ihr eigenes Herz gründlich kennen. Manche beurteilen dasselbe zu mild, andere beurteilen es zu streng; sie sollten daher in aller Bescheidenheit ablehnen, über die Herzen anderer zu Gericht zu sitzen, deren Beweggründe sie möglicherweise gar nicht kennen. Wegen dieser unserer Unfähigkeit zu richten, verbietet der Herr unter seinen Nachfolgern alles Einzelrichten. Später, ja, wenn sie durch die erste Auferstehung dazu befähigt worden sind, wird das Richten eine ihrer Aufgaben im Königreiche sein. Wenn sie aber jetzt einander zu richten fortfahren, droht ihnen der Herr, dass sie nicht mehr Barmherzigkeit und Milde zu erwarten hätten, als sie selber an den Tag legten. (Matth. 7:2; Luk. 6:38) Derselbe Gedanke findet einen sehr kräftigen Ausdruck in der fünften Bitte des Vaterunsers: "Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben." - Matth. 6:12

Damit ist nicht gesagt, dass uns der Herr nach bloßer Willkür, ungerecht, herzlos beurteilen wird, wie wir es anderen gegenüber getan haben. Im Gegenteil: Gott handelt gerecht. Wir sind "von Natur Kinder des Zornes", "Gefäße, zubereitet zum Verderben"; und wenn auch der Herr in seiner großen Gnade und Barmherzigkeit beabsichtigt, uns zu segnen, von unseren Sünden und Schwachheiten zu befreien, ja uns vollkommen (Matth. 5:48) zu machen durch unseren Erlöser, so tut er dies alles nur unter der bestimmten Bedingung und Voraussetzung, dass wir das Gesetz der Liebe als unser Gesetz anerkennen und von Herzen mit demselben einverstanden sind. Gott beabsichtigt und wünscht keineswegs, nicht Wiedergeborene, "Kinder des Zornes", in seine Familie aufzunehmen. Wer eine der Wohnungen (Daseinsformen) in des Vaters Hause (Joh. 14:2) beziehen will, der muss zuerst aufgehört haben, ein Kind des Zornes zu sein und muss ein Kind der Liebe werden; er muss von Herrlichkeit zu Herrlichkeit verwandelt werden durch die Gesinnung unseres Herrn, den Geist der Liebe. Wer denselben weiter zu entwickeln ablehnt, wer im Widerspruch dazu fortfährt, Mitjünger lieblos zu beurteilen, der beweist eben dadurch, dass er nicht zunimmt an Erkenntnis und Gnade, dass er nicht von Herrlichkeit zu Herrlichkeit verwandelt wird bis zur Ähnlichkeit mit dem Herrn, dass er nicht ein wahrer Nachfolger des Herrn ist. Ein solcher kann nicht erwarten, dass ihm mehr Erbarmen zuteil werde, als er selber zeigte bei seinem Versuche, des Herrn Nachahmer zu sein. Der Grad seiner Ähnlichkeit mit dem Herrn kann beobachtet werden an seiner Liebe, seinem Erbarmen für seine Mitjünger, an seinem Edelsinn, wie er in Gedanken (Urteilen), Worten und Werken zutage tritt.

O, möchten doch alle Geistgezeugten, alle "Neuen Schöpfungen" sich gegenwärtig halten, dass dieser Geist des Richtens, der, ach, so verbreitet, ja, die dem Volke Gottes am hartnäckigsten anklebende Sünde ist, einen Mangel an Liebe, an der Gesinnung Christi, bedeutet, und deren vollständiges Fehlen verrät, wer nicht zu ihm gehört. (Röm. 8:9) Wir sind überzeugt, dass, je rascher dies verstanden wird, um so rascher auch die Verwandlung "von Herrlichkeit zu Herrlichkeit" fortschreitet, ohne welche wir schließlich nicht Glieder der Neuen Schöpfung werden können.

Allein nur wenige von des Herrn Volk sind sich bewusst, wie viel sie richten, und das mit einer Schärfe, die sie vom Königreich ausschließen würde, wenn der Herr ihnen in entsprechendem Maße vergelten würde. Wir hätten, da doch der Herr verheißen, dass, mit welcherlei Gericht wir andere richten, wir selbst gerichtet werden sollen, fürchten können, dass wir zu gütig, zu barmherzig urteilen und den Grundsatz: "Denkt nichts Böses" bis in ein unbegrenztes Extrem befolgen würden. Davon ist leider das Gegenteil der Fall. Die Neigungen unserer gefallenen Natur gehen sämtlich nach entgegengesetzter Richtung. Mehr als 18 Jahrhunderte sind es her, seit der Herr uns den gütigen Vorschlag machte, uns zu messen, mit welcherlei Maß wir andere messen würden; aber wie wenige sind es, die, gestützt auf diese Verheißung, auf viel Erbarmen Anspruch haben. Es wird nutzbringend sein, uns selbst auf unsere Geneigtheit zum Richten hin zu prüfen. Lasst es uns im Gebet tun.

Die gefallene oder fleischliche Gesinnung ist selbstsüchtig, und je mehr sie sich selbst sucht, um so weniger sucht sie, was für des anderen Wohl ist. Darum ist sie auch stets bereit, uns selbst zu billigen und zu entschuldigen und andere zu missbilligen und zu verdammen. Das ist uns so natürlich wie das Atmen, und je gebildeter einer ist, um so mehr neigt er dazu. Er anerkennt höhere Ideale, einen höheren Maßstab, vergleicht einen jeden damit und gewahrt dann natürlich, dass es bei allen in einigen Stücken fehlt. Es ist ihm ein Genuss, die Verirrungen und Schwachheiten der anderen aufzudecken, wobei er seine eigenen Fehler übersieht. Ja, es kommt vor, dass ein solcher heuchlerischerweise die Schwachheiten eines anderen zu dem Zweck aufdeckt, um die Aufmerksamkeit von seinen eigenen Mängeln abzulenken und den Eindruck zu machen, in dem Stücke sei er denn doch ein besserer Mensch. Das ist, ohne Umschweife gesagt, die verächtlichste Neigung der alten gefallenen Natur. Die neue, vom Geiste des Herrn, vom Heiligen Geiste der Liebe, gezeugte Gesinnung liegt vom ersten Augenblick an im Kampf mit dieser alten selbstsüchtigen Gesinnung; das Wort des Herrn, das neue Gesetz der Liebe, die Goldene Regel, führt sie dazu, und je mehr wir zunehmen an Erkenntnis und Gnade bei Gott, um so rücksichtsloser wird der Kampf gegen die Selbstsucht. Anfangs sind alle "Neuen Schöpfungen" nur Kindlein in Christo, welche nur nebelhafte Begriffe von dem neuen Gesetze haben; wächst aber die "Neue Schöpfung" nicht, und würdigt sie nicht mehr und mehr das Gesetz der Liebe, so kann sie sicher sein, den großen Preis zu verlieren.

Das Gesetz der Liebe sagt: Es ist schändlich, die Schwachheiten und Unzulänglichkeiten von Brüdern oder anderen vor der Welt aufzudecken; es ist schändlich, dass Mitleid und Erbarmen nicht sofort ein Wort zu ihren Gunsten äußern, wenn es schon zu spät ist, sie durch den Mantel der Liebe gänzlich zuzudecken. Unser edler, liebevoller Meister hat uns in diesem Stücke eine gute Anleitung hinterlassen, indem er auf die Aufforderung, eine Sünderin zu verurteilen, antwortete: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie." Wer selbst fehlerfrei ist, wäre am Ende zu entschuldigen, wenn er auch ohne vorheriges Geheiß des Herrn Übeltäter strafen oder brandmarken würde. Aber der einzige fehlerfreie Mensch, den es je gab, unser Meister, hat ein Herz so voller Liebe, dass er lieber übersah und verzieh, als strafte, tadelte und an den Pranger stellte. So wird es auch zweifellos mit allen Geistgezeugten sein: je ähnlicher sie ihm werden, um so weniger werden sie um die göttliche Rache bitten, um so weniger werden sie strafen mit der Zunge oder sonst wie, bis es sie der große Richter ausdrücklich tun heißt. Für jetzt gilt vielmehr das Wort: "Richtet nichts vor der Zeit", und: "Mein ist die Rache, spricht der Herr."

Schön hat der Apostel den Geist der Liebe beschrieben, wenn er sagt: "Die Liebe ist langmütig, ist gütig (dem Beleidiger gegenüber); die Liebe neidet nicht (den Erfolg anderer, sucht nicht denselben zu schmälern oder in den Augen anderer herabzusetzen]; die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf (und trachtet daher niemals, den Glanz anderer zu mindern, damit der eigene Glanz um so heller erscheine); sie gebärdet sich nicht unanständig (hat keine maßlosen selbstsüchtigen Wünsche und wendet keine rücksichtslosen Mittel an, um etwas zu erreichen); sie sucht nicht das Ihrige (d.h. sie begehrt nicht die Ehre oder den Reichtum oder die Berühmtheit anderer, sondern freut sich, dass sie damit gesegnet sind, und würde diesen Segen lieber mehren als vermindern), sie lässt sich nicht erbittern (ist nicht rachsüchtig, sondern voller Erbarmen in dem Gedanken an den großen Schaden, den das ganze Geschlecht vom Falle Adams davongetragen), sie denkt nichts Böses (nicht nur erfindet und erdenkt sie nichts Böses, sondern in jedem Zweifelsfalle ist ihr die mildere Annahme natürlich, und böse Vermutungen liegen ihr fern) (vergl. 1. Tim. 6:4), sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit (ob dem, was richtig, recht ist; darum freut es sie, edle Aussagen und Taten bekannt zugeben, und vermeidet sie, unedle Worte und Werke aufzudecken); sie deckt alles zu (mit dem Mantel des Mitgefühls, weil niemand und nichts vollkommen ist und ein rücksichtsloses Nachschauen erträgt. Da geht die Liebe voraus und hält ihren Mantel stets bereit), sie glaubt alles (sie zieht die guten Absichten der anderen nicht in Zweifel), sie hofft alles (indem sie dem Gedanken, dass jemand ganz schlecht sei, nach Kräften und solange wie möglich wehrt), sie erduldet alles (sodass es nicht möglich ist, ihrem Vergeben dem Reuigen gegenüber eine Grenze zu stecken). Die Liebe vergeht nimmer (andere Gnadengaben mögen ihre Zwecke erfüllen und alsdann vergehen, Liebe dauert ewig, darum ist sie größer als Glaube und Hoffnung)." - 1. Kor. 13:4-13

Wenn es nun schon gegen das Gesetz der Liebe, gegen die Goldene Regel verstößt, Ungünstiges über jemanden herumzubieten, sofern es wahr ist, was sollen wir erst von der schlechten, lieblosen, verbrecherischen Gewohnheit von Weltleuten, Namenchristen, und sogar von wahren Christen sagen, üble Nachrede zu üben, selbst wo man etwas Ungünstiges nicht einmal sicher weiß. O, welche Schande, dass einige von Gottes Volk des Herrn Ermahnung: "Redet Böses von niemandem" so missachten können, und dass solche, die nicht mehr Neulinge im Gesetze der Liebe und kleine Kindlein in Christo sind, seine Belehrung so sehr missverstehen können, dass, selbst ohne unzweifelhafte Zeugnisse aus dem Munde von zwei oder drei Zeugen, und auch dann nur mit Widerstreben, Böses von einem Bruder oder Nachbarn geglaubt, ja sogar herumgeboten wird, dass üble Nachrede auf bloße Vermutung oder auf Hörensagen hin geübt wird! - Titus 2:3

Wir sollten uns selbst richten

"Wenn wir uns selbst beurteilten, so würden wir nicht gerichtet
(vom Herrn bestraft oder zurechtgewiesen)"
- 1. Kor. 11:31 -

Die Befolgung der Goldenen Regel würde allem "Schwatzen" über andere und ihre Verhältnisse ein Ende machen. Welcher Verleumder wünscht, dass er verleumdet wird? Wo ist der Schwätzer, der wünscht, dass öffentlich oder im Vertrauen über seine Angelegenheiten, Schwierigkeiten oder Schwachheiten gesprochen würde? Die Welt hat nicht viel anderes zu besprechen als das; aber die Neuen Schöpfungen tun besser, stumm zu bleiben, bis die Liebe und die Kenntnis des Planes Gottes ihr den großen Besprechungsgegenstand nahe gebracht, von dem die Engel sangen: "Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen." Dann werden die Worte ihres Mundes und die Überlegungen ihres Herzens dem Herrn wohlannehmlich und für alle diejenigen ein Segen sein, mit denen sie in Berührung kommen.

Der Apostel zeigt, wie groß der Einfluss der Zunge ist. Sie kann freundliche Worte verbreiten, die niemals vergehen, vielen Lebenden und durch deren Vermittlung noch vielen Ungeborenen zum Segen gereichen. Oder aber, "voll tödlichen Giftes", kann sie den Samen giftiger Gedanken ausstreuen, welche den einen das Leben verbittern, den anderen es erschweren und mühseliger machen. "Mit ihr preisen wir den Herrn und den Vater, und mit ihr fluchen (schaden) wir den Menschen ... Aus demselben Munde geht Preis und Fluch hervor. Dies, meine Brüder, sollte nicht also sein. Die Quelle sprudelt doch nicht aus derselben Öffnung das Süße und das Bittere?" - Jak. 3:8-11

"Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über." Wenn wir also über andere und ihre Angelegenheiten schwatzen, so beweist das, dass ein großer Teil (wenn nicht mehr) unserer Herzen nicht voll der Liebe und Güte Gottes ist. Dieser Gedanke sollte uns sofort vor den Thron der Gnade treten lassen und uns veranlassen, unsere Herzen an dem Born seines Wortes von seinem Geiste zu füllen; denn, wer hungert und dürstet nach seiner Gerechtigkeit, der wird satt werden; der wird bekommen, wessen er bedarf. Wenn wir gar, was noch schlimmer ist als bloß gedankenloses Schwatzen, üble Nachreden gerne hören oder üben, dann steht es mit unseren Herzen noch schlecht; dann fließt es über von Bitterkeit, Eifersucht, Bosheit, Hass und Hader - Eigenschaften, von denen der Apostel sagt, sie seien Werke des Fleisches und des Teufels. (Gal. 5:19-21) Wie gerne würden wir die "Neue Schöpfung" in diesem Stücke aufrütteln und gründlich wach machen; denn, wer jenes tut, wird sicherlich fallen und nicht in das ewige Königreich unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi eingehen können.

Unsere Zubereitung für sie Königswürde führt uns gerade nach der entgegengesetzten Richtung, wie der Apostel Petrus sagt. "Füget zu eurem Glauben das Ausharren, die Bruderliebe, die Liebe, wenn ihr diese Dinge tut, so werdet ihr niemals straucheln, aber reichlich wird euch dargereicht werden der Eingang in das ewige Königreich." (2. Petr. 1:5-10) Und der Apostel Jakobus sagt: "Wenn ihr aber bittern Neid und Streitsucht in eurem Herzen habt, so rühmet euch nicht und lüget nicht wider die Wahrheit. Dies ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern eine irdische, sinnliche, teuflische." (Jak. 3:14, 15) Wer eine so bittere, an übler Nachrede sich erfreuende Gesinnung hat, der hat gerade das Gegenteil von der Gesinnung Christi, von der heiligen Gesinnung, von dem Geiste der Liebe: möge er weder sich selbst noch andere täuschen; möge er nicht Finsternis für Licht, nicht den Geist Satans für den Geist Christi ausgeben.

Im Anschluss an obige Worte erklärt Jakobus, warum des Herrn Volk zu allen Zeiten in Verwirrung und Unruhe geraten ist; dies kam her von den unreinen, den nur teilweise geheiligten Herzen: "Wo Neid und Streitsucht ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat." (Jak. 3:16) Wenn dieses Unkraut der alten gefallenen Natur ungehindert wuchern kann, wird es nicht nur schädlich sein, sondern schließlich alle lieblichen, schönen Blüten und Gaben des Geistes verdrängen und ersticken.

Richtiges Selbstgericht

Von unserem moralischen Wachstume als Neue Schöpfungen und von der richtigen Beurteilung unserer selbst sprechend, schreibt der Apostel Paulus: "Da wir nun diese Verheißungen haben, Geliebte, so lasst uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem wir die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes." (2. Kor. 7:1) - "Lasset einen Menschen sich selber prüfen" - lasset ihn die Schwachheiten und Fehler seiner gefallenen fleischlichen Natur merken und versuchen, zu abzutun, die Werke des alten Menschen abzulegen, um erneuert zu werden, verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, zu immer größerer Ähnlichkeit mit Gottes geliebtem Sohne, der sowohl unser Vorbild als auch unser Herr und Erlöser ist. Doch ermahnt der Apostel, dass wir nicht nur unser Fleisch, soweit dies möglich, sondern auch unseren Geist, d.h. unsere Gesinnung, reinigen sollen, dass der Heilige Geist dieselbe völlig beherrsche und der Wille Gottes, wie er uns durch unseren Herrn Jesus kundgemacht und vorgelebt wurde, einen jeglichen unserer Gedanken gefangen nehme.

Der Versuch, unser Fleisch zu reinigen und unsere Zunge zu zügeln, wird fruchtlos bleiben, wenn wir nicht acht haben auf unser Herz, unsere Gesinnung, unseren Geist, wo unsere Gedanken entstehen, von denen Worte und Handlungen nur die wahrnehmbaren Kundgebungen sind. Diese zur Teilnahme am Königreiche notwendige Reinigung kann nur durch Gebet und Ausharren gelingen; die Heiligkeit wird in der Furcht des Herrn vollendet. (2. Kor. 7:1) Nicht dass wir hoffen könnten, eine vollständige Reinigung unseres Fleisches zu erzielen. Das verlangt der Herr auch nicht, sondern er fordert eine völlige Reinigung des Willens, des Herzens, des Geistes, mit welcher eine möglichst vollständige Reinigung des Fleisches und der Zunge verbunden ist. Wo er ein reines Herz gewahrt, das ihm und seinem Gesetz der Liebe treu ergeben ist, da wird er, wenn die Zeit gekommen ist, den dazu gehörigen Leib verleihen. "Glückselig, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen." - Matth. 5:8; 1. Joh. 3:2

Wie zutreffend sind hier die Worte des Apostels (2. Thess. 3:5): "Der Herr aber richte eure Herzen zu der Liebe Gottes" - zu der Liebe, die da ist freundlich, milde, geduldig; die alles erträgt, nicht mehr das Ihrige sucht; nicht aufgebläht, noch neidisch ist, die nicht Böses redet oder denkt, sondern auf Gott vertraut und gemäß der Goldenen Regel gütig und besonnen ist. Es ist nötig, dass unsere Herzen zu dieser Liebe gerichtet werden; denn als Neue Schöpfungen wandeln wir auf einem neuen Wege, nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste. Und der Herr allein ist unser Führer und Leiter, wenn er auch verschiedene seiner Glieder als seine Mundstücke gebrauchen mag. "Deine Ohren werden eine Stimme hinter dir her hören (d.h. aus der Vergangenheit, sagend): Dies ist der Weg, wandelt darauf!" - Jes. 30:21

"Ich beurteile mich aber auch selbst nicht. Der mich aber beurteilt, ist der Herr"

Es gibt einige wenige in der Neuen Schöpfung, wenn auch sehr wenige, die sich selbst unbarmherzig zu richten geneigt sind. Ganz recht haben solche, wenn sie einen jeglichen Fehler, eine jede Schwachheit an sich tadeln und den Wunsch haben, davon befreit zu werden; aber unrecht haben sie, wenn sie vergessen, dass uns der Herr nicht nach dem Fleische kennt und beurteilt, sondern nach dem Geiste, nach der Absicht, dem Willen, dem Wunsche, der Bemühung. Sie achten zu sehr auf des Pharisäers Worte: "Ich danke dir, dass ich nicht bin wie andere Menschen", und zu wenig auf die Worte des Herrn, der uns erklärt, auf welchem Grunde wir angenommen werden können, und dass uns das Verdienst des kostbaren Blutes Jesu von aller Sünde reinigt. Sie vergessen, dass, wenn sie vollkommen wären oder vollkommen handeln könnten, sie eines Retters, eines Fürsprechers nicht bedürften; sie vergessen, dass sie durch Gnade errettet sind, nicht durch Werke des Fleisches.

Solche sollten auf sich selbst die Worte des Apostels anwenden: "Mir aber ist es das Geringste, dass ich von euch oder von einem menschlichen Tage (d.h. Gerichtshofe) beurteilt werde; ich beurteile mich aber auch selbst nicht. Denn ich bin mir selbst nichts bewusst, aber dadurch bin ich nicht gerechtfertigt. Der mich aber beurteilt, ist der Herr. So richtet nicht etwas vor der Zeit, bis der Herr kommt, welcher auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Ratschläge (Überlegungen, Absichten) der Herzen offenbaren wird." - 1. Kor. 4:3-5

So setzen wir denn unser Vertrauen auf den Herrn und nicht auf unser schwaches gefallenes Fleisch. Wir haben von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes gehört gegen alle, die auf ihn trauen und nach dem Geiste der Liebe zu wandeln suchen, wenn sie auch nicht imstande sind, den vollkommenen Anforderungen desselben völlig nachzukommen. Unsere Hoffnung geht also nicht dahin, dem Fleische nach vollkommen zu werden, sondern der Gesinnung, der Absicht nach. Wir hoffen, dass unser Glaube und unser Eifer durch das Verdienst unseres Erlösers den Mangel unseres Fleisches erstatten, den wir bedauern, und wogegen wir täglich ankämpfen. Jedoch, liebt Gott uns auch, die wir von Natur Kinder des Zornes sind, wie die anderen? Ist er für uns? Hilft er uns? Schreibt er uns jede Bemühung und jede gute Absicht zugute, auch dann noch, wenn unsere Bemühung teilweise oder gänzlich fehlschlägt? Ja, "der Vater selbst liebt euch" und: Wenn Gott uns so liebte, als wir noch Sünder waren, dass er seinen eingeborenen Sohn zu unserer Erlösung hingab, "wird er uns mit ihm nicht alles schenken", wessen wir in unserem Laufe nach dem Preise bedürfen, den uns sein Wort verheißt? Wenn er uns liebte, da wir noch Sünder waren, so liebt er uns gewiss jetzt noch mehr und zärtlicher, seit er uns in seine Familie aufgenommen hat und in unseren Herzen den ernstlichen Wunsch sieht, seinen Willen zu tun. So lasst uns denn voller Zuversicht sein und mit Freimut hintreten vor den Thron der himmlischen Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe. - Hebr. 4:16

Hier muss aber einer Warnung Raum gegeben werden. Wir alle haben Verhältnisse gekannt, in welchen an die Stelle der Demut, des Mangels an Vertrauen, der Furcht und des Zweifels an der Gnade Gottes, Selbstvertrauen, völlige Blindheit für die eigenen Fehler und pharisäischer Dank dafür, dass wir besser seien als anderen, trat. Das ist ein höchst bedauerlicher, und wenn er andauert, hoffnungsloser Zustand. Glaube ist unentbehrlich; aber nicht der Glaube an sich selbst, sondern der Glaube an Gott. Solche Abweichung vom rechten Wege rührt meist von der Außerachtlassung des Gesetzes der Liebe, der Goldenen Regel, her. Das Gegenteil der Liebe zu Gott, zu seinem Heilsplane, zu den Brüdern der Neuen Schöpfung, das Gegenteil des Erbarmens mit der Welt ist Selbstliebe, hohe Meinung von sich selbst, Selbstverherrlichung. Lasst uns aber vor diesem Seitenpfade uns in acht nehmen, der vom Herrn, seinem Geiste und seinem Königreiche hinwegführt. Führer und Geführte laufen diese Gefahr. Es gibt solche, denen jede Befähigung zum Belehren abgeht, die dabei gar "aufgeblasen werden in ihrer fleischlichen Gesinnung", hochmütig bei aller Unkenntnis; solche sind "krank an Streitfragen und Wortgezanken, aus welchen entsteht: Neid, Hader, Lästerungen, böse Verdächtigungen ... von solchen ziehe dich zurück. Die Gottseligkeit aber mit Genügsamkeit ist ein großer Gewinn." - 1. Tim. 6:4-6; 1. Joh. 3:9, 10

Die Versammlung soll gelegentlich richten und urteilen

Wenn wir auch als Einzelwesen uns vor dem Richten oder Verurteilen hüten und warten sollen, bis der Augenblick des Herrn gekommen sein wird, um sein Urteil über ein jegliches Glied seines Leibes kund zu machen, so gibt es doch Fälle, in welchen die Versammlung als Körperschaft ein Urteil abzugeben verpflichtet ist. Der Apostel erwähnt in 1. Kor. 5:1 einen besonders schweren Fall, der von dem Schuldigen eingestanden und der ganzen Versammlung bekannt war, und macht der letzteren einen ernstlichen Vorwurf daraus, dass sie mit dem Schuldigen noch die Gemeinschaft aufrecht erhielt. In Ausübung seines Apostelamtes schloss er ihn von der Versammlung aus, überlieferte ihn, bildlich gesprochen, dem Satan zur Züchtigung, zum Verderben des Fleisches (zum Ausbrennen der fleischlichen Gesinnung), auf dass der Geist (die Neue Schöpfung) errettet werde am Tage des Herrn Jesu, am Tage der Abrechnung am Ende des Zeitalters. - 1. Kor. 5:5

Einzig der Herr oder einer der zwölf Apostel (deren letzterwählter Paulus, an Stelle von Judas Iskariot war), hatten das Recht, an dem Schuldigen so zu handeln, wie auch nur das Apostelamt Petrus das Recht gab, über Ananias und Sapphira das Urteil zu fällen. (Apg. 5:1-11) Der Apostel erläutert dann seinen Standpunkt eingehender, wenn er schreibt (1. Kor. 5:9): Ich habe euch in dem Briefe geschrieben, nicht mit Hurern Umgang zu haben; nicht durchaus mit (von) den Hurern dieser Welt (rede ich) oder den Habsüchtigen und Räubern und Götzendienern, sonst müsstet ihr ja aus der Welt hinausgehen, (sondern) wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Hurer ist, oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener ... mit einem solchen (ist, erachte ich) selbst nicht (an einem Tische) zu essen. Der Apostel wollte, dass die Korinther einen Unterschied zu machen vermöchten zwischen äußerlichen Beziehungen zu Ungeweihten und Anerkennung solcher als Mitglieder der Neuen Schöpfung. Die Herabsetzung der sittlichen Forderungen wäre dem Übertreter von keinem Nutzen; es würde ihm viel eher zurecht helfen, zu sehen, dass seine Unreinheit ihn vom Umgange mit des Herrn Volk ausschließt; und wenn er tatsächlich vom Geiste Gottes gezeugt ist, wird er um so schneller erkennen, wie es um ihn steht, sich die erhaltene Lehre zunutze machen und von seinem bösen Wege umkehren. Im Falle des als Beispiel angeführten Korinthers hatte sich die Versammlung einer sträflichen Nachsicht schuldig gemacht und dadurch eine sittliche Schädigung ihrer Glieder überhaupt riskiert, welche auf andere Versammlungen hätte ansteckend wirken können, die von den in Korinth herrschenden Anschauungen gehört hätten. Was außerhalb der Herauswahl geschehe, habe Paulus nicht zu richten, daselbst sei Gott Richter, aber eine jede Versammlung solle sich die ansehen, die sie als Brüder aufnehme. So sehr es Gottes Vorrecht sei, die Draußenstehenden zu richten, so sei es Pflicht der Versammlung, offenbar verdorbene Personen aus ihrer Mitte auszuschließen. - 1. Kor. 5

Diesen Gedanken, dass sich die Versammlung in ihrem Urteile über die Welt und in ihren Beziehungen zu den Brüdern ganz entschieden verhalten müsse, führt der Apostel im 6. Kap. des 1. Korintherbriefes weiter. Dort tadelt er es, dass die Neigung bestehe, Zwistigkeiten zwischen Brüdern vor die weltlichen Gerichte zu ziehen, anstatt das Unrecht, wenn erträglich, geduldig zu ertragen, wenn nicht erträglich, der Versammlung vorzulegen. Der Apostel ist der Ansicht, dass, wenn Gott die Herauswahl dazu bestimmt habe, die Richter der Welt zu werden, ihre Angehörigen jetzt schon ebenso gerecht und ebenso fähig sein sollten, Recht zu finden, wie die weltlichen Gerichte. In diesem Stücke sollte man auch dem Allergeringsten in der Versammlung trauen dürfen. Ist denn in der Versammlung in Korinth wirklich keiner, auf dessen Einsicht und Reinheit alle trauen und dessen Entscheidung streitende Parteien anrufen könnten? "Warum lasset ihr euch nicht viel lieber Unrecht tun?" Warum ertragt ihr es nicht lieber geduldig, wenn ihr glaubt, dass euch Unrecht widerfahren ist? Warum tröstet ihr euch nicht lieber über erlittenen Schaden, anstatt den Streit weiterzuziehen und euch vor den weltlichen Gerichten gegenseitig zu verklagen? Ja, ich gewahre, dass ihr euch nicht nur sträubt, um des Friedens in der Versammlung willen Unrecht zu erdulden, sondern dass sogar einige unter euch sind, die selbst Unrecht tun und übervorteilen, und das Brüder! Sucht ihr denn nicht als des Herrn Herauswahl zum Eingange in das Königreich hinzugelangen oder vergesset ihr, dass Ungerechte das Königreich nicht ererben werden? Irret euch nicht! weder Hurer, noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Weichlinge, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habsüchtige, noch Trunkenbolde, noch Lästerer, noch Räuber, werden das Königreich Gottes ererben. "Und solches sind euer etliche gewesen; aber ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt worden in dem Namen des Herrn Jesu und durch den Geist unseres Gottes." - 1. Kor. 6:1-11

Diese Aufzählung von Verfehlungen, welche vom Königreiche Gottes ausschließen, ist gegeben, damit die Versammlung wisse, wen sie in ihrer Mitte nicht dulden solle. Auf alle solche Fälle ist der Befehl anwendbar: "Tut den Bösen von euch selbst hinaus", wer es auch sein mag, der sich solcher Dinge schuldig macht.

"Wenn dein Bruder an dir sündigt"

Steht nun dies aber nicht im Widerspruch mit dem Gebote des Herrn: "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet?" Müssen wir nicht zuerst den Übeltäter als solchen erkennen und richten, und alsdann seine Übeltaten verkündigen, Böses von ihm reden, damit die Versammlung als Ganzes den Übeltäter als solchen erkennen und aus ihrer Mitte hinwegtun könne?

Durchaus nicht! Gottes Anordnungen widersprechen sich nicht, sondern stehen vielmehr in schönster Übereinstimmung, sobald sie richtig verstanden werden. Wenn zwei etwas wider einander haben, und der erste hält sich für übervorteilt, so darf er den zweiten nicht richten im Sinne von verdammen, sondern zu sich selber sagen: "Ich glaube fest, recht zu haben, aber der andere kann auch fest glauben, dass er recht hat, und dass mir nicht Unrecht geschehen ist." Abbruch der Beziehungen wäre in diesem Falle einem Verdammen gleich zuachten. Der erste mag etwa zu sich selbst sagen: "Die Sache ist unter Brüdern belanglos; ich will sie fallen lassen und annehmen, der Bruder habe mir nicht absichtlich unrecht tun wollen, und vielleicht steht nicht er, sondern ich auf einem falschen Standpunkte."

Kann er die Sache nicht so ansehen, so darf er aber darum noch nicht richten. Er muss zum anderen gehen und ihm erklären, wie ihm die Sache vorkommt, damit, wenn immer möglich, eine freundliche, brüderliche Übereinkunft zustande kommt, etwa durch gegenseitiges Nachgeben. Geht das nicht, so soll er zwei oder drei Brüder unter den verständigsten Gliedern der Versammlung, die sein und des anderen volles Vertrauen genießen und rechtfertigen, mit sich nehmen und ihnen die Angelegenheit in Gegenwart des anderen vorlegen, mit dem Vorsatze, ihren Rat anzunehmen. Dieses Verfahren sollte unter Brüdern, die alle den Geist der Liebe haben und gerecht miteinander zu handeln wünschen, zu einem befriedigenden Ergebnis führen, wie es sich unter Gliedern der gesalbten Körperschaft gehört. Kommt aber die gesuchte Verständigung auch jetzt noch nicht zustande, so soll noch kein Urteil gefällt werden; denn nicht zwei oder drei, sondern einzig die Versammlung soll "richten".

Wenn nun die mitgebrachten Brüder dem anderen recht und dem, der sie gerufen hat, unrecht geben, so sollte es dabei sein Bewenden haben. Er kann unter solchen Umständen die Angelegenheit nicht vor die Versammlung ziehen; das wäre starrsinnig und eigenmächtig gehandelt. Hingegen sehen wir nicht, was ihn davon abhalten sollte (wenn er sich nicht dabei beruhigen kann), drei andere verständige und nicht voreingenommene Brüder zu seinem Gegner zu nehmen, um ihren Rat und ihre Meinung zu hören.

Geben aber die ersten Zeugen dem recht, der sie gerufen hat, und weigert sich der andere, das geschehende Unrecht gutzumachen und die Sache ins Reine zu bringen, dann mag der Geschädigte nach Ablauf einer billig bemessenen Wartezeit, in Übereinstimmung mit seinen Zeugen, die Einberufung einer Versammlung fordern. Vor derselben haben alsdann beide ihre Gesichtspunkte darzulegen; denn es muss auch jetzt noch vorausgesetzt werden, dass sich der Beleidigte zur Versammlung hält und bereit ist, ihren Rat oder ihre Entscheidung anzunehmen. Bei einer solchen Versammlung haben natürlich nur die Gerechtfertigten und Geweihten Zutritt und Stimme, die sich dessen voll bewusst sind, dass sie den Rechtsspruch ihres Herrn und Hauptes finden und fällen sollen. Eine solche Sitzung darf nicht der Ausgangspunkt von Parteiungen sein, sondern hat vielmehr den Zweck, die Einheit der Versammlung im Bande des Friedens zu erhalten. Die streitenden Parteien haben natürlich dabei nicht abzustimmen; ferner sollte sich der Stimmabgabe enthalten, wer einen anderen Wunsch in seinem Herzen fühlt, als den, des Herrn Urteilsspruch zu finden. Die Entscheidung sollte womöglich mit Einstimmigkeit erfolgen, wenn das auch eine Beschneidung der Wünsche auf der einen oder anderen Seite notwendig machen sollte. Lasst die Gerechtigkeit stets mit Barmherzigkeit vermischt sein, "indem du auf dich selbst siehst, dass nicht auch du versucht werdest." - Gal. 6:1

Die Entscheidung der Versammlung sollte von allen als endgültig angesehen werden, und wer sich derselben nicht fügen und unterwerfen kann (in Fragen des Wandels, nicht des Gewissens), mit dem mögen es die anderen wie mit einem Heiden oder Zöllner halten, bis er aufhört, der Versammlung zu trotzen. Wenn letzteres der Fall ist, dann soll ihm ohne weiteres vergeben und der Umgang mit ihm in früherer Weise wieder aufgenommen werden. Der Zweck des Ausschlusses ist nicht, den Schuldigen zu verstoßen; die Entziehung der Brudergunst soll seinem Unrecht, nicht ihm selbst, gelten und ihm zur Rückkehr behilflich sein. Es mit einem Bruder wie mit einem Heiden oder einem Zöllner zu halten, heißt nicht, ihn nach seinem Ausschlusse zu verleumden und schlecht zu machen. Kinder Gottes sollen unter keinen Umständen böse Nachreden üben; "redet Böses von niemandem", hat auch hier seine Geltung. Wir sollen von Sündern und Zöllnern nichts Böses aussagen, sie nicht scheel ansehen, uns nicht weigern, mit ihnen geschäftliche Beziehungen zu haben; nur in das besondere Verhältnis, in welchem Brüder der Neuen Schöpfung, die den Heiligen Geist und dessen Liebe, Freude und Frieden besitzen, zueinander stehen, sollen wir sie nicht treten lassen.

Einen von der Versammlung schuldig Erklärten, der nicht sofort sein Unrecht zugegeben, sondern erst den Kopf aufgesetzt hat und erst nachher reuig geworden ist, sollte man nicht zum Ältesten wählen, es sei denn, er habe zuvor Anzeichen einer gründlichen Besserung gezeigt. Denn, dass er sich so hatte gehen lassen, lässt befürchten, dass er bei aller Gewissenhaftigkeit da, wo seine persönlichen Interessen in Frage ständen, keinen sicheren Blick für das Rechte hätte. Den Rat dreier Brüder missachtet und die Einberufung der Versammlung zur Entscheidung der Sache notwendig gemacht zu haben, ist keine Empfehlung, auch dann noch nicht, wenn er sich endlich gefügt und das Unrecht nach Kräften gut gemacht hat.

Vergib siebenzig mal sieben mal

Wenn aber der Beleidiger sein Unrecht schon beim ersten Besuche des Beleidigten oder doch beim zweiten (vor Zeugen) einsieht und gut zu machen sucht, dann sollte der Beleidigte vergeben, und zwar von Herzen, ohne ihm erst noch eine Strafe aufzuerlegen - eingedenk der Worte: "Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr." Aber wie oft sollen wir dem Reuigen vergeben? Ist es genug sieben mal? fragt Petrus. Der Herr antwortet auf diese Frage hier: "Siebzig mal sieben!" (Matth. 18:22) Wir sollen die Fehler der anderen so oft vergeben, wie wir wollen, dass uns der Vater vergebe. Wenn wir eine Neigung fühlen, einen Bruder wegen seiner Schwachheiten zu verachten, lasst uns unserer eigenen Schwachheiten und daran gedenken, dass, wer nicht Barmherzigkeit übt, auch nicht Barmherzigkeit erlangen wird. - Jak. 2:13

Vergehungen gegen die Versammlung

Wir haben oben (und ausführlicher im 6. Kap.) davon gesprochen, wie es gehalten werden soll, wenn sich einer gegen den anderen verfehlt. In dem in 1. Kor. 5:1 erwähnten Falle liegt nun keine Beleidigung gegen einen Bruder, sondern ein Verstoß gegen das vor, was die ganze Versammlung hochhält. Was soll in solchen Fällen geschehen?

Ist der Verstoß nicht allgemein bekannt, so raten wir zum gleichen Verfahren wie bei persönlichen Beleidigungen. Ist der Verstoß aber allgemein bekannt, so sollten es die Ältesten für ihre Pflicht halten, den Schuldigen ohne vorausgegangene Besuche vor die Versammlung zu laden, weil die Sache schon öffentlich und mithin ein Verfahren nicht am Platze ist, welches verhüten soll, dass Ungünstiges bekannt werde. Gleicherweise sollte es im Falle von übler Nachrede wider Älteste gehalten werden, weil der Schuldige die beiden Gelegenheiten des Besuches beim Ältesten, erst allein, dann mit zwei oder drei Zeugen, verscherzt und die Sache selbst öffentlich gemacht hat, sodass ein vertrauliches Gutmachen nicht mehr möglich ist. Der angegriffene Älteste sollte in diesem Falle seine Mitältesten zusammenberufen, vor ihnen das ihm nachgesagte Böse in Abrede stellen und verlangen, dass sich der Schuldige vor der Versammlung wegen böser Nachrede und falschen Zeugnisses verantworte, weil er gegen die vom Haupte gegebenen Verhaltungsmaßregeln verstoßen und die Versammlung als Ganzes beleidigt habe, die den betreffenden Ältesten dieser seiner Stellung würdig erachtet hat. Der Verleumder sollte schuldig gesprochen, vor der Versammlung getadelt und aufgefordert werden, sein Unrecht anzuerkennen. Sobald aber dies geschehen ist, würde er ein Recht haben, gegen den Ältesten, den er im Irrtum glaubt, in der Weise vorzugehen, wie er es zuerst hätte tun sollen.

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi
- 2. Korinther 5:10 -

Mit dem "Wir" dieses Verses ist zweifellos die Herauswahl (Neue Schöpfung) gemeint. Dieses Offenbarwerden ist also nicht zu verwechseln mit dem in Matth. 25:31-46 vorausgesagten Versammeltwerden aller Nationen vor dem Sohne des Menschen, wenn er wiederkommen wird in seiner Herrlichkeit und inmitten seiner heiligen Engel. Wenn einmal der Sohn des Menschen auf dem Throne seiner Herrlichkeit sitzen wird, werden seine Getreuen (die Ekklesia, die Braut) mit ihm Anteil haben an seinem Throne und seiner Herrlichkeit und an dem tausendjährigen Gerichte der Nationen, auch derer, "die (noch) in den Gräbern sind."

Von dem Gericht der Herauswahl handeln Matth. 25:14-30 und Luk. 19:12-26. Es findet am Ende des Zeitalters statt und ist das erste Werk des zurückgekehrten Königs. Er rechnet zuerst mit seinen Knechten ab, welchen er verschiedene Güter (Vermögen, Einfluss, geistige Gaben, gute Gelegenheiten zum Wirken) anvertraut, und die in der Verwertung derselben mehr oder weniger treu, ausdauernd und hingebend gewesen sind. Mit diesen muss abgerechnet werden, damit jeder den richtigen Lohn empfange, gesetzt werde über zwei oder fünf oder zehn Städte, - "eingehe zu seines Herrn Freude." Der Lohn wird nicht für alle gleich herrlich und gleich groß sein. Wie ein Stern sich von einem anderen Stern durch seine Herrlichkeit unterscheidet, so wird es auch der Fall sein bei denen, welche teilhaben werden an der ersten Auferstehung zu Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit. - 1. Kor. 15:41

Treue, Liebe und Eifer werden bei der Prüfung maßgebend sein. Wer Gaben hatte und sie in die Erde vergrub (zu zeitlichem Gewinn oder Vermögen, für Verwandte, oder aus Trägheit gar nicht anwandte), hat dadurch bewiesen, dass es ihm an der Liebe gebrach, dass er gebotene Gelegenheiten nicht zu verwenden wusste. Ein solcher ist der Königswürde nicht wert und wird nicht eingehen in seines Herrn Freude, noch mit dem Herrn die Welt regieren und segnen dürfen.

nach oben

Studie 10

Die Taufe der Neuen Schöpfung

Die Taufe im zweiten Jahrhundert. - Taufpaten. - Die Taufzeremonien der römischen Kirche. - Warum die Kindertaufe eingeführt wurde. - Schriftzeugnisse über die Taufe. - Die Lehre der "Disziples" (Jünger). - Die Lehre der "Baptisten". - Die wahre Lehre. - Die Taufe in Christi Tod. - "Durch einen Geist sind wir alle zu einem Leibe getauft." - Die Taufe mit Feuer. - Die symbolische Taufe in Wasser. - Ist die Wassertaufe notwendig? - Das eigentliche Symbol. - Wer soll es vollziehen? - Die Form der Worte. - Wiederholung des Symbols. - "Für die Toten getauft werden."

Christen sind im allgemeinen darin einig, dass das Neue Testament die Taufe lehrt, obschon über deren Bedeutung, Art und Weise große Meinungsverschiedenheit und Verwirrung herrscht.

Der von den Aposteln vorherverkündigte große Abfall vom Glauben hatte im zweiten Jahrhundert solche Fortschritte gemacht, dass in der Namenkirche wahrhaft abergläubische Ansichten bezüglich der Taufe herrschten. Man glaubte, die Wassertaufe bringe nicht nur jeden, der sich ihr unterzog, durch Erlassen der begangenen Sünden in Verbindung mit Gott, sondern verschaffe auch noch jedem Gliede der Kirche Christi gewisse Gnaden oder Begünstigungen von Gott, welche nicht anders zu erlangen seien. Deshalb verlangten zu jener Zeit Gläubige nicht nur für sich, sondern auch für ihre Kinder die Taufe. Weil nun Kinder weder glauben noch in die Bundesverheißungen eintreten konnten, wurde für sie durch Taufzeugen - geistliche Eltern - Vorsorge getroffen. Sie versprachen feierlich, dass die Kinder an den Herrn glauben und in seinen Wegen wandeln sollten und verpflichteten sich, ihre religiöse Erziehung zu überwachen.

Die Lehrer sowohl, als auch die in jener Zeit so Unterrichteten gelangten schnell zum Formenwesen und zu übermäßiger Ausarbeitung der Symbole und ihrer Bedeutung. Es wurden im dritten Jahrhundert außerhalb der Kirchengebäude besondere Räume für Taufsteine gebaut, zu denen man durch eine Vorhalle gelangte. Die letztere war für das Publikum geöffnet, in dessen Gegenwart die Taufgelübde abgelegt wurden, und danach wurde der Täufling im abgeschlossenen Taufbassin untergetaucht. Der amtierende Prediger beschwor den Taufkandidaten zur Austreibung aller bösen Geister und blies ihm dabei dreimal in sein Angesicht, so den Vater, Sohn und Heiligen Geist darstellend.

Das Wasser, in dem die Taufe vollzogen wurde, wurde durch eine besondere Formel geweiht, um daraus geheiligtes Wasser zu machen. Ein Teil dieser Formel bestand in der Austreibung böser Geister aus dem Wasser. Der Täufling wurde von den Kleidern entblößt, womit das Ablegen des alten Menschen symbolisiert war, und dann dreimal untergetaucht, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Alles das geschah außerhalb der Kirche und deutete an, dass der Täufling noch kein Glied der Kirche sei und es nicht werden könne, bis diese Zeremonie an ihm vollzogen war. Nach der Taufe trug der Täufling bis zum nächsten Sonntag weiße Kleider. Späterhin hörte die Trennung des Taufraumes von dem Kirchengebäude auf, und die Taufbecken wurden in die Kirchengebäude hineingestellt.

Die römisch- und griechisch-katholischen Kirchen beobachten immer noch die aus dem dritten Jahrhundert stammende Taufformel, jedoch mit Rücksicht auf die Gegenwart etwas eingeschränkt.

Das Folgende sind die Taufzeremonien der römischen Kirche, obschon nicht alle allgemein angewendet werden.

  1. Das Kind hält man außerhalb der Kirche stehend, was eine wirkliche Ausschließung vom Himmel bedeutet, da derselbe durch das Kirchengebäude dargestellt ist.
  2. Der Priester bläst dreimal in das Angesicht des Kindes, dadurch andeutend, dass das Böse nur durch den Heiligen Geist vertrieben werden könne.
  3. Das Zeichen des Kreuzes wird an Stirn und Brust des Kindes gemacht.
  4. Der Priester beschwört das Salz und legt es in den Mund des Kindes, dadurch andeutend, dass nur die Weisheit es vor dem Verderben bewahren kann.
  5. Das Kind wird beschworen.
  6. Der Priester berührt Mund und Ohren mit Speichel, das Wort "ephphatha" sprechend.
  7. Das Kind wird entkleidet, andeutend das Ablegen des alten Menschen.
  8. Es wird durch die Paten hingehalten, die die Kirche (Religionsgemeinschaft) repräsentieren.
  9. Dieselben entsagen im Namen des Kindes dem Teufel und allen seinen Werken.
  10. Das Kind wird nun mit Öl gesalbt.
  11. Das Bekenntnis des Glaubens wird abgelegt.
  12. Es wird gefragt, ob es getauft werden möchte.
  13. Es wird ihm der Name des Heiligen gegeben, welcher sein Vorbild und Beschützer sein soll.
  14. Es wir dreimal untergetaucht, oder sein Haupt wird dreimal mit Wasser begossen.
  15. Es empfängt den Friedenskuss.
  16. Sein Haupt wird gesalbt, zum Zeichen, dass es durch die Taufe ein König und Priester geworden ist.
  17. Es empfängt die Wachskerze, andeutend, dass es ein Kind des Lichtes geworden ist.
  18. Es wird in die Alba (weißes Kleid) eingehüllt, zum Zeichen seiner "Taufreinheit"." - Elliots "Delineation of Romanism", Band 1

Die vorhergehenden Verdrehungen, die Taufe betreffend, sind wohl 1200 Jahre vor der Entstehung der verschiedenen heute bestehenden protestantischen Denominationen zustande gekommen. Ohne Zweifel hat es manche unter dem Volke Gottes gegeben, die den Gegenstand in einem klaren Lichte sehen, aber jedenfalls äußerst wenige, denn wir finden sie oder ihre von der damals vorherrschenden Lehre abweichende Ansicht in den Blättern der Geschichte nicht erwähnt.

Es ist nicht zu verwundern, wenn Protestanten aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, die in diesen Traditionen aufgezogen wurden, noch ziemlich unter deren Einfluss standen und, obschon sie sich teilweise der Zeremonien entäußerten, doch noch dieselben Ansichten und Gewohnheiten behielten. Heute noch haben selbst intelligente Leute eine abergläubische Furcht vor der ewigen Zukunft ihrer Kinder, die, ohne die Taufe empfangen zu haben, sterben, also - wie sie meinen - ohne Vergebung der Sünden und Aufnahme in die Kirche (Religionsgemeinschaft). Daher finden wir in Übereinstimmung mit diesem Aberglauben in allen Denominationen, trotz ihrer Bestrebungen, der Geistlichkeit alle ihre Macht, Vorrechte und Autorität zu erhalten, die Zulassung der Nottaufe. In äußersten Notfällen darf der Taufakt von jeder beliebigen Person vollzogen werden, wenn der sichere Tod des Kindes bevorsteht und ein Geistlicher vorher nicht zur Stelle sein kann, damit das "ewige Leben" des Kindes nicht aufs Spiel gesetzt werde. Die Zuständigkeit der Laien unter solchen Umständen wird selbst in den römisch- und griechisch-katholischen Kirchen anerkannt und diese Angelegenheit wurde zur Zeit Eduards VI. so angeordnet: "Pastoren und Kuratoren sollen das Volk fleißig ermahnen, ohne besondere Ursache und Notwendigkeit keine Kinder zu Haue zu taufen; wenn jedoch Umstände sie dazu nötigen, soll die Nottaufe vollzogen werden."

Wir führen folgende Erklärung der Taufe aus dem autorisierten römisch-katholischen Katechismus an (S. 248 engl.): "Das erste und notwendigste Sakrament ist die Taufe, weil vor dieser kein anderes Sakrament empfangen und ohne Taufe niemand gerettet werden kann. Durch die Taufe werden die Erbsünde und alle vor der Taufe begangenen Sünden vergeben und die zeitliche wie ewige Strafe erlassen. Durch die Taufe werden wir nicht nur von allen Sünden gereinigt, sondern auch in geistlicher Weise verwandelt, heilig und zu Kindern Gottes und Erben des Himmels gemacht."

Die lutherische Kirche erklärt die Taufe auf ähnliche Weise.

Die englische Hochkirche, deren Zeremonie etwas abweicht, spricht der Kindertaufe dieselbe Bedeutung zu. Folgender Auszug aus dem gebräuchlichen Gebetbuche zeigt dies:

"Heilige dieses Wasser für das geheimnisvolle Wegwaschen der Sünde, und gib, dass dieses Kind, das jetzt darin getauft wird, deine Gnadenfülle empfange und immer unter der Zahl deiner treuen und auserwählten Kinder bleibe."

"Wir nehmen dieses Kind in die Gemeinschaft der Herde Christi auf und zeichnen es mit dem Zeichen des Kreuzes."

"Geliebte Brüder, da wir jetzt wissen, dass dieses Kind wiedergeboren und in den Leib der Kirche Christi eingepflanzt ist, so lasst uns Gott dem Allmächtigen für diese Gnade Dank sagen."

"Wir danken dir herzlich, barmherzigster Vater, dass es dir wohlgefallen hat, dieses Kind durch deinen Heiligen Geist wiederzugebären."

Das Westminster-Bekenntnis lautet:

"Die Taufe ist ein Sakrament - ein Zeichen und Siegel des Gnadenbundes, des Einpfropfens in Christum, der Wiedergeburt, der Vergebung der Sünden" usw.

Es erklärt, dass sie für solche unmündigen Kinder, deren Eltern Christen sind, anwendbar ist, doch für keine anderen. Es sagt ferner: "Obschon es eine große Sünde ist, diese Verordnung zu verachten oder zu vernachlässigen, sind doch Gnade und Errettung mit der Taufe nicht so unzertrennlich verbunden, dass ohne dieselbe keine Person wiedergeboren und gerettet werden könnte, oder dass alle Getauften unzweifelhaft auch wiedergeboren sind."

Presbyterianer-Verordnungen, die zwar der Taufe geringere Bedeutung beimessen, gestatten nur den Geistlichen, diese Handlung zu vollziehen, und diese letzteren legen großes Gewicht auf die Taufe, sodass Presbyterianer wie andere sich fürchten, ihre Kinder ungetauft sterben zu lassen, denn nur wenige kennen die letztzitierte Klausel des Westminster-Bekenntnisses.

Um dies zu beleuchten, sei eine Anekdote von einem Arzt erzählt, der spät in der Nacht zu einem sterbenden Kinde gerufen wurde. Er kam kurze Zeit vor einem Geistlichen an, nach welchem man zur gleichen Zeit geschickt hatte. Da der Arzt für das Kind nichts mehr tun konnte, trat er zur Seite, indessen der Prediger schnell ein Gefäß Wasser nahm und dann des Kindes Angesicht besprengte, indem er sagte: Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Bald darauf starb das Kind. Der Arzt verließ dann mit dem Geistlichen das Haus und bemerkte: "Sie kamen gerade recht; noch zwei Minuten, und Sie wären zu spät gekommen. Darf ich fragen, was für Schuhe sie tragen?" "Kongress-Gamaschen", antwortete der Geistliche. "O, wie gut!" sagte der Doktor, "hätten sie Schnürschuhe getragen, dann wären Sie nicht zur rechten Zeit angekommen, und denken Sie, welches Elend dies für das Kind bedeutet hätte!"

Allerdings teilen viele der besser erleuchteten Christen nicht mehr den Aberglauben, dass Gott ungetaufte Kinder ewig quälen oder auf andere Weise benachteiligen werde, und doch sind selbst diese nicht selten in großem Kummer, wenn aus irgendeinem Grunde eines ihrer Kinder ungetauft stirbt. Von den Unwissenden glauben manche noch fest an die Notwendigkeit dieser Zeremonie und fürchten sich, wenn sie vernachlässigt wird; so groß ist der Einfluss, der vom finsteren Mittelalter noch auf uns ausgeübt wird.

Beweise, dass diese falschen Ansichten von der Natur, Notwendigkeit und Wirksamkeit der Taufe sich schon früh im zweiten Jahrhundert entwickelten, finden wir in Hagenbachs "Geschichte der Glaubenslehren", § 72. Später zur Zeit Konstan­tins, sowie durch Tertullian verteidigt (Die Taufe Kap. 18), kam die Ansicht auf, dass die Taufe eine magische Macht sei, von vergangenen, nicht zukünftigen Sünden zu reinigen, und erst so kurz wie nur möglich vor dem Tode stattfinden sollte. Noch später wurde die "letzte Ölung" als Trost im Sterben erteilt und wurden Anstrengungen gemacht, so früh wie irgend möglich alle in die Kirche aufzunehmen. St. Augustinus war es, der die Lehre erfand, dass es "kein Heil ohne die Kirche" gebe. Die Konsequenz war eine weitere Lehre, nämlich, dass Kinder "verloren" seien, wenn sie nicht zu Gliedern der Kirche gemacht würden, und von dieser Zeit und Theorie datiert die allgemeine Taufe der Kinder. Der Geist der Christenheit ist sehr früh bestrebt gewesen, vor nichts zurückzuschrecken, was seinen Einfluss stärken und die Zahl seiner Anhänger vermehren konnte. Die Vorstellungen vom Charakter des Schöpfers und von der Art und Weise, wie er seine Herrschaft ausübt, sind aber dadurch in lästerlicher Weise verunstaltet worden; auch das Zeugnis seines Wortes wurde hinfällig. Die wahren Christen, der "Weizen", sind durch das Umsichgreifen des "Unkrautes" sehr geschädigt worden.

Die Kindertaufe wird von manchen verworfen

Unter denen, die erkennen, dass die Taufe nur den Gläubigen befohlen ist und niemand für eine andere Person glauben kann, wird die Kindertaufe als unbiblisch verworfen. Zudem glauben dieselben Leute allgemein, dass einzig das Untertauchen in Wasser die rechte Taufe sei, wie sie unser Herr und die Apostel lehrten. Sie machen uns darauf aufmerksam, dass das angewandte griechische Wort "baptizo" die Bedeutung von untertauchen, bedecken oder vollständig überfluten hat, und dass überhaupt im Griechischen ganz anderen Wörter gebraucht werden, wenn es sich um besprengen, gießen oder regnen handelt. Diejenigen, die an das Untertauchen im Wasser glauben, lassen sich gewöhnlich einmal nach rückwärts untertauchen, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, während etliche das dreimalige Eintauchen nach vorn noch anwenden, einmal im Namen des Vaters, einmal im Namen des Sohnes und einmal im Namen des Heiligen Geistes. Man tut dies, weil unser Herr sein Haupt nach vorn neigte, als er starb, und man meint, so sollten auch seine Nachfolger in der Gleichheit seines Todes untergetaucht werden, mit dem Angesicht nach vorn. Diese lieben Freunde scheinen nicht daran zu denken, dass Christus nicht mit dem Angesicht nach unten begraben wurde, und dass weder der Vater, noch der Heilige Geist starben und daher solche Symbole unhaltbar sind, wie auch die Bedeutung der Worte: "im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes", richtigerweise sein sollte: - mit oder in der Autorität des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes - dass der Vater, der Sohn und der Heilige Geist die Taufe des Gläubigen einstimmig befehlen.

Zwei große Denominationen sind es, "Baptisten" und "Jünger", die das einmalige Rückwärts-Untertauchen üben. Doch sind ihre Ansichten bezüglich der Bedeutung des Taufaktes sehr verschieden. Die "Jünger", die sich auch "Christen" nennen, glauben, dass die Taufe (Untertauchung) die Vergebung der Sünden bedeute, und dass alle Nichtgetauften noch in ihren Sünden - "Kinder des Zornes" seien. Diese Ansicht über die Taufe schließt die große Mehrzahl der Menschheit aus, ausgenommen Kinder (deren Erbsünde sie zu ignorieren scheinen), ja selbst erklärte Christen beinahe aller Gemeinschaften - Evangelische, Methodisten, Presbyterianer, römische und griechische Katholiken usw. - werden somit als Sünder bezeichnet, d.h. als Ungerechtfertigte vor Gott und darum unter dem Zorne Gottes stehend. Und darunter wird fast von allen, auch den "Jüngern", ewige Qual verstanden.

Es ist dies eine schwerwiegende Behauptung, nicht nur in bezug auf die Welt, sondern auch hinsichtlich der großen Masse christlicher Bekenner, und wir verwundern uns deshalb nicht, wenn unsere "Jünger" - Freunde es allgemein vermeiden, dieselbe gründlich zu erörtern, obschon die Konsequenzen dieser Lehre ihnen selbst völlig klar sind, wie allen, die diese Sache genau untersuchen. Eine derartige Ansicht über die Taufe vermögen wir nicht als richtig anzuerkennen, sie ist weder schriftgemäß noch vernünftig. Wir glauben nicht, dass der Herr das ewige Heil unseres Geschlechtes davon abhängig gemacht hat, dass eine solche Einrichtung anerkannt und ausgeübt werde. Unsere "Jünger" -Freunde halten sich jedoch an gewisse Schriftstellen, die nicht unbeachtet bleiben dürfen, nämlich an die Aufforderung des Johannes an die Juden, Buße zu tun und sich taufen zu lassen zur Vergebung der Sünden; ferner an die Predigt der Apostel am Pfingstfeste, die gleichfalls an die Juden gerichtet war, - zu glauben und sich taufen zu lassen zur Vergebung ihrer Sünden, und den Namen des Herrn anzurufen. (Matth. 3:6; Joh. 4:1, 2; Apg. 2:38-41) Wir werden später diese Schriftstellen betrachten und sehen, wie und warum sie nur auf die Juden allein anzuwenden sind, nicht auch auf die Nationen; ferner, warum, als gewisse Heiden aus der Gemeinde zu Ephesus bekannten, dass sie von Johannes zur Vergebung der Sünden getauft worden seien, der Apostel Paulus ihnen befahl, sich im Namen des Herrn Jesu nochmals taufen zu lassen.

Unsere Baptisten-Freunde, nicht weniger eifrig im Verteidigen der Untertauchung im Wasser, als der einzig wahren Taufe, sprechen ihr wieder eine ganz andere Wirkung zu und bestreiten daher, dass sie Sündenvergebung bedeute, welch letztere nur durch Glauben an den Herrn Jesus Christus, den Erlöser, erlangt werden kann. Sie lehren, die Taufe sei die Tür zur Kirche, und nur die Untergetauchten seien tatsächlich in die Kirche aufgenommen, während alle übrigen keine der Vorrechte und Segnungen, die allein der Kirche gehören, erlangen - weder in diesem noch im zukünftigen Leben.

Im Einklange mit diesem Gedanken vermeiden Baptisten es im allgemeinen, Ungetaufte zum heiligen Abendmahle einzuladen, indem sie sagen, dass dies nicht für die Welt ist, sondern allein für die Kirche, und dass niemand in diese kommen kann, als nur wer durch die Tür der Wassertaufe eintritt. Die wenigen Baptisten-Kirchen, welche in den letzten Jahren diese Regel milderten, handeln ihrer eigenen Theorie zuwider. Zur Illustration dieses Gegenstandes führen wir aus einem neueren Artikel von Rev. J. T. Lloyd im "Christlichen Herold" folgendes an:

"Die christliche Taufe ist ein Untertauchen des Gläubigen im Wasser, und nichts anderes. Die Baptisten-Gemeinden sind die einzigen christlichen Gemeinden. Kindertäufer haben kein Recht, zu des Herrn Abendmahl zu kommen; wenn sie dennoch daran teilnehmen, so nehmen sie es unwürdig und essen und trinken sich selbst zur Verdammnis."

Wenn die Lehre der Baptisten die richtige ist, ergibt sich daraus, dass alle Glieder anderer Gemeinschaften, die nicht in Wasser untergetaucht sind, sich selbst betrügen, indem sie sich für Glieder der Kirche Christi halten. Denn das Untertauchen ist die Tür zur Kirche, sagen unsere Baptisten-Freunde; wer nicht untergetaucht worden ist, gehört nicht der Kirche Christi an, die da ist sein Leib. Es wundert uns nicht, wenn Baptisten und hauptsächlich die Intelligenteren und Edelgesinnten unter ihnen es vermeiden, die einzig logische Folgerung ihrer Glaubensüberzeugung dem allgemeinen Volk aufzudrängen. Es würde ihnen, wenn sie es tun wollten, Unwillen und Hohn von solchen eintragen, die sie als Christen anerkennen, ungeachtet entgegengesetzter Anschauungen. Welches würden nun die Folgen sein, wenn diese Baptisten-Lehre wahr wäre? Es würde bedeuten, dass nur untergetauchte Personen gerettet würden und der Rest aus allen anderen Denominationen verloren ginge; denn die Lehren aller Glaubensbekenntnisse stimmen darin überein, dass nur die Kirche gerettet wird und alle anderen der Vernichtung oder ewigen Qual preisgegeben werden.

Wir können mit obigen unvollkommenen menschlichen Theorien nicht einig gehen, deren Unvereinbarkeit zu deutlich zutage tritt. Die bloße Erklärung derselben führt jedes aufrichtige und intelligente Gemüt sofort zur Überzeugung, dass sie unrichtig sind. Wir glauben nicht, dass die "Jünger" - oder die Baptisten-Kirche oder alle beide, die Gemeinde des lebendigen Gottes ausmachen, deren Namen im Himmel angeschrieben sind, während alle nicht Untergetauchten ausgeschlossen sein sollten. Wir glauben auch nicht, dass, als der Sohn des Menschen den guten Samen des Evangeliums auf das Feld streute, aller Weizen in den Baptistenzaun kam und aller Scheinweizen außerhalb desselben blieb. Wir können auch nicht zugeben, dass aller Weizen nur bei den ins Wasser Untergetauchten zu finden sei und auf der anderen Seite aller Scheinweizen, und dass alle übrigen Denominationen von dem Gleichnis des Herrn vom Weizen und Scheinweizen ausgeschlossen seien. (Matth. 13) Diese widerstreitenden Theorien sind unrichtig und von Gott missbilligt. Wir sind der Überzeugung, dass alle Kirchen und Denominationen der göttlichen Einrichtung zuwiderlaufen, wonach nur "ein Haupt, ein Leib, ein Glaube, eine Taufe" da sein soll. Wir glauben daher nicht, dass die wahre Kirche des Herrn ,die Neue Schöpfung, aus vielen solchen Gliedern besteht; wird doch gesagt, dass es im ganzen eine "kleine Herde" sein wird.

Wir halten dafür, dass Baptisten und "Jünger", wie auch Presbyterianer, Methodisten, Lutheraner, Bischöfliche und Römisch-Katholische ein Teil der allgemeinen Christenheit sind und in der Heiligen Schrift als "Babylon" bezeichnet werden. Der Sohn des Menschen und seine treuen Nachfolger säten guten Samen, welcher die Christenheit als Frucht hervorbrachte, in diesem Zeitalter als "Weizenfeld" betrachtet. Der Feind aber säte so reichlich "Unkraut", dass der "Weizen" fast erstickt wurde, und könnte man in mancher Beziehung das Feld eher "Unkrautfeld" als "Weizenfeld" bezeichnen. Nun aber, nachdem die "Ernte" dieses Zeitalters gekommen ist, sendet der Herr gemäß seiner Verheißung seine Schnitter, um den Weizen zu sammeln - jedes Körnchen desselben - in seine Scheune. Es ist offenbar, dass er die "Weizen"-Körner nicht nur in den Gemeinschaften der "Baptisten" und "Jünger" findet, sondern auch unter den Presbyterianern, Methodisten, Bischöflichen, Lutheranern, Kongregationalisten, Römisch-Katholischen und anderen. Dies steht in Harmonie mit der Botschaft, die an das Volk des Herrn in ganz Babylon gerichtet ist: "Gefallen, gefallen ist Babylon, die große (das göttliche Urteil ist über dieses System gesprochen, es ist von Gott verworfen) ... Gehet aus ihr hinaus, mein Volk, auf dass ihr nicht ihrer Sünden mitteilhaftig werdet, und auf dass ihr nicht empfanget von ihren Plagen." - Offb. 18:2, 4

Es ist klar und offenkundig, dass Baptisten, "Jünger" und andere bezüglich der Taufe, ihrer Segnungen und Vorrechte, die sie in sich schließt, sehr im Irrtum sind. Wir haben nun diesen Gegenstand bis in unsere Zeit herab kurz verfolgt, um allen die Unrichtigkeit der verschiedenen jetzt vorherrschenden Lehren in bezug auf die Taufe klar vor Augen zu führen, damit wir um so besser vorbereitet seien, demütig und betend an allen menschlichen Überlieferungen vorbei zum Worte Gottes zu kommen, um uns von den inspirierten Aposteln über diesen Gegenstand göttlicher Einrichtung belehren zu lassen. Nur wenn wir die Verwirrung, die in den verschiedenen Lehren der Christenheit zutage tritt, erkennen, sind wir völlig zubereitet, die Einfachheit der göttlichen Erklärung dieses Gegenstandes zu würdigen.

Das Zeugnis der Heiligen Schrift über die Taufe

Der jüdische Ritus enthält verschiedene Bestimmungen bezüglich der Reinigung, Waschung und Besprengung unreiner Gefäße, Personen usw., jedoch über die Taufe (Untertauchung), wie Johannes am Ende des jüdischen Zeitalters predigte, sagt er nichts. Die Taufe des Johannes war nur für die Israeliten allein, die schon durch das Sühnopfer des Versöhnungstages als vorbildlich gereinigt anerkannt wurden. Für sie bedeutete die Taufe des Johannes Reue über wissentliche Sünden, Übertretungen des Gesetzesbundes usw., und vorbildliche Reinigung davon - eine Rückkehr in die Stellung der Gerechtigkeit des Herzens. Israeliten, die so Buße taten und symbolisch gereinigt oder gewaschen wurden, kamen auf diese Weise wieder in ihre vorherige Stellung der Harmonie mit Gott, die sie unter ihrem Gesetzesbunde inne hatten, zurück. Die Predigt und Taufe des Johannes diente hauptsächlich zur Vorbereitung des Volkes für das Königreich Gottes und zur Offenbarung des Messias, die, wie Johannes lehrte, bevorstand, denn das Volk musste in der richtigen Bereitschaft sein, um den bestimmten Segen empfangen zu können. Jeder Jude unter dem Gesetzesbunde wurde als ein Glied des Hauses Moses betrachtet, denn sie "sind alle auf Moses getauft worden in der Wolke und in dem Meere." (1. Kor. 10:2) Das Haus Moses war ein Haus der Knechte, wie geschrieben steht: "Moses war treu in seinem ganzen Hause als Diener." (Hebr. 3:5) Gott hatte es so eingerichtet, dass, wer als Glied des vorbildlichen Israel oder des Hauses von Knechten unter Moses, dem Mittler des vorbildlichen oder Gesetzesbundes, treu war, auch von Herzen bereit war, den gegenbildlichen Moses, den Messias, Christum, zu empfangen. Und die Annahme des Gesalbten an Stelle des Moses würde bedeuten, dass sie nun in Christo sind, Glieder seines Leibes, unter ihm als ihrem Haupte und durch diese Vereinigung mit ihm "Diener des Neuen Bundes", dessen Mittler der verherrlichte Christus, - Haupt und Leib - bilden wird.

Darum taufte Johannes seine Gläubigen nicht in Christo, sondern nur zur Buße, um sie wieder zur Harmonie mit Moses zurückzubringen, eine Stellung, in der sie als natürliche Zweige des Ölbaumes (Röm. 11:16-21) nicht nötig hatten, in Christo eingepfropft zu werden, weil Christus für sie Moses Stelle einnahm, der während des jüdischen Zeitalters Christum nur vorschattete. Vergessen wir nicht, dass die Taufe des Johannes zur "Buße und Vergebung der Sünden" eingesetzt war und durchaus nur für die Juden allein Gültigkeit hatte, die schon in Moses getauft waren. Andere Nationen hatten nie zu diesem vorbildlichen Volke, dem "Hause der Knechte", gehört, und konnten folglich auch nicht durch Buße zu einer Stellung zurückgebracht werden, die sie niemals inne hatten. Heiden, die an Christum gläubig wurden, mussten auf ganz andere Weise in das "Haus der Söhne" eingeführt werden. Sie waren die "wilden Ölzweige", wie der Apostel sagt, "von Natur Kinder des Zornes", Fremdlinge, die nicht dem jüdischen Gemeinwesen angehörten. Weder Reue, noch Bekehrung vermochte diese Fremdlinge zu Gliedern des vorbildlichen Hauses der Knechte zu machen, welche allein sich des Vorrechtes erfreuten, durch Glauben an Christum vom Hause der Knechte in das gegenbildliche Haus der Söhne überzugehen. Andere, die Zweige des Ölbaumes (Christi) werden wollten, dessen Wurzel die abrahamische Verheißung ist (Gal. 3:16, 29), mussten in die Stellen eingepfropft werden, die durch das Ausbrechen der "natürlichen Zweige" des ursprünglichen Ölbaumes - des Hauses der Knechte - frei geworden waren. Diejenigen, deren Herzen nicht in der richtigen Stellung waren, um den Messias anzunehmen, wurden daher von ihm nicht als Glieder in sein Haus der Söhne aufgenommen. "Er kam in das Seinige (Volk Israel), und die Seinigen (als Volk) nahmen ihn nicht an (als den Messias); so viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht (von oben), Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, welche nicht aus Geblüt, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren (gezeugt) sind" - und also Glieder der "Neuen Schöpfung" wurden. - Joh. 1:11-13

Das vorbildliche Israel verließ Ägypten (vorbildlich von der Welt), um Moses zu folgen und sich seiner Leitung anzuvertrauen. Alsdann wurden sie zu der großen Prüfung oder Versuchung am Roten Meere geführt, wo ihre Vernichtung beschlossen schien, von der sie aber durch das Dazwischentreten Gottes durch Moses bewahrt wurden. Hier wurden sie vorbildlich in Moses getauft, in der Wolke und in dem Meere - das Meer zu beiden Seiten, und die Wolke über ihnen wurden sie sein Haus, seine Familie, vertreten durch ihn, als ihr Haupt. Das Meer verlassend, waren sie Mose ergeben und versprachen, ihm zu folgen und ihm gehorsam zu sein. Auch fernerhin waren sie ihm ergeben, als dem Mittler des Gesetzesbundes am Berg Sinai, und alle ihre Hoffnungen waren mit ihm verknüpft, der erklärte: "Einen Propheten aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, gleich mir, wird Jehova, dein Gott, dir erwecken; auf ihn sollt ihr hören in allem, was irgend er zu euch reden wird." (5. Mose 18:15; Apg. 3:22) Für jeden "wahren Israeliten", der an Moses gebunden, bis zum Tode ihm geweiht war und seine Lebenshoffnung auf ihn gesetzt hatte, war es nur ein kleiner Schritt, an seiner Statt sein Gegenbild, Christum, anzunehmen und zu erkennen, dass seine Gelübde unter dem Gesetze nun durch göttliche Verordnung auf Christum, den Bürgen des Neuen Bundes, übergegangen waren, dem zu dienen er sich verpflichtete. - 2. Kor. 3:6

Bei den übrigen Völkern war die Sache ganz anders; ihre Annahme von Christo bedeutete eigentlich alles das, was die Juden mit Moses verband und nachher auf Christum überging. Wir sollten uns daher nicht wundern, dass die Bibel der Taufe solcher Gläubigen, die nicht Juden, nicht unter dem Gesetze, nicht in Moses waren und daher auch nicht von Moses zu Christo überzugehen brauchten, eine viel größere und tiefere Bedeutung beilegt. Diese Taufe bedeutet einen gänzlichen Wechsel, wie der Apostel Paulus in Röm. 11 es beschreibt, ein Einpfropfen der wilden Ölzweige in den guten Ölbaum, eine vollständige Umgestaltung.

Taufe in Christi Tod

"Wisset ihr nicht, dass wir, so viele auf (in) Christum Jesum getauft worden, auf (in) seinen Tod getauft worden sind? So sind wir nun mit ihm begraben worden durch die Taufe auf (in) den Tod, auf dass, gleichwie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, also auch wir in Neuheit des Lebens wandeln. Denn wenn wir mit ihm eins gemacht worden sind in der Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch in der seiner Auferstehung sein." - Röm. 6:3-5

Wir, die wir von Natur Heiden sind, können nichts Besseres tun, als diese durchaus vollständige Erklärung der wahren Taufe annehmen, die der Apostel Paulus den Gläubigen zu Rom gab, von denen viele, ja vielleicht alle, Heiden, d.h. "Kinder des Zornes", gewesen waren. In diesen drei Versen behandelt der Apostel den Gegenstand der Taufe, wie sie auf uns anzuwenden ist, sehr gründlich. Allgemein werden diese Verse angewandt, um die verschiedenen Lehren über die Taufe zu beweisen, insbesondere von jenen unserer Brüder, die einzig das Untertauchen in Wasser als die wahre Taufe anerkennen. Merken wir uns wohl, dass der Apostel mit keinem Worte auf die Wassertaufe Bezug nimmt. Sie ist nur ein Symbol oder Bild der wahren Taufe; und der Apostel erklärt von verschiedenen Standpunkten aus die wahre, eigentliche Taufe, ohne welche niemand als Glied des Leibes Christi, der da ist die Herauswahl, betrachtet werden kann, während alle diejenigen, welche diese Taufe empfangen, ohne Ansehen ihres Namens, ihrer Farbe oder ihres Geschlechtes als Glieder der Herauswahl, Glieder der "Neuen Schöpfung", gerechnet werden.

Der Apostel richtet seine Worte an solche, die schon Glieder des Christus sind, indem er sagt: "Wisset ihr nicht, dass wir, so viele (von euch) auf Christum getauft sind" - wir machen hier eine Pause, um zu bemerken, dass er nicht sagt, so viele von uns mit Wasser besprengt, oder so viele von uns im Wasser untergetaucht sind - sondern: "So viele von uns in Christum getauft (hineingetaucht) sind" - als Glieder seines Leibes. Was muss denn in Christo Jesu eingetaucht werden? Wie kommen wir in den Leib Christi? Der Apostel antwortet, dass wir hineingetauft sind und deshalb nun als Glieder des Herrn, Glieder von ihm, unserem Haupte, gerechnet werden - Glieder der Herauswahl, die da ist sein Leib.

Ganz besonders aber lasst uns fragen, durch welchen Vorgang wir zur Gliedschaft Jesu Christi kommen. Der nächste Vers beantwortet diese Frage: "So viele wir auf (in) Christum getauft worden, sind wir auf (in) seinen Tod getauft worden." Kein Wort deutet auf die Wassertaufe hin. Es ist ja klar, dass selbst tausendmaliges Taufen im Wasser aus uns keine Glieder des Leibes Christi machen würde. Durch die Darlegung des Apostels erkennen wir aber, dass unsere Vereinigung mit Christo, die Zugehörigkeit zur Ekklesia (oder Herauswahl) derer, deren Namen im Himmel angeschrieben sind, von dem Zeitpunkte an datiert, da wir in den Tod des Herrn getauft wurden. Aber wo und wann wurden wir in den Tod des Herrn getauft? Hierauf antworten wir, dass diese Taufe in den Tod Christi - das Begraben des eigenen Ichs, unseres Fleisches - die unsere Vereinigung mit seinem Leibe als Neue Schöpfung bewirkt, in dem Moment stattfand, da wir ihm unseren Willen völlig übergaben - uns ganz weihten, ihm zu gehorchen und nachzufolgen, selbst bis in den Tod.

Der Wille vertritt die ganze Person und alles, was sie besitzt. Er hat die Oberaufsicht über den Leib, die Hände, Füße, Augen, den Mund und den Verstand, sowie über unser gesamtes Besitztum. Er verfügt über unsere Zeit, unsere Talente und unseren Einfluss. Wir besitzen gar nichts, das dem Willen nicht untertan ist. Wenn wir also unseren Willen, oder wie die Schrift oft sagt, unser Herz dem Herrn ausliefern, geben wir ihm unser Alles. So ist das Begraben unseres menschlichen Willens in den Willen Christi unser Tod als menschliche Wesen. "Ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott." (Kol. 3:3) Dieses Sterben und Begrabenwerden ist unsere Taufe in seinen Tod. Von nun an werden wir vom göttlichen Standpunkte aus nicht mehr als menschliche Wesen irdischer Natur gerechnet, nicht als von der Erde, voll irdischer Ziele und Hoffnungen, sondern als Neue Schöpfungen in Christo Jesu.

Diesem Begraben oder Untertauchen unseres Willens in den Willen Christi folgt unmittelbar die Zeugung zur Neuheit des Lebens - zu einer neuen Natur. Wie unser Herr seine menschliche Natur in den Tod weihte, um des Vaters Willen zu tun, und doch nicht im Tode verblieb, sondern aus den Toten auferweckt wurde zu einer neuen Natur, so auch wir, die wir durch die Weihung "mit ihm sterben" und so teilhaben an seiner Weihung; wir werden nicht im Todeszustande gelassen, sondern augenblicklich auferweckt, und vermögen durch Glauben unsere Verwandtschaft mit dem Herrn als Neue Schöpfungen zu erkennen. So erklärt der Apostel: "Ihr aber seid nicht im Fleische, sondern in Geiste, wenn anders Gottes Wille in euch wohnt." - Röm. 8:9

Der Welt ist das alles ein "verborgenes Geheimnis". (Band. 1, Kap. 5) Sie würdigt unsere Glauben, unsere Rechtfertigung in des Vaters Augen nicht, sondern sieht uns wie andere Menschen an, die noch in ihren Sünden sind. Gleicherweise sieht sie keinen Grund, warum wir unseren Willen dem Herrn opfern oder weihen sollten, und als menschliche Wesen tot sein, auf dass wir mit ihm auch an der neuen Natur teilhaben möchten. Auch vermag sie unsere Weihung und Annahme nicht zu sehen, noch unsere bildliche Auferstehung zu Neuheit des Lebens, zu Neuheit der Hoffnung und Trachten nach "Ehre", zu Neuheit der Verwandtschaft mit Gott durch Christum zu schätzen. Wir glauben zwar, dass sie einige Früchte in unserem Leben sehen kann, aber wir können nicht hoffen, dass ihr diese Früchte unter den gegenwärtigen Zuständen gut, weise und nützlich erscheinen. Die Welt kennt uns nicht (als Neue Schöpfungen), weil sie ihn auch nicht erkannt hat. - 1. Joh. 3:1

In diesem allem folgen die Gläubigen nur den Fußstapfen Jesu nach, indem sie ihm ihr Kreuz nachtragen. Unser Herr, heilig, unschuldig, unbefleckt und getrennt von dem sündigen Geschlechte, hatte nicht nötig, auf irgendein Opfer für Sünde zu warten, denn er kannte keine Sünde - sondern, sobald er sein Mannesalter unter dem Gesetze (30 Jahre) erreicht hatte, beeilte er sich, sich völlig zu weihen, alle seine irdischen Interessen und Rechte, alle irdischen Hoffnungen, Bestrebungen und Wünsche, zu denen ihn seine Vollkommenheit berechtigt hätte, völlig daranzugeben - um von da an allein nur noch des Vaters Willen zu tun. Die Rede seines Herzens, als er zu Johannes kam, war schon lange vorher prophezeit: "Siehe, ich komme: in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben, um deinen Willen, o Gott, zu tun. Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust; und dein Gesetz ist im Innern meines Herzens." - Psalm 40:7, 8; Hebr. 10:7

Auf diese Weise weihte sich unser Herr unter des Vaters Willen und erkannte in der äußerlichen Taufe nur das Symbol (Sinnbild) von der bereits erfolgten Übergabe (Untertauchen, Begraben) in des Vaters Willen, selbst bis zum Tode. Sein Untertauchen in Wasser war lediglich eine bildliche Darstellung der Taufe (d.h. Eintauchung) oder des Begrabens seines Willens, das der Wassertaufe vorangegangen war. Von diesem Standpunkte aus war seine Taufe für ihn von großer Bedeutung. Johannes freilich konnte es nicht verstehen, dass er, "der von keiner Sünde wusste", getauft werden sollte, da eben seine (des Johannes) Taufe für die Übertretung des Gesetzesbundes - zur Vergebung der Sünden - verordnet war.

Nur unser Herr allein verstand, warum es ihm "gebührte", alle Gerechtigkeit zu erfüllen. (Matth. 3:15) Nur er allein erkannte, dass für ihn diese Untertauchung (bildliche Reinigung von Sünde) nicht notwendig war, wir für einen gegen das Gesetz Sündigenden, aber es gebührte ihm, dem voraussichtlichen "Haupte" des zukünftigen "Leibes", ein Beispiel zu setzen für alle seine Nachfolger, als bedeutungsvolle Lehre, nicht nur für diejenigen Glieder seines Leibes, welche vom fleischlichen Hause Israel stammten, sondern auch für diejenigen, die noch Fremdlinge und Entfernte waren. Es gebührte ihm, die völlige Weihung seines Willens und alles dessen, was er hatte, selbst bis zum Tode, so zu symbolisieren, dass wir seinen Fußstapfen nachzufolgen vermöchten.

Es kann wohl bewiesen werden, dass unser Herr in seiner Untertauchung durch Johannes nicht die wirkliche Taufe sah, sondern nur deren Symbol. Zum Beweise hierfür merke unseres Herrn Worte zur Zeit seines Gedächtnismahles: "Ich habe aber eine Taufe, womit ich getauft werden muss, und wie bin ich beengt, bis sie vollbracht ist." (Luk. 12:50) Hier zeigt unser Herr, dass "seine Taufe" nicht die Wassertaufe war, sondern die Taufe in den Tod, im Einklange mit der göttlichen Anordnung, als des Menschen Loskaufpreis oder Sündopfer.

Nachdem er sich so früh wie möglich (mit dem dreißigsten Lebensjahre) zu dieser Todestaufe geweiht hatte, führte es während der dreieinhalbe Jahre seines Amtes pünktlich seine Weihung durch - täglich sterbend und seine Seele in den Tod ausgießend, sein Leben, seine Energie, Stärke usw. im Dienste des Vaters, im Dienste seiner Nachfolger und zum großen Teile auch im Dienste seiner Feinde verbrauchend. Und als er erkannte, dass das Ende seiner Todestaufe gekommen war und die Prüfungen und Schwierigkeiten immer schwerer wurden und niemand Mitgefühl mit ihm hatte - denn alle hatten ihn verlassen, und niemand verstand ihn und seine Angelegenheiten, um ihn in seiner Traurigkeit zu trösten und zu ermutigen - da sehnte er sich nach dem Ende seiner Prüfung, ausrufend: "Wie bin ich beengt (in Schwierigkeiten), bis sie (meine Todestaufe) vollbracht ist." (Luk. 12:50) Bald danach war dann seine Taufe vollendet, als er sterbend ausrief: "Es ist vollbracht!"

Die ganze Welt ist im Begriffe zu sterben, nicht nur der Herr und die Herauswahl, sein Leib; aber die Welt nimmt keinen Anteil am Tode Christi, wie die Herauswahl, sein Leib. Es ist hier ein großer Unterschied. Die gesamte Menschheit ist tot in Vater Adam, unter seiner Strafe, seinem Fluche. Unser Herr aber war nicht von der Welt, er war keiner von denen, die in Adam sterben. Wir haben gesehen, dass sein Leben heilig und getrennt von den Sündern war, und ungeachtet seiner irdischen Mutter (Band 1, Kap. 8) war er nicht unter der Verdammnis. Warum musste er denn sterben? Die Schrift antwortet uns, dass er "für unsere Sünden starb", dass sein Tod ein Opfer war. So ist es auch mit der Ekklesia, seinem Leibe. Sie ist in seinen Tod getauft und hat Anteil an seinem Opfertode. Von Natur "Kinder Adams", "Kinder des Zornes wie die übrigen", werden sie zuerst durch Glauben an unseren Herrn Jesum und sein Erlösungswerk vom adamischen Tode befreit und zum Leben gerechtfertigt. Der Zweck dieser Rechtfertigung (Freisprechung) von dem Tode Adams ist, ihnen das Vorrecht zu verleihen, in Christum Jesum getauft zu werden (um Glieder seines Leibes, seiner Herauswahl zu sein) als Teilhaber an seinem Tode, als Mitopferer. O, welch ein großer Unterschied besteht zwischen dem Totsein in Adam und dem Totsein in Christo!

Das Geheimnis der Verwandtschaft mit Christo besteht jetzt im Opfern, in der Todestaufe. Eine daraus entstehende Verwandtschaft und Vereinigung mit ihm in der kommenden Herrlichkeit ist der Welt unbegreiflich. Aber es sollte von den Gläubigen des Herrn gewürdigt werden. Wiederholt ist es in der Schrift bekräftigt und bestätigt, "wenn wir mitgestorben sind, so werden wir auch mitverherrlicht." - 2. Tim. 2:12; Röm. 6:8; 8:17

Im 4. Verse des Textes, den wir untersuchen, wiederholt der Apostel den gleichen Gedanken von einem anderen Standpunkte aus. Er sagt: "So sind wir nun mit ihm begraben worden durch die Taufe auf (in) den Tod." (Röm. 6:4) Hier steht nun wieder nichts von einer Wassertaufe, sondern dies ist nur eine sehr bestimmte Erklärung der Taufe oder Weihung in den Tod. Fortfahrend zeigt der Apostel den Grund unserer Taufe in Christi Tod: "Gleichwie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollten auch wir in Neuheit des Lebens wandeln." Nur indirekt bezieht sich hier der Apostel auf unseren Anteil an der ersten Auferstehung, wo wir die Herrlichkeit unseres Herrn in seinem Königreiche teilen werden; er bezieht sich hauptsächlich auf das gegenwärtige Leben. Alle, die ihr Leben dem Herrn geweiht haben, um mit ihm tot und Mitopferer zu sein im Dienste der Wahrheit, sollten sich als von der Welt getrennt rechnen, obschon sie noch darin leben. Sie gelobten, allen irdischen Dingen, die andere noch ganz in Anspruch nehmen, abzusterben, und sie nur noch als Diener der Neuen Schöpfung zu gebrauchen. Die Neuen Schöpfungen werden durch den Erlöser für die himmlischen Dinge und Aussichten lebendig (empfänglich), welche die Welt weder sehen noch verstehen kann. Im Einklange damit sollte daher unser Leben in der Welt neu und getrennt von denen um uns herum sein, weil wir durch den neuen Geist mit neuen Hoffnungen und Zielen - den himmlischen nämlich - belebt sind.

Im 5. Vers finden wir auch nicht die geringste Bezugnahme auf die Wassertaufe, obschon vielleicht einige diese Worte zuerst anders verstehen möchten: "Denn, wenn wir mit ihm einsgemacht worden sind in der Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch in der seiner Auferstehung sein. "Wenn unter diesem "Einsgemachtsein in der Gleichheit seines Todes" die Wassertaufe verstanden werden müsste, würde mehr Gewicht darauf gelegt sein, als je ein "Geistlicher" beizustimmen willens wäre. Auf was hoffen wir als Christen denn am sehnlichsten? Ist es nicht, dass wir teilhaben möchten an der Auferstehung unseres Herrn, an der ersten Auferstehung? Der Apostel stellt diese als die große ideale Hoffnung vor seine Seele, indem er sagt: "Um ihn zu erkennen und die Kraft seiner Auferstehung (als ein Glied seines Leibes oder seiner Gemeinde) und die Gemeinschaft seiner Leiden, indem ich seinem Tode gleichgestaltet werde, ob ich auf irgendeine Weise hingelangen möge zur Auferstehung aus den Toten." (Phil. 3:10, 11) Röm. 6:5 so zu verstehen, dass ein Untertauchen in Wasser uns einen Anteil an Christi Auferstehung sicherte, würde diese Stelle in Widerspruch zu jeder anderen setzen. Wie könnte ein Eintauchen oder in Wasser Begraben uns einen Anteil an der ersten Auferstehung verschaffen? Wir sind sicher, dass Tausende von denen, die sich im Wasser taufen oder begraben ließen, niemals zur ersten Auferstehung, der Auferstehung Christi, gelangen werden.

Wenn wir aber diesen Vers als mit den zwei vorhergehenden übereinstimmend verstehen und sehen, dass er sich auf die Taufe in den Tod, in der Gleichheit des Todes Christi, bezieht, wird alles klar und wohl verständlich. Als von Gott berufen zu Miterben mit seinem Sohne ist es jetzt unser Vorrecht, mit ihm zu leiden und tot zu sein, um dereinst mit ihm zu leben und zu regieren. Und er versichert uns, dass, wenn wir diesem Rufe treu und in seinen Tod begraben sind, wie er begraben wurde - als treue Soldaten Gottes und Diener der Wahrheit -, wir auch die volle Belohnung empfangen, die Gott solchen verheißen hat, nämlich: einen Anteil an der ersten Auferstehung, zur Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit.

Die Taufe in den Tod ist die wirkliche Taufe für die Herauswahl, die Wassertaufe ist für uns, wie sie es auch für den Herrn war, nur das Symbol oder Bild derselben. Dies ist deutlich in den Worten unseres Herrn an zwei seiner Jünger, Jakobus und Johannes, gezeigt, als sie ihn baten, dereinst in seiner Herrlichkeit, je einer zur Rechten und Linken, sitzen zu dürfen. Die Antwort unseres Herrn lautete: "Ihr wisset nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde?" Ihre Bereitwilligkeit, nicht nur an seiner Schmach, sondern auch an seiner Taufe in den Tod teilzuhaben, billigend, antwortete der Herr: "Den Kelch, den ich trinke, werdet ihr trinken, und mit der Taufe, mit der ich getauft werde, werdet ihr getauft werden." (Mark. 10:35-39) Jedem seiner Berufenen, der von Herzen bereit ist, die Probe durchzumachen, wird der Herr dieses Vorrecht und auch seinen Beistand gewähren. Solche sind in der Tat in den Tod Christi getauft und haben folglich mit ihm auch teil an der ersten Auferstehung und der damit verbundenen Königreichsherrlichkeit. Es ist klar, dass unser Herr sich hier nicht auf die Wassertaufe bezieht, denn diese zwei Jünger waren vom Anfange seines Amtes an bei ihm, und als seine Repräsentanten hatten sie viele in Wasser getauft - zur "Buße und Vergebung der Sünden", d.h. also, mit der Taufe des Johannes. (Joh. 3:22, 23; 4:1, 2; Mark. 1:4) Die Frage unseres Herrn, ob sie bereit wären, an seiner Taufe teilzuhaben, wurde von den beiden Jüngern nicht missverstanden. Sie wussten wohl, dass er nicht die Wassertaufe meinte, und verstanden, dass es die Taufe ihres Willens in den seinigen und in des Vaters Willen bedeutete und folglich auch ihre Teilnahme an seinem Opfer - täglich sterbend, das Leben für die Brüder niederlegend, bis zum tatsächlichen Tode.

"Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leibe getauft"
- 1. Kor. 12:12, 13 -

Lasst uns den Apostel nicht missverstehen, wenn er von unserer Taufe in den Tod mit dem Herrn - "in seinen Tod" - redet, als meine er damit die Taufe mit dem Heiligen Geiste. Der Heilige Geist und der Tod sind auseinander zuhalten. Die Taufe in den Tod ist eine persönliche Sache, bei welcher ein jeder, der ein Glied am Leibe Christi werden möchte, sich persönlich weihen und seinen Willen opfern muss. Wenn dann unser Opfer angenommen worden ist, ist der Herr bereit, uns mit seinem Geiste beizustehen, damit wir unser Leben niederlegen können im Dienste der Wahrheit und für die Brüder - bis in den Tod. Die Taufe mit dem Heiligen Geiste war eine Taufe der ganzen Herauswahl. Sie fand im Obersaale am Tage der Pfingsten statt, als die Jünger versammelt waren, und hat eine Wiederholung nicht nötig, weil sie von damals bis jetzt in der Herauswahl wirksam gewesen ist. Eine Wiederholung unter äußeren Kundgebungen finden wir später nur bei Kornelius. Sie war jedoch mehr ein Beweis für den Apostel Petrus und die gläubigen Juden, für Kornelius und die gläubigen Heiden, dafür nämlich, dass Gott zwischen Juden und Heiden keinen Unterschied mehr mache. Die Pfingsttaufe wurde vollführt, wie uns erzählt wird, durch die Erfüllung des oberen Raumes mit dem Heiligen Geiste, sodass die versammelten 120 Brüder "alle voll des Heiligen Geistes" wurden und die Apostel durch das Erscheinen der zerteilten Zungen von Feuer über ihren Häuptern ein Symbol der göttlichen Gnade empfingen.

Diese Salbung mit dem Heiligen Geiste entspricht der Salbung der Hohenpriester und Könige in Israel mit dem heiligen Salböl. Das Öl wurde auf das Haupt gegossen und rann auf den Leib herab. Das Gegenbild dieses Ausschüttens auf das Haupt war die Mitteilung des Heiligen Geistes an unseren Herrn Jesum zur Zeit seiner Weihung im dreißigsten Lebensjahre, als der Vater ihm den Geist "ohne Maß" mitteilte. (Joh. 3:34) Nachdem Pfingsten gekommen und unser verherrlichtes Haupt vor dem Vater erschienen war, um für die Sünden seines "Hauses" Versöhnung zu schaffen, "hat er ausgegossen dies", den heiligen Pfingstgeist, so seine Herauswahl taufend. Dies bezeichnete ihre Annahme bei ihm und dem Vater, als Glieder seiner Herauswahl, seines Leibes, Glieder der Neuen Schöpfung. Seine Kirche, sein Leib, hat seither existiert, und der Heilige Geist blieb in und auf ihr. Jedes hinzugefügte Glied vergrößert die Ekklesia, die da ist sein Leib, und erhält Anteil an der einen Taufe des Geistes, die dem Leibe, der Kirche, gehört und ihn durchdringt.

Wenn wir die Pfingsttaufe mit dem Geiste und unsere persönliche Taufe in den Tod miteinander vergleichen, so sehen wir, dass beide miteinander verwandt sind. Als gerechtfertigte Menschen werden wir in den Tod getauft, als Glieder der Neuen Schöpfung findet unsere Salbung mit dem Heiligen Geiste statt und werden wir wahre Glieder der "Herauswahl", des Leibes Christi. Wie schon gesehen, müssen wir erst durch Glauben an unseren Erlöser von der Sünde und dem Tode in Adam gerechtfertigt werden. Früher kann unser Opfer nicht angenommen und wir können nicht als solche gerechnet werden, die "mitgestorben" sind in Christo, unserem Haupte. Ebenso muss zuerst die Weihung oder Opferung unseres gerechtfertigten Lebens erfolgen und müssen wir als Glieder der Neuen Schöpfung angenommen sein, bevor die Sterbeprozesse beginnen können, die durch des Herrn Gnade in uns die Taufe in den Tod zustande bringen, gleich der Taufe Jesu in den Tod, und dies sichert uns einen Anteil an der "ersten Auferstehung." Dies ist in Übereinstimmung mit dem, was wir schon gesehen haben, nämlich, dass es nicht unsere Rechtfertigung ist, die uns zu Neuen Schöpfungen, Gliedern des Leibes Christi, macht, sondern unsere Taufe in den Tod, wie der Apostel auch sagt: "Denn gleichwie ein Leib ist und hat doch viele Glieder ... also auch der Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leibe getauft ... und sind alle mit einem Geiste getränkt worden." (1. Kor. 12:12, 13) Dieses Evangeliums-Zeitalter ist "das angenehme Jahr des Herrn", in dem er gewillt ist, die Opfer der Gläubigen, ihre völlige Weihung in den Tod, anzunehmen. Jeder, der sich weiht, folgt dem Rufe dieses Zeitalters (Röm. 12:1) und wird angenommen zu einer Stellung, einem Gliede in der "Kirche (Ekklesia) der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind." Diese Annahme schließt jedoch, wie wir gesehen haben, nicht die Notwendigkeit aus, dass die Geweihten "täglich sterben" sollen. Ihre Stellung als völlig Geweihte müssen sie täglich erweisen, bis zu dem Standpunkte, da sie "es ist vollbracht" ausrufen können. Bei der Weihung ist es nötig, dass Beharrlichkeit im Opfern und Gutestun treu und glaubensvoll offenbart wird, und zwar bis zum Ende. Wie unser Herr und Haupt treu war bis zum Tode, so müssen auch wir treu sein. Darum steht geschrieben: "Ich habe gesagt: Ihr seid Götter (Elohim - Mächtige), und Söhne des Höchsten seid ihr alle! Doch wie ein Mensch werdet ihr sterben, und wie einer der Fürsten werdet ihr fallen" - nicht wie der Fürst Adam als Sträfling, sondern wie der Fürst Jesus, als Teilhaber an seinem Tode. (Psalm 82:6, 7) Dieser Glaubensmut, dieses tägliche Sterben, ist zu dem Festmachen unserer Berufung und Erwählung erforderlich. Nur solchen, die da gläubig in den Fußstapfen des Herrn wandeln, gelten die Verheißungen der Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit. Diese Dinge sind aufbewahrt für die gläubigen Überwinder, die als "auserwählte" Glieder der Neuen Schöpfung gerechnet werden. Der Herr sagt: "Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben." (Offb. 2:10) Somit sehen wir, dass es mit der Kirche ebenso ist wie mit ihrem Herrn und Haupte - nämlich, dass die Weihung die Erstlingsfrüchte des Geistes hervorbringt, während durch tägliche Treue die Segnungen des Geistes auf sie herabkommen, verbunden mit zunehmender Freude und Früchten. Ist dann der Bund beim buchstäblichen Sterben treu erfüllt, dann folgt die Inempfangnahme der völligen Erbschaft - ein Anteil an der ersten Auferstehung und ihrer Herrlichkeit und Ehre. - Eph. 1:12-14; Röm. 8:16, 17

Die Feuertaufe

Die Worte Johannes des Täufers, "der nach mir Kommende aber ..., der wird (etliche von) euch mit dem Heiligen Geiste und (etliche mit) Feuer taufen" (Matth. 3:11), die er mit Bezug auf Jesum zu den Juden sagte, haben wir an anderer Stelle(Band 5, Kap. 9) schon eingehend besprochen. Sie zeigen, wie die Pfingstsegnungen auf alle wahrhaft gläubigen Israeliten kamen, und wie das Feuer des Zornes Gottes völlig über den Rest der jüdischen Nation hereinbrach. (1. Thess. 2:16) Die Taufe mit Feuer ist kein Segen, noch ist es verständig, dass Christen darum bitten. Wie die Feuertaufe am Ende des jüdischen Zeitalters auf die "Spreu" des jüdischen Nation kam, so wird nach der Verheißung unseres Herrn am Ende dieses Zeitalters ein ähnliches "Feuer" auf die "Unkraut" -Klasse der Christenheit kommen; eine Feuertaufe der Drangsal, welche schrecklich sein wird - "eine Zeit der Drangsal, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht." - Dan. 12:1; Matth. 24:21

Die symbolische Taufe in Wasser

Wir haben schon auf die verschiedenen Arten der Wassertaufe, die unter den Christen gebräuchlich sind, hingewiesen. Von fast allen wird sie irrigerweise als die wirkliche Taufe betrachtet. Wir haben gezeigt, wie unrichtig und unvereinbar die Ansichten bezüglich dieser Wassertaufen sind, welche nicht auf die Herzen einwirken und nur Symbole sind, aber von ihren Befürwortern nicht als solche erkannt werden, weil sie die wirkliche Taufe in den Tod Christi nicht deutlich unterscheiden können. Wie einfach und doch genau sind diese Beweise der richtigen Taufe der Kirche - des Leibes Christi - der Herauswahl - der Ekklesia, deren Namen im Himmel angeschrieben sind - unabhängig von irdischer Überlieferung. Diese wahre Taufe ist die Tür zur wahren Kirche. Ohne diese Willens- und Herzenstaufe in den Tod Christi kann niemand als Glied der Gemeinde derer aufgenommen werden, deren Namen im Himmel angeschrieben sind, und die ergänzen, "was noch rückständig ist von den Drangsalen des Christus." (Kol. 1:24) Gläubige, die sich so geweiht und in den Tod Christi getauft haben, sind gewiss alle wahrer "Weizen" und nicht "Scheinweizen". Die Tür der Wassertaufe mag Weizen sowohl als auch Scheinweizen in die Baptistenkirche einlassen; die Taufe in den Tod als Tür lässt aber nur die Weizen-Klasse in die wahre Kirche hinein, denn niemand anders bemüht sich hineinzukommen, obschon etliche sie bis zu einem gewissen Grade nachzuahmen vermögen, gleichwie der "Scheinweizen"(Lolch) eine Nachahmung des "Weizens" ist.

Von diesem Standpunkte aus gesehen, befinden sich Glieder der wahren Kirche - in Christo Jesu getauft - unter den Presbyterianern, Evangelischen, Methodisten, Römisch-Katholischen usw., wie unter den "Jüngern" und Baptisten. Andererseits hat ohne Zweifel die Mehrzahl in allen Denominationen (einschließlich "Jünger" und Baptisten, die in Wasser untergetaucht sind) keinen Teil am "Leibe Christi", der wahren Herauswahl, weil sie nicht durch die rechte Tür - die wirkliche Taufe in "seinen Tod" - in die wahre Kirche gekommen sind. Diese Schlussfolgerung ist unbestreitbar.

Nachdem wir nun das Hauptgewicht, wie der Apostel es tut, auf die wahre Taufe gelegt haben, kehren wir zum Symbol derselben zurück, zur Wassertaufe, indem wir zuerst fragen: Ist das Symbol für diejenigen, die die wahre Taufe empfangen haben, vernunftgemäß und notwendig? Wenn ja, welches ist das richtige Symbol?

Ist die symbolische Taufe nötig?

Der Herr und die Apostel erkannten die Richtigkeit des Symbols oder der Wassertaufe nicht nur an, weil sie selbst im Wasser getauft waren, sondern auch, weil sie bezüglich anderer die Wassertaufe lehrten, sowohl den Juden als auch bekehrten Heiden. Wir haben schon gezeigt, dass die Taufe unseres Herrn Jesu sich von der Taufe des Johannes darin unterscheidet, dass sie nicht zur Buße und Vergebung der Sünden war, dass Johannes sie nicht verstand, und dass unser Herr, als er das Symbol seines Todes einsetzte, es nicht zu erklären versuchte, da Johannes und andere zu jener Zeit es nicht verstanden haben würden, weil der Heilige Geist noch nicht gegeben war. Jesus hatte sein Sündopfer um unsertwillen noch nicht vollendet, noch auch war er verherrlicht worden.

Wir lesen in Matth. 28:19, 20 vom Auftrag unseres Herrn an seine Jünger und durch sie auch an uns, nämlich: "Gehet nun hin und machte alle Nationen zu Jüngern, und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Dieser Auftrag galt für das ganze Evangeliums-Zeitalter, und unter demselben arbeiten heute alle Diener der Wahrheit. Der Herr bezieht sich hier nicht auf die Pfingsttaufe des Heiligen Geistes, weil es nicht in der Macht der Apostel war, auf diese Weise jemanden zu taufen. Diese Autorität hatte nur der Herr allein, und er behält sie für sich. Es war aber den Aposteln und allen treuen Lehrern der Heiligen Schrift erlaubt und gewährt, das Volk zu belehren bezüglich der Gnade Gottes in Christo - ihrer Rechtfertigung und ihrer Heiligung oder Weihung oder Taufe in den Tod Christi, wenn sie Teilhaber seiner neuen Natur und zukünftigen Herrlichkeit werden wollten. Das Taufen schloss auch das Symbol, die Wassertaufe, ein, als das äußerliche Zeichen, welches die innere oder Herzensweihung der Gläubigen ihren Mitgenossen bekundete, wie auch unser Herr sich zuerst dem Vater völlig weihte und danach diese Weihung im Wasser symbolisierte.

Aus allen Lehren der Apostel sehen wir, dass sie ihren und unseren Auftrag so verstanden. Zuerst belehrten sie das Volk über die Gnade Gottes im Erlösungswerke und ermutigten sie zu glauben, zur Rechtfertigung des Lebens. Dann mahnten sie zu einer völligen Herzensweihung: "Ich ermahne euch nun, Brüder (nun nicht mehr Fremdlinge und Sünder, sondern durch Glauben an Christum Gerechtfertigte und deshalb Glieder des "Glaubenshaushaltes" oder "Brüder"), durch die Erbarmungen Gottes (die ihr teilweise in eurer Rechtfertigung schon empfangen habt), eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges (gerechtfertigtes), Gott wohlgefälliges Schlachtopfer, welches euer vernünftiger Dienst ist." Dieses ist die Einladung zur Weihung oder Opferung oder zur "Taufe in seinen Tod". So viele nun das Wort mit Freuden hörten und in der richtigen Herzensstellung waren, es zu würdigen, wurden getauft, nicht nur durch ihr Weihungsgelübde, sondern auch symbolischerweise im Wasser, als ein sichtbares Zeugnis.

Beachte zum Beweise, dass die Taufe bei allen Aposteln im Gebrauch war, nicht nur für die Juden, sondern auch für die Heiden (Nationen), folgende Schriftstellen. Von den Samaritern lesen wir: "Als sie aber dem Philippus glaubten ... wurden sie getauft, sowohl Männer als Weiber (aber keine Kinder)." (Apg. 8:12) Der Eunuch von Äthiopien, der durch die Predigt des Philippus bekehrt wurde, wurde ebenfalls im Wasser getauft. (Apg. 8:35-38) Nachdem Petrus dem Kornelius und seinem Haushalte das Evangelium verkündigt hatte, "fiel der Heilige Geist auf alle, die das Wort hörten (würdigten, aber auf keine Kinder) ... Und er befahl, dass sie getauft würden." (Apg. 10:44-48) Ferner lesen wir: "Viele der Korinther, welche hörten, glaubten und wurden getauft." (Apg. 18:8) Und "Lydia, eine Purpurkrämerin aus der Stadt Thyatira, welche Gott anbetete, hörte zu, deren Herz der Herr auftat, dass sie acht gab auf das, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber getauft worden war und ihr Haus, bat sie und sagte usw. ..." (Apg. 16:14, 15) Auch der Kerkermeister zu Philippi wurde, nachdem er geglaubt, von Paulus und Silas im Gefängnis getauft. (Apg. 16:33) In 1. Kor. 1:16 sagt Paulus: "Ich habe aber auch das Haus des Stephanus getauft."

Wohl erwähnt der Apostel in diesem letzten Falle, dass er nur wenige getauft habe; der Grund lag jedenfalls in seinem mangelhaften Augenlicht - dem Pfahl im Fleische; und bei den wenigen, die er getauft hatte, geschah es wahrscheinlich, weil sonst niemand da war, der für diesen Dienst tauglich gewesen wäre. Er dankte Gott, dass er so wenige getauft hatte. Das schließt jedoch nicht ein, dass er seine Gesinnung bezüglich der Richtigkeit der wirklichen und der symbolischen Taufe geändert hatte. Aber im Hinblick auf die Tatsache, dass sich in der Gemeinde ein Streit erhob - ein sektiererischer oder Parteigeist, der etliche dazu verleitete, zu sagen: "Ich bin des Paulus", andere, "ich aber des Apollos", und wieder andere, "ich des Kephas (Petrus)" usw. -, war der Apostel froh, sagen zu können, dass er nur wenige selbst getauft habe, um niemandem Anlass zu der Behauptung zu geben, er habe auf seinen Namen getauft - persönliche Jünger gemacht, anstatt solche für Christum zu machen und auf seinen Namen zu taufen.

Im Lichte dieser deutlichen Schriftaussagen über die Vorschrift und Ausübung seitens des Herrn und der Apostel, wäre es wahrlich eine Kühnheit, behaupten zu wollen, dass die symbolische oder Wassertaufe in der Bibel nicht gelehrt werde, dass dieselbe nur für die Juden sei, oder, dass sie nur als Einführungswerk bestimmt gewesen sei. Es hat gewiss seinen guten Grund, dass alle Christen die Wassertaufe als göttliche Einrichtung respektieren. Hat nun jemand noch Lust, dies in Abrede zu stellen, so rechten wir nicht weiter darüber. Wir glauben aber, dass, wer aufrichtigen Herzens ist und die wahre Taufe empfangen hat, die das Untertauchen des eigenen Willens in den des Herrn bedeutet, und wer gegen das eigene Selbst tot, aber lebend für Gott ist, durch Christum Jesum, unseren Herrn, es durch Gott auch zur rechten Zeit geoffenbart bekommen wird. - Phil. 3:15

Inzwischen freuen wir uns mit allen, die zur wahren Taufe gelangt und Teilhaber derselben geworden sind, und beglückwünschen sie zur Erkenntnis der Wahrheit. Denn es ist weit besser, die wirkliche Taufe zu sehen und daran teilzunehmen, und das Symbol derselben nicht klar zu sehen, als dieses zu sehen und die wirkliche oder Todestaufe nicht. So sehr wir nun auch die symbolische Taufe anerkennen, könnten wir keine christliche Gemeinschaft auf sie gründen, sondern nur auf die wirkliche Taufe in den Tod Christi. Daher betrachten wir alle als Brüder in Christo Jesu, als Glieder der Herauswahl, deren Namen im Himmel angeschrieben sind - als Neue Schöpfungen in Christo, ob Jude oder Heide, Knecht oder Freier, Mann oder Weib, ob nun im Wasser getauft oder nicht - sofern sie den Herrn als ihren Erlöser bekennen und sich ihm völlig geweiht haben.

Andererseits dürfen wir auch nicht vergessen, dass jeder Fortschritt in der Erkenntnis nicht nur vermehrte Vorrechte und Freude bringt, sondern auch größere Verantwortlichkeit. Wer daher die Schönheit und Wichtigkeit des Wasser-Symbols zu sehen bekommt, wird dadurch zur gleichen Zeit auch auf die Probe der Unterwerfung seines Willens gestellt - hinsichtlich der tatsächlichen Taufe in den Tod seines Herrn. Unter diesen Umständen könnte ein Unterlassen des Gehorsams gegenüber dem Symbol zur Zurückziehen des Opfers führen und ein Verfehlen sein, die Berufung und Erwählung fest und sicher zu machen.

Das genaue Symbol der Taufe

Wir versuchen keine Erörterung der großen Zahl von "für und wider", um festzustellen, ob Besprengung, Begießung oder Untertauchung die ursprünglich von den Aposteln gebrauchte Form war. Wir erwähnen aber, dass es für ein Kind unmöglich wäre, Herz und Gesinnung in einen Zustand der Weihung zu bringen, zum Zwecke der Taufe seines Willens in denjenigen Christi, um sich selbst und der Welt abzusterben. Wir beharren ferner darauf, dass die symbolische Taufe nicht vor der wirklichen vollführt werden kann, um gültig zu sein, weil mit der symbolischen Taufe nur der äußere Ausdruck oder das Bekenntnis der schon im Verborgenen stattgefundenen Weihung beabsichtigt ist.

Wenn dies so ist, so folgt daraus, dass die große Mehrzahl der Christen die Wasser- oder symbolische Taufe nie empfangen hat, weil sie diese nur nach bewusstem Weihegelübde empfangen könnte. Das Untertauchen Erwachsener vor der Weihung hat nicht mehr Bedeutung als ein gewöhnliches Bad, desgleichen die Besprengung ungeweihter Kinder. Es sollten sich darum alle ernstlich fragen, welches die wahre Wassertaufe sei, das wahre vom Herrn bestimmte Symbol, und sollten darauf schnellen Gehorsam leisten. Und sicher wird jedes geweihte Herz, das tatsächlich sich selbst und der Welt abgestorben ist, beständig wachen, um den Willen des Herrn in dieser wie jeder anderen Sache zu erkennen und zu tun. Solche Wachsamkeit ist in dem Schriftworte inbegriffen: "Gott aber lebend in Christo Jesu." - Röm. 6:11

Angenommen, dass die Verwirrung über den Gebrauch der Taufe so groß und das Zeugnis bezüglich der Verfahrungsweise in der ersten Kirche so verworren wäre, dass es sich nicht nachweisen ließe, ob die apostolische Wassertaufe im Besprengen, Begießen oder Untertauchen bestand, so vermögen wir doch jetzt klar zu sehen, welches die wirkliche Taufe ist, und zwischen Symbol und Wirklichkeit zu unterscheiden. Von den verschiedenen Formen, die ausgeübt werden, scheint nur eine einzige den Tod und das Begräbnis Christi zu versinnbildlichen. Weder im Besprengen der Stirne, noch im Begießen der Person vermögen wir das Symbol des Absterbens gegen sich und die Welt, noch das Sterben mit Christo zu sehen. Wenn wir aber die Untertauchung betrachten, sehen wir mit einem Blick ein wundervolles, genaues und passendes Bild der wirklichen Taufe in den Tod. Nicht nur bedeutet das griechische Wort "baptizo" unter Wasser setzen, zudecken, begraben, niederdrücken, sondern auch der ganze Vorgang des Untertauchens rückwärts ins Wasser, im Namen Christi, ist ein sehr genaues Bild des Begrabenwerdens, für jede Einzelheit passend. Der Vollzieher des Symbols stellt unseren Herrn dar. Wie der Täufling zu ihm geht, so gehen auch wir in unseren Herzen zur Taufe. Indem wir bekennen, dass wir aus uns selbst nicht imstande sind, uns und der Welt abzusterben, übergeben wir uns den Händen des Herrn, ihn bittend, den Willen für die Tat anzunehmen. Er wird uns dann in seinen Tod begraben - uns erziehen und solche Erfahrungen und Züchtigungen zu kosten geben, die uns am besten befähigen, unser Weihegelübde auszuführen. Wenn der Täufling sich übergeben hat, führt ihn der Taufvollzieher sanft ins Wasser hinein, und während er auf dem Rücken hilflos im Wasser liegt, gibt er ein treffendes Bild unserer Ohnmacht, uns selbst im Tode zu helfen; nachher wird er vom Taufenden wieder auf seine Füße gehoben, und darin erblicken wir, wie der Herr seine Verheißung, uns durch seine Macht, zu seiner Zeit, vom Tode zu erwecken, erfüllen wird. Wir versuchen nicht, dem Gewissen anderer Gewalt anzutun, die nicht mit uns einig gehen; die Genauigkeit des Symbols scheint uns aber so überzeugend, dass sein Urheber nur der Herr sein kann. Wer anders hätte ein so vollständiges Bild oder Symbol der ganzen Angelegenheit anordnen können?

Wer in der wirklichen Taufe sich Christo ausgeliefert hat, um mit ihm tot zu sein, begraben in der Gleichheit seines Todes, und dann die Schönheit dieses Symbols oder Sinnbildes sieht, sollte der nicht von dem innigen Wunsche beseelt sein, es auch zu erfüllen? Sicherlich muss die Sprache seines Herzens sein: "Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust."

Welcher Gewinn erwächst uns aus dem Gehorsam gegenüber diesem Symbol? Wir antworten, dass der Gewinn nicht von der Erfüllung irgendeines Teiles unseres Weihegelübdes abhängt, sondern von dem Begehren, alle Anforderungen, die erste wie die letzte, zu erfüllen - alles, was in der völligen Übergabe unseres Willens an den Herrn inbegriffen ist - sowie von unserem steten Bemühen, in seinen Fußstapfen zu wandeln. Während uns jedoch der Hauptnutzen erst am Ende unserer Reise in der ersten Auferstehung mit ihrer Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit zuteil wird, haben wir doch jetzt schon viel Vorteil. Die Befriedigung des Geistes, der Friede des Herzens, die Tatsache, dass wir, gleich unserem Herrn, uns bemühen, "alle Gerechtigkeit zu erfüllen" - trägt zu jenem Frieden Gottes, welcher wie ein Strom beständig, ruhig und mächtig durch das Leben derer fließt, die sein sind - dem Frieden Gottes, der allen Verstand übersteigt, sehr viel bei.

Der Apostel bezeugt, dass da "ein Her, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller ist." (Eph. 4:4-6) Daraus folgt, dass, wie es nur eine r